Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Zweiter Band - Erstes Kapitel - Ein alter Freund
 

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Zweiter Band - Verbergen und Suchen

Erstes Kapitel - Ein alter Freund

Die Zeit hatte die Frau Peckover mit einem ziemlich starken Embonpoint versehen, ihr aber großmütig nichts oder wenig dafür genommen. Ihr Haar war allerdings seit der Zeit, wo Valentin sie zum ersten Mal im Circus traf, grau geworden, aber ihr gutgelauntes Gesicht sah noch immer so lebhaft und herzlich aus, wie nur je in früheren Tagen. Ihre Backen hatten gewaltig an Umfang gewonnen, ihr Kinn war aus dem zweiten in das dritte Stadium jovialer Entfaltung getreten; einige zweifelhafte Spuren von einer Taille, die sie früher besessen hatte, waren spurlos verschwunden, aber an der geschäftigen Manier, mit der sie in Frau Blyths Zimmer eintrat, war leicht zu erkennen, dass ihr Tätigkeitssinn nichts von seiner früheren Kraft verloren hatte und noch immer allen körperlichen Hindernissen Trotz bieten konnte.

Zahllose Bruchstücke cordialer Worte hervor keuchend, Herrn und Frau Blyth, sowie Zack zulächelnd und zunickend, bis die mächtig große altmodische Haube auf ihrem Kopfe fieberhaft zitterte, schritt die gute Frau, jeden beweglichen Gegenstand im Zimmer erschütternd, gerade auf den Teetisch zu und schloss Madonna in ihre gewaltigen Arme. Das zarte Gesicht des jungen Mädchens schien in einer dichten Wolke von Haubenbändern und unergründlichen Stoffen zu verschwinden, als Frau Peckover sie mit einem prasselnden Feuer von Küssen begrüßte, deren Schall trotz des hastigen Sprechens des Herrn Blyth und des lauten Gelächters Zacks hörbar war.

»Ich will Ihnen sogleich sagen, wie ich hierher komme, mein Herr; ich musste doch aber wenigstens erst nach meiner alten Weise zur kleinen Marie »guten Tag« sagen“, begann Frau Peckover entschuldigend, die man nicht dahin bringen konnte, den Namen »kleine Marie«, welchen sie in früheren Jahren so oft und so gern ausgesprochen hatte, mit dem ihr in Valentins Hause gegebenen »Madonna« zu vertauschen. Dies kam daher, weil dieses würdige Geschöpf durchaus nicht das Geringste von Raphael wusste und sie »Madonna« als ein ausländisches Wort betrachtete, das mit Guy Fawkes und der Pulververschwörung in Verbindung stände, und daher fest glaubte, dass eine Engländerin von gesetzten Jahren ihren Charakter kompromittieren müsste, sobald sie diesen Namen auszusprechen wagte.

»Ich will Ihnen sagen, mein Herr —— ich will Ihnen sogleich sagen, warum ich nach London gekommen bin“, wiederholte Frau Peckover, majestätisch vom Teetische aufstehend, und bewegte sich leicht um ihre eigene Achse nach der Richtung des Kissens hin, um sich genau nach der Gesundheit der Frau Blyth zu erkundigen.

»Ich befinde mich weit besser, meine gute Freundin —— weit besser“, war die tröstliche Antwort; »aber bitte sagen Sie uns, weshalb Sie uns aus diese Weise überrascht haben?“

»Nun, verehrte Frau“, fing Frau Peckover an, »es ist für mich beinah fast eine ebenso große Überraschung in London zu sein, als es —— sein Sie ruhig, Sie junger Taugenichts; ich werde Ihnen nicht einmal die Hand geben, wenn Sie sich nicht anständig betragen!“ Die letzten Worte richtete sie an Zack, dessen Lieblingsscherz vom ersten Tage seiner Bekanntschaft mit ihr in Valentins Hause es stets gewesen war, sich fürchterlich verliebt in sie zu stellen. Er stand jetzt mit weit geöffneten Armen, die Röstgabel in der einen Hand und den Teekuchen, welchen er verbrannt hatte, in der andern, versuchte schmachtend auszusehen und bat Frau Peckover um einen Kuss.

»Sobald Sie es verstehen, einen Teekuchen gehörig zu rösten, könnte ich mich vielleicht entschließen, Ihnen einen zu geben“, sagte sie, indem sie triumphierend über ihre eigene kleine, ihr sehr witzig erscheinende Antwort lachte. »Bitte, Herr Blyth, sorgen Sie dafür, dass er sich ruhig verhält, oder ich werde kein Wort von Allen dem herausbringen können, was ich zu sagen habe. Sehen Sie, verehrte Frau, Doktor Joyce ——“

»Wie befindet er sich?“ unterbrach sie Valentin, indem er ihr eine Tasse Tee überreichte.

»Er ist der beste Mann von der Welt, mein Herr, aber er trinkt gern sein Glas Portwein nach Tische und davon kommt es, dass er jetzt an der Gicht darniederliegt.“

»Und Frau Joyce?«

»Die ist auch krank, mein Herr —— das ganze Haus ist beim Rektor mit Krankheit geplagt —— geplagt mit der Influenza.«

»Hat eins von den Kindern auch die Influenza?« fragte Frau Blyth. »Ich hoffe nicht.«

»Nein, verehrte Frau, sie sind Alle wohl, das jüngste Mädchen ausgenommen. —— Erinnern Sie sich ihrer noch, mein Herr? Es ist dieselbe, die so schnell wuchs, als sie zum letzten Male beim Rektor waren. —— Ihrethalben komme ich nach London.«

»Ist das Kind krank?« fragte Valentin ängstlich. »Es ist so ein allerliebstes kleines Geschöpf, Lavinia, ich möchte es gern malen.«

»Ich befürchte, sie eignet sich jetzt gerade nicht gut zum Malen«, erwiderte Frau Peckover. »Frau Joyce ist in schrecklicher Unruhe ihrethalben, weil eine ihrer Schultern schief geworden ist. Der Rubbleforder Doktor zweifelt zwar nicht daran, dass dieser Übelstand wieder beseitigt werden könnte, aber er sagt, man müsste sogleich mit ihr zu einem berühmten Doktor in London gehen. Da nun weder ihr Vater noch ihre Mutter im Stande waren, sie nach dem Hause ihrer Tante hinzubringen, so beauftragten sie mich damit. Wie Sie wissen, mein Herr, seit Doktor Joyce meinem Manne eine Stelle in Rubbleford verschafft hat, habe ich mich immer bemüht, mich in der Wohnung des Rektors bei den Kindern und sonst in der Wirtschaft nützlich zu machen; und da Fräulein Lucy sich an mich gewöhnt hat, so fuhren wir ganz fröhlich und heiter auf der Eisenbahn zusammen hierher. Sie können sich wohl leicht vorstellen, wie sehr erfreut ich war, eine solche Gelegenheit hierher zu finden, zumal ich die kleine Marie so lange nicht gesehen habe. Ich ließ Fräulein Lucy bei ihrer Tante, wo man sehr freundlich gegen mich war und mich die Nacht über dort zu behalten wünschte. Ich sagte aber, dass ich, so oft ich mich auch in London befände, stets durch Ihre Güte ein Bett in Ihrer Wohnung für mich hätte, und nachdem ich so das kleine Mädchen sicher und bequem untergebracht wusste, setzte ich mich in eine Droschke und fuhr hierher. Das ist die ganze Geschichte, wie ich dazu kam, Sie auf diese Weise zu überraschen, verehrte Frau —— und nun will ich meinen Tee austrinken.«

Nachdem sie ihre Tasse ausgetrunken und einen Teekuchen, der ihr von dem unverbesserlichen Zack als ein Beweis seiner unabänderlichen Zuneigung mit verliebter Miene präsentiert worden war, aufgegessen hatte, gewann Frau Peckover Zeit, sich wieder zur Madonna zu wenden, die ihr Hut und Shawl abgenommen hatte und jetzt dicht neben ihr saß. »Bei meinem jetzigen Eintritte dachte ich nicht, dass sie ganz so wohl aussehe, wie gewöhnlich, aber sie scheint sich jetzt wieder erholt zu haben«, sagte Frau Peckover, indem sie dem Mädchen mit ihren dicken Fingern auf die Wange klopfte. Und in der Tat, die stille Trauer war bei dem Anblick ihrer ältesten Freundin und Mutter von dem Gesicht der Madonna verschwunden. —— »Vielleicht hat sie sich kürzlich ein wenig zu sehr mit dem Zeichnen beschäftigt ——«

»Beiläufig gesagt, da wir gerade vom Zeichnen sprechen, was ist aus meiner Zeichnung geworden?« rief Zack aus, als er sich plötzlich zum ersten Male des Geschenks erinnerte, welches er von der Madonna zum Andenken erhalten hatte.

