Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Neue Magdalena - Mablethorpe-House - Der Polizeimann in Zivil
 

Die Neue Magdalena - Buch 2

Kapitel 15

Der Polizeimann in Zivil

Julian ließ seinen Blick rasch durch das Zimmer schweifen und blieb in der geöffneten Tür wie angewurzelt stehen.

Seine Augen hafteten - zuerst auf Mercy, dann auf Grace.

Sie sahen beide so verstört aus, dass er keinen Augenblick über die Art ihrer Unterredung im Zweifel sein konnte. Was er gefürchtet hatte, war nunmehr wirklich geschehen; sie waren allein zusammengetroffen, ohne dass jemand sich ins Mittel gelegt hätte. Inwieweit sie sich von Wut und Hass hatten hinreißen lassen, war er jetzt noch gänzlich außer Stande zu beurteilen. Für den Augenblick, so lange seine Tante im Zimmer war, konnte er nur die Gelegenheit abwarten, um mit Mercy zu sprechen, und dann darüber wachen, dass Grace nicht unnötig und ungebührlich beleidigt werde.

Das Verhalten Lady Janets, als sie in das Speisezimmer trat, entsprach vollkommen ihrem ganzen Charakter.

Sie erkannte sofort die Fremde, welche hier eingedrungen war, und blickte Mercy streng an. „Habe ich es Ihnen nicht gesagt?” rief sie. „Sind Sie recht erschrocken? Nein! Nicht im Geringsten! Das ist merkwürdig!” Sie wandte sich zu dem Bedienten. „Warten Sie im Bibliothekzimmer; ich werde Sie vielleicht noch brauchen.” - Dann zu Julian. „Überlassen Sie alles mir; ich weiß, was ich zu tun habe.” Horace winkte sie, stehen zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Nachdem sie so jedem gesagt, was sie für notwendig befunden hatte, näherte sie sich der Stelle, wo Grace mit gerunzelter Stirn und trotzig geschlossenen Lippen stand.

„Ich will Sie weder beleidigen, noch Ihnen sonst durch eine harte Behandlung wehe tun”, begann Lady Janet ruhig. „Ich will Sie nur darüber aufklären, dass ihre wiederholten Besuche hier durchaus zu keinem für Sie befriedigenden Resultat führen werden. Hoffentlich zwingen Sie mich nicht, Ihnen noch ärgeres zu sagen - Sie werden begreifen, dass ich wünsche, Sie mögen sich entfernen.”

So sprach sie rücksichtsvoll zu Grace, in Anbetracht ihres vermeintlich gestörten Geisteszustandes. Diese jedoch fuhr sogleich heftig auf.

„Um des Andenkens an meinen Vater, um meiner selbst willen”, antwortete sie, „fordere ich Gehör. Ich lasse mich nicht fortschicken.” Dabei setzte sie sich ohneweiters in Gegenwart der Herrin des Hauses selbst auf einen Stuhl nieder.

Lady Janet wartete einen Augenblick - um nicht die Herrschaft über sich zu verlieren. Inzwischen ergriff Julian die Gelegenheit und versuchte, Grace zum Nachgeben zu bewegen.

„So halten Sie, was Sie versprochen?” fragte er sanft. „Haben Sie mir nicht Ihr Wort gegeben, Mablethorpe-House nicht mehr zu betreten?”

Da unterbrach ihn Lady Janet. Sie hatte die Herrschaft über sich wieder vollständig gewonnen und antwortete nun Grace mit einer nicht zu missdeutenden Handbewegung nach der Tür.

„Wenn Sie meinen Rat nicht befolgt haben, bis ich dort an der Tür angelangt bin”, sagte sie, „so sollen Sie sehen, dass Ihnen auch der Trotz nichts mehr nützen kann. Ich bin gewohnt, dass man mir gehorche, und verlange darum auch Gehorsam. Zwingen Sie mich nicht, strengere Maßregeln zu ergreifen; gehen Sie, ehe es zu spät ist!”

Sie schritt langsam dem Bibliothekszimmer zu. Julian wollte abermals versuchen, auf Grace zu wirken, allein seine Tante hielt ihn mit einer energischen Handbewegung zurück, als wollte sie ihm sagen: ich dulde keine Einmengung. Sein zweiter Blick fiel auf Mercy. Sie stand noch immer mit gesenktem Kopf regungslos da; es schien fast, als wollte sie an allem, was vorging, gar keinen Anteil nehmen; nicht einmal Horace gelang es, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Lady Janet stand jetzt an der Tür und blickte über die Schulter zurück nach der kleinen, unbeweglichen Gestalt auf ihrem Stuhle.

„Nun, wollen Sie gehen?” fragte sie zum letztenmale.

Grace sprang zornig auf und richtete ihre Gift sprühenden Augen auf Mercy.

