Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Dritter Band - Zweites Kapitel - Die indianische Mixtur
 

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Zweites Kapitel - Die indianische Mixtur

Gleich der großen Mehrzahl jener Personen, welche von der Natur mit hochfliegenden Lebensgeistern begabt sind, war auch Zack bei gewissen Zeiten und Gelegenheiten fähig, von der höchsten ausgelassensten Freude zu den tiefsten Tiefen der Verzweiflung zu sinken, ohne jene Zwischenstufen einer mäßigen Heiterkeit, traurigen Niedergeschlagenheit oder tränenvollen Grams durchzugehen. Nachdem er sich von seiner Mutter verabschiedet hatte und wieder in Valentins Hause erschienen war, zeigte er die größte lamentabelste, verzweiflungsvollste Gemütsstimmung, er ging alle seine Vergehen durch und betrachtete deren Wirkung auf seines Vaters Geist mit den bittersten Selbstvorwürfen, so dass Valentin durch diese quälenden Bekenntnisse wirklich ängstlich und bestürzt ward. Des Malers gut geartete Natur war kein Freund von trostloser Verzweiflung irgendeiner Art und von jener Reue, welche nur sorgenvoll in die Vergangenheit und nicht auch zugleich hoffnungsvoll in die Zukunft blickte. Er legte seinen Pinsel nieder, womit er soeben das »Goldene Zeitalter« auffrischen wollte, und setzte sich neben Zack, um ihn zu trösten. Er sagte, dass wenn Zack seine neuen Studien recht fleißig und aufmerksam verfolge, ihm hohe Ehre und Kredit bevorstände. Er würde Ruhm gewinnen, wenn er seine Arbeit im Britischen Museum und in der Privatschule nicht schwänze und versäume. Auch würde er seinen Vater wieder versöhnen, wenn er ihm bewiese, dass er zum Künstler geboren sei, und wenn er ihm endlich eine in den Schulen der Royal-Akademie ehrenvoll gewonnene Preismedaille vorzeigen könne. —— Eine charakteristische Eigentümlichkeit jener Leute, deren Geist stets aus einem Extrem in das andere rennt, ist —— dass sie im allgemeinen diese Wechsel der Gemütsstimmung mit der größten Leichtigkeit durchgehen. Zack hatte während der Zeit den großen Vorrat von Mr. Blyths Tröstungen ganz in sich gesogen, dann eine vortreffliche glänzende Mahlzeit mit genossen und eine Stunde bei den Ladies verlebt; hierdurch hatte er seine gewohnte Heiterkeit der vollständigsten Art und Weise wieder erlangt. Jetzt prophezeite er seine eigene Reformation und sein zukünftiges Glück ebenso zuversichtlich, als er zwei Stunden zuvor seinen Ruin prophezeit hatte. Er wandte sich nun nach Kirk Street, um zu sehen, ob Freund Mat zu Hause und bereit sei, Valentin diesen Abend zu empfangen. Dabei hüpfte er so flink und schwang seinen Stock so freudig, als wenn er schon die Preismedaille der königlichen Akademie gewonnen und hierdurch eine glänzende Rechtfertigung bei seinem Vater erlangt hätte.

Sieben Uhr war als die Stunde festgesetzt, wo Mr. Blyth in den Zimmern der Mister M. Marksman und Z. Thorpe junior erscheinen wollte. Er erschien pünktlich zur festgesetzten Stunde, leicht gekleidet in einen kurzen blauen Frackrock, dessen scharfer Schnitt und hohes fabelhaftes Alter ihn unter seiner ganzen Bekanntschaft berühmt gemacht hatte. Nach dem, was ihm Zack von den seltsamen Sonderbarkeiten des Charakters erzählt hatte, erwartete er einen lächerlichen unzivilisierten Empfang von Mr. Marksman und fand, als er in Kirk Street ankam, seine Erwartungen in jeder Hinsicht vollkommen bestätigt.

Schon auf den kleinen dunklen Holztreppen des Tabakladens begegnete seiner Nase ein eigentümlich gemischter Geruch von Leber und Speck, Branntwein und Tabakrauch, welcher ihm schon von weitem aus den Türspalten des Gastzimmers entgegenkam. Als er in das Zimmer trat, erblickten seine Augen zuerst Zack, welcher den Hut auf hatte und sehr eifrig mit Reinigung eines sehr staubigen Teppichs beschäftigt war. Mr. Marksman saß am Kamin vor einer Bratpfanne mit offenem Rock und auf die Schultern zurückgelegten Hemdärmeln, den Bratspieß in der Hand und vor sich auf dem Kamin ein Glas dampfenden Grogs. »Halloh! Mat, hier ist der geehrte Gast dieses Abends erschienen, bevor ich den Teppich vollständig gereinigt und niedergelegt habe«, rief Zack, während er seinen Freund mit dem langen Wischlappen in die Rippen schlug.

»Wie befinden Sie sich?« sagte Mr. Marksman mit familiärer Leichtigkeit, ohne sich von seiner Bratpfanne wegzubewegen, nahm aber den Bratspieß zwischen die Zähne und reichte seine rechte Hand Mr. Blyth zum Willkommen dar. »Lassen Sie sich nieder, wo es Ihnen beliebt, und wenn Sie irgendetwas aus dem Bäckerladen da unten brauchen, so rufen Sie nur durch die Fußbodenspalte unter den Kalmuckröcken.« »Er meint Tabak, wenn er Bäcker sagt«, unterbrach ihn hier Zack. »Wollen Sie ein paar gebratene Toffeln knabbern?« fuhr Mat fort, indem er sich seine holländische Pfeife mit dem Bratspieß anzündete. »Mit einer Portion gebratener Leber und Speck, wozu wir Sie geladen haben, lassen sich die Toffeln leichter hinunter essen. Niedlich und gestreift, nicht wahr?« Mit diesen Worten stach Mr. Marksman ein Stückchen Speck an und zeigte es über seine Schulter Mr. Blyth, welcher noch ganz bestürzt mitten im Zimmer stand.

»Oh, köstlich! Deliziös!!« rief Valentin aus, während er sich an dem Geruch zu laben schien, als wäre es ein Blumenstrauß. »Wirklich, mein teurer Herr ——« Er sagte nichts mehr, trippelte aber während dem auf einer großen Zahl Flaschenstöpsel herum, welche zerstreut auf dem Boden lagen, und verlor das Gleichgewicht. Hätte ihn Zack nicht sogleich aufgefangen, so wäre er sicherlich der Länge nach hingefallen, während er seine höfliche Antwort an Mr. Marksman hersagte.

