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In der Dämmerstunde



Die Erzählung des Professors von der gelben Maske

Einleitung

Bei meinem letzten Aufenthalte in London empfing ich eines Tages einen kleinen schlecht geschriebenen Brief, der meine Frau und mich überraschte und belustigte.

Sein Inhalt bestand in einzelnen Sätzen, welche verrieten, dass ihn ein Fremder geschrieben habe. Er lautete:

»Professor Tizzi grüßt den Künstler Kerby freundlichst und wünscht, dass der Künstler sein Bild zeichne.

Dasselbe soll graviert und einem umfangreichen Werke »Vital-Prinzipien« oder »die unsichtbare Lebenskraft«, als Titelkupfer dienen, welches der Professor eben für den Druck und somit für die Nachwelt vorbereitet.

Der Professor wird fünf Pfund für die Zeichnung geben; außerdem wird der Künstler die Freude haben, dass das Bild ein Gegenstand der Betrachtung für das Publikum späterer Zeiten sein wird. Der Professor wird es dankbar aus den Händen des Künstlers entgegennehmen, wenn dieser es für die bezeichnete Summe malen will.

Sollte der Künstler Zweifel erheben, dass ihm die Summe auch ausgezahlt werde, so wird ein Freund des Professors, der ehrenwerte Mister Lanfray zu Rockleigh, die Bürgschaft dafür übernehmen.«

Der sonderbare Schluss des Briefes ließ mich vermuten, dass sich irgend einer meiner mutwilligen Freunde einen Scherz mit mir erlaubt habe und ich beschloss schon, die Zeilen ins Feuer zu werfen; aber mit der nächsten Post erhielt ich einen Brief von Mister Lanfray, welcher meine Zweifel löste und mich auch bestimmte, die Bekanntschaft des gelehrten Entdeckers der Lebensessenz zu machen.

Lanfray schrieb, dass Tizzi ein etwas überspannter Italiener sei, der früher eine Professur an der Universität zu Padua gehabt, dass er ihn seit Jahren kenne, dass die Wissenschaft sein Steckenpferd und Eitelkeit seine Leidenschaft seien. Der Professor habe ein Buch über die unsichtbare Kraft des Lebens geschrieben, welches außer ihm wahrscheinlich Niemand lesen werde. Diesem Werke solle das Bild des Autors vorangesetzt werden.

Lanfray gab mir noch den Rat, die Arbeit nicht abzulehnen, denn die Bekanntschaft des sonderbaren Gelehrten würde mir viel des Bemerkenswerten bieten. Er fügte hinzu, dass Tizzi seiner politischen Ansichten wegen Italien verbannt sei und nun seit vielen Jahren in England lebe. Das Geld, welches er von seinem Vater, der Postmeister im nördlichen Italien war, geerbt hatte, sei für Bücher und Experimente ausgegeben, aber für die kleine Summe, welche die Zeichnung kostet, wolle er gern einstehen, schloss Lanfray.

Professor Tizzi lebte in dem nördlichen Teile von London. Sein Häuschen war schmutzig von außen und innen, das sah ich gleich. Ich klingelte zwei Mal an dem zerbrochenen Gitter, dann erschien ein schmutziger Mann, mit gelbem Gesicht und fremdem Accent in der Sprache, der führte mich, nachdem ich ihm meinen Namen und die Angelegenheit die mich her führte, genannt hatte, durch einen kleinen vernachlässigten Garten in das Haus. Bei dem ersten Tritt auf den Hausflur sah ich mich von Büchern umgeben, die eng aneinander gepackt, auf Brettern standen. Auf den Treppen, im Vorzimmer, in den nächsten Zimmern, überall gab es nichts Anderes als Bücher!

»Hier ist der Maler!« rief der alte Diener und zeigte mir an, dass ich in das Sprechzimmer eintreten könnte.

Auch hier sah ich wieder nichts als Bücher, sowohl an den Wänden wie auf dem Fußboden.

An einem Tische, der überreich mit Manuskripten und Büchern bedeckt war, entdeckte ich einen Kopf und eine Hand, die sich abwehrend mir entgegenstreckte. Es schien ein Zeichen zu sein, dass ich nicht sprechen möge.

Ich sah mich im Zimmer um. Auf den mächtigen Bücherschränken standen Gläser mit Spiritus angefüllt, in der Flüssigkeit schwammen seltsame Gegenstände. Von der Decke hing schwarzes Spinnengewebe lang herab. Die Fenster schienen nie gereinigt zu sein, und von dem Fußboden wirbelte der Staub bei meinen Tritten hoch empor.

Nachdem ich dies Alles einige Sekunden schweigend beobachtet hatte fiel die warnende Hand des Professors mit lautem Geräusch auf einen Stoß Manuskripte nieder, dann warf der Vertiefte das Buch, welches keine Unterbrechung gestattet hatte, weit von sich in die andere Ecke und rief: »Ich werde dies mit Beweisen widerlegen!« Dann blickte er noch einen Moment wohlgefällig auf die Staubwolken, welche das Buch aufwirbelte und wandte sich zu mir.

Welch eine mächtige weiße Stirn! Welche glänzenden schwarzen Augen! Wie groß und schön der ganze Kopf, umrahmt von weißen Haaren!

Ich fühlte, dass ich diesen Kopf, so arm ich auch war, gern ohne Bezahlung malen würde. Tizian, Van Dyke, Velasquez und noch andere Größen würden diesen Mann sogar für seine Sitzungen bezahlt haben.

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten ließ,« begann der alte Mann mit außerordentlicher Reinheit der englischen Sprache, »aber das absurde Buch hatte mich so gefesselt, dass ich Sie nicht gleich empfangen konnte Mister Kerby.«

»Sie sind also in der Tat geneigt, mein Bild für einen so geringen Preis zu zeichnen?« fragte er und erhob sich dabei.

Ich sah, dass er einen langen schwarzen Sammetrock trug, der wunderbar zu der ganzen Erscheinung passte.

Ich erklärte ihm, dass die gebotene Summe von fünf Pfund die übliche sei für derartige Arbeiten.

»Es scheint mir sehr wenig«, entgegnete der Professor, »aber wenn Sie berühmt werden wollen, so kann ich dazu beitragen.

»Dort liegt mein großes Werk; es ist das Ebenbild meines Geistes und der Spiegel meiner Gelehrsamkeit, aber wenn das Publikum nun auch noch mein Bild an der Spitze des Werkes findet, so kann es meine äußere und innere Bekanntschaft gleichzeitig machen.

»Ihre Zeichnung soll graviert und Ihr Name darunter gesetzt werden; so werden Sie durch ein Werk mit auf die Nachwelt kommen, welches eine ganze Epoche in der menschlichen Wissenschaft bilden wird. —

»Das Vital-Prinzip oder mit anderen Worten, das geheime Etwas, das wir Leben nennen, und das sich über die Menschen, wie über die kleinsten Insekten und die unbedeutendsten Pflanzen ausbreitet, ist bis jetzt ein unerklärliches Rätsel gewesen. Aber ich habe es gelöst! Hier liegt die Auflösung!«

Mit diesen Worten zeigte der interessante alte Mann auf die riesenhaften Manuskript-Berge.

Ich sah, er erwartete eine Äußerung von mir, und ich fragte schüchtern, ob diese Arbeit nicht viel Zeit und Mühe gekostet habe.

»Ich bin jetzt siebzig Jahre,« antwortete der Professor, »und mit zwanzig Jahren habe ich das Werk begonnen. Ich schrieb es in der englischen Sprache, obgleich ich noch drei andere weiß, als einen Beweis meiner Dankbarkeit für die englische Nation, die mir ein Asyl gewährte als mein Vaterland mich vertrieb.

»Sie denken vielleicht, dass dies die ganze Arbeit ist, o nein! Es sind jetzt schon zwölf Bände vollendet und ich finde, dass der Gegenstand meiner Bearbeitung noch nicht halb erschöpft ist. Zwei Bände bestimmte ich dazu, die Theorien der älteren und neueren Philosophen der Welt über die Vital-Prinzipien zu prüfen. — Zwei Bände füllten sich mit den Beweisen, dass jene Theorien falsch waren.«

»Zwei weitere Bände schrieb ich über den Stoff, aus denen die zwei ersten Wesen gebildet waren, die von ihren Nachkommen Adam und Eva genannt werden.

»Zwei Bände schrieb ich — aber «, unterbrach sich der Professor, »da stehe ich nun und spreche anstatt dass ich Ihnen zu meinem Bilde sitze.

»Bitte, nehmen Sie doch, wo Sie wollen, Bücher von dem Fußboden und bereiten Sie sich einen Sitz! Ich habe keine Möbel, weil diese mir nur im Wege sein würden.«

Ich folgte diesem Rate und hatte mir auch bald einen Haufen Bücher zu einem Sitze zusammengetragen.

Als ich damit fertig war, trat der alte Diener mit einer Art Präsentierteller in der Hand, in das Zimmer, auf welchem ich eine Brotrinde ein Stückchen Knoblauch, ein Glas Wasser und Essig und Öl entdeckte.

»Mit Ihrer Erlaubnis, Mister Kerby, werde ich mein Frühstück einnehmen,« sagte der Professor, als das Mahl vor ihm stand.

Dann rieb er das Brot mit dem Knoblauch, bis es glänzte, danach goss er ein klein wenig Öl und Essig darauf und streute Salz und Pfeffer darüber. Und mit einem freudig gierigen Blick schnitt er sich mit dem Messer den ersten Bissen von der gewürzten Brotkruste ab.

»Das ist das beste Frühstück!« sagte er zu mir, »das ist kein kannibalisches Töten von Hühner-Leben, gewöhnlich Ei genannt; keines toten Tieres Fleisch, Blut oder Knochen, gewärmt mit Feuer, gewöhnlich Beefsteak genannt; nicht ein Frühstück, wie es Löwen, Tiger oder Wilde einnehmen, es ist ein einfaches Mahl aus Pflanzenstoffen zur Erquickung eines Philosophen, ein Frühstück, welches einen Preiskämpfer anwidern, aber einen Plato entzückt haben würde.«

Ich zweifelte nicht daran, dass er Recht habe, aber ich war so wenig erbaut von dem Lobe seines Mahles, dass mir fast übel zu Mute wurde, und da meine Hände von den Büchern sehr staubig geworden waren, so bat ich um etwas Waschwasser, bevor ich zeichnen würde. — Ich suchte natürlich nur einen Entschuldigungsgrund, damit ich dem Mahle nicht länger zuzusehen genötigt sei.

Der Philosoph sah mich erstaunt an, es schien ihm meine Bitte wahrscheinlich sehr sonderbar, aber er klingelte und befahl seinem Bedienten, mich in das Schlafzimmer zu führen.

Der Anblick dieses Zimmers bot eine neue Überraschung für mich. Das Lager, welches der Philosoph nach der Tagesarbeit aufsuchte, war mit Rollen versehen, aber es war so elend, dass man gewiss sehr wenig dafür erhalten hätte wenn es zum Verkaufe ausgeboten worden wäre.

An der einen Seite desselben hing ein männliches Skelett von der Decke herab. Es machte den Eindruck, als habe sich hier Jemand vor etwa hundert Jahren erhenkt und keine Hand habe seitdem den Selbstmörder berührt. — An der anderen Seite stand ein Tisch mit allen möglichen Präparaten in Spiritus, die dem Muskelsystem anzugehören schienen; außerdem sah man in Gläsern fremdartige Dinge eingeschlossen, sie glichen den Eingeweidewürmern; daneben lag des Professors Haarbürste mit einem letzten Reste von Borsten und Überbleibseln seines weißen Bartes; einzelne Stücke eines Barbier-Apparates, ein zerbrochener Schuhanzieher und ein kleiner Spiegel im Werte von einigen Pfennigen.

Bücher lagen auch hier, wie überall, auf dem Fußboden, und an den Wänden waren anatomische Bilder festgenagelt. Im Zimmer lagen verschiedene zusammengewickelte Handtücher; es sah aus, als wäre dasselbe mit ihnen bombardiert worden, so waren sie zusammen geknäult. Außer anderen sonderbaren Gegenständen enthielt das Schlafzimmer einen großen ungeschorenen ausgestopften Pudel, der auf einem Tische stand und über ein Paar Beinkleider des Professors Wache zu halten schien, denn er hielt seine Vorderpfoten darauf.

Ich erstaunte bei meinem Eintritt in das Zimmer über das Skelett und jetzt wieder über den Hund.

Sind Sie erschrocken?« fragte der alte Diener und, setzte hinzu: »Der Eine ist gerade so gut tot wie der Andere.«

Damit entfernte er sich.

Ich fand nur wenig Wasser und keine Seife.

Als ich das Zimmer verließ, sah ich noch einmal nach dem Pudel und fand auf dem Brett, worauf er befestigt war, das Wort: »Scarammucia«, wahrscheinlich nannte man das Tier früher so, dachte ich, gewiss hat ihn der Professor hier zur Erinnerung an vergangene Tage aufstellen lassen.

Als ich wieder zu dem Philosophen eintrat, hatte er sein Frühstück bereits vollendet und bereitete sich eben auch einen Sitz. Ich zog Papier und Kreide hervor und das Zeichnen begann.

»Es sind schöne anatomische Präparate in meinem Zimmer, nicht wahr, Mister Kerby?« fragte Tizzi. »Diese Gegenstände sind in meinem Werke umständlich besprochen.«

»Sie werden mich sehr unwissend finden,« entgegnete ich, »aber ich muss sagen, am meisten interessierte mich der ausgestopfte Pudel in dem Zimmer, und ich setze voraus, er sei einst Ihr Liebling gewesen.«

»Nein, nein,« antwortete Tizzi, »er war der Liebling einer jungen Dame bevor ich noch geboren wurde.

»Die Lebenskraft in diesem Hunde muss eine sehr starke gewesen sein, er wurde fabelhaft alt und spielte eine sehr wichtige Rolle in einem Romane des wirklichen Lebens, wie Sie Engländer das zu nennen pflegen. Wenn ich hätte den Hund zergliedern können, so würde er an der Spitze meines Werkes »über tierisches Leben« stehen.«

Hier ist eine Geschichte in Aussicht, sagte ich zu mir, wenn ich seine Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand richte.

»Ja, ja,« sagte der Professor, »Scarammucia« würde eines der Beispiele gewesen sein, die meine Theorien unterstützen; leider starb er, bevor ich das Licht der Welt erblickte. Seine Herrin übergab ihn, so ausgestopft wie Sie ihn da sahen, meinem Vater und dieser hinterließ ihn wieder mir als Erbstück.«

Er verließ seinen Sitz und sagte: »Mister Kerby ich habe große Lust, Ihnen einige meiner Präparate zu zeigen.«

Allein ich bat ihn schnell, sich jetzt nicht mehr zu bewegen, wenn er wollte, dass sein Bild ähnlich werde.

Er kehrte zu seinem Sitz zurück und ich bat ihn nun, mir die Geschichte des Pudels mitteilen zu wollen.

Diese Aufforderung schien ihm vielleicht von sehr schlechtem Geschmack zu zeugen, und ich merkte wohl, dass er sich ungern von seinem »großen Werke« losriss. Ich werde mir erlauben, die Geschichte, zu der ich nun gelangte, mit meinen eigenen Worten zu erzählen und ich füge gleich hier hinzu, dass ich niemals das Bild, welches ich von dem Professor aufnahm, gedruckt zu sehen bekam.

Professor Tizzi lebt zwar noch, aber ich sehe vergeblich nach der Anzeige seines »großen Werkes« in den Zeitungen nach. Vielleicht fügt er dem Werke noch zwei Bände zu und häuft somit immer mehr die Schulden der Nachwelt für seine Arbeit an.



Kapiteltrenner

Erster Teil

Erstes Kapitel

Vor ungefähr hundert Jahren lebte in der alten Stadt Pisa eine berühmte italienische Modewaren-Händlerin, und da sie stets nach den neuesten französischen Mustern arbeitete, so nahm sie auch selbst einen französisch klingenden Namen an und nannte sich »Demoeiselle Grifoni.«

Sie war eine winzig kleine Frau mit einem schadenfrohen Gesicht, einer sehr schnellen Zunge aber sie besaß viel Geschäftstalent.

Sie hatte den Ruf reich zu sein, aber die böse Welt behauptete auch gleichzeitig, dass die Grifoni »Alles« für Geld besorge. —

Die einzige unbestreitbar gute Eigenschaft der Grifoni bestand in den »festen Preisen.« ihrer Verkaufsartikel. Sie ließ sich nicht das Geringste abhandeln, von dem einmal genannten Preise; und damit dokumentierte sie schon gewissermaßen die Festigkeit ihres Charakters. Auf der Höhe ihres Wohlstandes hatte sie jedoch die Unannehmlichkeit, dass ihre geübteste Direktrice und Zuschneiderin sich nicht nur verheiratete sondern, dass sie auch als Rivalin ihrer ehemaligen Herrin auftrat und selbst ein Modewaren-Geschäft etablierte.

Einer andern Modistin würde dieser Umstand viel Sorgen bereitet haben, aber die unbesiegbare Demoeiselle Grifoni griff einfach nur nach Hilfsquellen.

Während die jüngere Modistin prophezeite dass die Grifoni nun ihr Geschäft wohl schließen müsste, da sie sie verlassen, wechselte die ältere Dame häufig Briefe mit einem Pariser Agenten, Niemand ahnte deren Inhalt; aber nach einigen Wochen erhielten die reichen Damen Pisas die gedruckte Anzeige dass die geschickteste Pariser Modistin in das Modewaren-Geschäft der Grifoni eingetreten sei. Dieser Meisterstreich errang den Sieg, und die Damen der Stadt beeilten sich, ihre Bestellungen bei der Modistin zu machen, welche soeben aus der Metropole der Mode aus Paris, angekommen war.

Die Französin hatte eine kleine Gestalt und ein freundliches Gesicht. Ihr Name war Virginia und sie teilte mit, dass ihre Familie sie verlassen habe und dass sie nun ganz allein stehe. —

Als sie kaum angekommen war, hatte die Grifoni sie mit Bändern, Seidenstoffen, Spitzen und Blumen versorgt und ihr die Weisung erteilt, sie möge nicht sparen und Alles so schön als nur immer möglich für das Schaufenster des Geschäftes herstellen.

Virginia versprach, ihr Möglichstes zu leisten und fragte nur, ob unter den Arbeiterinnen vielleicht eine sei, die soviel französisch verstehe um ihr beider Anfertigung der neuen Artikel Hilfe leisten zu können.

»Ja, ja,« rief die Grifoni freudig aus, »ich habe hier eine solche Arbeiterin, sie heißt Brigitte. Sie ist wohl das faulste Geschöpf in ganz Pisa, aber sie ist sehr geschickt; auch war sie in Frankreich, und sie spricht französisch, wie eine Pariserin. Ich schicke sie Ihnen gleich hierher.«

Mademoiselle blieb nicht lange allein mit ihren Stoffen und Mustern, denn es kam eine schlanke schwarzäugige kühn um sich blickende Person in das Zimmer und schritt mit dem Anstand einer Bühnenkönigin weiter vor.

In dem Augenblick, als sie die neue Direktrice erblickte schrie sie laut: »Du hier, Finette!«

»Therese!« rief ihr die Französin entgegen und ließ die Schere auf den Tisch fallen.

»Still! Nenne mich Brigitte,« sagte die Eingetretene.

»Nenne mich hier Virginia,« bat die Andere. Nachdem diese Übereinkunft nur einen Augenblick gedauert hatte betrachteten sich die zwei Frauen einander schweigend. Die dunklen Wangen der Italienerin wurden fast gelb und die Stimme der Französin zitterte als sie wieder begann:

»Wie kamst Du denn hierher? in des Himmels-Namen! Ich glaubte Dich durch Jemand versorgt?«

»Still, Du siehst, ich bin es nicht,« erwiderte Brigitte. »Ich habe Unglück gehabt. Und Du solltest doch die Letzte sein, die sich über so etwas wundern kann!«—

»Du denkst, ich habe keine Unfälle erlebt, seitdem wir uns nicht sahen? Da irrst Du Dich! — Du bist vollständig gerächt!«

Mit diesen Worten wandte sich Virginia kalt ab und nahm die Schere wieder in die Hand.

Brigitte folgte ihr und legte ihren Arm um den Hals der Andern und küsste sie. Dann sagte sie: »Lass uns jetzt Freundinnen sein!«

Die Französin lachte. »Erzähle mir jetzt, wie Du behaupten kannst, ich sei gerächt,« fragte Brigitte.

Virginia untersuchte vorsichtig die Tür, ob auch nicht gehorcht würde; dann strich sie Brigitten das Haar aus dem Gesicht, küsste sie, und sagte: »So, jetzt sind wir Freundinnen!« Dann setzten sich beide zum Arbeiten nieder.

»Freundinnen,« wiederholte Virginia noch einmal mit sonderbarem Lachen. »Und nun an die Arbeit!« setzte sie hinzu und nahm eine ganze Reihe Stecknadeln zwischen die Zähne und fuhr trotzdem fort: »Ich glaube ich bin hierher berufen, um die vorige Zuschneiderin, die sich jetzt selbst etabliert hat, zu ruinieren? Gut, ich werde sie ruinieren!«

»Breite doch einmal den gelben Seidenstoff dort aus, meine Liebe und stecke das Muster an Deiner Seite dort fest, während ich hier das meinige befestige.«

»Welche Absicht hast Du, Brigitte, wirst Du vergessen, das Finette tot ist, und Virginia dafür lebt? — Lass doch das Papier noch einen Zoll übertreten! — So! — Sage mir, Du kannst doch unmöglich hier so leben wollen, welche Pläne hast Du gefasst?«

»So sieh mich einmal an,« antwortete Brigitte stellte sich in die Mitte des Zimmers und nahm eine plastische Haltung an.

»Ach, ich weiß schon,« entgegnete die Andere, »Du wirst zu einem französischen Schnürleibmacher gehen und mehr verdienen?«

»Ging die Göttin Minerva zu einem Schnürleibfabrikanten? Ich dachte immer, sie fuhr auf Wolken und lebte zu einer Zeit, in der die Mieder noch nicht erfunden waren,« entgegnete Brigitte.

»Ich verstehe Dich nicht,« lispelte Virginia durch ihre Stecknadeln.

»Nun, das ist doch nicht schwer zu erraten! Ich gehe zu dem berühmtesten Bildhauer von Pisa und bin sein Modell zu einer Minerva,« antwortet Brigitte.