„Ich lasse mich nicht aus dem Hause weisen, so lange diese Betrügerin noch vor mir steht”, sagte sie. „Der Gewalt weiche ich, aber nur ihr. Ich behaupte meinen Anspruch auf die Stelle, die dies Weib hier mir gestohlen hat. Es nützt auch nichts, wenn Sie mich deshalb schelten”, fuhr sie mürrisch zu Julian gewendet fort, „so lange diese Person unter meinem Namen in diesem Hause lebt, so lange gebe ich meine Besuche hier nicht auf. In Ihrer aller Gegenwart wiederhole ich, dass ich an meine Freunde in Kanada geschrieben! Sie soll nun vor Ihnen allen leugnen, wenn sie es kann, dass sie die Abenteurerin, die Verlorene, dass sie Mercy Merrick ist!”

Diese Herausforderung zwang Mercy, ihre untätige Haltung aufzugeben und um Ihrer eigenen Verteidigung willen sich an den Verhandlungen zu beteiligen. Sie musste jetzt Grace entgegentreten und ihr Trotz bieten. Sie wollte sprechen - Horace hielt sie zurück.

„Sie ist nicht wert, dass Sie ihr antworten”, sagte er. „Geben Sie mir Ihren Arm, wir verlassen das Zimmer.”

„Ja, führen Sie sie nur hinaus!” rief Grace. „Sie muss sich wohl schämen, einer ehrlichen Frau unter die Augen zu treten. An ihr ist es, das Zimmer zu verlassen - nicht an mir!”

Mercy zog die Hand aus Horacens Arm und sagte ruhig: „Lassen Sie mich hier.”

Horace gab nicht nach. „Ich kann es nicht hören”, versetzte er, „wie sie Sie beschimpft; es empört mich, wenn ich gleich weiß, dass man sie dafür nicht verantwortlich machen kann.”

„Beruhigen Sie sich”, sagte Lady Janet mit einem raschen Blick auf Julian. „Niemand soll mehr von ihr zu leiden haben.”

Dabei zog sie die Karte ihres Neffen aus der Tasche und öffnete die Tür des Bibliothekzimmers.

„Gehen Sie zu der nächsten Polizeistation”, sagte sie zu dem eintretenden Diener, „und übergeben Sie diese Karte dem diensthabenden Chef mit der Weisung, keinen Augenblick zu säumen.”

„Halt!” rief Julian, ehe noch seine Tante die Tür schließen konnte.

„Was soll das?” fragte Lady Janet scharf. „Ich habe meinen Befehl erteilt.”

„Lassen Sie mich vorerst noch ein paar Worte allein mit dieser Dame sprechen”, erwiderte Julian auf Grace deutend. „Dann”, fuhr er, sich in ziemlich auffälliger Weise an Mercy wendend, fort, „hätte ich an Sie die Bitte zu stellen, mir eine kurze Unterredung zu gewähren.”

Mercy verstand die Anspielung und bebte vor seinem Anblick zurück. Sie wechselte die Farbe und schwieg in peinlichster Aufregung. Julian hatte sie leise an ihr früheres Gespräch gemahnt und damit in ihrem Innern den Kampf mit ihrem bessern Selbst von neuem angefacht. Sie war nahe daran, das Edle in sich Herr werden zu lassen - sich zu jener Erhabenheit empor zu schwingen, welche selbst die schmerzlichste Kränkung vergessen kann - aber Gracens Bosheit sah in ihrem Zögern einen Anlass, um abermals in beleidigender Weise ihre Unterredung mit Julian Gray zu berühren.

„O, bitte, Sie brauchen sich nicht zu fürchten, wenn er mit mir allein ist”, sagte sie mit krampfhaft affektierter Höflichkeit. „Ich habe gar keinen Grund, an Mister Julian Gray eine Eroberung machen zu wollen.”

Horace, welchen schon Julians Bitte an Mercy eifersüchtig und misstrauisch gemacht hatte, wollte eben hierauf etwas erwidern, da kam ihm Mercy zuvor. Die Entrüstung hatte sie in diesem Augenblick übermannt.

„Ich danke Ihnen, Mister Gray”, sprach sie zu Julian gewendet, jedoch ohne ihn anzublicken. „Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen; ich werde Sie nicht weiter bemühen.”

Mit diesen raschen, unüberlegten Worten nahm sie das Bekenntnis zurück, zu dem sie sich selbst verpflichtet hatte, und trat wieder in ihre angemaßte Stellung zurück im Angesichte des Wesens, dem sie dieselbe entzogen hatte!

Horace schwieg, allein er war keineswegs beruhigt. Er sah, wie Julian seine Augen traurig forschend auf Mercy heftete, während sie sprach und hörte ihn tief seufzen, als sie geendet hatte. Er bemerkte endlich, wie dieser nach einem kurzen, ernsten Nachdenken und einem flüchtigen Blick auf die ärmliche, schwarze Gestalt hinter ihm - plötzlich, wie von einem Gedanken durchzuckt den Kopf erhob.

