Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Zweiter Band - Viertes Kapitel - Mr. Marksmans ländlicher Ausflug
 

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Viertes Kapitel - Mr. Marksmans ländlicher Ausflug

Kirk Street, Wendover Market, ist nicht eben der Platz, den sich reiche Gentleman nach ihrer Rückkehr ins Vaterland zur Wohnung wählen, nachdem sie die Welt durchreist haben. Die ganze Gegend ist dicht bevölkert, aber in keiner Hinsicht respektabel. Die Straße stellt eine vagabundierende Lebendigkeit der verschiedensten Charaktere dar, meistens von der belästigenden Sorte, welche das größte Geräusch macht. Auf der Türschwelle eines Wachholderschnapsladens stehen die lärmenden Männer in Barchentjacken und Seehundsfellkappen.

Hier erschallt ein Gassenlied, dort leiert eine Drehorgel und dazwischen kreischen die Stimmen der Obsthändler, und dies schauderhafte Geräusch beginnt am frühesten Morgen und dauert ununterbrochen bis in die späte Nacht hinein. Dort vor dem Fleischerladen kaut der Metzger einige übrig gebliebene Bissen und zeigt dabei mit triumphierender Miene auf die schönen fetten Fleischstücke, welche um ihn herum hängen, dann schwingt er seine glänzende Stahlklinge und ruft jedem korbtragenden Frauenzimmer zu, in seinen Laden zu treten und nur bei ihm zu kaufen. Jetzt rasselt ein Eselsgeschirr daher, auf dessen Sitze ein Gemüsehändler thront und mit überlauter Stimme den Preiscourant seiner Esswaren proklamiert; dieser Mann ist eine der mächtigsten Handelsstützen seines Vaterlandes. Und unter diesem bunten Gewühl und Wirrwarr hört man sehr oft jene Schmutzausdrücke und unanständigen Worte, welche der Schriftsteller nur durch Gedankenstriche andeutet.

Bei diesen Umständen mussten stets die stärksten Männer zur nächtlichen Polizeiwache beordert werden, welche die ehrbare Bevölkerung zu beschützen und die Trunkenbolde zu bereden vermochten, sich ruhig nach ihrer Schlafkajüte zu verfügen.

Dies war der Platz, auf welchem sich Mr. Matthias Marksman seine Wohnung gewählt, nachdem er zwanzig Jahre unter den Wilden Amerikas herum gewandert war.

Nach seiner Ankunft in London beobachtete er die zivilisierte Gesellschaft, um zu sehen, wie sich das zivilisierte Leben nach seiner langen Abwesenheit gestaltet hatte; aber er fand es in den fashionablen reichen Kreisen ganz ohne Interesse und Charakter, es erschien ihm unausstehlich dumm und langweilig.

Herabsteigend zu den Armen und das Volksleben betrachtend, entdeckte er wenigstens etwas, das ihm der Beobachtung wert schien.

Der Kampf des Lebens mit allen Herrlichkeiten und Nichtswürdigkeiten in täglichem Konflikt manifestierte sich hier in voller Darstellung, —— unverhüllt durch den Schleier der Konventionalität und kaum verdeckt durch etwas Schicklichkeitsgefühl zeigten sich die niedrigsten Lebensakte in ungeschminkter Blässe. Es konnten wohl nur wenige Schaubühnen des Lebens ausgesucht werden, auf denen sich die niedrigen Erdenwirrsale freier darstellen, als in Kirk Street. Demzufolge befand sich auch Mr. Marksman aus Sympathie bewogen, bei seiner vagabundierenden Durchfahrt hier ein wenig zu rasten, denn er hatte wirklich etwas Vagabundierendes in seinem Charakter. Eintretend in das erste Haus, dessen Fenster ihn belehrten, dass ihre Zimmer zu vermieten seien, legte er endlich seinen Wanderstab nieder und nahm das Vorder- und Hinterzimmer der ersten Etage vorläufig für eine Woche in Besitz.

Niemals waren wohl solch merkwürdige Bedingungen gemacht worden, als sie Mr. Marksman mit seinem Hauswirt beim Mieten festgesetzt hatte. Jede häusliche, durch sorgfältige Bedienung erlangte Bequemlichkeit hielt er für überflüssig, und die Domestiken betrachtete er als eine sehr belästigende Spezies, welche er durchaus nicht um sich herum haben wollte. Er stipulierte daher, dass keiner Person erlaubt sein sollte, seine Zimmer zu reinigen, da er dies selbst besorgen werde; niemals solle sich eine Aufwärterin unterstehen, sein Bett zu machen oder auch nur zu überziehen oder ihm Essen zu bringen. Auch behielt er sich vor, zu jeder Zeit ausgehen und Tage und Nächte ausbleiben zu können, ohne dass weder der Hauswirt noch die Hauswirtin berechtigt sein sollten, ihn darüber zu befragen, so lange er seine Miete richtig bezahle. Dabei setzte er fest, dass er den Mietbetrag für jede Woche vorausbezahlen wolle, so lange er das Logis inne habe und versprach zugleich, die Dienerschaft gelegentlich zu belohnen, wenn sie sich feierlich verpflichte, ihn niemals durch Dienste oder auch nur durch Dienstanerbietungen stören zu wollen.

Der Hauseigentümer und Besitzer eines Tabakladens war über diese vorgeschlagenen Bedingungen zuerst ganz erstaunt, ja wahrhaft bestürzt und hegte das größte Misstrauen gegen den Mieter. Da er sich aber in misslichen Geldverhältnissen befand, so imponierte ihn schon der große goldene Ring an der Hand des Mieters, und als dieser gar eine Handvoll glänzender Sovereigns (englische Goldmünze - 6 Thlr. 20 Sgr.) hinwarf, wurden ihm alle seine Sonderbarkeiten verziehen und der Mietscontract abgeschlossen. Mr. Marksman ging nun fort, um sein Gepäck zu holen.

In kurzer Zeit kehrte er wieder zurück mit einem großen Kornsack auf dem Rücken und einer langen Rifle (gezogenes Gewehr) in der Hand. Diese beiden Gegenstände waren sein ganzes Gepäck.