»Mein Gott«, fuhr Frau Peckover fort, als sie die drei Zeichenbretter erblickte, welche um das Fußgestell der Büste herumstanden, »hat dies alles die kleine Marie gemacht? Ich vermute, sie ist jetzt geschickter als je vorher im Zeichnen. O, mein Himmel, was für eine alte Frau ich geworden bin, wenn ich an die vielen vergangenen Jahre denke ——«

»Kommen Sie und sehen Sie, was sie heute Abend gearbeitet hat«, unterbrach sie Valentin, Frau Peckover beim Arm nehmend und denselben sehr bedeutungsvoll drückend, als er nach jenem Teil des Tisches hinblickte, wo der junge Thorpe saß.

»Meine Zeichnung —— wo ist meine Zeichnung?« wiederholte Zack. »Wer stellte sie weg, als der Tee hereingebracht wurde? O! dort liegt sie, ganz gut verwahrt auf dem Bücherschranke.«

»Ich gratuliere Ihnen, mein Herr, dass Sie sich endlich erinnern, dass überhaupt das Geschenk der Madonna noch für Sie existiert«, sagte Frau Blyth sarkastisch.

Zack sah verblüfft vom Tee auf und fragte sogleich, was jene Worte bedeuteten.

»O bitte, beachten Sie dieselben nicht«, sagte Frau Blyth in demselben Tone, »Sie sind keiner Erklärung wert. Hörten Sie jemals von einem jungen Gentleman, der einen Teller voll Teekuchen mehr schätzte, als das Geschenk einer Dame? Ich glaube nicht! Ich wenigstens niemals. Sprechen Sie nicht mehr mit mir darüber, ich habe hier ein Buch, das ich auslesen möchte. Nein, es hilft Ihnen nichts, ich werde kein Wort weiter sagen.«

»Was für ein Unrecht habe ich begangen?« fragte Zack, kläglich und bestürzt aussehend, als er zu ahnen anfing, dass er irgendeinen unverzeihlichen Verstoß begangen haben musste. »Ich weiß, dass ich einen Teekuchen verbrannt habe, aber was hat das mit meinem Geschenke von der Madonna zu tun?« (Frau Blyth schüttelte bei diesen Worten mit dem Kopfe, öffnete ihr Buch und vertiefte sich sogleich darin). »Dankte ich ihr nicht dafür in gehöriger Weise? Ich würde ein Unmensch und ein Narr sein, wenn ich nicht dankbar dafür und stolz auf das sein wollte, was sie für mich gearbeitet hat.« (Hier hielt er inne, aber Frau Blyth achtete nicht auf ihn). »Ich befürchte, dass ich in eine sehr unangenehme Lage gekommen bin! Scherzen Sie darüber, so viel Sie wollen, aber sagen Sie mir, worin sie besteht. Sie wollen nicht? Nun, dann will ich schon suchen, alles von der Madonna darüber zu erfahren. Sie weiß es natürlich und wird es mir sagen. Sehen Sie hierher, Frau Blyth, ich werde nicht eher aufstehen, bis sie mir alles gesagt hat.« Zack fiel hierauf mit einer komisch-bittenden Miene am Stuhle der Madonna auf seine Knie nieder, bemächtigte sich sogleich ihrer Schiefertafel, die immer noch an ihrer Seite hing, und verhinderte so, dass sie sich von ihrem Sitze erheben konnte.

Während der junge Thorpe Fragen, Beteuerungen und Unsinn aller Art schnell hintereinander auf die Tafel schmierte, las die Madonna, —— deren Augen unter Tränen zu lächeln suchten —— seine Fragen und Wünsche mit zweifelnder Miene. Anfangs konnte sie es kaum über sich gewinnen, an seine aufrichtige Reue zu glauben, als er aber die Bitte niederschrieb, sie möge sanft und verzeihend auf ihn nieder blicken, und dieselbe mit flehender Gebärde begleitete, so konnte Madonna trotz der geheimen Zeichen, die ihr von Madam Blyth für das Gegenteil gemacht wurden, doch nicht umhin, ihm seine Sorglosigkeit zu vergeben und ihm wie gewöhnlich wieder zum Beweise ihrer Aufrichtigkeit ihre Hand zu überlassen.

Während diese kleine Szene an einem Ende des Zimmers vor sich ging, war eine Szene anderer Art —— ein Gespräch in geheimnisvollem Flüstern zwischen Herrn Blyth und seinem Besuche vom Lande, an dem andern im vollen Gange.

Die Zeit hatte Valentins an Krankheit grenzende Angst über das strenge Geheimhalten eines jeden Umstandes, der sich auf Frau Peckovers erste Bekanntschaft mit der Madonna und ihrer Mutter bezog, keineswegs vermindert. Die Jahre, welche ihm jetzt in unbestrittenem Besitze seines Adoptivkindes dahingeschwunden waren, hatten die übermäßige Vorsicht, das Wenige, was von ihrem Leben bekannt war, geheim zu halten, nicht verringert, ja ihn sogar angetrieben, Doktor Joyce und seine Frau zu verpflichten, dass sie niemals die besonderen Umstände der in der Rektorwohnung mitgeteilten Erzählung gegen jemand erwähnten. Er konnte dessen ungeachtet seine erste Furcht nicht besiegen, dass sie eines Tages aufgespürt, ihm abverlangt und entrissen würde, sobald jene Erzählung, so armselig sie an sich war, jemals andern Ohren, als denjenigen, welche sie ursprünglich mit angehört hatten, anvertraut werden würde. Noch hielt er das Haararmband und das Taschentuch, welche ihrer Mutter gehört hatten, sorgfältig vor Jedermann in seinem Bureau verschlossen und dennoch zweifelte er an der Verschwiegenheit der Frau Peckover, wie er es schon in früheren Tagen getan hatte, als das kleine Mädchen zuerst in sein Haus kam.

Nachdem er einen Vorwand gesucht hatte, um ihr die am heutigen Abend angefangenen Zeichnungen zu zeigen, wusste es Herr Blyth schlau anzustellen, um Frau Peckover an denselben vorbei nach einem Winkel in dem äußersten Ende des Zimmers zu führen.

»Wohlan«, sagte er mit einem unnötigen leisen Flüstern, wenn man die Entfernung in Anschlag brachte, welche ihn jetzt von Zack trennte, und welche so groß war, dass niemand die Worte, welche er in einem leisen Tone hätte sagen können, verstanden haben würde, nicht einmal einer, der in der bestimmten Absicht ganz besonders gelauscht hätte, um sie zu erhorchen. »Wohlan, sind Sie überzeugt, dass Sie gegen niemand etwas ausgeplaudert haben, seit wir uns zuletzt sahen —— Sie verstehen, etwa beim Plaudern mit den Nachbarn —— über Ihr erstes Zusammentreffen mit unserm Lieblingsmädchen? Oder über ihre arme Mutter? Oder ——?«

»Wie, Sie fangen die alte Geschichte wieder an, mein Herr?« unterbrach ihn Frau Peckover hochmütig, aber in ebenso flüsterndem Tone, um Herrn Blyth nachzuahmen —— »Sie, der Sie noch obendrein ein so geschickter Mann sind! Mein Himmel, wie oft soll ich es Ihnen denn noch sagen, dass ich alt genug bin, um meine Zunge im Zaum zu halten! Wie lange wollen Sie sich denn noch ängstigen, etwas zu verbergen, was niemand sucht?«

»Meine gute Seele, Sie wissen, ich glaube immer, dass Sie Ihren Mund halten können«, erwiderte Valentin schmeichelnd, »aber gerade jetzt waren Sie hier in der Gegenwart des jungen Thorpe in Begriff, von alten Zeiten und von dem, was Sie sich von früher her von unserm lieben Kinde erinnerten, zu sprechen, wenn ich Sie nicht unterbrochen hätte.«

»Ich wollte durchaus nichts derartiges sagen, mein Herr, und ich wundere mich, wie Sie mir so etwas zumuten konnten«, antwortete Frau Peckover schnell und entschieden.