»Warum stellst Du nicht einen Stuhl hin?« brummte Mat, indem er vorwurfsvoll von seiner Bratpfanne auf Zack blickte und während Valentin durch dessen Hilfe seine vorige Position wieder erlangte.

»Ich war eben im Begriff, diesen Teil des Fußteppichs zu reinigen, als Ihr hereintratet«, sagte Zack, sich verteidigend und führte Mr. Blyth zu einem Sessel.

»Oh, erwähnen Sie es nicht«, sagte Valentin lächelnd zu Mat. »Es war nur meine Ungeschicklichkeit, mein ——« Hier stockte er plötzlich wieder. Zack hatte ihn vor einer Tafel platziert, welche mit einem großen, schmutzigen Tuche bedeckt war, das bis auf den Fußboden reichte. Mr. Blyth nahm daran gemächlich Platz, stellte seine Füße unter den Tisch —— aber, o, weh! während er so ungeniert unter der Tafel ausruhen wollte, kam er mit einem Haufen leerer Flaschen, Austernschalen, und zerbrochenen Töpfergeschirrs in solch fatale Berührung, dass er vor Schreck sprachlos ward. Nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt hatte, rief er: »Verzeihen Sie! ich hoffe, keinen Schaden getan zu haben! In demselben Augenblicke fiel wieder eine ganze Lawine Austernschalen auf seine Füße und einige zerbrochene Flaschen rollten mitten in die Stube.

»Umgestoßen, alter Knabe! Stoßt so viel um, als euch beliebt«, rief Zack, setzte sich neben Mr. Blyth und stieß eine zweite Lawine Austernschalen umher. »Tatsache ist, wir sind zum Essen hier, machen aber einstweilen eine Polterkammer unterm Tische. Diese Idee ist neu, denke ich —— wenn auch nicht zeitgemäß, so doch neu und geistreich, was viel besser ist.«

»O wundervoll sinnreich!« sagte Valentin, welcher jetzt sowohl sich zu amüsieren als über seinen Empfang zu erstaunen begann. »Etwas unzeitgemäßer vielleicht, als Du sagtest, Zack, aber neu und nicht unangenehm, vorausgesetzt, man ist es so gewohnt. Was ich über alles liebe ——« ergänzte Mr. Blyth, indem er die Hände freudig rieb und abermals auf eine Flasche trat »was ich über alles liebe, ist, dass ich mich so durch und durch frei und leicht fühle. Wisst, ich fühle mich hier schon wirklich heimisch, obgleich ich noch niemals in meinem Leben hier war! —— Kurios, Zack, ist es nicht so?«

»Toffeln!« brüllte Mr. Marksman plötzlich von seinem Feuerplatze aus. Valentin stutzte über das unerwartete Freudengeschrei hinter ihm und noch mehr über die großen knolligen Kartoffeln, welche jetzt über seinen Kopf geflogen kamen, von Zack geschickt aufgefangen und auf das schmutzige Tischtuch gelegt wurden.

»Zwei, drei, vier, fünf, sechs«, rief Mat weiter, mit der einen Hand die Bratpfanne haltend und mit der andern die gebratenen Kartoffeln einzeln nach und nach über Mr. Blyths Kopf werfend, damit sie der junge Thorpe fangen konnte. »Was denkt Ihr, über unsere Art Kartoffeln aufzutischen in Kirk Street?« fragte Zack mit triumphierender Miene.

»Oh, kapital«, stotterte Valentin, sich jedes Mal ängstlich duckend, sobald eine Kartoffel über seinen Kopf flog. »Kapital! So frei und leicht —— so ergötzlich frei und leicht.«

»Bereit mit Eueren Tellern! —— jetzt kommt die Leber!!« schrie Mat mit einer wahrhaft martialischen Kommandostimme, wandte jetzt sein großes, rot erhitztes, schwitzendes Gesicht nach der Tafel, in der einen Hand die zischende Bratpfanne und in der andern den langen Bratspieß haltend.

»Mein teurer Herr, es tut mir unendlich wehe, dass Sie alle Mühe haben«, rief Mr. Blyth. »Bitte, lassen Sie mich Ihnen helfen!«

»Nein, ich vermag es allein«, erwiderte Mr. Marksman mit höflicher Freundlichkeit und gutem Humor.

»Überlasst ihm die ganze Arbeit, Blyth«, sagte Zack; »lasst ihn nur gehen und bedauert ihn nicht. Er wird seine ganze Arbeit vollenden, wenn er ernsthaft vor seiner Leber und seinem Speck sitzt, das kann ich Euch versichern. Passt nur auf, wenn er beginnt, —— er hält seine Mahlzeit gleich dem Löwen im zoologischen Garten. ——«

Mr. Marksman schien Zacks Geschwätz sehr willkommen zu sein und es als ein wohlverdientes Kompliment zu betrachten, denn er liebkoste den jungen Thorpe, winkte freundlich nach Valentin und setzte sich endlich in bloßen Armen zu seiner Portion Leber und Speck. Es war gewiss ein seltsamer und überraschender Anblick, Mat essen zu sehen. Stück um Stück, ohne dazwischen einen Bissen Brot zu nehmen, steckte er das Fleisch in den Mund —— drehte es augenscheinlich einmal durch die Zähne —— und dann schluckte er es sogleich ganz hinunter. In der Zeit, wo Mr. Blyth ein Viertel von seiner Portion Leber und Speck, und Zack dies Hälfte von der seinigen gegessen, hatte Mr. Marksman eine ganze frageale Mahlzeit beendigt, den Mund mit der Hand und die Hand an der Hose abgewischt und dann noch zwei Gläser starken Rum und heißes Wasser für sich und Zack gemischt. Dann begann er die Komposition eines dritten Glases, in das er heißes Wasser, Zucker, Zitronensaft und Rum fortwährend tropfenweise eingoss, so dass es unmöglich zu sagen war, welches Ingredienz die Oberhand in der ganzen Mischung hatte. Als der Becher auf diese kuriose Art gefüllt war, setzte er ihn mit einem andeutenden Schlage auf die Tafel, dicht neben Valentins Teller.

»Versucht einen Mund voll davon, beginnt damit«, sagte Mat. »Wenn Sie es gern trinken, sagen Sie ja; wenn nicht, nein; dann mache ich es besser.«

»Sie sind sehr gütig, sehr gütig in der Tat«, antwortete Mr. Blyth und beäugte den Becher von der Seite mit etwas Konfusion und Zaudern; »aber wirklich —— obgleich ich nicht so undankbar erscheinen sollte —— ich befürchte, ich muss —— Zack, Du hast doch wohl gesagt zu Deinem Freund ——«

»Das habe ich getan«, sagte Zack und schlürfte seinen Grog mit unendlichem Wohlgefallen hinunter.

