Armadale



Erstes Kapitel.

Es war im Jahre 1832. Die Saison zu Wildbad sollte ihren Anfang nehmen.

Die Schatten der Nacht begannen sich auf die stille kleine deutsche Stadt herabzusenken, und die Ankunft der Schnellpost ward mit jeder Minute erwartet. Vor der Hausthür des ersten Gasthofs waren die drei bedeutendsten Persönlichkeiten von Wildbad versammelt, die, von ihren Gemahlinnen begleitet, der Ankunft der ersten Badegäste des Jahres harrten: der Bürgermeister, als Repräsentant der Einwohner, der Arzt, als Repräsentant der Brunnen, der Gastwirth, als Repräsentant seines eigenen Etablissements. Außerhalb dieses kleinen Kreises von Auserwählten, die in gemüthlichen Gruppen auf dem sauberen hübschen kleinen Platze vor dem Gasthofe umher standen, befanden sich Einwohner des Städtchens, unter die sich hier und dort einige Landleute in ihrer eigenthümlichen Nationaltracht mischten; die Männer in kurzen schwarzen Zacken, eng anschließenden schwarzen Kniehosen und dreieckigen Castorhüten, die Frauen mit ihrem langen blonden Haar, das ihnen in einer einzigen Flechte auf dem Rücken herabhing, und in kurzen wollenen Kleidern, deren Taille sich bescheiden in der Region des Schulterblatts abzeichnete —— alle der Schnellpost harrend. An den äußersten Grenzen dieser Versammlung tummelten sich ohne Unterlaß fliegende Detachements von dicken weißköpfigen Kindern, während in einem abgelegenen Winkel, geheimnisvoll von den übrigen Einwohnern getrennt, die Stadtmusikanten bereit standen, um die Ankunft der ersten Gäste mit einem Ständchen zu begrüßen. Die hohen waldigen Hügel, die rechts und links über dem Städtchen Wache hielten, waren noch in dem hellen Lichte des Maiabends sichtbar, und die kühle Brise, die dem Sonnenuntergang vorangeht, strich, mit dem balsamischen Dufte der Fichten des Schwarzwaldes geschwängert, scharf daher.

»Herr Wirth«, sagte die Gattin des Bürgermeisters, den Gastwirth bei seinem Titel anredend, »erwarten Sie an diesem ersten Tage der Saison Gäste vom Ausland?«

»Frau Bürgermeisterin«, antwortete der Gastwirth, das Compliment erwidernd, »ich erwarte zwei ausländische Gäste. Sie haben geschrieben —— der eine durch die Hand seines Dieners, der andere anscheinend mit eigener Hand —— um sich Zimmer zu bestellen, und ihren Namen nach zu urtheilen sind sie beide aus England. Wenn Sie von mir verlangen, daß ich die Namen ausspreche, so zögert meine Zunge; wenn Sie sich aber damit begnügen wollen, daß ich Ihnen dieselben vorbuchstabiere, so lauten sie folgendermaßen: erstens ein hochgeborener Fremder, dessen Titel Mister, und der sich mit acht Buchstaben unterzeichnet, nämlich A——r——m——a——d——a——l——e, und, sehr krank, in seinem eigenen Wagen reist; zweitens ein hochgeborener Fremder, dessen Titel ebenfalls Mister und der sich mit vier Buchstaben unterzeichnet —— N——e——a——l —— und, gleichfalls krank, mit der Schnellpost kommt, Se. Excellenz mit acht Buchstaben schreibt mir durch seinen Diener französisch; Se. Excellenz mit vier Buchstaben schreibt mir deutsch. Die Zimmer beider Excellenzen sind in Bereitschaft Weiter weiß ich nichts.«

»Der Herr Doctor hat vielleicht von einem dieser hohen Gäste oder gar von beiden gehört?« sagte die Frau Bürgermeisterin.

»Nur von dem einen, Frau Bürgermeisterin; doch, streng genommen, nicht von dem Herrn selber. Ich habe über Se. Excellenz mit den acht Buchstaben einen ärztlichen Bericht empfangen, und er scheint ein schlimmes Leiden zu haben. Gott helfe ihm!«

»Die Schnellpost!« schrie ein Kind am äußersten Ende der Menge.

Die Musikanten ergriffen ihre Instrumente und in der Gemeinde herrschte tiefe Stille. Aus den fernen Windungen der Waldstraße kam zuerst matt und dann immer heller durch die Abendstille der Schellenklang von Pferden heran. Welcher Wagen war es, der sich nahte, die Privatequipage mit Mr. Armadale oder die Schnellpost mit Mr. Neal?

»Spielt, Freunde!« rief der Bürgermeister den Musikanten zu. »Ob sie in öffentlicher oder Privatequipage kommen, gleichviel, es sind die ersten kranken Gäste der Saison. Spielt, spielt, damit sie uns heiter sehen.«

Die Musikanten spielten einen lustigen Tanz und die Kinder auf dem Platze tanzten vergnügt nach der Musik. In demselben Augenblick traten die älteren Wartenden vor dem Gasthofe auf die Seite, und dann fiel der erste traurige Schatten auf die hübsche fröhliche Scene. Durch die offene Menschenallee kam nämlich eine kleine Procession von kräftigen Landmädchen daher, von denen jedes einen leeren Rollstuhl zog und, während es mit einem Strickzeug beschäftigt war, der armen vom Schlage Gelähmten harrte, die damals zu Hunderten, wie jetzt zu Tausenden, nach Bad Wildbad kamen, um Hilfe und Heilung zu suchen.

Während die Musikanten spielten, die Kinder tanzten, die umstehenden Schwätzer emsiger plauderten und die kräftigen jungen Wärterinnen der erwarteten Krüppel mit unerforschlicher Miene strickten, gab sich in der Gattin des Bürgermeisters die unersättliche Neugier des Weibes in Bezug auf andere Weiber zu erkennen. Sie zog die Gastwirthin auf die Seite und flüsterte ihr eine Frage ins Ohr.

»Noch ein Wort, Madame«, sagte die Gattin des Bürgermeisters »über die beiden Fremden aus England. Sind ihre Briefe ausführlich? Sind sie von Damen begleitet?«

»Der Fremde, der mit der Schnellpost kommt, nicht«, erwiderte die Frau Wirthin, »wohl aber der, welcher in seiner eigenen Equipage reist. Er bringt ein Kind, er bringt eine Kinderwärterin und«, fügte die Frau Wirthin hinzu, indem sie geschickt das Interessanteste bis zuletzt aufbewahrte, »er bringt eine Gattin mit.«

Das Gesicht der Frau Bürgermeisterin erhellte sich; das der Frau Doctorin, die an der Besprechung theilnahm, erhellte sich ebenfalls und die Frau Wirthin nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe. In allen dreien erwachte in demselben Augenblick derselbe Gedanke: »Wir werden die neuen Moden zu sehen bekommen!«

Eine Minute später entstand eine plötzliche Bewegung in der Menge, und ein Chor von Stimmen verkünden, daß die Reisenden sich nahten.

Das herannahende Fuhrwerk war jetzt in Sicht gekommen und aller Zweifel hatte ein Ende. Es war die Schnellpost, die die lange Straße herabkam, welche in den Platz ausmündete, die Schnellpost in einem blendenden neuen Kleide von gelbem Lack, welche die ersten Gäste der Saison vor dem Gasthofe absetzte. Von den zehn Reisenden, die der Kutschentheil des Eilwagens enthielt, und welche alle aus verschiedenen Theilen von Deutschland kamen, wurden drei hilflos aus demselben heraus und in die Rollstühle gehoben, um in denselben mach ihren Wohnungen in der Stadt gefahren zu werden. Das Coupé enthielt nur zwei Reisende, Mr. Neal und seinen ihn auf der Reise begleitenden Diener. Auf beiden Seiten von einem Arme unterstützt, gelang es dem Fremden, dessen Krankheit sich anscheinend auf eine Lahmheit des einen Fußes beschränkte, ohne große Mühe vermittelst des Trittes aus dem Wagen zu steigen. Als er, sich auf seinen Stock stützend, auf dem Pflaster stand und einen nicht allzu freundlichen Blick auf die Musikanten warf, die ihm den Walzer aus dem Freischütz vorspielten, ward die Begeisterung des freundschaftlichen kleinen Kreises, der ihn zu bewillkommnen versammelt war, durch sein äußeres Erscheinen um ein Merkliches gedämpft. Er war ein großer, hagerer, ernster Mann von mittleren Jahren, mit einem kalten grauen Auge und einer langen Oberlippe, langen struppigen Augenbrauen und hervorstehenden Backenknochen, ein Mann, der aussah wie das, was er war, nämlich vom Kopf bis zur Zehe ein Schotte.

