Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen
 

Herz und Wissen



Capitel I.

Das altersmüde neunzehnte Jahrhundert war in die letzten Zwanzig eingetreten.

Gegen zwei Uhr Nachmittags stand Ovid Vere, Mitglied des königlichen Collegiums der Wundärzte, in seinem Londoner Sprechzimmer am Fenster und sah hinaus in den sommerlichen Sonnenschein und auf die stille staubige Straße.

Trotz seiner Jugend hatte er bereits jene Mahnung empfangen, wie sie den Vielbeschäftigten unserer Zeit leider ein guter Bekannter ist - jene Mahnung von der überanstrengten Natur zur Ruhe nach übermäßiger Arbeit. Mit einer vielversprechenden Carriere vor sich, erst einunddreißig Jahr alt, hatte er einen Collegen bitten müssen, seine Praxis zu übernehmen, damit er selbst seinem abgearbeiteten Kopf einige Monate Ruhe verschaffen könnte, und nun beabsichtigte er, sich am folgenden Tage auf der Yacht eines Freundes nach dem mittelländischen Meer einzuschiffen.

Für einen thätigen, mit Herz und Seele an seinem Berufe hängenden Mann ist es aber schwierig, die glückliche Kunst des Müßigseins im Handumdrehen zu erlernen.

Das bloße Aus-dem-Fenster-Sehen und Grübeln über das, was er zunächst thun solle, bewies sich für Ovid’s Geduld als eine zu starke Zumuthung und er setzte sich an seinen Arbeitstisch. Hätte er eine sorgende Gefährtin gehabt, so würde ihn dieselbe daran erinnert haben, daß er und sein Arbeitstisch unter den obwaltenden Verhältnissen nichts mit einander gemein hätten; ihm fehlte aber die Aufsicht einer Gattin und so durchbrach er die sich selbst gesetzten Regeln. Seine ruhelose Hand schloß eine Schublade auf und nahm aus derselben das Manuskript einer medicinischen Arbeit, an der er noch vor seiner Abreise ein Kapitel zu vollenden gedachte.

Bald aber begann ihm sein Kopf zu schwindeln der vorher bei dem bloßen Auf-die-Straße-Sehen ziemlich frei gewesen war. Die letzten Sätze des unvollendeten Kapitels bezogen sich auf etwas, von dem er sich noch nicht selbst durch den Augenschein überzeugt hatte. Er war aber ein geduldiger Mann, der sich zu helfen wußte, und durch eine Erkundigung beim Curator des Collegiums sowie durch Untersuchung eines in den Sammlungen des Collegs befindlichen Präparats konnte er sich die nöthige Bestätigung verschaffen. Da hatte er also ein Motiv zum Ausgehen, schloß das Manuskript wieder ein und machte sich auf den Weg nach Lincoln’s Inn-Fields.



Kapiteltrenner

Capitel II.

Wohl nicht einer unter zehntausend, wenn er zufällig einem Freunde auf der Straße begegnet, denkt daran, welche Reihenfolge geringfügiger Umstände sie beide zur nämlichen Zeit gerade nach der nämlichen Stelle geführt hat, und deshalb merkt auch nicht der Zehntausendste, daß er bei aller Realität unseres Lebens mitten in der Romantik steht.

Seit dem Augenblicke, da der junge Arzt die Thür hinter sich geschlossen hatte, befand er sich auf dem Wege zu einer künftigen Patientin, die ihm persönlich noch eine Fremde war. Er kam nicht nach dem Collegium und schiffte sich nie auf der Yacht seines Freundes ein und zwar infolge einer Reihe trivialer Umstände, wie sie jedem, der einen Ausgang unternimmt, täglich zustoßen können.

Er hatte eben die nächste Straße erreicht, als ein Wagen an ihn heranfuhr, aus dem das heitere, wohlwollende, von einem buschigen Backenbarte eingerahmte Gesicht eines befreundeten Collegen sah, der ihn in herzlichem Tone fragte, ob er alle Vorbereitungen für seine lange Ferientour vollendet habe. Nachdem Ovid die Frage bejaht hatte, fragte er seinerseits:

»Wie geht es unserm Patienten, Sir Richard?«

»Ganz außer Gefahr»

»Und was sagen die anderen Doctoren jetzt?«

Sir Richard lachte. »Sie sagen, ich hätte Glück gehabt«

»Also sind sie noch nicht überzeugt?«

»Nicht im mindesten. Wer hätte auch je Thoren überzeugt! Doch um auf etwas Anderes zu kommen: ist Ihre Mutter mit Ihren neuen Plänen ausgesöhnt?«

»Das ist schwer zu sagen; sie befindet sich in einem Zustande unbeschreiblicher Aufregung, da das Testament ihres Bruders in Italien gefunden ist und dessen Tochter jeden Augenblick in England ankommen kann.«

»Unverheirathet?« fragte Sir Richard lächelnd.

»Ich weiß nicht.«

»Reich?«

»Glauben Sie, meine Mutter würde so aufgeregt sein, wenn das nicht der Fall wäre?«

»Ah, ja, Ihrer Mutter geht es wie Kent in »König Lear« —— sie ist zu alt zum Lernen. Ist sie noch immer so hinter Spitzen her? Ich komme eben von einer früheren Patientin von mir, für die ich ein freundschaftliches Interesse empfinde«, fuhr er fort, eine Karte aus dem Wagenfenster reichend. »Dieselbe zieht sich auf meinen Rath vom Geschäfte zurück und hat mich unter allen Sterblichen gebeten, ihr behilflich zu sein, einige wundervolle »Reste« loszuwerden. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mutter —— das wäre etwas für sie. Noch eins, Ovid; haben Sie es mit der Rückkehr zur Arbeit nicht gar zu eilig; Sie haben Zeit genug. Sehen Sie sich hier meinen weisen Köter an; von dem können Sie lernen müßig und glücklich zu sein.«

Damit verabschiedete er sich. »Wer ist der stattliche junge Mann?« fragte der mit im Wagen sitzende Bekannte des großen Arztes, den dieser, da ihr Weg eine Strecke derselbe war, zum Mitfahren eingeladen hatte.

»Der einzige Sohn eines vor vielen Jahren verstorbenen Verwandten von mir«, entgegnete Sir Richard. »Vergessen Sie diese Begegnung nicht.«

»Warum, wenn ich fragen darf?«

»Er steht noch nicht in der Blüthezeit des Lebens und ist bereits eine ansehnliche Strecke auf dem Wege, einer der vorzüglichsten Männer seiner Zeit zu werden. Von Haus aus vermögend, hat er gearbeitet wie wenige Aerzte, die sich durch ihren Beruf ihr Brod verdienen müssen. Das Geld kommt von seinem verstorbenen Vater; seine Mutter hat sich zum zweiten Male mit einem trägen, harmlosen und einfältigen alten Burschen, Namens Gallilee verheirathet, dessen einzig anziehendes die funfzigtausend Pfund sind, die er zusammen gehandelt hat. Aus dieser Ehe sind zwei kleine.Töchter. Mit einem solchen Stiefvater und einer Mutter, die, unter uns gesagt, ihren mehr als reichlichen Antheil an dem Tand und den Nichtigkeiten dieser Welt nimmt, hält kein Familieneinfluß meinen Freund Ovid ab, sich ganz seinem Berufe zu weihen. Sie werden einwenden, daß er heirathen könne. Nun, wenn er eine gute Frau bekommt, so wird das nur günstig für ihn sein; aber er ist, soweit ich ihn kenne, nicht der Mann danach —— sogar ein groß Theil kälter gegen das weibliche Geschlecht als ich, der ich dem Alter nach sein Vater sein könnte. Doch, um wieder auf seine Aussichten zu kommen —— Sie hörten, daß er mich nach einem Patienten fragte?«

»Ja.«

»Nun, sehen Sie, bei dem klopfte der Tod ganz energisch an, als ich Ovid zu einer Consultation mit mir und noch zwei Aerzten berief, die von mir abwichen. Es handelte sich um einen jener seltenen Fälle, in welchem meines Erachtens nach die alte Praxis des Aderlassens das einzig Richtige war. Auf meinen besonderen Wunsch erfuhr er nicht, daß dies gerade der streitige Punkt zwischen uns war. Er nahm sich Zeit zu untersuchen und nachzudenken und erkannte die Chance, den Patienten durch den Gebrauch der Lanzette möglichenfalls retten zu können, so klar wie ich mit meiner vierzigjährigen Erfahrung hinter mir! Ein junger Mann mit einer solchen Fähigkeit, die entfernte Ursache der Krankheit zu entdecken, und mit einer derartigen Ueberlegenheit über die Fesseln des Hergebrachten in der Behandlung hat keine nur gewöhnliche Carriere vor sich. Ich sehe gegenwärtig nichts, was ihm hindernd im Wege stände —— nicht einmal ein Weib! Doch, fügte Sir Richard mit erläuterndem Blinzeln des einen Auges hinzu, »sollte ein Unterrock am Horizonte erscheinen, so werde ich mich hüten, den Wetterpropheten zu machen. Eine Prophezeihung aber riskiere ich: Wenn seine Mutter von der erwähnten Spitze kaufen sollte, so weiß ich, wer dabei den besten Handel machen wird.«

Die Bedingungen, unter welchen der alte Herr gewillt war, den Propheten zu spielen, traten nun allerdings nie ein, denn Ovid meinte, daß er als guter Sohn seiner Mutter vor dem Aufbruche zu seiner langen Reise ein Präsent machen müßte, und er ging deshalb sofort selbst hin und kaufte einige von den Spitzen für sie, bei welchem Geschäfte er jedenfalls nicht der Profitierende war.

Nach diesem Abstecher brachte ihn der kürzeste nach seinem Ziele führende Weg in eine Nebenstraße nahe dem Frucht- und Blumenmarkte von Covent-Garden; in derselben herrschte aber ein so unerträglich übler Geruch, daß er sich vor demselben eiligst in den Duft der Blumen und Früchte des Marktplatzes rettete, der ja auch nicht außerhalb des directen Weges nach Lincoln’s Inn-Fields lag. Und dort, um den Desinfectionsproceß vollständig zu machen. kaufte er sich ein Körbchen Erdbeeren.

Warum mußte nun gerade ein armes, zerlumptes kleines Mädchen, das einen großen Säugling trug, die köstlichen Früchte, die er aß, mit so sehnsüchtigen Augen betrachten, daß er als gutherziger Mann keine andere Alternative hatte, als ihr die Erdbeeren zu schenken? Warum mußten unmittelbar darauf zwei Spielgefährten der Kleinen erscheinen, um sie nach der benachbarten Straße zu holen, wo ein Hanswurstkasten aufgestellt wurde? Und warum empfand er plötzlich die Besorgniß, daß die beiden Jungen der armen Kleinen, mit dem ihr an Größe wenig nachstehenden dicken Baby auf den Armen die Erdbeeren wegnehmen könnten? Wenn die Nerven überangestrengt sind, wird man eben leicht durch Geringfügigkeiten beunruhigt, und ganz des Collegiums vergessend, folgte er müßig den Kleinen, um zu sehen, was kommen würde, und so eine neue Quelle des Vergnügens in sich entdeckend.

In der benachbarten Straße angekommen sah er, daß die Hanstwurst-Vorstellung wegen Mangels an zahlendem Publikum ein Ende gefunden hatte —— was ja auch manch anderer weit anspruchsvollerer Vorstellung widerfahren kann. Er wartete in einiger Entfernung, um die Kinder zu beobachten, aber er hatte den Jungen mit seinen Zweifeln Unrecht gethan, denn dieselben baten die Kleine nur: »Laß uns mal schmecken«, und die Freigebige belohnte ihre Artigkeit dadurch, daß sie in einer ruhigen Ecke ihren Schatz, ehrlich mit ihnen theilte.

Wer hätte unter diesen Umständen —— Geizhälse oder Millionäre natürlich ausgenommen —— zu seinen Geschäften zurückkehren können, ohne durch ein Geschenk von einigen Pfennigen die Ausübung der socialen Tugenden zu ermuthigen? Ovid war nicht der Mann danach.

Als er die Börse, in welcher er immer etwas kleine Münze für kleine Almosen bei sich zu führen pflegte, wieder in die Brusttasche steckte, berührte er mit der Hand etwas, das sich wie ein Couvert anfühlte; er nahm es aus der Tasche, sah es mit einem Ausdruck von Verdruß und Ueberraschung an und wandte sich noch einmal von dem directen Wege nach Lincoln’s Inn-Fields ab.

Das Couvert enthielt nämlich sein letztes Recept, das er, um vorher die Pharmacopoea zu consultiren, zu Hause geschrieben und dann dem betreffenden Patienten hatte senden wollen, was er dann aber über dem absorbierenden Interesse der Vorbereitungen zu seiner Reise zu thun vergessen hatte. Um dies unglückliche Vorkommnis ohne weiteren Verzug wieder gut zu machen, blieb ihm nichts übrig, als nochmals die sich selbst gegebenen Vorschriften zu übertreten und noch einmal —— nur der Sühne wegen —— einen Krankenbesuch zu machen.

Der Patient wohnte in der Nähe des British-Museum, Ovid suchte ihn also auf, entschuldigte sich, gab ihm Verhaltungsmaßregeln und schlug dann wieder die Richtung nach dem College zu ein. Wie er so an dem von einer Mauer eingefaßten Garten des Museums vorüberging, wandte er den Blick dorthin —— und hielt inne. Was ihn diesmal aufhielt, war nichts als ein Baum, dessen helle Blätter in dem schwachen Sommerwinde zitterten; aber auf seinem Gesichte ging eine auffallende Veränderung vor sich.

Wer ihn einen Augenblick vorher gesehen, wie er mit einem Lächeln um die Lippen an die Umstände gedacht, die ihn vom Verfolge seines Weges abgehalten, und sich humoristisch angehaucht gefragt hatte, was ihm nun zunächst noch widerfahren möchte, hätte ihn jedenfalls für einen glücklichen Mann halten müssen. Wer ihn aber jetzt gesehen, hätte gerade das Gegentheil angenommen. Den Kopf gesenkt, sich nur mechanisch bewegend, ging er über die Straße, hob dann die Augen zu dem Baume auf, blieb in der Nähe desselben stehen und sah ihn an.

Hunderte von Meilen von London entfernt, hatte dieser Mann, der später so kalt gegen die Frauen war, unter einem solchen Baume in seiner Jugendzeit einen kindlichen Liebestraum mit einer holden kleinen Cousine geträumt, die nun längst zu den Todten zählte. Er vergaß der Gegenwart mit ihren Interessen und Sorgen; aber allmählich fühlte sein wundes Herz einen beruhigenden Einfluß, der auf geheimnißvolle Weise von den zitternden Blättern auszugehen schien.

Langsam ging er die Straße hinauf, noch unbewußt der Außenwelt, in den alten Szenen lebend und die alten Gedanken denkend. Und wo hätte er in London einen ruhigeren und zum Träumen bei Tageslichte geeigneteren Ort finden können, als den mit stillen grünen Anlagen versehenen District nord- und ostwärts vom British-Museum? In einer der Anlagen blieb er stehen. Lebte seine Consine noch, so hätte er vielleicht seine eigenen Kinder auf einem solchen Platze spielen sehen können.

Lustig sangen die Vögel in den Bäumen; ein Bursche, der einem Koch Fische ablieferte, und zwei Mädchen, die an einem Fenster Blumen begossen, waren die einzigen lebenden Wesen in seiner Nähe, als er sich aufraffte und sich umsah.

Noch nicht im College? Die Frage erregte ihn nicht, es war nur, als ob ein Schatten an seinem Geiste vorüberzöge. In einem Zustande des Halbwachens wandte er sich ohne einen Wunsch oder Zweck um und sah gleichgültig zurück.

Zwei in Trauer gekleidete Frauen, die näher kommend sich als eine alte Frau und ein junges Mädchen herausstellten, kamen ziemlich eilig auf ihn zu. Als er, um sie vorbeizulassen zur Seite trat, sahen sie ihn mit der gleichgültigen Neugier Fremder an; die Augen des Mädchens begegneten den seinen; es war nur ein Augenblick, aber der Blick bannte ihn für’s Leben.

Sie ging schnell weiter, von der zufälligen Begegnung eben sowenig berührt als die Alte an ihrer Seite; aber wie von magnetischer Kraft angezogen, folgte ihnen Ovid, ohne zu denken, ja, ohne überhaupt eines Gedankens fähig zu sein. Nie vorher hatte er das gethan, was er jetzt that, er war buchstäblich außer sich selbst —— er sah sie vor sich und außer ihnen nichts.

Als sie in eine Nebenstraße einbogen und in eine Concerthalle, die hier zu einem Nachmittagsconcerte geöffnet war, eintraten, folgte er ihnen auch hierhin und trat gleichfalls ein.



Kapiteltrenner

Capitel III.

Ungefähr um die Zeit, als Ovid sein Haus verlassen hatte, saßen in dem allgemeinen Salon eines der prunkendsten Eisenbahnhotels Londons zwei in tiefe Trauer gekleidete Frauen, die sich, in eine Ecke zurückgezogen, in einer fremden Sprache unterhielten und durch die Einfachheit ihres Anzuges in Schnitt und Stoff allgemeine Aufmerksamkeit unter den übrigen Reisenden, mindestens unter den Damen, erregten. Die eine der beiden trug einen schwarzen Schleier über ihrem grauen Haar; ihre Hände waren braun, mit knolligen Gelenken; ihre Augen blickten für ihr Alter unnatürlich hell; unzählige Falten und Runzeln durchzogen ihr häutiges Gesicht nach allen Richtungen und ihre Adlernase war, wie eine der anwesenden Damen gegen ihren Begleiter bemerkte, der des Herzogs von Wellington so abscheulich ähnlich, daß sie jedes Frauengesicht entstellen müsse.

Der Begleiter der Dame sah die Sache milder an und flüsterte zurück: »Sie kann nichts für ihre Häßlichkeit. Sieh’ aber nur, wie sie das Mädchen neben ihr ansieht; es ist jedenfalls eine gute alte Person.«

Die Dame sah den Sprechenden an, wie eben nur eine eifersüchtige Frau ihren Mann ansehen kann, und bemerkte: »Hu, Du bist natürlich in das winzige Ding verliebt!«

Das Mädchen war allerdings nicht groß, und es war bei ihren siebzehn Jahren zweifelhaft, ob sie je größer werden würde. Aber es kann ja ein Mädchen das zu schlank und nicht ganz so groß ist wie die Venus von Medici, doch ihre persönlichen Reize haben, wenn dieselben in diesem Falle auch vielleicht nicht auffallend genug waren, um allgemeine Bewunderung zu erregen. Sie zeichnete sich nicht durch die zarte Farbe aus, noch durch die vollen gesunden Wangen, das heitere Lächeln die regelmäßigen Zähne oder den niedlich geformten Mund und vielversprechenden Busen, die den Durchschnittstypus der Schönheit der Engländerinnen ausmachen. Sie konnte sich überhaupt nur sehr weniger Farbe rühmen; ihr Haar zeigte ein so helles Braun, daß es nur eben dem Flachsigen entging, hatte aber das negative Verdienst, nicht bis auf die Augenbrauen herabgezogen und nicht in solch eine abscheuliche Negerperücke gedreht zu sein, wie sie heutzutage die Köpfe der Frauen entstellen. Die Züge, besonders Nase und Lippen, besaßen etwas so fein Vollendetes, es lag ein so sensitives Leben in dem Ausdrucke der Augen, die an und für sich zu dunkel waren, um mit dem hellen Haar ganz in Harmonie zu stehen, und ein so subtiler, doch einfacher Zauber in dem seltenen Lächeln, daß der Mangel an Gesichtsfarbe und Körperfülle wenigstens einigermaßen dadurch aufgewogen wurde. Man mochte sich um ihren Anspruch auf Schönheit streiten, aber niemand konnte leugnen, daß sie ein interessantes Wesen war. Anmuth und Feinheit; eine Schnelligkeit im Erfassen und eine Lebhaftigkeit in der Bewegung, die einen fremden Ursprung verriethen; eine kindliche Neigung zum Wundern neuen Gegenständen gegenüber, und unter glücklicheren Verhältnissen vielleicht eine kindliche Scherzhaftigkeit mit Personen, die sie liebte, das waren alles charakteristische Reize der bescheidenen kleinen Fremden in der Obhut der häßlichen Alten, für die sie offenbar der Gegenstand ergebenster Liebe war.

Auf dem Tische vor ihnen stand ein geöffnetes Reiseschreibzeug welches das Mädchen in einer eingetretenen Pause widerstrebend betrachtete. Sie hatten von Familienangelegenheiten gesprochen und zwar in italienischer Sprache, um ihre häuslichen Geheimnisse den Ohren der Fremden fern zu halten. Die Alte war die erste, welche die Unterhaltung wieder aufnahm.

»Du solltest wirklich den Brief schreiben, liebe Carmina«, sagte sie. »Tante Gallilee wartet darauf, von Deiner Ankunft zu hören.«

Carmina nahm die Feder, legte sie aber mit einem Seufzer wieder fort. »Liebe Teresa, wir sind erst gestern Abend angekommen«, wandte sie ein; »laß uns doch einen Tag für uns haben.«

Teresa zeigte über diesen Vorschlag unverstelltes Staunen und Unruhe.

»Jesus-Maria! einen Tag in London —— und Deine Tante soll die ganze Zeit auf Dich warten! Was sagt Dein seliger Vater im Testamente? Es ist Deine zweite Mutter, mein Herz; ihr Haus ist jetzt Deine Heimath. Und Du willst einen ganzen Tag in einem Hotel bleiben, anstatt nach Haus zu gehen! Das geht nicht! Schreibe, meine Carmina —— schreibe. Sieh’, hier auf der Karte steht die Adresse: »Fairfield-Gardens«. Da muß es schön sein, und Deine Tante ist jedenfalls eine liebe Dame —— mach’, mach’!«

Aber Carmina widerstrebte noch. »Ich habe meine Tante sogar noch nicht einmal gesehen«, sagte sie. »Es ist schrecklich, bei einer Fremden leben zu sollen. Denke doch, ich war nur ein Kind, als Du nach dem Tode meiner Mutter zu uns kamst; es sind kaum sechs Monate her, daß ich meinen Vater verloren habe; ich habe niemanden als Dich —— und wenn ich nach meiner künftigen Heimath gehe, wirst Du mich verlassen. Ich will ja nur einen Tag länger mit Dir zusammen sein, ehe wir scheiden.«

Die arme alte Duenna zog sich in den Schatten einer Gardine zurück und begann zu weinen. Carmina wußte aber, wie sie sie trösten konnte; sie nahm im Schutze des Tischtuches ihre Hand und flüsterte: »Wir wollen uns die Sehenswürdigkeiten ansehen, und zum Diner sollst Du dann ein Glas Porto-Porto haben.«

Leicht wie ein Kind getröstet, sah Teresa aus dem Schatten hervor. »Sehenswürdigkeiten, rief sie, ihre Thränen trocknend »Porto-Porto-Wein!« und dabei schmatzte sie mit den Lippen. »Ach, Kind, Du hast nicht vergessen, was ich Dir von meinem Aufenthalte in London in meinen jungen Jahren erzählt habe. Man sollte es kaum glauben, daß Dein Vater ein Engländer war und Du noch nie in London gewesen bist. Ich ging, um mich zu trösten, manchmal, wenn meine englische Gnädige mit mir zufrieden war, zu Museen und Concerten und die liebe Dame gab mir oft ein Glas von dem feinen starken Purpurwein. Die heilige Jungfrau gebe, daß Tante Gallilee ebenso gut sei! Solch einen Kopf voll Haare wie meine Gnädige wird sie schwerlich haben; es war eine Freude, es zu machen. Glaubst Du, ich würde nicht mit Dir hier in England bleiben, wenn ich könnte? Was aber sollte dann in Italien aus meinem Alten mit seinem verwünschten Asthma werden? O, es waren aber langweilige Jahre für mich hier in London —— die schwarzen endlosen Straßen, diese schrecklichen Sonntage, diese Hunderttausende von immer eiligen, immer geschäftigen Leuten mit mürrischen Gesichtern! Ich freute mich, wieder zurückzukommen und mich in Italien zu verheirathen. Und da bin ich nun nach Gott weiß wie vielen Jahren wieder in London. Doch was! wir wollen uns heute amüsieren; und wenn wir morgen zu Madame Gallilee kommen, machen wir eine kleine Lüge und sagen, wir wären erst heute Abend angekommen.«

Der Gedanke an diese kleine Lüge kitzelte die humoristische Ader der Duenna so, daß sie sich im Stuhle zurücklehnte und lachte. Auf Carmina’s Gesichte zeigte sich schwach das seltene Lächeln; die schreckliche erste Begegnung mit der Tante drückte sie noch und sie nahm in Verzweiflung eine Zeitung zur Hand. »O beste Teresa!« sagte sie, »laß uns aus diesem entsetzlichen Zimmer fort und irgendwo hin, wo wir an Italien erinnert werden.«

Teresa erhob in Bestürzung die häßlichen Hände: »An Italien erinnert werden —— in London?«

»Kann man hier keine italienische Musik hören?« fragte Carmina.

Die hellen Augen der Duenna antworteten in ihrer Sprache und sie nahm die nächste Zeitung.

Die Londoner Concertsaison war gerade auf ihrer Höhe und ganze Reihen, von Morgenconcerten waren angekündigt alles aber war deutsche, und größtentheils moderne deutsche Musik, und Carmina, die mit Mozart und Rossini und anderen Leuten der Ansicht war, daß Musik ohne Melodie überhaupt keine Musik sei, legte die Zeitung wieder fort.

Da es also mit dem Concertbesuch nichts war, so dachten sie daran, sich Gemälde anzusehen, und Teresa suchte unter den auf einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers liegenden Büchern und kehrte mit einem Katalog der Ausstellung der königlichen Akademie, den jemand dort hatte liegen lassen, und einem Almanach zurück.

Auf der ersten Seite entdeckte Carmina eine Liste von königlichen Akademikern, ungefähr vierzig an der Zahl. Waren das alles berühmte Maler? Nur drei davon hatten sich außerhalb Englands allgemein bekannt gemacht. Sie schlug die letzte Seite auf und sah, daß die Kunstwerke sich auf mehr als fünfzehnhundert bezifferten. »Wenn wir da wieder fortkommen, werden uns Kopf und Füße weh thun«, bemerkte Teresa, und Carmina legte den Katalog fort.

Teresa blätterte in dem Almanach und stieß auf die Ueberschrift »Museen«. Mit einem billigenden Druck des Daumennagels dieselbe markierend, las sie dann das Verzeichnis; in gebrochenem Englisch vor.

»British Museum?« Teresa erinnerte sich des Gebäudes in einer Hinsicht lebhaft. »Da würden wir uns noch viel mehr Kopf- und Fußweh holen«, sagte sie kopfschüttelnd und las eine Reihe ihr unbekannter Namen. »Die Heiligen schützen uns vor all dem Kopf- und Fußweh, wenn die alle so groß sind!« Plötzlich erregte sie durch lautes in-die-Hände-Klatschen das Staunen aller Anwesenden. »Sir John Soane’s Museum, Lincoln’s Inn-Fields —— ah, dessen erinnere ich mich. Ein kleines gemüthliches Museum in einem Privathause, worin alle möglichen hübschen Sachen zu sehen sind. Liebes Kind, Verlaß Dich auf die alte Teresa —— komm’ zu Soane!«

Zehn Minuten darauf waren sie angekleidet und verließen das Hotel. Der helle Sonnenschein und die angenehme Luft luden sie zum Gehen ein. Sie gingen über den Strand und in eine nordwärts führende Straße; nach dem Weg zu fragen ließ Teresa’s Stolz nicht zu.

Ihr Gespräch, welches anfangs bei Italien und der Erinnerung an Carmina’s italienische Mutter verweilte, wandte sich bald dem schrecklichen Gegenstande der neuen Heimath zu. Teresa’s Hoffnung für die Zukunft richtete sich auf die Cousinen und sie entwarf ein Gemälde von zwei reizenden kleinen Mädchen, die es gar nicht erwarten könnten, ihrer jungen Verwandten aus Italien ihre unschuldigen Herzen zu schenken. »Sind es nur ihrer zwei?« fragte sie. »Richtig, Du sagtest mir, daß auch noch ein Knabe da wäre.«

»Mein Cousin Ovid ist ein großer Doctor«, verbesserte Carmina mit einer Miene von Wichtigkeit. Papa sagte, daß unsere Familie Ursache haben würde, stolz auf ihn zu sein.«

»Wohnt er zu Hause?« fragte die einfache Teresa.

»O, bewahre! Er hat selbst ein großes Haus, wo Hunderte von Kranken zu ihm kommen, um Heilung zu suchen, und Hunderte von goldenen Guineen zahlen.«

Hunderte von goldenen Guineen nur durch Heilung von Kranken zu verdienen, war für Teresa etwas an’s Wunderbare Grenzendes und sie sah feierlich zum Himmel auf. »Solch einen Cousin zu haben! Ist er jung, schön, verheirathet?«

Statt diese Fragen zu beantworten, sah sich Carmina um und fragte: »Folgt uns dies arme Thier?«

Das »arme Thier, das ihnen unzweifelhaft folgte, war einer von den halbverhungerten, vagabundierenden Londoner Hunden, die sich manchmal infolge der Sympathie ihres Geschlechts dem Fußgänger für eine Zeitlang anschließen.

»O, das räudige Vieh«, rief Teresa mit jener Hartherzigkeit gegen Thiere, die einer der ernstesten Mängel des italienischen Charakters ist, und erhob dabei ihren Sonnenschirm. Der Hund fuhr zurück, wartete einen Augenblick und folgte ihnen wieder, als sie in der direct auf Coventgarden mündenden, belebten Straße weitergingen.

Carmina’s weiches Herz fühlte Mitleid mit dem verlorenen, hungrigen Geschöpfe. »Ich muß dem armen Hunde etwas zu fressen kaufen«, sagte sie und blieb, als ihr dieser Gedanke kam, plötzlich stehen.

Der Hund, der ihr dicht gefolgt war und wahrscheinlich einen Fußtritt fürchtete, sprang scheu auf den Fahrdamm und unglücklicherweise direct unter die Räder eines schnell vorbeifahrenden Wagens.

»Der Köter hat ausgelitten«, bemerkte ein Mann, der an das überfahrene Thier herangetreten war.

Dieses gewöhnliche Ereigniß wirkte so heftig auf die sensitiven Nerven des jungen Mädchens, daß es voll Entsetzen hilf- und sprachlos dastand, und am ganzen Körper zitterte. Teresa führte sie in die nächste offene Thür —— eine Musikalienhandlung —— und bat um einen Stuhl und ein Glas Wasser. Der Eigenthümer des Ladens, der jenes Interesse für Carmina empfand, das sie selten zu erwecken verfehlte, ging sogar so weit, ihr ein Glas Wein anzubieten. Sie zog aber Wasser vor und erholte sich dann bald soweit, um wieder aufstehen zu können.

»Wollen wir vom Besuche des Museums abstehen?« fragte sie ihre Begleiterin. »Ich bin nach dem Vorgefallenen nicht in der Stimmung, Curiositäten zu besehen.«

Teresa suchte mit bereitwilliger Sympathie etwas Anderes ausfindig zu machen »Musik würde Dir mehr zusagen, nicht wahr?«

In dem Laden hingen die Zettel für die italienische Oper; als aber Carmina wieder eine deutsche Oper auf demselben angekündigt sah, wandte sie sich voll Verzweiflung an den Händler »Kann man denn in London keine andere als nur deutsche Musik hören?«

Der zuvorkommende Händler holte das Programm eines an diesem Nachmittage stattfindenden bescheidenen Concertes eines obskuren Clavierlehrers, der wohl nur auf Schüler, Gönner und Freunde rechnen konnte. Auf dem Zettel war unter anderen Musik aus Lucia, Norma und Ernani angekündigt und Carmina kaufte nach einer zustimmenden Daumbewegung Teresa’s zwei Billets.

Der Händler wollte sich beeilen, eine Droschke zu rufen, Carmina aber schrak davor zurück, einen Wagen zu besteigen. »Wir könnten wieder ein armes Geschöpf überfahren«, meinte sie, »und es könnte anstatt eines Hundes dann vielleicht ein Kind sein.« Teresa und der Händler bemühten sich ernstlich, ihr eine andere Ansicht beizubringen, aber wenn Carmina das Vernünftige ihrer Meinung auch zugab, so sagte sie doch: »Verderben Sie mir nicht das Vergnügen; ich kann es einmal nicht!«

Und so war die seltsame Parallele jetzt vollständig geworden. Beide, Carmina und Ovid, hatten dasselbe Ziel gehabt, Lincoln’s Inn-Fields, und beide waren sie davon abgekommen. Und dann wollte Carmina noch den Garten des British Museum sehen, und so begegnete sie dem jungen Arzt in den ruhigen Anlagen.



Kapiteltrenner

Capitel IV.

Ovid achtete nicht auf die Plakate am Eingange zu der Concerthalle und sah deshalb nicht, daß das Concert von dem Musiklehrer seiner beiden Halbschwestern gegeben wurde und dasselbe war, zu welchem er auf das Drängen seiner Mutter vor einigen Tagen bereits ein Billet genommen hatte. Ohne etwas zu sehen, nur von der Furcht besessen, die beiden Fremden aus den Augen zu verlieren, wenn das Concert stark besucht sein sollte, löste er sich voll Ungeduld ein zweites Billet an der Kasse.

Der Saal war nur klein und kaum hallvoll aber mit so ungenügenden Ventilationsvorrichtungen versehen, daß trotzdem eine drückende Atmosphäre in demselben herrschte. Leicht entdeckte er die Gesuchte mit ihrer Begleiterin auf zwei Sitzen in der Mittelreihe Ihnen nahe, am Ende der ihnen gegenüber befindlichen Reihe, waren noch mehrere Stühle leer, und auf einen derselben setzte er sich. Sie zu sehen, ohne entdeckt zu werden, weiter wünschte er nichts.

Das Concert hatte bereits begonnen, und da sie ihre Aufmerksamkeit den Sängern und Spielern auf der Plattform zuwandte, konnte er sich ungestraft ihres Anblicks freuen; in einer Pause aber blickte sie in den Zuschauerraum —— und entdeckte ihn.

Hatte er sie verletzt?

Dem Anscheine nach hatte er überhaupt keinen Eindruck auf sie gemacht, denn sie sah ruhig von ihm weg nach der anderen Seite des Saales. In diesem bloßen Abwenden des Kopfes aber glaubte Ovid einen Verweis lesen zu können, deshalb begab er sich in die Sitzreihe hinter ihr; so war sie ihm ja auch näher, und er war wieder zufrieden —— mehr als zufrieden.

Das nächste Stück war ein Claviersolo und der Spieler wurde durch allgemeinen Applaus bewillkommt. Als Ovid infolge dessen zum ersten Mal nach der Plattform sah, erkannte er in dem sich Verbeugenden mit der für sein Alter frühzeitigen Glatze und dem servilen Lächeln den Musiklehrer seiner Mutter, und sofort schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß seine Mutter unter den Zuhörern sein könne. Wenn er sie nun auch bei einer sorgfältigen Musterung der Anwesenden nicht entdeckte, so wußte er doch, daß sie kommen würde, denn es war einer ihrer Hauptgrundsätze, für ihr Geld auch etwas zu haben.

Seufzend blickte er nach dem Eingange; sein neues Glück hatte nicht lange gedauert. Hatte er sich doch neulich, als seine Mutter ihn veranlaßte, ein Billet zu diesem Concerte zu nehmen, offen gegen Concerte ausgesprochen. Was mochte dieselbe nun, wenn sie ihn unter den Zuhörern sah, mit ihrer schnellen Fassungsgabe nicht Alles vermuthen?

Mochte indeß kommen, was wollte, er blieb auf seinem Platze und weidete seine Augen an der schlanken Gestalt des jungen Mädchens mit der milden und doch so entschiedenen Haltung des Kopfes. Das Vergnügen aber hatte jetzt einen Beigeschmack; der Gedanke an seine Mutter war dazwischen gekommen.

Als er in der auf das Solo folgenden Pause wieder nach dem Eingange gesehen hatte und sich eben wieder abwenden wollte, hörte er Mrs. Gallilee’s, seiner Mutter, laute Stimme, wie sie ihrem einen Töchterchen eine mütterliche Ermahnung ertheilte: »Sei hier artiger als im Wagen, sonst schicke ich Dich fort.«

Wenn sie ihn an diesem Platze sah und dann ihre geschickten Schlußfolgerungen zog, würde sie ihre Meinung ganz gewiß auf irgend eine Weise zum Ausdruck bringen; und sie war eine von den Frauen, die eine andere durch einen fragenden Blick, den sie versteckt anzubringen wissen, auf das empfindlichste beleidigen können. Des Mädchens halber entfernte sich Ovid deshalb sofort von demselben und setzte sich auf einen Platz an der Rückwand des Saales.

In tadelloser Toilette, auf das Vollkommenste gepudert und gemalt, mit Grazie ihre Töchter führend, und in gehörigem Abstande von der Gouvernante derselben gefolgt, trat Mrs. Gallilee imponierend ein. Den Billeteur, der ihr höflich Plätze in der Nähe der Plattform anwies, setzte sie durch eine mit der holdesten Herablassung gehaltene kleine Vorlesung über Akustik in Erstaunen. »Alle Töne, Sir«, —— und sie begleitete das Wort »Sir« mit einem Lächeln, —— »hört man stets am besten in der Mitte des Auditoriums.« Sie übernahm also die Führung nach der Mitte des Saales, wo in der Reihe, in welcher Carmina und Teresa saßen, leere Sitze zum Platznehmen einluden; und die nicht gekannte Tante setzte sich dicht neben die nicht gekannte Nichte.

Beide sahen einander an. War es nun infolge der im Saale herrschenden Hitze, oder hatte sich Carmina vielleicht noch nicht vollständig von der vorhergegangenen Nervenerschütterung erholt? —— ihr Kopf sank auf die Schulter der alten Teresa; sie war ohnmächtig geworden.



Kapiteltrenner

Capitel V.

Darf ich um eine Tasse Thee bitten, Miß Minerva?«

»Mit Vergnügen, Mr. Le Frank.«

»War denn Mrs. Gallilee von dem Concerte befriedigt?«

»Ganz entzückt. Es war vollkommen.«

»Nein, Miß Minerva —— vollkommen war es nicht. Sie vergessen den Zwischenfall mit der Dame, die ohnmächtig wurde, was ebenso aufregend für das Publikum als unangenehm für die Künstler war.«

»Vorsichtig, Mr. Le Frank! Diese neuen Häuser haben so dünne Wände und Decken, und man könnte Sie vielleicht oben hören. Die ohnmächtig Gewordene ist dort und mit ihr alle Elemente zu einem Roman. Ist Ihnen der Thee so recht?«

In dieser scherzhaft reizenden Weise spielte Miß Minerva, die Gouvernante Mrs. Gallilee’s, mit der Neugier des Musiklehrers, der ein höfliches Interesse an der bevorstehenden Enthüllung bekundete, die tiefliegenden Augen aufriß und die zart gezeichneten Brauen in die Höhe zog. Derselbe war nach dem Concerte im Gallilee'schen Hause vorgesprochen, um eine Tasse Thee (mit möglichst viel Lob versüßet) im Schulzimmer einzunehmen, und befand sich nun einem auffallenden persönlichen Contrast im Gesicht der Gouvernante gegenüber, die, an der andern Seite des Tisches sitzend, zuvorkommend die Wirthin machte.

Mr. Le Franks volle Wangen strotzten von Farbe, die Ueberreste gelben Haares, die noch die Seiten seines Hauptes zierten, erschienen so seidenartig gebrechlich wie gesponnenes Glas, und die edle Fülle des von zartem Parfüm duftenden wohlgepflegten Bartes, in dem auch das schärfste Auge nicht ein Härchen hätte entdecken können, das nicht an seinem Platze gewesen wäre, wogen die vorzeitige Glatze gewissermaßen auf. Miß Minerva’s bleiches Gesicht, so mager, herb und lang, nahm sich dem gegenüber aus, als ob es danach verlangte, stellenweise von einer discreten Hülle Verdeckt zu werden. Ihr grobes schwarzes Haar überragte wie ein Schutzdach die buschigen schwarzen Brauen und harten schwarzen Augen. »Die bekommt nie einen Mann«, so hieß es in den Domestikenräumen —— »sie ist viel zu gelb und gelehrt, viel zu häßlich und arm.« Und doch, wenn das Geheimnißvolle wirklich interessant ist, so war sie ein interessantes Wesen. Die Leute, die mit ihr zu thun hatten, hatten die Empfindung von etwas Geheimnisvollem —— etwas unheilverkündendem Geheimnißvollen in ihrer Natur, das jeder Entdeckung trotzte. Wäre die Wissenschaft im Stande, moralische Verderbtheit durch Analyse des Blutes zu entdecken oder die Willensfestigkeit zu seciren, so hätte Miß Minerva’s innere Natur vielleicht offenbart werden mögen; so aber enthüllte sich dem prüfenden Blicke nichts Auffälligeres als ein eigenthümlich reizbares Temperament, das möglichenfalls einer explosiven Kraft als Sicherheitsventil diente, die unter Umständen —— wenn die Versuchung stark genug und die Gelegenheit günstig sein sollte —— dennoch hervorbrechen mochte.

»Sachte, Mr. Le Frank! Der Thee ist heiß und Sie möchten sich den Mund verbrennen. Wie soll ich Ihnen berichten, was geschehen ist?« Mit unendlichem Takte ließ Miß Minerva gerade im richtigen Momente den scherzhaft herausfordernden Ton fallen. »Denken Sie sich eben«, begann sie wieder, »eine Szene von der Bühne im Privatleben vorgehen. Die in Ihrem Concerte ohnmächtig Gewordene entpuppt sich als keine Geringere denn Mrs. Gallilee’s Nichte!«

Der allgemeinen Thorheit, die nur einen günstigen Prospekt zu lesen braucht, um blindlings in Actien zu spekulieren, paart sich gleichförmig vertheilt die Beschränktheit, die nicht im Stande ist zu entdecken, daß zwischen Fiction und Wahrheit, sei es auf der Bühne oder draußen, irgend eine mögliche Beziehung existieren könne. Wie man ein Narr sein müßte, wenn man das, was in einer Zeitung steht, bezweifeln würde, so müßte man gleichfalls ein Narr sein, wenn man das, was in einer Novelle steht, glauben wollte. Mr. Le Frank folgte bei dieser Gelegenheit dem allgemeinen Beispiele etwas zu rückhaltlos, indem er wegen des eben Berichteten Zweifel aussprach, obgleich es sich dabei um etwas handelte, das nach dem Zeugnisse einer Dame ein Vorfall des wirklichen Lebens war. Weit entfernt indeß, dadurch verletzt zu sein, sympathisierte Miß Minerva herzlich mit ihm.

»Ja, es ist wirklich zu theatralisch, um es zu glauben«, gab sie zu; »aber die junge iu Ohnmacht Gefallene ist thatsächlich mit der interessanten, aus Italien erwarteten Fremden eine und dieselbe Person. Sie kennen Mrs. Gallilee und wissen, wie sie ist —— immer sympathetisch, für alle Nothfälle bereit. Sie hatte das erste Riechfläschchen zur Hand; sie war es, die die Geistesgegenwart besaß, die Ohnmächtige in eine horizontale Lage bringen zu lassen. »Man muß dem Herzen Luft machen«. sagte sie, damit die ganze Theorie der Ohnmachtsanfälle in sechs Worte zusammenfassend. Im nächsten Augenblicke, fuhr die Gouvernante fort, einen theatralischen Coup machend, ohne es zu wissen, »im nächsten Augenblicke bedurfte Mrs. Gallilee selbst des Riechfläschchens.«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß sie ohnmächtig geworden sei!« bemerkte Mr. Le Frank, der noch. immer nicht recht gläubig war.

Miß Minerva hob den Zeigefinger, mit dem sie, wenn ihre Schülerinnen einer Aufmunterung bedurften, ihren Lectionen Nachdruck zu geben pflegte. »Mrs. Gallilee’s Seelenstärke widerstand dem Anfall wie ich Ihnen sagen wollte, als Sie mich unterbrachen, und Sie werden sofort verstehen, was sie das gekostet haben muß. Unsere interessante junge Dame war von einer abscheulichen alten Ausländerin begleitet, die vollständig den Kopf verlor, wie wahnsinnig die Hände rang und alle Heiligen anrief, was freilich nicht die geringste Wirkung hatte —— dieselbe brachte aber einen Namen dazwischen, der selbst in Italien bemerkenswerth ist; und das war das Ernste bei der Sache. Versetzen Sie sich in Mrs. Gallilee’s Stelle ——«

»Wie vermöchte ich das!« unterbrach sie Mr. Le Frank bescheiden.

Miß Minerva sah ihn mit einem momentanen Durchleuchten von Argwohn in den schwarzen Augen an. Es bestand das stillschweigende, keinerseits je offen anerkannte Uebereinkommen unter diesen beiden Unterweisern der Jugend, jedes mal, wenn sich das Gespräch um Mrs. Gallilee drehte, dieselbe ergebene Bewunderung zu bekunden, einerlei was sie in ihrer Privatmeinung wirklich von ihr halten mochten. Mit der Heiterkeit der Unschuld hielt Mr. Le Frank den forschen Blick Miß Minerva’s aus, die dann fortfuhr:

»Der Taufname der jungen Dame —— ich sagte Ihnen ja wohl, daß sie eine Italienerin sei —— ist Carmina. Mrs. Gallilee schien ein Schlag zu treffen, als sie ihn hörte. Mit wundervollem Takte klärte sie die Alte auf und trat sofort in ihre Rechte als Mrs. Carmina’s Tante ein. »Ich bin Mrs. Gallilee«, war Alles, was sie sagte; und das Resultat« —— Miß Minerva machte eine Pause und deutete nach der Decke —— »das Resultat finden Sie dort oben. Als ich die Ehre hatte, unseren reizenden Gast zu sehen, lag sie auf dem Sopha und wurde von der abscheulichen Alten angefächelt. Nein, Mr. Le Frank, ich bin noch nicht zu Ende —- ein Act dieses Dramas aus dem Privatleben bleibt noch zu berichten. Unter den Concertbesuchern befand sich ein Arzt, der sich beeilte, seine Dienste anzubieten, um die Ohnmächtige wieder in’s Leben zurückzurufen, er hat die interessante Patientin jetzt in Behandlung. Können Sie errathen, wer ist?«

Mr. Le Frank, der bei dem Hausarzt der Familie ein Billet zu seinem Concerte untergebracht hatte, schien ein vorsichtiges Rathen nach dieser Richtung die meiste Aussicht auf Erfolg zu Versprechen.

»Derselbe ist ein Verehrer der Musik«, begann er.

»Im Gegentheil, ein Feind derselben«, warf die Gouvernante ein.

»Ich meine den Hausarzt«, beharrte der Pianist.

»Und ich meine« —— Miß Minerva pausierte wieder —— »ich meine Mr. Ovid Vere.«

Es mag dahin gestellt sein, in welcher Form sich das Staunen des Musiklehrers bekundet haben würde, wenn nicht in demselben Augenblicke, als Miß Minerva ihn mit der Klimax ihres Berichtes überwältigte, ein kleiner rosiger älterer Herr mit rundem Gesichte, grauem Krauskopfe und süßem Lächeln in Begleitung zweier Mädchen in’s Zimmer gekommen wäre. Es waren unbedeutendere Personen — blos Mr. Gallilee und seine Töchter.

»Wie geht’s Ihnen, Mr. Le Frank Hoffentlich hat Ihnen das Concert ein anständiges Sümmchen eingebracht. Sie werden entschuldigen, daß ich meine beiden Billets fortgegeben habe. Ich schlafe bei Musik immer ein, warum, weiß ich wirklich nicht. Da haben Sie Ihre Schülerinnen wohlbehalten wieder, Miß Minerva. Als das holde junge Wesen gebracht wurde, kam es mir vor, als ob wir nur im Wege ständen; das arme Ding bedurfte der Ruhe und nicht unser, und meine Frau und Ovid waren ja mit ihrer Gewandtheit und Aufmerksamkeit gerade am Platze. So setzte ich denn den Hut auf —— ich bin immer nützlich, Mr. Le Frank; erfreue mich des großen Vortheils nie etwas zu thun zu haben —— und sagte, »Kinder, wir wollen ausgehen«. Da wir kein bestimmtes Ziel hatten —— das ist wieder ein Vortheil bei mir —— so schlenderten wir umher und befanden uns, ganz ohne es beabsichtigt zu haben, in einer Conditorei. I, bei wem war es doch nur gleich?«

So redete Mr. Gallilee in einer Stimme, die das seltsamste Gemisch von hohen und weichen Tönen war —— ein weiches Falsetto hatte Mr. Le Frank sie einmal genannt —— und als er jetzt innehielt, um sein Gedächtniß ein wenig anzustrengen benutzte seine älteste Tochter —— sie war zwölf Jahr alt und suchte sich stets auszuzeichnen —— die günstige Gelegenheit, den weiteren Bericht in die Hand zu nehmen. Miß Maria, so nach ihrer Mutter genannt, war eins der gelungenen Producte der Gegenwart —— ein artiges Kind, das nie Schläge bekommen; sie hatte die großen runden Augen, wie wir sie auf Gemälden sehen, das holde Benehmen und die vollkommenen Grundsätze, von denen wir in Büchern lesen; nannte jeden »lieber« oder »liebe«; wußte ganz genau, wie viel Procent Sauerstoff die Luft, die sie athmete, enthalten mußte, und hatte sich —— o, der Armen! —— niemals die Schuhe naß gemacht oder das Gesicht beschmutzt.

»Wir waren in Timbal’s Conditorei, liebe Miß Minerva«, sagte sie, »und haben dort Eis gegessen.«

Da Mr. Gallilee so jedes weiteren Kopfzerbrechens wegen des Namens der Conditorei überhoben war, wandte er sich an seine jüngste Tochter —— sie war zehn Jahre alt und eins der ungelungenen Producte der Gegenwart —— ein seltsam langsames, schüchternes Kind; das Ebenbild des Vaters, jedoch ohne dessen Lächeln; unheilbar einfältig oder eigensinnig —— die Freunde der Familie wußten nicht recht, welches von beiden. Ob sie vielleicht allzu sehr mit nutzlosen Kenntnissen vollgepfropft wäre, die Frage in’s Auge zu fassen, fiel Niemandem ein.

»

Aufgewacht, Zo«, sagte ihr Vater. »Was aßen wir noch außer Eis?«

Zoe —— ihr Vater gebrauchte immer die vulgäre Abkürzung Zo —— nahm Mr. Gallilee’s dicke rothe Hand Und hielt dieselbe krampfhaft fest, als ob ihr das zum Aufwachen durchaus nöthig wäre.

»Wir aßen noch ——« Sie pausierte, nachdem sie soweit gekommen war, sah ihren Vater an und versuchte dann, ihren Zweck in anderer Weise zu erreichen. »Wie nanntest Du es doch gleich?« fragte sie und gab es dann wieder auf.

Da kam ihr Maria mit holdester Bereitwilligkeit zu Hilfe. »Liebe Zoe, Du bist so langsam. Käsekuchen.«

»Das ist recht —— Eis und Käsekuchen«, sagte Mr. Gallilee, Zoe ermuthigend die Hand auf den Kopf legend, als ob sie die richtige Antwort gefunden hätte. »Erst Créme-Eis und dann Wasser-Eis. Die Kinder zogen Créme-Eis vor, Miß Minerva; und wissen Sie, mir geht es ebenso. Das Créme-Eis hat so etwas —— was halten Sie von Créme-Eis, Mr. Le Frank?«

Zu den vielen Schwächen Mr. Gallilee’s gehörte auch die, daß er nicht den Mund öffnen konnte, ohne früher oder später Jemanden in sein Vertrauen zu ziehen. Bei den unbedeutendsten Gegenständen wandte er sich instinktiv an jeden, der in seinem Bereiche war, um Sympathie und Zustimmung, einerlei, ob es ein intimer Bekannter oder ein ihm gänzlich Fremder war. Als Mr. Le Frank eben sein verlangtes Urtheil in der Eisfrage abgeben wollte, wurde er ohne Ceremonie von Miß Minerva unterbrochen, die ebenfalls die günstige Gelegenheit zum Sprechen abgewartet hatte und dieselbe nun, wenn auch nicht gerade in liebenswürdiger Weise ergriff.

»Mr. Gallilee, ich darf wohl wagen, Sie mit allem möglichen Respect dringend zu bitten, in Beziehung auf die Kinder etwas vorsichtiger zu sein. Verzeihen Sie, Mr. Le Frank, daß ich Sie unterbreche —— aber die Sache berührt mich etwas zu nahe. Ich werde für die Gesundheit der Kinder verantwortlich gemacht, man tadelt mich wieder und wieder wegen Unregelmäßigkeiten in ihrer Diät, an denen ich keine Schuld habe —— und da haben sie sich jetzt wieder an dem Eis erkältet und mit Kuchen übersättigt! Was wird Mrs. Gallilee dazu sagen?«

»Erzählen Sie ihr nichts davon«, warf Mr. Gallilee ein.

»Die Mädchen werden den ganzen Abend durstig sein und beim Abendessen keinen Appetit haben«, fuhr Miß Minerva fort. »Und mich wird Mrs. Gallilee fragen, was das zu bedeuten habe. Ich dächte, ich verdiente wohl etwas mehr Rücksicht in in einer abhängigen Stellung. Ich habe keine Hilfsquellen, stehe mit meinen Angehörigen nicht auf gutem Fuße; kann meine Stelle verlieren, mein Brod von Thür zu Thür erbetteln, im Arbeitshause sterben —— dem allem bin ich ausgesetzt. Aber den Vorwurf auf mich zu nehmen, Sir, die Verdauung Ihrer Töchter verdorben zu haben ——«

»Aber beste Miß Minerva«, rief Mr. Gallilee, »machen Sie sich keine Sorgen über die Verdauung der Mädchen! Nehmen Sie ihnen die Hüte ab und geben Sie ihnen etwas Schönes zum Abendessen. Die Kinder haben meinen Magen geerbt und werden es schon »verknacken«, wie wir in der Schule sagten. Sagte man das zu Ihrer Zeit auch, Mr. Le Frank?«

Die Gouvernante und vulgäre Ausdrücke waren nie und unter keinen Umständen zu versöhnende Anomalien. In ernstem Schweigen nahm Miß Minerva den Mädchen die Hüte ab, und wenn sie diese Gelegenheit nicht benutzt hätte, um dabei die auf ihrem Gesicht erschienene Geringschätzung zu verbergen, vielleicht hätte dann auch »Papa« dieselbe bemerkt.

Das so entstandene Schweigen benutzte Mr. Le Frank, sich als glücklich veranlagter Gentleman —— als geschäftsgewandter Künstler zu zeigen. Die Dankbarkeit gegen Mr. Gallilee, wenn wir so sagen wollen, als erstes Adagio in einer Symphonie unreiner Erwartungen benutzend, ging er allmählich zu einem Allegretto von Ueberzeugung im Interesse eines Freundes über, der nächste Woche ein Concert geben wollte. »Wir armen Artisten haben unsere Fehler, verehrter Herr; aber wir sind stets bestrebt einander beizustehen. Mein Freund sang in meinem Concerte umsonst und ich werde gleichfalls in dem seinigen umsonst spielen. Aber glauben Sie nicht, daß er das von mir erwartet! Darf ich, und hierbei ging er in ein schnelles Allegro über, »an Ihr Wohlwollen appellieren und Ihnen zwei Billets anbieten?« Die letzten Noten der Symphonie erstarben in einem goldenen Klingen in der Tasche des Musiklehrers.

Nachdem Mr. Gallilee der Kunst und den Künstlern seinen Tribut gezahlt hatte, sah er verstohlen nach Miß Minerva hinüber. Mit dem weisen Grundsatze, stets im Frieden zu scheiden, erkannte er, daß die glückliche Zeit zum Gehen gekommen war. Wie sollte er sich zurückziehen? Er, der sich etwas auf seine Gewandtheit in derartigen Schwierigkeiten einbildete, war auch diesmal der Situation gewachsen und erklärte, in den Club gehen zu wollen.

»Wir haben wirklich ein ausgezeichnetes Rauchzimmer in dem Club«, sagte er. »Ich bin ein Freund von einer guten Cigarre, und —— was meinen Sie, Mr. Le Frank? Ist eine Flasche Champagner bei dieser Hitze nicht etwas Schönes? So in Eis gekühlt —— ich weiß nicht, ob Sie die Hitze ebenso empfinden wie ich, Miß Minerva? —— und dann in einen silbernen Becher gegossen. Delicat! sage ich Ihnen. Adieu, Kinder; gebt mir einen Kuß.«

Maria kam, wie es der Aelteren zustand, zuerst und gab ihm nicht nur einen Kuß, sondern auch noch eine passende Zugabe. »Ich habe Dich lieb, lieber Papa!« sagte diese wohlerzogene Tochter mit einem Blick nach Miß Minerva zu, der vielleicht in jedes Anderen Augen hätte maliziös scheinen können.

»Nun, Zo —— was sagst Du denn?« wandte sich Mr. Gallilee an seine jüngste Tochter.

Zo ergriff wieder die Hand ihres Vaters und rieb sie mit dem Kopfe, eine neue Methode, ihre kindliche Liebe auszudrücken, die Mr. Gallilee zu interessieren schien. »Hast Du Kopfweh, mein Kind?« fragte er. Diese Idee war Zo neu, sie fuhr noch einmal mit ihrem Kopfe über die Hand ihres Vaters und überlegte. »Weshalb thust Du das?« fragte Miß Minerva scharf. »Ich weiß nicht«, gab Zo nach nochmaligem Ueberlegen zur Antwort; Mr. Gallilee belohnte sie mit einem Kuß und ging, um im Club seinen Champagner zu trinken.

Bevor auch Mr. Le Frank ging, erzeigte er der Gouvernante das Compliment, noch einmal auf ihren Bericht über die Vorfälle im Concerte zurückzukommen.

»Was Sie mir über Mr. Ovid Vere sagten, überraschte mich höchlich«, sagte er. »Wir haben ihn vielleicht falsch beurtheilt, als wir dachten, daß er sich nichts aus Musik mache. Glauben Sie, daß etwas Unpassendes dabei wäre, wenn ich ihm meinen Dank ausspräche? Vielleicht wäre es am besten, ich schriebe und legte zwei Billets zu dem Concerte meines Freundes bei. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, habe ich es auf mich genommen eine gewisse Anzahl Billets unterzubringen. «Mein Freund ist so begehrt —— es wäre Zuviel verlangt, wenn er umsonst singen sollte. Ich denke doch, ich schreibe —— gute Nacht.«

Als Miß Minerva mit ihren Schülerinnen allein war, sah sie nach der Uhr. »Bereitet Euch auf Eure Stunden für morgen vor«, sagte sie, und die Mädchen holten ihre Bücher.

Maria’s Bücher waren in tadellosem Zustande, aber die Seiten, über denen Zo in unendlicher Verlegenheit brüten, waren von müden Fingern zerknittert und von zahllosen Thränen befleckt. O Wissen, vor dem unsere Stammeltern gnädig bewahrt waren, wer will die Sünden und Thorheiten zählen, die in Deinem Namen begangen sind!

Miß Minerva aber lehnte sich in ihren Lehnstuhl zurück und beschäftigte sich mit der mysteriösen Frage in Betreff der Anwesenheit Ovid’s bei dem Concerte. Die harten schwarzen Augen auf die Decke richtend, horchte sie auf etwaige Töne von oben, und dachte immer wieder bei sich: »Was sie jetzt wohl oben machen?«



Kapiteltrenner

Capitel VI.

Mrs. Gallilee war ebenso gewandt in der Praxis »der Häuslichkeit als in der Theorie« der Akustik und Ohnmachtsanfälle. Wenn es sich darum handelte, sich geschmackvoll zu kleiden, Diners erfindungsreich anzuordnen, der Tafel mit Grazie zu präsidieren und die Gäste sich behaglich fühlen zu lassen, widerspenstige Domestiken zur Raison zu bringen und unehrliche Lieferanten zu entlarven, so suchte sie unter den am wenigsten intellectuellen Frauen ihres Gleichen. Die von ihr angeordneten Vorbereitungen für die Aufnahme ihrer Nichte waren schon vorher bis in’s kleinste Detail vollendet. Ein einladendes Schlafzimmer in Blau öffnete sich auf Carmina’s unwiderstehliches Wohnzimmer in Braun. Die Ventilation war in Ordnung, Licht und Schatten waren vertheilt und die Blumen unter Mrs. Gallilee’s unfehlbarer Aussicht reizvoll placirt. Ehe sich noch Carmina von ihrer Ohnmacht erholt, hatte sie schon eine zweite Mutter gefunden, die diese Rolle zur Vollkommenheit spielte.

Aber dennoch befanden sich die gegenwärtig in diesem reizenden Wohnzimmer anwesenden vier Personen einander gegenüber in unerträglicher Verlegenheit.

Nachdem Ovid kurz vorher erst seiner Mutter erklärt hatte, daß er Musik hasse, hatte dieselbe ihn in einem Concerte getroffen, wo er sich beeilt, einer ohnmächtig gewordenen jungen Dame Beistand zu leisten und zwar mit einer Aengstlichkeit und Besorgniß, als ob es sich um eine nahe, theure Freundin handele. Und dennoch hatte er, als es sich herausstellte, daß die Fremde eine Verwandte seiner Mutter sei, darüber ein nicht minder großes Erstaunen bekundet als Mrs. Gallilee selbst. Wie waren diese Widersprüche zu erklären?

Dabei trug Carmina’s Betragen dazu bei, die Sache noch mysteriöser zu machen. Weshalb ging dieselbe zu einem Concerte, anstatt ihre Tante aufzusuchen? Und wenn sie ohnmächtig wurde, während doch die Hitze im Saale sonst niemanden überwältigt hatte, warum hatte sie sich nicht in der gewöhnlichen Weise zu erholen vermocht? Da lag sie auf dem Sopha und wurde, wenn sie angeredet wurde, abwechselnd roth und blaß, fühlte sich unbehaglich in dem comfortablesten Hause Londons, scheu und verwirrt in der Obhut ihrer besten Freunde. Selbst wenn man einem sensitiven Temperamente alle Zugeständnisse machen wollte, konnten eine lange Reise von Italien nach England und das kindische Entsetzen beim Anblick des Ueberfahrens eines Hundes einen solchen Zustand allein erklären?

Aber trotz ihrer Verstimmung hierüber war Mrs. Gallilee eine viel zu kluge Frau, um Fragen zu stellen, die vielleicht in Zukunft Unannehmlichkeiten nach sich ziehen könnten; sie versuchte nur durch arglose Plaudereien sich ein wenig Licht zu verschaffen.

Die runzelige Duenna, die in größtem Unbehagen auf dem Atlasstuhle mit den gebrechlich zarten vergoldeten Beinen saß, schien von ihrer jungen Herrin auch den Gefühlston anzunehmen, genau so wie ihre Befehle. Vergeblich sprach Mrs. Gallilee erst Englisch und dann Französisch mit ihr; das eine Experiment mißlang ebenso wie das andere —— die Alte schien sich zu fürchten, sie nur anzusehen.

Ovid selbst war ebenso schwierig zu ergründen. Er antwortete natürlich, wenn seine Mutter ihn anredete, aber immer kurz und in demselben abwesenden Tone; stellte selbst keine Fragen und ließ sich zu keinen Erklärungen herbei. Das Gefühl der Verlegenheit hatte bei ihm unerklärliche Veränderungen bewirkt. Die ruhige Milde, mit der er Carmina die nöthige Aufmerksamkeit erwies, zeigte ihn in einem ganz neuen Lichte; denn während sein Benehmen gegen Patienten, einerlei ob Frauen oder Männer, sonst gewöhnlich ein ziemlich abruptes war, da er bei seiner schnellen Fassungskraft den Leuten, wenn sie ihre Symptome beschrieben, die Worte aus dem Munde zu nehmen pflegte, saß er jetzt da und betrachtete seine blasse kleine Cousine mit einer wunderbar anzusehenden Aufmerksamkeit und Geduld und lauschte den ganz gewöhnlichen conventionellen Worten, die in Zwischenräumen über ihre Lippen kamen, als ob es bei seinem Gesundheitszustand und der damit verbundenen zweifelhaften Aussicht in die Zukunft kein ernsteres Interesse gäbe, das seinen Geist beschäftigen könnte.

Mrs. Gallilee konnte es nicht länger ertragen. Hätte sie nicht absichtlich ihre Phantasie verkommen lassen und jedes zärtlichere Gefühl, das ihr Herz einst empfunden haben mochte, aus diesem verwiesen, so würde das sonderbare Benehmen ihres Sohnes sie interessiert haben, anstatt sie zu verwirren. So aber ließ ihre wissenschaftliche Bildung sie bei Fragen, bei denen es sich um Empfinden handelte, so vollständig im Dunkeln, als ob sie ihre Erfahrungen von der Menschheit in ihrem Verhältniß zur Liebe auf den Cannibaleninseln gesammelt hätte. Sie entschied sich dafür, ihre Nichte zu verlassen, damit dieselbe sich ausruhen könne, und ihren Sohn mit aus dem Zimmer zu nehmen.

»Bei Deinem gegenwärtigen Gesundheitszustande Ovid«, begann sie, »darf Carmina Deinen ärztlichen Rath nicht annehmen.«

Etwas in diesen Worten fiel Ovid auf und er antwortete etwas heftig. »Du sprichst, als ob sie ernstlich krank wäre!«

Carmina’s anmuthiges Lächeln ließ ihn hier innehalten. »Wer weiß, was geschehen kann«, bemerkte sie scherzhaft.

»Das verhüte Gott!« erwiderte er mit solcher Wärme daß ihn alle Drei überrascht ansahen.

»Ovid ist so furchtbar überarbeitet, liebe Nichte«, sagte Mrs. Gallilee ruhig, »daß ich mich wirklich freue, daß er seine Praxis aufgegeben hat und morgen abreist. Wir wollen Dich jetzt mit Deiner alten Freundin allein lassen. Wenn Du etwas bedarfst, so klingele, bitte.« Dann warf sie Carmina eine Kußhand zu, winkte ihren Sohn und ging nach der Thür.

Teresa sah sie an und dann plötzlich wieder weg. Gallilee blieb bei einer Chiffoniere stehen und änderte etwas in dem Arrangement des Porzellans auf derselben. Die Duenna folgte ihr auf den Zehenspitzen und tupfte sie mit dem Zeigefinger und dem kleinen Finger auf den Rücken, aber so leise, daß sie es nicht merkte. Dann stahl die Alte sich wieder auf ihren Platz zurück und flüsterte auf Italienisch vor sich hin: »Der böse Blick.«

Weder Ovid noch seine Cousine hatten das Thun der Alten bemerkt. Ersterer erhob sich widerstrebend von seinem Platze an Carmina’s Seite, die ihn in dankbarer Empfänglichkeit für seine kleinen Aufmerksamkeiten mit unschuldiger Vertraulichkeit zurückhielt. »Ich muß Ihnen danken«, sagte sie einfach; »es kommt einem wirklich hart vor, daß Sie, der Sie andere heilen, selbst unter Krankheit leiden.«

Teresa hatte beide mit Interesse beobachtet und kam jetzt ein wenig näher, wobei ihre glänzenden Augen forschend und eifersüchtig auf Ovid’s Gesichte ruhten. Mr. Gallilee erinnerte ihren Sohn, daß sie auf ihn warte; er hatte aber noch einige letzte Worte zu sagen. »Heilige Teresa, meine Schutzpatronin, zeige mir die Seele dieses Mannes in seinem Gesichte«, murmelte die Duenna vor sich hin, als sie sich vom Sopha zurückzog, ohne die Augen von Ovid abzuwenden. Endlich nahm derselbe Abschied. »Ich werde morgen kommen und nachsehen, wie es Ihnen geht, ehe ich fortgehe«, sagte er und nickte dann Teresa freundlich zu. Diese war aber damit nicht zufrieden, sondern wollte mehr haben und fragte ihn, ob sie ihm die Hand schütteln dürfe. Mrs. Gallilee gehörte in der Politik zu den Liberalen, aber nie waren ihre Grundsätze so auf die Probe gestellt worden, als jetzt bei dieser Frage der Alten. Als Teresa dann Ovid’s Hand mit fühlbarer Energie zusammenpresste, dabei sich bemühend, ihm seinen Charakter aus dem Gesicht zu lesen, fragte er lächelnd, was sie sähe, das sie interessiere. »Einen braven Mann, hoffe ich«, antwortete sie so ernst, daß Carmina und Ovid sich des Lachens nicht enthalten konnten. »Lacht, wenn es besser am Platze ist«, verwies Teresa sie wie ein paar Kinder, »jetzt paßt es sich nicht.« Als Ovid seiner Mutter die Thür öffnete, stand die Duenna aufgerichtet in der Mitte des Zimmers und sah ihr nach, dabei wieder vor sich hin flüsternd: »Der böse Blick!«

Beim Hinabsteigen der Treppe meldete der Bediente Mrs. Gallilee, daß »Mr. Mool« in der Bibliothek sei.

»Hast Du für die nächste halbe Stunde etwas vor, Ovid?« fragte Mrs. Gallilee.

»Du wünschst, daß ich Mr. Mool sehe? Wenn es sich um eine Rechtssache handelt, werde ich, fürchte ich, nicht eben nützlich sein können.«

»Der Anwalt ist mit einer Copie des Testamentes des seligen Onkels hier«, antwortete Mrs. Gallilee. »Es ist vielleicht von einigem Interesse für Dich, und ich dächte, Du solltest es Dir anhören.«

Ohne besondere Neigung dazu zu bekunden, stellte Ovid die müßige Frage: »Ich habe von dem Auffinden des Testaments gehört —— sind romantische Umstände damit verbunden?«

»Was für ein Kind bist Du doch noch in manchen Dingen!« entgegnete seine Mutter, ihn mit einem Ausdruck launiger Verachtung betrachtend. »Hast Du etwa kürzlich einen Roman gelesen? Sie fanden das Testament in Italien, als sie sich endlich entschlossen hatten, die Möbel in Onkels Zimmer zu zerschlagen. Es war in einem alten, wurmstichigen Secretair, der ganz mit unnützen Papieren vollgestopft war, hinter einen Auszug gequetscht. Gott sei Dank! es ist nichts Romantisches und, wie Mr. Mool’s Brief besagt, nichts dabei, das zu Mißverständnissen oder Streitigkeiten Anlaß geben könnte.«

Ovid zeigte sich noch vollständig gleichgültig und stellte es seiner Mutter anheim, ihn durch ein Wort zu benachrichtigen, falls er mit einem Legate bedacht sein sollte. »Ah bin nicht so sehr dabei interessiert, als Du«, erklärte er.

»Das sollte man denken!« meinte Mrs. Gallilee, die seine Einfalt amüsierte.

»Natürlich ist Dir ein ganzer Berg Geld zugeschrieben?« bemerkte er, augenscheinlich die ganze Zeit über an etwas Anderes denkend.

»Dein Kopf ist in einer schrecklichen Verfassung«, sagte seine Mutter. »Hast Du wirklich vergessen, was ich Dir erst gestern gesagt habe? Ich bin in dem Testamente zu Carmina’s Vormund ernannt.«

Er stutzte, als seine Mutter ihn an diesen Umstand erinnerte. »Sonderbar«, sagte er zu sich selbst, »daß ich nicht daran dachte, als ich die Zimmer für Carmina in Stand setzen sah.« Seine Mutter, die ihn sorgfältig betrachtete, bemerkte das Aufhellen seines Gesichtes. Ein neues Interesse war erweckt, das ihn plötzlich seine Ansicht ändern ließ.

»Du mußt einem Ueberarbeiteten schon etwas zugute halten«, sagte er. »Du hast Recht, ich sollte das Verlesen des Testamentes anhören —— ich stehe Dir also zu Diensten.«

Jetzt endlich zog Mrs. Gallilee die richtige Folgerung, machte aber weiter keine Bemerkung; nur unter dem Puder und der Farbe schien sich etwas schwach zu regen. Sollte sich eine weichere Bewegung an die Oberfläche arbeiten wollen? Unmöglich!

Hätten sie, ehe sie die Bibliothek betraten, ein zufälliges Geräusch auf der Treppe beachtet, so hätten sie vielleicht Miß Minerva bemerkt, die forschend über die Balustrade des oberen Treppenabsatzes lugte, und wären dann möglicherweise auf den Argwohn gekommen, daß die Gouvernante durch die offenstehende Thür des Schulzimmers ihre Unterhaltung belauscht hätte.



Kapiteltrenner

Capitel VII.

Die Bibliothek in Fairfield Gardens besaß außer den Büchern noch zwei besondere Reize: sie öffnete sich auf ein Gewächshaus und war mit einem wundervollen, von ihrem Bruder gemalten Portrait Mrs. Gallilee’s geschmückt.

Während Mr. Mool das Erscheinen des schönen Originals erwartete, sah er das Portrait an und ließ dann die Geschichte der Familie Mrs. Gallilee’s an seinem Geiste vorüberziehen, und —— wird man es von einem Rechtsanwalt glauben? —— Mr. Mool erröthete. Mr. Mool hatte einen Fehlgriff in der Wahl seines Berufes gemacht und das Resultat war nun —— ein schüchterner Anwalt.

Um die Vorgänge beim Vorlesen des Testamentes verständlicher zu machen, wollen wir in die Geschichte der Familie zurückgreifen, die ja unter diesen Umständen —— da sie nämlich mit dem Erröthen eines Rechtsanwaltes zusammenhängt —— für den Augenblick eine gewisse Wichtigkeit hat und im Voraus einer günstigen Aufnahme sicher ist —— denn es dreht sich dabei Alles um Geld.

Der alte Robert Graywell begann sein Leben als Sohn eines kleinen Farmers; man hielt ihn allgemein für ziemlich exzentrisch, trotzdem machte er als Kaufmann in der City von London sein Glück und besaß, als er sich vom Geschäfte zurückzog, ein Haus und ein Landgut und dazu ein hübsches Vermögen, das in sicheren Fonds angelegt war.

Seine Frau hatte ihm drei Kinder geschenkt: einen Sohn, Robert, und zwei Töchter, Maria und Susanne. Der Tod der Mutter, die er innig liebte, war der erste ernste Schlag seines Lebens und er zog sich nach demselben als ein mürrischer, gebrochener Mann auf sein Landgut zurück. Liebende Gatten sind nicht nothwendig auch zärtliche Väter, und dem alten Robert boten seine Töchter beim Tode ihrer Mutter keinen Trost, ja, ihre ängstliche Besorgniß wegen der Trauerkleider ekelte ihn so an, daß er ihnen aus dem Wege ging. Mit ihren Aussichten im Leben war kein außergewöhnliches Interesse verknüpft: sie würden sich verheirathen —— und dann würde es mit ihnen aus sein. Was den Sohn anbetraf, so war derselbe längst außerhalb des beschränkten Bereichs der väterlichen Sympathie getreten. Einmal hatte es seine Unbrauchbarkeit für den kaufmännischen Beruf nöthig gemacht, das Geschäft in fremde Hände zu geben, und zweitens stellte es sich heraus, daß der junge Robert, ohne daß ein Erbeinfluß vorlag und trotzdem Alles dagegen gethan wurde, ein geborener Maler war. Einer der größten Künstler jener Zeit sah die ersten Versuche des Knaben und drückte sein Urtheil in den Worten aus: »Schade, daß er mit dem Pinsel nicht sein Brod zu verdienen braucht!«

Beim Tode des alten Roberts sahen sich seine Töchter, um ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen, aus ein elendes Legat von zehntausend Pfund für jede angewiesen. Die Besitzung und das Hauptvermögen erbte ihr Bruder —— indeß nicht etwa, weil dem Alten daran lag, eine Familie zu gründen, sondern weil der Junge immer der Liebling der Mutter gewesen war.

Von den drei Kindern verheirathete sich die älteste Schwester, Maria, zuerst, indem sie sich glücklich schätzte, Mr. Vere zu erobern, einen Mann aus alter Familie, der eine hohe Meinung von dem, was er seinem Namen schulde, besaß. Derselbe hatte ein genügendes Einkommen und brauchte nicht mehr, darum wurde die Mitgift seiner Frau dieser selbst zugeschrieben. Als er starb, hinterließ er ihr eine Leibrente von sechshundert Pfund jährlich, was mit den Zinsen ihres eigenen kleinen Vermögens ein jährliches Einkommen von eintausend Pfund machte. Der Rest von Mr. Vere’s Vermögen war seinem einzigen, ihn überlebenden Kinde Ovid zugeschrieben.

Mit einem Einkommen von jährlich eintausend Pfund für sich und zweitausend für ihren Sohn bei dessen Mündigwerden hätte die verwittwete Maria ganz zufrieden sein können —— wenn nicht Susanne so anmaßend gewesen wäre, sich, trotzdem sie an Alter sowohl als an Schönheit hinter ihr rangierte, in dem Wettrennen um einen Gatten den ersten Preis zu holen.

Bald nach der Hochzeit der Aelteren hatte die Jüngere die Eroberung eines schottischen Edelmannes gemacht, der in London und in Schottland ein Palais besaß und dazu eine Rente von vierzigtausend Pfund hatte. Das konnte Maria, wie sie sich ausdrückte, nie überwinden, und seit dem Tage, an welchem Susanne Lady Northlake geworden war, wurde erstere eine ernste Frau, deren ganzes irdisches Interesse sich jetzt auf die Bildung ihres Geistes concentrirte. Sie betrat die erhabene Laufbahn, die sie mit dem Vormarsch der Wissenschaft verband, und war —— ein Beispiel dessen, was eine entschlossene Frau zu leisten vermag —— ein Jahr später mit den fossilen Zoophyten vertraut und hatte das Nervensystem der Biene secirt.

Hatte sie denn in ihrem ehelichen Leben keinen Gegenreiz?

Nur sehr wenig, denn Mr. Vere sympathisierte mit dem wissenschaftlichen Streben seiner Frau nicht. Und fand sie nach dem Tode des Gatten keinen Trost in ihrem Sohne? Wir wollen sie selbst sprechen lassen: »Mein Sohn füllt mein Herz, aber die Schule, die Universität und das Hospital haben mir nacheinander seine Erziehung aus der Hand genommen, und mein Geist muß ebenso gut einen Gegenstand haben, um ihn zu füllen, wie. mein Herz.« Damit nahm sie ihre ausgezeichneten Instrumente auf und wandte sich wieder der Untersuchung des Nervensystems der Biene zu.

Im Laufe der Zeit kreuzte Mr. John Gallilee den Pfad der Wissenschaft. Die verwitwete Mrs. Vere war noch eine schöne Frau, deren »Stil« es ihm angethan hatte; und Mr. Gallilee besaß fünfzigtausend Pfund. Wenn das nun auch nur um ein Geringes mehr war, als ein Jahreseinkommen des Schwagers und Mylady’s, ihrer Schwester, so vermehrte es doch, zu vier Procent angelegt, Mrs. Vere’s Einkommen um weitere zweitausend Pfund jährlich, so daß ihre Einnahme dann jährlich dreitausend Pfund betragen würde —— mit der Zugabe Mr. Gallilee’s selbst. Sie überlegte und akzeptierte, und Susanne hatte nun nicht mehr länger dadurch eine Auszeichnung vor der Schwester, daß sie ihre Kleider in Paris machen ließ, und Mrs. Gallilee war nicht länger mehr der Entwürdigung ausgesetzt, einen Platz in Lady Northlake’s Equipage annehmen zu brauchen.

Was war nun während dieser Zeit aus Robert geworden? Nun —— um es kurz zu sagen, Robert hatte den Seinigen Schande gemacht.

Als der neue Squire von seinem Eigenthum Besitz ergriffen hatte, wurde er eingeladen, zu den Ausgaben für die Hundemeute der Fuchsjagd beizusteuern, die durch Subscription der Grafschaft erhalten wurde, und ihm der Rath gegeben, sich mit den Sportsmen durch Veranstaltung eines Jagdfrühstückes bekannt zu machen. Obgleich er sehr höflich antwortete, ließ sich die Thatsache nicht verbergen, daß er sich weigerte, die Jagd zu unterstützen. Er fand dies noble Vergnügen einfältig und roh und lehnte es aus demselben Grunde ab, Füchse zu hegen. Eins blieb noch über, wodurch er anstoßen konnte, und auch das kam, indem er nämlich wohl den Besuch des Pfarrers erwiderte, es aber unterließ, in der Kirche zu erscheinen. Nun war vorauszusehen, daß seines Bleibens auf dem Gute nicht lange sein würde; und als er seine Skizzen der malerischen Partien der Besitzung vollendet hatte, verschwand er denn auch wieder. Die Besitzung war kein Majorat; der alte Robert, so genau er auch in den geringsten Details und Formalitäten in der Fürsorge für seine Gattin gewesen, so gleichgültig war er in Bezug auf die Zukunft seiner Kinder. »Das Vermögen hat jetzt in meinen Augen keinen Werth mehr«, sagte er zu weiter sehenden Freunden; »meinetwegen können sie Alles durchbringen. Es würde ganz gewiß gut für sie sein, wenn sie sich, wie so viele Bessere, ihr Brod verdienen müßten.« Da Robert mit dem Gute also machen konnte, was er wollte, so verkaufte er es, nur um es los zu werden, und da er keine kostspieligen Neigungen hatte, außer der Gemälde zu kaufen, so war er reicher denn je.

Das Nächste, was seine Schwestern, Lady Northlake und Mrs. Gallilee von ihm hörten, war, daß er freiwillig in’s Exil nach Italien gegangen sei, sich ein prächtiges Atelier baue, eine Serie von Gemälden zu schaffen beabsichtige und zum ersten Male in seinem Leben sich wahrhaft glücklich fühle.

Dann verging wieder einige Zeit, ehe seine Schwestern etwas weiteres von ihm hörten. Nicht zufrieden damit, daß er damals das Schicklichkeitsgefühl seiner Nachbarn in England beleidigt hatte, mußte er sich jetzt auch noch in der Dichtung seiner Familie herabwürdigen, indem er ein »Modell« heirathete. In dem Briefe, in welchem er ihnen dies mittheilte, erklärte er der Wahrheit gemäß, daß der Ruf des Mädchens über jeden Vorwurf erhaben sei. Sie saß den Künstlern nur für den Kopf, wie jede Dame dem Künstler sitzt, von dem sie sich malen läßt. Ihre Eltern erwarben sich durch Beackerung ihres Stückchen Landes einen dürftigen Unterhalt; aber es waren ehrliche Leute. Und was machte sich Bruder Robert aus Rang und Stand! Sein Großvater war ja selbst Farmer gewesen.

Lady Northlake und Mrs. Gallilee waren es sich selbst schuldig, wegen der Schwägerin eine Consultation zu halten, unt die Frage zu entscheiden, ob es in ihrem gesellschaftlichen Interesse wünschenswerth sei, Robert von nun an fallen zu lassen.

Susanne neigte, wie ihr gutherziger Gatte es ihr vorher gerathen hatte, auf die Seite der Milde. Robert’s Brief unterrichtete sie, daß er in Italien zu bleiben und zu sterben gedenke; und wenn er bei diesem Entschlusse blieb, so war ja seine Heirath immerhin ein erträgliches Mißgeschick für die Verwandten in London. »Ich dächte, wir schrieben an ihn«, schloß Susanne, »und sagen ihm, daß wir allerdings überrascht seien, aber nicht daran zweifelten, daß er am besten urtheilen und handeln würde; daß wir Mrs. Robert unsere Glückwünsche darbrächten und ihm die aufrichtigsten Wünsche für sein Glück sendeten.«

Lady Northlake fand zu ihrem Erstaunen Mrs. Gallilee bereit, die Sache von diesem milden Gesichtspunkte aus zu betrachten, ohne ein Wort des Einwandes dagegen zu erheben. Mrs. Gallilee hatte allerdings ihre Gründe dazu, die aber einer Dame, deren Gatte über ein Einkommen von jährlich vierzigtausend Pfund verfügte, besser verschwiegen blieben —— Robert hatte ihre Schulden für sie bezahlt.

Eine Einnahme von dreitausend Pfund repräsentiert selbst heutzutage ein ganz hübsches Auskommen —— vorausgesetzt, daß man der Gesellschaft nichts »schuldig« ist. Für Mrs. Gallilee repräsentierte es aber nur ein glänzendes Elend. Sie gerieth wieder in Schulden und rechnete in Zukunft auf den Geldbeutel ihres Bruders. Ein reizender Brief an Robert schloß daher: »Schicke mir auf jeden Fall eine Photographie Deiner liebenswürdigen Frau!« Als das arme »Modell« einige Jahre darauf mit Hinterlassung eines Töchterchens starb, lag Mrs. Gallilee ihren Bruder an, nach England zurückzukehren. »Komm, theuerster Robert«, schrieb sie, »um Trost und ein Heim unter dem Dache Deiner Maria zu finden.«

Aber Robert blieb in Italien und wurde dort begraben. Bis zu seinem Tode hatte er dreimal die Schulden seiner älteren Schwester bezahlt, und diese hoffte als Dank für seine freigebige Hilfe sich bei jedem Male mit einem größeren Legate in seinem Testamente bedacht zu sehen, für den Fall, daß sie ihn überleben sollte.

Mr. Mool wußte nun als Sachwalter der Familie, welche Summe Mrs. Gallilee von ihrem Bruder gezogen hatte, und wußte auch, daß diese so geleisteten Vorschüsse als Äquivalent eines etwaigen Legates angesehen worden waren, auf welches sie sonst als Schwester einen gewissen Anspruch gehabt haben möchte. Es wäre also seine Pflicht gewesen, sie darauf vorzubereiten, als sie ihn im Allgemeinen über das Testament befragt hatte; aber er hatte nichts davon gesagt. Und weshalb? Weil er sich —— kurz und bündig ausgedrückt —— vor ihr fürchtete. Jetzt schämte er sich vor sich selbst und machte sich Vorwürfe darüber, und daher kam das auf dem Gesichte eines Rechtsanwalts so befremdende Erröthen.



Kapiteltrenner

Capitel VIII.

Als Mrs. Gallilee in die Bibliothek trat, klopften Mr. Mool’s Pulse schneller; derselbe faßte sich aber, sobald er ihren Sohn ihr folgen sah. nach besonderer Vereinbarung mit dem Sachwalter war Ovid in Betreff der Angelegenheiten seiner Mutter stets in Unkenntniß gehalten worden. Wie erbittert sie auch während der nächsten fünf Minuten sein mochte, so konnte sie doch unmöglich ihrer Entrüstung in Gegenwart ihres Sohnes Ausdruck geben.

Freudige Erwartung übt auf weibliche Schönheit den glücklichsten Einfluß, und so sah denn mrs. Gallilee an diesem Tage auffallend gut aus. Sie trug bei ihrem ziemlich runden und vollen Gesicht ihr (nicht mehr von Natur jugendlich gefärbtes) Haar in einem Fransensaum über der Stirn, den auf jeder Seite zwei reizende kleine Löckchentrauben im Gleichgewicht hielten. Der um Robert angelegte Traueranzug war seines Pariser Ursprungs würdig und hob die blühende Gesichtsfarbe und die Weiße des Nackens —— die ebenfalls beide ihres Pariser Ursprungs würdig waren —— in vortheilhaftester Weise. Sie sah aus wie ein mit Leben begabtes Portrait aus der Zeit Karls des Zweiten.

»Nun, wie geht es Ihnen, Mr. Mool? Haben Sie sich meine Farne angesehen?«

Die Farne waren an dem Eingange zum Gewächshause gruppiert und sicherlich dem Rechtsanwalte, der selbst ein Treibhaus besaß und ein enthusiastischer Botaniker war, nicht entgangen. Es fiel ihm jetzt ein, daß ihm diese Farne als Blitzableiter einen harmlosen, nützlichen Dienst leisten könnten, während er unschuldig unangenehme Resultate zu Tage förderte. »Ehe sie noch ein Wort spricht, fühlt man ihre Augen Einem wie ein Messer durch und durch gehen« dachte er, sich sammelnd.

»Ersparen Sie uns, bitte, das Technische«, fuhr Mrs. Gallilee fort, dabei auf die auf dem Tische liegenden Documente zeigend. »Ich möchte meine Pflichten gegen Carmina genau kennen lernen: und nebenbei interessiert es mich natürlich auch einigermaßen, ob Lady Northlake’s in dem Testamente gedacht ist.«

Mrs. Gallilee sagte nie »meine Schwester« und gebrauchte auch im Familienkreise nie den Taufnamen »Susanne«. Das grenzenlose, durch die glänzende Heirath derselben in ihr erweckte Gefühl der Beleidigung bekundete sich darin, daß sie ihre Schwester immer in der vollen Entfernung hielt, indem sie nie den Titel derselben vergaß.

Als Mr. Mool begann: »Das an erster Stelle im Testamente erwähnte Legat ist ein solches für Lady Northlake«, wurde das Gesicht Gallilee’s hart wie Eisen. Sobald er aber fortfuhr: »Es sind einhundert Pfund und zum Ankauf eines Trauerringes bestimmt«, wurden ihre Augen beredt und sprachen so klar wie in Worten: »Dem Himmel sei Dank!«

»Das sieht dem anspruchslosen Sinne Deines Onkels ganz ähnlich«, bemerkte sie gegen ihren Sohn. »Jedes andere Legat für Lady Northlake wäre einfach absurd gewesen. Nicht wahr, Mr. Mool? Vielleicht folgt nun mein Name?«

Der Angeredete warf einen Seitenblick nach den Farnen. Wie er seine Gefühle später einmal beschrieb, erinnerten sie ihn an einen schrecklichen Augenblick, als einst der Zahnarzt vor seinem Stuhle gestanden und das höllische Instrument in der Hand verborgen haltend, gesagt hatte: »Lassen Sie sehen.« Die Situation war auch wirklich kritisch genug und Ovid machte sie durch einen schwachen Scherz noch entsetzlicher »Was willst Du haben, Mutter, wenn ich mit Dir tausche?«

Um noch Schlimmeres zu verhüten, nahm Mr. Mool die Energie der Verzweiflung zusammen, las aber diesmal klugerweise den genauen Wortlaut des Testamentes: »Und ich vermache meiner Schwester, Mrs. Maria Gallilee, einhundert Pfund.«

Ovid? Erstaunen konnte sich nur durch eine Handlung Ausdruck verschaffen —— er sprang auf die Füße.

»Frei von Legatspflichten, zum Ankauf eines Trauerringes —— ——« fuhr Mr. Mool im Lesen fort.

»Unmöglich!« rief Ovid.

»Und meine Schwester wird das Motiv verstehen, das mich veranlaßt, dies Vermächtnis zu machen«, vollendete der Anwalt, legte dann das Testament auf den Tisch und wagte aufzustehen. Gleichzeitig wandte sich Ovid, von den letzten Worten, deren Bedeutung er zu erfahren wünschte, betroffen, nach seiner Mutter zur Seite.

Zum Glück für sie erfuhren die beiden Männer nie, was ihre Ruhe jenem einen Momente des Zögerns zu verdanken hatte; Hätten sie Mrs. Gallilee einen Augenblick früher angesehen, sie hätten den leibhaftigen Satanas aus ihrem Gesichte blicken sehen und in ihren Augen und auf den Lippen eine Warnung lesen können, jenen übernatürlichen Schriftzügen gleich, die dem Monarchen des Ostens seinen bevorstehenden Tod verkündigten. »Sieh’ dies Weib an und erkenne, was ich mit ihr zu thun vermag, wenn sie ihren guten Engel von sich gewiesen und mir ihre Seele ausgeliefert hat.«

Als aber ihr Sohn und der Sachwalter sie ansahen, war ihr Gesicht wieder gefaßt, hatte sie ihre Stimme wieder in der Gewalt und ihre Fähigkeit zum Täuschen in Bereitschaft. All jene verderblichen Eigenschaften ihrer Natur, die eine sorgfältigere und klügere Erziehung durch Entfaltung unthätig schlummernder, erhaltender Einflüsse in Schach gehalten haben möchte, wurden jetzt wieder in ihre Schlupfwinkel zurückgetrieben und ließen nur die schwächste Spur ihres momentanen Auftauchens zurück. Das Athemholen schien sie Anstrengung zu kosten und ihre Augenlider senkten sich schwer: das war aber auch Alles.

»Ist es Dir hier im Zimmer zu heiß?« fragte Ovid.

»Unsinn!« rief sie gereizt, denn wenn die Frage auch ganz harmlos war, so ärgerte sie doch in diesem Momente das Fragen überhaupt.

»Die Atmosphäre des Gewächshauses ist voll belebender Düfte«, bemerkte Mr. Mool. »Entdecke ich unter den köstlichen Wohlgerüchen den des wohlriechenden amerikanischen Farnkrautes? Darf ich, wenn ich mich irre, Ihnen einige Exemplare des duftigen Frauenhaares aus meinem kleinen Treibhause senden?« fragte er mit überredendem Lächeln; und die Farne rechtfertigten bereits sein Vertrauen zu ihnen als Friedensstifter und Blitzableiter, denn die schrecklichen Augen ruhten gnädig auf ihm. Nicht die versteckteste Anspielung auf sein Schweigen in Betreff des Legates entschlüpfte ihr. Warnte sie der kunstlos plötzliche Versuch, das Thema zu ändern, auf ihrer Hut zu sein? Jedenfalls dankte sie ihm mit bereitester Höflichkeit für sein freundliches Anerbieten und fragte ihn, ob sie ihn bemühen dürfe, sie das Testament sehen zu lassen.

Aufmerksam las sie die Schlußworte der Clausel, welche ihren Namen enthielt —— »Meine Schwester wird das Motiv verstehen, das mich veranlaßt, dies Vermächtnis zu machen« —— und gab Mr. Mool das Testament zurück. Ehe dann Ovid noch fragen konnte, war sie mit einer plausiblen Erklärung bei der Hand.

»Als Dein Onkel heirathete und Vater wurde«, bemerkte sie, »galten ihm die an ihn herantretenden Ansprüche am höchsten. Er wußte, daß ein Zeichen der Erinnerung (je kleiner, desto besser) das Höchste sein würde, was ich annähme, wenn er mich überlebte. Bitte, fahren Sie fort, Mr. Mool.«

Ovid hatte mit seinem verstorbenen Onkel das Eine gemein, daß beide zu jenen hochherzigen Menschen gehörten, die nur schwer einen Argwohn schöpfen und deshalb leicht zu täuschen sind. Zärtlich die Hand seiner Mutter ergreifend, sagte er:

»Ich hätte es wissen sollen, ohne daß Du es mir zu sagen brauchtest.«

Mrs. Gallilee erröthete nicht, wohl aber Mr. Mool.

»Fahren Sie fort!« wiederholte erstere, und der Rechtsanwalt sah Ovid an. »Der nächste Name ist der Ihrige Mr. Vere.«

»Bedenkt mein Onkel mich ebenso wie meine Mutter?« fragte Ovid.

»Ja, und ich muß Ihnen sagen, dem Vermächtnis ist ein sehr hübsches Compliment zugefügt. »Ich brauche meinem Neffen« (so sagt Ihr seliger Herr Onkel) »keinen größeren Beweis davon zu geben, daß ich seiner gedenke, da sein Vater schon für ihn gesorgt hat und er sich mit seinen seltenen Talenten durch die Ausübung seines Berufes noch ein Vermögen dazu erwerben wird.« Sehr schmeichelhaft Mrs. Gallilee, nicht wahr? Die nächste Clausel bedenkt die gute alte Wirthschafterin Teresa und deren Mann, falls derselbe sie überlebt, folgendermaßen ——«

»Wir können das, denke ich, übergehen«, meinte Mrs. Gallilee, die die Ungeduld erfaßte, mehr von sich selbst zu hören. »Nehmen Sie das, was sich auf Carmina und mich bezieht. Glauben Sie nicht, daß ich ungeduldig sei; ich wünsche nur ——«

Das Knurren eines Hundes im Gewächshause unterbrach sie. »Dies lästige Geschöpf!« sagte sie scharf; »ich, werde mich genöthigt sehen, es los zu werden!«

Als dann Mr. Mool nach der Thür ging, um den Hund aus dem Gewächshause zu jagen, hielt sie, reizbar wie immer, ihn an der Schwelle zurück.

»Nicht doch, Mr. Mool! Man kann dem Charakter dieses Hundes nicht trauen, das beweist er gegen Miß Minerva, meine Gouvernante —— gerade so knurrt er stets, sobald er sie zu sehen bekommt. Wahrscheinlich wittert er Sie. Sehen Sie! da kläfft er schon! Sie machen ihn nur noch schlimmer. Kommen Sie zurück!«

Da er einmal an der Thür war, so benutzte der sanfte Rechtsanwalt wiederum die Farne als Friedensstifter, indem er einen Wedel nahm und sich in einen: Zustande milder Bewunderung zu seinem Platze zurückbegab. »Dies reizende Farnkraut!« sagte er weich. »Ein wirklich schönes Exemplar von Osmunda regalis, Mrs. Gallilee. Welche Welt von Schönheit in diesem doppeltgefiederten Wedel! Man weiß kaum, wo der Stiel aufhört und das Blatt beginnt!«

Der Hund, ein flinkes kleines Dachshündchen, trollte jetzt in die Bibliothek und begrüßte die Gesellschaft mit munterem Schwanzwedeln, Mr. Mool nicht ausgenommen. Auch nicht die Spur von Knurren entschlüpfte ihm; die Art und Weise, wie er zu Füßen der Hausherrin Platz nahm, widerlegte deren Verleumdung seines Charakters vollständig, und Ovid meinte, daß er möglichenfalls durch eine im Gewächshaus anwesende Katze gereizt worden wäre.

Mittlerweile schlug Mr. Mool eine Seite im Testamente um und kam zu den Clauseln, die sich auf Carmina und ihre Vormünderin bezogen.

»Ich darf mir erlauben«, begann er, »an erster Stelle zu erwähnen, daß das Miß Carmina hinterlassene Vermögen in runder Summe einhundertunddreißigtausend Pfund beträgt. Die Vollstrecker -—«

»Ueberschlagen Sie die«, sagte Mrs. Gallilee.

Mr. Mool überschlug dieselben.

»Sie sind zu Miß Carmina’s Vormünderin bestellt, bis sie majorenn wird«, nahm er dann seinen Vortrag wieder auf. »Heirathet sie in der Zwischenzeit ——«

Hier pausierte er, um eine Seite umzuwenden, während nicht nur Mrs. Gallilee, sondern auch Ovid mit dem tiefsten Interesse zuhörten. »Heirathet sie in der Zwischenzeit mit Einwilligung ihrer Vormünderin, so soll ihr und ihren Kindern ihr Vermögen wie folgt gesichert werden.«

»Und wenn ich ihre Wahl nicht billige?« warf Mrs. Gallilee fragend ein. Ovid sah sie an, um schnell wieder wegzusehen. Als sich sein Auge dabei auf den Hund richtete, sprang derselbe auf, um sich streicheln zu lassen; Ovid aber war zu sehr befangen, um es zu bemerken, und der Hund drückte über diese von seinem Freunde Ovid ihm zum ersten Male widerfahrene Rücksichtslosigkeit mit Augen und Ohren seine vorwurfsvolle Ueberraschung aus.

»Wenn die junge Dame eine Ehe eingehen will, die Sie mißbilligen«, antwortete Mr. Mool, »so bestimmt der Testator, daß Sie —— nun, wenn ich so sagen soll, einem von Mr. Gallilee und Lord und Lady Northlake gebildeten Familienrathe ihre Einwände vorzutragen haben.«

»Wie albern von Robert«, äußerte Mrs. Gallilee. »Und was hat dieser gemischte Rath der Drei zu thun, Mr. Mool?«

»Die Majorität in diesem Rathe soll die endgültige Entscheidung treffen, Mrs. Gallilee. Schließt dieselbe sich Ihrer Ansicht an, und besteht Miß Carmina trotzdem auf ihrem Entschlusse ——«

»Dann soll ich nachgeben?«

»Nicht eher, als bis Ihre Nichte mündig ist, gnädige Frau. Von da ab entscheidet sie selbst für sich.«

»Und tritt in den Besitz des Vermögens?«

»Nur in den Genuß von einem Theile desselben —— falls ihre Verwandten ihre Heirath mißbilligen.«

»Und was wird aus dem Reste?«

»Das Ganze soll von den Testamentsvollstreckern angelegt und bei ihrem Tode gleichmäßig unter ihre Kinder vertheilt werden.«

»Und wenn sie keine Kinder hinterläßt?«

»Der Fall ist in der letzten Clausel vorgesehen, Madam. Ich will hier nur sagen, daß Sie bei der Sache interessiert sind.«

Mrs. Gallilee machte eine schnelle Wendung gegen ihren Sohn. »Wenn ich einst nicht mehr bin«, sagte sie ernst, »hoffe ich, daß Du mein Andenken verteidigen wirst.«

»Dein Andenken verteidigen?« wiederholte Ovid, verwundert, was sie wohl meinen könnte.

»Wenn nun der Fall eintritt, daß ich bei der Verfügung über Robert’s Vermögen interessiert sein sollte —— was Gott ja verhüten möge! —— siehst Du dann nicht, was geschehen wird?« fragte seine Mutter bitter. »Lady Northlake wird sagen, ich hätte das durch Intrigen zuwege gebracht.«

Mr. Mool sah zweifelhaft nach den Farnen hinüber. Nein! seine Verbündeten waren nicht stark genug, den weiteren Erguß eines solchen Familiengefühls aufzuhalten; er konnte sich in dieser Bedrängniß nur auf die höhere Autorität des Testamentes verlassen.

»Verzeihen Sie, Mrs. Gallilee«, sagte er; »es sind noch einige weitere Instructionen vorhanden, die meiner Ansicht nach Ihres seligen Herrn Bruders liberales Fühlen in einem sehr interessanten Lichte zeigen. Dieselben beziehen sich auf die Fürsorge für seine Tochter, solange sie unter Ihrem Dache lebt. Miß Carmina soll zur Vollendung ihrer Ausbildung die besten Lehrer haben.«

»Gewiß!« rief Mrs. Gallilee eifrig.

»Und es soll ihr jederzeit ein Wagen zur Verfügung stehen.«

»Nein, Mr. Mool! Zwei Wagen —— in einem Klima wie dem unsrigen —— ein offener und ein geschlossener.«

»Und um diese und andere Unkosten zu bestreiten, sollen Ihnen jährlich eintausend Pfund zur Verfügung gestellt werden.«

»Das ist zu viel! zu viel!«

Mr. Mool hätte ihr vielleicht beigestimmt, wenn er nicht gewußt, daß Robert Graywell bei dieser außerordentlichen Fürsorge für seine Tochter gleichzeitig das Interesse seiner Schwester im Auge gehabt habe.

»Vielleicht ist Garderobe und Taschengeld darin eingeschlossen?« fragte Mrs. Gallilee.

»Mr. Mool schüttelte lächelnd den Kopf. »Mr. Graywell’s Großmuth hat keine Grenzen, wo es sich um seine Tochter handelt. Für Taschengeld und Kleidung soll Carmina jährlich fünfhundert Pfund erhalten.«

»Ist das nicht rührend?« appellierte Mrs. Gallilee an die Sympathie ihres Sohnes. »Die liebe Carmina! Mein Pariser Schneider soll ihr alle ihre Kleider machen. Nun, Mr. Mool?«

»Gestatten Sie mir, den folgenden Passus dem Wortlaute nach vorzulesen«, antwortete der Rechtsanwalt. »Wenn die Bethätigung ihres Wohlthätigkeitssinnes sie diese Summe überschreiten läßt, so autorisiere ich meine Vollstrecker hierdurch, dieselbe nach eigenem Ermessen bis auf eintausend Pfund jährlich zu erhöhen! Es klingt meinerseits vielleicht vermessen«, wagte Mr. Mool in schüchterner Bekundung seines Enthusiasmus zu bemerken, »aber man muß dabei denken, welch’ guter Vater! welch’ gutes Kind!«

Mrs. Gallilee hatte schon eine weitere passende Bemerkung aus den Lippen, als der unglückliche Hund sie wieder unterbrach, indem er plötzlich in das Gewächshaus schoß und ein lautes Kläffen anstimmte, worauf sich ein klirrendes Geräusch, wie von dem Fallen eines Blumentopfes herrührend vernehmen ließ.

Ovid eilte in das Gewächshaus und folgte dem Hunde, der die in den Hintergarten führenden Stufen hinunterraste.

Ein Topf lag zerbrochen auf dem Ziegelboden, und von der Schönheit der darin enthaltenen Blume angezogen, bückte sich Ovid, um dieselbe wieder aufzurichten. Wäre er statt dessen gleich nach der Gartenthür geeilt, so würde er eine Dame gesehen haben, die sich eiligst in das Haus begab, und in derselben, wenn ihm das Gesicht auch abgewandt gewesen, jedenfalls Miß Minerva erkannt haben. Als er nun die Thür erreichte, war der Garten leer. Er sah nach dem Hause auf und bemerkte die Gestalt Carmina’s an dem geöffneten Fenster ihres Schlafzimmers.

Auf dem holden jungen Gesicht lag ein trüber Ausdruck, der ihn bekümmerte. Dachte sie an die glückliche Vergangenheit? oder an die ungewisse Zukunft hier unter Fremden in dem fremden Lande? Als sie Ovid bemerkte, hellten sich ihre Augen auf, und dieser, dessen gewohnte Kälte gegen Frauen sofort dahinschmolz, warf ihr eine Kußhand zu. Sie gab den ihr von Italien her so vertrauten Gruß mit ihrem sanften Lächeln zurück und sah sich nach dem Zimmer hinein um. Gleich darauf erschien Teresa am Fenster und rief hinaus, wie immer ohne vorherige Ueberlegung ihrem Impulse folgend: »Wir langweilen uns hier; kommen Sie wieder zu uns, Mr. Ovid.« Die Worte waren kaum gesprochen, als beide sich vom Fenster abwandten; Teresa zeigte bedeutungsvoll in das Zimmer und dann verschwanden sie.

Ovid begab sich in die Bibliothek zurück, wo ihn Mr. Mool mit der Frage empfing, ob Jemand gehorcht habe.

»Ich habe Niemanden entdeckt«, antwortete Ovid, »bezweifele aber, daß eine umherstreifende Katze den schweren Blumentopf umgeworfen haben kann. Aber wo ist meine Mutter?« fragte er, sich umsehend.

Der Rechtsanwalt antwortete ihm, daß dieselbe vor Eifer gebrannt habe, seine Cousine von dem ihr von ihrem Vater ausgesetzten hübschen Jahresgehalte zu benachrichtigen, und nach oben gegangen sei. Dabei begann er das Testament zusammenzulegen, hielt aber plötzlich inne und sagte:

»Wie unbedachtsam von mir! Ich vergaß, Mr. Ovid, daß Sie das Ende nicht gehört haben. Lassen Sie mich Ihnen einen kurzen Auszug geben. Sie wissen vielleicht, daß Miß Carmina katholisch ist? Sehr natürlich, da es die Religion ihrer seligen Mutter war. Nun, sehen Sie, ihr guter Vater hat nichts vergessen und verbietet entschieden jedwede auf Bekehrung hinzielenden Versuche.«

Ovid lächelte; die religiösen Ansichten seiner Mutter begannen und endeten ja mit der Unorganischen Materie dieser Erde.

»Die letzte Clausel«, fuhr Mr. Mool fort, »schien ihre Frau Mutter recht schmerzlich aufzuregen. Ich erinnerte sie daran, daß ihr Herr Bruder außer Lady Northlake und ihr selbst keine nahen lebenden Verwandten habe. Und ihrer gnädigen Frau Schwester bei den fürstlichen Verhältnissen des Herrn Lords Geld zu vermachen, war doch außer Frage ——«

»Verzeihen Sie«, fiel ihm Ovid in’s Wort, »was kann meine Mutter dabei aufregen?«

Der Rechtsanwalt entschuldigte sich, daß er mit dem besten Willen nicht früher zu dem Punkte gekommen sei. »Geschäftsgewohnheit, Mr. Ovid«, erklärte er. »Wir werden leicht weitschweifig —— werden ja auch nach Wort- und Foliozahl bezahlt! —— und klären gern zuerst den Grund. Am Ende des Testamentes sieht Ihr Herr Onkel den beiden möglichen Fällen vor, daß Miß Carmitia unverheirathet, oder wenn verheirathet, ohne Erben stürbe, und verfügt für diese Fälle folgendermaßen über sein Vermögen«:

»Ich weiß nicht, ob ich mich der Höhe des Vermögens richtig erinnere«, unterbrach ihn Ovid wieder, der die Wichtigkeit dieser letzten Clausel jetzt einsah. »Sagten Sie einhundertunddreißigtausend Pfund?«

»Ja.«

»Und was wird aus dieser großen Summe, wenn Carmina nie heirathet oder wenn sie keine Kinder hinterläßt?«

»Ja jedem von beiden Fällen fällt das ganze Vermögen an Mrs. Gallilee und deren Töchter.«



Kapiteltrenner

Capitel IX.

Um Mitternacht saß Ovid wieder in seinem Studierzimmer. Die Stille der Straße, in welcher er wohnte, wurde nur durch das gelegentliche Rollen eines Wagens und durch die von dem Hause eines der Nachbarn, welcher einen Ball gab, herüber tönende Tanzmusik unterbrochen. Ovid saß vor feinem Arbeitstische und dachte. Eine ehrliche Selbstprüfung hatte ihm seinen Seelenzustand klar gemacht und ihm das neue Interesse, das sein Leben erfüllte, in seiner wahren Ausdehnung zum Bewußtsein gebracht.

Er war jetzt der willige Sklave dieses Interesses. Hätte er heute Nachmittag nicht gewußt, daß seine Mutter bei ihr war, so würde er nach dem Fortgange des Rechtsanwaltes wieder zu ihr gegangen sein. Da das nun nicht anging, hatte er nach oben sagen lassen, daß er sich zum Diner einfinden würde, um nur Carmina wiedersehen zu können, war aber enttäuscht worden, als er hörte, daß Mr. Gallilee und seine Mutter eine Einladung angenommen hätten und seine Cousine den Thee auf ihrem Zimmer einnehmen würde.

Er hatte dann ohne besonderen Appetit etwas in seinem Clnb gegessen und war darauf in die Oper gegangen, blos weil ihn das Bild einer beliebten Sängerin der Saison unbestimmt an Carmina erinnerte. Und jetzt um Mitternacht, nachdem er aus der Oper zurückgekommen, saß er hier und brannte vor Verlangen, seine Cousine wiederzusehen. In einigen Stunden hatte er Gelegenheit dazu, denn es war abgemacht, daß er sich beim Frühstück von der Familie verabschieden solle.

Bei einem Manne, der unfähig war, sich selbst zu täuschen, konnte das Bewußtsein des in ihm vorgehenden Wechsels nur zu einem Ende führen; und trotzdem Ovid so fest wie je von der Wichtigkeit von Ruhe und Veränderung bei seinem zerrütteten Gesundheitszustande überzeugt war, gehörte die beabsichtigte Seereise bereits zu den überwundenen Illusionen seines Lebens.

Sein Freund hatte mit ihm abgemacht, daß sie an diesem Morgen von London nach dem Hafen abreisen wollten, wo dessen Yacht sie erwartete. Da sie nicht so intim waren, um einander rückhaltlos ihre Geheimnisse anzuvertrauen, so konnte er sich der bei Nichteinhaltung einer Verabredung gewöhnlichen Entschuldigung bedienen; doch trotzdem das Papier vor ihm lag und er die Absage im Geiste schon entworfen hatte, befand er sich in einem so sonderbaren Zustande der Unentschiedenheit, daß er zögerte, den Brief zu schreiben.

So erschüttert waren seine krankhaft sensitiven Nerven, daß er sogar bei dem gewohnten Tone der Fluruhr, die Halb schlug, zusammenfuhr. Als er gleich darauf draußen vor der Thür ein sanftes, trauriges Miauen hörte, stand er ohne ein Zeichen von Ueberraschung auf und öffnete die Thür, durch welche nun eine kleine schwarze Katze mit einem dreieckigen weißen Flecke auf der unteren Gesichtshälfte und vier glänzenden weißen Pfötchen mit Grazie und Würde in das Zimmer schritt. Dann ging er wieder an seinen Tisch zurück. Sobald er im Stuhle saß, sprang ihm die Katze auf die Schulter, setzte sich auf derselben zurecht und schnurrte ihm in die Ohren; diesen Platz nahm sie stets ein, wenn ihr Herr allein schrieb. Der junge Arzt hatte seinen jetzigen Gefährten eines Tages auf seiner Runde in einer der Vorstädte vom Verhungern gerettet. Die Katze war nämlich von ihren Besitzerin, die auf Reisen gegangen waren, vergessen und in dem Hause eingeschlossen worden und hatte durch ihr klägliches Miauen einen Haufen von Nachbarn vor das Haus gelockt, als Ovid gerade vorbeikam. Obgleich die Nachbarn ihm über dieselbe in ziemlich herabwürdigenden Ausdrücken Auskunft gaben: daß sie z. B. den häßlichen Namen »Snooks« führe und immer Junge habe, so nahm er sie trotz dieser Warnung in seinem Wagen mit, und seitdem hatte sich dies glückliche kleine Mitglied einer brutal verunglimpften Rasse an ihren neuen Freund —— und an ihn allein innig angeschlossen. Die Diener duldete sie höflich, aber nicht mehr. Die Wirthschafterin versuchte ihren absurden Namen mit einem besseren zu vertauschen —— sie hörte aber auf keinen anderen. Die Köchin hatte strengen Befehl, wenn die unvermeidlichen Jungen erschienen, immer eins derselben am Leben zu lassen, und that ihr Möglichstes, um Snooks zu verhindern, ihren Neugeborenen jedes mal ihrem Herrn zu zeigen, hatte aber nie Erfolg damit, so geschickt sie es auch anfangen mochte. Der Mann und die Katze verstanden einander in allen niederen Lebensverhältnissen vollkommen; und wenn Ovid die Wahrheit hätte sagen sollen, so hiitte er bekennen müssen, daß ihm sogar in seinem gegenwärtigen Gemüthszustande die Gegenwart Snooks ein Trost war.

Wenn die erschlaffte Willenskraft eines Spornes bedarf, übt oft die geringfügigste Veränderung in den momentanen Verhältnissen den anregenden Einfluß aus. Diesen Dienst nun leistete Ovid die Erscheinung der Katze; sie rüttelte ihn auf, und er schrieb den Brief, während Snooks sich die Zeit damit vertrieb, sich das Gesicht zu waschen.

Nachdem er sein Gemüth in dieser Hinsicht beruhigt hatte, ging er zu Bett, gefolgt von der Katze, die oben ihr eigenes Bett in einer Ecke seines Schlafzimmers hatte. Wenn er sein Temperament auch zur Genüge kannte, um zu wissen, daß seinerseits diese Nacht an Schlaf nicht zu denken war, so war es doch ein Ruhen, frei von der überflüssigem ungesunden, im System der Natur nicht beabsichtigten Kleidung auf dem Bette zu liegen.