»Tatsache ist, mein teurer Herr«, ergänzte Valentin, »ich habe den schwächsten Kopf in der Welt für starke Liqueurs jeder Art ——»«

»Dies ist kein starker Liqueur«, unterbrach Mr. Marksman emphatisch und wischte mit seinen Fingern den Schaum von seines Gastes Becher.

»Vielleicht«, fuhr Mr. Blyth fort, »ich müsste sagen Grog.«

»Dies ist kein Grog«, erwiderte Mat und tippte einige Mal an den Becher.

»Nun«, rief Valentin noch erstaunter, »so sagen Sie mir doch, was es ist?«

»Indianische Mixtur«, antwortete Mr. Marksman mit drei festen Schlägen auf den Tisch.

Mr. Blyth und Zack lachten über ihren wunderlichen Freund, welcher, wie sie glaubten, einen Spaß beabsichtige.

Mat blickte aber beständig und streng von dem einen zum andern und wiederholte dann mit gravitätischer Miene: »Indianische Mixtur.«

»Was für ein kurioser Name! Wie wird sie gemacht?« fragte Valentin.

»Genug Branntwein, zu vertilgen das Wasser. Genug Rum, zu vertilgen den Branntwein und das Wasser. Genug Zitronensaft, zu vertilgen den Rum, den Branntwein und das Wasser. Und endlich genug Zucker, welcher die Herrschaft über alles erlangen muss. Das ist Indianische Mixtur«, antwortete Mr. Marksman mit vollkommener Ruhe und Überlegung.

Zack begann noch lauter zu lachen, während Mat noch viel ernster wurde. Mr. Blyth fühlte nur ein gewisses Interesse für die indianische Mixtur. Er rührte misstrauisch mit dem Löffel und fragte dann recht kurios, wie Mr. Marksman sie zu machen gelernt habe.

»Als ich aus war, dort drüben in Nord-West«, sagte Mat und deutete die genannte Himmelsgegend mit dem Kopfe nickend an.

»Wenn er sagt Nord-West und schüttelt so mit seinem alten hohlen Kopfe, da meint er Nord-Amerika«, erklärte Zack.

»Als ich aus war, in Nord-West«, wiederholte Mat gleichgültig über Zacks Unterbrechung »—— arbeitend mit der Sucherbande und unser Liqueur in der großen Kälte knapp ging, während wir den allerstärksten hätten haben müssen, da waren wir genötigt, von einem Tropfen Spiritus, einer Prise Zucker und einer großen Masse Wasser ein Getränke zu bereiten. Dies Gemisch tauften wir »Indianische Mixur«, weil es ein solch schwaches Getränk war, dass selbst ein Frauenzimmer sich nicht hätte davon betrinken können. Diese Mixtur habt Ihr jetzt vor Euch. Weil ich wusste, dass Ihr keinen ordentlichen Grog trinkt, deshalb bereitete ich Euch unser amerikanisches Getränk. Rührt es nicht solange mit dem Löffel, sonst entflieht auch noch der kleine Tropfen Spiritus. Versucht es!«

»Lasst michs versuchen —— lasst sehen, wie schwach es ist«, rief Zack, während er mit dem Löffel nach dem Glase reichte.

»Steckt Deine Nase nicht in andern ihre Töpfe«, sagte Mr. Marksman und schlug Zacks Löffel geschickt aus dessen Hand, just als er eben in Mr. Blyths Becher schöpfen wollte. »Bleib bei Deinem Grog, ich bei dem meinigen und er bei seiner indianischen Mixtur.« Mit diesen Worten legte er seinen nackten Ellenbogen auf den Tisch und beobachtete mit großer Kuriosität Mr. Blyths erstes Schlürfchen.

Der Versuch war nicht erfolgreich. Als Mr. Blyth sich zum Becher neigte, schien das ganze Wasser der Indianischen Mixtur in seine Augen und der Spiritus in seine Lunge getreten zu sein. Er schüttelte das Haupt, hustete, ward blass und rief: »Zu stark!«

»Zu heiß, meint Ihr!« sagte Mat. »Nein, in der tat —— ich meine wirklich —— zu stark«, stotterte der arme Mr. Blyth.

»Versuchs noch einmal«, flüsterte Zack, welcher sich wieder weit auf seinen Grund und Boden in die Nähe seines Glases zurückgezogen hatte. »Versuchs noch einmal, Euer Liqueur kam vorhin in die unrechte Kehle.«

»Mehr Zucker«, sagte Mr. Marksman und —— warf ein paar Klumpen in das Glas. »Mehr Zitronensaft«, er quetschte einige Tropfen hinein und »mehr Wasser«, dabei goss er ungefähr einen Teelöffel voll aus dem Kessel in Mr. Blyths Glas. »Versucht es noch einmal!«

»Ich danke, tausend Dank! Wirklich, ich muss sagen, es schmeckt mir jetzt viel lieblicher«, sagte Mr. Blyth und begann recht vorsichtig einen Löffel voll zu schlürfen.

Mr. Marksman schien über diese Bemerkung ganz außerordentlich erfreut zu sein. Er legte seine Pfeife nieder, nahm das Glas zur Hand, nickte dann zu Valentin und Thorpe, geradeso wie vorhin, als er den Nord-Westpunkt andeutete, und murmelte feierlich: »Auf unser Wohl!« Dabei leerte er sein Glas auf einen Zug bis zur Hälfte.

»Auf unser Wohl!« wiederholte Mr. Blyth tapfer nach dem Glas greifend und ohne Hilfe des Löffels trinkend.

»Auf unser Wohl!« stimmte Zack ein und leerte sein Glas bis zur Neige. »Wirklich, Mat, es ist wirklich ein ergötzlicher Anblick, dass Eure schlafenden geselligen Eigenschaften jetzt erwachen und bekunden, dass Ihr auch in das gesellige Leben eingeweiht seid. Was meint Ihr, wenn Ihr nächstens einen Ball hier gäbet? Ihr seid just der Mann, mit den Ladys zu verkehren, wenn Ihr Euch nur überwinden könntet, Euren Rock anzuziehen und Eure lohbraunen Arme vor der Öffentlichkeit zu verbergen.«