»Wo ist der Eigenthümer dieses Gasthofs?« fragte er in deutscher Sprache, mit geläufiger Ausdrucksweise und eisig kaltem Wesen. »Holen Sie den Arzt«, sagte er, nachdem der Wirth sich ihm vorgestellt; »ich wünsche ihn augenblicklich zu sehen.«

»Ich bin bereits hier, Sir«, sagte der Doctor, aus dem Kreise der Freunde hervortretend, »und meine Dienste stehen Ihnen zur Verfügung.«

»Danke«, sagte Mr. Neal, indem er den Arzt ansah, wie andere Menschen einen Hund anzusehen pflegen, der auf ihr Pfeifen gekommen ist. »Ich wünsche Sie morgen um zehn Uhr über meine eigene Krankheit zu Rathe zu ziehen, jetzt aber will ich mich nur eines Auftrags entledigen, der mir an Sie übermacht worden. Wir fuhren auf dem Wege hierher an einem Reisewagen vorbei, in dem sich ein Herr befand —— ein Engländer, wie ich glaube —— welcher ernstlich krank zu sein schien. Eine Dame, die ihn begleitete, bat mich, Sie unmittelbar nach meiner Ankunft aufzusuchen und um Ihren ärztlichen Beistand für den Kranken zu bitten, wenn dieser aus dem Wagen geschafft würde. Ihr Kurier hat einen Unfall gehabt und deshalb unterwegs zurückbleiben müssen, und sie sind genöthigt, sehr langsam zu reisen. Falls Sie in einer Stunde hier sind, so wird dies früh genug sein, um sie zu empfangen. Dies ist mein Auftrag. Wer ist dieser Herr, der mich zu sprechen wünscht, wie es scheint? Der Bürgermeister? Falls Sie meinen Paß zu sehen wünschen, Sir, so wird mein Diener Ihnen denselben zeigen. Nicht? Sie wünschen mich in Ihrer Stadt willkommen zu heißen und mir Ihre Dienste anzutragen? Ich fühle mich außerordentlich geschmeichelt. Wenn Sie hinreichende Autorität besitzen, um ihren Musikanten zu gebieten, ihre Musik einzustellen, so würden Sie mir eine Freundlichkeit erzeigen, indem sie dieselbe zu diesem Zwecke anwendeten. Meine Nerven sind reizbar und ich kann die Musik nicht leiden. Wo ist der Gastwirth? Ich wünsche mein Zimmer zu sehen. Nein, ich bedarf Ihres Arms nicht, ich kann mit Hilfe meines Stocks die Treppe hinaufgehen. Herr Bürgermeister und Herr Doctor, wir brauchen einander nicht länger aufzuhalten. Ich wünsche Ihnen gute Nacht.«

Der Bürgermeister und der Doctor sahen dem Schotten nach, wie dieser die Treppe hinauf hinkte, und schüttelten mit stummer Mißbilligung den Kopf. Die Damen gingen wie gewöhnlich einen Schritt weiter und drückten ihre Ansichten offen und mit den deutlichsten Worten aus. Es handelte sich hier, insoweit die Sache sie betraf, um einen Mann, der sich unterstanden, sie völlig zu übersehen. Die Frau Bürgermeisterin konnte eine solche Beleidigung nur der angeborenen Roheit eines Wilden zuschreiben. Die Frau Doctorin äußerte sich aber noch kräftiger über ihn und betrachtete sein Betragen als die ihm innewohnende Brutalität eines durch sein Grunzen bekannten Vierfüßlers.

Die Stunde, welche bis zur Ankunft des Reisewagens vergehen mußte, verstrich, und die schleichenden Schatten der Nacht sanken sanft aus die Hügel herab. Die Sterne erschienen einer nach dem andern und in den Fenstern des Gasthofs begannen Lichter zu funkeln. Als die Dunkelheit hereinbrach, verließen die letzten Müßiggänger den Platz; die Stille des Waldes senkte sich gleichsam auf das Thal herab und eine seltsame Oede herrschte plötzlich in dem einsamen kleinen Städtchen.

Der Arzt, welcher sorgenvoll auf und ab wanderte, war das einzige lebende Wesen, das noch auf dem Platze zurückblieb. Der Doctor zählte fünf, zehn, zwanzig Minuten auf seiner Uhr, ehe die ersten Klänge durch die Nachtstille drangen, die ihm das Herannahen des Wagens verkündeten. Derselbe erschien langsam auf dem Platze, die Pferde gingen im Schritt und brachten ihn, einem Leichenwagen ähnlich, bis vor die Thür des Gasthofs.

»Ist der Arzt hier?« fragte eine Frauenstimme aus der Dunkelheit im Innern des Wagens in französischer Sprache.

»Ich bin hier, Madame«, antwortete der Doctor, indem er dem Wirthe das Licht aus der Hand nahm und den Wagenschlag öffnete.

Das erste Gesicht, das die Kerze beleuchtete, war das der Dame, die so eben gesprochen hatte, einer jungen Dame von dunkler Schönheit, in deren besorgt blickenden schwarzen Augen schwere Thränen glänzten; das zweite das einer alten Negerin, die der Dame gegenüber auf dem Rücksitz saß; das dritte das eines kleinen schlafenden Kindes auf dem Schooße der Negerin. Die Dame gab der Wärterin durch eine schnelle Gebärde der Ungeduld zu verstehen, sie solle zuerst mit dem Kinde aussteigen. »Bitte, führen Sie sie fort«, sagte sie zu der Wirthin, »bitte, führen Sie sie auf ihr Zimmer.« Sobald man ihrem Wunsche Folge geleistet, stieg sie selbst aus. In diesem Augenblick fiel das Licht zum ersten Male hell in das Innere des«Wagens und zeigte den vierten Reisenden.

Er lag hilflos auf einer Matratze, die durch Holzstäbe gehalten wurde; sein Haar hing lang und unordentlich unter einem schwarzen Käppchen hervor; seine weit geöffneten Augen rollten unaufhörlich mit angstvollem Ausdruck hin und her; der übrige Theil seines Gesichts verrieth so wenig von dem Charakter und den Gedanken in ihm, als wenn er todt gewesen wäre. Wenn man ihn jetzt ansah, war es unmöglich zu errathen, was er einst gewesen sein konnte. Die bleierne Leere seines Gesichts begegnete jedem prüfenden Blicke, der sein Alter, seine gesellschaftliche Stellung, seine Gemüthsanlagen und sein ehemaliges Aussehen zu erforschen suchte, mit undurchdringlichem Schweigen. Nichts als der Schlag, der ihn zu einem lebendig Todten gemacht, verrieth jetzt irgendetwas über ihn. Des Doctors Auge befragte die unteren Glieder und der lebendige Tod erwiderte: Ich bin hier. Des Doctors Auge schweifte aufmerksam an den Händen und Armen bis zu den Muskeln um seinen Mund hinauf, und der lebendige Tod erwiderte auf seine Frage: Ich komme.

Im Angesicht eines so fürchterlichen Unglücks gab es nichts zu sagen. Stille Theilnahme war alles, was er dem Weibe zu bieten vermochte, welches weinend an der Wagenthür stand.

Als man den Kranken auf seinem Lager durch den Hausflur des Gasthofs trug, fielen seine unruhigen Blicke auf das Gesicht seiner Gattin. Dort ruhten dieselben einen Augenblick und in diesem Augenblicke sprach er:

»Das Kind?« Er sagte dies in englischer Sprache, langsam, mühsam und schwerfällig.

»Das Kind ist oben in Sicherheit«, erwiderte die Frau mit matter Stimme.

»Mein Schreibpult?«

»Ich habe es in der Hand. Sieh! ich will es Niemand anvertrauen, sondern es selbst für Dich in Gewahrsam nehmen.«

Nach dieser Antwort schloß er zum ersten Male die Augen und sagte nichts weiter. Man trug ihn vorsichtig und geschickt die Treppe hinauf, während seine Gattin auf der einen Seite ging und der Arzt in unheilverkündendem Schweigen auf der andern. Der Wirth und die Diener, welche ihnen folgten, sahen die Thür seines Zimmers sich öffnen und hinter ihm sich schließen, hörten die Dame, sobald sie sich mit dem Arzte und dem Kranken allein sah, in krampfhaftes Weinen ausbrechen, und sahen den Arzt nach einer halben Stunde mit einem etwas bleicheren Gesicht als gewöhnlich wieder herauskommen. Man drang eifrig mit Fragen in ihn, erhielt aber auf alle Erkundigungen nur die Antwort: »Wartet, bis ich ihn morgen gesehen habe, fragt mich heute nicht weiter.« Alle waren mit dem Wesen des Doctors vertraut, und es ahnte ihnen Schlimmes, als er sie mit dieser Antwort verließ.

In dieser Weise langten die beiden ersten englischen Gäste in der Saison des Jahres 1832 in Wildbad an.



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel.

Um zehn Uhr des folgenden Morgens sah Mr. Neal, des ärztlichen Besuchs harrend, den er selbst für diese Stunde angesetzt hatte, auf seine Uhr und entdeckte zu seinem Erstaunen, daß er vergebens wartete. Es war fast elf Uhr, als sich endlich die Thür öffnete und der Arzt ins Zimmer trat.