»Wer ist er?«

»Er heißt Meister Luca Lomi, gehört einer alten Familie an, wurde aber von den Verhältnissen hin und her geworfen und so muss er jetzt für sich und seine Tochter ums liebe Brot arbeiten.«

»Futtere das Kleid aber,« sagte die Direktrice und fragte »Wo finden denn diese Sitzungen statt?«

»Warte eine Minute. Es gibt dort noch andere Bildhauer, die ihn in der Kunst unterstützen. Zunächst sein Bruder, Pater Rocco, ein Priester; dieser bringt seine freien Stunden stets bei ihm zu. Aber er fertigt nur Statuen für Kirchen an, denn er ist ein sehr frommer Mann, Alles, was er für seine Arbeiten einnimmt, widmet er heiligen Zwecken.«

»Ah, bah, den würden wir in Frankreich einen drolligen Priester nennen.« sagte Virginia. »Gib Nadeln her! Verdienst Du von ihm auch etwas? Warte noch! Ich will sie Dir erst alle nennen. Es gibt hier noch einen Edelmann, namens Fabio d’Ascoli, der auch Bildhauer ist, er ist jung, hübsch und reich, das einzige Kind seiner Eltern und besitzt nicht viel mehr Verstand, als ein Narr. Er betreibt indes seine Kunst so eifrig, als wenn er von dem, was er erwirbt, leben müsste. Denke Dir also einen jungen Mann aus einer der ersten Familien Pisas, der darnach strebt, sich als Künstler einen Namen zu erwerben.

»Warte nur, das Beste kommt noch!

»Seine,Eltern sind tot, und da er noch unverheiratet ist, so steht sein ganzes Vermögen zu seiner Verfügung, also ist er ganz dazu geeignet, der Freund einer jungen unabhängigen Dame zu werden.«

»Ich verstehe Dich schon,« sagte Virginia. »Die Göttin Minerva hält ihre Hände bereit, um dem Künstler seine freie unnütze Habe zu entführen.« —

»Bei erster Gelegenheit werde ich mich ihm anbieten,« antwortete Brigitte. »Ich sitze ihm nämlich noch nicht, sondern seinem Meister, Luca Lomi, welcher jetzt gerade an einer Statue der Göttin Minerva arbeitet, will ich sitzen. Das Gesicht der Göttin ist nach der Tochter des Meisters gebildet, aber jetzt verlangt diese Gestalt auch Büste und Arm.

»Magdalena Lomi und ich sind fast von derselben Größe und man sagt mir, dass ihre Figur nicht als Model zu einer Göttin tauge. — Ich habe mich dem Meister durch eine Freundin anbieten lassen, nimmt mich der Alte an, so hoffe ich auch bald auf die Kundschaft des jungen Edelmannes. Meine Zunge und andere Fertigkeiten werden dann das Übrige schon besorgen.«

»Wer ist denn die Freundin, die Dich empfehlen soll? Vielleicht auch eine Künstlerin?«

»Nein, nein, es ist ein sonderbares kleines Geschöpf.«

»Warte ich muss erst sehen, ob Niemand horcht. Es klopft!«

Die Tür öffnet sich und ein ärmlich, aber reinlich gekleidetes junges Mädchen, trat in das Zimmer. Sie war klein und schwächlich, aber ihr Gesicht war sehr regelmäßig und in vollkommener Übereinstimmung mit dem Körper.

Das Haar war dunkelbraun und die Augen hatten jenes Dunkelblau, welches man an den Gemälden Giergiones und Tizians bewundert und welches ein Kennzeichen der italienischen Schönheiten ist. Das Gesichtchen war indes sehr blass. Es fehlte ihm der Ausdruck kräftiger jugendlicher Frische, die eigentliche Krone der Schönheit.

Ihr Blick war trübe als sie eintrat, als sie jedoch die französische Direktrice erblickte wurde es sogar ängstlich und das junge Mädchen wollte sich scheu nach der Tür zurückziehen.

»Bleiben Sie, Nanina,« sagte Brigitte italienisch, »und erschrocken Sie nicht bei dem Anblick der Dame; sie ist unsere neue Direktrice und sie kann Ihnen sehr nützlich werden. Sagen Sie uns jetzt, was Sie wollen! Sie sind schon sechzehn Jahre alt und sind so schüchtern wie ein Kind von zwei Jahren.«

»Ich wollte nur fragen, ob Sie heute etwas Arbeit für mich haben,« fragte das junge Mädchen mit sehr angenehmer Stimme und mit schüchternem Blick auf die neue Geschäftsvorsteherin.

»Nein, heute ist nichts für Sie zu tun,« sagte Brigitte, »gehen Sie heute Modell stehen?« fragte sie weiter.

Die Wangen Nanina’s färbten sich und sie antwortete: Ja! »Vergessen Sie meine Botschaft nicht, meine Liebe und wenn Meister Lomi fragt, wo ich wohne so sagen Sie ihm nur, dass Sie mir meinen Brief von ihm mit Bestellungen überbringen könnten; aber sagen sie ihm gar nicht, wer ich bin und wo ich wohne.«

»Warum verbieten Sie das?« fragte Nanina unschuldig.

»Fragen Sie nicht so dumm und bringen Sie mir morgen eine Nachricht, dann werde ich die Dame hier bitten, dass sie Sie beschäftige. Ich begreife Sie übrigens nicht, Sie können doch hier und in Florenz mit dem Modellstehen viel mehr Geld verdienen.«

»Mir gefällt die Handarbeit besser,« entgegnete das junge Mädchen, verbeugte sich höflich und verließ das Zimmer.

»Das ungeschickte Kind kann einmal hübsch werden,« bemerkte Mademoiselle Virginia, die mit der Anfertigung des Kleides unter ihrer Hand bald fertig zu sein schien. »Wer ist sie denn?«

»Sie ist die Freundin, welche mich bei Lomi empfehlen soll,« erwiderte Brigitte lachend.

»Wer hat Dich denn mit ihr bekannt gemacht?«

»Sie holte sich hier stets Arbeit und fertigte dieselbe in ihrer Wohnung, dem kleinsten und hässlichsten Ort, in einer Straße bei Campo Santa, an. Ich war eines Tages neugierig genug, ihr zu folgen. Als der Vogel im Bauer war, klopfte ich an die Tür. Sie rief ängstlich; Herein! War das ein Loch! Ich kann es noch nicht vergessen! Ich erblickte nur einen Stuhl und eine alte Bratpfanne auf dem Feuer, das war Alles was ich sah. Vor dem Herd lag ein großer, ungeschorener, abscheulicher Pudel und auf einem niedrigen Stuhle saß ein kleines Mädchen und flocht Matten.

Ich sagte, ich interessiere mich für sie und fragte nach ihrem Vater. »Er hat uns seit Jahren verlassen,« sagte das Mädchen. »Und Ihre Mutter?« »Todt!« war die Antwort. Dann stand sie auf, ging zu ihrer kleinen Schwester und spielte mit derem langen blonden Haar. »Das ist gewiss Ihre Schwester. Wie heißt denn die Kleine?« fragte ich. Das Kind blickte von der Flechtarbeit in die Höhe und antwortete: man nennt mich Biondella.

»Warum liegt das hässliche Tier da vor dem Herd?«

»Das ist ja unser lieber Scarammucia,« sagte die Kleine. »Er bewacht das Haus, wenn Nanina nicht zu Hause ist; er tanzt auf seinen Hinterfüßen, springt durch einen Reifen und weiß allerlei Kunststücke. Scarammucia folgte uns eines Tages auf der Straße, es sind nun schon mehrere Jahre her, und seitdem leben wir mit ihm zusammen. Er geht jeden Tag spazieren und sucht sich seine Nahrung, aber Niemand kann ihm nachsagen, dass er ein Dieb ist, er ist nur der geschickteste aller Hunde.« Mit diesen Worten ging das Kind zu dem hässlichen Tiere und liebkoste es. Ich erfuhr denn noch, dass die Nachbarn den Kindern beigestanden haben, als ihr Vater sie verlassen hatte, bis sie soweit waren, sich selbst eine Kleinigkeit zu erwerben. Die Biondella ließ den Hund seine Kunststücke vor mir aufführen, als ich mich ihm aber nähern wollte wies mir das hässliche Geschöpf erzürnt die Zähne und fing zu bellen an.

»Das Mädchen sah so krank aus, als sie hier herein trat. Sieht sie immer so blass aus?«

»Nein, sie ist seit einigen Monaten viel blasser geworden, und ich glaube dass der junge Edelmann einen Eindruck auf sie gemacht hat; denn je länger sie zu ihm geht, je trauriger und kränklicher wird ihr Aussehen.

»Sitzt sie ihm vielleicht?«

»Ja! Er arbeitet jetzt an der Statue einer Nymphe und benutzt den Kopf und das Gesicht Nanina’s als Modell dazu. Sie wollte anfangs durchaus nicht darauf eingehen und machte dem Künstler viele Schwierigkeiten, bevor sie sich dazu hergab.«

»Glaubst Du nicht, dass sie Deine Rivalin werden wird? Die Männer sind oft solche Narren und verlieben sich gerade in Wesen, die man nicht fürchten zu müssen glaubt.«

»Lächerlich! So ein fadenscheiniges Ding, ohne Manieren, ohne Intelligenz, ein Wesen, das kaum den Mund zu öffnen wagt, das weiter nichts besitzt, als einen hübschen Kinderkopf! Die Nanina wird mir nicht gefährlich werden; vielmehr fürchte ich von der Tochter des alten Lomi, ich fürchte mich förmlich, deren Bekanntschaft zu machen. Nanina wird meinen Auftrag ausrichten; ich werde ihr dafür ein altes Kleid schenken, ihr die Hand freundlich drücken und dann sind wir fertig! Da gibt es nichts zu fürchten!«

»Nun, Du verstehst das gewiss besser! Aber ich muss Dir sagen, dass mir stets derartige Wesen durch ihre Unwissenheit und Unschuld am gefährlichsten geworden sind. — Worte einen Augenblick; ich werde das Kleid bald so weit eingerichtet haben, dass die Näherin es übernehmen kann.«

»Klingele, dass die Arbeiterin erscheine ich werde ihr sagen, wie das Kleid weiter gearbeitet werden soll, das heißt, Du wirst es ihr übersetzen, da ich nicht italienisch kann.«

Während Brigitte klingelte, schnitt die französische Geschäftsführerin ein neues Kleid zu und sie lachte als sie sah, wie sich der Seidenstoff unter ihren Händen verringerte.

»Warum lachst Du?« fragte Brigitte »Ich kann mich nicht von dem Gedanken trennen, dass Deine kleine Freundin eine Heuchlerin ist,« entgegnete Virginia.

»Und ich bin überzeugt, dass sie ein Dummkopf ist,« antwortete Brigitte.



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel

Das Atelier des Meister Luca Lomi bestand aus zwei großen Zimmern, welche durch eine Bretterwand getrennt waren. Eine thorartige Öffnung bildete den Durchgang von dem einen Raum zu dem andern.

Während die Arbeiterinnen der Grifoni moderne Kleider anfertigten, arbeiteten die Bildhauer in Meister Lomi’s Werkstatt in Gips und Marmor. In dem kleinen Raum arbeitete der junge Edelmann, der im Atelier nur Fabio genannt wurde, an einer Büste. Nanina saß als Modell zu dieser Büste vor ihm.

Er hatte nicht den finsteren italienischen Typus, sondern seine Haltung wie sein Aussehen waren frisch, frei und angenehm. Intelligenz glänzte aus seinen Augen und ungezwungen Heiterkeit ließ sich von seinen Lippen lesen. Mit wenigen Worten konnte man ihn als einen talentvollen, liebenswürdigen jungen Mann bezeichnen.

In dem andern Zimmer arbeitete Meister Luca Lomi an seiner Minerva und sah dabei zuweilen auf die Arbeit seiner Gehilfen, die an andern Bildwerken arbeiteten. Sein Bruder, Pater Rocco, arbeitete in der Nähe der Durchgangs-Öffnung, an der Statue einer Madonna.

Magdalena Lomi hatte eben ihre Sitzung zu dem Gesicht der Minerva beendet und schritt durch das Zimmer, um sich in den kleinen Raum zu begeben.

Die drei Verwandten hatten eine große Familienähnlichkeit, sie waren groß, hübsch, hatten dunkle Augen und schwarzes Haar und ihre Gesichtszüge waren auch sehr übereinstimmend.

Magdalenens Gesicht zeugte von Leidenschaftlichkeit, aber gleichzeitig von Großmut. Ihr Vater verband mit dem leidenschaftlichen Ausdruck noch etwas von versteckter Schlauheit.

Pater Roccos Antlitz zeigte nur Milde und Ruhe. Dem angemessen war auch seine Haltung und seine Bewegung.

Das Gesicht der Tochter Lomi’s ließ vermuten, dass sie in einem Augenblicke bis zur Leidenschaft erzürnt sein konnte, aber in dem andern wieder zu verzeihen verstände.

Auf dem Gesicht ihres Vaters stand: »Ärgere mich und ich werde Dir niemals verzeihen!«

Der Priester sah so aus, als ob er nie erzürnt werden könnte und auch nie dazu kommen würde, Jemand zu erzürnten.

Luca rief seinem Bruder zu: »Sieh nur, Rocco meine Minerva wird Sensation erregen!«

»Ich bin erfreut, das zu hören,« antwortete der Priester trocken.

»Es ist eine ganz neue Art der Kunst,« fuhr Luca fort, »andere Künstler benutzen zu klassischen Gestalten auch stets klassische Gesichter. Ich machte es anders und nahm den Kopf meiner hübschen Tochter als Modell. Sie wird zwar keine ideale Schönheit vorstellen, aber das Gesicht besitzt Individualität. Man wird mir vorwerfen, eigene Wege eingeschlagen zu haben, aber ich wünsche das eben; außerdem finde ich, dass Magdalena einer Minerva gleicht.«

»Die Ähnlichkeit ist wunderbar!« sagte Pater Rocco und trat vor die Minerven-Statue.

»Es ist das Mädchen selbst,« sagte der Vater, »denn es ist kein Haarbreit Unterschied zwischen dem Original und der Minerva.«

»Was wird aber aus dem Körper der Minerva werden?« fragte Rocco.

»Die kleine Nanina hatte mir eben die Adresse einer Frau gebracht, die zu der Minerva sitzen möchte.« entgegnete Luca Lomi.

»Wirst Du das Anerbieten annehmen?«

»Ja, wenn sie die Größe meiner Tochter hat und wenn ihr Körper zu einem Modell tauglich ist. Wer mag sie nur sein? Sie hat Nanina verboten mir weder ihren Namen noch ihre Wohnung zu nennen. Ich halte sie entweder für eine Abenteurerin oder für eine Kunstenthusiasten. Was sagst Du, Rocco?«

»Ich? Nichts! Ich verstehe mich darauf nicht!«

»Wo ist Magdalene?« fragte Lomi

»In Fabio’s Zimmer. Soll ich sie rufen?« fragte Rocco.

»Nein, nein,« entgegnete Lomi schnell.

Dann sah er nach den Gehilfen und ging dann zu dem Priester zurück, diesem zuflüsternd:

»Ich wünschte Magdalene ginge, statt hier in Fabio’s Zimmer, dort drüben in seinen Palast, jenseits des Arno! Rocco, schüttele nicht den Kopf! Ich werde sie zu des reichen Edelmanns Braut zu machen suchen, und Du, heiliger Mann, sollst sie mit dem Ringe und Deinem Segen an ihn für immer fesseln.«

»Ich bin betrübt,« sagte der Priester, »dass Du Dich mit diesen Dingen beschäftigst, Luca, sei vernünftig! Wenn wir allein im Atelier sein werden, will ich mit Dir über den Gegenstand weiter sprechen, jetzt lass mich ruhig arbeiten.«

Luca zuckte mit den Achseln und ging zu seiner Minerva zurück.

Pater Rocco mischte Gips und bereitete sich vor, eifrig zu arbeiten.

Nachdem seine Mischung die gehörige Zähigkeit erreicht haben mochte, durchschritt er den Raum und nahm aus einer Ecke des Zimmers einen kleinen Spiegel, den er versteckt bis zu der Türöffnung trug und ihn dann schnell so befestigte, dass er die Personen im Nebenzimmer beobachten konnte.

Es schien nicht das erste Mal zu sein, dass Pater Rocco dieses Experiment ausführte.

Er knetete aufs Neue in den vor ihm liegenden Gips, hatte aber seine Augen dabei fest auf den Spiegel gerichtet.

Magdalene Lomi stand hinter dem jungen Künstler und beobachtete den Fortschritt seiner Arbeit. Zuweilen nahm sie ihm das Werkzeug aus der Hand und sagte ihm mit ihrem süßesten Lächeln, dass sie als eines Bildhauers Tochter, auch etwas von der Kunst verstehe; dann beugte sie sich zu der Statue, dass sein Haar und das ihrige sich berühren mussten und zeigte ihm Schönheiten oder Fehler an seiner Arbeit.

Pater Rocco senkte den Spiegel um zwei Zoll und nun erblickte er auch Nanina und bemerkte, wie deren Wangen erbleichten und wie krampfhaft sie das Band zerknitterte, welches ihr Kleid zusammenhielt, als Magdalene mit dem jungen Künstler so harmlos umging.

»Sie ist eifersüchtig, ich merke es seit Wochen,« sagte Rocco zu sich.

Er wandte sich nun ab und arbeitete kräftig in seinem Gips. Als er wieder in den Spiegel sah, bemerkte er, dass Magdalene das Werkzeug ergriffen hatte und selbst an dein Haar der Nymphe zu arbeiten begann.

Fabio sah ihr zu, blickte aber dann auf Nanina. Diese sah ihn vorwurfsvoll an, er aber antwortete ihr mit einem Zeichen, welches ihr Gesicht lächeln machte.

Magdalene hatte den Wechsel in dein Gesichtsausdruck des jungen Mädchens bemerkt, und warf ärgerlich das Werkzeug weg und sagte zu dem jungen Bildhauer, der wieder zu arbeiten anfing:

»Signor Fabio, wenn Sie das nächste Mal wieder vergessen wollen, was Sie sich und ihrem Rang schuldig sind, so sagen Sie mir das gefälligst vorher, dann werde ich sogleich Ihr Zimmer verlassen!«

Mit diesen Worten trat sie in das große Zimmer und Pater Rocco hörte, dass sie sagte:

»Ich habe Einfluss auf meinen Vater, dieses Bettelmädchen darf hier nicht mehr länger herkommen!«

»Auch eifersüchtig!« sagte Rocco. »Hier muss Etwas getan werden, sonst endigt die Geschichte schlecht.«

Er sah in seinem Glas, dass Fabio Nanina winkte, sich ihm zu nähern. Sie ging zu ihm, aber er kam ihr schon auf halbem Wege entgegen, ergriff ihre Hand und sagte ihr leise Etwas ins Ohr; dann berührte er ihre Wangen mit seinen Lippen und gab ihr die Mantille über Kopf und Schultern.

Dann trat er zu Rocco ein und sagte: »Ich gebe Nanina heute einen halben Tag frei!«

Magdalene hatte mit ihrem Vater gesprochen, hörte aber sogleich auf, als sie Fabio sah, und mit einem Blick auf Nanina, die zitternd in der Tür stand, verließ sie das Zimmer.

Lomi rief Fabio zu sich und Pater Rocco arbeitete weiter, als er aber Nanina zum Fortgehen bereit sah, fragte er: »Mein Kind, gehst Du nach Hause?«

Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.

»Nimm dies mit, für Deine kleine Schwester,« fuhr Pater Rocco fort, und übergab ihr einige Silbermünzen.

»Ich habe einige Kunden gefunden für die hübschen Flechtarbeiten der Kleinen; Du brauchst sie mir nicht zu schicke, ich werde heute Abend zu Euch kommen, wenn ich meine Pfarrkinder besuche. Du bist ein gutes Mädchen, Nanina, warst immer gut und so lange ich lebe, werde ich Dein Beschützer bleiben.«

Nanina dankte dem Priester mit feuchten Augen; er legte seine Hand auf ihr Haupt, nickte ihr freundlich zu und ging dann zu seiner Beschäftigung zurück.

»Vergessen Sie meine Botschaft an die Dame nicht!« rief Luca Nanina zu, als sie an ihm vorüberging, um das Zimmer zu verlassen.

Nachdem sie fort war, trat Fabio zu dem Priester.

»Morgen wird Ihre Arbeitslust wiederkehren,« sagte Rocco. »Ich hoffe, Sie haben sich nicht über Ihr Modell zu beklagen?«

»Nein,« entgegnete Fabio, »ich beklage mich nicht über sie. Im Gegenteil, sie hat den schönsten Kopf, den ich je sah, und wenn ich noch viel geschickter wäre, würde ich diesen schönen Kopf doch nicht gehörig nachahmen können.«

Mit diesen Worten ging er wieder zu seiner Büste und betrachtete dieselbe ein Weilchen, dann kehrte er in den großen Raum zurück. An der Türöffnung standen drei Stühle, zwei derselben berührte Fabio absichtlich, als er schon vorüber war, kehrte er zurück und fasste auch den dritten Stuhl an der Rückseite an.

Pater Rocco lächelte sarkastisch und sagte: »Signor Fabio, ich hätte Sie nie für abergläubisch gehalten!«

»Meine Amme war es,« entgegnete der junge Mann lachend. »Sie lehrte mich diese albernen Dinge.«

»Abergläubisch!« wiederholte sich Rocco still und ging dann an das Fenster und blickte auf die Straße. Links geht es nach Fabio’s Palast, rechts nach Campo Santa, in dessen Nähe Nanina lebt. Der Priester sah, dass Fabio den Weg rechts wählte.

Nach einer halben Stunde verließen die Gehilfen das Atelier und Rocco war mit seinem Bruder allein.

»Wir wollen jetzt zu der Unterhaltung zurückkehren,« sagte Rocco zu seinem Bruder.

»Ich habe nichts mehr hinzuzufügen,« antwortete Lomi

»So höre aufmerksam zu, was ich Dir sagen werde,« begann der Priester. »Ich verwerfe Deine Absicht, den jungen Mann mit Deiner Tochter zu verbinden, aber noch mehr muss ich diese Absicht verwerfen, weil es nur des Geldes wegen geschehen soll.«

»Du willst mich mit Deinen Phrasen zum Besten haben, aber sie machen keinen besonderen Eindruck auf mich,« entgegnete Lomi. »Magdalene wird durch diese Heirat reich werden, deshalb wünsche ich dieselbe und wir Alle werden Nutzen daraus ziehen.«

»Was sollte mir Wohlstand nützen? Was sind Menschen mit Geld, was ist Geld selbst für einen Mann meines Standes,« sagte der Pater.

