Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XXXII
 

Herz und Wissen



Capitel XXXII.

Als Benjulia am nächsten Nachmittage zwischen ein und zwei Uhr in seinem Laboratorium bei der Arbeit war, vernahm er die Glocke, welche die Ankunft eines Besuches im Hause meldete. Ihn in anderer Weise bei seinen Studien zu stören, war den Dienern unter allen Umständen verboten.

Widerstrebend gehorchte er dem Rufe, die Thür hinter sich abschließend. Da um diese Zeit in geordneten Häusern das Zwischenmahl eingenommen wurde, so konnte er nicht annehmen, daß Mrs. Gallilee ihm jetzt einen Besuch machte. Als er die Front des Hauses in’s Auge bekam, sah er einen Mann auf den Thürstufen stehen, in dem er, näher kommend, Lemuel erkannte.

»Holla!« rief er.

»Holla!« antwortete der jüngere Bruder wie ein Echo.

Dann standen Beide und sahen sich mit der argwöhnischen Neugier zweier fremden Katzen an. Zwischen Beiden war eben soviel Aehnlichkeit, um vermuthen zu lassen, daß sie mit einander verwandt seien. Der jüngere Bruder war nur ein wenig über gewöhnliche Größe, eher dick als schlank, trug Schnurr- und Backenbart, kleidete sich adrett, und machte den Eindruck eines Mannes, der ganz mit sich zufrieden ist. Aber er hatte denselben zigeunerartigen Teint wie sein Bruder und auch in Form und Farbe dessen Augen.

»Wie gehts Dir, Nathan?« sagte er.

»Was zum Teufel bringt Dich hierher?« war die Antwort.

Lemuel ließ die Grobheit unbeachtet, und nur ein boshaftes Lächeln zog seine Mundwinkel in die Höhe, als er erwiderte:

»Ich dachte, Du wünschtest meinen Brief zu sehen.«

»Konntest Du mir denselben nicht per Post senden?«

»Meine Frau wünschte, daß ich die Gelegenheit benutzen sollte, Dich einmal zu besuchen.«

»Das ist eine Lüge«, sagte Benjulia ruhig. »Suche eine andere Ausrede, oder sprich die Wahrheit.«

Wiederum schien Lemuel —— wenigstens dem Aeußeren nach zu urtheilen —— sich nicht verletzt zu fühlen. »Wenn Du es denn haben willst«, sagte er, »eine Dame meiner Bekanntschaft, der ich Dich, nebenbei gesagt, gern vorstellen werde, wenn Du wünschst, hat in der Villa nebenan Sommerwohnung genommen, und da ich einmal in die Nachbarschaft kam, so dachte ich, ich könnte den Brief ebenso gut vorbringen ——«

Ohne auf Weiteres zu warten, ging Benjulia nach dem Zimmer voran, in welchem er Ovid empfangen hatte, und fragte hier:

»Wie kamst Du denn aus dem Comptoir fort?«

»Es ist in dieser Jahreszeit nicht schwierig, einmal frei zu bekommen» Das Geschäft ist flau, alter Junge ——«

»Halt! Ich erlaube Dir nicht, in dieser Weise mit mir zu sprechen.«

»Nimm’s nur nicht übel, Nathan!«

»Ich nehme einem Narren nie etwas übel, sondern weise ihn einfach zurecht.«

Von der Gasse her, welche in der Nähe des Hauses hinführte, ließ sich das entfernte Bellen eines Hundes vernehmen. Der Ton schien Benjulia zu ärgern und er fragte: »Was ist das?«

»Es ist mein Hund«, antwortete Lemuel, der eine Gelegenheit sah, seinem Bruder für den ihm bereiteten Empfang etwas zurückzugeben; »und es ist ein Glück für Dich, daß ich denselben in der Droschke gelassen habe.«

»Weshalb?«

»Nun, er ist das gutmütigste Thier von der Welt, hat aber den einen Fehler, daß er Gelehrte mit Deiner Art Beschäftigung nicht ausstehen kann.« Dann pausierte er und zeigte auf die Hände seines Bruders. »Wenn er das wittern sollte, möchte er vielleicht versuchen wollen, Dich mit den Zähnen zu viviseciren.«

Die Blutflecken, welche Ovid einst an Benjulia’s Stocke gesehen hatte, waren jetzt an seinen Händen. Mit ruhiger Gelassenheit sah derselbe diese Flecke, die stummen Zeugen entsetzlicher Tortur an und antwortete:

»Wozu brauche ich mir erst die Hände zu waschen, wenn ich gleich wieder an meine Arbeit zurückgehe?«

Dann wischte er sich die Finger am Rockschooße und bemerkte: »So, wenn Du also den Brief bei Dir hast, so laß mich denselben sehen.«

Lemuel zog den Brief heraus. »Es sind einige Stellen darin, die Du am besten nicht liest; das ist der Grund, weshalb ich ihn selbst bringe«, erklärte er. »Lies die erste Seite, dann werde ich sagen, was Du überschlagen sollst.«

Auf der ersten Seite stand nichts, was sich auf Ovid bezog, und als Benjulia umschlug, zeigte sein Bruder auf die Mitte der zweiten Seite und bemerkte: »Lies bis dahin, und dann überschlage bis zum letzten Absatz am Ende.«

Erst auf der letzten Seite wurde Ovid erwähnt, und zwar als »ein reizender Mann, der sich durch ein Empfehlungsschreiben von Ihrem Bruder bei mir einführte« —— damit schloß der Brief. In der ersten Bitterkeit der Enttäuschung empfand Benjulia einen Argwohn in Betreff der Partien des Briefes, die er nicht lesen sollte.