»Ich hatte zehn Uhr für Ihren Besuch angesetzt«, sagte Mr. Neal. »In meinem Lande ist ein Arzt ein pünktlicher Mann.«

»In meinem Lande«, erwiderte der Doctor ohne die geringste üble Laune, »ist ein Arzt genau dasselbe, was andere Leute sind, das heißt, dem Zufall unterworfen. Bitte, lassen Sie mir Ihre Verzeihung zu Theil werden, Sir, daß ich Sie so lange warten ließ; ich bin durch einen sehr traurigen Fall aufgehalten worden, durch Mr. Armadale, an dessen Reisewagen Sie gestern auf Ihrem Wege hierher vorbeikamen.«

Mr. Neal schaute seinen ärztlichen Rathgeber mit verdrießlicher Ueberraschung an. In dem Auge des Doctors verrieth sich eine geheime Sorge und es lag eine geheime Unruhe in seinem Wesen, die er sich nicht zu erklären vermochte. Einen Augenblick standen die beiden Männer einander schweigend in stark markiertem nationalen Contraste gegenüber, das Gesicht des Schotten lang, hager und regelmäßig, das des Deutschen voll und blühend, sanft und gemüthlich. Das eine Gesicht sah aus, als ob es nie jung gewesen, das andere, als ob es nie alt werden könne.

»Darf ich Sie daran zu erinnern wagen«, sagte Mr. Neal, »daß es sich gegenwärtig um meine Krankheit handelt und nicht um die des Mr. Armadale?«

»O gewiß«, sagte der Doctor, in Gedanken noch immer mit dem Krankheitsfall beschäftigt, von dessen Prüfung er so eben gekommen war. »Sie scheinen an einer Lahmheit zu leiden. Lassen Sie mich Ihren Fuß untersuchen.«

Mr. Neal’s Krankheit war, so ernstlich sie ihm selbst erscheinen mochte, vom ärztlichen Gesichtspunkte aus betrachtet von keiner besonderen Bedeutung. Er litt an heftigem Rheumatismus im Fußknöchel. Die nothwendigen Fragen wurden gethan und beantwortet und die erforderlichen Bäder verschrieben. In zehn Minuten war die Consultation zu Ende, und der Patient wartete in bedeutungsvollem Schweigen darauf, daß der ärztliche Rathgeber sich verabschieden werde.

»Ich kann es mir nicht verhehlen«, sagte der Doctor, indem er aufstand und ein wenig zögerte, »daß ich Ihnen aufdringlich erscheinen muß. Doch sehe ich mich gezwungen, Sie um Nachsicht zu ersuchen, wenn ich noch einmal auf Mr. Armadale zurückkomme.«

»Darf ich fragen, was Sie dazu zwingt?«

»Die Pflicht, die ich als Christ einem Sterbenden schulde«, erwiderte der Doctor.

Mr. Neal zuckte leicht zusammen. Wenn man sich auf sein religiöses Pflichtgefühl berief, berührte man den zartesten Theil seines Gemüths »Sie haben Ihre Ansprüche auf meine Aufmerksamkeit begründet«, sagte er ernst. »Meine Zeit gehört Ihnen.«

»Ich will Ihre Güte nicht mißbrauchen«, erwiderte der Arzt, sich wieder setzend, »und werde mich so kurz fassen, als ich es vermag. Mr. Armadale’s Angelegenheit verhält sich in Kürze folgendermaßen. Er hat den größeren Theil seines Lebens, eines wilden und lasterhaften Lebens, wie er selbst bekennt, in Westindien zugebracht. Bald nach seiner Vermählung, vor etwa drei Jahren, begannen die ersten Symptome eines paralytischen Leidens sich bei ihm zu zeigen und seine ärztlichen Rathgeber verordneten ihm das Klima Europas. Seitdem er Westindien verlassen, hat er hauptsächlich in Italien gelebt, ohne daß sich jedoch seine Gesundheit verbesserte Von Italien ging er, ehe er den letzten Schlaganfall erlitt, nach der Schweiz, und von der Schweiz hat man ihn hierher gesandt. Soviel ist mir aus dem Berichte seines Arztes bekannt; das Uebrige kann ich Ihnen nach meiner persönlichen Beobachtung mittheilen. Mr. Armadale ist zu spät nach Wildbad gesandt worden, er ist dem Wesen nach bereits todt. Die Lähmung zieht mit großer Schnelligkeit nach oben, und der untere Theil des Rückgrats ist schon abgestorben. Er vermag seine Hände noch ein wenig zu bewegen, aber er kann mit den Fingern nichts mehr festhalten. Er kann zwar noch artikuliert sprechen, dürfte aber vielleicht schon morgen oder übermorgen sprachlos erwachen. Falls ich ihm noch eine Woche zu leben gebe, so ist dies das Aeußerste, was ihm, offen gesagt, zugemessen ist. Auf seinen eigenen Wunsch habe ich ihm so schonend und zartfühlend wie möglich das, was ich Ihnen hier sage, mitgetheilt. Das Resultat dieser Mittheilung war ein sehr betrübendes. Ich verzweifle daran, Ihnen eine Schilderung von der Heftigkeit seiner Gemüthsbewegung zu geben. Ich nahm mir die Freiheit, ihn zu fragen, ob seine Angelegenheiten in Unordnung seien. Durchaus nicht. Sein Testament befindet sich in den Händen seines Testamentsvollstreckers in London,« und er läßt Weib und Kind wohlversorgt zurück. Mit meiner nächsten Frage traf ich es besser: »Haben Sie etwas auf dem Herzen, das Sie zu thun wünschen, ehe Sie sterben?« Er athmete einmal hoch aus, als ob er sich erleichtert fühle, und drückte dadurch deutlicher wie mit Worten aus: »Ja.« — »Kann ich Ihnen behilflich sein?« —— »Ja. Ich habe etwas zu schreiben, das ich schreiben muß. Können Sie bewirken, daß ich eine Feder halten kann?« Er hätte mich ebenso gut fragen können, ob ich Wunder zu thun im Stande sei. Ich konnte nur mit Nein antworten. »Können Sie, falls ich Ihnen die Worte dictire, dieselben niederschreiben?« Ich konnte abermals nur mit Nein antworten. Ich verstehe wohl ein wenig Englisch, kann es aber weder sprechen noch schreiben. Mr. Armadale versteht Französisch, wenn man es, wie ich dies thue, langsam zu ihm spricht, doch kann er sich nicht in dieser Sprache ausdrücken, und von der deutschen Sprache versteht er gar nichts. In dieser schwierigen Lage sagte ich, was Jeder an meiner Stelle gesagt haben würde: Warum fragen Sie mich? Mrs. Armadale ist im nächsten Zimmer und steht Ihnen gewiß zu Diensten.« Ehe ich aufstehen konnte, um sie zu holen, hielt er mich zurück, nicht etwa durch Worte, sondern durch einen solchen Blick des Entsetzens, daß ich mich gewaltsam an meinen Platz fest gebannt fühlte. »Ihre Gattin«, sagte ich, »ist doch sicherlich die passendste Person, um das für Sie zu thun, was Sie gethan zu sehen wünschen?« — »Die letzte Person unter der Sonne? entgegnete er. »Wie!« sagte ich, »Sie verlangen von mir, einem Fremden, der nicht einmal ein Landsmann von Ihnen ist, sich Worte von Ihnen dictiren zu lassen, die Sie vor Ihrer Gattin geheim halten?« Malen Sie sich mein Erstaunen, als er mir, ohne einen Augenblick zu zögern, erwiderte: »Ja!« Ich saß stumm vor Erstaunen da. »Falls Sie nicht Englisch zu schreiben im Stande sind«, »sagte er, »so suchen Sie Jemand, der es kann.« Ich versuchte ihm Vorstellungen zu machen. Er brach in ein fürchterliches Jammergestöhn aus, ein stummes Flehen, gleich dem eines Hundes. »Still, still!« sagte ich. »Ich will Jemand suchen.« —— »Heute noch«, erwiderte er, »ehe ich sprachlos bin, wie meine Hand kraftlos ist« —— »Heute. Innerhalb einer Stunde.« Er schloß die Augen und beruhigte sich augenblicklich. »Lassen Sie mich, während ich Ihre Rückkehr abwarte, meinen kleinen Knaben sehen«, sagte er. Er hatte keine Zärtlichkeit verrathen, als er von seiner Gattin gesprochen, doch als er sein Kind forderte, sah ich, daß seine Augen sich mit Thränen füllten. Mein Beruf hat mich nicht so hartherzig gemacht, wie Sie wohl glauben mögen, Sir, und als ich hinausging, um das Kind zu holen, war mir das Herz so schwer in der Brust, als ob ich gar kein Arzt gewesen wäre. Ich fürchte, Sie finden dies etwas schwach von mir?«

Der Doctor sah Mr. Neal fragend an. Er hätte ebenso gut einen Felsen im Schwarzwald ansehen mögen. Mr. Neal war nicht der Mann, sich durch irgend einen Arzt der Christenheit aus den Regionen der einfachen Thatsachen ziehen zu lassen.

»Fahren Sie fort«, sagte er. »Ich nehme an, daß Sie noch nicht alles gesagt, was Sie mir mitzutheilen haben.«

»Sie verstehen doch jetzt den Zweck, der mich hierher geführt hat?« entgegnete der Andere.