»Geld ist für Jeden ein nützliches Etwas,« entgegnete Lomi.

»So? Hast Du schon gehört, dass ich mir je Geld wünschte? Gib mir so viel, dass ich mir das tägliche Brot kaufen, meine Wohnung und die notwendigsten Bedürfnisse bezahlen kann, gib mir noch Einiges für die Armen und ich wünsche darüber hinaus für mich nichts weiter.

»Hast Du mich schon einmal geldbedürftig gesehen? Helfe ich Dir hier nicht unentgeltlich, nur aus Liebe zu der Kunst und aus Liebe für Dich? Habe ich Dich nicht stets nur um einiges Geld für meine Armen gebeten? Was nützt einem Manne Geld, den seine Oberen heute nach Rom oder an das äußerste Ende der Erde schicken dürfen, und welcher auch in jedem Augenblick bereit wäre, ihrem Rufe zu folgen. Was soll einem Manne Geld, der weder Weib noch Kind besitzt und nur die geheiligten Interessen der Kirche zu vertreten hat.«

»Das ist sehr schön und edel, gedacht,« entgegnete Lomi, »aber ich denke anders.«

»Und jetzt erkläre mir doch, weshalb Du dennoch wünschtest, dass Magdalene Fabio heirate, da Du andere Leute, die weniger reich waren als er, und die sich um ihre Hand bewarben, niemals als Magdalenens zukünftige Gatten anerkennen wolltest.«

»Ich sagte Dir das bereits ja vor Monaten!« entgegnete Rocco, »als Fabio zuerst hierher kam.«

»Das war sehr unbestimmt; willst Du es mir heute nicht bestimmter mitteilen?«

»Ja, ich will es! Erstlich gefällt mir der junge Mann; er ist vielleicht etwas launenhaft und unbestimmt, aber er hat keinen Fehler an sich, den er nicht ablegen könnte.

»Außerdem muss ich Dir nun noch sagen, dass Alles, was Fabio von seinen Vorfahren erbte und was er jetzt rechtmäßig sein Eigentum nennen darf — von Betrügereien und Raub an unserer heiligen Mutterkirche ausgeübt, herrührt.«

»Tadele seine Vorfahren dafür, aber nicht ihn!« entgegnete Lomi.

»Ich werde ihn so lange tadeln, bis er diesen Raub zurück erstattet.«

»Woher weißt Du übrigens, dass sein großes Vermögen nur aus dieser Quelle floss?«

»Ich habe sorgfältiger als irgend Jemand die Bürgerkriege Italiens studiert: daher weiß ich es bestimmt, dass die Ahnen Fabio d’Ascolis der Kirche in deren schwachen Tagen viele Schätze abnahmen. So verlor die Kirche Land und Geld, und ich werde Alles daran setzen, dass die heilige Kirche zurück erhalte, was sie verlor.«

»Was antwortet denn Fabio auf diese Forderung, Bruder?«

»Ich habe nie mit ihm über diesen Gegenstand gesprochen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich bis jetzt noch keinen Einfluss auf ihn habe. Hat er ein Weib, so wird dieses für mich handeln.«

»Du denkst an Magdalene, glaubst Du, dass sie das für Dich tun wird?«

»Habe ich sie nicht erzogen? Sie kennt die Pflichten, welche die Kirche verlangt, sehr genau.«

Lomi zögerte, dann sagte er: »Ist die Summe, welche Du der Kirche wieder zuführen willst, bedeutend?«

»Ich werde Dir das später beantworten, Luca,« entgegnete der Priester, »Du weißt jetzt genug, weshalb ich diese Heirat durchaus wünsche, ohne selbstsüchtige Interessen, wie Du sie leider hegst. Von den großen Reichtümern, welche Fabio der Kirche zurückgeben wird, soll auch nicht ein Paoli in meine Tasche wandern. Ich bin ein armer Priester, ich kämpfe nur so eifrig für die Kirche, wie ihr Weltmenschen dies für irdische Güter zu tun pflegt.«

Mit diesen Worten verließ er seinen Bruder und sprach nicht mehr; er ging zu seinem Werktische zurück, zog ein Stück Papier aus dem Tischkasten und schrieb darauf: —

»Komm morgen in das Atelier. Fabio wird hier sein, aber Nanina wird nicht mehr zurückkehren.«

Dann schrieb er die Adresse darauf und übergab den Zettel zusammengefaltet seinem Bruder mit der Bitte, es seiner Tochter abgeben zu wollen. — Das Blatt trug keine Unterschrift.

»Sage mir, Rocco,« fragte Lomi und drehte dabei das Blatt zwischen seinen Fingern, » glaubst Du, dass Magdalene mit Fabio glücklich sein wird?«

»Es ist möglich!« entgegnete Rocco.

»So, nur möglich! Glaubst Du?«

»Ja, wahrscheinlich!« entgegnete Rocco, gab seinem Bruder die Hand und verließ das Atelier.



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Drittes Kapitel

Aus dem Atelier begab sich Pater Rocco in seine Wohnung, die dicht bei der Kirche war. Dort angekommen nahm er aus seinem Schranke etwas kleines Silbergeld, prüfte dann eine Liste, auf welcher Namen verzeichnet standen, und steckte dann das Geld, ein kleines Tintenfässchen, Papier und Federn in die Tasche und ging wieder fort.

Er richtete seine Schritte zu dem ärmsten Teil in seiner Nachbarschaft und trat dann in verschiedene elende Hütten, wo ihn die Bewohner ehrfurchtsvoll empfingen. Die Weiber küssten seine Hände mit mehr Ehrfurcht, als wie sie die des größten Herrschers von Europa geküsst haben würden. Der Priester setzte sich an das schmutzige Lager ekelhafter Kranker und spendete sein Geld den Armen, Alten und Dürftigen, begleitet von freundlichen Worten.

Den Kranken verschrieb er Heilmittel und ließ das Geld für dieselben zurück.

Als er die Stätten des Elends verließ, folgten ihm seine dankbaren Pfarrkinder, bis er ihnen freundlich umzukehren riet.

Von dort begab er sich nach Campo Santo und als er zu dem Hause kam, wo Nanina wohnte, stand er gedankenvoll still. Er stieg die Treppen hinan und sah durch die Türspalte, wie die kleine Biondella ihr Abendbrot, bestehend in Brot und Trauben, verzehrte. Scarammucia lag nicht weit davon mit geöffneter Schnauze und erwartete die Bissen Brot, welche die Kleine ihm zuwarf.

Was die ältere Schwester machte, sah der Priester nicht, denn der Hund fing an zu bellen und er durfte nicht länger lauschen.

Nanina ging schnell zu sehen, wer es sei, der zu ihnen wollte, konnte aber nicht sprechen, und Biondella sprang auf und rief:

»Ich danke, Pater Rocco, dass Sie mir soviel Geld geschickt haben! Dort stehen schon die fertigen Decken in der Ecke. Nanina behauptet, Sie dürften sie nicht selbst nach Hause tragen; ich weiß, wo Sie wohnen, darf ich sie Ihnen nicht nach Hause tragen? Sehen Sie nur, Pater Rocco, wie leicht die Decken sind,« sagte das Kind, »ich könnte noch einmal so viel tragen.«

»Kann die Kleine allein so weit gehen?« fragte der Priester. »Ich möchte Dich gern allein sprechen, Nanina, und hätte dazu Gelegenheit, wenn sie fort sein wird.«

»Ja, Pater Rocco,« sagte Nanina mit zitternder Stimme, »das Kind geht oft noch weiter.«

»So gehe denn, mein Kind,« sagte der Priester zu Biondella, »aber komme gleich zurück.«

Das Kind hatte die leichte Bürde auf den Kopf geworfen und ging nun, von Scarammucia begleitet, mit freudeglänzenden Augen fort.

Pater Rocco schloss die Tür und setzte sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer, während Nanina auf Biondellas Holzbänkchen Platz nahm.

»Glaubst Du, mein Kind,« fing der Priester an, »dass ich stets Dein Freund gewesen bin und es nur gut mit Dir meine?«

»Mein bester und einziger Freund!« erwiderte Nanina.

»So höre mich an, und wenn ich Dich auch betrüben sollte, so denke, es geschieht zu Deinem Besten. So beantworte mir die Frage, war der Schüler meines Bruders, der Signor Fabio, heute bei Dir?«

Nanina sprang bei dieser Frage erschrocken empor. »Bleibe sitzen, mein Kind, ich tadele Dich nicht, ich bin nur gekommen, Dir zu sagen, was Du in der Zukunft zu tun hast.«

Er ergriff ihre zitternden Hände. —

»Ich frage Dich nicht, was er mit Dir sprach,« fuhr der Priester fort, »weil Du mir das gewiss nicht gern anvertrauen möchtest, aber ich weiß, dass Deine Jugend und Schönheit einen mächtigen Eindruck auf ihn ausgeübt haben. Ich gehe darüber fort und teile Dir nur mit, warum ich gekommen bin. Doch, Nanina, mein Kind, waffne Dich mit Deinem ganzen Mute und versprich mir, dass Du Fabio nicht mehr wiedersehen willst.«

Nanina drehte sich plötzlich zu ihm und fragte: »Nie mehr?«

»Du bist jung und unschuldig,« fuhr Rocco fort, »Hast Du nie an den Unterschied gedacht, der zwischen Dir und Signor Fabio besteht? Sicher sagtest Du Dir schon, dass er zu den Reichen und Mächtigen dieser Erde gehöre, Du aber zu den Geringen und Armen gehörst?«

Naninas Hand fiel auf die Knie des Priesters und ihr Kopf senkte sich darauf und sie weinte bitterlich.

»Dachtest Du schon daran, Nanina?«

»Oft, sehr oft! Ich durch-weinte deshalb manche Nacht, und wenn er über meine geisterbleiche Farbe sprach, so sagte ich ihm, dass ich trauere und weine. —«

»Was sagte er Dir darauf?«

Nanina zögerte.

Der Priester nahm ihren Kopf in seine Hände und sagte: »Vertraue Dich mir an, mein Kind. Betrachte mich als Vater und Freund. Sprich doch! Sprich!«

»Er sagte, ich sei eine gebotene Dame, und was mir fehle, könnte ich noch erlernen, wenn ich geduldig sein würde. Wenn alle adligen Damen Pisas sich an der einen Seite aufstellten, damit er eine von ihnen erwähle, an der anderen aber nur die kleine Nanina, so würde er auf diese zeigen und sprechen »Du sollst mein Weib werden!« Er sagte, Liebe frage nicht nach Rang. Er ist so gut, dass ich stets glaube, das Herz wird mir zerspringen, wenn er so spricht. Meine kleine Schwester liebt ihn auch herzlich und sitzt oft auf seinem Schoße, selbst unser treuer Pudel liebt ihn, so oft er kommt, läuft er ihm freudig entgegen. O Pater Rocco!«

Mit diesen Worten weinte das junge Mädchen, auf die Knie des Priesters mit ihrem Kopfe gestützt weiter.

Rocco lächelte und fragte: »Glaubst Du, dass das Alles wahr ist, was er zu Dir sagt?«

Nanina sah den Priester verwundert an. — Dann sagte sie:

»Eher wollte ich hier auf der Stelle sterben, als eines seiner Worte bezweifeln.«

»Ich hielt das Mädchen für weniger energisch,« sagte Rocco zu sich selbst. —

»Nun, ich zweifle ja auch nicht an der Wahrheit seiner Worte,« fuhr der Priester fort. »Nehmen wir einmal an, Du hättest Dir nun Alles Dasjenige angeeignet, was eine Dame wissen muss, die Fabios Frau werden will; nehmen wir an, er hätte Dich schon geheiratet. Würdest Du und er dann glücklich sein?«

»Er hat zwar weder Vater noch Mutter, die seine Handlungen tadeln könnten, aber er hat Freunde, Nanina, die Deinen Wert nicht zu schätzen wissen, diese würden Deinen Mann mit seiner Wahl necken. Er würde gewiss nicht die Geduld besitzen, diese Neckereien ohne Unwillen anzuhören und würde sich unglücklich fühlen. Du, mein Kind, würdest von den Frauen aus dem Adel verächtlich behandelt werden. Alles dieses würdet ihr zu tragen bekommen. Er hat mit der Welt verkehrt seit seiner Geburt, weil er mitten in Glanz und Reichtum geboren wurde, er muss auch weiter leben mit dieser schnöden Welt! Schade! Ich weiß, Du liebst ihn!«

Sie weinte und sagte: »Ja, ja, über Alles!«

»Du liebst ihn, aber Deine Liebe würde ihn nicht für das entschädigen, was er Deinetwegen aufgeben müsste. Denke, Nanina, an den ersten Tag, an welchem er seine Heirat bereuen würde! — Wir sind ja nicht stets Herr unserer Gefühle. Mein Kind, mein armes, unwissendes Kind, Du kennst diese böse, strenge Welt noch nichts Lass Dich warnen!«

Nanina streckte ihre Hände verzweiflungsvoll nach dem Priester aus.

»O, Pater Rocco, warum sagen Sie mir das Alles!« rief sie aus.

»Weil ich es Dir lieber zu früh, als zu spät sagen wollte. Bringe das Opfer der Entsagung, aus Liebe zu Fabio.«

»Ich würde für sein Wohl sterben!« sagte das Mädchen.

»So bringe ein kleines Opfer und verlasse morgen früh Pisa!«

»Pisa verlassen?« rief Nanina aus.

»Höre auf mich! Man sagt mir, Du wüsstest nicht gut mit dem Nähen beschied. Du sollst es jetzt erlernen. Ich selbst will Dich und Biondella morgen nach Florenz führen.«

»Ich versprach aber Fabio, dass ich um zehn Uhr im Atelier sein wollte, wie kann ich? —«

Sie fühlte, dass sie nicht weiter zu sprechen vermochte.

»Ich will Dich und Deine Schwester selbst nach Florenz bringen,« fuhr der Priester fort, ohne aus das zu achten, was Nanina gesprochen hatte. »Ich werde Dich zu einer Dame bringen, die Dir und Deiner Schwester Mutter sein wird. Sie wird Euch so viel lehren, dass Ihr beide bald unabhängig werdet leben können. Nach drei Monaten wirst Du dann nach Pisa zurückkehren. Drei Monate sind ja keine lange Verbannung.«

»Fabio! Fabio!« rief das weinende Mädchen.

»Es geschieht ja zu seinem Glück,« antwortete der Priester.

»O, was wird er denken, wenn ich so fort gehe. Könnte ich doch nur schreiben, ich wollte Fabio einen Brief senden.«

»Ich werde ihm das Alles erklären,« besänftigte Pater Rocco.

»Ach, ich kann ihn nicht verlassen! Ich kann es nicht!«

»Du sollst auch noch bis morgen um neun Uhr Bedenkzeit haben, Nanina,« sagte der Priester, »dann gib mir ein Zeichen mit Deiner weißen Mantille von Deinem Fenster aus, ich weiß dann dass Du entschlossen bist, Fabio durch Deine Entsagung zu nützen, und Dich selbst vor Kummer zu bewahren.«

Der Priester ging. —

Nicht weit von dem Hause begegneten ihm Biondella und der Hund. Das kleine Mädchen blieb stehen und berichtete, dass sie die Decken abgegeben habe. Der Priester nickte ihr freundlich zu und ging weiter.

Gegen neun Uhr am andern Morgen, war Pater Rocco schon in der Straße, wo die Schwestern wohnten. Aus seinem Wege war ihm ein Hund begegnet, der auf eine elegant gekleidete Dame zu lief und ihr heulend die Zähne zeigte. Die Dame ging indes mutig an dem Tiere vorbei. Pater Rocco betrachtete sie neugierig als sie an ihm vorüber kam. Sie war hübsch; er bewunderte ihren Mut.

»Ich kenne das Tier,« sagte er, »aber wer mag die Dame sein?«

Der Hund war Scarammucia, der von seinem Morgenstreifzuge heimkehrte; die Dame, Brigitta, die sich zu Luca Lomi begab. —

Der Priester blicke urverwandt nach Nanina’s kleinem Fenster, dasselbe war geöffnet, aber weder die eine noch die andere Schwester zeigte sich. Es schlug neun. Noch immer kein Zeichen! — So vergingen noch einige Minuten. Sie zögert lange, sagte der Priester. Als diese Worte ausgesprochen waren, flatterte die weiße Mantilla aus dem Fenster.



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Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Der Meisterstreich der Modistin Grifoni war zwar gelungen, aber er bewahrte das große Etablissement nicht vor weiteren Unannehmlichkeiten; denn als Virginie acht Tage in dem Geschäft war, wurde sie krank.

Verschiedene Gerüchte gingen über diese Krankheit durch Pisa. Einige behaupteten, die neue Geschäftsführerin habe Gift erhalten; vielleicht von irgend einer Rivalin. — Die Krankheit war so ernster Natur, dass der Doktor die Genesene nach den Bädern von Lucca sandte, sobald es ging.

Glücklicher Weise hatte die Französin drei verschiedene Kleider vor ihrer Krankheit angefertigt, ein gelb seidenes Brokat-Kleid für eine Abendtoilette, einen schwarzen Mantel mit dazu gehöriger Kopfbedeckung vom allerneuesten Schnitt, und drittens, ein phantastisches Überkleid nach dem Schnitt, wie es die Prinzessin bei der Bluthochzeit in Paris getragen haben soll. Diese drei Gegenstände wurden nun in dem Verkaufslokale der Modistin gezeigt und die Damen von Pisa bewunderten und bestellten.

Die Direktrice blieb zwei Monate in Lucca und kehrte neu gestärkt nach Pisa zurück, um ihren Platz bei der Grifoni wieder auszufüllen.

Aber sie fand Manches verändert.

Ihre Freundin Brigitte hatte das Etablissement verlassen, trotzdem die Grifoni sie gern behalten hätte. Niemand konnte sagen, wo Brigitte sich aufhielt.

Monate vergingen. Es kam das neue Jahr, aber man hörte noch immer nichts von dem Flüchtling. Ja, es verging ein ganzes Jahr darüber, aber Brigitte blieb verschwunden. Gleich nachdem kam ein Brief an Virginie, in welchem Brigitte ihre Rückkehr nach Pisa anzeigte und den Wunsch aussprach, ihre Freundin Abends in ihrer Privatwohnung besuchen zu dürfen.

Die Einladung erging und Brigitte erschien auch pünktlich in dem Wohnzimmer ihrer Freundin. Brigitte fragte so leichthin nach dem Befinden ihrer Freundin, als wenn sie dieselbe vor einigen Tagen zum letzten Male gesehen habe.

Virginie lachte herzlich darüber und sagte: »Man nannte Dich stets im Geschäft der Grifoni »die Sorgenfreie!«

»Sage mir nur, wo bist Du gewesen? und warum hast Du nicht geschrieben?«

»Ich hatte Dir nichts Besonderes zu schreiben und dann hoffte ich auch, dass ich Dich hier bald wiedersehen würde,« antwortete Brigitte und lehnte sich behaglich in ihren Stuhl zurück.

»Also gut! Aber sage mir wenigstens, wo Du in dem ganzen Jahre gewesen bist? Warst Du in Italien?«

»Nein, in Paris. Du weißt ich singe, zwar nicht besonders, aber Du entschuldigst, wenn ich Dir sage, dass die Französinnen gar nicht singen können! Ich begegnete einer Freundin und diese stellte mich einem Theater-Direktor vor. Er engagierte mich und ich wurde auf seiner Bühne zwar nicht die Prima Donna, doch erhielt ich die zweiten Partien.

»Da Deine liebenswürdige Landsmännin mir auf der Bühne nicht schaden konnte, so intrigierte sie hinter meinem Rücken, wenn wir unbeschäftigt waren. In kurzer Zeit zankte ich mich nach einander mit dem Theater —Direktor, mit seiner Gattin, mit meiner Freundin, und so siehst Du mich nun wieder hier in Pisa mit wenig Geld im Beutel und ohne Plan für die nächste Zukunft.«

»Warum verließest Du uns?« erwiderte Virginie achselzuckend.

Brigittens Augen verloren den gleichgültigen Ausdruck, sie sah ihre Freundin bedeutungsvoll an und sagte: »Warum? — Jedes mal, wenn ich sehe, ich werde das Spiel verlieren, so gebe ich es vorher auf, um nicht geschlagen zu werden.«

»Ah, Du meinst, es war unmöglich, den jungen reichen Bildhauer zu fischen,« entgegnete Virginie. »Ich bin begierig, zu hören, was aus der ganzen Angelegenheit geworden ist. Du weißt, ich wurde krank und erfuhr bei meiner Rückkehr von Lucca nur, dass der junge Mann die Tochter des Bildhauer Lomi geheiratet habe. Daraus folgerte ich natürlich, dass Du die Partie verloren, Magdalene Lomi dagegen dieselbe gewonnen habe. —«

»Sage mir, ist das Paar glücklich, Virginie?«

»Man spricht wenig darüber. Sie hat alles, was ihr Herz sich wünschen mag: schöne Toiletten, Pferde und Wagen, einen kleinen Neger zum Bedienten und den reizendsten Bologneser als Schoßhündchen. Außerdem ist sie jetzt Mutter geworden. — Das Kind ist noch keine Woche alt.«

»Ich hoffe, es ist kein Knabe?«

»Nein, ein Mädchen.«

»Das freut mich! Das reiche Volk wünscht sich zuerst immer einen Stammhalter. Die werden Beide ärgerlich sein, dass es ein Mädchen ist, und das freut mich außerordentlich!«

»Wie vergnügt Du darüber zu sein scheinst,« sagte Virginie »Deine Augen glänzen ja förmlich.«

»Ja, ich freue mich über Alles, was denen unangenehmes geschieht, denn, ich hasse Beide über jede Schilderung! Doch jetzt sollst Du erfahren was vorging, sage mir nur erst, wie sich die Wöchnerin befindet.«

»Wie sollte ich das wissen?« entgegnete Virginie

»Modistinnen verkehren nicht mit Edelleuten, das weißt Du ja.«

»Richtig! Weißt Du nichts über unseren Dummkopf Nanina?«

»Ich habe weder von ihr gehört noch sie gesehen,« antwortete Virginie. »Es ist möglich, dass sie in Pisa ist. Hier bei uns war sie nicht mehr.«

»Das ließ sich voraussehen! Pater Rocco hat sie gewiss beseitigt, damit sie seiner Nichte nicht im Wege sei.«

»Was,« fragte die Geschäftsleiterin, »liebte Fabio dieses fadenscheinige Mädchen wirklich?«

»Mehr als fünfzig solche Weiber, wie er jetzt eins hat!« entgegnete Brigitte.