Mit Sonnenaufgang stand er wieder auf und ging aus, um den Brief zu besorgen. Je eher er seinem neugefaßten Entschlusse gemäß handelte, desto sicherer mußte er sein, nicht wieder in die erbärmliche und nutzlose Unentschiedenheit der letzten Nacht zu verfallen. »Gott sei Dank, daß es geschehen ist!« sagte er zu sich, als er den Brief in den an der Thür seines Freundes befindlichen Kasten fallen hörte.

Er machte dann einen Spaziergang im Parke und setzte sich, als er müde war, auf eine Bank am Teiche und sah den Vögeln zu, wie sie sich ihres glücklichen Lebens freuten.

Wohin er auch ging und was er auch that, Carmina war immer bei ihm. Er hatte Tausende von Mädchen gesehen, die viel auffallendere persönliche Reize besessen, von denen einige vielleicht ein gleich gewinnendes Wesen gehabt hatten: was hatte diese kleine halb fremdländische Cousine nun an sich, das ihn im ersten Augenblicke ergriffen und das nun mit jeder Minute seinen zarten Halt immer unwiderstehlicher zu machen schien? Er war zufrieden, den Reiz zu empfinden, ohne sich darum zu kümmern, demselben auf den Grund zu gehen. Der liebliche Morgensonnenschein führte seine Phantasie an ihr Lager, und er sah sie voll Frieden in ihrem neuen Zimmer schlafen. Würde die Zeit kommen, da sie von ihm träumen würde? Er sah nach der Uhr. Es war sieben Uhr; die Frühstücksstunde in Fairfield-Gardens war auf acht Uhr festgesetzt, damit er den Morgenzug benutzen könnte. Eine halbe Stunde mochte mit dem Rückwege nach seinem Hause hingehen; zehn Minuten mit einigen Veränderungen in seinem Anzuge —— und dann konnte er aufbrechen, um Carmina wiederzusehen. Kein unangenehmer Gedanke an das, was man im Familienkreise von der plötzlichen Aenderung seines Planes halten möchte, beunruhigte sein Gemüth. Eine ganz andere Frage beschäftigte ihn: er dachte zum ersten Male im Leben daran, was für eine Kleidung wohl eine gewisse Dame beim Frühstück tragen möchte.

Als er um acht Uhr seine Hausthür mit seinem Schlüssel aufschloß. erhob sich von der Bank in der Halle eine ältliche Person in einem gewöhnlichen schwarzen Anzug, in der er, als sie auf ihn zukam, zu seinem sprachlosen Erstaunen, Carmina's treue Begleiterin Teresa erkannte.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, wenn’s Ihnen gefällig ist«, sagte sie in ihrem besten Englisch.

Ovid führte sie in sein Sprechzimmer, wo sie, ohne die Zeit mit Entschuldigungen oder Erklärungen zu vergeuden, sofort begann: »Carmina hat eine schlechte Nacht gehabt.«

»Ich werde in einer halben Stunde dort sein!« versicherte Ovid mit Eifer.

Die Duenna machte eine ungeduldige Geste mit dem Zeigefinger »Sie braucht keinen Doctor, aber sie braucht einen Freund, wenn ich fort bin, Was für ein Leben wartet ihrer hier —— unter Fremden? Sagen Sie nichts! Es ist ihr angst und bange geworden bei ihrer Jugend, Schüchternheit und leichten Erregbarkeit. Und ich muß sie verlassen —— muß! muß! Mein alter Mann ist schwach und kann jeden Tag sterben, ohne ein Wesen um sich zu haben, das ihn trösten könnte, wenn ich nicht heimgehe. Wenn ich daran denke, könnte ich mir das Haar raufen. Still! Das Sprechen ist jetzt an mir. Ha! ich weiß, was ich weiß. Junger Herr, Sie sind in Carmina verliebt! Ich habe Sie wie ein Buch gelesen. Sie sehen und fühlen schnell wie die Leute bei uns zu Hause. Seien Sie wie ein Landsmann —— helfen Sie mir!«

Dabei zog sie einen Stuhl dicht an Ovid’s Seite und legte plötzlich die Hand schwer auf seinen Arm.

»Meine Schuld ist es nicht, wohlverstanden; ich für meine Person habe nichts gesagt, was sie beunruhigen könnte. Nein, ich habe die Sache so gut wie möglich zu wenden gesucht und ihr etwas vorgelogen. Was mache ich mir daraus! Ich würde wie Judas lügen, wenn ich Carmina dadurch nur einen Augenblick des Schmerzes ersparen könnte. Das Leben ist so ganz neu für sie —— denken Sie sich nur einmal hinein —— so ganz neu. Wir haben uns gestern die Hand geschüttelt —— lassen Sie es uns wieder thun. Sind Sie überrascht, mich hier zu sehen? Ich fragte die Diener Ihrer Frau Mutter um Ihre Wohnung; und da bin —— und es nagt an mir bei lebendigem Leibe, wenn ich an die Zukunft denke. O, mein Lamm, mein Engel, allein! O mein Gott! erst siebzehn und allein in der Welt! Ohne Vater und Mutter; und bald, bald —— o, zu bald nur, hat sie die Teresa auch nicht mehr. Was sehen Sie? Was haben die Thränen einer einfältigen, nutzlosen alten Närrin so Sonderbares? Ha, hu, die paar Tropfen heißen Wassers! Sie werden Ihrem feinen Teppich hier schon nichts schaden, wenn sie darauf fallen. Sie sind ein guter Mensch, ein lieber Mensch. Still! ich erkenne den bösen Blick auf der Stelle. Nichts mehr davon! Lassen Sie sich etwas in’s Ohr sagen —— ich habe bei Carmina schon ein Wort für Sie eingelegt. Lassen Sie ihr Zeit; sie ist nicht kalt —— jung und unschuldig, das ist Alles. Die Liebe wird schon kommen —— ich weiß, was ich weiß —— sie wird schon kommen.«

Sie lachte, aber noch beim Lachen ging wieder eine Veränderung mit ihr vor. Wilde Angst blickte aus den Augen, mit denen sie Ovid anstarrte; es war ihr plötzlich etwas Entsetzliches eingefallen und sie sprang auf die Füße.

»Aber was sagte man mir denn?« schrie sie. »Was sagten Sie selbst, als Sie gestern von uns gingen? Es kann nicht sein! o, es darf nicht sein! Sie werden Carmina doch nicht auch verlassen?«

Ovid’s erster Impuls war, ihr die ganze Wahrheit zu sagen, aber er widerstand demselben. Zu gestehen, daß Carmina die einzige Ursache sei, weshalb er die Seereise aufgegeben, während sie sich des Eindrucks, den sie auf ihn gemacht, nicht einmal bewußt war, hieße sich in eine Stellung bringen, der seine Selbstachtung widerstrebte. »Ich habe meine Pläne geändert«, war Alles, was er zu Teresa sagte. »Beruhigen Sie sich, ich gehe nicht fort.«

Die seltsame Alte schnippte vergnügt mit den Fingern.

»Adieu; mehr brauche ich von Ihnen nicht.« Mit diesem kühlen, biederen Lebewohl ging sie auf die Thür zu, hielt aber plötzlich inne, um nachzudenken —— und kam wieder zurück. Es war erst ein Augenblick vergangen, aber sie war wieder so feierlich ernst wie nur je.

»Darf ich Sie bei Ihrem Vornamen nennen?« fragte sie.

»Gewiß!«

»Hören Sie. Ich möchte Sie vor meiner Abreise nicht wiedersehen —— mein letztes Wort; vergessen Sie es nicht. Selbst Carmina kann Feinde haben.«

»Feinde —— im Hause meiner Mutter!« rief Ovid. »Was können Sie damit meinen?«

Teresa ging wieder zu der Thür und antwortete, als sie dieselbe bereits geöffnet hatte: »Warten Sie es ab; Sie werden schon sehen.«



Kapiteltrenner

Capitel X.

Mrs. Gallilee war gerade auf dem Wege zum Frühstückszimmer, als ihr Sohn ihr bei seiner Ankunft im Hause in der Halle begegnete.

»Bist Du mit dem Einpacken fertig?« fragte sie.

»Noch nicht«, antwortete er kurz, da er nicht in der Laune war zu warten und sein Geständniß in diesem Augenblicke zu machen.

Mrs. Gallilee ging ihm in das Zimmer voran und kündigte hier an. »Ovid’s Sachen sind noch nicht gepackt; ich glaube, er wird den Zug verpassen.«

Als Ovid in das Zimmer trat, wo die ganze Familie, die Gouvernante und die Kinder mit eingeschlossen, anwesend war, heiterte sich das abgespannte Gesicht Carmina’s, das von einer durchwachten Nacht zeugte, wieder auf, geradeso wie gestern, als sie ihn von ihrem Fenster aus erblickt hatte. Freimüthig nahm sie seine Hand und ging leicht über ihr abgespanntes Aussehen hinweg. »Nein, Cousin«, sagte sie scherzend; »ich denke, mich heute Abend meines reizenden Bettes würdiger zu machen; ich will noch nicht Ihr Patient werden.«

Obgleich der Hausherr, Mr. Gallilee, in diesem Augenblicke gerade den Mund voll hatte, konnte derselbe sich nicht enthalten, mit gutem Rathe zur Hand zu gehen. »Iß und trink’ wie ich, mein Kind«, sagte er zu Carmina, »dann wirst Du ebenso gut schlafen. Sowie die Lichter ausgelöscht sind, bin ich weg —— frage meine Frau nur —— und wenn ich erst einmal flach auf dem Rücken liege, dann versucht, mich vor Aufstehenszeit zu wecken. Nimm Dir einige Eier, Ovid. Sie sind gut, nicht wahr, Zo?«

Zo blickte von ihrem Teller auf und stimmte ihrem Vater durch das eine emphatische Wort bei: »Famos!« Sofort aber waltete Miß Minerva ihres Amtes. »Zoe! wie oft soll ich Dir sagen, daß Du Dich nicht so gewöhnlich ausdrücken sollst? Hast Du das Wort »famos!« je von Deiner Schwester gehört?« Dieses hochgebildete, in bewußter Tugend starke Kind, Maria, unterstützte den Protest mit ihrer Autorität: »Keine junge Dame, die sich selbst achtet, Zoe, wird sich je gewöhnlich ausdrücken.«

Mr. Gallilee war wirklich einer solchen Tochter ganz unwürdig, wie hätte er sonst, »dummes Zeug!« vor sich hin brummen können. Als Zo ihm indeß ihren Teller nach mehr hinhielt, rief er vergnügt:

»Das ist ganz mein Kind! Wir beide sind gute Esser; Zo wird ein hübsches Mädchen werden. Das ist Deine Meinung als Arzt auch, nicht wahr, Ovid?« wandte er sich an seinen Stiefsohn.

Ueber Carmina's Gesicht zog wie ein zitternder Sonnenstrahl ein reizendes Lächeln: bei ihrer kurzen Erfahrung in England war ihr Mr. Gallilee das eine erheiternde Element im Familienleben. Mrs. Gallilee aber dachte noch an das Gepäck ihres Sohnes und an die rigorose Pünktlichkeit der Eisenbahn.

»Was macht denn Dein Diener?« fragte sie Ovid. »Er hat doch dafür zu sorgen, daß Alles rechtzeitig fertig ist.«

Da es nutzlos war, sie noch länger unter dem obwaltenden falschen Eindrücke zu lassen, so antwortete Ovid: »Meinen Diener trifft kein Vorwurf. Ich habe mich bei meinem Freunde entschuldigt —— da ich nicht fortgehe.«

Für den Augenblick empfing ein zagendes Schweigen diese erstaunliche Mittheilung; nur das jüngste Mitglied der Gesellschaft, Zo, in deren sonderbarem Herzchen nach ihrem Vater nur noch Ovid einen Platz inne hatte, gab ihren Gefühlen ohne Zögern und Rückhalt Ausdruck, indem sie den Löffel hinlegte und ein »Hurrah!« ertönen ließ. Diesmal war aber selbst Miß Minerva zu sehr von der eben gehörten Offenbarung überwältigt, um für den vulgären Ausruf die nöthige Rüge zu ertheilen. Wie festgenagelt hafteten die harten schwarzen Augen auf dem Doctor. Was Mr. Gallilee anbetraf so hielt derselbe das Butterbrod, das er gerade hatte zum Munde führen wollen, vor sich in der Luft und starrte seinen Stiefsohn mit offenem Munde völlig konsterniert an.

Die erste, welche eine Erklärung forderte, war Mrs. Gallilee, die ja immer das richtige Beispiel gab. »Was hat diese außerordentliche Handlungsweise zu bedeuten?« fragte sie.

Ovid aber war für den Ton, in welchem diese Frage gestellt war, unzugänglich; er hatte bei der vorhin abgegebenen Erklärung seine Cousine angesehen, und wandte auch jetzt den Blick nicht von ihr ab. Was Carmina auch immer momentan fühlen mochte, ihr sensitives Gesicht drückte es lebhaft aus. War das schwache Durchbrechen von Farbe auf ihren Wangen, war das schnelle Aufleuchten in ihren Augen, als sie Ovid’s Blicke begegneten mißzuverstehen? Ohne noch eine Ahnung von dem Gefühle zu haben, das sie in ihm erweckt hatte, nahm sie das ihr von Ovid entgegengebrachte Interesse mit dem Stolze auf, der ein junges Mädchen unschuldig kühn macht. Mochten die Anderen über seine gebrochene Verabredung denken, was sie wollten, ihre Augen sagten offen, daß sie nur glücklich überrascht sei.

Auch Mrs. Gallilee hatte Carmina angesehen und sich das Resultat ihrer Beobachtung privatim gemerkt. Nicht gerade mit freundlicher Stimme forderte sie jetzt die Aufmerksamkeit ihres Sohnes, indem sie fragte: »Sollen wir nicht Deine Gründe hören?«

Ovid aber hatte die eine Entdeckung gemacht, an der jetzt sein ganzes Herz hing, und war so glücklich, daß er mit einer Selbstbeherrschung die seiner Mutter würdig gewesen unsre, das Geheimniß vor ihr verborgen hielt.

»Ich glaube nicht, daß gerade eine Seereise mir zuträglich sein würde«, antwortete er.

»Da hast Du Deine Ansicht ziemlich plötzlich geändert«, bemerkte Mrs. Gallilee, und Ovid gab kühl zu, daß das allerdings ziemlich plötzlich geschehen sei.

Wenn Miß Minerva die bescheiden zuhörte, einen Ausbruch erwartet hatte, so wurde sie enttäuscht, denn Mrs. Gallilee zeigte nach einer kleinen Pause der kurzen Antwort ihres Sohnes gegenüber eine Nachgiebigkeit, die ihre besondere Bedeutung haben mußte. Sie bot ihm noch eine Tasse Thee an und —— was noch auffallender war —— änderte das Thema, indem sie sich an ihre älteste Tochter wandte und mit mildem mütterlichen Interesse nach deren heutigen Stunden fragte.

Die Gouvernante, welche nach einem fragenden Blicke auf Ovid auf ihren Teller sah, dachte bei sich: »Ob er wohl klug genug ist zu erkennen, daß seine Mutter Unheil brütet?«

Ein Glücklicher ist indessen selten im Stande, subtile Schlüsse zu ziehen, und außerdem war Ovid ein viel zu guter Sohn, um seine Mutter zu beargwöhnen.

Mr. Gallilee, der sich mittlerweile erholt und sein Butterbrod aufgegessen hatte, bemerkte gegen seine Frau heiter: »Treib Ovid nur nicht an, meine Liebe«, worauf ihm diese aber einen Blick zuwarf, der ihn hätte vom Erdboden verschwinden lassen müssen, wenn Blicken überhaupt eine Zerstörungskraft innewohnte. So aber fuhr er, Zo noch einen Löffel voll Marmelade gebend, fort: »Als Ovid zuerst von dieser Reise sprach, warnte ich gleich vor der Seekrankheit. Ein schreckliches Gefühl das, Miß Minerva, nicht wahr? Erst scheint man in den Boden zu versinken und dann kommt auf einmal alles herauf. Sie werden nicht seekrank? Nun, dann gratuliere ich —— gratuliere wirklich aufrichtig! Höre, Ovid, komm’ und diniere heute Abend mit mir im Club.« Bei diesem Vorschlage sah er seine Frau ungewiß an. »Hast Du wieder Dein Kopfweh? Ich werde Dich mit Vergnügen auf einem Spaziergange begleiten. Was ist mit ihr, Miß Minerva? Ah, ich sehe. Still! Maria will das Tischgebet sprechen. Amen! Amen!«

Alle erhoben sich und Mr. Gallilee war der Erste an der Thür. Da seine Frau das Rauchen im Hause nicht litt, so genoß er seine Morgencigarre gewöhnlich in den Anlagen draußen. Er sah sich nach Carmina und Ovid um, als ob er gern einen von ihnen zur Gesellschaft mitgenommen hätte; da er dieselben aber vor dem Vogelhause ganz in ihre Unterhaltung vertieft sah, so ergab er sich resigniert in sein Schicksal. »Nun«, seufzte er leicht, »die Cigarre leistet einem ja auch Gesellschaft.« Und da er immer jemanden haben mußte, der ihm zustimmte, so wandte er sich an Miß Minerva, die sich mit den beiden Mädchen zum Schulzimmer begeben wollte. »Sie würden das auch finden, Miß Minerva —— das heißt, wenn Sie rauchten, was Sie natürlich nicht thun. Sei hübsch artig, Zo, und gieb hübsch Acht.«

»Ach, Papa, gieb uns heute frei«, flüsterte die Kleine —— und sie sollte ihren Feiertag erhalten.

Mrs. Gallilee, liebenswürdig wie immer, hatte sich ihrem Sohne und ihrer Nichte vor dem Vogelhause angeschlossen und Ovid sagte zu ihr: »Carmina hat Vögel sehr gern. Ich habe ihr gesagt, daß sie im zoologischen Garten alle Vogelarten beieinander sehen kann. Es ist ein prachtvoller Tag und wir könnten hingehen.«

Die einfältigste Frau würde verstanden haben, was dieser Vorschlag wirklich bedeutete, und doch sanktionierte Mrs. Gallilee denselben so gelassen, als ob Ovid und Carmina Bruder und Schwester gewesen wären. »Ich wünschte, daß ich Euch begleiten könnte«, sagte sie, »aber ich habe den ganzen Morgen mit dem Haushalte zu thun, und heute Nachmittag findet eine Vorlesung statt, die ich unmöglich versäumen kann. Ich weiß nicht, Carmina, ob Du Dich für diese Sache interessierst. Es soll uns der Apparat vorgeführt werden, welcher die Verwandlung der leuchtenden Kraft in tönende Vibrationen zur Anschauung bringt.«

Carmina sah sie an, wie Zo sie vielleicht angesehen haben würde; die Gelehrtheit ihrer Tante schien ihr Angst einzuflößen »Ich möchte Teresa vor ihrer Abreise noch ein kleines Vergnügen machen«, sagte sie schüchtern; »darf sie uns begleiten?«

»Natürlich!« rief Mrs. Gallilee »Und da fällt mir ein —— weshalb sollten die Kinder nicht auch ein kleines Vergnügen haben? Ich will denselben einen Feiertag geben. Beruhige Dich, Ovid; Miß Minerva wird auf sie achten. Sage also Deiner guten alten Freundin, daß sie sich bereit machen soll, Carmina.«

Carmina eilte hinweg und verhalf ihrer Tante so zu der von derselben beabsichtigten Privatunterredung mit ihrem Sohne.

Ovid erwartete, daß seine Mutter die Beweggründe herauszubringen suchen würde, die ihn zum Aufgeben der Seereise bewogen hätten, Mrs. Gallilee aber war eine viel zu kluge Frau, um auf solche Weise die Zeit zu verschwenden, und ihre ersten Worte bewiesen ihm, daß sie sein Motiv ebenso klar sah wie die durch das Fenster fallenden Sonnenstrahlen.

»Ein reizendes Mädchen«, sagte sie, als Carmina die Thür hinter sich geschlossen hatte. »Bescheiden und natürlich —— ganz das Mädchen danach, Ovid, einen klugen Mann wie Dich anzuziehen.«

Ovid war vollständig überrascht und bekundete das durch sein Schweigen, während Mrs. Gallilee im Tone unschuldiger mütterlicher Neckerei fortfuhr:

»Du hast jung angefangen, weißt Du; Deine erste Liebe war das arme welke »kleine Ding Lady Northlake’s, das dann gestorben ist. Kindische Spielerei wirst Du sagen, weiter nichts. Aber, lieber Ovid, ich fürchte, es wird einiger Ueberlegung bedürfen, ehe ich mit dieser neuen —— wie soll ich es nennen? —— Thorheit ist ein zu hartes Wort —— ganz sympathisiere. Ueber Heirathen zwischen Cousins und Cousinen läßt sich streiten, um das Mindeste zu sagen; und Mischehen zwischen protestantischen Vätern und katholischen Müttern bringen in der Regel Schwierigkeiten wegen der Kinder mit sich. Damit ist nicht gesagt, daß ich nein sage —— durchaus nicht. Wenn das aber so weiter geht, nehme ich wirklich Anstand.«

Etwas im Tone seiner Mutter verletzte Ovid’s Empfindlichkeit und er erwiderte deshalb ziemlich scharf: »Ich folge Dir durchaus nicht; Du siehst etwas allzu weit in die Zukunft.«

»Dann laß uns zur Gegenwart zurückkehren« antwortete Mrs. Gallilee mit größter Nachgiebigkeit gegen die Laune ihres Sohnes.

Bei früheren Gelegenheiten hatte sie ihre Meinung dahin ausgesprochen, daß Ovid bei seiner Jugend und seinen Aussichten klug thun würde, noch einige Jahre zu warten, ehe er an’s Heirathen dächte, und nachdem sie nun, ohne irgendwie vermuthen zu lassen, daß sie sich bei Modifizierung ihrer Ansicht durch die Geldfrage beeinflussen lasse, soviel gesagt hatte, um ihn wegen ihrer Nichte zu beruhigen, war ihr nächster Zweck, ihn zu bewegen, seiner Gesundheit halber England sofort zu verlassen. War Ovid fort und Carmina allein unter ihrer Aufsicht, so konnte sie ungestört ihre Pläne verfolgen.

»Du solltest wirklich«, fuhr sie fort, »ernstlich an eine Veränderung der Luft und der Szene denken. Einem Patienten in Deinem gegenwärtigen Gesundheitszustand würdest Du nicht gestatten, die Sache mit sich so leicht zu nehmen, wie Du es jetzt mit Dir thust. Wenn Du von der See nichts hältst, so versuche es mit dem Continente; aber geh’ fort Deines eigenen Besten wegen.«

Es war hierauf nur eine Antwort möglich; Ovid gab zu, daß seine Mutter Recht hatte, bat aber um Zeit zum Nachdenken. Zu seinem Troste wurde er durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen, durch welche gleich darauf Miß Minerva —— nach ihrem Aussehen zu urtheilen, gerade nicht in liebenswürdiger Stimmung —— in’s Zimmer trat.

»Ich fürchte, daß ich Sie störe«, begann sie, Mrs. Gallilee ansehend.

Ovid benutzte die Gelegenheit, sich zurückzuziehen, indem er vorgab, daß er noch einige Briefe zu schreiben habe, und darauf nach der Bibliothek ging.

»Waltet ein Irrthum ob? « fragte die Gouvernante, als sie mit Mrs. Gallilee allein war.

»In welcher Hinsicht, Miß Minerva?«

»Ihr Fräulein Nichte begegnete mir auf der Treppe und sagte mir, daß Sie, Madame, wünschten, daß die Kinder heute Feiertag haben sollten.«

»Jawohl, um mit meinem Sohne und Miß Carmina nach dem zoologischen Garten zu gehen.«

»Miß Carmina sagte, ich sollte auch mitgehen.«

da hatte Miß Carmina vollständig Recht.«

Die Gouvernante heftete ihre forschenden Augen aus Mrs. Gallilee. »Sie wünschen, daß ich mitgehe?«

»Ja.«

»Ich weiß warum.«

Mrs. Gallilee und Miß Minerva hatten sich einmal heftig gezankt, wobei erstere den Kürzeren gezogen hatte. Sie hatte sich die Lehre gemerkt und wußte für die Zukunft, wie sie ihre Gouvernante zu behandeln hatte. Sie fragte jetzt einfach: »So?«

»Reden wir offen, Madame«, fuhr Miß Minerva fort. »Ich soll Mr. Ovid«, —— sie legte einen bitteren Nachdruck auf den Namen und erröthete unzufrieden —— »und Miß Carmina nicht allein lassen.«

»Sie sind ein guter Rather«, äußerte Mrs. Gallilee ruhig.

»Nein«, entgegnete Miß Minerva noch ruhiger; »ich habe nur gesehen, was Sie auch gesehen haben.«

»Habe ich Ihnen gesagt, was ich gesehen habe?«

»Das ist ganz unnöthig, Madame. Ihr Herr Sohn hat sich in seine Cousine verliebt. Wann soll ich bereit sein?«

Die sanfte Hausherrin bezeichnete mild die Stunde und die heftige Gouvernante verließ das Zimmer.

Erstere sah mit eigenthümlichem Lächeln nach der geschlossenen Thür; sie hatte schon früher vermuthet, daß Minerva unglücklich liebte, jetzt hatte sie Gewißheit darüber.

»Sie ist durch eine hoffnungslose Leidenschaft verbittert«, sagte sie zu sich. »Und der Gegenstand derselben ist —— mein Sohn.«



Kapiteltrenner

Capitel XI.

Bei der Ankunft im zoologischen Garten führte Ovid seine Cousine sofort zu den Vogelhäusern. Miß Minerva, pflichtschuldigst von Maria begleitet, folgte ihnen; Teresa hielt sich etwas zurück und Zo schloß sich bald diesem, bald jenem der Gesellschaft an.

Vor den Vogelhäusern löste sich diese Ordnung auf, da die verschiedenen Vögel dem Geschmacke der Einzelnen verschieden zusagten. Die unersättlich nach nützlichen Kenntnissen strebende Musterschülerin Maria hielt ihre Gouvernante vor dem einen Käfige fest, während Zo auf einen anderen, außerhalb des Bereiches der Disciplin, zuschoß und die gute Teresa es freiwillig unternahm, sie zurückzuholen. So war Ovid auf eine Minute mit Carmina allein. Er hätte diese, wenn auch noch so kleine Gelegenheit benutzen können, aber Carmina hatte ihm etwas zu sagen und sprach zuerst.

»Ist Miß Minerva schon lange Gouvernante bei Ihrer Mutter?« fragte sie.

»Schon einige Jahre«, entgegnete Ovid. »Gestatten Sie mir auch eine Frage? Warum fragen Sie danach?«

Carmina zögerte einen Augenblick und antwortete dann im Flüstertone: »Sie sieht übellaunig aus.«

»Das ist sie auch«, gab Ovid zu. »Ich vermuthe«, setzte er mit einem Lächeln hinzu, »Sie mögen dieselbe nicht leiden.«

Carmina versuchte nicht, es zu leugnen; ihre Entschuldigung sah ganz und gar dem schönen Geschlechte ähnlich: »Sie mag mich nicht leiden.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe es ihr angesehen. Schlägt sie die Kinder?«

»Beste Carmina! glauben Sie, daß sie bei meiner Mutter Gouvernante sein würde, wenn sie die Kinder in solcher Weise behandeln? Nebenbei gesagt, ist Miß Minerva eine viel zu gut erzogene Dame, um sich durch Gewaltacte zu erniedrigen. Unglück in der Familie hat sie zu einer bedeutend niedrigeren Stellung in der Welt gezwungen.«

Er erinnerte sich dabei der Zeit, als Miß Minerva ihre jetzige Stellung angetreten hatte und der Gegenstand einer gewissen Neugier von seiner Seite gewesen war. Die Antwort, welche ihm Mrs. Gallilee gegeben hatte, als er sie einmal gefragt, weshalb sie eine so reizbare Person im Hause behalte, war gewesen: »Miß Minerva ist außerordentlich unterrichtet und ich habe sie billig bekommen.« Das sah seiner Mutter ganz ähnlich, ließ aber Miß Minerva’s Motive ganz im Dunkeln. Warum hatte sich diese hochgebildete Frau Jahre lang mit einem ihren Diensten durchaus nicht entsprechenden Lohne begnügt? Warum —— um den Vorgang an diesem Morgen als anderes Beispiel zu nehmen —— hatte sie, nachdem sie der Hausherrin offen ihr Mißvergnügen gezeigt, sich doch so bereitwillig und nachgiebig in die plötzliche Anordnung des Feiertages gefügt, der doch den ganzen Unterrichtsgang der Woche störte? Ovid ahnte nicht, daß der eine versöhnende Einfluß, der diese Widersprüche ausglich und jeden daraus entstehenden Zweifel beseitigte, in ihm selbst zu finden war. Für das eine unschätzbare Privilegium, in Ovid’s Gesellschaft zu sein, konnte Miß Minerva selbst das Opfer bringen, ihn im Interesse seiner Mutter zu beobachten und Zeuge der Huldigung zu sein, die er einer Anderen darbrachte.

Ehe Carmina noch weitere Fragen stellen konnte, rief sie die schrille, in den höchsten Tönen der Aufregung erklingende Stimme der kleinen Zo, die eben den interessantesten Vogel im ganzen Garten, den herabgekommenen Comödianten der Vogelwelt, die sogenannte Pfeifkrähe, entdeckt hatte, zu dem Käfige desselben; und als ob sie selbst noch ein Kind gewesen wäre, eilte sie dahin. Als die Gouvernante Ovid allein sah, ergriff sie die günstige Gelegenheit, um mit ihm zu sprechen, und die ersten Worte, welche jetzt über ihre Lippen kamen, erzählten ihre eigene Geschichte. Während Carmina die Gouvernante studiert hatte, hatte diese wiederum das junge Mädchen studiert, und das gleiche instinktive Bewußtsein der Nebenbuhlerschaft hatte bereits diese sich so ganz und vollständig unähnlichen beiden Frauen auf dem Boden eines gemeinsamen Gefühls zusammengebracht.

»Weiß Ihr Fräulein Cousine viel über Vögel?« begann Miß Minerva.

Wäre Ovid nicht im Punkte der Eitelkeit eine der Ausnahmen von der allgemeinen Regel gewesen, oder selbst, wäre seine Erfahrung von der Natur der Frauen etwas weniger dürftig gewesen, so hätte auch er Miß Minervas Geheimniß entdecken können. Denn in dem Augenblicke, als sie Carmina’s Platz einnahm, verließ sie alle Selbstbeherrschung; die steinernen schwarzen Augen, so hart und kalt, wenn sie jemand anders ansahen, flammten einen Moment in dem Alles verschlingenden Bewußtsein des Besitzes auf, als sie jetzt auf Ovid ruhten. »Er ist mein, mein für einen köstlichen Augenblick!« sprachen sie —— und dann fiel der gewöhnliche Vorhang plötzlich wieder herab, und es blieb nur die Frau von Erziehung, die mit zart bekundeter Achtung mit einem distinguierten Manne sprach.

»Bis soweit haben wir noch nicht von den Vögeln gesprochen«, war Ovid’s unschuldige Antwort.

»Und doch schienen Sie sich beide dieselben anzusehen!« Dieser unbedachte Ausbruch von Eifersucht wurde aber sofort unter die undurchdringliche Oberfläche eines Complimentes zurückgedrängt: »Miß Carmina ist vielleicht, streng genommen, nicht hübsch, aber ein eigen interessantes Mädchen.«

Ovid stimmte der Gouvernante die ihm ihr besseres Ich in einem sehr angenehmen Lichte gezeigt hatte, herzlich —— zu herzlich —— bei, so daß ihr trotz des verzweifelten Ringens mit sich selbst, den Anschein zu bewahren, der Dämon wieder die Herrschaft über ihre Zunge entriß. »Finden Sie die junge Dame geistreich?« fragte sie.

»Gewiß!«

Es war nur ein Wort —— vielleicht ein wenig zu scharf gesprochen, denn die Gouvernante zuckte unter ihm zusammen. »Es war nur eine müßige Frage meinerseits«, sagte sie mit jener pathetischen Unterwürfigkeit, die heiter und unbefangen erscheinen will; »und das ist wieder eine Warnung, Mr.Vere, nie nach dem Aeußeren zu urtheilen.« Damit sah sie ihn an und wandte sich wieder den Kindern zu.

»Arme Unglückliche!« dachte Ovid, ihr mitleidig mit den Augen folgend. »Welche Mühe sie sich giebt, ihr häßliches Temperament zu beherrschen!« Dann ging er wieder zu Carmina, von neuem Entzücken erfüllt, wieder in ihrer Nähe zu sein.

Zo war über die Pfeifkrähe noch ganz in Extase. »O, wie lustig sie ist! Sieh’ nur, wie sie den Kopf wirft! Sie macht es mir nach, wenn ich ihr etwas vorpfeife! Kaufe sie!« rief sie, Ovid in der Aufregung an den Rockschößen ziehend; »kaufe sie, und laß mich sie mit nach Hause nehmen!«

Einige Besucher, die sie hörten, fingen an zu lachen und Miß Minerva und Maria öffneten schon die Lippen, um ihr einen Verweis zu geben, als mit Zo plötzlich eine bei ihr ganz unbekannte Veränderung vorging: sie wurde auf einmal still und artig, so daß jeder Verweis überflüssig wurde —— und dies Wunder hatte Ovid bewirkt, ohne es selbst zu wissen. Zum ersten Male im Leben hatte er sich an den Rockschößen ziehen lassen, ohne sofort auf sie zu achten. Nach wem sah er? Es war nur zu leicht zu sehen, daß Carmina ihn ganz für sich in Anspruch genommen hatte. Der Kleinen schwoll das eifersüchtige kleine Herz im Busen an; in perplexem Schweigen starrte sie den Freund an, der sie bis jetzt noch nie enttäuscht hatte, und allmählich begann sie sich mit ihrer langsamen Fassungskraft die Entdeckung eines Etwas in seinem Gesichte zu verwirklichen, das ihn schöner als je erscheinen ließ und das sie noch nie darin gesehen hatte. Als sie sich von den Vogelhäusern ab den Gehegen zuwandten, welche die größeren Vögel enthielten, folgte Zo ihnen so ruhig, daß ihre ältere Schwester (die Gefahr lief, eine Rivalin in der guten Aufführung zu bekommen) sie voll unverhüllter Unruhe ansah.

Von Maria (welche die Nothwendigkeit einer Behauptung ihres Charakters fühlte) angeregt, begann Miß Minerva eine Vorlesung über Kraniche, welchen Stoff ihr die in Erwartung eines Leckerbissens an sie heran hüpfenden Vögel mit den zerbrechlich aussehenden Beinen eingaben. Ovid war ganz von der Aufmerksamkeit gegen seine Cousine in Anspruch genommen, der er beim Füttern der Vögel beistand, da er sich mit etwas Brod versehen hatte; Eine Person aber beobachtete Zo noch jetzt, nachdem deren sonderbares Verfallen in gutes Benehmen den Reiz der Neuheit verloren hatte —— das war die alte Teresa. Das Kind wurde ganz offenbar im Geheimen durch etwas beunruhigt, und sie glaubte zu wissen, was das war.

Die Kleine näherte sich Ovid wieder, entschlossen, der Veränderung in ihm auf den Grund zu kommen, wenn dies durch Beharrlichkeit erreicht werden konnte. Er sprach so vertraulich mit Carmina, daß er ihr beinahe in’s Ohr flüsterte, und Zo beobachtete ihn, ohne es zu wagen, seine Schöße wieder anzufassen. Miß Minerva bot Alles auf, um in ihrem Vortrage über Kraniche gelassen fortzufahren. »In Flügen ziehen diese Vögel periodisch über die südlichen und mittleren Länder Europa’s« —— Sie sah Ovid an, und der Athem verjagte ihr: sie konnte nicht weiter sprechen. Da unterbrach Zo diese wahnsinnig machenden Vertraulichkeiten, indem sie in verzweifeltem Verlangen nach Aufschluß diesmal Carmina kühn an den Taillenschößen zupfte.

»Was hast Du, liebe Zo?« fragte. diese, sich sofort umwendend.

»Höre!« flüsterte die Kleine, mit großen Thränen der Entrüstung in den Augen auf Ovid zeigend, »will er Dir die Pfeifkrähe kaufen?«

Zu Zo’s Verwirrung fingen beide an zu lachen. Sie trocknete sich die Augen mit den geballten Händen und wartete mürrisch auf Antwort. Dann beruhigte Carmina der Kleinen Gemüth in liebevollster und liebenswürdigster Weise und Ovid unterstützte sie dabei, indem er das Schwesterchen auf die Wange klopfte. Nachdem sie so endlich beachtet wurde und zu ihrer Befriedigung vernahm, daß der Vogel für Niemanden gekauft werden sollte, war Zo’s Empfindlichkeit besänftigt und damit schwand dann auch gleich darauf ihre Eifersucht, und nach einem geistige Anstrengung andeutenden, viel verkündenden Zusammenziehen der Augenbrauen zog sie plötzlich Carmina in ihr Vertrauen.

»Sage Ovid nichts davon«, begann sie. »Ich habe Jemanden gesehen, der gerade so aussah wie er.«

»Wann, liebe Zo?«

»Alls sein Gesicht dicht an dem Deinigen war«, antwortete die Kleine, die Frage auf die gegenwärtigen Umstände beziehend.

Ovid, der diese Antwort hörte und sein Halbschwesterchen zur Genüge kannte, um Verlegenheiten vorauszusehen, wenn er die Conversation nicht unterbräche, nahm Carmina’s Arm und führte sie weiter.

Die Gouvernante folgte ihnen hartnäckig und mit ihr Maria, die über die Wanderung der Kraniche erst unvollständig aufgeklärt war. Teresa hatte zugehört und trat jetzt zu der Kleinen, die sich nach einem anderen Zuhörer umsah. Die Alte war selbst, was die thörichte Menge eine »komische« Person nennt, und wurde von diesem drolligen Kinde angezogen. «Ihrer Ansicht nach war es ein viel höheres Vergnügen, Zo’s Gemüth zu erforschen, als sich die Thiere anzusehen. Sie nahm jetzt aus der Reisetasche, die sie immer bei sich hatte, eine Tafel Chokolade und bot dieselbe der Kleinen an. Diese sah sie groß an und that dann einen Probebiß in das verführerische, von Vanille duftende Gebäck, das ihr durch keinen Rath, nicht gierig zu sein und sich nicht krank zu machen, verbittert wurde. Und diesen günstigen Moment benutzte die schlaue Duenua.

»Wer war der Jemand, den Du gesehen hast und der geradeso wie Mr. Ovid aussah?« fragte sie in dem Tone der Gleichberechtigung, der Kindern im Verkehr mit älteren Leuten immer schmeichelt. Und Zo war so stolz darauf, ihr Gespräch durch eine erwachsene Fremde weiter bringen zu lassen, daß sie sogar die Chokolade vergaß. »Ich wollte noch mehr sagen«, erklärte sie. »Möchtest Du es gern hören?«

»Sehr gern.«

Zo zögerte, denn es war für den unreifen Geist, den Miß Minerva so unbarmherzig überladen hatte, keine leichte Aufgabe, ihrem Gedankengange durch Worte Ausdruck zu geben. Doch geleitet von der gütigen Mutter Natur (der besten aller Gouvernanten!) fand Zo mittels Fragen den Weg aus diesem Labyrinthe.

»Kennst Du Joseph?« begann sie.

Teresa hatte den Bedienten so nennen hören und bejahte.

»Kennst Du auch Mathilde?«

Die Alte hatte das Hausmädchen so nennen hören und bejahte wieder, ja sie half jetzt ihrer kleinen Freundin durch eine Vermuthung.

»Du hast Mr. Ovid ’s Gesicht dicht an dem Carmina’s gesehen.«

Zo nickte aufgeregt.

»Und früher hast Du Joseph’s Gesicht dicht an dem Mathilden’s gesehen.«

»Ich habe gesehen, daß Joseph sie geküßt hat!« platzte Zo mit einem Ausruf des Triumphes heraus. »Warum küßt denn Ovid Carmina nicht auch?«

»Weil die Gouvernante im Wege ist«, ertönte plötzlich eine tiefe Baßstimme zwischen ihnen und ein dickes Bambusrohr deutete über ihre Köpfe auf Miß Minerva. Zo erkannte den Stock sofort und ergriff ihn, und Teresa, die sich umwandte, sah sich einem merkwürdigen Manne gegenüber.



Kapiteltrenner

Capitel XII.

Der Fremde hätte sich als Riese sehen lassen können, denn er maß gut sechs Fuß sechs Zoll und würde das seltene Beispiel des Zusammengehens von außergewöhnlicher Größe und schöner Proportion gewesen sein, wenn die ungeheuren Knochen die gehörige Fleischhülle gehabt hätten. Er war aber so jämmerlich —— ja, man möchte fast sagen, so scheußlich —— mager, daß ihn seine Feinde das wandernde Skelett nannten. Unter der massiven Stirn saßen ein Paar große düstere graue Augen und die fleisch- und bartlose untere Partie seines Gesichtes wurde von hervorstehenden Backenknochen beschattet. Seine Gesichtsfarbe, ein wahres Zigeuner braun trug das Ihrige zu dem stutzig machenden Eindruck seiner Erscheinung auf Fremde bei und erhöhte, da sie dunkler im Ton war als seine Augen, die Wirkung des seltsamen, traurig gedankenvollem forschenden Blickes, den er auf Personen; mit denen er sprach, zu richten pflegte, einerlei ob sie der Aufmerksamkeit werth waren oder nicht. Sein gerade herabfallendes schwarzes Haar hing ihm unschön an beiden Seiten des hohlen Gesichtes wie das Haar eines amerikanischen Indianers. Seine großen dunklen Hände, die zur Sommerzeit nie durch Handschuhe bedeckt waren, zeigten bernsteinfarbene Nägel an den nach oben gebogenen stumpf verlaufenen Fingerspitzen, die sich, wenn sie Einen berührten, wie Atlas anfühlten und mit denen er die zerbrechlichsten Gegenstände exquisit zart handhaben konnte. Sein Anzug war von nachlässiger, bequemer Art. Der lange Rock ging ihm bis über die Kniee, die Beinkleider waren wahre Säcke; um den mageren runzligen Hals hing ein weit offenstehender Hemdkragen, der durch kein Halstuch beengt wurde. In Bezug auf die Kopfbedeckung hatte er den Grundsatz, daß dieselbe Solid genug sein müsse, um einem zufälligen Schlag, einem Fall vom Pferde oder der Wucht eines Ziegels Widerstand leisten zu können. Sein harter schwarzer Hut mit breitem gebogenen Rande hätte die Zierde eines Bischofs sein können, wenn er nicht durch eine sonderbare Aehnlichkeit mit der glockenförmigen Kopfbedeckung der Stutzer im Anfange unseres Jahrhunderts säcularisirt worden wäre. Kurz, er war seiner Person und Kleidung nach ein Mann, an dem kein Fremder vorüberzugehen pflegte, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen. Teresa die ihn mit widerstrebender Neugier musterte, zog sich einen Schritt zurück und belegte ihn im Geheimen in ihrer Mundart mit dem wenig schmeichelhaften Titel: »ein häßlicher Kerl!« In medicinischen und wissenschaftlichen Kreisen war er als Doctor Benjulia bekannt —— ein Name, der schon durch den ausländischen Klang die Leute eigenthümlich berührte, und den diejenigen, die ihn das wandernde Skelett nannten, mit als Beweis seiner Zigeunerabstammung anführten.

Zo war mit seinem Bambusrohr davongerannt und er rief sie nun nach einem kurzen Blick düsterer Gleichgültigkeit auf die Duenna zu sich zurück.

Die Kleine gehorchte ihm, aber scheinbar nur widerwillig, und sah dabei ohne jede Schüchternheit zu seinem Gesichte auf, ein Beweis, daß sie mit ihm vertraulich bekannt und es gewöhnt war, sich Freiheiten, wie das Fortnehmen des Stockes, herauszunehmen. Und doch lag ein Ausdruck unruhiger Erwartung in ihren runden aufmerksamen Augen. »Willst Du ihn wieder haben?« fragte sie, ihm den Stock hinreichend.

»Gewiß will ich das. Was würde Deine Mutter zu mir sagen, wenn Du über meinen dicken Bambus stürztest und Dir auf diesem harten Kieswege den Schädel entzwei schlügest?«

»Hast Du Mama besucht?«

»Nein, ich habe Mama nicht besucht —— aber ich weiß trotzdem, was sie zu mir sagen würde, wenn Du Dir die Hirnschale zerbrächest.«

»Sie würde sagen: Doetor Benjulia, Sie müßten eigentlich Herodes heißen.«

»Wer war das?«

»Herodes war ein jüdischer König, der die kleinen Mädchen umbrachte, wenn sie ihm seinen Spazierstock wegnahmen. Komm’ her, Kind; soll ich Dich kitzeln?«

»Daß Du das sagen würdest, wußte ich«, antwortete Zo.

Während sonst die Menschen, wenn sie sich ganz dem Vergnügen hingeben, mit Kindern zu tändeln, lächeln müssen, ob sie wollen oder nicht, gerade so wie sie Athem holen müssen, erheiterte sich des Doctors Gesicht nie, nicht einmal jetzt, als Zo darauf anspielte, daß es ihm ein Hauptvergnügen sei, Kinder zu kitzeln. Sie gehorchte ihm wieder mit dem seltsamen Ausdruck widerstrebender Unterwürfigkeit und er legte ihr zwei seiner weichen großen Fingerspitzen dicht unter dem Halse auf das Rückgrat und drückte die Stelle» Zo zuckte zusammen und wand sich unter seiner Berührung, und er beobachtete sie mit einem ernsten Interesse, als ob er ein ärztliches Experiment ausführte.

»Gerade so machst Du es, wenn Du unsern Hund mit den Beinen hinten ausschlagen läßt«, sagte so. »Wie fängst Du das an?«

»Ich berühre den plexus cervicalis«, antwortete Doctor Benjulia feierlich wie immer.

Dieser Versuch, das Kind zu Mystifizieren, mißlang aber vollständig, denn Zo betrachtete die unbekannte Zunge, in welcher er geantwortet hatte, als gleichwerthig mit einer Lection und fragte, zu dem kleinen Dachshunde daheim zurückkehrend: »Glaubst Du, daß dem Hunde das gefällt?«

»Ach, was kümmert uns der Hund. Gefällt es Dir?«

»Ich weiß nicht.«

Doctor Benjulia wandte sich Teresa zu und ließ seine düsteren grauen Augen auf ihr ruhen, wie etwa auf dem ersten besten leblosen Dinge, z. B. auf dem Gitter der Vogelhöfe oder auf den Rohren, die das Affenhaus warm hielten. »Ich fürchte, ich habe Sie durch das Albern mit der Kleinen aufgehalten, Madame« sagte er. »Bitte um Verzeihung.« Damit zog er seinen Hut und ging mürrisch weiter, ohne von Zo weiter Notiz zu nehmen.

Teresa, welche die großartige Höflichkeit des häßlichen Riesen erschreckte, während sie ihr gleichzeitig schmeichelte, machte ihren besten Knix. »Manieren wie ein Prinz und einen Teint wie ein Zigeuner«, sagte sie. »Ist er ein Edelmann?«

»Er ist ein Doctor«, antwortete Zo, als ob das etwas viel Besseres wäre.

»Magst Du ihn leiden?« fragte Teresa dann.

»Ich weiß nicht«, gab Zo wiederum zur Antwort.

Ovid und seine Cousine hatten das, was in einiger Entfernung von ihnen vorging, beobachtet und Benjulia’s Größe sowie seine augenscheinliche Vertraulichkeit mit dem Kinde hatten die Neugier der Letzteren erregt.

Da Ovid einem Gespräche über denselben abgeneigt schien, so machte sich Miß Minerva mit größter Zuvorkommenheit nützlich, nannte Carmina den Namen des Mannes und beschrieb ihn als einen von Mrs. Gallilee’s alten Freunden. »In den letzten Jahren«, so fuhr sie fort, »soll er seine ärztliche Praxis aufgegeben haben und sich mit chemischen Experimenten beschäftigen. Es scheint aber Niemand viel über ihn zu wissen. Er hat sich auf einem einsamen Felde in irgend einer verlorenen Vorstadt —— Niemand weiß wo «— ein Haus gebaut; kurz, Doctor Benjulia ist eine geheimnißvolle Persönlichkeit.«

Als Carmina dies hörte, wandte sie sich wieder an Ovid.

»Wenn mir Räthsel aufgegeben werden«, sagte sie, »kann ich nicht eher ruhen, bis man sie für mich gerathen hat; und ebenso, wenn ich von Geheimnissen höre, habe ich gleichfalls nicht eher Ruhe, bis sie offenbart sind. Sie sind selbst Arzt; erzählen Sie mir mehr davon!«

Ovid wäre vielleicht der Bitte durch eine Entschuldigung aus dem Wege gegangen, wenn ihre Augen nicht so unwiderstehlich gewesen wären: ihr Blick machte ihn auf der Stelle nachgiebig.

»Doctor Benjulia ist was wir einen Spezialisten nennen«, sagte er. »Er behandelt nur gewisse Krankheiten, die des Gehirns und der Nerven. Ohne seine ärztliche Praxis ganz aufzugeben, beschränkt er sich auf ernste Fälle —— wenn die anderen Aerzte in Verlegenheit sind, wissen Sie, und seine Hilfe begehren. Mit dieser Ausnahme hat er allerdings seine Berufsinteressen seiner Manie für chemische Experimente geopfert. Was das für Experimente sind, weiß Niemand außer ihm selbst. Den Schlüssel zu seinem Laboratorium trägt er Tag und Nacht bei sich und besorgt die Reinigung dort selbst.«

Mit athemlosem Interesse hörte Carmina zu: »Hat noch Niemand in die Fenster gesehen?« fragte sie.

»Es sind keine Fenster in den Wänden —— nur ein großes Oberlichtfenster.«

»Kann man nicht auf das Dach kommen und durch das Fenster sehen?«

Ovid lachte. »Einer seiner Diener soll es einmal versucht haben.«

»Und was hat er gesehen?«

»Eure große weiße Gardine, die keinen Blick in das Innere des Zimmers gestattete. Der Doctor entdeckte aber den Mann und entließ ihn auf der Stelle. Natürlich laufen Gerüchte um, die das Geheimniß des Doctors und seines Laboratoriums erklären. Das eine besagt, daß er Versuche entstelle, um gewöhnliche Metalle in Gold zu verwandeln; ein anderes, daß er irgend eine explosive Verbindung erfände, die so furchtbar zerstörend wirken soll, daß sie jedem Kriege ein Ende machen würde. Ich kann Ihnen nur sagen, daß wenn ich ihn zufällig treffe, sein Geist noch ebenso vollständig mit Gehirn und Nerven beschäftigt zu sein scheint wie je. Was die aber mit in der Einsamkeit angestellten chemischen Experimenten zu thun haben können, das ist mir ein Räthsel, auf das ich bis soweit noch keine« Antwort gefunden habe.«

»Ist er verheirathet?« forschte Carmina.

»Sie meinen, wenn Doctor Benjulia eine Frau hätte«, erwiderte Ovid, den die Frage zu amüsieren schien, »so könnten wir hinter seine Geheimnisse kommen? Leider haben wir diese Aussicht nicht, denn er besorgt seinen Haushalt selbst.«

»Hat er denn auch keine Haushälterin?«

»Auch das nicht!«

Indem sah er den Doctor langsam auf sie zukommen. »Entschuldigen Sie mich für eine Minute«, sagte er; »ich will nur eben mit ihm sprechen und komme sogleich zurück.«

Ueberrascht wandte sich Carmina an Miß Minerva.

»Ovid scheint irgend welchen Grund zu haben, den großen Menschen von uns fern zu halten. Mag er ihn nicht leiden?«

Die Gouvernante hätte durch eine scharfe Antwort ihren Haß gegen Carmina befriedigen können, aber sie hatte —— nach dem, was sie im Gewächshause gehört und was sie hier gesehen —— ihre Gründe, Carmina’s Vertrauen und den Einfluß einer Freundin über sie zu gewinnen zu suchen, und benutzte sofort die Gelegenheit.

»Ich kann Ihnen mittheilen, was ich selbst beobachtet habe«, sagte sie vertraulich. »Man gestattet mir, zugegen zu sein, wenn Mrs. Gallilee Gesellschaften giebt —— um die Größen der Wissenschaft zu sehen. Bei einer solchen Gelegenheit sprach man über Instinct und Vernunft und Ihr Cousin, Mr. Ovid Vere, meinte, es sei nicht leicht zu entscheiden, wo der Instinct aufhöre und die Vernunft begönne. Er habe in seiner Praxis Leute von schwachem Verstande gefunden, die durch den Instinct geleitet, zu gesünderen Schlüssen gekommen seien, als ihnen an Intelligenz weit Ueberlegene durch Vernunft. Das Gespräch nahm dann eine andere Wendung —— und bald darauf gesellte sich Doctor Benjulia zu den Gästen. Ich weiß nicht, ob Sie bemerkt haben, daß Mr. Gallilee viel von seinem Stiefsohne hält?«

Carmina bejahte. »Ich mag Mr. Gallilee sehr gern leiden«, setzte sie warm hinzu; »er ist ein so netter, gutherzigen natürlicher alter Herr.«

Miß Minerva verbarg ihren Spott unter einem Lächeln und stimmte Carmina bei. »Der Doctor begrüßte den Hausherrn und die Hausherrin«, fuhr sie dann fort, »und schüttelte Mr. Ovid die Hand, dann versammelten sich die Männer der Wissenschaft alle um ihn und führten ein gelehrtes Gespräch. Mr. Gallilee kam, etwas unruhig aussehend zu seinem Stiefsohn und sagte flüsternd —— Sie kennen seine Weise, nicht wahr? —— Magst Du Doctor Benjulia leiden, Ovid? Ich hasse ihn; aber sprich nicht davon! Das war eine harte Sprache im Munde Mr. Gallilee’s, nicht wahr? Als Mr. Ovid zurückfragte, weshalb er ihn hasse, antwortete er wie ein Kind: »Weil ich es eben thue.« Dann kamen einige Damen herein und der alte Herr verließ uns, um mit denselben zu sprechen. Ich wagte, Mr. Ovid zu fragen, ob das Instinct oder Vernunft wäre, und er antwortete, die Frage ganz ernst nehmend: »Instinct, und es benuruhigt mich.« Ich überlasse es Ihnen, Miß Carmina, sich daraus Ihre Schlüsse zu ziehen.«

Beide sahen auf. Ovid und der Doctor entfernten sich langsam von ihnen und gingen gerade an Teresa und dem Kinde vorbei. In demselben Augenblick trat einer der Wärter an Doctor Benjulia heran, sprach einige Worte mit ihm und entfernte sich dann wieder, und gleich darauf kam Zo, die Alles gehört und theilweise verstanden hatte, auf Carniina zugeeilt, um ihr die Neuigkeiten, die sie erfahren, mitzutheilen.

»Hier im Garten ist ein kranker Affe, der einen Raum ganz für sich hat«, rief die Kleine. »Und sieh’ da!« Dabei zeigte sie aufgeregt auf Benjulia und Ovid, die wieder langsam auf die Vogelhäuser zukamen. »Da ist der große Doctor, der mich immer kitzelt! Er hat gesagt, er wollte den armen Affen sehen, sobald er noch einige Worte mit Ovid gesprochen habe. Und was meinst Du, hat er noch gesagt? Er werde vielleicht den Affen mit nach Hause nehmen.«

»Was dem armen Geschöpfe wohl fehlen mag?« fragte Carmina.

»Nach dem, was Mr. Ovid uns» erzählt hat, glaube ich, es zu wissen«, antwortete Miß Minerva. »Doctor Benjulia würde sich nicht für den Affen interessieren, wenn derselbe nicht eine Gehirnkrankheit hätte.«



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Capitel XIII.

Obgleich Ovid versprochen hatte, unverzüglich wieder zu Carmina zurückzukehren, so vergingen doch Minuten und Doctor Benjulia hielt ihn noch immer durch seine Unterhaltung fest.

Jetzt, wo der Doctor sich nicht mehr in seiner Weise damit amüsierte, die kleine Zo zu Mystifizieren, schienen sich die Linien seines mürrischen braunen Gesichtes zu verhärten. Gewissenhaft höflich wie er war, blieb er doch immer kalt dabei und wartete stets, bis man ihm die Hand schüttelte und bis er angeredet wurde. Doch heute hatte er etwas zu sagen, und änderte sofort das Thema, nachdem Ovid die Conversation begonnen hatte.

»Was führt Sie hierher nachdem zoologischen Garten, Benjulia?«

»Einer der Affen hat ein Gehirnleiden bekommen, und man glaubte, daß ich das Thier vielleicht gern sähe, ehe es getödtet würde. Haben Sie letzthin wieder an die Patientin gedacht, die uns verloren ging?«

Da Ovid sich in dem Augenblicke der Patientin nicht erinnerte und deshalb nicht sofort antwortete, fuhr der Doctor fort:

»Das soll doch nicht heißen, daß Sie den Fall vergessen haben? Wir gaben ihm den Namen Hysterie da wir nicht wußten, was es sonst wäre. Ich kann es dem Mädchen nicht vergeben, daß es uns durch die Finger geschlüpft ist; ich lasse mich nicht gern in dieser Weise von Freund Tod schlagen. Haben Sie sich schlüssig gemacht, wie Sie den nächsten derartigen Fall behandeln werden? Vielleicht glauben Sie, eine solche Patientin retten zu können, wenn Sie jetzt geholt würden?«

»Nein, ich bin wirklich noch ebenso im Dunkel ——«

»Warten Sie ab«, fiel Benjulia ein; »aus dem Dunkel wird Helle werden —— wenn man es ernst meint. Morgen schon kann Ihnen vielleicht die richtige Behandlung einfallen.«

»Sie könnte gerade so gut dem größten Esel einfallen, als mir«, antwortete Ovid ziemlich ungeduldig. »Ich bin ganz übernommen und zu keiner ordentlichen Berufsarbeit zu gebrauchen. Ich bin genöthigt, die Praxis aufzugeben und eine Zeit lang zu ruhen.«

Nicht einmal ein formeller Ausdruck der Theilnahme kam über Doetor Benjulia’s Lippen.

»Sie gehen natürlich fort«, sagte er. »Wohin? Nach dem Continente? Nur nicht nach Italien —— wenn Sie wirklich Erholung finden und genesen wollen!«

»Was ist gegen Italien einzuwenden?«

»Der Doctor legte seinem jungen Collegen feierlich seine große Hand auf die Schulter. »Die medicinischen Schulen dort sind dabei, ihren vergangenen Ruhm wiederzugewinnen und die activen Mittelpunkte der physiologischen Forschung zu werden. Sie würden hineingezogen werden, denn man würde nichts unterlassen, aus der Berührung mit einem Manne wie Sie möglichst viel Capital zu schlagen. Was würde aus Ihrem überarbeiteten Kopfe werden, wenn ein ganzer Haufen Professoren denselben unbarmherzig durchwühlte? Waren Sie schon in Canada?«

»Nein. Waren Sie schon dort?«

»Ich bin überall gewesen. Canada ist in dieser Sommerzeit gerade das richtige Land für Sie. Belebende Luft; conservative Aerzte die es den Narren in Europa überlassen, die Geheimnisse der Natur zu ergründen. Da haben Sie Tausende von Meilen Landes, wenn Sie ein Freund vom Reiten sind, und ebenso viel Wasser, wenn Ihnen das Segeln Vergnügen macht. Packen Sie Ihre sieben Sachen und gehen Sie nach Canada.«

Was bedeutete dies Alles? Vesorgte er, daß sein College auf eine Entdeckung kommen könnte, nach der er selbst suchte? Und hing dieselbe mit seiner Specialität, Gehirn und Nerven, zusammen? Ovid machte den Versuch, ihn zu verstehen.

»Erzählen Sie mir etwas von sich«, sagte er. »Wollen Sie sich wieder Ihrer regelmäßigen Berufsarbeit zuwenden?«

Benjulia stieß sein Bambusrohr nachdrücklich in den Kiesweg. »Nie! Außer ich wüßte mehr als jetzt.«

Sollte das nicht heißen, daß er seinen chemischen Experimenten so eifrig wie nur je oblag? Wie konnte aber in diesem Falle Ovid (der nichts von chemischen Experimenten verstand) ihm ein Hindernis; sein? Entäuscht machte Ovid nochmals einen Versuch, ihn zu einer Erklärung zu bewegen.

»Wann soll die Welt von Ihren Entdeckungen in der Chemie hören?« fragte er.

Des Doctors massive Stirn zog sich ominös zusammen. »Zum Teufel mit der Welt!« war seine ganze Antwort.

Ovid aber wollte sich so nicht im Dunkeln halten lassen und fragte nochmals: »Sie setzen doch Ihre Experimente fort?«

Das Düstere in Benjulia’s ernsten Augen nahm zu, während dieselben starr in’s Leere blickten. Der große Kopf sank langsam auf die breite Brust und der ganze Mann schien sich in sich selbst verschlossen zu haben. »Ich gehe meinen eigenen Weg«, grollte er. »Möge niemand denselben kreuzen.«

Ovid würde den reizbaren Mann nur nutzlos herausgefordert haben, wenn er nach dieser Antwort noch weiter in ihn gedrungen wäre. Er sah sich deshalb nach Carmina um und bemerkte: »Ich muß zu meinen Begleitern zurück.«

Der Doctor erhob den Kopf, als ob er erwachte. »Bin ich grob gewesen?« fragte er. »Sprechen Sie mit mir nicht von meinen Experimenten, das ist eine wunde Stelle bei mir. Was sagten Sie eben? —— Begleiter? Wer sind Ihre Begleiter?« Dabei rieb er sich heftig die Stirn mit der Hand, um sich den Kopf klar zu machen. »Ah, ich weiß. Ich sah dieselben eben. Wer ist die junge Dame?« Dies sagend, erweiterten sich seine dünnen Lippen zu einem trübseligen Lächeln —— ein Lachen hatten auch seine intimsten Bekannten nie von ihm gehört. »Wer sie auch immer sein mag, Zo wundert sich, weshalb Sie dieselbe nicht küssen.«

Diese Art Versuch, scherzhaft zu sein, war nicht gerade nach Ovid’s Geschmack und er lenkte deshalb das Gespräch auf sein Schwesterchen. »Sie hatten immer eine besondere Zuneigung zu Zo«, äußerte er.

Benjulia sah ganz verwirrt drein. Zuneigung für irgend Jemanden war allem Anscheine nach eins der wenigen Dinge, über die er sich keine Meinung zutraute. Sich nochmals heftig die Stirn reibend, kam er wieder auf Carmina zurück.

»Wer ist die junge Dame?«

»Meine Cousine«, entgegnete Ovid so kurz wie möglich.

»Ihre Cousine? Eine Tochter Lady Northlake’s?«

»Nein, die Tochter meines verstorbenen Onkels.«"

»Was!« rief Benjulia, plötzlich stehen bleibend, »ist dies mißgeborene Kind wirklich groß geworden?«

Ovid fuhr auf und war im Begriff, heftig zu antworten, als er Teresa und Zo neben sich und einen Wärter an Benjulia herantreten bemerkte. Als letzterer den Mann mit der Zusage, die Zo bereits berichtet, entlassen hatte und sie wieder weiter gingen, begann Ovid:

»Wissen Sie, was Sie soeben von meiner Cousine sagten?«

»Was sagte ich denn?« fragte der Doctor, den der Ton der Frage zu überraschen schien, zurück.

»Sie bedienten sich eines sehr beleidigenden Ausdrucks, indem Sie Carmina ein »mißgeborenes Kind« nannten. Wie meinten Sie das? Geben Sie sich dazu her, niederträchtige Verleumdungen gegen das Andenken ihrer Mutter zu wiederholen?«

»Verleumdungen?« wiederholte Benjulia, wiederum stehen bleibend.

Jetzt aber brach Ovid’s Zorn los. »Ja, Verleumdungen oder Lügen, wenn Sie wollen, gegen eine Frau, die eben so hoch über jeden Vorwurf erhaben ist, wie Ihre oder meine Mutter!«

»Sie sind hitzig«, bemerkte der Doctor weitergehend. »Bei meinem Aufenthalte in Italien —— ——« Er hielt inne, um nachzudenken. »Als ich vor fünfzehn Jahren in Rom lebte, war Ihre Cousine ein jämmerliches verkümmertes Kind. Ich sagte zu Robert Graywell: »Schenken Sie dem Kinde keine zu große Neigung; es wird nicht alt werden.« Er meinte darauf, er wolle sie in die Gebirgsluft bringen, wovon ich mir indeß keinen Nutzen versprach. Es scheint, daß ich Unrecht hatte. Nun, es ist mir eine Ueberraschung, dieselbe hier zu finden —— ——« Er wartete wieder und sann —— »sie wirklich ausgewachsen, als Siebzehnjährige hier zu finden.«

Seinem jungen Collegen klang eine keineswegs humane Gleichgültigkeit aus dem Tone, mit dem er dies sagte, und es war demselben unmöglich, sein Empfinden nicht durch Blicke zu erkennen zu geben, wenn er auch seiner Zunge Gewalt anthat.

»Ihr Nervensystem ist in üblem Zustande«, bemerkte Doctor Benjulia; »Sie sollten sich doch in Acht nehmen. Ich will jetzt nach dem Affen sehen.«

Dabei war sein Gesicht undurchdringlich wie das einer Sphinx und seine tiefe Baßstimme klang ganz sanft, Ovid’s Aerger war an ihm vorübergegangen wie ein Hauch des Sommerwindes. »Adieu«, sagte er, »und nehmen Sie sich mit Ihren Nerven in Acht. Ich sage Ihnen noch einmal, sie verheißen Unheil.«

»Wenn ich Sie falsch verstanden habe, bitte ich um Verzeihung«, entschuldigte sich Ovid, wenn auch nicht ganz ohne Widerstreben. »Uebrigens bin ich wohl kaum zu tadeln. Warum verleiteten Sie mich durch Anwendung des abscheulichen Wortes.«

»War es nicht das rechte Wort?«

»Das rechte Wort —— wenn Sie nur von einem armen kranken Kinde sprechen wollten! In Anbetracht dessen, daß sie Ihr Diplom in Oxford erlangt haben ——«

»Konnten Sie nichts mehr von meiner mangelhaften Erziehung erwarten«, vollendete der Doctor den Satz, mit der ernsten Gelassenheit, die ihn auszeichnete. »Danke Ihnen für die Erinnerung. Vielleicht hätte ich »mangelhaft geboren« sagen sollen? Ich werde zu Hause im Wörterbuch nachsehen.«

»Es ist mir noch etwas unerklärlich«, fing Ovid, der noch nicht beruhigt war, wieder an, fuhr dann aber plötzlich zurück und ergriff Benjulia mit dem Ausrufe: »Halt! Halt!« am Arme.

»Nun, was haben Sie?« fragte der Doctor, sofort stehen bleibend.

»Nichts«, sagte Ovid, vor einem durch die Ueberbleibsel eines von dem schweren Fuße seines Begleiters zermalmten Käfers gebildeten Flecke auf dem Kieswege zurückfahrend. »Sie traten den Käfer, ehe ich es hindern konnte.«

Benjulia war buchstäblich sprachlos vor Erstaunen, daß er hier —— nicht im Irrenhause —— einen erwachsenen Menschen fand, dem etwas an der Erhaltung des Lebens eines Käfers lag; aber sein Berufsinstinct kam ihm zu Hilfe. »Sie sollten London lieber auf der Stelle verlassen«, sagte er. »Suchen Sie reine Luft auf und bleiben Sie den ganzen Tag im Freien.« Dann den zertretenen Käfer mit der Spitze seines Stockes umwendend, meinte er: »Nur ein ganz gewöhnlicher Käfer.«

Ovid kam wieder auf das durch den kleinen, leider mißlungenen Act der Barmherzigkeit abgebrochene Thema zurück: »Sie kannten meinen Onkel in Italien; da kommt es mir sonderbar vor, daß ich früher nie etwas davon gehört habe.«

»Ja, ich kannte ihn, und seine Frau gleichfalls.« Auf die letzten Worte legte der Doctor einen besonderen Nachdruck.

»Nun?«

»Nun, ich kann nicht sagen, daß ich für ihn oder für sie ein besonderes Interesse empfand, und es ereignete sich später nichts, was mir die Bekanntschaft in’s Gedächtnis; zurückgerufen hätte, bis Sie mir vorhin erzählten, wer die junge Dame sei.«

»Meine Mutter muß Sie doch daran erinnert haben?«

»Nicht, daß ich wüßte. Damen in ihrer Stellung haben in der Regel wenig Neigung, von einein Verwandten zu sprechen, der ——« Er hielt inne. »Ich möchte nicht grob sein; sagen wir also: der unter seinem Range geheirathet hat.«

Ovid mußte sich gestehen, daß dem so war. Hatte doch seine Mutter (vor der Ankunft des Testamentes) selbst ihm gegenüber selten ihres Bruders und noch seltener seiner Familie Erwähnung gethan. Mrs. Gallilee’s Schweigen hatte allerdings noch einen andern Grund, der aber nur ihr bekannt war. Robert hatte das Geheimniß ihrer Schulden besessen und ihr schwere pecuniäre Verpflichtungen auferlegt; der bloße Klang seines Namens war daher für seine liebenswürdige Schwester verletzend gewesen, da derselbe sie an jenes demüthigende Gefühl erinnern mußte, das man in der Gesellschaft als das Gefühl der Dankbarkeit kennt.

Da Carmina noch immer wartete und Ovid einsah, daß aus Benjulia nichts weiter herauszubringen war, so reichte er ihm die Hand, um sich zu verabschieden, allerdings mit dem Gefühle, daß es ihm nicht gelungen war, sein Gemüth vollständig zu beruhigen.

Der Doctor nahm die dargebotene Hand ganz bereitwillig und wiederholte dann seine sonderbare Frage —— »Ich bin doch nicht grob gewesen, wie?« wobei man es ihm ansah, daß er dieselbe nur der Form wegen stellte.

Ovid ging mit seiner natürlichen Hochherzigkeit freundlich darauf ein. »Ich fürchte, ich bin derjenige, der grob gewesen ist«, sagte er. »Wollen Sie mit mir zurückkommen, und sich Carmina vorstellen lassen?«

Benjulia lehnte aber dies freundliche Anerbieten in der ihm eigenthümlichen Weise ab.

»Nein, ich danke Ihnen«, erwiderte er ruhig. »Ich möchte lieber den Affen sehen.«



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Capitel XIV.

Währendem war Zo die unschuldige Ursache einer Meinungsverschiedenheit zwischen Maria und der Duenna, diesen beiden sich so unähnlichen Persönlichkeiten geworden.

Da des Kindes Gemüth ganz von dem kranken Affen erfüllt war, so fühlte es eine natürliche Neugier, die anderen, gesunden Affen zu sehen. Ehe die Gouvernante Zo’s Wünschen willfuhr, fragte dieselbe ihre junge Freundin aus Italien, ob diese Neigung hätte, das Affenhaus zu besuchen. Carmina, eingedenk des Versprechens ihres Cousins, ließ ihre Augen den Weg hinunter schweifen; da aber Ovid nicht zurückkam, ja nicht einmal zu sehen war, blieb ihr nichts übrig, als sich in die Umstände zu fügen, und sie that dies nicht ohne einen leichten Anflug von Gereiztheit, den Miß Minerva nicht unterließ, ihrem Gedächtnisse einzuregistriren.

Als sie bei dem Affenhause anlangten, zeigte sich Teresa in einem ganz neuen Charakter, indem sie zur Ueberraschung ihrer Begleiter ein Interesse an der Naturgeschichte bekundete.

»Sind in diesem großen Hause lauter Affen?« fragte sie. »Ich möchte nur wissen, wie das die Thiere aushalten.«

Sie hatte sich dabei an die Gouvernante als an die Gelehrteste von den Anwesenden gewandt, aber diese erwiderte, ihrer älteren Schülerin ermuthigend zulächelnd: »Maria wird Ihnen Auskunft geben. Ihre Studien in der Naturgeschichte haben sie mit den Gewohnheiten der Affen hinreichend bekannt gemacht.«

Die sonst so dicerete Maria erröthete wirklich bei dieser Aufforderung. Es war ja aber auch ihr höchster Lohn, wenn sie ihre Kenntnisse zum Wohle der Unglücklichen aus den unteren Klassen, denen nur eine unvollständige Erziehung zu Theil geworden, entfalten konnte, wobei sie natürlich die Lehrmethode ihrer Lehrerin nachahmte. Man hätte sich bei dem Tone liebenswürdig herablassenden Wohlwollens, in welchem sie jetzt eine Frau, die dem Alter nach ihre Großmutter hätte sein können, belehrte, veranlaßt fühlen können, ihr gleichfalls eine Lection —— aber eine fühlbare —— zu geben.

»Man hält die Affen in großen und luftigen Käfigen«, begann sie, »deren Temperatur sehr sorgfältig reguliert wird. Ich werde glücklich sein, Sie auf die Unterschiede unter denselben aufmerksam zu machen. Es ist Ihnen vielleicht nicht bekannt, daß man die einen als Simiadae unterscheidet, diejenigen nämlich, die keinen Schwanz und keine Backentaschen haben?«

Teresa, die bis soweit in stummer Verwunderung zugehört hatte, unterbrach plötzlich diesen Redefluß mit den Worten:

»Was für einen Unsinn schwatzt das Kind da? Ich möchte wissen, wie sich die Affen in diesem großen Gebäude amüsieren.«

Die wohlerzogene Maria ließ sich herab, ihr auch dies zu erklären.

»Sie haben Seile, an denen sie sich schwingen können, und die Besucher füttern sie durch die Gitter der Käfige. Ferner sind zu ihrem Zeitvertreib Baumäste angebracht, die ohne Zweifel viele von ihnen an die ungeheuren tropischen Wälder erinnern, in denen sie, wie uns die Reifenden berichten, herdenweise von Baum zu Baum wandern.«

Teresa erhob die Hand als Zeichen, daß sie innehalten möge. »Sie marschieren mit Siebenmeilenstiefeln, junges Fräulein. Erwägen Sie, was ich fassen kann, ehe Sie mich in solchem Tempo vollpfropfen.«

Maria war verwirrt, verlor aber noch nicht den Muth. »Verzeihen Sie«, wandte sie ein; »ich fürchte, ich verstehe Sie nicht recht.«

»Dann geht es Ihnen gerade so wie mir, entgegnete die Duenna rauh. »Ich verstehe Sie auch nicht. Ich für meine Person betrete dies Haus gewiß nicht. Man kann von keinem Christen erwarten, daß er sich um Bestien kümmert —— aber was recht ist, ist recht, so lange die Welt steht. Wenn die Affen, wie ich gehört habe, widerliche Thiere sind, nicht einmal zum Essen gut genug, so ist das noch kein Grund, sie aus ihrer Heimath fortzuschleppen und in einen Käfig zu sperren. Sollen wir durchaus Geschöpfe in der Gefangenschaft sehen, dann mögen es solche sein, die es verdient haben —— Spitzbuben und Dirnen. Die Affen haben es nicht verdient. Gehen Sie nur —— ich werde solange an der Thür warten.«

Nach diesem mit bitterster Emphase vorgebrachten Proteste, dem Ausdruck einer tief wurzelnden, feindlichen Abneigung, die das Mitgefühl mit den eingesperrten Thieren nur als nächstliegendes Mittel ergriffen hatte, setzte sich die Alte triumphierend auf die nächste Bank.

Eine mit nur gewöhnlichen Kenntnissen ausgerüstete junge Dame hätte der alten Frau das Privilegium des letzten Wortes gelassen. Miß Minerva’s Schülerin aber, die gleichsam die Belehrung aus allen Poren schwitzte, war ja in einem Augenblicke wie durch ein eisiges Sturzbad erkältet worden. Hat doch selbst die größte irdische Vollkommenheit ihre schwachen Stellen, und Maria verlor die Geduld.

»Sie werden mir erlauben«, sagte sie, »Sie daran zu erinnern, daß der Wissenstrieb uns veranlaßt, die Gewohnheiten uns neuer Thiere zu studieren. Wir bringen sie in Käfige ——«

Jetzt aber verlor auch Teresa die Geduld.

»Wahrhaftig, Sie sind mir auch ein neues Thier«, rief sie gereizt. »Solch ein Kind habe ich ja in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Madame Gouvernante setzen Sie doch, bitte, dies Mädchen in einen Käfig. Mein Wissenstrieb wünscht, einen mir neuen Affen zu studieren.«

Es war ein Glück für Teresa, daß sie Carmina’s Günstling und Freundin war und als solche rücksichtsvoll behandelt werden mußte. Miß Minerva erstickte den Streit mit größtem Takte. Teresa auf die Schulter klopfend und Carmina lächelnd ansehend, sagte sie: »Die würdige alte Dame! welchen Humor sie hat! Es steckt Energie im Volke, Miß Carmina. Man sehe nur mit welch’ Wunderbarem Nachdruck es seinen Ideen Ausdruck giebt! Nein —— kein Wort der Vertheidigung wenn ich bitten darf. Maria, meine Liebe, nimm Deine Schwester bei der Hand; wir werden folgen.« Dabei legte sie ihren Arm mit dem glücklichsten Gemisch von Vertraulichkeit und Achtung in den Carmina's und nickte der Alten mit der Herzlichkeit einer gutgelaunten Freundin zu.

Teresa kam nicht in die Lage, durch langes Warten noch weiter gereizt zu werden, denn schon nach einigen Minuten kam Carmina zurück und setzte sich zu ihr auf die Bank.

»Bist Du der Thiere schon überdrüssig, mein Liebling?«

»Mehr als das —— der Geruch hat mich fort getrieben! Liebe Teresa, warum sprachst Du aber auch so rauh mit Miß Minerva und Maria?«

»Weil ich sie hasse! weil ich die ganze Sippe hasse! War denn Dein armer Vater in seinen letzten Augenblicken von Sinnen, daß er Dich zu diesen abscheulichen Menschen schickte?«

»Gestern sagtest Du ja aber das gerade Gegentheil von der Familie!« rief Carmina die sie mit Erstaunen angehört hatte.

Teresa ließ in Verwirrung den Kopf hängen, denn ihr wohlgemeinter Versuch, Carmina mit dem neuen Leben, in das dieselbe eingetreten, zu versöhnen, war jetzt dadurch, daß sie ihr Temperament nicht hatte bändigen können, als eine Täuschung enthüllt, und es blieb ihr nun weiter nichts übrig, als die Wahrheit zu gestehen und Carmina wenn möglich zu Warnen, ohne sie zu sehr zu beunruhigen.

»In meinem ganzen Leben werde ich nie wieder eine Lüge in den Mund nehmen«, erklärte sie. »Siehst Du, ich mochte Dir nicht den Muth nehmen, und meine Meinung ist ja schließlich auch vielleicht gar nicht richtig. Aber es ist einmal meine Ansicht und bleibt es. Ich hasse diese beiden, Herrin sowohl als Gouvernante, gleich sehr. So! nun ist’s heraus. Bist Du mir deshalb böse?«

»Ich bin Dir nie böse, meine gute Teresa, nur fühle ich mich ein wenig bedrückt. Du mußt nicht sagen, daß Du Leute hassest, die Du erst seit ein oder zwei Tagen kennst! Miß Minerva ist jedenfalls sehr freundlich gegen uns beide gewesen und ich schäme mich schon, daß ich anfangs gegen sie eingenommen war.«

Teresa ergriff die Hand ihrer jungen Herrin und streichelte dieselbe theilnahmsvoll. »Arme Unschuld, wenn Dir doch meine Erfahrung zur Seite stände! Es giebt unter allen Geschöpfen gute und schlechte, und ich sage Dir, die Gallilee’s gehören zu den letzteren! Auch der Musiklehrer, den ich heute Morgen sah, sieht wie ein Schurke eins. Du wirst mir sagen, der arme alte Herr sei jedenfalls harmlos, und ich will Dir darin nicht widersprechen; aber ich frage Dich, was hilft mir ein Mann, der so widerstandslos ist wie Wasser? O ja, ich mag ihn wohl leiden, aber ich mache einen Unterschied. Auch Zo gefällt mir; aber was ist ein Kind, besonders wenn ihm solch ein Scheusal von Gouvernante das unglückliche Köpfchen mit lauter Gelehrsamkeit ganz wirr gemacht hat? Nein, mein Herzblatt nur eine Person unter der ganzen Sippe tröstet mich, wenn ich an den Tag des Scheidens denke. Ah! es kommt etwas Farbe in die Wangen hier? Du kleiner Schlaukopf! Du weißt, wen ich meine. Das nenne ich mir einen Mann! Wenn ich so jung und so schön wäre wie Du ——«

Ein warnendes Zeichen von Carmina ließ sie verstummen, denn Ovid kam eilig auf sie zu. Derselbe sah etwas beunruhigt aus und entschuldigte sich, ohne den Namen des Doctors dabei zu erwähnen, was seiner Cousine, die sich bereits für denselben interessierte, auffiel. Mochte er Benjulia wirklich nicht leiden, und hatte eine Mißhelligkeit zwischen beiden stattgefunden?

»War der lange Doctor so interessant?« wagte sie zu fragen.

»Nicht im mindesten!« antwortete er, als ob ihm das Thema unangenehm wäre —— und doch kam er selbst wieder auf dasselbe zurück: »Nebenbei gesagt, haben Sie Benjulia’s Namen je zu Hause in Italien gehört?«

»Nein, nie! Kannte er meine Eltern?«

»Wie er sagt, ja.«

»O, stellen Sie mich ihm vor.«

»Wir müssen uns etwas gedulden, da er heute dem Affen den Vorzug giebt. Wo sind Miß Minerva und die Kinder?«

Teresa zeigte nach dem Affenhause, zog dann Ovid beiseite und raunte ihm zu: »Sehen Sie sich mit ihr die Vögel weiter an; ich werde aufpassen, daß die Gouvernante Sie nicht stört. Erklären Sie sich ihr —— gestehen Sie ihr Ihre Liebe, Herr Doctor!«

Wie aber konnte Ovid einem jungen Mädchen das er erst ein oder zwei Tage kannte, schon eine Liebeserklärung machen?

»Ich freue mich unendlich, wieder bei Ihnen zu sein«, sagte er ihr offenherzig, als sie nach einer Minute der Alten aus dem Gesichte waren. »Waren Sie wohl halb so erfreut, als Sie mich zurückkommen sahen?«

Er verstand sich nicht auf die verschlungenen Pfade, durch die die Liebe den Weg zu ihrem Ziele findet, und es fiel ihm nicht bei, sich ihr mit den geheimnißvollen Tönen und verstohlenen Blicken zu nähern, die für sich selbst sprechen. Und mit gleicher offenherziger Geradheit antwortete sie ihm:

»Sie halten mich doch hoffentlich nicht für unempfindlich gegen Ihre Freundlichkeit. Ich bin erfreuter und stolzer, als ich zu sagen vermag.«

»Stolzer?« wiederholte Ovid, der sie nicht sofort verstand.

»Warum nicht?« fragte sie. »Sollte ich nicht stolz darauf sein, wenn mir ein Mann soviel Beachtung schenkt, von dem mein Vater zu sagen pflegte, daß er eine Ehre für die Familie sein würde?«

Als sie ihn dabei schüchtern ansah, hätte er alle seine Aussichten auf Berühmtheit dafür hingeben mögen, wenn er sie hätte küssen dürfen.

»Carmina, erinnern Sie sich, wo Sie mich zum ersten Male gesehen haben?« fragte er, um sie sich, wenn auch nur im Geiste, etwas näher zu bringen.

»Gewiß! In dem Concertsaale. Als ich Sie dort sah, fiel es mir ein, daß ich Ihnen bereits in den Anlagen begegnet war. Ein seltsamer Zufall, daß Sie zu demselben Concerte gingen, das Teresa und ich zufällig besuchten.«

»Es war kein Zufall«, entgegnete Ovid. »Ich folgte Ihnen nach der Begegnung in den Anlagen zu dem Concerte.«

Dieses kühne Geständniß, das ein weniger unschuldiges Mädchen verlegen gemacht haben würde, setzte Carmina blos in Erstaunen.

»Was bewog Sie, uns zu folgen?« fragte sie.

»Uns?« Glaubte sie denn, daß er der Alten gefolgt sei? Das mußte er berichtigen. »Ich sah Teresa überhaupt gar nicht, sondern folgte einzig und allein Ihnen.«

Weshalb schwieg sie? War sie verwirrt, oder verstand sie ihn noch nicht? Seine krankhafte Empfindsamkeit, das deutlichste Zeichen seiner untergrabenen Gesundheit, war jetzt schon so gereizt, ihn zum Extremen zu treiben, und er fragte sie: »Haben Sie je davon gehört, daß man sich beim ersten Anblick verliebt hat?«

Sie stutzte; Ueberraschung, Verwirrung und Zweifel wechselten rasch auf ihrem beweglichen, zarten Gesichte, aber sie nahm den Muth zusammen und sah ihn schweigend an.

Und in diesem Momente, wo Kühnheit am Platze gewesen wäre, wo er, wenn er den Blick zurückgegeben, die ganze Geschichte seiner ersten Liebe ohne ein Wort zu sprechen erzählt haben würde, machten ihn seine zerrütteten Nerven schüchtern, und die Furcht —— die ihn in gesunden Tagen nie angewandelt haben würde —— daß er vielleicht zu frei gesprochen habe, ließ seine Augen unverwandt auf dem Boden haften. Sofort sah sie mit einem schnellen Erröthen der Scham wieder weg. Denn war es nicht vermessene Eitelkeit von ihr, zu denken, daß ein Mann, wie Ovid sie meinen könne, als er von einer beim ersten Anblick erwachten Liebe sprach? Er hatte sich nur freundlich zudem Niveau des Verständnisses eines thörichten, jungen Mädchens herabgelassen. Unzufrieden mit sich selbst, machte sie eine Bewegung, als ob sie umkehren wollte.

Und er seinerseits fühlte sich zu bitter enttäuscht, um den Versuch zu machen, das Gespräch noch weiter fortzusetzen. Ein Gefühl tödtlicher Schwäche, die unvermeidliche Folge der äußersten Vernachlässigung seiner selbst, begann ihn zu überwältigen. Nach einer schlaflosen Nacht hatte er vor dem Frühstück einen langen Spaziergang gemacht und dann noch seinen geschwächten Kräften diesen Ausflug und das Herumwandern im zoologischen Garten zugemuthet und jetzt hatte er seine physische und moralische Spannkraft verloren.

»Ich fürchte, ich habe Sie beleidigt«. sagte er traurig zu seiner Begleiterin; »ich meinte es nicht so.«

»O wie wenig kennen Sie mich«, rief sie, »wenn Sie das denken!«

Diesmal begegneten sich ihre Augen und die Wahrheit begann in ihr heraufzudämmern. Er nahm ihre Hand in die seine, deren feuchtkalter Griff ihr auffiel, und fragte so leise, daß sie es kaum hören konnte: »Wundern Sie sich noch, weshalb ich Ihnen folgte?« Dabei standen ihm schwere Schweißtropfen auf der Stirn, eine graue geisterhafte Blässe überzog sein Gesicht —— er wankte und versuchte verzweifelt, sich an dem Zweige eines neben ihnen stehenden Baumes zu halten. Ihn mit den Armen umfassend, versuchte sie mit ihrer ganzen geringen Kraft, ihn aufrecht zu halten, vermochte aber mit äußerster Anstrengung nur soviel, daß sie ihn zu dem Rasen zog und seinen Fall milderte. Hilfe rufend sah sie sich um und erblickte einen großen Mann auf sie zukommen, der indeß nicht lief, auch nicht, als er sah, was geschehen war, sondern nur weit ausschritt. »Es war Doctor Benjulia, der seinen kranken Affen unter dem langen Rocke geschützt hielt und von einem der Wärter gefolgt war.

»Bitte, lassen Sie das«, war Alles, was er mit seiner gewohnten Gelassenheit sagte, als sich Carmina bemühte, Ovid’s Kopf vom Grase aufzuheben. Dann legte er seine Hand so kühl auf das Herz des Ohnmächtigen, als ob derselbe ihm ein vollständig Fremder gewesen wäre. »Wer von Ihnen beiden kann am schnellsten laufen?« fragte er dann, Carmina und den Wärter ansehend. »Ich brauche etwas Branntwein.«

Ehe der Wärter noch verstand, was von ihm begehrt wurde, eilte Carmina schon über den Rasen auf das Restaurant zu.

»Wie das Mädchen rennen kann’s sagte er zu sich als er ihr mit seiner gewohnten feierlichen Aufmerksamkeit nachgesehen hatte, und wandte sich dann wieder dem Ohnmächtigen zu.

»Hat sich thörichterweise bei seinem Zustande allzusehr angestrengt.« Dann erinnerte er sich des Affen's, den er für den Augenblick in’s Gras gesetzt hatte, und bemerkte mit mehr Interesse, als er bis dahin gezeigt hatte: »Da ist es zu kalt für ihn. Heda, Wärter! Nehmen Sie den Affen auf, bis ich ihn selbst wieder hinnehmen kann.«

»Er möchte mich beißen, Herr Doctor«, sagte der Mann zögernd.

»Nehmen Sie ihn auf!« wiederholte der Doctor, »er kann nach dem, was ich mit ihm gemacht, überhaupt Niemanden beißen.«

Der Affe befand sich wirklich in einem Zustande der Erstarrung, und der Wärter, der ihn, dem Befehle gehorchend, aufnahm, schien sich nun mehr vor dem Doctor als vor dem Affen zu fürchten.

»Haltet Ihr mich für den Teufel?« fragte Benjulia, da der Wärter ihn verblüfft anstarrte, und das Aussehen des Mannes bejahte die Frage jedenfalls, wenn es der Mund auch nicht wagte.

Als Carmina mit dem Branntwein eiligst zurückkam, roch der Doctor erst an diesem, ehe er ihr Beachtung schenkte.

»Außer Athem?« fragte er dann.

»Warum geben Sie ihm nicht den Branntwein?« gab sie ungeduldig zur Antwort.

»Starke Lungen«, fuhr Benjulia fort, sich neben Ovid setzend und das Reizmittel anwendend, ohne sich dabei besonders zu beeilen. »Manche Mädchen würden nach einer solchen Strapaze nicht im Stande gewesen sein zu sprechen. Als Sie noch klein waren, hielt ich nicht viel von Ihren Lungen.«

»Komm er wieder zu sich?« fragte Carmina.

»Wissen Sie, was eine Pumpe ist?« gab Benjulia wieder zurück. »Nun, eine Pumpe kommt manchmal in Unordnung, aber der Zimmermann wird sie schon wieder in Stand setzen, wenn man ihm Zeit läßt. Diese Pumpe ist in Unordnung«, und damit ließ er seine mächtige Hand auf des Daliegenden Brust fallen; »und ich bin der Zimmermann, der sie wieder in Stand setzen wird. Sie gleichen Ihrer Mutter durchaus nicht«

Carmina, die Ovid’s Gesicht eifrig beobachtete, war durch eine schwache Wiederkehr von Farbe auf demselben so erfreut, daß sie fähig war, dem seltsamen Gespräch des Doctors zuzuhören und sogar darauf einzugehen. »Verschiedene von unseren Bekannten meinten, daß ich meinem Vater ähnlich wäre«, antwortete sie.

»So?« äußerte Benjulia und schloß die dünnen Lippen, als ob er den Gegenstand fallen lassen wollte. Als dann Ovid sich schwach rührte und die Augen halb öffnete, erhob er sich und sagte: »Jetzt brauchen Sie mich nicht mehr.« Darauf ließ er sich von dem Wärter den Affen wieder geben, nahm denselben wie ein Bündel unter den Arm, deutete dann nach dem Ende des Weges und sagte: »Da sind Ihre Begleiter. Adieu.«

Carmina aber hielt ihn an, legte, in ihrer Besorgniß das Ceremoniell vergessend, die Hand auf seinen Arm und fragte schüchtern:

»Was bedeutet dieser Anfall; ist er der Vorgänger einer Krankheit?«

»Sogar einer ernstlichen —— wenn Sie nicht das Richtige thun, und zwar auf der Stelle«, antwortete er, ihre Hand nicht ärgerlich, sondern so abschüttelnd, wie er sich vielleicht einen Fleck von Cigarrenasche oder Straßenstaub abgeschüttelt haben würde, und dann ging er. Bescheiden aber doch entschlossen folgte sie ihm mit den Worten: »Sagen Sie mir, bitte, was wir zu thun haben.«

Er sah über die Schulter zurück: »Schicken Sie ihn fort.« Dann ging sie zurück, kniete neben Ovid, der sich langsam erholte, nieder und wischte ihm zärtlich und sanft die feuchte. Stirn, dabei mit einem traurigen Seufzer zu sich sagend: »Gerade als wir anfingen uns zu verstehen!«



Kapiteltrenner

Capitel XV.

Zwei Tage vergingen und Ovid blieb trotz der empfangenen Warnung in London. Die unbestreitbare Autorität Benjula’s wirkte bei ihm eben sowenig als die unwiderleglichen Gründe seiner Mutter. Neuerliche Umstände hatten, wie diese es erklärte, seinen verblendeten Widerstand gegen die Vernunft verstärkt. Der gefürchtete Augenblick der Abreise Teresa’s war durch ein Telegramm aus Italien beschleunigt worden, und das Mitgefühl, welches Ovid mit dem Kummer Carmina’s empfand, machte sie ihm theurer als je. Ihre Seelenstärke war an dem zweiten Morgen nach dem Vesuche im zoologischen Garten auf eine harte Probe gestellt worden, als sie unter ihrem Kissen das Telegramm, in einen Abschiedsbrief eingeschlossen, gefunden hatte —— Teresa war fort.

»Meine Carmina«, schrieb dieselbe, »ich habe Dich geküßt und nehme nun schriftlich Abschied von Dir, so gut es meine vermeinten alten Augen zulassen. O Du Liebling meines Herzens, ich kann es nicht über mich gewinnen, Dich zu wecken und Deinen Schmerz zu sehen. Vergieb mir, daß ich nur mit diesem stummen Lebewohl fortgehe; meine Liebe zu Dir ist meine einzige Entschuldigung. Solange mein hilfloser alter Mann noch lebt, hat derselbe ein Anrecht auf mich. Schreibe mit jeder Post und sei überzeugt, daß ich antworte —— und denke an das, was ich von Ovid gesagt habe. Liebe den guten Mann, der Dich liebt, und suche so gut wie möglich mit den Anderen auszukommen. Sie können ja nicht schlecht gegen den armen Engel sein, der von ihrer Güte abhängt. O, wie hart ist das Leben ——« Das Uebrige war von Thränen ausgelöscht und unleserlich.

Carmina verbrachte diesen unglücklichen Tags in der Einsamkeit ihres Zimmers und weigerte sich sanft, aber fest, irgend Jemand zu sehen, was Mrs. Gallilee’s Besorgnisse vermehrte. So schon ganz von Ovid’s Hartnäckigkeit und den Mitteln, dieselbe zu überwinden, in Anspruch genommen, sah sie sich nun noch einer Entschlossenheit im Charakter ihrer Nichte gegenüber, die sie des Höchsten überraschte, denn es konnten sich bei der Behandlung Carmina’s vielleicht unvorhergesehene Schwierigkeiten erheben. Mittlerweile war sie, was die ernste Angelegenheit in Betreff des drohenden Gesundheitszustandes ihres Sohnes anbetraf, ganz auf ihre eigene Klugheit angewiesen, da Benjulia zu sehr von seinen Experimenten im Laboratorium in Anspruch genommen war und es abgelehnt hatte, sie zu unterstützen. »Ich habe meinen Rath bereits abgegeben«, schrieb er. »Schicken Sie ihn fort. Lassen Sie mich dann nach einem Monate seine Briefe sehen, so werde ich Ihnen meine Meinung über ihn sagen, wenn ich dann noch etwas zu sagen habe«

So also auf sich selbst angewiesen, blieb der Selbstverleugnung Mrs. Gallilees nur ein gesunder Schluß übrig. Der einzige Einfluß, den sie jetzt noch mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg bei ihrem Sohn gebrauchen konnte, war der ihrer Nichte. Sie ließ daher Carmina genügend Zeit, sich von dem Verluste ihrer alten Freundin zu erholen, und lud sie dann drei Tage nach deren Abreise ein, den Thee in ihrem Boudoir einzunehmen. Carmina traf ihre Tante beim Lesen eines reizenden Buches über einen sehr interessanten Gegenstands wie dieselbe sagte, als sie es weglegte »Pflanzengeographie. Der Verfasser theilt die Erde in fünfundzwanzig Pflanzenzonen —— doch ich vergesse, Du bist nicht wie Maria und machst Dir nichts aus diesen Dingen.«

»Ich bin so unwissend«, meinte Carmina »Vielleicht wird es besser, wenn ich älter werde.« Dann nahm sie ein Buch vom Tische, das durch seinen schönen Einband ihre Aufmerksamkeit erregte.

»Wieder Wissenschaft, liebes Kind«, sagte Mrs. Gallilee, die sie mit theilnahmvoller Wohlgelauntheit angesehen hatte, in scherzendem Tone. »Sie ladet Dich hier in hübscher Hülle ein. Es behandelt Merkwürdigkeiten der Coprolithen —— eins meiner kostbarsten Bücher, ein mir vom Verfasser zur Ansicht, überreichtes Exemplar.«

Was sind Coprolithen?« fragte Carmina.

Noch gut gelaunt, aber doch schon mit zu Tage tretender Anstrengung ließ sich Mrs. Gallilee herab, ihrer Nichte eine deren Verständniß angepaßte Erklärung zu geben. »Coprolithen sind versteinerte unverdaute Speisenüberreste ausgestorbener Reptilien. Der große Gelehrte, der dies Buch geschrieben hat, hat Schuppen, Knochen, Zähne und Muschelschalen darin entdeckt. Welch ein Mann! welch ein Feld für die Forschung! Erzähle mir von Deiner Lectüre. Was hast Du in der Bibliothek gefunden?«

»Sehr interessante Bücher —— wenigstens für mich interessant«, antwortete Carmina »Viele Bände Poesie. Liest Du je Poesie?«

»Poesie?« wiederholte Miß Gallilee, sich in ihren Stuhl zurücklehnend, in resigniertem Tone. »Lieber Himmel!«

Carmina versuchte ein mehr versprechendes Thema. »Was für schöne Blumen Du im Salon hast!« sagte sie.

»Was ist dabei Besonderes, Beste? Die hat jeder in seinen Salons —— das gehört zum Meublement.«

»Hast Du sie selbst arrangiert, Tante?«

Mrs. Gallilee ertrug es noch. »Das besorgt Alles der Gärtner«, erwiderte sie. »Ich secire manchmal Blumen, befasse mich aber nie mit dem Arrangieren derselben. Wozu brauchten wir dann auch den Menschen?« Diese Auffassung der Frage ließ Carmina verstummen und Mrs. Gallilee fuhr fort: »Dies Blumenthema erinnert mich an andere Ueberflüssigkeiten. Hast Du das Piano in Deinem Zimmer versucht? Geht es?«

»Der Ton ist ganz vollkon1men!« antwortete Carmina enthusiastisch. »Hast Du es selbst ausgesucht?« Mrs. Gallilee sah aus, als ob sie wieder »lieber Himmel« sagen und es vielleicht nun nicht länger aushalten würde, aber Carmina, die zu unschuldig war, um dies richtig zu deuten, und jedenfalls nicht einzusehen vermochte, weshalb ihre Tante nicht selbst ein Piano auswählen sollte, fragte dieselbe: »Interessiert Dich Musik nicht?«

Mit einer letzten Anstrengung nahm sich Mrs. Gallilee noch einmal zusammen. »Wenn Du erst etwas mehr von der Gesellschaft kennen lernst, liebes Kind, wirst Du sehen, daß man sich für Musik interessieren muß. Gerade so geht es mit Gemälden —— man muß die Ausstellung der königlichen Akademie besuchen. So geht es gleichfalls ——«

Ehe sie noch ein weiteres gesellschaftliches Opfer erwähnen konnte, wurde sie durch den Eintritt eines Dieners der einen Brief brachte, unterbrochen.

Kaum hatte sie einen Blick auf die Adresse geworfen, so verwandelte sich die müde Gleichgültigkeit in ihrem Wesen in lebhaftes Interesse. »Von dem Herrn Professor!« rief sie. »Entschuldige mich auf eine Minute.« Dann las sie den Brief und steckte denselben mit einem Seufzer der Erleichterung wieder in das Couvert, dabei zu sich selbst sagend: »Ich wußte es! habe es ja immer behauptet, daß die Eiweißsubstanz der Froscheier, als Nahrung betrachtet, unzureichend ist, eine Kaulquappe in einen Frosch zu verwandeln; und endlich giebt der Professor zu, daß ich Recht habe. Entschuldige, Carmina, daß ich mich von einem Gegenstande hinreißen lasse, den ich Wochen lang in mühsam erübrigten Mußestunden bearbeitet habe. Laß mich Dir etwas Thee einschenken. Ich habe Miß Minerva gebeten, uns Gesellschaft zu leisten. Was sie nur abhalten mag? Sie ist sonst so pünktlich. Wahrscheinlich ist Zoe wieder unartig gewesen.«

Und diese mütterliche Vermuthung wurde nach einigen Minuten von der Gouvernante bestätigt. Zo hatte keine Neigung gehabt, sich »die politischen Folgen des Erlasses der Magna Charta« einzuprägen, und die Gouvernante empfahl sie zur Bestrafung, wenn ihre Mutter »Zeit dazu haben sollte.« Mrs. Gallilee entledigte sich gleich dieser Verantwortlichkeit, indem sie ihr Brod und Wasser statt des Thees zudictirte.

»Ich möchte mit Ihnen beiden über meinen Sohn sprechen«, begann sie dann, aus den Zweck des Abends kommend.

Die Angeredeten erwarteten schweigend das Weitere, aber während Carmina den Kopf senkte und zu Boden blickte, betrachtete Miß Minerva aufmerksam Mrs. Gallilee. »Warum soll ich mitanhören, was sie über ihren Sohn zu sagen hat?« fragte sich die Letztere. »Besorgt sie, daß Carmina mit mir darüber sprechen könnte, wenn ich nicht zu den Familiengeheimnissen zugelassen würde?«

Und sie hatte damit in der That das Rechte getroffen.

Mrs. Gallilee hatte in letzter Zeit bemerkt, daß sich die Gouvernante in das Vertrauen ihrer Nichte einschmeichelte —— d. h. in das Vertrauen einer jungen Dame, deren Vater, wie man sich allgemein erzählte, als Besitzer eines schönen Vermögens gestorben war. Es war aber eine gebieterische Pflicht, der Zunahme einer Freundschaft dieser Art Einhalt zu thun, ohne Miß Minerva offen zu verletzen; und Mrs. Gallilee sah ein Mittel, dies in taktvoller Weise zu erreichen darin, daß sie das Interesse, welches beide an Ovid nahmen, benutzte. Wenn sie sie beide einlud, mit ihr über den zarten Gegenstand, ihren Sohn, zu Rathe zu gehen, so mußte es nicht schwierig sein, eine Meinungsdifferenz anzuregen, die den Entfremdungsproceß dadurch einleiten würde, daß sie sich nach dem Thee mieden.

»Es ist von höchster Wichtigkeit, daß zwischen uns kein Mißverständniß stattfinde«, fuhr Mrs. Gallilee fort. »Ich will das Beispiel geben, ohne Rückhalt zu sprechen. Wir wissen alle drei, daß Ovid dabei beharrt, in London zu bleiben ——«

Sie brach ab und wandte sich plötzlich an Miß Minerva: »Sie werden mich doch unschuldigen, daß ich Sie mit Familiensorgen belästige.« Dabei spähte sie nach einer Veränderung der Farbe oder einem Zucken der Lippen im Gesichte der Gouvernante. Denn wenn sie auch wirklich einen Professor bekehrt hatte, so war sie doch nur ein Weib, und hatte plötzlich bei ihren anderen Calculationen an die Möglichkeit gedacht, die Gouvernante zu irgend welcher interessanten Bekundung ihrer Neigung für Ovid zu veranlassen.

Miß Minerva hatte keine Ahnung davon, was diese überflüssige Entschuldigung bezwecken sollte, da sie durchaus nicht argwöhnte, daß Mrs. Gallilee ihr Geheimniß entdeckt haben könnte. Aber eben weil sie deren Motive nicht zu durchdringen vermochte, war sie von nun ab doppelt auf ihrer Hut.

»Sie thun mir eine Ehre damit an, daß Sie mich in Ihr Vertrauen ziehen, gnädige Frau«, sagte sie, bei sich selbst aber dachte sie: »Versuche es nur, wenn Du kannst, mir ein Bein zu stellen, Du Katze!«

»Wir wissen«, nahm Mrs. Gallilee ihre Rede wieder auf, »daß Ovid beharrlich in London bleibt, während doch Luft- und Szenenwechsel für seine Genesung absolut nothwendig sind. Und wir wissen auch, warum er bleibt. Glaube nicht, liebe Carmina, daß ich Dich im geringsten tadele! nein, glaube auch nicht, daß ich meinem Sohne einen Vorwurf mache. Du bist ein zu reizendes Mädchen, als daß nicht die Bewunderung der Männer entschuldigt, ja sogar gerechtfertigt wäre. Aber laß uns, wie wir harten Alten sagen, den Thatsachen in’s Gesicht sehen. Hätte Ovid Dich nicht gesehen, so würde er sich jetzt auf der Gesundheit spendenden See, auf der Reise nach Spanien und Italien befinden. Du bist die unschuldige Ursache seiner halsstarrigen Gleichgültigkeit, seiner so beklagenswerthen und gefährlichen Mißachtung der Pflicht, die er sich selbst schuldig ist. Auf seine Mutter hört er nicht, über die Meinung seines erfahrenen Collegen setzt er sich hinweg, einer aber hat noch Einfluß über ihn.« Wiederum pausierte sie und versuchte nochmals, der Gouvernante ein Bein zu stellen. »An Sie, Miß Minerva, darf ich appellieren. Ich betrachte Sie ja als Familienglied und empfinde die aufrichtigste Bewunderung für Ihr Taktgefühl. Ueberschreite ich die Grenzen der Delicatesse, wenn ich meine Nichte offen und ehrlich auffordere, Ovid zum Gehen zu überreden?«

Mit einer Gelassenheit, in der es ihr eine wirkliche Schwester Carmina’s, auch wenn dieselbe noch so schlicht gewesen wäre und ein noch so gutes Gewissen besessen hätte, nicht hätte zuvorthun können, entgegnete Miß Minerva:

»Mir ist die glückliche Gabe nicht zu Theil geworden, mich so ausdrücken zu können wie Sie, gnädige Frau. Wäre ich aber an Ihrer Stelle gewesen, so würde ich mich bemüht haben, so gütlich gekonnt hätte, dem Sinne nach dasselbe zu sagen, was Sie eben sagten.« Dazu neigte sie mit einer anmuthigen Gebärde der Hochachtung den Kopf und sah dann, während sie den Thee umrührte, Carmina mit mildem schwesterlichen Interesse an.

Mrs. Gallilee's Versuch war also vollständig mißlungen, da er auch nicht die leiseste Spur von Eifersucht oder Verdruß hervorgerufen hatte. Obgleich sie unzweifelhaft die Gefühllosere und Falschere von beiden war und das gefährlichere täuschende Benehmen und die boshaftere Zunge hatte, so stand sie doch Miß Minerva gerade in dem für sie beide so wichtigen Talente der Selbstbeherrschung nach, und das zeigte sie sofort, indem ihre bisher zurückgedrängte Bosheit jetzt durch die Milde, sie verdecken sollende Außenseite zum offenen Durchbruch kam.

»Ich bin häufig geneigt, an mir zu zweifeln«, sagte sie, »und eine Ermuthigung wie die Ihrige gewährt mir immer Beruhigung. Ich verlange von Ihnen natürlich nichts weiter als einen guten Rath und erwarte selbstredend nicht, daß Sie Ovid überreden sollen.«

»Natürlich nicht!« stimmte Miß Minerva zu. »Darf ich Sie noch um etwas Zucker bitten?«

Mrs. Gallilee wandte sich an Carmina. »Nun, liebe Nichte, ich habe mit Dir gesprochen wie mit einer Tochter; sage auch Du mir nun freimüthig, ob ich auf Deine Hilfe rechnen kann.«

Noch bleich und gedrückt, gehorchte Carmina: »Ich werde thun, was ich kann, wenn Du es wünschest Aber ——«

»Nun? Fahre fort.«

Als indes; Carmina immer noch zögerte, äußerte sie gütig: »Du fürchtest Dich doch nicht vor mir, mein Kind?«

Carmina fürchtete sich allerdings, aber sie beherrschte sich und sagte: »Sie sind Ovid’s Mutter und ich bin nur seine Cousine. Ich höre Sie deshalb ungern sagen, daß mein Einfluß über ihn größer sei als der Ihrige.«

Ohne es beabsichtigt zu haben, lag in dieser Antwort ein Verweis und Mrs. Gallilee fühlte das bei ihrer gegenwärtigen Gereiztheit.

»Na, na! meine Liebe, stelle Dich nur nicht so, als ob Du von nichts wüßtest«, bemerkte sie.

Jetzt sahen die beiden älteren Damen zum ersten Male, daß Carmina trotz ihres sanften Wesens gegen Beleidigungen empfindlich war. Dieselbe richtete sich auf und fragte, während ein edles Feuer ihre fest auf ihre Tante gerichteten Augen erhellte:

»Willst Du mich damit der Täuschung zeihen?«

»Nennen wirses falsche Schamhaftigkeit«, entgegnete Mrs. Gallilee.

Sofort erhob sich Carmina und ging, ohne weiter ein Wort zu sprechen, aus dem Zimmer.

»Ist sie zornig?« fragte Mrs. Gallilee, sich in ihrer Ueberraschung an ihre Gouvernante wendend.

»Sie hat die Thür nicht geschlagen, soviel ich gehört habe«, antwortete diese ruhig.

»Ich scherze nicht, Miß Minerva.«

»Ich auch nicht, gnädige Frau.«

Der Ton, in welchem diese Antwort gegeben wurde, sagte deutlich: »Du mußt nicht glauben, daß eine Dame, die von Dir Gehalt bezieht und Deine Kinder lehrt, deshalb unter Dich hinabsänke«, und Mrs. Gallilee war so erbost, daß sie ganz vergaß, wie wichtig es war, eine Unterredung zwischen Miß Minerva und ihrer Nichte zu verhindern. Sie war einmal das von Impulsen geleitete Weib, und der übermächtige Impuls, der sie jetzt beherrschte, war, die unverschämte Gouvernante von ihrem gastfreundlichen Tische zu entlassen.

»Darf ich Ihnen noch eine Tasse Thee anbieten?«

»Ich danke —— nein. Erlauben Sie, daß ich zu meinen Schülerinnen zurückkehre?«

»Gewiß!«

Carmina war noch keine fünf Minuten in ihrem Zimmer, als an die Thür geklopft wurde.

Sollte ihre Tante ihr gefolgt sein? »Wer ist da?« fragte sie. Und eine Stimme draußen antwortete:

»Nur Miß Minerva!«



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Capitel XVI.

Ich fürchte, ich habe Sie erschreckt«, sagte die Gouvernante, sorgfältig die Thür schließend.

»Ich war allerdings ein wenig erschrocken«, antwortete Carmina naiv wie ein Kind, »da ich dachte, daß es meine Tante wäre.«

»Sie haben geweint?«

»Ich konnte nicht anders, Miß Minerva.«

»Mrs. Gallilee war ganz abscheulich gegen Sie, und es nimmt mich nicht Wunder, daß Sie aufgebracht sind.«

»Nein, ich habe geweint, weil ich mich schäme«, erklärte Carmina, mild den Kopf schüttelnd. »Wie kann ich meine Tante wieder versöhnen? Soll ich sofort wieder zu ihr gehen und sie um Verzeihung bitten? Sie sind meine Freundin, Miß Minerva? Wollen Sie mir rathen?«

Dies wurde so reizend und unschuldig vorgebracht, daß sogar die Gouvernante gerührt war —— wenigstens für den Augenblick. »Soll ich Ihnen beweisen, daß ich Ihre Freundin bin?« meinte sie. »Dann rathe ich Ihnen, noch nicht zu Ihrer Tante zu gehen, und ich will Ihnen sagen warum. Mrs. Gallilee ist boshaft und eine Frau, die so leicht Nichts vergiebt; was ich am ersten würde fühlen müssen, wenn sie erführe, was ich Ihnen eben gesagt habe.«

»O, Miß Minerva! Sie glauben doch nicht, daß ich Ihr Vertrauen täuschen würde?«

»Nein, meine Freundin, das nicht. Ich habe mich vom ersten Augenblicke an zu Ihnen hingezogen gefühlt. Sie erwiderten das Gefühl nicht, sondern waren gegen mich eingenommen —— natürlich, denn ich bin häßlich und übellaunig, und wenn etwas Gutes» in mir ist, so zeigt es sich doch nicht an der Oberfläche Ja! ja! Ich glaube, Sie überwinden dies Vorurtheil und fangen an, mich zu verstehen. Sollte ich Ihnen Ihr Leben hier mit der Zeit ein wenig erträglicher machen können, ich würde mich zu glücklich schätzen.« Damit nahm sie mit ihren langen gelben Händen Carminas Kopf und küßte sie auf die Stirn.

Diese schlang ihre Arme um Miß Minerva’s Hals und weinte sich aus am Busen derjenigen, die sie täuschte. »Jetzt, da Teresa fort ist, habe ich Niemanden mehr«, klagte sie. »O, versuchen Sie, mir gut zu sein —— ich fühle mich so freundlos und verlassen!«

Miß Minerva rührte sich weder, noch sprach sie, sondern wartete, bis sich das junge Mädchen ausgeweint hatte. Ihre starren schwarzen Augenbrauen zogen sich zusammen, ihr blaßgelbes Gesicht nahm eine dunklere Färbung an —— sie befand sich in einem Zustande der Auflehnung gegen sich selbst. Dieser unschuldige Ausbruch von Zutrauen und Kummer hatte sich durch alle die verhärtenden Einflüsse des Lebens, durch die eisernen Brustwehren gegen das Gute, die das Böse um eine schlechte Natur errichtet, seinen Weg gebrochen und die giftige innere Finsterniß für eine Weile durch göttliches Licht gereinigt. Sie war vorher in Verfolg ihrer eigenen niedrigen Interessen eingetreten. Gleich derjenigen, in deren Lohn sie stand, wurde sie von Schulden gedrückt, und zwar von erbärmlichen Schulden für kostspielige Toilettenwasser, die ihren häßlichen Teint in Ovid’s Augen erträglicher machen sollten; für kostbare Handschuhe, die Ovid die Form ihrer Hand zeigen und zugleich deren Farbe verbergen sollten; für die kokettesten Schuhe aus feinstem Leder, die Ovid verführen sollten, ihr hohes Spann und ihre zarten Knöchel zu beachten, die einzigen Schönheiten, die sie dem einzigen Manne, dem sie gefallen wollte, zeigen konnte. Für den Augenblick nun hörten die dringenden Gläubiger auf zu drohen —— verlor Das, was sie während der Verlesung des Testamentes im Gewächshause gehört hatte, seinen versuchenden Einfluß. Sie blieb noch eine halbe Stunde —— und verließ das Zimmer, ohne einen Pfennig geborgt zu haben.

