Herr Lismore und die Witwe

IX.

Am Tage, bevor die Zahlung der Verbindlichkeiten des Schiffseigners zu erfolgen hatte, waren die Worte des Berichtes aus der Stadt noch unverändert dieselben und der eingeholte Dispens sollte nunmehr in Wirksamkeit treten. Frau Callenders Anwalt und ihre Kammerfrau waren die einzigen Personen, welche mit dem Geheimnis vertraut gemacht wurden. Nachdem sie die weitere Besorgung der Angelegenheit dem ersten Schreiber übertragen hatten, der zur Befriedigung jeder Geldforderung an seinen Dienstherrn instand gesetzt worden war, verließ das seltsam verheiratete Paar England.

Sie beschlossen, einige Tage in Paris zu warten, um irgendwelche Briefe von Wichtigkeit an Lismore in Empfang zu nehmen. Am Abend ihrer Ankunft erwartete sie eine Depesche von London in ihrem Hotel. Sie teilte mit, dass das vermisste Schiff den Kanal passiert habe, im Nebel verdeckt, bis dass es Dowes erreicht hatte, am Tage vor der Fälligkeit jener Schuld.

„Bedauerst du es?“ fragte Frau Lismore ihren Gemahl.

„Nicht einen Augenblick!“ antwortete er.

Sie beschlossen, ihre Reise bis anch München fortzusetzen. Frau Lismores Vorliebe für Musik kam dem Geschmack Lismores für Malerei gleich. In seinen Mußestunden pflegte er diese Kunst und erfreute sich an ihr. Die Gemäldegalerien Münchens waren beinahe die einzigen Sammlungen in Europa, welche er nicht gesehen hatte. Treu den Verpflichtungen, welche sie selbst eingegangen war, war seine Frau bereit, mit ihm zu gehen, wohin er ihre Begleitung wünschte. Der einzige Vorschlag, den sie machte, war, möblierte Zimmer zu mieten. Wenn sie in einem Gasthofe lebten, könnten Freunde ihres Gemahls oder von ihr selbst, Besucher der berühmten Stadt wie sie, ihre Namen im Fremdenbuch sehen oder ihnen an der Tür begegnen. Sie waren bald in einem Hause eingerichtet, das groß genug war, um ihnen jede gewünschte Bequemlichkeit zu gewähren.

Lismore verbrauchte seine Zeit in den Galerien, Frau Lismore blieb zu Hause, um zu musizieren, bis es Zeit war, mit ihrem Gemahl eine Spazierfahrt zu machen.

Sie lebten in vollständiger Freundschaft und Harmonie zusammen, nichtsdestoweniger lebten sie nicht glücklich. Ohne irgend welchen sichtbaren Grund für die Veränderung waren Frau Lismores Lebensgeister niedergedrückt.

Als er dies einst bemerkte, zwang sie sich zur Heiterkeit, ohne jedoch seine Besorgnis verscheuchen zu können.

Er überließ ihr zu denken, dass sie ihn von jeder weiteren Verlegenheit befreit habe. Welche Zweifel er immer hegen mochte, es waren Zweifel, die er von jener Zeit an zartfühlend verheimlichte.

Aber wenn zwei Leute in einem Zustande künstlicher Ruhe zusammen leben, scheint es ein Gesetz der Natur zu sein, dass die Elemente der Störung sich unmerklich anhäufen, und dass der Ausbruch endlich einmal unvermeidlich wird.

Zehn Tage nach ihrer Ankunft in München kam die Entscheidung. Lismore kehrte später wie gewöhnlich aus der Gemäldegalerie zurück und – ihres Wissens zum ersten mal – schloss er sich in sein eigenes Zimmer ein. Er erschien zur Stunde des Mittagsmahls mit einer nichtssagenden Entschuldigung.

Frau Lismore wartete, bis die Dienerin sich zurückgezogen hatte. „Jetzt, Ernst“, sagte sie, „ist es Zeit, mir die Wahrheit zu sagen.“

Die Art und Weise, wie sie diese wenigen Worte sagte, setzten ihn in Erstaunen. Sie war ohne Frage verwirrt, und anstatt nach ihm zu sehen, spielte sie mit Obst auf ihrem Teller.