»Ich war in dem Atelier, als er die Abreise des Mädchens erfuhr.«

»Fabio erhielt einen Brief, in welchem ihm das Mädchen mitteilte, dass sie Pisa verlassen habe, weil sie nicht wollte, dass er mit seinen Bekannten und Freunden in Disharmonie gerate; denn das würde sicher geschehen, wenn er sie, die Arme, heiraten würde, wie er ihr versprochen habe. Natürlich wollte er durchaus nicht daran glauben, dass dies ihre Ansichten seien und er verdächtigte auch sogleich Pater Rocco, der mit dem jungen Mädchen gleichzeitig Pisa verlassen hatte. Ich sah nie einen Menschen in solcher Verzweiflung wie Fabio. Er schwor, dass er ganz Italien nach dem Mädchen durch forschen wollte und dass er Luca Lomi’s Atelier nie wieder betreten werde.«

»Was das Letzte betrifft, so hielt er sein Wort sehr schlecht,« warf Virginie ein.

»Als ich wieder in das Atelier kam, entdeckte ich zwei Dinge. Erstlich, dass Fabio das arme Mädchen wirklich geliebt hatte und zweitens, dass Magdalene Lomi in ihn verliebt sei. Ich stellte Vergleichungen zwischen mir und Magdalena an und fand, dass meine Figur hübscher sei als die ihrige; sie war groß, aber nicht schön gebaut; aber ihre Augen waren dunkler und glänzender als die meinigen, ihr Haar wie die Einzelheiten ihres Gesichtes waren schöner als die meinigen; denn meine Nase ist kurz, meine Lippen sind zu dick und meine Oberlippe hängt zu weit auf die Unterlippe; kurz, ich besitze Fehler im Gesicht, von denen sie frei ist; und dann hatte sie auch viel mehr Gelegenheit, den jungen Narren für sich zu gewinnen, als ich —«

»Wie?«

»Als er über den Verlust seiner Geliebten in dem Atelier auf und ab rannte, stand Magdalene mit niedergeschlagenen Augen schweigend da. Sie hatte die Nanina sicher gehasst, aber sie zeigte es nicht und das war sehr klug! — Wohin das Mädchen gekommen, ist bis jetzt nicht aufgeklärt.

»Ich suchte zunächst die Gunst des alten Lomi zu gewinnen und erzählte ihm, dass ich von meiner zartesten Kindheit an die Bildhauerkunst geliebt habe, und da ich nun in Erfahrung gebracht, dass ihm ein Modell zu einer Minerva fehle, sei ich gekommen, nur der Ehre, nicht des Geldes wegen, ihm zu sitzen. Ich weiß zwar nicht, ob er mir das glaubte, aber er fand, dass ich zu einer Minerva tauglich sei und nahm mit großer Höflichkeit mein Anerbieten an. Wir trennten uns mit der Verabredung, dass ich ihm im Laufe der Woche zum ersten Male sitzen möge. —«

»Warum wurde so viel Zeit dazwischen gelegt?«

»Ich wollte, dass der junge Verliebte schon wieder im Atelier sei, wenn ich dort beschäftigt sein würde. Was sollte ich denn ohne ihn dort? Das wäre ja ganz zwecklos für mich gewesen.«

»Ja, ja, ich vergaß. Wie lange dauerte es denn, bis er wieder kam?«

»Ich hatte ihm sogar zu viel Zeit gegeben; — als ich meine erste Sitzung hielt, fand ich ihn bereits wieder anwesend, und ich hörte, dass er schon ein Mal im Atelier gewesen sei, seit Nanina verschwunden war. Die erregendsten Männer sind ja immer am leichtesten zu versöhnen.«

»Machte er keine weiteren Anstrengungen das Mädchen aufzusuchen?«

»O ja, aber ohne Erfolg. Vier Tage ernsten Nachdenkens hatten ihn indes geheilt. Luca Lomi hatte ihm einen Versöhnungsbrief geschrieben, und gefragt, was er und seine Tochter Tadelnswertes begangen hätten, selbst in der Voraussetzung, dass Pater Rocco Nanina aus Pisa geführt habe. Magdalene war dem jungen Manne dann auf der Straße begegnet und hatte ihn nicht angesehen. — Kurz, er kehrte ins Atelier zurück, arbeitete still und ernst und schien über den Priester sehr erzürnt zu sein.«

»Ich bin begierig zu hören, wie Rocco sich rechtfertigte.«

»Pater Rocco ist nicht der Mann dazu, mutlos gemacht zu werden; denn an demselben Tage als Fabio ins Atelier zurückkehrte, besuchte der Priester dasselbe auch wieder zum ersten Male. Und er behauptete sogar, dass Nanina wie ein rechtschaffenes, gutes Mädchen gehandelt habe und er würde gewiss nichts über ihr Verschwinden berichten. Ja, er sagte, dass er Niemandem das Recht zugestehe, ihn darüber weiter zu befragen. Bitten, Drohungen, Alles war vergeblich dem Priester das Geheimnis abzuringen wo Nanina sich aufhalte. Du kannst glauben, Virginie Pater Rocco kann der liebenswürdigste und gefälligste Freund, aber auch der gefährlichste Feind sein. — Mich behandelte der Priester stets wie eine Dame, während andere mich wie eine — behandelten.«

»Still, stillt Werde nicht ärgerlich, Brigitte, und erzähle mir, wie Du Dich dem jungen Mann nähertest.«

»Ich schlug den verkehrtesten Weg dazu ein; ich teilte ihm mit, dass ich Nanina kenne, dann sagte ich ihm, dass sie ihn wohl nie geliebt hätte, denn einen Geliebten zu verlassen, sei etwas Unmögliches; wahrscheinlich habe er einen glücklicheren Rivalen gehabt. Er bestritt dies ernstlich und sehr eifrig, aber nachdem ich seinen Stolz verletzt hatte, gewann ich doch einiges Terrain für mich. — Es schien, als wollte er bekannter mit mir werden. —

»Der alte Lomi merkte Etwas und wurde kalt und zurückhaltend gegen mich; zuletzt sogar grob und rau, — Eines Tages hörte ich, dass Fabio und Magdalene über mich sprachen, als sie mich schon aus dem Atelier entfernt glaubten. Ich kann noch jedes ihrer Worte wiederholen und ich fühle noch heute, dass mein Blut heißer fließt, wenn ich an jene Unterredung denke. Erstlich lachten sie über mich und dann —«

»Still, Brigitte, nicht so laut, man könnte Dich hören! Ich kann mir denken was sie sprachen. Sie hatten entdeckt, wer Du bist?«

»Ja, und denke Dir, Alles durch sie, Alles durch Magdalene!

»Dann beschlossen sie, dass mich der Priester öffentlich rügen und zur Tür hinaus werfen sollte, da er stets so freundlich gegen mich war! Sie sagten, dass er erschrocken über mich gewesen sei, als sie ihm mitgeteilt, wer ich eigentlich sei. Dann lachten sie wieder laut auf.

»Das war das Letzte, was ich vernahm.

»Ich kehrte mich, wütend, mit dem Entschluss um, das Atelier nie wieder zu besuchen und — Pater Rocco stand hinter mir.

»Er musste es meinem Gesicht ansehen, dass ich Alles wusste. — Er fragte mich jedoch in seiner alten herzlichen Weise, ob ich Etwas verloren habe, und ob er mir sollte suchen helfen. Ich versuchte ihm zu danken und ging zur Tür. Er öffnete mir dieselbe und verbeugte sich vor mir so tief, als wäre ich eine Gräfin. — Es war Abends als ich das Atelier verließ. Am nächsten Morgen kehrte ich Pisa den Rücken.

»Jetzt weißt Du Alles!«

»Wusstest Du es, dass die Hochzeit zu Stande kam, oder erfuhrst Du es erst jetzt?«

»Ich weiß es bereits seit sechs Monaten. Es kam ein Sänger nach Paris, der in einem Konzert bei der Hochzeitsfeierlichkeit mitgewirkt hatte. Aber lassen wir diesen unangenehmen Gegenstand jetzt fallen; ich gerate stets in Fieber, wenn ich darüber spreche,« sagte Brigitte. »Du bist wohl hier nicht in besonders guten Verhältnissen? Dein Zimmer ist sehr eng und dürftig.«

»Soll ich ein Fenster öffnen?«

»Nein,« entgegnete Brigitte, »komm, lass uns ans Ufer des Arno gehen, es ist schon dunkel, Niemand wird uns erkennen und nach einer halben Stunde werden wir hierher zurückkehren.«

Virginie ging auf den Vorschlag ihrer Freundin ein und beide gingen fort.

Die Sonne war untergegangen und die Nacht kam schnell. Obgleich Brigitte kein Wort mehr von Fabio sprach, so lenkte sie ihre Schritte doch in die Nähe des Palastes Fabio d’Ascolis.

Als sich die beiden Frauen eben dem Eingangsthor näherten, kam von der anderen Seite eine Sänfte; ein Diener, der sie begleitete, ging in den Palast, während die Dame in dem Innern der Sänfte sitzen blieb.

Brigitte schlüpfte mit durch die geöffnete Tür und hörte den Diener das Folgende zu dem Portier sprechen:

»Die Marchese Melani lässt sich erkundigten wie sich die Gräfin d’Ascoli und das Kind heute Abend befinden?«

»Meiner Herrin geht es noch so wie heute Morgen, aber das Kind befindet sich wohl,« antwortete der Portier.

Der Diener ging zu der Sänfte zurück und begab sich dann noch einmal zu dem Portier.

»Die Frau Marchese wünscht zu wissen, ob noch weitere medizinische Hilfsmittel angewendet wurden?«

»Es ist noch ein Doktor aus Florenz berufen,« antwortete der Portier.

Virginie vermisste ihre Freundin plötzlich und sie war nicht wenig erstaunt, als sie sah, dass diese aus dem Palast schlüpfte.

Bei dem Lichte der Laterne sah man, dass Brigitte lächelte.



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel

Während Marchese Melani sich nach dem Befinden der Wöchnerin erkundigte, saß Fabio in dem Wohnzimmer, welches als ein Lieblingsaufenthalt Magdalenens galt. Dasselbe war mit gelb seidenen Tapeten und mit gelb überzogenen Sesseln ausgestattet. Der junge Mann wartete auf den Ausspruch des Arztes.

Obgleich Magdalene nicht seine erste Geliebte war, und obgleich ihm das Mädchen nur durch Schlauheit zugeführt worden war, so schien die Ehe dennoch eine ziemlich glückliche zu sein.

Seine Frau verstand es, sich in seine Launen zu schicken und bewies ihm stets erst dann sein Unrecht, wenn er wieder ruhiger war. Sie war früher eifersüchtig gewesen, aber jetzt zeigte sich keine Spur dieser Leidenschaft mehr. Sie war nun die Mutter seines Kindes geworden und das Band der Liebe hätte sich von jetzt ab gewiss noch fester um die Gatten geschlungen; aber Magdalene lag nun gefährlich krank, und der junge Mann harrte ängstlich darauf, was der Doktor sagen würde.

Er läutete und es wurde ihm Licht gebracht.

Er fragte den Diener, wie es in dem Krankenzimmer stehe. Der Mann berichtete, dass die Gräfin schliefe; mit diesen Worten legte er einen versiegelten Brief auf den Tisch. Fabio fragte: wann derselbe angekommen sei. Er erhielt die Antwort, dass er bereits seit zwei Tagen auf dem Schreibtische des Ateliers gelegen habe und dass er ihn jetzt noch einmal übergebe.

Der Diener ging.

Fabio erinnerte sich daran, dass der Brief mit der unbekannten Handschrift vor zwei Tagen angekommen sei; da aber seine Gattin damals gerade so sehr leidend gewesen war, so hatte er ihn unbeachtet liegen lassen. Er öffnete den Brief und sah nach der Unterschrift.

Er kam von Nanina.

Er erbleichte: »Ein Brief von ihr! Warum kommt er gerade jetzt?« Er blickte nach der Richtung des Krankenzimmers und zögerte mit dem Lesen. Fabio war ja abergläubisch. — Doch er las:

»Habe ich Unrecht Ihnen zu schreiben?

»Gut, so werfen Sie das Stück Papier ins Feuer und denken Sie nicht weiter daran. Warum ich Sie verließ? Damit Sie das arme Mädchen nicht heiraten sollten. Mein Herz wollte zwar brechen, doch ich erhielt mich bei der Erinnerung, dass dies zu Ihrem Wohle geschehe. Ich dachte Tag und Nacht daran.

»Oft beschloss ich nach Pisa zurückzukehren und Ihnen zu sagen, dass Nanina nicht herzlos und undankbar sei, dass Sie Mitleid mit ihr haben und sie nicht länger lieben möchten.

»Ich konnte Ihnen das nur mündlich sagen, da ich nicht zu schreiben verstand. Ich lernte es jetzt erst heimlich. Dann schrieb ich meinen ersten Brief an Sie; als er beinahe vollendet war, erfuhr ich, dass Sie geheiratet haben, da verdarb ich das Schreiben mit meinen Tränen und schrieb nicht weiter.

»Ich hatte ja kein Recht, Sie und Ihre Gattin mit einem Briefe zu belästigen, ich durfte nur für Ihr Glück beten. Sind Sie glücklich? Ich nehme es an, denn welche Frau sollte Sie nicht lieben?

»Es wird mir sehr schwer, Ihnen zu sagen, warum ich nun doch schreibe.

Ich hörte, Ihnen sei ein Kind geboren und ich dachte, bei dieser Gelegenheit ist es wohl geeignet, dass ich Ihnen schreibe. Ich wünsche dem Kind Glück und Heil!

»Ich lebe bei guten Leuten und verdiene mir das tägliche Brot. Die Biondella ist nun so gewachsen, dass sie nicht mehr auf Ihren Schoß gehen müsste, um Sie zu küssen; ihre Decken versteht sie jetzt schon viel schöner und feiner zu flechten. Unser alter Hund lebt noch bei uns und hat zwei neue Kunststücke zu erlernt.

»Ich muss schließen. Wenn Sie den Brief bis zu Ende lesen sollten, so entschuldigen Sie die schlechte Schrift. Er enthält keine Adresse, weil ich finde, es ist besser, wenn ich keine Antwort erhalte. Ich segne Sie und bete für Sie und sage Ihnen ein Lebewohl. Können Sie an mich wie an eine Schwester denken, so tun Sie es zuweilen.«

Fabio seufzte bitterlich, als er den Brief gelesen hatte. Warum muss der Brief gerade jetzt kommen, sagte er. Tränen kamen in seine Augen. Er hob den Brief eben zu seinen Lippen auf, da wurde an die Tür geklopft. Ein Diener trat ein.

»Meine Herrin ist erwacht,« sagte der Mann mit sehr ernstem Gesicht, »und der Herr Doktor —«

Bevor er noch seine Botschaft ausrichten konnte, trat der Arzt auch in das Zimmer.

»Ich wünschte, ich könnte Ihnen bessere Nachrichten bringen,« sagte er zu Fabio.

»Hat sich die Krankheit verschlimmert?« fragte der junge Ehemann und sank in seinen Sessel zurück.

»Sie ist nach dem Schlafe viel schwächer geworden,« antwortete der Doktor. »Ich gebe freilich noch nicht alle Hoffnung auf, aber —«

»Warum sollen Sie sich mit falschen Hoffnungen trösten,« sprach der zweite Arzt, den man aus Florenz berufen hatte und der eben auch ins Zimmer trat, »die Gräfin liegt im Sterben. Kommen Sie zu ihr!«

Bleich und stumm erhob sich Fabio und machte eine bejahende Bewegung. Der Doktor musste ihn führen, so zitterte er am ganzen Körper.

»Hat Ihre Herrin Verwandte in Pisa?« fragte der fremde Doktor den Diener.

»Ihren Vater, den Signor Luca Lomi und ihren Onkel, den Pater Rocco,« entgegnete der Mann. »Sie waren beide heute hier, bevor die Kranke einschlief.«

»Können Sie sie herbeirufen?«

»Ja, Signor Lomi ist in seinem Atelier, Pater Rocco in seiner Wohnung.«

»So schicken Sie gleich nach ihnen! Wo wohnt der Beichtvater der Dame?« setzte der Doktor hinzu.

»Ihr Beichtvater ist Pater Rocco.«

»Gut! So holen Sie sie schnell. Es sind nur noch wenige Minuten, die Ihre Herrin zu leben hat.«

Der Doktor setzte sich dann in den Stuhl, den Fabio so eben verlassen hatte.



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel

Bevor noch der Diener die Wohnung des Priesters erreicht hatte, ließ sich ein anderer Besuch anmelden, der auch sogleich von Pater Rocco empfangen wurde. Der Angekommene war ein außerordentlich sauber gekleideter Mann mit einer etwas kriechenden Höflichkeit. Er verbeugte sich, als er sich niedersetzte, verbeugte sich als Pater Rocco fragte, wie es ihm gehe und verbeugte sich zum dritten Male, als der Priester fragte, was ihn von Florenz nach Pisa führe.

»Sehr unangenehme Dinge,« antwortete der kleine Mann und räusperte sich erst noch ein Weilchen, »die Kleidermacherin Nanina, welche Sie vor einem Jahre unter die Aufsicht meiner Frau stellten —«

»Was ist mit ihr?« fragte der Priester.

»Sie hat uns leider mit ihrer kleinen Schwester und dem abscheulichen Hund, der Jedermann anbellt, verlassen.«

»Wann gingen sie von Ihnen?«

»Erst gestern und heute bin ich gekommen, dies anzuzeigen, weil Sie uns die Mädchen so angelegentlich empfohlen haben. Meine Frau war sehr gut zu ihnen und ich habe sie wie Fürstinnen behandelt. Ich kaufte die Decken, welche die Kleinere flocht und ertrug geduldig den unangenehmen Hund.«

»Wissen Sie nicht, wo sie sind?«

»Ich erfuhr auf dem Paß-Büreau, dass sie Florenz noch nicht verlassen haben, aber wo sie sich aufhalten, weiß ich nicht.«

»Sie können Sie nicht ohne Ursache verlassen haben! Nanina ist viel zu verständig dazu. Ist kein Grund dafür zu finden?«

Der kleine Mann besann sich und rückte hin und her auf seinem Sitze. Endlich sagte er:

»Sie empfahlen uns das Leben und die Handlungen des jungen Mädchens streng zu bewachen. Wir meldeten Ihnen nun vor einiger Zeit, dass sie heimlich Schreibunterricht nähme.«

»Ja, und ich schrieb Ihnen, dass Sie keine Notiz davon nehmen möchten, sondern Sie sollten sich nur darum bekümmern, was sie mit der erlernten Kunst machen würde, ob sie vielleicht an Jemand schreiben würde; allein in ihren monatlichen Berichten las ich nichts weiter darüber.« —

»Es geschah auch bis vor drei Tagen nichts Verdächtiges. Aber sie verließ an diesem Tage ihr Zimmer, begab sich auf die Post und steckte einen Brief in den Postkasten.« —

»Sie wissen doch genau die Adresse, an die der Brief ging?« fragte der Priester.

»Unglücklicher Weise nicht!« antwortete der Kleine.

Pater Rocco antwortete nicht. Er dachte vielmehr darüber nach, an wen das Mädchen geschrieben haben könnte. An Fabio hätte sie sicher früher geschrieben, — da es nun wahrscheinlich nicht an Fabio war, so besann sich der Priester auf eine andere Person.

»Ich bedauere recht sehr, dass ich die Adresse nicht angeben kann,« sagte der Mann noch ein Mal.

»Es ist zu spät zum Bedauern,« entgegnete Pater Rocco kühl. »Teilen Sie mir gefälligst schnell die Beweggründe und die Umstände mit, unter denen sie Ihr Haus verließ; aber fassen Sie sich recht kurz, denn ich kann in jedem Augenblick zu einer teuren, mir verwandten Kranken gerufen werden.«

»Ich werde die Kürze selbst sein,« begann der Mann.

»Zuerst müssen Sie erfahren, dass ich einen faulen, gewissenlosen Schurken als Lehrling in meinem Geschäft hatte.«

Der Priester blickte erschrocken in die Höhe. —

»Zweitens mögen Sie erfahren, dass dieser niederträchtige Bursche sich in Nanina verliebte.«

Pater Rocco lauschte aufmerksam.

»Allein ich muss dem Mädchen nachsagen, dass sie den Burschen nicht dazu ermutigt hat. Im Gegenteil, Jedes mal, wenn er mit ihr sprach, antwortete sie ihm sehr kurz.«

»Sie war stets ein sehr gutes Mädchen!« entgegnete Pater Rocco. »Doch weiter!«

»Das Schlimmste ist, dass dieser schurkische Bursche meine Papiere durchstöbert hat.« —

»Sie haben doch keine Privatbriefe offen liegen lassen?« fragte der Priester sehr ernst.

»Das soll in Zukunft nicht mehr geschehen, aber bis jetzt waren Briefe darunter.« —

»Hoffentlich keine von mir über Nanina?« fragte Rocco hastig.

»Unglücklicher Weise waren die auch dabei. Entschuldigen Sie mir dies eine Mal meine Unvorsichtigkeit,« sagte der kleine Mann. »In Zukunft, —«

»Solche Unvorsichtigkeit finden gar keine Entschuldigung,« antwortete der Priester ärgerlich.

»Wenn der abscheuliche Bursche nun dem Mädchen die Briefe gezeigt hat? Wie dann?«

»Warum sollte er das?« fragte der kleine Mann harmlos.

