Herr Lismore und die Witwe

IV.

Nach einer Stunde kehrte zur Verwunderung Lismores der Bote mit der Antwort zurück.

„Die Dame war gerade im Begriff auszugehen, Herr Lismore, als ich an der Tür schellte“, berichtete er, „und sie nahm mir selbst den Brief ab. Sie schien Ihre Schrift nicht zu kennen, und fragte mich, von wem ich komme. Als ich Ihren Namen nannte, hieß man mich warten.“

Lismore öffnete den Brief.

„Lieber Herr Lismore!

Eins von uns muss sich aussprechen, und Ihr Entschuldigungsbrief zwingt mich, dieses eine zu sein. Wenn Sie wirklich so stolz und so misstrauisch sind, wie Sie zu sein scheinen, werde ich Sie allerdings beleidigen, wenn nicht, so werde ich mich als Ihre Freundin erweisen.

Ihre Entschuldigung ist 'Drang der Geschäfte'. Die Wahrheit, wie ich mit gutem Grunde annehme, ist 'Geldverlegenheit'. Ich hörte bei jener öffentlichen Versammlung einen Fremden sagen, dass Sie durch irgendeinen Bankrott in der Stadt ernstlich in Verlegenheit gesetzt seien. Lassen Sie mich in zwei Worten Ihnen meine Verhältnisse schildern: Ich bin die kinderlose Witwe eines reichen Mannes -“

Lismore machte eine Pause. Seine allzu rasche Entdeckung von Frau Callenders 'reizender Tochter' war ihm in diesm Augenblick im Gedächtnis. Der kleine Roman muss in die Welt der Träume zurückkehren, dachte er – und fuhr fort zu lesen:

„Nach dem, was ich Ihnen verdanke, sehe ich es nicht als die Abzahlung einer Schuld an, ich betrachte es lediglich als Erfüllung einer Pflicht, wenn ich mich erbiete, Ihnen mit einem Darlehen zu helfen. Warten Sie noch ein wenig, ehe Sie meinen Brief in den Papierkorb werfen. Umstände, die ich Ihnen nur mündlich darlegen kann, stellen es außer meiner Macht, Ihnen zu helfen, wenn ich nicht mit meinem aufrichtigen Anerbieten eine ungewöhnliche und lästige peinliche Bedingung verbinde.

Wenn Sie am Rande des Verderbens stehen, wird Ihr Missgeschick für mich sprechen – und es wird auch Sie entschuldigen, wenn Sie das Darlehen mit meinen Bedingungen annehmen. In jedem Falle vertraue ich auf die Freundlichkeit und die Nachsicht eines Mannes, welchem ich mein Leben schulde.

Ich habe meinen Worten nur noch eins hinzuzufügen. Ich bitte, den Gedanken von sich zu weisen, als ob ich Ihre Entschuldigungen annehme; ich werde Sie morgen abend erwarten, wie wir vereinbart haben. Ich bin eine halsstarrige alte Frau, aber ich bin auch Ihre treue Freundin und Dienerin.

Marie Callender.“

Lismore blickte von dem Briefe auf. „Was kann dies wohl bedeuten?“ fragte er sich verwundert. Aber er war ein zu verständiger Mann, als dass er sich mit der Verwunderung begnügt hätte – er entschied sich also, seine Zusage zu halten.


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