»Ist Ihnen jetzt leichter«? fragte sie, als Carmina ihrer Thränen Herr geworden.

»Ja, liebe Freundin.«

Ihre Augen trocknend, sah sie schüchtern die Gouvernante an. »Ich habe Sie wie eine Schwester behandelt; Sie halten mich doch nicht für zu familiär?«

»Ich wollte, ich wäre Ihre Schwester, das weiß Gott!«

Sowie ihr die Worte aber aus dem Munde waren, erschrak sie über ihre Wärme und fragte plötzlich: »Soll ich Ihnen sagen, was Sie mit Ihrer Tante thun sollen? Schreiben Sie ihr einige Zeilen.«

»Ja, ja! und Sie wollen mir dieselben besorgen.« Dabei hellten sich ihre Augen durch die Thränen hindurch auf, eine solche Erleichterung gab ihr der Rath; und in einer Minute war der Brief geschrieben: »Liebe Tante, ich habe mich sehr häßlich benommen und schäme mich dessen unendlich. Darf ich von Deiner Nachsicht erwarten, daß Du mir vergeben wirst? Ich will mich in Zukunft ernstlich bemühen, Deiner Güte würdiger zu werden, und bitte Dich aufrichtig um Verzeihung.« In athemloser Hast setzte sie ihren Namen darunter und sagte dann dringend. »Bitte, bringen Sie es ihr sofort!«

»Wenn ich es überbringe«, entgegnete Miß Minerva lächelnd, »werde ich Böses statt Gutes stiften, denn man wird mir vorwerfen, mich eingemischt zu haben. Geben Sie es einem Diener; aber jetzt noch nicht. Mrs. Gallilee überwindet einen Aerger nicht so leicht, als Sie zu denken scheinen. Lassen Sie sie erst in die Wissenschaft pfuschen« (dies wurde mit unbeschreiblicher Verachtung gesprochen). »Wenn sie sich erst mit irgend einem ekelhaften Geruche halb betäubt, oder wenn sie erst irgend ein unglückliches Insekt oder eine Pflanze secirt hat, ist sie vielleicht besser bei Laune. Also warten Sie.«

Carmina dachte an die glücklichen Tage daheim in Italien, als ihr Vater noch über ihre kindlichen Ausbrüche von Laune gelacht und die gute Teresa nur die Achseln gezuckt hatte. O, welch ein Wechsel! Sie zog ein Medaillon aus dem Busen, das sie an einer dünnen goldenen Kette um den Hals trug, öffnete es und küßte das Glas über zwei in demselben befindlichen Miniaturportraits. »Möchten Sie die Bilder gern sehen?« fragte sie die Gouvernante. »Das Bild meiner Mutter hat mein Vater mir gemalt und dann sein Bild, das er deshalb hat machen lassen, dazu gefügt. Ich öffne sie immer, wenn ich bete; es ist mir, wenn ich sie ansehe, manchmal fast, als ob ich sie leibhaftig wieder hätte. O, wenn jetzt nur mein Vater hier wäre, um mir rathen zu können!« Das Herz schwoll ihr, aber sie hielt die Thränen zurück: solche Selbstbeherrschung lernte die Arme schon! »Vielleicht«, fuhr sie fort, »sollte ich gar keinen Rath nöthig haben. Wenn ich wirklich Ovid überreden könnte fortzugehen, müßte ich es nach jenem Anfalle im zoologischen Garten thun —— und ich werde es thun!«

Diese Worte riefen in Miß Minerva die schlafende Eifersucht wieder wach; der gute Einfluß, welchen Carmina selbst hervorgebracht hatte, ließ nach; sie ging an’s Fenster und sah hinaus. Das plötzliche Schweigen ihrer neuen Freundin setzte Carmina in Verlegenheit und sie folgte derselben an’s Fenster.

»Haben Sie irgend etwas dagegen«, fragte sie.

»Nein«, gab Miß Minerva, ohne sich vom Fenster abzuwenden, kurz zur Antwort.

Carmina machte noch einen Versuch: »Außerdem muß ich doch auch die Wünsche meiner Tante berücksichtigen. Nach meinem häßlichen Benehmen ——«

»Natürlich! Das steht über jedem Zweifel«, fiel Miß Minerva, sich umdrehend scharf ein. Dann aber milderte sich ihr Ton etwas: »Sie sind jung, Carmina —— ich darf Sie ja wohl bei Ihrem Vornamen nennen —— Sie sind jung und einfältig. Sehen Sie mit diesen unschuldigen Augen wohl je unter die Oberfläche?«

»Ich verstehe Sie nicht recht.«

»Meinen Sie, daß Ihre Tante nur aus Besorgniß um Mr. Ovid’s Gesundheit dessen Fortgang von London wünschte? Kommt es Ihnen nicht in den Sinn, daß sie ihn von Ihnen fern halten will?« Und als Carmina in einer Verlegenheit die sie nicht zu verbergen vermochte, mit ihrem Medaillon spielte, fragte sie: »Tragen Sie Bedenken, mir zu vertrauen?«

Dieser Vorwurf öffnete dem jungen Mädchen sofort die Lippen.

»Nein, aber ich scheue mich, Ihnen zu sagen, wie albern ich bin «, antwortete sie. »Vielleicht fühle ich noch etwas Fremdes zwischen uns. Es kommt mir so formell vor, Sie Miß Minerva zu nennen, aber ich kenne Ihren Vornamen nicht. Wollen Sie ihn mir nicht sagen?«

»Ich heiße Frances, aber nennen Sie mich ja nicht "Fanny!« erwiderte Miß Minerva ziemlich herb und unwirsch.

»Warum nicht?«

»Weil es zu absurd klingt. Bei dem Namen Fanny denkt man sich ein kokettes tänzelndes Wesen, rund, "hübsch und voll Heiterkeit!« Sie trat vor den Spiegel und zeigte verächtlich auf ihr Bild. »Wie reimt sich das mit diesem da? Nennen Sie mich Frances; das unterscheidet sich von dem Mannsnamen nur durch ein e und ist hart wie ich. Nun, was mochten Sie mir denn nicht von selbst sagen?«

Carmina dämpfte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Wozu mich fragen, was ich an meiner Tante finde, oder nicht finde? Ich fürchte, wir werden einander nie das sein, was wir uns sein sollten. Als sie sich damals im Concerte neben mich setzte und mich ansah ——« Hier hielt sie plötzlich inne und schaudertes bei der Erinnerung.

Miß Minerva munterte sie durch eine Gebärde auf fortzufahren, da das aber erfolglos war, bemerkte sie: »Man sagte, daß Sie infolge der Hitze ohnmächtig geworden seien«

»Ich fühlte keine Hitze, wohl aber ein Entsetzen mich überlaufen, und zwar ehe ich sie ansah —— nur als ich merkte, daß Jemand bei mir saß. Und als ich mich umwandte und unsere Augen sich begegneten, verlor ich vollständig das Bewußtsein, als ob ich todt gewesen Ware. Ich kann es Ihnen nicht anders beschreiben. Es war eine schreckliche Ueberraschung und ein schrecklicher Schmerz, als man mich wieder zu mir brachte. So klein und schwach ich auch aussehe, bin ich doch stärker, als man denkt, und war noch nie vorher ohnmächtig geworden. Mit meiner Tante ist seitdem für mich, wenn ich so sagen soll, schwer auszukommen. Habe ich etwas Gottloses an mir? Ich glaube, sie fühlt mir gegenüber gerade so. Ja; vielleicht ist es nur Einbildung, aber es ist trotzdem ebenso schlimm, als wenn es Wirklichkeit wäre. O, ja, Sie haben jedenfalls Recht —— sie will Ovid von mir fern halten!«

»Weil sie Sie nicht leiden möchte?« fragte Miß Minerva. »Ist das der einzige Grund, den Sie sich denken können?«

»Was für einen Grund könnte sie sonst haben?«

»Manche Leute sind gegen Heirathen zwischen Cousins und Cousinen —— und Sie sind seine Cousine. Ebenso sind manche gegen Heirathen unter Katholiken und Protestanten —— und Sie sind Katholikin, und ——« Doch nein, Miß Minerva konnte sich nicht direct auf ihn beziehen. »Möglich, das; noch irgend ein anderer Grund vorliegt«, schloß sie.

»Wissen Sie, was für einer etwa?« fragte Carmina.

»Nicht mehr als Sie« Und damit sprach sie allerdings die Wahrheit, denn da sie sich nach dem Anschlagen des Hundes vor einer Entdeckung hatte sichern müssen, hatte sie die letzten Clauseln des Testamentes nicht gehört.

»Können Sie sich auch nicht denken, was für ein Grund das wohl sein könnte?« fragte Carmina wieder.

»Mrs. Gallilee ist sehr ehrgeizig und wünscht vielleicht ihren Sohn, der selbst Vermögen besitzt, mit einer Dame von hohem Range zu verheirathen. Doch —— nein —— Geld ist bei ihr die Hauptsache, und das muß jedenfalls damit zu thun haben.«

»Aber wie?«

Miß Minerva schwieg einen Augenblick als ob sie erwarte, daß ihre junge Freundin fortfahren würde, da aber Carmina nichts weiter hinzufügte antwortete sie kalt: »Ich weiß nicht.«

Hier wurde ihre Unterhaltung durch das Erscheinen der Jungfer unterbrochen, durch welche Miß Maria die Gouvernante um Hilfe bei ihrer lateinischen Aufgabe bitten ließ. Beim Fortgehen fiel Miß Minerva’s Blick auf Carmina’s vorhin geschriebenen Brief, den die Jungfer ja jetzt abgeben konnte. »Ist Mrs. Gallilee zu Hause?« fragte sie, erhielt aber die Antwort, daß dieselbe eben ausgegangen sei. »Wahrscheinlich zu irgend einer Vorlesung«, bemerkte Miß Minerva gegen Carmina »Ihr Brief muß warten, bis sie zurückkommt.«

Als sich die Thür hinter der Gouvernante geschlossen hatte, brachte die zurückgebliebene Jungfer ein bis jetzt verborgen gehaltenes, zusammengefaltetes Blatt Papier zum Vorschein, das sie Carmina lächelnd überreichte.

»Von Mr. Ovid, Miß.«



Kapiteltrenner

Capitel XVII.

Das Billet lautete: »Bitte, kommen Sie; ich warte auf Sie in den Anlagen!«

Die Jungfer, die sich für ein Stelldichein, das in ihrer eigenen Erfahrung nicht ohne Präcedenz war, interessierte, wagte ihre Sympathie auszudrücken. »Entschuldigen Sie, Miß, Mr. Ovid ist doch hoffentlich nicht krank?« fragte sie. »Er sah ganz bleich aus, fand ich. Hier ist Ihr Hut.«

Carmina dankte ihr und eilte hinunter. Ovid sah wirklich ganz« leidend aus, als er sie an dem Eingange zu den Anlagen empfing, und ihre Fragen schienen ihn nur zu reizen. »Ich bin schon besser, da Sie gekommen sind«, entgegnete er auf ihre Fragen und führte sie zu einem zwischen Bäumen versteckten Sitze. Die Anlagen waren um diese späte Stunde fast leer; zwei ältere Damen, die sich wahrscheinlich in Erinnerung ihrer eigenen Jugendzeit abseits von ihnen hielten, und ein Knabe, den die Takelung eines Schiffsmodelles ganz in Anspruch nahm, waren außer ihnen die einzigen Besuchen.

»Weiß meine Mutter um Ihr Kommen?« fragte Ovid.

»Sie ist ausgegangen. Ich kam nach Empfang Ihres Billets ohne weiteres Ueberlegen hierher. Ist es Unrecht von mir?«

Ovid ergriff ihre Hand. »Ist es Unrecht, mich von Besorgnissen zu befreien, die zu ertragen ich nicht den Muth besitze? Wenn wir uns im Hause treffen, sind wir sicher, daß uns entweder meine Mutter oder ihre gehorsame Dienerin, Miß Minerva, stören werden. Endlich habe ich Sie, liebe Cousine, ganz für mich! Sie wissen,’daß ich Sie liebe. Warum vermag ich Ihnen nicht in’s Herz zu sehen und zu entdecken, was es vor mir verborgen hält? Ich bemühe mich zu hoffen, aber ich bedarf einer Ermuthigung Carminal werde ich je aus Ihrem Munde hören, daß Sie mich lieben?«

Das Mädchen dachte an die Worte der Gouvernante und an ihr jeder Sympathie ermangelndes Verhältniß zu ihrer Tante und wandte erbebend den Kopf.

»Ich verstehe Ihr Schweigen«, sagte er, ihre Hand loslassend und den Blick von ihr abwendend, traurig, aber ohne Bitterkeit.

Sie suchte nach einer Entschuldigung zeigte aber nur zu offen, wie sie ihn bemitleidete. »Wenn ich nur an mich zu denken brauchte ——« Die Stimme versagte ihr, aber in seine Augen kam neues Leben und auf seinem angegriffenen Gesichte erschien die Farbe wieder.

»Ich fürchte so, Ihnen wehe zu thun, Ovid, und möchte um Alles nicht die Ursache einer Entzweiung zwischen Ihnen und Ihrer Mutter sein ——«

»Was hat meine Mutter damit zu thun?«

»Sie werden mich nicht für undankbar halten?« fuhr sie fort, ohne auf seine Unterbrechung zu achten. »Wir sollten lieber von etwas Anderem sprechen. Heute Abend ließ Ihre Mutter mich rufen und —— seien Sie nicht böse! —— aber ich fürchte, sie würde angehalten sein, wenn sie wüßte, was Sie mit mir gesprochen haben. Oder habe ich Unrecht? Vielleicht hält sie mich nur für zu jung. O, wie Sie mich ansehen, Ovid! Ihre Mutter hat das nicht in so vielen Worten gesagt ——«

»Was hat sie denn gesagt?«

Diese Frage gab dem jungen Mädchen Gelegenheit, von etwas Anderem als von Liebe zu sprechen. »Sie müßten ein anderes Klima aufsuchen, und sie meinte, ich sollte Sie dazu überreden, ein Wunsch; den ich von ganzem Herzen erfülle. Lieber Ovid, Sie wissen, wie ich Sie vermissen werde, welch ein Verlust es für mich sein wird, wenn Sie fortgehen —— aber es giebt für Sie nur den einen Weg wieder gesund zu werden. Ich bitte Sie, thun Sie es! Ihre Mutter meint, ich hätte Einfluß über Sie —— habe ich das?«

»Sie sollen selbst urtheilen«, antwortete er. »Sie wünschen, daß ich Sie verlasse?«

»Zu Ihrem eigenen Besten —— ganz allein Ihretwegen.«

»Wünschen Sie auch, daß ich wieder zurückkomme?«

»Es ist grausam, so zu fragen!«

»Es hängt von Ihnen ab, Carmina. Schicken Sie mich fort, wann und wohin Sie wollen; ehe ich aber gehe, muß ich wissen, weshalb ich dies Opfer bringe. Keine Veränderung wird mir nützen, kein Klima meine Gesundheit wiederherstellen —— wenn Sie mir nicht Ihre Liebe schenken. Ich bin alt genug, um mich zu kennen, und habe Tag und Nacht daran gedacht. Ist es grausam von mir, Sie in dieser Weise zu drängen? Nur noch ein Wort: Es ist mir einerlei, was aus mir wird —— wenn Sie mir Ihre Hand verweigern.«

Carmina, der jede Erfahrung, jeder Rath fehlte und deren eigenes Herz gegen ihr Schweigen protestierte, fühlte den Zwang, den sie sich auferlegt hatte, fast unerträglich werden und die Thränen traten ihr in die Augen. Der Anblick derselben erbitterte ihn gegen seine Mutter, sein Gesicht wurde finster, er erhob sich und ging, mit sich selbst kämpfend, vor ihr auf und ab.

»Das ist das Werk meiner Mutter«, sagte er in einem Tone, der sie erschreckte und in ihr die Furcht, welche sie die ganze Zeit über Beherrscht hatte, daß sie die Ursache einer Entfremdung zwischen Mutter und Sohn werden könnte, plötzlich so mächtig machte, daß sie sogar Mrs. Gallilee zu vertheidigen suchte. Bei den ersten Worten, die sie sprach, setzte er sich wieder zu ihr, prüfte einen Moment ihr Gesicht und bereute seine Strenge sofort.

»Armes Kind, Sie fürchten sich, mir zu sagen, was vorgefallen ist«, sagte er. »Es wäre grausam und nutzlos, wenn ich Sie drängen wollte, gegen Ihren Willen zu sprechen —— endlich leuchtet mir die Wahrheit ein. Meine Mutter steht meiner höchsten Hoffnung im Leben feindlich gegenüber und will uns trennen. Aber das soll ihr nicht gelingen —— ich werde Sie nicht verlassen.«

Verwirrt und beschämt sah er fort, als Carmina ihn ansah, so daß sie fragte: »Sind Sie ungehalten auf mich?«

Hätte irgend ein Vorwurf sein Herz so berühren können, wie diese Frage es that?

»Ungehalten auf Sie? O, wenn Sie wüßten, wie ungehalten ich auf mich selbst bin! Es schneidet mir in’s Herz, wenn ich sehe, wie ich Sie betrübt habe. Ich bin ein elender Egoist, der Ihrer Liebe nicht werth ist. Vergeben Sie mir und vergessen Sie mich. Es soll Ihnen die beste Sühne werden, die ich geben kann —— ich werde morgen abreisen.«

Mit einem leisen Aufschrei der Liebe und Angst schlang das junge Mädchen ihre Arme nm seinen Hals und drückte ihre brennende Wange an sein Gesicht; der schweren Versuchung gegenüber hatte sie ihre Selbstbeherrschung bewahrt, hatte ihm und sich selbst widerstanden, seine plötzliche Nachgiebigkeit entwaffnete sie in einem Augenblicke. »Ich kann nicht anders«, flüsterte sie; »o, Ovid, verachte mich deshalb nicht!« Er zog sie an sich und drückte seine Lippen auf die ihrigen. »Küsse mich«, sagte er, und sie küßte ihn, in seinen Armen erhebend. Ihre unschuldige Hingabe aber verfehlte ihre Wirkung auf ihn nicht; er machte seine Arme los und behielt nur ihre Hand in der seinigen, dann folgte ein Schweigen —— ein langes, glückliches Schweigen.

Er war der Erste, der dasselbe brach. »Wie kann ich jetzt fortgehen!« sagte er, so daß sie über das leichtsinnige Vergessen seines vorhin abgegebenen Versprechens lächeln mußte.

»Weißt Du schon nicht mehr«, fragte sie scherzhaft, was Du mir soeben erst gesagst hast?« Dann machte das Lächeln einem Ausdrucke zärtlicher Bitte Platz und sie fuhr fort: »Gieb mir ein Beispiel von Festigkeit, Ovid —— und überlaß das nicht allein mir! Denke daran, welches Bekenntniß Du mir entrungen hast —— was für ein Interesse ich jetzt an Dir habe. Ich liebe Dich, Ovid —— sage, daß Du abreisen willst.«

»Mein Leben ist Dein und mein Wollen ist Dein; entscheide für mich, und ich werde die Reise antreten.«

Unter dem Gefühle dieser neuen Verantwortlichkeit antwortete sie ihm mit einem Ernst, als ob sie seine Frau gewesen wäre: »Ich muß Dir Zeit gewähren, Deine Sachen zu packen.«

»Sage, Zeit bei Dir zu sein!«

Da sie in Gedanken versunken schien, so fragte er, ob sie noch darüber nachdenke, wann sie ihn fortschicken solle. »Nein«, antwortete sie; »das ist es nicht. Ich wunderte mich über mich selbst. Wie kommt nur ein großer Mann wie Du dazu, mir so gut zu sein?«

Sein Arm stahl sich um ihren Leib, er konnte sie in der unter den Bäumen bereits herrschenden Dunkelheit eben sehen; außer dem Murmeln der Blätter war kein Laut in ihrer Nähe zu vernehmen und er küßte ihr Gesicht und küßte es wieder. Sie seufzte leicht. »Mach’ es mir nicht zu schwer, Dich fortzuschicken!« flüsterte sie. Dann erhob er sie, legte ihren Arm in den seinigen und sagte: »Komm’, laß uns etwas in der kühlen Luft spazieren gehen.«

Ihr Gespräch wandte sich wieder seiner Abreise zu und sie fragte ihn, ob es zu früh sein würde, wenn er seine Reise am Sonnabend anträte. Nein, antwortete er, er fühle es gleichfalls, daß die Trennung durch längeres Hinausschieben nur schwerer gemacht werden würde.

»Hast Du schon daran gedacht, wohin Du gehen willst«? fragte sie.

»Den Anfang muß ich mit einer Seereise machen«, erwiderte er, »da mir langes Fahren auf der Eisenbahn in meinem jetzigen Zustande nur nachtheilig sein würde. Die Schwierigkeit ist nur, wohin ich gehen soll. In Amerika bin ich gewesen, Indien ist zu heiß, Australien zu weit. Benjulia meinte nach Canada.«

Beim Vernehmen dieses Namens drückte ihre Hand mechanisch seinen Arm.

»Ein sonderbarer Mensch!« sagte sie. »Sogar sein Name berührt einen eigenthümlich. Ich weiß kaum, was ich von ihm halten soll. Schien er doch für den Affen mehr Gefühl zu haben als für Dich oder mich; gewiß war es Barmherzigkeit von ihm, das arme Thier mit nach Hause zu nehmen und zu versuchen, ob er ihm helfen könne. Bist Du sicher, daß er ein großer Chemiker ist?«

Solch eine Frage im Munde Carmina’s klang Ovid seltsam und er blieb stehen. »Weshalb zweifelst Du daran«? fragte er zurück.

»Wirst Du mich nicht auslachen, Ovid?« »Du weißt, daß ich das nicht thun werde!«

»Nun höre. In Rom kannten wir einen berühmten italienischen Chemiker, einen prächtigen alten Herrn, der mit meinem Vater gern Piquet spielte. Ich sah ihnen gewöhnlich zu, um es zu lernen, war aber zu dumm dazu. Die Hände unseres alten Freundes nun waren ganz voll Flecke, und als er mich einmal dabei ertappte, wie ich dieselben ansah, erzählte er mir, ohne im mindesten beleidigt zu sein, daß die Flecke von seinen Experimenten herrührten und auf keine Weise wieder fortzubringen seien. Als Doctor Benjulia Dir neulich den Branntwein gab, sah ich seine großen Hände und es fiel mir späterhin ein, daß auf denselben durchaus keine Flecke zu sehen waren. Ich scheine Dich zu überraschen.«

»Das thust Du in der That. Ich kenne Benjulia schon seit Jahren und habe nie auf das geachtet, was Dir gleich bei der ersten Begegnung mit ihm aufgefallen ist.«

»Vielleicht besitzt er ein Verfahren, die Flecke fortzubringen.«

Ovid stimmte dem zu, weil er damit dies Thema auf die bequemste Weise fallen lassen konnte; aber Carmina hatte ihn wirklich stutzig gemacht und er konnte die unbestimmten Gedanken, welche die Aufmerksamkeit des großen Chemikers gegen den Affen und die auffallende Reinheit seiner Hände in einen irrationellen Zusammenhang brachten, nicht los werden; nie vorher hatten ihn seine stillen Zweifel an Benjulia so beunruhigt als jetzt. Er wandte sich, um Trost zu finden, an Carmina.

»Noch immer nachdenklich mein Lieb?«

»Ich denke an Dich«, antwortete sie. »Ich möchte ein Versprechen von Dir haben —— und scheue mich Dich darum zu bitten.«

»Du scheust Dich? Also liebst Du mich doch nicht?«

»Jetzt muß ich es allerdings sofort sagen! Wie lange gedenkst Du fortzubleiben?«

»Zwei bis drei Monate vielleicht.«

»Versprich mir, bis zu Deiner Rückkehr Deiner Mutter nichts davon zu sagen, daß wir ——«

»Daß wir verlobt sind?«

»Ja.«

»Das Versprechen hast Du; aber Du machst mich unruhig, Carmina.«

»Warum?«

»Du wirst in meiner Abwesenheit unter der Obhut meiner Mutter stehen, und magst dieselbe nicht leiden.«

Das waren verfängliche Worte. Gab sie es zu, so konnte er sich wohl gar weigern, sie zu verlassen, oder falls er sich beherrschen sollte würden ihn Besorgnisse begleiten, die vielleicht die gute Wirkung der Reise auf’s Schlimmste beeinträchtigten. Eine Täuschung stand außer Frage. Erst heute Abend hatte sie mit seiner Mutter gezankt, und wußte noch nicht, ob dieselbe ihr vergeben hatte. Betrug war ihr im innersten Herzen verhaßt und andererseits begehrte sie von ganzem Herzen, ihn zu beruhigen. Was war in dieser schwierigen Lage das Richtige? Wie sich Eva von der Schlange überreden ließ, so Carmina von der Liebe. Die Liebe fragte sie, ob sie die Grausamkeit begehen wolle, den Geliebten ihres Herzens elend zu machen, und sie hatte schon angefangen, ihn zu täuschen, ehe sie selber sich dessen noch bewußt war.

»Du bist beinahe so grausam gegen mich, als ob Du Doctor Benjulia selbst wärst«, sagte sie. »Ich fühle die Ueberlegenheit Deiner Mutter —— und Du sagst, ich möchte sie nicht leiden. Hast Du nicht gesehen, wie gut sie gegen mich gewesen ist?«

Aber obgleich sie diese Weise der Behandlung der Sache für unwiderstehlich gehalten hatte, so machte sie doch auf Ovid gar keinen Eindruck, und sie mußte weiter auf dem Wege der Täuschung.

»Hast Du nicht meine reizenden Zimmer, mein Piano, meine Gemälde, das Porzellan und all die Blumen gesehen? Ich müßte ja das gefühlloseste Geschöpf von der Welt sein, wenn ich gegen Deine Mutter keine Dankbarkeit empfände.«

»Und doch fürchtest Du Dich vor ihr.«

»Nein, sage ich«, erwiderte sie, ungeduldig seinen Arm schüttelnd.

»Ich bleibe dennoch dabei, denn warum wünschest Du ihr unsere Verlobung zu verheimlichen, wenn Du Dich nicht vor ihr fürchtest?«

»Muß ich Dich wieder an vorhin erinnern?« gab sie zurück, sich mit weiblicher Schlauheit vor seiner Logik hinter seinen eigenen Ausspruch verschanzend. »Du sagtest doch, daß Deiner Mutter daran läge, uns zu trennen; habe ich da nicht einen guten Grund, wenn ich nicht wünsche, daß sie jetzt schon etwas von unserer Verlobung erfahre?« Dabei lehnte sie ihren Kopf liebkosend auf seine Schulter. »Sage mir«, fuhr sie dann fort, »erwartet Deine Mutter nicht, daß Du eine bessere Partie machen sollst, als Du mit mir machen wirst?«

Es ließ sich unmöglich leugnen, daß Mrs.Gallilee’s Ansichten diese Frage rechtfertigen konnten; denn hatte sie ihm nicht mehr als einmal gerathen, noch einige Jahre zu warten, ehe er an’s Heirathen dächte —— mit anderen Worten also solange, bis er die höchsten Ehren seines Berufes erlangt hätte? Aber er hielt Carmina zu hoch, um sie durch Vergleichung mit anderen, weß Ranges sie auch sein mochten, herabzuwürdigen.

»Meine Mutter kann gar keine bessere Partie für mich wünschen«, gab er ihr zur Antwort. »Ich möchte nur, daß ich sicher sein könnte, Dich bei einer Freundin, der Du Vertrauen und Liebe schenkst, zu wissen, wenn ich Dich bei ihr zurücklasse.«

»Warte, bis Du zurückkommst«, sagte sie mit aller ihr zu Gebote stehenden Munterkeit, denn in seinem Tone lag etwas Trauriges, das sie bekümmerte. »Du wirst Dich dann Deiner jetzigen Befürchtungen schämen. Und vergiß nicht, Ovid, daß ich außer Deiner Mutter noch eine, die beste und freundlichste Freundin besitze, die sich um mich bekümmern wird.«

»Eine Freundin im Hause meiner Mutter?« fragte Ovid überrascht.

»Gewiß!«

»Wer ist das?«

»Miß Minerva.«

»Was!« rief er in einem Tone das Erstaunens der Carmina's Gerechtigkeitsgefühl aufstachelte, ihre neue Freundin zu vertheidigen.

»Wenn ich Miß Minerva anfangs Unrecht that, so hatte ich die Entschuldigung eine Fremde zu sein«, sagte sie warm. »Du aber kennst sie schon seit Jahren und hättest ihre guten Eigenschaften schon längst entdecken sollen! Sind denn die Männer alle gleich? Selbst mein Vater pflegte häßliche Frauen unverzeihliche Mißgriffe der Natur zu nennen. Die arme Miß Minerva sagt selbst, daß sie häßlich ist, und erwartet von Niemanden: etwas Anderes, als daß er sie falsch beurtheile. Ich aber beurtheile sie nicht falsch. Teresa hat mich verlassen und Du gehst nun auch fort —— das ist eine schreckliche Aussicht, Ovid, aber doch nicht hoffnungslos, denn Frances —— ja, ich nenne sie bei ihrem Vornamen und sie mich gleichfalls! —— Frances wird mich trösten und mir das Leben so glücklich machen, als es nur sein kann, bis Du zurückkommst.«

»Ich darf annehmen, daß Du zu dem eben Gesagten Deine guten Gründe hast«, bemerkte Ovid, der, trotzdem er von der Gouvernante außer ihrem schlechten Temperamente und der unbarmherzigen Weise, den Geist der Kinder zu bilden, nichts wußte, was sein Vorurtheil gegen dieselbe rechtfertigen konnte, doch über Carmina’s plötzliche Bekehrung eine gewisse Unruhe empfand.

»Die besten Gründe von der Welt«, entgegnete Carmina auf’s bestimmteste.

Er überlegte einen Augenblick, wie er am zartesten nach diesen Gründen forschen könnte. »Willst Du mir behilflich sein, Miß Minerva Gerechtigkeit widerfahren zu lassen?« begann er dann vorsichtig, um nicht etwa die günstige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. »Willst Du mir sagen, was sie gethan hat ——«

»Pst!« unterbrach ihn Carmina plötzlich. »Rief da nicht Jemand nach mir?«

Sie horchten schweigend. Von außerhalb der Anlagen ertönte eine Stimme, bei deren Klange beide schuldbewußt auffuhren —— die Stimme Mrs. Gallilee’s.



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Capitel XVIII.

Carmina! bist Du in den Anlagen?«

»Ueberlaß mir die Sache«, flüsterte Ovid und rief dann zurück. »Wir kommen sofort.«

Mrs. Gallilee erwartete sie an der Pforte, und sowie sie einander ansichtig wurden, sagte Ovid in munterem Tone: »Du wirst jetzt keine Ursache mehr haben über mich zu klagen; ich reise am Ende dieser Woche ab.«

Ihre Antwort war an Carmina gerichtet anstatt an ihren Sohn. »Danke Dir, meine Liebe«, sagte sie und drückte ihrer Nichte die Hand.

Man konnte in der Dunkelheit nur die schattenhaften Umrisse der Gesichter erkennen, aber der Ton der gelehrten Dame war die vollendete Liebenswürdigkeit. Sie schickte Ovid über die Straße voraus, um das Haus öffnen zu lassen, ergriff vertraulich Carmina's Arm und flüsterte derselben zu: »Du kleine Närrin! wie konntest Du glauben, daß ich Dir böse sei? Ich kann nach diesem reizenden Briefe, den Du mir geschrieben hast, nicht einmal Deinen Fehler bedauern.«

Von der Halle, wo Ovid auf sie wartete, gingen sie in die Bibliothek und hier schloß Mrs. Gallilee ihren Sohn in inbrünstiger mütterlicher Zärtlichkeit in die Arme.

»Das macht den Genuß eines köstlichen Abends vollständig«, sagte sie. »Erst eine wundervolle Vorlesung —— Sind dann die Befreiung von der überwältigenden Besorgniß um meinen Sohn. Deine medicinischen Studien haben Dich wohl nie zu den transatmosphärischen Regionen hinaufgeführt, Ovid? Wir waren heute Abend ein immenses Auditorium, um den Herrn Professor über dieses Thema zu hören, und ich bin wirklich noch gar nicht wieder zu mir gekommen. Fünfzig Meilen über uns —— denkt Euch! nur fünfzig Meilen —— ist eine Atmosphäre von Kälte, die das ganze Menschengeschlecht in einer Secunde zu Tode würde erstarren machen. Feuchte Substanzen würden in dieser entsetzlichen Leere explodieren und zu Stein werden; und —— hör’ nur, Carmina —— die Explosion selbst würde ersticken und keinen Laut verursachen. Sollte man sich denken, daß ernste Leute nach jenen schrecklichen Regionen aussehen und vom In-den-Him1nel-Kommen sprechen können? O, was « für ein Nichts ist doch der Mensch, ausgenommen —— ein Scherz, Ovid —— ausgenommen, wenn er seiner alten Mutter das Vergnügen macht, seiner Gesundheit wegen fortzugehen! Und wohin reist Du? Hat Dir unsere verständige Carmina nicht gerathen? Ich stimme ihr im voraus bei, was sie auch gesagt haben mag.«

Ovid theilte seiner Mutter Benjulia’s Rath mit und fragte sie, was sie davon hielte, und sofort ergoß sich ihre überfließend gute Laune über den abwesenden Doctor. Derselbe wäre ja, so meinte sie, derb und häßlich, aber dafür auch ein unschätzbarer Freund, der ihm einen herrlichen Rath gegeben. Da Ovid bei seinem Gesundheitszustande keine Feder in die Hand nehmen dürfe, so wolle sie dem Doctor schriftlich danken und um Empfehlungen an die örtlichen Granden bitten, die eine Stellung in der colonialen Gesellschaft einnähmen. Dann nahm sie die Zeitung zur Hand: am Sonnabend fuhr ein Dampfer von Liverpool nach Canada. Ovid konnte sich am andern Morgen eine Kajüte, wenn möglich eine Mittelkajüte, bestellen und am Freitag von London fortfahren. In ihrem Eifer, ihm die Abreise zu erleichtern, erbot sie sich, für das Verschließen seines Hauses zu sorgen und für das Gesinde die nöthigen Verfügungen während seiner Abwesenheit zu treffen, falls er dasselbe sollte behalten wollen; ja sie dachte sogar an die Katze, die natürlich am leichtesten versorgt gewesen wäre, wenn man sie vergiftet hätte, ein praktischer Rath, der aber bei Ovid wegen seiner Excentricität in manchen Dingen weggeworfen war. »Ein halber Schilling wöchentlich für Katzenfutter spielt keine Rolle«, rief sie in einem Ausbruch von Großmuth. »Wir werden Snooks zu uns nehmen.« Carmina entging es nicht, daß Mrs. Gallilee’s überschwängliche Lebhaftigkeit ihren Sohn zu bedrücken anfing.

»Ich brauche Dich nicht zu bemühen, Mutter«, sagte er, »da meine häuslichen Angelegenheiten alle geordnet wurden, als ich zuerst die Nothwendigkeit empfand, Ruhe zu suchen. Der Diener begleitet mich auf die Reise, das Haus- und das Küchenmädchen gehen zu ihren Verwandten auf’s Land, die Köchin wird nach dem Hause sehen und der kleine Bursche, der die Katze beinahe ebenso gern hat als ich, wird für Snooks sorgen. Wenn Du eine Droschke holen lassen willst, möchte ich jetzt nach Haus fahren; ich fühle mich, gleich Anderen in meinem elenden Zustande, gegen Bettgehenszeit recht müde.«

Während seine Mutter ihnen den Rücken wandte, um zu klingeln, berührten seine Lippen eben Carmina's zartes Ohr. »Erwarte mich morgen«, flüsterte er: »Ich liebe Dich! —— ich liebe Dich! —— ich liebe Dich!« Die Wiederholung dieser Worte schien ihm den höchsten Genuß zu bereiten.

Als Ovid gegangen war, erwartete Carmina etwas über die Entdeckung ihrer Tante in den Anlagen zu hören; aber Mrs. Gallilee’s Unschuld war undurchdringlich. Sie hatte, als sie ihre Nichte nicht im Hause getroffen, es ganz natürlich gefunden, daß dieselbe mit ihrem Vetter einen Abendspaziergang in einer der reizendsten Anlagen London’s machte. Gegenwärtig schienen die Hoffnungen auf Ovid’s Genesung und die Bewunderung für Carmina's Ueberredungstalent die einzigen activen Ideen dieses umfassenden Geistes zu sein. Als der Diener das Brett mit Claret und Sodawasser brachte, ließ sie Miß Minerva einladen, zu ihnen zu kommen, um die guten Nachrichten zu hören, dabei die Unterbrechung ihrer gegenseitigen freundschaftlichen Beziehungen am Nachmittage vollständig ignorierend. Beim Anblick des Sodawassers wurde sie lustig und scherzhaft. »Lassen Sie uns den Herren nachahmen, Miß Minerva, und einen Toast trinken, ehe wir zu Bett gehen. Fröhlich, Carmina! komm, theile eine halbe Soda mit mir. Daß Ovid eine angenehme Reise habe und wohlbehalten zurückkehre!« Durch den Einfluß der Tafel aufgemuntert, verfiel die Freundin von Professoren, die zärtliche Pflegerin halb entwickelter Kaulquappen, wieder auf das gelehrte Gebiet und improvisierte eine kleine Vorlesung über Canada —— über die Botanik und die Geologie des Vicekönigreichs, und über die Anzahl Gallonen Wasser, welche die Niagarafälle jede Stunde vergeudeten. »Die Wissenschaft wird es wieder gut machen, meine Lieben; wir werden das müßige Wasser bald für uns arbeiten lassen. Gute Nacht, Miß Minerva. Angenehme Träume, liebe Carmina!«

In der sicheren Einsamkeit ihres Schlafzimmers zog die Gouvernante viel bedeutend die Augenbrauen zusammen. »In solcher Laune habe ich Mrs Gallilee noch niemals gesehen«, dachte sie. »Welches Unheil brütet sie nur, wenn sie ihren Sohn erst los ist?«



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Capitel XIX.

Der Verlauf einiger Stunden übte auf Mrs. Gallilee’s Liebenswürdigkeit keinen abschwächenden Einfluß aus. Ovid konnte am folgenden Tage ungestört Carmina's Gesellschaft genießen, denn nicht nur Miß Minerva, sondern sogar Mr. Gallilee und die Kinder wurden mit einer gewandten Delicatesse, an der auch der Argwöhnischste nicht hätte Anstoß nehmen können, von ihnen fern gehalten. Alles was Sympathie und Nachsicht thun konnten, Ovids Vertrauen zu erwecken, geschah unaufdringlich und bescheiden, und nie hatte die Meisterin der häuslichen Diplomatie ihre Zwecke mit feinerer Kunst erreicht.

Nachmittags überbrachte ein Bote Benjulia's Antwort auf Mrs. Gallilee's am Morgen an ihn abgesandten Brief, in welchem sie ihm von der beabsichtigten Reise ihres Sohnes Mittheilung gemacht hatte. Ein Anfall von Podagra fesselte den Doctor an das Haus; wenn Ovid also Auskunft über Canada haben wollte, müßte er ihn aufsuchen Das war Alles.

»Bist Du je in Doctor Benjulia’s Hause gewesen?« fragte Carmina.

»Nein, nie.«

»Dann ist also Alles, was Du mir über ihn gesagt hast, bloßes Gerücht? Jetzt wirst Du die Wahrheit herausfinden, denn Du gehst doch natürlich?«

Ovid hatte indeß durchaus kein Verlangen, eine Forschungsreise nach Benjulia's einsamem Hause zu unternehmen, und sprach das offen aus; aber Carmina wandte alle ihre Ueberredungskraft auf, um ihn dazu zu bewegen, und wurde dabei von Mrs. Gallilee unterstützt, die —— über mädchenhafte Neugier war sie ja erhaben —— es für wichtig hielt, daß er Einführungen in die canadische Gesellschaft bekäme.

»Ich werde den Wagen bestellen«, sagte sie, einen scherzhaft despotischen Ton annehmend; »und wenn Du nicht zu dem Doctor willst, so werden Carmina und ich ihm an Deiner Statt einen Besuch abstatten.«

Angesichts dieser Alternative blieb Ovid nichts Anderes übrig als nachzugeben. Er konnte dem Kutscher übrigens nur Anweisung geben, nach dem Dorfe Hendon an der nordwestlichen Seite Londons zu fahren und von da an weiter nach dem Wege zu fragen. Zwischen Hendon und Willesden, eine Stunde Fahrt von Oxford-Street, liegen Wiesen, Kornfelder und Farmen, und als der Kutscher, der den sich unter schattigen Bäumen dahin windenden Wegen gefolgt war, bei seiner letzten Nachfrage in einem am Wege liegenden Wirthshause zur Antwort bekam, daß Benjulia's Wohnung jetzt nur noch einige Minuten entfernt wäre, stieg Ovid aus, um Gespann und Kutscher sich im Wirthshause erholen zu lassen, und machte sich zu Fuß auf den Weg.

Er kam an einen eisernen Thorweg, der sich auf einen öden Weg öffnete, und sah ein häßliches, quadratförmiges, aus gelben Backsteinen erbautes und mit Schiefer gedecktes Gebäude vor sich, das von einer niedrigen Mauer umgeben war, die am Eingange wiederum einen eisernen Thorweg hatte. Der eingeschlossene Raum war ebenso öde als das davor liegende Feld, es war auch nicht eine Spur eines Blumen- oder Gemüsegartens darin zu sehen. Einige hundert Schritt vom Hause ab stand noch ein kleineres Gebäude mit einem Oberlicht im Dache, in welchem Ovid der Beschreibung nach das berühmte Laboratorium erkannte. Hinter demselben trennte eine Hecke das Grundstück von dem benachbarten, und hier erhoben sich wieder Bäume und waren die Felder bebaut. Nichts verrieth, daß das Haus bewohnt war, kein lebendes Wesen ließ sich blicken —— es war etwas Unnatürliches in der Verlassenheit dieses Ortes, so dicht bei dem belebten London.

Von einem Gefühl der Neugier geleitet, das immer mehr an Argwohn grenzte, näherte sich Ovid dem Laboratorium, ohne sich, an der Vorderseite des Hauses zu zeigen. Kein Hofhund bellte, kein Diener erschien.

Carmina’s Bemerkung über den Doctor hatte einen solchen Eindruck auf ihn gemacht, daß er, obgleich es ihm widerstrebte, die Thür des Laboratoriums zu öffnen versuchte, die indeß verschlossen war. Er wartete und lauschte. Die Blätter der Bäume in seiner Nähe rauschten fröhlich im Sommerwinde —— aber war da nicht noch ein Geräusch zu hören? Ja —— da, durch das melodische Säuseln des Laubes erhob sich leise und schwach ein wehklagendes Wimmern —— hörte auf —— wiederholte sich und schwieg dann. Nicht recht sicher, ob der Ton von außen oder aus dem Innern des Gebäudes käme, sah er sich um und rüttelte dann an der Thür; aber nichts ließ sich hören. Das leidende Geschöpf —— wenn es ein solches war —— schwieg oder war todt. Sollte ein lebendes Wesen zufällig bei einem chemischen Experimente verletzt sein, oder ——?

Er schrak davor zurück, diesen zweiten Gedanken zu verfolgen; aber das Laboratorium war ihm ein Gegenstand des Entsetzens geworden und er ging auf das Wohnhaus zu. Als er eben die Hand auf den Drücker des Thorweges legte, sah er nach dem Laboratorium zurück und zögerte. Jenes jammervolle, kurze Wehklagen tönte noch in seinen Ohren, und der Gedanke, sich Benjulia zu nähern, wurde ihm so widerwärtig, daß es ihn plötzlich trieb umzukehren, ohne das Haus des Doctors betreten zu haben, einerlei was seine Mutter und Carmina, oder er selbst später, davon denken mochten. Unter dem Einflusse dieses ihn plötzlich beherrschenden Impulses zog er die Hand zurück und wollte sich wieder entfernen —— aber es war zu spät. Denn gerade als er sich abwandte, erschien ein Bedienter an der Thür, ging über den eingeschlossenen Platz und öffnete ihm, ohne ein Wort dabei zu sagen, den Thorweg.

Sie traten in den Flur, wo der schweigsame Bediente eine Thür zur Rechten öffnete und den Besucher durch eine Verbeugung einlud näher zu treten. Ovid sah sich in einem Zimmer, das ebenso öde war, wie das Feld draußen, mit geweißten Wänden und nacktem Fußboden, wie es die Handwerker nach Vollendung des Baues verlassen hatten. Nach einer kurzen Abwesenheit erschien der Mann wieder und —— sei es, daß er gedrückt oder verstimmt war —— genug, er sprach noch immer nicht, sondern öffnete eine Thür an der gegenüberliegenden Seite des Ganges, machte wieder eine Verbeugung —— und verschwand.

Ovid trat in das Zimmer. und im selben Momente ertönte die Stimme Benjulia’s: »Kommen Sie mir nicht zu nahe!«

Der Doctor saß in einer Ecke des Zimmers angethan mit einem langen schwarzen, bis an den Hals zugeknöpften Rocke, der nichts weiter von seinem Körper sehen ließ, als das fleischlose Gesicht, die großen Hände und den von Podagra gequälten Fuß. Wuth und Schmerz glänzten in den düsteren grauen Augen und zitterten in den auf der Lehne seines Armstuhles ruhenden geballten Fäusten. »Zehntausend Teufel bohren mir mit rothglühenden Eisen zehntausend Löcher durch den Fuß«, sagte er. »Wenn Sie das Kissen in meinem Stuhle berühren, werde ich Ihnen an den Hals springen.« Dann goß er aus einer Flasche eine kühlende Flüssigkeit in eine kleine Gießkanne und begoß seinen Fuß damit. Dabei fluchte er, um seinen Schmerz zu vergessen, in wilden Baßtönen vor sich hin, die die Gläser auf dem Buffet klirren machten.

Erfreut, der Nothwendigkeit überhoben zu sein, dem Doctor die Hand schütteln zu müssen, nahm Ovid auf einem Stuhle Platz und blickte sich um. Auch hier entdeckte er nur wenig Möbel, und diese wenigen waren schwere, altmodische. Außer dem Buffet bemerkte er einen Eßtisch, sechs Stühle und eine dunkelbraune Fußdecke; keine Gardinen waren vor den Fenstern, keine Bilder an den gelbgraugetünchten Wänden. Der leere Kamin zeigte unverhüllt die schwarze Feuerstätte, und auf dem Sims stand nichts weiter als eine schmutzige stark riechende Pfeife.

Benjulia setzte die Gießkanne nieder, ein Zeichen, daß der Paroxysmus des Schmerzes vorüber war, und bemerkte: »Eine öde Wohnung, nicht wahr?«

»Es ist Ihre Schuld, wenn es hier öde ist. Warum haben Sie keine Bäume gepflanzt und keinen Garten angelegt?« antwortete Ovid, der sich in gereizter Stimmung befand, weil er nun doch gezwungen war, den Doctor zu sehen.

»Vielleicht werde ich Sie überraschen«, entgegnete Benjulia ruhig; »aber ich rede immer, wie mir um's Herz ist. Mir gefällt die Oede ganz gut, und ich mache mir nichts aus Bäumen und Gärten.«

»Sie scheinen sich auch nichts« aus Möbeln zu machen«, sagte Ovid.

Jetzt, da der Schmerz eine Zeit lang vorüber war, stellte sich bei dem Doctor seine angeborene Gleichgültigkeit gegen das, was Andere von ihm denken oder zu ihm sagen mochten, in gewohnter Stärke wieder ein. Er schien nun zu glauben, daß Ovid's Neugier sich nur auf Kleinigkeiten bezöge; und da machte es ja weniger Mühe ihm hierüber Auskunft zu geben, als seinen Motiven nachzuforschen.

»Da mögen Sie Recht haben«, sagte er. »Die Tische, Stühle, Betten und Becken hat meine Schwägerin für mich gekauft —— wußten Sie, daß ich eine derartige Verwandte hatte? Es macht mir eben kein Vergnügen, Einkäufe in den Läden zu machen, daher gab ich ihr einen Cheque, und trug ihr auf, mir ein Eßzimmer und ein Schlafzimmer einzurichten —— nicht zu vergessen der Küche und der Bodenkammern für die Domestiken. Was brauche ich mehr?«

»Wirklich eine ganz selbstsüchtige Auffassung«, brach Ovid los, dessen Gereiztheit bei der unausstehlichen Gelassenheit des Doctors nur zunahm. »Brauchen Sie an Niemand anders zu denken als an sich selbst?«

»An Niemanden — wie ich zu meiner Freude sagen kann.«

»Das ist wirklich zynisch, Benjulia!«

»So?« sagte der Doctor nach einigem Nachsinnen. »Da mögen Sie vielleicht wieder Recht haben. Ich für meine Person halte es nur für Gleichgültigkeit Sonderbarerweise sah mein Bruder die Sache von demselben Gesichtspunkte aus an wie Sie —— er gebrauchte sogar dieselben Worte wie Sie eben; und er fand, glaube ich meinen »Zynismus« unverbesserlich. Jedenfalls kann er nicht wieder hierher, so daß ich den auf leichte Weise los wurde. Was meinen Sie? Diese unhumane Redeweise sei meiner unwürdig? Das glaube ich wirklich doch nicht. Ich bin kein Wilder —— es ist einfach Gleichgültigkeit.«

»Erwidert Ihr Bruder Ihre Gleichgültigkeit? Dann müssen Sie ein hübsches Paar sein.«

Benjulia, welcher ein gewisses trauriges Vergnügen daran zu finden schien, die Frage Ovid’s in Erwägung zu ziehen, antwortete:

»Meines Bruders Intelligenz mag vielleicht zu einer so geringfügigen Anstrengung, wie Sie vermuthen, ausreichen. Er hat eben soviel Grütze, um vor der Idiotenanstalt bewahrt zu werden. Soll ich Ihnen in zwei Worten sagen, was er ist? —— ein zügelloser Fresser. Ich lasse seine Frau manchmal hierherkommen und weinen. Mich stört das nicht, und sie scheint es zu erleichtern Wieder Gleichgültigkeit? —— he? Nun, ich weiß nicht. Ich gab ihr das Geld, was sie nach dem Möbeleinkaufe wieder mitbrachte; damit sie sich einen neuen Hut dafür kaufe. Sie nennen das vielleicht Gleichgültigkeit und mögen wieder Recht haben. Ich mache mir nichts aus dem Gelde. Wollen Sie etwas trinken? Ich kann mich, wie Sie sehen, nicht rühren noch regen; klingeln Sie doch, bitte.«

Ovid lehnte es ab zu trinken und sagte, um ein anderes Thema anzufangen: »Ihr Diener ist ein merkwürdig schweigsamer Bursche.«

»Das ist das Gute an ihm«, antwortete Benjulia. »Mit jedem anderen, den ich gehabt, haben die Mädchen noch gezankt, was sie mit diesem nicht können; und ich habe seinen Lohn in Anerkennung seiner Brauchbarkeit erhöht. Ich hasse Lärm.«

»Darum halten Sie auch wohl keinen Hofhund?«

»Ich mag keine Hunde leiden —— des Bellens wegen nicht.«

Der Doctor hatte augenscheinlich noch eine unangenehme Ideenverbindung in Betreff der Hunde, denn seine hohlen Augen starrten düster in’s Leere und er schien Ovid’s Anwesenheit einen Augenblick ganz zu vergessen. Dann aber faßte er sich wieder mit dem gewohnten heftigen Reiben seines Kopfes und brachte das Gespräch auf Ovid’s Besuch.

»Also —— wollen Sie meinen Rath befolgen und nach Canada gehen und möchten sich nun Auskunft bei mir holen. Nun, hier ist mein Tagebuch, das wird meinem Gedächtnisse nachhelfen.«

Auf einem an seinen Stuhl geschraubten, verstellbaren Tische lagen seine Schreibmaterialien und neben ihnen ein mit einem Schlosse versehenes schäbiges Buch, in dem er zehn Minuten blätterte, bis er Alles, was er nöthig hatte, wußte. Dann instruierte er seinen Gast in seiner stäten, gründlichen Weise, dabei sich ohne die geringste Abschweifung nur auf die praktischen Bedürfnisse der Reise beziehend. Nicht mit einem Worte berührte er den Nationalcharakter oder die Naturschönheiten, und wenn Mrs. Gallilee die Niagarafälle als ein Reservoir vergeudeter Kraft kritisiert hatte, so bewies sich des Doctors wissenschaftliche Ueberlegenheit über die Frau auf’s Eklatanteste —— denn er erwähnte des Niagara überhaupt nicht.

»Bin ich Ihren Zwecken als Führer gerecht geworden?« fragte er dann. »Bitte, behalten Sie den Dank —— ja oder nein genügt. Gut. Ich werde Ihnen nun einige Zeilen mitgeben.« Während er dann seinen Gänsekiel in Stand setzte, bemerkte er: »Haben Sie je beachtet, daß die Frauen ein Vergnügen haben, das bis an’s Ende aushält? Sie haben, seien sie jung oder alt, dasselbe unerschöpfliche Vergnügen an Gesellschaft und sind, ob jung oder alt, alle zusammen gleich unfähig, es zu verstehen, wenn man sagt, daß man sich nichts daraus macht, zu einer Gesellschaft zu gehen. Selbst Ihre kluge Frau Mutter denkt, daß Sie in Canada in Gesellschaft gehen wollen.« Mittlerweile hatte er seine Feder probiert und begann seinen Brief.

Als Ovid die großen Hände ansah, fiel ihm wieder Carmina's Entdeckung ein. Seine Augen schweiften etwas seitwärts nach der Ecke an der Kamineinfassung wo der dicke Bambusstock stand. Derselbe hatte einen hellen Horngriff und auf diesem Griffe waren einige Flecke, in denen das geübte Auge des Doctors bei näherem Hinsehen trockene Blutflecke erkannte. Hatte er sich nach der letzten Benutzung des Stockes die Hände gewaschen und vergessen, den Stock auch zu reinigen?

Als Benjulia den Brief geschrieben hatte, steckte er ihn in ein Couvert, schrieb die Adresse und nahm ihn auf, um ihn Ovid zu geben, zögerte aber plötzlich, als ob ihm ein Zweifel ankäme —— doch nur einen Moment, dann gab er Ovid den Brief, der an einen Arzt in Montreal adressiert war.

»Der Herr wird Sie nicht in Gesellschaft einführen«, bemerkte er, »und Sie nicht mit Berufsfragen belästigen. Aber enthalten Sie sich Ihrerseits eines Themas, der Vivisection. Ein rasender Stier ist nichts gegen meinen Freund, wenn Sie davon zu sprechen anfangen.«

Ovid sah ihn fest an, aber Benjulia erwiderte den Blick ebenso fest.

Beargwöhnten sich die beiden Doctoren in diesem Augenblicke gegenseitiger Prüfung? »Was Ovid betraf, so nahm er sich vor, das Haus nicht zu verlassen, ohne seinen Argwohn auf die Probe gestellt zu haben.

»Ich danke Ihnen für den Brief«, begann er; »und werde die Mahnung nicht vergessen.«

»Kann ich sonst noch etwas für Sie thun?« unterbrach ihn Benjulia, dessen Leistungsfähigkeit in Betreff der gesellschaftlichen Tugenden ihre Grenze hatte.

»Sie können mir eine einfache Frage beantworten«, entgegnete Ovid. »Meine Cousine Carmina —— ——«

»Meinen Sie nicht, daß wir von Ihrer Cousine genug im zoologischen Garten gesprochen haben?« fiel Benjulia wieder ein.

»Sie haben es Ihrem eigenen mitleidigen Herzen vorzuwerfen, wenn ich auf die Sache zurückkomme«, parierte Ovid mit einer Gewandtheit, die fast seiner Mutter würdig gewesen wäre. Meine Cousine kann ihre Freundlichkeit gegen den Affen nicht vergessen.«

»Je eher sie dieselbe vergißt, desto besser —— der Affe ist todt.«

»Das freut mich zu hören.«

»Warum?«

»Ich glaubte, das Thier hätte Schmerzen auszuhalten.«

»Was meinen Sie?«

»Ich meine, daß ich vorher ein Jammern hörte ——«

»Wo?«

»In dem Gebäude hinter dem Hause.«

»Da haben Sie den Wind in den, Bäumen gehört.«

»Durchaus nicht. Machen Sie auch chemische Experimente an Thieren?«

Der Doctor begegnete diesem Angriff, ohne um Haaresbreite zu weichen.

»Wissen Sie, was ich sagte, als ich Ihnen das Empfehlungsschreiben überreichte?« fragte er. »Ein rasender Stier, sagte ich, ist nichts gegen meinen Freund, wenn Sie mit ihm von Vivisection sprechen. Nun lassen Sie sich noch gesagt sein, daß ich ganz genau wie mein Freund bin.« Er wartete einen Augenblick und fragte dann: »Genügt Ihnen das?«

»Ja«, antwortete Ovid; »das genügt mir.«

Bis zu offenem Streit war nur noch ein Schritt, und so nahm denn Ovid seinen Hut, um zu gehen; aber selbst in diesem kritischen Augenblicke zeigte sich Benjulia’s sonderbare Eifersucht auf seinen jungen Collegen —— als einen möglichen Nebenbuhler auf irgend einem Felde der Entdeckung, das er als das Seinige beanspruchte —— noch einmal. Genau in demselben unveränderten Tone, wie ihn ein erfahrener Freund dem jüngeren Freunde gegenüber anwendet, sprach er:

»Ich will Ihnen noch einen letzten Rath geben. Sie reisen Ihrer Gesundheit wegen; lassen Sie sich nicht mit neugierigen Fremden in Gespräche ein —— es möchten Physiologen darunter sein.«

Als Ovid wieder draußen war, sah er den Brief an den Doctor in Montreal an, und sein erster Gedanke war, denselben zu vernichten; aber auch er zögerte. Das Couvert war, entgegen dem Gebrauch in solchen Fällen, geschlossen, und das bestimmte ihn, die Empfehlung zu benutzen. Es sollte noch einige Zeit vergehen, ehe ihm die Ereignisse die Augen über die Wichtigkeit dieser seiner Entscheidung öffneten; aber nie sollte er vergessen, daß Benjulia nahe daran gewesen war, den Brief zu behalten, und wie wenig gefehlt, daß er selbst denselben zerrissen hätte.



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Capitel XX.

Wann macht sich die Kürze der Zeit am nachdrücklichsten fühlbar; wann sieht man in beständiger Besorgniß nach der Uhr, merkt nicht die Nacht und ist überrascht, wenn es wieder Morgen ist? Wenn man eine Reise vorhat.

Wie im Fluge vergingen Ovid die wenigen Tage, und ehe er sich noch fragen konnte, ob es denn wirklich schon Freitag wäre, waren die Stunden seines Aufenthaltes zu Hause bereits gezählt. Doch hatte er noch einige Zeit übrig, als er spät am Nachmittage nach Fairfield-Gardens zurückkehrte. Da er in der Bibliothek Niemanden antraf, so ging er nach oben zum Salon und fand hier seine Mutter allein beim Lesen.

»Hast Du mir irgend etwas zu sagen, bevor ich Carmina wissen lasse, daß Du hier bist?« fragte sie mit ruhiger Stimme, ohne dabei aber vom Buche aufzusehen.

Da Ovid wußte, daß dies die erste und letzte Chance war, sich vor seiner Abreise offen auszusprechen, so entschloß er sich, in Carmina’s Interesse zu sprechen.

»Mutter«, sagte er, »ich lasse diejenige, die mir das Kostbarste in der Welt ist, in Deiner Obhut.«

»Du meinst damit«, fragte Mrs. Gallilee, »daß Du und Carmina Verlobte seid?«

»Jawohl, und ich weiß nicht, ob Du dem Bunde zustimmst. Willst Du Dich deutlicher aussprechen als das letzte Mal, da wir über diesen Gegenstand sprachen?«

»Wann war das?«

»Als ich mit Dir am Morgen, da ich hier frühstückte, auf einige Augenblicke allein war. Du erklärtest es für ganz natürlich, daß Carmina Eindruck auf mich gemacht hätte, nahmst Dich aber in Acht den Gedanken an eine Heirath zwischen uns zu ermuthigen. Ich verstand wohl, daß Dir derselbe mißfiel —— Du sagtest mir aber nicht offen, warum?«

»Können Frauen immer ihre Gründe angeben?«

»Ja —— wenn sie so sind wie Du.«

»Danke Dir, mein Sohn, für das reizende Compliment. Ich kann mich auf mein Gedächtniß verlassen, und glaube, daß ich auf die sich einem solchen Bunde entgegensetzenden, zu Tage liegenden Hindernisse hingewiesen habe. Ihr seid Cousin und Cousine und gehört außerdem verschiedenen Religionsbekenntnissen an. Ich will noch hinzufügen, daß ein Mann mit so glänzenden Aussichten wie Du, meiner Ansicht nach keinen Grund hat zu heirathen, wenn nicht seine Frau eine Stellung einnimmt, die im Stande ist, seinen Einfluß und seinen Ruhm zu erhöhen. Ich hatte gehofft, meinen klugen Sohn einst mit anderen hochgestellten Mitgliedern unserer Familie auf gleicher Rangstufe zu sehen. Das ist mein Bekenntniß, Ovid. War ich damals wirklich im Zweifel, so habe ich Dir nun, denke ich, gesagt warum.«

»Soll ich daraus schließen daß Du noch im Zweifel bist?«

»Nein.« Damit erhob sie sich, um das Buch wieder fortzustellen.

»Hat Carmina Dich gewonnen?« fragte Ovid, ihr nach dem Bücherschranke folgend.

»Das hat sie«, antwortete sie, das Buch wieder an seinen Platz stellend.

»Du sagst das so kalt«

»Was schadet das, wenn ich die Wahrheit sage?«

Jetzt kam der Kampf zwischen Hoffnung und Befürchtung zum Durchbruch. »O Mutter, ich kann es in Worten nicht sagen, wie ich Carmina liebe! Um Gotteswillen, nimm Dich ihrer an, und sei gut gegen sie!«

»Um Deinetwillen«, verbesserte Mrs. Gallilee von ihrem Gesichtspunkte aus sanft den Ausdruck ihres aufgeregten Sohnes. »Du thust mir Unrecht, Dich um Carmina zu sorgen, wenn Du sie hier zurückläßt. Das Kind meines seligen Bruders ist mein eigenes; dessen kannst Du versichert sein.« Dabei ergriff sie ihn bei der Hand, zog ihn an sich und küßte ihn mit Würde und Bedacht auf die Stirn, wie man vielleicht einen Todten segnen mag.

»Hast Du sonst noch Anweisungen für mich?» fuhr sie dann fort. »Zum Beispiel, hast Du etwas dagegen, wenn ich Carmina mit in Gesellschaften nehme? Ich meine natürlich in solche, die zu ihrer Bildung beitragen werden.«

»Thue, was Du kannst, um ihr Leben glücklich zu« machen, während ich fort bin«, war die einzige Anweisung, die er ihr zu geben hatte. Aber sie hatte daran noch nicht genug.

»In Bezug auf Besuche«, fuhr sie fort, »muß ich wohl vorsichtig sein, wenn ich merken sollte, daß junge Herren häufiger zu uns kommen als sonst?«

Hierüber mußte Ovid wirklich lachen. »Glaubst Du, ich zweifelte an ihr?« fragte, er. »Es giebt kein treueresMädchen auf der ganzen Welt als meine kleine Carmina!« Während er dies sagte, kam ihm ein Gedanke, der die Heiterkeit von seinem Gesichte verscheuchte und seiner Stimme alle Munterkeit nahm! »Eine Person möchte Dich vielleicht besuchen, von der ich nicht wünsche, daß sie Carmina sieht sagte er.

»Und die wäre?«

»Unglücklicherweise ist es ein Mann, der ihre Neugier erweckt hat —— ich meine Benjulia.«

Jetzt war die Reihe zu lachen an Mrs. Gallilee; aber ihr Lachen gehörte keineswegs zu ihren vorzüglichsten Reizen; es klang hart und war der Ausdehnung nach beschränkt —— es öffnete den Mund, ließ aber ihre Augen kalt. »Du bist eifersüchtig auf den häßlichen Doctor!« rief sie. »Ah, Ovid, was noch!«

»Da bist Du gänzlich im Irrthum«, antwortete ihr Sohn scharf.

»Was hast Du denn gegen ihn?«

Es war nicht leicht, auf diese Frage eine offene Antwort zu geben. Denn wenn Ovid erklärte, daß die chemischen Experimente Benjulia nur als Mantel dienten, die schlimmste Abscheulichkeit und die ruchloseste Verirrung der modernen Wissenschaft zu verbergen, so würde er dadurch nur bewirken, daß der Doctor in der Achtung seiner Mutter stieg; und wenn er ihr andererseits mittheilte, was bei der Begegnung im zoologischen Garten zwischen ihnen vorgefallen war, so mochte sie die Sache vielleicht mit anderen Augen ansehen als er und den Doctor auffordern, sich über den Ton, in welchem derselbe über Carmina und deren Mutter gesprochen hatte, zu erklären. Nachdem sich Ovid übereilt in dies Dilemma gestürzt hatte, zog er sich ebenso eilig und ohne besondere Ueberlegung auf die leichteste Weise wieder heraus, indem er sagte: »Ich halte Benjulia für keinen passenden Gesellschafter für ein junges Mädchen.«

Mrs. Gallilee gab sich mit dieser Erklärung mit einer Bereitwilligkeit zufrieden, die einem Argwöhnischeren als ihrem Sohne bewiesen haben würde, daß er einen Fehler begangen habe.

»Du mußt es ja wissen«, entgegnete sie; »ich werde es mir merken.« Während sie aber die Glocke zog, um Carmina rufen zu lassen, sagte sie zu sich: »Hier ist etwas nicht richtig; Benjulia soll mir sagen, was das zu bedeuten hat.«



Kapiteltrenner

Capitel XXI.

Als Ovid in dem Zimmer allein gelassen war, schienen ihm zum ersten Mal, seitdem der Tag seiner Abreise bestimmt war, die Minuten langsam dahinzugehen ein Eindruck, den er seinem ungeduldigen Verlangen nach dem Erscheinen Carmina’s zuschrieb — —bis er an der Uhr sah, daß bereits fünf endlose Minuten und darüber verstrichen waren. Eben wollte er sich der Thür nähern, um nach der Ursache dieses Zögerns zu forschen, als dieselbe sich öffnete. Er eilte auf dieselbe zu, um Carmina zu empfangen, sah sich aber unerwartet Miß Minerva gegenüber, die hastig eintrat und ihm, ohne ihn dabei anzusehen, die Hand hinhielt.

»Verzeihen Sie, daß ich bei Ihnen eindringe«, sagte sie mit einer Hast und einem scheuen Benehmen, die ihr sonst ganz fremd waren. »Ich muß die Kinder auf ihre morgigen Stunden vorbereiten, und habe später keine Gelegenheit, Ihnen Lebewohl zu sagen. Empfangen Sie meine besten, meine innigsten Wünsche —— für Ihr Wohlergehen und Ihre Gesundheit und —— und für Ihr Vergnügen auf der Reise. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!«

Nachdem sie einen Augenblick seine Hand gehalten hatte, eilte sie nach der Thür zurück, hielt aber wieder inne, wandte sich nochmals um und sah ihn jetzt zum ersten Mal an. »Ich habe noch etwas zu sagen sagte sie hastig. »Ich werde thun, was ich kann, um Carmina das Leben in Ihrer Abwesenheit angenehm zu machen.« Und ehe er ihr noch danken konnte, war sie fort.

Als nach einer Minute Carmina eintrat, fand sie Ovid verlegen und verstimmt auf und ab gehen. Sie war der Gouvernante auf der Treppe begegnet —— hatte zwischen ihnen irgend ein Mißverständnis; stattgefunden?

»Hast Du Miß Minerva gesprochen?« fragte sie. Er schlang seinen Arm um sie und zog sie neben sich auf das Sopha, dann sagte er: »Ich verstehe Miß Minerva nicht; wie kommt es, daß sie kam während ich Dich erwartete?«

»Sie bat mich um die Gunst, sie zuerst zu Dir zu lassen; und es schien ihr so viel daran zu liegen, daß ich nachgab. Ich that doch nicht Unrecht, Ovid —— nein?«

»Du bist immer freundlich, mein Herz, und thust immer Recht! Aber warum konnte sie mir nicht unten mit den Anderen Lebewohl sagen? Verstehst Du diese seltsame Frau?«

»Ich glaube, ja.« Dann spielte sie mit dem Haar auf seiner Stirn und sagte nach einer Pause unschuldig. »Miß Minerva liebt Dich, die Arme.«

»Liebt mich?«

Seine Ueberraschung schien auf sie keinen Eindruck zu machen, denn sie spielte weiter mit seinem Haar und sagte: »Ich wollte sehen, wie es aussieht, wenn es in der Mitte gescheitelt ist. Nein! es steht Dir besser, wie Du es gewöhnlich trägst. Wie schön Du bist, Ovid! Wünschst Du nicht, daß ich auch schön wäre? Alle im Hause lieben Dich und bedauern, daß Du fortgehst. Ich bin Miß Minerva und Allen gut, weil sie meinen lieben, lieben Helden so lieb haben. Ach, was werde ich anfangen, wenn ein Tag nach dem andern vergeht und Dich immer weiter von mir entführt. Nein! ich will nicht weinen; Du sollst nicht mit schwerem Herzen gehen, mein Geliebter, wenn ich es verhindern kann. Wo ist Deine Photographie? Du hast sie mir versprochen. Laß mich sie, ansehen. Ja? sie gleicht Dir, und doch wieder nicht: ich werde darüber nachdenken, wenn ich allein bin. Sie hat Deine Augen, aber nicht die göttliche Freundlichkeit und Güte, die ich in denselben sehe!« Sie pausierte und legte ihren Kopf an seine Brust.

»Wenn ich Dich noch länger ansehe, werde ich trotz meines Vorsatzes weinen. Wir wollen uns nicht ansehen —— auch nicht sprechen —— ich kann Deinen Arm um mich fühlen —— Dein Herz pochen hören. Wenn ich früher von Leuten hörte, die glücklich gestorben seien, vermochte ich das nicht zu verstehen, jetzt aber glaube ich, könnte ich glücklich sterben.« Ehe er sie tadeln konnte, legte sie ihm die Hand auf die Lippen und schmiegte sich dichter an ihn. »Still!« sagte sie weich; »still!«

So verharrten sie schweigend, ohne sich zu bewegen, in stillem Glück, bis Mrs. Gallilee plötzlich diesen Zauber brach, indem sie die Thür öffnete, auf die Uhr zeigte und wieder verschwand.

Der schreckliche Augenblick war gekommen; sie tauschten die letzten Versprechungen die letzten Küsse, die letzte Umarmung aus; und als er sie ließ, warf sie sich aufs Sofa mit einer Gebärde, die ihn beschwor zu gehen, solange sie sich noch beherrschen könne. An der Thür sah er sich noch einmal um —— dann war es vorüber.

Draußen wischte er sich die Thränen aus den Augen; Kummer und Leiden kämpften heftig gegen seine Männlichkeit, doch wenn sie ihn auch erschütterten, besiegen ließ er sich nicht; und er war ruhig, als er in die Bibliothek trat, wo die Familie ihn erwartete.

Mrs. Gallilee bestieg wie gewöhnlich ihr häusliches Piedestal, beglückte ihren Sohn mit noch einem Kusse und erinnerte ihn dann an den Zug. »Wir verstehen einander, Ovid —— Du hast nur noch fünf Minuten. Schreibe von Quebec aus. Jetzt, Maria, sage Lebewohl.«

Mit einer Grazie, die dem Tanzlehrer der Familie Ehre machte, trat Maria an ihren Bruder heran: »Lieber Ovid, ich bin nur ein Kind, aber ich bin aufrichtig besorgt um Deine Gesundheit. Bei dieser günstigen Jahreszeit wirst Du einer angenehmen Reise entgegen sehen. Empfange meine besten Wünsche.« Dabei bot sie ihm ihre Wange zum Kuß —— und sah aus wie ein junges Wesen, das seine Pflicht gethan hatte und sich dessen vollständig bewußt war.

Aus ein Zeichen von seiner Frau trat nun Mr. Gallilee hinter der Gardine am Fenster hervor, wo er sich bis jetzt verborgen gehalten hatte. Eine seiner fleischigen rothen Hände hielt ein großes Packet der besten Cigarren, die andere umklammerte eine mächtige neue Reiseflasche.

»Mein lieber Junge, es ist möglich, daß an Bord guter Brandy und gute Cigarren zu haben sind; ich aber habe diese Erfahrung aus Dampfern nicht gemacht —— Du?« Er hielt inne und wandte sich an seine Frau. »Hast Du die Erfahrung gemacht?« Mrs. Gallilee aber hielt nur ihr Coursbuch in die Höhe und schüttelte dasselbe bedeutungsvoll, so daß jener eiligst fortfuhr: »Hier ist ein ordentlicher Stoff, Ovid, wenn Du ihn annehmen willst. Fünfundzwanzig Jahr ist er alt —— willst Du kosten? Willst Du kosten, liebe Frau?« Mrs. Gallilee aber ergriff wieder mit einem schrecklichen Blick ihr Coursbuch, und ihr Gatte zwängte die große Flasche in eine von Ovid’s Taschen und die Cigarren in eine andere. »Sie werden Dir wohltun, wenn Du fort von uns bist. Gott beschütze Dich, mein Sohn! Du hast doch nichts dagegen, daß ich Dich Sohn nenne? Ich könnte Dich nicht lieber haben, wenn ich wirklich Dein Vater wäre. Scheiden wir so fröhlich, wie wir können.« Und dabei rollten dem Armen die klaren Thränen über die dicken Wangen. »Wir können einander ja schreiben —— nicht wahr? O, ich wollte, ich könnte die Sache so leicht nehmen wie Maria. Zo! komm und gieb dem armen Jungen einen Kuß. Wo ist Zo?

Mrs. Gallilee entdeckte sie unter dem Tische und zog sie hervor; dann nahm Ovid sein Schwesterchen auf’s Knie und fragte sie, warum sie sich versteckt habe.

»Weil ich Dir nicht Adieu sagen will!« rief die Kleine in einem Ausbruch von Kummer, der ihre ganze Gestalt erschütterte »Nimm mich mit, Ovid; nimm mich mit!« Während er sie zu trösten versuchte, rief Mrs. Gallilee’s warnende Stimme wie eine Glocke: »Schnell! schnell!« Zo’s lauter Discant aber übertönte dieselbe. »Papa will Dir schreiben —— warum soll ich nicht auch schreiben?« rief sie unter Thränen.

»Liebe so, Du bist zu jung«, bemerkte Maria.

»Zum Teufel mit dem Unsinn!« schluchzte Mr. Gallilee; »sie wird schreiben!«

»Schnell! schnell!« wiederholte Mrs. Gallilee.

Ohne Antheil an dem Streite zu nehmen, adressierte Ovid zwei Couverts für die Kleine und beruhigte sie so. Dann eilte er in die Halle, warf einen Blick nach der Treppe und sah Carmina oben stehen, um noch einen Blick zum Abschiede von ihm zu erhalten. Eine Treppe höher, unbemerkbar von der Halle aus, stand Miß Minerva und beobachtete die Abschiedsscene. Unbekümmert um Eisenbahn und Dampfer eilte Ovid zu Carmina hinauf, küßte sie wieder und wieder und eilte dann hinaus aus der offenen Hausthür, gefolgt von Zo, die mit ihm in den Wagen steigen wollte. Ein letztes freundliches Wort zu dem Kinde, als es zum Hause zurückgetragen wurde; ein letzter Blick auf die vertrauten Gesichter an der Thür; eine letzte Anstrengung, dem Vorgeschmack des Todes, der jedes Scheiden verbittert, zu widerstehen —— und Ovid war fort!



Kapiteltrenner

Capitel XXII.

Am Nachmittage des auf Ovid’s Abreise folgenden Tages befanden sich die Damen im Gallileeschen Hause in Zurückgezogenheit in ihren Zimmern.

Der Schreibtisch in Mr. Gallilee’s Boudoir war mit Briefen bedeckt. Da lagen das Contobuch ihres Banquiers und ihr Chequebuch —— denn Mr. Gallilee hatte seine Angelegenheiten schon lange ganz und gar seiner Frau überlassen —— und neben dem Chequebuch lag ein mit Zahlengruppen bedecktes Blatt Papier, das in zwei Columnen getheilt war. Die Ziffern an der rechten Columne waren oben in eine Zeile gefaßt, während die linke Columne ganz damit ausgefüllt war. Den Fächer in der Hand, die Feder im Tintenfaß, saß Mrs. Gallilee vor dem Tische und dachte.

Es war der heißeste Tag der Saison und der Fächer daher immer in Bewegung. Sah sie die Columne rechts an, so zeigten ihre Berechnungen ihr die Bilanz bei der Bank; sah sie links, so zeigten sie ihr ihre Schulden, von denen einige theilweise, andere überhaupt noch nicht bezahlt waren. Wandte sie sich Trost suchend hiervon ab, nach den Briefen, so stieß sie auf höfliche Bitten um Geld, an erster Stelle von Kaufleuten und dann von den Secretairen fashionabler Wohlthätigkeitsvereine. Dazwischen lagen allerlei Einladungen die ebenfalls pecuniäre Verbindlichkeiten repräsentierten, denn sie bedurfte dazu neuer Anzüge und mußte die Gastfreundschaft durch Diners und Unterhaltungen in ihrem Hause erwidern. Geld und nichts als Geld, welches sie entweder schon schuldete oder noch ausgeben mußte —— und woher sollte sie es nehmen?

Soweit ihre pecuniären Hilfsquellen in Betracht kamen, waren ihre Einnahmen sich ebenso regelmäßig gleichbleibend, als ihre Ausgaben beständig wachsend. Zweimal im Jahre ging das regelmäßige Einkommen aus dem angelegten Capitale in gleicher Höhe ein, und sie wußte daher besser, was sie zahlen konnte, als was sie wieder für Verpflichtungen einzugehen haben mochte Mit Takt und Geschicklichkeit war es möglich, ihre Gläubiger theilweise zu befriedigen und noch weitere sechs Monate den Schein zu wahren —— aber was dann?

Nachdem sie verschiedene Cheques ausgefüllt, ihre Correspondenz mit den Geschäftsleuten erledigt und dann noch über ihre Beiträge zu den Wohlthätigkeitsveranstaltungen bestimmt hatte, nahm die eiserne Matrone ihren Fächer wieder auf, fächelte sich Kühlung zu und faßte die Frage der Zukunft fest in’s Auge. Dabei drehte sich ihr ganzes Sinnen um einen Mittelpunkt —— ihren Sohn Ovid. Blieb derselbe, ganz seinem Berufe lebend, unverheirathet, so stand ihr damit eine letzte Hilfsquelle offen. Seit Jahren schon hatte er sein vom Vater ererbtes Vermögen durch den Ertrag seiner ärztlichen Praxis vermehrt und verschiedene Tausende von Pfunden zurückgelegt —— aus dem einfachen Grunde, weil er sonst nichts damit anzufangen wußte, da er keinen kostspieligen Neigungen fröhnte. Die Großmuth ihres Bruders hatte Mrs. Gallilee bis soweit die harte Nothwendigkeit erspart, ihrem Sohne ein Bekenntniß zu machen, wie aber die Sachen jetzt standen, mußte sie ihm die demüthigende Wahrheit mittheilen, und Ovid würde thun, was sein Onkel früher gethan hatte.

Das war die Aussicht, wenn er Junggeselle blieb. Aber er hatte sich entschlossen, Carmina zu heirathen. Was würde daraus werden, wenn sie so schwach war, dies zu gestatten?

Sie würden natürlich Kinder bekommen, und wenn nur eins derselben am Leben blieb, so bedeutete das den Verlust des prächtigen Vermögens, das dem Testamente nach Mrs. Gallilee und ihren Töchtern zufallen sollte, falls Carmina ohne Nachkommen stürbe.

Da Mrs. Gallilee Carmina nach sich selbst beurtheilte —— und beurtheilt nicht Jeder, auch wenn er noch so klug ist, seine Mitmenschen nach sich selbst? —— so war sie überzeugt, daß nach der Verheirathung für sie auch nicht ein Pfennig übrig bleiben würde, um ihr die mit jeder neuen Concession, die sie den Anforderungen der Gesellschaft machte, ständig zunehmenden Schulden bezahlen zu helfen. Die junge Frau würde das großartige Beispiel ihrer Tante vor Augen haben und ja wirklich ein erbärmliches Geschöpf sein, wenn sie nicht die achttausend Pfund, die Beide —— Ovid’s Verdienst mitgerechnet —— jährlich haben würden, in dem Bemühen, mit der gesellschaftlichen Stellung Lady Northlake’s zu rivalisieren, vollständig darauf gehen ließe. Rechnete Mrs. Gallilee zu diesem Resultate noch den Verlust der tausend Pfund jährlich, die ihr als Vormünderin zu Gebote standen, solange das Mündel in ihrer Obhut wäre, so hatte sie das ganze Unglück vollständig vor Augen.

»Schande für mich und ein glänzendes Elend für meine Kinder: das ist der Preis, den ich bezahle, wenn Ovid und Carmina ein Paar werden.«

Als sie innerlich ihre Gedanken in dieser Form zusammenfaßte, legte sie ruhig den Fächer fort, aber ihr Aussehen verkündete Böses —— und Ovid war bereits auf der See und Teresa fern in Italien!

Die Uhr auf dem Kaminsims schlug fünf, und pünktlich mit dem Glockenschlage erschien die Jungfer, um ihrer Herrin die gewohnte Tasse Thee zu bringen. Aus die Frage Mrs. Gallilee’s nach der Gouvernante antwortete das Mädchen, daß dieselbe auf ihrem Zimmer sei.

»Der Herr ist mit ihnen spazieren gegangen.«

»Haben dieselben ihre Musikstunde schon gehabt?«

»Nein, noch nicht, gnädige Frau. Mr. Le Franc sagte gestern, daß er heute Abend um sechs kommen würde.«

»Weiß Mr. Gallilee darum?«

»Ja, ich hörte, daß Miß Minerva es ihm sagte, als ich den Fräulein beim Ankleiden half.«

»Schön. Bitte Miß Minerva, auf ein Wort zu mir zu kommen!

Miß Minerva saß in ihrem Schlafzimmer am offenen Fenster und sah mit leerem Blicke auf die Hinterwände der Straße hinter Fairfield Gardens. Auch sie, bei der die böse Laune wieder die Oberhand hatte, dachte an Ovid und Carmina; zu frisch stand ihr ja noch die Abschiedsscene vom vorigen Tage vor Augen.

Je mehr sie über alles Das, was in dieser kurzen Zeit geschehen war, nachdachte, desto erbitterter wurde sie auf sich selbst. Hatte doch diese eine Schwäche, der sie unterlag, sie offen entwürdigt, ohne daß sie nur den Versuch eines Widerstandes gemacht hätte. Die Furcht, sich zu verrathen, wenn sie von dem Manne, den sie heimlich liebte, vor seiner Familie Abschied nähme, hatte sie bewogen, sich eine Gunst von Carmina zu erbittert, und das unter Umständen, die ihre Rivalin vielleicht die Wahrheit ahnen lassen konnten. Dann, als sie mit Ovid allein war, hatte sie nicht vermocht, ihre Aufregung zu beherrschen, und hatte —— was noch schlimmer war —— in ihrem Eifer, beim Scheiden einen guten Eindruck auf ihn zu machen, versprochen —— ja, in diesem Momente des Impulses ehrlich versprochen, sich Carmina’s Glück besonders angelegen sein zu lassen, Carmina’s, die in einem Tage die Hoffnung von Jahren vernichtet; die ihn ihr entrissen; die ihn umschlungen, als er nach oben geeilt war, die ihn geküßt —— vor der Dienerschaft in der Halle —— inbrünstig schamlos geküßt hatte!

Von ihren Erinnerungen in wahnsinnige Wuth versetzt, sprang sie von ihrem Stuhle auf und sah hinunter auf das Pflaster des Hofes —— es war tief genug, um bei einem Sprunge aus dem Fenster sofort den Tod zu finden. Kalte Verzweiflung zuckte durch die Hitze ihres Aergers; sie lehnte sich über die Fensterbrüstung —— und wer weiß was geschehen wäre, da sie nichts von Furcht verspürte, wenn nicht in diesem Augenblicke draußen Jemand gesprochen hätte.

Es war die Jungfer, eine von Miß Minerva’s vielen Feindinnen im Hause, die jetzt, anstatt hereinzukommen, durch die geöffnete Thür sprach. »Mrs. Gallilee wünscht Sie zu sehen«, sagte dieselbe und machte sofort die Thür wieder zu.

Mrs. Gallilee! Der bloße Name schien ihr in diesem Augenblick verheißungsvoll, schien sie mit Hoffnung —— mit sündiger, abscheulicher Hoffnung zu erfüllen.

Sie verließ das Fenster und trat vor den Spiegel und schrak vor ihrem eigenen hageren Gesicht zurück. Dann goß sie Bau de Cologne und Wasser in ihr Waschbecken und wusch sich damit den brennenden Kopf und die Augen. Darauf ordnete sie sich das Haar fast ebenso sorgfältig, als ob es gegolten hätte, vor Ovid zu erscheinen, um ein ruhiges Aeußere zur Schau zu tragen, damit seine Mutter ihr Geheimniß nicht erriethe; denn sie ahnte nicht im Entferntesten, daß dieselbe schon lange darum wußte. Aber die Kniee zitterten unter ihr und sie mußte sich eine Minute setzen.

Wurde sie nur zu einer gewöhnlichen Berathung über häusliche Angelegenheiten verlangt, oder sollte Aussicht vorhanden sein, die Frage wegen Ovid’s und Carmia’s vorbringen zu hören?

Sie glaubte, was sie hoffte: daß die Zeit gekommen, da Mrs. Gallilee einer Alliierten —— vielleicht einer Mitschuldigen bedürfe. Mochte dieselbe nur die Trennung der beiden Liebenden beabsichtigen —— dann war sie bereit, ihr in jeder von beiden Eigenschaften behilflich zu sein. Und wenn jene zu vorsichtig war, um mit ihrem Zwecke herauszurücken? Miß Minerva war auch in diesem Falle für ihre Beschäftigerin bereit; der Zweifel, welchen ihr fruchtlose Fragen eingegeben, als sie mit Carmina allein in deren Zimmer war —— der Zweifel, ob nicht in dem letzten Theile des Testamentes, den sie nicht gehört hatte, ein Schlüssel zu Mrs. Gallilee’s Motiven zu finden sein könnte, war ihr noch immer gegenwärtig.

»Die Gelehrte ist nicht unfehlbar«, dachte sie, als sie bei Mrs. Gallilee eintrat. »Wenn ihr nur ein einziges unbedachtes Wort über die Zunge schlüpft, so werde ich es auffangen!«

Das Benehmen Mrs. Gallilee’s war von vornherein ermuthigend; dieselbe hatte ihren Schreibtisch verlassen und ruhte müde und muthlos in einem Lehnstuhle —— das Bild einer Frau, die einer helfenden Freundin bedurfte.

»Der Kopf thut mir weh vom Rechnen und Briefeschreiben«, sagte sie. »Ich möchte Sie bitten, meine Correspondenz für mich zu vollenden.«

Als Miß Minerva dann ihren Platz am Pulte einnahm, entdeckte dieselbe sofort, daß die unvollendete Correspondenz nur ein falscher Vorwand war; denn es war weiter nichts zu thun, als drei Cheques für Subscriptionen zu wohlthätigen Zwecken, die an dem Datum fällig waren, mit den gewohnten Briefen an drei Secretaire abzufertigen, eine Arbeit, die in fünf Minuten geschehen war.

»Haben Sie noch etwas zu thun?« fragte die Gouvernante dann.

»Nicht daß ich wüßte. Würden Sie mir wohl meinen Fächer geben? Ich fühle mich vollständig hilflos —— mir ist heute ganz elend zu Muthe.«

»Vielleicht macht das die Hitze?«

»Nein, die Ausgaben. Die Anforderungen an unsere Hilfsquellen scheinen mit jedem Jahre zuzunehmen. Es ist durchaus gegen mein Princip, die —— ganze Einnahme draufgehen zu lassen —— und doch bin ich dazu genöthigt.«

Auch hierin erkannte die Gouvernante wieder einen falschen Vorwand, der offenbar nur in der Absicht gebraucht wurde, den wirklichen Zwecks weshalb sie gerufen war, als etwas zufällig im Laufe des Gespräches Auftauchendes hinzustellen. Indessen gab sie dem nöthigen Bedauern mit bereitwilliger Unschuld Ausdruck.

»Dürfte ich da wohl zur Sparsamkeit rathen?« fragte sie mit unerschütterlichem Ernst.

»Das ist ja ein ausgezeichneter Rath«, gab Mrs. Gallilee zu; »wie aber soll ich das anfangen? Diese Zeichnungen zum Beispiel gehen eigentlich über das hinaus, was ich geben sollte; aber was würde geschehen, wenn ich den Betrag mindern? Ich würde mich dadurch nur ungünstigen Vergleichen mit anderen Leuten unseres Ranges in der Gesellschaft aussetzen.«

»Vielleicht kämen Sie mit einem Pferde aus«, bemerkte Miß Minerva, geduldig die von ihr erwartete Rolle weiterspielend.

»Aber Beste, sehen Sie sich die Leute an, die nur ein Pferd haben! Kann ich, wie ich situiert bin, zu denselben hinabsteigen? Glauben Sie nicht, daß ich für meine Person mir einen Pfifferling aus dergleichen machte. Nein —— was ist mein Stolz und mein Vergnügen im Leben? Die Bildung meines Geistes. Aber ich habe eine Lady Northlake zur Schwester und darf mich meiner Familienverbindungen nicht gänzlich unwerth zeigen. Außerdem habe ich zwei Töchter, deren Interesse ich bedenken muß. In einigen Jahren wird Maria bei Hofe vorgestellt werden und wird dank Ihnen eins der gebildetsten Mädchen in England sein. Denken sie sich Maria’s Mutter in einen: Einspänner! Liebes Kind! erzählen Sie mir von ihren Stunden. Macht sie noch immer solche Fortschritte?«

»Examinieren Sie sie, Mrs. Gallilee; ich kann mich für das Resultat verbürgen.«

»Nein, Miß Minerva, dazu habe ich zu viel Vertrauen zu Ihnen. Nebenbei bin ich ja in einem der wichtigsten Bildungsfächer Maria’s ganz von Ihnen abhängig, da ich nichts von Musik verstehe. Für ihre Fortschritte in der Richtung sind Sie allerdings nicht verantwortlich, doch ich möchte gern wissen, ob Sie in dieser Beziehung mit ihr zufrieden sind?«

»Ja, vollständig.«

»Sie glauben nicht, daß sie —— wie soll ich mich ausdrücken? —— soll ich sagen, daß sie Mr. Le Franks Können entwächst?«

»Gewiß nicht.«

»Halten Sie Mr. Le Frank vielleicht auch für befähigt, Jemand, der älter und vorgeschrittener ist als Maria, in zufriedenstellender Weise zu unterrichten?«

Bis soweit hatte Miß Minerva die an sie gestellten Fragen mit gut verhehlter Gleichgültigkeit beantwortet; diese letzte aber erweckte ihre Aufmerksamkeit. Warum zeigte Mrs. Gallilee jetzt zum ersten Mal ein Interesse an Mr. Le Franks Lehrfähigkeit? Wer war dieser ältere und vorgeschrittenere Jemand, für dessen Erscheinen im Gespräche die vorigen Fragen so sanft den Weg gebahnt hatten? Sie war jetzt auf ihrer Hut und antwortete:

»Ich habe Mr. Le Frank immer für einen ausgezeichneten Lehrer gehalten.«

»Können Sie mir keine bestimmtere Antwort geben?« fragte Mrs. Gallilee.

»Ich kenne die musikalische Ausbildung des Jemand, von dem Sie sprechen, durchaus nicht«, entgegnete die Gouvernante., »Ja, ich weiß nicht einmal, ob Sie von einer Dame oder von einem Herrn sprechen.«

»Ich spreche von meiner Nichte Carmina«, sagte Mrs. Gallilee ruhig.

Diese Worte brachten jeden weiteren Zweifel zur Ruhe, denn nach solch geschickter Vorbereitung konnte die Erwähnung Carmina’s nur zu dem Thema ihrer Heirath führen —— Mrs. Gallilee war endlich bei dem Zwecke, den sie im Auge hatte, angekommen.



Kapiteltrenner

Capitel XXIII.

Es entstand eine Pause; Mrs. Gallilee erwartete, daß Miß Minerva sprechen sollte, und diese, daß die Andere ihr vertraulich entgegenkäme. Vom Garten her erscholl das gezwitscher der Sperlinge, und gedämpft herein dringende Klaviertöne verkündeten, daß im Schulzimmer die Musikstunde begonnen hatte.

»Die Vögel machen einen unangenehmen Lärm«, bemerkte Mrs. Gallilee nach einer Weile.

»Und das Piano scheint verstimmt zu sein«, meinte Miß Minerva.

Mrs. Gallilee sah ein, daß sie selbst auf den Gegenstand, den sie im Auge hatte, zurückkommen müßte, wenn sie ihn nicht fallen lassen wollte, und sie fing daher wieder an:

»Ich fürchte, daß Sie mich nicht recht verstanden haben.«

»Ich fürchte, recht einfältig gewesen zu sein«, bekannte die Gouvernante.

»Wir sprachen von Mr. Le Frank und meiner Nichte, als Lehrer und Schülerin. Sind Sie in der Lage gewesen, sich ein Urtheil über Carmina’s musikalische Fertigkeit zu bilden?«

»Nein, ich habe noch keine Gelegenheit dazu gehabt«, antwortete die kluge Gouvernante.

»Ich habe von Mr. Le Frank ein Anerbieten bekommen«, fuhr Mrs. Gallilee fort, damit ihren Trumpf ausspielend, indem sie Miß Minerva einen Brief überreichte. »Wollen Sie mir sagen, was Sie davon halten?«

In dem Briefe schrieb Mr. Le Frank in servilen Ausdrücken, daß, falls Mrs. Gallilee’s reizende Nichte eines Lehrers in der Musik bedürfen sollte, er zu hoffen wage, daß ihm die Ehre und das Glück zu Theil werden möchten, die Studien derselben beaufsichtigen zu dürfen. Noch einmal nach dem Anfange des Briefes sehend, entdeckte die Gouvernante, daß diese bescheidene Offerte das Datum von vor acht Tagen trug, und sie fragte:

»Haben Sie Mr. Le Frank geantwortet?«

»Ich habe ihm nur geschrieben, daß ich sein Anerbieten in Erwägung ziehen wollte.«

Hatte sie auf die Abreise ihres Sohnes gewartet, ehe sie eine Entscheidung treffen wollte? Miß Minerva erinnerte sich, daß, als Mrs. Gallilee zuerst einen Musiklehrer für ihre Kinder hatte engagieren wollen, ihr Sohne sich gegen Mr. Le Frank ausgesprochen hatte.

»Wüßten Sie irgend etwas, was gegen die Annahme des Vorschlages wäre?« fragte Mrs. Gallilee.

»Ich halte es für eine delikate Sache, hier ein Urtheil abzugeben«, sagte Miß Minerva bescheiden. die allerdings einen Einwand wußte und Dank jener Erinnerung eine besonders boshafte Weise entdeckte, denselben vorzubringen.

»Bezieht sich das auf Mr. Le Frank?« fragte Mrs. Gallilee überrascht.

»Nein; ich zweifle nicht daran, daß sein Unterricht jeder jungen Dame dienlich sein würde.«

»Oder denken Sie dabei an meine Nichte?«

»Nein, Mrs. Gallilee, aber an Ihren Herrn Sohn«

»Wieso, wenn ich fragen darf?«

»Ich glaube, Ihr Herr Sohn würde dagegen sein, Mr. Le Frank zu Miß Carmina’s Lehrer anzunehmen.«

»Aus sachlichen Gründen?«

»Nein, aus persönlichen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie haben wohl vergessen, daß damals, als Sie Mr. Le Frank für Ihre Töchter engagieren wollten, seine Persönlichkeit einen unangenehmen Eindruck auf Ihren Herrn Sohn machte, der dann Erkundigungen einzog, die Sie für unnöthig gehalten hatten. Verzeihen Sie, wenn ich diesen Umstand erwähne, aber ich bin es mir selbst schuldig, mein Urtheil zu rechtfertigen —— ein Urtheil, das, wie Sie sich gütigst erinnern wollen, nicht freiwillig abgegeben wurde. Mr. Ovid’s Nachfragen brachten ein sehr unangenehmes Gerücht über Mr. Le Frank und eine frühere Schülerin desselben an’s Licht.«

»Das war eine abscheuliche Verleumdung, Miß Minerva! Es überrascht mich, daß Sie darauf zurückkommen.«

»Ich beziehe mich, gnädige Frau, nur auf die Ansicht, die Mr. Ovid von der Sache hatte. Wäre es Mr. Le Frank nicht gelungen, sich erfolgreich zu rechtfertigen, so wäre er natürlich nicht in dies Haus aufgenommen. Aber Ihr Herr Sohn hatte seine eigene Ansicht von der Rechtfertigung desselben. Ich war damals zugegen und hörte ihn sagen, daß er, wenn Maria und Zo älter gewesen wären, zu einem Lehrer gerathen haben würde, der keine falschen Gerüchte über sich zu widerlegen brauchte; da sie indeß noch Kinder wären, wollte er weiter nichts sagen. Daran dachte ich vorhin. Mr. Ovid wird jedenfalls unzufrieden sein, wenn er hört, daß Mr. Le Frank der Musiklehrer seiner Cousine ist; und sollte ihm in seiner Abwesenheit irgend ein albernes Geschwätz zu Ohren kommen, so könnte das unangenehme Resultate —— ich meine Mißverständnisse nach sich ziehen, die auf schriftlichem Wege nicht leicht zu berichtigen sein und daher höchst wahrscheinlich Mißtrauen und Eifersucht erwecken könnten.«

Miß Minerva wußte, daß der Musiklehrer nur als Mittel dienen sollte, um zwischen Ovid und Carmina Unheil zu stiften, und sie würde der Mutter ihre Hilfe wahrscheinlich nicht versagt haben, wenn dieselbe sie in’s Vertrauen gezogen hätte. So aber war sie auf ihrer Hut, um zu verhindern, daß ihr vielleicht einmal die Schuld für das Complott in die Schuhe geschoben werden könnte.

Mrs. Gallilee hatte darauf gerechnet, daß die Gouvernante bei ihrer heimlichen Neigung zu Ovid jedem Anschläge, der eine Entfremdung desselben mit Carmina befördern könnte, ohne Zögern und Mißtrauen zustimmen würde, sah sich aber wiederum von derselben geschlagen. Es blieb ihr nun nichts übrig, als der Heirath auf eigene Verantwortlichkeit hin das erste Hindernis; in den Weg zu legen.

»Ich zweifle nicht daran, daß Sie aufrichtig gesprochen haben«, sagte sie, da die Gouvernante mit den Händen im Schooße ruhig dasaß »aber Sie haben doch dem verständigen Sinne meines Sohnes nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, und Sie sind —— was bei Ihrer Stellung ja ganz natürlich ist —— nicht im Stande, seine Ergebenheit und Zuneigung zu Carmina richtig zu würdigen.«

Da dieser Stich auch nicht von der geringsten sichtbaren Wirkung belohnt wurde, so fuhr sie nach einer Pause, während welcher sie Miß Minerva beobachtet hatte, fort: »Ziemlich die letzten Worte, die er mit mir sprach, drückten sein Vertrauen —— sein hingebendes Vertrauen zu meiner Nichte aus. Der bloße Gedanke daran, daß er auf Jemanden eifersüchtig sein könnte, besonders auf eine Persönlichkeit wie Mr. Le Frank, ist einfach lächerlich. Es wundert mich, daß Sie die Sache nicht in diesem Lichte sehen.«

»Ich würde dieselbe so gut wie Sie in diesem Lichte sehen«, entgegnete Miß Minerva, »wenn Ovid zu Hause wäre.«

»Was für einen Unterschied macht das?«

»Entschuldigen Sie —— einen großen Unterschied, dächte ich. Er hat eine lange Reise unternommen, und zwar bei schlechter Gesundheit, und es werden Stunden, kommen, wo er niedergeschlagen sein wird. Zu solchen Zeiten werden Kleinigkeiten ernst genommen und häufig sogar wohlgemeinte Worte —— in Briefen, meine ich —— falsch verstanden. Ich wüßte das, was ich gesagt habe, nicht besser zu vertheidigen, und kann nur bedauern, daß ich Ihr schmeichelhaftes Vertrauen in mich so unbefriedigend vergolten habe.«

Nachdem sie so ihrerseits ihren Stich angebracht hatte, erhob sie sich, um sich zurückzuziehen. »Haben Sie sonst noch Befehle für mich?«

»Ich möchte gern ganz sicher sein, daß ich Sie nicht mißverstanden habe«, erwiderte Mrs. Gallilee. »Sie halten Mr. Le Frank für befähigt, die musikalischen Studien einer jungen Dame zu leiten? Danke Ihnen. Dann bin ich über den Punkt, in Betreff dessen ich Ihren Rath einzuholen wünschte, beruhigt. Wissen Sie, wo Carmina ist?«

»Auf ihrem Zimmer, denke ich.«

»Wollen Sie die Güte haben, dieselbe zu mir zu schicken?«

»Mit dem größten Vergnügen. Guten Abend.«

Das war der erste Versuch Mrs. Gallilee’s, Miß Minerva zu benutzen, ohne derselben Vertrauen zu schenken.



Kapiteltrenner

Capitel XXIV.

Während die Herrin des Hauses und die Gouvernante ihre besonderen Gründe hatten, sich auf ihre Zimmer zurückzuziehen, war für Carmina die Einsamkeit eine Nothwendigkeit, da die einzigen Freunde, welche die Arme jetzt um sich versammeln konnte, die Abwesenden und Todten waren. Sie hatte an Ovid geschrieben, blos weil ihr der Gedanke Vergnügen machte, daß der Brief ihn auf dem Postdampfer begleiten würde, mit dem er nach Quebec fuhr. Auch an Teresa hatte sie geschrieben. Darauf hatte sie das Piano geöffnet und die göttlich schöne Musik Mozart’s gespielt, bis dieselbe sie traurig gestimmt und sie das Instrument mit wehem Herzen geschlossen hatte. Dann saß sie eine Zeit lang am Fenster und dachte an Ovid, aber mit dem Vorrücken des Abends wurde die Einsamkeit immer schwerer zu ertragen und sie schellte nach dem Mädchen und fragte dasselbe, ob Miß Minerva Muße habe. Auf die Mittheilung daß dieselbe zu Mrs. Gallilee gerufen worden, fragte sie nach Zo. Aber auch diese befand sich im Schulzimmer, um nach Maria ihren Musikunterricht zu bekommen. Als sie wieder allein war, öffnete sie ihr Medaillon und legte Ovid’s Porträt neben dasselbe auf den Tisch. Ihre traurige Phantasie weilte bei ihren todten Eltern; sie malte sich aus, wie ihr Geliebter denselben vorgestellt würde und durch seine muntere Stimme, sein anmuthiges Lächeln und seine klugen, freundlichen Worte ihre Herzen gewönne. So fand sie Miß Minerva noch ganz in ihre melancholischen Träume versunken, sich die Abwesenden zurückrufend, die Todten belebend —— nicht wie eine Siebzehnjährige, sondern wie eine, die sich dem Grabe nähert.

Als die Gouvernante ihr meldete: »Mrs. Gallilee wünscht Sie zu sprechen«, sprang sie voll Unruhe auf. »Habe»ich ein Unrecht gethan?«

»Nein. Weshalb fragen Sie so?«

»Sie sprechen in so eigenthümlicher Weise. O Frances, ich habe mich nach Ihrer Gesellschaft gesehnt, und jetzt, da Sie hier sind, sehen Sie mich so kalt an, als ob ich Sie beleidigt hätte? Vielleicht sind Sie nicht wohl?«

»Das ist es; ich befinde mich nicht gut.«

»Nehmen Sie etwas von meinem Lavendelwassers Lassen Sie mich Ihnen die Stirn kühlen bei der Hitze Nein? Aber Liebe, setzen Sie sich auf jeden Fall. Was will meine Tante von mir?«

»Das sage ich Ihnen am Besten nicht.«

»Warum nicht?«

»Da sie jedenfalls fragen wird, was ich Ihnen gesagt habe. Ich habe ihre Geduld auf die Probe gestellt, und Sie wissen, was das bei ihr heißt! Sie hat mich statt des Mädchens geschickt, um mir Gelegenheit zu geben, irgend eine Unklugheit zu begehen; daher besorge ich den Auftrag genau so, wie das Mädchen gethan haben würde —— und das können Sie ihr mit ruhigem Gewissen sagen. Also fragen Sie nicht weiter!«

»Nur noch eins, bitte. Handelt es sich um Ovid?«

»Nein«

»Dann kann meine Tante noch etwas warten. Setzen Sie sich; ich möchte mit Ihnen sprechen.«

»Und über was?«

»Ueber Ovid natürlich!« Carmina’s Aussehen und Ton beruhigten Miß Minerva sofort, denn sie bewiesen ihr, daß ihr Benehmen am Tage vorher bei ihrer unschuldigen Nebenbuhlerin keinen Argwohn wachgerufen hatte; doch weigerte sie sich, einen Stuhl zu nehmen, und sagte:

»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Ihre Tante in schlechter Laune ist. Gehen Sie lieber sofort zu ihr.«

Carmina erhob sich widerwillig, indem sie bemerkte: »Ich hatte so vieles, was ich Ihnen zu sagen wünschte ——«, wurde hier aber durch ein schnell aufeinander folgendes Klopfen an der Thür unterbrochen. Es war die discrete, gebildete Maria, die sich mit Anmuth bei Carmina entschuldigte und dann, sich mit Bekümmerniß an Miß Minerva wendend, zu dieser sagte:

»Ich bedauere, Ihnen mittheilen zu müssen, daß Sie im Schulzimmer verlangt werden, da Mr. Le Frank nichts mit Zo anfangen kann.« Dabei seufzte sie über die Schlechtigkeit ihrer Schwester und wartete auf Anweisungen.

»Sage, daß ich Dir aus dem Fuße folge«, antwortete Miß Minerva, der diese Abberufung erwünscht war, da die herzliche Bewillkommnung von Seiten Carmina’s sie auf ganz unbegreifliche Weise gereizt hatte. Sie war böse auf sich, daß sie gereizt war, und verspürte Neigung, das Mädchen dafür zu schmähen, daß es an sie glaubte; und hätte sie nicht Selbstbeherrschung besessen, vielleicht wäre sie in die wahnsinnigen Worte ausgebrochen: »Sie Gans, weshalb durchschauen Sie mich nicht? Warum schreiben Sie nicht an den Narren, der in Sie verliebt ist, und sagen ihm, wie ich Sie beide hasse?« Maria’s Dazwischenkommen war ihr deshalb unbeschreiblich willkommen.

Als letztere wieder gegangen war, wollte ihr Miß Minerva mit einigen eiligen Entschuldigungsworten folgen, aber Carmina hielt sie an der Thür zurück.

»Seien Sie nicht streng mit Zo!« bat sie.

»Ich muß meine Pflicht thun«, antwortete Miß Minerva ernst.

»Wir waren als Kinder selbst manchmal unartig«, begütigte Carmina, »und sie hat erst neulich Brod und Wasser statt des Thees bekommen. Ich habe Zo so gern! Außerdem ——«, und dabei sah sie die Gouvernante zweifelhaft an —— »ich glaube nicht, daß Mr. Le Frank der Mann danach ist, mit Kindern umgehen zu können.«

»Warum meinen Sie das?« fragte die Gouvernante, die dieser Meinungsausdruck nach dem, was vorher zwischen ihr und Mrs. Gallilee vorgegangen war, neugierig machte.

Nun, weil Mr. Le Frank so häßlich ist. meinen Sie nicht auch?«

»Sie sollten doch lieber Ihre Meinung für sich behalten. Wenn er das erführe ——«

»Ist er eitel? Mein armer Vater pflegte zu sagen, daß alle schlechten Musiker eitel seien.«

»Sie nennen doch Mr. Le Frank nicht einen schlechten Musiker?«

»O doch, das thue ich habe ihn in seinem Concerte gehört. Sein Spiel ist ein mechanisches Herleiern ——— eine Spieldose macht es ebenso gut. Sehen Sie, er macht so!«

Die Gesellschaft ihrer Freundin hatte ihr ihre jugendliche Laune zurückgegeben und sie ging zum Piano und amüsierte sich damit, Mr. Le Frank nachzuahmen. Da wurde sie durch ein energisches einmaliges Klopfen an der von Miß Minerva vorhin halb offen gelassenen Thür unterbrochen. Die Gouvernante sah durch die Oeffnung und erblickte —— Mr. Le Frank, dessen kahler Kopf zitterte und dessen blühende Gesichtsfarbe sich vor verhaltener Wuth in fahle Blässe verwandelt hatte.

»Die kleine Range ist davongelaufen!« sagte er und eilte dann die Treppe hinunter, als ob er sich nicht getraute, auch nur noch ein Wort mehr zu sagen.

»Hat er mich gehört?« fragte Carmina zaghaft.

»Vielleicht hat er nur Ihr Spiel gehört«, antwortete Miß Minerva, trotzdem sie nicht daran zweifelte, daß Mr. Le Frank Carmina’s Ansicht über ihn ganz genau kenne. Denn wenn es auch erklärlich war, daß er die Gouvernante von dem Davonlaufen Zo’s in Person in Kenntniß setzte, so war doch unmöglich anzunehmen, daß die Flucht der Kleinen die Ursache des wüthenden Aergers gewesen wäre, den sein Gesicht vorher verrieth. Nein; der eitelste Mann und Musiker hatte gehört, daß er häßlich wäre und daß sein Vortrag dem Spielen einer Spieldose glich.

Sie verließen dann zusammen das Zimmer —— Carmina, die sich unbehaglich fühlte, um ihrer Tante ihrer Aufwartung zu machen; Miß Minerva, die über dem Geschehenen brütete, um die entflohene Zo aufzusuchen. Der Bediente hatte sie indeß schon dieser Mühe überhoben, da er der in bloßem Kopfe in die Anlagen rennenden Kleinen gefolgt war und sie zurückgebracht hatte. Als Zo eingeschlossen wurde, sagte sie: »Ich mache mir nicht’s daraus; ich hasse Mr. Le Frank.« Aber Miß Minerva war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, um auf diese neue Unart ihres Zöglings Acht zu geben. Sie dachte daran, ob Mrs. Gallilee’s Plan jetzt wohl gelingen möge. Mochte nun Mr. Le Frank einwilligen, der Lehrer Carmina’s zu werden, oder nicht —— Mrs. Minerva kannte die rachsüchtige Natur des Mannes sehr gut: er vergab nie und vergaß nie, sondern war Carmina’s Feind für’s Leben.



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Capitel XXV.

Der Monat Juli ging seinem Ende zu. Am Morgen des achtundzwanzigsten war Carmina damit beschäftigt, einen von Teresa erhaltenen Brief zu beantworten und derselben einen Bericht über ihre häuslichen Erlebnisse während ihres Aufenthaltes unter Mrs. Gallilees Dache zu geben. Der Brief lautete, aus dem Italienischen übersetzt:

»Bist Du mir böse, liebe Teresa, weil ich so spät auf die traurigen Nachrichten, die Du mir aus Italien mitgetheilt hast, antworte? Ich habe nur eine Entschuldigung.

Kann ich von Deiner Sorge um Deinen Mann hören, ohne den Wunsch zu empfinden, Dir Deine Bürde durch heitere Mittheilungen von mir tragen zu helfen? Wieder und wieder habe ich an Dich gedacht und meinen Schreibtisch geöffnet, aber dann verließ mich der Muth und ich schloß denselben wieder. Ob ich nun in glücklicherer Stimmung bin? Ja, meine gute alte Teresa, ich bin glücklicher — denn ich habe von Ovid einen Brief bekommen.

Er ist wohlbehalten in Quebec angelangt und fühlt sich nach der Seereise schon besser. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schön und zärtlich er schreibt! Wenn ich seinen Brief lese, bin ich fast mit seiner Abwesenheit ausgesöhnt. Kann Dir das einen Begriff von dem Glücke und dem Troste geben, den ich diesem besten und theuersten der Menschen verdanke?

Ach, mein Großmütterchen, ich sehe wie Du stutzig wirst und mit dem Daumennagel Dein Lieblingszeichen unter dem Worte »Troste« machst, und höre Dich für Dich hin brummen, »Ist sie in ihrem englischen Heim unglücklich? Und ist Tante Gallilee daran Schuld?« Ja, es ist so! Was ich um die Welt nicht an Ovid schreiben würde, Dir kann ich es gestehen: Tante Gallilee ist wirklich eine hartherzige Frau.

Erinnerst Du Dich, wie Du mir in Deiner geraden Weise sagtest, daß Mr. Le Frank wie ein Schurke aussähe? Ob er es ist, weiß ich nicht —— aber ich weiß, daß meine Tante gerade durch sein Benehmen mit mir unzufrieden ist.

Vor drei Wochen schickte sie nach mir und sagte mir, daß meine Erziehung vollendet werden müsse, und daß besonders meine Musik nicht vernachlässigt werden dürfe, worauf ich ihr mit aller nöthigen Bereitwilligkeit und Achtung antwortete, daß ich gern bereit wäre, ihr zu gehorchen. Dann sagte sie, daß sie bereits einen Musiklehrer für mich gewählt habe, und nannte dann zu meinem Erstaunen seinen Namen. Mr. Le Frank, der Lehrer ihrer Kinder, sollte auch mir Unterricht geben! Ich habe viele Fehler, glaube aber wirklich, daß Eitelkeit nicht darunter ist, und wenn ich sage, daß ich besser Klavier spiele als Mr. Le Frank, so habe ich das nur meinem ausgezeichneten Lehrer in Italien zu verdanken. Davon ließ ich indeß wohlverstanden meiner Tante gegenüber nichts verlauten, da das einmal undankbar und dann auch nutzlos gewesen wäre; sie versteht eben nichts von Musik und macht sich nichts aus derselben.