»Was hat Morphew Dir zu sagen, das ich nicht lesen darf?« fragte er.

»Willst Du mir nicht erst sagen, was Du in dem Briefe suchst?« entgegnete Lemuel. »Morphew ist gleich Dir Arzt —— ist es etwas Medicinisches?«

Benjulia nickte.

»Ueber Vivisection?« fragte Lemuel verschlagen.

Sofort gab Benjulia den Brief zurück und zeigte nach der Thür. »Das genügt; mach’ Dich mitsamt dem Briefe fort.«

»Ah«, gab Lemuel zurück, »ich freue mich, daß Du ihn nicht weiter zu sehen wünschst. Du hast ein häßliches Temperament, Nathan —— und es sind Dinge darin, die das reizen könnten.«

Bei jedem Andern hätte Benjulia eingesehen, daß diese schlauen Bemerkungen nur den Zweck hatten, ihn zu reizen; aber von seiner Ueberzeugung von der Beschränktheit seines Bruders irre geführt, hielt er es jetzt für möglich, daß die überschlagenen Partien wohl der Beachtung werth sein könnten. Deshalb hielt er denselben an der Thür zurück. »Warte, ich möchte den Brief noch einmal sehen.«

»Das solltest Du lieber unterlassen«, meinte Lemuel. »Morphew will ein Buch gegen Euch schreiben und bittet mich, es hier verlegen zu lassen. Ich bin auf seiner Seite, wie Du weißt, und werde ihm nach Möglichkeit beistehen —— Literaten habe ich bei der Hand, die seinem Stile den nöthigen Schliff geben werden. Er wird Euch riesig an den Pranger stellen!«

Da Benjulia aber noch die Hand hinhielt, so knöpfte er mit übertriebenem Widerstreben seinen Rock wieder auf. Als er dann seinem Bruder den Brief wieder überreichte, ließ sich von neuem das Hundegebell aus der Ferne vernehmen. »Entschuldige, bitte, das gute alte Vieh«, sagte er mit wimmernder Zärtlichkeit, »es scheint zu wissen, daß ich seine Partei bei dem Streite nehme. Wauwau heißt in seiner Sprache soviel wie, »Pfui den grausamen Händen, die uns Löcher in den Schädel bohren und uns das Rückgrat zersägen«. Ach Nathan, hast Du etwa dort in dem abscheulichen Gebäude Hunde, so streichele sie und gieb ihnen ihr Fressen! Du hast mich nie in dieser Weise sprechen hören —— nicht wahr? Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden, seitdem ich der Gesellschaft gegen die Vivisection beigetreten bin. O, hätte ich nur die Gabe des Schreibens!«

Die Wirkung dieses Experimentierens mit der Geduld seines Bruders erfüllte seine Erwartungen nicht, bei dem Gegenstande seiner eigenen Untersuchungen war vielmehr das Interesse des Doctors erwacht.

»Es ist wahr«, sagte Benjulia ernst, »ich habe Dich nie vorher so sprechen hören. Komm’ an’s Licht.« Damit führte er seinen Bruder an’s Fenster, betrachtete ihn mit größter Aufmerksamkeit und prüfte sorgfältig den Puls desselben, während dieser lächelte. »Ich scherze nicht«, sprach Benjulia ernst. »Sage mir, hast Du kürzlich Kopfschmerzen gehabt? Merkst Du, daß Dein Gedächtniß abnimmt?«

Bei diesen Fragen dachte er in vollem Ernste: »Erweicht sich Sein Gehirn? Ich wollte, ich hätte ihn auf meinem Tische!«

Lemuel, der seinem Bruder die Grobheit noch nicht vergeben hatte und aus Erfahrung die schwache Stelle kannte, an der es ihm möglich war, denselben anzugreifen, blieb dabei, sich von der sentimentalen Seite zu zeigen.

»Ich danke Dir für die gütige Nachfrage«, entgegnete er. »Laß Kopf Kopf sein, wenn nur mein Herz am rechten Flecke ist. Ich gebe mich nicht für klug aus, aber ich habe auch meine Gefühle und könnte verschiedene kitzelige Fragen stellen über Eure sogenannten medicinischen Untersuchungen, wenn Morphew mir beistehen würde.«

»Ich will Dir beistehen«, sagte Benjulia, den es interessierte, näheren Aufschluß über den Geisteszustand seines Bruders» zu bekommen.

»Das glaube ich nicht«, antwortete Lemuel.

»Versuche es, Lemuel.«

»Nun gut, Nathan.«

Und damit kehrten beide Brüder, die sich einmal auf dem nämlichen moralischen Niveau befanden, zu ihren Stühlen zurück.


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