„Geben Sie mir die Karte”, rief er dem Diener in einem Tone zu, dem man die Entschlossenheit anhörte. Der Bediente gehorchte.

Ohne weiter darauf zu achten, dass Lady Janet in dieser Angelegenheit keine fremde Einmischung dulden wollte, zog er den Bleistift aus seinem Taschentuch hervor und fügte den auf der Karte bereits stehenden Worten noch seine eigenhändige Unterschrift bei. Als er damit fertig war, gab er dem Diener die Karte zurück und wandte sich zu seiner Tante:

„Verzeihen Sie, dass ich es gewagt, in diesem Falle etwas eigenmächtig zu handeln; ernste Gründe, die ich Ihnen zu einer passenderen Zeit mitteilen werde, haben mich dazu genötigt. Im übrigen will ich Ihnen in Ihrem weiteren Vorgehen in keiner Weise hinderlich sein. Was ich eben getan, wird im Gegenteil dazu beitragen, dass Sie Ihre Absicht erreichen.”

Bei diesen Worten hielt er den Bleistift, mit dem er seinen Namen unterschrieben, in die Höhe.

Lady Janet war überrascht und, vielleicht nicht ganz ohne Grund, verletzt. Sie antwortete nicht, sondern winkte nur dem Diener mit einer Handbewegung, die Karte zu bestellen.

Es entstand eine Stille im Zimmer. Die Augen aller Anwesenden richteten sich mehr oder minder ängstlich auf Julian. Mercy fühlte etwas wie Überraschung und Schrecken. Horace war gleich Lady Janet verletzt, ohne eigentlich zu wissen, warum. Sogar Grace Roseberry empfand das drückende Vorgefühl eines heranziehenden Ereignisses, auf welches sie nicht vorbereitet war. Julians Worte und Handlungen waren, seitdem er die Karte beschrieben, in undurchdringliches Dunkel gehüllt; niemand von allen, die ihn umgaben, konnte sich erklären, weshalb.

Dennoch wäre der Grund zu seinem Benehmen mit zwei Worten gesagt gewesen: er hielt an dem Glauben fest, dass Mercy edlerer Natur sei.

Nach der Sprache, welche Grace in seiner Gegenwart gegen Mercy gebraucht, war es leicht zu erraten, wie schonungslos sie ihren Vorteil jener gegenüber ausgebeutet haben mochte, als Julian ihre Unterredung störte. Anstatt in Mercy das Mitgefühl und den Sinn für Recht zu erwecken - anstatt ihre Zerknirschung freundlich aufzunehmen, und sie zu vollständiger und unverzüglicher Sühne aufzumuntern - hatte Grace sie offenbar aufs äußerste verletzt und beschimpft. Dies hatte Mercys Geduld erschöpft, und so war sie dem Drucke unerträglicher Härte unterlegen.

Das einzige Mittel, das Unheil wieder gut zu machen, wäre - wie Julian vorausgesehen - eine Unterredung mit Grace allein gewesen. Er musste durch die Anerkennung ihrer gerechten Ansprüche sie zu besänftigen und zu bewegen suchen, dass sie es ihm überlasse, Mercy ihr Bedauern und ihre Entschuldigung für die ihr zugefügte Beleidigung auszudrücken und damit eine freundliche Verständigung zwischen ihnen herbeizuführen.

In diesem Sinne hatte er gewünscht, zuerst mit der einen und dann mit der anderen allein zu sprechen. Nach dem, was unterdessen vorgefallen, nach der neuerlichen Beschimpfung von Seite Gracens und der dadurch erpressten Antwort Mercys war es ihm nunmehr klar geworden, dass eine Einmischung, wie er sie beabsichtigt, nicht den geringsten Erfolg haben würde.

Es blieb nichts übrig, als das Schreckliche geschehen, das heißt die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen und dabei einzig und allein auf Mercys edlere Natur zu vertrauen.

Wenn der Polizeibeamte eintrat; wenn es ihr klar wurde, welche Folgen sein Einschreiten haben werde; wenn sie nur die Wahl hatte, entweder Grace in ein Narrenhaus gesteckt zu sehen oder selbst die Wahrheit zu bekennen - was würde sie dann tun? War das Vertrauen, welches Julian in sie setzte, begründet, so würde sie alle ihr angetane Schmähung großmütig verzeihen und der von ihr Beschädigten Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Sollte jedoch sein Glaube nur der blinde Wahn eines durch Liebe betörten Mannes gewesen sein - sollte sie angesichts einer solchen Wahl dennoch auf ihrem Unrecht beharren, was dann?