So schieden wir als gute Freunde, und sie schrieb noch denselben Abend, um Mr. Le Frank für mich zu engagieren. Als aber am folgenden Tage seine Antwort kam, lehnte er es ab, mir Unterricht zu geben —— und das, nachdem er sich selbst vorher in einem Briefe an meine Tante dazu angeboten hatte! Nach seinen Gründen gefragt, machte er die Ausrede, daß er über die freie Zeit, die er damals gehabt, wegen eines neuen Schülers nicht mehr verfügen könnte; aber der wahre Grund ist der, daß er gehört hat, wie ich ihn einen häßlichen Menschen und schlechten Spieler genannt habe, was ja, wie ich nicht leugne, ziemlich unbedacht von mir war. Miß Minerva sondierte ihn auf meine Bitte in der Sache, natürlich, um mich zu entschuldigen, aber er that, als ob er nicht verstünde, was sie meinte —— aus welchem Grunde, weiß ich wirklich nicht Du wirst sagen »falsch und rachsüchtig«, und hast vielleicht Recht. Aber das Ernste bei der Sache für mich ist das Benehmen meiner Tante gegen mich, die mich kaum mit größerer Kälte und Strenge behandeln könnte, wenn ich ihren liebsten Wunsch durchkreuzt hätte. In Betreff meiner Erziehung hat sie noch nichts wieder verlauten lassen; wir treffen uns nur bei Tische, wo sie mich wie irgend eine vollständig Fremde empfängt; ihre eisige Höflichkeit ist unerträglich. Und diese Frau ist die Mutter meines geliebten Ovid’s!

Ob ich nun mit meinem Kummer fertig bin? Nein, Teresa, noch nicht. Ach, wie ich wünsche, bei Dir in Italien zu sein!

Du wiederholst in Deinen Briefen beharrlich, daß ich mich täusche, wenn ich Miß Minerva für meine aufrichtige Freundin halte. Aber bedenke doch, bitte —— selbst wenn ich mich irren sollte —— wie verlassen ich hier im Hause stehe! Ich kann ja mit der kleinen Zo spielen; aber mit wem soll ich sprechen, wem mich anvertrauen, wenn Miß Minerva sich als falsch beweisen sollte?

In meinem letzten Briefe wollte ich nicht zugeben, daß solch eine schreckliche Entdeckung möglich sein könnte, und nahm schon den bloßen Gedanken daran als Beleidigung meiner Freundin auf; seitdem —— sieh’, mein Gesicht brennt vor Scham, während ich dies schreibe —— seitdem bin ich in meiner Ansicht ein wenig, ein ganz klein wenig erschüttert, Und soll ich Dir sagen, wie das anfing? Ja; ich will es thun.

Meine liebe alte Freundin, Du hast Deine Vorurtheile, aber Du sagst aufrichtig, was Du meinst —— und wen anders kann ich um Rath fragen? Ovid nicht; nein! Es ist mein einziges Bestreben, zu verhindern, daß er sich um mich ängstige; und außerdem habe ich seine Meinung über Miß Minerva bekämpft und ihn bewogen, freundlicher über sie zu denken. Solltet Ihr beide dennoch Recht gehabt haben, und habe ich allein Unrecht? Du sollst selbst urtheilen.

Die Veränderung in Miß Minerva’s Benehmen gegen mich begann, nachdem ich etwas gethan hatte, das uns gerade noch näher als früher hätte zusammenbringen müssen. Sie erhält von meiner Tante nur ein kärgliches Salair und wurde von geringfügigen Schulden gequält, und als sie mir das gestand, lieh ich ihr bereitwillig das Geld zur Bestreitung ihrer Rechnungen —— eine Kleinigkeit, nur dreißig Pfund. Aber was, glaubst Du, that sie da? Sie zerknitterte die Banknoten in der Hand und verließ in ganz befremdlicher aufgeregter Weise das Zimmer, als ob ich ihr nicht geholfen, sondern sie beleidigt hätte! Den ganzen folgenden Tag ging sie mir aus dem Wege, und als ich am Tage darauf zu ihr auf ihr Zimmer ging und sie fragte, was sie habe, gab sie mir die außerordentliche Antwort: »Ich weiß nicht, wen von uns beiden ich am meisten verabscheue —— mich oder Sie. Mich, weil ich mir von Ihnen Geld´borgte, oder Sie, weil Sie es mir geliehen haben.«

Ich ging wieder fort, nicht beleidigt, sondern nur verwirrt und bekümmert; und erst nach länger als einer Stunde kam sie, um sich zu entschuldigen, wobei sie indeß weiter nichts sagte, als daß sie krank und elend sei. Sie sah aber auch in der That so elend aus, daß ich ihr sofort vergab. Hättest Du das an meiner Stelle nicht auch gethan?

Dies war vor vierzehn Tagen, und gestern stellte sie meine Neigung für sie auf eine noch weit härtere Probe, die ich noch nicht überwunden habe.

Ovid’s Brief enthielt in den freundlichsten Ausdrücken eine Bestellung für sie. Er erinnerte sich, wie er schrieb, mit Dankbarkeit ihres freundlichen Versprechens bei seinem Abschiede; glaubte, daß sie Alles, was in ihren Kräften stände, thun würde, um mein Leben in seiner Abwesenheit glücklich zu machen; und bedauern, daß sie ihn so schnell verlassen, daß er ihr nicht persönlich hätte danken können. Mit Stolz und Freude ging ich selbst zu ihrem Zimmer und las ihr die Stelle vor —— und weißt Du, wie sie mich empfing? Nein, Niemand —— wirklich Niemand kann es errathen.

Sie gerieth, denke Dir, in die größte Wuth, und zwar nicht nur über mich (was ich ihr verziehen haben könnte), sondern auch über Ovid (was vollständig unentschuldbar ist). »Wie kommt er dazu, Ihnen von dem zu schreiben, was ich ihm beim Abschiede sagte?« brach sie los. »Und wie kommen Sie dazu, hierherzukommen, und es mir vorzulesen? Was geht mich Ihr Leben in seiner Abwesenheit an! Was habe ich von seiner Erinnerung und seiner Dankbarkeit!« Dabei sprach sie mit solcher Wuth und Verachtung von ihm, daß es mich zuletzt aufbrachte und ich zu ihr sagte: »Sie abscheuliche Person, es steht Ihnen nur eine Entschuldigung zur Seite —— Sie sind toll!« Damit verließ ich das Zimmer —— und ob ich die Thür schlug! Seitdem haben wir uns nicht wieder gesehen. Nun sage mir Deine Ansicht, Teresa. Ich war in Leidenschaft, als ich ihr das sagte; aber hatte ich denn ganz Unrecht? Glaubst Du wirklich, daß die Arme bei Sinnen ist?

Beim Ueberlesen Deines Briefes sehe ich, daß Du wissen willst, ob ich irgend welche neuen Bekanntschaften gemacht habe.

Höre also: Ich bin mit einer der holdseligsten Frauen bekannt geworden, die ich bis jetzt getroffen habe. Und wer, glaubst Du, ist das wohl? Meine andere Tante, Mrs. Gallilee’s jüngere Schwester, Lady Northlake! Sie soll nicht so schön gewesen sein, wie Mrs. Gallilee, als beide jung waren; ich kann aber nur erklären, daß ein solcher Vergleich jetzt gar nicht mehr möglich ist. Lady Northlake hat so etwas Reizendes, in Blick, Stimme und Benehmen, das ich Dir gar nicht beschreiben kann. Papa sagte früher, daß sie liebenswürdig und schwach wäre, sich von ihrem Gatten leiten ließe und leicht beeinflußt würde. Ich bin nicht klug genug, um wie er Charaktere zu beurtheilen, und vielleicht bin ich auch schwach und leicht zu beeinflussen; ehe ich aber noch zehn Minuten in Lady Northlake? Gesellschaft gewesen war, hätte ich Alles, was ich in der Welt besitze, darum gegeben, wenn sie meine Vormünderin geworden wäre.

Sie war gekommen, um Abschied zu nehmen, da sie London verläßt, und da meine Tante nicht zu Hause war, unterhielten wir uns lange auf’s Entzückendste. Sie lud mich so freundlich ein, sie in Schottland zu besuchen und Lord Northlake kennen zu lernen, daß ich mit Freuden die Einladung annahm.

Und als meine Tante nach Hause kam, vergaß ich ganz, daß wir nicht auf gutem Fuße mit einander standen, und berichtete ihr enthusiastisch Alles, was zwischen ihrer Schwester und mir vorgegangen war. Und wie, glaubst Du, begegnete sie meiner Annäherung? Sie weigerte sich, mich nach Schottland reisen zu lassen, und als ich sie, nachdem ich meine Enttäuschung einigermaßen überwunden, fragte weshalb, antwortete sie: »Ich bin Deine Vormünderin und handle nach meinem Dafürhalten. Ich halte es für besser, daß Du bei mir bleibst.« Ich sagte weiter nichts, aber die Härte meiner Tante rief mir die Güte meines seligen Vaters zurück und ich mußte Alles aufbieten, um nicht zu weinen.

Bei späterer Ueberlegung nahm ich an, daß sie mich mit auf’s Land nehmen wolle, da jetzt die Saison ist, wo Jeder die Stadt verläßt, und das hatte auch Mr. Gallilee geglaubt, der immer gut gegen mich ist, und mir schon Segelfahrten an der Küste versprochen; aber zu Jedermanns Erstaunen hat sie noch nicht die Absicht bekundet, London zu verlassen, so daß selbst die Dienerschaft fragt, was das zu bedeuten habe.

Da hast Du einen ganzen Brief voll Klagen, der vielleicht Deine Sorgen vermehren könnte, anstatt sie zu erleichtern. Aber, liebe alte Teresa, Du brauchst nicht ängstlich zu sein. Im schlimmsten Falle brauche ich bei meinen kleinen Bekümmernissen nur an Ovid zu denken —— und das Eis seiner Mutter schmilzt sofort von mir ab und ich fühle mich tapfer genug, Alles zu ertragen.

Empfange die beste Liebe —— nein, die zweitbeste! —— und gieb Deinem armen leidenden Manne etwas davon ab. Darf ich Dich wohl um eine kleine Gefälligkeit bitten? Der Engländer, der jetzt in unserem Hause in Rom wohnt, wird nichts dagegen haben, wenn Du Dir einige Blumen aus meinem früheren Garten holst. Schicke mir doch ein Paar in Deinem nächsten Briefe.«



Kapiteltrenner

Capitel XXVI.

Am zwölften August hörte Carmina wieder was von Ovid. Er schrieb von Montreal aus und schilderte die Ueberreichung jenes Empfehlungsschreibens, das er einst beinahe zerrissen hätte. Die damals so harmlos scheinenden Folgen dieser Ueberreichung sollten auf das Schicksal Ovid’s, Carmina’s und Benjulia’s von ernstlichem Einflusse sein.

Ovid’s Brief lautete:

»Ich möchte wissen, mein Lieb, ob es wohl einen zweiten Mann auf der Welt giebt, der seinem Lieblinge so von Herzen gut ist wie ich Dir; und sollte es noch einen solchen geben und derselbe durch widrige Umstände gezwungen sein zu reisen, so möchte ich ihn fragen, ob er wohl stets und ständig daran denkt, was er seinem Schatze vor der Trennung noch Alles hätte sagen sollen, aber vergessen hat zu sagen.

So liegt die Sache bei mir und davon will ich Dir ein Beispiel geben.

Ich habe hier einen Freund gefunden, einen Mr. Morphew, der neulich so freundlich war, mich zu einer musikalischen Abendunterhaltung in seinem Hause einzuladen. Er ist Arzt und amüsiert sich in seinen Mußestunden mit einer jener großen und traurigen Gattung von Streichinstrumenten, die man Violin-Cello nennt. Mit dem Beistande von Freunden kühlt er in der heißen Jahreszeit seine Gäste in gastfreundschaftlicher Weise durch die Vorträge eines Dilettantenquartetts ab. Ich habe bei ihm einen entzückenden Abend verbracht. Wenn Du aber glaubst, ich hätte der Musik gelauscht, so sage ich Dir, daß ich auch nicht eine einzige Note davon gehört, sondern nur an Dich gedacht habe.

Ob ich Dich wohl neugierig gemacht habe? Es ist mir, als ob ich Deine Augen sich erhellen sähe und Dich mich auffordern hörte fortzufahren!

Es fiel mir ein, daß Du eine so große Freundin von Musik bist, woran ich vor meiner Abreise hätte denken sollen, denn dann hätte ich Dir sagen können, daß der Unternehmer der Herbstconcerte in der Oper ein alter Freund von mir ist. Derselbe wird Dir aber von jetzt ab mit Freuden jeden Abend, wenn sein Programm Dich anzieht, eine Loge zur Verfügung stellen, denn ich habe meine Vergeßlichkeit dadurch gut gemacht, daß ich mit dieser Post an ihn geschrieben.«

Miß Minerva wird Deine Gesellschafterin im Theater sein, und wenn Mr. Frank (der jedenfalls auf der Liste der Freibillets steht) Dir in Deiner Loge einen Besuch abstattet, so sage ihm von mir, er möge sich eine Perücke über die Glatze decken, vielleicht gäbe ihm Das das Aussehen eines Ehrenmannes!

Habe ich auch vergessen, Dir zu sagen, welcher Schatz Du mir bist? wie schön ich Dich finde? wie vollständig werthlos mein Leben ohne Dich wäre? Vielleicht habe ich es Dir gesagt; aber ich sage es Dir nochmals Solltest Du jedoch der Wiederholung müde sein, so brauchst Du mich das nur wissen zu lassen.

Du fragst jedenfalls, ob ich Dir denn sonst nichts zu erzählen habe, keine Reiseabenteuer. Du willst ja Alles wissen, was mir widerfährt, und Du sollst jetzt wie nach der Hochzeit Deinen Willen haben. Meine süße Carmina, ja, Dein ergebener Sclave hat noch etwas Ernstlicheres zu berichten als gewöhnliche Reiseabenteuer —— hat Dir ein Geständniß zu machen. Damit ich mich kurz fasse —— ich habe hier in Montreal wieder praktiziert!

Vielleicht vergibst Du mir, wenn ich Dir die näheren Umstände mittheile. Es ist eine traurige Geschichte, aber ich bin so eitel, zu glauben, daß mein Antheil an derselben Dich interessieren wird. Ich bin ja seit dem schönsten aller Tage, an dem Du mir zuerst gestandest, daß Du mich liebtest, ein eitler Mann geworden.

Ich erwähnte vorhin Mr. Morphew als einen neuen Freund von mir in Canada. Bekannt bin ich mit demselben geworden durch ein Empfehlungsschreiben, das mir Benjulia mitgegeben hatte.

Sprich aber über das, was ich Dir jetzt sage, mit Niemandem, vor allen Dingen nicht mit Benjulia, wenn Du denselben sehen solltest, was ich aufrichtig nicht hoffe. Er ist ein hartherziger Mann, und wenn er erführe, was für ein Resultat es gehabt hat, daß er mir die Thür seines Freundes geöffnet hat, möchte er vielleicht etwas sagen, was Dich empören könnte.

Mr. Morphew ist ein würdiger, geschäftiger alter Herr, der seiner Berufsroutine folgt und dessen ärztliche Praxis hauptsächlich darin besteht, jungen Kanadiern in die Welt zu helfen. Als ich ihn kennen lernte, war zufällig besondere Nachfrage nach seinen Diensten, und als ich an dem Tage nach der musikalischen Gesellschaft bei ihm dinierte, wurde er sogar von Tische weggeholt. Da ich der einzige Gast war, so fiel es seiner Gattin anheim, mich zu unterhalten.

Die gute Dame fing denn auch an von Benjulia zu sprechen, den sie rundweg für einen Flegel erklärte. Um dies zu beweisen, zeigte sie mir das Empfehlungsschreiben, das der Doctor damals eigenhändig geschlossen hatte, ehe er es mir übergab. Du möchtest den Inhalt jedenfalls auch gern wissen, deshalb gebe ich Dir hier eine Abschrift: »Ueberbringer dieses ist ein überarbeiteter Doctor, Namens Ovid Vere, der Ruhe und gute Luft braucht. Ermuthigen Sie ihn nicht, sein Gehirn anzustrengen, und schicken Sie ihn auf dem kürzesten Wege in die größte Wüste Canada’s.«

Du wirst hieraus ersehen, daß ich die gastfreundliche Aufnahme, die mich hier in Montreal zurückgehalten hat, mir selbst zu verdanken habe. Doch zurück zu meiner Geschichte. Zehn Minuten nach Mr. Morphew’s Fortgang wurden seine Dienste wieder verlangt, und zwar diesmal für einen Mann, der, wie der Bote erklärte, im Sterben läge.

Mrs. Morphew war in Verlegenheit, was sie thun sollte. »Im vorliegenden Falle«, sagte sie »ist der Tod eine Gnade; aber es ist mir schrecklich, an die Verlassenheit des Armen zu denken, der in seinen letzten Augenblicken kein lebendes Wesen an seinem Sterbelager haben wird.«

Das veranlaßte mich, mich näher nach dem Patienten zu erkundigen, und die Antworten gaben mir ein, so trostloses Bild von Armuth und Leiden und erinnerten mich so lebhaft an einen ähnlichen Fall, den ich selbst erlebt hatte, daß ich vergaß, wie krank ich selbst war, und mich erbot, an Morphew’s Stelle zu dem Sterbenden zu gehen.

Der Bote führte mich zu dem elendsten Hause in dem ärmsten Quartiere der Stadt, wo der Mann in einer Bodenkammer auf einer Matratze auf dem Boden lag. Ich will Dir seine Krankheit nicht beschreiben, sondern nur sagen, daß jeder andere Mensch außer einem Doctor sofort wieder aus dem Zimmer gestürzt wäre. Ihn zu retten war unmöglich; ich konnte ihm nur noch für einige Tage die Schmerzen lindern, und wenn es soweit wäre, den Tod leicht machen.

Bei meinem nächsten Besuche war er im Stande zu sprechen, und ich entdeckte nun, daß er ein Mitglied meines Berufes war, ein Mulatte von Geburt aus den südlichen Staaten Amerikas dessen einzige verhängnißvolle That im Leben seine Heirath gewesen war. Das Empörendste das nur ein schlechtes Weib begehen kann, hatte seine Frau begangen, und doch hing er noch mit wahnsinniger Liebe an ihr. Schande und Ruin hatte sie über ihn gebracht und er hatte ihr nicht einmal, sondern wieder und wieder vergeben, und das unter Umständen die ihn in seiner eigenen Achtung und der seiner besten Freunde herabwürdigten. Als sie ihn das letzte Mal verlassen hatte, war er ihr nach Montreal gefolgt, wo sie ihn endlich in einem Anfalle trunkenen Wahnsinns durch Selbstmord von ihr befreit hatte. Aber ihr Tod hatte seinen, Verstand angegriffen, und als er wieder aus dem Irrenhause entlassen wurde, gab er seine letzten Ersparnisse dafür hin, ihr ein Denkmal auf’s Grab setzen zu lassen, und pilgerte täglich nach dem Kirchhofe, bis seine Kräfte nicht mehr dazu ausreichten. Und jetzt, da der Schatten des Todes sich immer finsterer um ihn zog, war das Einzige, was ihn sich noch an das Leben klammern ließ, weshalb er mich beschwor, ihn zu heilen, das Andenken an seine Frau, um deren Grab, wie er sagte, sich nach seinem Tode Niemand kümmern würde.

O mein Lieb, ich habe immer zärtlich Dein gedacht, aber nachdem ich diese unselige Geschichte gehört, strömte mein Herz über von Dankbarkeit gegen Gott, daß er Dich mir geschenkt.

Gestern starb er, und seine letzten Worte waren die Bitte, ihn zu derjenigen, die ihn entehrt hatte, in dasselbe Grab zu bestatten. Habe ich ihn zu richten? Doch selbst dann würde ich seine letzten Wünsche als ein Dankopfer für Dich erfüllen.

Ich muß Dir noch etwas sagen. Am Tage vor seinem Tode bat er mich, eine alte Reisetasche zu öffnen, welche buchstäblich das Einzige war, das er noch besaß; denn er hatte weder Geld noch Kleider. In einer Ecke dieser Tasche steckte eine mit einem Bindfaden zusammengebundene Rolle Papier —— weiter war nichts darin.

»Nehmen Sie mein Buch«, sagte er; »diesen einzigen Entgelt kann ich Ihnen geben«.

Er war zu schwach, um mir zu sagen, worüber das Manuscript handelte, oder irgend welchen Wunsch in Betreff der Veröffentlichung desselben auszudrücken; und ich muß zu meiner Beschämung bekennen, daß ich durchaus keinen Werth darauf legte, sondern es einfach als eine Erinnerung an ein trauriges Erlebniß mitnahm. Da ich heute Morgen ziemlich früh erwachte, so sah ich mir mein Geschenk zum ersten Male an und fand mich zu meinem Erstaunen für das Wenige, was ich hatte thun können, hundertfältig belohnt. Dieser Unglückliche muß Gaben besessen haben, die ihn, wie ich keinen Anstand nehme zu bekennen, unter günstigen Verhältnissen einen Platz unter den größten Aerzten unserer Zeit verschafft haben würden. Sein Ausdruck ist dunkel und manchmal grammatisch uncorrect, aber er, und er allein, hat ein Problem in der Behandlung der Gehirnkrankheiten gelöst, an dem bis jetzt die Aerzte der ganzen civilisirten Welt verzweifelten.

Wenn mir Jemand über die Schulter sähe, er würde sagen: »Dieser sonderbare Liebhaber schreibt an seine Auserwählte, als ob dieselbe sein College wäre!« Aber wir verstehen uns, Carmina, nicht wahr? Meine künftige Carriere ist für meine künftige Frau ein Gegenstand, der sie interessiert, und da die Dankbarkeit dieses Armen mir neue Aussichten eröffnet hat, wer sollte davon so gern hören wie Du? Nun muß ich Dir noch ein Wort über mein Befinden schreiben. Manchmal fühle ich mich so wohl, daß ich sofort auf dem nächsten Schiffe, das nach Liverpool absegelt, eine Cajüte bestellen könnte. Dann aber kommen wieder Zeiten, die mich zur Vorsicht und Geduld wohnen, besonders wenn ich mich mit Gehen oder Reiten übernommen habe. Meine nächste Reise wird mich landeinwärts in die gewaltigen Ebenen und Wälder dieses großen Landes führen, und wenn ich deren heilsame Luft geathmet habe, werde ich Dir endgültig den glücklichen Tag schreiben können, der uns wieder vereinen wird.

Meine Mutter hat wohl schon ihre gewöhnliche conversazione beim Schluß der Saison gegeben. Laß mich doch wissen, wie Dir die wissenschaftlichen Größen ihrer Gesellschaft gefallen, und laß mich Dir einen nützlichen Wink geben. Wenn Dir in Gesellschaft ein besonders entschiedener Mann begegnet, der aussieht, als ob er einem Photographen säße, so kannst Du als sicher annehmen, daß es ein Professor ist.

Ich hoffe aufrichtig, daß Du und meine Mutter gut zusammen auskommt. Ihr sagt Beide in Euren Briefen an mich zu wenig von einander, und es beunruhigen mich manchmal böse Ahnungen. Noch eins setzt mich bei unserer Correspondenz in Verwunderung: daß Miß Minerva mir nie einen Gruß zurückschickt, trotzdem ich sie immer grüßen lasse. Vergißt Du es? oder bin ich Deiner Freundin vollständig gleichgültig?

Die letzte Nachricht von Euch allen ist von Zo, die mir in einem der Couverts, die ich ihr beim Abschiede adressiert habe, einen Brief geschickt hat, über dessen Kleckse und Orthographie Miß Minerva die Haare zu Berge stehen würden. Ihr Bericht über den Familienkreis wird Dich jedenfalls persönlich interessieren. Hier hast Du ihn in seiner römischen Kürze: »Wenn Papa und Carmina nicht hier wären, wäre es zu Hause gar nicht auszuhalten.« Hiernach kann ich nichts mehr schreiben, das des Lesens Werth wäre.

Nimm die Küsse, mein Engel, die ich Die auf dem leeren Stücke unten sende, und liebe mich so, wie ich Dich liebe. Mögen diese Worte gewöhnlich klingen, Carmina, es liegt eine Welt von Bedeutung darin. O, könnte ich statt des Briefes mit dem Postdampfer zu Dir eilen!«



Kapiteltrenner

Capitel XXVII.

Carmina’s nächster Brief aber enthielt keine Antworten auf Ovid's Fragen. Sie wollte ihm nicht sagen, was bei der conversazione vorgefallen war, und konnte es nicht über sich gewinnen, ihm von seiner Mutter zu schreiben; dagegen zeigte ihr nächster Brief an ihre alte Freundin in Italien ihre Stellung in Mrs Gallilee's Hause —— die von Tag zu Tag unerträglicher wurde und immer offener auf künftige Verwickelungen und Gefahren hindeutete —— in ihrem wahren Lichte.

»Wenn Du mich liebst«, so schrieb sie, »dann vergiß, in welch unhumaner Weise ich von Miß Minerva gesprochen habe!

Nachdem ich den Brief abgesandt, hätte ich ihn gern zurückgefordert, wenn das angegangen wäre, denn ich begann noch denselben Abend mich über das, was ich im Aerger gesagt hatte, beschämt zu fühlen ja als die Stunden hingingen und es bald Bettgehenszeit war, wurde ich so unglücklich, daß ich noch einmal zu ihr ging auf die Gefahr hin, wiederum barsch aufgenommen zu werden. Es war ein günstiger Umstand für mich, daß auch sie allem Anschein nach in reuiger Stimmung war; denn als sie mich nach meinem Begehren fragte, lag in ihrer Stimme etwas, das mich auf den Gedanken brachte, daß sie geweint hätte —— obgleich sie ganz gewiß nicht so aussieht, als ob sie sich einer solchen Schwäche schuldig machen könnte.

Ich gab meinem Bedauern so gut als ich konnte Ausdruck, kann mich aber nicht mehr erinnern, was ich eigentlich sagte. War ich doch erschreckt und überwältigt —— und in der Stimmung bin ich immer einfältig. So ungeschickt mein Versöhnungsversuch aber auch gewesen sein mag, sie muß jedenfalls gesehen haben, daß ich nicht die Absicht hatte, sie zu mystifizieren und zu bekümmern; und doch kann sie, nach ihren Handlungen und Worten zu urtheilen, nichts Anderes angenommen haben, denn sie nahm plötzlich ihren Nachtleuchter der hinter mir auf dem Tische stand, hielt mir denselben vor’s Gesicht und sah mich an, als ob ich ein Monstrum wäre, von dem sie nie etwas gehört oder gesehen hätte! »Sie sind wenig besser als ein Kind«, sagte sie dabei; »ich besitze zehnmal Ihre Willenskraft —— was haben Sie denn an sich, dem ich nicht widerstehen kann? Gehen Sie fort von mir! Nehmen Sie sich vor mir in Acht! Ich bin falsch —— argwöhnisch —— grausam. Haben Sie Einfalt denn keinen Instinct, der Sie schützt, der Ihnen räth, mich zu meiden?«

Dann setzte sie den Leuchter wieder hin und brach in ein abscheuliches höhnisches Lachen aus. »Da steht sie«, rief sie, »und sieht mich an wie ein Kind, das etwas Neues sieht. Ich vermag sie nicht zu erschrecken, sie nicht anzuekeln. Was heißt das?« Dann sank sie in einen Stuhl, und ihre Stimme klang fast wie ein Flüstern, so daß ich geglaubt haben würde, sie fürchte sich vor mir, wenn so etwas möglich gewesen wäre.

»Was wissen Sie von mir, das ich selbst nicht weiß?« fragte sie.

Ganz außer Stande, sie zu verstehen, nahm ich einen Stuhl, setzte mich zu ihr und antwortete: »Ich weiß nur, was Sie mir gestern sagten«.

»Und was war das?«

»Sie sagten mir, daß Sie elend seien«.

»Dann log ich! Glauben Sie, was sich Ihnen heute gesagt habe —— in Ihrem eigenen Interesse glauben Sie es!«

»Dazu würde mich nichts bewegen«, antwortete ich. »Nein, Sie waren gestern elend und sind es heute noch. Das ist die Wahrheit! Es lastet etwas auf Ihrem Gemüthe«, fuhr ich fort, ohne jetzt zu wissen, wie ich zu dieser Kühnheit kam. »Wenn ich Sie nicht davon befreien kann, so kann ich es Ihnen doch wenigstens tragen helfen. Kommen Sie! sagen Sie mir, was es ist!«

Aber ich wartete vergeblich auf Antwort —— sie sah mich nicht an.

»Lieben Sie?« fragte ich.

Da aber sprang sie so plötzlich und so Ungestüm von ihrem Stuhle auf, daß sie denselben zu Boden warf; dennoch kam kein Wort über ihre Lippen. Ich hatte Muth genug fortzufahren, wenn ich sie auch nicht mehr anzusehen wagte:

»Ich liebe Ovid und er liebt mich wieder; das ist mein Trost in allen Widerwärtigkeiten. Sind Sie nicht so glücklich? Lieben Sie Jemanden, der Ihre Liebe nicht erwidert?«

Mir den Rücken zuwendend, ging sie zu ihrer Toilette, und ich glaube, sie sah in den Spiegel: dann endlich sagte sie: »Nun, was sonst noch?«

»Sonst nichts«, antwortete ich —— »ausgenommen, daß ich hoffe, Sie nicht verletzt zu haben.«

So plötzlich wie sie zum Spiegel gegangen war, kam sie wieder zurück, nahm wieder das Licht und leuchtete mir wieder in’s Gesicht.

»Rathen Sie, was es ist«, sagte sie dabei. »Wie kann ich das?« fragte ich zurück.

Dann stellte sie das Licht ruhig wieder hin und schien, seltsam genug, erleichtert zu sein, denn sie sprach jetzt in ganz veränderter sanfter, trauriger Stimme:

»Sie sind das beste Mädchen von der Welt und meinen es gut, aber das nützt nichts —— Sie können nichts dabei thun. Vergeben Sie mir meine gestrige Anmaßung; der Neid über Ihre glückliche Verlobung hatte mich wahnsinnig gemacht. Sie verstehen eine Natur wie die meinige nicht» Um so« besser! Ja, ja, um so besser! Gute Nacht.«

Es lag in diesen Worten eine solche hoffnungslose Ergebung und Selbstentäußerung, daß ich es nicht über mich gewinnen konnte, sie zu verlassen. Ich dachte daran, wie ich mich betragen haben, was für heftigen Ausbrüchen ich mich überlassen haben würde, wenn sich Ovid nichts aus mir gemacht hätte, und Alles, was mich in ihrem Betragen verwirrt und geärgert hatte, war jetzt erklärt! Da fiel mir ein, daß ich Deinen letzten Brief mit den Zeilen von unserem alten Priester bei mir hatte. Ich nahm denselben aus der Tasche und fragte, ihr den Brief Pater Patrizio’s hinhaltend:

»Würden Sie wohl einen kurzen Brief lesen, ehe wir einander gute Nacht sagen?«

Mit einem finsteren Blick zog sie sich zurück, als ob sie Argwohn empfände, und fragte scharf: »Wer ist der Schreiber?«

»Jemand, der Ihnen ein Fremder ist.«

Sofort klärte sich ihr Gesicht wieder auf, sie nahm den Brief, und wartete, was ich noch weiter zu sagen hätte. »Der Schreibens sagte ich, »ist ein guter alter Weiser, der Priester, der meine Eltern getraut und mich getauft hat und an den wir Alle uns stets gewandt haben, wenn wir eines Rathes bedurften. Meine Amme Teresa war wegen Ovid’s Abwesenheit um mich besorgt und sprach mit Pater Patrizio von meinem Exile in diesem Hause —— entschuldigen Sie das Wort! —— und von ihrer Besorgniß. Derselbe wollte erst überlegen, ehe er eine Ansicht ausspräche, und schickte ihr am andern Tage diesen Brief.«

Hier stockte ich plötzlich, da ich nicht wußte, wie ich das, was ich noch zu sagen hatte, mit der nöthigen Delicatesse ausdrücken sollte.

»Warum wünschen Sie, daß ich den Brief lese«, fragte sie ruhig.

»Ich glaube, sein Inhalt möchte ——« Und wieder stockte ich wie ein albernes Kind; aber sie blieb geduldig und gab mir nur ein Zeichen fortzufahren.

»Ich glaube, derselbe möchte Sie in eine bessere Stimmung versetzen«, sagte ich dann; »und Sie davor bewahren, sich selbst zu verachten.«

Sie ging zu ihrem Stuhle zurück und las den Brief. Da Du mir erlaubt hast, die tröstenden Worte des guten Paters Patrizio unter meinen anderen Schätzen zu behalten, so schreibe ich hier den Brief für Dich ab, damit Du ihn nochmals lesen und sehen kannst, was ich meinte, und damit Du verstehen kannst, wie er Miß Minerva berührte.

»Teresa, meine liebe Freundin, ich habe über Eure Besorgnisse nachgedacht und will mein Möglichstes thun, Euer Gemüth zu beruhigen Ich habe vierzig Jahre hindurch der Pflichten des Priesteramtes gewaltet, und es sind mir in dieser langen Zeit die innersten Geheimnisse von Tausenden beiderlei Geschlechts anvertraut worden. Aus diesem Material habe ich viele nützliche Schlüsse gezogen, von denen einige auch Euch nützlich sein mögen. Ich will das, was ich zu sagen habe, kurz in wenige Worte zusammenfassen: überlegt sie sorgfältig. Während bei dem Manne die Entwicklung der besseren Natur durch viele Einflüsse vollendet wird, vollzieht sich dieselbe bei der Frau durch einen einzigen Einfluß durch die Liebe. Ueberrascht es Euch, das von einem Priester zu hören? Erwartetet Ihr, daß ich sagen sollte durch Religion? Liebe Schwester, bei den Frauen ist Liebe Religion; sie öffnet ihnen die Herzen zu Allem, was gut ist, und handelt unabhängig von den Bedingungen menschlichen Glückes. Eine unglückliche, ohne Hoffnung liebende Frau ist durch diese Liebe doch um so besser und edler, und es wird sicherlich eine Zeit kommen, wo sie das zeigen wird. Ihr sorgt Euch um Carmina, weil sie hineingeworfen sei unter Fremde mit harten Herzen. Ich sage Euch, habt keine Furcht Sie mag leiden unter Prüfungen und mag denselben erliegen; aber die Kraft, sich wieder zu erheben, ist in ihr —— und diese Kraft ist die Liebe.«

Zweimal las Miß Minerva den Brief und wiederholte dann einen Theil desselben für sich.

»Giebt er Ihnen Muth?« fragte ich.

Sie händigte ihn mir wieder ein und sagte: »Ich habe einen Satz daraus auswendig gelernt.«

Ich brauche Dir nicht zu sagen, welcher Satz das ist. Als ich die Veränderung zum Besseren in ihr sah, fühlte ich mich so erleichtert und war in der Ueberzeugung, daß wir wieder gute Freunde wären, so glücklich, daß ich mich beim Gutenachtsagen zu ihr beugte, um sie zu küssen.

Daran hinderte sie mich aber. »Nein«, sagte sie, »nicht eher, als bis ich etwas gethan habe, um es zu verdienen. Sie bedürfen der Hilfe mehr, als Sie denken. Bleiben Sie noch etwas länger; ich muß mit Ihnen über Ihre Tante sprechen.«

Etwas beunruhigt setzte ich mich wieder; ihre Augen ruhten abwesend auf mir; sie schien zu überlegen, und ich wollte sie nicht in ihren Gedanken stören. Der Abend war still und finster; kein Ton von draußen schlug an unser Ohr, bis die Stille im Hause durch eine leise, rauschende Bewegung aus der Treppe unterbrochen wurde. Das Geräusch kam näher und plötzlich wurde die Thür geöffnet und Mrs. Gallilee trat in das Zimmer.

Ich weiß nicht, von was für einer Thorheit ich besessen, warum ich eigentlich erschrocken war —— genug, ich konnte nicht anders und schrie auf. Ohne die geringste Notiz von Miß Minerva zu nehmen, kam meine Tante direct auf mich zu und fragte: »Was thust Du hier, anstatt im Bett zu sein?«

Dies sprach sie in so befehlender Weise, mit solcher Anmaßung und Verachtung daß ich sie voll Erstaunen ansah. Es schien irgend ein Argwohn in ihr aufgestiegen zu sein, als sie mich bei Miß Minerva fand.

»Die Klatscherei ist aus!«» rief sie streng. »Hörst Du nicht? Geh’ zu Bett!«

Hätte das nicht Jeden aufgebracht? Ich fühlte, wie mir die Zornröthe in’s Gesicht stieg. »Bin ich ein Kind, oder ein Domestike?« fragte ich. »Ich gehe früh oder spät zu Bett, wie es mir gefällt.«

Jetzt that sie noch einen Schritt vorwärts, ergriff mich am Arme und zog mich mit Gewalt vom Stuhle in die Höhe. Denk’ Dir, Teresa, in meinem ganzen Leben hat man mich nie anders als freundlich berührt; das weiß Niemand besser als Du! Ich versuchte vergeblich zu sprechen —— sah Miß Minerva aufstehen, um sich in’s Mittel zu legen, und hörte sie sagen: »Mrs. Gallilee, Sie vergessen sich!« Wie ich aus dem Zimmer ging, weiß ich nicht; draußen erschütterte mich ein schrecklicher Anfall von Zittern; ich sank auf der Treppe hin und glaubte anfangs, ich würde ohnmächtig werden; doch nein, ich behielt meine Sinne, und konnte ihre Stimmen vom Zimmer her hören.

»Sie meinten, daß ich mich vergessen hätte?« fragte Mrs. Gallilee.

»Gewiß, Madame«, antwortete Miß Minerva; »Sie hatten sich vergessen.«

Die nächsten Worte konnte ich nicht verstehen; dann wurden sie wieder lauter und ich hörte meine Tante sagen:

»Ich bin mit Ihrem Benehmen gegen mich durchaus nicht zufrieden, Miß Minerva. Es hat sich in letzter Zeit sehr zum Schlimmen verändert.«

»In welcher Hinsicht Mrs. Gallilee?«

»In der Hinsicht, daß Ihre Sprechweise gegen mich eine Gleichstellung bekundet ——«

»Halten Sie einen Augenblick inne, Madame! Ich bin nicht so reich wie Sie, wüßte aber nicht, in welcher Beziehung ich sonst nicht Ihresgleichen wäre. Bekundeten Sie vielleicht Ihre Ueberlegenheit dadurch, daß Sie ohne anzuklopfen in mein Zimmer traten?«

»Miß Minerva! wünschen Sie in meinen Diensten zu bleiben?«

»Sagen Sie, bitte, Beschäftigung, Mrs. Gallilee. Es ist mir ganz gleichgültig; ich kann ganz nach Ihrem Belieben gehen oder bleiben?«

Dann klang die Stimme meiner Tante näher, als ob sie auf die Thür zuginge. »Als ich Sie engagierte«, sagte sie, »machten wir jawohl monatliche Kündigung für beide Theile ab?«

»Ja —— auf meinen Wunsch.«

»Dann kündige ich Ihnen hiermit.«

»Auf morgen über einen Monat?«

»Natürlich!«

Dann kam meine Tante heraus und fand mich auf der Treppe, von welcher ich mich zu erheben versuchte. Aber es ging nicht; der Kopf schwindelte mir. Trotzdem sie aber sehen mußte, daß ich vor Schwäche niedergesunken war, beschuldigte mich die Grausame, ohne auf meinen Zustand Rücksicht zu nehmen, des Horchens.

»Sehen Sie denn nicht, daß das arme Kind krank ist?« ertönte da Miß Minerva? Stimme, und als ich mich, immer schwächer werdend, nach derselben umsah, beugte sie sich über mich und ich fühlte ihre starken, sehnigen Arme um mich und mich sanft erhoben. »Ich werde für Sie sorgen«, flüsterte sie und trug mich so leicht, als ob ich ein Kind gewesen wäre, die Treppe hinab in mein Zimmer.

Ich muß ausruhen, Teresa. Die Erinnerung an jenen schrecklichen Abend ruft mir Alles wieder zurück. Aengstige Dich nicht um mich; Du sollst morgen mehr hören.«



Kapiteltrenner

Capitel XXVIII.

Die Ereignisse des folgenden Tages wirkten so auf Carmina’s erregbare Natur, daß sie den angefangenen Brief vollendete, ohne die so nöthige Ruhe genossen zu haben. Es sollte das letzte Mal sein, daß sie an ihre treue alte Freundin schrieb. »Frage mich nicht, wie die Nacht hinging!« schrieb sie. »Am Morgen war Miß Minerva die Erste, die zu mir kam; sie hatte aber kaum ein paar freundliche Worte mit mir gesprochen, als Maria ankam und sie an die Schulstunde erinnerte. Miß Minerva raunte mir zu daß die Mutter das Kind geschickt habe, und versprach mir, vor der Essenszeit der Kinder wieder zu mir zu kommen.

Wie wir Beide vermuthet hatten, erschien bald darauf meine Tante, die mir eine Tasse Thee brachte! und das Erste, was sie sprach, war eine Entschuldigung wegen ihres Benehmens am vorigen Abend. Sie wäre, wie sie sagte, von Sorgen gequält gewesen, die sie vollständig überwältigt hätten, und sie bat mich —— denke Dir! —— »des kleinen zwischen uns vorgefallenen Mißverständnisses nicht in meinem nächsten Briefe an Ovid zu erwähnen. Besteht diese Frau denn aus Eisen und Stein anstatt aus Fleisch und Blut? Als ob ich unter irgend welchen Umständen Ovid auch nur zu der geringsten Besorgniß Anlaß geben könnte! Mit so wenig wie möglich Worten beruhigte ich sie und wurde sie so wieder los.

Dann wartete meiner eine angenehme Ueberraschung, als ich vor meiner Stubenthür die Stimme des guten Mr. Gallilee hörte.

»Schläfst Du, mein Kind?« fragte er durch das Schlüsselloch. »Darf ich hineinkommen?« Und als ich bejahte, steckte er das freundliche runde Gesicht das mich in diesem Augenblicke an Zoe erinnerte, wenn sie mehr Pudding haben will, aber nicht glaubt, daß sie noch welchen bekommt —— in die Thür und sagte: »Ich bin so frei gewesen, unsern Hausarzt holen zu lassen, Carmina. Du bist eine so zarte Pflanze, liebes Kind —— nicht wahr, Mr. Null? Sie haben ja auch eine Reihe Töchter.« Dieses Letztere war an den Draußen stehenden gerichtet. »Bitte, laß ihn zu Dir kommen, mein Kind; ich bin Deinetwegen besorgt. Gestern Abend war ich auf der Treppe —— über mich wird ja immer hinweggesehen, nicht wahr, Mr. Null? —— und war Zeuge, wie Dich die brave Miß Minerva zu Bette trug. Mr. Null wartet hier; Du würdest mich bekümmern, wenn Du ihn wieder fort schicktest.«

Und wer könnte Mr. Gallilee bekümmern? Der Doctor kam also herein —— ein Mann, der wie ein Geistlicher aussah, ganz in Schwarz, mit schöner Hemdkrause und tadelloser weißer Cravatte —— musterte mich, zog eine kleine Glasröhre hervor, schüttelte dieselbe und steckte sie mir unter den Arm. Als er sie wieder fortgenommen und betrachtet hatte, äußerte er ein »Aha!« besah dann meine Zunge, die ihm gefiel, fühlte meinen Puls, der ihm nicht gefiel, und gab endlich das Gutachten ab: »Vollkommene Ruhe. Ich muß mit Mrs. Gallilee sprechen.« Damit war die Sache zu Ende.

Mr. Gallilee, der dem Vorgang mit großem Respect zugesehen hatte, flüsterte mir, ehe er dem Arzte folgte, zu: »Mr. Null ist ein ganz gescheuter Mensch.« So krank und elend ich nun auch war, so amüsierte mich doch der kleine Zwischenfall. Weshalb ich Dir denselben übrigens erzähle, weiß ich eigentlich selbst nicht, da ich doch ernste Sachen zu berichten habe.

Miß Minerva kam ihrem Versprechen gemäß wieder zu mir und sprach ihre Befriedigung darüber aus, daß der Doctor bei mir gewesen sei; und als ich sie fragte, ob mich der Doctor für sehr krank hielte, antwortete sie:

»Er ist der Ansicht, daß Sie mit genauer Noth dem Nervenfieber entgangen seien, und hat einige Verhaltungsmaßregeln gegeben, unter anderen die, daß man Ihren kleinsten Wünschen willfahren solle. Hätte er das nicht ausdrücklich gesagt, so würde es Mrs. Gallilee verhindert haben, daß ich zu Ihnen käme. So aber mußte sie es geschehen lassen; und sie haßt mich —— haßt mich fast ebenso bitter als Sie, Carmina.«

Das erinnerte mich daran, daß Miß Minerva mir am Abend vorher etwas Wichtiges hatte sagen wollen, woran sie dann durch den Eintritt Mrs. Gallilee’s verhindert worden war. Als ich sie danach fragte, schüttelte sie den Kopf und meinte, peinliche Gegenstände wären für meinen gegenwärtigen Zustand nicht passend. Ich ließ aber nicht nach, bis ich Alles wußte. O, wie muß mein Vater getäuscht worden sein, als er seine schreckliche Schwester zu meiner Vormünderin machte! Hätte ich nicht zum Glück den Musiklehrer beleidigt, so würde sie denselben benutzt haben, um Ovid eifersüchtig zu machen und die Saat der Uneinigkeit zwischen uns auszustreuen. Da ihr das mißlungen ist, so weiß sie, wie Miß Minerva meint, nicht, wie sie ihre schändlichen Absichten erreichen soll. Die Wuth über diese Enttäuschung scheint ihr rasendes Benehmen, als sie mich in Minerva’s Zimmer traf, zu erklären.

Du wirst nun fragen, was sie durch diese schändliche Intrigue hätte gewinnen können, da gewöhnliche Abneigung von Seiten der Mutter gegen das Heirathen ihres Sohnes sicherlich für Mrs. Gallilee’s Benehmen keine Erklärung gäbe. Kannst Du Dir denken, um was es sich handelt?

Miß Minerva ist schon längst der festen Ueberzeugung gewesen, daß, um es in einem Worte zu sagen, Geld das leitende Motiv sei. Sie fragte mich, ob ich das« Testament meines Vaters kenne, und rieth mir, als ich das verneinte, unter der Hand an Mr. Mool zu schreiben und denselben um eine Abschrift zu bitten.

Anfangs war mir diese Auffassung unverständlich denn meine Tante lebte im Glanze, und ich weiß von meinem Vater, daß sie selbst jährlich tausend Pfund Einkommen hat, die nach ihrer Verheirathung mit Mr. Gallilee noch um zweitausend vermehrt worden sind. Außerdem hatte ich Ovid selbst sagen hören, daß seine Mutter allzu erpicht auf das Sparen sei.

Aber anstatt überrascht zu sein, erwiderte Miß Minerva, daß ich dazu dreist noch das rechnen möchte, was ihr als Vormünderin für meine Unterhaltung ausgesetzt sei, und daß sie dennoch bei ihrer Meinung bliebe. Ovid und alle Bekannten Mrs. Gallilee’s irrten sich, wenn sie dieselbe für geldgierig hielten; in Wahrheit fehlte ihr das Geld, daher ihre Genauigkeit und ihre knickerigen Ansichten. Wenn auch ihr Einkommen ihrer Stellung nach vollständig genügen könnte, so sei es doch nicht ausreichend für eine Frau, die auf die Stellung ihrer reichen Schwester eifersüchtig. »Ich will Ihnen beweisen, daß ich nicht in’s Blaue hineinspreche,« sagte sie. »Sie waren doch bei der großartigen Gesellschaft anwesend, die sie vor einigen Wochen gegeben hat?«

»Ich wollte lieber, ich wäre auf meinem Zimmer geblieben«, antwortete ich. »Es verletzte meine Tante, daß ich ihre gelehrten Bekannten nicht bewunderte, die mit ein oder zwei Ausnahmen nur von sich und ihren Entdeckungen sprachen. O, und dieselben waren alle so häßlich!«

»Lassen Sie das jetzt, Carmina. Haben Sie die Verschwendung an kostbaren Blumen in der Halle, auf der Treppe und in den Empfangszimmern bemerkt und haben Sie im Eßsaale einen der Herren seine Bewunderung über den Luxus der Aufwartung, die exquisite französische Küche und die köstlichen Weine aussprechen hören? Sehen Sie, für Alles dies wird das viele Geld nur deshalb ausgegeben, weil Mrs. Gallilee es ihrer Schwester gleichthun will. Wie Lady Northlake in einem eleganten Quartiere wohnt und prächtige Wagen und Pferde hat, so muß es auch Mrs. Gallilee; und urtheilen Sie, was dies Haus, die Wagen und Pferde erst kosten, wenn ich Ihnen sage, daß allein die Miethe für die Ställe über hundert Pfund jährlich beträgt. Lady Northlake hat ein großartiges Landhaus in Schottland und darin kann ihre Schwester nicht mit ihr rivalisieren —— aber sie hat ihre Villa auf der Insel Wight und ebenfalls ihre eigene Yacht. Und wissen Sie, was die ersten Schneider in Paris kosten, die schon für ein ordinäres Kleid mit imitierten Spitzen, wie es Mrs. Gallilee niemals tragen würde, vierzig Pfund nehmen? Denken Sie ein Wenig nach und Sie werden selbst bei Ihrer Unerfahrenheit einsehen, daß Ihre Tante mehr ausgiebt, als sie leisten kann und wahrscheinlich früher oder später in ernstlicher Geldnoth sein muß, —— wenn sie nicht Hilfsquellen hat, von denen wir Nichts wissen.«

Das war für mich eine ganz neue Offenbarung und änderte natürlich meine Ansichten, aber ich vermochte noch nicht einzusehen, was diese Extravaganzen meiner Tante mit dem Entschlusse zu thun hatten, eine Heirath mit mir und Ovid zu verhindern. Miß Minerva’s Antwort war die Aufforderung, an Mr. Mool zu schreiben, so lange ich noch Gelegenheit hätte. Sie selbst wolle den Brief besorgen und mir die Antwort zurückbringen, da man dem Briefkorbe in der Halle nicht trauen könne.

Der Brief war schnell geschrieben und gerade, als sie mir denselben abnahm, meldete das Mädchen, daß das Frühstück angerichtet sei.

Zwei Stunden darauf hatte ich die Antwort in Händen. Mr. Gallilee war mit Maria und Zo ausgegangen und Miß Minerva hatte meiner Tante sagen lassen, daß sie einen Geschäftsgang zu machen habe.

»Sah meine Tante Sie zurückkommen?« fragte ich.

»Ja, sie hat ohne Zweifel auf mich gewartet.«

»Und hat sie Sie zu mir herauskommen sehen?«

»Ja.«

»Und nichts gesagt?

»Kein Wort.«

Wir sahen uns beide an und empfunden den gleichen Zweifel, wie der Tag enden würde. Dann zeigte Miß Minerva ungeduldig auf die Antwort des Rechtsanwalts.

Der Brief desselben war sehr freundlich, aber der letzte Theil, in welchem er vom »Prüfen des Testamentes« und Doctoren und ich weiß nicht was sprach, war mir völlig unverständlich.

Ebenso erging es mir mit der beiliegenden Abschrift des Testamentes selbst, durch dessen viele Fremdwörter, beständige Wiederholungen und langathmige Sätze ich mich wirklich nicht durchfinden konnte, so daß ich es Miß Minerva überreichte. Diese aber schlug gleich das Ende auf, und ich sah an ihrem Gesichte, daß sie verstand, was sie las. Nach einer Weile aber wurde sie plötzlich bleich, sah mich an und sagte: »Erschrecken Sie nicht.«

Aber ich war wirklich erschrocken. »Was kann mir meine Tante thun?« fragte ich.

»Sie haben bei der Stellung Ihrer Tante und ihrer kalten selbstsüchtigen Natur nicht zu besorgen daß sie versuchen sollte, ihre Zwecke durch Gewaltmittel zu erreichen,« beruhigte mich Miß Minerva. »Aber Ihr Glück ist vielleicht gefährdet —— und die Aussicht ist, weiß der Himmel, schlimm genug.«

Ich fragte, ob im Testamente etwas von Ovid stände. Die Frage schien sie zu verdrießen. »Es handelt sich einzig und allein um Sie«, antwortete sie heftig. »Es liegt im Interesse Ihrer Tante, daß Sie eben sowenig ihren Sohn als sonst Jemanden heirathen, denn wenn Sie sterben, ohne Kinder zu hinterlassen, so fällt Ihr ganzes Vermögen an Mrs. Gallilee und ihre Töchter. Machen wir uns die Sache deutlich. Sie selbst scheint für ihre eigene Person nur ein entferntes Interesse an dem Gelde haben zu können, da man annehmen darf, daß Sie Ihre Tante überleben werden; aber Maria und Zoe können Sie überleben; und wir wollen annehmen, daß die Mutter das Interesse dieser beiden Kinder im Auge hat. Sie sehen, es ist nicht zu weit hergeholt, anzunehmen, daß sie sich in die Nothwendigkeit versetzt sähe, Geld zu leihen. Wenn sie nun die Erlaubniß ihres Mannes dazu erhält —— wir kennen ja Mr. Gallilee! —— und wenn sie, wie so viele in ihrer Lebensstellung, sich Geld von ihren Banquiers leiht?«

Trotzdem ich Miß Minerva als kluge Frau kannte, überraschte mich ihre Vertrautheit mit dergleichen Geschäften, und ich sprach mich dahin aus.

Sie lächelte traurig und antwortete: »Ich spreche nach Erfahrungen in meiner eigenen Familie. Mein Vater war genöthigt, eine für seine Verhältnisse beträchtliche Summe zu leihen, und stellte den Darleihern als Sicherheit einen großen Theil des Vermögens von zehntausend Pfund, aus welchem er seine Einnahme bezog. Er bezahlte die Zinsen regelmäßig, starb aber, ohne im Stande zu sein, das Darlehn zurückzuzahlen, und seine Gläubiger machten sich mit dem Gelde bezahlt, das er ihnen zur Sicherheit übertragen hatte —— eine Folge davon ist unter anderem, daß ich mir mein Brod als Gouvernante verdienen muß. Was hier geschah, kann auch mit noch größeren Summen in Mrs. Gallilee’s Falle geschehen —— und wenn sie das Geliehene nicht zurückzahlen kann, geht es nach dem Tode der Eltern vom Vermögen der beiden Mädchen ab. Verstehen Sie jetzt, was davon abhängt, wenn Sie unverheirathet sterben?«

Ich sah ein, daß mein Vermögen Alles aufwiegen würde, was Maria und Zoe durch die Verschwendung ihrer Mutter verlieren sollten.

»Selbst angenommen auch«, fuhr Miß Minerva fort, »Ihre Tante besäße Hilfsquellen, von denen wir nichts wüßten, so behielte sie immer doch dasselbe Interesse daran, Ihre Heirath zu verhindern. Denn wenn die Mädchen Ihr Vermögen erben, so stehen sie ihrer Aussicht nach den Kindern Lady Northlakes wenig nach. Brauche ich nach dem, was ich Ihnen über die Eifersucht Ihrer Tante aus die Stellung ihrer Schwester gesagt habe, noch mehr hinzuzufügen?«

Ich dankte von ganzem Herzen —— und wandte mich, von Abscheu überwältigt, im Bette ab.

Die Uhr in der Halle schlug die Stunde, wo die Kinder ihren Thee bekamen, und Miß Minerva mußte fort. Sie küßte mich. »Da haben Sie den Kuß, den Sie mir gestern Abend geben wollten«, sagte sie. »Verzweifeln Sie nicht; ich bleibe noch einen Monat im Hause und bin Mrs. Gallilee gewachsen. Jetzt nichts mehr davon; fassen Sie sich und versuchen Sie zu schlafen.«

Dann ging sie ihren Pflichten nach. Aber an Schlaf war bei mir nicht zu denken, auch zu lesen vermochte ich nicht, und nichts thun hieß soviel, wie an all das Geschehene denken. Wärst Du zu mir in’s Zimmer gekommen, ich hätte Dir Alles erzählt; da ich das nicht mündlich konnte, so that ich es schriftlich, und Du weißt nicht, welche Erleichterung mir das Schreiben dieser Zeilen verschafft hat.

Es ist Nacht, und die Heimsuchungen die mir in diesem Hause widerfahren sind, haben ihren Höhepunkt erreicht.

Sei nicht überrascht und beunruhige Dich nicht, wenn ich Dir sage, daß ich das Haus verlassen und bei Lady Northlake Zuflucht suchen werde, wenn ich morgen noch in derselben Gemüthsverfassung sein sollte, wie heute Nacht.

O, könnte ich zu-Ovid! Aber der durchreist die kanadische Wildniß, und ehe er nicht wieder an die Küste kommt, kann ich ihm nur unter der Adresse seines Banquiers in Quebec schreiben. Ich wüßte gar nicht, wo ich ihn suchen sollte, wenn ich hinüber reiste —— und was für eine Begegnung würde das sein, wenn ich ihm sagen müßte, daß seine Mutter mich fort getrieben hätte! Es kann aber für ihn nichts Beunruhigendes haben, wenn ich zu der Schwester seiner Mutter gehe. Könntest Du dieselbe sehen, so würdest Du ebenso fest wie ich überzeugt sein, daß sie für mich Partei ergreifen wird.

Nachdem ich an Dich geschrieben hatte, muß ich eingeschlafen sein. Es war ganz finster, als ich durch das Anstreichen eines Zündhölzchens in meinem Zimmer erwachte und aufsehend nicht Miß Minerva erblickte, wie ich erwartet hatte, sondern meine Tante, die das Licht ansteckte.

Sie goß mir die beruhigende Medicin ein, die Mr. Null mir verschrieben hatte und die ich schweigend einnahm, und setzte sich dann zu mir an’s Bett.

»Liebes Kind«, begann sie, »wir sind jetzt wieder gute Freunde, und Du trägst mir doch nichts nach?«

Mißtrauen aber ließ mich schweigen, denn ich dachte daran, daß sie Miß Minerva aufgepaßt, und dieselbe zu mir herauskommen sehen hatte, und glaubte ganz fest, daß sie sich dafür an uns rächen wollte, daß wir vor ihr unter einander Geheimnisse hätten.

»Fühlst Du Dich besser?« fragte sie.

»Ja.«

»Hast Du irgend etwas, das ich Dir besorgen kann?«

»Nein, ich danke —— jetzt nicht.«

»Soll Mr. Null vor morgen noch wiederkommen?«

»O, nein!«

Meine Antworten waren unliebenswürdig kurz —— aber es kostete mich auch Anstrengung, überhaupt mit ihr zu sprechen. Sie schien indessen durchaus nichts übel zu nehmen, sondern fuhr so sanft wie je fort:

»Liebe Carmina. ich habe meine Fehler und Launen und bin mit meinen Neigungen vielleicht nicht eben eine sympathische Gesellschafterin für ein junges Mädchen. Aber ich hoffe, Du glaubst, daß es meine Pflicht und ein Vergnügen für mich ist, Dir eine zweite Mutter zu sein.«

»Ja! das sagte sie wirklich; und ob es nun nur der Aerger machte, oder ob ich hysterisch wurde, genug, es war mir, als ob ich ersticken müßte, und ich mußte sie bitten, das mir zunächst befindliche Fenster zu öffnen, trotzdem das andere bereits geöffnet war.

Sie that es und fächelte mir dann Kühlung zu bis ich das nicht länger aushalten konnte und sie bat, sich nicht weiter zu bemühen. Sobald sie aber den Fächer niedergelegt hatte, fing sie wieder an:

»Ich möchte mit Dir über Miß Minerva sprechen. Du weißt, daß ich ihr gestern Abend gekündigt habe. Ich bedaure Deinetwegen, diesen Schritt nicht vor Deiner Ankunft gethan zu haben.«

Als ich sie aber so von Miß Minerva sprechen hörte, kehrte mein Selbstvertrauen sofort zurück und ich sagte ihr, daß ich dieselbe als meine beste und treueste Freundin ansähe.

»Das ist es ja eben, was ich beklage, liebes Kind! Sie hat sich in Dein Vertrauen gedrängt und ist desselben vollständig unwürdig.«

Zu diesen abscheulichen Worten konnte ich nicht schweigen. »Mrs. Gallilee!« sagte ich, »Sie thun Jemandem das größte Unrecht, den ich liebe und achte!«

»Mrs. Gallilee?« wiederholte sie. »Habe ich mich dafür, daß Du mich nicht mehr Tante nennst, bei Miß Minerva zu bedanken? Bei Deiner Hartnäckigkeit bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich offen auszusprechen. Hätte ich meine Pflicht gethan, so hätte ich das, was ich jetzt sagen will, schon längst sagen müssen. Diejenige, der Du Dein Vertrauen schenkst, ist Deine bitterste Feindin; eine Feindin, die Dich haßt, mit dem unerbittlichen Hasse einer Nebenbuhlerin ——«

Ich fuhr vom Bette auf; mein Gerechtigkeitsgefühl sträubte sich dagegen, es zu glauben; aber, ach! Teresa, eine Stimme tief in meinem Innern sagte mir, daß es wahr sei!

»Ich kenne sie durch und durch«, fuhr meine Tante rücksichtslos fort; ich habe sie von Grund aus studiert und in ihr falsches Herz gesehen. Ich allein habe sie durchschaut. Sage es ihr in’s Gesicht, wenn Du willst, und sieh’ zu, ob sie es zu leugnen wagt. Ich sage Dir, Miß Minerva liebt meinen Sohn.«

Sie hatte ihren Zweck erreicht, war mit Miß Minerva quitt, und erhob sich. »Lege Dich wieder nieder und denke über das, was ich Dir gesagt habe, nach —— denke wohl darüber nach in Deinem eigenen Interesse.« Dann war ich allein.

Willst Du wissen, was mich davor bewahrte, der Erschütterung zu unterliegen? Es war Ovid, der Tausende von Meilen von mir entfernt, war. Ich liebe ihn von ganzem Herzen und ganzer Seele und glaube fest, daß ich ihn besser kenne, als mich selbst. Hätte seine Mutter Miß Minerva ihm verrathen, wie sie dieselbe mir verrathen hat, er würde die Unglückliche aufrichtig bemitleidet haben, dessen bin ich so sicher, wie ich den Mond beim Schreiben hier auf mein Bett scheinen sehe. Ovid hätte sie bemitleidet —— und ich bemitleidete sie. Dies Bewußtsein beruhigte und rettete mich.

Ich schrieb sofort an sie und redete sie aus Furcht, daß sie meine Motive mißverstehen und mich für böse und eifersüchtig halten könnte, in der früheren vertraulichen Weise mit ihrem Vornamen an:

»Gestern Abend wagte ich es, Frances, Sie zu fragen, ob Sie Jemanden liebten, der Sie nicht wieder liebte; und Ihre Antwort war »Rathen Sie, wer es ist«. Eben hat mir meine Tante gesagt, es sei ihr Sohn. Ist es wahr?«

Als ich das Mädchen mit dem Briefe fortgeschickt hatte, verschloß ich zum ersten Male, solange ich hier im Hause bin, die Thür. Ich konnte und wollte meine Tante nicht wiedersehen. Alle ihre vorige Grausamkeit ist nichts dagegen, daß sie in meiner Krankheit zu mir kommt und mir so etwas sagt.

Langsam verging mir die Zeit; endlich »— endlich klopfte das Mädchen wieder und brachte mir folgende schriftliche Antwort:

»Mrs. Gallilee hat die Wahrheit gesagt.

»Wie ich ihr mein unseliges Geheimnis; verrathen habe, weiß ich nicht. Ich werde es Ihnen und keinem lebenden Wesen außer Ihnen eingestehen, denn so unwerth ich auch bin, so weiß ich doch, daß ich Ihnen vertrauen kann.

»Es ist unnöthig, mich des Langen und Breiten über dies Geständniß ergehen. Mancherlei in meinem Benehmen, das Ihnen unverständlich gewesen sein muß, wird Ihnen jetzt von selbst klar sein. Eins aber muß ich Ihnen noch gestehen: Hätte mich Mrs. Gallilee in’s Vertrauen gezogen, meine Eifersucht würde mich soweit erniedrigt haben, ihre Complicin zu werden; wie die Dinge aber lagen, war ich zu erbittert und zu schlau, mich von ihr gebrauchen zu lassen, ohne daß sie mir ihr Vertrauen schenkte.

»Ich hätte Ihnen noch andere Täuschungen zu bekennen, wenn ich nur soviel Fassung besäße, darüber zu schreiben. Ich will lieber sogleich sagen, daß ich Ihrer Verzeihung nicht werth bin, ja nicht einmal Ihr Mitleid verdiene.

»Mit gleicher Aufrichtigkeit warne ich Sie vor mir, denn vielleicht ist die Schlechtigkeit, auf die Mrs. Gallilee rechnete, noch in mir. Der Einfluß Ihrer höheren und besseren Natur —— vielleicht noch unterstützt durch jenen, von welchem der alte Priester in seinem Briefe sprach —— hat mein Herz für ein Gefühl der Sanftheit und Reue geöffnet, dessen ich mich selbst nie fähig glaubte; hat mir die brennenden Thränen in’s Auge gebracht, die mir das Schreiben an Sie so schwer machen. Alles dies weiß ich, und wage doch nicht, an mich zu glauben. Es ist nutzlos, es zu leugnen, Carmina —— ich liebe ihn. Selbst jetzt, da Sie es entdeckt haben, liebe ich ihn. Trauen Sie mir nicht. O Gott, welche Qual ist es, es zu schreiben —— aber ich schreibe es, ich will es schreiben —— trauen Sie mir nicht.

»Eins will ich noch sagen. Ich weiß, daß meine Liebe gänzlich hoffnungslos ist; weiß, daß er Ihre Liebe erwidert und meine nie erwidern wird. Sei es denn so.

»Ich bin nicht mehr jung; habe kein Recht, mich mit Hoffnungen zu trösten, die, wie ich weiß, eitel wären. Soll eine von uns leiden, so mag es die sein, die an Leiden gewöhnt ist. Ich bin nie wie Sie der Liebling meiner Eltern gewesen; war zu Hause nicht die Freundlichkeit und Liebe gewöhnt, deren Sie sich erinnern; ein Leben ohne Annehmlichkeit und Freude hat mich für eine liebe leere Zukunft vorbereitet. Und außerdem sind Sie seiner werth und ich bin es nicht. Mrs. Gallilee irrt sich, Carmina, wenn sie mich für Ihre Nebenbuhlerin hält; ich bin es nicht und kann es nie sein. Glauben Sie sonst nichts, aber, um Gottes willen, glauben Sie das!

»Weiter habe ich nichts zu sagen —— soviel ich wenigstens jetzt wüßte. Vielleicht schaudern Sie davor zurück, noch ferner mit mir unter einem Dache zu leben. Dann lassen Sie mich das wissen, und ich werde bereit —— ich möchte fast sagen erfreut sein, zu gehen.«

Hast Du gelesen, Teresa? Habe ich Unrecht, wenn ich fühle, daß dies arme verwundete Herz einen Anspruch an mich hat? Sollte ich Unrecht haben, o, was soll ich dann thun! was soll ich thun!«



Kapiteltrenner

Capitel XXIX.

Die letzten Zeilen Carmina’s an ihre alte Amme waren am siebzehnten August geschrieben und noch am selben Abend zur Post gegeben. Der folgende Tag sollte für Carmina und ihre Tante denkwürdig sein, und auch Doktor Benjulia hatte Gründe, sich desselben zu erinnern.

Mrs. Gallilee hatte über dem Brüten nach Mitteln und Wegen, wie sie das Vertrauen zwischen Ovid und ihrer Nichte untergraben könnte, eine schlaflose Nacht verbracht und ließ am Morgen ihr Mädchen das zur gewöhnlichen Zeit bei ihr erschien, wieder gehen, mit der Anweisung, nicht eher wiederzukommen, bis sie klingeln würde. Sie pflegte sonst zeitig aufzustehen, um die bei der ersten Austragung ankommenden Briefe in Empfang zu nehmen und eigenhändig zu sortieren, ehe sie dieselben durch den Diener an die betreffenden Mitglieder des Haushaltes austeilen ließ. An diesem Morgen schlief sie aus reiner Erschöpfung noch ein wenig, und als sie zwei Stunden später als gewöhnlich das leere Frühstückszimmer betrat, fand sie nur Briefe an sie selbst vor. Sie klingelte sofort nach dem Mädchen.

»Waren noch andere Briefe da?« fragte sie dasselbe.

»Zwei für den Herrn.«

»Weiter keine?«

»Nein, gnädige Frau —— mit Ausnahme einer Depesche an Miß Carmina.«

»Wann kam dieselbe an?«

»Bald nach den Briefen.«

»Hast Du dieselbe meiner Nichte gebracht?«

»Ja, da es eine Depesche war, glaubte ich, ich müßte sie sofort zu Miß Carmina bringen.«

»Schön. Du kannst gehen.«

Während sie darüber nachsann, mit wem Carmina eine Correspondenz unterhalten könnte und was für Sachen von Wichtigkeit da vorliegen möchten, die nicht auf dem gewöhnlichen Wege des Briefwechsels abgemacht werden könnten, schenkte sie sich eine Tasse Thee ein und sah ihre Briefe an, von denen in ihrer momentanen Stimmung nur einer ihre Aufmerksamkeit besonders erregte. Derselbe war von Benjulia, welcher sich wie gewöhnlich über die gewohnte Form der Adresse hinwegsetzte und lautete:

»Ich habe von einem meiner Freunde in Canada einen Brief über Ovid bekommen. Derselbe enthält eine Anspielung von der höflichen Art auf ihn, die ich durchaus nicht verstehe und um die ich Sie fragen möchte. Ich habe aber keine Zeit zum Visite machen übrig, da ich mit meinen Experimenten gerade auf einem zu kritischen Punkte bin, um jetzt davon fortzugehen. Sie haben einen Wagen und Ihre vornehmen Bekannten sind außerhalb. Wenn Sie also eine Ausfahrt machen wollen, dann kommen Sie zu mir und bringen Sie Ihren letzten Brief von Ovid mit.«

Mrs. Gallilee entschied sich dafür, diesen charakteristischen Vorschlag erst später in Ueberlegung zu ziehen; ein wichtigeres Interesse führte sie nach oben zu dem Zimmer ihrer Nichte.

Carmina war ausgestanden und lag in ihrem weißen Morgenrocke auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. Bei dem Eintritte ihrer Tante fuhr sie auf und schauderte zusammen, welche Zeichen nervöser Abneigung Mrs. Gallilee aber entgingen, da deren Aufmerksamkeit sofort durch einen Reisesack in Anspruch genommen war, der wie zum Gepackt werden geöffnet war. Das Telegramm lag in Carmina’s Schooße; und der Zusammenhang beider, des Reisesacks und des Telegramms, lag, wie Mrs. Gallilee glaubte, auf der Hand. Es war aber gerade das Gegentheil von ihrer Vermuthung der Fall: die Depesche hatte Carmina davon abgehalten, das Haus zu verlassen.

Einige gewöhnliche Fragen: wie Carmina die Nacht verbracht, ob das Mädchen ihr auch das Frühstück besorgt und ob sie irgend etwas für dieselbe thun könne, bereiteten den Weg für die nothwendige Ausforschung Carmina antwortete mit einem Widerwillen, den sie nicht zu verbergen vermochte; aber Mrs. Gallilee ging ohne Bemerkung über diesen kalten Empfang hinweg und zeigte mit gütigem Lächeln auf die Depesche.

»Hoffentlich keine schlechten Nachrichten?«

Schweigend überreichte Carmina ihrer Tante das Papier; die durch die Ankunft der Depesche veränderten Umstände machten ja eine Verheimlichung überflüssig. Ihren Argwohn zurückhaltend, öffnete Mrs. Gallilee die Depesche, welche in Rom von der alten Fremden, Namens »Teresa«, aufgegeben war und die Worte enthielt:

»Mein Mann ist heute Morgen gestorben. Erwarte mich jeden Tag in London?«

»Warum kommt diese Person nach London?« fragte Mrs. Gallilee.

»Das solltest Du doch wissen!« antwortete Carmina scharf, von der insolenten Fassung der Frage verletzt.

»So?« meinte Mrs. Gallilee »Vielleicht gefällt es ihr hier?«

»Im Gegentheil, London ist ihr verhaßt! Du hast sie hier im Hause gehabt und uns zusammen gesehen. Glaubst Du, daß sie jetzt, da sie ihren Mann verloren hat, es aushalten könnte, von der, die sie am meisten auf der Welt liebt, getrennt zu leben?«

»Liebes Kind, auf solche bloße Gefühlssachen verstehe ich mich nicht«, erwiderte Mrs. Gallilee. »Es ist eine kostspielige Reise von Italien nach England. Was war denn ihr Mann?«

»Er war Meister in einer Fabrik für Künstlerfarben, bis er krank wurde.«

»Und dann ging ihm das Geld aus«, schloß Mrs. Gallilee. »Ich verstehe. Hat seine Wittwe eigene Hilfsquellen?«

»Sie hat sich in unserem Dienste etwas erspart. Aber darauf kommt nichts an; meine Börse ist auch die ihrige.«

»Sehr freigebig, das muß ich sagen! Selbst die aller bescheidensten Wohnungen sind hier in der Gegend theuer. Indessen mit Deiner Hilfe mag Deine alte Dienerin ja im Stande sein, irgendwo in der Nähe ein Unterkommen zu finden.«

Nachdem diese Sache erledigt war, wandte sich Mrs. Gallilee wieder dem Hauptgegenstande ihres Argwohns zu, indem sie den Reisesack aufnahm.

Caimina aber sah sie mit der Nachgiebigkeit äußerster Verwirrung an. Teresa war stets ihre Gesellschafterin gewesen und als solche auch mitaufgenommen, als sie zu ihrer Tante kam; daher hatte sie es für ganz natürlich gehalten, daß dieselbe jetzt wieder als Mitglied des Haushaltes angesehen werden würde. Der Gedanke an Teresa hatte sie nur dazu vermocht, sich zu entschließen, bis zu Ovid’s Rückkehr bei dessen Mutter zu bleiben: und jetzt ward ihr in nicht mißzudeutenden Worten mitgetheilt, daß dieselbe sich eine Wohnung für sich suchen müßte, wenn sie nach London zurückkehrte! Ueberraschung, Enttäuschung, Unwillen machten sie sprachlos.

»Dies wird Dir hier nur im Wege sein«, sagte Mrs. Gallilee, den Reisesack aufnehmend; »ich will ihn deshalb mit unseren eigenen Taschen und Koffern auf die Bodenkammer bringen lassen. Uebrigens kommt es mir vor, daß Du —— was bei Deinem Alter ja ganz natürlich ist —— unsere gegenseitige Stellung hier im Hause nicht ganz richtig auffaßt. Die Autorität Deines seligen Vaters, mein Kind, ist auf mich, Deine Vormünderin übergegangen, und ich werde hoffentlich nie genöthigt sein, dieselbe auszuüben —— besonders, wenn Du Dir gütigst zweierlei Vergegenwärtigen wirst. Ich erwarte von Dir, daß Du mich bei der Wahl Deines Umgangs um Rath fragst und erst meine Zustimmung einholst, ehe Du Arrangements triffst, die —— nun, laß mich sagen, die es nöthig machen, den Reisesack ans der Bodenkammer holen zu lassen.«

Ohne auf Antwort zu warten, ging sie auf die Thür zu; blieb aber, nachdem sie dieselbe geöffnet hatte, noch einmal stehen und wandte sich mit der Frage an Carmina.

»Hast Du über das nachgedacht, was ich Dir gestern Abend gesagt habe?«

Empfindlich berührt, nahm Carmina ihre Willenskraft zusammen und antwortete: »Ich habe mein Möglichstes gethan, um es zu vergessen.«

»Auf Miß Minerva’s Anlaß?«

Carmina ließ die Frage unbeachtet.

»Hast Du auf irgend welche Weise mit Miß Minerva verhandelt?« beharrte Mrs. Gallilee; bekam aber wiederum keine Antwort. Sich beherrschend trat sie auf den Flur und rief nach Miß Minerva. Die Gouvernante antwortete von dem obersten Flur.

»Bitte, kommen Sie herunter«, sagte Mrs. Gallilee.

Miß Minerva gehorchte; ihr Gesicht war bleicher als gewöhnlich; die Augen hatten etwas von ihrem durchdringenden Glanze verloren. Draußen vor Carmina’s Thür blieb sie stehen, und Mrs. Gallilee forderte sie aus, einzutreten.

Nach einem Augenblick —— nur einem Augenblick —— des Zögerns überschritt Miß Minerva die Schwelle, warf einen schnellen Blick auf Carmina, senkte aber die Augen wieder, ehe der Blick erwidert werden konnte. Mrs. Gallilee, die kein stummes Zeichen des; Einverständnisses zwischen beiden entdeckte, fragte sie:

»Sind Sie heute Morgen schon hier gewesen?«

»Nein.«

»Hat zwischen Ihnen und meiner Nichte eine Entfremdung stattgefunden?«

»Soviel ich wüßte, nicht, gnädige Frau.«

»Warum sprechen Sie dann nicht mit ihr, wenn Sie in’s Zimmer kommen?«

»Miß Carmina ist krank gewesen. Ich sehe sie auf dem Sofa liegen —— und will sie nicht stören.«

»Auch nicht durch einen Guten Morgen?«

»Auch nicht dadurch!«

»Sie sind außerordentlich vorsichtig, Miß Minerva.«

»Ich habe einige Erfahrung mit Kranken hinter mir, gnädige Frau, und es gelernt, vorsichtig zu sein. Darf ich fragen, weshalb Sie mich herunter gerufen haben?«

Um ihre Nichte und die Gouvernante auf die letzte Probe zu stellen, antwortete Mrs. Gallilee. »Ich möchte, daß Sie den Unterricht auf eine oder zwei Stunden aussetzten.«

»Gewiß. Soll ich es den Mädchen sagen?«

»Nein; ich werde es selbst thun, wenn ich nach meinem Zimmer gehe.«

»Und was soll ich thun?«

»Ich möchte, daß Sie hier bei meiner Nichte bleiben.«

Hätte Mrs. Gallilee ihre Nichte statt der Gouvernante angesehen, so würde sie bemerkt haben, wie dieselbe, ihrer Selbstbeherrschung mißtrauend, ihr Gesicht nach der Wand zu abwandte. So aber forderten Miß Minerva’s Haltung und Blick eine Erklärung, und sie flüsterte ihr deshalb zu: »Ich will Ihnen an der Thür ein Wort sagen.«

Miß Minerva folgte ihr also nach draußen, während Carmina sich wieder umwandte und sie ängstlich beobachtete.

»Ich bin heute Morgen mit ihrem Aussehen durchaus nicht zufrieden«, sagte Mrs. Gallilee draußen »und möchte sie nicht allein lassen. Ich muß meinen Pflichten im Haushalte nachgehen. Wollen Sie meinen Platz am Sofa solange einnehmen, bis der Doctor kommt?«

»Jetzt werde ich es sehen, ob Eifersucht unter ihnen vorhanden ist«, dachte sie bei sich. Aber sie sah nichts: die Gouvernante verbeugte sich ruhig und ging zu Carmina zurück. Ebensowenig hörte sie etwas, obgleich ihr die nur halbgeschlossene Thür Gelegenheit zum Horchen bot. Und so ging sie wieder, um nichts klüger, als sie gekommen war.

Geräuschlosen Schrittes näherte sich Miß Minerva dem Sofa, auf dem Carmina still und schweigend lag, und blieb dann in wartender Haltung stehen. Keine von beiden sah der Anderen in die Augen. Die Aeltere litt ihre Qual im Geheimen; des Mädchens liebliche Augen füllten sich langsam mit Thränen. So vergingen einige Minuten; dann streckte Carmina schweigend die Hand aus, und schweigend nahm Miß Minerva dieselbe und küßte sie.



Kapiteltrenner

Capitel XXX.

Wie gewöhnlich gab Mrs. Gallilee der Wirthschafterin ihre Anweisungen für den Tag. »Sollte noch etwas vergessen sein«, sagte sie am Schlusse, »so muß ich es Ihnen überlassen; denn ich wünsche, für die nächsten Stunden nicht gestört zu werden. «

Einige von ihren Briefen waren noch uneröffnet, andere mußten sofort beantwortet werden; aber die sonst so übergeschäftige Frau zeigte heute nicht den gewohnten Pflichteifer, sondern saß zum ersten Male müßig da und dachte.

Selbst ihre einbildungsfreie Natur begann am Rande des Aberglaubens zu zittern. Zweimal war ihr der Versuch mißlungen, sich in die beabsichtigte Heirath ihres Sohnes einzumischen; einmal, als sie den Musiklehrer hatte benutzen wollen, Ovid eifersüchtig zu machen, und das andere Mal, als sie geplant hatte, mit Hilfe der Eifersucht bei Carmina Mißtrauen gegen Ovid zu erwecken. Waren denn die Leute, die an eine Schickung glaubten, doch nicht so thöricht, wie sie bis jetzt geglaubt hatte? Doch wozu mit solchen Fragen die Zeit verschwenden? Was konnte sie zunächst thun?

Von dem unwiderstehlichen Instincte der Selbsterhaltung getrieben, nach Gründen suchend, um trotz alledem noch hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen, einerlei wie werthlos diese Gründe an sich selbst wären, stieg die gelehrte Mrs. Gallilee zu dem geistigen Niveau des unwissendsten Hausmädchens hinunter und überließ sich unbewußt dem Pöbelglauben an das Glück. Sie wollte es zum dritten Male versuchen!

Den vor ihr auf dem Tische liegenden Brief Benjulia"’s wieder aufnehmend, las sie ihn noch einmal, und dabei fiel ihr die seltsame Anspielung Ovids’s auf seinen Collegen am Tage seiner Abreise wieder ein. Hatte er nicht gewünscht, daß Carmina gerade Benjulia nicht sehen sollte? Und was hatte er auf die Frage nach seinen Gründen geantwortet? »Ich erachte Benjulia nicht als passenden Gesellschafter für ein junges Mädchen.«

Warum nicht? Viele Männer im reiferen Alter sind keine passenden Gesellschafter für junge Mädchen —— das sind aber entweder Männer, die junge Mädchen verachten, oder bewundern. Benjulia gehörte weder zu der einen, noch zu der anderen Klasse, denn die Mädchen waren ihm absolut gleichgültig —— mit der einzigen Ausnahme der zehnjährigen Zo. Wohl hundertmal war Mrs. Gallilee mit ihm in Gesellschaften zusammen gewesen, aber nie hatte sie ihn mit jungen Damen sprechen oder dieselben beachten sehen. Es lag also auf der Hand, daß Ovid’s Einwand eine plumpe Ausrede war.

Wie damals kam sie wieder auf den Gedanken, daß etwas dahinter stecken müßte; und ohne diesen Gedanken weiter zu verfolgen, klingelte sie und gab den Befehl, daß ihr Wagen um drei Uhr Nachmittags bereit sein sollte.

Die bloße, wenn auch noch so zweifelhafte, ja mehr als zweifelhafte Aussicht, etwas zu haben, was sich vielleicht gegen Carmina gebrauchen lassen könnte, gab Mrs. Gallilee ihr Gleichgewicht zurück, so daß sie wieder fähig war, ihre Correspondenz zu besorgen.

Der eine von den Briefen war von ihrer Schwester in Schottland und bezog sich unter anderem auch auf Carmina. »Warum willst Du das liebe Kind nicht zu uns kommen lassen?« fragte Lady Northlake. »Meine Töchter sehnen sich nach einer solchen Gesellschaft; und meine beiden Söhne werden Ovid um sie beneiden, sobald sie sie gesehen haben. Wenn Du wieder an meinen Neffen schreibst, so sage ihm, wie ganz ich es verstände, daß er sich gleich beim ersten Anblick in ein so holdes Wesen verliebt habe.«

Es mußte auf alle Fälle verhindert werden, daß Lady Northlake einen der ersten Plätze im Herzen Carmina’s einnähme, und sie in dem Gedanken an eine Heirath mit Ovid befestige; da war ja die Krankheit der letzteren eine passende Entschuldigung. Mrs. Gallilee fühlte beinahe eine fromme Neigung zum Dank gegen die Vorsehung, daß das Schloß ihrer Schwester im Hochlande am einen Ende Großbritanniens und ihre eigene Villa am anderen lag.

Allerdings dachte Mrs. Gallilee augenblicklich noch nicht daran, London zu verlassen; und sie konnte nicht daran denken, solange ihr Gemüth nicht von den schweren Sorgen, die jetzt darauf lasteten, befreit war, solange noch Ereignisse eintreten konnten —— sei es in Bezug auf ihre drohenden Gläubiger, oder die Heirath —— die ihre Berechnungen durchkreuzen und ihre Gegenwart in London im eigenen Interesse wichtig machen konnten. Auch Miß Minerva stand ihr wieder im Wege. Mitnehmen wollte sie dieselbe auf keinen Fall nach der Insel Wight, und gegen eine sofortige Entlassung —— die vielleicht das Gerathenste gewesen wäre sprachen auch zwei Gründe. Erstens konnte Carmina, wenn die Freundschaft zwischen beiden wirklich anhielt, mit der Entlassenen in heimlicher Verbindung bleiben; und zweitens konnte sich Mrs. Gallilee bei ihrem Grolle und ihren Prinzipien von Sparsamkeit nicht dazu verstehen, Miß Minerva ihr Salair auszuzahlen, ehe diese es sich verdient hatte. Nein! von welcher Seite sie die Sache auch ansehen mochte, es war das Gerathenste, in London abzuwarten, was kommen würde.

Eben hatte sie die Feder ergriffen, um den Anforderungen ihrer Correspondenz nachzukommen, als sie durch das Erscheinen eines Dieners in ihrem Boudoir gestört wurde.

»Nun, was heißt das? Hat Ihnen die Wirthschafterin nicht gesagt, daß ich nicht gestört werden wollte?«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau. Der Herr ——«

»Was will der Herr?«

»Er möchte Sie sprechen, gnädige Frau.«

Dies war etwas so ganz Beispielloses in der Geschichte des Hauses, daß Mrs. Gallilee vor reinem Erstaunen die Briefe fortschob und sagte: »Führe ihn herein.«

Mr. Gallilee betrat das Zimmer seiner Frau mit denselben Gefühlen, wie er vor fünfzig Jahren das Arbeitszimmer seines Schullehrers betreten hatte, um eine Tracht Schläge zu bekommen —— denn damals war es noch nicht Sitte gewesen, die Knaben durch einen Appell an ihr Ehrgefühl zu bestrafen. Und bei seinem »Guten Morgen, liebe Frau«, trug sein Gesicht genau denselben Ausdruck wie damals bei seinem: »Bitte, bitte, Herr Lehrer, schenken Sie es mir noch einmal!«

»Nun«, fragte Mrs. Gallilee, »was wünschst Du?«

»Nur ein Wörtchen. Wie gut Du aussiehst, meine Liebe!«

Mrs Gallilee sah nach einer schlaflosen Nacht und der darauf folgenden Niederlage in Carmina’s Zimmer häßlich und alt aus und wußte das Und ihr unglücklicher Gatte erinnerte sie jetzt wieder daran. »Fahre fort!« antwortete sie streng.

Nachdem Mr. Gallilee sich die trockenen Lippen angefeuchtet hatte, sagte er: »Ich denke, ich nehme mir einen Stuhl, wenn Du erlaubst. Wie reizend!« bemerkte er dann, nachdem er sich —— natürlich in respectvoller Entfernung von seiner Frau —— niedergelassen hatte, sich wie ein zum ersten Male sich im Zimmer befindender Besucher in demselben umsehend. »Dieser Geschmack in der Farbe! Der Teppich ist jawohl nach Deinem eigenen Muster nicht wahr?«

»Willst Du nun endlich zum Zwecke kommen?«

»Mit Vergnügen, meine Liebe —— mit Vergnügen.

»Ich rieche wohl nach Tabak?«

»Darauf kommt mir nichts an.«

Dies war für Mr. Gallilee eine so angenehme Ueberraschung, daß er sie stehend genießen mußte. »Wie gütig! Aber wirklich, wie gütig!« und dabei näherte er sich ihr vertraulich. »Und weißt Du, meine Liebe, es war eine der merkwürdigsten Cigarren, die ich je geraucht habe.«

Mrs Gallilee legte die Feder nieder und sah ihn finster an; aber er wagte sich bei seiner grenzenlosen Verwirrung näher, den unheimlichen Zauber der Schlange in dem Ausdruck dieser schrecklichen Augenbrauen empfindend. »Wie gut Du aussiehst! Wie auffallend gut Du heute Morgen aussiehst!« Und dabei schielte er seine gelehrte Gattin an und —— klopfte sie aus die Schulter!

Mrs Gallilee war für den Augenblick wie versteinert. Wagte dieses dicke, schwache Geschöpf ihr jetzt mit ehelichen Liebkosungen zu kommen? Hatten seine sündigen Lippen schon so früh am Tage seinen Lieblingschampagner gekostet?

»Gallilee!«

»Ja, meine Liebe?«

»Setze Dich!«

Das geschah.

»Bist Du im Club gewesen?«

Mr. Gallilee stand wieder auf.

»Bleibe sitzen!«

Der Ehemann gehorchte. »Ich wollte Dir nur sagen, meine Liebe, daß ich Dich mit dem größten Vergnügen im Club umherführen will —— wenn Du das meinst.«

»Wenn Du nicht ein zu großer Idiot bis «, sagte Mrs. Gallilee, »dann merke Dir Folgendes! Entweder Du rückst mit dem heraus, was Du zu sagen hast, oder ——« damit erhob sie die Hand und ließ dieselbe auf den Tisch fallen, daß die Federn im Schreibzeuge klirrten —— »oder Du verläßt das Zimmer!«

Mr. Gallilee suchte in der Brusttasche seines Rockes, zog sein Cigarrenetui heraus, steckte es aber eiligst wieder ein, suchte weiter, brachte einen Brief zum Vorschein und sah erbarmungswürdig im Zimmer umher, um Jemanden zu suchen, an den er appellieren konnte. Aber es war Niemand da, und so appellierte er an sich selbst und flüsterte: »In was für eine Laune sie nur gerathen wird.«

»Was hast Du da?« fragte Mrs. Gallilee scharf. »Einen von den Briefen, die Du heute Morgen bekommen hast?«

»Wunderbares Weib!« sagte Mr. Gallilee, sie mit Bewunderung ansehend. »Nichts entgeht ihr! Erlaube mir, meine Liebe.«

Damit erhob er sich und reichte ihr den Brief, als ob er eine Petition überreichte. Sie riß ihm denselben aus der Hand, und er ging vorsichtig zu seinem Stuhle zurück, leise vor sich hin rufend »O Gott!«

Es war ein Brief von einem der Handwerker, den Mrs. Gallilee durch eine Abschlagszahlung hatte zufrieden stellen wollen, der sich aber gezwungen sah, an Mr. Gallilee, als an den Hausherrn (!) zu appellieren. Es sei ihm unmöglich, wie er mit der größten Hochachtung schrieb, eine Zahlung anzunehmen, die noch nicht den dritten Theil der ihm seit einem Jahre schuldigen Summe betrüge.

»Der Elende!« rief Mrs. Gallilee. »Ich werde ihm die Rechnung bezahlen, und ihn nie wieder beschäftigen!« Dann öffnete sie ihr Chequebuch und tauchte die Feder ein. Da ließ sich in zaghafter Stimme ein schwacher Protest vernehmen: »Bitte, nicht doch!«

In sprachlosem Erstaunen sah fie auf. Da stand er und starrte mit seinen runden Augen das Chequebuch an, während seine fetten Wangen vor Aufregung zitterten. »Du mußt das nicht thun«, sagte er, zum ersten und letzten Male seinen Muth zusammennehmend. »Gieb mir eine Minute, meine Liebe —— o meine Güte! eine Minute!«

Dann suchte er wieder in der Tasche und zog noch einen Brief hervor. Seine Augen schweiften nach der Thür; Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, und nachdem er den Brief auf den Tisch gelegt hatte, sah er seine Frau an und —— rannte aus dem Zimmer.

Mrs. Gallilee öffnete den Brief, neugierig, von welchem Geschäftsmanne derselbe käme. Aber nein, das waren gefürchtetere Gläubiger als Krämer und Schlächter. Er kam von den Banquiers, die darin mittheilten, daß »das Guthaben überschritten sei.«

War das möglich? Sie nahm ihr Notizbuch und das Blatt, auf welchem sie die Bilanz gezogen hatte —— sie hatte noch niemals einen Rechenfehler begangen. Und als sie Columne nach Columne die Ziffern revidierte, machte sie die demüthigende Entdeckung, daß sie sich zum ersten Male verrechnet hatte. Ihr in der Bank deponiertes Geld war verbraucht, ja mehr als daß und das nächste halbjährige Einkommen war erst zu Weihnachten fällig.

Miß Minerva’s Ansicht von dem, was ihre Beschäftigerin erwarte, bewies sich schon als richtig. Jene »anderen Hilfsquellen«, auf welche sie als auf unbekannte, in Betracht zu ziehende Möglichkeiten angespielt hatte, wurden einzig und allein durch Ovid repräsentiert, dem Mrs. Gallilee unverzüglich ein Geständniß gemacht haben würde, wenn er jetzt nicht in der canadischen Wildniß gewesen wäre. So aber blieb ihr weiter nichts übrig, als sofort zu der Bank zu gehen; und sie ließ durch den Bedienten sofort eine Droschke holen und fuhr zu den Banquiers.

Die Sache war bald zu ihrer Befriedigung geordnet, nur hatte Mr. Gallilee das letzte Wort zu sprechen. Denn mochte derselbe sich auch zu Hause nach Herzenslust seiner Autorität entäußern, außerhalb desselben, in Geschäftssachen war und blieb er der Herr. Er brauchte nur zu sagen, wie viel er zu leihen wünschte, und gewisse Papiere zu unterzeichnen, so war die Sache gethan, denn die Papiere, in denen er sein Vermögen angelegt hatte, boten ausgezeichnete Sicherheit.

Als Mrs. Gallilee, für den Augenblick von ihren pecuniären Sorgen befreit, wieder nach Hause kam, stand ihr Wagen vor der Thür.

Sie war nicht die Frau danach, leicht ihre Absichten zu ändern —— und die Fahrt aufs Land mußte ihr nach dem unruhigen Morgen gut thun. Da sie hörte, daß ihr Mann noch zu Hause sei, und ein unfehlbarer Instinct ihr sagte, wo er unter gegenwärtigen Umständen zu finden wäre, ging sie nach dem Rauchzimmer. Und als sie die Thür öffnete, saß er da, den Rock abgelegt, die Füße auf einem Stuhle, und rauchte behaglich eine Cigarre. »Bleibe heute Abend zu Hause«, sagte sie, und machte die Thür wieder zu, Mr. Gallilee zurücklassend, wie er vor Erstaunen an einem Mundvoll seines eigenen Cigarrenrauches beinah erstickte.

Ehe sie in den Wagen stieg, puderte sie sich das Gesicht noch ein wenig. Benjulia’s Laune war eben etwas Ungewisses, und es konnte vielleicht nöthig sein, ihn zu bezaubern.



Kapiteltrenner

Capitel XXXI.

Die erwähnte schmeichelhafte Anspielung auf Ovid, welche Benjulia nicht zu verstehen vermocht hatte, kam in einem Briefe von Mr. Morphew vor. »Ich muß Ihnen aufrichtig danken«, hieß es in demselben, »daß Sie uns mit Herrn Doctor Ovid Vere bekannt gemacht haben. Jetzt, da er wieder fort ist, ist uns wirklich, als ob wir einem alten Freunde Lebewohl gesagt hätten. Einen selbstloseren Mann habe ich nie gesehen —— und ich sage dies nach wirklicher Erfahrung. In meiner unvermeidlichen Abwesenheit übernahm er freiwillig einen ernsten, von entsetzlichen Umständen begleiteten Fall —— und zwar zu einer Zeit, wo ihm seine zerrüttete Gesundheit die strengste Enthaltung von jeder Berufsausübung auferlegte. Solange er dem Patienten das Leben erhalten konnte —— und er that wirklich Wunder in dieser Beziehung —— saß er jeden Tag an dessen Lager, einem vollständig Fremden zu Liebe sein eigenes Wohlbefinden hintenan setzend. Ich sehe Sie bei Ihrer Abneigung gegen lange Briefe schon nach dem Schlusse sehen. Unbesorgt; ich habe wenig Zeit übrig, da ich auch mit dieser Post einen Brief an Ihren Bruder Lemuel schreiben will.«

War dieser »ernste, von entsetzlichen Umständen begleitete Fall« ein Fall von Gehirnkrankheit?

Das war die Frage, die sich Benjulia bei seinem eingewurzelten Argwohn gegen Ovid als einen Nebenbuhler, der in das Entdeckungsgebiet eindringen konnte, das er für sich allein zu behalten entschlossen war, vorlegte. Er nannte den Doctor Morphew einen Einfaltspinsel, weil derselbe das Papier mit gedrechselten Phrasen beschmiert habe, anstatt einfach zu sagen, worin die Krankheit bestanden. Nach der Beschreibung zu urtheilen, schienen bei dem Falle außer dem medicinischen Interesse noch weitere Elemente des Interesses vorzuliegen, deshalb war es, möglich, daß Ovid der Sache in seinen Briefen an seine Mutter Erwähnung gethan hatte. Wenn Benjulia daher diese Briefe sehen konnte, so war bei Ovid’s Präzision im Ausdruck anzunehmen, daß seine Zweifel gehoben würden. In dieser Absicht hatte er an Mrs. Gallilee geschrieben.

Ehe er die Feder niederlegte, sah er Morphew’s Brief noch einmal an, und da fiel ihm ein, daß vielleicht der Brief an Lemuel die gewünschte Auskunft enthalten könnte. Es empfahl sich also, an seinen Bruder zu schreiben, um so vielleicht das Gewünschte herauszubringen, falls Mrs. Gallilee’s Brief ihm keinen Aufschluß geben sollte.

Was ihn einzig und allein zögern ließ, war seine Abneigung gegen seinen jüngeren Bruder, eine so tief wurzelnde Abneigung, daß er selbst vor brieflichem Verkehr zurückschrak. Beide Brüder hatten nie mit einander sympathisiert, aber erst vor einem Jahre war auf Seite des Doctors aus der Gleichgültigkeit offene Feindschaft geworden, als Lemuel durch einen Zufall, der durch die Zerstreutheit des Doctors infolge eines erfolglosen Experimentes herbeigeführt worden, in den Besitz des gräßlichen Geheimnisses desselben gekommen war. Der einzige Mensch, welcher wußte, womit er sich in seinem Laboratorium wirklich beschäftigte, war sein Bruder.

Das war der wahre Grund des Tones bitterer Verachtung in welchem Benjulia damals Ovid gegenüber von seinem nächsten Angehörigen gesprochen hatte. Allerdings verdiente Lemuel’s Charakter in mancher Hinsicht ein strenges Urtheil, denn wenn er auch in seiner Stellung als erster Commis einer Verlagshandlung ständig und pünktlich seinen Pflichten nachkam, so gewannen doch in seinen freien Stunden seine sinnlichen Neigungen die Oberhand über ihn, und seine eifersüchtige Frau hatte ihre Gründe zum Klagen. Die Ansichten seiner Bekannten über ihn gingen weit auseinander, denn während die Einen in Uebereinstimmung mit seinem Bruder von ihm wenig mehr als von einem Narren hielten, meinten die Anderen, daß er ein von Natur begabter Mensch, aber zu träge, oder vielleicht auch zu schlau sei, seine Gaben anzustrengen. Im Comptoir ließ er sich eine reine Maschine nennen —— und vermied es dadurch, mit Arbeiten überladen zu werden, was die Gewandteren über sich ergehen lassen mußten. Erklärten ihn seine Frau und deren Verwandten für ein reines Thier, so nahm er das ruhig hin —— und erlangte dadurch den Ruf eines Menschen, an den jeder Tadel weggeworfen sei. Unter dem Schilde dieses nichts weniger als beneidenswerthen Charakters sagte er manchmal mit einfältiger Miene die empfindlichsten Sachen. Als der Doctor ihn im Laboratorium entdeckt hatte, hatte er ihm wüthend zugeschrieen: »Es ist Dein Tod, wenn Du irgend einem lebenden Wesen sagst, was ich thue!« Lemuel aber hatte mit einem Blicke stupiden Staunens geantwortet: »Beruhige Dich; ich würde mich schämen, darüber zu sprechen.«

Nach weiterem Nachdenken entschied sich Benjulia zum Schreiben, da er es aber nicht über sich zu gewinnen vermochte, Lemuel mit der gewöhnlichen Höflichkeit zu behandeln, selbst wenn er ihn um eine Gefälligkeit anging, so schrieb er einfach: »Ich höre, daß Morphew Dir mit der letzten Post geschrieben hat, und wünsche den Brief zu sehen.« Das genügte dem Zwecke und genügte dem Doctor seinem Bruder gegenüber.



Kapiteltrenner

Capitel XXXII.

Als Benjulia am nächsten Nachmittage zwischen ein und zwei Uhr in seinem Laboratorium bei der Arbeit war, vernahm er die Glocke, welche die Ankunft eines Besuches im Hause meldete. Ihn in anderer Weise bei seinen Studien zu stören, war den Dienern unter allen Umständen verboten.

Widerstrebend gehorchte er dem Rufe, die Thür hinter sich abschließend. Da um diese Zeit in geordneten Häusern das Zwischenmahl eingenommen wurde, so konnte er nicht annehmen, daß Mrs. Gallilee ihm jetzt einen Besuch machte. Als er die Front des Hauses in’s Auge bekam, sah er einen Mann auf den Thürstufen stehen, in dem er, näher kommend, Lemuel erkannte.

»Holla!« rief er.

»Holla!« antwortete der jüngere Bruder wie ein Echo.

Dann standen Beide und sahen sich mit der argwöhnischen Neugier zweier fremden Katzen an. Zwischen Beiden war eben soviel Aehnlichkeit, um vermuthen zu lassen, daß sie mit einander verwandt seien. Der jüngere Bruder war nur ein wenig über gewöhnliche Größe, eher dick als schlank, trug Schnurr- und Backenbart, kleidete sich adrett, und machte den Eindruck eines Mannes, der ganz mit sich zufrieden ist. Aber er hatte denselben zigeunerartigen Teint wie sein Bruder und auch in Form und Farbe dessen Augen.

»Wie gehts Dir, Nathan?« sagte er.

»Was zum Teufel bringt Dich hierher?« war die Antwort.

Lemuel ließ die Grobheit unbeachtet, und nur ein boshaftes Lächeln zog seine Mundwinkel in die Höhe, als er erwiderte:

»Ich dachte, Du wünschtest meinen Brief zu sehen.«

»Konntest Du mir denselben nicht per Post senden?«

»Meine Frau wünschte, daß ich die Gelegenheit benutzen sollte, Dich einmal zu besuchen.«

»Das ist eine Lüge«, sagte Benjulia ruhig. »Suche eine andere Ausrede, oder sprich die Wahrheit.«

Wiederum schien Lemuel —— wenigstens dem Aeußeren nach zu urtheilen —— sich nicht verletzt zu fühlen. »Wenn Du es denn haben willst«, sagte er, »eine Dame meiner Bekanntschaft, der ich Dich, nebenbei gesagt, gern vorstellen werde, wenn Du wünschst, hat in der Villa nebenan Sommerwohnung genommen, und da ich einmal in die Nachbarschaft kam, so dachte ich, ich könnte den Brief ebenso gut vorbringen ——«

Ohne auf Weiteres zu warten, ging Benjulia nach dem Zimmer voran, in welchem er Ovid empfangen hatte, und fragte hier:

»Wie kamst Du denn aus dem Comptoir fort?«

»Es ist in dieser Jahreszeit nicht schwierig, einmal frei zu bekommen» Das Geschäft ist flau, alter Junge ——«

»Halt! Ich erlaube Dir nicht, in dieser Weise mit mir zu sprechen.«

»Nimm’s nur nicht übel, Nathan!«

»Ich nehme einem Narren nie etwas übel, sondern weise ihn einfach zurecht.«

Von der Gasse her, welche in der Nähe des Hauses hinführte, ließ sich das entfernte Bellen eines Hundes vernehmen. Der Ton schien Benjulia zu ärgern und er fragte: »Was ist das?«

»Es ist mein Hund«, antwortete Lemuel, der eine Gelegenheit sah, seinem Bruder für den ihm bereiteten Empfang etwas zurückzugeben; »und es ist ein Glück für Dich, daß ich denselben in der Droschke gelassen habe.«

»Weshalb?«

»Nun, er ist das gutmütigste Thier von der Welt, hat aber den einen Fehler, daß er Gelehrte mit Deiner Art Beschäftigung nicht ausstehen kann.« Dann pausierte er und zeigte auf die Hände seines Bruders. »Wenn er das wittern sollte, möchte er vielleicht versuchen wollen, Dich mit den Zähnen zu viviseciren.«

Die Blutflecken, welche Ovid einst an Benjulia’s Stocke gesehen hatte, waren jetzt an seinen Händen. Mit ruhiger Gelassenheit sah derselbe diese Flecke, die stummen Zeugen entsetzlicher Tortur an und antwortete:

»Wozu brauche ich mir erst die Hände zu waschen, wenn ich gleich wieder an meine Arbeit zurückgehe?«

Dann wischte er sich die Finger am Rockschooße und bemerkte: »So, wenn Du also den Brief bei Dir hast, so laß mich denselben sehen.«

Lemuel zog den Brief heraus. »Es sind einige Stellen darin, die Du am besten nicht liest; das ist der Grund, weshalb ich ihn selbst bringe«, erklärte er. »Lies die erste Seite, dann werde ich sagen, was Du überschlagen sollst.«

Auf der ersten Seite stand nichts, was sich auf Ovid bezog, und als Benjulia umschlug, zeigte sein Bruder auf die Mitte der zweiten Seite und bemerkte: »Lies bis dahin, und dann überschlage bis zum letzten Absatz am Ende.«

Erst auf der letzten Seite wurde Ovid erwähnt, und zwar als »ein reizender Mann, der sich durch ein Empfehlungsschreiben von Ihrem Bruder bei mir einführte« —— damit schloß der Brief. In der ersten Bitterkeit der Enttäuschung empfand Benjulia einen Argwohn in Betreff der Partien des Briefes, die er nicht lesen sollte.

»Was hat Morphew Dir zu sagen, das ich nicht lesen darf?« fragte er.

»Willst Du mir nicht erst sagen, was Du in dem Briefe suchst?« entgegnete Lemuel. »Morphew ist gleich Dir Arzt —— ist es etwas Medicinisches?«

Benjulia nickte.

»Ueber Vivisection?« fragte Lemuel verschlagen.

Sofort gab Benjulia den Brief zurück und zeigte nach der Thür. »Das genügt; mach’ Dich mitsamt dem Briefe fort.«

»Ah«, gab Lemuel zurück, »ich freue mich, daß Du ihn nicht weiter zu sehen wünschst. Du hast ein häßliches Temperament, Nathan —— und es sind Dinge darin, die das reizen könnten.«

Bei jedem Andern hätte Benjulia eingesehen, daß diese schlauen Bemerkungen nur den Zweck hatten, ihn zu reizen; aber von seiner Ueberzeugung von der Beschränktheit seines Bruders irre geführt, hielt er es jetzt für möglich, daß die überschlagenen Partien wohl der Beachtung werth sein könnten. Deshalb hielt er denselben an der Thür zurück. »Warte, ich möchte den Brief noch einmal sehen.«

»Das solltest Du lieber unterlassen«, meinte Lemuel. »Morphew will ein Buch gegen Euch schreiben und bittet mich, es hier verlegen zu lassen. Ich bin auf seiner Seite, wie Du weißt, und werde ihm nach Möglichkeit beistehen —— Literaten habe ich bei der Hand, die seinem Stile den nöthigen Schliff geben werden. Er wird Euch riesig an den Pranger stellen!«

Da Benjulia aber noch die Hand hinhielt, so knöpfte er mit übertriebenem Widerstreben seinen Rock wieder auf. Als er dann seinem Bruder den Brief wieder überreichte, ließ sich von neuem das Hundegebell aus der Ferne vernehmen. »Entschuldige, bitte, das gute alte Vieh«, sagte er mit wimmernder Zärtlichkeit, »es scheint zu wissen, daß ich seine Partei bei dem Streite nehme. Wauwau heißt in seiner Sprache soviel wie, »Pfui den grausamen Händen, die uns Löcher in den Schädel bohren und uns das Rückgrat zersägen«. Ach Nathan, hast Du etwa dort in dem abscheulichen Gebäude Hunde, so streichele sie und gieb ihnen ihr Fressen! Du hast mich nie in dieser Weise sprechen hören —— nicht wahr? Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden, seitdem ich der Gesellschaft gegen die Vivisection beigetreten bin. O, hätte ich nur die Gabe des Schreibens!«

Die Wirkung dieses Experimentierens mit der Geduld seines Bruders erfüllte seine Erwartungen nicht, bei dem Gegenstande seiner eigenen Untersuchungen war vielmehr das Interesse des Doctors erwacht.

»Es ist wahr«, sagte Benjulia ernst, »ich habe Dich nie vorher so sprechen hören. Komm’ an’s Licht.« Damit führte er seinen Bruder an’s Fenster, betrachtete ihn mit größter Aufmerksamkeit und prüfte sorgfältig den Puls desselben, während dieser lächelte. »Ich scherze nicht«, sprach Benjulia ernst. »Sage mir, hast Du kürzlich Kopfschmerzen gehabt? Merkst Du, daß Dein Gedächtniß abnimmt?«

Bei diesen Fragen dachte er in vollem Ernste: »Erweicht sich Sein Gehirn? Ich wollte, ich hätte ihn auf meinem Tische!«

Lemuel, der seinem Bruder die Grobheit noch nicht vergeben hatte und aus Erfahrung die schwache Stelle kannte, an der es ihm möglich war, denselben anzugreifen, blieb dabei, sich von der sentimentalen Seite zu zeigen.

»Ich danke Dir für die gütige Nachfrage«, entgegnete er. »Laß Kopf Kopf sein, wenn nur mein Herz am rechten Flecke ist. Ich gebe mich nicht für klug aus, aber ich habe auch meine Gefühle und könnte verschiedene kitzelige Fragen stellen über Eure sogenannten medicinischen Untersuchungen, wenn Morphew mir beistehen würde.«

»Ich will Dir beistehen«, sagte Benjulia, den es interessierte, näheren Aufschluß über den Geisteszustand seines Bruders» zu bekommen.

»Das glaube ich nicht«, antwortete Lemuel.

»Versuche es, Lemuel.«

»Nun gut, Nathan.«

Und damit kehrten beide Brüder, die sich einmal auf dem nämlichen moralischen Niveau befanden, zu ihren Stühlen zurück.



Kapiteltrenner

Capitel XXXIII.

Nun«, begann Benjulia, »Um was soll es sich handeln? Um den beliebten öffentlichen Popanz? Vivisection?«

»Schön. Was kann ich für Dich thun?«

»Sage mir zuerst«, sagte Lemuel, »was ist Gesetz?«

»Das weiß Niemand.«

»Nun denn, was sollte es sein?«

»Ich dächte Gerechtigkeit.«

»Warte einen Augenblick, Nathan, bis ich das im Kopfe habe.«

Und Benjulia wartete mit exemplarischer Geduld.

»Nun von Dir«, fuhr Lemuel dann fort. »Du nimmst doch nichts übel, nicht wahr? Hätte ich Recht, wenn ich Dich als einen bezeichnete, der lebende Wesen secirt?«

Benjulia’s an sich schon dunkle Farbe nahm bei der Erinnerung an den Tag, an welchem er seinen Bruder im Laboratorium entdeckt hatte, einen noch dunkleren Ton an; seine kalten grauen Augen schienen einen Ausbruch zu verkündigen Lemuel fuhr aber fort:

»Verbietet Dir das Gesetz, Deine Experimente an einem Menschen zu machen?«

»Natürlich!«

»Warum verbietet es Dir denn nicht, sie an einem Hunde zu machen?«

Benjulia’s Gesicht hellte sich wieder auf; die einzige schwache Stelle in seiner gleichsam wie mit Eisen gepanzerten Natur war noch nicht erreicht, und diese scheinbar kindische Frage wegen des Hundes schien ihn nicht nur interessiert, sondern auch überrascht zu haben. Er vergaß seinen Bruder; sein klarer Verstand brachte dessen Einwurf in bündigere logische Form und fragte, ob es eine Antwort darauf gäbe. Sein Gedankengang war folgender:

»Das Gesetz, welches Dir verbietet, einen lebenden Menschen zu seciren, erlaubt Dir, einen Hund zu seciren. Warum?«

Er gab positiv keine Antwort darauf.

Angenommen, er sagte: »Weil ein Hund ein Thier ist.« Konnte er als Physiologe leugnen, daß der Mensch auch ein Thier sei?

Angenommen ferner, er sagte: »Weil ein Hund dem Intellekte nach ein untergeordnetes Wesen ist.« Dann lag ja die Antwort auf der Hand: »Aber die niedere Klasse der Wilden und auch der Wahnsinnigen steht, was den Intellekt anbetrifft, noch unter dem Hunde, und demnach hätte doch von beiden der Hund den größeren Anspruch auf Schutz.«

Oder er sagte: »Weil der Mensch ein Geschöpf ist, das eine Seele hat, und der Hund eins, das keine Seele hat.« Das würde einfach die Frage herausfordern: »Woher weißt Du das?«

Wenn er bei dem sich so von selbst darbietenden Dilemma ehrlich sein wollte, schien folgender Schluß unbestreitbar:

Wenn das Gesetz in Bezug auf die Vivisection das Princip der Einmischung anerkennt, so hat es sich des Rechtes begeben, seiner eigenen Kraft willkürliche Grenzen zu setzen. Wenn es überhaupt ein lebendes Wesen beschützt, so ist es nach Vernunft und Gerechtigkeit gebunden, alle zu beschützen.

»Nun«, sagte Lemuel, »soll ich eine Antwort haben?«

»Ich bin kein Rechtsgelehrter.«

Mit dieser bequemen Antwort öffnete Benjulia Mr. Morphew’s Brief und las das Ueberschlagene. Und er fand hier dieselben Fragen, mit denen sein Bruder ihn frappirt hatte, und die nämliche Schlußfolgerung, zu der er selbst gelangt war!

»Du interpretiertest eben die Sprache Deines Hundes«, sagte er ruhig zu Lemuel, »und ich nahm naturgemäß an, daß Dein Verstand schwach würde. Wie die Sachen liegen, bemerke ich, daß Dein Gedächtniß in Ordnung ist. Entschuldige, daß ich Dir den Puls gefühlt habe. Du bist mir kein Gegenstand des Interesses mehr.«

Dann las er weiter, während Lemuel ihn in zuversichtlicher Erwartung der Resultate beobachtete.

In dem Briefe hieß es weiter:

»Ihr Chef wird vielleicht geneigt sein, mein Werk zu veröffentlichen, wenn ich ihm die Ueberzeugung verschaffen kann, daß es sich an das große Publikum wenden wird.

