Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Dritter Band - Achtes Kapitel - Ist er der Mann?
 

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Achtes Kapitel - Ist er der Mann?

Am nächsten Morgen ward die dunkle einsame Straße von Baregrove-Square durch eine Prozession von drei schmucken Kutschen etwas belebt, welche dann vor Mr. Thorpes Tür anhielten. Aus jeder Kutsche stiegen Gentleman von hohem respektabeln Aussehen; alle waren in glänzend schwarze Gewänder gehüllt und trugen weiße Krawatten. Einer dieser Gentleman trug ein schönes silbernes Schreibzeug; ein anderer, welcher ihm folgte, hatte eine Rolle Glanzpapier in der Hand, die mit einem breiten Seidenbande von mäßiger Purpurfarbe umbunden war. Die Rolle enthielt eine Adresse an Mr. Thorpe, welche in sehr lobenden und bewundernden Worten seinen hohen Charakter pries —— das Schreibzeug sollte ein Andenken sein —— und die Gentleman waren sämtlich hochansehnliche Mitglieder der Religions-Societät, welcher Mr. Thorpe als Sekretär gedient hatte.

In der Straße hatte sich eine kleine bescheidene Menge müßiger Zuschauer versammelt, welche die Gentleman aussteigen sehen, die Adresse und das Schreibzeug bewundern wollten und welche gewahrten, dass Mr. Thorpes Diener seine beste Livree und die Hausmagd eine neue Mütze und ihren Sonntagsputz trug. Als die Personen und Gegenstände der Bewunderung in Mr. Thorpes Haus verschwunden und die Haustür geschlossen ward, zog noch eine andere Erscheinung die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Einer der Fußgänger hatte Erkundigungen über Bedeutung und Zweck der Deputation eingezogen, und während er das Gehörte einem andern Fußgänger umständlich erzählte, stand die neugierige Menge rund herum, um jedes Wort zuhören.

Einer dieser aufmerksamsten Horcher war ein dunkelbrauner starker Mann mit borstigem Bart und narbigen Wangen, welcher vom ersten Moment der Versammlung an bis jetzt auf dem Pflaster gestanden hatte. Er war von den Leuten fast ebenso sehr angestaunt worden, als die Deputation selbst. Man hielt ihn allgemein für einen ganz Fremden, aber in Wahrheit —— er war englisch vom Kopf bis zum Fuß und es war kein anderer als Matthias Grice.

Mats Ansehen, als er so horchend und beobachtend unter der Menge stand, war jetzt ruhig und selbstbewusst. Aber es hatte ihm auf seinem einsamen Morgenspaziergange viel Mühe verursacht, diese ruhige Selbstbeherrschung zu erlangen, oder nach seiner Lieblingsphrase sein eigener Herr wieder zu werden.

Die staunende Ähnlichkeit zwischen Zacks und Arthur Carrs Haaren, und die letzten bemerkenswerten Worte, welche der Bursche am vorigen Abende gesprochen hatte, schienen Mats Geiste absolute Schlussbeweise zu sein, obgleich jeder andere hieraus noch keine sichere Schlussfolge gezogen hätte. Von dem Moment an, wo er die Haarlocke ins Feuer geworfen hatte, zweifelte er keinen Augenblick mehr, dass der Mann, welcher den Ruin seiner Schwester herbeigeführt hatte, und Zacks Vater eine und dieselbe Person sei. Obgleich er nun anscheinend sorglos und träge unter dem schwatzenden Straßenpublikum stand —— so ging er dennoch innerlich mit dem Entschluss um, die erste beste Gelegenheit noch am heutigen Tage zu benutzen und in Mr. Thorpes Haus einzutreten. Er war fest entschlossen, das Geheimnis, welches er durch Vergleich mit Zacks Haaren entdeckt hatte, ganz zu durchdringen und zu enthüllen.

Das Auseinandergehen und Zerstreuen der müßigen Zuschauer ward durch einen starken Regen sehr beschleunigt. Nach der Winterkälte war ein mildes Frühlingswetter eingetreten, so dass es schien, als wäre der April einen Monat früher gekommen. Trotz des starken Regens wanderte Mat in den angrenzenden Straßen von Baregrove-Square auf und ab und zeigte sich dann und wann in der Ferne, um zu sehen, ob die Equipagen noch vor Mr. Thorpes Hause standen. Die Zeremonie des Überreichens der Adresse dauerte ziemlich lange, denn der Hochgeehrte ließ die Überbringer derselben nicht sobald wieder scheiden. Der Regen hatte endlich aufgehört —— die belebende Sonne erschien in strahlender Herrlichkeit —— aber bald zogen wieder andere Wolken heran und drohten mit einem zweiten Schauer, bevor die Deputation der großen Religion-Societät ihre Mission bei Mr. Thorpe erfüllt und Baregrove-Square wieder verlassen hatte.