»Ihr Zweck ist mir klar genug. Sie fordern mich auf, mich blindlings mit einer Sache zu befassen, die bis jetzt im höchsten Grade verdächtig ist. Ich schlage es aus, Ihnen irgend eine Antwort zu geben, bis ich mehr weiß, als mir bis jetzt bekannt ist. Erschien es Ihnen nothwendig, die Gattin dieses Mannes von dem zu unterrichten, was sich zwischen Ihnen zugetragen, und sie um eine Erklärung zu ersuchen?«

»Natürlich erschien mir dies als nothwendig!« sagte der Arzt, entrüstet über den in dieser Frage liegenden Zweifel an seiner Humanität. »Wenn ich je ein Weib sah, das ihren Gatten liebte und um ihn trauerte, so ist es diese unglückliche Mrs. Armadale. Sobald wir mit einander allein waren, setzte ich mich zu ihr und nahm ihre Hand in die meinige. Warum nicht? Ich bin ein häßlicher alter Mann und darf mir wohl solche kleine Freiheiten erlauben!«

»Entschuldigen Sie«, sagte der undurchdringliche Schotte, »wenn ich Sie daran zu erinnern wage, daß Sie mir den Faden Ihrer Erzählung zu verlieren scheinen.«

»Nichts wahrscheinlicher«, erwiderte der Doctor in vollkommen guter Laune. »Es ist eine Gewohnheit meiner Nation, stets den Faden zu verlieren, und eine Gewohnheit der Ihrigen, Sir, denselben beständig zu finden. Welch ein herrliches Beispiel der weisen Anordnungen des Weltalls und der ewigen Uebereinstimmung der Dinge!«

»Sie werden mich verbinden«, sagte Mr. Neal mit ungeduldigem Stirnrunzeln, »wenn Sie sich ein für allemal auf die Thatsachen beschränken. Darf ich um meiner selbst willen fragen, ob Mrs. Armadale Ihnen zn sagen im Stande war, was ihr Gatte mich schreiben zu lassen wünscht, und warum er sich weigert, sie dasselbe für ihn schreiben zu lassen?«

»Da ist der Faden meiner Erzählung, und besten Dank, daß Sie denselben für mich gefunden!« sagte der Doctor. »Sie sollen das, was Mrs. Armadale mir zu erzählen hatte, in Mrs. Armadales eigenen Worten erfahren. »Die Ursache, die mich jetzt aus seinem Vertrauen ausschließt«, sagte sie »ist, wie ich fest überzeugt bin, dieselbe, die mich stets aus seinem Herzen ausgeschlossen. Ich bin das Weib, das er geheirathet, doch nicht das Weib, das er geliebt hat. Ich wußte, als er mich heirathete, daß ein anderer Mann das Weib zum Altar geführt, welches er geliebt hatte. Ich glaubte im Stande zu sein, ihn sie vergessen zu machen. Ich hoffte dies, als ich ihn heirathete, und ich hoffte es wieder, als ich ihm einen Sohn gebar. Ich brauche Ihnen das Ende meiner Hoffnungen nicht zu sagen, Sie haben dasselbe selbst gesehen.« Geduld, Sir, wenn ich bitten darf! Ich habe den Faden nicht wieder verloren, sondern folge demselben Zoll für Zoll. »Ist dies alles, was Sie wissen?» fragte ich. »Alles«, sagte sie, »was ich bis vor kurzer Zeit wußte. In der Schweiz jedoch, als seine Krankheit fast ihren Gipfel erreicht hatte, sollte ich etwas mehr, erfahren. Der Zufall brachte ihm Nachrichten von dem Weibe, das der Schatten und das Gift meines Lebens gewesen, die Nachricht, daß sie gleich mir ihrem Gatten einen Sohn geboren. Sowie er diese Entdeckung gemacht —— eine so unbedeutende Sache, wie es nur eine gab —— erfaßte ihn eine tödtliche Furcht, nicht für sich selbst, nicht für mich, sondern für sein eigenes Kind. An demselben Tage ließ er, ohne mir ein Wort zu sagen, den Arzt holen. Ich war so kleinlich oder gottlos, wie Sie es nennen wollen, an der Thür zu lauschen. Ich hörte ihn sagen: »Ich habe meinem Sohne etwas mitzutheilen, wenn derselbe alt genug ist, um mich zu verstehen. Werde ich lange genug leben, um es ihm sagen zu können?« Der Arzt wollte ihm hierüber nichts Gewisses mittheilen. In derselben Nacht schloß er sich, abermals ohne mir ein Wort zu sagen, in sein Zimmer ein. Was würde ein anderes Weib gethan haben, das man behandelt, wie man mich behandelte? Sie würde gethan haben, was ich that, sie würde abermals gelauscht haben. Ich hörte ihn zu sich selber sprechen: »Ich werde nicht lange genug leben, um es ihm zu sagen; ich muß es niederschreiben, ehe ich sterbe.« Ich hörte seine Feder auf dem Papiere kratzen, ich hörte ihn schwer stöhnen und schluchzen, während er schrieb; ich flehte ihn um Gottes willen an, mich einzulassen. Die grausame Feder war die einzige Antwort, die mir wurde. Ich wartete vor der Thür —— stundenlang —— ich weiß nicht, wie lange. Plötzlich hörte die Feder zu kratzen auf und ich vernahm nichts mehr. Ich flüsterte leise durch das Schlüsselloch; ich sagte, es friere mich und ich sei müde vom langen Warten; ich sagte: Liebes Herz, laß mich ein! doch selbst die grausame Feder antwortete mir jetzt nicht mehr, es herrschte Todtenstille Ich schlug mit der ganzen Kraft meiner schwachen Hände an die Thür Die Diener kamen und. erbrachen dieselbe. Wir kamen zu spät, das Unglück war geschehen. Bei jenem unglückseligen Briefe hatte der Schlag ihn getroffen, bei jenem unglückseligen Briefe fanden wir ihn gelähmt, wie Sie ihn jetzt sehen. Die Worte, die er Ihnen jetzt zu dictiren wünscht, sind jene Worte, die er selbst würde geschrieben haben, falls der Schlag ihn bis zum Morgen verschont hätte. In jenem Augenblicke ist eine Stelle in dem Briefe leer geblieben, und diese leere Stelle bittet er Sie für ihn auszufüllen.« Dies waren Mrs. Armadale’s eigene Worte und in diesen Worten haben Sie die ganze Erklärung und Auskunft, die ich Ihnen zu geben vermag. Sagen Sie mir, Sie, wenn Sie die Güte haben wollen, ob ich diesmal dem Faden meiner Erzählung gefolgt bin? Habe ich Ihnen die Nothwendigkeit gezeigt, die mich von dem Sterbelager Ihres Landsmannes zu Ihnen führte?«

»Bis hierher«, sagte Mr. Neal, »zeigen Sie mir blos, daß Sie sich der Aufregung hingeben. Es ist dies eine zu ernste Sache, als daß man dieselbe behandeln dürfte, wie Sie sie in diesem Augenblicke behandeln. Sie haben mich in die Sache hineingezogen und ich bestehe darauf, meinen Weg klar vor mir zu sehen. Erheben Sie nicht die Hände; Ihre Hände gehören nicht zur Sache. Falls ich mich an der Beendigung dieses geheimnißvollen Briefes betheiligen soll, so ist es nicht mehr als eine gerechtfertigte Vorsicht, wenn ich frage, warum es sich in dem Briefe handelt. Mrs. Armadale scheint Sie, vermuthlich in Erwiderung der höflichen Aufmerksamkeit, mit der Sie ihre Hand in die Ihrige nahmen, mit einer Menge häuslicher Einzelheiten bekannt gemacht zu haben. Darf ich fragen, was sie Ihnen über den Brief ihres Gatten, soweit dieser denselben geschrieben, mitzutheilen wußte?«

»Mrs. Armadale konnte mir darüber nichts mittheilen«, erwiderte der Arzt mit einer plötzlichen Förmlichkeit, welche verrieth, daß ihm die Geduld zu reißen anfange. »Ehe sie sich hinlänglich zu fassen vermochte, um an den Brief zu denken, hatte ihr Gatte denselben gefordert und in sein Schreibpult einschließen lassen. Sie weiß, daß er seitdem einmal über das andere denselben zu beenden versucht hat, daß ihm aber jedes mal seine Finger den Dienst versagten. Sie weiß, daß seine ärztlichen Rathgeber, als jede andere Hoffnung auf Heilung entschwunden, ihm auf die Wirkung des vortrefflichen Brunnens von Wildbad zu hoffen empfahlen Und schließlich weiß sie, welches Ende diese Hoffnung genommen hat, denn sie weiß, was ich heute Morgen ihrem Gatten angekündigt habe«

Das düstere Stirnrunzeln, das sich allmälig auf Mr. Neal’s Gesicht gelagert, war immer finsterer geworden. Er sah den Doctor an, als hätte dieser ihm eine persönliche Beleidigung angethan.