»Dummkopf! Sie sagten ja, dass er sich in sie verliebt habe und dass das Mädchen ihn nicht erhört habe.«

»Ja, das sagte ich, weil es so war!«

»Nun, sehen Sie denn nicht ein, dass er das Mädchen vielleicht durch ein solches Mittel für sich gewinnen wolltet Er hat ihr sicher gesagt, dass ich sie durch Sie überwachen lasse. Doch, kommen wir jetzt schnell zur Hauptsache! «

»Woher vermuten Sie, dass das Mädchen den Inhalt meiner Briefe an Sie kennt?«

»Am Abend, als die Drei mein Haus verlassen hatten,« begann der Mann wieder, »fand ich auf dem Tische ihres Zimmers einen Zettel. — Hier ist er!«

Pater Rocco griff hastig danach und las:

»Ich weiß nun, dass ich seit dem Eintritt in Ihr Haus stets überwacht werde. — Ich habe nicht Lust, noch eine Nacht in dem Hause eines Spions zu verbringen. Ich gehe mit meiner Schwester fort. Wir sind Ihnen nichts schuldig und können leben, wo es uns beliebt. Wenn Sie Pater Rocco sehen, so sagen Sie ihm, dass ich ihm sein Misstrauen wohl vergeben, aber nie vergessen werde; da ich ihm volles Vertrauen schenkte, durfte ich dasselbe auch von ihm erwarten! Ich dachte ihn mir stets als meinen väterlichen Freund. Das Vertrauen zu ihm habe ich jetzt für immer verloren.

Nanina.«

Der Priester stand auf und sagte: »Wir müssen diesen Vorfall schnell wieder gut zu machen suchen. Sind Sie bereit, morgen nach Florenz zurück zu reisen?«

Der Mann verneigte sich zustimmend.

»Machen Sie sie ausfindig und sehen Sie nach, ob sie gut untergebracht ist. Sprechen Sie nicht von mir und machen Sie keine Anstrengung, sie in Ihr Haus zurückzubringen.

»Mir zeigen sie dann schnell an, wo und wie das Mädchen lebt. Sie muss sehr gut behandelt werden. Machen Sie ja keine neuen Dummheiten; tun Sie gerade das, was ich Ihnen sage und nichts darüber. Haben Sie mir nun noch Etwas zu sagen?«

»Nein!« entgegnete der Kleine.

»Dann, gute Nacht!« sagte Rocco, und der Mann aus Florenz ging, sich fort und fort verneigend, zur Tür hinaus.

»Das ist ärgerlich!« sagte der Priester zu sich selbst und spazierte in seinem Zimmer auf und ab. »Ich liebe das Kind, ich habe der Kleinen Unrecht getan, ich weiß es! Hätten wir sie nur erst wieder aufgefunden!

»Nanina ist ein sehr gutes, verständiges Mädchen! Wie hübsch ist der Brief geschrieben.« Mit diesem Selbstgespräch näherte sich der Priester dem Fenster und sog die frische Luft hastig ein.

Als er sich wieder seinem Arbeitstische zuwandte, dachte er nur noch an seine Nichte.

»Es ist sonderbar, dass man nicht hört, wie es Magdalenen geht. — Vielleicht hat Luca Nachricht bekommen. Ich werde nach dem Atelier gehen.«

Er näherte sich der Tür Eben trat Fabio’s Diener ein.

»Ich bin gesendet, Sie in den Palast zu holen. Die Doktoren geben jede Hoffnung auf,« sagte der Mann sehr kurz und ernst. —

Pater Rocco wurde geisterhaft bleich und fragte: »Weiß mein Bruder es schon?«

»Nein, ich gehe jetzt ins Atelier,« antwortete der Diener.

»Geht nur nach Hause! Ich werde meinen Bruder selbst benachrichtigen,« sagte Rocco und ging neben dem Diener die Treppen herunter.

»Wie geht es dem Kind?« fragte er.

»Dem Kind geht es gut!« lautete die Antwort.

»Das ist wenigstens ein Trost,« sprach Rocco halb zu sich, halb zu dem Diener gewendet, der sich nun entfernte.

»Die Mutter muss ich jetzt aufgeben,« sagte Rocco zu sich, jetzt muss ich das Kind für meine Pläne erziehen. Des Vaters unrechtmäßig erworbener Reichtum soll nun durch die Hände dieses Kindes der Kirche wieder zugeführt werden.«

Er eilte in das Atelier; unterwegs musste ihm eine neue Idee gekommen sein, denn er stand plötzlich still, lehnte sich auf das Geländer der Brücke, über welche er gekommen war und blickte ein Weilchen in das hell-scheinende Mondlicht. Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er nicht einmal das Nahen von zwei Damen bemerkte.

Die Größere der Beiden sah ihm ins Gesicht und rief:

»Guten Abend, Pater Rocco!«

»Donna Brigitta! rief der Priester aus, dann verneigte er sich vor ihr mit gewohnter Höflichkeit.

»Verzeihen Sie, wenn ich mich jetzt nicht länger dem Vergnügen der Unterhaltung hingebe; uns hat schweres Unheil getroffen und ich gehe jetzt zu meinem Bruder, ihn darauf vorzubereiten,« fügte Rocco hinzu.

»Sie meinen die Krankheit Ihrer Nichte? Ich hörte diesen Abend davon,« entgegnete Brigitte.

»Ich hoffe, es soll sich zum Besten wenden. Ich war so lange nicht in Pisa, ich danke Ihnen, Pater Rocco, für die Freundlichkeit, welche Sie mir früher stets erzeigten!«

Mit diesen Worten hatte Brigitte sich entfernt und ihre Freundin wieder eingeholt. Der Priester hatte bemerkt, dass Virginie horchen wollte, was zwischen ihm und Brigitte gesprochen wurde. Er lauschte deshalb darauf, was die beiden Frauen zu einander sagen würden.

»Virginie,« fing Brigitte an, »wetten wir um ein neues Kleid, dass Fabio d’Ascoli wieder heiraten wird.«

Pater Rocco war wie von Feuer durchglüht, als er diese Worte hörte.

»Was sollte die Fremde, die mir keinen Einfluss auf sich und die Erziehung der Kinder einräumen würde, wohl für die Kirche tun?« fragte sich der fromme Sohn der Kirche.

Er stand still und blickte feierlich zu dem Nachthimmel auf. Die Brücke war leer. Er sah in seinem schwarzen Priesterkleid wie ein fürchterliches Gespenst aus. Dann drehte er sich nach der Richtung, welche eben die beiden Frauen genommen hatten und sagte:

»Donna Brigitta, ich wette um fünfzig neue Kleider, dass Fabio d’Ascoli nie wieder heiraten wird!«

Er hatte das Atelier erreicht, läutete an und sagte dann noch zu sich: »Donna Brigitta, war Ihr erster Fall noch nicht tief genug? Der zweite dürfte unangenehmer für Sie ausfallen!«

Lomi öffnete selbst die Tür und die Brüder gingen in das Atelier.

»Hast Du Nachrichten?« fragte Luca Lomi hastig.

»Mein armer Luca, nimm Deinen Mut zusammen. Die Doktoren haben jede Hoffnung aufgegeben,« entgegnete Rocco.

Luca stieß einen Schrei der Verzweiflung aus! »Magdalena, mein armes, armes Kindl« rief er weinend.

Die Liebe des Mannes concentrirte sich nur auf seine Tochter und seine Bildwerke.

Nachdem sein heftiger Schmerz vorüber war, sah er, dass die Beleuchtung um ihn her eine andere geworden war und er sah den Priester mit der Lampe in der Hand an dem äußersten Ende des Ateliers, als ob er Etwas suche.

»Rocco! Rocco! Warum nahmst Du hier die Lampe fort? Was tust Du dort?«

Es kam keine Antwort. Luca ging ihm nach und fragte: »Was tust Du hier?«

Der Priester hatte jetzt gehört und kam mit der Lampe zurück.

»Rocco! Wie blass Du bist! Was ist denn geschehen?«

»Sprich kein Wert rief der Priester aus und setzte seine Lampe auf den nächsten Tisch.

Luca sah, wie des Priesters Hände zitterten, er hatte seinen Bruder nie so aufgeregt gesehen.

Als Rocco vor wenigen Sekunden den Tod Magdalenens als sicher bevorstehend angezeigt hatte, war seine Stimme ruhig geblieben, was konnte jetzt geschehen sein?

Der Priester sah die ängstlichen Blicke seines Bruders und flüsterte ihm zu:

»Nimm schnell Deinen Hut, lass uns eilen, wir haben keine Sekunde zu verlieren, wenn wir sie noch lebend treffen wollen! Komm, komm, ich werde die Lampe hier auslöschen!«

Mit diesen Worten löschte er das Licht. Sie verließen das Atelier, dicht neben einander gehend. Das Mondlicht schien hell durch das Fenster und erhellte die Stelle, wo der Priester mit der Lampe gestanden hatte. Als sie dort hinkamen, fühlte Luca, dass Rocco heftig zitterte und sah, wie er seinen Kopf fort-wendete.

Zwei Stunden danach waren Fabio d’Ascoli und seine Gattin für dieses Erdenleben getrennt. Die Diener des prächtigen Palastes sprachen leise von den Vorbereitungen zu dem Begräbnisse ihrer Herrin, die nun bald auf dem Friedhof von Campo Santo schlummern sollte.



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Dritter Teil

Erstes Kapitel

Nachdem die Gräfin d’Ascoli etwa acht Monate begraben war, beschäftigte sich die lustige Welt Pisas mit zwei Gerüchten, welche die Erwartung, wie die Neugierde spannten. Das eine sprach von einem großartigen Maskenfest, welches im Palast Melani gegeben werden sollte, und zwar zu Ehren der Erbin des Hauses, die ihre Großjährigkeit feiern würde.

Die Freunde des Hauses waren schon im Voraus entzückt von dem Feste, weil der alte Marquis den Ruf hatte, der gastfreundlichste aber auch der sonderbarste Mann in Pisa zu sein. Jedermann war überzeugt, dass, wenn der Ball wirklich gegeben werde, auch das Vorzüglichste an Maskenaufzügen, Tänzen und allgemeinen Vergnügungen geboten werden würde.

Das zweite Gerücht sprach von der Rückkehr des jungen Witwer Fabio d’Ascoli, der nach dem Tode seiner Frau in fremde Länder gereift war und nun geistig gekräftigt zurückkehren sollte. Auf dem Feste der Melani’s sollte er zum ersten Male wieder die große Gesellschaft besuchen, hieß es.

Dies interessierte die Damen Pisas natürlich am meisten. Fabio hatte nun sein dreißigstes Jahr erreicht und man fand es natürlich, dass er sich eine Gattin und seinem Kind eine zweite Mutter suchen werde.

Die Einladungen der Melani’s ergingen gerade, als Fabio in seinen Palast am Arno zurückgekehrt war. Es schien, als wollte der alte Marquis Melani’s dieses Mal in der Tat seinen Ruf als Sonderling befestigen; denn er erfand die außer gewöhnlichsten Kostüme, welche seine intimsten Freunde tragen sollten, dann arrangierte er die groteskesten Tänze, welche von einer Truppe aus Florenz ausgeführt werden sollten.

Er komponierte sogar selbst eine Symphonie zu dem Feste, und noch nicht befriedigt von dem Allem, ließ er noch reizende arkadische Lauben in zwei Zimmern errichten, in welchen die schönsten Mädchen aus Pisa, als Schäferinnen verkleidet, Erfrischungen reichen sollten, und zwar als Schäferinnen aus der Zeit des Virgil. —

Der Marquis hatte angeordnet, dass für jedes Zimmer fünfzehn Schäferinnen erwählt werden möchten. Man würde in Pisa leicht die doppelte Zahl der Schönen haben finden können, wenn Schönheit allein die Wahl geleitet haben würde, aber die Hirtinnen sollten sich auch gleichzeitig eines unbefleckten Rufes erfreuen, einmal weil sie mit dem Silbergeschirr des Grafen in lebhafte Berührung kommen würden und ferner —

Der Intendant des alten Marquis war zwar in Verzweiflung, aber er war doch gezwungen seinem Herrn am Vorabende des Festes mitzuteilen, dass er trotz eifrigsten Forschens doch nur die Zahl Von zweiundzwanzig Schäferinnen zusammen gebracht habe. —

»Unsinn!« schalt der alte Marquis, »ich wünsche dreißig und nicht eine darunter! Was nützt Ihr Kopfschütteln, da die Kleider der Dreißig bereits fertig sind!

Dreißig Tuniques, dreißig Kränze, dreißig Paar Sandalen und seidene Strümpfe, dreißig Hirtenstäbe, alles Dies liegt bereit! Was soll ich mit der Zahl zweiundzwanzig? Sprechen Sie kein Wort! Sie geben mir entweder meine dreißig Hirtinnen oder Sie verlieren Ihre Stellung!« Mit diesen Worten wies der alte Mann nach der Tür

Der Intendant des Hauses Melani wusste sehr genau, dass er nicht weiter widersprechen durfte und ging.

Den ganzen Tag lief der Intendant zu seinen Bekannten umher und bat sie fast flehentlich um die Mitwirkung ihrer Töchter bei dem Feste seines Herrn, und so gelang es ihm nach sehr vielen Bemühungen nun auch, die Zahl der Hirtinnen bis auf neunundzwanzig zu bringen.

Jetzt fehlte nur noch die Dreißigste und fast verzweiflungsvoll ging er eben durch eine Nachbarstraße des Campo Santo dem Palais Melani zu, als er ein junges Mädchen an der Tür eines Hauses stehen sah. Es schien, als warte sie auf Jemand.

»Himmel!« rief der Intendant, »wenn doch dieses Mädchen die Zahl füllen möchte! Sie würde die Hübscheste von den Dreißig sein und ich könnte meine Schritte ruhiger nach Hause lenken. Anfragen kostet ja nichts,« sagte der Mann und richtete sich dann mit den Worten an das junge Mädchen:

»Warten Sie ein wenig!« das Mädchen wollte eben in das Haus treten, »und erschrecken Sie nicht! Ich bin der Intendant des Marquis Melani und in ganz Pisa als rechtschaffener Mann bekannt, wünschen Sie vielleicht leicht, angenehm und auf ehrliche Weise Geld zu verdienen? Denn Sie sehen nicht so aus, als ob Sie zum Erwerben zu reich wären.«

»Ich bin sehr arm und sehr geneigt, etwas zu erwerben,« lautete ernst und bestimmt die Antwort.

»Gut,« sagte der Intendant, »so wird uns Beiden geholfen sein. Doch sagen Sie mir jetzt, wer Sie sind, denn ich habe mich Ihnen bereits genannt.«

»Ich bin eine Arbeiterin und mein Name ist Nanina,« sagte das Mädchen.

»Wohnen Sie in Pisa?«

»Ja, Sir, jetzt, aber ein Jahr war ich in Florenz, um das Nähen zu erlernen.«

»Sie waren ganz allein dort?«

»Nein, mit meiner kleinen Schwester; ich wartete eben auf das Kind, als Sie mich ansprachen.«

»Haben Sie sich früher nie mit etwas Anderem, als mit der Nähnadel beschäftigt?«

»Ja, in den letzten acht Monaten war ich in dem Dienste einer Dame in Florenz und meine Schwester, die erst elf Jahre alt ist, war in der Kinderstube dieser Dame beschäftigt.«

»Warum verließen Sie den Platz?«

»Die Dame ging mit ihrer Familie nach Rom und wir Schwestern konnten ihr nicht beide dahin folgen und trennen wollten wir uns auch nicht, da wir noch stets zusammen lebten, denn wir stehen ganz allein in der Welt. So sind wir nun hier in Pisa!«

»Und sind unbeschäftigt?«

»Wir kamen erst gestern hier an.«

»Da sind Sie wirklich sehr glücklich daran, mich hier gefunden zu haben,« sagte der Intendant. »Ist Jemand in der Stadt, der für Sie gut sagen kann?«

»Die Wirtin dieses Hauses!«

»Wer ist sie?«

»Ihr Name ist Martha Angrisani, Sir.«

»Was, die alte bekannte Krankenwärterin? Das ist die beste Empfehlung, die Sie haben können, mein Kind. Sie pflegte den alten Marquis, aber ich wusste nicht, dass sie hier wohne.«

»Die Frau hat das Haus hier länger als ich denken kann,« sagte Nanina, »denn meine jüngere Schwester und ich wohnten hier lange Zeit, und ich wünschte, dass wir wieder hier wohnen könnten, aber unser ehemaliges Zimmerchen ist vermietet und ein anderes, welches hier leer steht, ist zu teuer für uns.«

»Wie viel kostet es?« fragte der Intendant.

Nanina nannte die Summe und der Mann an ihrer Seite lachte laut auf. »Für das ganze Jahr kostet die Wohnung so viel?« fragte er noch einmal.

Nanina antwortete erstaunt: »Ja!«

»Ich will diese Summe sogleich geben,« sagte der Mann, »dazu sollen Sie noch schöne Kleider und Erfrischungen auf dem Ball des Marquis haben. Wollen Sie kommen?«

Nanina trat stumm einige Schritte zurück.

»Sie müssen ja von dem Balle gehört haben? Denn er wird von den Reichen und Armen in Pisa seit langer Zeit besprochen. Es ist so lange die Rede davon, seitdem die Gräfin d’Ascoli gestorben und ihr Gatte ins Ausland ging, und das sind nun bereits acht Monate her,« sagte der Intendant und verabschiedete sich, um von der Hausherrin Etwas über Nanina zu erfahren.

Nanina stand noch immer gedankenvoll da. Sie hatte nur gehört, dass Magdalene gestorben, der Graf ins Ausland gegangen war, aber nichts von seiner Rückkehr, nichts von dem Feste im Palast Melani.

Als sie noch so dastand, kam Biondella mit ihrem Pudel zurück und der Intendant trat auch wieder mit der Wirtin auf den Flur des Hauses.

»Sehen Sie nur,« sagte die gute Wirtin zu dem Intendanten, »dort kommt die Schwester der Nanina; es ist ein höchst geschicktes, liebes und fleißiges Kind, vielleicht braucht Ihr Herr, seine Exzellenz, einmal Etwas von der Ware der Kleinen; sie flechtet die schönsten Tischdecken in Pisa. — Was hast Du mit dem Hunde gemacht, Kleine?« fragte die Frau.

»Ich konnte ihn nicht an den Fleischbänken vorüber bringen,« sagte Biondella, »er wollte durchaus die Wurst belecken und ich hatte so große Furcht, dass er eine Wurst stehlen würde.«

Der Intendant klopfte Biondellas Wangen:und nannte sie ein hübsches, ehrliches Kind.

»Wenn Se. Exzellenz noch vielleicht einen Cupido brauchte, sollte sie auch mit auf dem Balle sein,« schloss der Mann, nachdem er Nanina’s großes Lob aus dem Munde ihrer alten Bekannten mit angehört hatte.

Er versprach dann, dass sie die Wohnungsmiete erhalten würde und ordnete an, dass sie morgen im Palast erscheinen und ihr Schäferkleid anprobieren sollte.

Der Biondella versprach der gute Mann noch Konfekt und schöne Bäckereien von dem Feste.

Biondella klatschte in die Hände und rief: »O, geh’ zu dem Balle, Nanina! Gehe, ja!«

Nanina stand noch ein Weilchen zögernd, dann fragte sie die alte Frau: »Glauben Sie, dass auch Priester auf dem Balle sein werden?«

»Aber Kind, eher findest Du Türken in einer christlichen Kirche, als Priester auf einem Maskenball,« antwortete die Wirtin.

Nanina antwortete nicht.

Ihre größte Angst bestand darin, dass der Priester sie einst auffinden würde; denn sie hatte sein Misstrauen noch nicht vergessen. —

»Also morgen, im Palast Melani,« sagte der Intendant; nahm seinen Hut und ging.

Er freute sich, dass er nun seinem Herrn die gewünschte Zahl der Schäferinnen würde vorführen können.

Der Intendant fand in dem Palast viele Arbeiter mit den Zurüstungen für die Festlichkeit beschäftigt und es hatten sich auch schon Zuschauer auf der Straße eingefunden, unter denselben befand sich auch eine Dame, deren hübsches Gesicht dem Intendanten gefiel.

Während er sie noch betrachtete, kam ein Pudel herbeigelaufen, beschnüffelte die Dame und fing dann an zu bellen und zu heulen.

Der Intendant nahm seinen Stock und trieb das Tier fort.

»Das abscheuliche Tier!« rief die Dame aus und setzte hinzu: »Nanina muss nach Pisa zurückgekehrt sein!«

»Sie nannten eben den Namen Nanina,« sagte der Intendant, »meinen Sie damit vielleicht eine kleine Handarbeiterin, in der Nähe von Campo Santo?«

»Dieselbe!« entgegnete die Dame überrascht.

»So kann ich Ihnen sagen, dass sie eben nach Pisa zurückgekehrt ist, und dass ich sie eben für die morgen hier stattfindende Festlichkeit engagiert habe.«

Die Dame verneigte sich und ging weiter ohne noch ein Wort zu sagen.

»Das ist eine merkwürdige Person!« sagte der Intendant und trat in den Palast.



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Zweites Kapitel.

Der Tod von Magdalene d’Ascoli verursachte eine große Veränderung in dem Leben ihres Vaters und ihres Onkels. Luca Lomi erklärte, es sei ihm unmöglich, noch länger in seinem Atelier zu arbeiten, wo seine Tochter so oft mit ihm verweilt habe. Er hatte in Neapel einige Bestellungen erhalten und war nach dieser Stadt gegangen, um dort zu arbeiten. Die Aufsicht über sein Atelier zu Pisa hatte er ganz seinem Bruder überlassen.

Nachdem der Meister abgereist war, ließ Pater Rocco die Bildsäulen und Büsten in dem Atelier seines Bruders mit Leinwand überziehen, verriegelte alle Türen, schloss alle Fenster und arbeitete nie wieder an dem Orte. wo sonst sein Lieblingsaufenthalt gewesen war.

Seinen Pflichten als Seelsorger kam er nach wie vor gewissenhaft nach. Seine regelmäßigen Visiten nach dem Palast d’Ascoli gingen nur bis zu der Lage des Portiers, dort fragte er nach dem Befinden des Kindes, welches unter der Fürsorge der besten Amme, die man hatte finden können, geblieben war.

Über Nanina hatte der Priester durch seinen Bekannten aus Florenz in Erfahrung gebracht, dass dieselbe bei einer der anständigsten Damen der Stadt beschäftigt sei. Er traf keine Anstalten dazu, sich bei dem jungen Mädchen zu rechtfertigen, sondern beauftragte nur seinen kleinen, höflichen Berichterstatter zu Florenz, ihm es anzuzeigen, sobald Nanina diese Stellung wieder verlassen sollte.

Die Verehrer des Paters behaupteten, dass sich derselbe je älter er werde, je mehr von den irdischen Beschäftigungen zurückziehe. Seine Feinde dagegen sagten, dass der Pater in diesem scheinbar unbeschäftigten Zustande Böses ausgrübele.

