Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Zweiter Band - Drittes Kapitel - Die Rückkehr des verlorenen Sohnes
 

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Drittes Kapitel - Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

Als Zack Baregrove-Square erreichte, war es vier Uhr Morgens. Die benachbarte Kirchenglocke schlug gerade diese Stunde, als er sich seiner Haustür nahte.

Gleich nachdem er sich von Herrn Marksman getrennt hatte, musste es sein böses Schicksal wollen, dass er bei einer jener spätzeitigen oder, um richtiger zu sprechen, bei einer jener frühzeitigen Kneipen vorbeiging, welche den Gästen während der Frühstunden des Morgens geöffnet sind. Er fühlte einen brennenden Durst und der Schlucken, welcher ihn in der Gesellschaft seines neuen Freundes befallen hatte, war noch nicht gänzlich verschwunden.

»Wenn ich nun versuchte, ob mir ein Tropfen Cognac gut tun würde«, rief Zack aus, an dem verhängnisvollen Eingange der Kneipe stehen bleibend.

Er ging leicht und frei genug hinein. Er kam mit einiger Ungemächlichkeit und nicht weniger Mühe wieder heraus. Er hatte jedoch seinen Zweck, den Schlucken los zu werden, erreicht. Das angewandte Mittel wirkte natürlich eben sowohl auf seine Beine, als auf seinen Magen —— aber das war eine unbedeutende physiologische Sonderbarkeit, welche der Beachtung gänzlich unwürdig war. Er war viel zu sehr ausschließlich mit seinen Gedanken an den sonderbaren Herrn Marksman beschäftigt, um in der Erinnerung noch einmal die Masse von angenehmen Umständen zu belachen, welche ihn mit seinem neuen Bekannten zusammengebracht hatten, um seinen eigenen persönlichen Zustand, oder zu bemerken, dass sein Gang über das Pflaster einigermaßen von einer schwankenden Beschaffenheit war, als er nach Hause ging. Nur erst als er den Hausschlüssel aus seiner Tasche zog und ihn in das Schlüsselloch zu stecken versuchte, wurde seine Aufmerksamkeit gehörig auf sich selbst geleitet, zumal als er entdeckte, dass seine Hände fast kraftlos waren, und dass er auch keineswegs fest auf seinen Beinen stand.

Es gibt einige Leute, deren Geist, und einige, deren Körper durch den Einfluss des berauschenden Getränks benebelt werden. Zack gehörte zur zweiten Klasse. Er war vollkommen im Stande, alles zu verstehen, was zu ihm gesagt wurde, und alles zu wissen, was er selbst sagte, lange nach dem seine Sprache schwerfällig und seine Haltung gefährlich unsicher geworden war. Er war jetzt vollkommen überzeugt, dass sein Besuch in der Kneipe keineswegs dazu beigetragen hatte, ihn nüchtern zu machen, und wusste recht gut, wie wichtig es für ihn war, wenn er sich geräuschlos ins Bett stehlen wollte, aber er war zu gleicher Zeit gänzlich unfähig, den Schlüsse! in die Tür stecken oder ruhig nach dem Schlüsselloch sehen zu können, ohne sich vorher an das Geländer des freien Platzes anzuhalten.

»Fest«, murmelte Zack, »es ist um mich geschehen, wenn ich Lärm mache.«

Hier fühlte er nach dem Schlüsselloch und steckte den Schlüssel mühsam mit seiner linken Hand in die richtige Öffnung. Hierauf öffnete er die Tür so ruhig, dass er selbst darüber erstaunt war, trat mit bewunderungswürdiger Verstohlenheit in den Gang, schloss hierauf das Haus wieder und rief »still!« als er bemerkte, dass er das Schloss ein wenig zu geräuschvoll in den Riegel hatte fallen lassen.

Er lauschte, bevor er sein Licht anzuzünden versuchte. Die Luft im Hause war sonderbar dicht und heiß in Vergleich mit der Luft draußen. Die dunkle Stille über und um ihn war von einer ehrfurchteinflößenden und tugendhaften Ruhe belegt und wurde noch verhängnisvoll durch das feierliche Ticken der Uhr vermehrt, das, am Tage vom Gange aus niemals, in diesem Augenblicke schrecklich und unbegreiflich deutlich hörbar war.

