Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Erster Band - Zweites Kapitel - Das Atelier
 

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Zweites Kapitel - Das Atelier

Es ist Winterwetter; nicht ein solcher Novemberwintertag, wie wir uns dessen vor vierzehn Jahren in Baregrove Square erinnern, sondern ein rauher frostiger Morgen im Januar. Die Aussicht nach dem freien Felde, welche man von den Fenstern des blythschen Hauses hat, ist dünn und glänzend in dem schönsten Gewande des reinsten Schnees, um die Morgensonne zu begrüßen. Der kalte, blaue Himmel ist wolkenlos. Jeder Laut draußen schlägt mit einem freudigen und fröhlichen Schall an das Ohr, jedes eben angezündete Feuer brennt glänzend fort, ohne dass man sich darum weiter kümmert; di Rotkehlchen sind dreister und zahmer als je an diesem Morgen und hüpfen erwartungsvoll auf Balkonen und Fensterabsätzen umher, als wenn sie nur auf eine Einladung warteten, hereinzuspazieren, um sich mit ihren größeren Mitgeschöpfen an dem freundlichen Herde zu wärmen.

Patty, das Hausmädchen, hat soeben ein großes Feuer in dem Atelier des Herrn Blyth angezündet. Sie wärmt sich am Feuer und starrt mit ehrwürdiger Unwissenheit die verschiedenen Kunstgegenstände an, die sie von allen Seiten umgeben.

Es befindet sich zufällig auch ein anderes weibliches Individuum in dem Atelier, um Patty Gesellschaft zu

leisten, welches als ein merkwürdiger Charakter eine besondere Beachtung verdient. Diese Dame starrt ebenfalls die Gegenstände, wie das Hausmädchen an, aber sie leidet augenscheinlich an einem heftigen Schmerze im Nacken und blickt immer unbeweglich nach derselben Richtung hin. Durch irgendeine außerordentliche Laune der Natur ist ihr Kopf gerade von ihrem Körper nach hinten gezogen, so dass ihr Gesicht mehr dem Rücken als ihrem Busen zustrebt. Sie ist von gewöhnlicher Größe und nicht zu fleischig; sie trägt über falschen Locken eine rote Fischermütze und darauf den Hut eines Kavaliers aus der Periode Karls I. mit einer zerknickten Feder. Einer ihrer Arme ist steif ausgedehnt, wie wenn er im Begriff wäre, eine bedeutungsvolle Bewegung zu machen. Der andere hängt an ihrer Seite, augenscheinlich von innen herausgewendet. Das Fleisch an diesen Gliedern ist von heller, braungelber Farbe. Ihr einziger Anzug ist eine Toga von blauem Merino, sehr alt, sehr schmutzig und sehr zerlumpt, aber unter einem Arm und über dem andern auf die genaueste klassische Weise zusammengehalten. Die eigentümliche Lage ihres Kopfes lässt sie glücklicherweise nicht bemerken, dass dieses Gewand vorne aufgegangen ist und ihre untern Extremitäten auf eine höchst unpassende Weise sichtbar werden.

Die unbeweglich unanständige Dame - alle englischen Frauen mögen sich trösten, wenn sie dies lesen - war eine Ausländerin. Sie war französischen Ursprungs, hatte eine seidene Haut, hölzerne Gelenke, war entfernt mit der unedlen Familie der Gliederpuppen verwandt und führte den barbarischen Namen Ia figure. Ihr Geschäft war, Herrn Blyth zu sitzen und beliebige Kleider zu tragen, zu denen er sie zu malen wünschte. Sie war bei der Köchin und dem Hausmädchen instinktmäßig verhasst und wird im Laufe der gegenwärtigen Erzählung stets im Lichte eines bleibenden schlechten Charakters erscheinen.

»Ich hasse das Ding!« sagt Patty verächtlich, die Toga der Dame wieder in Ordnung legend, als sie das Atelier verließ, »ich hasse das Ding! Es zeigt immer seine hässlichen seidenen Beine, womit man sie auch immer bekleiden mag. Wenn der Herr Dich haben muss, Du große bestialische Puppe, warum kauft er Dir nicht einen Unterrock? Aber es ist durchaus nicht hier, wie es sollte; ich sah niemals ein solches Zimmer, in welchem eine so schreckliche Unordnung herrschte.«

Patty hatte Recht. Ein romantisches Chaos herrschte in dem neuen Studierzimmer.