»Tun Sie es nicht, mein teurer Herr! Ich bitte Sie inständig darum, tun Sie es nicht«, rief Valentin, als Mr. Marksman eben zu einem Gefühl der Schicklichkeit erwachte, Zacks letzten Wink beachtete und seine aufgestreiften Hemdärmel herunterzog. »Bitte, bleiben Sie in Ihrer Bequemlichkeit und lassen Sie die Ärmel, wie sie waren —— bitte, tun Sie es! Als ein Künstler habe ich Ihre Arme vom professionellen Gesichtspunkt betrachtet und sehr bewundert, seitdem wir zu Tische saßen. Ich versichere Sie, bei allen meinen langen Erfahrungen in lebenden Modellen habe ich nie solch eine großartige glänzende Entwickelung der Muskeln gefunden, wie bei Ihnen.«

Mit diesen Worten bewegte er seine Hand einige mal an Mats Arme auf und ab, betrachtete sie mit halb geschlossenen Augen und seitwärts geneigtem Kopfe, just wie es eine Gewohnheit war, die Gemälde zu betrachten. Mr. Marksman starrte, schmauchte gewaltig, faltete die Objekte von Blyths Bewunderung über seine Brust, kratzte sich dann bescheiden am Ellenbogen und blickte äußerst verlegen zum jungen Thorpe. »Ja, die vortrefflichste Muskularentwicklung, welche ich je Gelegenheit zu studieren hatte«, wiederholte Mr. Blyth, trommelte mit den Fingern auf der Tafel und konzentrierte seinen kritischen Scharfsinn in ein Auge, während er das andere total schloss.

»Weg damit, Blyth«, demonstrierte Zack, »blickt nicht so eifrig auf des alten Knaben Arme, als wären es Beefsteaks! Ihr mögt von der Entwickelung seiner Muskeln so viel halten, als Euch beliebt, werdet aber nicht den geringsten Begriff davon haben, so lange Ihr sie noch nicht versuchtet. Ich sage Euch, Mat! Springt auf und zeigt ihm, wie stark Ihr seid. Entblößt Eure Zehe und zeigt sie ihm!« Dabei stieß er Mr. Marksman ganz unhöflich vom Stuhle. »Kommt her, Blyth! Geht zur Seite —— gebt ihm Eure Hände zu halten —— stellt Euch auf die Zehe seines rechten Fußes, aber wankt nicht —— Körper und Arme steif —— und —— nun! —— was sagt Ihr jetzt zu seiner Muskelentwickelung? ——« schloss Zack mit einem Tone voll erhabenen Triumphs, als eben Mr. Marksman seinen rechten Fuß, auf dem der Maler stand, zwei Fuß in die Höhe hob und den erstaunten Mr. Blyth in der Luft hielt, während er selbst ganz ruhig auf dem linken Beine stand.

Der Zuschauer, der die Vollendung dieses Kraftkunststückes betrachtete, musste sagen, dass es wohl keine komischer menschliche Figur gebe, als eben Mr. Marksman jetzt darstellte. Seine schwarze Gehirnschädelkappe hatte sich etwas seitwärts verschoben und ließ nun den Kahlkopf einige Zoll hervorblicken, das von der Anstrengung purpurrot gewordene Gesicht ging in eine wahrhaft grinsende Frage über, und die dicke, schwere, nur auf einem Beine stehende Figur vollendete noch das Lächerliche der ganzen Erscheinung. Aber dennoch war Mr. Blyth der mehr lächerlichere Gegenstand als Mat, er schwebte nervös zitternd auf Mats Fuße in der Luft und schwankte unsicher hin und her auf seiner starken Stütze; dann erfasste ihn ein Zittern und Beben, das von den Spitzen seiner schwarzen krausen Haare ausging und sich bis auf die Spitzen seiner Frackschlippen erstreckte. Dabei war sein rundes rosiges Gesicht mit den glänzenden Augen zum personifizierten Schrecken erstarrt, während die plumpen Wangen durch ein ängstliches Lächeln sich in widerliche Falten legten. Es war so ungemein absurd dass, als es der junge Thorpe erblickte, er in ein unauslöschliches Gelächter ausbrach. »Oh, Mat, Mat!« schrie Zack, in seinen Stuhl zurückfallend, »blickt ihn an! Ums Himmelswillen, blickt in sein Gesicht, bevor ihr ihn niederlasst.«

Aber Mr. Marksman wurde durch diesen Ausruf nicht im geringsten bewegt. Seine ganze Aufmerksamkeit, seine ganze Sehkraft war in diesen paar Momenten nur auf Mr. Blyths Uhrkette gerichtet. Daran hing der kleine glänzende Bureauschlüssel, über seiner Westentasche hin und her baumelnd. Als Mats rechter Fuß den Maler langsam emporhob, schwankte der Schlüssel vorwärts und rückwärts; während ihn nun Mr. Marksmans Augen recht gierig anstierten, schien er verführerisch zu sagen: »komm, nimm mich! komm, nimm mich! ——«

»Wundervoll! Wundervoll!« rief Mr. Blyth mit beruhigten und befriedigten Blicken, als er wohlbehalten niedergelassen wurde.

»Ja, ihm ist nichts unmöglich, er kann alles«, sagte Zack. »Er kann Euch mit den Zähnen an Eurer Pumphose in die Höhe heben.«

»Danke Dir, Zack, ich bin vollkommen überzeugt und befriedigt und mag nun nichts weiter versuchen«, erwiderte Mr. Blyth und kehrte in größter Eile zur Tafel zurück.

»Der Grog ist kalt geworden«, brummte Mat. »Könnt Ihrs jetzt leichter hinunter schlürfen«, ergänzte er, indem er ihm die Indianische Mixtur darreichte.

»Deliziös, köstlich«, erwiderte Blyth und trank jetzt wirklich mit Zacks Kühnheit. »Jetzt ist sie kühler, man schmeckt den Zucker. So oft ich auch gewöhnlichen Grog getrunken habe, niemals war er süß genug. Das Deliziöse hiervon ist, dass er reichlich mit Zucker versehen und nebenbei noch das Verdienst hat, was beim gewöhnlichen Grog nicht der Fall ist, ganz harmlos zu sein. Es schmeckt stark, ganz sicher, und ich bin keine starken Getränke gewohnt. Aber wie Sie gesagt haben, versteht sich, es muss harmlos sein —— ganz harmlos, ich bezweifle es nicht.« Er schlürfte noch einmal recht kräftig, um hierdurch selbst die Überzeugung von der vollendeten Harmlosigkeit der Indianischen Mixtur zu erlangen.

Während Mr. Blyth so sprach und trank und wieder sprach, suchte Mr. Marksman in seiner Hosentasche das Stückchen Wachs. In dem Augenblick schwieg Valentin, sogleich rief aber Mat sehr lebhaft: »Einen andern Toast! Einer von Euch bringt einen andern Toast aus!« wiederholte er mit barbarischer Jovialität, nahm sein Glas in die rechte Hand und behielt die linke in der Hosentasche.