»Ich will die Tür nicht verriegeln«, flüsterte er zu sich selbst, »bis ich ein ——«

Hier zeigte sich handgreiflich die Unzuverlässigkeit des Kognaks als heilendes Agens in Fällen von Gärungen im Magen durch die Rückkehr des Schluckens. »Still!« rief Zack zum zweiten Male, erschreckt über die plötzliche Heftigkeit des Schluckens und seine Hand auf den Mund schlagend, als es zu spät war.

Nachdem er auf den Knieen liegend mit außerordentlicher Ausdauer rings um den Rand seines Leuchters, welcher aus einem der Stuhle des Vorsaals stand, herumgetappt hatte, gelang es ihm nicht, die Schachtel mit Schwefelhölzer zu finden, sondern sie unerklärlicher Weise vom Stuhl herunter zu schlagen, wo sie auf den mit Steinen gepflasterten Fußboden hinrollte, bis sie an der entgegengesetzten Mauer stehen blieb. Er bemächtigte sich derselben mit einiger Schwierigkeit und machte Licht.

Niemals hatte Zack früher ein Schwefelholz sich mit einem so grellen Knistern entzünden hören, als es bei diesem einen unheilvollen und teuflischen Schwefelholz der Fall war, das er zufällig herausgezogen hatte, um sein Licht daran anzuzünden.

Das nächste, was er zu tun hatte, war, die Tür zu verriegeln. Dies gelang ihm sehr gut mit dem Riegel oben, aber es missglückte ihm gänzlich mit dem Riegel unten, der sich in dieser Nacht besonders schwierig handhaben zu lassen schien, denn sobald er bewegt wurde, knarrte er fürchterlich; dann saß er hämisch am Schließhaken fest —— endlich glitt er plötzlich unter einem mäßigen Drucke herunter und fiel wie ein Blitz mit einem Donner des boshaftesten Triumphs in die dazu passende Krumme. »Wenn das meinen Vater nicht herunterbringt«, dachte Zack, mit beiden Ohren aufhorchend und seinen Schlucken so viel er konnte, dämpfend »—— so hat er einen festeren Schlaf, als ich ihm zumutete.«

Aber es öffnete sich keine Tür, keine Stimme rief, kein Schall irgendeiner Art unterbrach die geheimnisvolle Stille der Umgebung des Schlafzimmers Zack setzte sich auf der Treppe nieder, zog seine Stiefel aus, stand mit einiger Schwierigkeit wieder auf, lauschte, ergriff seinen Leuchter, lauschte noch einmal, flüsterte sich selbst zu, »nun drauf und dran!« und fing an, den gefährlichen Gang nach seinem Zimmer anzutreten.

Er hielt sich fest an die Geländersäule und fiel auch nur einmal gegen dieselbe, machte sie aber dadurch von oben bis unten zittern, ehe er den Treppenabsatz des Besuchszimmers erreichte. Er stieg die zweite Treppe herauf, ohne dass ihm etwas Besonderes begegnet wäre, bis er zur obersten Stufe kam, dicht an der Tür vor seines Vaters Schlafzimmer. Hier wollte ein schreckliches Verhängnis, dass der erstickte Schlucken über alle Maßen wieder losbrach und sich deutlich ein krampfhaftes lautes Aufstoßen kundgab, wodurch Zack plötzlich von Entsetzen ergriffen wurde. Er zitterte so sehr, dass sein Leuchter hin und her wankte; die Lichtschere, welche unbefestigt darauf lag, fiel davon herab, glitt mutwillig die Steintreppen Hinunter und rollte über den Absatz mit einem lauten und lebhaften Geräusch in teuflisch ausgelassener Freude zur Ehre ihrer eigenen Tätigkeit.

»O mein Himmel!« rief Zack leise aus, als er eine Stimme sprechen und sich Jemanden im Schlafzimmer bewegen hörte. Er erinnerte sich, dass er noch eine andere Treppe hinaufzusteigen hatte —— diesmal eine hölzerne Treppe, ehe er zu seiner eigenen Bodenkammer gelangen konnte.

Er stieg jedoch sogleich mit dem Mute der Verzweiflung hinauf, jede einzelne Stufe bebte und krachte unter ihm, gerade wie wenn ein junger Elefant statt eines jungen Mannes sich zur Ruhe begeben hätte. Er blies sein Licht aus, riss seine Kleider herunter, schlüpfte zwischen die Betttücher, fing sorgfältig an zu schnarchen, wie wenn er fest schliefe, in der verzweifelten Hoffnung, dass er noch im Stande wäre, seinen Vater zu täuschen, wenn Herr Thorpe heraufkäme, um nach ihm zu sehen.