Es war ein großes luftiges Zimmer, das sein Licht von oben erhielt und sich durch das ganze Haus erstreckte. Die Mauern waren mit einfach schwarzem Papier bedeckt, der Fußboden nur in der Mitte mit einem Teppich belegt und die darin. befindlichen Möbel würden von einem Trödler höchstens auf zwanzig Pfund geschätzt worden sein. In allen vier Ecken waren breite hölzerne Regale angebracht, worauf alle Arten von großen und kleinen Gegenständen ohne alle Rücksicht auf Ordnung in kompakten Massen angehäuft waren. Gipsabdrücke waren in allen Arten auf diesen Regalen zu schauen und mit der launischsten Missachtung der Personen, Stellungen und Perioden, welche sie vorstellten, nebeneinander gebracht.

Bestaubte kleine Öl- und Firnissfläschchen, Farbentöpfe, alte Pinsel, Stückchen von Malertuch, Stücke weißer Kreide, zerrissene Bücher, Bindfadenknäuel, harter Kitt etc. füllten mit Dutzenden von ähnlichen Dingen die Zwischenräume der Abdrücke aus und veranlassten, dass, wenn man ein Ding, welches man brauchte, herunterholen wollte, zehn andere, deren man nicht benötigt war, von selbst herunter fielen.

Bilder ohne Namen in jedem unvollendeten Stadium, Skizzen von allen Größen und neue Kupferstiche dekorierten die Wände in eben solcher Unordnung wie die Abdrücke die Regale.

Die größern Kunstwerke bestanden aus Darstellungen eines italienischen, zum Feste geschmückten Bauernweibes, aus einem Patriarchen mit großem weißen Barte und brauner Gesichtsfarbe, aus einer felsigen Landschaft mit einem Wasserfall, aus einem pittoresken Bettelbuben, der grinsend seine Hand nach einer Gabe ausstreckte, aus einem weiblichen Kopfe, der in die Höhe, und aus einem Hundekopfe, welcher zu Boden blickte. Es waren auch zwei kleine Kopien von Rubens und eine große von Tizian vorhanden: unter den Dutzenden von Kupferstichen, welche an den Wänden hingen, befand sich ein Abdruck von Raphael, einer von Hogarth und einer von Teniers. Über dem Herde hing ein verrosteter Brustharnisch und ein Dolch. Unmittelbar über dem Kamine war der leere Raum dicht mit Schrift in weißer, schwarzer und roter Kreide bedeckt. Adressen von neuen Modellen, Verabredungen mit alten, kurze Zitate aus den Dichtern, Notizen über Abendbestellungen und häusliche Bedürfnisse, Empfangsanzeigen über Gemälde und eigene Gedanken über Kunst waren die Hauptgegenstände, welche auf diesem merkwürdigen Substitute eines Blythschen Taschentagebuches verzeichnet waren.

Die beiden auffallendsten Stücke Möbel im ganzen Atelier waren zwei große Staffeleien, auf jeder ein Bild von beträchtlicher Größe stehend, welche für jetzt mit einem Paar Betttüchern verdeckt waren, die der Wäsche schmerzlich entgegen sahen. Es stand auch ein Malerschrank darin mit einer Masse kleiner Schubladen, von denen einige zu voll, um sie öffnen, andere zu voll waren, um sie zumachen zu können; dann war auch eine bewegliche Plattform darin vorhanden, mit einem vom Staube zerfressenen, roten Tuche bedeckt, ein kleiner viereckiger Tisch von neuem Tannenholze und ein großer runder Tisch von altersschwachem Rosenholze, beide mit Skizzenbüchern, Mappen, Zeichenpapiere, Zinnbüchsen, umhergestreuten Pinseln, Palettenmessern, Lappen mit Farbe und Öl beschmutzt, Bleistiften etc. beladen, das Ganze überall fürchterlich nach Terpentin riechend.

Schließlich waren Stühle genug vorhanden, von denen jedoch keiner dem andern glich. In einer Ecke stand ein morscher antiker Stuhl mit einer hohen Lehne und ein Waschbecken mit schmutzigem Wasser auf dem Sitze. Über dem Kamine befand sich ein unbedeutender Strohstuhl nach dem Bienenkorbmuster mit Rosshaarkissen darauf, über einen Luxusstuhl gekippt. Vor dem größten der beiden Bilder und dicht neben einer tragbaren Treppe stand ein wackliger Comptoirstuhl. Auf der Plattform für die Sitzende lud ein moderner Lehnstuhl mit zerlumptem Überzug alle Modelle zu romantischer Ruhe ein. Dicht neben dem Tisch von Rosenholz war ein Schaukelstuhl hingestellt und zwischen den Füßen des Tannenholztisches war ein Feldstuhl und eine Matte übereinander geworfen. Mit einem Worte, jede merkwürdige Klasse der berühmten Familie Stuhl war in einer oder der andern Ecke im Atelier des Herrn Blyth dargestellt.