Als diese fremden Männer sich endlich entfernt hatten, trat Mat in die Straße und näherte sich Mr. Thorpes Hause. Während er an die Tür klopfte, verhüllten düstere schwarze Wolken die Sonne und die ersten Tropfen eines neuen Schauers begannen zu fallen.

Der Bediente zauderte, ihn vorzulassen. Mat hatte aber schon vorausgesehen, dass ihm dies Hindernis begegnen würde, und sich darauf vorbereitet. »Sagt Eurem Herrn, dass sein Sohn krank sei, und ich deshalb käme, um mit ihm darüber zu sprechen.«

Diese Botschaft ward überbracht und hatte den gewünschten Erfolg. Mat wurde sogleich in das Gastzimmer geführt.

Die Stühle, auf welchen die Mitglieder der Deputation gesessen hatten, waren noch nicht bei Seite gestellt, —— das schöne silberne Schreibzeug stand auf der Tafel und nebenan lag die auf das feinste weiße Papier wundervoll schön geschriebene Adresse. Mr. Thorpe stand am Kamin, bog sich nach der Tafel und beschaute mechanisch die Unterschriften der Adresse, während der fremde Besucher zur Treppe herauf geleitet wurde.

Mats Ankunft war gerade in demselben Augenblicke geschehen, wo Mr. Thorpe in Begriff stand, sich zu seiner Gemahlin zu begeben, um ihr die Zeremonie der Überreichung zu schildern, weil sie durch ihre Erkältung verhindert worden war, derselben beizuwohnen. Er hielt an, und das schwache Lächeln seines Antlitzes verschwand plötzlich, als die Neuigkeit von seines Sohnes Krankheit sein Ohr erreichte. Die hektische Röte seiner Wangen wurde aber noch glänzender, als Matthias Grice eintrat.

»Sie sind gekommen, Sir«, begann Mr. Thorpe, »um mir zu sagen ——« er zauderte, stammelte noch einige Worte und stockte dann, ohne eine Silbe zu sprechen. Etwas in dem Ausdruck des finsteren Antlitzes, das unter der schwarzen Gehirnschädelkappe traurig hervorblickte, bewirkte, dass ihm jedes weitere Wort auf der Lippe erstarb.

In seinem gegenwärtigen nervösen schwächlichen Zustande musste jede plötzliche Gemütsbewegung ihn der Selbstkontrolle berauben, was sich natürlich auch durch Sprache und Manier sehr peinlich offenbarte.

Mat sagte nicht ein Wort, um das Schweigen zu brechen.

Stand er in diesem Augenblick wirklich Arthur Carr von Angesicht zu Angesicht gegenüber? Konnte diese schwächliche, magere Gestalt mit der gedrückten Brust und den blassroten runzeligen Wangen jener Mann sein, welcher Marias Elend verursachte und sie unter die wilden Brombeersträucher und faulen Sümpfe auf Bangburys Kirchhof brachte?

»Sie sind gekommen, Sir«, fuhr Mr. Thorpe fort, indem er sich wieder ermannte, »mir Neues über meinen Sohn zu sagen, über den ich nicht ganz unvorbereitet bin. Ich hörte gestern von ihm, und obgleich es mir zuerst nicht auffiel, so bemerkte ich doch später, dass der mir überbrachte Brief nicht von seiner Hand geschrieben war. Meine Nerven sind nicht sehr stark und wurden schon diesen Morgen freudig —— sehr freudig erregt durch so viel Güte, Bewunderung und Sympathie, wie selten einem Menschen zuteil wird. Daher bitte ich Sie, wenn Ihre Neuigkeit etwas betrübender Natur sein sollte, —— was Gott verhüten möge —— dieselbe ——«

»Meine Neuigkeit ist folgende«, unterbrach ihn Mat. »Ihr Sohn ist am Kopfe verletzt, befindet sich aber jetzt außer Gefahr. Er lebt mit mir, ich liebe ihn und werde so lange für ihn sorgen, bis er wieder auf die Beine kommt. Das ist meine Neuigkeit über Ihren Sohn. Es ist aber noch nicht alles, was ich zu sagen habe. Ich bringe Ihnen Neuigkeiten von jemand anders.«

»Wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen und sich näher erklären?«

Sie setzten sich vis à vis an die Tafel, so dass die Adresse und das Schreibzeug zwischen ihnen lagen. Der Regenschauer begann draußen gewaltig zu toben; die Schritte der eilenden Fußgänger schallten während des Schweigens in das Zimmer herauf. Mr. Thorpe eröffnete dann wieder das Gespräch.