»Dann habe ich mich geirrt und ich bitte um Verzeihung.« Hier hielt er inne, um sich nach Zack umzusehen. Wie er aber bemerkte, dass der junge Thorpe zu sehr mit der Madonna beschäftigt war, um auf irgendetwas anderes zu achten, fügte er hinzu: »Und Ihr Mann? und Doktor Joyce und Frau Joyce, keiner von Ihnen, sagen natürlich jemals ein Wort darüber vor andern Leuten?«

»Täten Sie nicht besser, wenn Sie an alle drei schrieben und sie selber darüber befragen, mein Herr?« wandte Frau Peckover spöttisch ein. »Es würde weit beruhigender sein, als sich auf ein altes, geschwätziges Weib wie mich, zu verlassen, das kein Geheimnis bewahren kann.«

»Still! Still!« sagte Valentin, ihre Hand ergreifend, »Sie glauben doch nicht, dass ich Sie beleidigen wollte? Sie wissen, hierüber haben wir immer unsern kleinen Zwist, nicht wahr? Aber wir sahen darin niemals eine Beleidigung —— o nein, niemals! Dazu sind wir zu alte Freunde.«

Frau Peckover stimmte diesem Ausspruch lächelnd bei und schickte sich an, nach dem andern Ende des Zimmers zurückkehren; Herr Blyth hielt sie jedoch einige Augenblicke länger zurück und fuhr ernst, fast traurig fort: »So oft ich Sie sehe, meine gute Freundin, bilde ich mir ein, die ganze traurige Geschichte unseres Lieblingskindes und ihrer elenden verlassenen Mutter, deren Namen wir nicht einmal kennen, wieder zu hören. Ich fühle auch, wenn Sie uns besuchen fast mehr, als zu andern Zeiten, wie die Tochter, die Sie uns gegeben, Lavinia und mir unaussprechlich teuer geworden ist; und ich denke mit mehr Furcht, als ich wohl zu beschreiben im Stande bin, an den schrecklichen Fall, wenn unbedachtsamer Weise irgendetwas darüber gesagt und von einem zum andern weiter gesprochen würde.«

»O mein Himmel, wie können Sie nur nach so vielen Jahren noch so etwas befürchten?«

»Ich bin niemals lange ängstlich, Frau Peckover, meine gute Laune vertreibt immer jede Angst, sie sei groß oder klein, aber so lange ich nicht weiß, ob nicht noch Verwandte von ihr —— vielleicht ihr schurkischer Vater selbst —— noch leben könnten und nach ihr forschen ——«

»Darüber können Sie sich beruhigen, Herr Blyth, von ihren Verwandten lebt keiner mehr, und wenn es der Fall wäre, so bekümmert sich keiner um das arme Lamm. Dafür will ich stehen.«

»Ich hoffe zu Gott, dass Sie Recht haben«, sagte Valentin ernst. »Aber lassen Sie uns jetzt nicht mehr daran denken«, fügte er hinzu und ging wieder zu seinem gewöhnlichen Benehmen über. »Ich habe meine regelmäßigen Fragen vorgebracht, welche ich stets stelle, so oft ich Sie sehe; Sie haben mir dies wie gewöhnlich verziehen und nun bin ich ganz zufrieden. Nehmen Sie meinen Arm, Frau Peckover. Um Ihre Ankunft zu feiern, will ich den Studenten meiner neuen Zeichenakademie für den übrigen Teil des Abends ihre Arbeit erlassen. Was denken Sie davon, wenn wir nach alter Weise ein Spielchen machten?«

»Das ist es gerade, woran ich selbst dachte und womit ich sehr zufrieden sein würde, nämlich, so lange jedes Spiel nur um sechs Pence gespielt wird«, sagte Frau Peckover heiter. »Ich sage, junger Herr«, fuhr sie, als Herr Blyth sie verlassen hatte, um die Karten zu holen, an Zack gewendet fort, »was für Unsinn schreiben Sie da auf unseres Lieblings Tafel? Sie ist ja ganz verwirrt und errötet bis hinter die Ohren, wenn sie auf ihre arme alte Peckover blickt? Gott segne sie! sie vertreibt sich jetzt ebenso leicht die Zeit, wie damals, als sie noch ein Kind war. Gib mir noch einen Kuss, mein Liebling. Du verstehst, was ich meine, nicht wahr, wenn Du auch nicht hören kannst! O, du meine Güte! wenn sie so dasteht und mich mit ihren Augen betrachtet, so ist sie das lebende! Bild von ——«

»Cribbage«, rief Herr Blyth aus, ein dreieckiges Brett für drei Spieler auf dem Tisch befestigend und Frau Peckover mit dem vorwurfsvollsten und verweisendsten Ausdrucke ansehend, den seine Gesichtszüge annehmen konnten.

Sie fühlte, dass sie jenen Blick verdient hatte, und näherte sich beinah verwirrt dem Spieltisch, ohne noch ein Wort weiter zu sagen. Hätte sie aber Valentin nicht zum zweiten Male unterbrochen, so würde sie in der Gegenwart des jungen Thorpe erklärt haben, dass die Madonna das lebende Bild ihrer Mutter wäre.

Glücklicher Weise kam ihr Zack während der augenblicklichen, unangenehmen Stille, welche jetzt entstand, zu Hilfe. Während sie sprach, war er nach dem Bücherschrank gegangen, um sein Geschenk zu holen und es ihr zu zeigen. Hierauf setzte er, als sie die Zeichnung betrachtete, seinen Lieblingsscherz fort, —— indem er sie bat, auf die Madonna nicht eifersüchtig zu sein; dabei versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu legen und erklärte, dass Frau Peckover der Name des einzigen weiblichen Wesens wäre, das er jemals wahrhaft geliebt hätte.

Außerdem bestürmte er sie noch mit so vielem geräuschvollem Unsinn, dass sie ihre gute Laune und den Gebrauch ihrer Zunge zu ihrer Selbstverteidigung sogleich wieder erlangte.

»Die Madonna wird wie gewöhnlich mitspielen. Willst Du die dritte abgeben, Lavinia?« fragte Valentin, als er die Karten mischte. »Zack brauchen wir gar nicht zu fragen, er kann noch nicht einmal zählen.«

»Nein, ich danke Dir, mein Lieber. Ich werde hinlänglich genug zu tun haben, wenn ich mit meinem Buche fortfahre und es während Eures Spiels nebenbei versuche, Meister Tollkopf hier in Ordnung zu halten«, erwiderte Frau Blyth.

Das Spiel fing an. Es war eine hergebrachte Sitte, dass, so oft Frau Peckover nach Herrn Blyths Hause kam, Cribbage gespielt wurde und die Madonna daran Anteil nehmen musste. Dies wurde hauptsächlich ihrethalben in dankbarer Erinnerung an die alten Zeiten getan, als sie unter der Fürsorge von Jemmys Frau lebte und wo sie von ihr Cribbage gelernt hatte, damit sie nach ihrer Genesung von dem im Circus sie betroffenen Unglücke eine kleine Zerstreuung hatte. Es war ein charakteristischer Zug und eine sonderbare Eigentümlichkeit ihrer Gemütsart, dass der Anblick der Karten, welche sie die Tage des Leidens und der Betrübnis und an die spätere Periode der mühsamen Produktionen vor dem Publikum, wobei die dieselben eine große Rolle spielten, niemals eine schmerzliche Erinnerung bei ihr hervorrief. Bei den angenehmen Nebenumständen aber, welche an ihnen hafteten, bei der sinnigen Güte, die sie in ihrem tiefen Schmerze so oft getröstet hatte, und bei der selbstleugnenden Liebe, die ihre Betrübnis gemildert hatte, verweilte ihr Herz, abgesehen von allen andern Dingen, immer und immer wieder sehr gern.

Valentins größte Aufmerksamkeit entdeckte niemals einen traurigen Blick in ihrem Gesicht, so oft Frau Peckover in London war, und wenn sie dasjenige Kartenspiel spielten, welches ihr zuerst nach dem Unglücke, das einen ihrer Sinne gänzlich zerstört und die Ausübung der andern gehemmt hatte, gelehrt worden war.

Zu Frau Blyths großem Erstaunen brauchte Zack zehn volle Minuten lang, während die andern Karten spielten, durchaus nicht in Ordnung gehalten zu werden.

Es war die unglaublichste aller menschlichen Erscheinungen, aber er stand zuverlässig ganz ruhig mit seinem Bilde in der Hand neben dem Kamine und dachte wirklich nach! Frau Blyths Erstaunen bei dieser beispiellosen Veränderung in seinem Benehmen wuchs so sehr, dass sie ihr Buch weglegte, um ihn ungestörter betrachten zu können. Er bemerkte dies und näherte sich sogleich ihrem Kissen.