»Je mehr ich mir das, was Sie von mir fordern, überlege, je weniger gefällt mir dasselbe«, sagte er. »Können Sie mit Bestimmtheit erklären, daß Mr. Armadale völlig bei Verstand ist?«

»Ja, so bestimmt, wie ich dies mit Worten zu thun vermag.«

»Billigt seine Gattin es, daß Sie mich um meinen Beistand ersuchen?«

»Seine Gattin sendet mich zu Ihnen, dem einzigen Engländer in Wildbad, damit Sie für Ihren sterbenden Landsmann die Worte niederschreiben, die er selbst nicht zu schreiben im Stande ist und die außer Ihnen Niemand in diesem Orte zu schreiben fähig ist.«

Diese Antwort trieb Mr. Neal aus den letzten Zoll Terrains zurück, den er noch behaupten konnte; doch selbst auf diesem Zoll bot der Schotte noch immer Widerstand.

»Warten Sie einen Augenblick!« sagte er. »Sie drücken sich stark aus; lassen Sie uns untersuchen, ob Sie sich auch richtig ausdrücken. Lassen Sie uns ganz sicher sein, daß außer mir Niemand zur Hand ist, der die Verantwortlichkeit statt meiner zu übernehmen geeignet wäre. Es befindet sich erstens ein Bürgermeister in Wildbad, ein Mann, der eine officielle Stellung einnimmt, die eine solche Einmischung rechtfertigen würde.«

»Ein Mann, wie man ihn unter tausenden kaum findet«, sagte der Doctor, »der nur einen Fehler besitzt —— er kennt keine Sprache, außer seiner Muttersprache.«

»Es befindet sich eine englische Legation in Stuttgart«, sagte Mr. NeaL.

»Und es liegen viele Meilen dichten Waldes zwischen hier und Stuttgart«, entgegnete der Doctor. »Falls wir diesen Augenblick einen Boten nach Stuttgart abschickten, so könnten wir vor morgen keine Hilfe von der Legation erhalten, und es ist, der Art und Weise nach, in der der Sterbende gegenwärtig artikuliert, höchst wahrscheinlich, daß er morgen sprachlos ist. Ich weiß nicht, ob seine letzten Wünsche für sein Kind und Andere harmlos oder schädlich sind, aber ich weiß sehr wohl, daß dieselben entweder sofort oder nie werden erfüllt werden, und daß Sie der einzige Mensch sind, der ihm helfen kann.«

Diese offene Erklärung machte der Erörterung ein Ende. Dieselbe stellte Mr. Neal zwischen die beiden Alternativem entweder Ja zu sagen und eine Unvorsichtigkeit zu begehen, oder Nein und sich einer Unmenschlichkeit schuldig zu machen. Es erfolgte ein Schweigen von einigen Minuten. Der Schotte überlegte ruhig, und der Deutsche beobachtete ihn ebenso ruhig.

Die Verantwortlichkeit der Entscheidung ruhte jetzt aus Mr. Neal, und nach einer Weile übernahm er dieselbe. Er erhob sich von seinem Sessel, indem ein verdrießlicher Ausdruck des Beleidigtseins zwischen seinen struppigen Augenbrauen lag und sich scharf in den Linien um seinen Mund abzeichnete.

»Meine Stellung wird mir aufgedrungen«, sagte er. »Es bleibt mir keine Wahl, als dieselbe anzunehmen.«

Die empfängliche Natur des Doctors empörte sich gegen die unbarmherzige Kürze und Unfreundlichkeit dieser Erwiderung »Wollte Gott«, rief er mit Wärme aus, »ich verstünde Englisch genug, um Ihre Stelle an Mr. Armadale’s Bett einnehmen zu können!«

Ausgenommen, daß Sie den Namen des Allmächtigen unnützlich führen«, entgegnete der Schotte, »theile ich ganz Ihre Ansicht. Ich wollte, es wäre, wie Sie wünschen.«

Dann verließen sie, ohne ein Wort weiter zu verlieren, das Zimmer.



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel.

Als der Doctor mit seinem Begleiter vor der Thür des Vorzimmers zu Mr. Armadales Gemächern anlangte, blieb ihr Klopfen unbeantwortet Sie traten deshalb unangemeldet ein, und als sie in das Wohnzimmer hineinschauten, sahen sie, daß dasselbe leer sei.

»Ich muß mit Mrs. Armadale sprechen«, sagte Mr. Neal. »Ich werde in dieser Sache nicht eher handeln, als bis Mrs. Armadale selbst mich zu der Einmischung autorisirt.«

»Mrs. Armadale ist wahrscheinlich bei ihrem Gatten«, entgegnete der Doctor. Bei diesen Worten näherte er sich einer Thür am entgegengesetzten Ende des Zimmers, zögerte und sah, indem er sich wieder umwandte, ängstlich seinen verdrießlichen Begleiter an. »Ich fürchte, ich redete ein wenig barsch, Sir, als wir Ihr Zimmer verließen«, sagte er. »Ich bitte Sie deshalb von ganzem Herzen um Vergebung. Wollen Sie mich, ehe diese arme, schwer heimgesuchte Dame hereinkommt, entschuldigen, wenn ich Sie um die größte Sanftmuth und Rücksicht für sie ersuche?«

»Nein, Sir«, erwiderte der Andere Verdrießlich, »ich will Sie nicht entschuldigen. Welches Recht habe ich Ihnen gegeben, mich der Sanftmuth und Rücksicht für Andere unfähig zu halten?«

Der Doctor sah, daß alles nutzlos sei. »Ich bitte nochmals um Vergebung«, sagte er mit Resignation und ließ den unzugänglichen Fremden allein.

Mr. Neal trat ans Fenster und sah durch die Scheiben, die Augen mechanisch auf die Landschaft gerichtet und innerlich auf die bevorstehende Zusammenkunft sich vorbereitend.

Es war Mittag; die Sonne schien hell und warm und die ganze kleine Welt von Wildbad war lustig und froh in dieser schönen Frühlingszeit Hin und wieder rollten schwere Wagen, unter der Obhut von rußigen Kärrnern, mit ihrer kostbaren Last von Holzkohlen aus dem Schwarzwalde unter dem Fenster vorbei. Von Zeit zu Zeit zogen lange, lose an einander gereihte Holzstämme auf ihrer Reise nach dem fernen Rhein, kopfüber den Strom hinabstürzend, der durch das Städtchen eilt, und von dem hochbestiefelten Floßführer, der mit der Stange in der Hand an dem Ende stand, scharf beobachtet, schnell und schlangenartig an den Häusern vorüber. Hoch und steil erhoben sich hinter den hochgiebeligen hölzernen Häusern am Flußufer die gewaltigen Hügel mit ihren schwarzen Fichtenkronen und funkelten grün an dem hellen Wolkenhimmel. Auf den Waldpfaden und über die grünen Wiesen schwebten die bunten Kleider von Frauen und Kindern dahin, welche Wiesenblumen suchten und erschienen in weiterer Ferne wie bunte Flecken beweglichen Lichts. Unten auf der Uferpromenade zeigten die Buden und der Bazar, die pünktlich mit Beginn der Saison geöffnet werden, ihre glitzernden Kleinodien, und ihre vielfarbigen Banner flatterten prachtvoll in der balsamischen Luft. Die Kinder warfen sehnsüchtige Blicke auf die Schätze; die sonnverbrannten Mädchen strickten geduldig, indem sie auf der Promenade hin und her spazierten; die Bürger und Einwohner der Stadt, die einander auf der Promenade begegneten, grüßten höflich, und die Hilflosen und Verkrüppelten kamen, in ihren Rollstühlen sitzend, langsam zu den Uebrigen in den heitern Mittag hinaus, um sich ihren Antheil an dem gesegneten Lichte und an der lieben Sonne zu holen, die für alle scheint.

Der Schotte schaute auf die Scene mit Augen herab, welche für die Pracht derselben blind waren, und mit einem Gemüthe das der Lehre, welche dieselbe enthielt, fern gerückt war. Er überlegte Wort für Wort, was er sagen wollte, wenn die Gattin des Kranken hereinkäme Wort für Wort formulierte er sich die Bedingungen, die er stellen wollte, ehe er am Bette des Gatten die Feder ansetzte.

»Mrs. Armadale ist hier«, sagte plötzlich die Stimme des Arztes, ihn in seinem Sinnen unterbrechend.

Er wandte sich augenblicklich um und erblickte vor sich in dem hellen Mittagslichte ein Weib von gemischter europäischer und afrikanischer Rasse, deren Züge die nordische Zartheit der Bildung mit südlicher Wärme der Färbung verbanden, ein Weib, in der Blüte ihrer Schönheit, das sich mit angeborener Anmuth bewegte, mit angeborenem Zauber aufschaute, deren große, schmachtende schwarze Augen dankbar auf ihm ruhten, deren bräunliche kleine Hand sich als stummer Dankesausdruck ihm entgegenstreckte. Vielleicht zum ersten Male in seinem Leben fühlte der Schotte sich von Ueberraschung ergriffen. Jedes zu seinem eigenen Schutze ersonnene Wort, das ihn vor einer Secunde beschäftigt, entfiel seinem Gedächtnisse. Seine dreimal undurchdringliche Rüstung von gewohntem Argwohn, gewohnter Selbstbeherrschung und gewohnter Zurückhaltung, die ihn noch nie zuvor in Gegenwart eines Weibes verlassen, entfiel ihm diesem Weibe gegenüber und warf ihn, einen Ueberwundenen, auf seine Kniee. Er nahm die Hand, die sie ihm darbot, und beugte sich zum Zeichen seiner ersten aufrichtigen Huldigung, die er dem weiblichen Geschlecht darbrachte, schweigend über dieselbe.