»Darf ich Sie um Ihren werten Namen bitten?« fragte er mit niedergeschlagener schwacher Stimme.

Mat tat, als ob er die Frage nicht hörte, nahm die Adresse von der Tafel, las die Unterschriften und wandte sich dann zu Mr. Thorpe.

»Ich habe hiervon gehört«, sagte er. »Sind alle diese Unterzeichner Freunde von Ihnen?«

Mr. Thorpe blickte ein klein wenig erstaunt, antwortete aber dann nach einigem Zaudern: ——

»Sicherlich; die wertgeschätzten Freunde, die ich in der Welt habe.«

»Freunde«, fuhr Mat weiter fort und las für sich die einleitende Sentenz der Adresse: »welche das größte Vertrauen in Sie gesetzt haben.«

Mr. Thorpe ward noch erstaunter und schien sich etwas beleidigt zu fühlen. »Werden Sie gütigst entschuldigen«, sagte er kühl, »wenn ich Sie bitte, zu dem Geschäft überzugehen, das Sie hierher geführt.«

Mat breitete die Adresse auf der Tafel vor ihm aus und nahm einen Bleistift zur Hand.

»Freunde, welche das größte Vertrauen in Sie gesetzt haben«, wiederholte er. »Der Name eines andern Freundes steht nicht hier. Und doch sollte es so sein; ich meine, ihn darauf zu setzen.«

Als der Bleistift das Papier berührte, sprang Mr. Thorpe vom Stuhle auf. »Was soll ich von einem solchen Betragen halten, Sir!« sprach er und griff nach der Adresse. Mat blickte ihn mit dem Schlangenglanz seiner Augen an, während die alten Narben seiner Wangen zu glühen begannen. »Setzen Sie sich nieder«, sagte er. »Ich bin nicht Willens zu schreiben. Setzen Sie sich nieder und warten Sie, bis ich in Begriff bin, es zu tun.«

Mr. Thorpes Antlitz zeigte etwas Gemütsaufregung. Er ging einen Schritt zum Kamin und wollte klingeln. »Setzen Sie sich nieder und warten Sie«, wiederholte Mat jetzt schnell und gebietend, erhob sich vom Sessel und zeigte sehr peremptorisch auf Mr. Thorpes leeren Stuhl.

Ein plötzlicher Zweifel durchkreiste des letzteren Geist, er zauderte und pausierte, bevor er die Klingel zog. Konnte dieser Mann bei gesunder Vernunft sein? Seine Handlungen waren ganz unerklärlich —— seine Worte und die Art der Äußerung höchst befremdend —— sein narbiges, mürrisches Gesicht blickte gar nicht menschlich in diesem Augenblick. Würde es wohl angemessen sein, Hilfe zu rufen? —— Nein, schlechter als nutzlos. Außer dem Diener, welcher fast noch ein Knabe war, befanden sich nur weibliche Dienerinnen im Hause. Als er dies bedachte, setzte er sich nieder, und während dem begann Mat langsam und plump, auf den leeren Raum unter die letzten Unterschriften zu schreiben. ——

Der Himmel verfinsterte sich beinahe zur Nacht, der Regen peitschte in Strömen herunter. Als Mat den letzten Buchstaben geschrieben hatte, überreichte er die Adresse an Mr. Thorpe.

Dieser blickte hin —— und las —— Marie Grice. Sein Angesicht ward totenfarbig —— er sank auf den Stuhl nieder —— ein schwacher Schrei entrang sich seinen Lippen —— dann war es still.

Sein unterdrückter, dumpfer Schrei hatte ihn verraten —— er war der Mann. Er hatte sich selbst verraten, bevor er schaudernd in den Stuhl sank; niedergekauert lag er da und presste die Hände konvulsivisch über sein Antlitz.

Mat erhob sich, betrachtete ihn mitleidslos von Kopf bis zum Fuß und sprach dann: »Nicht ein einziger Freund von den hier unterzeichneten (er zeigte auf die Namensunterschriften der Adresse) setzte so viel zärtliches Vertrauen in Sie, als Marie es getan hat. Als ich zuerst ihr Grab auf dem fremden Kirchhofe sah, sagte ich zu mir selbst, ich werde quitt machen mit dem Manne, der sie hierher geführt. Heute bin ich hier, um mit Ihnen quitt zu machen! Carr oder Thorpe, wie Sie sich nennen mögen, ich weiß, wie Sie sie von Anfang bis zum Ende behandelt haben. Ihr Vater war mein Vater, ihr Name ist mein Name! Sie waren vor dreiundzwanzig Jahren ihr schlechtester Feind! und heute sind Sie mir der verworfenste Feind. Ich bin ihr Bruder Matthias Grice.«

Als er dies sagte, blickte er nach Thorpe; die Hände dieser noch schaudernden Figur waren vom Antlitz gesunken, entsetzlich, schauerlich hatten sich die Muskeln verzogen, in den Augen lag eine Todesstarrheit; diese fürchterlich zitternde Gesichtsverzerrung hätte beinah Mats Festigkeit erschüttert. Er wandte sich nach seinem Stuhl, ließ sich mürrisch nieder und sprach kein Wort.