»Das ist recht«, sagte er, »lesen Sie nicht weiter. Ich möchte gern eine ordentliche ernste Beratung mit Ihnen halten.«

»Erst einen Besuch von Frau Peckover, dann eine ernste Beratung mit Zack! Das ist ein wunderbarer Abend! ——« dachte Frau Blyth.

»Ich habe bei der Madonna alles wieder in das gehörige Geleise gebracht«, fuhr Zack fort. »Sie hält mich durchaus nicht für schlechter, weil ich mich, als wir den Tee tranken, beim Rösten der Teekuchen wie ein Narr benommen habe; aber das ist es gerade nicht, worüber ich jetzt mit Ihnen sprechen wollte: es ist eine Art Geheimnis. Erstens: ——«

»Sprechen Sie stets von Ihren Geheimnissen so laut, dass sie jedermann hören kann?« fragte Frau Blyth lachend.

»O, das tut durchaus nichts«, erwiderte er nicht im Geringsten mit leiserer Stimme; »es ist nur vor der Madonna ein Geheimnis, und wir können vor der armen Seele sprechen, gerade, wie wenn sie nicht im Zimmer wäre. Nun, die Sache verhält sich so: sie hat mir ein Geschenk gemacht, und ich denke, ich muss meine Dankbarkeit durch ein Gegengeschenk beweisen. Er nahm hierbei seine gewöhnliche Manier wieder an und begann auf seine übliche, unruhige, schnelle Weise im Zimmer auf und ab zu gehen. Wohlan, ich habe über das Geschenk nachgedacht —— ein recht hübsches muss es natürlich sein. Ich kann ihr keine Zeichnung von mir geben, die einen Nasenstüber wert wäre; und sogar, wenn ich könnte ——«

»Wollen Sie nicht lieber herkommen und sich hier niedersetzen, Zack«, unterbrach ihn Frau Blyth. »Wenn Sie immer auf diese Weise vor dem Spieltische auf und ab gehen, stören Sie die Aufmerksamkeit der Madonna beim Spiel.«

Das war auch ohne Zweifel der Fall, wie konnte sie genau auf ihr Spiel achten, wenn er immer an ihr vorüberging und stets ihre Zeichnung in seinen Händen trug, wie wenn er sie zu hoch schätzte, um sie wegzulegen! —— Sie musste ja bei dem Gedanken an diese unschuldige kleine Schmeichelei Gefallen finden und ihm recht oft nachblicken.

Zack folgte der Einladung der Frau Blyth, setzte sich zu ihr und kehrte seinen Rücken den Cribbage-Spielern zu.

»Nun, es handelt sich darum, was für ein Geschenk ich ihr geben soll«, fuhr er fort. »Ich habe es in meinem Kopfe hin und her überlegt und habe endlich herausgebracht ——«

»Fünfzehn zwei, fünfzehn vier, und ein Paar macht sechs«, sagte Valentin, die Stiche zusammenzählend, welche er in jenem Augenblicke in der Hand hatte.

»Bemerkten Sie jemals, dass sie eine besonders hübsche Hand und einen schönen Arm hatte?« fuhr Zack einigermaßen ausweichend fort. »Ich verstehe mich selbst auf solche Dinge, und von allen andern Mädchen, welche ich jemals sah ——«

»Kümmern Sie sich nicht um andere Mädchen«,erwiderte Frau Blyth. »Sagen Sie mir, was Sie der Madonna zu geben gedenken.«

»Zwei auf seine Hacken«, rief Frau Peckover aus, mit großer Heiterkeit einen Buben stechend.

»Ich gedenke ihr ein Armband zu geben«, sagte Zack.

Valentin sah schnell vom Spieltische auf.

»Bitte, mein Herr, spielen Sie«, sagte Frau Peckover; »die kleine Marie wartet auf Sie.«

»Nun Zack«, sprach Frau Blyth, »Ihre Idee, Madonnas Geschenk zu erwidern, billige ich von ganzem Herzen, nur würde ich ein etwas weniger kostbares empfehlen. —— Wissen Sie denn nicht, dass es zu den Wunderlichkeiten der Madonna gehört, keinen Wert auf Juwelierarbeit zu legen; sie hätte sich schon längst ein Armband von ihren eignen Ersparnissen kaufen können, wenn Pretiosen nur irgendwie einen Reiz in ihren Augen gehabt hätten.«

»Warten Sie einen Augenblick, Frau Blyth«, sagte Zack mit sichtlicher Genugtuung; »Sie haben das beste von meiner Idee noch nicht gehört, Kern und Mark kommen erst noch nach. Das Armband, welches ich ihr zu geben beabsichtige, ist ein solches, das sie bis zu ihrem Todestage hoch schätzen wird, oder sie ist nicht das liebende, hochherzige Mädchen, wofür ich sie halte. Was denken Sie von einem Armbande, das sie an Sie, an Valentin und an die alte drollige Peckover erinnert —— und auch ein wenig an mich! Ich denke, sie wird es meinetwegen doch wohl hoffentlich nicht schlechter halten. Ich führe etwas gegen alle Ihre Köpfe im Schilde, fuhr er fort, ahnte die Pantomime des Haarabschneidens mit der Schere und zweier seiner Finger nach und sprach mit triumphierender Stimme. Es ist eine köstliche Idee! Ich denke der Madonna ein Haararmband zu geben!«

Frau Peckover und Herr Blyth sanken auf ihre Stühle zurück und sahen sich einander so verwundert an, wie wenn Zacks letzte Worte aus einer geladenen Batterie gekommen wären und sie beide zu gleicher Zeit mit einem scharfen elektrischen Schlage getroffen hätten. Bei einer gewöhnlichen Gelegenheit würden die Erinnerungen, die des jungen Thorpes Äußerung angeregt hatte, nicht einen so mächtigen, wirkungsvollen Eindruck hervorgebracht haben, oder sie würden höchstens, wenn ja einmal erweckt, bald wieder vergessen worden sein, aber an jenem besonderen Abend nach einer solchen, vor kaum einer halben Stunde stattgefundenen Unterredung hatte die bloße Erwähnung eines Haararmbandes, das auf die Madonna Bezug hatte, eine unbestimmte üble Vorbedeutung für Beide. Aus ein und demselben Antriebe sahen sie von sich nach dem Mädchen hin, welches zwischen ihnen saß und erstaunt war, dass das Spiel, ohne dass sie dazu irgendeine Ursache finden konnte, plötzlich unterbrochen wurde.

»Wie kommt er nur auf den Gedanken, unter allen den vielen Geschenken, die es für Mädchen gibt, gerade ein Armband zu wählen«, fuhr Frau Peckover mit gedämpfter Stimme heraus; und während sie so sprach, wandte sich ihre Erinnerung jenem Tage zu, an welchem sie den Leichnam von Mariens Mutter durchsucht und ganz in der Ecke einer Tasche verborgen das Haararmband gefunden hatte.

»Still! lassen Sie uns mit unserm Spiele fortfahren«, sagte Valentin. Auch er dachte an das Haararmband, wie er es beinah vor Jahren vernichtet haben würde, wenn sein Gewissen und sein Ehrgefühl ihn nicht davon abgehalten hätten. Gleichzeitig vergegenwärtigte er sich die verhängnisvollen Entdeckungen, die möglicherweise gemacht werden könnten, wenn es jemals in fremde Hände fiele.

»Ein Haararmband«, fuhr Zack fort, und ahnte nicht im Geringsten die Wirkung, welche er auf zwei von den Kartenspielern hervorgebracht hatte, »und aus den von mir genannten Haaren soll es angefertigt werden. —— Nun, die Madonna wird es für kostbarer halten, als alle Diamanten auf der Welt. Ich fordere jeden heraus, ob er eine bessere Idee zu einem Geschenke hätte ersinnen können, es ist elegant und passend —— nicht wahr?«

»O, ja! wirklich sehr niedlich und hübsch«, erwiderte Frau Blyth beinah zerstreut und verwirrt. Sie kannte von der Geschichte der Madonna ebenso viel wie ihr Mann und war neugierig, was Valentin über das Geschenk sagen würde, das der junge Thorpe ihrem Adoptivkind zu machen gedachte.

»Aber nun möchte ich auch vor allen Dingen wissen«, fuhr Zack eilig fort, »welches Muster Sie für das Armband am passendsten halten. Zwei Arten der darin befindlichen Haare wird man natürlich in jede beliebige Form bringen können —— Ihr Haar nämlich und das der Frau Peckover.«

»Nicht ein Härchen von meinem Kopfe soll zu dem Armbande kommen, —— nicht ein einziges Härchen!« murmelte Frau Peckover, die immer während des Spiels aufmerksam auf diese Unterhaltung horchte.