Julian ließ diese Möglichkeit in seinen Gedanken gar nicht aufkommen; für ihn bedurfte es nur des Erscheinens des Polizeibeamten, um ihr den rechten Weg zu zeigen. Er hatte vorher schon, um ein Unheil von Seiten Lady Janets zu verhüten, den Chef der Polizeistation die Weisung zukommen lassen, der auf der Karte angegebenen Aufforderung nur dann Folge zu leisten, wenn dieselbe seine Unterschrift trage. Er war sich der Verantwortlichkeit, welche er damit übernahm, völlig und bewusst und ebenso kannte er seine Stellung Mercy gegenüber, welche ihn durch das Zurückziehen eines Bekenntnisses außer Stand gesetzt hatte, sich auf dasselbe zu berufen - aber eben dies hatte ihn veranlasst, ohne Zögern seinen Namen zu unterzeichnen; und jetzt stand er - unter allen der einzig Gefasste - da, den Blick auf diejenige gerichtet, deren besseres Selbst er bis aufs äußerste zu verteidigen entschlossen war.

In Horace war die angefachte Eifersucht nicht wieder zur Ruhe gekommen. Argwöhnisch führte er Julians ernste Haltung und Mercys niedergeschlagenes Wesen auf ein geheimes Einverständnis zwischen beiden zurück. Da er nun keine Veranlassung hatte, offen dagegen einzuschreiten, so versuchte er, sie zu trennen.

„Sie haben eben den Wunsch geäußert”, wandte er sich an Julian, „mit dieser Person - er deutete dabei auf Grace - einige Worte unter vier Augen sprechen zu können. Sollen wir uns zurückziehen, oder gehen Sie mit ihr zu diesem Zwecke in das Bibliothekzimmer?”

„Ich habe ihm nichts allein zu sagen”, brach Grace aus, ehe noch Julian antworten konnte. „Ich weiß es genau, dass er der letzte ist, der mir Gerechtigkeit widerfahren ließe. Er ist völlig blind. Wenn ich überhaupt mit jemand unter vier Augen spreche, so ist es mit Ihnen, denn Sie haben mehr als alle anderen ein Interesse daran, die Wahrheit zu entdecken.”

„Was meinen Sie damit? Ich verstehe Sie nicht.”

„Haben Sie Lust, eine Straßendirne zu Ihrer Gattin zu machen?”

Horace trat einen Schritt näher. Sein zorniger Blick sagte deutlich, dass er jeden Augenblick dazu bereit sei, die unverschämte Verleumderin eigenhändig aus dem Hause zu stoßen. Lady Janet hielt ihn zurück.

„Sie hatten recht mit Ihrem eben gemachten Vorschlag, dass Grace besser das Zimmer verlasse”, sagte sie. „Wir gehen alle drei. Julian soll hier bleiben und dem Manne, wenn er hierher kommt, die nötigen Weisungen geben. Kommen Sie.”

Aber nein. Sonderbar genug war es jetzt Horace, welcher selbst Mercy zum Bleiben zu bewegen suchte. Er war zu empört, um zu bemerken, dass er seiner Würde damit etwas vergab, wenn er sich mit einer Irrsinnigen, denn dafür hielt er sie ja doch, auf gleiche Linie stellte. Zum Erstaunen seiner Umgebung schritt er nach einem Seitentisch und ergriff ein Etui, welches er beim Hereinkommen dort hingestellt hatte. Es enthielt das Hochzeitsgeschenk seiner Mutter für Mercy, welches er eben mitgebracht hatte. Sein verletztes Selbstgefühl benutzte nun die willkommene Gelegenheit, um durch die öffentliche Überreichung dieser Gabe seine Verlobte zu rächen.

„Warten Sie!” rief er zornig aus. „Dieser Elenden gebührt vorerst eine Antwort. Zu hören und zu sehen vermag sie noch; so soll sie hören und sehen.”

Er öffnete das Etui und nahm ein prächtiges Perlenhalsband in antiker Fassung heraus.

„Grace”, sagte er in feierlichem Tone, „meine Mutter sendet Ihnen mit ihren Grüßen auch ihre Glückwünsche zu unserer bevorstehenden Vermählung und bittet Sie, diese Perlen als einen Teil Ihres Hochzeitsstaates von ihr anzunehmen. Sie hat sie selbst als Braut getragen und will Ihnen, die Sie demnächst ein Glied unserer Familie werden sollen, mit diesem Familienschmuck einen Beweis ihrer Liebe geben.”

Er hob die Perlenschnur empor und befestigte sie an Mercys Halse.

Julian beobachtete sie in atemloser Spannung, wie sie die Probe bestehen würde, zu welcher Horace sie ahnungslos verurteilt hatte.

Durch die beleidigende Haltung Grace Roseberrys war aber Mercys Stolz von neuem erwacht, und dieser litt es nicht, dass sie sich jetzt vor ihrer Feindin erniedrigte; sie würde in diesem Augenblicke jeder besseren Einsicht Trotz geboten haben, nur um Gracens willen. Mit leuchtenden Augen, wie eben nur Frauenaugen beim Anblick von Juwelen leuchten können, empfing sie, den schönen Kopf anmutig neigend, das Halsband. Ihr Antlitz färbte sich in freudiger Erregung; der volle Reiz ihrer Schönheit trat hervor. Sie hatte Grace Roseberry gänzlich geschlagen! Julian senkte traurig den Kopf, sollte er sich in ihr getäuscht haben?