Aber ein anderer und letzter Unfall, der schrecklichste von allen, vereitelte seine Pläne und verriet ihn ohne Erbarmen. Sobald er sich niedergelegt hatte, hörte er ein starkes und unaufhörliches Singen in seinen Ohren, welches ihn verwirrte und halb betäubte. Sein Bett, das Zimmer, das Haus, die ganze Welt drehte sich um ihn herum und senkte sich wie toll auf und nieder mit ihm. Er hörte auf, ein menschliches Wesen zu sein. Er war ein sich im Kreise drehendes Atom, welches sich betäubt in einem unermesslichen Raume hin und her bewegte. Er fuhr im Bette auf und wurde durch einen kalten Schweiß und eine tödliche Anwandlung wieder zum Bewusstsein der Menschheit zurückgerufen. Der Schlucken hatte aufgehört, aber es folgten ihm andere und lautere Töne, Töne, die Jedem vertraut klingen, der jemals zur See gewesen ist —— Töne, welche eine nautische und beklagenswerte Verwandtschaft haben mit weißen Waschbecken, wirbelnden Wellen und dem Elende eines sterblichen Magens, der in der Verzweiflung eines Brechanfalls sein klägliches Aufstoßen hören lässt.

In den augenblicklichen Pausen zwischen den schnell aufeinander folgenden Anfällen der Krankheit, welche ihn jetzt überwältigte und welche er in dem späteren Leben ganz allein dem Einfluss des unverdaulichen gerösteten Käses zuschrieb, hörte Zack, wenn auch undeutlich, das Geräusch eines Menschen, der in Pantoffeln die Treppe heraufstieg. Sein Rücken war der Tür zugewandt. Er hatte keine Kraft, sich zu bewegen, keinen Mut, um sich zu sehen, keine Stimme, um sie zu einem Laute zu erheben. Er wusste, dass seine Tür geöffnet wurde, dass Licht in seinem Zimmer erschien, dass eine Stimme rief: »Entartetes Vieh!« —— dass die Tür plötzlich mit einem Knalle wieder zugeworfen wurde —— und dass er wieder in vollkommener Dunkelheit lag. Er kümmerte sich nicht um das Licht, oder um die Stimme, oder um das Knallen der Tür —— er dachte auch nachher nicht daran, er trauerte nicht um die Vergangenheit, noch dachte er an die Zukunft. Er keuchte, fiel auf sein Kissen wieder zurück, zog wimmernd die Bettdecke über sich und schlief wieder ein in glücklicher Sorglosigkeit über die Vergeltung, welche seiner am andern Morgen harrte.

Als er am andern Morgen spät erwachte, bemerkte er zuerst weiter nichts, als dass es draußen fürchterlich taute, und dass er heftige Kopfschmerzen hatte, aber nach und nach wurde durch ein Gefühl von Schmerzhaftigkeit in seinen Rippen und durch eine in ihm entstehende Überzeugung, dass seine Nase für sein Gesicht zu groß geworden wäre, die Erinnerungen an jenen merkwürdigen Kampf in dem Tempel der Harmonie in ihm wieder wach gerufen —— Zacks Gedächtnis fing richtig, wenn auch verworren, wieder an, sich die Umstände zu vergegenwärtigen, welche bei seiner Rückkehr nach Hause und der unglücklichen Fahrt nach seinem Bette obgewaltet hatten. Zu diesen Erinnerungen gesellten sich andere, wie die des Lichtes, das in sein Zimmer gedrungen war, nachdem das seinige erloschen; sowie der Stimme, welche ihn als »entartetes Vieh« bezeichnet hatte, und des Knallens der Tür, welches darauf folgte. Es konnte wohl kein Zweifel darüber herrschen, dass es sein Vater gewesen, der in sein Zimmer getreten war und ihn auf die kurze, ausdrucksvolle Weise angeredet hatte, welche er sich jetzt zurückrief. Niemals hätte sich Herr Thorpe früher bei irgendeiner Gelegenheit Schimpfnamen bedient oder mit den Türen geworfen. Es war ganz klar, dass er alles entdeckt hatte und gegen seinen Sohn in einem solchen Grade aufgebracht war, wie dies niemals früher bei ihm gegen irgendein anderes menschliches Wesen stattgefunden hatte.