»Das Haar, welches schwer anzubringen sein wird, ist das meinige und das Valentins«, fuhr Zack fort. »Das meinige ist sicherlich lang genug; ich hätte es mir schon vor einem Monate sollen schneiden lassen, aber es ist so steif und lockig, und Blyth hält das seinige so kurz zu gestutzt. Ich begreife nicht, was man daraus machen könnte, es sei denn, man fertigt Ringe oder Sterne oder sonst etwas Derartiges daraus.«

»Die Leute im Laden werden das am besten wissen«, sagte Frau Blyth mit dem Entschluss, sehr vorsichtig zu Werke zu gehen.

»Zu einer Sache habe ich mich jedoch schon vorher entschlossen«, rief Zack —»— es ist das Schloss. Das Schloss muss eine Schlange sein ——«

»Welche ihren schurkischen Vater vorstellt! Dafür will ich stehen«, flüsterte Frau Peckover hinter den Karten leise vor sich hin, während ihre Gedanken immer noch bei der Madonna und ihrer Mutter verweilten.

»—— Eine Schlange, fuhr Zack fort, mit Augen von Türkisen und einem Schweif von Karfunkeln und alle unsere Anfangsbuchstaben irgendwo auf den Schuppen angebracht. Wird das nicht köstlich sein? Ich möchte die Madonna noch gern heute Abend damit überraschen.«

»Sie sollen es ihr niemals geben, wenn ich es verhindern kann«, murmelte Frau Peckover leise vor sich bin sprechend. »Wenn irgendetwas auf der Welt ihr Unglück bringen kann, wird es ein Haararmband sein!«

Diese letzten Worte wurden in vollkommenem Ernste gesprochen, denn sie waren das Resultat des stärksten Aberglaubens.

Außer der Kenntnis des Lesens und Schreibens entbehrte Frau Peckover alles weiteren Wissens. Sie hatte für den größten Teil ihres Lebens —— den frühesten Teil besonders —— unter ebenso ungebildeten Personen, wie sie selbst, verlebt. Es gab von den vielen volkstümlichen Aberglauben, welche noch unter ihrer Klasse bestehen, keinen einzigen, den sie nicht kannte und an den sie nicht glaubte, —— keine abergläubische Ansicht, die irgendeinen merkwürdigen Umstand entnommen werden konnte und die sie nicht bereit war, sogleich zu der ihrigen zu daneben. Von der Zeit an, wo das Haararmband zuerst bei der Mutter der Madonna gefunden worden war, hatte sich ihr die Überzeugung aufgedrängt, —— und zwar bei dem Mangel an jeder Belehrung vom Gegenteil als gar nicht seltsam —— dass es auf irgendeine Weise mit dem Elende und der Schande in Zusammenhang gestanden hätte, die seine unglückliche Besitzerin aus ihrer Heimat vertrieben hatte, um als eine Verstoßene unter Fremden zu sterben. Der Glaube nun, dass ein Haararmband der Mutter Unglück gebracht hätte, und die daraus hervorgehende Überzeugung, dass ein Haararmband daher auch dem Kind Unglück bringen würde, war eine vollkommen richtige und unvermeidliche Folgerung für das abergläubische Gemüt der Frau Peckover. Die Beweggründe, welche sie früher veranlasst hatten, ihrer kleinen Marie zu verbieten, jemals etwas Wichtiges an einem Freitage zu unternehmen, oder ihre Glückseligkeit dadurch zu gefährden, dass sie unter einer Leiter wegginge, waren gerade die nämlichen Beweggründe, welche ihr den Entschluss aufdrängten, die Überreichung des verhängnisvollen Geschenkes seitens des jungen Thorpe durch alle ihr zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern, sogar auf die Gefahr hin, das Geheimnis zu entdecken, welches sie zu bewahren verpflichtet war.

Obgleich Valentin nur hier und da ein Wort von dem Selbstgespräch, welches Frau Peckover während des Spieles leise fortsetzte, aufgefangen hatte, so erriet er doch leicht genug den allgemeinen Inhalt ihrer Gedanken und vermutete, dass sie über kurz oder lang lauter als wünschenswert zu sprechen anfangen würde, wenn Zack nämlich mit seinem jetzigen Konversationsthema noch weiter fortfahren würde. Er benutzte daher eine Pause im Spiele und einen Rückfall des jungen Thorpe, unruhig im Zimmer aus und ab zu laufen, um sich dem Kissen seiner Frau zu nähern, wie wenn er dort etwas aufheben wollte, und ihr zuzuflüstern.

»Verhindere ihn, dass er noch ein Wort weiter über das Geschenk der Madonna spricht; ich will Dir das »Warum« ein andermal sagen.«

Frau Blyth gehorchte dieser Ermahnung sehr gern und bereitwillig, indem sie Zack sagte, dass sie, wie es auch wirklich der Fall war, durch die Ereignisse des Abends in Rücksicht auf ihren schwachen Gesundheitszustand schon ein wenig zu sehr aufgeregt worden wäre, und dass sie ihrerseits alles Sprechen und Zuhören auf den nächsten Abend verschieben müsste, wo sie ihm ihren besten Rat über das Armband erteilen zu wollen versprach. Er war jedoch zu sehr mit seinem Gegenstande beschäftigt, um ihn schon bloß auf einen höflichen Wink zu verlassen. Da er einen Zuhörer an Madame Blyth verloren hatte, versuchte er sein Experiment zum großen Erstaunen dieser Dame an den zwei Spielern am Kartentische.

»Vermutlich haben Sie gehört, worüber ich mit Madame Blyth gesprochen habe?« fing er an.

»O mein Himmel, Master Zack«, sagte Frau Peckover, »denken Sie, wir haben hier weiter nichts zu tun, als Ihnen zuzuhören? Bitte, sprechen Sie nichts weiter mehr mit uns, oder Sie werden uns ganz aus unserm Spiele herausbringen, was Sie unter keiner Bedingung tun dürfen, da wir um Geld spielen, sechs Pence das Spiel.«

Von beiden Seiten abgewiesen, war Zack genötigt aufzuhören. Er ging weg und versuchte sich am Bücherschrank zu amüsieren. Frau Peckover nickte und winkte mit einer sehr triumphierenden Miene Valentin mehrere Male über den Tisch zu und wünschte durch diese Zeichen seine Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass sie nicht nur selbst schweigen könnte, wenn die Unterhaltung auf einen verbotenen Gegenstand zu gelangen drohte, sondern dass sie auch andere Leute zum Schweigen bringen könnte.

Es herrschte nun vollkommene Ruhe im Zimmer, und das Spiel hatte seinen gehörigen Fortgang, aber nicht ganz so angenehm, wie bei andern Gelegenheiten. Valentin bekam seine gewöhnliche heitre Laune nicht wieder, und Frau Peckover fing wieder unzufrieden an, mit sich selbst zu flüstern —— von Zeit zu Zeit nach dem Bücherschranke hin blickend, wo der junge Thorpe mit einem Band von Kupferstichen auf seinen Knien schläfrig saß. Es war für Jedermann mehr oder weniger eine Erleichterung, als das Abendbrot aufgetragen und die Karten weggelegt wurden.

Bei der Aussicht, sich ein wenig am Essen und Trinken zu ergötzen, wurde Zack wieder ganz lebhaft und versuchte auf das gefährliche Thema des Haararmbandes zurückzukommen indem er sich bei dieser Gelegenheit an Valentin direkt wandte. Er wurde aber unterbrochen, bevor er noch drei Worte gesprochen hatte. Herr Blyth erinnerte sich plötzlich, dass er dem jungen Thorpe selbst eine wichtige Mitteilung zu machen hätte.

