Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel LXIII
 

Herz und Wissen



Capitel LXIII.

Die Angehörigen des Benjuliaschen Haushaltes führten ein recht einförmiges Leben. Gegen Ende des Jahres schossen sie zusammen und kauften sich eine jener wundervollen illustrierten Weihnachtsnummern, die jedes mal dieselben lieblichen Frauengestalten, dieselben langbeinigen Liebhaber und korpulenten Kinder in glänzenden Festfarben wiederbringen und so zu sagen den künstlerischen Plumpudding des englischen Volkes vorstellen. Und sie hatten Zeit genug, sich der geistreichen Lektüre zu freuen, ehe die Eßzimmerglocke sie hörte.

Seit einigen Wochen hatte der Herr wieder angefangen, seine ganze Zeit in dem geheimnißvollen Laboratorium zu verbringen. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo sie ihn im Hause sahen, war er stets verdrossen; und wenn die Domestiken sonst nichts wußten, so wußten sie doch, was das zu bedeuten hatte —— der große Mann arbeitete eifriger als je, und trotz seines Fleißes kam er nicht so gut vorwärts wie gewöhnlich.

Heute Abend ertönte die Glocke um die gewöhnliche Zeit, und die Köchin beeilte sich, das Essen anzurichten. Der Bediente nahm einen kleinen Haufen Zeitungen vom Anrichtetische und zählte sie sorgfältig, ehe er sie nach oben zu bringen wagte. Es war dies der regelmäßige wöchentliche Bedarf Doktor Benjulia's an medizinischer Literatur und hierbei bot der geheimnißvolle Mann seinen Mitgeschöpfen wieder ein unbegreifliches Problem. Er subskribirte auf jede medizinische Publikation in London —— und las nie eine derselben! Der Bediente schnitt die Blätter auf, und der Herr sah mit Hilfe seines Zeigefingers die Seiten durch, augenscheinlich nach einer Ankündigung suchend, die er nie fand —— und zwar, was noch sonderbarer war, ohne die geringste Spur von Enttäuschung zu zeigen, wenn er fertig war. Jede Woche packte er seine ungelesenen Zeitschriften in einen großen Korb und schickte sie als Makulatur nach unten.

Der Bediente brachte die Zeitungen und das Essen zugleich nach oben und wurde mit finsterem Gesicht und Schmähungen empfangen. Er mußte nicht nur die Scheltworte für das, was ihm zu thun oblag, einstecken, sondern auch für Alles, was die Köchin anging. Als er wieder in die Küche kam, meinte er: »Mag der Herr nun arbeiten, was er will, jedenfalls ist er soweit wie nur irgend je davon entfernt, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Er macht es wahrhaftig so, daß ich kündigen muß! Wo ist die Weihnachtsnummer, um uns zu zerstreuen?«

Eine halbe Stunde später ließ ein heftiges Schlagen der Hausthür, welches das ganze Haus erzittern machte, die in ihre Lektüre Vertieften auffahren. Als der Bediente nach oben eilte, war das Eßzimmer leer; der Hut des Herrn hing nicht auf seinem Nagel auf dem Flur, und die medizinischen Zeitungen lagen in größter Unordnung umher gestreut. Dicht am Kamingitter lag ein zusammengeknittertes ausgerissenes Blatt, das er offenbar hatte ins Feuer werfen wollen. Der Bediente hob es auf und glättete es wieder.

Die eine Seite enthielt einen Bericht über einen Vortrag. Das war langweilig, und der Bediente versuchte es mit der anderen, welche eine Rezension eines neuen medizinischen Werkes enthielt. Auch diese wäre langweilig gewesen, wenn hier nicht ein Auszug aus der Vorrede gegeben worden, welcher mittheilte, wie der Verfasser dazu kam, das Buch zu veröffentlichen, und was für wunderbare Entdeckungen in Bezug auf das Gehirn des Menschen dasselbe enthielte. Da wurden sonderbare Dinge gesagt —— besonders von einem traurigen Todtenbette in einem Orte Montreal —— welche die Vorrede fast so interessant machten wie eine Geschichte. Aber das konnte doch nicht den Herrn wie vom Teufel gehetzt aus dem Hause treiben.

Der nächste Nachbar Doktor Benjulia's war ein kleiner Former, der an diesem Abend eben ein Nickerchen machte, als seine Frau die Thür aufriß und hineinrief: »Der Doktor von nebenan ist hier, er scheint verrückt geworden zu sein!« Und derselbe folgte ihr in der That auf dem Fuße und verlangte, daß der Farmer das Cabriolet anspannen und ihn sofort nach London fahren sollte. »Fordert, was Ihr wollt,« sagte er, indem er seine Brieftasche öffnete, die voll von Banknoten war.