»Gebt einen andern Toast, Ihr alter krakeelender Wilder!« erwiderte Zack. »Ich trinke auf einmal die Gesundheit von Fünf: Mr. Blyth, Mrs. Blyth, Madonna, Columbus und das goldene Zeitalter sollen leben —— drei vorzügliche Personen und zwei glorreiche Gemälde; fügen wir sie friedlich zusammen und trinken wir auf langes Leben, gute Gesundheit und glückliche Erfolge!« So rief der junge Gentleman und machte dabei sehr schnelle rapide Fortschritte im Grog trinken.

»Wissen Sie, ich bin ängstlich, ich muss den Platz wechseln, wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte Mr. Blyth, nachdem er für den soeben ausgebrachten Toast gedankt hatte. »Das Feuer hier, hinter mir, ist geworden zu ——«

»Wechselt mit mir«, fiel ihm Mr. Marksman ins Wort. »Ich sitze weder gern zu warm, noch zu kalt.«

Valentin akzeptierte das Anerbieten mit Dank. »Nebenbei, Zack, ——« sagte er, indem er sich in seines Gastfreundes Stuhl behaglich, aber vom Kamin weit entfernt niederließ, »ich war eben im Begriff, mir von unserm exzellenten Freunde hier eine Gunst zu erbitten, als Du jenen wundervollen, unvergleichlichen Beweis großer Kraft erwähntest, den wir soeben erlebt haben. Sie sind mir schon eine ganz unschätzbare Stütze und Hilfe gewesen, mein teurer Herr«, fuhr er fort, indem er sich zu Mat wandte und seine ganze gesellige Herzlichkeit entfaltete, welche durch den inspirierenden Einfluss der Indianischen Mixtur immer mehr belebt wurde. »Sie haben mir durch die Rettung meines Gemäldes eine unaussprechliche Verpflichtung auferlegt; ich bin Ihnen so viel Dank schuldig, dass ich es gar nicht wagen kann, Sie noch um eine andere Gunst zu bitten; aber wirk ——«

»Ich wünsche, Ihr könntet Euren Kopf aufschließen und sagtet mit kurzen Worten, was Ihr wollt«, unterbrach ihn Mat. »Ich bin einer von der rauhhäutigen, dickköpfigen Sorte, das bin ich. Ich bin nicht Gentleman genug, um solches Parlieren zu verstehen. Es tut mir nicht gut, es quält mich nur bis zum Schwitzen.« Dabei wischte sich Mr. Marksman mit den Hemdärmeln den Schweiß von der Stirn, gleichsam als Beweis seiner Aussage.

»Ganz recht, sehr recht!« rief Mr. Blyth und schlug ihn in der freundlichsten Art auf die Schulter.

»Nun denn, mit klaren Worten, ——- als ich vorhin erwähnte, wie sehr ich vom künstlerischen Gesichtspunkte aus Ihre Arme bewunderte, wollte ich mir nur den Weg zu der Frage bahnen, ob Sie mir wohl gütigst erlauben wollten, dass ich an Ihren vortrefflichen Armen Studien in Schwarz und Weiß machen dürfte? Nämlich als Vorbereitung zu einem großen Gemälde, das ich später zu malen gedenke. Ich meine die klassische Figurenkomposition —— Du kennst sie Zack, denn Du hast die Skizze gesehen —— wie Herkules den Erymanthischen Eber zu König Eurystheus bringt —— ein großartiges Sujet. Und unseres Freundes Arme und Brust —— in der Tat, wenn er so gütig sein und zum Sitzen einwilligen wollte —— würden mir die besten Modelle zu meinen Studien sein.«

»Was der Teufel treibt er?« fragte Mat, sich an Zack wendend, nachdem er Valentin einige Augenblicke sprachlos angestarrt hatte.

»Er will Eure Arme malen, versteht sich, wenn Ihr so gütig seid und es geschehen lasst; vorläufig versteht Ihr noch nichts davon, aber wenn Ihr zu sitzen beginnt, die Zigarre im Munde, so werdet Ihr Mr. Blyth danken, dass er einen Herkules aus Euch macht, und ihn bitten, Euch so oft als möglich das Malerzimmer besuchen zu lassen«, antwortete Zack in heiterer offener Manier.

»Was, Malerzimmer? Wo ist es?« fragte Mat noch in dunkler, fast stupider Unwissenheit, wenn auch nur scheinbar.

»Mein Malerzimmer«, erwiderte Valentin. »Wo Ihr die Gemälde saht und mir gestern den Columbus rettetet.«

Mat dachte einige Augenblicke nach, — dann fuhr er plötzlich auf und seine Augen leuchteten wieder intelligent. »Ich werde kommen«, sagte er, »sobald Ihr’s wünscht —— je eher, je besser«, schlug mit der Faust emphatisch auf den Tisch und trank dann Valentin recht herzlich zu.

»Das ist ein Wort, herzensguter Kerl!« schrie Mr. Blyth mit großem Enthusiasmus, während er in Erwiderung Mr. Marksman zutrank. »Je eher, desto besser, habt Ihr gesagt! Kommt morgen Abend!!«

»Ja wohl! Sehr wohl! Morgen Abend«, stimmte Mr. Marksman bei. Während dem arbeitete seine linke Hand in der Tasche und modulierte die plastische Substanz, welche er am Morgen im Laden gekauft, zu allen möglichen Formen.

»Ich würde Euch gebeten haben, am Tage zu kommen«, redete Valentin weiter, »aber, Du weißt Zack, ich habe das goldene Zeitalter noch zu überfirnissen und eine oder zwei kleine Stellen am Columbus zu ändern; —— und dann, zu Ende der Woche, muss ich aufs Land reisen wegen jenen Porträts, von denen ich Dir sagte, und welche nötiger sind als ich dachte. Ich möchte wohl gern die Studien von unseres Freundes Armen erst nach meiner Rückkehr machen; aber dann bin ich auch nicht für einen Tag sicher, und dann liebe ich es auch, zu guter Gelegenheit den Moment zu erhaschen, wenn ich kann, und —— und —— kurz gesagt, wenns genehm ist, lasst uns morgen Abend beginnen. Du wirst mit unserm Freunde kommen, versteht sich, Zack? Ich darf sagen, dass ich vielleicht morgen die Ordre für Dich haben werde, in dem Museum zu studieren. Aber für die Privatakademie ——«

»Keine Beleidigung! Aber ich kann nicht länger mit ansehen, dass Ihr fortwährend auf dem Grunde Eures Glases herumrührt.« Bei diesen Worten ergriff Mat Valentins Glas und goss den Rest in den Kamin, dann widmete er sich gastfreundlich der Bereitung eines zweiten Ersatzmittels des wohlschmeckenden und unschädlichen Getränks, der Indianischen Mixtur.