Dem Priester waren das Lob wie der Tadel gleichgültig. Er lebte weiter, wie es ihm beliebte.

Als Fabio nach Pisa zurückkehrte, war Rocco einer der Ersten, die ihn bewillkommneten. Diese erste Begegnung mochte jedoch nicht besonders freundlich geendet haben, denn Rocco wiederholte seine Besuche im Palast d’Ascoli nicht.

Er musste wohl einige Worte zu dem Wohle des jungen Mannes ausgesprochen haben, die diesem unbehaglich erschienen waren. — Die Leute wunderten sich ein wenig über den scheinbaren Bruch der beiden Verwandten, aber da die Menge gerade der Maskenball des Marquis Melani stark beschäftigte, so achtete sie nicht lange darauf.

Pater Rocco schien auch nun die Haupttrauer abgelegt zu haben, denn er öffnete das Atelier und ging wie früher seiner Lieblingsbeschäftigung, der Bildhauerkunst, nach.

Die Gehilfen Lomi’s meldeten sich, aber sie wurden nicht angenommen, da Rocco nur allein arbeiten wollte.

Die Leute, welche kamen das Atelier zu besuchen, wurden ebenfalls mit der Bemerkung abgewiesen, dass man ihnen nichts Neues zu zeigen habe.

So verging die Zeit, bis Nanina ihren Aufenthalt zu Florenz verließ. Es wurde dem Pater getreu Bericht darüber erstattet, aber er bemühte sich nicht, das junge Mädchen aufzusuchen; war er zu vertieft in seine Kunst, oder hatte er nicht Lust, sich deren Unwillen auszusetzen, man konnte es nicht genau bestimmen.

Am Morgen vor dem Balltage bedeckte der Pater Künstler seine Statuen aufs Neue, verschloss die Türen des Ateliers fest und begab sich in seine Wohnung. Es kamen einige Freunde zu ihm, aber er verweigerte es, sie zu empfangen, da er unwohl sei. — Hätten sie in sein Studierzimmer dringen können, so würden sie Rocco in der Tat furchtbar bleich und abgespannt gefunden haben.

Als sein Haushälter ihn am Abend des Tages drängte, etwas Speise und Trank zu sich nehmen zu wollen, erhielt er, zum ersten Mal in seiner Dienstzeit, einen recht scharfen Verweis.

Etwas später musste er mit einem Briefe nach dem Palast d’Ascoli gehen. Gleich darnach kam Fabio’s Diener mit der Antwort.

»Ah, die Beiden sind wieder befreundet, wie es scheint,« sagte der Haushälter zu sich selbst. Pater Rocco musste sich wohler fühlen, denn er rüstete sich zum Fortgehen und sagte zu dem Haushälter:

»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, so können Sie ihn benachrichtigen, dass ich im Palast d’Ascoli bin.«

Doch der Pater ging noch einmal an seine Tür zurück und versuchte, ob dieselbe auch fest verschlossen sei.

Dann ging er.

Er fand Fabio in seinem Zimmer auf- und abgehend; er schien schlechter Laune zu sein, trotzdem ein schwarzer Domino für den Ball auf dem Tische ausgebreitet lag. Fabio hielt ein zerknittertes Stück Papier in der Hand.

»Ich wollte Ihnen eben schreiben, als ich Ihren Brief erhielt, der mir Ihre Freundschaft aufs Neue anbietet und, — die ich auch annehme,« begann Fabio. »Ich wurde freilich erzürnt darüber, dass Sie mir eine zweite Heirat förmlich verboten, und ich gebrauchte vielleicht Ausdrücke, die ich jetzt bereue, und für die ich um Verzeihung bitte. Es scheint übrigens, dass Sie es nicht allein sind, der sich für meine Wiederverheiratung interessiert, denn nachdem es bekannt wurde, dass ich den Ball bei Melani besuchen wolle, erhielt ich hier diesen infamen anonymen Brief! Hier-lesen Sie ihn selbst!«

Pater Rocco beschattete seine Augen, setzte sich zu der Lampe und las:

»Graf Fabio! In Pisa spricht man davon, dass Sie damit umgehen, sich wieder zu verheiraten. Da Sie die Einladung zu dem Balle im Palast Melani angenommen haben, so bestätigen Sie dies Gerücht. — Denn ein Witwer Ihres Standes begibt sich nicht ohne besondere Absichten unter die lachenden Frauen der Gesellschaft. Ändern Sie Ihren Beschluss und bleiben Sie zu Hause. Ich kenne Sie und kannte Ihre Gattin und ich ermahne Sie feierlichst: »Sie dürfen nie wieder heiraten!«

»Schlagen Sie meinen Rat in den Wind, so werden Sie es bis an das Ende Ihres Lebens zu bereuen haben. Ich habe ernste, sehr ernste Beweggründe zu meiner Warnung.

»Wenn Sie Ihrem Weibe »die Grabesruhe« gönnen, so besuchen Sie diesen Ball nicht!«

»Jetzt frage ich Sie und jeden Anderen, ob das nicht infam ist?« sagte Fabio, als der Priester ihm den Brief zurückgab. »Man versucht es, mich mit meinem armen toten Weibe zu erschrecken. Ich selbst denke kaum an eine zweite Ehe! Wessen Interesse kann es also sein, dass ich den Ball nicht besuche? Was bedeutet diese Phrase von der »Grabesruhe« meines verstorbenen Weibes? Können Sie mir Aufschluss geben, wer diesen niederträchtigen Brief geschrieben hat? Um des Himmelswillen, so sprechen Sie doch wenigstens!«

Der Priester stützte seinen Kopf auf seine Hand und sagte in seiner ruhigsten Tonart:

»Ich kann nicht früher sprechen, bis ich darüber nachgedacht haben werdet Das Geheimnis dieses Briefes ist nicht so schnell ergründet! — Er enthält Dinge, die Jedermann bestürzt machen und in Erstaunen setzen würden.«

»Welche Dinge?« fragte Fabio.

»Ich kann jetzt nicht darauf antworten,« erwiderte der Priester.

»Sie tun so geheimnisvoll, haben Sie mir nichts Bestimmtes darüber zu sagen?« fragte Fabio.

»Ja, ich ersuche Sie ebenfalls, nicht auf den Ball zu gehen. —«

»So! Und weshalb?«

»Wenn ich Ihnen meine Gründe nenne, so werden Sie wieder böse werden.«

»Pater Rocco,« sagte Fabio schnell, »Sie sprechen in Rätseln und sitzen dort im Dunkeln, um mir Ihr Gesicht zu verbergen; warum geschieht das?«

Der Priester blickte in die Höhe und brachte sein Gesicht in die volle Beleuchtung der Lampe.

»Ich rate Ihnen doch, höflicher mit mir zu verfahren,« sagte er zu dem Witwer, »und Ihre Worte mehr zu erwägen!«

»Wir wollen das Gespräch nicht weiter fortsetzen,« sagte Fabio, »ich habe nur noch eine Frage an Sie und dann nichts mehr.«

Der Priester neigte seinen Kopf wieder zu seiner Brust und schien zum Hören bereit, und zwar so, dass jeder Zug seines Gesichts voll beleuchtet war.

»Ich frage Sie, da Sie der Beichtvater und der Vertraute meines verstorbenen Weibes waren, ob diese gegen Sie oder irgend Jemand, einst den Wunsch ausgesprochen hat, dass ich mich in dem Falle, dass ich sie überleben sollte, nicht wieder verheiraten möge. Sprach sie nie zu Ihnen diesen Wunsch aus?«

»Sprach Sie nie zu Ihnen diesen Wunsch aus?« fragte Rocco.

»Weshalb stellen Sie eine Frage, wo ich eine Antwort erwarte?« bemerkte Fabio.

»Weil es mir nicht erlaubt ist, Fragen zu beantworten, die vielleicht ein Beichtgeheimnis berühren.« entgegnete der Priester.

»Wir haben genug gesprochen,« rief Fabio und drehte dem Priester den Rücken; »ich hoffte, Sie würden mir ein Geheimnis aufdecken helfen, statt dessen vergrößern Sie dasselbe. Und ich erkläre hiermit, dass kein Macht der Erde mich von dem Besuche des heutigen Maskenballes abhalten soll!«

»Keine Erden-macht!« wiederholte Rocco langsam und mit seltsamem Lächeln, »abergläubischer Graf Fabio! Fürchten Sie nicht die Macht einer andern Welt, die sich auch leicht bei den Maskenbällen der Sterblichen geltend machen könnte?«

Fabio blickte überrascht in das Gesicht des Priesters. Dieser fuhr fort:

»Sie finden, es ist besser unsere Unterhaltung nicht fortzusetzen. Ich denke, Sie haben Recht, trennen wir uns jetzt, so trennen wir uns noch als Freunde. Sie haben meine Warnung, nicht den Ball zu besuchen; jetzt Thun Sie, was Ihnen beliebt. Gute Nacht!«

Mit diesen Worten ging der Priester fort.



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel.

Der Ballabend war gekommen, der Domino und die Halbmaske lagen noch immer auf dem Tische in Fabio’s Zimmer; aber der Witwer entschloss sich noch nicht zum Fortgehen, trotzdem die bestimmte Stunde zu dem Anfange des Maskenballes schon lange vorüber war. Er zögerte und zögerte, ohne einen Grund dazu zu haben. Es schien ihm, dass der große, einsame Palast wieder den Zauber auf ihn ausübe, ihn zu fesseln. Das war Fabio seit dem Tode seiner Frau bisher nicht geschehen.

Er verließ sein Zimmer, und begab sich in das Zimmer, wo sein Kindchen in der Wiege ruhig schlummerte. Er setzte sich an das Bettchen und gedachte an vergangene Tage.

Dann ging er wieder in sein Zimmer zurück. Er nahm aber noch immer nicht den Domino um, sondern er öffnete eine Schublade und nahm den Brief Nanina’s daraus hervor und las ihn langsam durch.

Dann sagte er zu sich selbst: »Ich besitze Jugend, Geld, Titel, Alles was die Welt kostbar nennt und doch fühle ich mich so verwaist und traurig, habe Niemand der mich liebt, darum erinnere ich mich auch gern an das arme traute Mädchen, welches diese Zeilen schrieb.«

Alte Erinnerungen stiegen mächtig in ihm auf. Er gedachte an Luca Lomi’s Atelier, an seinen ersten Besuch bei Nanina, dabei saß er und zeichnete gedankenlos mit dem Bleistift verschiedene Figuren vor sich aufs Papier. Die Lampe wurde dunkler, er blickte auf die Uhr und sah, dass es bereits Mitternacht war.

Schnell nahm er Domino und Maske, und in wenigen Minuten war er auf dem Wege zu dem Ball- Lokale.

Als er ankam wurden gerade groteske Tänze aufgeführt, die das laute Gelächter der Gäste hervorriefen; als diese beendet waren, begaben sich die Anwesenden in die arkadischen Lauben, um sich zu neuen Tänzen mit Speise und Trank zu stärken.

Der Marquis hatte in seiner sonderbaren Weise die zwei Räume in ein Departement der schweren, das andere in das Departement der leichten Speisen, eingeteilt.

Die Gesellschaft hatte den Raum, wo es Pasteten und den Magen reell füllende Dinge zu verspeisen gab, so bevorzugt, dass noch zehn Schäferinnen aus dem anderen Raume zur Bedienung der Gäste herbeigeholt werden mussten; unter den fünf Mädchen, welche Limonade, Gefrorenes und mehr dergleichen leichte Kleinigkeiten verabreichten, war auch Nanina geblieben.

Der Intendant hatte sie dort gelassen, weil er sah, wie unangenehm der Lärm auf das junge Mädchen einwirkte.

Als Fabio eintrat hatte der Lärm in dem Departement des Reellen seinen Höhepunkt erreicht.

Die Kavaliere waren so entzückt über die Tracht der Hirtinnen, dass sie die jungen Mädchen in dem klassischen Latein der Virgil’schen Zeit ansprachen.

Sobald er den Gratulationen seiner Freunde über seine glückliche Rückkehr entschlüpfen konnte, suchte Fabio ein ruhiges Plätzchen auf.

Er ging durch den Tanz-Saal und befand sich, an dem äußersten Ende des Gebäudes angelangt, ebenfalls in einer arkadischen Laube, die jedoch, ihrer heiteren Stille wegen, vielmehr ihren Namen verdiente, als ihre geräuschvolle Namensschwester an dem anderen Ende des Festraumes.

Es waren sehr wenig Gäste in dem Zimmer, als Fabio eintrat; nachdem er sich die Dekoration flüchtig betrachtet hatte, setzte er sich auf ein Sofa in der Nähe der Tür und da es sehr heiß war, nahm er seine Maske ab.

Ein Aufschrei ertönte aus der Mitte der fünf Aufwärterinnen. Der junge Mann blickte auf und traute kaum seinen Augen, als er sich Nanina gegenüber befand.

Ihre Wangen waren blass; sie blickte fast entsetzt auf den jungen Edelmann.

Eine der anderen Aufwärterinnen wollte ihr beistehen, denn sie glaubte, Nanina sei plötzlich krank geworden.

Als Fabio näher kam, ließ sie ihr Haupt auf die Brust sinken und sagte:

»Ich glaubte nicht, dass Sie hier in Pisa seien! Ich glaubte nicht, dass Sie hierher zurückkommen würden! Wie falsch muss Ihnen das jetzt erscheinen, was ich Ihnen schrieb.«

»Wenn ich Ihnen doch sagen könnte, wie oft ich Ihren Brief las, wie sorgfältig ich ihn aufbewahrt habe!« antwortete Fabio.

Nanina wandte ihren Kopf fort, um ihre Tränen zu trocknen, dann sagte sie:

»Es wäre besser, wir hätten uns nie wieder gesehen.« Ehe noch Fabio Etwas erwidern konnte, sagte das andere Aufwarte-Mädchen:

»Ums Himmelswillen, sprechen Sie doch hier nicht zusammen, wenn es der Intendant sieht, werden wir Unannehmlichkeiten haben! Sie können sich ja morgen sehen.«

Fabio fühlte die Richtigkeit dieses Vorwurfs. Er riss ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb darauf:

»Ich muss Sie sprechen! Kommen Sie morgen früh zehn Uhr in den d’Ascoli-Garten. Glauben Sie an meine Ehrenhaftigkeit und Aufrichtigkeit so fest, wie ich stets an die Ihrige glaubte.«

Dann wickelte er einen kleinen Schlüssel, den er von den Petschaften an seiner Uhr losmachte, in das Papier und drückte es in Naninas Hand.

Er wollte noch einmal zu dem jungen Mädchen sprechen, aber die andere Aufwärterin bedeutete ihn, zu schweigen und zeigte nach einer Maske, die eben eingetreten war.

Fabio drehte sich um und erblickte eine ganz in gelb gekleidete weibliche Maske.

Die Kopfbedeckung war gelb, die Maske gelb und lange gelbe Fransen hingen von der Maske über den Mund fort; der Domino war ebenfalls gelb; die Ärmel und der untere Rand des Domino waren mit Spitzen aus demselben Stoff versehen. Die ganze Gestalt machte einen unheimlichen Eindruck.

Die pechschwarzen Augen der Frau glänzten durch die Löcher der Maske und die Fransen bewegten sich, durch den Atem bewegt, vor dem Munde hin und her.

Ohne ein Wort zu sprechen stand sie vor dem Tische und schien aufmerksam auf Fabio zu blicken.

Als er die Frau betrachtete, fiel ihm ein, dass die Farbe der Maske dasselbe Gelb zeige, wie das Lieblingsmeublement seiner verstorbenen Frau im Palast d’Ascoli. —

»Die gelbe Maske!« flüsterten die Schäferinnen und traten furchtsam hinter den Tisch dicht an einander, »schon wieder die gelbe Maske!«

»Bewegen Sie sie zum Sprechen!«

»Fragen Sie sie Etwas!«

»Dieser Edelmann wird sie zum Sprechen bringen,« sagten die Mädchen nach einander.

Fabio sah, dass Nanina sich abgewendet hatte und ihr Taschentuch vor die Augen hielt. Sie allein schenkte der Maske keine Aufmerksamkeit.

Die anderen Mädchen baten Fabio wiederholt ängstlich, er möchte doch die Maske ansprechen.

Fabio drehte sich um und behielt die Maske im Auge; sie schien ihn mit dem Feuer ihrer Augen versengen zu wollen und wohin er sich bewegte, folgten ihm diese merkwürdigen Augen.

Er ging aus das gespensterhafte Wesen zu, aber es bewegte sich nicht; er versuchte, es anzusprechen, aber die Stimme versagte ihm. —

Das leise, furchtsame Auftreten der Aufwärter-Mädchen, die Gestalt vor ihm, die Musik, das heitere Lachen der Menge in den anderen Sälen, alles dieses bestimmte ihn, schnell den Raum zu verlassen und sich unter frohe Menschen zu begeben, und er ging schnell in den Saal.

Er wollte hin, wo das Gewühl der Gesellschaft am dichtesten war, doch einer seiner Freunde, der sich eben von einem Kartentisch erhoben hatte und der Fabio noch nicht wiedergesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten:

»Willkommen, Graf Fabio, in der Gesellschaft! Aber warum sind Sie so entsetzlich bleich? Ihre Hände sind eiskalt! — Ich hoffe, Ihnen ist doch nicht unwohl?«

»Nein,« entgegnete Fabio, »ich hatte aber eben eine so sonderbare Begegnung mit einer seltsam kostümierten Gestalt, dass mir, ich weiß eigentlich nicht warum, ganz unheimlich zu Mute geworden ist.«

»Sie sahen sicher die gelbe Maske?« fragte der Andere.

»Ja, sahen Sie sie auch?«

»Jedem Gast ist sie bereits aufgefallen. Unser Gastgeber hat nicht die geringste Idee davon, wer sie sein könnte.

»Niemand vermag sie zum Sprechen zu bewegen.

»Wäre ich der Marquis Melani, so würde ich ihr sagen: »Madame, wir sind hier versammelt um froh und heiter zu sein, öffnen Sie Ihren Mund und entzücken Sie uns durch eine andere Toilette!« —

Während dieser Unterhaltung hatten die beiden Herren sich, mit dem Rücken der Tür zugewendet, gesetzt. Andrea d’Arbino sprach noch zu Fabio, als dieser plötzlich zusammen-schauerte, denn er hörte tiefes Atemholen hinter sich, er drehte sich schnell um.

In diesem Augenblick stand die gelbe Maske zwischen den beiden Männern und beugte sich zu ihnen nieder.

Fabio und sein Freund standen auf. Die Augen der gelben Maske schienen bis auf das Herz Fabio’s dringen zu wollen. —

»Gelbe Dame, kennen Sie meinen Freund?« fragte d’Arbino artig.

Es erfolgte keine Antwort. Die brennenden Augen blieben fest auf Fabio gerichtet.

»Gelbe Dame, hören Sie nur die köstliche Musik! Wollen Sie mit mir tanzen?« fragte d’Arbino weiter.

Die Augen ließen von Fabio ab und die unheimliche Gestalt glitt geisterhaft aus dem Zimmer.

»Mein teurer Graf, diese Frau scheint es wirklich auf Sie abgesehen zu haben! Sie sind noch bleicher geworden. —

»Kommen Sie in das Speisezimmer, wir werden Wein trinken, denn Sie bedürfen der Stärkung,« sagte d’Arbino und führte Fabio nach der arkadischen Laube mit den fünfundzwanzig Aufwärterinnen, die nun aber auch ganz leer geworden war, da alle Paare tanzten.

Dieser Raum war nicht in vollständig arkadischer Einfachheit, denn es befand sich über einem der Schenktische ein großer Spiegel. Vor demselben stand einer der Gäste und fächelte sich sorglos mit der Maske Kühlung zu.

»Mein Teurer,« rief d’Arbino dem Herrn zu, »Sie sind der geeignetste Mann dazu, uns den feurigsten Wein empfehlen zu können, den es hier gibt! Graf Fabio, ich stelle Ihnen hier meinen Freund, den Kavalier Finello vor, und ich wünschte, dass Sie mit ihm und seiner Familie bekannter würden. Ich sehe hier in Ihrer Nähe eine ganze Reihe Flaschen! —

»Meine schöne, schwarzäugige Schäferin, geben Sie uns gefälligst die drei größten Gläser, die Sie haben!« bat d’Arbino.

Die Gläser wurden gebracht und Finello füllte sie mit dem edelsten Wein, der zu haben war, und die drei Edelleute setzten sich dem Spiegel gegenüber nieder.

»Nun lasst uns trinkend,« sagte d’Arbino, »Finello, Graf Fabio, den Schönen von Pisa, ein Hoch! —«

Alle drei hoben die Gläser. Als Fabio sein Glas an die Lippen setzen wollte, erblickte er in dem Spiegel die gelbe Maske und er setzte das Glas ab, ohne den Wein gekostet zu haben.

»Was gibt es?« fragte d’Arbino.

»Lieben Sie diesen Wein nicht, Graf?« fragte Finello.

»Die gelbe Maske! Die gelbe Maske ist schon wieder sichtbar!« sagte Fabio halblaut.

Alle drei blickten zur Tür, aber es war nichts von der Gestalt zu entdecken.

»Weiß Jemand, wer die gelbe Maske ist?« fragte Finello. »Man sieht übrigens nur an Gang und Bewegung, dass es eine Frau ist. Sie hat irgend einen geheimen Beweggrund, hier so seltsam gekleidet von Zimmer zu Zimmer zu schleichen,« setzte der Kavalier hinzu.

»Ja,« entgegnete d’Arbino, »die gelbe Maske hat den Grafen d’Ascoli nicht nur um seine heitere Balllaune gebracht, jetzt stört sie ihn sogar sein Glas zu leeren.«

»Es ist das dritte Zimmer, in welches sie mir folgt,» sagte Fabio, »und zum dritten Male richtet sie ihre brennenden Augen so seltsam auf mich. Ich muss gestehen, meine Nerven sind noch nicht wieder gestärkt genug für Abenteuer und Bälle. Ihr Blick macht mich schaudern. Wer kann sie nur sein?»

»Wenn sie ihre Verfolgungen zum vierten Male wiederholt, so bitten Sie sie doch, dass sie sich demaskiere,« sagte Finello.

»Und wenn sie es verweigert?«

»Dann würde ich ihr selbst die Maske abnehmen,» setzte Finello hinzu.

