Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Das Eismeer - Kapitel Zehn
 

Das Eismeer



Kapitel Zehn

Die Axt in der Hand, näherte sich Wardour Franks Bettstatt.

„ Könnte ich nur die Gedanken aus mir heraushacken“, sagte er zu sich selbst, „wie ich die Scheite aus diesem Holz hacken werde!“ Er machte sich mit der Axt über die Bettstatt her wie ein Mann, der sein Werkzeug gut zu gebrauchen verstand. „Du meine Güte!“ dachte er traurig, „wäre ich nur als Zimmermann geboren anstatt als Edelmann! Eine gute Axt, Master Bateson – ich frage mich, woher Sie sie haben? Mein lieber Mann, an diesem Stiel ist sogar so etwas wie ein Griff. Armer Crayford! Seine Worte bleiben mir in der Kehle stecken. Ein feiner Bursche! ein nobler Bursche! Kein übliches Denken, kein übliches Bedauern; was gesagt ist, ist gesagt. Arbeit! Arbeit! Arbeit!“

Planke nach Planke fiel heraus auf den Boden. Er lachte über die einfache Aufgabe der Zerstörung. „Aha! junger Aldersley! Es braucht nicht viel, um deine Bettstatt zu zerstören. Ich werde sie zu Fall bringen! Ich würde die ganze Hütte zu Fall bringen, wenn sie mir nur die Chance gäben, darauf herumzuhacken!“

Ein langes Stück Holz geriet ihm vor die Axt – so lang, daß es nötig war, es entzwei zu hacken. Er drehte es um und beugte sich darüber. Etwas fiel ihm ins Auge – ins Holz eingeritzte Buchstaben. Er schaute näher hin. Die Buchstaben waren schwach und schlecht geschnitzt. Er konnte nur die ersten drei entziffern; und selbst bei diesen war er sich nicht ganz sicher. Sie sahen aus wie C L A – wenn sie überhaupt wie etwas aussahen. Gereizt warf er das Stück hinunter.

„ Verdammt sei der Kerl (wer immer er ist), der das geschnitzt hat! Warum hat er diesen Namen geschnitzt, von allen Namen auf der Welt?“

Er hielt inne, überlegend – entschied sich dann, wieder weiterzumachen mit seiner selbstauferlegten, schweren Arbeit. Er schämte sich seines Ausbruches. Ärgerlich schaute er sich nach der Axt um. „Arbeit, Arbeit! Arbeit ist der einzige Weg.“ Er fand die Axt, und machte wieder weiter.

Er hackte eine weitere Planke heraus.

Er hielt inne, und schaute sie mißtrauisch an.

Da war abermals eine Schnitzerei, auf dieser Planke. Die Buchstaben F und A erschienen darauf.

Er legte die Axt nieder. Es waren vage böse Ahnungen in ihm, die zu erfassen er nicht imstande war. Der Zustand seines eigenen Verstandes wurde schnell zum Rätsel für ihn.

„Weitere Schnitzereien“, sagte er zu sich selbst. „Das ist die Art, wie diese jungen Faulenzer ihre langen Stunden verbringen. F.A.? Dies müssen seine Initialen sein – Frank Aldersley. Wer hat die Buchstaben auf die andere Planke geritzt? Ebenfalls Frank Aldersley?“

Er drehte das Stück Holz in seiner Hand näher zum Licht und suchte etwas weiter unten. Noch mehr Schnitzereien, weiter unten! Unter den Initialen F.A. waren zwei weitere Buchstaben – C.B.

„ C.B?“ wiederholte er bei sich. „Die Initialen seines Liebchens vermutlich? Natürlich – in seinem Alter – die Initialen seines Liebchens.“

Er hielt abermals inne. Ein Anfall inneren Schmerzes zeigte den Schatten seines rätselhaften Verlaufs äußerlich auf seinem Gesicht.

Ihre Initialen sind C.B.“, sagte er, in tiefem, gebrochenem Tonfall. „C.B. – Clara Burnham.”

Er wartete, mit der Planke in seiner Hand, den Namen immer und immer wiederholend, als ob er eine Frage wäre, die er sich selbst stellte.

„ Clara Burnham? Clara Burnham?”

Er ließ die Planke fallen und drehte sich im selben Augenblick totenblaß um. Sein Blick wanderte verstohlen zwischen dem Stück Holz auf dem Boden und der halb zerstörten Koje hin und her. „Oh Gott! Was habe ich da nur entdeckt?“ sagte er zu sich selbst, mit einem Flüstern. Er raffte die Axt hoch, mit einem seltsamen Aufschrei – etwas zwischen Raserei und Entsetzen. Er versuchte – versuchte wild, verzweifelt – mit seiner Arbeit fortzufahren. Nein! so stark er auch war, konnte er die Axt nicht benutzen. Seine Hände waren hilflos; sie zitterten unablässig. Er ging zum Feuer; er hielt seine Hände darüber. Sie zitterten noch immer unablässig; sie rissen den Rest von ihm mit. Er bebte überall. Er erlebte Angst. Seine eigenen Gedanken erschreckten ihn.

„ Crayford!“ rief er aus. „Crayford! komm her, und laß uns jagen gehen.“

Keine freundliche Stimme antwortete ihm, kein freundliches Gesicht zeigte sich ihm an der Tür.

Eine Pause verging; und eine weitere Veränderung überkam ihn. Er erlangte seine Selbstbeherrschung beinahe so plötzlich wieder zurück, wie er sie verloren hatte. Ein Lächeln – ein grausiges, entstellendes, unnatürliches Lächeln – breitete sich langsam, verstohlen, teuflisch über sein Gesicht aus. Er verließ das Feuer; er legte die Axt langsam weg in eine Ecke; er ließ sich auf seinem alten Platz nieder und gab sich bewußt einem Wahn rachsüchtiger Freude hin. Er hatte den Mann gefunden! Dort am Ende der Welt – dort, beim letzten Kampf der Arktisreisenden gegen Verhungern und Tod, hatte er den Mann gefunden!

Die Minuten vergingen.

Ihm wurde plötzlich ein eisiger Luftzug bewußt, der in den Raum strömte.

Er wandte sich um und sah Crayford die Tür der Hütte öffnen. Ein Mann befand sich hinter ihm. Wardour erhob sich eifrig und schaute über Crayfords Schulter.

War es – konnte es sein – der Mann, der die Buchstaben auf die Planken geritzt hatte? Ja! Frank Aldersley!


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