Zuerst stellte er sein Gewehr hinter das Bett im Hinterzimmer, dann räumte er alle kleinen Schmucksachen weg, mit denen das andere Zimmer dekoriert war, schob die drei Stühle in eine Ecke, klappte den runden Tisch auf und postierte ihn in eine andere Ecke. Jetzt knüpfte er den Kornsack auf, nahm ihn auf die Schulter und schüttete den ganzen Inhalt mitten ins Zimmer, als wären es Steinkohlen. Unter den verschiedenen Gegenständen, welche herausfielen, befanden sich einige Kalmuckröcke, eine Pfeife, ein sorgfältig verpacktes schönes Büffelfell, zwei rote Flanellhemden, ein Tabaksbeutel, eine Indianerdecke, ein lederner Sack, ein Pulverhorn, zwei viereckige Stücken gelber Seife, eine Kugelform, eine Nachtmütze, eine Tüte voll Nägel, eine Scheuerbürste, ein Hammer, ein alter Bratrost und sogar eine indianische Streitaxt. Nach Entleerung des Sackes nahm Mister Marksman sein Büffelfell, breitete es über sein Bett aus und lachte dabei recht höhnisch über die geflickte Steppdecke und die schlechten Vorhänge. Dann legte er den leeren Sack in eine Ecke, darauf die Kalmuckröcke und hing die lederne Tasche an zwei in der Wand befindliche Haken. Hierauf nahm er seine Pfeife zur Hand, ließ alle andern Gegenstände mitten in der Stube liegen und setzte sich auf die Kalmuckröcke, mit dem Rücken sich an die hinter ihm hängende Ledertasche anlehnend. Dem eintretenden erstaunten Hauswirt versicherte er, dass er nun ganz bequem und behaglich eingerichtet sei und er ihm sehr danken würde, wenn er sogleich in den Laden eile und ihm ein Pfund Tabak von der stärksten und besten Sorte seines Vorrats herauf sende.

In dieser Art und Weise vollbrachte Mr. Marksman den Rest des Tages, kaufte seinen Mundvorrat ein, kochte seine Diners selbst und legte also bei jeder Gelegenheit die größte Missachtung gegen alle zivilisierten Gebräuche und Anstandsregeln dar, ganz so wie beim Einzug in das Logis. Nachdem er zu Mittag gespeist hatte, hielt er ein Schläfchen auf seinen Kalmuckröcken, fuhr dann plötzlich auf, brummte über die eingeschlossene Luft und das enge Zimmer, schmauchte eine große Zahl Pfeifen Tabak und blickte die übrige Zeit zum Fenster hinaus, anstrengend und scharf beobachtend, was da unten herum vorging.

Endlich vollbrachte er die größte seiner Sonderbarkeiten. Nach Verschluss des Tabakladens, was gewöhnlich beim Schluss des benachbarten Theaters geschah, wanderte er die Treppe hinab, fragte kalt, welches der nächste Weg zu einer Gegend sei, wo er frische Luft atmen und einen nächtlichen Spaziergang machen könne, um seine Beine in etwas anstrengende Tätigkeit zu versetzen und sein Haupt zu klären.

Am nächsten Morgen begann er seine beiden Zimmer mit eigener Hand zu reinigen, ganz so wie er es dem Hauswirt gesagt hatte, und dabei schien er sich über seine Beschäftigung zu freuen, natürlich in seiner etwas ernsten, grimmigen Manier. Sein Dinieren, Mittagsschläfchen, Tabakrauchen und sein vom Fenster aus beobachtendes Studium der Straßen ging dann ganz wieder so von statten wie am vorigen Tage. Aber in der Nacht suchte er seinen gestrigen Promenadenplatz nicht wieder auf, sondern durchwanderte die Straßen und kam im Verlauf seines Spazierganges an den Tempel der Harmonie. Was ihm dort passierte, ist bereits bekannt.

Nachdem er Zack verlassen hatte, wanderte er stracks weiter, immer vorwärts, unbekümmert, wohin er kommen werde, und so ging seine Wanderung bis zum Tagesanbruch. Es war bereits neun Uhr vorbei, als er sich im Tabaksladen präsentierte, seine Kleider waren sehr beschmutzt und vom Tau und Regen ganz durchnässt. Der lange Spaziergang schien die Verdrießlichkeit und Unzufriedenheit seines Gemüts, welche seine plötzliche Trennung von Zack verursachte, nicht besänftigt und beruhigt zu haben. Er redete beständig mit sich selbst in murrender, unzusammenhängender Weise; seine finsteren, schwerfälligen Augenbrauen hatte er stark zusammengezogen und die Narben der alten Wunden in seinem Antlitz waren sehr gerötet, wodurch das zornige Aussehen noch mehr erhöht ward. Die erste Unterredung mit seinem Hauswirt bezog sich auf eine Eisenbahnreise, indem er sich nach einem bestimmten Bahnhofe erkundigte. Da er aber nicht leicht zu belehren war und die Gegend des beschriebenen Bahnhofs nicht zu finden getraute, so ließ der Tabakhändler eine Droschke holen, um ihn zur Eisenbahn zu bringen. Hiermit erklärte er sich einverstanden, aber bevor das Fuhrwerk erschien, wanderte er die ganze Zeit in mürrischer Stimmung auf dem Pflaster vor dem Laden auf und ab.

Als die Droschke erschien, bestand er hartnäckig darauf, sich oben aufs Verdeck zu setzen, weil er hier mehr frische Luft einatmen und die Beine bequem in den Wagen legen könne.

In dieser sonderbaren, verkehrten Position langte er am Bahnhofe an und nahm ein Billett nach Dibbledean, einem kleinen Marktflecken in einer der mittleren Grafschaften.

Als er am Ende der Station angelangt war, blickte er anfangs etwas verwirrt umher; bald aber begann er eine in der Nähe liegende Straße, welche nach dem genannten Flecken führte, zu rekognoszieren; zu ihr richtete er jetzt eilig seine Schritte, alle Anerbietungen der bequemen Omnibusfahrt verschmähend.