Horace ordnete die Perlen an Mercys Halse und sagte, sie mit Stolz betrachtend:

„Als Ihrem künftigen Gatten ist es mir erlaubt, Sie damit zu schmücken. So, und jetzt”, fügte er mit einem verächtlichen Seitenblick auf Grace hinzu, „können wir in das Bibliothekzimmer gehen. Sie hat nun gehört und gesehen; das wollte ich haben.”

Damit glaubte er, sie zum Schweigen gebracht zu haben; doch nein, ihr Widerstand war dadurch nur noch mehr gereizt.

„An Sie wird die Reihe kommen, zu sehen und zu hören”, gab sie zurück; „wenn ich nur erst meine Beweise aus Kanada habe. Sie werden hören, dass Ihre Gattin sich betrügerischerweise meinen Namen und meine Stellung angeeignet hat; Sie werden sehen, wie Ihre Gattin ehrlos aus diesem Hause gestoßen wird!”

Das war für Mercy zu viel. Mit einem wilden Ausbruch der Leidenschaft fuhr sie auf Grace los und rief:

„Sie sind wahnsinnig!”

Das zündete; es war, als ob plötzlich alle Gemüter von Zorn ergriffen würden. Auch Lady Janet stimmte ein und rief heftig:

„Sie sind wahnsinnig!”

Horace noch mehr; er war außer sich und wiederholte, die sprühenden Augen auf Grace geheftet, dieselben Worte:

„Sie sind wahnsinnig!”

Diese dreifache Anklage schmetterte sie zu Boden. Mit einemmale erkannte sie, welch furchtbarem Verdachte sie sich ausgesetzt. Ein leiser Schrei des Entsetzens entfuhr ihr, als sie zurück gegen einen Stuhl taumelte. Sie wäre sicherlich zu Boden gefallen, hätte nicht Julian, der ihr rasch beigesprungen war, sie rechtzeitig aufgefangen.

Lady Janet schritt nach dem Bibliothekzimmer voran. Sie öffnete die Tür - stutzte - und trat plötzlich zur Seite, denn auf der Schwelle stand ein unbekannter Mann.

Er sah weder wie ein Gentleman, noch wie ein Arbeiter, noch wie ein Diener aus. Sein schwarzer Anzug war aus feinem glänzendem Tuche, passte ihm aber gar nicht. Der Überrock hing nur von seinen Schultern herab; die Weste war zu kurz und zu eng und die Beinkleider glichen viel eher zwei unförmlichen Säcken; die Handschuhe waren ihm zu groß und seine tadellos glänzenden Stiefel knarrten unausstehlich bei jedem Schritte. Zudem besaß er widerwärtig wachsame Augen, denen man es sogleich ansah, wie gut sie in der Kunst, durch die Schlüssellöcher zu gucken, bewandert waren; abstehende Ohren, groß, wie die eines Affen, verrieten ebenfalls deutlich, dass ihre Bestimmung sei, an den Türen der Leute zu horchen. Sein Wesen war ruhig vertraulich, wenn er sprach, und undurchdringlich gesammelt, wenn er schwieg; es lag überhaupt etwas eigentümlich Lauerndes in allem, was er tat. So trat er in das Zimmer und sah sich anscheinend gleichgültig - wenigstens ließ er keine Überraschung oder Bewunderung merken - in dem prächtig ausgestatteten Raume um.

Auf jedes der Anwesenden warf er einzeln einen flüchtigen, prüfenden Blick aus seinen schlauen, wachsamen Augen. Er verbeugte sich gegen Lady Janet und wies, um sich einzuführen, die Karte vor, mittelst welcher er hierher berufen worden war; da stand er denn ganz gemütlich in seiner trostlosen, selbst geoffenbarten Eigenschaft als - Polizeibeamter in Zivilkleidern.

Niemand redete ihn an; jedem war zumute, als sei eine Schlange unter sie hereingekrochen.

Er blickte bei alledem ohne das geringste Zeichen von Verlegenheit einmal auf Horace, dann auf Julian.

„Kann ich mit Mister Julian Gray sprechen?” fragte er.

Julian führte Grace zu einem Stuhl. Sie blickte den Fremden starr an. Zitternd flüsterte sie: „Wer ist das?” Ohne ihr zu antworten, trat Julian zu dem Beamten.

„Warten Sie dort”, sagte er zu diesem und deutete dabei auf einen Stuhl im äußersten Winkel des Zimmers. „Ich werde sogleich mit Ihnen sprechen.”