Sie zögerte ihrerseits. Der schnelle Wahrnehmungssinn der Frauen, der unter glücklicheren Verhältnissen augenblicklich das Geheimniß seiner Verlegenheit entdeckt haben würde, versagte ihr jetzt den Dienst. Sie schrieb diese seltsame Art und Weise seines Verhaltens dem Stolze, dem Widerstreben, ehe jeder andern Ursache zu, als dem unerwarteten Anblick ihrer Schönheit. »Ich finde keine Worte, um Ihnen zu danken«, sagte sie mit matter Stimme, indem sie ihn zu gewinnen versuchte. »Ich würde Sie nur betrüben, falls ich zu sprechen versuchte.« Ihre Lippen singen an zu zittern, sie trat ein wenig zurück und wandte schweigend das Haupt ab.

Der Doctor, welcher still beobachtend auf die Seite getreten war, nahte sich Mrs. Armadale, ehe Mr. Neal etwas sagen konnte, und führte sie zu einem Sessel. »Fürchten Sie sich nicht vor ihm«, flüsterte der gutmüthige Mann, indem er ihr sanft auf die Schulter klopfte. »Er war in meinen Händen hart wie Eisen, aber seinem Aussehen nach denke ich mir, daß er in den Ihrigen weich wie Wachs werden wird. Sagen Sie, was ich Ihnen zu sagen gerathen habe, und lassen Sie uns ihn dann in das Zimmer Ihres Gemahls führen, ehe sein scharfer Verstand Zeit gehabt hat, sich wieder zu erholen.«

Mrs. Armadale raffte all ihren Muth zusammen und ging halbwegs nach dem Fenster zu an Mr. Neal heran. »Mein gütiger Freund, der Doctor, hat mir gesagt, Sir, daß Sie einzig und allein meinetwegen zu kommen gezaudert«, sagte sie, und während sie sprach, sank ihr Kopf ein wenig und die Farbe schwand aus ihrem Gesicht. »Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, aber ich bitte Sie, nicht an mich zu denken. Das, was mein Gatte —— « ihre Stimme bebte; sie wartete einen Augenblick und erholte sich wieder. »Das, was mein Gatte in seinen letzten Augenblicken wünscht, wünsche auch ich.«

Diesmal war Mr. Neal hinlänglich gefaßt, um zu antworten. Er bat sie mit leiser, ernster Stimme, kein Wort weiter darüber zu sagen. »Es lag mir nur vor allem daran, Ihnen jede Rücksicht zu zeigen«, sagte er, »und es liegt mir jetzt nur daran, Ihnen jeden Schmerz zu ersparen.« Während er sprach, stieg langsam ein Anflug von Farbe in sein gelbes Gesicht. Ihre Augen sahen mit sanfter Aufmerksamkeit zu ihm auf, und er gedachte mit einem Gefühle der Schuld seiner Gedanken am Fenster, ehe sie ins Zimmer gekommen war.

Der Doctor benutzte die Gelegenheit. Er öffnete die Thür, die in Mr. Armadale’s Zimmer führte, und blieb stumm wartend an derselben stehen Mrs. Armadale ging zuerst hinein. Eine Minute später schloß die Thür sich wieder, und Mr. Neal stand mit der Verantwortlichkeit, die man ihm aufgedrungen hatte,« unwiderruflich beladen auf der andern Seite derselben.

Das Zimmer war nach der prunkhaften Mode des Festlandes decorirt, und der warme Sonnenschein strömte wohlthuend durch die Fenster herein. Die Zimmerdecke war mit Blumen und Liebesgöttern bemalt; die weißen Fenstervorhänge wurden von bunten Bändern zurückgehalten; eine säubere vergoldete Stutzuhr tickte auf dem sammetüberzogenen Kaminsimse; die Wände waren mit glänzenden Spiegeln bedeckt und in dem Teppiche funkelten Blumen in allen Farben des Regenbogens. Inmitten all dieses Schmucks und Flitterstaats und Sonnenscheins lag der Gelähmte mit seinen unstäten Augen und seinem leblosen unteren Gesicht, den Kopf vermittelst vieler Kissen emporgerichtet; die hilflosen Hände waren gleich denen eines Leichnams auf der Bettdecke ausgestreckt. Am Kopfende des Bettes stand grimmig ausschauend und schweigend die runzlige alte schwarze Kinderwärterin, und auf dem Bette, zwischen den ausgestreckten Händen des Vaters, saß das Kind in seinem kleinen weißen Kleidchen, in seine Freude an einem neuen Spielzeug versunken. Als die Thür sich öffnete und Mrs. Armadale ihre Begleiter hereinführte, war der Kleine eben damit beschäftigt, sein Spielzeug —— einen Soldaten zu Pferde —— über die hilflosen Hände seines Vaters hin und her zu fahren, und die unstäten Augen des Vaters folgten dem Spielzeuge mit einer verstohlenen unausgesetzten Wachsamkeit hin und her, einer Wachsamkeit, gleich der eines wilden Thieres, welche fürchterlich anzusehen war.

Sowie Mr. Neal in der Thür erschien, hielten jene rastlosen Augen in ihrem wilden Hin- und her schweifen inne, sahen empor und hefteten sich mit begierig forschendem Blick auf den Fremden. Die regungslosen Lippen rangen langsam nach Bewegung. Mit zögernder schwerfälliger, Artikulation formten sie die stumme Frage der Augen in Worte.

»Sind Sie der Mann?«

Mr. Neal trat an das Bett, während Mrs. Armadale, indem er sich näherte, zurücktrat und mit dem Doctor am andern Ende des Zimmers wartete. Das Kind blickte, mit dem Spielzeug in der Hand, auf, als der Fremde näher trat; es öffnete weit in momentanem Erstaunen die klaren braunen Augen und setzte dann sein Spiel fort.

»Ich bin von Ihrer traurigen Lage unterrichtet worden, Sir«, sagte Mr. Neal. »Und ich komme, um meine Dienste zu Ihrer Verfügung zu stellen, Dienste, die, wie Ihr Arzt mir sagt, Niemand anders in diesem fremden Orte Ihnen zu leisten im Stande ist. Mein Name ist Neal, ich schreibe für das Signet-Journal in Edinburg und darf wohl sagen, daß ich das Zutrauen, welches Sie in mich zusetzen wünschen, zu mißbrauchen unfähig bin.«

Die Augen der schönen Gattin verwirrten ihn jetzt nicht. Er sprach ernst und ruhig und ohne seine gewohnte Barschheit zu dem Gatten, und dazu mit einem ernsten Mitleid in seinem Wesen, das ihn in seinem vortheilhaftesten Lichte erscheinen ließ. Der Anblick des Sterbelagers hatte seinen Eindruck nicht verfehlt.

»Sie wünschen, daß ich etwas für Sie schreibe?« fuhr er fort, nachdem er vergebens auf eine Erwiderung gewartet hatte.

»Ja!« sagte der Sterbende, indem die überwältigende Ungeduld, die seine Zunge auszusprechen machtlos war, sich zornig in seinen Augen ausdrückte. »Meine Hand versagt mir den Dienst, und meine Zunge wird bald sprachlos sein. Schreiben Sie!«

Ehe er noch etwas erwidern konnte, hörte Mr. Neal das Rauschen eines Frauenkleides und ein rollendes Geräusch hinter sich auf dem Teppiche Mrs. Armadale schob den Schreibtisch vom entgegengesetzten Ende des Zimmers an das Fußende des Bettes. Falls er von den Maßregeln Gebrauch machen wollte, die er ersonnen, um sich gegen Tadel zu sichern, wenn sein Verfahren mißliche Folgen haben sollte, so mußte er dies jetzt thun oder nie. Er blieb, Mrs. Armadale den Rücken zugewendet, ruhig stehen und stellte seine Frage in den deutlichsten Worten.

»Darf ich, ehe ich die Feder ergreife, fragen, Sir, was ich für Sie schreiben soll?«

Die Zornigen Augen des gelähmten Mannes blitzten ihn wild an. Seine Lippen öffneten und schlossen sich wieder. Er gab keine Antwort.

Mr. Neal versuchte eine andere Frage in einer neuen Richtung.

»Was«, fragte er, »soll mit dem Geschriebenen geschehen, wenn ich es beendet haben werde?«

Diesmal ließ sich die Antwort vernehmen:

»Sie werden es in meiner Gegenwart versiegeln und an meinen Testamentsvoll ——«

Die Zunge versagte ihm hier den Dienst und er sah dem Fragenden mit jammervoller Miene ins Gesicht.

»Meinen Sie, es soll an Ihren Testamentsvollstrecker abgesandt werden?«

Ja.

»Es ist also vermuthlich ein Brief, den ich auf die Post geben soll?«

Keine Antwort.