Der Tau war hier viel stärker gefallen, als in London, und da eben kein Markttag in Dibbledean war, so erblickte man auf der ganzen großen Straße nur drei Personen, eine Frau in Holzschuhen, ein Kind unter einem großen Regenschirm und einen Mann mit einem Korb auf dem Rücken, alle drei wanderten in den Hofraum des vornehmsten Gasthauses.

Je näher Mr. Marksman dem Landstädtchen kam, desto langsamer wurden seine Schritte, bis er endlich am Ende der Straße vor einer alten Kirche stehen blieb, welche zur Vorstadt von Dibbledean gehörte. Hier wartete er einige Zeit, blickte über die niedrige Mauer, welche den Gottesacker umfasste, und näherte sich dann einer Tür, durch die man auf einen Fußpfad zwischen die Gräber und Leichensteine gelangte. Plötzlich blieb er wieder stehen —— augenscheinlich seine Absicht wechselnd —— drehte sich dann schnell um und wanderte auf der großen Landstraße weiter. Er ruhte nicht eher, bis er vor ein langes niedriges Giebelhaus gelangte; unstreitig eines der ältesten im Dorfe, das, obgleich es bemalt und weiß angestrichen war, doch sehr alt und unmalerisch aussah. Das auf der Erde liegende Stockwerk war in zwei Laden abgeteilt, doch so, dass man ersah, beide gehören jetzt und haben einstmals zu einer und derselben Familie gehört. An dem breiten Laden stand in großen, schönen Buchstaben:

»Bradford and Son (vormals Josua Grice), Leinwandhändler, Strumpfhändler 2C.«

Die Firma über dem schmalen Laden lautete:

»Mrs. Bradford (vormals Johanna Grice), Putzhändlerin und Kleidermacherin.«

Unbekümmert um den Regen, trotzdem dass Hut und Rock triefte, stand Mr. Marksman regungslos vor dem Hause, die Inschriften lesend und immer wieder lesend. Obgleich der ganze Mann vom Kopf bis zu der Zehe die personifizierte Festigkeit zu sein schien, so zitterte und schwankte er dennoch jetzt fast ganz unnatürlich. Er wusste nun, dass er eine Entdeckung zu machen hatte, dass er eine Untersuchung veranstalten musste, konnte sich aber noch nicht bestimmt entschließen, ob in dem vor ihm stehenden Hause oder auf jenem Kirchhof, den er vorhin verlassen hatte. Nach langem Besinnen entschied er sich für den Kirchhof und wendete rasch seine Schritte dahin zurück.

Er trat eilig durch jene Pforte ein, vor der er vorhin zögernd gestanden hatte, und verfolgte den zwischen den Leichensteinen hindurchführenden Pfad eine Weile. Dann betrat er den Rasen, blieb sinnend stehen, wanderte wieder zwischen den Grabhügeln weiter und kam endlich vor einen horizontal liegenden, kaum einen Fuß hohen Leichenstein. Er bog sich hinab und las die darauf befindlichen Schriftzeichen.

Es waren vier verschiedene Inschriften der einfachsten kürzesten Art, weiter nichts enthaltend als Datum und Jahreszahl der Geburt und des Todes der darunter liegenden Personen. Die ersten beiden Inschriften notifizierten den Tod zweier Kinder: »Josua Grice, Sohn von Josua und Johanna Grice, vier Jahr alt« »Susanna Grice, Tochter der obigen, 13 Jahr alt;« die beiden letzten zeigten den Tod des Vaters und der Mutter an, in einem Alter von 62 Jahren. Unter diesen Inschriften folgte ein Spruch aus dem Neuen Testament:

»Kommt her zu mir Alle, die ihr mühselig und schwer beladen seid, ich will euch die ewige Ruhe geben.«

Auf den letzten Zeilen, welche den Tod von Josua Grice, dem Vater, anzeigten, verweilte das Auge des einsamen Wandrers am längsten; hin starrend auf dessen Todesanzeige murmelten seine Lippen mehrmals: —— »Er lebte am Ende als ein alter Mann!«

Unter den erwähnten Zeilen war noch hinreichend Platz für zwei oder drei Inschriften und es schien, als ob Mr. Marksman noch mehr zu lesen erwartet habe. Er blickte aufmerksam und scharf auf den leeren Raum, maß ihn mit den Fingern und verglich ihn mit der von den Inschriften besetzten Stelle. »Nicht da«, sagte er zu sich selbst, »nicht hier!« und verließ den Gottesacker, um wieder in die Stadt zu gehen.

Diesmal ging er ohne Zaudern in das Haus mit dem Doppelladen und zwar in die Abteilung des Strumpfhändlers. Hier war niemand weiter als ein junger Mann, welcher den Ladentisch bediente.

Dieser junge Ladendiener war höchst erfreut, endlich einmal eine fremde Person eintreten zu sehen, um wenigstens mit ihr über das schlechte Regenwetter sprechen zu können, denn er war den ganzen Morgen hindurch allein gewesen.

»Womit kann ich dem Herrn dienen?«

Dieser kam aber nicht um zu kaufen, sondern wünschte nur zu wissen, ob Johanna Grice, welche ehemals den Putzmacherladen besaß, noch am Leben sei?

»Oh ja! ——« Der junge Mann konnte ihm dies und noch mehr sagen, denn er war sehr vergnügt, nach so langer Einsamkeit wieder einmal die Zunge regen zu können.