Dieser schritt in seinen Stiefeln knarrend nach der bezeichneten Stelle hin; dabei berechnete er im Stillen, wie viel die Elle des Teppichs unter seinen Füßen gekostet haben mochte; an dem rechten Punkt angelangt, ließ er sich auf dem Stuhl nieder, auch da den Wert eines Dutzends solcher Möbel berechnend. Er fühlte sich vollkommen behaglich; ob er jetzt wartete und nichts tat, oder in die Privatverhältnisse eines jeden einzelnen der Anwesenden eingeweiht wurde, war ihm, so lange man ihn überhaupt zahlte, ganz einerlei.

Lady Janet war durch den Anblick dieses Menschen so unangenehm berührt, dass sie gar nicht mehr Miene machte, die Angelegenheit allein zu leiten. Sie überließ dies gerne ihrem Neffen. Julian warf einen flüchtigen Blick auf Mercy, ehe er einen Schritt weiter tat; denn er wusste, dass jetzt nichts mehr von ihm, sondern nur von ihr abhing.

Sie fühlte sein Auge auf ihr ruhen, während sie selbst nach dem Fremden blickte, dann wandte sie den Kopf - zögerte - und trat rasch auf Julian zu. Gleich Grace Roseberry flüsterte sie zitternd:

„Wer ist das?”

Julian sagte es ihr offen heraus.

„Was hat er hier zu tun?”

„Erraten Sie das nicht?”

„Nein!”

Horace verließ seinen Platz an Lady Janets Seite und trat zu Julian und Mercy; - dies geheime Zwiegespräch dauerte ihm schon zu lange.

„Störe ich Sie?” forschte er.

Julian verstand sogleich, was er meinte, und zog sich einen Schritt zurück. Er sah sich nach Grace um; sie saß, fast durch die ganze Länge des geräumigen Zimmers von ihnen getrennt, in ihrem Stuhl, gerade noch so, wie er sie darauf niedergelassen hatte. Der ärgste aller Schrecken - der Schrecken vor etwas Unbekanntem - schien sie erfasst zu haben. Ihr Dazwischentreten war somit jetzt nicht mehr zu fürchten; sie hörte nicht einmal, was sie sprachen; nur durften sie nicht zu laut werden. Julian gab das Beispiel, um dies zu verhindern, indem er sich mit gedämpfter Stimme an Mercy wandte:

„Horace mag Ihnen darüber Auskunft geben, was der Polizeibeamte hier zu tun hat.”

Sie richtete sogleich die Frage an ihn: „Nun, weshalb ist er hier?”

Horace blickte quer über das Zimmer nach Grace hin und antwortete: „Er soll uns nämlich diese Person vom Halse schaffen.”

„Wollen Sie damit sagen, dass er sie fortbringt?”

„Ja.”

„Und wohin bringt er sie?”

„Auf die Polizei.”

Mercy stutzte und blickte auf Julian, der noch immer jede kleinste Veränderung in ihrem Gesichte mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte. Ihr Blick fiel zurück auf Horace.

„Auf die Polizei?” wiederholte sie. „Wozu denn das?”

„Wie können Sie darum noch fragen?” sagte Horace gereizt. „Natürlich nur, um unter polizeilicher Aufsicht zu sein.”

„Heißt dies, sie kommt ins Gefängnis?”

„Das heißt in ein Irrenhaus.”

Wiederum wandte sich Mercy zu Julian. Doch diesmal war Entsetzen und Überraschung in ihren Zügen zu lesen. „O”, sagte sie zu ihm, „das kann nicht sein; da irrt sich Horace sicherlich?”

Julian überließ es Horace, darauf zu antworten. Er hing mit allen seinen Sinnen an ihren Zügen, um sich nicht die leiseste Regung in denselben entgehen zu lassen. So war sie gezwungen, Horace abermals zu fragen:

„Sie meinen doch nicht wirklich ein wahrhaftes Irrenhaus?”

„Ja, das meine ich”, versetzte er. „Vielleicht kommt sie zuerst in das Zwangsarbeiterhaus - und später in das Irrenhaus. Übrigens sehe ich nicht ein, was Sie daran so überrascht? Sie haben es ihr doch gerade selbst in das Gesicht gesagt, dass sie wahnsinnig ist? Guter Gott! Sie werden ja plötzlich ganz blass! Was ist Ihnen?”

Sie wandte sich zum dritten Male an Julian. Es war ihr endlich klar geworden, dass sie vor einer fürchterlichen Entscheidung stand; sie hatte nur die Wahl, entweder die Beschäftigte in die ihr allein gebührenden Rechte wieder eingesetzt, oder in ein Irrenhaus gesperrt zu sehen! - Von ihr allein hing es ab! So sprach es in ihrem Innern. Der Entschluss war gefasst. Ehe sie noch die Lippen öffnete, hatte Julian in ihren Augen den Sieg ihres besseren Selbst gelesen. Er sah sie abermals in mildem Glanze strahlen; nur noch reiner, noch heller als zuvor. Es war, als spräche in ihrem Blicke das Gewissen, das er gekräftigt, die Seele, die er errettet, die Worte zu ihm: „Nun zweifle nicht mehr an uns!”