Ein dumpfes Gemurmel und Seufzen, einige vereinzelte Worte machten sich schwach hörbar und bewogen Mat sich umzublicken. Das entsetzliche Totenantlitz hatte sich etwas gemildert. Die vereinzelten Worte wurden in derselben klagenden und jammernden Weise wiederholt. Dann und wann wurde auch eine nur halb vollendete Phrase hörbar; er hielt die Hände wieder vor sein Gesicht und stammelte: »Mitleid für mein Weib —— akzeptieren Sie die Gewissensbisse und Reue vieler Jahre —— ersparen Sie mir die Schande ——«

Nach den letzten Worten hörte Mat auf nichts mehr. Die mitleidslose Rache war wieder mächtiger in ihm erwacht.

»Ihnen die Schande ersparen?« wiederholte er und starrte ihn an. »Haben Sie ihr die Schande erspart? ——«

Jetzt fielen Thorpes Hände wieder vom Gesicht und es zeigte sich abermals in schauerlicher furchtbar schrecklicher Todesstarrheit. Diesmal prallte aber Mat nicht zurück. Es war keine Gnade und Barmherzigkeit weder in seinen Blicken noch in seiner Stimme, als er sprach:

»Was! Es würde Euch schänden, würde es? Dann soll es Euch schänden! Sie haben es als ein Geheimnis bewahrt, haben Sie? Sie sollen das Geheimnis noch jeder Seele bekennen, die in Ihr Haus kommt. Sie sollen Mariens Schande tragen, Mariens Tod bekennen und ihr Kind vor allen denen anerkennen, deren Name hier auf dem Papiere stehen! —— Dies alles sollen Sie —— und womöglich morgen! Ich werde das Mädchen mit hierher bringen, und wenn ich Ihnen dann mit ihr gegenüber stehe ——«

Er stockte. Die trauernde Figur versuchte, sich vom Stuhle empor zu heben, streckte Mat eine blassgelbe Hand langsam entgegen, starrte ihn mit den furchtsam blickenden Augen an, die blassen Lippen murmelten unverständlich —— dann stammelten sie einige mal schnell, aber schwach:

»Marias Kind?«

»Ja!« sagte er kalt und mitleidslos »Ja, Mariens Kind. Ihr Kind. Haben Sie es noch nicht gesehen? Ist es das, worüber Sie zittern und beben? Gehen Sie und sehen Sie es, —— es lebt in Schussweite von hier. Fragen Sie Zacks Freund, den Maler; er wird Ihnen das taubstumme Kind zeigen, das er von den Kunstreitern aufgenommen hat. Blicken Sie her —— blicken Sie auf dieses Bracelet! Erinnern Sie sich Ihres eigenen Haares hieran? Die Hände, welche Marias Kind aufbrachten, nahmen das Bracelet aus ihrer Tasche. Sehen Sie es an! Blicken Sie es noch einmal genau ——«

Er stockte abermals. Die gebrechliche Figur, welche langsam vom Stuhle aufzuwanken strebte, sank plötzlich wieder nieder, als er ihr das Haarbracelet vorhielt; die Augenlider schlossen sich halb —— eine große Todesruhe verbreitete sich über das Antlitz —— Mat hörte nur leise Atemzüge, aber keinen Schrei —— kein Wimmern und kein Seufzen —— nichts war hörbar als nur der strömende Regen auf dem Straßenpflaster.

»Tot?«

Ein Gedanke an Zack erwachte und beunruhigte sein Herz.

Er zauderte einen Augenblick, bog sich dann über den Stuhl herüber und legte seine Hand auf die Brust der tot scheinenden Figur. Nur ein schwaches Zittern war fühlbar und der Puls schlug ohnmächtig schwach. Es war nicht der Tod, den er schaute —— aber seine nächste Nachbarin —— die Ohnmacht.

Er stand noch einige Minuten und blickte das stille, gelblich weiße Totengesicht an, —— murmelte dann: »Wenn ich und Zack nicht wie Brüder zusammengelebt hätten. ——« Er beendigte den Gedanken nicht, sondern nahm eilig seinen Hut und verließ das Zimmer.

Unten im Hause traf er eine weibliche Dienerin, welche ihm die Haustür öffnete.

»Dein Herr bedarf Deiner«, sagte er zu ihr mit einer Art Anstrengung und verließ das Haus.


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