»Miss Grice (der Mann sprach höflicher von ihr als der Fremde) — Miss Grice, deren Bruder das Geschäft vormals hatte, welches jetzt Bradford und Sohn besitzen, lebt noch; sie lebt noch ganz allein für sich in der Stadt; sie ist eine sehr kuriose alte Person, welche niemals ausgeht und auch keinen Besuch empfängt: Fast alle ihre alten Freunde sind tot und mit den noch lebenden hat sie den Umgang abgebrochen. Sie ist voller Ärger und Zorn, ja man glaubt sogar, sie sei verrückt und unter den Knaben von Dibbledean wird sie als eine »alte Tigerkatze« verabscheut.«

Auch der Ladendiener sprach seine Vermutung dahin aus, dass ihr Verstand durch einen großen Familienskandal vor vielen Jahren wohl etwas gelitten haben möge, durch einen Familienskandal, der sie ganz niedergeschmettert habe, denn sie sei sehr religiös. »Es war ein Skandal«, fuhr der junge Mann fort, »welcher die größte Aufregung verursachte und ringsherum ——«

Hier wurde er von dem Fremden in einer unhöflichen, groben Manier unterbrochen, dieser schien von dem Skandal nichts wissen zu wollen und eine andere Frage auf dem Herzen zu haben, der er aber nicht recht Worte zu leihen vermochte. Zwei oder drei Mal begann er in verschiedenen Wortformen, stockte aber wieder und schwieg. Endlich fragte er so im allgemeinen, ob noch andre Familienglieder der alten Miss Grice am Leben seien.

Für einen Augenblick stockte und schwieg der junge Mann, denn er wusste nicht, welche Familienglieder der Gentleman meine; dann sagte er: »Der alte Mr. Grice starb vor einigen Jahren, zwei Kinder starben jung; ihre Namen liest man auf dem Gottesacker. Meint der Herr vielleicht? —— ah, gewiss! —— ganz sicher —— Sie meinen wohl die zweite Tochter? —— Wie das Volk sagt, wuchs diese auf und blühte in großer Schönheit. Von ihr geht die Sage, dass sie hauptsächlich die Ursache jenes abscheulichen Familienskandals sei. Sie lief in die Welt und starb im Elend, niemand weiß, wo und wie, —— und man glaubt, dass sie irgendwo gleich einer Almosenempfängerin begraben liege, —— niemand kennt den Ort, ausgenommen etwa Miss Grice, alles dies ereignete sich vor vielen Jahren, und gewiss ——«

Der junge Mann stockte hier und blickte sehr verlegen, denn des Gentlemans Antlitz hatte sich plötzlich sehr verändert. Seine dunkelbraunen Wangen waren kalt und fahl geworden und die darauf befindlichen Narben glühten zornig rot wie Feuer. Er lehnte sich einen Augenblick an den Ladentisch und seine Hände zitterten. Wird er krank? O nein, denn dieses Mannes Herz ist stark, sein Wille fest und sein Körper hat schon manche Stöße erlitten und sich abgehärtet, daher erholt er sich auch viel schneller als andere Menschen. Er schwankte ein wenig, ging dann vom Ladentisch zur Tür, drehte sich noch einmal um und fragte, wo Johanna Grice wohne. Der junge Mann erwiderte: »Bei der zweiten Wendung nach rechts gelangt man in eine Straße, welche in eine kleine Gasse mit niedrigen Häusern endet. Miss Grices Haus ist das letzte linker Hand; aber ich kann dem Herrn versichern, dass der Gang erfolglos bleiben wird, denn sie lässt keine Person in ihre Wohnung.« Der Gentleman dankte und schlug dennoch die beschriebene Richtung ein.

»Dachte ich doch nicht, dass es mich so angreifen würde«, sagte er für sich, indem er eilig durch die Straßen schritt; »hat es mich noch nie so berührt, wo ich auch sein und es hören musste. Aber ich bin nicht mehr der Mann, der ich war, seitdem ich hier weile. Meine zwanzigjährige Abhärtung scheint ganz und gar verschwunden und hier nicht wirksam zu sein.«

Nachdem er die ihm bezeichnete Straßenrichtung genau befolgt hatte, gelangte er in dem Gässchen linker Hand vor dem kleinen Häuschen an und untersuchte zuerst die Gartentür. Er fand sie verschlossen und keine Schelle zum klingeln. Da aber die Gartenumhegung nicht hoch und Mr. Marksman nicht skrupulös war, so setzte er über und ging nach der Haustür zu. Sie öffnete sich gleich allen andern Türen durch bloßes Niederdrücken des Griffes am Schloss. Er ging ohne Zaudern hinein und trat ins erste Zimmer, in das ihn die Passage führte. Es war ein kleines Besuchsstübchen, an dessen hinterm Fenster, welches nach dem Garten führt, Miss Grice saß und in einem dicken Buche gleich einer Bibel mit Lesen vertieft war. Dieses alte, dürre und zwerghafte Frauenzimmer starrte von ihrem Buche empor, als sie Schritte hörte, dann sprang sie wütend auf, ihre grauen Augen drehten sich furienhaft im Kopfe, sie erhob ihre knöchernen Hände und drohte dem Eindringlinge damit. Dieser ließ sie ruhig zu sich herankommen, sprach dann sehr vernehmlich und ganz besonders betonend einen Namen zweimal aus.

Plötzlich erstarrt sie, wird leichenblass, der Mund bleibt geöffnet stehen und die Arme hängen starr am Körper herab. Es war, als ob dieser Name oder die Stimme, welche ihn gesprochen, ihr ganzes bisschen Leben in einem Augenblick zu Tode erstarrt habe. Dann wankte sie langsam zurück, suchte mit der Hand wie im Dunkeln und lehnte sich an die Wand des Zimmers. Sprachlos und zitternd an allen Gliedern starrte sie den ihr gegenüberstehenden Mann stier und erschrocken an.

Dieser nahm ungebeten Platz und fragte, ob sie ihn nicht mehr kenne. Sie gab weder eine Antwort noch irgendein als Antwort dienendes Zeichen. Nach einer ziemlich langen Pause wiederholte er diese Frage. Sie nickte mit dem Kopfe, —— starrte ihn aber fortwährend zitternd und sprachlos an.

Er erzählte ihr nun, was er im Laden gehört hatte, und fragte sie, ob es wahr sei, dass die Tochter des alten Mr. Grice, welche die Ursache eines großen Familienskandals gewesen, schon seit Jahren verschwunden und in der Fremde elend und arm gestorben sei.

Ihre Augen blitzten ihn feurig wild an —— schraken aber vor den seinigen zurück. Dann kauerte sie sich in die Ecke und sagte mit schwacher zitternder Stimme, dass sie nicht von dem sprechen werde und sprechen könne, was er als Familienskandal bezeichnet habe.