„Schicken Sie den Mann fort.”

So sprach sie mit klarer, entschlossener Stimme, dass es bis in die entfernteste Ecke des Zimmers drang - dabei deutete sie nach dem Polizeibeamten.

Ein verstohlener Händedruck Julians sagte ihr, dass sie auf seine brüderliche Teilnahme, auf seine Hilfe zählen könne. Alle Übrigen blickten in sprachlosem Erstaunen auf sie. Grace erhob sich von ihrem Stuhl; und sogar der Beamte sprang auf. Lady Janet - sie war auf Horace zugeeilt, dessen Bestürzung und Besorgnis sie in vollstem Maße teilte - fasste jetzt Mercy hastig beim Arm und suchte sie aus ihrer vermeintlichen Erschlaffung aufzurütteln. Doch Mercy blieb fest; sie wiederholte bestimmt die Worte: „Schicken Sie den Mann fort.”

Dies raubte Lady Janet die Geduld. „Was fällt Ihnen plötzlich ein?” fragte sie streng. „Wissen Sie denn auch, was Sie damit sagen? Wir haben den Mann hierher bestellt um Ihrer, um meiner Sicherheit willen; damit wir endlich von den Quälereien dieser Person erlöst werden. Und jetzt bestehen Sie darauf - in meiner Gegenwart noch dazu, dass er fortgeschickt werde! Was soll das heißen?”

„Sie sollen es erfahren, Lady Janet; in einer halben Stunde sollen Sie es erfahren. Auch bestehe ich nicht darauf - ich wiederhole nur meine inständige Bitte, dass Sie den Mann entlassen!”

Julian trat zur Seite - wohin ihm der zornige Blick seiner Tante folgte - und sprach mit dem Polizeibeamten. „Gehen Sie wieder auf die Station zurück”, sagte er, „und erwarten Sie dort weitere Befehle.”

Ein verstohlener Seitenblick aus den wachsamen Augen dieses widerlichen Menschen streifte Julian und Mercy. Er stellte über die Schönheit der Letzteren eine ähnliche Berechnung an, wie über den Teppich und die Stühle. „Immer dasselbe”, dachte er bei sich. „Der letzte Grund von allem ist doch immer wieder eine hübsche Frau, welche am Ende doch ihren Willen behält.” Dann schritt er mit dem unvermeidlichen Stiefelgeknarr auf die Herrin des Hauses zu, verbeugte sich vor ihr und verschwand mit einem boshaften Lächeln, welches verriet, dass er von allem, was er gesehen und gehört, das Schlechteste denke, durch die Tür des Bibliothekszimmers.

Lady Janet besaß feinen Takt genug, um nicht zu sprechen, so lange der Polizeibeamte es noch hätte hören können. Als sie davor gesichert war, wandte sie sich zu Julian.

„Sie scheinen um das Geheimnis, welches dieses sonderbare Vorgehen bestimmt hat, zu wissen?” sagte sie. „Sie werden darum wohl auch einen Grund haben, weshalb Sie der Autorität, welche ich in meinem Hause genieße, so entschieden entgegengetreten sind?”

„Ich bin mir nicht bewusst, jemals gegen die Ihnen gebührende Ehrerbietung verstoßen zu haben”, antwortete Julian. „Überdies werden Sie binnen kurzem erfahren, dass ich auch jetzt nicht dagegen verstoße.”

Lady Janet blickte nach der anderen Seite des Zimmers auf Grace. Diese horchte gespannt auf das, was gesprochen wurde; sie fühlte, dass sich während der letzten paar Minuten das Blatt zu ihren Gunsten gewendet hatte.

„Gehört es vielleicht mit in Ihren neuen Plan für meine Angelegenheiten”, fuhr Lady Janet fort, „dass diese Person hier im Hause bleiben soll?”

Der Schrecken, welcher Grace vorhin beinahe zu Boden geworfen, steckte ihr noch in allen Gliedern. Sie ließ Julian statt ihrer antworten. Ehe er jedoch sprechen konnte, schritt Mercy rasch durch das Zimmer auf sie zu und flüsterte: „Lassen Sie mir nur so viel Zeit, um schriftlich mein Bekenntnis zu machen; mündlich, hier vor allen, mit diesem Schmucke an meinem Halse” - sie deutete auf die Perlenschnur - „kann ich's nicht.” Grace warf einen drohenden Blick auf sie und wandte sich dann plötzlich schweigend von ihr ab.

Mercy antwortete jetzt auf Lady Janets Frage. „Gewähren Sie ihr nur für eine halbe Stunde Zeit in Ihrem Hause”, sagte sie. „Bis dahin werden Sie auch wissen, weshalb ich Sie darum bat.”