»Wir kennen alle die falschen Vorwände, unter denen die englischen Physiologen ihre Grausamkeiten begehen. Ich will diese falschen Vorwände in der allereinfachsten Weise an den Pranger stellen, indem ich mich auf die Erfahrungen meiner eigenen ärztlichen Praxis berufe.

»Nehmen wir den Vormund, daß sich unsere Kenntniß von der Wirkung von Arzneien und Giften dadurch erweitere, wenn wir mit denselben bei Thieren Versuche anstellen. Gerade die Arzneien, deren Wirkung zu demonstrieren man Hunde und Katzen unnöthig gequält hat, habe ich in einer langen Praxis erfolgreich bei meinen menschlichen Patienten angewandt.

»Ich möchte auch fragen, was für ein Beweis vorhanden sei, daß man sich darauf verlassen könnte, daß die Wirkung eines Giftes bei einem Thiere uns mit Gewißheit Aufschluß über die Wirkung dieses Giftes bei einem Menschen gäbe. Um nur zwei Beispiele anzuführen, die den Zweifel rechtfertigen —— und um diesmal Vögel zu nehmen —— kann eine Taube, ohne im Geringsten dadurch afficirt zu werden, eine Portion Opium verschlingen, die bei einem Menschen den Tod zur Folge haben würde, und ebenso ist die Petersilie, die im Magen eines Menschen ein unschuldiges Kraut ist, für einen Papagei tödtliches Gift.

»In derselben Weise würde ich zeigen, was an dem anderen Vorwande ist, daß wir unsere chirurgischen Kenntnisse durch Experimente an lebenden Thieren vervollkommnen.

»Es ist noch nicht lange her, daß ich einem Hunde ein krankes Bein am Hüftgelenke abnehmen sah, ohne daß eine einzige Ader blutete. Würde man dieselbe Operation bei einem Menschen versuchen, so müßte man nothwendigerweise zwölf bis fünfzehn Adern unterbinden.

»Ferner, eine große Autorität sagt, daß das Einsperren von Hunden in Backöfen zu neuen Entdeckungen in Bezug auf die Behandlung des Fiebers geführt habe. Ich habe immer angenommen, daß die Hitze beim Fieber nicht eine Ursache, sondern eine Folge der Krankheit sei. Doch halten wir uns an die Erfahrung. Hat diese abscheuliche Grausamkeit Resultate hervorgebracht, die uns beim Scharlachfieber helfen könnten? Nein, denn die Praxis lehrt uns, daß das Scharlachfieber noch genau seinen Gang geht wie immer. Solche Beispiele kann ich hundertfach anführen, wenn ich mein Buch schreibe.

»Damit habe ich Ihnen kurz die Methode dargelegt, in welcher ich die wissenschaftliche Barbarei hinter dem Deckmantel der medicinischen Interessen der Menschheit hervorzuziehen und in ihrem wahren Charakter zu zeigen gedenke —— ebenso klar zu zeigen gedenke, wie sich die wissenschaftliche Barbarei des Auslandes von selbst zeigt. Dieselbe versteckt sich nicht hinter falsche Vorwände, fügt nicht die Heuchelei zu der Rohheit, sondern gesteht offen die Wahrheit: »Wir thun es, weil es uns gefällt!«

Benjulia erhob sich und schleuderte den Brief auf den Boden.

»Und ich gestehe die Wahrheit«, sagte er; »ich thue es, weil es mir gefällt. Es giebt noch einige Leute, welche die dumme öffentliche Meinung mit der Verachtung behandeln, die dieselbe verdient —— und ich bin Einer von diesen.« Er zeigte höhnisch auf den Brief. »Dieser weitschweifige alte Narr hat Recht wegen der falschen Vorwände Veröffentliche sein Buch, und ich werde mir ein Exemplar davon anschaffen.«

»Sonderbar«, meinte Lemuel.

»Was ist sonderbar?«

»Nun, Nathan, ich bin nur ein Narr —— wenn Du aber so über falsche Vorwände und die öffentliche Meinung sprichst, warum sagst Du denn Jedem, daß Dein grauenhaftes Hacken und Schneiden harmlose chemische Experimente seien? Und warum geriethest Du so in Wuth, als ich in Deiner Werkstatt dahinterkam? Beantworte mir das!«

»Laß mich Dir erst gratulieren«, sagte Benjulia. »Nicht jeder Narr weiß, daß er ein Narr ist. Und nun sollst Du Deine Antwort haben. Ehe das Jahr zu Ende ist, wird mir Jedermann willkommen sein, der meine Werkstatt besuchen und mich bei der Beschäftigung sehen will. Lemuel, als Du Dich damals durch die unverschlossene Thür geschlichen hattest, fandest Du mich auf dem Wege zu der größten medicinischen Entdeckung dieses Jahrhunderts. Du Einfaltspinsel! glaubst Du, ich machte mir etwas daraus, ob Du hinter etwas kämst? Ja, ich lebe in solch beständiger Angst, daß meine Collegen mir zuvorkommen könnten, daß ich meiner nicht einmal Herr bin, wenn ein Mann wie Du meine Arbeit sieht. In ein paar Monaten —— vielleicht schon in einigen Wochen —— werde ich das große Problem gelöst haben. Den ganzen Tag arbeite ich daran, und denke und träume davon des Nachts. Es wird mich noch umbringen; ja, so stark ich bin, das wird es. Was sagst Du? Ob ich mich im Interesse der Menschheit zu Tode arbeiten will? Ich pfeife auf die Menschheit. Ich arbeite zu meiner eigenen Befriedigung, zu meinem Stolze, weil es mir ein unaussprechliches Vergnügen macht, andere zu schlagen —— für den Ruhm, daß mein Name noch nach hundert Jahren genannt werde. Für die Menschheit! Ich sage mit meinen fremden Collegen, die Wissenschaft ihrer selbst wegen ist der Gott, dem ich diene. Die Wissenschaft ist sich selbst Rechtfertigung und Lohn. Der tobende Pöbel verfolgt uns, über Rohheit schreiend. Wir bemitleiden seine Unwissenheit. Die Wissenschaft heiligt die Grausamkeit. Die alten Anatonien stahlen die Körper der Todten im Dienste der Wissenschaft. Wenn ich in ihrem heiligen Dienste einen lebendigen Menschen stehlen könnte, ohne daß es an’s Licht käme, so würde ich denselben auf meinen Tisch binden und nach Tagen, anstatt nach Monaten im Besitze meiner großen Entdeckung sein. Wo willst Du hin? Was? Du fürchtest Dich, in einem Zimmer mit mir zu sein? Ein Mann, der sprechen kann, wie ich, wäre ein Mann, der sich aus Nichts etwas machen würde? In solch einem Lichte betrachtet ihr Geschöpfe niederen Ranges uns? Blicke etwas höher und Du wirst sehen, daß ein Mann, welcher spricht wie ich, durch die Wissenschaft über Euch gestellt ist. Strenge Dich an und versuche, mich zu verstehen. Habe ich nicht, selbst von Deinem Standpunkte aus, Tugenden? Bin ich nicht ein guter Bürger? Bezahle ich nicht meine Schulden? Bin ich nicht gefällig gegen meine Freunde? Dir Erbärmlichem habe ich stets Geld gegeben, wenn Du etwas brauchtest. Sieh da den Brief am Boden an. Der darin Erwähnte ist einer von jenen Collegen, denen ich mißtraue. Trotz alledem handelte ich gegen ihn, wie die Pflicht verlangte; gab ihm die Auskunft, die er wünschte; gab ihm ein Empfehlungsschreiben für ein fremdes Land. Habe ich kein Gefühl, wie Du es nennst? Meine letzten Experimente an einem Affen entsetzten mich. Die Schmerzensschreie und die bittenden Gebärden desselben waren gerade so, wie bei einem Kinde, und ich würde Alles dafür gegeben haben, ihm das Leiden zu ersparen. Aber ich arbeitete weiter, arbeitete weiter an dem herrlichen Werke. Die Hände wurden mir kalt —— das Herz that mir weh —— ich dachte an ein Kind, mit dem ich manchmal spiele —— ich litt —— aber ich widerstand und arbeitete weiter. Alles für die Wissenschaft! Alles für die Wissenschaft!«

Die Gegenwart seines Bruders war vergessen; sein dunkles Gesicht wurde bleifarben; die riesenhafte Gestalt zitterte; keuchend entrang sich der Athem seiner Brust «— es war entsetzlich, ihn zu sehen und zu hören.

Lemuel schlich aus dem Zimmer. Der Schakal hatte den Löwen geweckt; hierauf war er, als er der Eingebung seiner Bosheit folgte, nicht gefaßt gewesen. »Ich fange an, an den Teufel zu glauben«, sagte er zu sich, als er die Hausthür erreichte.

Als er die Stufen hinunterging, erschien ein Wagen in der Gasse; ein Bedienter öffnete das Thor der Umfriedung, dann fuhr der Wagen auf das Haus zu, und Lemuel erkannte eine Dame in demselben. Sofort eilte er zu seinem Bruder zurück. »Es kommt eine Dame hierher«, sagte er. »Du bist in netter Verfassung, um sie zu empfangen! Nimm Dich zusammen, Nathan —— und, den Teufel, wasch Dir die Hände.«

Damit ergriff er Benjulia am Arm und führte ihn nach oben. Als er dann wieder auf den Flur kam, stieg Mrs. Gallilee die Stufen zur Thür hinauf, und er machte eine tiefe Verbeugung, eine Huldigung die den wohlerhaltenen Ueberresten einer schönen Frau galt. »Mein Bruder wird sofort bei Ihnen sein, gnädige Frau. Bitte, erlauben Sie mir, Ihnen einen Stuhl zu geben.«

Er hatte den Hut in der Hand, und Mrs. Gallilee, die ihn bei ihrer Weltkenntniß genau nach seinem Werthe taxierte, wurde ihn mit bestem Anstande los. »Bitte, lassen Sie sich durch mich nicht zurückhalten; ich werde mit Vergnügen warten.«

Wenn sie zwanzig Jahre jünger gewesen, wäre der Wink vielleicht weggeworfen gewesen, so aber zog sich Lemuel gehorsam zurück.



Kapiteltrenner

Capitel XXXIV.

Ein ungewöhnlich langes« Arbeiten im Bureau hatte den guten Mr. Mool ermüdet; er legte seine Papiere beiseite und ließ die müden Augen auf einer auf dem Tische stehenden gefüllten Blumenvase ruhen, die ihm von einem dankbaren Clienten gesandt war. Wenn er sich auch als Mensch über die lieblichen Farben der Blumen freute, so beklagte er doch als Botaniker, daß dieselben von ihren elterlichen Stämmen getrennt und einem vorzeitigen Tode geweiht worden. »Ich selbst hätte es nicht fertig gebracht, sie abzuschneiden«, dachte er; »aber der Geschmack ist verschieden.«

Der Bureaubursche trat mit einer Visitenkarte in der Hand in’s Zimmer.

»Ich gehe jetzt nach Hause zum Essen«, sagte Mr. Mool. »Der Betreffende muß morgen wiederkommen.«

Als er aber einen Blick auf die von dem Burschen auf den Tisch gelegte Karte warf, sah er, daß der Besuch Mrs. Gallilee war. Was mochte die um sieben Uhr Abends, ohne daß er vorher davon benachrichtigt war, zu ihm führen? Mr. Mool zitterte bei der unheimlichen Ahnung eines ernsten Familienunfalls, der der gesetzlichen Einmischung bedürfte, und sagte natürlich: »Laß die Dame eintreten.«

Ehe sie aber noch ein Wort gewechselt hatten, war der Rechtsanwalt wieder beruhigt. Mrs. Gallilee strahlte ihn mit ihrem holdesten Lächeln an, drückte ihm mit freundlichster Wärme die Hand und bewunderte das Bouquet mit ihrem rückhaltslosesten Enthusiasmus. »Wundervoll, ganz vollkommen«, sagte sie —— »besonders das Stiefmütterchen. Sehen Sie den runden flachen Saum, M. Mool; diese vollkommen gleichförmigen oberen Kronenblätter —— das ist eine Blume, die es mit der Kritik aufnimmt! Die möchte ich seciren.«

Mr. Mool trat ihr das Stiefmütterchen zuvorkommend zum Seciren —— oder zum schändlichen Verstümmeln, wie er es bei einer von seinen eigenen Blumen genannt haben würde —— ab und wartete mit Spannung, was seine gelehrte Clientin ihm zu sagen hätte.

»Ich werde Sie überraschen —— nein, erschrecken, ja ich kann sagen, mit Entsetzen erfüllen«, kündete Mrs. Gallilee an, und rief dadurch Mr. Mool’s Besorgnisse plötzlich wieder zurück. Sie selbst aber zeigte keine Spur von heftiger Bewegung und fuhr mit einer durchsichtigen Affectirung von Verlegenheit fort: »Wie soll ich es vorbringen? Soll ich es eine Schande für unsere Familie nennen?« Mr. Mool fuhr auf, sie aber bat ihn, ruhig zu bleiben; stufenweise näherte sie sich der unvermeidlichen Enthüllung. »Sie haben jawohl Herrn Doctor Benjulia in meinem Hause kennen gelernt?«

»Jawohl, ich habe die Ehre gehabt. Nicht eben ein geselliger Herr —— wenn ich es wagen darf, so zu sagen.«

»Gelegentlich geradezu grob, Mr. Mool; aber darauf kommt hier nichts an. Ich komme soeben von ihm.«

Hing der Besuch bei dem Doctor etwa mit der »Schande für die Familie« zusammen? »Doctor Benjulia ist doch nicht verwandt mit Ihnen, gnädige Frau —— wie?« wagte Mr. Mool zu fragen.

»Nein, durchaus nicht. Aber, bitte, Unterbrechen Sie mich nicht wieder. Ich breite, um mich so auszudrücken, eine Kette von Umständen vor Ihnen aus, und möchte sonst ein Glied auslassen. Als junger Mann hielt sich Doctor Benjulia —— ich komme wieder auf meine Kette von Umständen, Mr. Mool —— als junger Mann hielt er sich seiner Studien wegen in Rom auf —— ich habe dies, bitte zu bemerken, von ihm selbst —— und dort wurde er mit meinem seligen Bruder bekannt, gerade in der Periode nach dessen unglücklicher Heirath. Doch halt! ich habe mich wieder nicht stark genug ausgedrückt —— nach dessen entehrender Heirath hätte ich sagen sollen.«

»Aber Mrs. Gallilee ——«

»Mr. Mool!«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau.«

»Keine Ursache! Ich komme auf den nächsten Umstand. Einer von des Doctors Studiencollegen, der als ein ganz unwiderstehlicher Mann beschrieben wird, besaß dabei Fähigkeiten, die selbst unseren ungeselligen Benjulia anzogen, so daß sie Freunde wurden. Zu der Zeit, von welcher ich jetzt spreche, wurde die abscheuliche Frau meines Bruders —— ja, Mr. Mool, ich wiederhole es nochmals —— wurde sein abscheuliches Weib Mutter von einem Mädchen.«

»Ihrer Nichte, Mrs. Gallilee.«

»Nein!«

»Nicht Miß Carmina?«

»Miß Carmina ist ebenso wenig meine Nichte, als sie die Ihrige ist. Erinnern Sie sich dessen, was ich eben gesagt habe. Ich erwähnte eines Studenten der Medicin, der ein unwiderstehlicher Mann gewesen sei —— das war Miß Carmina’s Vater.«

Mr. Mool schnellte in die Höhe und würde seinem Staunen und seiner Entrüstung auf der Stelle Ausdruck gegeben haben, wenn ihn nicht seine Erfahrung als Advokat vor der Unklugheit des vorschnellen Aussprechen gewarnt hätte. So that er sich Gewalt an —— und setzte sich wieder.

Ohne diesen kleinen Zwischenfall zu beachten, ließ Mrs. Gallilee ihren Triumph durchbrechen, ihre Augen glänzten, ihre Stimme hob sich. »Und das Gesetz, Mr. Mool! was sagt das Gesetzt?« rief sie. »Ist das Testament meines Bruders mehr als Makulatur? Wird das Geld unter den einzigen nahen Verwandten getheilt? Sagen Sie! Sprechen Sie!«

Da der Rechtsanwalt —— sei es nun, daß er fühlte, daß die Luft im Zimmer einer Reinigung bedürfe, oder daß ihn sein Gesicht sonst verrathen würde —— plötzlich das Gesicht in das Bouquet tauchte, fuhr Mrs. Gallilee, die um eine geschickte Auslegung dieses außerordentlichen Vorganges nicht verlegen war, mit patronisirendem Wohlwollen fort:

»Nehmen Sie sich Zeit, Mr. Mool. Ich kenne Ihre sensitive Natur und weiß, was ich selbst empfand, als diese entsetzliche Entdeckung über mich hereinbrach. Wenn Sie sich erinnern, sagte ich, daß Sie starr vor Entsetzen sein würden. Nehmen Sie sich Zeit, Verehrtester —— bitte, nehmen Sie sich Zeit.«

Daß ihm so Muth zugesprochen wurde, als ob er der seiner Bewegung unterliegende Client und sie der leidenschaftslose Advokat wäre, brachte Mr. Mool auf. Schüchterne Menschen sind in den innersten Tiefen ihrer Natur stolz, und auch der Advokat hatte seinen Berufsstolz. Sein Gesicht war gefaßt, als er es von den Blumen erhob, und zum ersten Male im Leben fürchtete er sich nicht vor Mrs. Gallilee.

»Ehe wir«, begann er, »von der gesetzlichen Seite des Falles sprechen ——«

»Des abscheulichen Falles«, warf Mrs. Gallilee im Interesse der Tugend ein; aber Mr. Mool, der unter anderen Umständen die Correctur angenommen haben würde, nahm diesmal durchaus keine Notiz davon, sondern fuhr fort: —— »muß ich Sie bitten, mich über einen Punkt aufzuklären.«

»Gewiß! Ich bin bereit, auf alle Details einzugehen, so widerwärtig dieselben auch sein mögen.«

Mr. Mool konnte sich nicht enthalten, an gewisse »Damen« zu denken, die, wenn sie vom Vorsitzenden aufgefordert werden, bei gewissen Verhören den Saal zu verlassen, ruhig auf ihren Plätzen bleiben. Stark in seinem neuen Entschlusse, nahm er sich vor, Mrs. Gallilee aus ihrer Täuschung zu reißen.

»Habe ich Recht, wenn ich annehme, daß Sie glauben, was Sie mir gesagt haben?«

»Ganz gewiß!«

»Ist Herr Doctor Benjulia der Einzige, der mit Ihnen über die Sache gesprochen hat?«

»Jawohl.«

»Und dessen Gewährsmann ist sein Freund —— der eben von Ihnen erwähnte Studiengenosse?«

»Mit anderen Worten, der Vater des unseligen Mädchens, das» meiner Pflege unterschoben worden ist«, war die Antwort, die dem Rechtsanwalt seinen Muth wiedergegeben haben würde, falls überhaupt Gefahr gewesen wäre, daß er denselben verlöre. Als ob er einen Zeugen vor dem Polizeigerichte verhörte, fuhr er fort:

»Der Herr Doctor hat vermuthlich irgend welchen Grund, das, was ihm sein Freund gesagt, zu glauben?«

»Grund in Menge! Laster und Armuth gehen in der Regel Hand in Hand —— und dieser Mann war arm. Er hat Doctor Benjulia Geld gezeigt, welches er von seiner Geliebten erhalten —— natürlich das Geld ihres Mannes, wie ich wohl nicht mehr zu sagen brauche.«

»Das möchte aus unschuldigen Motiven geschehen sein, Mrs. Gallilee. Hatte der Mann irgend welche Briefe von ihr vorzuzeigen?«

»Nein. Sie war zu schlau —— oder höchst wahrscheinlich zu unwissend —— um Briefe zu schreiben.«

»Darf ich fragen, ob sonstige Beweise vorliegen?«

»Sie haben Beweise genug gehabt«

»Mit aller Achtung, gnädige Frau, das bestreite ich.«

Mrs. Gallilee hielt es für hohe Zeit, dem Examen ein Ende zu machen. Sie war nicht aufgefordert worden, in widerwärtige Details einzugehen; ihr war vielmehr von ihrem früher so gehorsamen und demüthigen Diener widersprochen worden; so sagte sie denn:

»Wenn Sie sich vorgenommen haben, die Frau für unschuldig zu halten, ohne etwas Näheres von den Verhältnissen zu wissen ——«

»Entschuldigen Sie, Mrs. Gallilee«, unterbrach sie der Advo1at, es noch schlimmer machend, »Sie vergessen, glaube ich, daß ich vor vielen Jahren meine Herbstferien einmal in Italien verbrachte, wo ich mich wie der Herr Doctor Benjulia nach der Heirath Ihres seligen Bruders in Rom aushielt. Die Gattin desselben, das weiß ich ganz bestimmt, wurde in der Gesellschaft aufgenommen; ihr Ruf war unbefleckt und Ihr Bruder verehrte sie.«

»Gerade herausgesagt«, entgegnete Mrs. Gallilee, »mein Bruder war ein armes schwaches Geschöpf, und man war damals noch nicht hinter das Thun seiner Frau gekommen.«

»Das ist eben die Schwierigkeit«, gab der Advokat zurück. »Wie kommt es, daß man jetzt erst dahinter kommt? Jahre sind seit ihrem Tode verflossen, und es muß noch länger her sein, daß Herr Doctor Benjulia von diesem Angriff auf ihren Charakter Kenntniß bekam. Warum hat er, da er doch ein alter Freund von Ihnen ist, Ihnen erst heute davon erzählt? Ich hoffe, daß ich Sie mit diesen Fragen nicht beleidige.«

»O, gewiß nicht! Dieselben sind so leicht beantwortet. Ich habe dem Doktor nie Anlaß gegeben, von meinem Bruder und dessen Frau zu sprechen, denn das Thema war mir zu widerwärtig; und ihm ging es, wie ich nicht zweifele, ebenso.«

»Bis heute«, bemerkte der Anwalt ruhig. »Heute aber scheint der Herr Doctor das Thema bereitwilligst berührt zu haben.«

»Unter besonderen Umständen, Mr. Mool. Oder geben Sie nicht zu, daß besondere Umstände einen Unterschied machen?«

Das gab Mr. Mool indessen zu und wartete dann, um zu hören, was das für Umstände gewesen seien.

Aber Mrs. Gallilee hatte ihre Gründe, darüber Stillschweigen zu beobachten. Konnte sie doch unmöglich des ihr von Benjulia gewordenen Empfanges erwähnen, ohne ihrer Selbstachtung eine Wunde zu schlagen; denn derselbe hatte, um damit zu beginnen die Thür des Zimmers offen gelassen und war stehen geblieben. »«Haben Sie Ovid’s Briefe mitgebracht? Lassen Sie dieselben hier, denn ich bin jetzt nicht danach aufgelegt, sie zu lesen.« Das waren seine ersten Worte gewesen; und da die Briefe nichts enthielten, was ein Freund nicht lesen konnte, so hatte sie ihm erlaubt, dieselben zu behalten. Darauf hatte ihr der Doctor seine Verbindlichkeit dadurch ausgedrückt, daß er sie gebeten, wieder einzusteigen und sich zu entfernen. »Ich bin in Leidenschaft versetzt worden, habe mich zum Narren gemacht; es ist kein Nerv an mir, der nicht vor Wuth bebte. Gehen Sie! Gehen! Gehen Sie!« Das war seine Erklärung gewesen; aber Mrs. Gallilee’s unerschütterliche Hartnäckigkeit hatte ihm ohne Bangen Trotz geboten. Sollte sie etwa diese ganze Fahrt unternommen haben, um sich wieder fortschicken zu lassen, ohne ihren Zweck erreicht zu haben? Nein, sie war gekommen, um ihn nach etwas zu fragen, und bestand nun auf Antwort, wie es eben nur eine Frau fertig bringt, so daß ihm nichts übrig blieb, als sie entweder mit Gewalt hinauszuwerfen, oder ihr als Mann von Erziehung den Willen zu thun und sie so auf anständige Weise los zu werden. Neigung zu boshaften Klatschereien gehörte nicht zu Benjulia’s Schwächen, der jene Anspielung, die er damals im zoologischen Garten zufällig gegen Ovid hatte fallen lassen, schon bereut hatte —— d. h. nicht Carmina’s wegen, sondern seiner selbst wegen. Zu jeder anderen Zeit würde er es direct zurückgewiesen haben, sich auf diesen Gegenstand einzulassen und sich dadurch mit den scandalösen Klatschschwestern auf eine Stufe zu stellen. In seiner jetzigen Gemüthsverfassung gab er Mrs. Gallilee nach, um sie nur los zu werden. So hatte sie es Lemuel Benjulia’s Besuche und Mr. Morphew’s beabsichtigtem Angriffe gegen die Vivisection zu verdanken, daß sie die schändliche Geschichte zu hören bekam, die sie ihrem Sachwalter wiederholt hatte.

Mr. Mool wartete und wartete —— aber vergeblich, so daß er sich genöthigt sah, seine Clientin an das, was sie eben gesagt hatte, zu erinnern.

»Sie erwähnten gewisser Umstände. Darf ich wissen, was das für Umstände sind?« fragte er.

Die Gefragte erhob sich und antwortete dann erst: »Ihre Zeit ist kostbar und die meinige gleichfalls. Wir würden uns durch eine Verlängerung der Unterhaltung gegenseitig doch nicht überzeugen. Ich kam hierher, Mr. Mool, um in Betreff des Gesetzes eine Frage an Sie zu richten, und erlaube mir, Sie zu erinnern, daß ich bis jetzt meine Antwort noch nicht bekommen habe. Meiner Ansicht nach hat das Mädchen, welches ich jetzt im Hause habe, da sie nicht das Kind meines Bruders ist, keinen Anspruch an dessen Vermögen. Sagen Sie mir gefälligst in zwei Worten —— habe ich Recht oder Unrecht?«

»Das kann ich Ihnen in einem Worte sagen, Mrs. Gallilee —— Unrecht.«

»Wie!«

»So lange Mann und Frau zusammen leben«, erklärte Mr. Mool, über die —— wie er sich sagte —— famoseste Antwort, die er je gegeben, triumphierend, »sind alle in der Ehe gebotenen Kinder Kinder der Gatten. Selbst wenn Miß Carmina’s Mutter nicht eine so gute und unschuldige Frau gewesen wäre, wie nur je existierte —— ——«

»Das genügt, Mr. Mool. Sie wollen also wirklich sagen, daß das Interesse dieses Mädchens an dem Testamente meines Bruders —— ——«

»Durch Alles das, was Sie mir gesagt haben, gnädige Frau, unberührt bleibt.«

»Und ich bin also noch verpflichtet, sie in Pflege zu behalten?«

»Oder zu Gunsten Lady Northlakes auf das Pflegeamt zu verzichten«, antwortete der Rechtsanwalt.

»Weiter will ich Sie nicht stören, Mr. Mool. Guten Abend.«

Damit wollte sie das Bureau verlassen, aber der Advokat wagte es wirklich, sie zurückzuhalten.

»Noch ein Wort, Mrs. Gallilee.«

»Nein, wir haben bereits genug gesagt.«

Jetzt aber erreichte die Kühnheit des Advokaten ihren Höhenpunkt, denn er legte die Hand auf den Drücker und hielt die Thür zu.

»Wegen der jungen Dame, Mrs. Gallilee! Sie werden, selbst wenn es wahr wäre, sich jedenfalls mit keinem Worte darüber gegen die liebliche junge Dame auslassen, nicht wahr? Und Gott ist mein Zeuge, daß ich fest glaube, es ist Unwahrheit —— ——«

»Guten Abend, Mr. Mool.«

Blick und Ton sagten ihm, daß jede Vorstellung schlimmer als nutzlos sein würde, so öffnete er die Thür und ließ sie gehen. Und als er allein war, brach der bescheidene und liebenswürdige Mann, von dem man nie eine Verwünschung gehört hatte, in die Worte aus: »Dieser verd . . . . . Doctor Benjulia!« Obgleich sein Essen auf ihn wartete, ging er, anstatt seinen Hut aufzusetzen, an seinen Arbeitstisch ließ seine Gedanken in die Zukunft wandern und entdeckte Möglichkeiten vor welchen dieselben zurückschraken. Dann nahm er die Feder und begann einen Brief.

»An Herrn John Gallilee, Esquire —— Werther Herr! Es sind Verhältnisse eingetreten, die ich nicht die Freiheit habe, zu erwähnen, die mich aber meinen Ansichten und Gefühlen gemäß zwingen, die Stellung eines gesetzlichen Rathgebers bei Ihnen und Ihrer Familie aufzugeben.« Hier hielt er inne und überlegte. »Nein«, entschied er sich dann, »ich kann als Sachwalter der Familie dem armen Kinde von Nutzen sein.« Und damit zerriß er den angefangenen Brief.

Zu Hause hatte Mr. Mool heute Abend wenig Appetit zum Essen, sprach aber dem Weine mehr als gewöhnlich zu.



Kapiteltrenner

Capitel XXXV.

Ich weiß gar nicht, was mit mir ist, und es ist mir manchmal, als ob ich wirklich krank würde.«

Es war am Tage nach Mrs. Gallilee's Vesuche bei dem Rechtsanwalt —— und Obiges war die Antwort Carmina’s, als die Gouvernante nach Beendigung des Morgenunterrichts bei ihr eintrat und sie fragte, ob sie sich besser fühle.

»Nehmen Sie noch Arznei ein?« fragte Miß Minerva weiter.

»Ja. Mr. Null sagt, es sei ein Stärkungsmittel und würde mir jedenfalls gut thun. Ich merke aber noch nichts davon, fühle mich vielmehr so entsetzlich schwach, Frances. Die geringste Kleinigkeit bringt mich zum Weinen, und dabei schiebe ich auf, was ich thun sollte und thun möchte, ohne zu wissen warum. Sie erinnern sich dessen, was ich Ihnen über Teresa gesagt habe? Dieselbe kann meines Wissens in einigen Tagen hier sein, und ich muß eine hübsche Wohnung für sie suchen —— und ich sitze hier und denke wohl daran, handele aber nicht.«

»Ueberlassen Sie mir die Sache«, meinte Miß Minerva.

»Das ist zu freundlich von Ihnen«, sagte Carmina, während ihr trauriges Gesicht sich erhellte.

»Unsinn! Ich werde heute nach dem Essen mit den Kindern ausgehen, und es wird mir und den Mädchen ein Vergnügen sein, Wohnungen zu besehen.«

»Wo ist Zo? Warum haben Sie dieselbe nicht mitgebracht?«

»Sie hat jetzt Musikstunde, und ich muß wieder hin, um sie in Ordnung zu halten. Ein Wohn- und ein Schlafzimmer werden jawohl genug sein? Aber hier in der Nachbarschaft werden die Miethen ziemlich hoch sein, fürchte ich.«

»O, das macht nichts! Wenn es nur reine luftige Zimmer sind —— und die Wirthin freundlich ist. Teresa braucht es nicht zu wissen, wenn sie theuer sind.«

»Wird sie zugeben, daß Sie ihre Ausgaben bestreiten?«

»Sehen Sie, Sie sprechen zartfühlend! Meine Tante schien daran zu zweifeln, daß Teresa überhaupt Geld habe, und ich dachte in dem Augenblicke nicht daran» daß mein Vater ihr ein kleines Einkommen ausgesetzt hat. Sie hat es mir selbst gesagt und wunderte sich, wie sie das aufbrauchen sollte. Das darf sie aber nicht, und wir werden ihr sagen, daß der Miethspreis nur die Hälfte des wirklichen betrüge —— die andere Hälfte werde ich bezahlen. Ist es nicht hartherzig von meiner Tante, daß sie meine alte Amme nicht bei uns wohnen lassen will?«

In diesem Augenblicke ließ Mrs. Gallilee sagen, daß sie Miß Carmina sofort zu sprechen wünsche.

»Warum zittern Sie so, Liebe?« fragte Miß Minerva, als der Bediente wieder fort war.

»Es ist etwas in mir, Frances, das vor meiner Tante zurückschaudert, seitdem —— ——«

Sie hielt inne.

Miß Minerva verstand diese plötzliche Pause —— die unabsichtliche Anspielung auf Carmina's unverschuldetes Wissen um ihre Gefühle für Ovid. Nach stillschweigender Uebereinkunft behielten sie noch ihre früheren Beziehungen bei, als ob Mrs. Gallilee nichts gesagt hätte. Carmina traurig, aber freundlich ansehend, sagte sie derselben »Adieu für jetzt« und ging nach oben zu dem Schulzimmer.

Der Bediente wartete auf Carmina in der Halle und öffnete die Thür der Bibliothek, in welcher die Gelehrte bei ihren Studien war.

Da Carmina am vorigen Abend auf ihrem Zimmer geblieben war und heute Morgen im Bette gefrühstückt hatte, sah sie ihre Tante jetzt zum ersten Mal, seitdem dieselbe Benjulia ihren Besuch gemacht hatte, und wurde sich sofort einer Veränderung bewußt, die sie allerdings mehr fühlte, als daß sie sich darüber Rechenschaft geben konnte —— einer subtilen Veränderung in der Weise, wie dieselbe sie ansah und anredete, als sie sagte: »Ich habe mit Mr. Null über Dich gesprochen.« Das Herz schlug Carmina heftig, während sie schweigend den nächsten Stuhl nahm.

»Der Doctor«, fuhr Mrs. Gallilee fort, »hält es für wichtig, daß Du soviel als möglich in die Luft kommst, und er wünscht, daß Du während des schönen Wetters jeden Tag ausfährst. Ich habe den offenen Wagen nach dem Lunch bestellt. Da ich selbst verhindert bin, Dich zu begleiten, wirst Du unter der Obhut meiner Jungfer sein und zwei Stunden draußen bleiben. Mr. Null hofft, daß es Dich kräftigen wird. Wünschst Du sonst irgend etwas?«

»Nein — ich danke.«

»Vielleicht ein neues» Kleid?«

»O, nein!«

»Hast Du Dich über die Dienerschaft zu beklagen?«

»Nein, dieselben sind stets freundlich gegen mich.«

»Dann wir! ich Dich nicht weiter aufhalten —— ich erwarte gleich Besuch.«

In Zweifel und Furcht hatte Carmina das Zimmer betreten und verließ es wieder mit einem seltsamen Gemisch von Unruhe und Erleichterung. Mit jedem Worte, welches ihre Tante zu ihr gesagt, hatte sich das Gefühl von einer mysteriösen Veränderung, die mit derselben vorgegangen, vermehrt. In ihrem Ton und Benehmen entsprach dieselbe ganz der Vorstellung, die sich Carmina von den Vorsteherinnen jener Besserungs-Institute, von denen sie gehört, gemacht hatte, und das junge Mädchen war sich ungefähr wie eine von einer solchen Gemaßregelte vorgekommen.

Beim Durchschreiten der Halle nahmen ihre Gedanken eine neue Richtung an, eine unbestimmte Unruhe in Bezug auf die Zukunft ergriff sie, und, indem ihr Auge abwechselnd auf ein auf dem Tische in der Halle stehendes häßliches Korkmodell des Colosseums fiel, dachte sie bei sich: »Hoffentlich kommt Teresa bald« —— dann wandte sie sich der Treppe zu.

Den Kopf gesenkt, in sich versunken, erreichte sie den Flur der ersten Enge, als sie plötzlich den Schall von Fußtritten vernahm und aufsehend sich Mr. Le Frank gegenüber sah, der nach Beendigung seiner Musikstunde aus dem Schulzimmer kam. Bei dem Plötzlichen dieser Begegnung entfuhr ihr ein leichter Ausruf des Erschreckens, worauf der Musiklehrer eine ausgesucht förmliche Verbeugung machte und mit albern steifer Euiphase sagte: »Ich bitte um Verzeihung, gnädiges Fräulein.«

Mit einem Gefühl der Reue jener paar thörichten Worte gedenkend, die er unglücklicherweise gehört hatte, machte das Mädchen, einem natürlichen Impulse folgend, den Versuch, ihn zu versöhnen, indem sie schüchtern sagte: »Ich habe so wenig Freunde, Mr. Le Frank —— darf ich Sie als einen derselben betrachten? Wollen Sie vergeben und vergessen? Wollen Sie mir die Hand geben?«

Der Musiklehrer machte nochmals eine prächtige Verbeugung, sagte in seinen schönsten widerhallenden Tönen —— er war ja stolz auf seine Stimme —— »Sie beehren mich ——« nahm die ihm dargebotene Hand und führte dieselbe mit Grandezza an die Lippen.

Mit der freien Hand sich an der Ballustrade haltend, drängte sie das Gefühl des Ekels, welches diese momentane Berührung ihr verursachte, zurück; aber er hätte vielleicht dennoch die äußeren Zeichen des in ihr vorgehenden Kampfes entdeckt, wenn nicht plötzlich die Stimme Mrs. Gallilee’s, die in der geöffneten Thür der Bibliothek stand, erklungen wäre.

»Ich warte auf Sie, Mr. Le Frank.«

Carmina eilte nach oben und hatte in ihrer ersten Verwirrung und Muthlosigkeit nur den einen klaren Gedanken, daß sie wieder eine Unklugheit begangen habe.

Mittlerweile hatte Mrs. Gallilee ihren Musiklehrer mit dem ihr eben möglichen nachsichtigen Willkommen empfangen.

»Nehmen Sie Platz im Lehnstuhle Mr. Le Frank. Sie sind doch nicht ängstlich wegen des geöffneten Fensters?«

»O bewahre! Das habe ich gern!« Dann rollte er hastig einige Notenblätter auseinander, die er mit heruntergebracht hatte, und sagte: »Wegen des Liedes, das zu erwähnen ich die Ehre hatte —— ——«

»Legen Sie dasselbe vorläufig dahin«, unterbrach ihn die Hausherrin, auf den Tisch deutend. Ich habe erst etwas mit Ihnen zu sprechen. Wie kamen Sie dazu, meine Nichte zu erschrecken? Ich hörte etwas wie einen Schrei und sah deshalb hinaus. Sie entschuldigte sich und bat Sie, zu vergeben und zu vergessen. Was bedeutet dies Alles?«

Mr. Le Frank strengte seinen Scharfsinn an, um höflich ausweichen zu können, hatte aber nicht den mindesten Erfolg. Mrs. Gallilee ließ ihn nicht entschlüpfen; er mußte ihr wörtlich Carmina’s Ansicht über ihn als Mensch und Musiker und die Umstände, unter denen er dieselbe erfahren hatte, berichten. Sie hörte ihm dabei mit einem Interesse zu, welches unter weniger mißlichen Verhältnissen selbst seiner Eitelkeit geschmeichelt hätte.

Nicht einen Augenblick ließ sie sich durch den plump affektierten Humor, mit dem er die Geschichte erzählte, täuschen, ihr Scharfsinn entdeckte vielmehr das Gefühl der Rachsucht gegen Carmina, das ihn im Nothfalle zu einem brauchbaren Werkzeuge in ihrer Hand machen konnte. Allmählich zeigte sie sich in dem neuen Charakter einer sympathisierenden Freundin.

»Jetzt weiß ich, weshalb Sie es ablehnten, meiner Nichte Musikunterricht zu geben, und kann nicht umhin, mich zu entschuldigen, daß ich Sie unwissentlich in eine falsche Stellung gebracht habe. Ich weiß das Zartgefühl, welches Ihr Benehmen bekundet, zu würdigen —— ich verstehe und bewundere Sie.«

Die blühenden Wangen des Musiklehrers wurden noch röther; sein kaltes Blut erhitzte sich durch die Gluth geschmeichelter Selbstachtung.

»Meiner Nichte Motive, dies zu verschweigen, sind klar genug«, fuhr Mrs. Gallilee fort. »Ich will hoffen, daß sie sich schämte, den vollständigen Mangel an Geschmack, Delicatesse und Lebensart, der Sie mit Recht beleidigt hat, einzugestehen. Miß Minerva aber hat keine Entschuldigung, daß sie mich im Dunkeln gelassen, und ihr Benehmen in dieser Sache bietet, wie ich leider sagen muß, wieder ein Beispiel ihrer gewohnten Vernachlässigung der Pflichten, die mit ihrer Stellung in meinem Hause verbunden sind. Es scheint ein privates Einverständniß zwischen meiner Gouvernante und meiner Nichte zu existieren, das ich des Höchsten mißbillige. Doch das Thema ist zu widerwärtig, um bei demselben zu verweilen. Sie sprachen von Ihrem Liede —— jawohl das neueste Product Ihres Genius?«

Seines »Genius!« Die innere Gluth Mr. Le Franks wurde wärmer und wärmer. »Ich habe um die Ehre einer Unterredung gebeten, um eine Bitte auszusprechen«, erklärte er, die Notenblätter vom Tische nehmend. »Dies ist mein neuestes und, so hoffe ich, bestes Compositionsproduct. Darf ich es Ihnen ——?«

»Dediciren!« rief Mrs. Gallilee enthusiastisch worauf der Musiklehren der das Compliment fühlte, sich dankbar verbeugte.

»Brauche ich zu sagen, mit welcher Freude ich die Ehre annehme?« Mit dieser anmuthigen Antwort erhob sich Mrs. Gallilee.

Sollte das eine Andeutung sein, daß er sie nun, da er seinen Zweck erreicht, ihren Studien überlassen möge, oder war es ein Akt der Huldigung, den die Wissenschaft der Kunst darbrachte? Mr. Le Frank war nicht im Stande, irgend einer Handlung einer Dame —— und erst solch einer Dame —— in seiner Gegenwart eine ungünstige Deutung zu geben und er fühlte wieder das Compliment. »Das erste Exemplar soll Ihnen, gnädige Frau, übersandt werden«, sagte er und griff nach seinem Hüte, um so schnell wie möglich die Setzer in Thätigkeit zu setzen.

»Und weitere fünfundzwanzig Exemplare auf welche ich subscribire«, rief seine freigebige Patronin, ihm herzlich die Hand schüttelnd.

Mr. Le Frank versuchte seiner Verbindlichkeit Ausdruck zu geben, aber die Großmüthige wollte Nichts davon hören.

Ehe er aber aus der Halle war, wurde er noch einmal weich und vertraulich in die Bibliothek zurückgerufen.

»Noch ein Wort«, sagte Mrs. Gallilee. »Bitte schließen Sie für einen Augenblick die Thür, Miß Carmina möchte wieder auf der Treppe sein. Haben Sie eine Idee, welchen Zweck sie mit dieser außerordentlichen Abbitte verfolgte?«

»Nicht die mindeste«, antwortete der Musiklehrer, dessen Argwohn sofort erwachte. »Können Sie es mir sagen?«

»Ich bin darüber ebenso in Verlegenheit wie Sie«, entgegnete Mrs. Gallilee. »Vielleicht wird die Zeit es lehren. Adieu noch einmal —— und meine besten Wünsche für den Erfolg des Liedes.«



Kapiteltrenner

Capitel XXXVI.

Es war Carmina unmöglich, in ihrer jetzigen Gemüthsverfassung ihr einsames Zimmer aufzusuchen, deshalb ging sie nach dem Schulzimmer, wo sie Miß Minerva allein antraf, da die beiden Mädchen der Hausordnung gemäß zu ihrem Diner Toilette machten.

Sie beschrieb ihrer Freundin den Besuch bei ihrer Tante und das Zusammentreffen mit dem Musiklehrer und schloß: »Schelten Sie mich nicht, ich will meine Thorheit nicht entschuldigen.«

»Hätte Mr. Le Frank nach seiner Begegnung mit Ihnen das Haus verlassen«, antwortete Miß Minerva, »so würde ich nicht so besorgt sein, aber daß er zu Ihrer Tante gegangen ist, gefällt mir nicht —— besonders nicht nach dem, was Sie mir über die Veränderung in deren Benehmen gegen Sie gesagt haben. Sie besitzen eine lebhafte Phantasie, Carmina Sind Sie sicher, daß dieselbe Ihnen keinen Streich gespielt hat?«

»Vollkommen sicher.«

»Wollen Sie mir behilflich sein, mich dessen ebenso sicher zu fühlen?« fragte die Gouvernante, die noch nicht ganz befriedigt war. »Ihre Tante pflegt gewöhnlich, wenn die Kinder essen, auf einige Minuten hierher zu kommen. Bleiben Sie hier und sprechen Sie in meiner Gegenwart etwas mit ihr, damit ich selbst urtheilen kann.«

Dann kamen die Mädchen herein. Die vollkommene Toilette Maria’s strahlte den vollkommenen Charakter derselben zurück und dieselbe erfüllte die Pflichten der Höflichkeit mit der an ihr gewohnten glücklichen Wahl des Ausdrucks: »Liebe Carmina, es ist in der That ein Vergnügen, Dich wieder in unserm Schulzimmer zu sehen. Wir sind so besorgt um Deine Gesundheit, aber dies herrliche Wetter ist jedenfalls günstig für Dich und Papa hält Mr. Null für einen sehr gescheiten Doctor.« Da die kleine Zo mit finsterem Gesichte dabeistand, so fragte Carmina dieselbe, was sie habe, und das Kind antwortete, düster den Hund auf der Decke ansehend: »Ich wollte, ich wäre Tinker.« Maria lächelte holdselig. »Aber Zo, was für ein sonderbarer Wunsch! Was würdest Du denn thun, wenn Du Tinker wärst?« Mit der Miene größten Interesses zeigte Zo auf den Hund, der sich beim Hören seines Namens erhoben hatte und sich nun schüttelte. »Er braucht sich nicht zu kämmen, wenn er ausgeht«, bemerkte sie, »und man sieht es nicht, wenn seine Nägel schmutzig sind. Und dann« —— dies flüsterte sie Carmina in’s Ohr —— »hat er keine Gouvernante.«

Das Essen erschien und nach demselben Mrs. Gallilee. Maria sprach das Tischgebet, aber die beim Essen immer gierige Zo vergaß Amen zu sagen, und als Carmina, die hinter ihrem Stuhle stand, sie daran erinnerte, rief sie »Amen«, fügte indeß sofort flüsternd hinzu: »wirklich schrecklich!« Mrs. Gallilee betrachtete ihre Nichte wie eine von der Straße hereingekommene Aufdringliche und äußerte dann: »Du solltest Dich lieber vor dem Essen anziehen, damit Du den Wagen nicht warten zu lassen brauchst.«

Dies hörend, legte Zo Messer und Gabel hin und sagte, sich umsehend: »Frage, ob ich mitkommen darf.« Mrs. Gallilee aber antwortete auf die dahingehende Frage Carmina’s »Nein, die Kinder sollen gehen, mein Mädchen wird Dich begleiten.«

Beim Verlassen des Zimmers warf Carmina der Gouvernante einen Blick zu, den diese, die die Veränderung in Mrs. Gallilee’s Benehmen bemerkt hatte, ohne eine Erklärung dafür zu haben, erwiderte.

Es ist schwierig zu sagen, wer von beiden, Carmina oder das Mädchen, sich durch die gezwungene Gesellschaft im Wagen am meisten bedrückt fühlte. Das Mädchen war vielleicht die Bedauernswerthere denn während sich dasselbe wie die übrige Dienerschaft zu Carmina hingezogen fühlte, war es von seiner Herrin gezwungen, die Rolle der Spionin zu spielen und derselben jede Abweichung von der dem Kutscher vorgeschriebenen Route und jeden Verkehr der jungen Dame, es sei mit wem es wolle, zu berichten. Mrs. Gallilee hatte den Reisesack nicht vergessen, und die Erklärungen des Rechtsanwaltes hatten ihr gezeigt, daß die Beaufsichtigung Carmina’s jetzt wie nur je eine Sache von ernstem pecuniären Interesse sei.

Aber neuerliche Ereignisse hatten die Aussicht wenigstens in einer Hinsicht gebessert.

Falls Ovid, wenn er die scandalöse Geschichte von Carmina’s Herkunft erfuhr, von der Verlobung zurücktrat (und seine Mutter wagte wirklich, das zu hoffen!), so war jedenfalls Aussicht vorhanden, daß Carmina bei ihrem sensitiven Temperamente sich das so zu Herzen nehmen könnte, daß sie sich entschlösse, ledig zu bleiben. Theilweise durch die Hoffnung auf Befreiung von ihren gemeinen Sorgen, theilweise durch ihre Unfähigkeit, die Kraft hochherzigen Fühlens bei anderen zu schätzen, verleitet, betrachtete Mrs. Gallilee die künftige Stellungnahme ihres Sohnes als etwas noch durchaus Zweifelhaftes.

Mittlerweile mußte diese schändliche Frucht des Ehebruchs —— dieses lebendige Hindernis das den herrlichen Aussichten, die sonst Maria und Zo, um von der Mutter gar nicht zu sprechen, erwarteten, im Wege stand —— im Hause bleiben, unter der Obhut und Vorsorge ihrer Pflegerin. Der Verhaßten mußte noch ärztlicher Beistand werden, wenn sie krank war; alle Vorschriften des Doctors mußten befolgt werden. Für ihre Pflege war eine anständige Summe ausgesetzt, und die Vormünder waren verpflichtet, einzuschreiten, wenn sie nicht derselben entsprechend gehalten wurde.

Als Mrs. Gallilee dem Wagen nachsah, in welchem Carmina, die unerträglich reizend und interessant aussah, mit dem ihr gegenüber sitzenden Mädchen —— ein Bild des Unbehagens —— abfuhr, nahmen ihre Gedanken eine ganz eigene Form an: »Anderen Wagen mit anderen Mädchen stoßen Zufälle zu; meinem Wagen mit ihr nicht! Meine Pferde wird heute nichts erschrecken; und so dick mein Kutscher auch ist, kein Anfall wird, ihn auf dem Bocke zustoßen!«

Und richtig; der Wagen kam um die bestimmte Zeit wieder —— und das Mädchen hatte nichts zu berichten.

Während dessen hatte Miß Minerva ihres Versprechens nicht vergessen, und als sie mit den Kindern von dem Spaziergange heimkehrte, war eine Wohnung für Teresa gemietet, welche von Mrs. Gallilee’s Hause in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen war.

Da Carmina und die Gouvernante die Veränderung in Mrs. Gallilee’s Benehmen der Aussicht auf die unwillkommene Rückkehr Teresa's zuschrieben, so rieth Miß Minerva der ersteren, so lange sie es noch könne, ihre alte Freundin wissen zu lassen, daß dieselbe bei ihrer Ankunft in London ein Heim erwarte. Und Carmina schickte daher noch an demselben Abend ein Telegramm nach Rom, welches» ja ihre Amme vielleicht noch vor der Abreise erreichte, und worin sie derselben, alles Weitere bis zu ihrer Ankunft verschiebend, die Adresse der Wirthin angab, bei welcher sie absteigen sollte.



Kapiteltrenner

Capitel XXXVII.

Zu Carmina’s größter Befriedigung war es am folgenden Tage schlechtes Wetter, und der unaufhörlich hernieder strömende Regen machte es unmöglich, sie wieder im Wagen auszuschicken; aber es war dennoch ein ereignißvoller Tag. Mr. Gallilee zeigte sich an diesem regnerischen Nachmittage seiner Frau gegenüber selbstständig!

»Es ist heute ein ganz trauriger Tag«, begann er; und da hiervon keine Notiz genommen wurde, fuhr er ermuthigt fort: »Wenn Du mir erlaubst, es zu sagen, Carmina bedarf einer kleinen Zerstreuung.«

Mrs. Gallilee sah von ihrem Buche auf, aber der Hausherr, der fürchtete, daß er ganz in’s Stocken kommen möchte, wenn er sich wie sonst Zeit nähme, fuhr hastig fort: »Heute Nachmittag findet eine Zaubervorstellung statt; und weißt Du, ich denke, ich könnte Carmina dahin führen. Es würde uns Freude machen, wenn Du mitgingst; es soll ja, wie Du vielleicht selbst gehört hast, viel Wissenschaftliches dabei vorkommen.« Seine Augen rollten in unruhiger Erwartung; sie aber winkte verächtlich nach der Thür zu, und so zog er sich mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings zurück. »Jetzt werden wir uns amüsieren«, dachte er bei sich, als er nach oben zu Carmina’s Zimmer ging.

Sie wollten gerade abfuhren, als der Musiklehrer ankam, um seine Stunden zu geben. Mr. Gallilee steckte sofort den Kopf aus dem Wagenfenster und rief demselben vergnügt zu: »Wir gehen zu der Zaubervorstellung! Carmina! siehst Du denn Mr. Le Frank nicht? Er grüßt Dich. Sehen Sie die Zaubereien gern, Mr. Le Frank? Aber sagen Sie den Kindern nichts davon, sie würden sonst enttäuscht sein, die armen Würmer —— aber sie müssen die Stunde haben, nicht wahr? Adieu. Doch, was ich noch sagen wollte —— wenn Sie einmal Ihren Schirm reparieren lassen wollen, so weiß ich Jemanden, der es billig und gut macht. Schmutziges Wetter, nicht wahr? Fahr’ zu!«

Man begeht einen Irrthum, wenn man nach der allgemeinen Meinung die Eitelkeit zu den leichteren Fehlern der Menschheit rechnet; bedarf dieselbe doch nur eines Antriebes, um zu absoluter Schlechtigkeit zu werden. Der Eitle kann schrankenlos mißtrauisch und diabolisch grausam sein. Nero und Robespierre, das sind die beiden typischen Namen, unter denen uns die Geschichte die beiden eitelsten Menschen, die je existiert haben, vorführt.

Die Eitelkeit des Musiklehrers hatte unter der schlauen Leitung Mrs. Gallilee’s in seiner obscuren Sphäre und innerhalb seiner beschränkten Mittel ihre abscheulichen Eigenschaften entfaltet. Nachdem sein Mißtrauen gegen Carmina einmal angeregt war, überschritt es alle Grenzen. Diesem dreisten Versuche, ihn durch Ueberrumpelung zu versöhnen, konnte nur ein schlechtes Motiv zu Grunde liegen; und wenn er ihrer Worte, ihres Aussehens und Benehmens bei der Begegnung auf der Treppe gedachte, fiel ihm jeder schlechte, wenn auch noch so Unwahrscheinliche Beweggrund ein, den man einem Mädchen von ihrem Alter nur überhaupt zutrauen konnte. Sein sonst so von Betrachtung seines eigenen Ichs und seiner Fähigkeiten eingenommener niedriger Sinn, war jetzt so vollständig von dem Ausmalen aller möglichen Anschläge gegen seine gesellschaftliche und professionelle Stellung absorbiert, daß er nicht einmal im Stande war, den beiden Kindern den gewöhnlichen Unterricht zu geben. Und als Miß Minerva bemerkte, daß er nicht die nöthige Gemüthsruhe zu haben scheine, und meinte, daß es wohl besser sei, die Stunde am anderen Tage fortzusetzen, dankte er ihr nach einem nutzlosen Versuche, ein ruhiges Aeußeres zur Schau zu tragen, und verabschiedete sich.

Als er nach unten ging, sah er die Thür vom Zimmer Carmina’s, die mit ihrem Onkel abwesend war, halb offen stehen. Er zögerte; die Gouvernante blieb mit den Kindern oben; Mrs. Gallilee war mit ihren wissenschaftlichen Studien beschäftigt; die Dienerschaft hatte um diese Stunde oben nichts zu thun. Nachdem er nach allen Seiten gehorcht hatte, ging er in das Zimmer.

Vielleicht führte sie ein Tagebuch; jedenfalls schrieb und empfing sie Briefe, und wenn er nur ihren Arbeitstisch und die Schubladen offen fand, konnte er die innersten Geheimnisse ihres Lebens erfahren.

Er versuchte erst, das Arbeitspult und dann den Bücherschrank zu öffnen: beide waren verschlossen. Aber die Commode zwischen den Fenstern und die Schublade des Tisches waren unverschlossen, und er durchsuchte beide sorgfältig, ohne durch irgend eine Entdeckung belohnt zu werden. Er nahm die Bücher, die sie auf dem Tische liegen lassen hatte, und schüttelte dieselben. Kein vergessener Brief, keine Notiz war darin. Er sah sich um, lauschte, um sich zu überzeugen, daß Niemand draußen sei, und trat dann in das Schlafzimmer. Er untersuchte den Toilettentisch, öffnete die Thür des Kleiderschrankes —— und wiederum war alles Suchen fruchtlos.

Wieder in die Stube gehend, schüttelte er die Faust gegen den Schreibtisch. »Der würde nicht verschlossen sein«, dachte er, »wenn er nicht schändliche Geheimnisse enthielte. Aber ich werde wiederkommen; und sie denkt vielleicht einmal nicht daran, den Schlüssel abzuziehen.« Dann stahl er sich hinaus, die Treppe hinab und kam, ohne Jemandem zu begegnen, aus dem Hause.

Da das schlechte Wetter am folgenden Tage anhielt und Carmina zu Hause blieb, so hatte er keine Gelegenheit, seinen Besuch zu wiederholen.

Der Besuch der Zaubervorstellung hatte Carmina nicht gut gethan. Sie bekam in der schwülen Atmosphäre im Saale Kopfschmerzen, und war zu ermüdet, um bis zum Schluß der Vorstellung zu bleiben. Der arme Mr. Gallilee zog sich in Ungnade in seinen Club zurück, wo ihm heute beim Diner selbst seine unfehlbare gute Laune verließ, so daß er an dem Champagner etwas auszusetzen hatte —— wofür er sich nachher aber bei dem Kellner wieder entschuldigte. »Ich habe Sie eben etwas hart angefahren; aber ich war aus dem Geleise —— das ist Ihnen auch wohl schon einmal passiert, nicht wahr? Der Wein ist Prima-Qualität; und da das Wetter wirklich zu trostlos ist, so trinke ich, denk’ ich, noch einen Schoppen.«

Aber Carmina’s Elasticität trotzte der Mattigkeit, der Krankheit und dem trüben Tage. Sie hatte einen Brief von Ovid bekommen, worin er ihr eine Montreal aufgenommene Photographie von sich, die ihn im Reiseanzuge darstellte, übersandte. Der muntere Ton, in welchem er schrieb, belebte Carmina’s sinkenden Muth und gab ihr wenigstens für eine Zeit lang das Glück von früher wieder. Die Luft in den canadischen Ebenen, erklärte er, sei wirklich, berauschend; jede Stunde scheine ihm die in London verlorene Lebenskraft zurückzugeben; er schlafe auf dem Boden in freier Luft gesunder, als er je im Bette geschlafen habe. Aber eine Sorge beunruhige ihn: In der schwärmenden Lebensweise, die er jetzt führe, könnten ihm die Briefe nicht folgen, und doch werde er mit jedem Tage begieriger zu hören, daß sie es nicht müde werde, auf ihn zu warten, und daß zu Hause Alles wohl sei.

»Und wozu haben diese meine eitlen Hoffnungen geführt?« —— hieß es weiter. »Zu einer Reise eines meiner Führer, eines Indianers, dessen Treue ich auf die Probe gestellt und dessen Eifer ich durch das Versprechen einer Belohnung angefeuert habe.

»Derselbe bringt diese Zeilen auf die Post nach Quebec und ist mit einer Vollmacht an meine Banquiers versehen, ihm die für mich angekommenen Briefe anzuvertrauen. Ich beginne morgen eine Reise per Canoe und habe nach gehöriger Berathung mit dem Trupp Datum und Ort bestimmt, an welchem mich mein Bote bei seiner Rückkehr wieder treffen wird. Soll ich Dir, mein Lieb, meine liebenswürdige Schwäche gestehen? oder kennst Du mich schon hinreichend, um die Wahrheit zu vermuthen? Ich werde hart versucht, meinen Plänen und Arrangements untreu zu werden —— mit dem Indianer nach Quebec zurückzugehen und mit dem ersten Steamer nach England abzudampfen.

»Glaube nicht, mein Herz, daß mich irgendwelche Sorgen über das, was in meiner Abwesenheit vorgeht, beunruhigten! Nein, es ist gerade eins von den Zeichen wiederkehrender Gesundheit, daß ich Gegenwart und Zukunft von der heitersten Seite betrachte. Wenn ich mich versucht fühle zurückzukehren, so geschieht das aus demselben Grunde, der mich so nach Briefen verlangen läßt. Ich möchte etwas von Dir hören, weil ich Dich liebe —— möchte auf der Stelle zu Dir eilen, weil ich Dich liebe. Sehnsucht, Unaussprechliche Sehnsucht ist es, was mein Herz einnimmt —— nicht Zweifel oder Befürchtungen.

»Aber ich war Arzt, ehe ich Liebhaber wurde, und meine medicinischen Kenntnisse sagen mir, daß ich hier Gelegenheit habe, meine Constitution aus dem Grunde zu stärken und mir mit Gottes Hilfe eine Reserve von Gesundheit und Kraft zu verschaffen, die uns mit einander einem glücklichen Alter entgegen gehen lassen wird. Du sollst mein Weib sein, mein Herz —— nicht meine Wärterin. Dieser Gedanke giebt mir Selbstverleugnung genug, den Indianer allein gehen zu lassen.«

Carmina beantwortete diesen Brief sofort, nachdem sie denselben gelesen hatte. Sie wußte allerdings, daß der Indianer längst wieder auf dem Rückwege sein würde, wenn die Post ihre Antwort nach ihrem Bestimmungsort brächte; aber Ovid hatte sie so glücklich gemacht, daß sie sich getrieben fühlte, ohne Verzug zu schreiben, gerade so wie sie ihm sofort geantwortet haben würde, wenn er mündlich mit ihr gesprochen hätte. Als sie aber das Couvert geschlossen und die Adresse geschrieben hatte, stellte sich die nachtheilige Wirkung der Anstrengung ein.

Selbst in der Fülle ihrer Freude war sie sich eines gewissen Mißtrauens zu sich selbst bewußt. Mr. Null, der Doktor hatte, wenn er es auch nicht eingestand, durch Verschreibung einer anderen Medicin einen Mangel an Vertrauen zu der erst verschriebenen, von welcher er so schnelle Resultate erwartet, bekundet, auch hatte er der täglichen Portion Wein, die er bis dahin für genügend gehalten, noch ein Glas hinzugefügt. Wenn Carmina auch nicht an sich verzweifelte, so fühlte sie doch, das; sie klug gethan habe zu schreiben, so lange sie noch wohl genug war, auf den munteren Ton in Ovid’s Briefe einzugehen.

Sie legte sich auf’s Sofa, um zu ruhen, die Photographie in der Hand haltend. Kein Gefühl der Einsamkeit bedrückte sie jetzt; sein Bild war ja die beste Gesellschaft, die sie haben konnte. Draußen klatschten die schweren Regentropfen; im Zimmer tickte die geschäftige Uhr. Träge lauschte sie dem Geräusche, betrachtete ihren Geliebten und küßte sein getreues Ebenbild —— so ein friedliches Glück genießend.

Das Oeffnen der Thür war der erste kleine Zwischenfall, der sie störte. Zo lugte in’s Zimmer mit rothem Gesicht, zerzaustem Haar und tintebefleckten Fingern.

»Ich bin wüthend und die Andere auch«, kündigte sie an.

Carmina rief die Kleine zum Sofa und versuchte herauszubringen, wer die Andere sein möge. »O, Du weißt schon«, antwortete Zo mürrisch. »Sie hat mich auf die Knöchel geschlagen Das ist gemein.«

»Still, so etwas darfst Du nicht sagen.«

»Sie wird gleich hier sein«, fuhr Zo fort. »Pass’ nur auf! Sie würde Dich auch auf die Knöchel schlagen —— aber Du bist zu groß. Wenn es nicht regnete, würde ich weglaufen.«

Carmina verwies ihre junge Freundin in einer deren Fassungsvermögen angepaßten Form; aber sie hätte gerade so gut in einer fremden Sprache reden können. Die Kleine hatte noch einen Grund zum Davonlaufen.

»Höre!« fing sie wieder an —— »kennst Du den Jungen?«

»Welchen Jungen, mein Kind?«

»Der hier manchmal herkommt und den Affen hat, den er für Geld sehen läßt. Zu dem will ich.«

Dies Geständnis; von Zo’s erster Liebe war unwiderstehlich, und Carmina brach in ein Gelächter aus. Aber Zo verlangte entrüstet weiter gehört zu werden. »Ich bin noch nicht fertig!« rief sie. »Der Junge tanzt —— sieh’ so.« Und damit warf sie den Kopf in die Höhe, schlug sich auf die Lenden und machte das Tanzen des Jungen nach. »Und manchmal singt er auch«, brach sie wieder in Bewunderung aus. »Ja —— ja —— ja —— bella —— vita —— ja! Das ist Italienisch, Carmina.«

Während sie im vollen Gange war, öffnete sich die Thür wieder und Miß Minerva erschien. Carmina sah sofort, daß Zo ihre Gouvernante richtig beobachtet hatte, denn die Augenbrauen derselben waren zusammengezogen, die Lippen bleich, und zornig hielt sie den Kopf aufgerichtet. »Carmina!« rief sie scharf, »Sie sollten das Kind nicht ermuthigen.« Dann drehte sie sich um, um die Schwänzerin zu suchen; aber so einfältig Zo auch beim Unterrichte war, in der Freiheit hatte sie ihre intelligenten Momente und in einem solchen war sie aus dem Zimmer entwischt.

Miß Minerva ging zu einem Sessel und fiel wie eine von Müdigkeit Ueberkommene in denselben, so daß Carmina ihr sanft zuredete Sympathische Worte waren aber bei dieser selbstquälerischen Natur weggeworfen.

»Nein«, sagte sie; »ich bin nicht krank. »Schlaflose Nächte; Morgens ein störrisches Kind lehren und durchweg bei abscheulicher Laune —— das ist, was mir fehlt.« Sie sah Carmina an. »Sie scheinen ja heute auffallend besser zu sein. Hat der einfältige Null wirklich einmal etwas Gutes fertig gebracht?« Jetzt fiel ihr Auge auf den geöffneten Schreibtisch und den Brief. »Oder haben Sie gute Nachrichten bekommen?«

»Ovid hat von sich hören lassen«, antwortete Carmina, deren angeborenes Zartgefühl sie die noch in ihrer Hand befindliche Photographie verbergen ließ.

Die bleiche Farbe der Gouvernante verwandelte sich nach und nach in ein dumpfgraues Weiß, und beim Hören des Namens Ovid krampften sich ihre lose im Schooße gefalteten Hände zusammen. Als aber diese leichte Bewegung vorüber war, rührte sie sich nicht mehr. Nachdem Carmina etwas gewartet hatte, wagte dieselbe zu sprechen. »Frances, Sie haben mir noch nicht die Hand gegeben.«

Miß Minerva sah langsam auf, behielt aber die Hände gefaltet im Schooße. »Wann kommt er zurück?«

Ebenso ruhig, wie gefragt worden, antwortete Carmina: »Noch nicht —— leider nicht.«

»Das thut mir auch leid.«

»Es ist edel von Ihnen, daß Sie das sagen, Frances.«

»Nein, das ist es nicht. Ich denke dabei an mich, und nicht an Sie. Ich wollte, Sie wären schon verheirathet«, setzte sie plötzlich in gedämpftem Tone hinzu.

Es entstand eine Pause, die Miß Minerva zuerst wieder unterbrach. »Verstehen Sie mich?« fragte sie.

»Vielleicht sind Sie mir dazu behilflich«, antwortete Carmina.

»Wenn Sie mit ihm verheirathet wären, möchte auch wohl mein unruhiger Geist zur Ruhe kommen —— der Kampf würde dann vorüber sein.«

Sie stand auf und ging ruhelos im Zimmer auf und ab, denn die leidenschaftliche Bewegung, die sie entschlossen niedergehalten hatte, begann zu mächtig zu werden.

»Ich habe die letzte Nacht an Sie gedacht«, begann sie plötzlich wieder. »Sie sind ein sanftes Wesen, aber Sie haben Muth gezeigt, als die kaltblütige Anmaßung Ihrer Tante Sie aufbrachte. Wissen Sie, was ich in Ihrer Stelle thun Winde? Ich würde hier nicht zahm warten, bis er zu mir zurückkäme, sondern ich würde selbst zu ihm gehen. Carmina! Carmina! gehen Sie fort aus diesem schrecklichen Hause!« Dicht vor dem Sofa blieb sie stehen. »Lassen Sie mich Sie ansehen. Ha! ich glaube, Sie haben selbst daran gedacht?«

»Das habe ich.«

»Und was sagte ich? Sie arme kleine Gefangene, Sie haben ja den rechten Muth in sich! Ich wollte, ich könnte Ihnen etwas von meiner Kraft abgeben.«

Der halbspöttische Ton, in welchem sie gesprochen hatte, verließ sie; ihre durchdringenden Augen wurden trübe; die harten Züge wurden weich, und auf die Kniee fallend, schlang sie die geschmeidigen Arme um Carmina und küßte dieselbe. »Sie holdes Kind!« —— und dann brach sie in leidenschaftliches Weinen aus.

Aber selbst jetzt bekundete sich die unabhängige stolze Natur des Weibes. Sie drängte Carmina auf das Sofa zurück. »Sehen Sie mich nicht an! sprechen Sie nicht mit mir«, stieß sie hervor. »Lassen Sie es mich erst überwunden haben.«

Sie erstickte das Schluchzen das ihr in die Kehle kam. Dann sah sie, noch auf den Knieen liegend, auf und schauderte; ein geisterhaftes Läche1n verzog ihre Lippen und sie sagte: »Ach, was für Narren sind wir! Wo ist das Lavendelwasser, Ihr Lieblingsmittel bei brennendem Kopfe?« Ehe aber Carmina ihr noch behilflich sein konnte, hatte sie die Flasche gefunden, befeuchtete ihr Taschentuch mit der Flüssigkeit und band sich dasselbe um den Kopf. »Ja«, bemerkte sie dann, als ob sie über den alltäglichsten Gegenstand geplaudert hätten, »ich glaube, Sie haben Recht, dies ist das beste Parfüm von allen.« Dann sah sie nach der Uhr. »Ja zehn Minuten wird das Essen für die Kinder fertig sein, und ich muß und will Ihnen noch sagen, was ich zu sagen habe. Es ist vielleicht das Letzte, womit ich all Ihre Freundlichkeit erwidern kann, Carmina.«

Nachdem sie wieder auf ihrem Sofa Platz, genommen, fuhr sie fort: »Ich kann nichts dafür, wenn ich Sie erschrecke; ich muß Ihnen sagen, daß mir die Aussicht nicht gefällt. Je eher wir Beide getrennt sind —— o, nur für eine Zeit lang! —— desto besser für Sie. Nach dem, was ich die letzte Nacht durchgemacht habe —— doch nein, ich will nicht in’s Einzelne gehen, sondern nur wiederholen, was ich schon früher gesagt habe —— trauen Sie mir nicht. Ich meine das so, Carmina! Ihre Hochherzigkeit soll Sie nicht irreführen, wenn ich es verhindern kann. Wenn Sie erst glückliche Frau sind und er mir noch weiter. entrückt ist als sogar jetzt, dann gedenken Sie Ihrer häßlichen übellaunigen Freundin und lassen Sie mich zu Ihnen kommen. Nun genug hiervon! Ich habe Ihnen noch andere Besorgnisse zu gestehen. Sie kennen Ihre alte Amme ja genau, während ich sie nur einen oder zwei Tage gesehen habe; aber dieselbe ist nach meinem Urtheil eine Frau, deren Liebe zu Ihnen sich bei sehr geringfügiger Herausforderung in tigerische Zärtlichkeit verwandeln kann. Sie schreiben beständig an sie; weiß sie, was Sie gelitten haben? Haben Sie ihr die Wahrheit gesagt?«

»Ja.«

»Ohne Rückhalt?«

»Ohne jeden Rückhalt.«

»Glauben Sie nicht, Carmina, daß es ernste Folgen haben kann, wenn die Alte nach London kommt und Sie und Ihre Tante sieht, und daß Ihre Stellung zwischen Beiden eine derartige werden könnte, daß sie dieselbe bei aller Tapferkeit nicht ertragen könnten, auch wenn Sie zehnmal stärker wären, als Sie sind?«

Carmina fuhr auf dem Sofa auf, außer Stande zu sprechen Miß Minerva gab ihr indeß Zeit, sich zu fassen.

»Ich rege Sie nicht um nichts aus«, fuhr Letztere nach einem nochmaligen Blicke auf die Uhr fort; »sondern habe etwas Hoffnungsvolles vorzuschlagen, Ihre Freundin Teresa besitzt Energie, wilde Energie. Benutzen Sie dieselbe; sie wird Alles thun, was Sie von ihr wünschen. Nehmen Sie sie mit nach Canada!«

»O Frances!«

Miß Minerva zeigte auf den auf dem Pulte liegenden Brief. »Hat er Ihnen gesagt, wann er zurückkommt?«

»Nein. Er sieht ein, wie wichtig es für ihn ist, sich vollständig zu erholen, und geht weiter und weiter. Seine Briefe läßt er sich von und nach Quebec senden.«

»Dann brauchen Sie nicht zu besorgen, an einander vorbeizufahren. Gehen Sie nach Quebec und warten Sie dort auf ihn.«

»Ich würde ihn erschrecken.«

»Sie nicht!«

»Was könnte ich ihm aber sagen?«

»Was Sie ihm sagen müßten, wenn Sie so schwach wären, hier auf ihn zu warten. Glauben Sie, daß seine Mutter seine Gefühle berücksichtigen wird, wenn er zurückkommt, um Sie zu heirathen? Ich wiederhole nochmals, daß ich nicht in’s Blaue hinein spreche; ich habe Alles erwogen und weiß, wie Sie entkommen und der Verfolgung trotzen können. Sie haben Geld genug; Teresa, die Sie von ganzer Seele liebt, wird für Sie sorgen —— also gehen Sie! Ihretwegen und seinetwegen, gehen Sie!«

Da die Uhr schlug, erhob sich die Gouvernante und nahm das Taschentuch ab. »Still!« sagte sie plötzlich. »Ist das nicht das Rauschen eines Kleides unten auf dem Flur?« « Rasch nahm sie eine Medicinflasche, um einen Vorwand für ihre Anwesenheit zu haben. Das Rauschen kam näher und gleich darauf öffnete Mrs. Gallilee —— die auf dem Wege zu dem Mahl der Kinder im Schulzimmer war —— die Thür.

Dieselbe wußte sofort, welchen Zweck die Flasche haben sollte und sagte: »Es ist meine Sache, Carmina Medicin zu geben. Sie haben Ihr Geschäft im Schulzimmer.«

Damit nahm sie die Flasche und ging zu Carmina. Ehe Miß Minerva das Zimmer verließ, wandte sie sich noch einmal um und sah in den hinter dem Sofa hängenden Spiegel Mrs. Gallilee’s Gesicht, als diese und Carmina einander ansahen.

Die Mädchen warteten auf ihr Essen —— Maria in friedlicher Geduld; so, unter die Deckel der Schüsseln guckend und mit Wollust den Duft von geschmorten Aalen einziehend. Erstere empfing die unglückliche Gouvernante mit ihrem stets bereiten Lächeln: »Wir wurden wirklich fast schon besorgt um Sie, liebe Miß Minerva. Verzeihen Sie die Bemerkung, Sie sehen so entschlossen aus.«

»Ja«, antwortete Miß Minerva abwesend, als ob sie nicht mit Maria, sondern mit sich selbst spräche; »ich bin auch entschlossen.«



Kapiteltrenner

Capitel XXXVIII.

Nach zwei Regentagen klärte sich das Wetter wieder auf.

Es war ein ruhiger sonniger Sonntagsmorgen. Das flache Land um Benjulia’s Wohnung zeigte sich an diesem klaren Herbsttage von seiner besten Seite, und sogar die finstere Häuslichkeit des Doktors reflektierte gewissermaßen die Veränderung zum Bessern. Als Benjulia an diesem Morgen aufstand, zeigte er sich seinem Haushalte von einer bei ihm ziemlich ungewohnten Seite, nämlich als gut aufgelegter Hausherr, und setzte sogar seinen schweigsamen Diener durch den Versuch, eine Melodie zu pfeifen, in Erstaunen. »Wenn Du lustig aussehen kannst, dann thue es«, sagte er zu demselben. »Ich werde mir heute einen Feiertag machen!«

Er hatte nach unablässigem Arbeiten, während dessen er sein Laboratorium nicht verlassen, an seinem schrecklichen Arbeitstische gegessen und sich nur gelegentlich eine Stunde Schlaf auf dem Flur gegönnt hatte, eine Reihe von Experimenten beendigt und Resultate erzielt, auf die er sich unbedingt verlassen konnte. Dadurch war er der Lösung jenes geheimen Problems in Bezug auf Gehirnleiden, das bis jetzt der Forschung der Aerzte in der ganzen civilisirten Welt gespottet hatte, um einen Schritt näher gekommen, und wenn er in demselben Maße Fortschritte machte, gehörte vielleicht schon in einem Monate sein Name zu denen, die unter den Aerzten in den Annalen der Entdeckung unsterblich bleiben.

Seine Arbeiten hatten ihn so vollständig in Anspruch genommen, daß ihm erst heute am Sonntag Morgen nach Beendigung seines Frühstücks die Briefe, welche ihm Mrs. Gallilee gebracht hatte, wieder einfielen. Er sah sie durch, fand in denselben aber nicht die geringste Andeutung von dem geheimnißvollen Krankheitsfalle, den Ovid in Montreal behandelt hatte. Da ihn aber trotzdem noch Zweifel beunruhigten, blieb ihm, um dieselben verscheuchen zu können, weiter nichts übrig, als sich direct mit seinem Freunde in Canada in Verbindung zu setzen.

Ehe er aber das Haus verließ, um seinen Feiertag zu einem Spaziergange nach dem Central-Telegraphen-Bureau in London zu benutzen, gab er der Köchin Anweisung, bei seiner Rückkehr um drei Uhr das Essen fertig zu haben, und schärfte ihr noch besonders Pünktlichkeit ein, da er seit achtundvierzig Stunden kein regelmäßiges Mahl zu sich genommen hatte. Die erst neulich engagierte Köchin, eine kleine derbe Person mit rothem Haar und lebhafter Gesichtsfarbe, empfand ebenso wie der Bediente den Einfluß der guten Laune ihres Herrn. Zum ersten Mal, seit sie im Hause war, sah er sie an; ein Zwinkern zeigte sich verstohlen in seinen traurigen grauen Augen; er nahm einen staubigen alten Lichtschirm von einem Wandtische und machte ihr denselben zum Geschenke. »Da«, sagte er mit seinem trockenen Humor, »verdirb Dir nicht den Teint am Herde.« Dieses ihr von ihrem Herrn erwiesene außerordentliche Compliment legte die Köchin, die ein sanguinisches Temperament hatte und viel Romane las, in ihrer eigenen romantischen Weise aus; und als er mit grinsendem Lächeln, seinen dicken Stock auf den Boden stoßend, aus der Thür ging, erhellte ein ganz neuer Gedanke ihr Gemüth.

Auf dem Wege zum Telegraphenamte gab Benjulia Ovid’s Briefe in der Wohnung Mrs. Gallilee’s ab, deren Besuch zu erwidern er nach seiner neulichen Erfahrung nicht die Absicht hatte. Hätte er ihr die Briefe persönlich zurückgestellt, so würde er die Gelehrte in nicht sehr anmuthiger Laune getroffen haben. Nachdem dieselbe erst am vorigen Abend Carmina und die Gouvernante zusammen getroffen hatte, ohne auch nur errathen zu können, was sie mit einander verhandelt haben mochten, waren Beide heute Morgen schon wieder zusammen. Maria und Zoe waren mit ihrem Vater zur Kirche und Miß Minerva war wegen Kopfwehs zu Haus geblieben. Für ein Dazwischentreten ihrerseits hatte sie zu dieser Stunde und unter diesen Verhältnissen keinen plausiblen Grund und dachte nun allen Ernstes daran, das Salair für einen Monat zu opfern und die Gouvernante ohne Weiteres zu entlassen.

Auf dem Telegraphenamte sandte Benjulia folgendes Telegramm an Mr. Morphew: »Hatte der Patient, den Ovid in Montreal behandelte, ein Gehirnleiden? —— Ja oder nein.« Und nachdem er Vorsorge getroffen, daß ihm die Antwort von seinem Club aus übermittelt würde, machte er sich wieder auf den Heimweg und war fünf Minuten vor drei Uhr wieder zu Hause.

Als es drei schlug, klingelte er. Der Bediente erschien, aber ohne Essen.

»Ich habe den Hammelbraten zu drei Uhr bestellt«, sagte der Doctor, der seine Feiertagslaune hier gebrauchen konnte, mit erschreckender Ruhe. »Wo ist derselbe?«

»In zehn Minuten wird das Essen fertig sein, Herr Doctor.«

»Warum ist es jetzt noch nicht fertig?«

»Die Köchin bittet, sie zu entschuldigen, Herr Doctor. Sie hat sich heute etwas verspätet.«

»Und weshalb hat sie sich verspätet, wenn ich fragen darf?«

Diese Art zu fragen von Seite seines Herrn, der einmal einen Diener, der durch das Oberlicht des Laboratoriums zu blicken versucht hatte, buchstäblich aus dem Hause geworfen und ein Dienstmädchen, welches an einem Tage zweimal vergessen hatte, die Thür zu schließen, das Haus binnen einer halben Stunde hatte verlassen heißen, ließ den sonst so unbeweglichen, schweigsamen Diener erzittern.

»Du hast wohl mit ihr geliebelt«, fragte der Doctor mit derselben höflichen Gelassenheit.

»Einer solchen Handlung bin ich unfähig, Herr Doctor!« antwortete der durch eine solche Zumuthung gekränkte Diener. »Sie hat Geschichten gelesen.«

»Das genügt«, sagte Benjulia, wie von dieser Erklärung höchst befriedigt mit dem Kopfe nickend. »Ich werde warten.«

Und während er wartete —— zehn Minuten —— eine Viertelstunde —— und noch fünf Minuten —— schienen seine Gedanken eine höchst amüsante Richtung angenommen zu haben; denn als der Bediente das Essen brachte, waren seine dünnen Lippen noch durch das schreckliche Lächeln auseinandergezogen.

Beim Zerlegen stellte sich heraus, daß der Braten nicht gar war. Und zu diesem, zu jeder anderen Zeit unverzeihlichem Verbrechen sagte der Doctor heute weiter nichts, als: »Nimm ihn wieder fort.«

Er aß Kartoffeln, Brod und Käse, und war, als er damit fertig war, womöglich noch liebenswürdiger als vorher. »Bitte die Köchin zu mir zu kommen«, sagte er.

Die eine Hand auf das klopfende Herz drückend und mit der andern das Taschentuch vor die Augen haltend, trat die Köchin ein.

»Weshalb weinst Du?« fragte Benjulia »Ich habe Dich doch nicht gescholten, wie?«

Als die Köchin eine Entschuldigung stammelte, wies der Doctor auf einen Stuhl. »Setze Dich und fasse Dich.«

Schwach durch ihre Thränen lächelnd, setzte sie sich. Sein Benehmen ließ offenbar nur eine Erklärung zu. Es hatte nicht Jede solch schönes Haar und solch einen rosigen Teint. Ob er wohl mit einem Geständniß oder mit einem Kasse beginnen würde?

Er steckte sich eine Pfeife an, rauchte eine Zeit lang ruhig, die Köchin dabei betrachtend, und sagte dann: »Ich höre, daß Du einen Roman gelesen hast; wie lautet der Titel desselben?«

»Pamela, oder der Lohn der Tugend, Herr Doctor.« Und als er ruhig weiter rauchte, wagte die bis soweit Bescheidene und Zerknirschte, die Augen aufzuschlagen. Er sah sie noch immer an. Bedurfte er einer Ermuthigung? »Der Name des Verfassers steht auf dem Buche. Richardson heißt er.«

»Ja, ja: ich habe von ihm und dem Buche gehört. Ist es interessant?«

»O, Herr Doctor, die Geschichte ist wundervoll! Die einzige Entschuldigung für meine Verspätung ——«

»Wer ist Pamela?« unterbrach er sie.

»Ein junges Dienstmädchen Herr Doktor. Ach, ich wollte, ich gliche ihr mehr! Es ward mir ganz weh um’s Herz, als Sie den Hammel zurückschickten: und Ihre Güte, das mangelhafte Braten so hingehen zu lassen ——«

»Und was wird mit ihr schließlich in der Geschichte?« fragte Benjulia, wieder ihre Entschuldigung unterbrechend.

»Pamela ist tugendhaft und wird dafür belohnt«, sagte die Köchin mit geziertem Lächeln.

»Wer belohnt sie denn?«

Der Busen der derben kleinen Person begann eine zärtliche Bewegung zu bekunden und sie verdrehte verliebt die Augen.

»Nun«, wiederholte Benjulia, nachdem er wieder einen Mund voll Rauch fortgeblasen hatte; »wer belohnt Pamela?«

»Ihr Herr, Herr Doctor.«

»Wie denn?«

Die Köchin blickte sittsam in den Schooß, während ihr Teint noch lebhafter als gewöhnlich wurde. »Er heirathet sie, Herr Doctor.«

»So?«

Das war Alles, was er sagte. Er war weder erstaunt, noch verwirrt, oder ermuthigt; klopfte die Pfeife aus, stopfte sie wieder und zündete sie wieder an. Aber Richardson hielt das Vertrauen der Köchin zu sich selbst aufrecht; Pamela’s Herr hatte ja auch gezögert, und die Tugend derselben war ja auch nicht so leicht belohnt worden. Sie warf dem Doctor wieder einen Blick zu, aus dem alle Beredtsamkeit des Frauenauges sprach, wie sie in Poesie und Prosa hoch und gerecht gefeiert wird —— einen Blick, der sagte: »Heirathe mich, und Du sollst nie wieder ungares Hammelfleisch haben.«

»Sagtest Du mir bei Deiner Ankunft nicht, daß Du keine Verwandten habest?« nahm der Doctor das Gespräch wieder auf, freundlich auf ihre Familienverhältnisse anspielend.

»Ja, ich bin eine Waise, Herr Doctor.«

»Und ehe ich Dich miethete, warst Du eine Zeit lang außer Stelle?«

»Ja, Herr Doktor; meine geringen Ersparnisse waren beinahe zu Ende. Ich war ebenso arm wie Pamela«, fügte sie leise andeutend hinzu.

»Und ebenso tugendhaft«, ergänzte Benjulia; wofür ihm die beredten Augen dankten. Dann stellte er die Pfeife fort und rückte seinen Stuhl näher an den ihrigen —— so nahe, daß er mit dem Arme ihre für ihn bereite Taille hätte umfassen können —— und sagte dann plötzlich: »Du hast heute Nachmittag nichts Besonderes zu thun und ich habe auch nichts Besonderes vor. Und da Du so gern Geschichten zu lesen scheinst, soll ich Dir eine erzählen?«

Die Köchin glaubte in seinem Blick und seinem Benehmen eine plötzliche Veränderung zu bemerken und war gespannt auf das, was kommen würde. Hätte sie den Doktor im Laboratorium bei seiner geheimen Arbeit gesehen, so würde diese Veränderung sie vielleicht behutsam gemacht haben. Er sah jetzt das vor ihm auf dem Stuhle sitzende untergeordnete Wesen ebenso an, wie jene anderen auf seinem Tische ausgestreckten untergeordneten Wesen.

»Es war einmal ein Herr und ein Mädchen, die wir A und B nennen wollen«, begann Benjulia. Die Köchin, die neben dem Romanlesen auch eifrig das Theater besuchte, athmete bei der versteckten Anspielung, die sie in diesem Anfange sah, erleichtert auf, und das ermuthigende Lächeln erschien wieder.

»Wir alle haben unsere Sorgen im Leben, und so erging es auch der B«, fuhr Benjulia fort. »Sie war lange außer Stelle und hatte keine Eltern, die sie unterstützen konnten, denn sie war eine Waise. So mußte sie ihre geringen Ersparnisse fast gänzlich zusetzen.«

Hier nahm die Köchin ihr Taschentuch heraus und bedauerte die arme B von ganzem Herzen; es war ja auch zu bejammernswerth.

»Aber wer »Pamela« liest, weiß, daß die Tugend ihres Lohnes sicher ist. Im Haushalte des A traten Verhältnisse ein, die es ihm nothwendig machten, eine Köchin zu, engagieren. Er nahm also eine Zeitung, entdeckte darin eine Annonce, durch welche die B eine Stelle suchte; fand in dieser eine junge reizende Person und engagierte sie.«

Er pausierte und fragte dann: »Und was that A dann wohl?«

Da konnte die Köchin nicht länger an sich halten; sie sprang von ihrem Stuhle auf und warf die Arme um den Nacken des Doctors. Dieser aber wiederholte, als ob nichts geschehen wäre: »Und was that er dann?« Er griff in die Tasche —— gab der B den Lohn für einen Monat —— und setzte sie vor die Thür. Du unverschämtes Frauenzimmer! erst machst Du mir mein Essen zu spät, verdirbst mir das Hammelfleisch und dann fällst Du mir noch um den Hals! Da ist Dein Geld und nun fort!«

Mit starren Augen und weit aufgerissenem Munde stand die Köchin da, wie in Stein verwandelt, und sah ihn an. Im nächsten Augenblicke aber machte sich ihr Zorn in einem wüthenden Aufschrei Luft. Sie stürzte nach dem Tische und ergriff ein Messer. Doch Benjulia riß ihr dasselbe aus der Hand, fiel dann, durch den gelungenen Scherz vollständig überwältigt, auf seinen Stuhl zurück und brach —— was seine ältesten Freunde noch nie bei ihm gesehen hatten —— in ein schallendes Gelächter aus. »Das war wirklich ein Feiertag!« rief er. »Schade, daß ich nicht Jemanden habe, der das Vergnügen mitgenießen kann.«

Bei diesem Lachen und diesen Worten erkältete ein Entsetzen die Wuth der Köchin in ihrer größten Hitze. Die diabolische Freude des Doctors hatte etwas Unmenschliches. Selbst er fühlte das wilde Entsetzen in den auf ihm ruhenden Augen.

»Was ist Dir?« fragte er. Sie murmelte etwas Unverständliches vor sich hin —— und schlich, vor ihm zurückweichend, nach der Thür. Als sie sich dem Fenster näherte, ging draußen ein Mann nach der Hausthür zu an demselben vorüber. Sie zeigte auf denselben und sagte: »Da haben Sie Jemand, der das Vergnügen mitgenießen kann.«

Beim Oeffnen der Thür erschien der Bediente in der Halle und hinter demselben ein Herr, eine ängstlich höfliche Persönlichkeit, der voll Unruhe das geisterhafte Gesicht der an ihm vorbeirennenden Köchin ansah und dann zu Benjulia sagte: »Ich fürchte, ich komme zu ungelegener Zeit. Bitte um Entschuldigung; ich werde wiederkommen.«

»Treten Sie näher«, sagte der Doctor abwesend, nach der Halle hin blickend und an etwas ganz Anderes denkend.

Der Herr trat ein. »Mein Name ist Mool«, sagte er. »Ich hatte die Ehre, Sie auf einer von Mrs. Gallilee’s Gesellschaften zu treffen.«

»Das ist sehr wohl möglich. Ich selbst erinnere mich nicht. Setzen Sie sich.«

Benjulia dachte noch immer an etwas Anderes, und während Mr. Mool in Verwirrung Platz nahm, ging ersterer nach der Thür, öffnete dieselbe und sagte: »Entschuldigen Sie mich eine Minute. Ich werde sofort wieder hier sein.«

Dann ging er nach der zur Küche führenden Treppe und rief dem Hausmädchen zu: »Ist die Köchin unten?«

»Jawohl, Herr Doctor.«

»Was macht sie?«

»Sie weint.«

Mit enttäuschter Miene wandte sich der Doktor wieder um. Gerade als der Besuch erschienen, war im der Gedanke gekommen, daß die Köchin ein des Studiums werther Fall sein möchte. Eine heftige, moralische Erschütterung übt manchmal eine ernstliche Wirkung auf das Gehirn aus. Doch sie hatte Erleichterung im Weinen gefunden; ihr Gehirn war also in Ordnung, und damit hatte sie aufgehört, ihn zu interessieren.



Kapiteltrenner

Capitel XXXIX.

Sie sehen ganz erhitzt aus«, sagte der Doctor in herzlichem Tone zu seinem Besucher, als er wieder in’s Zimmer trat. »Nehmen Sie einen Trunk. Altes englisches Ale vom Faß.« Dabei schenkte er mit gastfreundlicher Zuvorkommenheit die perlende Flüssigkeit in einen großen Krug.

Mr. Mool war von der guten Laune des Doctors —— die qualitativ durch die Erinnerung an die Scene mit der Köchin noch vermehrt worden —— des höchsten und angenehmsten überrascht. »Ich wohne in der Vorstadt an dieser Seite Londons, Herr Doctor«, erklärte er, »und habe von meinem Hause bis hier einen hübschen Spaziergang gehabt. Wenn ich Sie gerade am Sonntag besuche, so geschieht das, weil ich die Woche über von Geschäften in Anspruch genommen werde ——«

»Schon recht. Ein Tag ist so gut wie der andere, vorausgesetzt, daß man mich nicht stört; und Sie stören mich jetzt nicht. Rauchen Sie?«

»Nein, ich danke«

»Ist es Ihnen nicht unangenehm, wenn ich rauche?«

»Ich habe es sogar gern, Herr Doctor.«

»Sehr liebenswürdig von Ihnen. Wie, sagten Sie, sei Ihr werther Name?«

»Mool.«

Benjulia sah ihn argwöhnisch an. »Sie sind kein Arzt —— wie?«

»Ich bin Rechtsanwalt.«

Nun war eins von den wenigen allgemeinen Vorurtheilen, die Benjulia mit seinen untergeordneteren Mitmenschen theilte, das gegen die Advokaten. Seine Feiertagslaune mußte wirklich ihren Gipfelpunkt erreicht haben, wenn er einem solchen, ihm fremden, erlaubte, in seinem Zimmer zu bleiben und mit ihm zu sprechen!

»Herren Ihres Berufes«, meinte er, »machen Leuten, die sie nicht kennen, nie Besuche ohne dabei besondere Absichten zu verfolgen. Sie wünschen etwas von mir, Mr. Mool. Um was handelt es sich?«

»Ich nahm mir die Freiheit, bei Ihnen vorzukommen, infolge einer kürzlich von Mrs. Gallilee in meinem Bureau gemachten Behauptung«, sagte Mr. Mool, den sein professioneller Takt warnte, die Zeit mit einleitenden Phrasen zu vergeuden.

»Halt!« rief Benjulia. »Ich muß sagen, Ihr Anfang gefällt mir nicht. Ist es nothwendig, den Namen dieser alten V——l zu erwähnen?« Er gebrauchte eine Bezeichnung, die den Rechtsanwalt frappierte.

»Wirklich, Herr Doctor!«

»Das heißt, Sie müssen durchaus von ihr sprechen?«

»Nun, sagen wir, daß ich das meinte«, antwortete Mr. Mool lächelnd.

»Dann fahren Sie fort und erledigen Sie, bitte, die Sache schnell. Sie machte also eine Behauptung in Ihrem Bureau —— heraus damit, Verehrtester. Hat dieselbe etwas mit mir zu thun?«

»Sonst würde ich mir nicht die Freiheit genommen haben, Herr Doctor.« Und dann erzählte Mr. Mool kurz und klar Alles, was zwischen ihm und Mrs. Gallilee vorgegangen war.

Beim Beginn des Berichtes stellte Benjulia ärgerlich die Pfeife bei Seite und war auf dem Punkte, den Advokaten zu unterbrechen. Aber er wurde anderer Meinung, beherrschte sich und hörte ihn schweigend an.

»Ich hoffe, Herr Doctor«, so schloß Mr. Mool, »daß Sie mein Motiv nicht falsch auffassen werden. Es ist die reine Wahrheit, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich für das Wohlergehen Miß Carmina’s interessiere. Ich hegte für ihre Eltern die aufrichtigste Achtung und Zuneigung. Sie kannten dieselben ja auch; es waren gute Leute. Es wird Ihnen sicherlich leid thun, wenn Sie ein falsches Gerücht unüberlegt wiederholt haben. Wollen Sie mir nicht behilflich sein, das Andenken der Mutter von diesem abscheulichen Flecke zu reinigen?«

Nachdem Benjulia eine Zeit lang schweigend geraucht hatte, sagte er endlich: »Sie sind ein Mann in mittleren Jahren, und ich nehme an, daß Sie einige Erfahrung mit den Frauen gemacht haben.«

Mr. Mool erröthete. »Ich bin verheirathet, Herr Doctor«, entgegnete er ernst.

»Sehr wohl, dann haben Sie also Erfahrung —— von einer Art. Wissen Sie, wie geschickt die Frau den Mann nehmen kann, wenn er nicht bei Laune ist und sie etwas von ihm haben will; wie sie ihn so lange plagt, bis er Alles zu thun im Stande ist, damit sie ihn nur in Ruhe läßt? Auf solche Weise kam ich dazu, Mrs. Gallilee das zu sagen, was sie Ihnen erzählt hat.«

Nach einigen Zügen aus der Pfeife fuhr er wieder fort:

»Ich behaupte nicht, ein Interesse für das Mädchen zu empfinden; wenn Sie übrigens das, was ich Ihnen jetzt sagen will, zu ihren Gunsten verwerthen können, thun Sie es. Dieser Scandal begann mit dem Renommieren eines meiner Studiencollegen in Rom, den es ärgerte, daß ich und noch Jemand ihn auslachten, als er sich für den Liebhaber Mrs. Graywell’s ausgab. Derselbe bot uns eine Wette an, daß wir noch an demselben Abend die Frau allein in seinem Zimmer sehen sollten. Und hinter einem Vorhange versteckt, sahen wir sie dort. Ich bezahlte das Geld, welches ich verloren hatte, und verließ Rom bald darauf. Der Andere weigerte sich zu zahlen.«

»Aus welchem Grunde?« fragte Mr. Mool begierig.

»Weil sie einen dichten Schleier trug und das Gesicht nicht zeigte.«

»Das war ein stichhaltiger Einwand, Herr Doctor!«

»Mag sein; ich für meine Person war nicht der Ansicht. Denn ich hatte Mrs. Graywell zwei Stunden vorher auf der Straße getroffen, wo sie einen Anzug von damals auffallender Farbe —— einer Art Seegrün —— mit einem dazu passenden Hute getragen hatte, den jeder ansah, weil derselbe nicht halb so groß war wie die damaligen großen Modehüte. Es war ganz dieselbe auffallende Kleidung und dieselbe große Figur und jeder Irrthum ausgeschlossen, als ich sie wieder im Zimmer meines Collegen sah. Deshalb bezahlte ich die Wette.«

»Wissen Sie noch den Namen des andern Herrn, der sich weigerte zu bezahlen?«

»Er hieß Egisto Baccani.«

»Haben Sie seitdem wieder etwas von ihm gehört?«

»Jawohl. Derselbe kam in politische Verwickelungen und floh wie die Uebrigen nach England; wo er sich, wie sie alle, seinen Unterhalt durch Sprachunterricht verschaffte. Er schickte mir seinen Prospect —— so erfuhr ich wieder etwas von ihm.«

»Haben Sie den Prospect noch?«

»Der ist längst zerrissen.«

Mr. Mool schrieb den Namen in sein Notizbuch und fragte: »Weiter können Sie mir nichts sagen?«

»Nein, nichts.«

»Empfangen Sie dann meinen besten Dank, Herr Doctor Guten Morgen.«

»Wenn Sie Baccani auffinden, so lassen Sie mich es wissen. Wollen Sie nicht noch einen Schluck Ale? Sehen Sie Mrs. Gallilee bald?«

»Ja —— wenn ich Baccani finde.«

»Spielen Sie je mit Kindern?«

»Ich habe selbst fünf zum Spielen«, antwortete Mr. Mool.

»Fragen Sie doch nach dem jüngsten Mädchen, wenn Sie Mrs. Gallilee besuchen —— wir nennen sie Zo; legen Sie derselben den Finger auf das Rückgrat —— hier, eben unter dem Halse, und drücken Sie die Stelle —— so. Und wenn sie sich windet, so sagen Sie ihr, der große Doctor ließe grüßen.«

Bei seiner Rückkehr nach seiner Wohnung war Mr. Mool überrascht, einen offenen Wagen vor dem Gartenthore halten zu sehen, in welchem ein elegant gekleidetes Mädchen auf dem Rücksitze saß, die ihn mit unruhigem Aussehen betrachtete und zu ihm sagte: »Wollen Sie die Güte haben, Miß Carmina zu sagen, daß wir wirklich nicht länger warten dürfen?«

Die Unruhe des Mädchens spiegelte sich auf Mr. Mool’s Gesichte wieder, denn derselbe sagte sich, daß dieser Besuch Carmina’s in seiner Privatwohnung keinen gewöhnlichen Anlaß haben könne, und er fürchtete, daß Mrs. Gallilee mit derselben von ihrer Mutter gesprochen haben könnte.

Als er aber noch vor seinem Eintritt in den Salon Carmina mit seiner Frau und seinen Töchtern sprechen hörte, verschwand diese Besorgniß.

»Kann ich eben ein Wörtchen mit Ihnen sprechen?« fragte Carmina.

Er führte sie in sein Arbeitszimmer. Sie war schüchtern und verwirrt, aber durchaus nicht ärgerlich oder bekümmert.

»Wenn es schönes Wetter ist«, sagte sie, »schickt mich meine Tante jeden Tag im Wagen aus. Und da wir hier vorüberfuhren, so dachte ich, ich könnte Sie um etwas fragen.«

»Gewiß, meine Liebe. Fragen Sie, so viel Sie wollen.«

»Es handelt sich um gesetzliche Sachen. Meine Tante sagt, sie habe jetzt die Autorität über mich, die mein seliger Vater früher gehabt habe. Ist das wahr?«

»Jawohl.«

»Wie lange ist sie meine Vormünderin?«

»Bis Sie einundzwanzig Jahr alt sind.«

Aus Carmina’s Gesicht verschwand der Anflug von Farbe. »Also vielleicht noch mehr als drei Jahre des Leidens!« sagte sie traurig.

»Des Leidens? Was meinen Sie damit, liebes Fräulein?«

Sie wurde noch bleicher und antwortete eine Zeit lang nicht. Dann sagte sie zaghaft: »Noch eins möchte ich wissen. Würde meine Tante noch meine Vormünderin bleiben, wenn —— wenn ich mich verheirathete?«

»In diesem Falle«, antwortete der Rechtsanwalt, die Augen ernst und forschend auf sie richtend, »wäre Ihr Gatte der Einzige, dem eine Autorität über Sie zustände. Das sind ziemlich sonderbare Fragen, Carmina. Wollen Sie mir nicht Ihr Vertrauen schenken?«

Sie ergriff in plötzlicher Bewegung seine Hand und küßte dieselbe.

»Ich muß fort!« sagte sie. »Ich habe den Wagen schon zu lange warten lassen.«

Damit eilte sie hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen.



Kapiteltrenner

Capitel XL.

Als der Wagen vom Hause des Rechtsanwaltes abfuhr, sah das Mädchen nach der Uhr und sagte zu Carmina: »Wir werden heute beinahe eine Stunde zu spät nach Hause kommen.«

»Das ist meine Schuld, Johanne. Wenn meine Tante fragt, so sagen Sie ihr nur die Wahrheit; ich werde darum nicht schlechter von Ihnen denken, wenn Sie den Befehlen Ihrer Herrin gehorchen.«

»Nein, ich würde lieber meine Stelle verlieren, als Sie in Ungelegenheiten bringen, gnädiges Fräulein«, antwortete das Mädchen, das Carmina durch ihr liebenswürdiges freundliches Wesen ganz für sich gewonnen hatte. Und der Blick besorgten Interesses, mit dem sie die junge Dame betrachtete, während sie schnell dahinfuhren, bewies, daß sie es wirklich so meinte und fühlte, wie sie sagte.

Statt wie gewöhnlich heiter zu Plaudern, war Carmina heute schweigsam und ernst. Der Besuch bei dem Anwalte hatte sie bestimmt, den verzweifelten Schritt zu unternehmen, den ihr Miß Minerva vorgeschlagen hatte.

Hätte Mr. Mool die Behauptung ihrer Tante, daß sie als Vormünderin und Pflegerin unbeschränkte Macht über sie habe, für unstichhaltig erklärt, so wäre Carmina —— das hatte sie sich vorgenommen —— bis zur Rückkehr Ovid’s unter der Botmäßigkeit derselben geblieben, vorausgesetzt, daß ihr erlaubt worden wäre, nach der Ankunft ihrer alten Amme, mit dieser zurückgezogen zu leben. Dieser Wohnungswechsel würde ein Aneinandergerathen ihrer Tante und Teresa’s verhindert und ihr Leben so ruhig und friedlich gemacht haben, wie sie nur wünschen konnte.

Aber jetzt, da der Rechtsanwalt die Auffassung ihrer Tante von ihrem Verhältnisse zu derselben bestätigt hatte, war alle Hoffnung, ein derartiges Arrangement auszuführen, verschwunden. Wollte sie sich nicht einem Leben voll herzloser Verfolgung und ewiger Ungewißheit aussetzen, so blieb ihr nichts weiter übrig, als sofortige Flucht zu Ovid’s schützender Liebe.

Der Plan zur Flucht war bereits fertig. Jener kurze Blick auf das Gesicht Mrs. Gallilee’s im Spiegel hatte die Gouvernante in ihrem Entschlusse sich einzumischen, befestigt, und während sie am Sonntag Morgen mit Carmina eingeschlossen gewesen, hatte sie den Fluchtplan vorgeschlagen, der selbst Mrs. Gallilee’s Wachsamkeit und Schlauheit Trotz, bieten sollte. Pecuniäre Schwierigkeiten standen nicht im Wege, da auf Mr. Mool’s Rath die erste Vierteljahresrente von 125 Pfund bereits ausgezahlt worden und genug übrig geblieben war, um —— auch ohne die Mittel der Amme in Anspruch zu nehmen —— das zur Reise Nöthige zu beschaffen und die Reise Beider bis Quebec bestreiten zu können.

Mittlerweile war das Glück dem Mädchen Mrs. Gallilee’s günstig; es wurden weder Fragen gestellt noch wurde überhaupt von der späten Rückkehr Notiz genommen.

Fünf Minuten vor der Rückkehr des Wagens hatte Mrs. Gallilee einer Verabredung gemäß von einer gelehrten Freundin vom Lande Besuch bekommen. Am folgenden Dienstag Nachmittag stand nämlich ein Ereigniß von größtem wissenschaftlichen Interesse bevor: ein neuer Professor wollte einen Vortrag über »die Materie« halten und in demselben seine umstürzenden Ansichten zu Tage fördern. Dem Vortrage sollte eine allgemeine Discussion folgen, und an dieser beabsichtigte Mrs. Gallilee —— unter gewissen Bedingungen —— sich zu betheiligen.

»Sollte er versuchen«, erklärte sie, »sich auf die Wechselwirkung gesonderter Atome zu beziehen, so werde ich ihm verwehren, das zu thun, ohne das Vorhandensein eines steten materiellen Mediums im Raume anzunehmen. Und wird dieser Gesichtspunkt akzeptiert —— folgen Sie mir hier! —— was ist die Folge?« rief Mrs. Gallilee, sich aufgeregt erhebend. »Kurz herausgesagt, daß wir die Idee von den Atomen fallen lassen!«

Die Freundin sah aus, als ob sie sich durch diese Aussicht unendlich erleichtert fühlte.

»Nun geben Sie Acht!« fuhr Mrs. Gallilee fort. »Dann werde ich aufpassen, ob der Professor Thomson’s Theorie adoptiert. Sie kennen dieselbe? Nein? Dann will ich sie Ihnen kurz«auseinandersetzen. Bloße Verschiedenartigkeit, zusammen mit der Gravitation, genügt, die ganzen, scheinbar unharmonischen Gesetze der Molecularkraft zu erklären. Sie verstehen? Schön. Geht er einfach über Thomson hinweg, dann stehe ich auf und vertrete Folgendes.«

Und während Mrs. Gallilee ihrer Freundin darlegte, was sie zu vertreten beabsichtigte, fuhr der Kutscher den Wagen zu den Ställen, ging das Mädchen nach unten zum Thee, und Carmina in’s Schulzimmer zu Miß Minerva, ohne daß die ganz von ihrer Comödie der Atome in Anspruch genommene Hausherrin etwas davon bemerkte.

Am Montag Morgen empfing Carmina einen Brief aus Rom —— nicht von Teresa, sondern von dem alten Priester Pater Patrizio —— dessen Inhalt Miß Minerva’s Besorgnisse bestätigte.

»Mein liebes Kind« —— so lautete derselbe —— »Unsere gute Teresa verläßt uns heute, um nach London abzureisen, nachdem sie voll Ungeduld die gesetzlichen Ceremonien durchgemacht hat, die nothwendig waren, weil ihr Mann kein Testament gemacht hat. Von dem, was derselbe an Geld hinterlassen, ist nach Bezahlung der Begräbnißkosten und der paar kleinen Schulden kaum etwas übrig geblieben. Was aber wichtiger ist —— er lebte und starb als guter Christ. Ich war in der Sterbensstunde bei ihm. Bete, mein Kind, für den Frieden seiner Seele.

»Teresa erklärte allerdings, Tag und Nacht reisen zu wollen, um desto eher zu Dir zu kommen; aber so stark die gute Frau auch ist, glaube ich doch, daß sie wenigstens eine Nacht unterwegs ausruhen müssen wird. Darum denke ich, daß mein Brief eher ankommen wird. Ich habe Dir etwas von ihr zu sagen, und es ist gut, wenn Du das vorher weißt.

»Glaube nicht, daß ich Dich tadele, weil Du Teresa von der unfreundlichen Aufnahme erzählt hast, die Dir von Seite Deiner Tante und Vormünderin zu Theil geworden zu sein scheint. Wem solltest Du Dich wohl anvertrauen, wenn nicht ihr, die die Stelle einer Mutter bei Dir vertreten hat? Und habe ich Dir nicht von Jugend an stets Achtung vor der Wahrheit eingeprägt? Du hast in Deinen Briefen die Wahrheit geschrieben; ich lobe Dich deshalb und empfinde innig mit Dir.

»Aber der Eindruck auf Teresa ist nicht so, wie wir ihn wünschen könnten. Wie es eine ihrer Tugenden ist, daß sie Dich mit aufrichtigster Ergebenheit liebt; so ist es andererseits ein Fehler an ihr, daß sie so heftig und hartnäckig in ihrem Zorne ist. Deine Tante ist ihr ein Gegenstand förmlichen Hasses geworden; und wenn ich auch glaube, dies unchristliche Gefühl erfolgreich bekämpft zu haben, so ist sie doch jetzt außer dem Bereiche meines Einflusses, und ich bitte Dich daher, das gute Werk, das ich angefangen habe, fortzusetzen. Besänftige diese ungestüme Natur; halte den wilden Geist zurück. Dein milder Einfluß, Carmina, hat eine Macht über diejenigen, die Dich lieben —— und wer liebte Dich wie Teresa! —— die Du vielleicht selbst nicht kennst.

Gebrauche diese Macht vorsichtig, und ich habe mit dem Segen Gottes und seiner Heiligen keine Besorgniß wegen der Folgen.

»Schreibe mir, mein Kind, wenn Teresa angekommen ist, und laß mich hören, daß Du glücklicher und wohler seist. Auch schreibe mir, ob Deine Hochzeit bald in Aussicht steht. Nach dem Wenigen, was ich weiß, zu urtheilen, hängen Deine theuersten irdischen Interessen von der Entfernung sich diesem heilsamen Wechsel in Deinem Leben entgegenstellender Hindernisse ab. Empfange meine besten Wünsche und meinen Segen, und wenn Dir ein armer alter Priester, wie ich, von irgendwelchem Nutzen sein kann, so vergiß nicht Deines Pater Patrizio.«

Als Carmina diesen Brief gelesen hatte, war alles Zögern, welches sie vielleicht bis jetzt noch empfunden haben mochte, verschwunden. Der gute Pater und der gute Rechtsanwalt hatten sie unschuldigerweise bestimmt, der Autorität ihrer Vormünderin Trotz zu bieten.



Kapiteltrenner

Capitel XLI.

Nach dem Vormittagsunterricht zeigte Carmina den Brief des Priesters der Gouvernante, die denselben, nachdem sie gelesen, schweigend zurückgab.

»Was sagen Sie dazu?« fragte Carmina.

»Nichts. Sie kennen meine Meinung bereits. Der Brief besagt, was ich gesagt habe —— nur mit größerer Autorität.«

»Er hat mich bestimmt, Ihrem Rathe zu folgen, Frances.«

»Dann hat er etwas Gutes» gethan.«

»Und sehen Sie«, fuhr Carmina fort, »Pater Patrizio spricht von Hindernissen, die meiner Heirath im Wege ständen. Teresa hat ihm jedenfalls meine Briefe gezeigt. Glauben Sie, daß dieselbe die gleiche Besorgniß empfände wie ich, daß meine Tante Mittel finden möchte, uns zu trennen, selbst wenn Ovid wieder hier ist?«

»Sehr wahrscheinlich.«

Miß Minerva sprach in schwachen müder Stimme, gleichgültig in den Stuhl zurückgelehnt, so daß Carmina sie fragte, ob sie die Nacht wieder schlaflos verbracht habe.

»Ja«, war die Antwort, »ich habe wieder eine schlechte Nacht gehabt, und dann das gewöhnliche Märtyrerthum mit den Kindern. Ich weiß nicht, was mich am meisten anekelt: Zoe’s unverschämte Dummheit, oder Maria’s unerträglicher Humbug.«

So hatte sie noch nie von Maria gesprochen, selbst ihre Stimme schien verändert zu sein. Statt der gewöhnlichen verdrossenen Abgebrochenheit lag in den kalten Tönen eine grenzenlose Verachtung. Als sie in der entstandenen Pause aufsehend Carmina’s Augen besorgt und freundlich auf sich gerichtet sah, sagte sie:

»Jeder außer Ihnen würde mich für unangenehm und grob halten —— und das mit vollem Rechte. Ich habe mich nicht einmal nach Ihrem Befinden erkundigt. Sie sehen blässer aus, als gewöhnlich Haben auch Sie eine schlechte Nacht gehabt?

»Ich schlief gegen Morgen ein. Ach! und ich hatte solch einen wunderschönen Traum, daß ich fast wünschen könnte, nie aufgewacht zu sein!«

»Von wem träumten Sie?« Sie stellte diese Frage mechanisch, während sich ihre Stirn wie über einen von dem Gehörten eingegebenen Gedanken zusammenzog.

»Ich träumte von meiner Mutter«, antwortete Carmina.