»Ein halbes Glas«, rief Mr. Blyth. »Schwach —— erinnert Euch meines armen Kopfes, und bitte, macht es schwach.«

Bei diesen Worten schlug die Glocke auf dem benachbarten Kirchturm.

»Nur neun«, rief Zack und blickte prahlerisch auf seine Uhr, die er Tages zuvor wieder aus dem Pfandhaus geholt hatte. »Gießt den Rum hinein, Mat, sobald Ihr’s getan habt, stellt den Kessel wieder ans Feuer —— und nun, meine Jungens, wollen wir den Abend ernsthaft verleben! ——«

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Wäre ein vierter Gentleman in der kleinen Soiree, welche Mr. Marksman und Mr. Thorpe der jüngere in ihrem Zimmer zu Kirk Street gaben, zugegen gewesen, um den Abend so zu verleben, wie es Zack nannte; und hätte dieser Gentleman die festliche Gesellschaft gegen neun Uhr verlassen —— um in den Straßen etwas frische Luft zu genießen —— und wäre wieder gegen zehn Uhr zu den lustigen Kumpans zurückgekehrt, so würde er ganz außerordentlich erstaunt gewesen sein —— vorausgesetzt, dass er kein gar zu träger Phlegmatiker wäre —— beim Anblick des sonderbaren Wechsels, welcher in dem Zeitraum einer Stunde in den Manieren und Gesprächen Mr. Valentin Blyths vorgegangen war.

Möglich, dass der schlichteste Gentleman schon durch den Geruch des heißen Grogs und des dicken Tabakdampfes, welcher das ganze Zimmer erfüllte, übermäßig gereizt worden wäre; möglich auch, dass das zweite Getränk der Indianischen Mixtur die Quantität eines halben Glases überschritten hatte, oder nicht die erforderliche wässerige Schwäche besaß und ihm demzufolge in den Kopf gestiegen war; genug, was auch die reizende Ursache gewesen sein mochte, die Veränderung, welche seit neun Uhr in seiner Stimme, seinem Blick und in seinen ganzen Manieren vor sich gegangen war, war bemerkenswert genug, um als ein moralisches Phänomen betrachtet zu werden. Er plauderte jetzt ununterbrochen über nichts weiter als über die schönen Künste. Er stritt mit seinen beiden Gesellschaftern und beharrte stolz auf seiner eignen erhabenen Klugheit, wenn irgendeiner ein Wort zu widersprechen wagte. Dabei war er bei seinen Bewegungen so geräuschvoll als Zack und so rau als Mat. Seine Haare waren über die Stirn gefallen und seine Augen blickten düster; der Halskragen hing liederlich über die Binde herab; kurz gesagt: er war nicht mehr der wahrhafte Valentin Blyth, sondern nur noch ein benebeltes Konterfei desselben.

Der junge Thorpe hatte, trotz der leichten Wandelbarkeit seines Gehirns, welche ihm von Natur eigen war, den ganzen Abend hindurch wacker mit getrunken, mit gestritten und an allem Teil genommen. Jetzt aber veränderte sich seine Gemütsstimmung fortwährend, —— in einem Moment war er unerträglich geräuschvoll und lärmend, im andern schien er wieder in die tiefsten Tiefen der Träumerei versunken zu sein. Mr. Marksman allein blieb beständig unverändert. Da saß er —— unbekümmert um das hinter ihm flammende Feuer —— noch dann und wann mit der linken Hand in die Tasche greifend —— rauchend, trinkend und starrte mit seinem mürrischen Selbstbewusstsein seine beiden Gesellschafter an.

»Da schlägts zehn«, murmelte Mat, als die Glocke schlug. »Ich sagte, wir wollen bis zehn Uhr fröhlich sein. Wir sind es.«

Zack nickte feierlich und starrte eine hervor rollende leere Flasche an. Er war wieder in einen andern unergründlich tiefen Gedanken versunken —— Der sechste binnen einer halben Stunde.

»Haltet beide Euer Maul!« schrie Mr. Blyth. »Ich bestehe auf Erklärung, des disputierten Punktes, ob wir Maler nicht ganz ebenso abgehärtet und stark wie andere Menschen sind. Ich bin selbst Maler und sage, es verhält sich so. Wenn ich auch in allen andern Dingen mit Euch übereinstimme, —— denn Ihr seid die zwei besten Kerls von der Welt —— hierin aber nicht; und wenn Ihr sagt, ist nicht —— so sage ich doch —— ist. —— Seit ruhig und blickt mich an!! Wir Maler sind die Götter der Erde! —— Ihr mögt lachen oder nicht, —— wir sinds!! Ihr mögt stundenlang von großen Generälen und Ministern sprechen —— die beiden glorreichen Namen Michelangelo und Raphael stellen sie alle in Schatten, und Eure Argumente sind direkt widerlegt. Als Michelangelos Nase zerbrochen war, glaubt Ihr, er beachtete es? Blickt auf sein Leben und seht, ob ers tat! Das ist alles! Mein Gemäldesaal ist vierzig Fuß lang, und das ist jetzt ein wichtiger Beweis. Als ich den Columbus und das Goldene Zeitalter malte, stand eins an diesem Ende —— Nord, und das andere an jenem —— Süd. Sehr gut. ich ging unaufhörlich zwischen den beiden Gemälden vorwärts und rückwärts, von einem zum andern, und ruhte keinen Tag lang. Dies ist eine Tatsache, und der Beweis ist, dass ich an beiden gleichzeitig arbeitete. Einen Pinselstrich an Columbus. —— einen Gang in die Mitte des Zimmers, um den Effekt zu sehen —— umgedreht —— einen Gang nach dem Goldnen Zeitalter —— einen Pinselstrich an dem Goldnen Zeitalter —— einen andern Gang wieder in die Mitte des Zimmers, um den Effekt zu sehen —— wieder umgedreht —— und zurück zum Columbus. Fünfzehn Stunden täglicher Studien, übereinstimmend mit der Berechnung eines meiner Freunde und einschließlich der zahlreichen Gänge, welche ich auf meiner tragbaren Treppe auf und ab machen musste, um an den obersten Teil des Columbus zu gelangen —— ist nicht ein solcher Mann, der dies vermag, stark und abgehärtet? —— Stark? Ha! ha! ha! O, ich fühle meine Beine, Zack. Sind sie stark und muskulös, oder nicht? ——«

Bei diesen Worten schlug er mit seinem Löffel den jungen Thorpe recht hart an den Kopf und versuchte hurtig aus dem Sessel zu springen, taumelte aber so ungeschickt, dass er seinen Teller mit den schmierigen Resten Leber und Speck herunter warf. Zack erwachte aus seinem Dusel, setzte und kniff Valentin mit solch kräftiger Malice in die Beine, dass er laut aufschrie vor Schmerzen. In dieser ganzen Zeit saß Mr. Marksman ganz unbeweglich ernsthaft auf seinem Platze nächst dem Feuer. Jetzt stieß er ruhig Mr. Blyths zerbrochenem mit Speck und Leber, Messer und Gabel herunter gefallenen Teller in die zeitweilige Vorratskammer unter dem Tische —— und schmauchte ruhig und ernsthaft weiter wie immer.