So ließ es Lady Janet geschehen. Es lag etwas in Mercys Gesicht, in ihrer Sprache, das jede Erwiderung zum Schweigen brachte; sie fühlte das jetzt ebenso, wie es gerade zuvor Grace gefühlt hatte. Horace ergriff nun das Wort. Mit mühsam verhaltener Wut wandte er sich argwöhnisch an die neben Julian, ihm gegenüberstehende Mercy.

„Muss ich auch die halbe Stunde warten, um über Ihr befremdendes Benehmen aufgeklärt zu werden?”

Seine Hand war es gewesen, die ihr den Brautschmuck seiner Mutter um den Hals gelegt. Ein bitteres Weh erfasste sie jetzt, als sie in seinen Zügen die Betrübnis und Kränkung las, die sie hervorgerufen. Es traten ihr die Tränen in die Augen; matt und demütig antwortete sie:

„Ich bitte Sie”, war alles, was sie hervorbringen konnte; dann erstickte der Schmerz ihre Stimme und sie schwieg.

Horace fühlte sich jedoch zu sehr verletzt, um durch diese einfache Ergebung besänftigt zu werden.

„Ich kann Geheimnisse und bloße Vermutungen nicht leiden”, fuhr er sie barsch an. „In unserer Familie ist es von jeher eingeführt, dass eines dem anderen offen heraussagt, was es auf dem Herzen hat. Warum soll ich eine halbe Stunde warten, um eine Erklärung zu hören, die Sie mir jetzt schon geben können? Auf was soll ich überhaupt warten?”

Diese Worte brachten Lady Janet wieder zu sich.

„Das ist ganz meine Ansicht”, sagte sie. „Ich sehe nicht ein, worauf wir warten sollen?”

Diese deutliche, grausame Frage raubte sogar Julian seine Beherrschung; angstvoll sah er Mercys Antwort entgegen; würde ihr Mut ausreichen, um die Antwort zu geben?

Ruhig und fest sprach sie zu Horace: „Sie fragten, worauf sie eigentlich warten sollten? Ich sage es Ihnen jetzt. Sie sollen dann mehr von Mercy Merrick hören.”

Bei diesem Namen wendete sich Lady Janet voll Verdruss und Widerwillen ab.

„Verzeihen Sie - Sie wissen noch nichts von ihr. Ich, einzig und allein, kann Ihnen über sie Auskunft geben.”

„Sie?”

Sie neigte ehrerbietig den Kopf.

„Ich habe Sie gebeten, Lady Janet, mir eine halbe Stunde Zeit zu lassen”, fuhr sie fort. „Ich verspreche Ihnen hiermit feierlich, Ihnen, Lady Janet Roy und Mister Horace Holmcroft, nach Ablauf dieser Frist, Mercy Merrick hierher, vor Ihre Augen zu führen.”

Mit diesen Worten, die sie nun unwiderruflich zu dem Bekenntnis zwangen, löste sie die Perlenschnur von ihrem Halse und legte sie in das Etui zurück. Es Horace übergebend, sagte sie mit unsicherer Stimme: „Behalten Sie es indessen, bis wir uns wiedersehen.”

Horace nahm das Etui schweigend in Empfang; die Überraschung lähmte ihm die Zunge. Er bewegte mechanisch die Hand und blickte gedankenlos fragend Mercy nach. Lady Janet schien, obgleich in anderer Weise, seine eigentümliche Beklommenheit zu teilen. Ein undeutliches Gefühl, wie von Furcht und Trauer, hatte sie beschlichen. In diesem denkwürdigen Augenblick machten sich ihre Jahre geltend wie noch nie zuvor.

„Gestatten mir Lady Janet, auf mein Zimmer zu gehen?” fragte Mercy in ehrerbietigem Tone.

Lady Janet gab stumm ihre Einwilligung. Mercys letzter Blick, ehe sie das Zimmer verließ, fiel auf Grace. Ihre großen, grauen Augen schienen traurig zu fragen, ob sie jetzt mit ihr zufrieden sei? Grace wendete sich mit einer raschen, unfreundlichen Bewegung zur Seite. Doch einen Augenblick war es, als regte sich unwillkürlich selbst in diesem engherzigen Geschöpf ein Funken von Mitleid.

Im Fortgehen sagte Mercy zu Julian:

„Sorgen Sie dafür, dass sie einstweilen in einem Zimmer hier warten kann; und sagen Sie ihr selbst, wenn die halbe Stunde abgelaufen ist.”

Mit diesen Worten stellte sie Grace unter Julians Schutz.

Er öffnete für sie die Tür des Bibliothekszimmers, und flüsterte ihr zu:

„Das war gut, das war edel gehandelt! Meine vollste Teilnahme, meine beste Hilfe gehört Ihnen.”

Sie dankte ihm durch aufsteigende Tränen mit einem stummen Blick. Auch seine Augen wurden feucht. Langsam schritt sie hinaus und war im Augenblicke verschwunden.


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