Er antwortete, dass er nichts über den Skandal zu wissen wünsche, dass er vor vielen Jahren einen Brief empfangen habe, welcher ihm das Ereignis mitteilte, —— einen Brief, den er seit der Zeit stets bewahrt und den er nie verlieren, nie vergessen werde. Was er zu wissen wünsche, ist, ob es wahr sei, dass Marie (er nannte jetzt ihren Namen) im Grabe liege, dass sie tot sei?

Als er diese Worte sprach, lag etwas in seinen Blicken, das die Alte gleichsam gegen ihren Willen zum Antworten zu zwingen schien. Sie stammelte »Ja« und zitterte dabei noch mehr als vorhin.

Er ballte seine Hände zusammen, doch sank das Haupt schwach und matt hernieder und dunkle Schatten schienen über seine niedergebogene Stirn zu ziehen. Die Narben der alten Wunden vertieften und entfärbten sich, sie wurden blau. Er begann zu sprechen, —— stockte plötzlich —— und blieb dann einige Minuten sprachlos.

Aber sein tiefes Schweigen und seine tiefe Betrübnis schienen Johanna Grice rasch mit Zuversicht und Courage zu erfüllen. Sie bewegte sich ein wenig von der Wand und ein Strahl triumphierender Schadenfreude zog über ihr Gesicht, als sie ihr »Ja« noch einmal wiederholte. »Ja! Die Elende, welche den guten Namen der Familie ruinierte, ist tot —— tot, und in weiter Ferne begraben, in ihrem eigenen Grabe —— sie liegt nicht in demselben Grabe, wo ihre ehrbare Verwandtschaft ruht —— nicht dort auf dem Gottesacker, wo ihr Vater und ihre Mutter —— oh, nein, nein! —— Gott sei Dank, —— nicht dort!«

Bei diesen letzten Worten blickte er sogleich zu ihr auf. Dabei lag so etwas gebietender Einfluss in seinen Augen, der sie sogleich wieder in die Ecke scheuchte, wo sie vorhin kauerte. Jetzt fragte er im strengsten Ernst, wo Marie begraben liege. Sie antwortete langsam und träge, jedes Wort musste ihr gleichsam abgezwungen werden, —— sie sei unter Fremden beerdigt, wie sie’s verdiene, —— an einem Orte, genannt Bangbury —— weit weg in der nächsten Grafschaft, wo sie gestorben sei und wo man Geld zu ihrer Beerdigung hingeschickt habe.

Sein Benehmen wurde jetzt weniger rau und befehlend, seine Augen sanfter und seine Stimme sprach nur im Tone schmerzlicher Wehmut und tiefer Traurigkeit. Und als er jetzt wieder eine Frage an Johanna Grice richtete, wurde auch diese im inneren betroffen und ihr Herz schien davon sehr heftig erregt zu werden.

Die Muskeln ihres hässlichen Gesichts zuckten, der Atem ihrer Brust kam stoßweise heraus und ihre ganze Physiognomie wurde noch wilder, als er fragte, ob es nur Verleumdung oder Wahrheit sei, dass Marie mit einem Kind die Heimat verlassen habe.

Als er keine Antwort bekam, wiederholte er seine Frage: »War es Verleumdung oder Wahrheit?« Er bat jetzt dringend um Aufklärung. Sie erwiderte keuchend und wispernd nur das eine Wort »—— Wahrheit. ——«

»Wurde das Kind lebend geboren?«

Nach dieser Frage rang sich ihr Atem in noch schnelleren Stößen aus der Brust, ihre fleischlosen gelben Wangen färbten sich dunkelrot und die Antwort erfolgte in derselben harschen wispernden Art wie vorhin —— »Ja! lebend geboren.«

»Was wurde aus dem Kinde? ——«

»Ich sah es niemals —— fragte niemals nach ihm —— und habe es nie gekannt.« Während sie diese Worte sprach, verwandelte sich ihr Wispern und Zischeln zu einem lauten, bestimmten aber sehr rauhen Tone. Der Fragende murmelte etwas für sich, —— in unverständlichen, nur halbartikulierten Worten fluchte er den mitleidslosen, unbarmherzigen Menschen, welche niemals vergeben können, dann versank er in düsteres Schweigen. Während dieser Pause färbten sich die Wangen der Johanna Grice noch dunkelroter und das Atmen ihrer Brust verwandelte sich in schnelle stoßweise Seufzer. Als er aber noch einmal mit ihr sprechen wollte, da brach ihre unterdrückte Wut in wilde Raserei aus. Indem er sein Haupt erhob und die Lippen öffnete, sprang sie voller Wut an den Tisch, wo er sie vorhin lesend fand, spreizte die Arme auf, legte dann ihre knöchernen Hände auf die offene Bibel und schwor bei dem Worte der Wahrheit in diesem Buche, dass sie ihm niemals mehr antworten werde.

Er erhob sich jetzt ruhig, näherte sich ihr mit verächtlichem Blick und begann zu sprechen, wurde aber von ihr überschrien, indem sie sich wie eine rasende Furie gebärdete. »Nein! Nein! Nein!« rief sie, »nicht ein Wort mehr! Wie kann Er es wagen, mit seinem schamlosen Gesicht und drohender Miene hierher zu kommen und mich zum Sprechen zu zwingen, zum Sprechen über etwas, das nie über meine Lippen kommen sollte, nie! oder nur vor dem Gerichtshof. Wie kann Er etwas wagen, zwischen mich und Gott zu treten und mich mit seinen weltlichen Angelegenheiten zu belästigen, während ich mich für Gott vorbereite? Verwandtschaft! Spreche Er nicht von Verwandtschaft. Meine einzige Verwandtschaft, die ich kenne, liegt gebrochenen Herzens unter dem großen Steine auf dem Gottesacker. Verwandtschaft! Wenn sie alle wieder zum Leben erwachten, was könnte Marie mit ihnen zu tun haben? Ihre einzige Verwandtschaft war nur der Tod. Ja, tot ist Vater, Mutter, Bruder und Schwester für sie! Der Tod nahm sie weg in Gottes guter Zeit. Wie! will Er noch länger hier stehen? mir zum Ärger hier stehen? hier stehen, nachdem ich geschworen habe, Ihm kein Wort mehr zu antworten? ——«