»Entschuldigen Sie mich, Zack«, sagte er; »ich habe Ihnen einen kleine Neuigkeit zu erzählen, welche ich durch die Ankunft der Frau Peckover vergessen hatte, die ich aber jetzt sogleich nachholen will, da die Gelegenheit jetzt gerade passt. Meine beiden Bilder sind fertig —— was denken Sie davon? —— fertig und eingerahmt. Ich bestimmte gestern ihre Namen. Die klassische Landschaft soll das »goldene Zeitalter« genannt werden, was ein ziemlich poetischer Name ist, und das Figurenbild soll »Columbus im Anblick der neuen Welt versunken« heißen, ein Titel, der, wie ich denke, einfach, ergreifend und großartig ist. Warten Sie eine Minute! Das Beste kommt noch nach. Ich will schon am nächsten Sonnabend beide Bilder meinen Freunden und deren Bekannten in meinem Atelier zeigen.«

»Das ist wohl nicht Ihr Ernst!« rief Zack aus. »Wir haben nur erst Januar und Sie pflegten doch immer die Privatausstellung Ihrer eignen Bilder im April zu Hause zu veranstalten, kurz vorher, ehe sie nach der Akademieausstellung geschickt wurden.«

»Ganz recht!« schaltete Valentin ein, »aber ich will dies Jahr eine Veränderung vornehmen. Die Sache verhält sich einfach so: Ich habe eine Arbeit auf dem Lande anzufertigen, die meine Entfernung von hier im Frühjahr veranlassen wird. Diese Arbeit ist zwar kaum der Erwähnung wert, aber sie wird mich verhindern, meine Ausstellung zur gewöhnlichen Zeit zu veranstalten, also denke ich, es ist besser, wenn es jetzt geschieht. Die Bilder sind fertig und eingerahmt und so beschaffen, dass ich sie sehen lassen kann. Die Einladungskarten erhalte ich morgen früh vom Lithographen. Ich werde natürlich eine Partie für Sie reservieren, welche ich Ihnen morgen Abend bei Ihrem Besuche übergeben werde.«

»Ich danke Ihnen, alter Bursche; ich will eine Masse von Freunden hierher bringen. Und nun, um wieder auf das zurückzukommen, worüber ich vor einer Minute sprach ——«

Aber Valentin ließ sich nicht fangen. Er hatte einige wichtige Zusätze zu der Einladungsliste zu machen, welche ihm gerade jetzt einfielen, und er schickte ihn unter vielen Entschuldigungen zu seiner Frau, um Lavinia nach seinem Notizbuch zu fragen.

Noch immer hartnäckig und unermüdlich, versuchte es Zack nun mit Frau Peckover; aber er wurde augenblicklich mit solcher außerordentlichen Rauheit und Strenge zurückgewiesen, dass er in Verzweiflung alle Hoffnung, seine Lieblingsidee von dem Haararmbande heute Abend weiter erklären zu können, aufgab und sich damit eine andere Unterhaltung verschafft, dass er mit der Madonna das Taubstummen-Alphabet übte.

Er war noch bei dieser Beschäftigung, als die Uhr auf Herrn Blyths Kamin halb elf schlug. Da er seine eignen besonderen Gründe hatte, um anscheinend mit vollkommenem Gehorsam seines Vaters Hausordnung zu bewahren, so stand er sogleich auf und wünschte gute Nacht, um pünktlich zu Hause zu sein, ehe die Haustür um elf verriegelt wurde. Diesmal vergaß er die Zeichnung der Madonna nicht, sondern zeigte soviel ungewöhnliche Aufmerksamkeit, dass er sein Taschentuch über den Rahmen band, um sie, wenn er sie über die Straßen trüge, vor Beschädigung zu bewahren, dass die Madonna ihn bei seinem Abschiede in der furchtlosen Unschuld ihres Herzens im Blick und Benehmen offenherzig zeigte, wie sehr sie die Aufmerksamkeit würdigte, welche er auf die sichere Erhaltung ihres Geschenks verwandt.

Niemals sah das liebliche junge Gesicht in ihrer naiven Seligkeit reizender aus, als indem Augenblicke, wo sie Zack die Hand reichte.

Gerade, als Valentin im Begriff war, seinen Gast aus der Stube zu begleiten, rief ihn Frau Blyth zurück, erinnerte ihn, dass er den Schnupfen hätte, und bat zärtlich, sich beim Heruntergehen nach der Tür der kalten Nachtluft nicht auszusetzen.

»Aber die Leute müssen jetzt schon im Bette sein; sie bleiben niemals so lange auf, wenn es ihnen nicht befohlen wird, und jemand muss die Tür verriegeln«, wandte Herr Blyth ein. »Es hat nichts zu sagen mit meinem Schnupfen Lavinia, und ich werde ihn sicher nicht verschlimmern, wenn ich meinen Hut aufsetze.«

»Ich will gehen, mein Herr«, sagte Frau Peckover, mit außerordentlicher Schnelligkeit aufstehend. »Ich will Herrn Zack herauslassen und die Tür öffnen. Wahrhaftig! es macht mir gar keine Mühe, ich gehe zu Hause immer von einem Orte zum andern, vom Morgen bis zum Abend, um nicht noch fetter zu werden, wie ich schon bin. Sagen Sie nicht nein, verehrte Frau, ich würde mich hier nicht heimisch fühlen, wenn Sie mir nicht gestatteten, mich nützlich zu machen. Und rühren Sie sich nicht, Herr Blyth, es wäre denn, Sie hätten nicht den Mut, eine alte Frau, wie mich, mit einem ihrer Besucher allein zu lassen.« Die letzten Worte wurden in spottender Absicht gesprochen und Valentin ins Ohr geflüstert. Er verstand darunter die Anspielungen auf ihre Privatunterhandlungen leicht genug und fühlte, dass, wenn er sie nicht ohne Widerspruch jetzt auf ihre eigne Weise handeln ließe, er durch Misstrauen riskierte, eine alte Freundin zu beleidigen, was unter den jetzigen Umständen lächerlich gewesen sein würde. Als seine Frau ihm bejahend zwickte, das ihm gemachte Anerbieten zu benutzen, so nahm er es sofort an.

»Jetzt will ich schon dafür sorgen, dass er ihr kein Haararmband gibt!« dachte Frau Peckover, als sie hinter dem jungen Thorpe her trippelte und die Zimmertür hinter sich schloss.

»Warten Sie ein bisschen, junger Herr«, sagte sie, sein weiteres Vorschreiten auf dem ersten Treppenabsatz verhindernd. »Hören Sie nur eine Minute lang auf zu sprechen und lassen Sie mich reden. Ich habe Ihnen etwas zu sagen. Denken Sie wirklich daran, ihr jenes Haararmband zu geben?«

»Oho, dann haben Sie doch etwas am Spieltische darüber gehört!« sagte Zack. »Denken? Natürlich denke ich das!« »Und Sie wollen etwas von meinem Haar dazu anwenden?«

»Sicherlich will ich das. Es würde der Madonna sonst nicht gefallen.«

»Dann täten sie sogleich besser, ihr ein anderes Geschenk zu geben; denn von meinem Haar soll sie auch nicht ein bisschen dazu haben. Was denken Sie nun jetzt davon?«

»Das glaube ich nicht, mein alter Liebling.«

»Und nichtsdesto weniger ist es dennoch wahr, das kann ich Ihnen sagen. Sie sollen nicht ein Haar von meinem Kopfe bekommen.«

»Warum nicht?«

»Kümmern Sie sich nicht darum. Ich habe meine eigenen Gründe dazu.«

»Sehr gut, wenn Sie es so haben wollen, so hab ich meine Gründe, warum ich das Armband gebe, und ich gedenke es zu geben. Wenn Sie nicht wollen, dass etwas von ihrem Haar hinein geflochten wird, so werden Sie nicht mich, sondern die Madonna kränken.«

Frau Peckover fing an zu merken, dass sie ihre Taktik ändern müsste, um keine Niederlage zu erleiden.

»Seien Sie doch nicht so fürchterlich hartnäckig, Mister Zack, und ich will Ihnen den Grund sagen«, sagte sie in einem veränderten Tone, indem sie weiter nach dem Gange hinunter ging. »Ich wünsche überhaupt nicht, dass Sie ihr ein Haararmband geben, ich glaube, dass es ihr Unglück bringen wird —— nun!«

Zack brach in Lachen aus. »Nennen Sie das einen Grund? Wer hörte jemals früher, dass ein Haararmband eine unheilvolle Gabe wäre? O Sie geheimnisvolle alte Peckover! an was denken Sie denn nur?«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Zimmertür der Frau Blyth.

»Ist irgendetwas am Schloss nicht in Ordnung?« fragte Valentin von oben. Er war erstaunt über die Zeit, welche schon verflossen war, ohne dass er die Haustür hatte verschließen hören.

»Alles ist daran in Ordnung, mein Herr«, sagte Frau Peckover, indem sie Zack zuflüsterte: »Still, sagen Sie kein Wort!«

»Lassen Sie sich nicht durch seinen Unsinn in der Kälte aufhalten«, rief Valentin.

»Meinen Unsinn!« fing Zack zornig an.

»Er geht schon, mein Herr«, unterbrach ihn Frau Peckover. »Ich werde in einem Augenblicke heraufkommen.«

»Bitte, komme doch herein, mein Lieber! Du lässt ja die ganze kalte Luft ins Zimmer«, rief Frau Blyth.