»Das scheint sich ja um Leben und Tod zu handeln,« meinte der Farmer, worauf der Doktor ihn ansah, ein wenig nachsann und, plötzlich ruhig werdend, antwortete: »Das thut es auch.«

Unterwegs sprach er kein Wort —— ausgenommen mit sich selbst —— und das auch nur von Zeit zu Zeit. Und nach seinen Aeußerungen schien es, daß er wegen eines Mannes und eines Briefes aufgeregt war. Er hatte den Betreffenden längst beargwöhnt, ihm aber doch den Brief gegeben —— und das hatte sich nun als unheilvoll für ihn selbst herausgestellt. Wohin der Doktor in London ging, wußte der Farmer nicht zu sagen, denn da demselben das Pferd des letzteren nicht schnell genug war, hatte er die erste angetroffene Droschke genommen.

Der Inhaber des Ladengeschäftes der berühmten medizinischen Verlagsanstalt hatte eben die Läden heruntergelassen und war im Begriff, zum Thee hinunterzugehen, als er ein Klopfen an der Ladenthür hörte. Der Einlaß Verlangende war ein langer Herr, der es sehr eilig zu haben schien, Doktor Ovid Vere’s neues Werk zu kaufen. Um sich zu entschuldigen, sagte derselbe, daß er selbst Mann vom Fache und sein Name Benjulia sei. Der Buchhändler kannte den Namen sehr gut und verkaufte ihm das Buch. Der Doktor hatte aber solche Eile mit dem Lesen, daß er gleich im Laden anfing, so daß ihm der Buchhändler sagen mußte, daß die Geschäftsstunden vorüber seien. Darauf rannte er wieder hinaus und befahl dem Kutscher, ihn so schnell er könnte nach dem Parthenon-Klub zu fahren.

Der Bibliothekdiener des Klubs fand Doktor Benjulia in einem Buche lesend ganz allein in der Bibliothek. Die Mitglieder waren um diese Abendstunde gewöhnlich beim Diner oder im Rauchzimmer. Von Zeit zu Zeit kam der Mann, dem es oblag, nach dem Feuer zu sehen, herein und fand ihn immer noch in derselben Ecke. Es wurde spät; er beendigte seine Lektüre, aber das schien keinen Unterschied zu machen. Er saß da, vollständig wach, das geschlossene Buch im Schoße haltend, scheinbar in Gedanken verloren. Das dauerte so fort, bis es Zeit war, den Klub zu schließen und man ihn stören mußte. Ohne ein Wort zu sagen, ging er langsam hinunter, ließ aber das Buch zurück. Es war eine schreckliche Nacht; Regen mit Schnee und Schlossen vermischt klatschte gegen die Fenster —— aber er nahm keine Notiz von dem Wetter. Als der Diener eine Droschke holte, weigerte sich der Kutscher, in solch einer Nacht nach der angegebenen Wohnung zu fahren. Der Doktor sagte nur: »Schön; fahren Sie zu dem nächsten Hotel.«

Der Nachtportier des Hotels ließ einen großen Herrn ein und wies ihm eins der für spät Ankommende bereitgehaltenen Schlafzimmer an. Da der Fremde kein Gepäck hatte, so bezahlte er das Logis im Voraus. Um acht Uhr Morgens klingelte er nach dem Kellner —— der das Bett unberührt fand —— und bestellte sich weiter nichts als den stärksten Kaffee. Doch derselbe war ihm nicht stark genug, und er ließ sich etwas Brandy dazu geben. Nachdem er dann getrunken, bezahlte er, gab dem Kellner ein gutes Trinkgeld und ging fort.

Der Schutzmann, welcher an diesem Tage das Revier um Fairfield-Gardens hatte, sah in einer der Straßen einen großen Herrn auf- und abgehen und dabei von Zeit zu Zeit ein Haus beobachten. Als er wieder in die Straße kam, patrouillierte derselbe noch immer dort, dabei das nämliche Haus im Auge behaltend. Der Schutzmann wartete ein wenig und beobachtete. Das betreffende Haus war ein anständiges Pensionat und der Fremde auf alle Fälle ein Gentleman, wenn er auch etwas sonderbar aussah. Da es nicht Sache des Beamten war, sich auf bloßen Argwohn hin einzumischen, wenn es sich nicht um notorisch verdächtige Charaktere handelte, so ging er weiter.


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