»Darf ich fragen, ob es ein Brief ist, der eine Aenderung in Ihrem Testamente trifft?«

»Ganz gewiß nicht.«

—— Mr. Neal überlegte ein wenig. Das Geheimniß fing immer undurchdringlicher zu werden an. Das einzige Licht, das sich über dasselbe verbreitete, war dasjenige, welches durch die seltsame Geschichte von dem unbeendeten Briefe schimmerte, die der Doctor ihm in Mrs. Armadales Worten mitgetheilt hatte. Je näher diese unbekannte Verantwortlichkeit ihm rückte, desto drohender erschien ihm dieselbe in ihren Folgen. Sollte er, bevor er sich unwiderruflich verbindlich machte, noch eine Frage wagen? Als er mit diesem Zweifel beschäftigt war, fühlte er, wie Mrs. Armadales Kleid ihn an derjenigen Seite berührte, die am fernsten von ihrem Gatten war. Ihre zarte Hand ruhte sanft auf seinem Arm, und ihre dunklen afrikanischen Augen schauten ihn mit unterwürfigem Flehen an. »Mein Mann brennt vor Verlangen, daß Sie anfangen, Sir; wollen Sie ihn beruhigen, indem Sie sich an den Schreibtisch setzen?«

Die Bitte kam von ihren Lippen, von den Lippen derjenigen Person, die das größte Recht hatte zu zögern, der Gattin, die aus dem Geheimniß ausgeschlossen ward! Die meisten Leute an Mr. Neal’s Stelle würden sofort alle Vorsichtsmaßregeln aufgegeben haben. Der Schotte gab alle außer einer einzigen auf.

»Ich will schreiben, was Sie mir zu diktieren wünschen, Sir«, sagte er zu Mr. Armadale. »Ich will es in Ihrer Gegenwart versiegeln und selbst an Ihre Testamentsvollstrecker aus die Post geben. Doch indem ich dies thue, muß ich Sie daran zu erinnern mir erlauben, daß ich völlig im Dunkeln handle, und Sie um Entschuldigung bitten, wenn ich mir, nachdem ich Ihre Wünsche in Bezug auf das Schreiben und Absenden Ihres Briefes erfüllt, volle Freiheit in Bezug auf meine eigene Handlungsweise Vorbehalte.«

»Geben Sie mir Ihr Versprechen?«

»Falls Sie mein Versprechen verlangen, Sir, so bin ich Ihnen dasselbe zu geben bereit, unter der Bedingung, die ich Ihnen so eben genannt habe.«

»Stellen Sie Ihre Bedingung und halten Sie Ihr Versprechen. Mein Schreibpult«, fügte er hinzu, indem er zum ersten Male seine Gattin ansah.

Diese beeilte sich, das Schreibpult von einem in einem Winkel des Zimmers stehenden Stuhle zu holen. Als sie mit demselben zurückkehrte, machte sie im Vorübergehen der Negerin, die noch immer grimmig und stumm an derselben Stelle stand, ein Zeichen Das Weib that, dem Winke gehorsam, einen Schritt vorwärts, um das Kind vom Bette zu nehmen. Sowie sie dasselbe berührte, wandten sich die Augen des Vaters, welche auf das Schreibpult geheftet gewesen, mit der heimlichen Schnelligkeit einer Katze ihr zu. »Nein!« sagte er. »Nein!« wiederholte die helle Stimme des Knaben, der sich noch immer an seinem Spielzeuge erfreute und dem sein Platz auf dem Bette gefiel. Die Negerin verließ das Zimmer, und das Kind ließ sein Pferd triumphierend über die Bettdecke nahen, deren Falten die Brust seines Vaters bedecken. Das liebliche Gesicht seiner Mutter verzog sich vor Eifersucht, als sie ihn ansah.

»Soll ich Dein Schreibpult öffnen?« fragte sie, indem sie das Spielzeug des Kindes ungeduldig beiseite schob.

Ein antwortender Blick ihres Gatten führte ihre Hand an die Stelle unter seinem Kopfkissen, wo der Schlüssel versteckt war. Sie öffnete das Pult und sah in demselben einige kleine, mit einer Nadel zusammengesteckte, beschriebene Briefbogen. »Diese?« fragte sie, dieselben herausnehmend.

»Ja«, erwiderte er. »Du magst jetzt gehen.«

Der Schotte an dem Schreibtisch und der Arzt, der in einem Winkel des Zimmers eine stärkende Mixtur schüttelte, sahen einander mit einer Besorgniß an, deren Ausdruck in ihrem Gesicht sie beide nicht zu unterdrücken vermochten. Die. Worte, welche die Gattin aus dem Zimmer verbannten, waren gesprochen. Der entscheidende Augenblick war gekommen.

»Du magst jetzt geben«, sagte Ihr. Armadale zum zweiten Male.

Sie sah das Kind an, welches ungestört auf dem Bette saß, und eine tödtliche Blässe überzog ihr Gesicht. Sie blickte auf den unglückseligen Brief, der ihr ein strenges Geheimniß war, und die Qual eifersüchtigen Verdachts, des Verdachts auf jenes andere Weib, das der Schatten und das Gift ihres Lebens gewesen, marterte ihr Herz. Nachdem sie sich ein paar Schritte vom Bette entfernt, stand sie still und kehrte wieder zurück. Mit dem doppelten Muthe der Liebe und der Verzweiflung bewaffnet, drückte sie ihre Lippen auf die Wange ihres sterbenden Gatten und flehte ihn zum letzten Male an. Ihre heißen Thränen fielen auf sein Gesicht, als sie zu ihm flüsterte »O Allan, bedenke, wie ich Dich geliebt habe; bedenke, wie sehr ich mich bemüht habe, Dich glücklich zu machen; bedenke, wie bald ich Dich verlieren soll! O mein theures Leben, schicke mich nicht fort von Dir!«

Die Worte flehten für sie; der Kuß flehte für sie; die Erinnerung an die Liebe, die sie ihm geschenkt und die er nie erwidert, rührte das Herz des sterbenden Mannes aus eine Weise, wie dasselbe seit dem Tage seiner Vermählung sich durch nichts hatte rühren lassen. Ein schwerer Seufzer hob seine Brust. Er sah sie an und zögerte.

»Laß mich dableiben«, flüsterte sie, indem sie ihr Gesicht fester an das seinige drückte.

»Es wird Dich nur betrüben«, erwiderte er ebenfalls flüsternd.

»Es betrübt mich nichts so sehr, als von Dir fortgeschickt zu werden.« Er schwieg. Sie sah, daß er überlegte, und schwieg ebenfalls.

»Wenn ich Dich noch ein wenig bleiben lasse ——«

»Ja! ja!«

»Willst Du gehen, wenn ich es Dir sage?«

»Ja!«

»Schwörst Du es mir?«

Die Bande, die seine Zunge fesselten, schienen durch die heftige Erregung, die diese Frage seinen Lippen entriß, auf einen Augenblick gelöst zu werden. Er sprach jene Worte so fließend, wie er bisher noch nicht gesprochen hatte.

»Ich schwöre es Dir!« sagte sie, indem sie an seinem Bette auf die Kniee sank und seine Hand mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Die beiden Fremden im Zimmer wandten in schweigender Uebereinstimmung die Köpfe ab. Während der Ruhe, welche folgte, war kein Laut vernehmbar, außer dem leichten Geräusch, welches das Kind mit seinem Spielzeug machte, indem es dasselbe auf der Bettdecke hin und her rollte.

Der Doctor war der erste, der den Zauber des Schweigens brach, der alle Anwesenden gefangen zu halten schien. Er näherte sich dem Kranken und betrachtete ihn mit großer Besorgniß. Mrs. Armadale erhob sich von den Knieen und trug dann, nachdem sie die Erlaubniß ihres Gatten abgewartet, die beschriebenen Briefbogen, die sie aus dem Pulte genommen, nach dem Schreibtisch, an welchem Mr. Neal wartete. Mit begierigem und glühendem Antlitz, in der heftigen Gemüthsbewegung welche die letzten Augenblicke hervorgerufen, schöner als je, wählte sie, mit frauenhafter Sorglosigkeit ihrem Impulse folgend, das geeignetste Mittel, um ihren Zweck zu erreichen, und flüsterte ihm zu: »Lesen Sie es von Anfang an laut vor. Ich will und muß es hören!« Ihre Augen warfen die Strahlen ihrer Glut in die seinigen, ihr Athem strich an seiner Wange hin. Ehe er zu antworten, ehe er zu überlegen vermochte, war sie an die Seite ihres Gatten zurückgekehrt. Sie hatte nur einen Augenblick gesprochen und in diesem Augenblicke hatte ihre Schönheit den Schotten ihrem Willen unterwürfig gemacht. In widerstrebender Anerkennung seiner Unfähigkeit, ihr zu widerstehen, schlug er, die Stirn runzelnd, die Blätter des Briefes um, blickte die leere Stelle an, wo der Hand des Schreibenden die Feder entfallen und einen Tintenfleck verursacht hatte, blätterte zum Anfang zurück und sprach im Interesse der Gattin die Worte, welche diese selbst ihm in den Mund gelegt hatte.