Gerade als Zack zu diesem Entschluss gekommen war, hörte er auf der Treppe ein Rascheln, das seiner Mutter Kleid verursachte, und Frau Thorpe erschien, ihr Taschentuch vor ihre Augen haltend und jammernd an seinem Bette. In seinem Elende von tiefer Reue ergriffen, versuchte er seiner Mutter Vergebung zu gewinnen, bevor er seines Vaters Wut entgegentrat. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schämte er sich dermaßen, dass er sie nicht anzusehen wagte, und wandte sein Gesicht der Wand zu. —— In dieser Stellung bekannte er alles, gelobte Besserung für die Zukunft und für immer, erklärte seine Bereitwilligkeit, jede Buße zu tun, die von ihm verlangt werden könnte, mit einem Worte, er wandte sich an das Mitleid seiner Mutter in den rührendsten Ausdrücken und mit den heftigsten Beteuerungen, die er jemals gegen sie ausgestoßen hatte.

Aber die einzige Wirkung, die er auf Frau Thorpe hervorbrachte, war die, dass sie in heftiger Aufregung, mütterlich schluchzend, im Zimmer auf und ab ging. Dann und wann entschlüpften kläglich und unzusammenhängend ihren Lippen einige Worte. Sie waren gerade soweit verständlich für ihn, dass er sich aus ihnen zusammenreimen konnte, dass sein Vater alles entdeckt hätte, dass er in Folge dessen einen Anfall von Herzklopfen gehabt und sich beim Aufstehen heute Morgen zu schwach an Geist und Körper gefühlt hätte, um das ungeheure Verbrechen seines Sohnes allein richten zu können, dass er deshalb jetzt ausgegangen wäre, um sich Herrn Yollops Rath darüber zu erbitten, was er in dieser schrecklichen und schimpflichen Lage, in die er jetzt gekommen wäre, als Christ und Vater am besten tun könnte.

Bei dieser Entdeckung verwandelte sich Zacks Reue sogleich in eine merkwürdige Mischung von Zorn und Unruhe. Er drehte sich schnell nach seiner Mutter um, aber ehe er seine Lippen öffnen konnte, sagte sie ihm, indem sie mit einer schnellen und ungewöhnlichen Strenge der Stimme sprach, dass er durchaus nicht daran denken sollte, wie gewöhnlich nach dem Laden zu gehen, sondern seines Vaters Rückkehr zu Hause abzuwarten, und dann stürzte sie aus dem Zimmer.

Frau Thorpe misstraute ihrer eigenen Unerschütterlichkeit, wenn sie zu lange bei ihrem reuigen Sohne verweilen würde, aber Zack konnte unglücklicherweise dieses nicht wissen. Er konnte nur sehen, dass sie ihn schnell verließ, nachdem sie eine unheilvolle Botschaft überbracht hatte, und konnte ihr Benehmen nur auf das traurigste und entmutigendste auslegen.

»Wenn die Mutter sich von mir abwendet, dann habe ich meine letzte Hoffnung verloren, und es bleibt mir nichts weiter übrig, als zu ——« er hielt inne, ehe er weiter sprach, richtete sich im Bette auf und ging ein oder zwei Minuten mit sich selbst zu Rate. »Ich könnte mich entschließen, alles von meinem Vater zu ertragen, weil er ein Recht hat, mich für mein Betragen zu züchtigen, aber wenn ich das vom alten Yollop wieder ertrage, so will ich ——« hier verlor sich alles, was Zack auch immer sagte, in dem Widerhalle eines Schlages voll von Wut und Verzweiflung, den er seiner Matratze beibrachte, auf welcher er saß. Nachdem er sich auf diese Weise erleichtert hatte, sprang er aus dem Bette, indem er zuletzt in wirklichem Ernste jene wenigen Worte eines verhängnisvollen Gaunerdialekts aussprach, welche oft an andern Tagen als eine leere Drohung seinen Lippen entschlüpft waren:

»Es ist alles vorbei mit mir; ich muss der Heimat entlaufen.«

Er wusch sich tüchtig und erfrischte dadurch sowohl Geist als Körper; aber dennoch wankte sein Entschluss nicht. Schnell zog er seine Kleider an, sah aus dem Fenster, lauschte an der Tür, und während dieser ganzen Zeit schwankte er niemals in seinem Vorhaben. Er konnte sich nur zu gut der Strafen erinnern, welche er schon von Herrn Yollop erlitten hatte, und war jetzt überzeugt, dass dieselben jetzt mit wenigstens vierfacher Strenge wiederholt werden würden! Und dieser Gedanke reichte hin, um ihn in seiner verzweifelten Absicht fest und unerschütterlich zu erhalten, ohne dass es noch nötig gewesen wäre, sich noch alles das vor die Seele zu rufen, was er von seines Vaters Zorn auszustehen haben würde; ja dieser Gedanke hätte hingereicht, den Vorsatz der Flucht in seiner Brust wach zu rufen, wenn er nicht schon vorher von seiner Befreiung aus der einförmigen Sklaverei des Lebens im Teeladen geschwärmt hätte.

»Dies wird mir helfen, dass ich es eine Zeitlang aushalten kann, bis ich weiß, was ich anfangen soll«, dachte er, indem er eine goldene Uhr und Kette, welche ihm einst von seinem Großvater geschenkt worden waren, einsteckte. »Der arme alte Goodworth! Wie wenig dachte er damals, dass er dem Pfandleiher ein Geschenk gemacht hätte. Aber ich will sie einlösen sobald ich kann ——« hier wandten sich auf einmal bei dem Anblicke seines Notizbuches seine Gedanken seinem sonderbaren Gefährten der vergangenen Nacht zu, und als er an die verabredete Zusammenkunft zum Donnerstagmorgen dachte, erglänzten seine Augen und er sagte, während er sich entschlossen der Tür zuwandte, laut zu sich selbst: »Jener sonderbare Kerl sprach davon, nach Amerika zurückzugehen, und wenn ich weiter nichts tun kann, will ich mit ihm gehen.«

In dem Augenblicke, wo seine Hand nach dem Türschloss fasste, wurde er durch ein Klopfen an der Tür erschreckt. Er öffnete sie und fand das Hausmädchen am Treppenabsatz mit einem Briefe für ihn. Sich wieder nach dem Fenster umdrehend, riss er hastig das Couvert ab. Mehrere bunt gedruckte Einladungskarten mit vergoldeten Rändern fielen heraus. Unter ihnen war ein Brief von Herrn Blyth geschrieben, der also lautete:

Mittwoch.

Mein lieber Zack! Beifolgend erhalten Sie die Einlasskarten zu meiner Gemäldeausstellung, von der ich gestern Abend mit Ihnen sprach. Ich schicke Ihnen dieselben auf Lavinias Anraten jetzt schon, anstatt sie Ihnen erst heute Abend selbst zu geben. Sie denkt, dass eine Ankündigung von nur drei Tagen, von heute bis Sonnabend fast zu kurz wäre, und sie hält es für ratsam, sogar einige Stunden zu erübrigen, um Sie in den Stand zu setzen, Ihren Freunden so viel Zeit als möglich zu gewähren und um am bequemsten Ihre Anordnungen treffen zu können, nach meinem Atelier zu kommen. Adressieren Sie deshalb sogleich gefälligst alle diese Einladungskarten, welche Sie an Ihre Bekannten schicken wollen, wie ich es mit den meinigen mache, und Sie werden dadurch einen Tag erübrigen, was schon viel ist. Martha muss heute Morgen wegen eines Ganges, der sie nach dieser Gegend führt, bei Ihrem Hause vorbeigehen, und deshalb schicke ich meinen Brief mit ihr. Wie bequem sich die Dinge zuweilen arrangieren lassen, nicht wahr?

Bringen Sie Jedermann her, wen Sie wollen, aber ich würde gebildete Leute vorziehen, da mein Figurengemälde des »Columbus«, der in dem Anblicke der neuen Welt versunken ist, mystisch behandelt ist und sich dazu eignet, einen gewöhnlichen Geist auf das äußerste in Anspruch zu nehmen, da es ein Werk der hohen Kunst ist, das Niemand hoffen kann, ohne langes Verweilen zu verstehen.

Ich fange an das Atelier für die Besucher aufzuräumen. Bei der Ausschmückung hilft mir die Madonna, wie es eben die Madonna auch nur kann. Sie findet alles und tut alles und läuft hinauf und hinunter, um Lavinia mitzuteilen, wie wir damit fertig werden, während ich bloß darüber nachdenke. Da ich ein so herrliches, gutes, liebliches Geschöpf habe, um mein Atelier auszuschmücken, so sieht das dumpfe, alte Zimmer schon jetzt wie ein verzauberter Palast aus, und ich bin der glücklichste Künstler, der jemals einen Malstock gehandhabt.