Die Zimmertür schloss sich wieder.

»Was zum Teufel haben Sie denn vor?« rief Zack mit außerordentlicher Verwunderung.

»Ich wünsche nur, dass Sie ihr ein anderes Geschenk geben möchten«, sagte Frau Peckover in ihrem schmeichelndsten Tone. »Sie mögen dies meinetwegen alles für eine Laune von mir halten, und ich will auch zugeben, dass ich eine alte Törin bin: aber ich wünsche nicht, dass Sie ihr ein Haararmband geben. Es gibt Massen von andern Geschenken, die Sie zum Ersatz dafür wählen könnten. —— Ich würde Ihnen ebenfalls einen solchen Gefallen nicht abschlagen, Master Zack, wenn Sie ihn von mir verlangten!«

»Nun ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht denke, dass einer von uns beiden zu viel Xereswein und Wasser beim Abendrot zu sich genommen hat —— ich bin es aber nicht (Frau Peckover’s Wangen fingen sich vor Zorn zu röten an). Erst Gründe und nachher Launen, wie? Launen! O beim Himmel, wie sollte man nur denken, dass eine so bejahrte Frau wie Sie noch Launen hätte! (Die Wangen wurden noch röter.) Aber das soll mich nicht abhalten, ich werde ihr das Haararmband geben —— ja und wenn Sie noch so ärgerlich aussehen, ich werde es doch tun! Mein Entschluss ist einmal gefasst und nichts in der Welt kann mich davon abbringen, ausgenommen, sie müsste denn schon ein Haararmband haben, was, wie ich weiß, nicht der Fall ist.«

»Das wissen Sie so ganz bestimmt, Sie erbärmlicher kleiner Teufel? Dann sage ich Ihnen ein für allemal, dass Sie es nicht recht wissen«, rief Frau Peckover aus, ihre Fassung gänzlich verlierend.

»Sie wollen doch das nicht etwa behaupten, meine Liebe! Das wäre doch sehr merkwürdig, wenn sie schon ein Haararmband hätte, und ich wüsste nichts davon —— Frau Peckover«, fuhr Zack fort, indem er den Ton und die Manier seines alten geistlichen Freundes, des hochwürdigen Aron Yollop nachahmte, »was ich noch jetzt zu sagen habe, betrübt mich tief, aber ich habe eine feierliche Pflicht zu erfüllen, und in der gewissenhaften Erfüllung jener Pflicht drücke ich jetzt ohne Zaudern meine Überzeugung aus, dass die Bemerkung, welche Sie so eben gemacht haben —— eine Lüge ist.«

»Es ist keine Lüge, Affe«, erwiderte Frau Peckover vor Zorn außer sich und heftig mit dem Kopf schüttelnd.

In demselben Augenblicke wurde Valentins Schritt in dem Zimmer oben hörbar, wie er sich zuerst nach der Tür bewegte und dann plötzlich wieder zurückwich, wie wenn er zurückgerufen worden wäre. »Ich habe noch nicht gesagt, was ich nicht hätte sagen sollen«, dachte Frau Peckover, sogleich wieder ruhiger werdend, als sie die Bewegung oben hörte.

»Also Sie bleiben wirklich dabei?« fuhr Zack fort. »Es ist beinahe sonderbar, alte Dame, dass mir Frau Blyth in dem Laufe des Abends über ihr kürzlich entdecktes Haararmband nichts hätte gesagt haben sollen. Aber sie weiß natürlich nichts davon und Valentin ebenso wenig vermutlich? Beim Jupiter! Er ist noch nicht zu Bette gegangen, ich will zurücklaufen und ihn fragen, oh die Madonna wirklich ein Haararmband hat.«

»Um des Himmels Willen tun Sie das nicht —— sagen Sie kein Wort darüber!« rief Frau Peckover blass werdend, als sie an die möglichen Folgen dachte, und ergriff den jungen Zack beim Arm, als er im Gange bei ihr vorbeizukommen versuchte.

»Hallo!« rief Zack durch die plötzliche Veränderung in ihrem Gesicht ernstlich erschreckt, »was geht denn eigentlich hier vor?«

»Mein lieber, guter Bursche«, fuhr sie in einem schnellen Flüstern fort, »sagen Sie kein Wort darüber, oder Sie werden mich in eine schreckliche Verlegenheit bringen, viel Unheil anstiften und Herrn Blyth dahin treiben, dass er von mir Dinge dachte, die er um die ganze Welt nicht von mir denken soll. Sprechen Sie nicht, ich weiß, Sie können es nicht verstehen! —— Wie sollten Sie es auch? O mein Himmel, ich wünschte, ich wäre nicht heruntergekommen und hätte überhaupt nicht mit Ihnen gesprochen! Nein, nein, sagen Sie kein Wort. Natürlich Sie können nicht begreifen, was das alles bedeutet —— können Sie? O das tut nichts —— wie? Das ist nicht Ihre Sache —— wie? Sie haben keinen Grund sich danach zu erkundigen —— haben Sie irgendeinen? Und Sie werden kein Wort sagen, oder darüber nachdenken, oder sich dessen entsinnen, wollen Sie? Still! Still! er kommt zu uns herunter!«

Die Schritte oben gingen wieder durch das Zimmer.

»Wohl an bei meiner Seele, von allen sonderbaren alten Frauen ——«

»Still! er wird diesmal die Tür öffnen; er wird es wirklich!«

»O kümmern Sie sich nicht darum; ich werde nichts sagen«, flüsterte Zack, da ihn seine natürliche Gutmütigkeit antrieb, der Not der Frau Peckover ein Ende zu machen, in dem Augenblicke, wo er die feste Überzeugung gewann, dass es eine wirkliche wäre. »Und was meine Idee von dem Haararmbande betrifft —— obgleich ich nicht die geringste Vorstellung von dem habe, was Sie die ganze Zeit über vor hatten —— so will ich darin nichts tun, bis ——«

»Sie sind ein guter Bursche! Ein lieber, guter Bursche!« rief Frau Peckover aus, Zacks Hand in warmer, unbegrenzter Dankbarkeit drückend.

Die Türe zu Herrn Blyths Zimmer öffnete sich zum zweiten Male.

»Ist er noch nicht fort?« erkundigte sich Valentin in einem Tone, welcher den schuldigen Ohren der Frau Peckover fürchterlich rau und verdächtig vorkam. Er würde diese Frage schon einige Minuten vorher gestellt haben, aber seine Aufmerksamkeit war durch eine Unterhaltung mit seiner Frau in Anspruch genommen worden, die zum Zwecke hatte, welchen Rat man dem jungen Zack in Bezug auf das für die Madonna beabsichtigte Geschenk erteilen sollte, wenn er am nächsten Abend zur Fortsetzung seiner Zeichenstunden kommen würde. Sie hätten sich aber die Mühe ersparen können, irgendeine Beratung über diesen Gegenstand anzustellen. Zacks Studienplan war vom ersten Anfange an bestimmt, unterbrochen zu werden.

»Er ist fort, er ist endlich fort, mein Herr!« sagte Frau Peckover, als sie mit ungastfreier Schnelligkeit die Türe hinter dem scheidenden Gast endlich zumachte und dieselbe mit ungemeiner Sorgfalt und einem außerordentlichen Geräusche verschloss.

»Ich muss mich morgen Abend bemühen, Zack dahin zu bringen, dass er von dem, was ich zu ihm gesprochen habe, mit keinem Andern weiter spricht, obgleich ich nicht glaube, dass ich ein einziges Wort gesagt habe, was ich nicht hätte sagen sollen, dachte sie leise die Treppe heraufsteigend. Aber Herr Blyth macht solchen Lärm und gerät gleich in eine so fürchterliche Unruhe und Furcht, dass dem armen Dinge nachgespürt und sie ihm entrissen werden könnte. Ja er würde ganz sicher glauben, ich hätte alles heraus geplaudert, und schließlich halb verrückt werden, wenn er erfahren würde, was ich jetzt eben zu Zack gesagt habe. Nicht etwa, als ob es eben viel wäre, was ich zu ihm gesagt habe, eben sowie das, was er auf irgendeine Weise entdeckt und zu mir gesagt hat. Aber diese jungen Londoner Burschen sind so schlau, sie sind so fürchterlich schlau!«

Hier stand sie auf dem Treppenabsatz still, um frei Atem zu holen, dann flüsterte sie zu sich selbst, als sie weiter ging und an Herrn Blyths Tür kam:

»Aber zu einer Sache habe ich mich entschlossen, die kleine Marie soll jenes Haararmband nicht haben.«

Sowie Frau Peckover in Gedanken vertieft die Treppe hinaufstieg, eben so ging Zack seinen ganzen Weg voller Verwunderung nach Hause.