»Man kann das einer Dame nicht antun,« sagte Fabio. »Ich werde mich in der Menge vor ihr zu verstecken suchen. Ich lasse Sie jetzt hier bei dem Wein, meine Herren, und hoffe Sie im Ballsaal wieder zu sehen.«

Fabio nahm seine Maske, begab sich in den Tanzsaal und suchte die dichteste Menschenmenge auf. Fürs Erste gelang ihm sein Plan, er sah die gelbe Maske nicht mehr.—

Endlich wurde ein Tanz arrangiert, wo die Paare sich in langen Reihen einander gegenüber standen. Die Zuschauer standen hinter den Tanzenden an den Wänden entlang.

Als Fabio auf das Präludium des Orchesters lauschte, blickte er die Reihen entlang und sah die gelbe Maske.

Er schritt weiter und suchte sich einen anderen Platz, aber kaum hatte er wieder die Tänzer von Neuem ins Auge gefasst, als er wieder die entsetzliche gelbe Maske erblickte.

Die Verfolgung wurde unerträglich und es bemächtigte sich seiner eine sonderbare Angst. Er kehrte in den Speisesaal zurück.

Die beiden Herren saßen nicht mehr bei dem Wein. Fabio stürzte schnell einige Gläser des feurigen Weines hinunter und beschloss, Finello’s Rat zu folgen, die gelbe Maske zu lüften. —

Er dachte, vielleicht wünscht sie, dass ich ihr zu einem stillen Zimmer folge, vielleicht will sie sich gerade vor mir demaskieren.

Mit diesem Gedanken beschäftigt, ging er durch alle Festräume, bis er wieder in die arkadische Laube kam, wo Nanina sich befand.

Die Aufwärterin, welche ihm früher schon den Rat gegeben hatte, mit Nanina hier nicht weiter zu sprechen, kam ihm bis zur Tür entgegen und sagte:

»Kommen Sie nur nicht wieder hier herein, das arme Mädchen wird sonst wieder weinen, denn der Intendant, der sie mit geröteten Augen und totenbleich hier gesehen hat, hat ihr bereits erklärt, dass sie nicht weiter bedienen dürfte und dass sie nach Hause gehen könnte, wenn sie wollte. Sie ist jetzt fort um ihre Kleider zu wechseln.«

Das junge Mädchen sprach nicht weiter, sondern zeigte nur über Fabio’s Schultern.

»Die gelbe Maske!» sagte sie darauf ängstlich und bat: »O Herr, führen Sie sie in den Ballsaal zurück, damit die arme Nanina in ihren alten Kleidern hier durch schlüpfen kann.«

Fabio drehte sich um und sah, dass die unheimliche Gestalt sich wieder zurückzog. Sie ging, von Fabio gefolgt, durch alle Räume, bis zu dem glänzend erleuchteten Korridor. Von demselben gelangte man rechts in die Festräume, links zu der großen Treppe des Palastes. Die gelbe Maske wendete sich langsam nach der linken Seite zu, dann stand sie still, und ließ ihre Augen einen Moment auf Fabio fallen, dennoch blickte sie auf Nanina, welche kam, um sich nach Hause zu begeben.

»Wo komme ich hier hinaus?« rief das junge Mädchen ängstlich, als sie die gelbe Maske erblickte.

»Hier durch!« sagte Fabio und zeigte nach dem Saale. »Man erwartet jetzt wieder einige Überraschungen und Niemand wird Sie beachten.«

Dann ergriff er den Arm Nanina’s und flüsterte ihr zu:

»Vergessen Sie nicht unsere Verabredung für morgen!«

In demselben Augenblick legte sich die Hand der gelben Maske auf ihn und nahm seine Hand aus der Nanina’s.

Er zitterte zwar, hatte aber doch so viel Besinnungskraft behalten, dass er Nanina ein Zeichen geben konnte, dass diese sich schnell entfernen möge.

Das junge Mädchen ging schleunigst fort.

»Wir sind jetzt allein,« begann Fabio zu der unheimlichen Maske, »sagen Sie mir nun, wer Sie sind und warum Sie mich verfolgen! Oder — ich nehme Ihnen die Maske ab und überzeugt mich selbst davon, wer Sie sind!«

Die Frauengestalt trat einige Schritte schweigend zurück. Er folgte ihr. Es war kein Augenblick zu verlieren, denn man hörte schon wieder Tritte nahen.

»Jetzt oder nie!« rief Fabio aus und wollte die Maske heben, aber die Frau stieß seine Hand zurück und nahm mit der anderen Hand ihre Maske selbst ab.

Die Lampen beleuchteten das Gesicht hell und deutlich.

Es war das Gesicht der verstorbenen Gräfin Magdalene d’Ascoli.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

Signor Andrea d’Arbino suchte seinen Freund Fabio vergeblich durch alle Räume, bis er endlich auch auf den Korridor kam, wo er Fabio allein und in einer tiefen Ohnmacht auf dem Boden liegend fand. d’Arbino wollte die Gäste nicht mit diesem Vorfall bekannt machen und er ging nach dem Vorzimmer, um sich nach einer Hilfe umzusehen. Kavalier Finello ließ sich gerade seinen Mantel umgeben, um sich zu entfernen.

Die beiden Herren trugen Fabio in das Vorzimmer, dessen Fenster sie öffneten. Ein Diener wurde nach Eiswasser ausgeschickt. Diese leichten Hilfsmittel brachten Fabio zu sich selbst zurück. — Er blickte seine Freunde verwirrt an.

»Ich fand Sie ohnmächtig im Korridor,« sagte d’Arbino, »was ist Ihnen begegnet? War die Hitze zu groß?«

Fabio schien seine Gedanken zu sammeln, dann zeigte er auf den Diener. —

Die Herren schickten ihn hinaus.

»Es war nicht die Hitze,« sagte Fabio mit schwerer Stimme, »ich sah — das Gesicht meiner verstorbenen Gattin hinter der gelben Maske!«

»Wirklich!«

»Ja, wirklich! Es war das Gesicht der Toten!«

»Wirklich, Ihrer Gattin?«

»Ja,« fuhr Fabio fort, »ich sah sie nicht, wie sie in den Tagen strahlender Jugend und Schönheit aussah; nicht wie sie auf ihrem Krankenbett aussah, sondern so, wie sie in ihrem Sarg lag!«

»Graf! Graf! Sammeln Sie Ihre Gedanken. Es ist gewiss nur Ihre lebhafte Phantasie, die Ihnen das vorspiegelt?«

»Ersparen Sie mir Weiteres! Ich bin entschlossen, das Geheimnis zu ergründen. Wollen Sie mir dazu behilflich sein? Meine Kraft allein dürfte jetzt kaum dazu ausreichen!«

»Wir werden Ihnen getreu beistehen,« sagten die Herren, die jedoch nicht daran zu glauben schienen, was Fabio ihnen mitgeteilt hatte. Sie hielten es wahrscheinlich nur für eine Fieberphantasie.

»Was wünschen Sie, dass wir jetzt zunächst tun?« fragte Finello.

»Die Gestalt muss durch dieses Zimmer gekommen sein« fragen wir zunächst den Diener, ob er Etwas von ihr gesehen hat.«

Der Diener verneinte es.

Die beiden Herren fragten alle Diener, keiner von ihnen hatte die gelbe Maske gesehen.

Zuletzt wurde der Portier gefragt, und dieser berichtete, dass vor einer halben Stunde eine gelb gekleidete Dame fortgefahren sei.

»Kennen Sie vielleicht den Kutscher?« fragte man ihn.

»O gewiss, er ist ein alter Freund von mir, ein sogenannter Miethskutscher.«

»Und wissen Sie, wo er wohnt?«

»Ja, sehr genau!«

»Gut, so lassen Sie gefälligst einen Andern hier Ihren Posten versehen und führen Sie uns zu dem Manne.«

Der Portier führte die drei Herren durch einige Straßen und zeigte Ihnen endlich das Haus und den Stall, wo der Kutscher eben seine Pferde hinein führte.

d’Arbino reichte dem Manne etwas Geld und fragte:

»Sie fuhren eben eine Dame in gelben Kleidern von dem Balle nach Hause, wohin brachten Sie sie?«

»Ja, Herr, ich war für den ganzen Abend gemietet, ich fuhr sie zu dem Balle und zurück.«

»Wo, wo wohnt sie?«

»An einem sehr sonderbaren Orte,« antwortete der alte Kutscher, »auf dem Kirchhofe von Campo Santo.«

Fabio stand zwischen den Herren; als er dies hörte, stieß er einen Schreckensschrei aus und stützte sich auf seine Freunde.

»Und wohin fuhren Sie jetzt die Dame?« fragte d’Arbino.

»Zu derselben Stätte,« entgegnete der Kutscher.

Fabio ließ seine Freunde los und sank auf seine Knie; es sah aus, als wenn er beten wollten.

»Warum ist er wieder so bewegt?« fragte Finello.

»Du weißt ja, antwortete d’Arbino, »dass er hinter der gelben Maske das Gesicht seiner verstorbenen Frau erblickt hat.« —

»Ja! Aber weiter!«

»Diese ruht auf dem Friedhof von Campo Santo.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel.

Von allen den Personen, welche der Ball des Marquis beschäftigt hatte, war Nanina die erste, welche sich am Morgen danach erhob. Sie hatte nicht schlafen können, so sehr bewegten sie die verschiedenen Erlebnisse, die sie auf dem Balle gehabt hatte. Sie stand auf und schöpfte die frische Morgenluft an ihrem kleinen Fensterchen in langen Zügen ein.

Am meisten beschäftigte sie der Augenblick, in welchem sie Fabio mit der entsetzlichen Maske allein gelassen hatte. Dann nahm sie das mit Bleistift beschriebene Blättchen und überlas wiederholt, was Fabio ihr aufgeschrieben hatte.

Sie überlegte, ob sie wirklich den kleinen Schlüssel zu dem Garten des d’Ascoli-Palais benutzen sollte. — Aber ja! Fabio hatte ihr ja am Schluss gesagt:

»Fassen Sie Vertrauen zu meiner Aufrichtigkeit, wie ich stets Vertrauen zu Ihnen hegte!«

Ja, sie durfte Vertrauen schenken. — Außerdem musste sie ja auch den kleinen Schlüssel zurück geben. —

Als sie noch so in Gedanken auf die Straße hinabblickte, hörte sie, dass an die Tür geklopft wurde.

Der Mann, welcher klopfte, hatte Nanina erblickt und fragte:

»Wohnt die Krankenwärterin Marthe Angrisani hier?«

»Ja,« antwortete Nanina, »ich werde sie gleich rufen. Ist Jemand krank?«

»Ja, rufen Sie sie nur schnellt Sie soll nach dem Palais d’Ascoli kommen, mein Herr, der Graf Fabio, ist krank.«

Nanina flog förmlich zu der Krankenwärterin und rief:

»O, eilt Euch, eilt Euch, Frau Martha! Er ist krank!«

Nanina lief dann zu dem Diener und teilte ihm mit, dass Frau Martha sogleich kommen würde. Dann fragte sie ihn nach der plötzlichen Krankheit seines Herrn, da er ja doch gestern noch auf dem Balle gewesen sei.

»Ich weiß weiter nichts,« erwiderte der Diener, nachdem er etwas überrascht Nanina’s Aufregung bemerkt hatte, »als dass mein Herr Graf bewusstlos von zwei Herren nach Hause begleitet worden ist. Ich hörte, dass er das Gesicht einer Maske gesehen haben soll, welches ihm einen großen Schreck eingeflößt hat; mehr weiß ich nicht! Der Doktor sagt, mein Herr hätte eine Gehirnentzündung und hat uns Allen die größte Vorsicht empfohlen!«

Der Mensch sah noch, dass Nanina bitterlich weinte, als sie in das Haus trat.

Als Marthe zum Fortgehen bereit war, warf sich Nanina an ihre Brust und bat:

»Wenn Sie mich je lieb hatten, Mutter Marthen so lassen Sie mich mitgehen und ihn pflegen helfen.«

Die Wärterin zögerte Anfangs, aber Nanina weinte so heftig, dass die alte Frau sich entschloss, sie mitzunehmen; denn sie gedachte ihrer eigenen Jugend und der Zeit, wo sie einst auch so heiß zu lieben verstand. — Sie kannte Nanina’s heiße und treue Liebe zu Fabio seit langer Zeit. —

Endlich sagte sie:

»Nimm Deine Mantille und komme mit; aber erscheine so alt und hässlich als Du vermagst, sonst wird es Dir der Doktor nicht erlauben, mir hilfreiche Hand zu leisten; hörst Du, Nanina!«

Diese Vorsicht war unnötig, denn der Doktor wünschte gerade, dass Fabio Menschen an seinem Bett sehe, die er gern habe.

Nanina teilte dem Doktor mit, dass sie dem Grafen einst als Modell gedient habe, und so wurde sie gern an das Krankenbett gelassen.

Sechs Wochen vergingen unter der steten Furcht, dass Fabio ein Opfer des Todes sein würde; aber es kam auch endlich der Tag, wo der Graf wieder ruhig schlief und wo die Fieberphantasien aufhörten, aber die gelbe Maske beschäftigte ihn doch noch unaufhörlich.

Es waren keine Phantasieren, sondern der Kranke sprach ganz vernünftig über seine sonderbare Begegnung.

Er sah Nanina an seinem Bett, sie las ihm vor; aber Wochen vergingen so und der Graf behielt den furchtbaren Ernst, den er, seitdem er seiner Besinnung wieder mächtig war, stets zeigte.

Er schien zufrieden damit, dass das junge Mädchen an seinem Bette war, aber er lächelte ihr auch nicht ein einziges Mal dankbar zu. —

Einst saß sie auch neben seinem Bette, als sich die Tür öffnete und Andrea d’Arbino mit dem Doktor eintrat.

Fabio lag gleichgültig da und schien eben einschlafen zu wollen. Er bemerkte die Herren nicht.

»Es ist recht traurig,« fing der Doktor an, »dass sein Körper gesunden während sein Geist kranker zu sein scheint. Er glaubt noch immer an das Gesicht der Toten hinter der Maske.«

»Ach, Doktor, er ist gewiss noch im Fieber, wenn er so spricht!« sagte d’Arbino.

»Im Gegenteil,« entgegnete der Doktor, er ist körperlich völlig hergestellt; aber da er seit seiner Kindheit abergläubisch ist, ist es viel schwerer, ihn von seiner festgefaßten Idee zurück zu bringen.«

»Hört er nur zu, wenn Sie mit ihm über den Gegenstand sprechen, oder antwortet er auch?« fragte d’Arbino.

»Er hat auf Alles, was ich ihm sage, nur dieselbe Antwort, dass er trotz allen Widersprechens, dennoch das Gesicht seiner toten Frau gesehen habe.

»Als Arzt weiß ich doch genau, dass der Mann jetzt fieberfrei ist, und deshalb muss ich ihm das auszureden suchen.«

»Ich wünsche Nichts sehnlicher, als dass das Geheimnis aufgeklärt werde,« sagte d’Arbino, »und ich habe bereits 200 Scudi Belohnung darauf gesetzt für den, der mir in die Geschichte Licht bringt. Ich habe die Diener des Palais Melani examiniert, war bei dem Nachtwächter des Campo Santo, habe Hotelbücher und Polizeilisten durchforscht, nur Etwas über das Frauenzimmer in der gelben Maske zu erfahren, aber ich habe Nichts gefunden, was Aufklärung geben könnte.

»Und somit bin ich nun an dem Ende meiner Bemühungen.«

Der Doktor begriff das und sagte:

»Und doch werden wir den Kranken nicht früher geheilt sehen, bis wir ihm die Überzeugung verschaffen können, dass er sich geirrt habe.« —

Mit diesen Worten fielen des Doktors Augen auf Nanina, die still stand und zuhörte.

»Frau Martha,« fragte der Arzt, »geht Ihre junge Gehilfin auch täglich aus? Wenn sie nicht lange Wege macht zu ihrer Erholung, so werde ich bald an ihr eine zweite Patientin haben.«

»Nanina geht nur von hier aus zu ihrer Schwester,« erwiderte die Krankenwärterin.

»So gehen Sie täglich, bevor Sie hierher kommen, recht weit,« sagte der Doktor zu Nanina, »sonst muss ich Sie von Ihrer Hilfe hier entbinden.«

»Jetzt bin ich für Sie bereit,« fuhr er zu d’Arbino fort, und die Männer gingen.

Nanina hatte kein Wort von der Unterhaltung verloren und sagte zu sich, als das Zimmer leer war:

»O, wenn ich doch Fabio beweisen könnte, dass er sich getäuscht habe.« —

Als das junge Mädchen nach Hause kam, fand sie einen Brief an sich von Meister Lomi.

Er war nach Pisa zurückgekehrt und fragte an, ob sie ihm vielleicht zu einer Büste sitzen wollte, die er für einen reichen Neapolitaner ausführen sollte.

Da ihr das Schreiben zu unbequem und schwierig erschien, so beschloss sie, dem Meister persönlich die verneinende Antwort zu überbringen.

Als sie eben das Atelier betreten wollte, kam ihr die Idee, dass sie vielleicht Pater Rocco dort finden werde, aber es war zu spät zum Umkehren, denn ein Gehilfe öffnete eben die Tür

Ihre erste Frage war nach Pater Rocco, doch sie erfuhr, dass er nicht bei seinem Bruder sei, und so betrat sie ruhig die Werkstätte des Künstlers.

Sie ging zu Meister Lomi und sagte ihm, dass sie Krankenwärterin sei, und dass es ihr dadurch unmöglich werde, zu den Sitzungen zu erscheinen.

Meister Lomi bat so dringend, aber Nanina konnte eben nichts versprechen, weil es ihr in der Tat an Zeit fehlte, bei dem Meister zu erscheinen.

Luca Lomi staubte eben zum ersten Male seine geliebten Statuen und Büsten eigenhändig mit einer Federbürste ab und blieb auch bei der Beschäftigung während er mit Nanina unterhandelte.

Luca Lomi kam jetzt zu seiner Lieblingsstatue, der Minerva, zu welcher ihm seine nun verstorbene Tochter einst gesessen hatte.

Er hatte sie schon einmal abgestaubt, aber es war ihm, als läge noch etwas Staub auf der Stirn der Göttin. — Er nahm seine Federbürste, stieg auf einen Stuhl und wollte den Staub fortblasen. —

Nanina wollte sich eben entfernen. — Mit einem Male hörte sie aber den Meister ausrufen: »Hier ist Gips auf der Stirn der Minerva!«

Er nahm sein Taschenmesser und entfernte den Gips aus den feinen Falten des Haares.

»Es ist Gips über dem Gesicht dieser Figur gewesen.

Jemand hat hiernach eine Maske angefertigt!« rief Lomi.

Der Meister blickte sich scheu um und rief weiter:

»Hier muss ich Aufklärung haben! Ich ließ die Statuen unter Roccos Aufsicht, ich muss ihn gleich fragen, wer diesen Diebstahl hier ausführte!«



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Sechstes Kapitel.

Nanina entfernte sich nun und bedauerte zum zwanzigsten Male wenigstens, dass sie nicht kommen könne. Der Meister erwiderte, dass er es ebenfalls bedauere; dann benachrichtigte er den zurückkommenden Gehilfen, dass er sich zu seinem Bruder begebe, wenn Jemand nach ihm fragen sollte.

Als Nanina sich am nächsten Morgen mit starkem Kopfschmerz erhob, gedachte sie der Mahnung des Arztes und beschloss einen Spaziergang zu unternehmen. Sie ging zur Stadt hinaus.

Die Biondella würde auch mit ihr gegangen sein, aber sie hatte gerade eine große Bestellung Flechtarbeit. Der gelehrte Pudel Scarammucia begleitete seine Herrin allein.

Der Pudel tanzte lustig bald neben dem Mädchen, bald eilte er vor ihr her, bald blieb er wieder zurück. —

Sie achtete nicht viel auf den Hund, denn sie beschäftigte sich lebhaft mit dem, was sie gestern von dem Doktor über die gelbe Maske gehört hatte. Endlich fühlte sie sich ermüdet und sah sich nach einem Platze um, wo sie sich ein wenig ausruhen könne.

Sie sah eine Art Wirtshaus mit einem Garten daran in welchem Arbeiter ein Feuerwerk vorzubereiten schienen. Das ganze Lokal stand leer, denn die Bürger Pisas besuchten es gewöhnlich erst Abends als Erholungsort. Nina trat in den Garten und setzte sich auf das schattigste Plätzchen nieder. Mit einem Male vermisste sie den Pudel und sah ihn, ziemlich entfernt von sich, hinter einem hölzernen Gartenhaus mit gespitzten Ohren stehen.

Es saß ein Herr darin mit einer Dame, dies sah Nanina, als sie näher ging, um den Hund an sich zu locken. Sie stand hinter dem Gartenhäuschen und blickte durch ein Astloch und erkannte an dem Kleide die Dame aus dem Geschäfte der Modehändlerin Grifoni, aber sie erkannte nicht allein Brigitte, sondern auch den Mann an ihrer Seite, es war — Pater Rocco.

Die Arbeiter in dem Garten hatten bis jetzt gehämmert und lautes Geräusch gemacht, nun fingen sie zu sägen an und Nanina konnte deutlich hören, dass Brigitte den Namen des Grafen Fabio aussprach.

Nanina nahm des Pudels Schnauze in ihre Hand, damit er nicht bellen sollte und horchte weiter.

Brigitte fragte den Priester: »Haben Sie verstanden, was ich Ihnen sagte?«

»Nein,« entgegnete der Priester leise.

»Ich möchte wissen, weshalb Sie den abergläubischen Grafen Fabio d’Ascoli nicht weiter ängstigen wollen?« fragte sie.

»Erstlich,« antwortete der Mann der Kirche, »habe ich mit meinem ersten Experiment sehr viel erreicht, mehr als ich hoffte.«

»Ist das Alles?« fragte Brigitte.