Ich verbleibe, mein lieber Zack,

Ihr getreuer

V. Blyth.

Die Durchlesung dieses Briefes erinnerte Zack an gewisse, neuere Bestrebungen in Rücksicht auf die schönen Künste, welche seinem schlechten Gedächtnisse entschwunden waren, während er über seine Aussichten in die Zukunft nachdachte. »Ich will an meiner ersten Idee festhalten«, dachte er, »und ein Künstler werden, wenn Blyth es nach den Vorfällen dieser Nacht gestatten will. Wenn er nicht will, so bleibt mir noch Mat, und ich will mich so frei in Amerika herumtreiben, als er es jemals tat.«

Also reflektierend stieg Zack leise nach dem hinteren Wohnzimmer hinunter, welches die Bibliothek genannt wurde. Die offene Tür zeigte ihm, dass Niemand im Zimmer war. Er ging hinein und schrieb in großer Eile die folgende Antwort auf Herrn Blyths Brief.

Mein lieber Blyth!

Ich danke Ihnen für die Einladungskarten. Ich bin in eine schreckliche Kalamität hineingeraten. Es ist entdeckt worden, dass ich um vier Uhr des Morgens berauscht nach Hause gekommen bin, was ich nur durch Entwendung des Hausschlüssels möglich gemacht habe. Die Strafe, welche ich deshalb zu erwarten habe, stelle ich mir so fürchterlich vor, dass ich lieber davonlaufen will. Ich schreibe diese Zeilen in einer schrecklichen Eile und einer tödlichen Angst, aus Furcht, mein Vater möchte nach Hause kommen, ehe ich damit fertig bin —— er ist zu Yollop gegangen, um den Pfarrer schlimmer als je auf mich zu hetzen.

Ich kann heute Abend nicht zu Ihnen kommen, weil Ihr Haus das erste wäre, in dem man mich suchen würde, und ich möchte nicht, dass Sie mit dieser unangenehmen Angelegenheit etwas zu tun hätten. Aber ich gedenke ein Künstler zu werden, wenn Sie mich nicht verlassen wollen. Tun Sie das nicht, alter Bursche! Ich weiß, dass ich ein niederträchtiger Taugenichts bin, aber ich will mich zu bessern suchen, wenn Sie mich nur nicht verlassen wollen. Wenn Sie morgen spazieren gehen, werde ich um drei Uhr an der Chaussee im Laburnumwege auf Sie warten. Wenn Sie nicht dorthin kommen oder nicht mit mir sprechen wollen, wenn Sie dahin kommen, werde ich England verlassen und etwas Verzweifeltes beginnen.

Ich habe einen neuen Freund —— er ist der beste und interessanteste Kerl auf der Welt, der während der Hälfte seines Lebens in den Wildnissen Amerikas gewesen ist; wenn Sie mir also nicht den Laufpass geben, werde ich ihn morgen zu Ihnen bringen, um Ihr Bild des Columbus zu sehen.

Ich fühle mich so elend und habe solche fürchterliche Kopfschmerzen, dass ich nicht weiter schreiben kann.

Stets der Ihrige Z. Thorpe junior.

Nachdem er auf diesen Brief die Adresse geschrieben und ihn in die Tasche gesteckt hatte, um ihn selbst nach der Post zu tragen, sah Zack nach der Tür und zögerte, dann machte er ein oder zwei Schritte vorwärts, um hinauszugehen, dann überlegte er gedankenvoll —— und kehrte endlich zum Schreibtisch zurück und nahm einen leeren Bogen Papier aus der Mappe.

»Ich kann die alte, gute Frau nicht verlassen, obgleich sie mir nicht vergeben will, ohne ihr eine Zeile zu schreiben, um ihren Mut aufrecht zu halten, und ohne ihr Lebewohl zu sagen«, dachte er, wie er die Feder in das Tintenfass tauchte und anfing, in seiner gewöhnlichen, schnellen, schmierenden Weise zu schreiben. Aber er konnte nicht über »meine liebe Mutter« hinauskommen. Das Schreiben dieser drei Worte schien ihn plötzlich gelähmt zu haben. Die starke Hand, die so kräftig im Kampfe um sich geschlagen hatte, zitterte jetzt bei der bloßen Berührung eines Bogen Papiers. Dennoch versuchte er in seiner Verzweiflung wenigstens etwas zu schreiben; wenn es auch nur das einzige Wort, »Lebewohl« wäre,-—-er versuchte es, bis die Tränen aus seinen Augen stürzten, wodurch jede weitere Anstrengung zunichte wurde.