»Eure Beine, in der Tat«, rief Zack und stieß Valentin wieder in den Stuhl zurück, »steckt sie gleich wieder unter den Tisch, oder ich werde ernsthaft mit Euch zusammenkommen. Ich frage Euch, Mat, wisst Ihr, weshalb Mr. Blyth stets solch infernalisch enge und dicke Pluderhosen trägt? —— Ich kann Euch sagen —— er ist außerordentlich stolz auf seine Beine!«

»Nein!« schrie Valentin und schlug mit der Faust heftig auf die Tafel. »Es ist meine Idee des Kostüms, auf das ich stolz bin, weil es mit dem Fortschritt des Zeitalters harmoniert. Als ein Künstler verharre ich bei den ewigen Prinzipien des Geschmacks, welche darin bestehen, dass die Kleidung den Linien der menschlichen Form folgen muss. Ich sagte meinem Schneider Trimbry gleich anfangs, dass ich niemals meine Beine in ein paar Säcke stecken würde. Ich sagte ihm, dass ich mich nicht um die wechselnden Moden stimmte, machte Zeichnungen und lehrte ihn die Anatomie der menschlichen Beine, brachte ihn zum Nachdenken, und was ist die Folge? Trimbry ist einer der außerordentlichsten Charaktere, die ich kenne. Er ist der einzige Mann in England, welcher mich mit einer gut sitzenden Hose versehen kann; und wie merkwürdig —— er kann sie nur dann machen, wenn er betrunken ist.«

»Oh——h——h! Welch eine unglaublich interessante Anekdote!« rief Zack spottend und lachend.

»Es ist wahr!« schrie Mr. Blyth. »Seid ruhig und ich werde es beweisen. Trimbry diniert um die Mittagszeit. Vor derselben ist er stets nüchtern und stupid, nach dem Mittagsessen aber stets betrunken und intelligent. Hört, jetzt komme ich auf den Hauptpunkt. Als er mir einstmals eine Hose brachte, baumelte sie an den Knien und schlug an der Hüfte eine Fuß lange Falte. Mr. Trimbry, sagte ich, was meint Ihr dazu? Sir, erwiderte er, ich kann Sie nicht auf gemeine Art betrügen. Das ist die erste Hose, welche ich vor meinem Mittagsmahl für Sie zuzuschneiden versuchte, und kurz gesagt, ich habe mich vermessen. Wenn Sie mir diesen Irrtum gütigst verzeihen wollen, so verspreche ich, treu und wahr, dass es niemals wieder vorkommen soll. Versteht sich, ich entschuldigte ihn, und der Irrtum hat sich nie wieder ereignet. Nun möchte ich gern wissen, ob irgendjemand etwas darüber zu sagen hat?«

Als Valentin schwieg, schob ihm Mr. Marksman höflich ein anderes Glas der Indianischen Mixtur hin, das er während Valentins Rede bereitet hatte. Die Wirkung dieser Handlung der Gastfreundschaft war sehr wohltuend und schmeichelnd. Er hatte in den letzten zehn Minuten sich immer mehr an Zack gewandt und nur mit ihm disputiert. Als er aber jetzt niederblickte, und der duftende Wohlgeruch der Mixtur in seine Nase strömte, entfaltete sich sein Antlitz zu einem sehr genialen und wohlwollenden Lächeln. Während seine linke Hand den Becher zitternd zu den Lippen führte, reichte er mit der rechten über den Tisch, streckte sie Mr. Marksman brüderlich entgegen und sagte zärtlich:

»Mein teurer Freund! Wie gütig sind Sie!« Er setzte das Glas wieder nieder und wandte sich jetzt von Zack ganz weg, schien überhaupt vergessen zu haben, dass noch solch eine Person wie der junge Thorpe im Zimmer anwesend sei »—— Mein teurer Freund! Bitte, wie bereiten Sie die Indianische Mixtur?«

»Er hat’s Euch schon gesagt!« rief Zack und warf ein Stück Zitronenschale in Valentins Gesicht.

»Er hat‘s mir schon gesagt«, echote Mr. Blyth mit honigsüßer Stimme und nahm gar keine Notiz von Zacks geworfener Zitronenschale.

»Ich sage Euch, Mat, lasst das Schmauchen sein, zum Henker damit! Erzählt uns etwas!!« rief der junge Thorpe. »Erzählt uns eine von Euren schreckenerregenden Geschichten, oder Blyth wird wieder mit seinen verkrüppelten Beinen prahlen und, ehe wir ihm das Maul stopfen können, wieder von Trimbry, dem Schneider schwatzen. Redet, Mat! Erzählt uns die schauerliche Geschichte, wie Ihr Euren Skalp verlort.«

»Wie Ihr Euren Skalp verlort —— oh?« wiederholte Valentin in sanftem melodiösen Tone, schlürfte behaglich seine Mixtur, lehnte seinen Kopf still an die Wand zurück und nahm nicht die geringste Notiz mehr von Zack.

Mat legte seine Pfeife nieder , blickte Mr. Blyth sehr aufmerksam an —— und begann dann mit beispielloser Bereitwilligkeit und Gelehrigkeit seine Geschichte, ohne noch eine andre Nötigung zu erwarten. Zack bereitete sich vor, alles in vollkommener Bequemlichkeit mit anhören zu können; er drehte sich seitwärts an der Tafel, den Rücken nach Valentin gewandt und streckte seine großen Beine recht behaglich nach ihrer vollen Länge auf dem Fußboden aus.