Miß Minerva erhob sich. Was für ein Gedanke ihr auch gekommen sein mochte, jetzt war sie davon frei. Es war wieder etwas Leben in ihren Augen und in ihrer Stimme, als sie jetzt sagte: »Bringen Sie mich auf andere Gedanken, und erzählen Sie mir Ihren Traum.«

»Es ist gerade nichts Besonderes; man sieht ja oft geliebte Todte im Schlafe. Ich sah meine Mutter wieder, wie ich sie ais Kind immer Abends in der Kinderstube gesehen —— groß und schön, mit dem langen dunklen Haar, das über den weißen Schlafrock bis zur Taille fiel. Sie beugte sich über mich, küßte mich, und sagte verwundert: »Was machst Du hier in einem fremden Hause, mein kleiner Engel? Ich will Dich zurückbringen zu Deiner Wiege neben meinem Bette.« Ich war weder überrascht noch erschrocken, sondern schlang meine Arme um ihren Hals, und so schwebten wir durch die kühle Sternennacht, bis wir wieder zu Hause waren. Ich sah meine Wiege mit den hübschen weißen Vorhängen und rosa Bändern; hörte meine Mutter mir ein englisches Märchen aus dem Buche, welches mein Vater ihr gegeben hatte, erzählen. Ihre herzliche Stimme wurde schwächer und schwächer, während ich immer müder wurde und wie in jener glücklichen Zeit sanft einschlief. Als ich erwachte, weinte ich. Träumen Sie auch manchmal von Ihrer Mutter?«

»Ich? Gott behüte!«

»O Frances, wie können Sie so schrecklich sprechen!«

»Ist es schrecklich? Ich dachte aber so, als Sie erzählten —— und aus gutem Grunde. Ich war die Letzte von einer großen Familie —— die Häßlichste von Körper und Temperament; die Last, die es noch schwerer machte, Geld genug zur Bestreitung der Kosten des Haushaltes anzuschaffen. Mein Vater verwünschte meine Mutter, weil sie mich geboren, und sie gab ebenso bittere Schmähungen zurück und ließ dann ihre schlechte Laune an meinem unglücklichen Körper aus. Die Zeit des Schlafengehens war für mich die Zeit, wo ich Schläge bekam. Sprechen Sie von Ihrer Mutter —— nicht von der meinigen! Sie waren noch sehr jung, als dieselbe starb, nicht wahr?«

»Ja, noch zu jung, um mein Unglück zu empfinden, aber schon alt genug, um mich noch der holdesten Frau, die je gelebt hat, zu erinnern. Sehen Sie hier ihr Portrait, von meinem Vater gemalt. Sieht man es nicht an dem Gesichte, was für ein Engel sie war? Sie hatte etwas Verzauberndes, das alle Kinder empfunden. Ich kann mich noch eben einiger Gespielen erinnern, die in unsern Garten zu kommen pflegten. Es waren noch andere gute Mütter bei uns, aber die Kinder sammelten sich immer um meine Mutter; diese mußte mit ihnen spielen; wenn sie Geschichten erzählte, schlugen sie sich um die Plätze an ihrem Schooße, und Manche weinten und sträubten sich, wenn es Zeit war, daß sie fort mußten. O, wozu das Leben! wozu das Sterben! Auch ich habe oft bittere Gedanken, Frances Für mich ist der Tod etwas Schreckliches —— und er ist mir nie so schrecklich vorgekommen, als in der letzten Zeit, seitdem ich Ovid kennen gelernt habe. O, wie glücklich würde ich sein, wenn meine Mutter noch lebte! Wie würden beide, Ovid und sie, einander lieben!«

Schweigend, mit aufrichtigem Interesse und Theilnahme hatte Miß Minerva zugehört, so lange Carmina von ihrer Mutter gesprochen, als dieselbe aber ihres Geliebten erwähnte, traten die verrätherischen Linien im Gesichte der Gouvernante wieder hervor; sie lehnte sich wieder in den Stuhl zurück, und ihre unruhigen Finger glätteten den Saum ihrer schwarzen Schürze und zerknitterten ihn wieder. Carmina aber war zu sehr von ihren Gedanken in Anspruch genommen und zu voll von Eifer, dieselben zum Ausdruck zu bringen, als daß sie diese warnenden Zeichen beachtete.

»Ich besitze alle Briefe meiner Mutter an meinen Vater«, fuhr sie fort, »die er ihr von seinen zum Skizzen sammeln unternommenen Excursionen geschrieben hat. Da Sie noch etwas Zeit haben, so möchte ich Ihnen gern einige davon vorlesen. Einen habe ich gestern Abend gelesen —— daher vielleicht mein Traum. Er handelt von einem Gegenstande, der jeden interessiert. In der Abwesenheit meines Vaters begegnete nämlich einem sehr guten Freunde von ihm ein Unfall, und meiner Mutter fiel es anheim, dessen Frau auf die Unglücksbotschaft vorzubereiten —— ach, dabei fällt mir ein, daß ich Ihnen noch etwas zu sagen wünschte.«

»Ueber Sich selbst?« fragte Miß Minerva.

»Nein, über Ovid. Ich möchte Sie um Rath bitten.«

Da die Gouvernante schwieg, so fuhr Carmina fort: »Wegen des Schreibens an Ovid.«

»Schreiben Sie, natürlich!« erwiderte Miß Minerva scharf.

»Ich habe Sie doch nicht verletzt?« fragte Carmina.

»Unsinn! Lassen Sie mich den Brief Ihrer Mutter hören.«

»Jawohl —— aber ich möchte Ihnen erst die Umstände erzählen.«

»Das haben Sie ja schon gethan.«

»Nein, nein! Ich meine in Bezug auf meine Angelegenheit. Ich will leise sprechen fuhr Carmina fort, nachdem sie ihren Stuhl näher an den Miß Minerva's gerückt hatte —— »es könnte draußen Jemand vorbeigehen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto nothwendiger scheint es mir, Ovid auf meine Ankunft vorzubereiten, ehe ich heimlich fortgehe. Als wir darüber sprachen, sagten Sie ——«

»Kümmern Sie sich nicht um das, was ich sagten.«

»O, doch! Sie meinten, ich könne zu den Banquiers Ovid’s in Quebec gehen, und dann, wenn ich seine Adresse wüßte, an ihn schreiben. Ich habe mir das überlegt —— und es scheint mir sehr bedenklich. Wenn er nun an demselben Tage, an welchem ich dort ankäme, gleichfalls dahin zurückkehrte —— wenn er mir auf der Straße begegnete! Ich mag gar nicht daran denken, was für Folgen eine derartige Ueberraschung für seine zarte Gesundheit haben könnte. Und dann befände ich mich in der schrecklichen Nothwendigkeit, ihm zu sagen, daß mich seine Mutter zu diesem verzweifelten Schritte getrieben habe. Meinen Sie nicht auch, daß das schriftlich zarter abgedacht werden könnte?«

»Ja!«

»Ich könnte zum Beispiel morgen schreiben, da morgen ein Postdampfer abgeht. Der Brief würde in Anbetracht des umschweifigen Weges, den Teresa und ich aus Furcht vor Entdeckung einschlagen müssen, lange vor uns nach Canada kommen. Ich würde in einem Hotel in Quebec absteigen, und Teresa könnte jeden Tag nach der Bank gehen, um sich zu erkundigen, ob Ovid seine Briefe habe abholen lassen, oder ob er etwa bald zurückkommen und selbst wegen derselben vorsprechen würde. Dann wäre er doch vorbereitet, und wenn wir uns dann begegnen ——!«

Die Gouvernante stand auf und zeigte auf die Uhr.

»Haben Sie Schmerzen?« fragte Carmina, sich gleichfalls beunruhigt erhebend.

»Ja —— Neuralgie denk’ ich. Ich habe die Arznei in meinem Zimmer; halten Sie mich nicht auf, liebe Carmina Ihre Tante darf mich nicht noch einmal hier finden.«

Wiederum zuckte es schmerzlich in ihrem Gesichte; aber ihre Gefühle unterdrückend, ging sie auf die Thür zu. Doch dann übermannte sie der Schmerz wieder, und als sie die Thür schloß, entrang sich ihr ein leiser Aufschrei. so daß Carmina ihr nacheilte.

»Frances, was ist Ihnen?«

»O nichts!« entgegnete die Gouvernante in mildem Tone, den Kopf zurückwendend während sie langsam die Treppe hinaufging. »Seien Sie unbesorgt.«

Carmina that einen Schritt vorwärts, um ihr zu folgen, ging dann aber wieder in’s Zimmer zurück.

Lag diesem Ausdrucke des Leidens wirklich körperlicher Schmerz zu Grunde, oder war derselbe durch irgend etwas, was sie übereilt gesagt hatte, veranlaßt? Sie suchte sich Alles, was zwischen ihr und Frances vorgegangen war, zurückzurufen, und dann wandten sich ihre Gedanken Ovid zu. »Würde er«, so sagte sie sich vorwurfsvoll, »wohl einem Freunde gegenüber, dessen geheimen Kummer er kannte, den Namen einer von ihnen beiden Geliebten ausgesprochen haben?« Sein Portrait betrachtend, warf sie sich Selbstsucht und Gefühllosigkeit vor. »Wird er mich edler machen? Werde ich, wenn ich seine Frau bin, seiner ein wenig würdiger sein?«

Beim Mittagessen ließ Mrs. Gallilee sagen, daß man aus sie nicht zu warten brauche.

»Sie studiert«, sagte Mr. Gallilee mit scheuem Ausdruck, »da sie morgen eine Rede halten will. Ich kenne den armen Professor nicht, auf den sie es abgesehen hat, aber —— was meinst Du, Carmina? —— ich möchte nicht in seinen Schuhen stecken, und wenn man mir noch so viel böte. Der arme Teufel! Entschuldige, mein Kind —— darf ich Dir einen Flügel geben? Gekochtes Geflügel und Zunge —— haha! Kennst Du die Geschichte von dem Fremden, der seine Verwandten in England besuchte? Er war zu fünfzehn Diners, und jedes mal gab es gekochtes Geflügel und Zunge. Das fünfzehnte Mahl ward es ihm doch zu viel, und er rief, sich vor den Kopf schlagend: »O gütiger Himmel, schon wieder Huhn und Speck!« Aber erzähle es nicht weiter, nein? —— und vielleicht denkst Du gerade so wie ich —— ich habe von diesem ewigen Huhn Speck selbst genug.«

Um die gewöhnliche Zeit fuhr der Wagen vor, da der Arzt noch immer frische Luft vorschrieb. Der Hausherr zog sich dann mit gewohnter Pünktlichkeit in seinen Club zurück. Carmina war aber zu unruhig, um fortzugehen. ohne Miß Minerva vorher gesehen zu haben; deshalb ging sie nach oben zu dem Schulzimmer.

Als sie die Thür öffnete, vernahm sie drinnen keinen Laut. Miß Minerva schrieb, und die Mädchen, zum Ausgehen angezogen, saßen schweigend da, die fleißige Maria mit einem Buche, die faule Zo auf einem hohen Stuhle, die Beine schlenkernd. »Wenn Du ein Wort sprichst«, flüsterte letztere der an ihr vorbeigehenden Carmina zu, »so wirst Du ein Kobold genannt werden und mußt Dich auf einen Stuhl setzen. Ich gehe ganz bestimmt zu dem Jungen.«

»Ist Ihnen besser, Frances?«

»Viel besser, meine Liebe.« Aber das Gesicht der Gouvernante strafte diese Antwort Lügen. Dieselbe zerriß den Brief, an dem sie geschrieben und warf ihn in den Papierkorb.

»Das ist schon der zweite Brief, den Sie zerreißen«, bemerkte Zo.

»Noch ein Wort, dann bekommst Du Brod und Wasser zu Abend!« Wenn sie auch frei von Schmerz sein mochte, frei von Erregung war sie nicht; sogar Zo bemerkte, daß sie böse war.

»Ich wünschte, Sie könnten mit mir ausfahren«, sagte Carmina. »Die Luft würde Ihnen gut thun.«

»Unmöglich! Aber Sie können meine aufgeregten Nerven in anderer Weise beruhigen wenn Sie wollen.«

»Wie denn?«

»Wenn Sie mich von diesen Mädchen befreien wollten. Nehmen Sie dieselben mit. Wollen Sie?«

Mit einem Satze war Zo vom Stuhle herunter, und selbst Maria sah von ihrem Buche auf.

»Ich will sie recht gern mitnehmen. Müssen wir meine Tante erst um Erlaubniß fragen?«

»Wir wollen von dieser Erlaubniß heute absehen, da dieselbe sich in ihr Arbeitszimmer eingeschlossen und uns allen untersagt hat, sie zu stören. Ich werde es auf mich nehmen.« Dann wandte sie sich wieder in einem Ausbruch von Gereiztheit an die Mädchen.

»Fort mit Euch!«

Maria erhob sich mit Würde. »Es thut mir leid, Miß Minerva, wenn ich« (sie legte einen besonderen Nachdruck auf, ich und warf dabei einen Seitenblick auf ihre Schwester) —— »wenn ich durch irgend etwas Ihren Unwillen erregt habe.«

Zo stürmte aus dem Zimmer und führte auf dem Flur den Tanz ihres italienischen Freundes auf. Und dabei sang sie trotz des »Schäm’ Dich!« Maria's: »Ja —— ja —— ja —— bella —— vita ja! Heißa, juchhe! —— wir fahren aus!«

Carmina, die noch erst ein freundliches Wort sagen wollte, ehe sie den Mädchen folgte, sagte:

»Sie hielten mich doch nicht für nachlässig, als ich Sie allein nach oben gehen ließ, Frances?«

»Das war das Beste, was Sie thun konnten«, antwortete die Gouvernante traurig, aber freundlich.

»Ja —— aber Sie hatten Schmerzen«, sagte Carmina, die noch nicht beruhigt war.

»Sie sonderbares Kind! Ich habe jetzt keine Schmerzen.«

»Wollen Sie mich beruhigen, Frances? Geben Sie mir einen Kuß.«

»Zwei, meine Liebe —— wenn Sie wollen.«

Und sie küßte Carmina auf jede Wange. »So, nun lassen Sie mich schreiben.« Dann verließ Carmina sie.

Die Fahrt mit Zo im Wagen hätte eine angenehme sein sollen. Für das Mädchen war es eine Stunde des herzlichsten Genusses; selbst Maria ließ sich ab und an zu einem Lächeln herab; nur Carmina war nicht heiter.

Bei der Rückkehr wurden sie in der Halle von Mrs. Gallilee empfangen, die sich mit den Worten an Carmina wandte: »Du wirst die Kinder nie wieder ohne meine Erlaubniß mitnehmen. Die Person, die dafür verantwortlich ist, wird Dich nie wieder verleiten.« Damit ging sie in die Bibliothek und schloß die Thür hinter sich.

Beim Anblick ihrer Mutter waren Maria und Zo nach oben geeilt, und nachdem Carmina einen Augenblick allein in der Halle gestanden hatte, ging sie gleichfalls nach oben. Ehe sie aber die Thür ihres Zimmers auf dem ersten Flur öffnete, verließ sie ihre Entschlossenheit und sie rief schwach nach oben: »Frances!« Da sie keine Antwort bekam, ging sie in ihr Zimmer. Auf dem Tische lag ein kleines, an sie adressiertes versiegeltes Packet. Beim Oeffnen desselben fiel ein Ring mit einem Rubin heraus, in welchem sie an dem Steine den Ring der Gouvernante erkannte.

Auf der Innenseite des Papiers stand in verwischter Schrift: »Ich habe versucht, Ihnen schriftlich mein Herz auszuschütten —— habe aber die Briefe wieder zerrissen. Je weniger Worte, desto besser. Denken Sie an das, was ich Ihnen gestanden, so werden Sie wissen, weshalb ich Sie verlassen habe. Wenn ich Ihrer würdiger bin als jetzt, werden Sie von mir hören. Bis dahin tragen Sie meinen Ring, der Sie daran erinnern wird, wie schlecht ich einst war. F. M.«

Beim Betrachten des Ringes fiel Carmina ein, daß Frances sie früher hatte bewegen wollen, denselben als Sicherheit für die geliehenen zwanzig Pfund anzunehmen.

Dann sah sie das Geständniß an, in dem zwei Stellen unterstrichen waren: »Die Schlechtigkeit, auf welche Mrs. Gallilee rechnete, möchte noch in mir sein.« Und wieder: »Selbst jetzt, da Sie um mein Geheimniß wissen, liebe ich ihn noch. Trauen Sie mir nicht.«

Und nie hatte ihr Carmina so fest vertraut, wie in diesem bitteren Augenblicke!



Kapiteltrenner

Capitel XLII.

Das Schulzimmer hatte sein gewöhnliches Aussehen verloren. Das Zimmermädchen, welches zeitweilig mit der Autorität hier betraut war, saß schweigend bei ihrer Näharbeit Maria stand in der neuen Rolle eines Faulenzers am Fenster, das Taschentuch in der Hand, während das von ihr unzertrennliche Buch unbeachtet am Boden lag. Zo lag auf der Kamindecke platt aus dem Rücken und hielt den Hund liebkosend im Arm; hin und wieder drehte sie sich von einer Seite zur andern und blickte mit wundernden Augen zur Decke auf. Der Fortgang Miß Minerva's hatte das Zimmermädchen stumm gemacht und ihre beiden Schülerinnen gleichsam versteinert.

»Wo wohl Carmina sein mag«, brach Maria endlich das Schweigen.

»Wahrscheinlich auf ihrem Zimmer«, meinte das Mädchen.

»Ob ich wohl einmal nach ihr sehen sollte?«

Das vorsichtige Zimmermädchen vermied es, ihr einen Rath zu geben, und Maria’s Gleichgewicht war so vollständig gestört, daß sie mit fragender Neugier ihre Schwester ansah, die noch langsam von einer Seite zur andern rollte, und vielleicht auf diese Weise instinctiv versuchte, das träge Gewicht ihrer Gedanken in Bewegung zu bringen. Eingelullt durch die regelmäßige Bewegung, war der Hund auf ihrer Brust in tiefen Schlaf verfallen, der nicht einmal durch einen Traum von kleinen Feinden gestört wurde.

Während Maria noch überlegte, trat Carmina die, wie das Mädchen sie später beschrieb, aussah »Wie Jemand, der aus »dem Häuschen ist«, in’s Zimmer. Maria gab dem Gefühle des Schulzimmers dadurch Ausdruck, daß sie in feierlichem Schweigen ihr Taschentuch an die Augen führte. Carmina nahm indessen keine Notiz von dieser Kundgebung sondern ging auf das Stubenmädchen zu und fragte: »Haben Sie Miß Minerva gesehen, ehe sie fortging?«

»Ja, sie beauftragte mich mit ihrer Bestellung.«

»Mit welcher Bestellung?«

»Daß sie die gnädige Frau auf einen Augenblick zu sprechen wünschte.«

»Nun?«

»Ich mußte sie in die Bibliothek führen, wohin sie sich vollständig zum Ausgehen angekleidet begab. Nachdem sie kaum fünf Minuten bei der gnädigen Frau gewesen war, kam sie wieder heraus, zog die Flurglocke und sagte dann zu Joseph: »Meine Sachen sind gepackt und adressiert, in einer Stunde werde ich sie abholen lassen. Adieu, Joseph.« Dann ging sie so ruhig aus dem Hause, als ob sie nur eine Besorgung um die Ecke herum machen wollte.«

»Sind die Sachen abgeholt?«

»Ja, Miß.«

Carmina hob den Kopf und fragte sicherer: »Wohin sind dieselben gebracht?«

»Nach dem Blumenladen hier hinter uns, von wo sie später wieder abgeholt werden sollen.«

»Ist keine andere Adresse angegeben?«

»Nein.«

Damit schwand bei Carmina die letzte schwache Hoffnung, Frances' Aufenthalt ausfindig zu machen, und sie wollte traurig das Zimmer wieder verlassen, als Zo sie von der Kamindecke her mit Namen rief. Mit ihrer gewohnten Freundlichkeit gegen die kleine ging sie zu derselben und fragte: »Nun, Zo, was willst Du?«

Das Kind stand auf und sagte: »Ich habe über diese Gouvernante nachgedacht. Weißt Du noch, daß ich Dir einmal sagte, daß ich fortlaufen wollte —— ihretwegen? Still! Nun kommt das, was ich nicht verstehen kann —— sie ist von mir fortgelaufen. Ich trage ihr nichts nach, ich freue mich nur so bei mir. Nun ist es vorbei mit den ewigen schmutzigen Nägeln und mit Brod und Wasser statt des Thees —— das ist Alles Adieu.« Damit legte sie sich wieder auf die Decke, und auch der Hund nahm seinen Platz, wieder ein, während Carmina nach ihrem Zimmer zurückging —— um über das, was sie von dem Stubenmädchen gehört hatte, nachzudenken.

Es war nun klar, daß ihrer Tante nicht die Genugthuung geworden war, die Gouvernante plötzlich zu entlassen, sondern letztere war unzweifelhaft von selbst gegangen. Soweit vermochte Carmina klar zu denken —— weiter aber nicht. Das wirre Gefühl hilflosen Jammers, das sie nach den wenigen Abschiedszeilen Frances’ überkommen hatte, lastete noch auf ihrem Gemüthe. Für Augenblicke verstand sie die treibenden Beweggründe ihrer unglücklichen Freundin wohl unbestimmt, dann aber folgten wieder Momente, wo sie eine impulsive Bitterkeit über die Handlung empfand, die sie gerade jetzt, da sie der ermuthigenden Sympathie einer festeren Natur am meisten bedurfte, sich selbst überließ. Zweifel begannen sich in ihr zu erheben an der Standfestigkeit ihres Entschlusses, wenn Frances ihr am Morgen ihrer Flucht nicht Lebewohl sagte; und zum ersten Male quälte sie jetzt ein Mißtrauen in Bezug auf die von Ovid zu erwartende Aufnahme, eine Furcht, daß er möglichenfalls ihre Kühnheit mißbilligen und vielleicht gar für seine Mutter Partei nehmen könnte. Wirt und unstät warf sie sich auf’s Sofa, bitter gegen Frances —— gleichgültig dagegen, ob sie lebte oder stürbe.

Zum Diner ließ sie sich entschuldigen, und sofort kam Mrs. Gallilee, herber und kälter als je, um sich nach der Kranken zu erkundigen; da dieselbe aber keine directe Nöthigung sah, nach Mr. Null zu schicken, so verließ sie das Zimmer wieder mit der Anweisung, Carmina möge klingeln, wenn sie etwas brauchte.

Nach einiger Zeit stellte sich dann Mr. Gallilee ein, mit einem Rest Wein, den er unter dem Rocke verborgen, und einer Auswahl Torte, die er in die Tasche gesteckt hatte. »Geschmuggelte Waren, liebes Kind«, flüsterte er; »habe sie erwischt, wenn gerade Niemand hersah. Wenn man elend ist, Carmina, so ist es ein Zeichen von der gütigen Vorsehung, daß wir zum Essen und Trinken bestimmt sind. Der Sherry ist alt, und die Torte schmilzt einem förmlich im Munde. Soll ich bei Dir bleiben? Du möchtest es lieber nicht? Das ist auch meine Meinung; wir stimmen merkwürdig überein, nicht wahr? Die arme Miß Minerva thut mir leid. Du thätest wohl am besten, wenn Du zu Bett gingest?«

Carmina war aber nicht in der Stimmung, diesen Rath zu befolgen. Unruhig ging sie im Zimmer auf und ab, als die Zeit kam, wo das Haus geschlossen wurde. Durch den Ton von dem Schließen der Schlösser und Riegel tönte plötzlich ein scharfes Klingeln und bald darauf stattete Mr. Gallilee ihr zum zweiten Male einen Besuch ab. Er war wie umgewandelt, sein rundes Gesicht glühte und er sah wirklich aus, als ob er doch noch einer heftigen Erregung fähig wäre, die nicht mit Champagner und dem Club in Verbindung stände. Er überreichte Carmina ein Telegramm, und als er sprach, klang die Erregung aus seiner pfeifenden Stimme.

»Liebes Kind —— etwas sehr Unangenehmes. Ich traf Joseph, wie er dies zu meiner Frau bringen wollte. Höchst unpassend meiner Ansicht nach —— was sagst Du dazu? —— ein Telegramm, das an Dich adressiert ist, zu Deiner Tante zu bringen. Es war kein Irrthum; er hatte die Unverschämtheit, zu erklären, daß es ihm befohlen sei. Ich habe ihm den Kopf zurechtgesetzt.« Als er dies aussprach, schien er über sich selbst zu staunen —— dann verfiel er wieder in seine gewohnte süße Laune. »Doch keine schlechte Nachricht?« fragte er besorgt.

»Nein, gute! Die beste Nachricht von der Welt!« antwortete sie Ungestüm, worauf Mr. Gallilee ein so glückliches Gesicht machte, als ob er selbst das willkommene Telegramm bekommen hätte. Als er aber dann fortging, wandten sich seine Gedanken wieder dem Vertrauensbruch des Bedienten zu und er sagte ——« ja, sagte wirklich, ohne an Jemanden zu appellieren —— »infamer Bursche!«

Das Telegramm war von Teresa und in Paris aufgegeben; es lautete: »Zu müde, um den Nachtzug nach England zu benutzen. Werde morgen mit dem Frühzuge fahren und um sechs Uhr bei Dir sein.«

Carmina war gerade in der Gemüthsverfassung um bei der Aussicht, die liebe alte Freundin ihrer glücklichsten Tage wiederzusehen, eine unvermischte Freude zu empfinden. Sie dachte mit keinem Gedanken an den, durch die dem Bedienten ertheilte Anweisung an den Tag gekommenen Versuch ihrer Tante, irgend etwas von einem vermutheten Verkehr zwischen Miß Minerva und ihr aufzufangen. Für diese Nacht war es genug, zu wissen, daß sie nicht ganz freundlos war. Keine Befürchtung in Bezug auf das, was auf Teresa's Rückkehr folgen mochte, beunruhigte sie, als sie den Kopf auf’s Kissen legte. Ihr Muth war wieder aufgelebt; sie fühlte sieh wieder im Stande, (mit Hilfe ihrer alten Amme) das Wagniß der Flucht zu unternehmen. Jetzt, in ruhigerer Gemüthsverfassung, konnte sie auch sehen, daß das Opfer Frances’ der Sympathie und Bewunderung würdig war und liebende Ergebung und Nachsicht von ihr beanspruchte. Wie tapfer hatte die arme Gouvernante die Eifersucht, die sie gequält, beherrscht; wie hochherzig Carmina’s wegen Carmina’s Freundschaft entsagt!

Der nächste Tag —— der wichtige Dienstag des Vortrages über die Materie; der freudevolle Tag der Ankunft Teresa's —— brachte specielle Anforderungen an Carmina’s Feder mit sich.

Ihr erster Brief war an Frances gerichtet; derselbe war freimüthig und ernst geschrieben, beschwor Miß Minerva, einen Ort zu bestimmen, wo sie sich treffen könnten, und versicherte derselben in den zärtlichsten Ausdrücken, daß eine treue Freundin sie noch liebte, bewunderte und ihr vertraute. Diesen Brief brachte das Stubenmädchen sofort nach dem Blumenladen und steckte ihn unter den Riemen eines der Koffer, die noch nicht abgeholt waren.

Der zweite Brief war viele Seiten lang und nahm den Rest des Morgens in Anspruch. In demselben setzte Carmina ihrem Verlobten die ernsten Gründe auseinander, die sie gezwungen hätten, sich der Obhut seiner Mutter zu entziehen. Gezwungen, endlich zu ihrer Selbstvertheidigung zu sprechen, fühlte sie, daß Verheimlichungen und Vertuschungen sowohl Ovids, als ihrer selbst gleich unwerth sein würden. Sie wiederholte, was sie bereits an Teresa geschrieben hatte, mit der Modification, daß sie sich nachsichtig über seine Mutter aussprach. Die Schlußworte waren ihres edlen, gerechten und hochherzigen Charakters würdig.

»Du wirst nun vielleicht sagen: »Warum erfahre ich denn jetzt erst von Allem, was Du gelitten hast?« Geliebter, es hat mich gedrängt, es Dir zu sagen; ich habe sogar die Feder zur Hand genommen, um anzufangen, aber ich dachte an Dich, und legte sie wieder fort. Wie selbstisch, wie grausam wäre es gewesen, wenn ich Deine Genesung dadurch gehindert hätte, daß ich Dir Kummer und Unruhe bereitet, wenn ich Dich vielleicht veranlaßt hätte, nach England zurückzukehren, ehe Du wiederhergestellt warst! Ich bedaure keineswegs die Anstrengung, die es mich gekostet hat, zu schweigen. Indem ich an Dich schreibe, ist mein einziger Kummer, daß ich von Deiner Mutter in Ausdrücken sprechen muß, die sie vielleicht in der Achtung ihres Sohnes herabsetzen.«

Das Mädchen brachte Carmina das Luncheon auf ihr Zimmer, da die Hausherrin noch bei ihren Studien und der Herr in den Club gegangen war. Die beiden Mädchen hatten gegenwärtig keinen andern Unterricht, als den des Musiklehrers. Wenn aber erst der Vortrag und die Discussion hinter ihr lag, wollte Mrs. Gallilee selbst so lange Miß Minerva's Stelle einnehmen, bis eine neue Gouvernante gefunden war. Nun bewiesen Maria und Zo einmal eine schwesterliche Aehnlichkeit in ihren Gefühlen, so daß es schwer zu sagen war, welche von ihnen dem Unterrichte ihrer gelehrten Mutter mit dem größten Entsetzen entgegensah.

Carmina hörte sie, während sie aß, am Piano. Als sie dann in ihr Schlafzimmer ging, um sich zu ihrer täglichen Ausfahrt fertig zu machen, hörte die Profanisierung der Musik auf. Sie nahm den Brief, der gehörig verschlossen und mit der Marke versehen war, mit, damit derselbe mit den etwa unten in dem Korbe im Flur befindlichen nach der Post geschickt würde. Das Schreiben an Ovid hatte sie bei dem schwachen Zustande ihrer Nerven aber doch sehr angegriffen, so daß ihr das Herz unruhig schlug und ihr die Kniee zitterten, als sie die Treppe hinabging.

In der Halle sah sie einen Mann langsam auf- und abgehen, der sich, als sie vorkam, umwandte, und ihr das abscheuliche Gesicht Mr. Le Franks zeigte.

Dem Musiklehrer war bei dem vergeblichen Warten auf eine Gelegenheit, um noch einmal in ihrem Zimmer Nachsuchung zu halten, endlich die Geduld ausgegangen. Sein hungriger Argwohn hatte in dieser Zwischenzeit von sich selbst zehren müssen; die Motive jenes unverständlichen Versuches, ihn gut Freund zu machen, der so sonderbar von einer unglücklichen Einladung zum Händedruck begleitet gewesen, waren für ihn tief wie je in Dunkel gehüllt. Ein Opfer widriger Umstände, hatte sich Mr. Le Frank (mit dem größten Widerstreben) entschlossen, auf geradem Wege auf sein Ziel loszugehen und anstatt sich heimlich aus Carmina's Tagebuche und Briefen Auskunft zu holen, Carmina selbst offen um Aufklärung anzugehen.

In den Schuhen eines Ehrenhaften präsentierte er sich indeß in sehr nachtheiligem Lichte. Er war seiner herrlichen Stimme nicht Meister und es fehlte ihm die Ruhe, die zu der vollendeten Ausführung seiner prächtigen Verbeugung unerläßlich war.

»Ich habe gewartet, um vor Ihrer Ausfahrt ein Wort mit Ihnen zu sprechen«, begann er ohne Weiteres.

Carmina, die bereits erschüttert gewesen war, ehe sie ihn überhaupt gesehen, und nun das peinliche Bewußtsein hatte, bei ihrer letzten Begegnung dadurch einen ernsten Fehler begangen zu haben, daß sie überhaupt mit ihm gesprochen, antwortete weder, noch sah sie ihn an, sondern ging, verwirrt den Kopf senkend, der Hausthür zu.

Sofort machte er eine Bewegung, ihr den Weg zu vertreten. »Ich muß Sie ersuchen, sich in’s Gedächtniß zurückzurufen, was bei der zufälligen Begegnung vor einiger Zeit vorfiel«, fuhr er fort.

Während er aber darauf gerechnet hatte, sie in Furcht zu setzen, gab ihr seine Unverschämtheit ihr volles Selbstgefühl wieder. »Lassen Sie mich gefälligst vorbei«, sagte sie, »der Wagen wartet auf mich.«

»Der kamt dreist noch etwas länger warten«, antwortete er roh. »Bei der fraglichen Gelegenheit waren Sie so gütig, mir ein Entgegenkommen zu beweisen, von dem ich nicht wüßte, daß ich einen Anspruch darauf hätte. Vielleicht werden Sie mir die Gunst erweisen, mir Ihre Beweggründe zu erklären?«

»Ich verstehe Sie nicht, mein Herr.«

»O ja — das thun Sie doch!«

Sie trat zurück und legte die Hand an den nach der Küche unten gehenden Glockenzug. »Muß ich klingeln?« fragte sie.

Es war klar, daß sie es thun würde, wenn er ihr noch einen Schritt näher käme, und so trat er mit einem Blicke, welcher sie zittern machte, zur Seite. Als sie an dem Flurtische vorbeikam, legte sie den Brief in den Briefkorb. Seine Augen folgten demselben und er wurde plötzlich reumüthig und höflich. »Es thut mir leid, wenn ich Sie beunruhigt habe«, sagte er und öffnete ihr die Hausthür, ohne sich dem Kutscher und dem Mädchen draußen zu zeigen.

Als der Wagen abgefahren war, schloß der Musiklehrer wieder leise die Hausthür, ging dann an den Flurtisch und sah in den Korb.

War eine Entdeckung durch irgend Jemanden von der Dienerschaft zu besorgen? Der Bediente begleitete seine Herrin zu der Vorlesung, und von den Mädchen war keins oben. So nahm er Carmina’s Brief heraus und las die Adresse: »Herrn Doctor Ovid Vere.«

Er blinzelte verstohlen mit den Augen, sein ausgezeichnetes Gedächtniß für Beleidigungen erinnerte ihn daran, wie Doctor Ovid Vere versucht hatte, Mrs. Gallilee davon zurückzuhalten, daß sie ihn als Musiklehrer engagiere. Seine rachsüchtige Natur schmiedete sofort ein zartes Bindeglied zwischen seinem Hasse gegen die Person, für die der Brief bestimmt war, und dem Interesse, das er daran hatte, denselben zur Entdeckung der Geheimnisse Carmina’s zu stehlen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß hinreichend Zeit war, das Couvert zu öffnen und (falls sich der Inhalt als unwichtig für ihn herausstellen sollte) es wieder zu schließen und selbst zur Post zu bringen. Nachdem er sich noch einmal umgesehen, steckte er den Brief in die Tasche und ging unbemerkt aus dem Hause.

Auf dem Nachhausewege kam dem Wagen Carmina’s eine Droschke in so rasendem Tempo entgegen, daß es um ein Haar zu einem Zusammenstoße gekommen wäre. Das Mädchen schrie vor Schrecken laut auf, Carmina wurde bleich, und der Kutscher gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, warum der Insasse der Droschke es wohl so eilig hätte. Dieser Insasse war der erste Schreiber Mr. Mool’s und auf dem Wege zu Doctor Benjulia.



Kapiteltrenner

Capitel XLIII.

Als Carmina am Sonntag das Haus des Rechtsanwalts verlassen hatte, waren demselben ernste Besorgnisse gekommen. Ihr aufgeregtes Wesen, ihre sonderbaren Fragen und dann der plötzliche Abschied riefen in ihm die Vermuthung hervor, daß sie sich mit irgend einem ungewöhnlichen Plane trüge, vielleicht sogar mit dem Gedanken an Flucht. Für jeden Anderen wäre es nun wohl das Nächste gewesen, Mrs. Gallilee diese Vermuthungen mitzutheilen; dem Rechtsanwalt stand aber jene Szene in seinem Büreau noch zu lebhaft vor Augen; das Vergnügen, mit welchem Mrs. Gallilee das Andenken der Mutter Carmina's zu beschmutzen versucht, hatte ihn so angeekelt und entsetzt, daß er vor dem Gedanken, noch fernerhin irgendwie mit derselben zu verkehren, zurückschrak, mochte es sich auch um eine noch so dringende Sache handeln. Da es übrigens möglich war, daß Carmina sich nach dem Vorgefallenen zu einer schriftlichen Erklärung verpflichtet fühlen mochte, so entschloß er sich, bis zum nächsten Morgen zu warten.

Am Montag Morgen kam indeß kein Brief von Carmina, und als Mr. Mool zu seinem Büreau ging, fand er eine solche Geschäftskorrespondenz vor, daß jede Minute Zeit davon in Anspruch genommen wurde und sein Vorhaben, an Carmina zu schreiben, nicht zur Ausführung kam. Erst nach Beendigung seines Tagewerks hatte er Muße, an eine Sache von größerer Wichtigkeit zu denken, nämlich an die Notwendigkeit, Benjulia's früheren Freund, den italienischen Lehrer Baccani zu entdecken. Deshalb gab er einem seiner Schreiber den Auftrag, am folgenden Morgen in den ausländischen Buchhandlungen nachzufragen; das war die einzige Möglichkeit, zu erfahren, ob Baccani überhaupt noch lebte und sich in London aufhielte.

Die Nachforschungen erwiesen sich als erfolgreich, und am Dienstag Nachmittag hatte Mr. Mool die Adresse Baccani's in Händen. Obgleich noch Geschäfte auf ihn warteten, setzte er dieselben doch der heiligen Pflicht nach, den guten Namen der Todten zu vertheidigen, und der dringenden Notwendigkeit, Mrs. Gallilees böse und lästerliche Zunge zum Schweigen zu bringen. Sofort begab er sich in Person nach der Wohnung des Sprachlehrers, wo ihm mitgetheilt wurde, daß derselbe nach einem benachbarten Restaurant zum Essen gegangen sei. Er schickte demselben einige Zeilen und wartete in der Wohnung. Nach zehn Minuten erschien ein ältlicher Mann von asketischem Aeußern, dessen Blick und Ton darauf schließen ließen, daß er sehr empfindlich war und in dem Advokaten vielleicht einen Spion argwöhnte.

Aber Mr. Mool hatte Erfahrungen hinter sich und war seiner Aufgabe gewachsen; er erklärte klar und voll, was ihn hierher geführt, und schloß mit einem Appell an die Sympathie eines Ehrenmannes.

Baccani, welcher sich, während er schweigend zuhörte, ein Urtheil über den Rechtsanwalt gebildet hatte, antwortete:

»Ich habe bis jetzt herzlich bittere Erfahrungen mit der Menschheit gemacht; seit ich Sie aber gesehen, habe ich wieder eine bessere Meinung von der menschlichen Natur bekommen, und das will in meinem Alter und meinen Verhältnissen etwas sagen.«

Dann verbeugte er sich ernst, ging zu seinem Bette, zog unter demselben einen plumpen eisernen Kasten hervor, öffnete das verrostete Schloß desselben nicht ohne Schwierigkeit, nahm aus demselben ein altes Taschenbuch und aus diesem ein Papier, das wie ein alter Brief aussah.

»Hier,« sagte er, Mr. Mool das Papier überreichend, »haben Sie ein Dokument, welches den Ruf jener Dame gegen diese Verunglimpfung schützt. Ehe Sie indessen dasselbe öffnen, muß ich Ihnen sagen, wie ich dazu gekommen bin.«

Da es ihm große Verlegenheit zu bereiten schien, den Gegenstand zu berühren, so bemerkte der Rechtsanwalt:

»Ich bin bereits mit einigen von den Umständen, auf die Sie Bezug nehmen wollen, bekannt; kenne z. B. die Wette, welche die Verleumdung veranlaßte, und die Weise, in welcher dieselbe entschieden wurde. Um was ich Sie bemühen muß, ist nur, mir das, was folgte, zu beschreiben.«

Baccani machte aus der Erleichterung, die er nach diesen Worten fühlte, kein Geheimniß »Ich empfinde« sagte er, »Ihre Freundlichkeit ebenso wie das Schimpfliche der Handlung, daß ich den Ruf einer Frau zum Gegenstande einer Wette machen ließ. Von wem haben Sie Ihre Auskunft?«

»Aus derselben Quelle, aus welcher ich Ihren werthen Namen erfuhr —— von Doktor Benjulia.«

Mit einer Gebärde entrüsteter Abwehr erhob Baccani die Hand. »Erwähnen Sie dessen vor mir nicht wieder, Mr. Mool!« rief er. »Dieser Mensch hat mich beleidigt. Als ich hier in England vor politischer Verfolgung Schutz suchte, schickte ich ihm meinen Prospekt. Von meiner bescheidenen Stellung als Sprachlehrer sah ich ohne Neid zu dem Range empor, den er unter den Aerzten einnahm, und dachte, er würde sich vielleicht nicht ungünstig unserer früheren Freundschaft erinnern —— jener Zeit, wo ich ihm hunderte von Gefälligkeiten gethan. Er aber hat auch nie die geringste Notiz von mir genommen, nicht einmal etwas über den Empfang meines Prospektes verlauten lassen. Erwähnen Sie dieses Verächtlichen nicht wieder.«

»Bitte, verzeihen Sie, wenn ich noch einmal —— zum letzten Mal —— auf ihn zurückkomme,« entgegnete Mr. Mool höflich. »Hatten Sie nach Entscheidung der Wette noch länger Umgang mit ihm?«

»Nein, mein Herd« antwortete Baccani. »Als ich einige Tage darauf Muße hatte, wieder den Klub aufzusuchen, in welchem wir uns gewöhnlich trafen, hatte er Rom verlassen, seit der Zeit habe ich ihn —— wie ich zu meiner Freude sage —— nie wieder gesehen.«

Damit war also erklärt, weshalb Benjulia nichts von der Widerlegung der Verleumdung erfahren hatte. Das Nächste war also nur noch, zu erfahren, wie Baccani zu der Widerlegung gekommen war. »Wollen wir nun zu dem Manuskripte zurückkehren, das Sie mir zu lesen erlauben?« fragte er.

»Sehr gern. Meine Stellung in der Sache ist leicht erklärt. Ich hatte mir vorgenommen, erst das Gesicht der Frau zu sehen, ehe ich glauben wollte, daß eine achtenswerthe verheirathete Dame sich mit einem Elenden kompromittiert hätte, der damit geprahlt hatte, daß sie seine Geliebte wäre. Deshalb wartete ich in der Straße, bis die Frau herauskam, folgte ihr und sah sie einen Mann treffen, mit dem sie in ein Theater ging. Ich nahm einen Platz in ihrer Nähe, und als sie den Schleier in die Höhe zog, ward mein Argwohn, daß hier eine Täuschung vorläge, bestätigt. Nach der Vorstellung folgte ich ihr wieder bis zum Hause Mr. Graywells, der mit seiner Frau in Gesellschaft abwesend war. Meine Entrüstung ließ mich die Rückkehr derselben nicht erwarten, und unter der Drohung, die Person anzuzeigen, weil sie die Kleider ihrer Herrin gestohlen, nöthigte ich sie zu dem schriftlichen Geständnisse, welches Sie da in Händen haben. Wegen frechen Betragens gegen ihre Herrin war ihr der Dienst gekündigt worden, und das falsche Spiel, das mich hatte täuschen sollen, war ein zwischen ihr und dem Schurken, der sie benutzt hatte, um seiner Lüge den Schein der Wahrheit zu geben, abgekarteter Racheakt. Eins muß ich noch hinzufügen, ehe Sie das Geständniß lesen. Mrs. Graywell sandte ihm unklugerweise etwas Geld, weil er es verstanden hatte, in einem Bittschreiben ihr Mitleid zu erregen. Als er dann zum zweiten Male mit derselben Bitte kam, wies ihn ihr Mann ab —— und was darauf folgte, wissen Sie bereits.«

Als Mr. Mool das Geständniß gelesen hatte, erlaubte ihm Baccani, eine Abschrift davon zu nehmen und jeden gewünschten Gebrauch von derselben zu machen. Der Rechtsanwalt wünschte dann nur noch zu wissen, was aus dem Menschen geworden wäre, der den Betrug angestiftet hatte.

»Der Schurke ist doch jedenfalls seiner Strafe nicht entgangen,« meinte er.

Baccani antwortete in seiner bitteren Weise: »Bester Herr, wie können Sie eine so simple Frage stellen? Diese Art Menschen entgehen immer der Bestrafung, und in der äußersten Armuth führt Ihnen das Glück noch immer Jemanden zu, den sie betrügen können. Gewöhnliche Achtung gegen Mrs. Graywell schloß mir die Lippen, und ich war der Einzige, der' die Umstände kannte. In einem Schreiben an den Klub erklärte ich den Menschen für einen Betrüger —— die Auslegung zulassend, daß er beim Kartenspiel betrüge. Er hütete sich, eine Erklärung meinerseits zu fordern, trat aus und verschwand. Wahrscheinlich lebt er noch; was schön und gut ist, stirbt frühzeitig dahin, solches Gelichter aber wuchert fort.«

Mr. Mool hatte weder Zeit noch Neigung, für den hoffnungsvolleren Glauben an die angenehme Fiktion der »poetischen Gerechtigkeit« einzutreten. Er versuchte beim Scheiben seiner Verbindlichkeit Ausdruck zu geben, Baccani aber wollte nichts davon hören.

»Die Verpflichtung ist ganz auf meiner Seite,« sagte er. »Ihr Besuch ist mir wie ein Sonnenstrahl gewesen. Möglich, daß wir uns auf unserer Pilgerfahrt durch diese Welt voll Schurken und Narren nie wieder begegnen; dann lassen Sie uns dankbar daran erinnern, daß wir uns einmal getroffen haben. Leben Sie wohl.«

So schieden sie. In sein Büreau zurückgekehrt, legte Mr. Mool der Abschrift des Geständnisses eine kurze Darlegung der Umstände bei, unter welchen der Italiener in den Besitz desselben gekommen war, und sandte dies mit folgenden Zeilen an Benjulia: »Durch Sie ist das falsche Gerücht in Umlauf gekommen. Ich überlasse es Ihrem Pflichtgefühl, ob Sie zu Mrs. Gallilee gehen wollen, um derselben zu sagen, daß die von Ihnen wiederholte Nachrede sich als Lüge herausgestellt hat. Sollten Sie nicht diese Absicht haben, so muß ich selbst zu ihr gehen und bitte Sie in diesem Falle, mir die beiliegenden Papiere durch den Ueberbringer wieder zurückzuschicken.«

Der Schreiber wurde angewiesen, den Auftrag so schnell als möglich zu besorgen, und Mr. Mool erwartete die Rückkehr desselben in seinem Büreau.

Des Doktors liebenswürdige Laune war noch im Steigen, denn zu seinem Erfolge im Quälen der unglücklichen Köchin war noch ein Telegramm von seinem Freunde in Montreal gekommen mit der befriedigenden Antwort: »Keine Gehirnkrankheit.« Und jetzt, da sein Gemüth beruhigt war, hatte auch der Gentleman in ihm wieder freie Bewegung und er schrieb an Mr. Mool zurück: »Ich bin vollständig Ihrer Meinung; die Droschke Ihres Schreibers wird mich vor Mrs. Gallilee's Thür absetzen.«

Als der Rechtsanwalt diese Antwort gelesen hatte, fragte er den Schreiber: »Warteten Sie, um zu hören, ob Mrs. Gallilee zu Hause war?«

»Dieselbe war zu einer Vorlesung gegangen.«

»Und was that Doktor Benjulia?«

»Er ging ins Haus, um ihre Rückkehr abzuwarten.«



Kapiteltrenner

Capitel XLIV.

Mrs. Gallilee's Page —— welcher in der Abwesenheit des Bedienten den Dienst im Flur hatte — hatte Benjulia eben in die Bibliothek treten lassen, als die Glocke von Neuem gezogen wurde. Der jetzt Angekommene war Mr. Le Frank, welcher große Eile zu haben schien. Derselbe sagte, ohne irgend eine Frage zu thun: »Hier, bringen Sie Mrs. Gallilee meine Karte.«

»Die gnädige Frau ist nicht zu Hause.«

Der Musiklehrer sah voll Ungeduld nach der Saaluhr, welche auf halb sechs Uhr zeigte. »Erwarten Sie Mrs. Gallilee bald zurück?«

»Wir wissen es nicht, mein Herr. Der Bediente hat Befehl, um fünf mit dem Wagen zur Stelle zu sein.«

Nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, zog Le Frank einen Brief aus der Tasche. »Sagen Sie Mrs. Gallilee, daß ich nicht länger warten könnte, und geben Sie ihr diesen Brief, sowie sie nach Hause kommt.« Dann ging er wieder.

Der Page betrachtete den Brief, der versiegelt war und über der Adresse die unterstrichenen Worte »Privatim. Dringend.« trug.

»Wieder einer, der Geld haben will,« dachte er in Erinnerung ähnlicher Briefe von Geschäftsleuten, die denselben Vermerk getragen hatten.

Als er den Brief auf den Saaltisch legte, trat Benjulia, der des müßigen Wartens bereits müde war, aus der Bibliothekthür.

»Ist es erlaubt, in der Bibliothek zu rauchen?« fragte er.

Der Page sah mit der Bewunderung eines Zwerges zu dem vor ihm stehenden Riesen auf und entgegnete mit einer über seine Jahre hinausgehenden Ueberlegung: »Wollen Sie, bitte, in das Rauchzimmer treten, mein Herr?«

»Ist Jemand darin?«

»Der Herr.«

Sofort lehnte Benjulia die Einladung ab. »Ist sonst noch Jemand zu Hause?« fragte er.

»Miß Graywell ist oben, und ich glaube, Mr. Null ist bei ihr,« antwortete der Page.

»Wer ist das?«

»Der Doktor.«

Benjulia wollte auch den Doktor nicht stören und versuchte es mit einer dritten Frage: »Wo ist Zo?«

»Hier!« rief eine schrille Stimme aus den oberen Regionen. »Wer bist Du?«

Zur größten Verwunderung des Pagen antwortete der Riese mit der tiefen Baßstimme vollkommen ernst: »Ich bin Benjulia.«

»Komm herauf!« rief Zo, und Benjulia ging die Treppe hinauf.

»Wartet« schrie die Stimme von oben, und Benjulia blieb stehen.

»Hast Du Deinen großen Stock mitgebracht?«

»Ja.«

»Bring ihn mit herauf.«

Benjulia ging wieder in die Halle, wo ihm der Page ehrerbietig den Stock überreichte.

»Mach rasch!« rief Zo, ungeduldig werdend. Und Benjulia beschleunigte gehorsamst seine Schritte. Zo verließ trotz der schwach vernehmbaren Einsprache des beaufsichtigenden Mädchens das Schulzimmer, um ihn an der Treppe zu empfangen, und als sie sich auf dem Flur vor Carmina's Zimmer trafen, setzte sie sich sofort in Besitz des Bambusrohres und ging ins Zimmer voran. »Carmina, hier ist der große Stock, von dem ich Dir erzählt habe,« kündete sie an.

»Wessen Stock, mein Kind?«

»Komm herein Benjulia,« wandte sich die Kleine nach diesem um und faßte seine Rockschöße.

Mr. Null erhob sich instinktmäßig. War dies sein berühmter Kollege? Carmina, welche an den Tag dachte, da Ovid ohnmächtig geworden war und der große Mann sie so rauh behandelt hatte, erschien mit einigem Widerstreben an der Thür und lud ihn, weitere Rohheit befürchtend, verwirrt ein näherzutreten.

Unbeweglich auf dem Flur stehend, sah er sie schweigend an, dabei sich die ernste Frage vorlegend, an die auch Mr. Mool schon gedacht hatte, ob Mrs. Gallilee wohl in ihrer Gegenwart die Verleumdung gegen ihre Mutter wiederholt hätte, die als Lüge bloßzustellen, der Zweck seines Hierseins war.

Mr. Null, der Benjulia respektvoll betrachtete, sah hier eine Gelegenheit, sich selbst in einem günstigen Lichte zu zeigen, schwenkte die Hand gegen Carmina hin und sagte: »Eine Nervenprostration bei meiner interessanten Patientin, wie Sie, Herr Kollege, ohne Zweifel bemerken. Es geht mit dem Erholen nicht so rasch, wie ich gehofft hatte; ich denke, ihr die Seeluft zu empfehlen.«

Benjulia richtete langsam die traurigen grauen Augen auf ihn und wußte sofort, weß Geistes Kind er vor sich hatte. Mr. Null fühlte den Blick bis ins Mark der Knochen; er verbeugte sich ehrerbietig und verabschiedete sich.

Währenddessen hatte sich Benjulia überzeugt, daß die Verwirrung, welche Carmina in ihrem Benehmen bekundete, einfach ihrer Schüchternheit zuzuschreiben war, und damit hatte sie aufgehört ein Interesse für ihn zu haben. Er war bereit, mit der kleinen Zo zu spielen —— aber nicht in der Gegenwart des jungen Mädchens —— deshalb sagte er in seiner ruhigen, gleichgültigen Weise: »Ich warte auf die Rückkehr Ihrer Tante. Wenn Sie mich entschuldigen wollen, will ich lieber wieder nach unten gehen; ich will nicht stören.«

Eine Röthe überzog ihr bleiches Gesicht, und in der Meinung, daß sie ihn zu wenig gastfreundlich und zu kalt empfangen hätte, sah sie ihn mit einem scheuen und beunruhigten Lächeln an und sagte:

»Bitte, erwarten Sie die Rückkehr meiner Tante hier; Zo wird Sie jedenfalls unterhalten.« Und Zo unterstützte die Einladung dadurch, daß sie den Stock versteckte und wieder von den Rockschößen ihres großen Freundes Beschlag nahm.

Ohne die Kleine zu beachten, ließ er sich von derselben ins Zimmer ziehen. Er hatte in demselben Momente, da Carmina lächelte, seinen schweigenden forschenden Blick wieder auf sie gerichtet und machte auf Grund seiner langen schrecklichen Erfahrung in dem nervösen Bewegen ihrer Augenlider und Lippen seine unbarmherzigen Entdeckungen. Während das arme Kind sich mit dem Gedanken schmeichelte, endlich den richtigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, hatte sie nur erreicht, für ihn ein Gegenstand im Stillen verfolgter ärztlicher Beobachtung zu werden; und als er nun auf einem Stuhle neben ihr Platz nahm und Zo auf seinen Schooß klettern ließ, bedauerte er sein kaltes Entgegenkommen gegen Mr. Null; sie mochte ja unter gewissen Bedingungen einer Nervenerregung einen interessanten Fall abgeben. »Hätte ich gegen diesen Dummkopf nur gewöhnliche Höflichkeit gezeigt,« so dachte er, »so wäre ich vielleicht zu einer Konsultation aufgefordert worden.«

Sie saßen alle drei schweigend da, bis Zo anfing:

»Du hast mich ja noch nicht gekitzelt; zeige Carmina, wie Du es machst.«

Dann operierte er ganz ernst auf dem Nacken der Kleinen, die sich darauf kreischend hin und her wand. Als er abließ, rief Zo den Hund und kommandierte:

»Jetzt laß Tinker mit dem Beine schlagen.«

Wiederum kam er ihrem Wunsche nach, aber die kleine Tyrannin war noch nicht zufrieden, sondern verlangte:

»Und jetzt kitzle Carmina!«

Er hörte dies, ohne zu lachen, seine fleischlosen Lippen kannten ja kein Lächeln; und als Carmina lachte, betrachtete er sie zu ihrer größten Verwirrung mit noch forschenderer Aufmerksamkeit. Diese forschend kalten Augen übten einen unerklärlichen Eindruck auf sie, brachten sie auf und erschreckten sie wieder. Als sie das unter ihnen herrschende Stillschweigen nicht länger ertragen konnte, fing sie über den ersten besten Gegenstand ein Gespräch an, war laut und familiär —— schämte sich ihrer Dreistigkeit, war aber nicht im Stande, sich zu beherrschen.

»Sie haben Zo sehr gern!«« sagte sie plötzlich.

»So?« antwortete er.

Sie wollte nicht weiter sprechen und that es doch. »Und Zo hat Sie jedenfalls auch sehr gern.«

»Hast Du mich sehr gern?« fragte er, das Kind ansehend.

Ihn groß ansehend, kletterte Zo von seinem Schooße, trat einige Schritte zurück, um nachzudenken, und sah ihn wieder groß an.

Er wiederholte die Frage ruhig, und jetzt antwortete Zo dasselbe, was sie damals im zoologischen Garten Teresa geantwortet hatte: »Ich weiß nicht.«

Etwas betroffen wandte er sich langsam wieder an Carmina und sagte: »Ich weiß es auch nicht.«

Als Zo hörte, daß der große Mann nicht klüger war als sie, kam sie wieder zu ihm —— ohne indessen wieder auf seinen Schooß zu steigen. Plötzlich klatschte sie in die Hände und rief: »Wir wollen etwas spielen. Kennst Du Spiele?«

Er schüttelte den Kopf.

»Kanntest Du denn keine Spiele, als Du so groß warst wie ich?«

»Die habe ich vergessen.«

»Hast Du denn keine Kinder?«

»Nein.«

»Hast Du auch keine Frau.«

»Nein.«

»Auch keinen Freund?«

»Nein.«

»Dann bist Du ja ein elender Mensch.«

Dank Zo fand das Gefühl nervöser Gedrücktheit bei Carmina einen Weg, sich zu erleichtern; sie lachte laut und heftig auf, und dieser Ausbruch schien hysterisch werden zu wollen, als ihr die schweigend und fragend auf sie gerichteten Augen Benjulia's gerade im kritischen Momente ihre Selbstbeherrschung wiedergaben. Aber wenn auch ihr Lachen dahinstarb, der aufregende Einfluß blieb noch und zwang sie zu der anderen Alternative, etwas zu sagen, einerlei was.

»Ich könnte solch ein einsames Leben, wie Sie es führen, nicht ertragen,« sagte sie zu ihm so laut und vertraulich, daß es sogar Zo auffiel.

»Ich auch nicht,« stimmte er zu, »wenn nicht Eins wäre.«

»Und was ist das?«

»Warum sprichst Du so laut?« fragte Zo dazwischen. »Glaubst Du, daß er taub ist?«

Ohne das Auge von Carmina abzuwenden, verwies Benjulia das Kind durch ein Zeichen zur Ruhe und antwortete, als ob keine Unterbrechung stattgefunden hätte:

»Meine medizinischen Studien versöhnen mich mit meinem Leben.«

»Und wenn Sie nun dieser Studien überdrüssig werden?« fragte sie.

»Das wird nie der Fall sein.«

»Wenn Sie aber nicht weiter studieren könnten?«

»Dann würde ich nicht weiter leben.«

»Meinen Sie, daß es Ihr Tod sein würde, davon abzulassen?«

»Nein.«

»Was meinen Sie denn?«

Er legte seine großen weichen Finger an ihren Puls und hielt sie absichtlich am Arm fest, als sie vor seiner Berührung zurückschrak. »Sie werden aufgeregt. Kümmern Sie sich nicht darum, was ich meine.«

Zo, welcher es nicht gefiel, daß sie unbeachtet gelassen wurde, sah eine günstige Gelegenheit, sich zur Geltung zu bringen, und sagte: »Ich weiß, warum Carmina aufgeregt ist. Die alte Frau kommt um sechs.«

Ohne dem Kinde Beachtung zu schenken, fragte er Carmina, von der er kein Auge abwandte: »Wer ist die Frau?«

»Die beste Frau in der Welt,« rief sie, »meine liebe alte Amme!« Dabei sprang sie vom Sopha auf und zeigte mit übertrieben theatralische: Gebärde auf die Uhr auf dem Kaminsims. »Sehen Sie, es fehlen nur noch zehn Minuten an sechs Uhr. In zehn Minuten werde ich Teresa im Arm halten. Sehen Sie mich nicht so an. Sie haben Schuld, wenn ich aufgeregt bin —— mit Ihren schrecklichen Augen. Komm her, Zo! ich will Dir einen Kuß geben.« Sie ergriff das Kind mit einer Heftigkeit, die dasselbe erschreckte, und sah den Doktor wild an. »Hu! Sie verstehen weder die Liebe noch das Küssen, nicht wahr? Wozu mit Ihnen von meiner alten Amme sprechen!«

Er zeigte auf das Sopha, »Setzen Sie sich wieder.«

Sie gehorchte ihm —— aber er hatte sie doch noch nicht ganz beruhigt. Ihre Augen funkelten und sie fuhr fort: »O, Sie sind ein grausamer, ein elender Mann, mit dem es ein schlechtes Ende nehmen wird! Sie haben nie Jemanden geliebt —— wissen gar nicht, was Liebe ist.«

»Und was ist sie?«

Diese eisige Frage kühlte sie in einem Augenblicke ab; ihr Kopf sank auf die Brust und sie wurde plötzlich gleichgültig gegen die Personen und Dinge um sie her. »Wann kommt Teresa nur?« flüsterte sie für sich hin. »O, wann kommt sie nur!«

Jeder andere Mann würde in diesem Augenblick schon aus bloßem Instinkt ein freundliches Wort zu ihr gesagt haben; in Benjulia's undurchdringlicher Gelassenheit aber veränderte sich nichts —— sie hätte ebenso gut ein Mann, ein Kind oder das Bild eines Mädchens sein können, anstatt das Original selbst. Ruhig nahm er seine Frage wieder auf:

»Nun, und was ist Liebe?«

Sie sprach nicht und rührte sich nicht.

»Ich möchte es wissen,« beharrte er, wartend, was kommen würde. Es kam aber Nichts. »Das ist die Reaktion,« dachte er, ohne über die plötzliche Veränderung in Verlegenheit zu sein. »Wir werden sehen, wie es verläuft.«

Zo, welche zugehört hatte, sah wieder die Gelegenheit, sich Beachtung zu verschaffen, da sie diesmal ihrer aber nicht ganz sicher war, wandte sie sich an Carmina: »Sagte er nicht eben, er möchte was wissen? Soll ich ihm sagen ——?«

Da Carmina weder hörte, noch sie beobachtete, versuchte sie es bei Benjulia. »SolI ich Dir sagen, was wir in der Schule thun, wenn wir was wissen Wollen?« Aber auch seine Gedanken schienen weit von ihr ab zu sein. »Hörst Du zu?« fragte sie und legte das Händchen auf sein Knie.

Es war nur eine Kinderhand —— die Hand eines faulen, eigensinnigen Kindes —— aber sie berührte die einzige zarte Stelle, die vor ihm selbst so tief versteckt lag, daß sogar sein weitreichender Intellekt vergeblich nach ihr umhertastete. Und doch kämpfte das Gefühl, welches ihn zu der Kleinen zog, erfolgreich mit dem medizinischen Interesse an einem Falle von Nervenzerrüttung! Diese unerfaßbare Sympathie mit einem Kinde schimmerte aus seinen Augen und klang leise durch seine Stimme, als er antwortete: »Ich höre Dir zu. Was macht Ihr in der Schule?«

»Wir schlagen im Lexikon nach,« erwiderte Zo. »Carmina hat eins; ich will es holen.«

Sie kletterte auf einen Stuhl, suchte das Buch und legte es dann Benjulia in den Schooß. »So, nun sieh nach.«

Er that ihr schweigend und mechanisch den Willen —— gerade wie vorher mit dem Stocke und dem Kitzeln. Als er das Buch aufschlug, blickte er wieder nach Carmina hin, die sich noch nicht gerührt hatte und zum Einschlafen müde zu sein schien. Die Reaktion —— Nichts als die Reaktion; dieselbe mochte vier Stunden dauern oder in der nächsten Minute zu Ende sein, es war in jedem Falle ein interessanter Gemüthszustand. Er suchte im Wörterbuch.

»Liebe,« brummte er. »Ich scheine ein Gegenstand des Mitleids zu sein, weil ich nichts von Liebe weiß. Nun, was sagt denn das Buch darüber.«

Er fand das Wort und folgte den einzelnen Erklärungsparagraphen mit dem Finger. »Eine Affektion der Seele, erregt durch Schönheit und Werth irgend welcher Art, oder durch die Eigenschaften eines Gegenstandes, welche das Gefühl der Lust erwecken. —— Vaterlandsliebe —— Nächstenliebe. —— Zärtlichkeitswort für die Geliebte. —— Cupido, der Liebesgott.«

Er pausierte und dachte ein wenig nach, während Zo, die nichts hörte, was sie interessierte, ans Fenster ging und hinaussah. »Welche von diesen Bedeutungen macht das Glück ihres Lebens aus? —— welche hätte das des meinigen ausmachen können?« dachte er und schloß verächtlich das Buch. »Sogar diejenigen, deren Sache es ist, sie zu erklären, versuchen es auf wer weiß wie viele verschiedene Weisen und geben damit doch durchaus keine Erklärung. Und doch, ihre Existenz steht fest.« Zu diesem Schlusse kam er unwillkürlich und nicht zu seinem Behagen. Zum ersten Male drängte sich ihm der Zweifel auf, ob ihm von seinem Leben Alles das geworden sei, was es ihm hätte geben können.

Mittlerweile war Zo des Alleinseins am Fenster müde geworden und versuchte, Carmina zur Gesellschaft zu bekommen. »Komm und sieh mit mir aus dem Fenster.«

Das junge Mädchen aber lehnte es sanft ab. Ihre Gedanken weilten bei Ovid. Noch einen Tag, und sie war vielleicht auf dem Wege zu ihm. Wann kam nur Teresa!

Der Doktor war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sie zu beachten, der schwache Zweifel, ob er seinen scharfen Verstand richtig angewandt, beherrschte ihn noch. »Liebe!« brach er aus in der Bitterkeit seines Herzens. »Es ist gar keine Frage des Gefühls, sondern blos des Nutzens. Wem bringt die Liebe etwas ein?«

Carmina hatte diese letzten Worte gehört und antwortete: »Jedem bringt sie Glück.« Dann sah sie ihn mit traurigen Augen an und legte die Hand aus seinen Arm. »Jedem, außer Ihnen.«

Er lächelte spöttisch. »Jedem bringt sie Glück,« wiederholte er. »Und wer weiß, was sie ist?«

Das junge Mädchen zog ihre Hand wieder fort und blickte zu dem ruhigen Abendhimmel auf.

»Wer weiß es?« wiederholte er.

»Gott,« sagte sie.

Benjulia schwieg.



Kapiteltrenner

Capitel XLV.

Die Uhr auf dem Sims schlug sechs. Zo rannte plötzlich vom Fenster fort nach dem Sopha. »Der Wagen ist da!«

»Teresa!« rief Carmina.

»Nein, Mama.« Dabei ging sie auf den Zehen nach der Thür des Schlafzimmers und sagte: »Sage nichts! Ich will mich verstecken.«

»Warum, mein Kind?«

»Mama hat mir verboten, zu Dir zu kommen,« erklärte die Kleine flüsternd »Sie hat schnelle Beine und möchte mich auf der Treppe abfassen.« Damit schlüpfte sie in die Kammer, ließ aber die Thür halb offen.

Die Minuten vergingen, aber Mrs. Gallilee rechtfertigte die von ihrem Töchterchen ausgesprochene Meinung nicht. Nicht ein Laut lief; sich auf der Treppe vernehmen, und auch im Zimmer wurde kein Wort mehr gesprochen. Benjulia hatte den Platz der Kleinen am Fenster eingenommen und saß nachdenkend da; Carmina hatte in ihm neue Gedanken in Bezug auf den verwickelten Zusammenhang zwischen Glauben und Glück hervorgerufen. Langsam, sehr langsam zeigte die Uhr das Verstreichen der Minuten an und Carmina begann in ihrer nervösen Besorgtheit ein Unheil für ihre Amme zu fürchten. Sie nahm das Telegramm derselben aus der Tasche. Es war kein Irrthum; um sechs Uhr wollte dieselbe ankommen —— und es war beinahe zehn Minuten nach sechs. Bei ihrer Unerfahrenheit in Eisenbahnangelegenheiten nahm sie als selbstverständlich an, daß die Züge immer pünktlich wären, aber sie hatte von Eisenbahnunfällen gehört. »Kommen wohl Verzögerungen vor ohne Gefahr für den Passagier?« fragte sie Benjulia:

Ehe dieser aber noch antworten konnte, trat Mrs Gallilee plötzlich ins Zimmer.

Dieselbe hatte die Thür so leise geöffnet, daß sie Beide überraschte und besonders Carmina ihr Auftreten wie das Erscheinen eines Geistes vorkam. Blick und Benehmen bekundeten heftige, gewaltsam zurückgehaltene Aufregung; in ihrem Gesichte war an verschiedenen Stellen der Firniß von Farbe und Puder gebrochen und zeigte die darunter befindlichen Runzeln.

Gleichgültig gegen jedwede Bekundung von Erregtheit, die ihn nicht wissenschaftlich interessierte, erhob sich Benjulia ruhig und ging auf sie zu, während sie seine Gegenwart gar nicht zu bemerken schien. Ohne sich etwas aus diesem Ignorieren zu machen und ohne sich um ihre Laune zu kümmern, sagte er: »Sobald Sie im Stande sind, mir einige Aufmerksamkeit zu schenken, möchte ich mit Ihnen sprechen. Soll ich unten warten.«

Sie bedeutete ihm durch ein Zeichen, nicht weiter zu sprechen, und er nahm Hut und Stock, um das Zimmer zu verlassen; als er aber im Vorbeigehen Carmina ansah, kehrte er sofort wieder zu seinem Platze am Fenster zurück. Der schweigende, unheilverkündende Eintritt der Tante hatte das Mädchen erschreckt, und der Doktor wartete mit dem Interesse des Physiologen um zu sehen, wie die neue Nervenerregung verlaufen würde.

Bis dahin hatte Mrs. Gallilee die eine Hand hinter sich verborgen gehalten; jetzt trat sie dicht an Carmina heran, brachte die Hand mit einem geöffneten Briefe zum Vorschein und schüttelte denselben vor dem Gesichte ihrer Nichte.

Da sie in dieser Stellung Carmina für Benjulia verdeckte, so sah dieser so lange aus dem Fenster, bis sie sich wieder bewegen würde.

Eben war unten eine Droschke mit Gepäck vor dem Hause vorgefahren War das die alte Amme, die um sechs Uhr erwartet war? Der Bediente kam heraus, um die Wagenthür zu öffnen, und hinter ihm folgte Mr. Gallilee, um der Angekommenen beim Aussteigen behilflich zu sein. Dem Wagen entstieg eine Frau mit grauem Haar in einem keineswegs feinen Anzuge Mr. Gallilee schüttelte derselben herzlich die Hand, klopfte sie auf die Schulter, reichte ihr den Arm und führte sie ins Haus, während die Droschke mit dem Gepäck vor der Thür halten blieb —— offenbar ein Zeichen, daß die Amme das Ziel ihrer Reise noch nicht erreicht hatte.

Carmina fuhr auf dem Sopha zurück, als die Blätter des Briefes ihr Gesicht berührten.

»Kennst Du diesen Brief?« stieß Mrs. Gallilee im Flüstertone hervor, da ihr die innere Wuth, die die Oberhand über sie zu gewinnen anfing, fast den Athem nahm.

Carmina sah das Schreiben an. Es war der Brief, den sie heute Morgen an Ovid geschrieben hatte; der Brief, welcher ihm den schmutzigen Verrath, die kaltblütige Raffiniertheit und Grausamkeit seiner Mutter offenbarte; worin sie erklärte, daß sie es nicht länger ertragen könne und nur Teresa's Ankunft abwarte, um ihn in Quebec aufzusuchen.

Nach einem schrecklichen Momente der Verwirrung kam ihr der ihr durch das Stehlen und Lesen des Briefes angethane Schimpf zum Bewußtsein.

Als Mrs. Gallilee ihre Nichte früher einmal absichtlicher Täuschung bezichtigt hatte, hatte diese sofort das Zimmer verlassen: und derselbe Stolz jener edle Stolz, der in edlen Naturen unbemerkt vibriert, so lange sie nicht insultirt werden —— stärkte jetzt ihre zitternden Nerven und hob ihren schwindenden Muth.

»Das ist mein Brief,« sagte sie stolz und fest. »Wie kommen Sie zu demselben?«

»Du wagst es, so zu fragen?«

»Sie wagen es, meinen Brief zu stehlen?«

Mrs. Gallilee riß den Verschluß ihres Kleides am Halse auf, um Athem zu bekommen, und schrie in höchster Wuth: »Du unverschämter Bastard, Du!«

»Halten Sie Ihren verwünschten Mund,« rief plötzlich Benjulia, der von seinem Platze am Fenster aufgesprungen war. »Sie ist Ihre Nichte!«

Mrs. Gallilee wandte sich nach ihm um und gab ihrer Wuth in einem schrillen Lachen Ausdruck. »Meine Nichte —— die? Sie lügen —— das wissen Sie. Sie ist das Kind einer Ehebrecherin! —— Das Kind des Liebhabers ihrer Mutter.«

Als diese schrecklichen Worte über ihre Lippen kamen, öffnete sich die Thür und ihr Gatte und die Amme traten in das Zimmer.

Sie sah dieselben nicht, da sie der Thür den Rücken zuwandte, und war unfähig, sie zu hören. Der Dämon in ihr stachelte sie an; sie wollte die abscheuliche Lüge wiederholen —— aber das erste Wort erstarb ihr auf den Lippen. Die knöchernen braunen Finger der Italienerin hielten sie bei der Kehle, umkrampften sie wie die Klauen einer Tigerin. Ihre Augen rollten im stummen Appell nach Hilfe —— vergebens! vergebens! Kein Schrei, kein Ton hatte die Aufmerksamkeit auf diesen Anfall gelenkt. Die Augen ihres Gatten hafteten entsetzt auf dem Opfer ihrer Wuth, und Benjulia war an das Sopha getreten, als Carmina die Schmähung ihrer Mutter hörte, und beobachtete von dem Momente an den Fall. Er wandte sich nicht einmal um, als die Amme mit einem letzten mörderischen Drucke die Kehle Mrs. Gallilee’s zusammenpreßte, dann die Bewußtlose zu Boden stieß und, sich umwendend, vor ihrem Lieblinge auf die Knie stürzte und zu ihr aufsah.

Ein geisterhaftes Starren durch halbgeschlossene Augen erwiderte ihren Blick. Der Schlag hatte Carmina in eine steinerne Ruhe versetzt. Sie war nicht aufgefahren, nicht in Ohnmacht gefallen: starr, unbeweglich, saß sie da; sprachlos und thränenlos, ohne Gefühl; die Arme hingen an ihren Seiten herunter, die Hände waren zusammengekrampft.

Teresa wandte sich und ächzte zu ihren Füßen; die Hände, die die Verleumderin erbarmungslos auf den Boden gestreckt hatten, schlugen schwach ihre Brust und das graue Haupt. »O ihr Heiligen Gottes! O gebenedeite Jungfrau, Mutter Christi, erhalte mein Kind, mein süßes Kind« Dann erhob sie sich in wilder Verzweiflung, erfaßte Benjulia und schüttelte denselben wie wahnsinnig. »Wer bist Du? Wie kannst Du es wagen, sie anzurühren? Gieb sie mir oder es ist Dein Tod! O meine Carmina, ist es Schlaf, was Dich umfangen hält? Wach’ auf! Wachs' auf! Wach’ auf!«

»Hören Sie zu,« sagte Benjulia streng.

Sie sank an Carmina’s Seite auf das Sopha, hob eine der kalten, zusammengepreßten Hände und führte sie an ihre Lippen. Langsam rannen die Thränen über ihr hageres Gesicht. »Ich liebe sie so, Herz« sagte sie demüthig. »Ich bin nur eine alte Frau —— sehen Sie, welch schreckliches Willkommen mir mein Kind bereitet. Es ist hart für eine alte Frau —— o, es ist hart für eine alte Frau!«

Benjulia ließ sich selbst dadurch nicht aus seiner Ruhe bringen.

Wissen Sie, was ich bin?« fragte er. »Ich bin Arzt; überlassen Sie sie mir.«

»Es ist ein Doktor, das ist gut. Ein Doktor ist gut —— ja, ja. Kennt der alte Herr diesen Doktor —— der freundliche alte Herr?« Dabei sah sie sich mit leerem Blick nach Mr. Gallilee um. Diesen hatte der Fall seiner Frau aufgeschreckt, er war zu derselben geeilt und beugte sich nun über sie, auf das erste Zeichen. wiederkehrenden Lebens achtend.

Teresa stand auf und zeigte auf Mrs Gallilee. »Der Athem dieses Teufels vergiftet die Luft. Ich muß mein Kind hier fortbringen. Nach meiner Wohnung, Herr, wenn Sie so gütig sein wollen. Nur nach meiner Wohnung.«

Sie versuchte, Carmina in ihre Arme zu nehmen, ließ aber zitternd davon ab. Die Starre des Gesichts ließ langsam nach, die Augenlider schlossen sich und zuckten. Die alte Amme beobachtete sie athemlos.

Mr. Gallilee sah von seiner Frau auf. »Wollen Sie mir beistehen?« fragte er in einem Tone, der Benjulia auffiel, weil er weder weich noch unsicher, sondern einfach der Ton ruhigen Kummers war.

»Ich werde sofort nachsehen.« Mit dieser Antwort wandte sich Benjulia an Teresa. »Wo ist Ihre Wohnung? Weit oder nahe?«

»Es steht in der Depesche,« antwortete die Alte verwirrt und bedeutete ihm, in der auf den Boden gefallenen Handtasche nachzusehen.

Er fand in derselben Carmina's Telegramm, welches die Adresse der Wohnung enthielt. Dieselbe war ganz in der Nähe. Nach einigem Ueberlegen schickte er die Amme in die Kammer, um die Decken von dem Bette zu holen, und in der folgenden Minute untersuchte er Mrs. Gallilee. »Hier ist gar nichts zu besorgen. Lassen Sie das Mädchen nach ihr sehen.«

Und wiederum überraschte Mr. Gallilee den Doktor, indem er sich von seiner Frau ab- und zu Carmina wandte, die auf das Sopha zurückgesunken war, ohne daß sonst eine Veränderung bei ihr stattgefunden hatte. »Um Gotteswillen, verlassen Sie sie nicht. Nach dem, was sie gehört hat, ist dies Haus kein Ort mehr für sie. Lassen Sie die alte Amme sie mitnehmen!«

»Ich werde danach sehen,« antwortete Benjulia.

»Liegt in dem Fortbringen irgend welche Gefahr?« fragte Mr. Gallilee.

»Es ist von Zweien das kleinste Risiko. Nun lassen Sie das Fragen! Sehen Sie nach Ihrer Frau.«

Mr. Gallilee gehorchte schweigend. Als er den Kopf wieder erhob und aufstand, um nach dem Mädchen zu klingeln, war das Zimmer still und einsam. Durch die Kammerthür lugte ein blasses erschrockenes Gesichtchen und Zo wagte sich herein. Ihr Vater schloß sie in die Arme und küßte sie, wie er sie noch nie geküßt hatte, wobei seine Augen naß waren von Thränen. Auch die Kleine bemerkte, gleich dem Doktor, die Veränderung in ihrem Vater, der nicht ein einziges Wort von der Mama sagte; und sie theilte ein menschliches Gefühl mit ihrem großen Freunde —— auch sie war überrascht.



Kapiteltrenner

Capitel XLVI.

Eben machten sich die ersten Lebenszeichen bemerkbar, als die Gerufene erschien. Noch wenige Minuten und man konnte Mrs. Gallilee auf das Sopha legen. Hiernach nahm Mr. Gallilee Zo an der Hand und trat etwas zurück. Eingeschüchtert durch die furchtbare Szene, deren Zeuge sie von ihrem Versteck aus gewesen, verharrte sie an der Seite ihres Vaters in tiefem Schweigen. Beide hielten ihre Augen unausgesetzt auf Mrs. Gallilee gerichtet.

»Hat jenes Weib mich entstellt?« fragte sie das Mädchen.

Nicht wissend was vorgefallen, blickte sie diese befremdet an.

»Einen Spiegel,« hauchte Mrs Gallilee.

Das Mädchen reichte ihr einen Handspiegel, welchen Jene, nachdem sie sich darin besehen, mit einem Seufzer der Erleichterung aus der Hand legte.

Von dieser Angst um sich selbst befreit, wandte sie sich ihrem Gatten zu.

»Wo ist Carmina?«

»Aus dem Hause ——— Gott sei Dank.«

Diese Antwort schien sie sehr zu beunruhigen. Sie blickte fragend auf das Mädchen.

»Sagte er: Gott sei Dank?«

»Ja, Madame.«

»Kannst Du mir nichts sagen? Wer weiß, wo Carmina ist?«

»Joseph weiß es, Madame. Er hörte Doktor Benjulia dem Kutscher die Adresse zurufen.«

»Schicke Joseph herauf.«

»Nein« rief Mr. Gallilee.

Seine Frau blickte ihn verwundert an. »Warum nicht?« fragte sie.

»Weil ich es verbiete« sagte er gelassen.

»Geh auf mein Zimmer« herrschte Mrs. Gallilee das Mädchen an. »Hole mir einen anderen Hut und einen Schleier. Halt!« Sie versuchte sich zu erheben, sank aber wieder zurück. »Etwas um mich zu stärken!« hauchte sie. »Hole mir meine Tropfen!«

Das Mädchen verließ das Zimmer. Ihr nachgehend, führte Mr. Gallilee Zo zur Thür.

»Geh ins Schulzimmer zurück, Kind,« sagte er, »zu Deiner Schwester, Dein Vater ist sehr betrübt, Zo; geh, sei artig, und das wird ihn beruhigen. Sage dasselbe zu Maria. Es wird recht langweilig für Euch sein. Aber fasse Dich in Geduld, mein Kind, und füge Dich in das Unvermeidliche.«

»Darf ich Dich etwas fragen?« flüsterte Zo.

»Wird Carmina sterben.«

»Gott behüte, Kind!«

Wird man sie hierher zurückbringen?«

In der Erregung sprach das Kind lauter, als es gewollt hatte. Mrs. Gallilee hörte die Frage und beantwortete sie.

»Sobald ich wieder fort kann, werde ich auch Carmina zurückholen,« sagte sie.

Zo blickte ihren Vater an. »Sagst Du das auch?« fragte sie.

Er verneinte mit ernstem Kopfschütteln und ermahnte sie wiederholt, nach dem Schulzimmer zurückzukehren.

»Ich will artig sein, Papa,« sagte Zo und stieg die Treppe hinan. Im Schulzimmer angekommen, wurde sie mit Fragen bestürmt, beantwortete aber keine derselben. Von dem Hunde gefolgt, setzte sie sich in einer Ecke nieder.

»Woran denkst Du?« fragte ihre Schwester.

Diesmal antwortete sie ohne Zögern: »Ich denke an Carmina.«

Als Zo hinaus war, schloß Mr. Gallilee die Thür und setzte sich, ohne seine Frau anzusehen oder mit ihr zu sprechen.

»Was willst Du hier?« fragte sie.

»Dich bewachen,« war die Antwort.

Jetzt kehrte das Mädchen zurück und reichte Mrs. Gallilee eine starke Dosis des gewünschten Medikaments. Hierdurch gekräftigt, vermochte die Dame sich zu erheben.

»Noch bin ich etwas schwindlig,« sagte sie, des Mädchens Arm ergreifend, »aber ich werde mit Deiner Hilfe wohl die Treppe hinabgelangen.«

Mr. Gallilee ging ihnen schweigend nach. Schon oben an der Treppe begann seine Gattin zu schwanken. Ihr starker Wille war kein Ersatz der durch die erhaltenen Verletzungen gebrochenen körperlichen Kraft. Sie bedurfte wieder ihres Gatten Beistand, um nach dem Schlafzimmer zurück zu gelangen. Im Vorzimmer stand sie still. Sie war noch immer zur Ausführung ihres Vorhabens entschlossen.

»Mir wird gleich wohler sein,« sagte sie. »Laßt mich auf dem Sopha nieder.«

Das Mädchen nahm ihr Hut und Schleier ab und fragte bescheiden, ob sie noch irgendwie zu Diensten sein könne.

Mrs. Gallilee warf ihrem Gatten einen herausfordernden Blick zu und befahl nochmals: »Schicke mir Joseph!« Der geistig bewußte Wille mag bisweilen erschüttert werden, aber die passive Hartnäckigkeit einer schwachen Kreatur —— ob Mensch, ob Thier —— ist völlig unerschütterlich. Und so entließ denn auch Mr. Gallilee das Mädchen mit den Worten: »Ich werde Joseph unten selber sprechen.« Seine Frau hörte dies mit offenbarer Verwunderung und Verachtung.

»Bist Du von Sinnen?« fragte sie.

Er wandte sich nach ihr um.

»Du warst immer starr und eigensinnig,« sagte er traurig. »Ich habe das gleich erkannt. Ein besserer Kopf, als der meine, wäre damals vielleicht auch schon hinter Deine Bosheit gekommen.«

Sie lag in Nachdenken versunken und nahm gar keine Notiz von dem, was er sagte.

»Schämst Du Dich denn nicht einmal?« fragte er mit dem Ausdrucke stillen Erstaunens. »Thut es Dir gar nicht leid?«

Sie beachtete ihn nicht weiter, und so ging er hinaus.

Zur Halle hinabsteigend, traf er auf Joseph.

Dieser meldete: »Doktor Benjulia ist zurück, Sir; er möchte sie sprechen.«

»Wo ist er?«

»In der Bibliothek.«

»Noch eins, Joseph! Ich habe Dir noch etwas zu sagen. Wenn Deine Herrin Dich fragen sollte, wohin Miß Carmina gebracht worden, wirft Du ihr nicht Rede stehen. Wenn Du schon einem oder dem anderen Dienstboten eine Mittheilung hierüber gemacht haben solltest —— und es ist ja nicht unmöglich, daß sie Dich gefragt haben, nicht wahr?« unterbrach er sich, noch einmal in seine alte Gewohnheit verfallend —— »wenn dies bereits geschehen, so untersage ich jenen Anderen auch, es ihr zu sagen. Weiter war es nichts, mein Bester, weiter nichts.«

In seinem Staunen betrachtete Joseph seinen Herrn mit einem Gefühle wirklicher Hochachtung.

Mr. Gallilee trat in das Bibliothekzimmer.

»Wie befindet sie sich?« war seine erste hastige Frage, er meinte Carmina.

»Der Transport hat ihren Zustand verschlimmert,« erwiderte Benjulia. »Und Ihre Frau?«

Nachdem er diese Frage beantwortet, erwähnte Mr. Gallilee der von ihm getroffenen Vorsichtsmaßregeln, um Teresa's Adresse geheim zu halten.

»Darüber können Sie ganz außer Sorge sein,« sagte Benjulia, »Ich habe Auftrag gegeben, daß Mrs. Gallilee nicht zu ihr gelassen wird. Es giebt zwingende Gründe, welche ihr Fernhalten gebieten. In Fällen wie diesen ist es schwer zu sagen, wann eine Veränderung eintreten wird. Kommt sie aber und es findet eine zweite solche Begegnung statt, kann ich für Vernunft und Leben der Nichte nicht einstehen. Schicken Sie nach Ihrem Hausarzt. Das Mädchen ist seine Patientin, und er allein trägt die Verantwortung. Lassen Sie ihm durch Ihren Diener gleich diese Karte zugehen. Wir können dann in jenem Hause zu einer Besprechung zusammentreffen.«

Er warf eine Zeile auf seine Visitenkarte, die sogleich an Mr. Null abgesandt wurde.

»Dann ist da noch etwas zu erledigen, ehe ich gehe,« sagte Benjulia. »Diese Papiere erhielt ich von Ihrem Rechtsanwalt Mr. Moll. Sie betreffen —— eine Verleumdung, welche Ihre Gattin leider wiederholte ——«

Mr. Gallilee sprang von seinem Stuhle auf.

»Erinnern Sie mich nicht wieder daran ,« bat er ernst und eindringlich, »nein, wirklich, thun Sie es nicht! Es ist mir unleidlich, unerträglich, Doktor Benjulia —— ganz unerträglich! Aber entschuldigen Sie meine Schroffheit; sie ist nicht absichtlich —— ich weiß selbst nicht recht, was mit mir vorgeht. Ich habe stets ein beschauliches Leben geführt, Sir; ich bin solchen Aufregungen nicht gewachsen. Ich sage das aber nicht aus Egoismus; nein, ich werde thun, was in meinen Kräften steht; wenn Sie mich nur schonen wollen.«

Er hätte ebenso gut an den Tisch appellieren können, an dem sie saßen. Benjulia hatte absolut keinen Begriff von einem Geisteszustand, wie Gallilee's Worte ihn enthüllten.

»Können Sie Ihrer Frau diese Papiere überbringen?« fragte er. »Als der allein zu Tadelnde, kam ich heute Abend hierher, um die Sache zu ordnen. Unter solchen Verhältnissen aber überlasse ich es ihr, sich herauszufinden. Ich möchte in keiner Weise mehr mit Ihrer Frau in Berührung kommen. Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?«

»Nur noch eins. Schadet es nichts, wenn ich einmal im Hause anfrage, wie Carmina sich befindet?«

»Fragen Sie so oft an, als Sie wollen —— vorausgesetzt daß Mrs. Gallilee nicht mitkommt. Ist sie widerspenstig, so empfiehlt es sich, ihr eine kleine Warnung zukommen zu lassen. Die alte Amme dürfte sie das nächste Mal kaum mit dem Leben davon kommen lassen. Ich habe ein Wort darüber mit dieser ausländischen Wilden gewechselt. »Sie haben, was man in England einen Mordanfall nennt, begangen«, sagte ich, »Und wenn Mrs. Gallilee den Eklat nicht scheut, können Sie sich über kurz oder lang im Gefängniß befinden.« Und was that sie? Sie knipste verächtlich mit den Fingern, indem sie rief: »Und wenn ich dafür aufgehangen würde, was liegt mir dran, wenn nur Carmina aus den Händen ihrer Tante erlöst ist!« Nach dieser reizenden Antwort warf sie sich am Bette des Mädchens nieder und brach in Thränen aus.«

Mister Gallilee hörte ihn kaum; er dachte immer nur an Carmina.

»Ich meinte es gut,« sagte er dann, als ich Sie bat, sie von hier fort zu bringen. Daß ich irrte, ist wohl zu entschuldigen. Das Merkwürdige ist nur, daß Sie sich geirrt zu haben scheinen, als Sie gestatteten, daß man Sie fortbringe.«

Benjulia verzog sein Gesicht zu einem boshaften Lächeln, er schien amüsiert.

»Ich denke eben daran,« sagte er, »wie viel Ihr Gehirn wohl wiegen dürfte. Sagte ich Ihnen nicht, daß, sie hier fortzubringen, das mindere von zwei Uebeln sei? Und in Bezug auf das größere Uebel glaube ich Ihnen doch meine Meinung auch nicht vorenthalten zu haben. Ich habe rückhaltlos aus die Gefahr hingewiesen, die für Miß Carmina daraus erwachsen kann, wenn sie beim Wiedererwachen aus ihrem bewußtlosen Zustand sich mit Ihrer Gattin Auge in Auge sieht. Und hätten wir sie denn in demselben Hause von einander fern halten können? Wenn ich bei meinem Alter etwas unternehme, Mr. Gallilee, so —— halten Sie mich deshalb nicht für eingebildet —— so weiß ich sicher, was und warum ich es thue.«

Als Benjulia so von sich sprach, hätte er noch ein Wort mehr sagen können. Er hätte hinzufügen können, daß seine Besorgniß, Carmina könne ihren Verstand verlieren, auch noch eine andere Besorgniß involviere, nämlich, daß ein ungewöhnlich interessanter Fall einen gewöhnlichen Ausgang nehmen könnte. Er hätte auch eingestehen können, daß nicht kollegiale Rücksichten ihn bestimmten, die Patientin dem Hausarzt zu überlassen, sondern die Eingebungen seines eigenen kritischen Geistes. Ein kurzer Einblick in die Sachlage hatte genügt, ihn zu versichern, daß des unwissenden Nulls Behandlung die instruktive Entwickelung des Uebels nicht aufhalten werde. Mr. Null, das wußte er, würde die Symptome in seinem eigenen beschränkten Sinne deuten, nicht ahnend, daß die nervöse Hysterie, welche sich in einer Konstitution wie der Carmina's allmälig voll zu entwickeln drohte, die verborgene Ursache sei. Diese Beweggründe seines Handelns —— entschuldigt, ja veredelt durch ihre wissenschaftliche Zusammengehörigkeit mit den Interessen medizinischer Forschung —— hätte er unter günstigeren Umständen sogar offen eingestehen können. Aber noch immer nur auf der Schwelle zu einer großartigen Entdeckung stehend, sah sich Doktor Benjulia verurtheilt, selbst dem einfachen Mr. Gallilee gegenüber eine diplomatische Reserve zu beobachten.

Er nahm jetzt Stock und Hut und ging in die Halle hinaus.

»Kann ich noch irgendwie dienen?« fragte er nachlässig. »Mittheilungen über die Patientin werden Sie von Mr. Null erhalten.«

»Sie werden die unglückliche Carmina nicht verlassen?« drängte Mr. Gallilee. »Sie werden sie hin und wieder sehen, nicht wahr?«

»Unbesorgt, ich werde nach ihr sehen.« Er meinte das im Ernst. Carmina's Fall hatte ihm bereits neue Ideen und Fingerzeige gegeben.

Mr. Gallilee öffnete Jenem die Thür.

»Apropos!" sagte der Doktor hinzutretend, »und wo ist Zo?«

»Oben im Schulzimmer.«

»Sagen Sie ihr doch, daß sie mich ja wissen lassen soll, wenn sie wieder einmal —— gekitzelt sein möchte. Guten Abend.«

Mr. Gallilee, noch die von Benjulia gegebenen Papiere in der Hand haltend, ging wieder nach der oberen Etage hinauf. Vor der Thüre des Ankleidezimmers stand er zögernd still. Die Papiere lagen in einem versiegelten Umschlag. Dieser trug die Adresse seiner Gemahlin. So gegen jeden Einblick Unberufener geschützt, war es nicht nothwendig, sie persönlich zu übergeben.

Mr. Gallilee ging nun bis zum Schulzimmer und bedeutete dem darin beschäftigten Stubenmädchen, daß sie zu ihm heraustreten möge.

Nachdem er ihr die Papiere übergeben und ihr aufgetragen, ihrer Herrin zu sagen, daß Doktor Benjulia sie überbracht habe, entließ er das Mädchen mit den Worten: »Sie brauchen nicht zurückzukehren. Ich werde selbst nach den Kindern sehen.«

Maria las in ihrem Buche und selbst die träge Zo war beschäftigt!

Sie saß schreibend am Pult und bemerkte das Eintreten ihres Vaters mit vieler Verlegenheit.

Der arglose Gallilee setzte voraus, daß seine Lieblingstochter, endlich einmal dem Beispiel der fleißigen Maria folgend, mit einer Schreiblektion beschäftigt sei.

»Meine guten Kinder» sagte er, indem er zärtlich von der Einen zur Anderen blickte. Und indem er sich setzte, fügte er hinzu: »Ich will Euch nicht stören. Fahrt fort!« Es war ihm schon eine große Wohlthat, mit den Beiden nur in demselben Zimmer zu sein.

Wenn er näher zum Pult herangetreten wäre, würde er vielleicht bemerkt haben, daß Zo nicht ohne praktisches Resultat an Carmina gedacht hatte.

Von den beiden adressierten Briefumschlägen, die Ovid dem Kinde bei seiner Abreise hinterlassen hatte, war noch einer vorhanden. Hin und wieder hatte sie daran gedacht, ihm nochmals zu schreiben; aber die Furcht vor der Anstrengung des Buchstabierens war zu groß gewesen. In dieser Beziehung hatte man nämlich Zo schon längst als »hoffnungslos« aufgegeben. Einsilbige Wörter machten ihr allerdings keine Schwierigkeiten —— aber da hatte auch ihre Schreibkunst ein Ende. Sie kam nie über die erste Silbe längerer Wörter hinaus; da brach sie ab. Nach dieser neuesten Schreibmethode wurde aus »Ovid« — »Ov«; »Miß Minerva", eines Zischlautes entkleidet, wurde »Mis Min.« Zeichen und große Anfangsbuchstaben verblieben der korrigierenden den Hand der Gouvernante zum ausschließlichen Eigenthum. Zur Anerkennung dieses orthographischen Mankos gezwungen, gestand sie zwar ein, daß solche Dinge nicht ganz unmöglich seien, dachte aber mit keinem Gedanken mehr daran, sobald das Schreibheft zugeklappt worden.

Teresa's Ankunft und die nachfolgenden Ereignisse hatten auf des Kindes Gemüth fast denselben Eindruck gemacht, wie auf das ihres Vaters.

Aus dem Chaos der Wirr- und Schrecknisse löste sich licht gleich —— das Mitleid, welches sie in nie gekanntem Maße für Carmina empfand. Auf Grund der natürlichen Ideenassoziation wurde zunächst der Wunsch in ihr rege, Carmina zu helfen. Sie bedurfte dazu eines Verbündeten eines höheren Wesens, eines eigenthümlich begabten und liebenswürdigen Menschen, der nicht sagen würde: »Mein Lieb, diese Sache ist doch zu ernst für ein Kind wie Du.« Allmälig kam denn auch ihrem langsam arbeitenden Geiste die Erinnerung an Ovid und sie erkannte in diesem guten Freund und Bruder den Alliierten, dessen sie zu ihrem menschenfreundlichen Werke bedurfte. Mit des Kindes seiner Empfindsamkeit gegen das Lächerliche gedachte sie des Umstandes, daß die Anderen gelacht hatten, als sie zuerst davon gesprochen, an Ovid zu schreiben. Sie würde sich vielleicht ihrem Vater anvertraut haben, wenn sie ihn eine dominierende Stellung im Hause hätte einnehmen sehen. Aber so war auch sie. gewahr geworden, was Jedermann hier wußte, daß er sich »vor Mama fürchtete« Der Zweifel darüber; ob er es nicht »Mama sagen« würde, bestimmte sie, ihr Geheimniß allein zu bewahren. Wie Figura zeigt, war die kleine Schwester die einzige Person, welche Ovid von der furchtbaren Nothwendigkeit seiner sofortigen Rückkehr informierte, dieselbe kleine Person, deren Tröstung sein letzter Gedanke gewesen, als er England verließ.

Als Mr. Gallilee eintrat, hatte Zo soeben ihren Brief beendet. Dieser seltsame Briefschluß lautete:

»theur ov komm zur car ist krank sie verl nach dir eil eil sag nicht ich schriebe dies mis min ist fort, ich haß büch ich lieb dich zo.«

Die Feder noch in der Hand, blickte sich die Schreibensmüde nach ihrem Vater um. Sie hatte den adressierten Briefumschlag (schauderhaft zerknittert) in der Tasche; aber sie getraute sich nicht, denselben hervor zunehmen. Maria würde schon wissen, was sie an meiner Stelle thun würde, dachte sie. Gräßliche Maria!

Das Glück winkte ihr diesmal in Gestalt einer unerledigten Wirthschaftsangelegenheit. Im nächsten Augenblick schon fand Zo die erwünschte Gelegenheit. Das Stubenmädchen kehrte unerwartet zurück. Sie wandte sich an Mr. Gallilee mit der ganzen Heimlichkeit, deren sich englische, mit einem Auftrag betraute Diener und Dienerinnen so gern befleißigen.

»Sie verzeihen, Sir, Joseph möchte Sie sprechen.«

»Wo ist er?«

»Draußen, Sir.«

»Er soll hereinkommen.«

Dank der Etikette der Dienerhalle durfte Joseph sich in den über den Salon gelegenen Regionen ohne vorherige Anmeldung durch eine Gesandtin nicht einführen; hierdurch wurde die Aufmerksamkeit momentan von den Kindern abgelenkt. Zo konnte ihren Brief umbrechen, in den Umschlag stecken und dann in ihre Tasche versenken.

Joseph trat ein.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir,« sagte er, »ich war mir nicht sicher, ob ich meine Herrin stören dürfe. Mr. Le Frank ist da und fragt, ob er sie sprechen kann.«

Mr. Gallilee befragte das Stubenmädchen.

»Schlief Deine Herrin, als ich Dich zu ihr sandte ?«

»Nein, Sir. Sie gebot mir, die Lese-Lampe anzuzünden und ihr eine Tasse Thee zu bringen.«

In den früheren seltenen Fällen einer Erkrankung Mrs. Gallilee's hatte es der aufmerksame Gatte nie den Dienern überlassen, ihre Wünsche zu erfragen. Jene Zeit war nun längst dahin.

»Joseph, Sie könnten Ihrer Herrin melden, daß Mr. Le Frank da ist.«



Kapiteltrenner

Capitel XLVII.

Die Verleumdung, von welcher Mrs. Gallilee die Trennung Ovids und Carmina’s erhofft hatte, war jetzt eine wirkliche Verleumdung auf Grund unwiderlegbarer Beweise. Und der Mann, dessen Bemühungen diesen Ausgang erzielt hatten, war ihr eigener Rechtskonsulent, derselbe, den sie für die Geltendmachung jener Vormundschaftsrechte zu gewinnen gedacht hatte, welchem Teresa so kühn zu trotzen gewagt. Die Beziehungen zwischen ihr und Mr. Mool waren gelöst.

Da lag sie nun, hilflos und ihr Ansehen vernichtet, sie selbst das Opfer eines brutalen Ueberfalls, nur von dem einen Gedanken Beherrscht, zu handeln, sich zu rächen, und doch nicht im Stande, sich zu erheben, ihre Macht geltend zu machen; und Niemand ihr zur Seite, der für sie einträte, keinen Verbündeten, der ihren Zwecken diente.

Mit einer Entschlossenheit, wie nur die Verzweiflung sie giebt, sprang sie auf ihre Füße, um gleich darauf wieder halb ohnmächtig auf das Sopha zurückzusinken. Ihr Muth versagte, Alles drehte sich mit ihr, und erst als sie wieder ihre ruhende Stellung eingenommen, ließ der Schwindel nach. Sie vermochte jetzt, die Tischglocke neben sich in Bewegung zu setzen.

»Schicke sogleich nach Mr. Nul1,« sagte sie zu dem eintretenden Mädchen. »Wenn er nicht zu Hause ist, soll der Bote ihn aufsuchen, wo immer er auch sei.«

Der Bote kehrte mit einem Briefe zurück.

Mister Null, hieß es darin, würde sobald als möglich bei Mrs. Gallilee vorsprechen, momentan sei er noch von Miß Carmina in Anspruch genommen.

Damit war Mrs. Gallilee’s letzter Rest von Willenskraft gebrochen. Die Dienste ihres eigenen ärztlichen Rathgebers gehörten erst dann ihr, wenn Carmina deren nicht mehr bedurfte! Und noch besser, aus demselben Briefe starrte ihr die Adresse entgegen, nach der sie so lange vergebens geforscht hatte. Kaum fünf Minuten hatte sie bis nach dem Hause; und sie nicht im Stande, nur das Zimmer zu durchkreuzen! Zum ersten Mal in ihrem Leben drängte sich ihr die garstige Frage auf: »Wo finde ich Jemand, der mir hilft?«

Man klopfte an die Thür.

»Wer ist da?« rief sie.

Joseph antwortete von draußen:

»Mr. Le Frank ist da, Madame, und fragt, ob er zu Ihnen kann.«

Sie gönnte sich keine Ueberlegung. Sie schickte nicht einmal nach ihrem Mädchen, um nach ihrer Toilette zu sehen. Die Furcht vor ihrer eigenen Hilflosigkeit jagte sie vorwärts. Da war der Mann, dessen rechtzeitiger Verrath Carmina’s, sie, die schon halb fort war, auf ihrem Weg zu Ovid abgefaßt und zurückgebracht hatte; da war das stumme Werkzeug ihres Willens!

»Ich werde Mr. Le Frank empfangen,« rief sie. »Führe ihn herauf!«

Der Musiklehrer blickte sich zuerst in dem matt erhellten Zimmer um und verneigte sich dann gegen die auf dem Sopha kauernde Gestalt.

»Ich fürchte, ich störe Sie zu einer sehr unangemessenen Stunde, Madame.«

»Ich leide, bin krank, Mr. Le Frank, aber doch im Stande, Sie zu empfangen —— wie Sie sehen.«

Damit schwieg sie.

Jetzt, wo er ihr gegenüberstand, wo sie ihn sah und hörte, regte sich etwas wie Zweifel an ihm in ihrem Herzen; und jetzt, wo es zum Widerstand zu spät war, machte sie einen letzten schwachen Versuch, gegen ihn auf ihrer Hut zu sein. Welch ein Abfall von Energie (das fühlte sie jetzt selbst) in diesem Weib, welches sonst, kampfbereit und entschlossen, vor keiner Möglichkeit zurückbebte!

»Welchem Umstande verdanke ich die Ehre Ihres werthen Besuches?« nahm sie wieder das Wort.

Selbst ihre Stimme versagte ihr; sie zitterte, trotz ihrer Bemühungen, sie kalt und ruhig erscheinen zu lassen.

Mr. Le Frank hatte sich bereits gefaßt. Seine Eitelkeit schmeichelte ihm mit der ermuthigenden Einbildung, daß Mrs. Gallilee sich vor ihm fürchte.

»Ich möchte gern wissen, wie Sie von mir denken,« sagte er in Beantwortung ihrer Frage. »Wenige Stunden früher habe ich mir erlaubt, ein paar Zeilen von meiner Hand mit beigeschlossenem Brief und —— dem Ausdruck meiner Hochachtung hier abzugeben. Haben Sie den Brief empfangen?«

»Ja.«

»Gelesen?«

Mrs. Gallilee zögerte mit der Antwort. Mr. Le Frank lächelte still.

»Ich werde Sie um keine mehr direkte Antwort bemühen, Madame,« sagte er. »Ich will offen sein. Haben Sie die Güte, mir ohne Rückhalt zu sagen, wer ich in Ihren Augen bin —— ein Mann, der mit der Unterschlagung eines Briefes sich entehrt hat oder ein Mann, der sich durch einen Ihnen geleisteten Dienst Anspruch auf Ihre Anerkennung erworben hat?«

Eine unangenehme Fragestellung, sehr fein definiert! Mrs. Gallilee's Aufgabe war es nun, Mr. Le Frank zu verleugnen oder ihn —— zu gebrauchen. Sie konnte sich zu keinem Urtheil aufraffen; der bloße Versuch einer Entscheidung irritierte und ermüdete sie. Sie konnte die Situation wohl überblicken und sie vermochte auch zu erkennen, daß Unterwerfung das Leichteste sei, um sich daraus zu befreien. Ein gemeiner Schurke war mit ihrem eigenen freien Willen zu einer geheimen Besprechung mit ihr zugelassen worden. Warum ihn sich hiernach noch zum Feinde machen? Warum sich seiner nicht bedienen? Noch einmal bestimmte sie das unerträgliche Gefühl ihrer Hilflosigkeit.

»Ich kann nicht leugnen, daß Sie mir einen Dienst erwiesen haben,« sagte sie mit einer Art ruhiger Ergebenheit.

Er erhob sich, um das ihm bewiesene Vertrauen in der generösesten Weise zu erwidern, das heißt, um seine wohl studierte Verbeugung von vorhin zu wiederholen.

»Wir verstehen einander,« sagte er und —— setzte sich nieder. »Wenn ich Ihnen noch ferner dienen kann, Madame; etwa indem ich Ihre Nichte weiter bewache —— verfügen Sie über mich.«

»Sprechen Sie so aus Anhänglichkeit gegen mich, Mr. Le Frank?«

»Meine Anhänglichkeit an Sie könnte eines Tages versagen,« erwiderte er dreist. »Dagegen können Sie sich versichert halten, daß meine Gefühle gegen Ihre Nichte immer dieselben bleiben werden. Ich vergesse niemals eine Beleidigung. Darf man so indiskret sein, zu fragen, wie Sie beabsichtigen, Miß Carmina davon zurückzuhalten, daß sie ihrem Geliebten nach Quebec folgt? Hat auch ein Vormund das Recht, ein junges Mädchen in ihrem Zimmer gefangen zu setzen?«

Mrs. Gallilee empfand die versteckte Familiarität dieser Fragen, sehr sorgfältig versteckt in den Falten tiefster Ehrfurcht, die er dabei in seine Miene legte.

»Meine Nichte weilt nicht länger in meinem Hause,« war die in kaltem Tone gegebene Antwort. »Fortgegangen?« schrie Mr. Le Frank auf.

»Verzogen,« verbesserte sie und ließ den Gegenstand da fallen.

Mr. Le Frank nahm den Gegenstand da wieder auf. »Verzogen,« wiederholte er, »doch wohl unter der Fürsorge und Begleitung ihrer Amme vermuthlich?«

Die Amme? Was wußte er von der Amme ——?

»Darf ich fragen ——« begann Mrs. Gallilee.

Ein nachsichtiges Lächeln umkräuselte seine Lippen.

»Sie sind nicht mehr dieselbe, die Sie waren,« unterbrach er sie. »Gestatten Sie mir die bescheidene Erinnerung, daß Ihrer Nichte Brief an Mr. Ovid Vere ausführlich ist; ich habe mir die Freiheit genommen, ihn zu lesen, ehe ich ihn hier für Sie abgab.«

Mrs. Gallilee hörte ihm schweigend zu; sie fühlte, daß sie einen zweiten Fehler begangen habe. Sie hatte es sorgfältig vermieden, einen Mann ins Vertrauen zu ziehen, der jetzt schon um alle ihre Geheimnisse wußte! Mr. Le Franks höfliche Theilnahme hielt ihn ab, die bevorzugte Stellung, die er jetzt inne hatte, im eigenen Interesse auszudeuten.

»Ich werde mir zu gelegenerer Stunde die Ehre geben,« sagte er, »wenn Sie meine bescheidenen Dienstanerbietungen besser zu würdigen in der Lage sein werden. Ich möchte Ihnen durchaus nicht lästig fallen, Mrs. Gallilee, nicht um die Welt! Gestatten Sie mir gütigst nur noch eine Frage, die eben keinen Aufschub leidet. Hat Miß Carmina, als sie ihr Haus verließ, Schreibmappe und Schlüssel mitgenommen?«

»Nein.«

»Gestatten Sie mir zu bemerken, daß sie jeden Augenblick danach schicken kann.«

Ehe sie noch nach einer Erklärung fragen konnte, erschien Joseph wieder. Mr. Null wartete unten.

Mrs. Gallilee bestimmte, daß er auf ein Klingelzeichen zu ihr gelassen werden sollte.

Kaum waren sie allein, so näherte sich Mr. Le Frank noch einmal rasch dem Sopha und sagte:

»Mrs. Gallilee, jene Papiere Ihrer Nichte könnten Mittheilungen enthalten, die für Sie von der allerhöchsten Wichtigkeit sind. Wer weiß, was für Korrespondenzen da geführt werden, in welche die Amme und die Gouvernante verwickelt sind. Nachdem wir schon einen Brief aufgefangen haben, wäre es Thorheit, noch länger zögern zu wollen. Sie selbst sind einer solchen Aufgabe nicht gewachsen. Ich kenne das Zimmer. Fürchten Sie keine Entdeckung. Mein Tritt ist von Natur leicht und —— wenn noch Jemand einen solchen leichten Tritt hat, so weiß ich mich schon zu entschuldigen. Ueberlassen Sie Alles mir.«

Während er sprach, hatte er ein Licht angezündet. Wäre es nicht um seine Erinnerung an die Amme gewesen, sie würde ihm befohlen haben, es wieder auszulöschen.

»Ich werde morgen wiederkommen,« sagte er, ohne ihre Antwort abzuwarten, und dann stahl er sich leise hinaus.

Als Mr. Null gemeldet wurde, entfernte Mrs. Gallilee den verdunkelnden Schirm von der Lampe. Sie hatte ihre ganz besonderen Gründe für die Erzielung einer größeren Helligkeit im Zimmer.

Mr. Null erschien.

Sein schüchterner Blick, seine offenbare Zerstreutheit beim Vortragen der konventionellen Entschuldigungen, verriethen Mrs. Gallilee sogleich, daß Teresa gesprochen habe, und daß er wisse, was vorgefallen. Er selbst war nie so aufmerksam und sanft gewesen. Er fühlte den Puls, nahm Kenntniß von der Temperatur und schrieb sein Rezept, ohne auch nur nach dem Grunde oder der Veranlassung der bedauerlichen Veränderung zu fragen. Er hatte gar nicht mehr daran gedacht, oder schwieg er aus Furcht?

Mrs Gallilee folgte allen seinen Bewegungen mit tiefstem Schweigen.

»Kann ich noch in etwas dienen?« fragte er.

»Sie können mir wohl sagen,« erwiderte sie, »wann ich wieder hergestellt sein werde.«

Mr. Null war höflich; Mr. Null war theilnehmend. Mrs. Gallilee könnte wohl in ein, zwei Tagen wieder gesund sein; es könnte aber auch sein, daß Mrs. Gallilee unglücklicher Weise noch etwas länger an ihr Zimmer gefesselt bleiben würde. Er erhoffe das Beste von seiner Medizin und erhoffe das Beste von gänzlicher Ruhe und Zurückgezogenheit. Es würde sich sehr empfehlen, sich gleich niederzulegen; er würde nicht versäumen, am nächsten Morgen mit dem Frühesten wieder da zu sein.

»Nehmen Sie noch auf einen Augenblick Platz,« nöthigte Mrs. Gallilee.

Mr. Null wechselte die Farbe und gehorchte. Er wußte schon, was kommen würde.

»Sie haben Miß Carmina behandelt. Welcher Art ist ihre Krankheit?«

Mr. Null begann sehr weitschichtig: »Der Fall erregt unsere allergrößte Befugniß. Schwierige Verwickelungen. Selbst Doktor Benjulia ——«

»Gerade heraus, Mr. Null, kann sie fortgebracht werden?«

Das trieb zu einer entscheidenden Antwort.

»Ganz unmöglich.«

Sie wagte ihre nächste Frage erst nach einer Pause, in der sie ihre ganze Selbstbeherrschung zu gewinnen strebte.

»ist jene Ausländerin, die Amme —— die einzige Amme bei ihr?«

»O, erwähnen Sie ihrer nicht, Mrs. Gallilee! Ein schreckliches Weib; roh, jähzornig, eine ganze Wilde. Als ich eine zweite Amme in Vorschlag brachte ——«

»Ich verstehe. Sie fragten mich eben, ob Sie mir noch in etwas dienen können. Sie können mir sogar einen großen Dienst erweisen. Nennen Sie mir einen vertrauenswürdigen Advokaten.

Dies frappierte Mr. Null. Als alter Familienarzt war er mit dem Rechtskonsulenten bekannt. Er nannte deshalb Mr. Mool.

»Mr. Mool hat mein Vertrauen verwirkt,« bemerkte Mrs. Gallilee entschieden. »Können Sie mir einen Advokaten empfehlen oder nicht?«

»O, sicherlich; meinen eigenen.«

»Sie finden Alles auf dem Tisch da hinter mir. Ich werde Sie kaum fünf Minuten in Anspruch nehmen. Ich bitte, freundlichst nach meinem Diktat schreiben zu wollen.«

»Aber theure Lady, in Ihrem Zustande ——«

»Erfüllen Sie meinen Wunsch! Ich bin ruhig genug und mein Kopf ist klar. Selbst eine Frau in meinem Zustande kann ihrem Willen Ausdruck geben. Ich werde heute Nacht kein Auge zuthun, wenn ich mir nicht sagen kann, daß jenes elende Weib durch mich in ihre Schranken verwiesen ist. Wer sind Ihre gesetzlichen Rathgeber?«

Mr. Null nannte die Namen und ergriff die Feder.