»Ja, mag sie rasen, so viel es ihr beliebt, ich bin fest entschlossen zu bleiben und noch mehr zu erfahren. —— Hinterließ Marie nichts in den bitteren Tagen der Flucht von ihrer Heimath? —— Antwort verlange ich hierüber, ich muss es wissen! Dies und noch mehr muss ich wissen —— bis ich alles weiß.« Die feste Entschlossenheit, mit der er diese Worte sprach, schien ihre furienhafte Aufregung wieder etwas zu dämpfen. Sie streckte ihre Hand schnell aus, ergriff seinen Arm und blickte ihn mit verruchter Schadenfreude ins Gesicht. »Er will alles wissen? will Er? —— dann soll es sein! aber nicht von meinen Lippen! Die ganze schwarze Nichtwürdigkeit soll er wissen —- vom Anfang bis zum Ende. Sein Herz soll brechen und Er vor der Zeit alt werden. Er ist geneigt, alles wissen zu wollen, was die Verdorbene, Elende hinterlassen hat, will Er? —— so folge er mir und er soll es sehen. ——«

In der Bibel der Johanna Grice lag ein Schlüssel, gleichsam als Merkzeichen dienend; diesen nahm sie jetzt zur Hand, hinkte mühsam mit Unterstützung der Hände durch ihr Schlafzimmer und über eine Treppe in das höhere Stockwerk hinauf. Mr. Marksman folgte dicht hinter ihr her und stand an ihrer Seite, als sie eine Tür öffnete und ihn mit den Worten hineinwies, dort zu nehmen, was er finde, und dann zu gehen —— ihr sei es gleich, wohin er gehe.

Hierauf hinkte sie wieder die Treppe hinab und Mr. Marksman trat ins Zimmer: Darin herrschte dumpfe Stickluft und eine Ohnmacht verursachender widerlicher Geruch. Schmutzig braune Spinnweben hingen überall von den Wänden herab und die noch schmutzigeren Fensterscheiben ließen nur ein schwaches getrübtes Licht hindurch scheinen. Er blickte um sich und fand nicht die geringste Ausschmückung, keine Möbel, nichts —— so dass es schien, als sei das Zimmer seit vielen, vielen Jahren nicht bewohnt gewesen. Mit gespannter Besorgnis suchte er hier und da und entdeckte endlich in einer dunklen Ecke ein kleines, mit Schmutz und Staub bedecktes Kästchen.

Er hob es auf und ging ans Fenster, eine Staubwolke fiel herab und ekelhaftes Gewürm kroch darauf herum. Als er es näher bei Licht betrachtete, entdeckte er unter Spinnweben, toten Insekten und Schmutzflecken aller Art den darauf gemalten Namen: »Marie Grice.«

Beim Erblicken dieses Namens versank er in nachdenkliches Schweigen. Als er aber in demselben Moment unten eine Tür zuschließen hörte, nahm er hastig das Kästchen zur Hand und verließ das Zimmer. Das Kästchen war mit einem Strick zugebunden und unter demselben fand er ein Blatt Papier auf den Deckel genagelt. Er betrachtete es näher bei Lichte und entdeckte darauf geschriebene Zeilen. Aber das Papier war grau, die Tinte blass und die Schriftzeichen schwer zu entziffern. Doch gelang es ihm, nach längerer Besichtigung folgende Aufschrift zu lesen: »Rechtfertigung meines Benehmens gegen meine Nichte; nach meinem Tode zu lesen. Johanna Grice. ——«

Als er herunter in die Nähe ihres Wohnzimmers kam, hörte er sie lesen. Er blieb stehen und horchte, die Worte schienen ihm nicht fremd, nicht unbekannt zu sein. Er horchte länger und eine Erinnerung an seine Knabenzeit sagte ihm, dass es die Bibel sei, in der Johanna Grice eben laut las.

Sein Gesicht verfinsterte sich, er eilte schnell in den Garten; bevor er sich aber dessen Umzäunung näherte, ging er noch einmal zum Wohnhaus zurück und blickte durch die Fenster ins Zimmer. Er sah die Alte vor dem Tische sitzen, mit dem Rücken den Fenstern zugekehrt, die Ellenbogen hatte sie auf die Tafel gelegt, während sie mit den Händen in ihren verwirrten grauen Haaren wühlte. Ihre Stimme war noch hörbar, aber die Worte waren nicht mehr zu verstehen. Er weilte noch einige Augenblicke vor dem Fenster, dann verließ er es plötzlich mit den Worten: »Ich wundere mich, dass dieses Buch ihren Tod noch nicht verursacht hat.« Dies waren seine einzigen Abschiedsworte. Mit diesem Gedanken im Herzen eilte er von Johanna Grice und ihrer Wohnung weg.

Welchen Weg wird er nehmen? Zurück in die Stadt oder weiter ins Land hinein? Es treibt ihn weiter in die Ferne! Der Kummer über sein Verwaistsein, der Schmerz —— ohne ein mitfühlendes Menschenherz leben zu müssen, hat ihn wieder überwältigt und zur Melancholie gestimmt.

Er wandert mit seinem Kästchen trotz des Regens weiter und blickt sich dann nach einem Obdach um, wo er es öffnen kann. —— Nachdem er eine Meile weit gegangen war, erblickte er nicht weit vom Wege einen alten zerfallenen Viehschuppen, der aber noch etwas Schutz gegen den Regen zu gewähren vermochte, und nahm darunter Platz.

In einem trockenen Winkel fand er Gelegenheit, seine Absicht zu vollführen. Er ließ sich nieder, knüpfte den Strick ab, zauderte aber noch, das Kästchen zu öffnen. Er riss daher den aufgenagelten Brief von der Außenseite ab.