Mr. Marksman war sehr interessant und unterhaltend, wenn er seine eignen Erlebnisse berichten. Aber in diesem besonderen Falle dehnte er sonderbarerweise seine Erzählung zu langweiliger, ermüdender Breite aus. Anstatt in gedrängter Kürze das furchtbar schreckliche Abenteuer zu berichten, verweilte er jetzt bei den unbedeutendsten und kleinsten Einzelheiten der mörderischen Jagd, welche ihm beinahe das Leben gekostet hatte. Dabei erzählte er eins nach dem andern in schwerem summenden Tone her, ohne die Stimme auch nur im geringsten zu ändern. Nach etwa zehn Minuten langer schläfriger Ausdauer der Geschichtsstrafe, welche Zack sich selbst auferlegt hatte, begann auch er in das Reich der Träume zu versinken, aber ein ziemlich starkes Schnarchen dicht hinter ihm brachte ihn plötzlich wieder zur Besinnung. Er blickte um sich und fand Mr. Blyth mit weit geöffnetem Munde und den Kopf an die Wand gelegt —— tief und sanft schlafend.

»Halt!« flüsterte Mat, als Zack eben eine ausgepresste halbe Zitrone in Mr. Blyths Mund stecken wollte. »Weck ihn nicht auf. Willst Du um Austern mitspielen?«

»Spielen? Ich dachte, ich wäre bereit«, erwiderte Zack. »Gebt uns ein Gericht —— Sally liegt um diese Zeit schon im Bett —— Ich werde gehen und ihn herausholen. Aber, ich sage, ich scheue mich doch.«

»Hol die Austern erst«, sagte Mat und brachte vom Kredenztische eine gelbe Schüssel. »Lassen wir ihn erwachen mit einer kalten Auster im Munde. Komm! Ich will Dich zur Treppe hinabbegleiten, das Licht unten stehen und die Tür halb geöffnet lassen, dass Du wieder ruhig hereinkommen kannst. Standhaft, Junge! und wenn Du über den Weg gehst, denk an die Schüssel.« Mit diesen Worten verließ Mr. Marksman unten an der Haustür Zack und eilte sogleich wieder zu seinem Gast herauf.

Valentin schlief noch fest und schnarchte sehr stark. Mat griff sogleich in die Tasche und holte sein am Morgen gekauftes Stückchen Wachs heraus. Dann ergriff er Mr. Blyths Uhrkette und drückte mit dem daran befindlichen Bureauschlüssel ein Modell in das weiche Wachs; dieses erhaltene Modell steckte er in eine zinnerne Tabaksschachtel und die Schachtel in die Tasche, dann nahm er ruhig seinen alten Platz wieder ein.

»Nun«, sagte Mat, indem er den schlafenden Mr. Blyth betrachtete und seine Pfeife wieder anzündete, »nun, Maler! Erwacht, sobald es Euch beliebt.«

Es dauerte nicht lange, so kehrte Zack zurück. Ein heftiger Stoß an die Haustür zeigte seinen Eintritt an —— ein starkes Stolpern und konfuses Gerassel markierte seine Anwesenheit auf der Treppe —— ein schrillender Krach, ein schwerer Fall und ein brüllendes Gelächter verkündete seine Nähe unweit der Tür. Mat rann sogleich hinaus und fand ihn auf dem Flur liegend, die schöne gelbe Schüssel in Scherben und ein Dutzend Austernschalen nach allen Richtungen zerstreut.

»Verletzt?« fragte Mat, packte ihn beim Kragen und schleppte ihn ins Zimmer.

»Nicht im geringsten«, antwortete Zack so herzlich lachend, als wäre sein Fall ein ergötzlicher Scherz gewesen. »Ich habe Mr. Blyth aufgeweckt (welch schlechtes Missgeschick) und unsern Spaß mit der kalten Auster verdorben; habe ich’s nicht! Oh Gott! wie er starrt!«

Valentin war wirklich starr. Er hatte sich aufgemacht, an der Wand angelegt und blickte jammervoll umher. Entweder sein Schlummer oder die plötzlich lärmende Manier, durch die er erweckt wurde, hatte diese traurige Veränderung erzeugt. Als er inneward, durch was für eine Schwäche er sich hatte überwältigen lassen, verließ ihn alle Kordialität und Gesprächigkeit. Er schüttelte sein Haupt traurig, sagte, dass seine Verdauung in Folge des Trinken ganz gestört sei, und bestand darauf, direkt nach Hause zu geben, mochte Zack auch sagen, was er immer wollte. Der Hausherr, welchen das große Geräusch aus dem Laden heraufgetrieben hatte, wünschte, dass die Gesellschaft bald geschlossen würde, bevor noch mehr Grog getrunken werden möchte; er lief diensteifrig wieder zur Treppe hinab und rief einen Droschkenkutscher. Dies Manöver glückte. Als Mr. Blyth das Rollen des Wagens vor der Tür hörte, schrie er peremtorisch nach Hut und Rock und, nach einigen freundschaftlichen Einwendungen half ihm Mr. Marksman selbst mit der aufmerksamsten höflichsten Manier in den Wagen.

»Seht, ob oben die Lichter aus sind und der Junge im Bette liegt, wollt Ihr?« sagte Mat zu seinem Mietsherrn, als sie zusammen vor der Haustür standen. »Ich will meinen Dampf ins Freie blasen und noch einen Spaziergang in frischer Luft machen.«

Mit diesen Worten wanderte er eilig weiter, als er aber ans Ende der Straße kam, ging er nicht nördlich nach dem Felde und von woher die kalte erfrischende Luft wehte, sondern wandte sich südlich nach dem schmutzigsten kleinen Gässchen in der Nachbarschaft, in welche die barmherzige frische Luft schon seit vielen Jahren hineinzuwehen versucht hatte, aber stets von dem furchtbaren Schmutze und den beinahe mephitischen Dünsten dieses Distrikts stets gehörig zurückgewiesen wurde.

Mit noch schnelleren Schritten richtete jetzt Mr. Marksman seinen Gang nach jener Reihe kleiner schmutziger Häuser, welche er schon am Morgen besucht hatte, und stand dann zum zweiten Mal vor dem Eisenwarenladen. Er war verschlossen, aber ein düsteres Licht glimmte durch das Schlüsselloch. Und als Mat mit seinen Knöcheln an die Türe klopfte, ward sie sogleich von demselben schmutzigen Buckeligen geöffnet, mit dem er am Morgen einige Zeit konferiert hatte.

»Bekommen es?« fragte der Buckelige in sonderbar klagender Weise, als die Tür geöffnet ward.

»Jawohl, jawohl«, antwortete Mat in seinem rauen tiefen Basston und reichte dem buckeligen Manne die zinnerne Tabakschachtel.

»Wir sagten zu morgen Abend, sagten wir nicht?« sprach der Buckelige.

»Nicht später als sechs!« fügte Mat hinzu.

»Nicht später als sechs«, wiederholte der andere und schloss die Tür sanft zu, als Mr. Marksman auf die Straße trat und nun wirklich nordwärts die frische kühlende Luft aufsuchte.


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