»Beginnen Sie in der gewöhnlichen Form,« fuhr Mrs. Gallilee fort, »und» verweisen Sie dann die Advokaten auf meines Bruders Testament. ist das fertig?«

Es war fertig.

»Sagen Sie ihnen dann, wie meine Nichte von mir fort und wohin sie genommen wurde.«

Herr Null gehorchte.

»Nun also,« sagte Mrs. Gallilee, »schreiben Sie, wag ich zu thun gedenke!«

Die Aussicht sich an Teresa gerächt zu sehen, ließ sie neu aufleben. Für den Augenblick wenigstens sah sie beinahe wieder wie ihr altes Selbst aus.

Mr. Null wandte ein neues Blatt um und seine Hand zitterte ein wenig. Die diktierende Stimme sprach folgende Worte:

»Ich verbiete der Person Teresa bei Miß Carmina ferner als Pflegerin zu fungieren oder auch nur das Zimmer zu betreten, in welchem diese junge Dame jetzt krank liegt. Außerdem lasse ich diese Person wissen, daß meine Nichte wieder meiner Pflege zurückgegeben werden wird, sobald der Arzt ihren Transport gestattet. Und ich verlange, daß meine Sachwalter meine Autorität als Vormünderin morgen früh geltend machen.«

Mr. Null beendete den Brief in stiller Verzweiflung, zog sein Taschentuch hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ist solch’ schreckliche Anstrengung erforderlich, diese paar Worte zu sagen —— zu einem so entkräfteten Geschöpf wie ich jetzt bin?« fragte Mrs. Gallilee bitter. »Lassen Sie mich hören, daß die Sachwalter ihre Instruktion erhalten haben, wenn Sie morgen zu mir kommen, und bringen Sie mir die Adresse einer empfehlenswerthen Krankenpflegerin. Guten Abend.«

Endlich durfte Mr. Null geben. Als er leise die Stubenthür hinter sich zuzog, erfüllte noch immer die Frage seine Seele: Was wird Teresa thun?



Kapiteltrenner

Capitel XLVIII.

Selbst in der willkommenen Zurückgezogenheit des Schulzimmers fand Mr. Gallilee keine Ruhe. Es drängte sich ihm eine ganz neue beunruhigende Frage auf, die Frage über sich selbst in seiner Eigenschaft als Gatte und Vater. In den langen Jahren ehelichen Zusammenlebens gewöhnt, zu seiner Frau wie zu einem höheren Wesen emporzublicken, war er sich nun bewußt geworden, daß sie ihre Stellung in seiner Achtung verloren habe, unwiederbringlich. Indem er zunächst erwog, was nun mit Maria und Zo geschehen solle, bereitete er sich neue Verlegenheiten und neuen Kummer. Sie noch länger, wie er bisher gethan, ganz in der Gewalt ihrer Mutter zu belassen, hieß sie dem Einflusse eines Weibes preisgeben, das sein Vertrauen und seine Achtung längst verloren hatte. Er sann darüber nach im Schulzimmer, und sann noch immer darüber nach, als er zu Bett ging. Am nächsten Morgen gelangte er zur Entscheidung in Gestalt eines Vertrags. Er beschloß, Mr. Mools Rath und Beistand nachzusuchen. Sein erster Gang war zu Teresa, wo er eine beruhigende Nachricht über Carmina zu erhalten hoffte. Ihre betrübende Antwort erschöpfte sich in zwei Worten: »Keine Veränderung.« Er war davon so erschüttert, daß er nun auch die Wirthin mit Fragen bestürmte, unnütze Fragen zwar, aber doch herzlich gemeint und in der Hoffnung gethan, vielleicht noch eine trostreichere Antwort zu erhalten. Die Wirthin hörte ihn geduldig an; sie achtete den aufrichtigen Schmerz des sanften, bescheidenen alten Mannes. Aber auch sie hielt sich an die trockene Wahrheit. Die einzig mögliche Antwort war die, welche die Dienerin bereits ertheilt hatte. Als sie ihn hinausgeleitet, bat Mr. Gallilee, einen Augenblick in der Halle verweilen zu dürfen. »Wenn Sie erlauben, Madame,« sagte er, »so möchte ich mir noch die Augen trocknen, ehe ich auf die Straße hinaustrete.«

Da er unangemeldet im Büreau erschien, fand er Mr. Mool beschäftigt. Ein Schreiber überreichte ihm ein Blatt, auf welchem Mr. Mool geschrieben hatte: »Ist es etwas von Wichtigkeit? Gallilee schrieb in seiner einfachen, bescheidenen Weise zurück: »Nein, nein, es betrifft nur mich; ich werde wiederkommen.« Neben seinem kritisch ausgebildeten Champagnergeschmack hatte dieser ausgezeichnete Mensch noch eine nennenswerthe Eigenschaft, eine wunderschöne Handschrift. Da nun Mr. Mool ein paar krumme Striche und gekritzelte Buchstaben in der Antwort entdeckte, zog er daraus seine besonderen Schlüsse. Er ließ seinen alten Freund einfachen, noch ein wenig zu warten.

Nach zehn Minuten waren sie zusammen, Gallilee berichtete dem Advokaten, was nach Benjulia’s Besuch am vorhergehenden Tage weiter vorgefallen.

Einen Augenblick saßen beide Männer in sinnendes Schweigen versunken, von der vor ihnen liegenden Aufgabe in Schach gehalten. Als dann die Zeit zu einem Meinungsaustausch gekommen war, übte Jeder auf den Anderen einen Einfluß aus, dessen Beide sich gleich unbewußt blieben. Von dem gleichen Abscheu gegen Mrs. Gallilee’s Handlungsweise und dem gleichen Interesse für Carmina erfüllt, erstarkten Beide ineinander zu einem einzigen entschlossenen Charakter.

»Mein lieber Gallilee, dies ist eine sehr ernste Sache.«

»Mein lieber Mool, eben meine Ansicht davon, oder ich würde Sie nicht gestört haben.«

»Reden Sie mir nicht von Störung! Ich sehe so viele schwierige Verwickelungen vor uns, daß ich kaum weiß, wo zuerst beginnen.«

»Ganz mein Fall! Es ist mir eine Wohlthat, zu wissen, daß Sie meine Empfindungen theilen!«

Mr. Mool erhob sich und versuchte eine Zimmerpromenade, um so vielleicht auf einen erlösenden Gedanken zu kommen.

»Da ist nun diese bedauernswerthe junge Dame,« nahm er wieder das Wort. »Wenn sie sich erholt ——«

»Nicht so, nicht so!« warf Mr. Gallilee ein. »Das klingt, als wenn Sie je an ihrem Auskommen zweifelten —— nicht wahr, es scheint Ihnen doch auch so? Darum geben Sie Ihrer Meinung einen bestimmteren Ausdruck, Mool, um meinetwegen!«

»Selbstverständlich,« stimmte Mr. Mool bei. »Sagen wir also nicht wenn, sondern wann sie sich erholt. Die Schwierigkeit bleibt für uns immer dieselbe. Wenn nun Mrs. Gallilee ihr Recht geltend macht, was sollen wir thun?«

Hiernach erhob sich Mr. Gallilee und schritt seinerseits im Zimmer auf und nieder. Dieser wohlgemeinte Versuch endigte mit einem kläglichen Zusammenbruch.

»Wie kam nur ihr Bruder dazu, gerade sie zu ihrem Vormund zu machen?« rief er mit dem größten Schein von Vehemenz dessen er fähig war.

Der Advokat war so in seine eigenen Gedanken vertieft, daß es einer Wiederholung der Frage bedurfte, um seinem Freund die gewünschte Auskunft zu geben.

»Ich hegte jede Hochachtung für Mr. Robert Graywell,« sagte er. »Ein besserer Gatte und Vater —— und ein besserer Künstler nicht zu vergessen —— hat nie gelebt. Aber,« —— und hier nahm Mr. Mool die Haltung eines charakterstarken Mannes an, der an einen anderen charakterstarken Mann appelliert, —— »schwach, bedauerlich schwach. Seine Art und Weise war von der, wenn ich so sagen darf, selbstbewußten Art Ihrer Gattin so grundverschieden, daß, —— nun daß er sich ihrem Einfluß nicht entziehen konnte. Wenn Lady Northlake nur etwas weniger eingezogen und still für sich gelebt hätte, würde die Sache wohl ganz anders ausgelaufen sein. Wie es aber nun einmal war (ich möchte jede beleidigende Darstellung des Sachverhaltes vermeiden), so hat Mrs. Gallilee ihn —— ihn hintergangen, und nun hat sie die Macht in Händen, auf Grund des Testaments. Wir müssen dieses arme Mädchen beschützen; wir müssen handeln vollendete Mr. Mool, in einem Anfall muthvoller Energie.

»Wir müssen handeln!« wiederholte Mr. Gallilee, indem er seine Faust ballte und sie —— vorsichtig auf den Tisch niederfallen ließ.

»Ich glaube, ich habe eine Idee,« nahm der Advokat wieder das Wort. »Ein eigener Ausspruch Miß Carmina's hat sie mir eingegeben. Sind Sie —— das heißt, besitzen Sie ihr Vertrauen, wenn ich fragen darf?«

»Bedeutend, bedeutend« rief Mr. Gallilee mit freudestrahlendem Gesicht. »Ich küsse sie immer beim gute Nacht sagen, und küsse sie wieder beim guten Morgen wünschen.«

Diese Beweisführung seines Freundes schien Mr. Mool in einige Verlegenheit zu sehen. »So sagen Sie mir doch,« fragte er, »hat sie jemals den Wunsch angedeutet, ihre Verheirathung beschleunigt zu sehen?«

So einfach diese Frage war, so sehr frappierte sie Mr. Gallilee; sein offenes ehrliches Gesicht sprach statt seiner —— er besaß Carmina's Vertrauen nicht.

»Das Einzige, was uns zu thun bleibt,« fuhr Mr. Mool fort, »ist, daß wir Mr. Ovid zu möglichst rascher Umkehr bewegen. Das ist meine Idee.«

»Wir wollen gleich daran gehen,« rief Mr. Gallilee.

»Aber sagen Sie mir, bitte,« drängte der der Ermuthigung bedürftige Mr. Mool, »entlastet mein Vorschlag auch Ihr Herz?«

»Mein erster glücklicher Augenblick in den letzten vierundzwanzig Stunden!« bestätigte Mr. Gallilee im dreigestrichenen Fistelton; sein Muth und seine Festigkeit wuchsen mit seinen Worten.

Der Eine holte eine Telegrammadresse hervor, der Andere ergriff eine Feder.

»Sollen wir die Anfrage in Ihrem Namen thun?« fragte Mr. Mool.

Wenn Mr. Gallilee hundert Namen gehabt hätte, er würde mit jedem einzelnen unterschrieben (und auch für jeden einzeln bezahlt) haben.

»John Gallilee, 14 Fairfield Garben, London. An ——« da stand die Feder still. Ovid war noch immer im wilden Innern von Kanada. Der einzige Weg, sich an ihn zu wenden, war der seine Adresse von der Bank in Quebec zu ermitteln. An diese wurde also das Telegramm sogleich gerichtet. Dasselbe lautete:

»Bitte um telegraphische Uebermittelung der Adresse von Mr. Ovid Vere, sobald Ihnen dieselbe zu Händen kommt.«

Nachdem das Telegramm nach dem Büreau gesandt worden, trat ein Moment der Ruhe ein. Mr. Gallilee’s Zuversicht erlitt einen Rückfall.

»Wir werden lange warten müssen,« sagte er.

Sein Freund war derselben Meinung. Offen gesagt, Mr. Mools Stärke gravitirte nach der Richtung gesetzlicher Streitpunkte. Und da in der gegenwärtigen Besprechung keine Rechtsfrage zur Entscheidung stand, verfiel auch Mr. Mool der Niedergeschlagenheit, die sich seines Freundes bemächtigt hatte.

»Bis zur Rückkehr Mr. Ovids sind wir zur Unthätigkeit verdammt,« sagte er. »Inzwischen bleibt meines Erachtens Miß Carmina keine andere Wahl, als sich dem Willen ihrer Vormünderin zu beugen; es sei denn ——« und dabei sah er Mr. Gallilee scharf an —— »es sei denn, daß Sie Ihre gegenwärtige Stimmung in Bezug auf Ihre Gattin überwinden können.«

»Ueberwinden?« wiederholte Mr. Gallilee.

»Es scheint ja momentan kaum möglich, ich gestehe das zu,« meinte der würdige Advokat. »Sie haben einen sehr schmerzlichen Eindruck empfangen. Gewiß! Gewiß! Aber die Macht der Gewohnheit —— ein langjähriges eheliches Zusammenleben —— Ihre eigene Herzensgüte ——«

»Wie meinen Sie denn?« fragte Mr. Gallilee bestürzt, ungeduldig, fast zornig.

»Ein wenig Ueberredung von Ihrer Seite, lieber Freund —— im Augenblick der Versöhnung —— könnte von dem besten Erfolge begleitet sein. Mrs. Gallilee dürfte von der Geltendmachung ihrer Rechte zeitweilig absehen, bis Zeit und Weile die bestehenden Feindseligkeiten ihres verletzenden Charakters entkleidet und herabgedämpft hat. Ich meine, ein Vertrag müßte zu Stande kommen, wenn Sie sich nur entschließen könnten, Ihrer Frau zu verzeihen.«

»Ihr verzeihen?« rief Mr. Gallilee in großer Aufregung. »Es würde mich nur zu glücklich machen, ihr zu verzeihen. Aber wie fange ich das an? Guter Gott! Mool, wie fange ich’s an? Sie haben jene niederträchtigen Worte nicht vernommen. Sie haben nicht den von tödtlicher Angst und Betroffenheit erfüllten Blick des armen Mädchens gesehen. Ich erkläre Ihnen, ich erstarre zu Eis, wenn ich nur an meine Frau denke! Ich habe die Dienstboten zu ihr hineingeschickt, wo ich selber hätte kommen müssen. Und nun noch meine Kinder, meine armen, lieben Kinder —— es bricht mir’s Herz, zu denken, daß eine Mutter sie erziehen soll, die das sagen konnte, was sie gesagt und thun konnte. —— Was für Anblicke werden ihnen werden, was werden sie sehen, frage ich Sie, wenn Carmina zurückgebracht wird und sie das reizende, liebliche Wesen so behandelt, wie sie behandelt wird? Ich hatte Stunden gestern Nacht, wo ich ernstlich daran denken konnte, sie für immer zu verlassen mit den Kindern. Aber was schwatze ich da! Ich hatte, ich wollte etwas sagen, und es ist mir entfallen. Ich kenne mich nicht mehr. Nun, nun; ich bin schon ruhig. Es ist mein armes dummes Hirn vermuthlich —— heiß, Mool, brennend heiß! Aber nehmen wir Vernunft an! Ja, ja, ja, nehmen wir Vernunft an! Sie sind Advokat. Und als ich mich hierher wandte, sagte ich mir: »Ich werde Mool um Rath fragen.« Nun seien Sie ein braver lieber Kerl —— beruhigen Sie mich über meine Kinder. Was kann ich für sie thun?«

Erstaunt und betrübt, nicht wissend, wie zu helfen, fand Mr. Mool erst jetzt sein Gleichgewicht wieder, wo sein Freund ihn in seiner Eigenschaft als gesetzlicher Ratgeber in Anspruch nahm. Instinktmäßig verfiel er auf das richtige Mittel, Mr. Gallilee zu beruhigen.

»Hegen Sie keinerlei Besorgnisse in Betreff Ihrer Kinder,« sagte er sanft. »Da stehen wir noch, Gott sei Dank! auf einem festen Boden.«

»Meinen Sie, Mool?«

»Ich versichere Sie. Wo Ihre Töchter in Frage kommen, da haben Sie zu entscheiden. Seien Sie stark, Gallilee; seien Sie stark!«

»Ich werde es sein! Sie werden mir ein erhebendes Beispiel sein —— nicht wahr? Sie sind stark —— he?«

»Unerschütterlich wie ein Felsen. Ich bin Ihrer Meinung. Die Kinder müssen fort, wenigstens für den Augenblick.«

»Sogleich, Mool!«

»Sogleich!« wiederholte der Advokat.

Jetzt hatten sie einander zu dem richtigen Grad von Entschlossenheit aufgereizt. Ihre Stimmen drangen fast bis in die Schreibstube nebenan. »Ganz gleich, was meine Frau dazu sagt!« bedingte Mr. Gallilee.

»Ganz gleich, was sie sagt» entgegnete Mr. Moll. »Der Vater ist der Herr.«

»Und Sie kennen das Gesetz?«

Und ich kenne das Gesetz. Sie haben nur vorzugehen.«

»Und Sie nur mir zu sekundieren.«

»Um Ihrer Kinder willen, Gallilee!«

»Und auf Anrathen meines Rechtsbeistandes, Mool!«

Da waren sie nun endlich zu dem einzigen charakterfesten Mann verschmolzen, dem Ritter ohne Furcht und Tadel. Es hatte Mühe gekostet, und Beider Kräfte waren erschöpft Mr. Mool schlug ein Glas Wein vor.

Mr. Gallilee wagte einen kleinen Wink, indem er sagte: »Sie haben wohl nicht zufällig ein bischen Champagner bei der Hand?«

Der Advokat klingelte nach der Wirthschafterin.

Nach wenigen Minuten ließen sie einander in schäumenden Bechern hochleben. Noch fünf Minuten, und sie stürzten sich wieder ins Geschäft. Die Frage, wohin die Kinder gebracht werden könnten, war leicht beantwortet. Mr. Mool stellte sein eigenes Haus zur Verfügung, wobei er den einzigen Fehler zugestand, daß es Mrs. Gallilee so leicht erreichbar sei. Dieses Bedenken belebte Mr. Gallilee’s Erinnerung. Lady Northlake war in Schottland. Lady Northlake hatte Maria und Zo mehr als einmal eingeladen, den Herbst mit ihren Cousinen zu verleben; aber Mrs. Gallilee’s Eifersucht hatte immer einen glaubhaften Grund für eine Ablehnung erfunden.

»Schreiben Sie gleich,« rieth Mr. Mool. »Das läßt sich in zwei Zeilen sagen. Ihre Frau ist nicht wohl; Miß Carmina ist nicht wohl; Sie können London nicht verlassen —— die Kinder verlangen nach frischer Luft.«

In diesem Sinne schrieb denn auch Mr. Gallilee; Er bestand darauf, daß der Brief gleich zur Post befördert werde. »Ich weiß, daß es noch lange hin ist, bis der Brief befördert wird,« erklärte er, »aber ich muß mich beruhigt wissen.«

Der Advokat setzte sein Glas von den Lippen wieder ab. »Erlauben Sie! Sie schwanken doch nicht schon wieder?«

»Nicht mehr als Sie,« antwortete Mr. Gallilee.

»Sie werden die Mädchen also wirklich fortschicken?«

»Die Mädchen sollen fort, am selben Tage wo Lady Northlakes Einladung eintrifft.«

»Ich werde mir das notieren,« sagte Mr. Mool.

Er machte sich eine Notiz.

Dann standen sie auf, um sich von einander zu verabschieden. Der treue Gallilee dachte noch immer an Carmina.

»Ueberlegen Sie sich’s noch einmal,« sagte er, als sie auseinander gingen. »Sind Sie sich dessen gewiß, daß eine gesetzliche Hilfe ihr nicht zusteht?«

»Ich könnte ihres Vaters Testament nachlesen,« entgegnete Mr. Mool.

Herrn Gallilee erschien die ihm gemachte Aussicht im rosigsten Lichte. »Warum haben Sie nicht schon früher daran gedacht?« fragte er.

»Vergessen Sie nicht,« sagte Mr. Mool mit sanftem Beweis, »was ich Alles zu bedenken habe. Es fällt mir aber jetzt erst bei, daß im Testament vielleicht etwas für den Fall vorgesehen ist, daß die Vormünderin sich der Verheirathung ihrer Mündel offen widersetzen sollte.«

Damit schwieg er. Er kannte Mrs. Gallilee’s Art zu opponieren nur zu wohl, um nicht die Hoffnungslosigkeit eines Erfolges in dieser Beziehung vorherzusehen. Aber er war von Mitleid bewegt und gab seiner Besorgniß keinen lauten Ausdruck.

Auf dem Nachhausewege begegnete Mr. Gallilee dem Kammermädchen seiner Frau. Sie warf eben einen Brief in den Säulenbriefkasten an der Ecke des Squares und wechselte die Farbe, als sie plötzlich ihres Herrn ansichtig wurde; Mr. Gallilee meinte, weil sie an ihren Geliebten geschrieben.

Eine angerauchte Cigarre im Munde, betrat er das Haus und ging stracks nach seinem Rauchzimmer. Unter ihm auf der Küchentreppe stand seine jüngste Tochter, als wenn sie aus Jemand oder Etwas warte. Aber er sah sie nicht.

»Hast Du’s gethan?« fragte Zo, als das Mädchen durch die Gesindethür hereintrat.

»Sicher im Postkasten, liebes Kind.«

Sie warf einen Blick in die Speisekammer, überzeugte sich, daß Niemand darin sei und winkte so.

»Nun aber sage mir,« flüsterte sie, »was Du gestern gesehen hast, wie Du in Miß Carmina's Schlafzimmer versteckt warst?«

Der Ton, in dem sie sprach, war ein recht vertraulicher. Voll Begierde, zu erfahren, was am gestrigen Abend vorgefallen war, hatte Mrs. Gallilee's Zofe sich des Wohlwollens des einzigen habhaft zu werdenden Zeugen versichert, indem sie Zo's handschriftlichen Interessen mit aller Heimlichkeit gedient und eine überseeische Postmarke aus eigener Tasche bezahlt hatte. Auf dem Knie ihrer Freundin sitzend, genügte Zo der ihr daraus erwachsenen Verbindlichkeit mit einem zwar recht trägen, aber doch gewissenhaften Griff in ihre Erinnerungen vom gestrigen Tage.



Kapiteltrenner

Capitel XLIX.

Mittag war schon vorüber, als Mr. Le Frank sich zu dem versprochenen Besuch bei Mrs. Gallilee einstellte. Er betrat das Zimmer finsteren Blicks und flötete seine höflichen Erkundigungen nach dem Befinden, wie es einem armen gedrückten Musikanten zukam, im sanftesten Pianissimo.

»Es thut mir leid, Madame, Sie noch auf dem Sopha zu finden. Noch immer keine merkliche Besserung ?«

»Keine.«

»Macht Ihnen Ihr Arzt keinerlei Hoffnung?«

»Er thut, was sie Alle thun —— er predigt Geduld. Aber nichts weiter von mir! Sie scheinen mir etwas gedrückt.«

Mr. Le Frank gestand mit einem Seufzer, daß seine Erscheinung sich mit dem Zustande seines Innern gedeckt habe.

»Ich bin sehr schmerzlich enttäuscht worden,« sagte er. »Mein Künstlerstolz hat einen empfindlichen Stoß erhalten. Aber warum Sie mit meinen eigenen bescheidenen Angelegenheiten in Anspruch nehmen? Ich bitte tausendmal um Vergebung.«

Ein Blitz unruhiger Erwartung zuckte unter seinen der bescheidenen Bitte entsprechend gesenkten Augen hervor; er erwartete wohl eine Aufforderung, sich zu erklären.

Verschiedene Vorgänge vom Morgen hatten es Mrs. Gallilee wünschenswert erscheinen lassen, Herrn Le Franks Dienste in Anspruch zu nehmen. Sie erkannte die Notwendigkeit, hier etwas zu sagen und raffte sich rasch zu einer Frage auf.

»Ich hoffe, daß Sie keinen Grund zur Klage über Ihre Schülerinnen haben?«

In dieser Jahreszeit, Madame, habe ich keine Schülerinnen, Sie sind alle auf dem Lande.«

Mit ihren eigenen Angelegenheiten aufs Tiefste beschäftigt, nahm sich Mrs. Gallilee die Mühe nicht, noch weiter zu grübeln. Der gerade Weg war natürlich der beste und bequemste.

»Nun, was ist’s denn?« fragte sie mit einem Anflug von Ermüdung.

Diesmal antwortete er ohne Umschweife.

»Eine schwere Demüthigung, Mrs. Gallilee! Man hat mich gezwungen, zu bereuen, worum ich Sie kürzlich bat —— mich mit der Entgegennahme der Widmung meines Liedes beehren zu wollen. Die Musikhandlungen, von denen der Verkauf abhängt, haben nicht den zehnten Theil der Nummern genommen, die wir für sie in Anschlag gebracht hatten. Hat denn der musikalische Geschmack eine so bedeutende Wandlung erfahren? Meine Komposition hat sich durchaus der modernen Richtung angepaßt, das heißt, der Richtung der modernen deutschen Schule. So wenig Melodie als irgend möglich, und dieses Wenige noch streng an die Begleitung gebunden. Und der Erfolg? Verlust statt des Profits —— und mein Vertrag zwingt mich zur Tragung der halben Publikationskosten. Und was mich schmerzlicher noch trifft —— Ihr ehrenwerther Name ist mit einem verfehlten Unternehmen assoziiert! Bitte, wenden Sie Ihr Auge von mir ab —— Künstlerblut! —— Mir wird gleich wohler sein.«

Damit zog er ein stark parfümiertes Taschentuch hervor und vergrub sein Gesicht darin mit dumpfem Stöhnen.

Mrs Gallilee’s nüchterner praktischer Verstand begriff sofort, was der gebrochene Komponist verlangte.

»Wie dumm von mir,« dachte sie, »ihm nicht schon gestern Geld angeboten zu haben. Man hätte gar nicht so viel Zeit zu verlieren brauchen.« Sie machte ihren Fehler kurz und bündig wieder gut, indem sie sagte: »Geben Sie sich keiner weiteren Besorgniß hin, Mr. Le Frank. Nun mein Name darauf steht, ist das Lied mein Eigenthum. Und wenn Ihres Verlegers Bericht gar so ungünstig lautet, schicken Sie das Lied mir zu.«

Mr. Le Frank ließ sogleich sein unbenetztes Taschentuch fallen und sprang mit theatralischem Schwunge von seinem Sitze auf. Seine großmüthige Beschützerin wollte ihn nicht anhören. Dieser herrlichen Frau war die Erhabenheit der Kunst ein unnahbares Heiligthum.

»Kein Wort mehr über diesen Gegenstand,« sagte sie. »Sagen Sie mir, wie Sie gestern Nacht gefahren. Ihre Nachforschungen können nicht entdeckt worden sein, sonst würde ich Kenntniß davon erlangt haben. Haben Sie etwas von Wichtigkeit im Zimmer meiner Nichte gefunden?«

Mr. Le Frank begriff die Situation und machte sich zum Herrn derselben mit drei Worten: »Urtheilen Sie selbst« Damit überreichte er einen Brief.

Er enthielt die Warnung des Pater Patrizio.

Stumm las Mrs. Gallilee die Zeilen, welche Carmina die zwingende Nothwendigkeit nahe legten, die Amme zu bewachen. Und noch immer schweigend, ließ sie den Brief auf ihren Schooß fallen.

»Beunruhigt Sie das?« fragte Mr. Le Frank.

»Es überwältigt mich,« sagte sie matt. »Lassen Sie mir Zeit zu denken.«

Mr. Le Frank schritt nach seinem Stuhl zurück. Er durfte sich beglückwünschen. Er hatte seine pekuniären Verpflichtungen für die verfehlte Komposttion auf ihre Schultern abgewälzt Und wie er jetzt Mrs. Gallilee betrachtete, kam ihm der Gedanke noch besserer Aussichten für die Zukunft. So lange hatte sie ihn immer in einer gewissen Entfernung erhalten. Bereitete sich jetzt die Gesinnungsänderung vor, die ihn zu der Stellung des vertrauten Freundes berief?

Sie nahm plötzlich den Brief wieder auf, und ihn ihm hinhaltend, fragte sie: »Welchen Eindruck macht das auf Sie, wo Sie einen tieferen Einblick noch nicht gewonnen haben?«

»Des Priesters vorsichtige Sprache ist ein Zeugniß für sich. Sie haben einen Gegner, der nimmer ruhen wird.«

Sie zögerte noch immer, ihn ins Vertrauen zu ziehen.

»Sie sehen mich hier an mein Zimmer gefesselt,« fuhr sie fort, »und mit der Aussicht, in dieser Hilflosigkeit noch lange Zeit ausharren zu müssen. Wie würden Sie sich an meiner Stelle gegen jenes Weib schützen?«

»Ich würde abwarten.«

»Wozu? Warum?«

»Ich würde, um mich der Sprache des Spieltisches zu bedienen, warten, bis das Weib ihre Karte zeigt.«

»Sie hat sie bereits gezeigt.«

»Darf ich fragen wann?«

»Heute Morgen.«

Mr. Le Frank verstummte. Wenn seines Rathes wirklich bedurft wurde, brauchte Mrs. Gallilee nur zu reden. Nach einem Augenblick der Ueberlegung ließ sie sich noch einmal von der bitteren Nothwendigkeit bestimmen.

»Sie sehen mich zu krank, um mich auch nur frei bewegen zu können,« sagte sie, »und meine erste Pflicht ist, Ihnen zu sagen, warum.«

Sie erzählte, was vorgegangen, ohne jeden Kommentar, ohne ein Zeichen innerer Bewegung. Aber ihres Gatten Abscheu vor ihr hatte einen Eindruck hinterlassen, den weder Stolz noch Verachtung niederzukämpfen vermocht hatten. Sie ließ den Musiklehrer glauben, daß eine Meinungsverschiedenheit in Betreff Miß Carmina's Bevormundung einen Streit herbeigeführt habe, infolgedessen der Angriff erfolgte. Das jetzt Gesagte enthüllte Mr. Le Frank das einzige Geheimniß, das sie noch vor ihm gehabt hatte.

»Während ich besinnungslos dalag,« fuhr sie fort, »hat man meine Nichte heimlich fortgebracht. Sie hatte schon immer an nervösen Zufällen gelitten, und natürlich war sie jetzt vor Entsetzen ganz übermannt. Nun liegt sie in der Amme Wohnung krank, zu krank, um fortgebracht werden zu können. Nun wissen Sie alles, was bis gestern Abend vorgefallen.«

»Man könnte sagen,« warf Mr. Le Frank leicht hin, »daß der einfachste Weg aus der Verlegenheit der wäre, die Amme für ihre brutale Handlung vor den Richter zu citiren.«

»Der würde mich einer öffentlichen Bloßstellung aussetzen,« entgegnete Mrs. Gallilee »In meiner Lebensstellung ist das unmöglich angänglich.«

Mr. Le Frank ließ dieses Bedenken als selbstverständlich gelten. »Unter den Umständen,« meinte er, »ist es nicht leicht, Ihnen einen Rath zu ertheilen. Wie können Sie jenes Weib zu Ihrem Willen zwingen, so lange Sie hier krank liegen?«

»Meine Advokaten haben Ihre Unterwerfung schon heute Morgen erzwungen.«

»Den Teufel haben sie das!« rief der über die Maßen überraschte Le Frank, sich vergessend.

»Sie haben ihr verboten,« nahm Mrs. Gallilee wieder das Wort, »in meinem Namen verboten, meiner Nichte noch weiter als Amme zu dienen. Sie haben ihr eröffnet, daß Miß Carmina mir zurückgegeben werden wird, sobald ihre Krankheit dies gestattet und mir ihre bedingungslose Unterwerfung schriftlich und von ihr unterfertigt übermittelt.«

Sie nahm das Blatt von dem Pult neben sich und las:

»Ich bitte Mrs. Gallilee für mein ungesetzliches, gewalthätiges Betragen um Verzeihung. Ich erkenne ihre Autorität als Vormünderin Miß Carmina Graywells an und unterwerfe mich derselben. Und ich werfe mich ganz auf ihre Gnade und Güte (deren ich gewiß nicht würdig bin) und bitte, daß sie mir den Schmerz der Trennung von Miß Carmina ersparen möge, unter allen und jeden Bedingungen, die sie belieben mag mir aufzuerlegen.«

»Nun was meinen Sie dazu?« war die Schlußfrage.

Einmal aufrichtig sprechend, ließ sich Mr. Le Frank zu einer überraschenden Antwort hinreißen.

»Geben Sie Ihrerseits nach,« sagte er. »Thun Sie, um was sie bittet. Und wenn Sie wieder wohl genug sind, bemühen Sie sich nach ihrer Wohnung, ohne dort jedoch irgend etwas zu berühren, was sie Ihnen an Speisen und Getränken vorsetzen möge.«

Mrs. Gallilee richtete sich starr auf. »Herr, wollen Sie mich beleidigen, indem Sie diese furchtbar ernste Sache zum Gegenstande eines gemeinen Scherzes machen?« fragte sie.

»Ich sprach niemals ernster, Madame.«

»Sie meinen —— Sie meinen im Ernst —— jenes Weib wäre im Stande, mich zu vergiften?«

»Sicherlich, das ist meine Ueberzeugung.«

Mrs. Gallilee sank in ihre Kissen zurück.

Mr. Le Frank machte nun seine Gründe geltend, die er nacheinander an den Fingern abzählte.

»Wer ist sie?« hub er seinen Vortrag an. »Sie ist eine Italienerin, ein Weib aus dem Volke. Die Menschen, unter denen sie geboren und ausgewachsen, besitzen bekanntlich keine zu hohe Achtung vor der Unantastbarkeit eines Menschenlebens. Was wissen wir von ihr? Sie hat den Priester, dem sie sich in der Beichte vertraut und dem ihr ganzes Wesen offen liegt, mit Befürchtungen der schrecklichsten Art erfüllt und an Ihnen hat sie sich mit solcher mörderischen Wuth vergriffen, daß es Wunder nimmt, wie Sie nur mit dem Leben davonkamen. Und wie sind Sie ihr hiernach begegnet? Sie haben die Tigerin davon überzeugt, daß Sie Macht haben, sie von ihrem Jungen zu trennen. Angesichts dieser einfachen Thatsachen ist der vernünftigste Schluß welcher? Zu glauben, sie habe sich unterworfen, nun Sie sie gestellt haben —— oder zu glauben, sie gewinne nur Zeit und sei fähig (wenn sie keinen anderen Ausweg mehr sieht) Sie zu vergiften.«

»Was soll ich thun?«

Mit diesen Worten bewies Mrs Gallilee, daß sie sich Vernunftgründen nicht verschließe.

»Halten Sie ein wachsames Auge aus den Feind« entgegnete Mr. Le Frank. »Lassen Sie alle alle Bewegungen heimlich bewachen und durchsuchen Sie das Zimmer, in dem sie haust, wie ich gestern Abend Miß Carmina's Zimmer durchsucht habe.«

»Nun?« fragte Mrs. Gallilee.

»Nun?« wiederholte Mr. Le Frank.

Sie ließ ihrem Mißmuth freien Lauf.

»Sagen Sie doch gleich, daß Sie der Mann sind, um das für mich auszuführen,« rief sie. »Und dann sagen Sie —— wenn Sie das können —— wie es geschehen kann.«

Mr. Le Frank befleißigte sich einer zarten Galanterie, als er antwortete: »Bitte, fassen Sie sich. Ich freue mich, Ihnen zu Diensten sein zu können; und es ist so leicht auszuführen.«

»So leicht?«

»Ganz leicht, theure Lady. ist das Haus nicht ein Haus, in welchem Zimmer mit und ohne Pension an einzelne Personen miethsweise überlassen werden; und habe ich zu dieser Jahreszeit denn etwas zu thun?« Er stand auf und griff nach seinem Hut. »Sicher, erkennen Sie mich nun in meiner neuen Würde. Ein einzelner Herr sucht ein Zimmer zu miethen —— ruhige Lebensgewohnheiten —— vorzügliche Empfehlung. Man wende sich an Mrs. Gallilee —— Darf ich Sie um Ihre Adresse bitten?«



Kapiteltrenner

Capitel L.

Es war am Donnerstag und gegen sieben Uhr Abends, als Carmina zum ersten Mal Teresa wiedererkannte.

Ihre halb geschlossenen Augen öffneten sich voll, wie nach einem langen Schlafe; sie ruhten auf der alten Amme mit keinem geringsten Zeichen der Bewunderung.

»Ich bin so glücklich, daß Du da bist, meine Liebe,« sagte sie matt. »Bist Du von Deiner Reise sehr ermüdet?«

Hiernach folgte keine weitere Frage; nicht die geringste Erwähnung Mrs. Gallilee's —— keinerlei Besorgniß um Miß Minerva —— kein Zeichen einer Unruhe, sich in einem fremden Zimmer zu finden; ihr Gesicht blieb ruhig. In beschaulicher Ruhe richtete sie nur dann und wann ihr Auge auf Teresa und fragte: »Du wirst bei mir bleiben, nicht wahr?«

Hin und wieder gestand sie, daß ihr der Kopf sehr schwer sei; und dann bat sie Teresa, ihre Hand nehmen zu wollen. »Mir ist, als wenn ich von Dir fort triebe,« sagte sie. »Halte meine Hand fest in der Deinen und ich kann ohne Furcht mich dem Schlaf überlassen.«

Sobald sie diese Worte gesagt, verfiel sie in Schlaf.

Gelegentlich zitterte die gehaltene Hand und dann küßte sie Teresa Carmina schien sich dessen bewußt —— sie lächelte im Schlaf.

Aber in der ersten Morgenstunde wich diese sanfte Ruhe einem starken Uebelfinden. Dies wiederholte sich. Teresa schickte nach Mr. Null. Er that, was in seinen Kräften stand, um seiner Patientin Erleichterung zu verschaffen und schickte nach seinem berühmten Kollegen.

Benjulia verlor keinen Augenblick, der ihm gewordenen Aufforderung persönlich Folge zu leisten.

Mr. Null meinte: »Sehr verdorbener Magen, Sir.« Benjulia stimmte bei. Mr. Null zeigte sein Rezept. Benjulia nickte Beifall. Mr. Null fragte: »Haben Sie noch irgend etwas zu erinnern, Sir?«

Benjulia hatte absolut nichts in Erinnerung zu bringen.

Dennoch blieb er bis Carmina wieder zu sprechen vermochte. Teresa und Mr. Null waren neugierig, was er wohl mit ihr sprechen werde.

Er sagte aber nur: »Erinnern Sie sich der Zeit unseres letzten Zusammenseins?«

Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens erwiderte sie: »Ja, Zo war bei uns; Zo brachte Ihren großen Stock herein und wir sprachen ——« Sie strengte ihr Gedächtniß an. »Was sprachen wir denn gleich?« sagte sie mit flüchtigem Erröthen. »Ich entsinne mich wahrhaftig nicht. Ich weiß nicht, wann Sie fortgingen. Schadet es nichts?«

»Gar nichts, gar nichts« antwortete Benjulia. »Schlafen Sie!«

Er blieb aber immer noch und beobachtete sie, wie die. Müdigkeit sie überfiel.

»Große Schwäche,« flüsterte Mr. Null.

Und Benjulia antwortete: »Ja, ich werde wiederkommen.«

Indem er hinausging, zog er Teresa bei Seite. »Keine Fragen weiter,« sagte er, »und helfen Sie ihrem Gedächtniß nicht nach, wenn sie fragen sollte.«

»Wird sie sich erinnern, wenn sie nun wohler wird?« forschte Teresa.

»Unmöglich, das vorher zu bestimmen. Warten Sie ab.«

Er beeilte sich nach Haus zu kommen, um seine Arbeiten fortzusetzen.

»Räthselhafter Fall,« meinte er in Bezug auf Carmina. »Da giebt es einen geheimen Vorgang zu beobachten; aber nur Zeit, und er wird schon hervortreten. Jedenfalls hoffe ich, der Esel wird mich mindestens auf eine Woche in Ruhe lassen,« murmelte er in Bezug auf seinen medizinischen Kollegen.

Die Woche verging —— Benjulia wurde nicht gestört.

In dieser Zeit gelang es Mr. Null, der Uebelkeitsanfälle zum Theil Herr zu werden; sie waren weniger stark und kehrten in längeren Pausen erst wieder. Im Uebrigen schien —— was Teresa sich fest einbildete —— ein Umschwung zum Besseren in Vorbereitung. Ein gewisser geistiger Fortschritt war bei Carmina allerdings bemerkbar. Das zeigte sich gleich in der angenehmsten Weise, indem sie von Ovid zu reden begann.

Ihre Hauptsorge war, daß er nichts von ihrer Krankheit erfahre. Sie verbot Teresa, an ihn zu schreiben und sandte zu Mr. und Mrs. Gallilee und selbst zu Mr. Mool, mit der Bitte, hierüber Stillschweigen zu beobachten.

Die Amme versprach dies auszurichten und —— vergaß es dann. Diese Unterlassungssünde, von den Umständen geboten, zeitigte keinerlei böse Folgen. Mrs. Gallilee hatte ihre guten Gründe zu schweigen; und ihr Gatte und der ihm verbündete Mr. Mool hatten beschlossen, ihre Depesche an das Bankhaus zu richten. Was Teresa selbst betraf, so hatte sie gar kein Verlangen, mit Ovid zu korrespondieren. Seine Abwesenheit, so dringend seine Gesundheit dieselbe auch gefordert —— war ihrer Ansicht nach unentschuldbar. Gesund oder krank, mit oder ohne Grund, er hätte in Carmina's Interesse zu Hause bleiben müssen, so wenigstens meinte die Amme. Und wer konnte sonst noch an Ovid schreiben? An Zo dachte Niemand. Carmina war beruhigt.

Ein oder zweimal in dieser letzten Zeit nahmen ihre Gedanken einen weiteren Flug in die Vergangenheit.

Sie wunderte sich, warum ihr Mr. Gallilee konsequent fern blieb. Sie gestand sich ein, daß dies eine Beruhigung für sie sei, und verlangte keine Auskunft. Sie gedachte auch Miß Minerva’s, indem sie fragte: »Weißt Du, wo sie jetzt ist? Meinst Du nicht, daß sie mir schreiben sollte?« Und Teresa versprach, Nachforschungen anstellen zu wollen. Aber Carmina ließ ihr Haupt ermüdet aufs Kissen sinken und sagte: »Es thut nichts.«

Bei einer anderen Gelegenheit fragte sie nach Zo und fügte» hinzu, daß es ihr angenehm sein würde, wenn Mr. Gallilee kommen und das Kind mitbringen wollte. Dann dachte sie nicht mehr daran. Das Einzige, was ihre Gedanken länger als auf einen Augenblick in Anspruch nahm, war die Erinnerung an den letzten Brief, den sie an Ovid geschrieben.

Sie malte es sich aus, wie der Empfang desselben ihn überrascht haben möge. Ihre fortgesetzte Krankheit machte sie ungeduldig; hinderte sie dieselbe doch, nach Canada zu entweichen. Sie sprach mit Teresa über den fein ersonnenen Fluchtplan, dessen ganzes Arrangement sie aber merkwürdiger Weise nicht Miß Minerva, sondern der Amme zuschrieb. Hier zum ersten Mal betrat ihr Geist gefährlichen Boden. Jenen Vorgängen folgten in ihrer Erinnerung die Entwendung des Briefes und die nachfolgenden Ereignisse, das heißt, wenn sie ihre Schwäche nicht schon früher ablenkte. Weiter als bis zum Schreiben des Briefes reichten ihre Gedanken nicht. Alles Vorhergegangenen gedachte sie mit keiner Silbe. Ihr armes gemartertes Hirn suchte und fand noch immer Ruhe und Vergessenheit im Schlaf. Manchmal versank sie in theilweise Bewußtlosigkeit und manchmal kehrte auch die alte Uebelkeit wieder. Mr. Null lieferte ein Beispiel von himmlischer Geduld und Ergebenheit. Er glaubte noch immer steif und fest an seine Rezepte; Zeit und Behandlung waren die Hauptstützen seiner Hoffnung. Die Magenverderbtheit, wie er es nannte, bot etwas Positives, Greifbares für die Behandlung. Er hatte die Besorgnisse und Angst überwunden, welche mit Carmina’s Ueberführung in die Wohnung der Amme ihn beunruhigt hatten. Vertrauensvoll die Oberfläche überblickend —— mit keiner Ahnung von dem inneren Vorgang —— konnte er mit ruhigem Gewissen Teresa gegenüber behaupten, er verstehe den Fall. Er war auch immer bereit, ihr Trost und Muth einzusprechen, wenn ihre sich in Extremen ergehende italienische Natur von der Höhe der Hoffnung in den Abgrund der Verzweiflung hinab drängte.

»Meine liebe Frau,« pflegte er zu sagen, »wir wissen jetzt, woran wir sind, und zu wissen, woran wir in einer Sache sind, ist immer eine große Errungenschaft.«

»Was» meinen Sie mit Ihrem »Wissen, woran wir sind«, fiel die mit ihren Gedanken nie zurückhaltende Amme ein. »Sagen Sie mir lieber, wann Carmina wieder hergestellt sein wird.«

Mr. Nulls medizinische Kenntnisse waren einem solchen Anspruch von Prophetenthum noch nicht gewachsen.

»Es ist ein langwieriger Prozeß,« gestand er ein, »dennoch befindet sich Miß Carmina in der Besserung.«

»Und wie ist es mit ihrer Tante?« fragte plötzlich Teresa. »Wann wird Mrs. Gallilee voraussichtlich hierher kommen?«

»In einigen Tagen —— hoffe ich,« wollte Mr. Null sagen, aber er dachte an die möglichen Folgen einer Begegnung zwischen den beiden Frauen und schwieg. Auf Teresa's Antlitz malte sich eine tiefe Erregung, sie schien einen so baldigen Besuch nicht erwartet zu haben. Sie nahm einen Brief aus der Tasche.

»Ich finde viel geheimes Wissen in Ihnen,« sagte sie zu Mr. Null. »Sie müssen einst mancherlei Erfahrungen mit falschen, lügenhaften Engländerinnen gemacht haben. Was zum Beispiel meint dieser Wortschwall in die Sprache des reinen Gewissens übersetzt?« Sie reichte ihm den Brief:

Mit einigem Widerstreben las er:

»Mrs. Gallilee verweigert jedes Zugeständniß an die Person, welche früher im Hause des verewigten Mr. Robert Graywell die Stellung einer Amme inne hatte. Mrs. Gallilee erkennt Abbitte und Unterweisung insoweit an, als sie von einem gerichtlichen Vorgehen augenblicklich Abstand nimmt. In diesem Entschlusse wird sie auch wesentlich von dem Wunsche geleitet, ihrer Nichte jede Aufregung, die die ärztliche Behandlung störend unterbrechen könnte, zu ersparen. Wenn die Umstände es gestatten, wird sie nicht versäumen, ihre Autorität geltend zu machen.«

Die Handschrift verrieth Mr. Null, daß dieses Manifest von Mrs. Gallilee nicht selbst geschrieben worden. Derjenige, der ihm in seiner Vertrauensstellung als Amanuensis der Dame gefolgt war, war Jemand, der auch vernünftigen Rath ertheilen konnte. Wenig ahnte er, daß dieser Herr Geheimsekretär mit jenem unternehmenden Pianisten identisch sei, der ihn einstmals veranlaßt hatte, ihm ein Billet zum Konzert abzunehmen —— Preis fünf Schillinge.

»Nun?« fragte Teresa.

Mr. Null zögerte noch.

Die Amme stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf. »Sagen Sie mir nur eins,« rief sie, »wenn sie herkommt, wird sie mich dann von Carmina trennen? ist das ihre Absicht?«

»Möglich,« sagte der vorsichtige Mr. Null.

Teresa wies nach der Thür.

»Guten Morgen» sagte sie. »Weiter wünsche ich nichts von Ihnen. »O, Mann, Mann, gehen Sie und überlassen Sie mich mir selbst!«

Kaum war Jener hinaus, so warf sie sich auf die Knie nieder. Und mit dem Ausdruck völliger Verzweiflung betete sie wieder und wieder: »Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Uebel! Gott, Gott erhöre mich! Mutter Gottes erhöre mich. O, Carmina! Carmina!«

Sie erhob sich und öffnete die zum Schlafzimmer führende Thür. Furchtsam zitternd, hielt sie ihr Auge unverwandt auf die sanft schlafende Carmina gerichtet; dann wandte sie sich nach einer Ecke des Zimmers, wo ein hölzerner Kasten stand. Sie nahm ihn auf, und nachdem sie damit nach dem Wohnzimmer zurückgekehrt, schloß sie die Thür wieder.

Nach einer kurzen Zögerung schritt sie zum Oeffnen des Kastens. Angst und Verwirrung hatten sich ihrer bemächtigt; sie ergriff den falschen Schlüssel. Nachdem sie den richtigen gefunden und den Kasten geöffnet hatte, zeigten sich, und zwar mit den leichteren Gegenständen ihrer Garderobe bunt durcheinander geworfen, eine Menge Papiere, darunter Briefe und Rechnungen, sowie Vorschriften für die Bereitung von Malfarben mit verblichener Tinte.

Sie fuhr erschrocken zurück. Warum war sie nicht Pater Patrizios Rathe gefolgt. Wenn sie nur noch einen Tag gewartet hätte; wenn sie ihres Gatten Papiere nur geordnet hätte, ehe sie sie mit den anderen Sachen, die in den Koffer nicht mehr hinein gingen, in den halb leeren Kasten geworfen! Wieviel bitteres Weh wäre ihr dann erspart geblieben! Ihr Auge irrte traurig nach der Schlafzimmerthüre zurück. »O, mein Liebling,« hauchte sie, »ich war ja in solcher großen Eile, zu Dir zu kommen!«

Endlich fand sie ihre Selbstbeherrschung wieder. Sie senkte ihre Hand in den Kasten. Ihn bis auf den Grund durchsuchend, holte sie eine kleine Blechdose hervor. Ein beschmutztes Etikett trug die folgende Inschrift in italienischer Sprache:

»Wenn etwas von dem Pulver, womit wir unsere schönsten Farben herstellen, hier drin verbleiben sollte, bitte ich meine liebe Gattin oder sonst eine vertrauenswürdige Person, es unter Siegel zu legen und mit des gewesenen Werkführers Kompliment an die Fabrik zurück zu liefern. Es sieht angenehm, wie Zucker, aus. Aber hüte Dich vor dem Aussehen —— Du könntest Gift nehmen.«

Im Begriff, die Dose zu öffnen, hielt sie inne. Von einem unbewußten Drange getrieben, that sie, was ein Kind jetzt gethan haben würde, sie schüttelte die Dose und horchte hinein.

Das Rascheln des auf- und niedersteigenden Pulvers hielt sie —— zugleich ihre Angst vermehrend —— in einem fremden, unwiderstehlichen Bann.

»Der Todtentanz, der Tanz der Teufel,« murmelte sie mit einem häßlichen Lächeln. »Sanft auf und nieder und mich immer lockend, den Deckel abzunehmen! Warum läßt er mich nicht los?«

Diese Frage erweckte ihre Erinnerung an Carmina’s Vormünderin. Wenn Mr. Null Recht hatte, so durfte Mrs Gallilee’s Besuch in ein bis zwei Tagen entgegengesehen werden. Nachdem die Advokaten Teresa mit Trennung von Carmina bedroht hatten, hatte sie den Kasten zum ersten Mal durchsucht, um nur ihre Gedanken von dieser furchtbaren Aussicht ab- und auf etwas Anderes zu lenken. Dabei hatte sie die Dose entdeckt. Der Anblick des tödtlichen Pulvers hatte sie in Versuchung geführt. Da war das schreckliche Pulver, um Mrs. Gallilee’s Willen zu trugen, ihre Macht zu brechen! Andere Frauen an ihrer Stelle hätten Gebrauch davon gemacht. Obgleich sie jetzt nicht unter dem Banne des unmittelbaren Anblicks des Giftpulvers stand, fühlte sie doch diesen selben Gedanken sie noch einmal beschleichen Es gab nur eine Hoffnung für sie; sie mußte sich des Pulvers irgendwie entledigen. Aber wie?

In dieser Jahreszeit brannte kein Feuer im Kamin. In dem engen Umkreis des Zimmers fand sich auch kein Mittel, keine Handhabe zur gewissen Vernichtung. Ihr eigenes Entsetzen vor der Dose ließ sie den Verdacht Dritter befürchten, wenn sie nun, dieselbe in der Hand haltend, die Treppe hinabstieg. Aber sie war entschlossen, selbst wenn sie ein Feuer anzünden sollte, einen Ausweg zu finden. Ihre feste Entschlossenheit bekundete sich darin, daß sie den Kasten wieder schloß, ohne die Dose in ihr Versteck zurückzuthun.

Sich mit einem Messer bewaffnend, setzte sie sich in einer Ecke nieder —— es war zwischen der Schlafzimmerthür und einem im Mauerwinkel befindlichen Schrank —— und begann das Vernichtungswerk mit dem Abkratzen des beschriebenen Papieretiketts. Die Schnitzel konnten verbrannt werden und nach ihnen —— wenn sie sich's bei der heiligen Jungfrau gelobte —— auch das Pulver. Die leere Dose konnte keinen Schaden bringen.

Sie hatte mit dem Abkratzen kaum begonnen, als es ihr einfiel, daß das Anzünden eines Feuers an diesem warmen Herbsttage Verdacht erwecken könnte, wenn zufällig die Wirthin oder Mr. Null hereinkämen. Es war doch sicherer, die Nacht abzuwarten, wo Jedermann schlief.

Indem sie diesen Vorsatz faßte, ließ sie unwillkürlich das Messer sinken. In der nun folgenden Stille hörte sie Jemand durch die auf die Treppe mündende Thür ins Schlafzimmer eintreten. Gleich darauf wurde von derselben Hand die Klinke der neben, ihr befindlichen Thür herabgedrückt. Sie hatte kaum Zeit, den Schrank zu öffnen und die Dose darin zu verstecken, als schon die Wirthin eintrat.

Teresa starrte sie wild an. Die Wirthin sah nach ihrem Schrank; sie war stolz auf ihren Schrank.

»Raum genug da,« sagte sie stolz, »kein anderes Haus in der Nachbarschaft könnte Ihnen so viel Bequemlichkeit bieten. Ja —— das Schloß ist nicht in Ordnung; ich weiß es. Meine letzte Mietherin gethan! Sie hat mein Tischtuch verdorben und das Tintenfaß darauf gestellt, um die Stelle zu verdecken. Kreatur! Da haben Sie Ihren Charakter in einem Wort. Sie haben mich wohl nicht an die Schlafstubenthür klopfen hören? Ich freue mich so, sie so ruhig schlafend zu sehen; armes Kind. Ihre Hühnersuppe ist fertig und bereit, wenn sie erwachen sollte. Sehen Sie, wir haben oben viel zu thun gehabt, um das Schlafzimmer für einen neuen Miether zurecht zu machen. Solch ein Kontrast gegen den eben Ausgezogenen! Ein vollkommener Gentleman diesmal. Und wie gütig, eine ganze Woche zu warten, bis ich ihn unterbringen konnte. Meine Parterrezimmer waren leer, wie Sie wissen, aber er sagte, die Bedingungen seien ihm zu hoch. O, ich habe nicht vergessen, ihm mitzutheilen, daß wir eine Patientin im Hause haben! Ruhige Gewohnheiten —— sagte ich —— sind in Wahrheit eine wohlthuende Eigenschaft bei einem neuen Einwohner in solchen Zeiten wie jetzt. Er verstand mich schon. »Ich bin selbst leidend gewesen«, sagte er, und der wahre Grund, warum ich meine innegehabte Wohnung aufgebe, ist, weil sie mir nicht ruhig genug war.« ist das nicht etwa der Herr, den wir suchen? Und, das muß ich noch erwähnen, auch ein hübscher Mann; allerdings etwas kahlköpfig, aber solch einen Bart und solch eine bezaubernde Stimme —— Pst! hörte ich sie rufen?«

Endlich gestattete die Wirthin auch noch anderen Tönen, als denen ihrer Stimme, vernehmbar zu werden. Man konnte jetzt endlich die Ueberzeugung gewinnen, daß Carmina erwacht sei. Teresa eilte in das Schlafzimmer.

Im Sprechzimmer allein gelassen, öffnete die Wirthin —— »aus «purer Neugierde« wie sie später ihrem neuen Miether erklärte —— den Schrank und blickte hinein. Die Blechdose stand ihr gerade gegenüber in einem höheren Fach. Hatte Miß Carmina's Amme die üble Gewohnheit zu schnupfen? Sie untersuchte die Dose. Die italienische Inschrift sprach in fremden Zungen. Sie besah das Pulver —— benetzte ihren Finger —— kostete es, und führte rasch ihr Taschentuch zum Munde. Der Geschmack auf ihrer Zunge war bitter und von brennender Schärfe. Sie stellte die Dose zurück und verschloß den Schrank. »Sicher Medizin,« argumentierte sie. »Warum sie es nur in solcher Eile versteckte, als ich herein kam?«



Kapiteltrenner

Capitel LI.

Acht Tage nach seinem zweiten Besuch bei Mrs. Gallilee nahm Mr. Le Frank Besitz, von seinem neuen Logis.

Es war verabredet, daß er seine ersten Wahrnehmungen und Schritte Mrs. Gallilee schriftlich mittheilen sollte. Persönliche Mittheilungen an sie konnten möglichenfalls (wenn zufällig entdeckt) Teresa's Verdacht erwecken, schon aus dem Grunde, weil sie ihn von Ansehen kannte. Sie hatten einander mehr als einmal gesehen, als Carmina eben nach England gekommen und die Amme noch im Hause war.

Den nächsten Tag verwandte er darauf, um Material für seinen ersten Bericht zu sammeln. Am Abend schrieb er an Mrs. Gallilee, aber unter der Adresse eines Freundes, der den Brief an seine richtige Adresse weiter geben sollte.

»Persönlich und vertraulich. Madame, ich habe mir Zeit und Gelegenheit zu Nutze gemacht, wie Sie gleich sehen werden.

»Mein Schlafzimmer liegt unmittelbar über den von Miß Carmina und ihrer Amme innegehabten Zimmern. Noch von verschiedenen eigenen kleinen Angelegenheiten in Anspruch genommen, wurde es etwas spät, ehe ich mein Zimmer beziehen konnte. Ehe noch die Lampen auf der Treppe ausgelöscht wurden, nahm ich mir die Freiheit, mich einmal eine Treppe tiefer umzusehen. Mein Gewissen hätte mich nicht ruhig schlafen lassen, wenn ich nicht wenigstens den Versuch einer wenn auch noch so un bedeutenden Entdeckung gemacht hätte.

»Erinnern Sie sich aus den ersten Schreibversuchen Ihrer Kindheit vielleicht einer Zeile in Ihrem Uebungsheft, welche lautet: »Tugend belohnt sich selbst? Nun, diese alberne Behauptung traf in meinem Falle wirklich zu. Noch ehe fünf Minuten in meiner beobachtenden Stellung verstrichen waren, sah ich die Amme die Thür öffnen. Sie blickte die Treppe hinauf und hinab (es ist fast überflüssig zu bemerken, ohne mich zu sehen) und ging, als sie Niemand gewahr wurde, in ihre Zimmer zurück.

»Nachdem sie die Thür hinter sich verschlossen hatte, stahl ich mich die Treppe hinab und horchte an der Thür.

»Eine meiner beiden Zimmerkolleginnen (Sie wissen, daß ich an Miß Carmina’s Krankheit nicht glaube) zündete eben ein Feuer an —— und eine so warme Herbstnacht, daß selbst das Treppenfenster offen bleiben konnte! Ich bin dessen vollständig versichert, was ich sage; ich hörte das Prasseln brennenden Holzes und witterte Kohlendunst. Das Motiv zu dieser heimlichen That kann man unmöglich errathen. Hätten sie Dokumente von einem kompromittierenden oder gefährlichen Charakter verbrannt, so würde ein Liebt genügt haben. Wollten sie nur heißes Wasser haben, so mußte doch in einem Krankenzimmer eine Spiritusmaschine vorhanden sein. Vielleicht zeigt Ihnen Ihre feinere Divinationsgabe den richtigen Weg, den ich vergebens suche.

»So viel von der ersten Nacht.

»Heute Nachmittag plauderte ich ein wenig mit der Wirthin. Meine professionellen Gewohnheiten haben mich darauf eingeübt, mich dem zarteren Geschlecht angenehm zu machen, und ich darf wohl ohne Selbstüberhebung sagen, daß ich einen sehr günstigen Eindruck erzielte. Der jungen Lady Krankheit war bereits Erwähnung geschehen, um die Frage zu rechtfertigen, ob meine Gewohnheiten auch wirklich ruhige seien. Es war nur natürlich, daß ein theilnehmender Fremder sich erkundigte, wie es ihr gehe und ob sie keine liebe Mutter habe, um sich ihrer anzunehmen. Dies war Anregung genug, um meine Wirthin gesprächig zu machen.

»Aus dem Wortschwall, mit welchem ich sogleich überschüttet wurde, tauchte nur eine Thatsache von Bedeutung auf.

»Erst am Tage vorher hatte meine Wirthin ihre ausländische Pensionärin überrascht, als sie eben im Begriff stand, etwas in dem Schranke zu verstecken. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit warf sie einen Blick hinein und fand eine kleine Blechbüchse, welche ein in einer ihr unbekannten Sprache beschriebenes Etikett trug. Die Büchse öffnend, fand sie darin ein weißes Pulver, daß sie zu kosten wagte. Sie meinte, das Pulver sei eine starke Medizin und bestimmt, in Wasser genommen zu werden. Aber warum die Amme solche Eile gehabt haben sollte, das Gefäß zu verstecken, vermochte sie nicht zu sagen.

»Ich würde auch nichts weiter sagen können, wenn mir da nicht ein Umstand einfiele, an den ich Sie hiermit erinnert haben möchte.

»In der Woche, welche verging, ehe mein Vorgänger sein Zimmer räumen konnte, hatten Sie die Güte, mich bei sich zu empfangen. Hauptgegenstand unserer Unterredung war meine ausgesprochene Ueberzeugung, daß die Italienerin, von Ihnen zum Aeußersten getrieben, im Stande sein könnte, Sie mit Gift zu bedrohen. Unter Anderem sagte ich, daß Teresa's Vorleben geeignet sein könnte, meine Meinung zu rechtfertigen; und ich wagte einige Fragen zu stellen, die ihren Aufenthalt in Italien und die Leute, mit denen sie dort verkehrte, betrafen. Entsinnen Sie sich, daß Sie mir sagten, ihr Gatte sei Werkführer in einer Fabrik für Malfarben gewesen? Sie sagten, Sie haben die Nachricht von Carmina selbst erhalten, nachdem sie die seinen Tod meldende Depesche Ihnen gezeigt hatte.

»Eine Dame von Ihrer wissenschaftlichen Bildung braucht nicht daran erinnert zu werden, daß bei der Präparation von Malfarben auch Gifte verwendet werden. Gedenken Sie der Worte des Priesters, die er in seinem Briefe in Bezug auf Teresa's Gefühle gegen Sie gebraucht, und dann fragen Sie sich, ob es so ganz unwahrscheinlich ist, daß sie eines oder das andere der von ihrem Gatten verarbeiteten Gifte mit nach England gebracht habe, ob es so ganz unvernünftig wäre, zu vermuthen, sie habe an Sie gedacht, als sie die Büchse vor ihrer Wirthin verbarg.

»Andererseits ist es gleich möglich (und ich bin stolz darauf, beide Seiten einer Frage erwähnen zu können), daß jenes weiße Pulver Chinin anstatt Arsenik gewesen. Diese Frage nun gedenke ich durch persönliche Nachforschung festzustellen. Die Wirthin hat nämlich einen Groll gegen die frühere Pensionärin, die ihre Möbel ruiniert hat. Indem sie des Schrankes Erwähnung that, bemerkte sie, daß hieran das Schloß von ihr zerstört worden. In meinem Nächsten werde ich Ihnen berichten können, daß ich mich in Besitz, einer Probe dieses Pulvers gebracht habe, ohne die Blechdose aus ihrer Lage zu bringen. Diese Probe soll von einem Chemiker untersucht werden. Wenn es sich herausstellt, daß das weiße Pulver Gift ist, habe ich Ihnen etwas von Kühnheit in Vorschlag zu bringen.

»Sobald Ihnen möglich, kommen Sie her und geben Sie der Amme eine Gelegenheit, Sie zu vergiften.

»Ich bitte, theure Lady, daß Sie sich deswegen nicht beunruhigen wollen! Ich werde Sie begleiten und nehme alle Verantwortung auf mich. Wir werden unseren Besuch Abends, zur Theezeit machen. Gestatten Sie ihr, Ihnen eine Tasse Thee zu offerieren, und lassen Sie mich dann, der ich Ihnen die Tasse zureichen werde, im Besitz des vergifteten Trankes. Ehe sie noch Halt! rufen kann, bin ich auf dem Wege zum Chemiker. Die Strafe für versuchten Mord ist Zuchthaus. Wenn Sie dann auch noch ein öffentliches Hervortreten vermeiden wollen, so halten wir den Bericht des Chemikers, verbunden mit unserem eigenen Zeugniß, für Ihren Sohn in Bereitschaft. Wie wird er über seine Verlobung denken, wenn er entdeckt, daß Miß Carmina's beste Freundin und Gesellschafterin —— vielleicht mit ihrer Herrin Wissen und Willen —— versucht hat, seine Mutter zu vergiften?

»Ehe ich meinen Bericht schließe, erwähne ich noch, daß ich vor zwei Stunden mit knapper Mühe einer Entdeckung durch Teresa auf der Treppe entgangen bin. Ich war natürlich auf solch eine Begegnung vorbereitet, als ich mich hier einlogirte, und ich bin auch nicht so dumm gewesen, mich unter einem falschen Namen ins Haus einzuschleichen. Im Gegentheil, ich beabsichtige (in Ihrem Interesse natürlich) eine gute Nachbarschaft zwischen uns herzustellen, wozu mir die Zeit behilflich sein wird. Aber die Vergiftungsangelegenheit gestattet keinen Verzug. Meine Manipulationen am und im Schrank könnten mich sehr stark kompromittieren (Sie wissen wie mißtrauisch Ausländer sind), besonders, wenn die Amme auf ihrer Hut ist. Mein Anblick könnte diese Wirkung auf den Geist einer solchen Frau wohl erzielen. Heute Abend oder morgen muß ich zu der Blechbüchse gelangen. —— Ihr ergebener Diener L. F.«

Als er den Brief vollendet hatte, klingelte er nach dem Dienstmädchen und ließ ihn durch sie zur Post befördern.

Auf der Treppe, vielmehr auf dem nächsten Treppenabsatz, wurde sie von Mr. Null aufgehalten.

Auch er hatte einen fertigen, an Doktor Benjulia adressierten Brief in der Hand. Die finstere alte Amme folgte ihm auf dem Fuße, indem sie rief: »Geben Sie ihn sogleich zur Post!« Die bescheidene Dienerin fragte, ob Miß Carmina sich wohler befinde. »Schlimmer!« entgegnete roh die Ausländerin. Dabei warf sie einen Blick auf Mr. Null, der sagen zu wollen schien, daß er die Schuld daran trage.

Mr. Le Frank saß indessen in der Zurückgezogenheit seines Zimmers am Schreibtisch, seine Stirn runzelnd und an seinen Nägeln knabbernd.

Waren dies die Beweise eines verstörten Gemüths in Folge jenes Mrs. Gallilee gemachten schurkischen Antrages? Nichts dergleichen! Nachdem er seinen Bericht vollendet, hatte er nun Muße, seinen eigenen kleinen Sorgen nachzuhängen Er dachte an Carmina.

Indem er Mrs. Gallilee seine Dienste anbot, wurde er in erster Linie von einem Gefühl bitterer Enttäuschung beseelt. Er hatte nämlich beim Durchsuchen von Carmina's Zimmer nicht den geringsten Anhalt für seinen eigenen Verdacht gefunden. Er war ihr jetzt nach Teresa's Wohnung gefolgt, dabei sein Interesse mit dem seiner Auftraggeberin verschmelzend und wie immer entschlossen das Geheimniß von Carmina's Betragen gegen ihn zu ergründen. Zum hundertsten Male wiederholte er sich: »Ihre teuflische Schadenfreude läßt sie mich hinter meinem Rücken verhöhnen und mir ins Gesicht freundlich thun, selbst meine Hand drücken.« Und je mehr der zur Verzweiflung treibende Einfluß der Ungewißheit seinen Verdacht zu den unsinnigsten brutalsten Ausschreitungen anspornte, um so fester klammerte sich seine gemeine, rachsüchtige Natur an die ihn beherrschenden Illusionen.

Nach seiner Begegnung mit ihr in der Halle hatte er wirklich geglaubt, daß sie ihre Krankheit nur geheuchelt habe, um ihm nicht begegnen zu zu müssen. Und Teresa hatte er sehr stark in Verdacht, die Verbündete ihrer Herrin zu sein. Er war sogar darauf gefaßt, eines Tages zu entdecken, daß die schlechte Aufnahme seines Liedes seitens der Musikalienhändler nur auf die Intrigen dieser beiden Frauen zurückzuführen sei. Wenn ihn ein Freund gefragt hätte: »Aber was für einen Grund haben Sie zu solch einem Verdacht?« —— er würde ihn mitleidig lächelnd als unverbesserlichen Flachkopf aufgegeben haben.

Er schlich sich noch einmal hinaus und horchte, von Niemandem bemerkt, an ihrer Thür. Carmina sprach; aber ihre Worte waren in diesem schwachen Tone unverständlich. Teresa's kräftigere Stimme aber traf sein Ohr. »Mein Lieb,« sagte sie, »das Sprechen ist Dir nicht gut. Ich werde die Nachtlampe anzünden, versuche zu schlafen.«

Als er dies gehört, kehrte er nach seinem Zimmer wieder um; er wollte noch ein wenig warten. Teresa's Wachsamkeit konnte nachlassen, sobald Carmina schlief. Sie konnte sogar zum Zwecke eines kleinen Klatsches zur Wirthin hinabgehen.

Nachdem er eine Cigarre aufgeraucht hatte, machte er noch einen Versuch. Die Lampen auf der Treppe brannten jetzt nicht mehr; es war elf Uhr.

Sie schlief auch jetzt nicht. Die Amme las ihr aus einem frommen Buche vor. Er gab sein Vorhaben für diese Nacht auf. Sein Kopf schmerzte; seine eigenen verabscheuungswürdigen Gedanken hatten ihn fieberhaft erregt. Feige Furcht vor den unbedeutendsten Krankheitssymptomen war eine seiner Hauptschwächen. Der ganze nächste Tag lag noch vor ihm. Er befühlte seinen Puls und beschloß in Gerechtigkeit gegen sich selbst —— zu Bett zu gehen.

Zehn Minuten später ging die Wirthin auf ihrem Weg zur Ruhe die Treppe hinauf. Auch sie hörte die Stimme, noch immer laut lesend —— und leise klopfte sie an die Thür. Teresa öffnete.

»Schläft die Aermste noch nicht?«

»Nein.«

»Ist sie irgendwie gestört worden?"

»Oben ist Jemand hin und her gegangen,« antwortete Teresa.

»Der neue Miether!« bestätigte die Wirthin. »Ich werde mit Mr. Le Frank sprechen.«

Im Begriff die Thür zu schließen und »Gute Nacht« zu wünschen, hielt Teresa noch einen Augenblick inne.

»Ist er Ihr neuer Miether?« fragte sie.

»Ja. Kennen Sie ihn?«

»Ich sah ihn einmal gelegentlich meiner letzten Anwesenheit in England.«

»Nun, und?«

»Nichts weiter,« erwiderte Teresa. »Gute Nacht!«



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Capitel LII.

Während Teresa die Nacht bei Carmina wachte, beschäftigten sich ihre Gedanken mit Mr. Le Frank. Ueber dem Sinnen nach den Motiven, die denselben bewogen haben mochten, sich dort im Hause einzumiethen, verging doch die traurige Zeit.

Die gewöhnliche Wahrscheinlichkeit wies jedenfalls auf die Folgerung hin, daß er aus Gründen, die nur ihn selbst betrafen, umgezogen wäre; und in diesem Falle wäre es einfach dem Zufall zuzuschreiben gewesen, daß er Teresa's Hausgenosse geworden war. Sie würde auch vielleicht kein Bedenken getragen haben, diese Ansicht anzunehmen, wenn nicht gewisse Erinnerungen gewesen wären, die sie zögern ließen. Sie hatte ihn zuerst im Hause Mrs. Gallilee's getroffen, und damals hatte seine Persönlichkeit einen so unangenehmen Eindruck auf sie gemacht, daß sie sich nicht hatte enthalten können, gegen Carmina zu äußern, er sähe aus wie ein Schurke. Dies frühere Vorurtheil gegen ihn und die ernstlichen Gründe, die sie gegenwärtig zum Mißtrauen gegen Mrs. Gallilee hatte, ließen sie den Gedanken an einen Zufall verwerfen. Andere Frauen in ihrer Lage und mit gleichem Mißtrauen hätten sich vielleicht gefragt, ob er seinen eigenen Zweck verfolge oder im Interesse Mrs. Gallilee's handele. Teresa’s heftige und impulsive Natur war aber eines abwägenden Ueberlegens solcher Fragen unfähig und kam dennoch ohne Weiteres zu dem richtigen Schlusse —— daß nämlich der Musiklehrer Mrs Gallilee als Spion diene. Während Mr. Le Frank mit schlauer Vorsicht seine Pläne für den folgenden Tag entwarf, war er gerade für diejenige, deren Geheimnisse er zu erforschen strebte, selbst ein Gegenstand des Argwohns geworden.

Diese Nacht war die längste und traurigste, welche die alte treue Amme am Bette ihres Lieblings verbracht hatte. Zum ersten Male war Carmina verdrießlich und schwer zu befriedigen, und es bedurfte geduldigen Zuredens, um sie zu bewegen, ihre Medizin einzunehmen. Selbst wenn sie durstig war, war sie gereizt über die Störung, daß ihr die Limonade angeboten wurde, welche sie sonst so gern getrunken hatte. Einige Male zeigte sie auch Symptome von Geistesverwirrung; sie glaubte, daß es ihr Hochzeitsabend sei, und fragte Teresa angelegentlich, was dieselbe mit ihrem neuen Kleide gemacht habe. Etwas später, nachdem sie vielleicht geträumt hatte, glaubte sie, daß ihre Mutter noch lebe, und wiederholte längst vergessene Kinderplaudereien. »Was habe ich gesagt, das Dich bekümmert?« fragte sie verwundert, als sie Teresa weinen sah.

Bald nach Tag werden kam eine lange Ruhepause. Später, als Benjulia ankam, war die Kranke ruhig und klagte nicht, und die ungünstigen Symptom, welche Teresa bewogen hatten, darauf zu bestehen, daß nach ihm geschickt wurde, waren vollständig verschwunden, so daß Mr. Null auf eine grobe Zurechweisung gefaßt war, weil er den großen Mann durch falschen Alarm gestört habe. Beide, er und Teresa bemühten sich, die Sache auseinanderzusetzen; Benjulia schenkte ihnen indessen nicht die geringste Aufmerksamkeit, machte keine ärgerlichen Bemerkungen, sondern zeigte in seiner unerschütterlichen Weise das gleiche befriedigende Interesse an dem Falle wie immer.

»Ziehen Sie das Rouleau auf,« sagte er; »ich möchte sie deutlich sehen.«

Mr. Null wartete respektvoll und legte Teresa strenges Schweigen auf, während die Untersuchung vor sich ging. Dieselbe dauerte so lange, daß er zu fragen wagte: »Sehen Sie etwas Besonderes?«

Benjulia sah seine Zweifel aufgeklärt: Wie er vorausgesehen, hatte die Zeit die Entwickelung gebracht und ihn in den Stand gesetzt, zu einem Schlusse zu kommen. Der Schlag, der Carmina getroffen, hatte eine hysterische Störung zur Folge gehabt, die nun »scheinbare Paralysis« zu werden begann. Benjulia's forschender geübter Blick entdeckte eine kleine Ungleichheit in der Größe der Pupillen und einen schwachen Unterschied in der Thätigkeit auf beiden Seiten des Gesichts, wie sie sich in den Augenlidern, den Nasenflügeln und Lippen kundgab. Hier lag keine gewöhnliche Affektion des Gehirns vor, das konnte sogar Mr. Null einsehen! Hier ward Benjulia endlich der Lohn für das Opfer der kostbaren Stunden, die er sonst in seinem Laboratorium hätte verwenden können! Von dem Tage an sollte Carmina ungekannter Ehre theilhaftig werden: sie sollte mit den anderen Thieren einen Platz in dem Notizbuche des Doktors finden.

Sich ruhig zu Mr. Null wendend, schloß er die Konsultation mit den drei Worten: »Es ist gut!«

»Würden Sie zu irgend etwas rathen?« fragte Mr. Null.

»Fahren Sie in derselben Weise fort —— und lassen Sie das Rouleau herunter, wenn sie sich über das Licht beklagt. Guten Morgen.«

»Sind Sie sicher, daß er ein großer Doktor ist?« fragte Teresa, als sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte.

»Der größte, den wir haben!« rief Mr. Null mit Enthusiasmus.

»Ist er ein guter Mensch?«

»Weshalb fragen Sie so?«

»Ich möchte wissen, ob wir uns darauf verlassen können, daß er uns die Wahrheit sagt.«

»Darauf können Sie sich verlassen!« (Wer konnte das wohl bezweifeln, nachdem er der Behandlungsweise Mr. Nulls zugestimmt hattet)

»Eins haben Sie vergessen,« fuhr Teresa fort, »ihn zu fragen, wann Carmina fortgebracht werden kann.«

»Beste Frau, wenn ich eine solche Frage gestellt hätte, würde er einen schönen Begriff von mir bekommen haben! Kein Mensch kann sagen, wann sie soweit sein wird.«

Er nahm seinen Hut, und die Amme begleitete ihn hinaus.

»Gehen Sie zu Mrs. Gallilee, Herr Doktor?«

»Heute nicht.«

»Ist sie wieder besser?«

»Sie ist fast wieder wohl.«



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Capitel LIII.

Als der Doktor fort war, ging Teresa in das Wohnzimmer, da sie sich fürchtete, sich vor Carmina sehen zu lassen. Mr. Null hatte die einzige Hoffnung zerstört, die sie bis dahin aufrecht erhalten hatte —— die Hoffnung, mit Carmina zu entkommen, ehe Mrs. Gallilee dazwischen treten konnte. Angesichts dieser ermuthigenden Aussicht hatte sie es über sich vermocht, die demüthige Abbitte zu unterschreiben, die ihr die Advokaten diktiert hatten. Und wie stand es jetzt? Schwer war die Hand des Unglücks über die brave alte Seele gekommen —— und hatte sie zuletzt niedergeschlagen! Während sie da am Fenster stand und mechanisch hinaussah, zitterte und verschwamm die traurige Aussicht auf die Hinterstraße —— sie weinte.

Es war ein Glück, daß sie nicht im Stande war, ihre Schwachheit zu beherrschen, denn die Thränen erleichterten ihr das schwere Herz. Besorgend, daß ihre Augen sie verrathen könnten, wartete sie ein wenig, ehe sie zu Carmina zurückkehrte. Da hörte sie das Geräusch des Schließens einer Thür auf dem Flure über sich.

»Der Musiklehrer!« sagte sie bei sich, und war im nächsten Momente an der Thür des Wohnzimmers und sah durch das Schlüsselloch. Dies war die einzige sichere Weise, ihn zu beobachten —— und das genügte ihr. Seine Gestalt erschien plötzlich in ihrem beschränkten Gesichtskreise —— auf der Matte vor der Thür. War ihr Mißtrauen unbegründet, so würde er hinuntergehen Doch nein! Er blieb auf der Matte stehen, um zu horchen —— beugte sich nieder —— im nächsten Augenblicke würde sein Auge am Schlüsselloch gewesen sein. Da ergriff sie einen Stuhl und rückte denselben, und das Geräusch trieb ihn sogleich fort und er ging die Treppe hinunter.

Teresa überlegte bei sich, auf welche Weise sie sich am sichersten schützen und ihn womöglich strafen könnte. Wie und wo konnte sie die Falle stellen, die ihn fangen möchte?

Während sie noch darüber nachsann, erschien die Wirthin, höflich besorgt zu hören, was die Doktoren von ihrer Patientin meinten. Und als sie in der Beziehung befriedigt war, hatte die lästige Person noch Entschuldigungen vorzubringen, daß sie Mr. Le Frank noch nicht zur Vorsicht ermahnt habe.

»Ich habe diese Nacht darüber nachgedacht,« sagte sie vertraulich, »und kann mir nicht vorstellen, wie Sie oben haben Gehen hören können, da er ja doch einen solch leisen Tritt hat, daß er mich wirklich überrascht, wenn er in mein Zimmer kommt. Er ist auf eine Stunde ausgegangen, und ich habe ihm eine kleine Gefälligkeit erwiesen, die ich gewöhnlichen Miethern nicht zu erzeigen pflege —— ich habe ihm nämlich meinen Regenschirm geliehen, da es nach Regen aussieht. Ich will nun in seiner Abwesenheit auf seinem Zimmer umhergehen, und möchte Sie bitten zuzuhören. Man kann nicht zu eigen sein, wenn Ruhe für Ihr junges Fräulein so wichtig ist —— und es ist mir die Möglichkeit eingefallen, daß der Fußboden auf seinem Zimmer vielleicht schadhaft ist, Beste, die Bretter knarren vielleicht! Ich bin immer unruhig, ich weiß; aber wenn der Zimmermann es wieder zurecht machen kann —— natürlich ohne abscheuliches Hämmern! —— so werde ich mich beruhigt fühlen, je eher er geholt wird.«

Während dieses Wortschwalls hatte Teresa mit einer ihr sonst ganz und gar nicht eigenen Geduld auf eine Gelegenheit gewartet, ein Wort anzubringen. Die Anspielung der Wirthin auf Mr. Le Frank hatte sie in Folge irgend eines verzwickten geistigen Prozesses gerade darauf gebracht, wonach sie in ungestörter Einsamkeit vergebens gesucht hatte, und nie war ihr in Folge dessen die Frau in einem so günstigen Lichte erschienen, wie jetzt.

»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Madame,« sagte sie, sobald sie sich Gehör zu verschaffen vermochte; »es war thatsächlich das Knarren der Bretter, welches mir anzeigte, daß sich oben Jemand bewegte.«

»Dann bin ich also kein Störenfried? O wie mich das leichter macht! Eines von den Mädchen soll sogleich zum Zimmermann, einerlei, was sie gerade zu thun haben. Es freut mich so, dem holden jungen Wesen einen Dienst erweisen zu können!«

Ehe Teresa dann wieder in die Kammer ging, sah sie nach der Uhr.

Die Besserung in Carmina's Befinden hielt an, und dieselbe war im Stande, etwas von der leichten Nahrung, die bereit gehalten war, zu sich zu nehmen. Wie Benjulia vorausgesehen hatte, bat sie, das Rouleau etwas herunterzulassen, und Teresa, die ihre Gründe hatte, Carmina zum Ruhen zu veranlassen, ließ dasselbe vollständig herunter. Eine halbe Stunde darauf schlief die müde Patientin, und die Amme konnte ihre Falle für Mr. Le Frank stellen.

Das Erste, was sie that, war, daß sie das Ende einer Gänsefeder in ihr Salatölfläschchen tauchte und damit Schloß und Schlüssel der von der Treppe nach der Kammer gehenden Thür einölte. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Schlüssel jetzt benutzt werden konnte, ohne das leiseste Geräusch zu machen, ging sie zu der Verbindungsthür mit dem Wohnzimmer.

Diese Thür war mit grünem Stoffe überzogen, hatte Handgriffe, aber kein Schloß und ging nach innen, so daß man die Thür des Schrankes (der in die Wand des Wohnzimmers eingelassen war) unbehindert nach der Kammer zu öffnen konnte. Teresa ölte die Angeln, sowie den messingenen Riegel und Haken, welche die Thür auf der Kammerseite schützten, und sah dann wieder nach der Uhr.

Wenn Mr. Le Frank eine Stunde ausblieb, so mußte er in fünf Minuten zurück sein.

Sie verriegelte die Verbindungsthür, warf dann der noch schlafenden Carmina eine Kußhand zu, verließ die Kammer durch die nach der Treppe gehende Thür, verschloß dieselbe und steckte den Schlüssel ein.

Nachdem sie schon die erste Treppenflucht hinuntergegangen war, hielt sie plötzlich an und kehrte wiederum. Die einzige unverschlossene Thür war die, welche von der Treppe in das Wohnzimmer führte. Diese öffnete sie und ließ dieselbe einladend angelehnt stehen. »So,« sagte sie für sich »jetzt habe ich ihn!«

Als gerade die Uhr auf dem Flur die Stunde schlug, trat sie in das Zimmer der Wirthin.

Die wortreiche Frau war entzückt und unzufrieden zugleich. Ersteres weil sie hörte, daß die liebe Patientin schlief, und sie von der Amme einen Besuch empfing; letzteres, weil der Zimmermann für den ganzen Tag anderswo auf Arbeit war. »Wenn mein seliger Mann noch lebte, brauchten wir keinen Zimmermann; denn der verstand sich auf Alles. Jetzt setzen Sie sich —— Sie müssen einmal meinen selbstgemachten Kirsch kosten.«

Als Teresa einen Stuhl nahm, kehrte Mr. Le Frank zurück, und die beiden geheimen Gegner standen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

»Ich sollte diese Dame kennen,« sagte er.

Teresa machte ihren besten Knix und erinnerte ihn an die Umstände, unter denen sie sich früher getroffen hatten. Die gastfreie Wirthin holte ihren Kirsch hervor und sagte: »Wir wollen ein kleines Plauderstündchen halten; nehmen Sie Platz, Herr, und leisten Sie uns Gesellschaft.« Aber Mr. Le Frank entschuldigte sich. Der ihm freundlichst geliehene Regenschirm hätte seine Stiefel nicht geschützt; seine Füße waren naß und er holte sich so ungeheuer leicht eine Erkältung, daß er um die Erlaubniß bitten müßte, sich sofort trockene Sachen anzuziehen. Unter Verbeugungen ging er aus der Thür, hielt aber draußen auf dem Flur an und lugte, auf den Zehen stehend, durch ein Fenster in der Mauer, durch welches das kleine Zimmer der Wirthin Licht empfing. Die beiden Frauen saßen behaglich am Tische mit dem Kirsch und einem Teller Kuchen vor sich. »Die halten einen langen Klatsch,« dachte Mr. Le Frank. »Jetzt ist es Zeit für mich!«

Ehe fünf Minuten vergangen waren, entschuldigte sich Teresa, daß sie noch einmal nach oben müßte, da sie ganz vergessen hätte, den Glockenzug so zu befestigen, daß Carmina denselben erreichen könnte, falls sie erwachen sollte. »Thun Sie es gute Seele,« stimmte die brave Wirthin bei; »und kommen Sie sofort zurück!« Als sie allein war, füllte sie ihr Glas wieder und lächelte es an.

Als Teresa sich ihrem Zimmer näherte, wartete sie und horchte. Durch die angelehnte Thür des Wohnzimmers ließ sich kein Geräusch vernehmen. Sie trat leise in die Kammer, und auch von hier war nichts zu hören. Hatte er sie gesehen?

Da hörte sie über sich die Dielen knarren. Mr. Le Frank war also auf seinem Zimmer.

War ihr so gut angelegter Plan fehlgeschlagen, oder zog er sich wirklich andere Schuhe und Strümpfe an?

Letzteres war in der That der Fall. Mr. Le Frank vergaß auch über ernsten Interessen seine kostbare Gesundheit nicht. Er hatte unten nicht bloße Entschuldigungen gemacht. Seine Brust war schwach, leicht konnte sich eine Erkältung in seiner Lunge festsetzen; und so sehr ihn die halbgeöffnete Thür auch in Versuchung führte, sie konnte ihn nicht vergessen lassen, daß seine Füße naß waren.

Wieder knarrten die Dielen; die Thür seines Zimmers wurde leise geschlossen dann war wieder alles ruhig, und Teresa erkannte erst, daß er das Wohnzimmer betreten hatte als sie hörte, wie er die verriegelte grüne Thür zu öffnen versuchte. Dann mußte er wieder hinausgegangen sein, denn sie hörte ihn an der nach der Treppe führenden Kammerthür.

Wiederum entstand eine Pause. Teresa zog geräuschlos den Riegel zurück und öffnete die Thür nur auf Haaresbreite Sie hörte ihn den Schlüssel in einem Arbeitstische umdrehen, der nur Cirkuläre, Quittungen und ein paar Bücher enthielt.

Selbst angesichts des Schrankes war sein erster Gedanke, in den Papieren Carmina's den Beweis ihrer Intrigen zu finden.

Nach dem Tone zu schließen, in welchem er etwas vor sich hin brummte, mußte ihn der Inhalt des Arbeitstisches enttäuscht haben. Bei dem nächsten Geräusch fuhr Teresa zusammen; es war ein leichter Schlag gegen die Fassung der Thür, hinter welcher sie stand. Er hatte die Schrankthür aufgeworfen.

Das Klappern des Deckels zeigte ihr an, daß er mit der Untersuchung der Büchse begann, die sie jetzt als einen harmlosen Gegenstand in den Schrank zurückgestellt hatte, nachdem das Gift und die Etikette durch Feuer vernichtet worden waren. Daß er von Dutzenden anderer Dinge, die auf dem Börde standen, gerade die Büchse auswählte, erfüllte sie plötzlich mit mißtrauischer Ueberraschung. Sie wollte nicht nur hören, sondern jetzt auch sehen, was er machte, und um ihn auf der That zu ertappen, stieß sie die Thür auf —— gerade in dem Momente, wo er entdeckt haben mußte, daß die Büchse leer war, denn ein schwacher Fall verrieth, daß er dieselbe auf den Boden geworfen hatte.

Sie hatte die Schrankthür vergessen, die, jetzt weit offen stehend, den Eingang zur Kammer versperrte und beide vor einander vollständig verbarg. Für den Augenblick stutzte sie und zögerte, ob sie sich zeigen sollte oder nicht. Da hörte sie seine Stimme.

»Vielleicht ist noch eine da,« sagte er für sich, »welche diese alte Schmutzvettel versteckt hat.« —— Weiter hörte sie nichts. »Diese alte Schmutzvettel« war mehr, als sie ertragen konnte! Sie vergaß ihre Absicht, ihn unbemerkt zu beschleichen, vergaß den Vorsatz, nichts zu thun, was Carmina aufwecken könnte: in wilder Wuth stieß sie mit beiden Händen gegen die Schrankthür, so daß dieselbe wie ein Blitz zuflog.

Ein Aufschrei des Schmerzes tönte durch das Haus. Die Thür hatte die rechte Hand Le Franks ergriffen, mit der er gerade in dem Augenblicke wieder in den Schrank hatte langen wollen, und ihm die Finger zerquetscht.

Ohne sich nach ihm umzusehen, rannte sie nach Carmina zurück, die grüne Thür fiel ins Schloß und kein weiterer Schrei wurde gehört. Nichts geschah, was ihre verzweifelte Versicherung, daß der Schrei nur die Täuschung eines lebhaften Traumes gewesen wäre, Lügen strafte. Sie nahm Carmina in ihre Arme und streichelte und liebkoste dieselbe wie ein Kind. »Sieh, mein Herz, ich bin bei Dir wie gewöhnlich und habe nichts gehört. O zittere doch nicht so! Komm —— ich will Dich in mein Tuch wickeln und Dir etwas vorlesen. Nein! laß uns lieber von Ovid sprechen.«

Ihre Bemühungen, Carmina zu beruhigen, wurden durch den gedämpften Schall von Männertritten und Frauenstimmen im Zimmer nebenan unterbrochen. Sie öffnete schnell die Thür und bat die Leute, leise zu sein. Ihr Auge überflog die Scene. Le Frank lag ohnmächtig auf dem Fußboden, neben ihm kniete die Wirthin, um nach seiner verletzten Hand zu sehen, und sie hörte, wie die Miether sagten: »Er muß ins Hospital.« Dann schloß sie die Thür sofort wieder.



Kapiteltrenner

Capitel LIV.

Am Montag Morgen war Mrs. Gallilee, deren Geduld das Aeußerste geleistet hatte, im Stande, sich mit Hilfe Mr. Nulls nach unten in die Bibliothek zu begeben, und als sie sich hier ein wenig ausgeruht hatte, konnte sie aufstehen und allein auf und ab gehen. Sie öffnete ein Buch, und die Zeilen liefen nicht mehr durcheinander. Am Dienstag würde gegen eine Ausfahrt nichts mehr einzuwenden sein. Mr. Null verließ sie in ihrem früheren Temperamente; er hatte sie gefragt, ob sie wünschte, daß ihr Jemand Gesellschaft leiste, sie aber hatte lebhaft geantwortet: »Auf keinen Fall! Ich bin lieber allein.«

Jetzt konnte sie Mr. Le Franks Bericht, den sie am Sonnabend Morgen bekommen, aber nicht zu Ende zu lesen vermocht hatte, ganz zu Ende lesen.

Andere Frauen wären vielleicht durch die Abscheulichkeit des von dem Musiklehrer entworfenen Planes aufgebracht worden; Mrs. Gallilee war nur verletzt, daß er ihr —— in ihrer gesellschaftlichen Stellung —— zutraute, ein solches Komplott zu begünstigen; das war eine Beleidigung, die sie weder vergeben noch vergessen durfte. Mit Bitterkeit erkannte sie ihre unselige Schwäche, ihm getraut zu haben. Jetzt, da sie wieder frei handeln konnte, hatte sie hinreichenden Grund, seine ferneren Dienste abzulehnen. Ein Glück, daß sie nicht den Fehler begangen hatte, ihm zu schreiben; so konnte er wenigstens keinen Beweis der zwischen ihnen bestandenen Beziehungen aufweisen. Es war abgemacht worden, daß er den Musikunterricht der Mädchen wieder fortsetzen sollte, sobald er überzeugt wäre, daß seine Anwesenheit dort im Hause keinen Argwohn erweckt hätte. Dann war es Zeit, ihm seine Unkosten zu erstatten und ihn zu entlassen.

Da die Unverschämtheit dieses Menschen sie aufgeregt hatte, fühlte sie das Bedürfnis; nach irgend einer angenehmen Beschäftigung für ihre Gedanken.

Auf dem Tische lag die moderne Wissenschaft in jeder Form öffentlicher Bekundung. Hier blies der wissenschaftliche Fortschritt ins Horn, gegen jedes bescheidene Gefühl sterblicher Fehlbarkeit gefeit, sein Anrecht auf die Dankbarkeit der Menschheit proklamierend. Dort stürzte sich die wissenschaftliche Forschung in den Druck, um ihre Wichtigkeit auszuposaunen und jeden Sterblichen, der es wagte zu zweifeln oder abweichender Ansicht zu sein, für einen Fanatiker oder Narren zu erklären —— ohne Zeit zu haben, ihre Resultate die Probe der Erfahrung durchmachen zu lassen. Dort schrieben die Leiter der öffentlichen Meinung in Ausdrücken, die auf Newton oder Baron angewandt, übertrieben sein würden; Artikel über Professoren, welche Entdeckungen gemacht haben, die ebenso wenig durch die Zeit erprobt, als von den Kollegen allgemein angenommen worden. Hier wieder Vorlesungen und Abhandlungen zu Dutzenden, die —— wenn nichts Anderes —— doch wenigstens so viel bewiesen, daß das, was vor einigen Jahren wissenschaftlich anerkannt wurde, wissenschaftliche Verirrung sei —— und daß das, was heute wissenschaftlich anerkannt wird, nach einigen Jahren wissenschaftliche Verirrung sein kann. In Monatsheften und Umschauen boten sich die Streitfragen und Diskussionen an, in welchen Immerrecht und Nimmerunrecht die natürliche Neigung des Menschen bekunden, an sich selbst zu glauben, und zwar in dem üppigsten Stadium, das die Welt je gesehen hat. Und dort, last not least, Alles, was die edle Weisheit Faraday's sah und beklagte, als er die Worte sprach, die nie vergessen werden sollten: »Das Erste und Letzte bei der Bildung des wissenschaftlichen Urtheils ist —— die Demuth.«

Der Tisch stand neben der gelehrten Dame; sie suchte auf demselben nach einer interessanten Beschäftigung und erreichte auch ihren Zweck in gewisser Beschränkung.

Unglücklicherweise hatte auch sie die Flügel wissenschaftlicher Forschung entfaltet und daran gedacht, ihre eigene Trompete (mit eulogistischen Echos) zu blasen. Es gelang den Professoren, deren Selbstreklamen sie las, ihre Aufmerksamkeit vollständig in Besitz zu nehmen; ab und zu schweiften ihre Gedanken traurig ab zu den vernachlässigten Fröschen und Kaulquappen in ihrem eigenen Laboratorium. Seit wie vielen Tagen waren diese Lieblinge der mütterlichen Sorge beraubt —— vielleicht gerade im kritischen Momente der Bildung! Kein Mensch im Hause verstand die physisch-chemischen Bedingungen, die Regulierung der Temperatur und des Lichts, die verschiedene Nahrung, die die künstliche Umwandlung einer Kaulquappe in einen Frosch beförderte oder nicht. Vielleicht mochten die unbeaufsichtigten Frösche jetzt im Hause umherirren, die zarten Kaulquappen todt, ihre sorgsam präparierte Nahrung von Frischwasserpflanzen und geronnenem Eiweiß in Fäulniß übergegangen sein. Und wer war in erster Linie an den unheilvollen Ereignissen Schuld, welche es hierzu hatten kommen lassen? Ihre verabscheute Nichte!

Mrs. Gallilee erhob sich, um wieder eine Tour durchs Zimmer zu machen.

Nach zwei Regentagen hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und ein goldener Sonnenstrahl zog sie ans Fenster. Wie sie noch hinaussah, erschien ihr Gatte, der zu Fuß ausging und ein in braunes Papier geschlagenes Packet unter dem Arme trug.

Warum trug er selbst das Packet, da ihm doch die Dienerschaft zur Verfügung stand?

Früher würde Mut. Gallilee ans Fenster geklopft und darauf bestanden haben, daß er sofort umgekehrt wäre und diese Frage beantwortet hätte; aber seit der Katastrophe in Carmina's Zimmer hatte sein Benehmen Beide einander vollständig entfremdet. Alle seine Erkundigungen nach dem Befinden seiner Frau waren durch Abgesandte eingezogen. Wenn er nicht im Schulzimmer bei den Kindern war, war er jetzt im Klub; und ehe er nicht wieder zur Vernunft kam und demüthig Abbitte that, konnte keine irdische Rücksicht Mrs. Gallilee bewegen, die geringste Notiz von ihm zu nehmen.

Sie setzte sich wieder an den Tisch, um weiter zu lesen. Da brachte der Lakai zwei Briefe, von denen der eine mit der Post angekommen, der andere durch einen Boten in den Kasten geworfen war. Da in letzterer Weise besorgte Briefe sehr oft von Gläubigern kamen, so öffnete Mrs. Gallilee zuerst den abgestempelten.

Derselbe enthielt nichts Wichtigeres als einige Zeilen von einer Gouvernante, die sie für so lange engagiert hatte, bis sie eine Nachfolgerin für Miß Minerva gefunden hätte. Dieselbe wollte, dem Wunsche Mrs. Gallilee gemäß, am nächsten Morgen um zehn Uhr die tägliche Beaufsichtigung antreten.

Der zweite Brief kam von Mr. Null und berichtete das Unglück, welches Mr. Le Frank zugestoßen war. Als Miß Carmina's ärztlicher Beistand, so schrieb er, sei es seine Pflicht, der Vormünderin derselben mitzutheilen, daß ihr Befinden durch einen Lärm im Hause ungünstig beeinflußt worden sei. Nachdem er dann die Natur dieses Lärms geschildert hatte, fuhr er folgendermaßen fort: »Sie werden, fürchte ich, die Dienste Ihres jetzigen Musiklehrers verlieren; denn mir mitgetheilte, heute Morgen im Hospital gethane Nachfragen scheinen auf ernstliche Folgen schließen zu lassen. Die Konstitution des Verwundeten ist keine gesunde, und die Aerzte sind nicht sicher, ob sie zwei von den Fingern zu retten vermögen. Ich werde mir die Ehre geben, selbst morgen bei Ihnen vorzusprechen, ehe Sie Ihre Ausfahrt antreten.«

Der Eindruck, den diese Mittheilung auf sie machte, kann nur in ihren eigenen Worten wiedergegeben werden. Sie, die aus der bestmöglichen Quelle wußte, daß die Welt von selbst entstanden war, verlor vollständig den Kopf und sagte thatsächlich: »Gott sei Dank!«

Auf Wochen —— ja, wenn sich die Befürchtungen des Arztes erfüllten, vielleicht auf Monate hinaus —— war sie Mr. Le Frank los. Wenn ihr Gatte in diesem Augenblicke unendlicher Erleichterung erschienen wäre, es wäre möglich gewesen, daß sie ihm vergeben hätte.

Derselbe kehrte aber erst spät am Nachmittage zurück, ging ins Rauchzimmer und verließ das Haus schon wieder nach fünf Minuten. Joseph öffnete ihm dienstfertig die Thür und war, gleich seiner Herrin heute Morgen, überrascht, Mr. Gallilee ein großes Packet in braunem Papier unter dem Arme tragen zu sehen —— das zweite, welches derselbe eigenhändig mit aus dem Hause nahm! Außerdem sah Mr. Gallilee außerordentlich verlegen aus, als der Bediente ihn bemerkte. An diesem Abend kam er spät aus dem Klub heim, und Joseph, der aufpaßte, fand seinen Gang unsicher und zog seine eigenen Schlüsse.

Pünktlich um die angesetzte Zeit kam die neue Gouvernante am andern Morgen an. Mrs. Gallilee empfing sie und schickte nach den Kindern.

Das mit der Beaufsichtigung derselben beauftragte Mädchen erschien allein. Die jungen Fräulein würden jedenfalls sofort zurück sein, da der Herr sie zu einem kleinen Spaziergange mitgenommen habe. Sie habe ihm mitgetheilt, daß das Fräulein, welches sie unterrichten solle, um zehn Uhr kommen würde.

Es schlug halb —— es schlug elf —— und weder der Vater noch die Kinder kamen nach Hause. Zehn Minuten später wurde die Hausthürglocke gezogen, aber Niemand trat ein, als geöffnet wurde; und als Joseph in den Briefkasten sah, fand er einen Brief mit der Adresse seiner Herrin in der Handschrift des Herrn, den er sofort abgab. Bis dahin war Mrs. Gallilee nur ängstlich gewesen. Plötzlich aber hörte Joseph, der außerhalb der Thür diskret auf Ereignisse wartete, mit Heftigkeit die Klingel reißen, und fand seine Herrin in leidenschaftlicher Aufregung. Und sie hatte wohl Ursache dazu —— um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die Methode, wie Mr. Gallilee die Angst seiner Frau beschwichtigte, war durch ihre Kürze bemerkenswerth. In dem ersten Satze versicherte er ihr, daß sie nicht beunruhigt zu sein brauche, und in dem zweiten erwähnte er, daß er die Mädchen der Luftveränderung halber mit sich fortgenommen habe. Das war unterzeichnet mit seinen Initialen J. G.

Sowie Mrs. Gallilee sich einigermaßen erholt hatte, wurde die ganze Dienerschaft nach der Bibliothek gerufen, wo sie einzeln nach einander streng ausgefragt wurden, ohne daß eins von ihnen Auskunft zu geben wußte —— ausgenommen das Mädchen, welches zugegen gewesen war, als der Herr die jungen Fräulein mitgenommen hatte. Und das Wenige, was diese zu sagen hatte, ließ darauf schließen, daß er vor dem Fortgehen die Mädchen nicht ins Vertrauen gezogen hatte. Maria hatte sich gefügt, ohne über einen so frühen Spaziergang besonders erfreut gewesen zu sein, während Zo (die nie gern ihren Verstand oder ihre Beine anstrengte) offen erklärt hatte, daß sie lieber zu Hause bleiben möchte. Der Herr hatte aber befohlen, daß sie sich sofort anziehen sollten, und zwar so heftig, daß Zo ihn erstaunt angesehen. Mitgenommen hatten sie nichts, außer Mr. Gallilee’s Regenschirm. Joseph hatte den Herrn zuletzt gesehen. Nun haben in England die niederen Klassen in einem einzigen Falle wirkliche Sympathie mit den höheren: Der über ihnen Stehende besitzt ihr Herz und kann auf treue Dienste rechnen, wenn er unsicher auf den Beinen ist. So beschränkte auch Joseph nobler Weise seine Aussagen auf das, was er einige Stunden vorher gesehen hatte, und erwähnte des Packets. Jetzt kam Mrs. Gallilee vermöge ihrer scharfen Fassungsgabe auf die Wahrheit. Die beiden Packete mußten Kleider enthalten haben, die bis zur Abreise einem Komplicen in Obhut gegeben worden waren. Es war aber unmöglich, daß Mr. Gallilee zu den Kleidern und der Wäsche der Kinder gekommen und die nöthige Auswahl getroffen hatte, ohne daß ihm eine Frau behilflich gewesen. Die weiblichen Dienstboten wurden also noch einmal verhört, und Mrs. Gallilee drohte sogar nach der Polizei zu schicken. Die entrüsteten Mädchen riefen im Chorus: »Untersuchen Sie unsere Koffer!« Aber Mrs. Gallilee schlug einen weiseren Weg ein; sie schickte zu den ihr von Mr. Null empfohlenen Rechtsanwälten. Kaum war der Bote abgefertigt, so sprach Mr. Null selbst seinem Versprechen gemäß im Hause vor.

Auch er war aufgeregt. Unmöglich aber konnte er schon von dem Geschehenen gehört haben; brachte er vielleicht schlechte Nachrichten von Carmina —— oder von Mr. Le Frank?

»Machen Sie sich auf eine Ueberraschung —— eine angenehme Ueberraschung gefaßt,« begann er. »Ich habe ein Telegramm von Ihrem Sohne erhalten.« Und gleichzeitig überreichte er ihr dasselbe.

Dasselbe lautete: »D. 6. September. In Quebec angekommen. Nachricht erhalten von Carmina's Krankheit. Segle morgen nach Liverpool ab. Um Gotteswillen die Nachricht C. vorsichtig mittheilen, und bitte, Telegramm für mich nach Queenstown.«

Heute war der 7. September; wenn also Alles gut ging, würde Ovid in zehn Tagen in London sein.



Kapiteltrenner

Capitel LV.

Mrs. Gallilee las das Telegramm —— hielt inne —— und las es nochmals. Dann ließ sie es in ihren Schooß sinken; aber die Augen ruhten noch mechanisch auf dem Platte.

»Ich muß Sie um Nachsicht bitten,« begann sie plötzlich in einer so eigenthümlich gedämpften, von ihrer gewöhnlich lauten und harten Sprechart so ganz verschiedenen Stimme, daß Mr. Null stutzte. »Ich weiß kaum, was ich dazu sagen soll; diese Ueberraschung kommt zu einer Zeit, wo ich schlecht darauf vorbereitet bin. Ich bin auf dem Wege der Besserung; aber Sie sehen, ich bin noch nicht wieder so stark, wie ich vor dem Ueberfalle jener Person war. Mein Gatte ist fort —— ich weiß nicht wohin —— und hat meine Kinder mitgenommen. Lesen Sie diesen Brief, aber sprechen Sie nicht.

Sie müssen mich zufrieden lassen, sonst kann ich nicht nachdenken.«

Dabei überreichte sie ihm den Brief. Er sah sie an —— las die paar Worte —— und sah sie wieder an. Wer hätte denken können, daß die Rückkehr ihres Sohnes so aus sie wirken würde.

»Ich habe es jetzt,« sagte Mrs. Gallilee, sich zu Mr. Null wendend, nachdem sie lang und schwer ausgeathmet hatte. »Mein Sohn kommt wegen Carmina's Krankheit so eilig zurück. Hat Carmina an ihn geschrieben?«

»Unmöglich, Mrs. Gallilee «— hei ihrem jetzigen Gesundheitszustand.«

»Bei ihrem jetzigen Gesundheitszustande? Daran dachte ich nicht. War sonst noch etwas? Ach, ja. Hat Carmina das Telegramm gesehen?«

Mr. Null erklärte ihr, daß er eben von Carmina käme und es als Arzt für gerathen gehalten habe, erst die moralische Wirkung einer Andeutung der guten Nachricht auf seine Patientin zu versuchen. Er habe nur zu sagen gewagt, daß Ovids Agenten in Canada von seinen Reisen gehört und Grund hätten, anzunehmen, daß er in Kurzem nach Quebec zurückkehren würde. Im Ganzen sei der Eindruck auf die junge Dame —«

Es war unnütz, noch weiter fortzufahren, denn Mrs. Gallilee verfolgte ihre eigenen Gedanken, ohne sich auch nur den Anschein zu geben, als ob sie ihm zuhörte.

»Ich möchte wissen, wer an meinen Sohn geschrieben hat,« fing sie wieder an. »Vielleicht die Amme?«

Das hielt Mr. Null für am unwahrscheinlichsten, da aus den Reden der Amme eine Feindseligkeit gegen Ovid wegen seiner Abwesenheit hervorgehe.

Abermals wiederholte Mrs. Gallilee seine letzten Worte: »Wegen seiner Abwesenheit. Ja, ja; ganz recht. Ich kann das Telegramm wohl behalten?«

Der kluge Mr. Null erbot sich, ihr eine Abschrift zu geben «— setzte sich auch sofort hin und schrieb dieselbe. Das Original wäre, so erklärte er, seine Vollmacht, für Mr. Ovid zu handeln, und er müsse deshalb um die Erlaubniß bitten, es zu behalten. Mrs. Gallilee ließ ihn die beiden Papiere vertauschen und fragte dann: »Haben Sie sonst noch etwas? Ihre Zeit ist kostbar; lassen Sie sich nicht abhalten.«

»Darf ich Ihren Puls fühlen, ehe ich gehe?« sagte Mr. Null.

Schweigend hielt sie ihm den Arm hin.

Während er die Pulsschläge zählte, fuhr der Wagen draußen vor. Sie sah nach dem Fenster und sagte: »Schicken Sie ihn fort.«

»Gnädige Frau, die Luft wird Ihnen gut thun,« wandte er ein.

»Nein,« war ihre ruhige Antwort, und dann versank sie wieder in Gedanken.

Es war ihre Absicht gewesen, bei ihrer ersten Ausfahrt einen Besuch in Teresa's Wohnung zu machen und ihre Autorität persönlich zur Geltung zu bringen. Die Nachricht von Ovids bevorstehender Rückkehr machte es erforderlich, diesen Entschluß in einem neuen Lichte zu betrachten, denn sie hatte jetzt nicht nur mit Teresa, sondern auch mit ihrem Sohne zu rechnen. Unter dem Drucke dieser auf ihrem Gemüthe lastenden Bürde —— das schon durch das Gefühl der Beleidigung, welches die Flucht ihres Gatten erweckt hatte, so schwer belastet war —— hatte sie nicht einmal mehr Kraft genug für die unbedeutende Mühe des Ankleidens zum Ausgehen. Zum ersten Male brach eine Reizbarkeit bei ihr aus. »Ich suche herauszubringen, wer an meinen Sohn geschrieben hat. Wie kann ich das, wenn Sie mich mit dem Wagen quälen? Haben Sie je ein volles Glas in der Hand gehalten und gefürchtet es überfließen zu lassen? Das ist es, wovor ich mich fürchte —— bei meinem Gemüthe —— ich meine nicht, daß mein Gemüth ein Glas ist —— ich meine ——« Ihre Stirn färbte sich roth. »Wollen Sie mich verlassen?« rief sie.

Er ging sofort; die Veränderung in ihrem Benehmen, die Schwierigkeit, die sie im Ausdrücken ihrer Gedanken fand, hatte selbst bei ihm ein Gefühl des Unbehagens hervorgerufen.

In der Halle fragte er Joseph, ob er um den Herrn und die Kinder wisse. Und als dieser bejahte, sagte er:

»Hätten Sie mir das nur gesagt, als Sie mich eintreten ließen.«

»Habe ich dadurch irgend etwas angerichtet?«

»Ich weiß noch nicht. Sollten Sie mich brauchen, so werde ich um sieben Uhr zum Diner zu Hause sein.«

Bald nach dem Fortgang des Doktors kam einer von den Rechtsanwälten, an die sich Mrs. Gallilee um Rath gewandt hatte. Joseph führte ihn in das Wartezimmer und bat um seine Karte, da er nach dem, was ihm Mr. Null gesagt hatte, zögerte, diesen Herrn zu seiner Gebieterin zu führen.

Mrs. Gallilee hatte ihre Haltung nicht verändert; sie saß da und blickte auf die Abschrift des Telegramms und den Brief von ihrem Manne, die zusammen in ihrem Schooße lagen. Der Bediente mußte sie zweimal anreden, ehe sie sich aufraffen konnte.

»Morgen,« war Alles, was sie sagte.

»Welche Zeit soll ich sagen, gnädige Frau?«

Sie faßte sich mit der Hand an den Kopf und brach ärgerlich gegen Joseph los: »Mach es selbst mit ihm ab, Du Schuft!« Dann fiel ihr Kopf wieder über die Papiere. Joseph kehrte zu dem Rechtsanwalt zurück und theilte demselben mit, daß seine Herrin nicht wohl wäre und ihm verpflichtet sein würde, wenn er morgen wieder vorsprechen würde, um eine Zeit, wo es ihm passe.

Ungefähr eine Stunde darauf klingelte sie, und zwar ununterbrochen, bis Joseph erschien. »Ich bin verschmachtet,« sagte »sie. »Etwas zu essen! Ich bin nie in meinem Leben so hungrig gewesen. Sofort —— ich kann nicht warten!«

Die Köchin sandte etwas kaltes Geflügel und einen Schinken herauf, die ihre Augen förmlich verschlangen, als der Bediente sie für sie zerlegte. Ihre schlechte Laune schien vollständig verschwunden zu sein und sie sagte: »Welch köstliches Diner! Gerade worauf ich Appetit habe.« Sie führte das erste Stück zum Munde —— und legte die Gabel wieder mit einem müden Seufzer nieder. »Nein, ich kann nicht essen; was ist nur mit mir vorgegangen?« Mit diesen Worten rückte sie ihren Stuhl vom Tische ab und sah langsam um sich herum. »Ich wünsche das Telegramm und den Brief.« Joseph fand dieselben. »Kannst Du mir helfen?" fragte sie. »Ich bemühe mich herauszufinden, wer an meinen Sohn geschrieben hat. Sage ja oder nein, sofort; ich hasse das Warten!«

Joseph ließ sie in ihrer alten Haltung zurück, wie sie den Kopf gebeugt und die Papiere im Schooße hielt.

In der Küche erregte das Wiedererscheinen des ganzen Essens eine Diskussion, der ein Streit folgte.