»Zweitens, glaube ich nun der Kirche zur Genüge gedient zu haben, indem ich ihn von einer zweiten Heirat zurückgeschreckt habe; aber ein Verbrechen auf mich zu nehmen, habe ich nicht Lust. Fabio würde den Verstand verlieren, wenn er noch einmal das Gesicht sehe.«

»Ach,« sagte Brigitte, »ich vermute, dass dies nicht alle Ihre Gründe sind, sondern dass Sie noch mehre haben. Dass Sie mich so plötzlich hierher bestellten, an diesen einsamen Ort, ist doch gewiss wichtig? Außerdem wünschten Sie, dass ich die Wachsmaske mitbringen solltet — Was bedeutet das Alles? Ich bin eine Frau, bin also auch neugierig, teilen Sie mir also mit, um was es sich wieder handelt.«

»Es ist weder etwas Geheimnisvolles noch etwas Wichtiges, was Ihrer wartet,« sagte Rocco kühl, und fuhr dann fort: »Sie wissen doch, dass die Wachsmaske, welche Sie auf dem Balle trugen, von einer Statue meines Bruders abgenommen wurde?«

»Ja! ich weiß das!« »Mein Bruder fand bei seiner Rückkehr noch Spuren von dem Gips auf dem Gesicht der Statue und fragte mich nach der Erklärung dieses Fundes. Meine Erklärung genügte ihm jedoch nicht und er will jetzt weiter forschen. Ich halte es also für notwendig, dass diese Maske zerstört werde und deshalb bat ich Sie, hierher zu kommen, damit ich sie vor meinen eigenen Augen zusammenschmelzen sehe. Jetzt wissen sie Alles? Haben sie die Maske bei sich?«

»Nein,« erwiderte Brigitte.

»Und warum nicht? fragte Rocco.

In demselben Augenblicke fing Scarammucia zu heulen an, denn Nanina hatte in ihrer Überraschung die Schnauze des Hundes losgelassen. Sie rief den Hund wieder leise an sich, legte ihre Wangen an seinen rauen Hals und küsste das Tier; — er wurde wieder ruhig, so lauschte sie weiter.

Wohl hatte sie eine Frage und eine Antwort verloren, aber nun hörte sie das Folgende:

»Wir sind hier allein,« fing Brigitte an, »ich bin eine Frau und Sie sind vielleicht bewaffnet gekommen und doch gebe ich die Maske nur unter Bedingungen zurück.«

»Sie sprachen früher nie von Bedingungen,« sagte Rocco.

»Ja, es ist wahr,« entgegnete Brigitte, »ich ging vorläufig nur mit der Maske meiner toten Feindin auf den Ball um Fabio dafür zu strafen, dass er sich einst über mich lustig gemacht hat. Aber diese Angelegenheit fesselte mich nun länger in dieser Stadt, als ich, vermutete und ich bin nun in Geldverlegenheit gekommen. — Jetzt frage ich Sie, ob Sie mir die Maske für zweihundert Scudi ablaufen wollen?«

»Ich besitze nicht einmal zwanzig Scudi!« entgegnete der Priester.

»Sie müssen mir das Geld anschaffen,« sagte Brigitte, »sonst werde ich mit der Wachs-Maske anderweitig Handel treiben. Diese Summe ist nämlich durch Fabios Freund, für denjenigen bestimmt, der die Person nennt, welche die Maske trug. Ich brauche also nur zu gehen und die Maske zu zeigen, so erhalte ich das Geld. Ihnen wird es natürlich übel ergehen, wenn man erfährt, dass Sie die Maske anfertigten und die Verkleidung ersannen.

»Glauben Sie wirklich, dass ich auf Ihre Aussage verdächtig sein würde?« fragte Rocco achselzuckend.

»Ah, Sie sind zum ersten Male unhöflich gegen mich, Pater Rocco,« sagte Brigitte.

»Ich gehe jetzt, wollen Sie die Maske, so finden Sie sich bis vier Uhr mit dem Gelde in meiner Wohnung ein; um fünf Uhr ist es jedoch schon zu spät, das sage ich Ihnen!«

Nanina hörte Schritte, Brigitte musste sich entfernt haben.

Pater Rocco schien die Angst zu verzehren, er schritt unmutig auf und ab, endlich hörte sie, dass der Priester das Gartenhaus verließ und fast in demselben Augenblick stand er ihr gegenüber.

»Du hast gehorcht,« sagte der Priester strenge, »ich sehe es Deinem Gesicht an, Du weißt Alles!«

Sie antwortete kein Wort und sah ihn fest an, aber sie hätte eine Welt darum gegeben, hätte sie vor ihm entfliehen können.

»Ich habe Dich einst überwachen lassen,« sagte der Priester traurig, »es ist wahr, und jetzt hast Du es mir vergolten. Ist es bloßer Zufall, oder die Rache des Himmels?« fragte sich Rocco gedankenvoll.

»Warum bist Du so schweigsam und erschrocken?« fragte er weiter. »Ich kann Dir kein Leid zufügen, dort sind die Arbeiter und hier Dein Hund und ich wünsche Dir auch kein Leid zuzufügen. Gehe nach Pisa zurück und erzähle, was Du hier hörtest. Ruiniere mich und mache den Mann Deiner Liebe gesund! Tue es nur! Ich war nie Dein Feind und werde es auch nie sein. Ich handelte als ein Werkzeug der heiligen Kirche, mich trifft kein Vorwurf. Gehe jetzt, Kind, und bringe Deine Botschaft nach Pisa! Ich will mich inzwischen auf die Dinge vorbereiten, die da kommen können. Ich verlasse Dich jetzt ohne Groll, trotzdem ich weiß, dass das erste Wort, welches Du in Pisa sprichst, mich moralisch töten und dass große Werk zerstören wird, welches ich mir zur Lebensaufgabe gestellt habe.«

Er sprach so ruhig wie immer und sagte ihr dann auch ein freundliches Lebewohl, bevor er unter den Bäumen verschwand.

Das junge Mädchen sann noch einige Augenblicke über den sonderbaren Mann nach und ging dann, von ihrem treuen Pudel begleitet, der Stadt zu.

Sie kam in dem Palast an und erwartete den Doktor mit brennender Sehnsucht; als er endlich kam, bat sie ihn, ihr zu folgen und erzählte ihm Alles.

»Sie haben ihn gerettet!« rief der Doktor freudig — aus. »Lassen wir die Frau hierher kommen, dass sie die Belohnung erhalte. Verlassen Sie den Palast nicht, bis ich es Ihnen wieder erlaube,« sagte der Doktor freundlich zu Nanina.

»Ich gehe jetzt zu Signor Andrea d’Arbino und sage ihm, dass wir ihm Entdeckungen machen wollen. Lesen Sie nun dem Grafen vor, wie gewöhnlich, bis ich Sie hier wieder her bitten lasse, aber sagen Sie ihm kein Wort von dem Geheimnis. Er muss sorgfältig auf die Entscheidung des Betrugs vorbereitet werden.«

D’Arbino kam und Nanina teilte nun auch ihm mit, was sie wusste

Die Herren beratschlagten beide hinter verschlossenen Türen

Um vier Uhr ließen sie Nanina wieder zu kommen bitten und sie wurde hinter einem Vorhang verborgen.

Um einviertel fünf trat Brigitte in das Zimmer, der Doktor verbeugte sich und d’Arbino reichte ihr einen Stuhl.

»Ich glaube, ich befinde mich den Freunden d’Ascolis gegenüber?« begann Brigitte, »darf ich fragen, ob Sie an mich schrieben, um für den Grafen zu handeln?«

Der Doktor betrachtete das Briefchen und sagte, dass es von ihm komme, dann zeigte er auf das Geld vor sich.

»Sie haben sich schon darauf vorbereitet,« fing Brigitte lächelnd an, »die 200 Scudi auszuzahlen, wenn Sie erfahren, welche Dame auf dem Balle die gelbe Maske trug, die der verstorbenen Gräfin d’Ascoli so ähnlich sah?«

»Wir sind Männer von Ehre und halten unser Wort,« erwiderte d’Arbino.

»Ja,« setzte der Doktor hinzu und schob das Geld von sich, »aber wir müssen auch Beweise haben, dass sie die Person wirklich sind, welche uns Aufklärung verschaffen kann.«

Brigitte blickte gierig nach dem Gelde. —

»Beweise?« rief sie aus. »Hier sind sie!« Mit diesen Worten nahm sie eine kleine Schachtel aus ihrem Kleide und übergab sie den Herren.

Der Doktor öffnete und erblickte die Wachsmaske, er überreichte sie d’Arbino und zog das Geld wieder näher an sich.

»Der Inhalt der Schachtel erklärt allerdings einen großen Teil der Wahrheit,« mit diesen Worten schob der Doktor das Geld artig nach der Seite hin, wo Brigitte saß, deckte aber seine Hand darüber. »Aber ich hörte,« fuhr er fort, »die Dame, welche die Maske trug, soll dieselbe Größe gehabt haben, wie die Gräfin.«

»Genau so groß,« begann Brigitte wieder.

»Sie trug die Lieblingsfarbe der verstorbenen Gräfin, nämlich gelb. Hatte dieselben schwarzem glänzenden Augen und trug unter der gelben Maske, diese farblose Wachsmaske, welche jetzt in Ihren Händen ist.

»Soviel über den ersten Teil des Geheimnisses.

— »Niemand hat bis jetzt entdecken können, wer die Dame ist, welche die Maske trug. —«

»Ich bin entzückt, mein Herr, Ihnen darüber Aufklärung geben zu können. —«

»Ich danke Ihnen, Madame,« erwiderte der Doktor kurz, »wir wissen das bereits!« —

Brigitte errötete und erhob sich.

»Verstehe ich Sie recht?« sagte sie hochmütig. »Sie ziehen Vorteil aus meinen Mitteilungen und verweigern mir vielleicht die Belohnung dafür?«

»Unter keinen Umständen, Madame!« antwortete der Doktor. »Wir halten, was wir versprachen.«

»Gut! Gab ich Ihnen nicht Alles, was ich wusste? Und jetzt, bin ich sogar zu weiteren Enthüllungen bereit,« sagte Brigitte.

»Ja,« entgegnete der Doktor, »aber leider sind dieselben wertlos für uns, da Ihnen bereits Jemand zuvorgekommen ist, der uns mitteilte, wer die Dame war, - die die Maske auf dem Balle trug, und auch, wie sie zu derselben gekommen ist. Natürlich hat diese Person ältere Ansprüche auf die ausgesetzte Belohnung. Nanina, treten Sie hervor! Das Geld gehört Ihnen!«

Nanina trat hinter dem Vorhang hervor. Brigitte betrachtete das junge Mädchen und rief dann aus:

»Dieses Mädchen!« Dann blieb sie atemlos stehen.

»Dieses junge Mädchen hat Ihre und Ihres Mitschuldigen Unterhaltung heute früh, ungesehen, mit angehört,« sagte der Doktor ernst.

D’Arbino hatte Brigittens Gesicht fest beobachtet und war zu ihr getreten, denn er fürchtete nicht mit Unrecht einen Wuthausbruch.

Sie ergriff auch in demselben Augenblick ein schweres Lineal und hätte es unfehlbar auf Nanina geschleudert, wenn d’Arbino nicht ihren Arm festgehalten hätte.

»Mögen Sie mich nur festhalten,« schrie Brigitte mit kreideweißem Gesicht, »ich kann aus eine bessere Gelegenheit warten.«

Mit diesen Worten ging sie zur Tür, kehrte sich aber noch einmal gegen Nanina und rief: »Ich bedauere, dass ich mit dem Lineal nicht schneller war!« Dann eilte sie fort.

»Nun,« sagte der Doktor, als sie fort war, »gedient hat sie uns doch, denn wir haben jetzt nicht nötig, zu ihr zu gehen, um ihr die Maske abzuzwingen. —«

»Sie können jetzt mit Ihrem Gelde nach Hause gehen,« sagte der Doktor zu Nanina gewendet; »ich werde Ihnen einen Diener mitgeben, damit das Frauenzimmer Sie nicht etwa auf der Straße anfalle.«

»Ich lasse das Geld hier,« erwiderte Nanina.

»Warum?« fragte der Doktor erstaunt.

»Sie würde das Geld auch genommen haben,« — sagte Nanina errötend.

»Gut, gut,« entgegnete der Doktor! »Ich werde das Geld und die Maske noch einige Tage aufheben. — Kommen Sie morgen hier her wie gewöhnlich, mein liebes Kind, bis dahin werde ich mir überlegt haben, wie der Graf am Besten aus die Enthüllungen vorzubereiten ist. Wir müssen vorsichtig und langsam verfahren, wenn wir einen guten Erfolg haben wollen.«



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Siebentes Kapitel.

Unter den ersten Besuchern des Ascoli-Palastes am Morgen nach diesem Tage, befand sich Meister Lomi. Die Diener fanden ihn sehr aufgeregt und er wollte durchaus den Grafen sprechen. Als ihm dies als eine Unmöglichkeit bezeichnet wurde, verlangte er mit dem Arzt zu sprechen.

»Ich kann Ihnen nicht recht mitteilen, was ich eigentlich will,« sagte der Meister zu dem Doktor »Bitte, sagen Sie mir doch, war gestern eine Arbeiterin Namens Nanina hier?«

»Ja!« entgegnete der Doktor

»Hat sie vielleicht mit Jemand eine Unterredung gehabt?«

»Ja! mit mir.«

»Dann haben Sie etwas Besonderes erfahren? —«

»Ja, Alles!«

»Nun, so kann ich ja zu Ihnen offen reden.« sagte der Meister, und zog mehrere zusammengerollte Stücke Papier aus der Tasche.

»Mein Bruder, ich bedauere es sagen zu müssen —«

»Was hat Ihr Bruder mit der Angelegenheit der gelben Maske zu tun?« fragte der Doktor sehr ernst.

»Wenn sein Anteil an der Geschichte bekannt wird,« fuhr Lomi fort, »so werde ich als Künstler ruiniert sein, vielleicht bin ich es jetzt schon!« setzte er traurig hinzu.

»Hat Ihr Bruder Sie vielleicht beauftragt?« fragte der Doktor; »denn ich verstehe eigentlich nicht, was Sie wollen,« setzte er hinzu.

»Nein, ich komme aus eigenem Antriebe. Meinem Bruder scheint es ganz gleichgültig zu sein, was da kommt. Er hat seinem Vorgesetzten einen vollständigen Bericht über seine Handlungsweise überschickt und er wartet jetzt geduldig auf die Strafe, welche der Erzbischof über ihn verhängen wird.«

»Ich habe eine Kopie dieses Berichtes. Das weltliche Gericht kann ihm nichts anhaben, denn er ist bereits in Sicherheit, aber die Kirche kann es, und dieser allein hat er auch gebeichtet.

»Ich möchte also nicht dem öffentlichen Schimpfe ausgesetzt werden, darum kam ich hier her; es würde nicht nur meiner Familie, sondern auch dem Grafen schaden,« sagte Lomi.

»Ich lasse Ihnen die Kopie von dem Berichte meines Bruders hier; sehen Sie dieselbe durch und legen Sie sie dann dem Grafen vor.«

Der Meister ging zum Fenster und rollte das Papier auf. Der Doktor beugte sich neugierig darüber.

Der Bericht oder die schriftliche Beichte des Priesters fing damit an, das Eigentum des Grafen Fabio d’Ascoli als ein, eigentlich der Kirche zugehöriges Besitztum zu schildern, das dessen Vorfahren sich unrechtmäßiger Weise in den Bürgerkriegen angeeignet hätten. Es wurde dies durch alte Manuskripte, die beigefügt waren, bewiesen.

Die zweite Abteilung sprach von der Pflicht, die jeder treue Sohn der Kirche auszuüben habe, nämlich der Kirche zu den Verlusten, welche diese in ihren schlechten Zeiten erlitten habe, wieder zu verhelfen.

Die dritte Abteilung sprach davon, dass die Heirat zwischen Fabio d’Ascoli und Magdalene Lomi zu Gunsten der Kirche veranstaltet worden war, und zwar sollte zuerst auf Magdalene eingewirkt werden, dass die Kirche die Güter der Ascolis zurück erhielte, und stürbe die Gräfin, so sollten ihre Kinder zum Nutzen der Kirche weiter beeinflusst werden.

Die vierte Abteilung sprach von der Notwendigkeit, eine zweite Ehe des Grafen zu verhindern und von den Ideen, die ihn, den Priester, auf die Erfindung der gelben Maske geführt hätten.

Die Idee, den jungen abergläubischen Grafen mit einer Totenmaske zu erschrecken, sei ihm als das beste Mittel erschienen, diesen von einer zweiten Ehe zurück zu halten.

Erst sei er, — der Priester, zwar selbst davor zurückgebebt, aber er habe das Mittel doch benutzt.

Die fünfte Abteilung sprach von der Anfertigung der Maske nach der Minerva-Statue seines Bruders und von zwei Zusammenkünften mit Brigitte, welche sich bereit erklärte, die Maske zu tragen, da sie eine Privatrache an dem Grafen ausüben wollte.

Diese Person hatte auch den anonymen Brief an Fabio geschrieben.

Der Priester blieb noch immer unentschlossen, ob er den Grafen auf dem Balle mit der Totenmaske erschrecken sollte, bis er erfuhr, dass Nanina, die Fabio einst geliebt hatte, auf dem Balle beschäftigt sein würde.

Die sechste Abteilung sprach von der Unterredung welche Fabio und der Priester am Abend vor dem Balle hatten und ferner davon, dass Brigitte die Wachsmaske aus den Händen des Priesters auf dem Friedhof von Campo Santo empfangen hatte.

Die siebente Abteilung wiederholte noch einmal die Notwendigkeit, die Wiederverheiratung des Grafen zu verhindern, wenn die beraubte Kirche wieder zu ihrem Recht gelangen sollte.

Die achte und letzte Abteilung sprach von dem unglücklichen Erfolge des Priesters und von der Schande, die er möglicher Weise auf seine Priesterehre gebracht habe, und in demüthigster Weise verlangte er nun, dass seine Vorgesetzten in der Kirche über ihn Gericht halten möchten.

Nachdem der Doktor diesen sonderbaren Bericht zu Ende gelesen, sagte er zu Lomi:

»Ich hoffe mit Ihnen, dass die Geschichte nicht in die Öffentlichkeit dringe; aber ich erwarte auch, dass die Kirche ihre Pflicht nicht versäumen und den Schuldigen bestrafen wird. Der Graf soll diese Papiere lesen, sobald er genügend darauf vorbereitet ist.«

Lomi hatte nichts weiter zu sagen, er verbeugte sich und ging.

Der Doktor fügte diese Papiere der Wachsmaske bei, betrachtete noch einmal neugierig die Innenseite des Wachsgebildes und schickte dann nach Nanina.

»Nun, mein gutes Kind, sagte er, als diese eintrat, »jetzt wollen wir mit dem Grafen das erste Experiment machen und ich wünschte, dass Sie dabei zugegen wären.«

Er nahm die Schachtel mit der Maske und begab sich mit Nanina in Fabio’s Zimmer.



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Achtes Kapitel.

Ungefähr sechs Monate nach den letzten Ereignissen lebten d’Arbino und sein Freund Finello in einer Villa bei Neapel, in der Nähe der Küste von Castellamare.

Die Freunde verbrachten ihre Zeit teils mit Fischerei, teils mit kleinen Segelpartien. Da sie ein Boot zu ihrer eigenen Verfügung hatten, so schweiften sie oft tagelang auf dem Wasser.

Eines Abends segelten sie in die Nähe von Sorrento. Die Schönheit des Abends fesselte sie wieder wunderbar lange auf dem Wasser. Sie schifften um eine kleine Insel und erblickten eine reizend kleine Villa, umgeben von Orangen- und Olivenbäumen.

Vor der Villa saßen auf dem Sande in der Nähe der Küste mehrere Personen, welche die frische Abendluft einzuatmen schienen. Ein Herr und eine Dame saßen dicht nebeneinander, die Dame hatte eine Gitarre in ihrem Schoß und spielte einen lieblichen Tanz; neben ihr spielte ein kleines Kind in dem Sande und vor ihr tanzte ein junges Mädchen mit einem Hunde nach den Tönen des Instruments.

Das Mädchen lachte hell und laut über die sonderbaren Sprünge des Tieres, dessen Vorderpfoten sie in ihren Händen hielt.

»Fahren wir noch ein wenig näher zur Küste mit dem Boot,« sagte d’Arbino, »dann können wir die Personen erkennen, ohne dass sie uns sehen.«

Finello gehorchte, aber das junge Mädchen, welches mit dem Hunde tanzte, hatte die Schiffer doch erblickt und rief lustig:

»Glückliche Reise, meine Herren!«

Sie lüfteten artig ihre Hüte zum Gegengruß und hörten, dass dieselbe Stimme sprach:

»Spiele, Nanina, ich habe den Tanz noch nicht halb beendet.«

»Ich hörte, dass er wieder gesund sei und sie geheiratet habe und dass er mit ihr, ihrer Schwester und seinem Kind erster Ehe fort sei,« sagte d’Arbino, »aber ich wusste nicht, dass er uns so nahe geblieben ist.

»Es ist noch zu früh, sie in ihrem Glück zu stören, sonst würde ich mein Boot an ihrer Küste landen lassen.«

»Ich erfuhr nie das Ende von der Geschichte mit der gelben Maske,« sagte Finello, »war nicht auch ein Priester darin verwickelt?«

»Ja, aber es weiß Niemand, was aus ihm geworden ist. Er ist nach Rom berufen worden, weiter erfuhr man nichts. Man sagt, er sei als Missionar zu den Wilden geschickt worden und zwar nach einer sehr ungesunden Gegend; doch das ist ein bloßes Gerücht.

»Ich fragte neulich seinen Bruder, den Bildhauer nach ihm, doch dieser schüttelte nur den Kopf und wusste weiter nichts.«

»Und die Frau, welche die gelbe Maske trug, was ist aus ihr geworden?« fragte Finello.

»Sie musste jedes Stück ihrer Habe verkaufen, bevor sie sich aus Pisa entfernen konnte, soviel Schulden hatte sie gemacht.

»Einige ihrer Bekannten, welche bei einer Modehändlerin in Pisa beschäftigt sind, wollten nichts mit ihr zu tun haben, und so verließ sie die Stadt allein und ohne Mittel.«

Das Boot hatte das andere Ufer unter diesen Gesprächen erreicht. Die Freunde blickten zurück zu den Glücklichen und die Töne der Gitarre schwammen sanft zu ihnen herüber, vermischt mit dem Gesang der Spielenden. Das junge Kind und der Hund lagen der Dame jetzt zu Füßen, aber der Herr saß noch immer an ihrer Seite.

Das Boot segelte nun ruhig seine Bahn weiter, die Villa verschwand den Herren aus dem Gesicht und die sanften Töne der Musik erstarben leise und immer leiser.



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