Was zum Teufel konnte denn dieser außerordentliche Lärm über sein Geschenk an die Madonna möglicher Weise bedeuten? War nicht aus dem Schrecken, welchen die alte Peckover gehabt hatte, als er Blyth fragen wollte, ob die Madonna wirklich ein Haararmband hätte, klar zu ersehen, dass sie die Wahrheit und keine Lüge gesagt hätte? Und erhellte es nicht noch mehr daraus, dass sie ein Geheimnis preisgegeben hat, als sie jene Wahrheit sagte, welche ihr Blyth zu bewahren befohlen hatte? Warum es bewahren? Was suchte man darin, ein Geheimnis daraus zu machen, dass die Madonna im Besitze eines Haararmbandes wäre? Wer war die Madonna? Wie kam es, dass Blyth niemals irgendjemand das Geringste über den Ort sagen wollte, wo er sie aufgefunden hatte? Stand dieses geheimnisvolle Haararmband, dessen er sich niemals an ihr erinnern konnte und von dem Frau Blyth während seiner Unterhaltung über die Anfertigung seines gleichen Geschenkes kein Wort erwähnt hatte, gewissermaßen mit dem großen Geheimnis über den Ursprung der Madonna in Verbindung, das Valentin immer vor Jedermann verborgen gehalten hatte? War nicht dies alles zusammengenommen sehr möglich? Was machte es aber nach Allem aus, ob dem wirklich so war, oder nicht? Warum sollte er seinen Kopf mit etwas quälen, das ihm nichts weiter anging? War es nicht, wenn er alles zusammen betrachtete, und wenn er sich besonders des vorher vergessenen Faktums erinnerte, dass er nur fünfzehn Schillinge und drei Pence überhaupt zu seiner Verfügung hätte —— eher ein glücklicher als unglücklicher Fall, dass die alte Peckover es sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn an dem Kaufe eines Gegenstandes zu verhindern, zu dessen Bezahlung er nicht die Mittel besaß? Würde nach dem, was er zu Frau Blyth gesagt hatte, sich eine Entschuldigung finden für die Nichtübergabe des kostbaren Geschenkes? Was konnte er noch für die Madonna kaufen, das hübsch und billig genug war, um den jetzigen Stand seiner Kasse nicht zu überschreiten? Würde ihr ein Fingerhut, ein Almanach, ein Paar Manschetten oder ein Topf Pomade gefallen?

Hier hörte Zack plötzlich mit den Fragen auf, die er in Gedanken an sich richtete, denn er war so weit gekommen, dass er seine Wohnung in Baregrove-Square sehen konnte.

Eine Veränderung ging in seinem hübschen Gesicht vor; er runzelte die Stirn und seine Gesichtsfarbe wurde dunkler, als er nach dem Lichte in seines Vaters Zimmer in die Höhe sah.

»Ich will heute Nacht wieder ausbleiben und das Leben genießen«, murmelte er mürrisch zu sich selbst, als er sich der Tür näherte. »Je mehr sie mit mir zu Hause toben, desto öfter will ich verstohlen ausgehen.«

Diese störrische Rede würde durch die Erinnerung an eine häusliche Szene hervorgebracht, die dadurch hervorgerufen worden war, dass sein Vater die Annahme seiner Einladung nach Valentins Hause missbilligte. Herr Thorpe hatte, wie schon früher einmal bemerkt, einen moralischen Abscheu gegen Valentins Stand und moralische Zweifel in Rücksicht auf Herrn Blyth selbst. Obwohl diese Zweifel nicht durch die nachteiligen Gerüchte erzeugt waren, welche Valentins Weigerung, das die Geburt und Verwandtschaft seines Adoptivkindes umhüllende Geheimnis aufzuklären, hervorgerufen hatten, so wurden sie aber hierdurch doch noch gesteigert. Herr Thorpe kannte seine Pflicht gegen seinen Nächsten und war zu gewissenhaft, irgendjemanden vorschnell und ungerecht zu beurteilen und sich durch ein bloßes Gerücht bei der Beurteilung von Herrn Blyths Charakter leiten zu lassen, aber die böse Welt hatte ihren trügerischen Einfluss auf ihn so gut wie auf Andere und verstärkte noch mehr, als er es selbst vermutete, seinen Verdacht, dass der Maler keine Person von festen Grundsätzen und kein hervorragendes Muster von Ehrenhaftigkeit wäre. Aus diesem Verdachte musste notwendiger Weise hervorgehen, dass er Herrn Blyth nicht für einen passenden Gefährten eines frommen jungen Mannes hielt, und er drückte streng genug sein unbegrenztes Erstaunen aus, als er bei seinem Sohn schon ein solches rückwärts schreitendes Vergessen der ausgezeichneten, ihm von dem hochwürdigen Aaron Yollop beigebrachten Lehren darin erblickte, dass er eine Einladung zum Tee von einer Person angenommen hatte, die einen zweifelhaften Charakter besaß. Zacks Erwiderung auf seines Vaters Tadel war ziemlich entschieden; er stellte alles in Abrede, was man gegen den guten Ruf seines Freundes vorbringen mochte, und als er wegen seiner unanständigen und sehr heftigen Redeweise zurecht gewiesen wurde, verlor er seine Fassung, verließ trotzig den väterlichen Teetisch, um in der bedenklichen Gesellschaft des Herrn Valentin Blyth Teekuchen zu essen.

»Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mein Herr!« sagte der Laufbursche, seinen jungen Herrn angrinsend, als er die Tür öffnete. »Es ist auf den Schlag elf.«

Zack murmelte eine etwas mehr als derbe Abfertigung, deren Wiederholung gerade nicht ratsam sein möchte. Der Diener verschloss und verriegelte die Tür, während er seinen Hut auf den Tisch des Vorsaals setzte und sein Nachtlicht anzündete.

Fast länger als eine Stunde nach seiner Heimkunft, oder mit andern Worten, ein wenig nach Mitternacht wurde die Tür wieder leise geöffnet, und Zack erschien zu seiner nächtlichen Wanderung ausgerüstet auf dem Tritte.

Er zögerte, als er von außen den Schlüssel in das Schlüsselloch steckte und bevor er die Tür hinter sich schloss. Er hatte dies niemals bei andern Gelegenheiten getan und konnte auch nicht sagen, warum er es jetzt tat. Wir sind oft sogar uns selbst Geheimnisse, und es gibt Zeiten, wo die Stimmen der Zukunft, die in uns sind, wenn auch noch nicht die unsrigen, sprechen und unsern irdischen Teil von ihrer Gegenwart benachrichtigen. Am häufigsten fühlt unser irdischer Verstand, dass sie ihr totes Schweigen bei jenen wichtigsten Momenten unseres Daseins brechen, wo beider Wahl zwischen zweien anscheinend unbedeutenden Wechselfällen die ganze Zukunft unseres künftigen Lebens auf dem Spiele steht. Und so war es jetzt mit dem jungen Manne, welcher zweifelhaft an der Schwelle seines Hauses stand, ob er den Entschluss, der jetzt seine Gedanken beschäftigte, ausführen oder aufgeben sollte. Von dieser Wahl zwischen den beiden Wechselfällen, weiter oder zurück zu gehen —— was das Schließen einer Tür entscheiden musste —— hing jetzt seine eigene Zukunft und die anderer ihm teurer und mit ihm eng verbundener Wesen ab.

Er wartete eine Minute unentschieden, denn die warnenden Stimmen von innen waren mächtiger, als sein eigener Wille; er wartete und blickte gedankenvoll nach dem gestirnten, freundlichen Himmel der Winternacht empor, dann schloss er die Tür hinter sich, so leise wie gewöhnlich, zögerte auf der letzten Stufe, die zum Pflaster führte, noch einmal und eilte dann stracks von dannen, indem er schnellen Schrittes durch die Straßen wandelte.

Er war nicht in seiner gewöhnlichen, guten Laune. Er fühlte sich nicht, wie sonst, zum Singen aufgelegt, als ihn die frische, frostige Luft anwehte, und er wunderte sich, warum es so war.

Die inneren Stimmen sprachen immer schwächer und schwächer. Aber wir müssen sterben, ehe wir unsterblich werden, wie sie es sind; und ihre Sprache ist für uns in unserm Leben oft ein unbekanntes Idiom.


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