Joseph war der Meinung, daß mehr auf das Gemüth der gnädigen Frau eingewirkt habe, als dasselbe ertragen könne. Es sei nutzlos, nach Dr. Null zu senden, da derselbe gesagt habe, daß er nicht vor sieben Uhr zu Haus sein würde. Die Dienerschaft könne die Verantwortlichkeit nicht übernehmen, und da Niemand sonst im Hause sei, den man um Rath fragen könne, so riethe er dazu, den nächsten Doktor zu holen, und den die Verantwortlichkeit übernehmen zu lassen, wenn etwas Ernstes geschähe.

Das weibliche Personal, welches noch der Drohung Mrs. Gallilee's mit der Polizei gedachte, zog diesen vorsichtigen Vorschlag ins Lächerliche —— das heißt, mit einer Ausnahme. Denn als die Anderen ironisch fragten, ob er noch nicht an die Laune der Frau gewöhnt sei, sagte Mrs. Gallilee’s Jungfer Jane: »Was wissen wir davon? Joseph ist der Einzige von uns, der sie seit heute Morgen gesehen hat.« Diese vollständig vernünftige Bemerkung hatte eine Wirkung, wie ein Windzug auf ein glimmendes Feuer. Die Mädchen, die alle in gleichem Grade verdächtigt waren, Mr. Gallilee bei den Packeten beigestanden zu haben, waren alle gleich sehr überzeugt, daß eine Verrätherin unter ihnen wäre; und die Beargwöhnte war eben die Jungfer. Diesem bis dahin unterdrückten Gefühl wurde nun offen Ausdruck gegeben.

»Ich bin eine gemeine Meerkatze —— ja?« rief Jane aufgebracht, die Anspielung der Köchin auf ihre Heimat auf den Kanalinseln wiederholend. »Die Frau soll noch in dieser Minute erfahren, daß ich Diejenige bin, die es gethan hat!«

»Warum sagtest Du das nicht vorher?« entgegnete die Köchin.

»Weil ich dem Herrn versprochen habe, nichts davon zu sagen, bis er am Ziele seiner Reise wäre.«

»Wer will wetten?« fragte die Köchin. »Ich halte eine halbe Krone, daß sie sich noch besinnt, ehe sie oben auf der Treppe ist.«

»Vielleicht glaubt sie, daß die Frau ihr vergiebt,« meinte das Stubenmädchen ironisch.

»Oder vielleicht hat sie die Absicht zu kündigen,« fügte das Hausmädchen hinzu.

»Da hast Du genau das Rechte getroffen,« sagte Jane.

Da keine ihr glauben wollte, so appellierte sie an Joseph. »Was habe ich Ihnen damals gesagt, als mich die Frau zum ersten Male mit der armen Miß Carmina im Wagen ausschickte? Habe ich nicht gesagt, daß ich kein Spion wäre und mich nicht dazu machen lassen wollte? Ich hätte schon das Haus verlassen —— ja das hätte ich! —— wenn mich nicht die Freundlichkeit Miß Carmina's gehalten hätte. Jede andere junge Dame würde mich meine Stellung haben fühlen lassen, sie aber behandelte mich wie eine Freundin —— und das vergesse ich nicht. Ich werde sofort von hier hingehen und sie pflegen helfen!«

Mit dieser Erklärung verließ Jane die Küche. Vor der Thür zur Bibliothek blieb sie stehen, aber nicht, um anderen Sinnes zu werden, sondern um zu überlegen, wie viel sie ihrer Herrin gestehen sollte.

Die Erzählung Zo’s von dem, was am Abend der Ankunft Teresa's vorgefallen war, hatte auf das Mädchen ihre unvermeidliche Wirkung ausgeübt. Es vermehrte noch ihre dankbare Anhänglichkeit an Carmina und vergrößerte naturgemäß ihre Abneigung gegen Mrs. Gallilee —— und dadurch hatte der unschuldige Gatte der letzteren profitiert! Jane hatte ihren Herrn verlegen vor der offenen Garderobe seiner Töchter stehen sehen und schlau gefragt, ob sie irgendwie nützlich sein könne; und Mr. Gallilee, der sich nie durch Geistesgegenwart in bedrängter Lage auszeichnen, hatte in seiner Hilflosigkeit gerade diejenige im Hause in sein Vertrauen gezogen, der jeder Andere in seiner Stelle am allerletzten getraut haben würde. »Gute Seele, ich möchte die Kinder gern in aller Stille fortbringen, damit sie in eine andere Luft kommen —— Sie haben auch Ihre kleinen Geheimnisse, nicht wahr?« Plötzlich hatte er gestockt, indem er sich, als es zu spät war, klar machte, daß er im Begriff stand, das Mädchen seiner Frau zu fragen, ob sie ihm beim Hintergehen derselben beistehen wolle. Janes Witz hatte ihm aber über die Schwierigkeit weggeholfen. »Ich verstehe: Sie wünschen nicht, daß die gnädige Frau davon erfahre.« In Ermangelung jeder anderen Antwort hatte Mr. Gallilee dann seine Börse gezogen. »Die gnädige Frau bezahlt mich; Ihnen diene ich umsonst.« Mit diesen Worten würde sie jedem Andern klar gemacht haben, was für eine Stelle Mrs. Gallilee in ihrer Achtung einnahm; ihr Herr hielt sie einfach für die uneigennützigste Person, die er je getroffen habe, und versprach ihr für den Fall, daß sie durch den ihm zu gewährenden Beistand ihre Stelle verlieren sollte, ihr so lange ihren Lohn weiterzuzahlen, bis sie eine andere gefunden hätte. Das Mädchen beruhigte ihn indeß in dieser Beziehung. »Ein Mädchen, welches das Frisieren so versteht wie ich, kann eine Stelle bekommen, sobald sie es wünscht.«

Als Jane mit sich einig war, was sie bekennen und was verbergen sollte, klopfte sie an die Thür, und da nicht geantwortet wurde, trat sie ein.

Mrs. Gallilee saß in ihren Stuhl zurückgelehnt, die Arme hingen ihr an den Seiten herunter und ihre Augen sahen schläfrig zur Decke auf. Das Mädchen, welches darauf gefaßt gewesen war, ihre Herrin in einer Gemüthsbedrückung zu finden, sah in ihr nur eine Person, die ein Schläfchen machen wollte.

»Kann ich ein Wort mit Ihnen sprechen, gnädige Frau?«

»Ist das mein Mädchens« fragte Mrs. Gallilee, ohne die Augen von der Decke zu wenden.

Jane, die dies Benehmen der Absicht ihrer Herrin, ihr ihre Verachtung zu zeigen, zuschrieb, gab sich nicht länger die Mühe, die Formen des Respekts weder in Sprache noch im Benehmen zu wahren und sagte ohne Weiteres: »Ich möchte hiermit kündigen; ich sehe, daß ich mit den Anderen nicht auskommen kann?«

Mrs. Gallilee hob langsam den Kopf und sah ihr Mädchen an —— sagte aber nichts.

»Und da ich einmal dabei bin,« fuhr das Mädchen in seinem Aerger fort, »so kann ich auch gleich die Wahrheit sagen. Sie haben den Verdacht, daß eine von uns dem Herrn beigestanden habe, die Sachen der jungen Fräulein —— ich meine, Einiges davon —— fortzubringen. Damit Sie nun keine Unschuldigen zu tadeln brauchen, will ich Ihnen sagen, daß ich es gewesen bin.«

Mrs. Gallilee legte den Kopf wieder an den Stuhl zurück —— und brach in ein Gelächter aus, so daß Jane ihre Herrin einen Augenblick in heller Ueberraschung ansah. Dann drängte sich dem Mädchen die schreckliche Wahrheit auf, und sie rannte in die Halle und rief nach Joseph.

Derselbe eilte nach oben. Als er in der offenen Thür erschien, erhob sich Mrs. Gallilee und sagte, sich ein Ansehen von Würde gebend: »Den Doktor! ich muß mich erklären.« Dann hielt sie die eine Hand vor sich hin und zählte mit der andern an den Fingern: »Erst mein Gatte; dann mein Sohn; jetzt mein Mädchen. Eins —— zwei —— drei. Kennen Sie das Sprichwort: Das letzte Haar bricht dem Kamel den Rücken?« Plötzlich sank sie in die Kniee. »Will Jemand für mich beten?« rief sie ergreifend. »Ich selbst kann nicht beten. Wo ist Gott?«

Barhaupt, wie er war, rannte Joseph auf die Straße, zu dem nächsten Doktor auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, der auch zufällig zu Hause war. Als er mit demselben zurückkam, hielt die weibliche Dienerschaft ihre Herrin mit Gewalt nieder.



Kapiteltrenner

Capitel LVI.

Als Mr. Mool am anderen Tage von einer juristischen Konsultation nach seinem Büreau zurückkehrte, sah er einen Herrn, den er von Ansehen kannte, vor seiner Thür auf- und abgehen.

»Mr. Null, wenn ich nicht irre?« sagte er mit gewohnter Höflichkeit.

Mr. Null antwortete auf seinen Namen und bat um eine kurze Unterredung. Der Anwalt machte ein ernstes Gesicht und sagte, daß er für diese Zeit schon Parteien hierher bestellt und sich bereits verspätet habe. Mr. Null räumte ein, daß ihm das die Schreiber im Büreau schon gesagt hätten und sagte dann, was er zuerst hätte sagen sollen: »Ich bin der ärztliche Beistand Mrs. Gallilee's —— es liegt eine dringende Nothwendigkeit vor, ihrem Gatten eine Mittheilung zu machen.«

Sofort führte ihn Mr. Mool in das Büreau. Der erste Schreiber kam mit einem gewissen Ernst auf seinen Herrn zu: »Die Parteien haben schon über eine Viertelstunde gewartet.« Mr. Mools Geist aber war anderswo: er dachte an Mrs. Gallilee. »Liegt sie im Sterbens« fragte er. »Sie hat den Verstand verloren,« antwortete Mr. Null. Diese Worte versteinerten den Rechtsanwalt, er sah hilflos den Schreiber an, der seinerseits unwillig nach der Büreauuhr blickte. »Sagen Sie, daß ich durch einen sehr betrübenden Umstand abgehalten bin; ich will später zu einer den Herrschaften passenden Stunde selbst nach deren Wohnung kommen.« Nach dieser Anweisung an den Schreiber führte er Mr. Null eiligst nach oben in ein Privatzimmer. »Erzählen Sie; bitte, erzählen Sie. Doch halt! Vielleicht ist keine Zeit dazu. Was kann ich thun?«

Jetzt kam Mr. Mool mit der Frage, die er am besten schon gestellt hätte, als sie sich an der Hausthür trafen. »Können Sie mir Mr. Gallilee’s Adresse sagen?«

»Gewiß. Per Adresse des Earls of Northlake ——«

»Wollen Sie dieselbe, bitte, in mein Notizbuch schreiben? Ich bin durch diese schreckliche Sache so aufgeregt, daß ich meinem Gedächtnisse nicht trauen kann.«

»Solch ein Bekenntniß der Hilflosigkeit genügte Mr. Mool, sich aufzuraffen; und das Notizbuch ablehnend, schrieb er die Adresse aus ein Telegramm: »Sofort zurückkehren: Ihre Gattin ist ernstlich krank.« Nach fünf Minuten war dasselbe unterwegs nach Schottland und Mr. Null stand es frei, seine melancholische Geschichte zu erzählen —— wenn er konnte.

Mit Hilfe Mr. Mools kam er auch glücklich damit zu Stande. »Ich habe heute Morgen,« fuhr er fort, »die besten Gutachten eingeholt, die in London zu bekommen sind. Da kein Erbübel vorliegt, so denken die Doktoren von den Chancen der Genesung ganz günstig.«

»Ist es Tobsucht?«

Mr. Null gab zu, daß zwei Wärterinnen nöthig wären. »Die Doktoren sehen ihre Heftigkeit nicht als entmuthigendes Symptom an,« sagte er, »sondern neigen dazu, dieselbe ihrer starken Konstitution zuzuschreiben. Ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, was ich von dem Falle wußte. Ohne die bedauerlichen Familienverhältnisse zu erwähnen ——«

»Ich bin zufällig mit denselben bekannt,« warf Mr. Mool ein. »Stehen dieselben in irgend einer Weise mit dem schrecklichen Stande der Dinge in Beziehung?« Er stellte diese Frage in einer Weise, als ob er persönlich ein großes Interesse daran hätte, dieselbe beantwortet zu hören.

Mr. Null ließ sich indeß in seinem Berichte nicht unterbrechen. »Ich hielt es für Recht, mit aller nöthigen Reserve zu erwähnen, daß Mr. Gallilee —— ich will Sie nicht mit medizinischen Ausdrücken quälen —— sagen wir, daß ernstliche geistige und körperliche Prüfungen über sie gekommen seien, ehe ihr Verstand unterlag.«

»Und sie hielten das für die Ursache ——?«

Doch Mr. Null behauptete seine Würde. »Die Doktoren waren mit mir derselben Ansicht, daß es ihre Willenskraft erschüttert habe.«

»Sie machen mich leichter, Mr. Null —— unendlich leichter! Wenn die Art und Weise, wie wir die Kinder entfernten, das Unheil angerichtet hätte, würde ich es mir nie vergeben haben.«

Erröthend hielt er inne. Ob wohl Mr. Null die Unvorsichtigkeit bemerkt hatte, die ihm in seiner Aufregung über die Zunge geschlüpft war? Derselbe sah aus, als ob er eine Frage stellen wollte; darin aber kam ihm der Anwalt zuvor.

»Darf ich fragen, wie Sie dazu kamen, mich nach Mr. Gallilee’s Adresse zu fragen? Kamen Sie von selbst darauf?«

Mr. Null, der sein Leben lang nie von selbst auf etwas gekommen war, antwortete: »Ein sehr intelligenter Mensch erinnerte mich daran, daß Sie ein alter Freund Mr. Gallilee's seien. Um es kurz zu sagen, Joseph war es —— der Bediente in Fairfield-Gardens.«

Josephs Meinung hatte für Mr. Mools Berufsinteressen keine Wichtigkeit. Er konnte die Neugier seines Besuchers befriedigen, ohne befürchten zu müssen, sich in der Achtung eines Klienten herabzusetzen.

»Es ist wohl das Beste, wenn ich meine zufällige Anspielung in Betreff der Kinder erkläre,« begann er. »Mein guter Freund, Mr. Gallilee, hatte seine Gründe, seine Töchter auf eine Zeit lang von Hause fortzubringen —— Gründe, denen ich, wie ich hinzufügen muß, beistimme. Die Kinder sollten der Obhut ihrer Tanne, der Lady Northlake übergeben werden. Unglücklicherweise war dieselbe mit ihrem Gemahl auf ihrer Yacht unterwegs, so daß sie Maria und Zo nicht sofort aufnehmen konnten. In der Zwischenzeit drohte der Entschluß Mr. Gallile's —— Sie kennen unseren ausgezeichneten Freund? —— drohte also sein Vorsatz, seine Autorität zur Geltung zu bringen (um es offen zu sagen, dem erwarteten Widerstande seiner Frau Trotz zu bieten) wankend zu werden. Ich muß leider sagen, daß ich diese —— diese Art heimlicher Abreise, die in der That stattfand, vorgeschlagen habe. Ich gab auch zu, daß die nothwendige Kleidung heimlich hierher gebracht wurde, bis sie dieselbe auf dem Wege nach der Bahn abholen könnten. Es war ja nicht sehr klug gehandelt, aber ich that es in bester Absicht. Kann ich noch weiter irgendwie nützlich sein. Mr. Ovid wird schreckliche Neuigkeiten hören, wenn er heimkommt Können wir ihn nicht auf irgend eine Weise vorbereiten?«

»Er hat mich gebeten, ihm eine Depesche nach Queenstown zu schicken.«

»ist kein Freund da, der ihn dort empfangen könnte? Ich habe wichtige Fälle zu vertreten, bei denen es sich um Vermögen und Ruf handelt, sonst würde ich mit Freuden selbst gehen. Sie mit Ihren Patienten sind ebenso wenig abkömmlich. Wissen Sie nicht sonst einen Freund?«

Mr. Null wußte sich keines zu erinnern und hatte nichts vorzuschlagen. Er war von den drei Männern, die jetzt durch ein häusliches Unglück zusammengebracht waren, ohne Zweifel der schwächste. Mr. Mool hatte Gesetzeskenntniß und konnte bei Gelegenheit zur Energie angestachelt werden; Mr. Gallilee besaß warmes Gefühl, das sich, wenigstens wenn er gereizt wurde, Geltung verschaffen konnte; Mr. Null hingegen war als Arzt und Mensch gleich unfähig, seine engen Schranken zu überschreiten. Er unterwarf sich der Kraft der Ereignisse wie ein Kohlblatt dem Zahne des Kaninchens.



Kapiteltrenner

Capitel LVII.

Nachdem Mr. Null das Haus des Rechtsanwalts verlassen, hatte er seine Krankenbesuche zu machen, und er ging nun zuerst zu Carmina, in Betreff welcher er seit jenem unglücklichen Lärm wieder zweifelhaft und ängstlich zu werden anfing.

Im Wohnzimmer fand er Teresa mit der Wirthin in einer Berathung, mit deren Natur ihn erstere in ihrer Weise bekannt machte.

»Wir haben zweierlei, was uns Kopfschmerzen macht,« sagte sie, »und das Schlimmste von beiden ist der Musiklehrer. Man erzählt sich im Hospital —— und jedenfalls geht das von ihm selbst aus ——, daß ich ihm absichtlich die Finger gequetscht hätte. Das ist eine Lüge! Ich konnte ihn ja gar nicht sehen, und als ich der Schrankthür einen Stoß gab, wußte ich wahrhaftig nicht, wo er seine Hand hatte. Wenn ich etwas beabsichtigte, so wollte ich ihm höchstens eine Ohrfeige geben, weil er in meinem Zimmer herumspionierte. Hier unsere Freundin will sich erkundigen, wie es ihm geht, und meine Vertheidigung mitnehmen. Wir haben hier etwas für die Doktoren aufgesetzt; sehen Sie es doch einmal an, ob es kurz genug ist, um Niemandem lästig zu sein, und klar genug, um die Wahrheit zu sagen.«

Mr. Null bewies eine traurige Unkenntniß der ersten Grundsätze der Kritik. Er las nicht nur den ihm unterbreiteten Aufsatz von Anfang bis zu Ende durch, sondern sprach sich auch in höflichen Wendungen über den Verfasser aus.

»Nun zu der anderen Sache,« fing Teresa dann an. »Sie sagten, daß ich selbst krank werden würde, wenn ich nicht eine Unterstützung bei Carmina's Pflege bekäme. Nun, die Person ist da.«

»Wo?«

Teresa zeigte nach der Kammer.

»Eine von mir empfohlene?« fragte Mr Null.

»Eine von sich selbst empfohlene? und wir mögen sie nicht leiden. Das ist das Zweite, was uns drückt.«

»Ohne meine Billigung hat keine Pflegerin hier etwas zu thun,« sagte Mr. Null in geziemender Berücksichtigung seiner Wichtigkeit. »Ich werde sie auf der Stelle fortschicken.«

Als er die grüne Thür aufstieß, saß eine Dame neben Carmina's Bette. Selbst in dem hier herrschenden Dämmerlichte konnte er sich nicht irren —— es war Miß Minerva.

Dieselbe erhob sich und machte ihm eine Verbeugung, die er steif erwiderte. Die schützende Sorge der Natur verleiht den Dummen ein instinktives Mißtrauen gegen das Fähige Mr. Null hatte Miß Minerva nie leiden können, und gleichzeitig fürchtete er sich etwas vor ihr. Dies war nicht die Art Wärterin, die sich auf der Stelle fortschicken ließ.

»Ich habe mit Angst auf Ihr Kommen gewartet,« sagte sie und führte ihn zu dem anderen Ende des Zimmers. »Carmina erschreckt mich,« fuhr sie im Flüstertone fort. »Seit einer Stunde bin ich hier, und als ich hereinkam, schien wieder Leben in ihr Gesicht zu kommen, und sie vermochte ihre Freude über meinen Anblick auszudrücken, so daß sogar die eifersüchtige alte Amme die Veränderung zum Bessern bemerkte. Warum hielt das nicht an? Sehen Sie sie an —— o, sehen Sie sie nur an!t«

Der traurige Rückfall nach der kurzen Erregung war für Jeden sichtbar.

Das war die »scheinbare Paralysis«, die sich klar auf dem ganzen Gesichte zeigte. Carmina lag da, still wie eine Todte, mit abwesendem Blick nach dem Fußende des Bettes starrend. Mr. Null, dem dies Einmischen einer Frau in die Erfüllung seiner Pflicht durchaus nicht behagte, fühlte in mürrischem Schweigen den Puls der Patientin, die dabei weder die Augen bewegte, noch überhaupt zeigte, daß sie seine Berührung fühlte. Teresa, die es nicht erwarten konnte, die Aufdringliche fortgeschickt zu sehen, öffnete die Thür, sah herein und wurde von Miß Minerva eingeladen, ihren Platz am Bette wieder einzunehmen. »Ich bitte nur, denselben einnehmen zu dürfen,« sagte letztere rücksichtsvoll, »wenn Sie der Ruhe bedürfen.« Teresa wollte eine unliebenswürdige Antwort geben, fand aber nicht die Zeit, dieselbe in Worte zu kleiden, denn Miß Minerva wandte sich schnell an Mr. Null und sagte: »Ich muß Sie noch auf einige Worte sprechen, und werde im Wohnzimmer auf Sie warten.«

Ihr Aussehen erinnerte ihn an gewisse Momente in der Vergangenheit. Wenn sie auch nur ein Weib war, so besaß sie doch eine Entschlossenheit, die kein Widerstand erschüttern konnte; und so folgte er ihr ins Wohnzimmer und wartete mürrisch auf das, was sie zu sagen hatte.

»Ich will Sie nicht durch ein Eingehen auf meine eigenen Angelegenheiten belästigen,« begann sie, »sondern nur sagen, daß ich eher, als ich erwartet hatte, eine Stelle gefunden habe, und daß die Eltern wünschten, daß ich schon in Paris zu ihnen käme. Ich war Carmina einen Brief schuldig, hatte aber meine Gründe, nicht eher zu schreiben, bis ich wußte, ob sie London verlassen hätte oder nicht. In dieser Absicht sprach ich heute Morgen im Hause ihrer Tante vor; und das, was ich von der Dienerschaft hörte, brachte mich hierher. Ich mache keinen Kommentar und bitte nicht um Erklärungen; nur eins muß ich wissen, da Teresa mich deshalb an Sie verweist. Behandelt sie noch ein anderer Arzt?«

»Ich konsultiere mit Herrn Doktor Benjulia,« antwortete Mr. Null steif, »und erwarte denselben heute.«

Sie stutzte »Doktor Benjulia ?" wiederholte sie.

»Die größte Autorität, die wir haben!« erklärte Mr. Null in seiner entschiedensten Weise.

Stillschweigend beschloß sie, zu warten, bis Doktor Benjulia ankäme. »Wie lauten die letzten Nachrichten von Mr. Ovid?« fragte sie nach einiger Ueberlegung.

Er erzählte es ihr in wenigen Worten und es entging sogar ihm dabei nicht, daß es sie zu erregen schien.

»Ach, Mr. Null! wer soll ihn auf das vorbereiten, was er dort im Zimmer sehen wird? Wer soll ihm sagen, was er von seiner Mutter erfahren muß?«

»Die Sache ist mir überlassen!« verkündete Mr. Null mit seiner ganzen Würde. »Ich werde ihm ein Telegramm nach Queenstown entgegenschicken.«

Die hartnäckige Gefühllosigkeit seines Tones ließ sie das nicht aussprechen, was Mr. Mool bereits gesagt hatte. Auch sie empfand Theilnahme für Ovid, als sie an die grausame Kürze eines Telegramms dachte. »An welchem Datum wird das Schiff in Queenstown ankommen?« fragte sie.

»Um sicher zu gehen, werde ich in acht Tagen telegraphieren,« erwiderte Mr. Null.

Mit weiteren Fragen bemühte sie ihn nicht. Er war absichtlich stehen geblieben in der Erwartung, daß sie den Wink befolgen und gehen würde, und ging nun ans Fenster und sah hinaus. Sie blieb in ihrem Stuhle und überließ sich ihren Gedanken. Einige Minuten später ließ sich ein schwerer Tritt auf der Treppe vernehmen, und gleich darauf erschien Benjulia.

Er sah Miß Minerva scharf an, dabei unverhohlen seine Ueberraschung bekundend, sie hier im Hause zu finden. Sie erhob sich und machte den Versuch, sich ihn geneigt zu machen, indem sie ihm die Hand reichte. »Ich erwarte mit Spannung, Ihre Ansicht zu hören,« sagte sie freundlich.

»Das bekundet mir Ihre Hand, die an einem warmen Tage kalt ist,« antwortete er. »Sie sind ein erregbares Wesen.«

Dann sah er Mr. Null an und ging nach dem Schlafzimmer voraus.

Allein gelassen entdeckte Miß Minerva auf einem Seitentische Schreibutensilien, die hier für Mr. Nulls nächstes Rezept bereit gehalten wurden. Sie bediente sich derselben sofort, um an die Leute zu schreiben, welche sie engagiert hatten. »Eine theure Freundin von mir ist ernstlich krank und bedarf dringend meiner ganzen Pflege. Sollten Sie Willens sein, mich für eine kurze Zeit meiner Pflichten zu entheben, so wird Ihre Sympathie und Nachsicht an keine Undankbare weggeworfen sein. Können Sie mir diesen Gefallen nicht thun, so bitte ich um Verzeihung, daß ich Ihnen Unbequemlichkeiten verursache, und überlasse es einer Anderen, deren Gemüth die nöthige Ruhe hat, den Platz einzunehmen, den ich gegenwärtig nicht im Stande bin auszufüllen.«

Nach Beendigung dieses Briefes wartete sie auf Benjulia's Rückkehr.

Als sie so nach der Kammerthür sah, lag Traurigkeit aber keine Aufgeregtheit aus ihrem Gesicht. Endlich war der Sieg über sich selbst gewonnen —— sie wußte es im innersten Herzen. Carmina konnte ihr jetzt trauen, und Ovid selbst sollte es sehen!

Mr. Null kam allein nach dem Wohnzimmer zurück; Doktor Benjulia habe keine Zeit zu verlieren und die Kammer durch eine andere Thür verlassen.

»Da Sie ängstlich zu sein scheinen, so kann ich Ihnen sagen, daß mein Kollege Allem, was ich vorgeschlagen habe, beistimmt; wir erkennen die neuen Symptom, ohne die geringste Beunruhigung zu fühlen.« Nachdem er dies Bulletin aufgegeben hatte, nahm Mr. Null Platz, um sein Rezept zu schreiben.

Als er wieder aussah, war das Zimmer leer. Hatte sie das Haus verlassen? Nein; ihr Reisehut und ihre Handschuhe lagen dort noch aus dem anderen Tische. Er ging mit dem Rezepte in die Kammer. Dort war sie, und neben ihr saß die feindselige Amme und hörte ihr zu! Was für ein Thema konnte das nur sein, das zwei solchen Frauen neutralen Boden bot? Nur Mr. Null verließ das Haus, ohne im Geringsten zu argwöhnen, daß es Carmina sein könnte.

»Soll ich versuchen sie zu ermuntern?«

Teresa's Antwort war, daß sie Miß Minerva schweigend den Platz am Bette abtrat. Diese berührte Carmina's Hand und sagte: »Haben Sie die gute Nachricht gehört, liebe Carmina? Ovid kommt in etwas mehr als einer Woche zurück.«

Carmina sah widerstrebend ihre Freundin an und sagte dann mit Anstrengung: »Ich freue mich.«

»Sie werden sich besser fühlen, sobald Sie ihn gesehen haben,« fuhr Miß Minerva fort.

Das Gesicht der Kranken wurde leicht belebt. »Ich werde ihm Lebewohl sagen können,« antwortete sie.

»Nicht Lebewohl, mein Liebling. Er kehrt ja nach einer langen Reise zu Ihnen zurück.«

»Ich trete eine noch längere Reise an.« Dann schloß sie die Augen, sei es nun, daß sie zu matt oder zu gleichgültig war, um noch etwas zu sagen.

Verzweifelt gegen die Thränen ankämpfend, die ihr unwiderstehlich über das Gesicht rannen, zog sich Miß Minerva zurück. Die eifersüchtige Amme näherte sich ihr leise und küßte ihr die Hand, indem sie sagte: »Ich bin grob und dumm gewesen; Sie lieben sie fast ebenso wie ich.«

Eine Woche später verließ Miß Minerva London, um Ovid in Queenstown zu erwarten.



Kapiteltrenner

Capitel LVIII.

Mr. Mool erwartete die Ankunft seines Freundes in Fairfield Garben, um ihm die eigentliche Bedeutung des kurzen vorsichtig gefaßten Telegramms zu erklären, durch welches er ihn aus Schottland herbeigerufen hatte. Aber Mr. Gallilee schien nur einem Gedanken kaum Raum geben zu können —— dem Verlangen nach Versöhnung mit seiner Frau. Er bestand darauf, seine Gattin zu sprechen. Vergebens erklärte man ihm, sie sei völlig außer Stande, seine Wünsche zu erwidern oder auch nur zu verstehen. Und als man ihm schließlich kurzweg den Zutritt zum Krankenzimmer untersagte, da brach der gutmüthige Mann in so heftiges Schluchzen aus, daß sogar die Entschlossenheit der Aerzte erschüttert wurde. Der eine derselben ging nach oben, um mit den Wärterinnen zu sprechen, der andere meinte: »Man könnte ihn doch wohl zu der Kranken lassen.«

Aber sowie er in das Zimmer trat, erkannte ihn Mrs. Gallilee mit einem lauten Aufschrei wahnsinniger Wuth. Mit Mühe nur vermochten die Wärterinnen sie zurückzuhalten, bis Mr. Mool ihn wieder aus dem Zimmer gezogen und die Thür geschlossen hatte. Die Doktoren hatten Recht behalten. Mit seinen eigenen Augen hatte Mr. Gallilee sich von der traurigen Nothwendigkeit überzeugt, seine Gattin aus dem Hause zu entfernen. Mit seiner Zustimmung wurde sie noch an demselben Tage nach einer Privat-Irrenanstalt gebracht.

Maria und Zo hatte er in Schottland zurückgelassen, wo dieselben zum ersten Mal in ihrem Leben unter der liebevollen Obhut ihrer Tante und in der Gesellschaft ihrer Cousinen vollkommen glücklich waren. Mr. Gallilee selbst blieb in London, aber nicht allein und verlassen in seinem vereinsamten Hause. Sein Freund, der Rechtsanwalt, lud ihn ein, als Gast in seinem Hause zu wohnen, und dessen Frau und Töchter hießen ihn mit aufrichtiger Theilnahme willkommen. Es beruhigte ihn auch die Aussicht auf die nächste Zukunft: Ovids bevorstehende Ankunft war der Trost, an den er sich hielt.

Dann durfte er auch Carmina besuchen, denn man hoffte, gerade er würde angenehme Erinnerungen in ihr wachrufen, welche einen heilsamen Einfluß auf ihren Gemüthszustand ausüben könnten. Sie lächelte allerdings und gab ihm die Hand, als er an ihr Bett trat —— aber das war auch Alles.

Ihr Anblick hatte ihn zu schmerzlich bewegt, als daß er danach verlangte, sie noch einmal zu sehen. Er beschränkte sich darauf, täglich sich in Person nach ihrem Befinden zu erkundigen, aber die Antwort war jeden Tag dieselbe.

Miß Minerva hatte vor ihrer Abreise von London auf eigene Hand die freien Parterrezimmer des Chambre garnie für Ovid gemiethet, denn sie kannte sein Herz, als wäre es ihr eigenes. Einmal unter demselben Dach mit Carmina, würde er es nicht wieder verlassen, bis sie entweder dem Leben und ihm wiedergegeben oder der Tod sie ihm für immer genommen. Als Mr. Gallilee hiervon hörte, ließ er das Schreibpult und die Bücher, sowie die Vasen und die verwelkten Blumen, die Carmina in Fairfield Gardens zurückgelassen, nach diesen Zimmern bringen, denn er dachte, Alles, was ihr gehört, wird sicherlich dem armen Jungen hochwillkommen sein, wenn er zurückkehrt.

An einem Nachmittag, den er nie wieder vergaß, trat er eben ins Haus, um seine tägliche Erkundigung über Carmina's Befinden einzuziehen, als sich eine Thür im Parterre öffnete und Miß Minerva ihn zu sich winkte.

Ihr plötzlicher Anblick erschreckte fast Mr. Gallilee und er fragte ängstlich flüsternd, ob Ovid angekommen sei.

Sie zeigte nach oben und antwortete: »Er ist jetzt eben bei ihr.«

»Wie trug er ihren Anblick?«

»Das wissen wir nicht, wir hatten nicht den Muth, ihm in das Zimmer zu folgen.«

Während sie sprach, wandte sie sich zum Fenster. Dort saß Teresa —— apathisch hinausblickend. Mr. Gallilee redete sie freundlich an, aber sie antwortete nicht, ja sie bewegte sich nicht einmal. »Ihre Kraft ist zu Ende,« flüsterte Minerva ihm zu, »wenn sie jetzt noch an Carmina denkt, so denkt sie ihrer ohne Hoffnung.«

Er schauderte. Seine eigene Furcht sprach sich in diesen Worten aus —— und er entsetzte sich davor. Miß Minerva nahm seine Hand und führte ihn zu einem Stuhl. »Ovid wird am besten beurtheilen können, wie es steht,« mahnte sie ihn, »verzagen wir nicht, bis wir hören, was Ovid sagt.«

»Kamen Sie ihm bis an Bord des Dampfers entgegen,« fragte Mr. Gallilee.

»Ja.«

»Wie sah er aus?«

»So wohl und stark, daß Sie ihn kaum wiedererkannt haben würden.«

»Erschreckte ihn die Nachricht von Carmina?«

»Sprechen Sie nicht davon! Ich hatte Muth genug, ihm die volle Wahrheit zu sagen, aber nicht Muth genug, ihm dabei ins Auge zu sehen.«

»Sie gutes Mädchen! Sie liebes gutes Mädchen! Verzeihen Sie, wenn meine Frage Sie betrübte, ich hatte das nicht gewollt.«

»Nein, betrübt haben Sie mich nicht, Mr. Gallilee ist sonst noch etwas, worüber Sie von mir zu hören wünschten?«

Mr. Gallilee zögerte. »Ich möchte nicht gern davon sprechen,« sagte er, »aber da ist noch Eins. Erzählten Sie ihm, was geschah ——?«

Er hielt inne, aber Miß Minerva verstand seine unvollendete Frage.

»Ja,« antwortete sie, »von seiner Mutter berichtete ich ihm zuerst.«

»Weshalb?«

»Ich dachte, er würde sie dann milder richten, wenn wir auf Carmina zu sprechen kämen. Ich meinte, wenn ich ihm dann sagen mußte ——«

Mr. Gallilee unterbrach sie. »Sprechen Sie nicht weiter!« rief er mit entsetztem Blick. »Alles was ich besitze, würde ich darum geben, es vergessen zu können. Was sagte Ovid?«

»Um seiner Mutter willen verhinderte er mich, ebenso wie Sie, das Schrecklichste auszusprechen. Er sagte: »Es genügt mir zu wissen, daß sie es war, die die Schuld trug. Ich war darauf vorbereitet, als ich Zo's Brief gelesen hatte; das Schweigen meiner Mutter konnte nur in einer Weise gedeutet werden. —— Wissen Sie nichts davon, Mr. Gallilee, daß das Kind an ihn geschrieben hatte?«

Die Ueberraschung und das Entzücken, welches Zo’s liebevoller alter Vater bezeigte, als er die Geschichte des Briefes hörte, zwang Miß Minerva sogar in dieser Zeit der Angst und Sorge zu einem matten Lächeln. Ganz begeistert erklärte er, nur zwei Gründe hielten ihn ab, noch heute mit dem Courierzuge zu seiner geliebten Tochter zu eilen. Erst würde er noch seinen Stiefsohn sehen, ehe er nach Schottland zurückkehrte, und dann würde er erst noch alle Spielläden in London nach dem prachtvollsten Geschenk durchsuchen, was man einem kleinen Mädchen von zehn Jahren machen könnte. »Sagen Sie Ovid, mit meinem herzlichsten Gruß, daß ich morgen früh wiederkommen werde. Ich habe gerade noch Zeit genug vor dem Postschluß zu einem Brief an Zo.« Damit begab er sich eiligst nach seinem Klub, zum ersten Mal seit seiner Rückkehr nach London. Miß Minerva dachte der alten Zeit und fragte sich, wie ihm heute wohl sein Champagner schmecken würde.

Ein wenig später kam Doktor Null.

Andere Frauen in Miß Minerva's und Teresa's Lage hätten vielleicht nicht gewagt, dem Arzt den Zutritt zum Zimmer seiner Patientin zu verweigern. Aber diese beiden waren fest entschlossen. Sie weigerten sich sogar, Ovid auch nur durch die Meldung von der Anwesenheit des Doktors zu stören. Doktor Null war ernstlich beleidigt. »Verstehen Sie mich wohl, Sie Beide,« sagte er, »wenn ich morgen früh wiederkomme, werde ich darauf bestehen, nach oben zu gehen —— und wiederholt sich dann diese Unhöflichkeit, so verzichte ich auf die weitere Behandlung der Kranken.« Damit verließ er das Zimmer, triumphierend in dem Narrenstolz seiner Unverschämten Selbstüberschätzung.

Sie warteten noch etwas länger, und noch immer kam keine Nachricht von oben. »Vielleicht ist es nicht richtig, daß wir hier bleiben,« meinte endlich Miß Minerva, »er wird lieber allein sein, wenn er von ihr kommt —— gehen wir.«

Damit erhob sie sich, um nach dem Hause zurückzukehren, wo sie jetzt in Stellung war. Die Familie dort achtete sie hoch und fühlte mit ihr. So lange Carmina's Krankheit dauern würde, hatte man ihr völlig freie Verfügung über ihre Zeit gegeben. Die Amme begleitete sie bis zur Hausthür, um sich dann nach dem Zimmer der Wirthin zu begeben. »Ich fürchte mich, allein zu bleiben,« meinte Teresa beim Abschiede, »sogar das Geplapper dieses alten Weibes von Wirthin kann ich leichter ertragen, als meine eigenen Gedanken.«

Dann blieben sie noch einen Augenblick lauschend im Flur stehen, die Treppe nach oben emporblickend, aber kein Laut drang zu ihren Ohren.



Kapiteltrenner

Capitel LIX.

Von so vielen zerstörten Hoffnungen hatte sich wenigstens eine erfüllt: —— sie waren wieder bei einander.

In dem verdunkelten Zimmer wären ihre matten Augen kaum im Stande gewesen zu sehen, wie qualvoll er litt, selbst wenn sie zu ihm aufgeblickt hätte. Aber es genügte ihr zu wissen, daß er neben ihr saß, und ihr Haupt an seiner Brust ruhen zu lassen, seinen Arm um ihren Nacken zu fühlen. »Ich bin glücklich, mein Theurer,« sagte sie, »diesen Augenblick noch erlebt zu haben.«

Das waren ihre ersten Worte —— nach dem ersten Kusse. Sie hatte gezittert und geseufzt, wie er an ihr Lager eilte und sich über sie beugte; es war die einzige Aeußerung all ihrer Liebe und all ihrer Freude, die ihr noch möglich war. Aber ihre Schwäche schwand, ihr letzter Rest von Kraft sammelte sich durch der Liebe sanftes Drängen. Stumm für alle anderen Freunde, war sie jetzt im Stande, zu Ovid zu sprechen.

»Sonst athmetest Du so leise,« sagte sie; »wie kommt es, daß ich Dich jetzt höre? Ach, Ovid, nicht weinen! Ich könnte es nicht ertragen.«

Gefaßt antwortete er ihr: »Fürchte Dich nicht, mein Liebling. Ich werde Dich nicht betrüben.«

»Und ich darf Dir sagen, was ich sagen möchte?«

»Gewiß.«

Sie war zufrieden. »Erst möchte ich noch ein wenig ruhen.«

Er antwortete nichts, niedergedrückt durch die schwere Hand der Verzweiflung.

Einst hatte es eine Zeit gegeben, als seine Kraft und Gesundheit erschüttert waren, da die dunklen Schatten der stillen Nacht, wie sie auf die Gefilde sich senkten —— da das schmetternde Lied der Lerche in der lichten Höhe des Mittagshimmels —— da die süßen, halb verlorenen Erscheinungen einer andern Welt, welche der Musik göttliche Klänge in uns wieder wachrufen —— da alles dies Thränen in seine Augen zu bringen vermochte. Jetzt waren seine Augen trocken! Seine einst so leicht erschütterten Nerven hatten auf den weiten Prairien und in der stärkenden Luft des fernen Westens Kraft und Festigkeit gefunden. Jenes Empfinden, das in Thränen zerfließt, ward überwältigt von der neuen Lebenskraft, welche seine Ideen durchströmte, unbekümmert darum, ob sie lebte oder ob sie starb. Jene tiefen Athemzüge, welche sie erschreckt, waren das letzte vergebliche Ankämpfen der Qual seiner Seele gewesen, welche durch die Kraft und Stärke seines Körpers den Weg zu den verlorenen Quellen der Thränen zu finden sich mühte, aber vergebens, denn die Kraft des Körpers trotzte der Schwäche der Seele. Die Natur hatte diesen Mann neugeschaffen —— und die Natur kennt kein Mitleid, kennt kein Erbarmen.

Es kostete ihr Mühe, ihre Gedanken wieder zu sammeln —— aber es gelang ihr —— sie war im Stande, ihm zu sagen, was ihr die Seele bewegte.

»Was meinst Du, Ovid? Wird es Deiner Mutter gleich sein, was mit mir geschieht, wenn ich todt bin?«

Er fuhr entsetzt empor bei diesen schrecklichen und doch so sanft, so geduldig gesprochenen Worten. »Du wirst leben, meine Carmina!« rief er. »Wozu wäre ich hier, wenn nicht dazu, Dich dem Leben zurück zu gewinnen.«

Sie machte keinen Versuch, ihm zu widersprechen. Aber ruhig, beharrlich kam sie auf den Gedanken zurück, der sie beherrschte.

»Sage Deiner Mutter, Ovid, daß ich ihr vergebe, und daß ich sie dafür nur um eine Gunst bitte. Ich bitte sie, mich Dir zu lassen, wenn mein Ende gekommen. Mein Theurer, ich fühle in mir ein unüberwindliches Grauen. Laß mich nicht in einem großen Kirchhof begraben werden, übervoll von den vielen Todten! Ich sah einmal ein Bild —— zu Hause, glaube ich, in Italien —— ein englisches Bild von einem kleinen Kirchhof auf dem Lande. Die Schatten der Bäume breiteten sich so friedlich über die stillen, einsamen Gräber. Versprich mir, Ovid, versprich mir, daß Du mich nach solch einem Orte bringst!«

Er versprach es, und sie dankte ihm.

»Es war noch etwas,« sagte sie dann nach einer längeren Pause. »Mein Kopf ist so müde. Ob ich mich nicht wieder darauf besinnen kann?«

Nach einer Weile fiel es ihr ein. »Ich möchte Dir ein Andenken geben. Bitte, nimm mir meine goldene Halskette ab.«

Er gehorchte ihr. An der Kette hing ein Medaillon mit ihrem theuersten Reichthum, den Bildern ihres Vaters und ihrer Mutter.

»Trage sie um meinetwillen,« flüsterte sie. »Hebe mich auf; ich möchte sie Dir selbst um den Hals legen.« Vergebens suchte sie die Kette zu schließen. Ihr Haupt sank wieder aus seine Brust. »Zu müde, —— immer jetzt —— so müde! —— Sage, daß Du mich lieb hast, Ovid.«

Er bestätigte es ihr.

»Küsse mich, Lieber!«

Er küßte sie.

»So, nun lege mich wieder auf mein Kissen Ich bin noch nicht achtzehn —— und ich fühle mich so alt wie achtzig. Ruhe! Nach nichts sehne ich mich, als nach Ruhe!« Liebevoll ihn anblickend, schlossen sich ihre Augen, langsam, allmälig —— dann öffneten sie sich noch einmal. »Bleibe nicht hier in diesem traurigen Zimmer, mein Liebling; ich werde Dich rufen lassen, wenn ich wieder aufwache.«

Das war der einzige ihrer Wünsche, dem er nicht gehorchte. Dann und wann faßten seine Finger ihren Puls und fühlten das schwache Schlagen desselben. Von Zeit zu Zeit beugte er sich über sie und ließ seine Wange von dem leisen Hauch ihres Athems streifen. Die Dämmerung kam, das Dunkel der Nacht begann das Zimmer zu ersticken. Und immer noch saß er regungslos an ihrem Lager, einem Manne gleich, der von unlösbarem Zauberbann gefesselt ist.



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Capitel LX.

Da, ein Laut aus der gewöhnlichen Alltäglichkeit, das Anstreichen eines Streichholzes im Nebenzimmer, und der Zauber war endlich gebrochen.

Er erhob sich und tappte bis zur Thür. Teresa hatte sich nach oben gewagt und ein Licht angezündet. Instinktive Scheu vor ihm ließ sie schweigen, als er sie erblickte. Er stammelte und starrte verwirrt um sich, als er zu sprechen versuchte.

»Wo —— wo ——?« Er schien die Herrschaft über seine Gedanken verloren zu haben. Erschöpft hielt er inne, dann versuchte er es noch einmal. »Ich will allein sein,« war schließlich Alles, was er hervorbringen konnte.

Teresa nahm ihn bei der Hand, als wäre er ein Kind, und führte ihn die Treppe hinunter nach seinen Zimmern. Schweigend blickte er vor sich hin, während sie die Lichter anzündete »Kann ich sonst noch etwas für Sie thun?« fragte sie endlich. Er schüttelte den Kopf. Ihr Mitleiden gab ihr Muth, und: »Versuchen Sie zu beten,« sagte sie, bevor sie das Zimmer verließ.

Er sank auf die Knie; aber noch immer versagte ihm die Stimme. Vergebens suchte er Ruhe für seine Seele in heiligen Gedanken. Nein! Die dumpfe Qual in ihm vermochte keine Erleichterung zu finden. Nur noch Schatten von Gedanken kreuzten seinen Sinn, seine Augen brannten ihm von einer glühenden Hitze. Er begann sich vor sich selbst zu fürchten. Die Gewohnheit des Wanderlebens, das er in letzter Zeit geführt, trieb ihn gleich dem Instinkt eines Thieres hinaus in den freien Raum und die frische Luft. Ohne zu wissen und ohne sich darum zu kümmern, wohin sein Weg ihn führte, eilte er weiter und weiter, bis die gedrängten Häuser sich zu vereinzeln begannen, schließlich ganz aufhörten, und er sich allein fand auf einer einsamen, vom Monde beschienenen Landstraße Er folgte derselben, bis er ihrer müde war, und wandte sich dann seitwärts auf einen gewundenen Fußpfad. Das Licht des Mondes im Wechsel mit den Schatten der Bäume erfreute und beruhigte ihn. In der Bewegung hatte er die Erleichterung gefunden, die ihm in der Ruhe versagt geblieben war. Er konnte wieder denken, er konnte wieder fest wollen, seine geliebte Braut entweder zu retten oder mit ihr zu sterben. Jetzt endlich war er Mannes genug, der schrecklichen Gefahr, die ihn mit seinem Liebsten bedrohte, unerschrocken entgegenzutreten und den Kampf seiner Kunst, seiner Wissenschaft und seiner Liebe gegen die Macht des Todes aufzunehmen. Jeder Augenblick —— das erkannte er jetzt —— jeder Augenblick war kostbar; unverzüglich mußte er zu ihr zurückeilen. Er blieb stehen und blickte um sich, aber er wußte nicht wo er war. Und hier auf dem einsamen Fußpfade würde er zu später Stunde schwerlich Jemandem begegnen, der ihm Auskunft geben könnte —— so wandte er sich denn zurück nach der Landstraße.

In demselben Augenblick trug ihm die stille Nachtluft ein Wölkchen stark riechenden Tabakrauches zu —— Jemand, der rauchte, mußte in seiner Nähe, auf oder dicht bei dem Fußpfade sein.

Sorgfältig folgte er der Richtung bis zu einem Gitterthor mit einem unbestellten Feld dahinter. Dort stand der Mann, dessen Tabaksrauch er gerochen hatte, an die Thürpforte sich anlehnend, die Pfeife im Munde.

Das Mondlicht fiel voll auf Ovids Züge, wie er sich jenem näherte, um ihn nach dem Wege zu fragen. Der Mann trat ihm plötzlich einen Schritt entgegen, starrte ihn an und rief: »Halloh! sind Sie es selbst oder Ihr Geist?«

Sein Gesicht war im Schatten, aber seine Stimme machte ihn kenntlich. Es war Benjulia.

»Wollen Sie mich besuchen s« fragte er.

»Nein.«

»Nun, geben Sie mir wenigstens die Hand.«

»Nein.«

»Was ist Ihnen denn in die Quere gekommen?«

Ovid hatte von Miß Minerva Alles gehört, was Teresa derselben über die Konsultationen zwischen Benjulia und Mr. Null erzählt, sowie was sie selbst bei den Besuchen Benjulia's beobachtet hatte. Nachdem er seinen aufsteigenden Jähzorn unterdrückt, antwortete er:

»Ich habe Carmina gesehen.«

Benjulia rauchte gelassen weiter und meinte: »Ein interessanter Fall, nicht wahr?«

»Sie wurden von Mr. Null konsultiert,« fuhr Ovid fort, »und Sie billigten seine unwissende, wirkungslose Behandlungsweise, trotzdem Sie es doch besser wissen mußten.«

»Natürlich wußte ich es besser ——«

»Mit offenen Augen leisteten Sie dem unwissenden Manne Vorschub, ließen Sie das arme Mädchen, ohne helfend einzugreifen, kränker und kränker werden —— zu irgend einem nichtswürdigen, selbstsüchtigen Zwecke ——«

»Das nichts« berichtigte ihn Benjulia gelassen. »Vielmehr zu einem sehr guten Zwecke, um der Wissenschaft willen, zur Bereicherung meines Wissens.«

»Wenn es mir nicht gelingt, die Gefahr, welche jetzt nur durch Ihre Schuld dem Leben Carmina's droht, noch abzuwenden ——«

Benjulia nahm seine Pfeife aus dem Munde und unterbrach ihn mit lebhaftem Interesse: »Wie gedenken Sie sie zu behandeln? Haben Sie eine neue Idee, haben Sie ein neues Mittel gefunden?«

»Rette ich sie nicht,« wiederholte Ovid, »so tragen Sie allein die Schuld an ihrem Tode. Erbarmungsloser Schurke, so wahr der Mond jetzt über uns scheint, so wahr soll mir Dein Leben für das Carmina's bezahlen.«

Staunen —— maßloses Staunen —— versiegelte Benjulia's Lippen. In wortloser Verwirrung blickte er Ovid nach, wie derselbe den Weg hinab von ihm forteilte. Die einzig mögliche Erklärung für solch unvernünftige Reden eines gelehrten Mitgliedes seines eigenen, des ärztlichen Standes, war die alte Alternative. »Wahnsinnig oder betrunken?« fragte er sich, während er seine Pfeife wieder anzündete. Auf dem Wege nach seinem Hause überkam ihn noch einmal sein altes Mißtrauen gegen Ovid, und so beschloß er, morgen oder übermorgen sich nach Teresa's Wohnung zu begeben, um dort von der Wirthin und dem Apotheker Erkundigungen einzuziehen, wie Carmina behandelt würde.

Als Ovid auf die Landstraße zurückgelangte, begegnete er einem nach London zu fahrenden Lastwagen. Der Kutscher bot ihm höflich an, ihn bis zum ersten Droschkenhalteplatz mitfahren zu lassen.

Sowohl die Wirthin als auch Teresa waren noch aus, als er zu Hause anlangte. Ihr Bericht über Carmina’s Befinden während seiner Abwesenheit bot keinen Grund zu neuer Beunruhigung, und so bot er ihnen gute Nacht, voll eifrigen Verlangens nach ungestörtem Alleinsein in seinem Zimmer.

In und außer dem Hause herrschte jetzt die lautlose Stille der Nacht, in der man am besten zu denken und zu überlegen vermag. Seine Gedanken waren klar; seine Erinnerung ließ ihn deutlich alle Erfahrungen aus seiner früheren Praxis überblicken, die ihm in seiner Noth von Nutzen sein konnten. Aber wo es sich um Carmina's Leben handelte, wagte er es nicht, sich allein auf sich selbst zu verlassen. Er hatte die Möglichkeit, eine höhere Autorität als seine eigene zu befragen. Aus seinem Koffer nahm er jenes kostbare Manuskript, das Vermächtniß des unglücklichen Arztes, dem er während seiner letzten Stunden in Montreal hilfreich zur Seite gestanden hatte.

Ovid schlug sogleich den Theil der Arbeit auf, welcher von den Krankheiten des Gehirns handelte und durch folgende Ausführung eingeleitet wurde:

»Da ich nicht weiß, in wessen Hände dieses Manuskript fallen wird, oder in welch unerwarteter Weise sich nach meinem Tode eine Gelegenheit zur Nutzbarmachung demselben bieten mag, so enthalte ich mich bei Darlegung der folgenden Thatsachen absichtlich aller technischen, dem Laien unverständlichen Ausdrücke.

»Bei der medizinischem wie überhaupt bei aller menschlichen Forschung wird das angestrebte Resultat häufig auf indirekten und völlig unerwarteten, überraschenden Wegen gewonnen. Was ich hier über die Krankheiten des Gehirns zu sagen habe, darauf ward ich in erster Linie durch die praktischen Erfahrungen bei zwei Krankheitsfällen hingeführt, welche ursprünglich nicht die geringste Aussicht auf eine Bereicherung meiner Kenntnisse in diesem Felde zu bieten schienen. Beide Fälle waren die junger Mädchen, deren durch heftige seelische Erschütterung herbeigeführte hysterische Affektion schließlich in scheinbare Paralysis auslief. Den einen dieser Fälle behandelte ich mit günstigem Erfolge. Bei dem anderen wandte ich dieselbe Behandlungsweise an, aber ein verhängnißvoller Zwischenfall führte plötzlich den Tod der Kranken herbei und machte die Sektion der Leiche nothwendig. Von diesen beiden Ausgangspunkten gelangte ich auf dem jetzt darzulegenden Wege zu Schlußfolgerungen und Entdeckungen, welche ein völlig neues Licht auf das Wesen und die Behandlung der Gehirnkrankheiten werfen.«

Stunde auf Stunde studierte Ovid die jetzt folgenden Seiten, bis sein Geist völlig eins war mit dem Geist des Autors. Dann wandte er sich wieder zu gewissen Andeutungen über die erste vorläufige Behandlung der beiden Mädchen —— von unendlichem Werthe für ihn wegen des augenblicklichen Zustandes Carmina’s. Die Morgendämmerung fand ihn in jeder Hinsicht vorbereitet, nur darauf wartend, daß der Anbruch des Tages ihn in den Stand setzen sollte, die nothwendigen Medikamente zu beschaffen.

Aber ehe er sich zu kurzer Ruhe niederlegte, mußte er sich zuvörderst noch persönlich überzeugen, wie es oben stand.

Er zog sich die Schuhe aus und schlich in Strümpfen die Treppe hinauf vor Carmina's Thür. Die treue Teresa war schon wach und suchte dringend die Kranke zu überreden, wenigstens einige Löffel Suppe zu genießen. Der Laut ihrer Stimme, wie sie ihrer Amme antwortete, ließ sein Herz sich krampfhaft zusammenziehen —— so schwach und leise war dieselbe. Aber wenigstens vermochte sie noch zu sprechen, und noch galt das alte Wort, das so Viele getröstet und so Viele betrogen —— so lange noch Leben da ist, so lange ist auch noch Hoffnung.



Kapiteltrenner

Capitel LXI.

Nach einer kurzen Unterredung mit seinem Stiefsohn, kehrte Mr. Gallilee zu seinen Töchtern nach Schottland zurück.

Gerührt durch seine väterliche Sorge um Carmina, versprach Ovid, ihn über die etwaigen Fortschritte, die sie zur Genesung machen würde, unterrichtet zu halten. Falls sich aber seine Erwartung, sie zu retten, als traurige Täuschung der Liebe und Hoffnung erwiese, dann sollte Schweigen ihm andeuten, was keine Worte auszusprechen vermochten.

Binnen zehn Tagen kam die quälende Ungewißheit zu einem glücklichen Ende. Die langsame Rekonvaleszenz mochte sich noch bis Ende des Jahres hinziehen, aber für Carmina's Leben drohte jetzt keine Gefahr mehr.

Befreit von der schrecklichen Angst, die ihn bis dahin niedergedrückt, war Ovid jetzt im Stande, einige Tage später ausführlich an Mr. Gallilee zu schreiben und dabei auch eingehend über eine scheinbar so geringfügige Sache wie das Verhalten des Dr. Null zu berichten.

»Dein alter Hausarzt hatte in seinem Briefe an Dich nur insofern Recht, als ich ihn allerdings seiner weiteren Bemühung um Carmina enthob. Aber seine lebhafte Einbildungskraft oder richtiger vielleicht sein übertriebenes Selbstbewußtsein hat ihn mit Unrecht Dir gegenüber behaupten lassen, daß ich ihn absichtlich beleidigt. Ich hatte mir vielmehr die größte Mühe gegeben, seine Gefühle auch nicht im Geringsten zu verletzen. Trotzdem schied er im Zorn.

»Einige Tage später empfing ich von ihm einen Brief, in dem er mich mit ironischer Höflichkeit fragte, ob ich ihm gestatten würde, die Kopien meiner Rezepte im Buch des Apothekers einzusehen. Trotzdem er alt genug wäre, um mein Vater sein zu können, schiene es doch, als ob die Erfahrung eines Lebens für nichts zu achten und es für ihn nothwendig sei, noch von einem jungen Manne, wie mir, zu lernen, u. s. w. u. s. w.

»Ja jener Zeit der Angst und Sorge hatte ich keine Muße, schriftlich zu antworten, und beschränkte mich deshalb darauf, ihm durch den Ueberbringer seines Briefes sagen zu lassen, er möge ganz nach seinem Gutdünken verfahren. Bevor ich Dir erzähle, welchen Gebrauch er von dieser Erlaubniß machte, muß ich Dir noch erst erklären, welche besondere Bewandtnis; es mit meinen Rezepten hatte. Fürchte Dich nicht vor langen gelehrten Auseinandersetzungen und glaube mir, daß ich nicht ohne gewichtigem zwingenden Grund Dich hiermit belästige.

»Eine Anmerkung in jenem Manuskript, dem ich nächst Gott die Erhaltung des Lebens meiner Carmina zu danken habe, warnte mich vor den Apothekern. die, wenigstens im Lande des Autors, die neuen, eigenartigen Medikamente, deren Rezepte das Manuskript enthielt, entweder anzufertigen sich geweigert oder sich eigenmächtig erlaubt hätten, die Wirkungsweisen und Quantitäten der Ingredienzien eigenmächtig zu verändern. Der erste Fall begegnete jetzt mir selbst, der Apotheker weigerte sich, meine Rezepte auszuführen, wenn ich nicht durch eine besondere schriftliche Erklärung selbst die volle Verantwortlichkeit dafür übernähme.

»Nachdem ich seine Gründe angehört hatte, nahm ich meine Rezepte wieder an mich und schrieb —— mit einer reservatio mentalis —— neue Rezepte, die ich in einer andern Apotheke anfertigen ließ. Mit der reservatio mentalis meine ich, daß ich bezüglich der Quantitäten und Mischungen mich einfach an die alten Vorschriften hielt und die nothwendigen Hinzufügungen und Aenderungen aus meinem eigenen Vorrath von Medikamenten nachträglich selbst noch machte. Dies Verfahren, das ich nur eingeschlagen, um die nothwendigen Arzneien schneller und ohne Aerger zu erhalten, hatte eine Folge, die ich auch nicht im entferntesten geahnt. Es machte den Besuchen ein Ende, die Benjulia Spionierens halber der Wirthin dieses Hauses abstattete.

»Der alte thörichte Mr. Null, der nichts Neues in meinen Rezepten entdecken konnte —— es waren ja genau seine eigenen Verordnungen —— wenigstens nach den Eintragungen im Buch des Apothekers —— nahm in boshafter Absicht Kopien derselben.

»Ich habe dieselben (so schreibt er mir in einem zweiten Briefe) an Doktor Benjulia gesandt, damit auch er in der Lage sein möge, etwas so überwältigend Neues von dem jungen Meister unserer Wissenschaft zu lernen, der unsere Dienste verschmäht.

»Aber ich bin Doktor Null hierfür sehr dankbar; in der Absicht, mich zu ärgern, hat er mir einen großen Dienst erwiesen. Meine unvollständigen Rezepte haben den Argwohn des Mannes beseitigt, dem er sie sandte. Das Mißtrauen desselben hatte mich schon lange fälschlich in Verdacht, daß ich heimlich dieselben Forschungen verfolgte, wie er, und sein Nebenbuhler werden könnte! Ich weiß ja nicht einmal, welcher großen Entdeckung er eigentlich nachspürt. Dieses sein Mißtrauen äußerte sich auch in der Nacht nach meiner Ankunft in London, als ich ihm aus dem Wege vor seinem Hause begegnete. Jetzt, da er aus Doktor Nulls Mittheilung ersehen zu haben meint, was für ein thörichter, eingebildeter, also ungefährlicher Mensch ich thatsächlich sei, haben seine unverschämten Besuche aufgehört. Die Wirthin die einzige Person, welche er hier im Hause zu sehen bekam —— wird nicht länger durch sein Fragen und Forschen gequält, das sich Alles darauf bezog, wie ich denn eigentlich meine Kranke behandele.

»Du wirst jetzt verstehen, weshalb ich Dich mit einer eigentlich so rein medizinischen Sache belästigt habe. Doch jetzt zu Dingen von höherem Interesse!

»Meine theure Carmina ist jetzt wieder wohl genug, um Dich und die Kinder herzlich grüßen zu lassen. Aber sogar der kleinen Anstrengung, die es ihr kostete, mir dies aufzutragen, war sogleich wieder Mattigkeit und Erschöpfung gefolgt.

»Ich meine nicht allein Müdigkeit des Körpers, das ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit und der Pflege. Ich meine Müdigkeit der Seele —— die sich in einer völligen Erschlaffung ihres Gedächtnisses dokumentiert.

»An dem Morgen, als sich die erste entschiedene Wendung zum Besseren zeigte, stand ich an Carmina's Lager, als sie erwachte. Ueberrascht, erstaunt blickte sie mich an. »Weshalb benachrichtigst Du mich nicht vorher von Deiner plötzlichen Rückkehr?« fragte sie. »Heute erst schickte ich einen Brief für Dich an Deine Bankiers in Quebec. Weshalb kamst Du so plötzlich?« Ich that mein Bestes, sie zu beruhigen, und es gelang mir. Es ist eine vollständige Lücke in ihrem Gedächtniß —— dessen bin ich nur zu sicher! An nichts erinnert sie sich, was während der letzten vier Wochen geschah, seit sie mir ihren letzten Brief schrieb —— ihren Brief, den ich erhalten haben müßte, ehe ich Quebec verließ.

»Dies Vergessen der schrecklichen Prüfungen, die mein Liebling erdulden mußte, ist an sich ein Umstand, für den wir dankbar sein müßten; nur beunruhigte mich dabei anfangs die Furcht, daß es vielleicht das Symptom eines tieferen Leidens sei, welches sich mir bis jetzt noch verborgen hätte.

»Miß Minerva —— was hätte ich thun können ohne den Beistand dieser besten und treuesten Freundin? —— Miß Minerva hat Carmina’s Gedächtniß nach andern Richtungen hin und zwar so weit mit gutem Erfolge vorsichtig geprüft. Aber ich werde nicht eher völlig beruhigt sein, als bis ich noch weitere Versuche mittelst einer anderen Person angestellt habe, die nicht Miß Minerva's gewaltigen Einfluß auf Carmina besitzt und deren Gedächtniß naturgemäß an solchen Dingen haftet, die wir älteren Leute für nichtige Kleinigkeiten erachten. Bringe also ja Zo mit Dir, sobald Ihr Schottland verlaßt. Meine liebe kleine Briefschreiberin ist gerade solch ein harmloses Kind, wie ich dessen für meinen Zweck bedarf. Küsse sie für mich, bis sie ganz außer Athem —— und sage ihr, daß ich es dann noch einmal selbst thun werde, sobald wir uns wieder begegnen.«

Die Rückkehr nach London erfolgte in der letzten Woche des Oktober. Lord und Lady Northlake bezogen ihr Palais und nahmen Zo und Maria mit sich, während Mr. Gallilee, der keine Lust hatte, in seinem eigenen vereinsamten Hause von traurigen Erinnerungen sich quälen zu lassen, in Ovids jetzt unbewohntem Hause Absteigequartier nahm, um dort, wie er sich ausdrückte: »das Nest für seinen lieben Jungen warm zu halten.«

Die Erkundigungen, welche er in der Privatirrenanstalt über seine Gattin einzog, wurden hoffnungsvoll beantwortet. Soweit hatten sich die zur Wiederherstellung von Mrs. Gallilee getroffenen Maßregeln über alles Erwarten erfolgreich gezeigt. Aber ein ungünstiges Symptom war geblieben. Sie bewahrte ein ununterbrochenes Schweigen. Und wenn sie ausnahmsweise einmal einige Worte äußerte, schienen ihre Gedanken ausschließlich mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigt zu sein —— ihres Gatten oder irgend eines andern Mitgliedes ihrer Familie erwähnte sie nie. Zeit und Pflege würden dies aber hoffentlich noch beseitigen, und in zwei Monaten vielleicht würde sie völlig geheilt wieder zu ihrer Familie zurückkehren können.

Als Mr. Gallilee nach seinem Hause kam, um die für ihn in der Zeit seiner Abwesenheit etwa eingelaufenen Briefe sich zu holen, fand er dort ein lithographirtes Cirkular nebst einer Rolle von starkem weißen Papier. Die Unterschrift zeigte ihm den wohlbekannten Namen des Mr. Le Franc.

Dieses Cirkular legte dar, wie der Absender desselben sich als Pianist und Klavierlehrer einen wohlbegründeten Ruf und ein bescheidenes Einkommen erworben hätte. »Ein entsetzlicher Unglücksfall, meine Damen und Herren, hat nun aber meine rechte Hand verstümmelt und die Amputation zweier Finger nothwendig gemacht. Auf Lebenszeit unfähig gemacht, meinen Beruf auszuüben ist mir nur noch ein Weg geblieben, die Mittel zu meinem Lebensunterhalt zu finden —— nämlich auf ein Lied meiner eigenen Komposition zu sammeln. NB. Der verstümmelte Musiker stellt die Höhe des Subskriptionsbetrages dem Ermessen seiner kunstliebenden Gönner anheim und wird sich die Ehre geben, in den nächsten Tagen persönlich vorzusprechen.«

Mr. Gallilee ließ in seiner Gutmüthigkeit einen Sovereign beim Portier, damit ihn derselbe dem armen Opfer eines so traurigen Schicksals gäbe, und machte sich dann auf den Weg nach Lord Northlake’s Residenz. Er und Ovid hatten nämlich verabredet, daß Zo heute zu Carmina gebracht werden sollte. Unterwegs begegnete ihm Mr. Mool, sein Rechtsanwalt und fragte ihn, auf die Notenrolle blickend, die er unter dem Arm trug: »Was tragen Sie denn da so sorgfältig? Es sieht ja wie Noten aus. Gewiß ein neues Stück für die jungen Damen?«

Als aber Mr. Gallilee ihm auseinandersetzte, wie er zu diesen Noten gekommen, da stieß Mr. Mool ärgerlich und erzürnt mit seinem Stock auf die Granitfliesen des Pflasters.

»Lassen Sie nie wieder einen Pfennig von Ihrem Gelde in die Taschen dieses Schurken wandern! Der Kerl hat sein Möglichstes gethan, um die arme, alte Italienerin, Miß Carmina's Amme, in den Polizeibericht zu bringen.«

Nach dieser Vorrede erzählte dann Mr. Mool die nächsten Umstände, wie dem Mr. Le Frank ein Unglück widerfahren wäre. »Als er aus dem Hospital entlassen wurde,« fuhr der erzürnte Anwalt fort, »hatte er nichts Eiligeres zu thun, als gegen Teresa eine Vorladung vor den Polizeirichter auszuwirken. Glücklicher Weise zeigte sie mir die Vorladung. Ich begleitete sie als ihr Rechtsbeistand, legte dem Richter einen Situationsplan der Zimmer vor, der für mich selbst sprach und richtete an den Kläger nur zwei Fragen. Was hatte er in einem fremden Zimmer zu suchen, und wie kam seine Hand in einen fremden Schrank? Der Richter wies die Klage ab, der Schreiber hatte die Freundlichkeit, Teresa's Namen, aus dem für die Presse bestimmten Protokoll fortzulassen, und als der Kerl von Kläger schließlich noch die Unverschämtheit hatte, draußen auf dem Korridor, Drohungen gegen die alte Frau auszustoßen, ließ ich ihn notieren und ein besonderes Protokoll hierüber aufnehmen. Ich habe mein Auge auf ihn —— und er soll mich noch kennen lernen. Ich werde ihn fassen auf Grund des einen Paragraphen in der Vagabundenakte!«



Kapiteltrenner

Capitel LXII.

Zeit und geschickte, sorgfältige Pflege hatten Carmina so weit zu Kräften gebracht, daß sie täglich einige Stunden in einem nach Ovids Anweisung angefertigten Krankenstuhle im Wohnzimmer verbringen konnte. Der willkommene Anblick der nach den in Schottland verlebten glücklichen Herbsttagen ordentlich aufgeblühten Zo rief eine lebhafte Farbe auf ihrem Gesicht hervor und beschleunigte ihren Puls, den Ovid als Vorwand, um ihre Hand halten zu können, fühlte. Diese Zeichen außerordentlicher nervöser Erregbarkeit warnten Ovid den Besuch der Kleinen zu lange währen zu lassen. Da weder Miß Minerva noch Teresa sich im Zimmer befanden, so konnte Carmina ihre kleine Freundin ganz für sich selbst haben.

»Nun, mein Schatz« sagte sie, das Kind küssend, »erzähle mir von Schottland.«

»Schottland,« antwortete Zo mit Würde, »gehört Onkel Northlake. Er bezahlt Alles; und ich bin die Herrin«

.

»Es ist wahr,« bestätigte Mr. Gallilee mit Stolz. »Der Graf sagt, es nütze. nichts, seinen eigenen Willen zu haben, wo Zo sei. Wenn er sie Jemandem auf dem Gute vorstellt, sagt er: ,Hier ist die Herrin.«

Die Kleine hatte dem Zeugnisse ihres Vaters kritisch zugehört und sagte zu Ovid: »Siehst Du, er weiß es. Es ist nichts dabei zu lachen.«

»Hast Du auch an mich gedacht, als Du so weit fort warst?« fragte Carmina.

»Ob ich an Dich gedacht habe?« antwortete Zo. »Du sollst in meinem Zimmer schlafen, wenn wir wieder nach Schottland gehen —— und ich und noch einer werden aufbleiben, wenn Du Deine erste schottische Mahlzeit ißt. Soll ich Dir sagen, was auf dem Tische stehen wird? Eine Schüssel mit einem großen, braunen, dampfenden Beutelchen werde ich mit einem Messer aufschneiden, und Du sollst mal sehen, wie das Fett herausquillt —— und dazu der heiße Brodem —— und wie das riecht. Das ist ein schottisches Gericht. Ach!« rief sie, über einer neuen Idee ganz ihre Würde vergessend, »ach, Carmina, weißt Du noch den kleinen Italiener und seinen Gesang?«

Ovid, der nur auf ein solches, mit der glücklichen Zusammenhanglosigkeit eines Kindes vorgebrachtes Erinnern an eine unbedeutende Sache aus der Vergangenheit gewartet hatte, blickte gespannt auf Carmina. Zu seiner unaussprechlichen Erleichterung lachte dieselbe und antwortete:

»Natürlich weiß ich das noch. Wer könnte wohl den Knaben vergessen, wie er sang und grinste —— mit seinem »Schenken Sie mir etwas!««

»Ja, den meine ich,« rief Zo. »Sein Gesang war ja in seiner Art gut, aber ich habe in Schottland was Besseres gelernt. Hast Du etwas von Donald gehört, ja?«

»Nein.«

Zo wandte sich indigniert an ihren Vater. »Warum hast Du ihr nichts von Donald gesagt?«

Mr. GalIilee gestand demüthig ein, daß es unrecht von ihm gewesen sei. Dann fragte Carmina, wer und was Donald sei; und Zo stellte ihr Gedächtniß zum zweiten Mal auf die Probe.

»Weißt Du noch den Tag, als Joseph etwas vom Kaufmann besorgen sollte und ich mit ihm ging, wofür mich Miß Minerva dann ausschalt?«

Auch dieser unbedeutenden Sache erinnerte sich Carmina ohne Schwierigkeit »Ich weiß,« antwortete sie; »Du erzähltest mir, daß Joseph und der Kaufmann Dich auf der großen Wage gewogen hätten.«

Zo entzückte Ovid durch eine neue Probe. »Und weißt Du auch noch, wieviel ich gewogen habe?«

»Ungefähr zweiunddreißig Pfund.«

»Volle zweiunddreißig Pfund. Donald wiegt hundertundzwölf. Was sagst Du dazu?«

»Der dickste Pfeifer auf dem Gute des Grafen,« erklärte Mr. Gallilee wieder; »ein geborener Hochländer, den der Vater des Grafen mit ins Unterland gebracht hatte. Ein großer Spieler ——«

»Und mein Freund,« nahm ihm Zo das Wort ab. »Er hat in einem Kuhhorn Schnupftabak, den er mit einem Löffel in seine dicke Nase schaufelt —— sieh, so. Er wackelt immer mit der Nase und fragt Jeden: Eine gefällig? Wenn Onkel Northlake mit ihm spricht, stößt er beinahe mit der Nase auf die Erde. Wenn Du ihn zum ersten Mal auf der Pfeife hörst, wirst Du Magenschmerzen bekommen, aber Du wirst Dich daran gewöhnen und ihn gern haben. Er trägt einen Beutel und einen Unterrock, Hosen hat er noch nie angehabt. Stolz ist er gar nicht, Du kannst ihn an die Nase zupfen und auf die Beine klatschen ——«

Hier sah sich Ovid genöthigt, der Schilderung Donalds ein Ende zu machen, da Carmina immer lauter lachte und ihre Erregtheit die Grenzen ihrer Kraft schnell zu überschreiten drohte. Um eine Ablenkung zu bewirken, sagte er zu Zo: »Erzähle uns etwas von Deinen Cousinen und Cousins.«

»Von den großen?«

»Nein; von den kleinen in Deinem Alter.«

»Nette Mädchen —— sie spielen Alles, was ich ihnen sage. Auch die Jungen sind lustig. Wenn sie ein Mädchen umgeworfen haben, heben sie es wieder auf und klopfen es ab.«

Carmina war wieder in Gefahr, die Grenzen zu überschreiten, so daß Ovid wieder ablenken mußte. »Was ist das für ein Lied, das Du in Schottland gelernt hast?« fragte er rasch.

»Es ist Donalds Lied; er hat es mich gelehrt.«

Bei dem Namen Donald sah Ovid nach der Uhr und sagte, daß für das Lied keine Zeit mehr sei. Und Mr. Gallilee unterstützte ihn. »Weiß der Himmel, wie sie nach dem Essen zwischen die Leute kann« sagte er. »Lady Northlake hat Donald verboten, ihr noch mehr Lieder beizubringen, und ich habe ihn gebeten, mir zu Gefallen nicht mehr zu leiden, daß sie ihn auf die Beine klatscht. Komm, mein Kind, es ist Zeit, daß wir nach Haus gehen.«

Es war von Beiden sehr gut gemeint —— aber zu spät. Zo hatte sich den Hut auf die eine Seite gestülpt, hob die runden Arme gebogen in die Höhe und schloß die runden Augen unter scherzhaftem Zwinkern. »Ich bin Donald,« kündete sie an und gab dann ihr Lied zum Bestem »Hei wir sind fröhlich, hei wir sind fröhlich; und wir sind brave Leut«; und ein braver Mann, der zecht stets, wenn er lustig ist und sich freut.« Dabei erfaßte sie Carmina's Medizinglas und schwang es mit bacchanalischem Juchhe über ihrem Kopf. »Schenk ein, Tammie! Prost Rothschenkel!«

»Wer ist denn Rothschenkel?« fragte eine Stimme von der Thür her.

Zo wandte sich um —— und schrumpfte sofort zusammen, denn eine gefürchtete Gestalt, an die sich die schreckliche Vorstellung von Unterricht und Strafe knüpfte, stand vor ihr. Aus der geselligen Freundin Donalds, der Herrin des schottischen Grafensitzes, wurde plötzlich eine demüthige Schülerin. »Rothschenkel ist ein Beiname für die Hochländer, Miß Minerva.« Wer hätte die Sängerin von: »Hei, wir sind fröhlich!« in dem unterwürfigen Wesen, welches diese Antwort gab, wiedererkannt?

Wieder öffnete sich die Thün Noch ein unngenehmer Eindringling? Ja, noch einer! Diesmal war es Teresa, die auf das Kind zueilte und ihm einen Kuß gab, der durch das ganze Zimmer schallte. »O mja giooosa!« rief die alte Amme, zu glücklich, um anders als in ihrer Muttersprache sprechen zu können.

»Was heißt das?« fragte so, indem sie ihr in Unordnung gerathenes Kleid wieder zurecht zog.

»Es heißt: O Du mein Püppchen» antwortete Teresa. Man denke sich, Püppchen nannte sie eine junge Dame, die eine Leberwurst aufschneiden konnte —— die einzige Person, welche das Privilegium besaß, Donald auf die Beine zu klatschen! Zo wandte sich zu ihrem Vater und fand ihre Würde wieder. »Ich wünsche nach Haus zu gehen.«

Ovid brauchte nur Carmina anzusehen, um die Nothwendigkeit zu erkennen, seinem Schwesterchen sofort zu willfahren. Sie durfte sich nicht weiter erregen; deshalb führte er selbst die Kleine hinaus und übergab sie unten vor der Thür zu seinen Zimmern ihrem Vater.

Als Zo aus der Nähe Miß Minerva's und der Amme war, heiterte sie sich schnell wieder auf; sie wünschte zu wissen, wer hier unten wohnte und als sie hörte, daß es Ovids Zimmer seien, bestand sie darauf, dieselben zu sehen. So traten sie denn zusammen ein.

Ovid zog Mr. Gallilee zur Seite und sagte: »Ich bin jetzt Carmina's wegen ruhig. Die Gedächtnißschwäche erstreckt sich nicht auf die Vergangenheit, sondern beginnt erst mit der Erschütterung, die sie an dem Tage erlitt, da Teresa sie hierher brachte, und wird —— davon bin ich fest überzeugt —— mit der Krankheit endigen.«

Mr. Gallilee's Aufmerksamkeit wurde plötzlich abgelenkt. »Zo!« rief er, »komme nicht an Ovids Papier.«

Der einzige Gegenstand, welcher die Neugier des Kindes erregte, war der Arbeitstisch, über welchen Dutzende von beschriebenen Blättern zerstreut lagen, auf denen häufig Stellen gestrichen oder unterstrichen waren und hier und da Kleckse die Buchstaben verschwinden ließen. Verschiedene dieser Blätter hatten auf dem Fußboden einen Ruheplatz gefunden, und Zo fand nun ein Vergnügen daran, dieselben aufzulesen. »Aber hör« mal,« sagte sie, dieselben gehorsamst Ovid überreichend, »ich habe manchen Schlag auf die Finger bekommen, wenn ich noch nicht halb so schlecht geschrieben hatte, als Du.«

Diese Bemerkung seiner Tochter veranlaßte Mr. Gallilee, einen Blick auf das Manuskript zu werfen. »Welch entsetzliche Krähenfüße!« rief er. »Darf ich versuchen, ob ich ein Wort herausbringen kann?«

»Versuchen kannst Du es schon,« antwortete Ovid lächelnd; »Du wirst dabei wenigstens die Entdeckung machen, daß die geduldigsten Menschen auf der civilisirten Erde die Buchdrucker sind.«

Mr. Gallilee versuchte es mit einer Rede, gab es aber auf, ehe er schwindelig wurde. »ist es nicht unbescheiden, zu fragen, was es ist?«

»Etwas leicht zu Fühlendes, aber schwer Auszudrückendes,« antwortete Ovid. »Diese schlecht geschriebenen Zeilen sind die von mir dem Andenken eines unbekannten und Unglücklichen gebrachte Dankesgabe.«

»Von welchem Du mir erzählt hast? —— der in Montreal gestorben ist?«

»Ja.«

»Du hast nie seinen Namen erwähnt.«

»Seine letzten Wünsche untersagten mir, denselben gegen irgend Jemanden zu erwähnen. Weiß Gott, er hatte wirklich erbärmliche Gründe, unbekannt zu sterben! Sein Grabstein trägt nur seine Anfangsbuchstaben und das Datum seines Todes. Aber,« fuhr Ovid mit Wärme fort, indem er die Hand auf sein Manuskript legte, »die Entdeckungen dieses großen Arztes sollen der Menschheit zu Gute kommen und was ihm zu verdanken ist, soll mit der Bewunderung und Ergebenheit, die ich wirklich für ihn empfinde, anerkannt werden!«

»In einem Buche?« fragte Mr. Gallilee.

»Ja, in einem Buche, das bereits im Druck ist und noch vor Neujahr erscheinen wird.«

Währenddessen hatte Zo, die hier im Zimmer nichts gefunden, was sie interessierte, die anliegende Kammer untersucht und kehrte nun aus derselben mit einem langem weißen, Alpenstock ähnlichen Stocke zurück, den sie hinter sich herzog. »Was ist dies hier?« fragte sie. »Ein Besenstiel?«

»Das ist ein Exemplar eines seltenen kanadischen Holzes, mein Schuß. Möchtest Du ihn gern haben?«

Zo nahm das Anerbieten als Ernst; sie sah das Exemplar an, das dreimal so groß war wie sie, und schüttelte den Kopf. »Ich bin noch nicht groß genug dazu,« meinte sie. »Sieh doch mal, Papa! Hiergegen ist Benjulia's Stock gar nichts.«

Dieser Name im Munde seiner Schwester hatte etwas Empörendes für Ovid. »Sprich nicht von dem Menschen,« sagte er ziemlich heftig.

»Darf ich nicht von ihm sprechen, wenn ich wünsche, daß er mich kitzeln soll?« fragte Zo.

Ovid schob sie ihrem Vater zu. »Bring’ sie jetzt fort,« flüsterte er demselben zu, »und laß sie diesen Menschen nie wiedersehen.«

Die Warnung war unnöthig, das Schicksal hatte entschieden, daß der Doktor und Zo sich nie wieder begegnen sollten.



Kapiteltrenner

Capitel LXIII.

Die Angehörigen des Benjuliaschen Haushaltes führten ein recht einförmiges Leben. Gegen Ende des Jahres schossen sie zusammen und kauften sich eine jener wundervollen illustrierten Weihnachtsnummern, die jedes mal dieselben lieblichen Frauengestalten, dieselben langbeinigen Liebhaber und korpulenten Kinder in glänzenden Festfarben wiederbringen und so zu sagen den künstlerischen Plumpudding des englischen Volkes vorstellen. Und sie hatten Zeit genug, sich der geistreichen Lektüre zu freuen, ehe die Eßzimmerglocke sie hörte.

Seit einigen Wochen hatte der Herr wieder angefangen, seine ganze Zeit in dem geheimnißvollen Laboratorium zu verbringen. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo sie ihn im Hause sahen, war er stets verdrossen; und wenn die Domestiken sonst nichts wußten, so wußten sie doch, was das zu bedeuten hatte —— der große Mann arbeitete eifriger als je, und trotz seines Fleißes kam er nicht so gut vorwärts wie gewöhnlich.

Heute Abend ertönte die Glocke um die gewöhnliche Zeit, und die Köchin beeilte sich, das Essen anzurichten. Der Bediente nahm einen kleinen Haufen Zeitungen vom Anrichtetische und zählte sie sorgfältig, ehe er sie nach oben zu bringen wagte. Es war dies der regelmäßige wöchentliche Bedarf Doktor Benjulia's an medizinischer Literatur und hierbei bot der geheimnißvolle Mann seinen Mitgeschöpfen wieder ein unbegreifliches Problem. Er subskribirte auf jede medizinische Publikation in London —— und las nie eine derselben! Der Bediente schnitt die Blätter auf, und der Herr sah mit Hilfe seines Zeigefingers die Seiten durch, augenscheinlich nach einer Ankündigung suchend, die er nie fand —— und zwar, was noch sonderbarer war, ohne die geringste Spur von Enttäuschung zu zeigen, wenn er fertig war. Jede Woche packte er seine ungelesenen Zeitschriften in einen großen Korb und schickte sie als Makulatur nach unten.

Der Bediente brachte die Zeitungen und das Essen zugleich nach oben und wurde mit finsterem Gesicht und Schmähungen empfangen. Er mußte nicht nur die Scheltworte für das, was ihm zu thun oblag, einstecken, sondern auch für Alles, was die Köchin anging. Als er wieder in die Küche kam, meinte er: »Mag der Herr nun arbeiten, was er will, jedenfalls ist er soweit wie nur irgend je davon entfernt, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Er macht es wahrhaftig so, daß ich kündigen muß! Wo ist die Weihnachtsnummer, um uns zu zerstreuen?«

Eine halbe Stunde später ließ ein heftiges Schlagen der Hausthür, welches das ganze Haus erzittern machte, die in ihre Lektüre Vertieften auffahren. Als der Bediente nach oben eilte, war das Eßzimmer leer; der Hut des Herrn hing nicht auf seinem Nagel auf dem Flur, und die medizinischen Zeitungen lagen in größter Unordnung umher gestreut. Dicht am Kamingitter lag ein zusammengeknittertes ausgerissenes Blatt, das er offenbar hatte ins Feuer werfen wollen. Der Bediente hob es auf und glättete es wieder.

Die eine Seite enthielt einen Bericht über einen Vortrag. Das war langweilig, und der Bediente versuchte es mit der anderen, welche eine Rezension eines neuen medizinischen Werkes enthielt. Auch diese wäre langweilig gewesen, wenn hier nicht ein Auszug aus der Vorrede gegeben worden, welcher mittheilte, wie der Verfasser dazu kam, das Buch zu veröffentlichen, und was für wunderbare Entdeckungen in Bezug auf das Gehirn des Menschen dasselbe enthielte. Da wurden sonderbare Dinge gesagt —— besonders von einem traurigen Todtenbette in einem Orte Montreal —— welche die Vorrede fast so interessant machten wie eine Geschichte. Aber das konnte doch nicht den Herrn wie vom Teufel gehetzt aus dem Hause treiben.

Der nächste Nachbar Doktor Benjulia's war ein kleiner Former, der an diesem Abend eben ein Nickerchen machte, als seine Frau die Thür aufriß und hineinrief: »Der Doktor von nebenan ist hier, er scheint verrückt geworden zu sein!« Und derselbe folgte ihr in der That auf dem Fuße und verlangte, daß der Farmer das Cabriolet anspannen und ihn sofort nach London fahren sollte. »Fordert, was Ihr wollt,« sagte er, indem er seine Brieftasche öffnete, die voll von Banknoten war.

»Das scheint sich ja um Leben und Tod zu handeln,« meinte der Farmer, worauf der Doktor ihn ansah, ein wenig nachsann und, plötzlich ruhig werdend, antwortete: »Das thut es auch.«

Unterwegs sprach er kein Wort —— ausgenommen mit sich selbst —— und das auch nur von Zeit zu Zeit. Und nach seinen Aeußerungen schien es, daß er wegen eines Mannes und eines Briefes aufgeregt war. Er hatte den Betreffenden längst beargwöhnt, ihm aber doch den Brief gegeben —— und das hatte sich nun als unheilvoll für ihn selbst herausgestellt. Wohin der Doktor in London ging, wußte der Farmer nicht zu sagen, denn da demselben das Pferd des letzteren nicht schnell genug war, hatte er die erste angetroffene Droschke genommen.

Der Inhaber des Ladengeschäftes der berühmten medizinischen Verlagsanstalt hatte eben die Läden heruntergelassen und war im Begriff, zum Thee hinunterzugehen, als er ein Klopfen an der Ladenthür hörte. Der Einlaß Verlangende war ein langer Herr, der es sehr eilig zu haben schien, Doktor Ovid Vere’s neues Werk zu kaufen. Um sich zu entschuldigen, sagte derselbe, daß er selbst Mann vom Fache und sein Name Benjulia sei. Der Buchhändler kannte den Namen sehr gut und verkaufte ihm das Buch. Der Doktor hatte aber solche Eile mit dem Lesen, daß er gleich im Laden anfing, so daß ihm der Buchhändler sagen mußte, daß die Geschäftsstunden vorüber seien. Darauf rannte er wieder hinaus und befahl dem Kutscher, ihn so schnell er könnte nach dem Parthenon-Klub zu fahren.

Der Bibliothekdiener des Klubs fand Doktor Benjulia in einem Buche lesend ganz allein in der Bibliothek. Die Mitglieder waren um diese Abendstunde gewöhnlich beim Diner oder im Rauchzimmer. Von Zeit zu Zeit kam der Mann, dem es oblag, nach dem Feuer zu sehen, herein und fand ihn immer noch in derselben Ecke. Es wurde spät; er beendigte seine Lektüre, aber das schien keinen Unterschied zu machen. Er saß da, vollständig wach, das geschlossene Buch im Schoße haltend, scheinbar in Gedanken verloren. Das dauerte so fort, bis es Zeit war, den Klub zu schließen und man ihn stören mußte. Ohne ein Wort zu sagen, ging er langsam hinunter, ließ aber das Buch zurück. Es war eine schreckliche Nacht; Regen mit Schnee und Schlossen vermischt klatschte gegen die Fenster —— aber er nahm keine Notiz von dem Wetter. Als der Diener eine Droschke holte, weigerte sich der Kutscher, in solch einer Nacht nach der angegebenen Wohnung zu fahren. Der Doktor sagte nur: »Schön; fahren Sie zu dem nächsten Hotel.«

Der Nachtportier des Hotels ließ einen großen Herrn ein und wies ihm eins der für spät Ankommende bereitgehaltenen Schlafzimmer an. Da der Fremde kein Gepäck hatte, so bezahlte er das Logis im Voraus. Um acht Uhr Morgens klingelte er nach dem Kellner —— der das Bett unberührt fand —— und bestellte sich weiter nichts als den stärksten Kaffee. Doch derselbe war ihm nicht stark genug, und er ließ sich etwas Brandy dazu geben. Nachdem er dann getrunken, bezahlte er, gab dem Kellner ein gutes Trinkgeld und ging fort.

Der Schutzmann, welcher an diesem Tage das Revier um Fairfield-Gardens hatte, sah in einer der Straßen einen großen Herrn auf- und abgehen und dabei von Zeit zu Zeit ein Haus beobachten. Als er wieder in die Straße kam, patrouillierte derselbe noch immer dort, dabei das nämliche Haus im Auge behaltend. Der Schutzmann wartete ein wenig und beobachtete. Das betreffende Haus war ein anständiges Pensionat und der Fremde auf alle Fälle ein Gentleman, wenn er auch etwas sonderbar aussah. Da es nicht Sache des Beamten war, sich auf bloßen Argwohn hin einzumischen, wenn es sich nicht um notorisch verdächtige Charaktere handelte, so ging er weiter.



Kapiteltrenner

Capitel LXIV.

Zwischen zwölf und ein Uhr Mittags verließ Ovid seine Wohnung und ging zu einem Fuhrherrn in der Nachbarschaft, um sich einen Wagen auszusuchen. Nach der stürmischen Nacht schien die Sonne, die Luft war frisch und trocken, so daß er es wagen konnte, mit Carmina eine Ausfahrt zu machen.

Wie er so die Straße hinunterging, hörte er Fußtritte hinter sich und fühlte sich an der Schulter berührt. Er wandte sich um —— und bemerkte Benjulia. Schon schwebten ihm unfreundliche Worte auf den Lippen, als ihn ein Blick in das Gesicht des Elenden an sich halten ließ.

»Ich will Sie nicht lange aufhalten,« sagte Benjulia, »sondern möchte nur eins wissen: Wird sie leben oder sterben?«

»Ihr Leben ist sicher, hoffe ich.«

»Durch Ihre neue Behandlungsart?«

Seine Augen und seine Stimme sagten mehr als diese Worte, und Ovid wußte sofort, daß er das Buch gesehen und daß ihm dasselbe in der Entdeckung, der er sein Leben gewidmet hatte, zuvorgekommen war. Ovid konnte es nicht über sich gewinnen, ihm zu antworten.

»Als wir uns an jenem Abend an meiner Gartenpforte trafen,« fuhr Benjulia fort, »sagten Sie, daß Sie mich mit meinem Leben dafür verantwortlich machen wollten, wenn sie stürbe. Meine Nachlässigkeit hat sie nicht getödtet —— deshalb brauchen Sie sich nicht an Ihr Wort zu halten. Aber Mr. Ovid Vere, ich komme nicht fort, ohne die Strafe zu zahlen. Sie haben mir etwas genommen, was mir theurer war, als das Leben. Das wollte ich Ihnen sagen —— und habe weiter nichts hinzuzusetzen.«

Ovid bot ihm schweigend die Hand.

Aber Benjulia senkte gedankenvoll den Kopf. Aus diesem Darbieten der Hand sprach der einzige hochherzige Protest des Mannes, gegen den er sich versündigt hatte. »Nein!« sagte er, —— Ovid ansehend —— und damit ging er.

Er bog aus der Straße ab, nach Fairfield-Gardens ein, und zog an Mr. Gallilee's Thür die Glocke. Eine höfliche alte Frau, die er unter der Dienerschaft noch nicht gesehen hatte, öffnete ihm.

»ist Zo im Hause?« fragte er.

»Es ist Niemand im Hause, mein Herr. Es ist zu vermiethen, sobald die Möbel fortgeschafft werden können.«

»Wissen Sie, wo Zo ist? Ich meine das jüngste Kind Mr. Gallilee’s.«

»Es thut mir leid, ich bin mit der Familie nicht bekannt.«

Augenscheinlich unentschlossen, was er nun thun sollte, wartete er an der Thür; dann sagte er plötzlich: »Ich werde hinaufgehen —— ich möchte mir das Haus ansehen. Sie brauchen nicht mitzukommen; ich weiß Bescheid.«

»Danke verbindlichst, mein Herr!«

Er ging direkt nach der Schulstube, über welche sich bereits die abstoßende Melancholie eines unbewohnten Raumes ausgebreitet hatte. Das einfache, alte Geräth war nicht werth, sich darum zu kümmern, und der Staub machte sich breit darauf. Die beiden gewöhnlichen tannenen Schreibpulte da waren früher von den beiden Mädchen benutzt worden. Das eine derselben war mit Tintenflecken und kunstwidrigen Karikaturen von Gesichtern bedeckt, in welchen Kleckse und Striche Augen, Nase und Mund darstellten. Er wußte, wessen Pult dies war und öffnete es. In dem Fache waren beschmutzte Figurentafeln, zerrissene Landkarten und eselsohrige Schreibhefte. Auf dem inneren Umschlage eines dieser letzteren stand die groteske Inschrift, mein Schreibbuch Zo. Er riß den Umschlag ab und steckte ihn in die Brusttasche seines Rockes.

»Ich hätte sie gern noch einmal gekitzelt,« dachte er, als er wieder nach unten ging. Die höfliche Alte öffnete ihm ehrerbietig knixend die Thür. Er gab ihr eine halbe Krone, wofür sie ihrem Dankgefühl mit einem »Vergelt’s Ihnen Gott, gnädiger Herr,« Ausdruck gab.

Die Dienerschaft freute sich aufrichtig, ihn wiederzusehen, als er nach Hause kam; denn da sie seine regelmäßigen Gewohnheiten kannten, hatten sie schon gefürchtet, daß ihm ein Unglück zugestoßen sein könnte, und waren alle die ganze Nacht aufgeblieben. Noch nie hatten sie ihn so ermüdet gesehen. Hilflos sank er in einen Stuhl; sein riesenhafter Körper zitterte in Schaueranfällen. Auf die Bitte des Bedienten, er möge etwas Erfrischendes zu sich nehmen, forderte er Brandy und rohe Eier. Nachdem das gebracht worden war, hieß er sie warten, bis er klingeln würde, und verschloß hinter ihnen die Thür.

Der kurze Wintertag ging zu Ende, als der Bediente es wagte, an die Thür zu klopfen und zu fragen, ob sein Herr Licht wünsche. Er antwortete, daß er sich selbst die Kerzen angezündet habe. Kein Tabakrauchgeruch kam aus dem Zimmer, und er hatte den Tag vorübergehen lassen, ohne in sein Laboratorium zu sehen: das waren bedeutungsschwere Zeichen. Unten meinte der Bediente: »Es war etwas nicht richtig.« Die beiden Mädchen sahen sich in vagem Schrecken an. Die eine sagte: »Sollten wir nicht lieber kündigen?« und die andere flüsterte die Frage: »Glaubt Ihr, daß er etwas begangen hat?«

Gegen zehn Uhr ertönte endlich die Glocke, und unmittelbar darauf hörten sie ihn von der Vorhalle her rufen: »Ich wünsche, daß Ihr alle drei herauskommt.«

Sich auf einen entsetzlichen Anblick gefaßt machend, hielten sich die beiden Mädchen dicht hinter dem Bedienten. Ihr Herr ging ruhig im Zimmer auf und ab; auf dem Tische stand Feder und Tinte, und Schriftstücke bedeckten denselben. Er sprach in seinem gewohnten Tone und zeigte keine Spur von Aufregung, als er begann:

»Ich beabsichtige, dieses Haus zu verlassen und fort zureisen, und entlasse Euch allein aus diesem Grunde aus meinem Dienste. Nehmt Eure Zeugnisse dort vom Tische, lest sie und sagt, wenn Ihr etwas daran auszusetzen habt.«

Sie hatten nichts daran auszusetzen. An einer anderen Stelle des Tisches lagen drei Häuschen Geld. »Ein Monatslohn für jeden an Stelle einer Kündigung,« erklärte er. »Ich wünsche Euch Glück.«

Eins von den Mädchen —— und zwar dasjenige, welches vorher vom Kündigen gesprochen hatte —— begann zu weinen; aber er nahm keine Notiz davon und fuhr fort: »Ehe wir scheiden, möchte ich zwei von Euch um die Gefälligkeit ersuchen, die Unterschrift meines Testaments zu bezeugen.«

Die Empfindsame zog sich zurück und erklärte: »Nein, dazu bin ich nicht im Stande. Ich habe sonst noch nie im Winter die Todtenuhr gehört —— und die letzte Nacht in Einem fort.«

Die anderen Beiden unterschrieben als Zeugen, und es war ihnen dabei unmöglich, nicht das einzige Legat, welches nur zwei Zeilen einnahm, zu bemerken: »Ich vermache So, der jüngsten Tochter Mr. John Gallilee’s, wohnhaft zu London, Fairfield-Gardens, Alles, was ich bei meinem Tode besitze.« Das war das Testament, abgesehen von den einleitenden Phrasen und den Angaben bezüglich der Zeugen, die aus einem geöffnet auf dem Tische liegenden Handbuche abgeschrieben waren.

Die Mädchen konnten nun wieder nach unten gehen, nachdem ihr Herr ihnen noch gesagt hatte, daß sie am anderen Morgen fortgehen sollten. Der Bediente mußte noch bleiben.

»Ich gehe ins Laboratorium und möchte noch einige Sachen dorthin gebracht haben,« sagte der Herr.

Der große Papierkorb wurde dreimal mit Briefen und Manuskripten gefüllt und nebst den Büchern, dem Medizinkasten und dem steinernen Oelkruge aus der Küche vom Herrn und Diener gemeinsam vor die Thür des Laboratoriums getragen. Es war eine kalte, sternhelle Winternacht: das entfernte Pfeifen einer Lokomotive war der einzige Ton, der ab und zu die Stille unterbrach.

»Gute Nacht,« sagte der Herr.

Der Bediente erwiderte den Gruß und ging nach dem Hause zurück, dessen Thür er hinter sich abschloß. Er war jetzt fester als je überzeugt, daß etwas nicht richtig wäre; und als ihn die Mädchen fragten: »Was hat das nur zu bedeuten?« antwortete er: »Verhaltet Euch still, ich werde nachsehen.«

In der nächsten Minute stand er an der Hinterseite des Hauses hinter der Ecke der Mauer. Von hier aus sah er das Licht der Lampen im Laboratorium durch die offene Thür strömen und die dunkle Gestalt seines Herrn, der die draußen hingestellten Sachen hineintrug, auf und ab gehen. Dann wurde die Thür geschlossen, und es war nichts mehr zu sehen, als der gedämpfte Schein, welcher seinen Weg durch das von innen weiß verhängte Oberlicht fand.

Entschlossen zu versuchen, ob er nicht etwas hören könnte, faßte er sich ein Herz, schlich über den Zwischenraum und postierte sich an der Hinterseite des Laboratoriums dicht an die Mauer.

Ab und zu hörte er —— wie bereits bei früheren Gelegenheiten —— das schwache Winseln von Thieren. Dann aber folgten neue Töne —— ein dreimaliges, in regelmäßigen Zwischenräumen aufeinanderfolgendes, gedämpftes Aufschreien, bei dem es ihn kalt überlief. Waren es die Todesschreie dreier lebenden Geschöpfe, die mit der plötzlichen und schrecklichen Sicherheit den Todesstreich empfingen? Schweigen —— entsetzliches Schweigen war Alles, was folgte. Auch auf der entfernten Eisenbahn war eine Ruhepause eingetreten.

Die Thür wurde wieder geöffnet, und ein Lichtstrahl ergoß sich in die Finsterniß. Plötzlich tauchten in dem gelben Scheine die dunklen Figuren kleiner schnell aus dem Laboratorium laufender Thiere auf —— vielleicht Katzen oder Kaninchen. Hinter denselben folgte langsam die große Gestalt des Doktors, der die Flucht der Thiere beobachtete. Einen Augenblick später kam das letzte der freigelassenen Geschöpfe heraus —— ein großer Hund, welcher hinkte, als ob eins von seinen Beinen verletzt wäre. Als das Thier bei dem Doktor vorüberkam, wollte es ihn anschmeicheln; aber derselbe drohte ihm mit der Hand. »Pack Dich fort, wie die übrigen!« Der Hund hinkte langsam durch den Lichtschein und verschwand in der Finsterniß.

Das letzte von denen, die sich bewegen konnten, war fort; das Schicksal der anderen hatten jene Todesschreie Verkündigt.

Immer noch stand die dunkle Figur des Doktors da, das Gesicht den Sternen zugewandt. Minute um Minute verging: der Bediente wartete und beobachtete ihn. Der einsame Mann hatte die seiner Umgebung wohl bekannte Gewohnheit, mit sich selbst zu sprechen, aber nicht ein Wort entschlüpfte ihm; der aufwärts gewandte Kopf bewegte sich nicht; der helle Winterhimmel hielt ihn gefesselt.

Da wurde die Stille durch den schrillen Ton der Eisenbahnpfeife unterbrochen, und er fuhr auf wie ein plötzlich aus dem Schlafe Gerüttelter, und ging in das Laboratorium zurück. Das Schließen und Verriegeln der Thür war das Letzte, was sich vernehmen ließ.

Der Bediente verließ sein Versteck. Das war also das Geheimniß seines Herrn!

Als er wieder ins Haus ging, warteten die Mädchen noch auf ihn. »Laßt mich jetzt in Ruh,« sagte er. »Geht zu Bett. Aber laßt uns auf alle Fälle morgen früh so zeitig fort, daß er uns nicht mehr zu sehen bekommt.«

Er ging zu Bett, aber kein Schlaf kam in seine Augen. Die Erinnerung an das geheimnißvolle Treiben seines Herrn quälte ihn. Endlich konnte er es nicht länger aushalten. Vorsichtig und schnell —— damit die Mädchen nicht vielleicht sein außerordentliches Thun entdeckten —— zog er sich an und öffnete die Hausthür, um zu sehen, ob der Doktor im Laboratorium sei.

Bei dem ersten Schritte in den Hof hielt er von Schreck erfaßt inne. Ueber dem Laboratorium war der sternenklare Himmel durch ein trübes Roth verschleiert. Unter Prasseln schoß ein Flammenstrom und Funkengarben aus dem zerbrochenen Oberlicht und von der Farm her tönte der Ruf: »Feuer! Feuer!«

—— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— ——

Die gerichtliche Untersuchung ließ den Verdacht auf Brandstiftung und Selbstmord aufkommen. Das Papier, die Bücher, das Oel waren leicht brennbare Materialien, die jedenfalls zu einem bestimmten Zweckes in das Gebäude geschafft waren. Der Medizinkasten hatte Opium enthalten, wie die Dienerschaft in Folge unter ihnen selbst vorgekommener Krankheitsfälle wußte. Aber weitere Nachforschungen stellten heraus, daß das Laboratorium nicht versichert war und der Doktor sich in guten Verhältnissen befunden hatte. Wo waren also die Motive? Ein Einsichtiger, der mit in die Jury vorgeschlagen war, hielt dafür, daß der unglückliche seine besonderen Gründe gehabt hätte, erst sich zu vergiften und dann Feuer an den Schauplatz seiner Arbeiten zu legen. Da er aber eine Majorität von elf gegen sich hatte, gab er nach und stimmte dem Verdikte auf Tod durch Unglücksfall zu. Die entstellten Reste von dem, was einst Benjulia gewesen war, fanden ein prunkvolles Begräbniß, dem seine Kollegen von der medizinischen Wissenschaft in großer Zahl bewohnten.



Kapiteltrenner

Capitel LXV.

Man zählte in dem neuen Jahre erst nach Wochen, als eine bescheidene Hochzeit stattfand, ohne daß die Nachbarn etwas davon wußten, ohne Gedränge in der Kirche und ohne Hochzeitsmahl.

Mr. Gallilee, der mit dem ehrenvollen Amt betraut war, die Braut zu führen, zog Ovid vor dem Kirchgang in eine Ecke und sagte:

»Sie sieht noch recht zart aus, das arme Kind. Hältst Du sie wirklich schon für ganz wohl wieder?«

»Sie ist so gesund, als sie überhaupt werden kann,« antwortete Ovid. »Die verlorene Zeit hinter uns kann keine Sorge und Liebe wiederbringen. Ich werde sie glücklich machen; das Uebrige überlaß mir.«

Die Zeugen waren Teresa und Mr. Mool; die Brautjungfern Maria und Zo. Ehe die Gesellschaft zur Kirche aufbrach, wartete sie noch auf Jemand, und es wurde allgemein nach Miß Minerva gefragt. Da kündete Carmina zum Erstaunen Aller —— vom Bräutigam abwärts —— an, daß ihre beste und theuerte Freundin durch Umstände verhindert wäre, gegenwärtig zu sein. Sie lächelte und erröthete, als sie Ovids Arm nahm. »Wenn wir erst Mann und Frau sind, und ich Deiner ganz sicher bin,« flüsterte sie, »will ich Dir sagen, was kein Anderer wissen darf. Wenn Du bis dahin Frances den höchsten Platz in Deiner Achtung geben kannst —— nächst mir natürlich —— wirst Du unserer besten Freundin nur Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

Dabei hatte sie ein kleines Briefchen im Busen verborgen, das von demselben Morgen datirt war und lautete:

»Bei Deiner Rückkehr von der Hochzeitsreise werde ich die erste Freundin sein, die Dir ihre Arme und ihr Herz öffnet. Vergieb mir, wenn ich heute nicht bei Dir sein kann. Du weißt, daß Du mir jetzt trauen kannst; aber wir sind Alle menschlich. —— Sage Deinem Manne nichts.«

Es war das ihre letzte Schwäche; Carmina brauchte sie nie wieder zu entschuldigen.

Ohne Zo hätte vielleicht die Trauer einen Augenblick die Oberhand gewonnen, als das nun verbundene Paar zu seinem neuen glücklichen Leben fortging. Der höfliche Mr. Mool, der sich Jedem angenehm machen mußte, machte Mr. Gallilee’s jüngster Tochter den Hof. »Und wen denkst Du denn einmal zu heirathen, wenn Du erst groß bist, mein kleines Fräuleins« fragte der Rechtsanwalt scherzend.

Zo sah ihn in ernster Ueberraschung an. »Das ist Alles abgemacht,« sagte sie; »ich habe schon Einen, der auf mich wartet.«

»Ei, was Du sagst! Und wer sollte das denn sein?«

»Donald!«

»Sie haben da ein ganz außergewöhnliches Kind,« sagte Mr. Mool zu seinem Freunde, als sie fortgingen.

Mr. Gallilee nickte abwesend. »Hat meine Frau die Bestellung bekommen?« fragte er.

Mr. Mool seufzte und schüttelte den Kopf. »Bestellungen von ihrem Gatten sind genau so an sie weggeworfen, als ob sie noch in der Heilanstalt wäre. Willigen Sie, um gegen sich selbst gerecht zu sein, in eine friedliche Trennung, und ich werde die Sache arrangieren.«

»Haben Sie sie gesehen?«

»Ich bestand darauf, sie zu sehen, ehe ich mit ihren Sachwaltern zusammenkäme. Sie erklärt sich für infam behandelt und beweist das in der That von ihrem Standpunkte aus. »Mein Mann,« so deduziert sie, »hat sich während meiner Krankheit nie bei mir sehen lassen und hat mir meine Kinder heimlicherweise genommen. Meine Kinder trennten sich so bereitwillig von ihrer Mutter, daß sie nicht einmal die Schicklichkeit hatten, mir zu schreiben. Meine Nichte dachte schamloserweise daran, zu meinem Sohne zu entlaufen, und schrieb demselben einen Brief, in welchem sie seine Mutter in den abscheulichsten Ausdrücken verunglimpfte. Und Ovid setzte der Undankbarkeit die Krone auf, indem er das Mädchen heirathete, das sich so benommen hatte.« Ich sage Ihnen, Mr. Gallilee, in dieser Weise stellte sie die Sache dar! »Bin ich zu tadeln,« fragte sie, »daß ich jene Geschichte über die Mutter des Mädchens glaubte? Es ist anerkannt, daß der Mensch ihr den Hof machte —— das Uebrige ist Ansichtssache. That ich Unrecht, daß ich die Geduld verlor und damals in der Weise mit meiner sogenannten Nichte sprach? Ja, das war Unrecht von mir: es ist der einzige Fall, wo mir ein Vorwurf zu machen ist. Aber war ich nicht provoziert worden? Habe ich nicht gelitten? Ich will mit meiner herzlosen Familie nichts mehr zu thun haben. Der Rest meines Lebens soll intellektueller Gesellschaft und den veredelnden Bestrebungen der Wissenschaft geweiht sein. Lassen Sie mich nichts mehr von Ihnen und Ihren Auftraggebern hören.« Dann erhob sie sich wie eine Königin und komplimentierte mich aus dem Zimmer. Ich sage Ihnen, es überläuft mich eine Gänsehaut, wenn ich an sie denke.«

»Wenn ich den Rath befolgte, würde ich sie in Schulden verlassen,« sagte Mr. Gallilee.

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nie dessen, was ich Ihnen sagen will, zu erwähnen,« entgegnete Mr. Mool, »Wenn sie Geld gebrauchen sollte, so hat mir der beste Mensch in der Welt einen Blanko-Cheque übergeben, den ich für sie ausfüllen soll —— sein Name ist Ovid Vere«

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Als die Saison vorrückte, wurden an einem Abend in London zwei gesellige Unterhaltungen gegeben, die den vollständigsten Kontrast zu einander bildeten.

Mr. Ovid Vere und Gemahlin gaben zur Feier ihrer Rückkehr ein heiteres kleines Diner, zu welchem Teresa, die zur Würde einer Wirthschafterin avanciert war, es sich nicht hatte nehmen lassen, eigenhändig die Tomaten zu füllen und die Maccaroni zu kochen. Die Gäste bestanden aus Lord und Lady Northlake, Maria und Zo, Miß Minerva und Mr. Mool. Mr. Gallilee war als ein zum Haushalte Gehöriger anwesend; denn wenn er in London war, wohnte er mit den Kindern unter Ovids Dache. Gingen sie nach Schottland, so hatte er eine eigene Hütte in Lord Northlake's Park, die er sich durchaus hatte kaufen müssen. Er und Zo tranken zu viel Champagner bei Tisch. Der Vater hielt eine Rede, und die Tochter sang: »Hei, wir sind fröhlich.«

In einem anderen Viertel der Stadt fand eine Gesellschaft statt, welche die Straße mit Equipagen füllte, und von der die nächsten Morgennummern Berichte brachten.

Dort war Mrs. Gallilee für die Wissenschaft zu Hause. Die Professoren der civilisirten Welt sammelten sich um ihre holde Freundin. Frankreich, Italien und Deutschland verwirrten die ankündigenden Bedienten mit einem vollständigen Babel großer Namen —— und Großbritannien war großartig vertreten. Jene drei höheren Wesen, die jedes einen Blick hinter den Schleier der Schöpfung gethan und das Geheimniß des Lebens entdeckt hatten, wohnten der Gesellschaft bei und wurden die Mittelpunkte dreier Cirkel —— des einen, der an »Protoplasma«, des zweiten, der an »Bioplasma«, und des dritten, der an »atomisierte, durch das Respirationsoxygen in das System eingeführte Ladungen von Elektrizität« glaubte. Die Vorlesungen und Demonstrationen in dem eigens dazu eingerichteten prächtigen Saale nahmen den ganzen Abend kein Ende. In einer Ecke nahm eine blonde Philosophin in blauem Sammet und Spitzen die Sonne vor. »Der Sonne Leben, Verehrte, beginnt mit einer nebulösen, dann gasartigen Kindheit.« In einer andern übertrug ein Herr mit schüchternem und zurückhaltendem Wesen, »strahlende Kraft in tönende Schwingungen« —— die sich dann durch die Wärter und Champagnerflaschen an der Tafel in Knalle übertragen. Im Centrum des Saales löste die Wirthin selbst das wichtige Problem der Stoffzuführung vom Gesichtspunkte einer Methode, die Entwickelung der Kaulquappen in Frösche zu befördern —— und zwar mit so glänzendem Resultate, daß letztere Lebewesen sich munter unter die Gäste mischten und durch Forschungsabstecher auf die Treppe die intelligente Neugier befriedigten. Dreihundert illustre Leute wurden in der Spanne eines Abends entzückt und überrascht, belehrt und unterhalten; und als die Wissenschaft heimging, verließ sie einmal eine »Conversazione« mit wohlgefülltem Magen. Um zwei Uhr Morgens setzte sich Mrs. Gallilee in dem leeren Saale nieder, und sagte zu dem gelehrten Freunde, welcher bei ihr wohnte:

»Endlich bin ich glücklich!«

E n d e.



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