Alle übrigen kleinen Gegenstände, die auf den Regalen, Tischen und Stühlen nicht untergebracht werden konnten, ruheten in bequemer Verwirrung auf dem Fußboden.

Gerade am Eingange des Zimmers hatte er auf dem nackten Fußbodeu eine neue Schreibfeder und einen sehr kostspielig aussehenden Zobelabtreter hingemalt, damit die Ankommenden darauf treten möchten. Neue Besucher ließen sich beständig durch diese Nachahmungen so täuschen, dass sie sich unwillkürlich nach diesen Gegenständen bückten, und Herr Blyth freute sich stets über die Täuschung und die Verwunderung eines jeden neuen Opfers so übermäßig, als wenn der alte Scherz bei jeder darauf folgenden Gelegenheit ein neuer gewesen wäre.

So sah das Innere des Ateliers aus, nachdem der Eigentümer zwei Monate darin gehaust hatte.

Die Kirchenglocke der Vorstadt hat soeben zehn Uhr geschlagen, als sich schnelle leichte Tritte der Tür des Ateliers nähern. Ein Herr tritt ein, hüpft heiter über die nachgemachte Feder und den Abtreter und fängt dann, ans Feuer tretend, sich den Rücken zu wärmen und in Gedanken um sich sehend, das Lied »Tropfen Branntwein« im Mollton zu pfeifen an. Dieser Herr ist Herr Valentin Blyth.

Er sieht noch nicht ganz vierzig Jahre alt aus, ist in der Tat aber schon über fünfzig. Sein Gesicht ist rund und rosig und nirgends zeigt sich eine Runzel darin. Er hat große, funkelnde, schwarze Augen, trägt weder Backen-, Kinn- noch Schnurrbart und hat einen lebhaften Ausdruck von Gutmütigkeit in seinem Gesicht, welches man zum ersten Male nicht gut ohne Lachen betrachten kann. Er ist groß und stark, trägt immer sehr enge Beinkleider und schlägt seine Manschetten gewöhnlich über die Aufschläge seines Rockes zurück. Alle seine Bewegungen sind schnell und rastlos. Er scheint meistens auf seinen Zehen zu gehen und immer im Begriff zu sein, als wenn er zu tanzen oder zu springen oder zu laufen anfangen wollte, sobald er sich nur zu Hause oder auswärts von der Stelle bewegt. Wenn er spricht, hat er die sonderbare Gewohnheit, plötzlich seinen Kopf niederzubeugen und die Person, mit welcher er spricht, über die Schulter anzusehen. Diese und andere kleine persönliche Eigentümlichkeiten von ähnlicher Natur scheinen dazu beizutragen, ihn zu einem Manne zu machen, dem jedermann bei der ersten Vorstellung die Hand drückt.

Die Männer glauben, dass er einen Spatz versteht, die Mädchen wählen ihn zum männlichen Vertrauten aller ihrer Liebeleien, von welchen sie so gern sprechen, Kinder für ihren Fürsprecher, wenn sie einen Fehler begangen haben oder einen halben Feiertag erlangen wollen. In anderer Hinsicht ist er entschieden unpopulär unter jener großen Klasse von Engländern, deren einziges Thema bei der Unterhaltung öffentliche Übelstände und politische Missbräuche sind, denn er sieht alles von der besten Seite an und versteht nicht einmal den Unterschied zwischen einem liberalen Tory und einem müßigen Whig. Geschäftsleute halten ihn für einen Narren; geistreiche Frauen mit unabhängigen Ansichten zitieren ihn triumphierend als ein köstliches Muster des untergeordneten männlichen Geschlechtes. Von seiner Kunst abgesehen, in welcher er sich nicht gerade auszeichnet, scheint er wirklich keinen besondern Ruf im Leben zu haben - ausgenommen in Subskriptionslisten für arme Maler zu figurieren, hartnäckig von Straßenbettlern gesegnet zu werden und des Nachts immer von jedem herrenlosen Hunde, dem er zufällig begegnet, das Geleit zu erhalten.


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