Dieser war ziemlich lang, eng und sehr unleserlich geschrieben. Seine Augen schweiften ungeduldig darüber hin, bis er auf der Mitte der Seite einige deutlicher geschriebene Zeilen fand. Vor Jahren, in seiner Knabenzeit las er jede Handschrift, aber gegenwärtig fand er es schwierig die vor ihm liegende zu entziffern. Doch vermochte er die deutlicher geschriebenen Worte zu buchstabieren und fand folgenden Sinn. ——

»Ich habe nur noch hinzuzufügen, bevor ich zu dem grauenhaften Bekenntnis unserer Familienschande übergehe, dass ich nachher niemals wieder etwas sah und hörte von dem Manne, der meine Nichte zu jener Todsünde verführte, welche ihr Ruin in dieser Welt war und auch im Jenseits sein wird.«

Nach diesen Worten machte er keine Anstrengung, weiter zu lesen. Sie waren hinreichend, ihn mit höchst unwillkommenen Erinnerungen und beunruhigenden Gedanken zu erfüllen, von denen er sich aber entschlossen zu befreien suchte. Er zerknitterte den Brief und steckte ihn in die Tasche; er war wieder Herr seiner Stimmung geworden und wendete sich jetzt noch einmal zum Kästchen.

Es war mit Bändern versiegelt aber nicht verschlossen.

Als er den Deckel aufbrach, fand er einige abgetragene Gegenstände weiblicher Kleidung darin, eine Arbeitsschachtel, ein Halsband, Nähnadeln nebst Zwirn, ein Paket Briefe und viele zerstreut herumliegende Briefe, ein glänzend gebundenes Album, eine Quantität trockener Blumen und Blätter, ein Stück grobes Tuch mit darauf gestickten Pantoffelmustern, ein schwarzes Leibchen mit noch unbeendigter Stickerei am Kragen und noch verschiedene andere Gegenstände. Beim ersten Blick war es ihm klar, dass alle diese Dinge irgendeinmal in den Kasten geworfen und darin liegen geblieben waren. Einige Augenblicke weilte sein Auge auf dieser seltsamen traurigen Konfusion, dann wendete er sein Haupt und flüsterte mit gebrochener, seufzender Stimme: »Marie! —— Marie. ——« Nach einiger Zeit blickte er wieder in den Kasten, nahm rein mechanisch die zerstreut liegenden Briefe heraus, betrachtete teilnahmslos die gebrochenen Siegel und Adressen und legte sie ebenso mechanisch wieder in den Kasten zurück, ohne sie zu entfalten. Nur ein einziger schien seine Aufmerksamkeit zu erregen, er nahm ihn heraus und entfaltete das Couvert.

Beim Auseinanderlegen des Umschlags fand er eine Haarlocke, welche er aber im Moment sogleich wieder zusammenpackte, als könne er sie nicht sehen. Den Brief betrachtete er aufmerksamer, es war eine Frauenhandschrift und an Miss Marie Grice, Dibbledean adressiert und aus London, Bond-Street, datiert. Die Poststempel zeigten, dass er schon vor vielen Jahren geschrieben war. Er setzte sich nieder und las das nicht sehr lange Schreiben:

Meine teuerste Marie!

Ich habe Ihnen soeben Ihr schönes Haarbracelet, vom Juwelier gut verpackt und versiegelt, durch die Post gesandt und es direkt an Sie adressiert, weil Sie mir sagten, Ihr Vater betrachte es als einen Ehrenpunkt, Ihre Briefe und Pakete nicht zu erbrechen, und verbiete dies auch Ihrer hässlichen Muhme Johanna. Ich hoffe, Sie werden diese Zeilen und das kleine Paket zu gleicher Zeit empfangen.

Jetzt will ich Ihre ausgesprochene Ansicht beantworten, dass die neue Facon Ihres Bracelets viel schöner sei, seitdem die neuen Haare mit den alten darin vereinigt sind. Sie werden beim Anblick desselben freudig errötend in Ihr Zimmer laufen, um es ungesehen betrachten zu können. Vielleicht werden Sie aber auch überrascht sein, noch eine kleine Goldeinfassung hinzugefügt zu finden; aber dies war eine sehr große Notwendigkeit, wie mir der Juwelier versicherte. Das Haar Ihrer armen Schwester war das einzige Material Ihres Bracelets und sehr verschieden von den Haaren Ihres Geliebten, die Sie mir später zur Einfassung übersandten. Diese waren kaum halb so lang als Susannas Haare, mit denen sie doch von End zu End eingeflochten werden sollten; demzufolge hat sie der Juwelier durch Hinzufügung einer goldenen Klammer befestigt, wie Sie sehen werden. Aber dennoch sind sie recht hübsch rund und mit den alten Haaren verbunden. Kein Juwelier Ihrer Gegend konnte es auch nur halb so schön verfertigen, daher taten Sie wohl, es nach London zu senden. Ich darf mir wohl ein Urteil hierüber zutrauen und sage Ihnen ganz gewiss, dass ich noch kein schöneres Bracelet gesehen habe, als das Ihrige.

Sehen Sie ihn noch so oft wie früher? Er muss Ihnen mit inniger Liebe und Treue ergeben sein, wenn Sie ihm zeigen, wie sehr Sie ihn lieben, indem Sie seine Haare mit denen Ihrer armen Schwester Susanna vereinigen ließen; auch waren Sie ihm stets sehr ergeben und in Liebe zugetan. Ich sage, er muss; und Sie können mit Sicherheit sagen, er wird. —— Ich bin also ganz bereit zu glauben, meine Liebe, dass Sie sich nicht täuschen.

Ich würde gern mehr schreiben, aber es fehlt mir an Zeit. Es ist eben jetzt die große Londoner Saison und wir müssen für unsern Lebensunterhalt arbeiten. Ich beneide euch Putzmacherinnen in den Landstädten und wünsche mich beinah wieder nach Dibbledean zurück, um von morgens bis in die Nacht hinein von Miss Johanna tyrannisiert zu werden. Ich weiß, meine Teure, sie ist Ihre Tante; aber ich kann mir nicht helfen und muss gestehen, dass ich sie sehr hasse.

Ewig Ihre zärtliche Freundin

Johanna Holdsworth.

P. S. Der Juwelier sandte diese Haare wieder zurück, weil er deren nicht bedurfte, und ich schicke Ihnen dieselben hierbei pflichtschuldig wieder zu, da Sie deren rechtmäßige Eigentümerin sind.