Seinerseits auch in Verlegenheit, konnte er nur antworten: „Ich habe nichts zu erzählen.“

„Waren viele Besucher in der Ausstellung?“ fragte sie.

„So ziemlich dieselben wie immer.“

„Jemand, der dir besonders auffiel“, fuhr sie fort, „ich meine unter den Damen?“

Er lachte unbehaglich.

„Du vergisst, wie sehr ich von den Gemälden in Anspruch genommen bin“, sagte er.

Es gab eine Pause. Sie sah zu ihm auf – und blickte plötzlich wieder von ihm weg. Aber er sah es deutlich: Tränen standen in ihren Augen.

„Willst du nicht das Gas niederdrehen?“ fragte sie; „ich spürte den ganzen Tag über eine besondere Mattigkeit meiner Augen.“

Er willfahrte ihrem Ersuchen um so bereitwilliger, als er seinen eigenen Gründe hatte, dem blendenden Schein des Lichtes zu entrinnen.

„Ich denke, ich werde ein wenig auf dem Sofa bleiben“, fing sie wieder an.

In der Stellung, die er inne hatte, würde er von ihr abgewendet dagesessen haben. Als er versuchte, seinen Stuhl umzudrehen, verhinderte sie daran.

„Ich will lieber nicht nach dir sehen, Ernst, wenn du das Vertrauen zu mir verloren hast“, sagte sie.

Nicht die Worte, der Ton rührte alles, was in seiner Natur viel und großmütig war. Er verließ seinen Platz, kniete neben ihr nieder – und öffnete ihr sein ganzes Herz.

„Bin ich deiner nicht unwürdig?“ fragte er, als es vorüber war.

Sie drückte ihm schweigend die Hand.

„Ich würde der undankbarste Wicht sein, der lebt“, sagte er, „wenn ich nicht an dich und nur an dich dächte, nachdem ich jetzt mein Bekenntnis abgelegt habe. Wir wollen morgen München verlassen und, wenn ein rascher Entschluss mir helfen kann, will ich der lieblichsten Frau, die meine Augen je gesehen haben, nur als eines Traumgebildes mich erinnern.“

Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust und erinnerte ihn an ihren Brief, der ihr Lebensschicksal entschieden hatte.

„Als ich dachte, du könntest der glücklichen Frau zu meinen Lebzeiten begegnen, sagte ich zu dir: 'Lass es mich wissen, und ich verspreche, ihr zu sagen, dass sie nur zu warten habe.' Es muss Zeit werden, Ernst, ehe ich mein Versprechen erfüllen kann. Aber du könntest mich sie sehen lassen. Wenn du sie morgen in der Galerie findest, könntest du sie hierher bringen.“

Das Verlangen Frau Lismores begegnete keiner Ablehnung. Lismore wusste nur nicht recht, in welcher Weise er es ihr gewähren sollte.

„Du erzähltest mir, dass sie Gemälde kopiere“, erinnerte sie ihn; „sie wird ein Interesse daran haben, von der Mappe mit Zeichnungen großer französischer Künstler zu hören, die ich für dich in Paris gekauft habe. Bitte sie, zu kommen und sie anzusehen; du wirst dann hören, ob sie einige Kopien anfertigen kann. Sage ihr auch, wenn du willst, dass ich mich freuen würde, ihre Bekanntschaft zu machen.“

Er fühlte deutlich ihr Herz an seiner Brust schlagen. Aus Furcht, dass sie alle Gewalt über sich verlieren könnte, versuchte er, ihr zu helfen, indem er einen leichteren Ton anschlug.

„Was ist das für eine Erfindung von dir?“ sagte er. „Wenn mein Weib mich jemals versuchte zu täuschen, werde ich nur ein Kind in ihren Händen sein.“

Sie erhob sich plötzlich vom Sofa, küsste ihn auf die Stirn und sagte erregt: „Es wird besser für mich sein, zu Bett zu gehen.“

Bevor er sich erheben oder sprechen konnte, hatte sie ihn verlassen.“


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