Er knitterte das Papier zusammen, stand hastig auf und wischte die Tränen mit seiner Hand weg. Als er dies tat, fühlte er eine sonderbare Furcht und ein Misstrauen gegen sich selbst. Es war selten, sehr selten, dass seine Augen so feucht waren, wie jetzt. Wenige menschliche Wesen waren zwanzig Jahre alt geworden, ohne mehr Tränen vergossen zu haben, als Zack je vergossen hatte.

»Ich kann nicht an sie schreiben, so lange ich noch zu Hause bin und weiß, dass sie sich im nächsten Zimmer befindet. Ich will ihr einen Brief schicken, wenn ich aus dem Hause bin, und will sagen, dass es nur auf eine kurze Zeit ist und dass ich zurückkommen will, sobald der Zorn über diese höllische Angelegenheit sich gelegt hat.« Dies war sein Entschluss, als er das zusammengeknitterte Papier zerriss und schnell in den Gang trat.

Er nahm seinen Hut vom Tische. Seinen Hut? Nein, er erinnerte sich, dass es der Hut war, der dem Manne von dem Vergnügungsorte abgenommen worden war. In dem wichtigsten Augenblicke seines Lebens —— als sein Herz sich vor dem Gedanken an seine Mutter beugte —— als er die Heimat heimlich, vielleicht auf immer verließ —— konnte der Strom seiner Gedanken in seinem Laufe durch den geringen Einfluss einer solchen Kleinigkeit, wie diese, unbegreiflicher Weise gehemmt und abgeändert werden.

So war es bei ihm, so ist es mit uns allen. Unser Geist ist niemals vollständiger den kleinsten Interessen unseres Wesens preisgegeben, als wenn er von den mächtigsten am meisten in Anspruch genommen zu sein scheint. Und es ist oft gut für uns, dass diese scheinende Unvollkommenheit in unserer Natur vorhanden ist. Die erste Linderung eines Kummers nach der Scheidestunde oder im Trauerhause hat, für uns selbst unmerklich, mit dem ersten Augenblick angefangen, wenn wir veranlasst wurden, an eine Kleinigkeit wie z. B. die tägliche Mahlzeit zu denken.

Der Regen, welcher mit dem Tauwetter kam, wurde immer heftiger; im Hause herrschte eine Totenstille und draußen eine neblige Öde, als Zack die Straßentür öffnete und, ohne einen Augenblick zu zögern, sich verzweifelt über Kot und Nässe rasch hinausstürzte um sich vogelfrei in die voll gedrängte Welt Londons als ein Flüchtling vor seiner eigenen Heimat zu verlieren.

Sein erster Gedanke, der sonderbaren Richtung gehorchend, welche ihm der Zufall gegeben hatte, war ganz damit beschäftigt, das beste Mittel zu ersinnen, wie er den Hut dem Manne zurückschicken könnte, dem er abgenommen worden war. Ein Plan hierzu wurde bald von ihm ersonnen, und dann kehrte sein Geist noch einmal von selbst zu den Gedanken zurück, welche ihn erfüllt hatten, als er vergebens an seine Mutter einen Abschiedsbrief zu schreiben versuchte. Ehe er Baregrove-Square verließ, blickte er noch einmal nach dem väterlichen Hause zurück.

Er hielt an; die Erinnerungen von vergangenen Wochen, Monaten und Jahren wirbelten alle in wenigen Augenblicken durch sein Gedächtnis. Er hielt an, blickte durch die feuchte, neblige Atmosphäre nach der Tür, welche er soeben verlassen hatte, um sie vielleicht niemals wieder zu sehen; dann eilte er davon, knöpfte seinen Rock mit zitterndem ungeduldigen Fingern über seiner Brust zu, sagte zu sich selbst: »Ich habe es getan und nichts kann es jetzt ungeschehen machen«, und wandte entschlossen Baregrove-Square den Rücken.


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