Die Narben Mr. Marksman’s Antlitz begannen beim Durchlesen dieses Briefes feuerrot zu brennen; sie zeigten stets sicherer als jeder andere Körperteil seine heftigen Gemütsbewegungen an. Er zerknitterte schnell Brief und Couvert in seiner Hand zusammen und wollte beides voll Zorn in den Kasten werfen, —— aber ein Blick auf die darin liegenden halb abgetragenen Kleider und unvollendeten Arbeiten schien seinen Arm zu lähmen; er nahm Brief und Couvert, glättete beide sehr sorgfältig, faltete sie wieder zusammen und legte sie dann sanft zu den andern Briefen; dann griff er in die Tasche, holte den ersten Brief heraus und legte ihn ebenso zu den übrigen, hierauf verschloss er den Kasten wieder.

»Ich kann nichts mehr berühren von diesen Gegenständen«, sagte er zu sich selbst. »Ich kann sie nicht sehen, ohne dass ich ——« er stockte, nahm den Strick und band ihn sehr fest um den Kasten, gleichsam, als wäre diese physische Anstrengung eine Erleichterung für ihn in seiner Gemütserregung. »Ich werde ihn in ein paar Tagen wieder öffnen, wenn ich weit weg von diesem Orte bin ——« er schürzte hierbei den letzten Knoten so fest als möglich, —— »wenn ich von diesem alten Orte entfernt bin und meine Geistesstärke wieder erlangt habe.«

Er verließ den Schuppen, gewann die Straße wieder, blickte aber unentschlossen vorwärts, rückwärts und nach allen Seiten hin. Wo soll er jetzt seine Schritte hinwenden? Ein Gedanke durchkreist seinen Geist, den Ort aufzusuchen, wo Marie gestorben und begraben liegt, um ihr Grab aufzufinden und zu erfahren, wie sie gestorben ist. Doch verwarf er diese Absicht wieder, indem er glaubt, dass es besser sei, zuvor erst sämtliche Briefe zu lesen und alle Gegenstände des Koffers in Augenschein zu nehmen, bevor er diese Reise antritt. Daher glaubt er nichts Angemesseneres tun zu können, als mit dem nächsten Eisenbahnzuge wieder zurück nach London zu fahren.

Im Tabakladen zu Kirk Street waren schon seit einigen Stunden die Gaslichter angezündet und der Eigentümer schmauchte bereits beim Auf- und Abgehen in der Tür seine zweite Abendpfeife, als er seinen fremden Mietsmann sich mit Etwas nähren sah, das doch wenigstens einem anständigen Reisekoffer glich. Der Tabakhändler glaubte, weil er diesen Morgen ein kleines Gespräch mit ihm vor seiner Abreise gehabt habe, diesen Abend eine längere Unterredung anknüpfen zu können. Aber nie war wohl eine Erwartung mehr getäuscht worden als jetzt. Mr. Marksman ging mit einem ganz seltsam veränderten Blick und Aussehen an seinem Hauswirt schnell vorüber, brummte: »gut’ Nacht ——« und ließ ihn in der Haustür stehen.

Der Tabakhändler trat zu seiner Frau hinter den Ladentisch und sprach die Vermutung aus, dass es dem neuen Mieter auf seiner Tour nicht nach Wunsch gegangen sein müsse, worauf sie erwiderte: »Wir wollen ihn doch behorchen.«

Mr. Marksmans Zimmer über dem Tabakladen befindet sich in einem gewöhnlich gebauten Londoner Hause, d. h. mit andern Worten, —— Haus und Zimmer sind leicht und dünn von leichtem Material gebaut. Demzufolge hört man unten alles, was oben geschieht; sein schwaches Niesen im Wohnzimmer schallt als Echo durch das ganze Haus.

Beide lauschten, und als Mr. Marksman seinen Koffer oben niederwarf, rasselten alle Tonpfeifen und Zinnbüchsen im Laden. Zunächst hörten sie, wie sich Mr. Marksman in seiner gewöhnlichen kuriosen Manier niederließ d. h, wie er sich in die Ecke auf seine Kalmuckröcke setzte.

Jetzt ward es lange Zeit still, da sagte die Frau des Tabakhändlers zu ihrem Manne, sie habe kein Zündhölzchen zum Licht anzünden streichen hören, folglich müsse der neue Mieter im Dunkeln sitzen.

Betroffen schon durch diesen Umstand, aber mehr noch betroffen durch die anhaltende Ruhe, welche nun bei dem sonst so lebhaften Mr. Marksman stattfindet, lauschen sie noch aufmerksamer, hören aber weiter nichts als den tiefen dumpfen Klang seiner Stimme als ein Zeichen, dass er noch am Leben ist und mit sich selbst redet. Der Laden wird endlich verschlossen, ohne dass er das Zimmer verlässt und seine nächtliche Herumstreicherei unternimmt; es war dies das erste Mal, so lange er da wohnte. Der Tabakhändler wanderte die Treppen hinauf zum Erker, um sich schlafen zu legen; seine Frau folgte ihm mit ehelichem Gehorsam. Als sie aber in die erste Etage kam, kniete sie vor Mr. Marksmans Tür leise nieder, hielt den Atem an sich und blickte durchs Schlüsselloch.

Bei der Ankunft im Schlafzimmer jedoch konnte sie ihrem Manne nicht viel berichten. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, dass kein Licht weiter in des Mieters Zimmer ist, als das, was von den Gaslichtern der Straße hineinscheint.

Auch hatte sie genau bemerkt, dass er in seiner gewöhnlichen Ecke am Fenster liege, die Hände auf dem Koffer und das Haupt auf der Brust liegend. Sie glaubt, dass er in einen unruhigen Schlaf gefallen und seine Gemütsunruhe von einem Frauenzimmer verursacht sei. Denn sie habe mehrere wehklagende Seufzer in seinem Schlafe gehört; ebenso kann sie fest versichern, dass sie den Namen »Marie« zwei- oder dreimal habe sehr schmerzlich rufen hören, als sie vor dem Schlüsselloch kniete. ——


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