»Sie wünschen vielleicht einige Verbesserungen zu machen, Sir«, begann er, indem er seine Aufmerksamkeit anscheinend auf die Papiere heftete und dabei sehr das Ansehen hatte, als ob er sich wieder seinem mürrischen Temperament hinzugeben im Begriff sei. »Soll ich Ihnen vorlesen, was Sie bereits geschrieben haben?P«

Mrs. Armadale auf der einen Seite am Kopfende des Bettes und der Doctor auf der andern Seite, die Finger auf den Puls des kranken drückend, erwarteten mit verschiedenartiger Besorgniß die Antwort auf Mr. Neals Frage. Mr. Armadales Blicke wandten sich prüfend von seinem Kinde auf seine Gattin.

»Du bestehst darauf, es zu hören?« sagte er. Sie athmete schnell; ihre Hand suchte die seinige, dann neigte sie schweigend das Haupt. Ihr Gatte schwieg; er ging, die Blicke auf sein Weib heftend, heimlich mit sich zu Rathe. Endlich hatte er seinen Entschluß gefaßt und gab zur Antwort: »Lesen Sie und hören Sie auf, wenn ich es Ihnen sage.«

Es war fast ein Uhr, und die Hotelglocke rief die Gäste zum Mittagsmahl. Die schnellen Fußtritte und das zunehmende Stimmengesumme drangen bis ins Zimmer, als Mr. Neal das Manuscript vor sich auf den Tisch legte und folgendermaßen zu lesen begann:

»Dieser Brief ist an meinen Sohn gerichtet, der denselben lesen soll, sobald er alt genug ist, um ihn zu verstehen. Da mir alle Hoffnung genommen ist, daß ich lange genug leben werde, um meinen Sohn erwachsen zu sehen, bleibt mir nichts weiter übrig, als das, was ich ihm einst gern mit meinen eigenen Lippen mitgetheilt haben würde, jetzt für ihn niederzuschreiben.

Ich bin durch drei verschiedene Gründe zum Schreiben veranlaßt. Ich wünsche erstens die Umstände bekannt zu machen, unter welchen die Vermählung einer englischen Dame meiner Bekanntschaft auf der Insel Madeira stattfand; zweitens das wahre Licht auf den kurz darauf erfolgten Tod ihres Gatten auf dem französischen Schiffe La Gráce de Dieu zu werfen und drittens meinen Sohn vor einer Gefahr zu Warnen, die seiner harrt, einer Gefahr, die sich aus dem Grabe seines Vaters erheben wird, wenn die Erde dessen Asche bedeckt.

Die Geschichte der Heirath jener englischen Dame beginnt mit meiner Erlangung des großen Armadaleschen Vermögens und meiner Annahme des unglückseligen Namens Armadale.

Ich bin der einzige lebende Sohn des verstorbenen Matthew Wrentmore auf der Insel Barbadoes. Ich ward auf unserer Besitzung auf jener Insel geboren und verlor meinen Vater, als ich noch ein kleines Kind war. Meine Mutter hegte eine blinde Zärtlichkeit für mich; sie versagte mir nie etwas und ließ mich thun, was mir beliebte. Meine Kindheit und meine Jünglingsjahre vergingen in Müßiggang und ungehinderter Befriedigung meiner Wünsche, unter Leuten, meistens Sklaven und Mischlingen, denen mein Wille Gesetz war. Ich bezweifle, ob in ganz England ein Mann meiner Herkunft und meines Standes zu finden, der so unwissend ist, wie ich es noch in diesem Augenblicke bin. Ich bezweifle, ob es in der ganzen Welt einen jungen Menschen gibt, der sich so vollkommen ungezügelt seinen Leidenschaften hingeben darf, wie dies zu jener Zeit mir gestattet war.

Meine Mutter hatte einen romantischen, frauenhaften Widerwillen gegen den einfachen Taufnamen meines Vaters. Ich ward daher nach einem wohlhabenden Vetter meines Vaters, dem verstorbenen Allan Armadale, welcher in unserer Nachbarschaft die größten und ergiebigsten Ländereien besaß und durch Stellvertretung mein Pathe zu sein einwilligte, Allan getauft. Mr. Armadale hatte seine Besitzungen in Westindien nie gesehen. Er lebte in England und bekümmerte sich, nachdem er das übliche Pathengeschenk für mich geschickt, jahrelang gar nicht um mich. Ich war gerade einundzwanzig Jahre alt, als wir zum ersten Male wieder von Mr. Armadale hörten. Meine Mutter erhielt einen Brief von ihm, in welchem er anfragte, ob ich noch am Leben sei, und mich für diesen Fall zum Erben seiner westindischen Besitzungen einsetzte.

Dieses Glück ward mir einzig und allein durch die schlechte Ausführung von Mr. Armadale’s einzigem Sohne zu Theil. Der junge Mann hatte sich rettungslos entehrt, hatte die Heimat verlassen und war sofort auf immer von seinem Vater verstoßen worden. Da er keinen andern männlichen Erben besaß, erinnerte Mr. Armadale sich des Sohnes seines Vetters und seines eigenen Pathen und bot mir und meinen Erben seine westindischen Besitzungen an, doch unter der Bedingung, daß ich und meine Erben seinen Namen annähmen. Der Vorschlag ward mit Dank angenommen, und es wurden sofort alle gesetzlichen Maßregeln zur Aenderung meines Namens in der Colonie und im Mutterlande getroffen. Die nächste Post brachte Mr. Armadale die Nachricht, daß wir seine Bedingung eingegangen, und mit umgehender Post erhielten wir Nachricht von den Rechtsanwälten. Das Testament war zu meinen Gunsten geändert worden und der Tod meines Wohlthäters der eine Woche darauf erfolgte, machte mich zu dem größten Grundeigenthümer und reichsten Manne in Barbadoes.

Dies war das erste Glied in der Kette von Ereignissen Das zweite folgte sechs Wochen später.

Es war zu. jener Zeit unter den Comptoiristen auf der Besitzung eine Stelle vacant, und ein junger Mann meines Alters, der vor kurzem auf der Insel angelangt war, bewarb sich um dieselbe.

Er meldete sich unter dem Namen Fergus Ingleby. Ich ließ mich überall durch meine Impulse leiten und kannte kein anderes Gesetz, als das meiner Laune; ich faßte, sowie ich ihn zum ersten Male sah, eine Vorliebe für den Fremden. Er hatte die Manieren eines Gentleman und besaß die einnehmendsten gesellschaftlichen Eigenschaften denen ich in meinem an Erfahrungen nicht eben reichen Leben je begegnet war. Als ich erfuhr, daß die geschriebenen Empfehlungen, die er mitbrachte, für unzureichend erklärt worden, legte ich mich ins Mittel und bestand darauf, daß die Stelle ihm gegeben würde. Mein Wille war Gesetz, und er erhielt dieselbe.

Meine Mutter hegte von Anfang an Abneigung und Mißtrauen gegen Ingleby. Als sie entdeckte, daß unsere Bekanntschaft schnell zu vertrauter Freundschaft reifte, daß ich diesem Untergebenen —— ich war mein Leben lang fast nur mit Untergebenen umgegangen und fand Gefallen daran —— mein vollstes Zutrauen schenkte, machte sie eine Anstrengung nach der andern, um uns zu trennen, doch schlugen dieselben alle fehl. Aufs Aeußerste getrieben, wollte sie ihre letzte Chance versuchen und schlug mir deshalb eine Reise vor, an die ich selbst schon oft gedacht hatte, eine Reise nach England.

Ehe sie den Gegenstand zur Sprache brachte, beschloß sie, für diesen Besuch in England ein Interesse in mir zu erwecken, wie ich es bisher noch nie gefühlt hatte. Sie schrieb an einen alten Freund und ehemaligen Verehrer, den verstorbenen Stephen Blanchard zu Thorpe-Ambrose in Norfolk, einen Grundeigenthümer und Wittwer mit einer zahlreichen erwachsenen Familie. Aus späteren Entdeckungen entnahm ich, daß sie ihn an ihre alte Zuneigung zu einander erinnerte, welche, wie ich glaube, durch die beiderseitigen Aeltern gestört wurde, und daß sie, als sie Mr. Blanchard bat, ihren Sohn willkommen zu heißen, wenn dieser nach England käme, nach seiner Tochter fragte und so auf eine Heirath anspielte, welche die beiden Familien vereinigen würde, falls die junge Dame und ich einander gefielen. Wir waren nach der Ansicht meiner Mutter in jeder Beziehung ein passendes Paar, und die Erinnerung, die sie von ihrer Mädchenliebe zu Mr. Blanchard bewahrte, ließ ihr die Aussicht einer Verbindung zwischen mir und der Tochter ihres alten Verehrers als die schönste und glücklichste erscheinen, die sich ihrem Auge bieten könnte. Von alledem wußte ich nichts, bis Mr. Blanchard’s Antwort in Barbadoes anlangte. Meine Mutter zeigte mir diesen Brief und legte mir die Versuchung, die mich von Fergus Ingleby trennen sollte, offen in den Weg.

Mr. Blanchard’s Brief war von der Insel Madeira datiert. Er war leidend und des Klimas wegen von seinen Aerzten dorthin gesandt worden. Seine Tochter begleitete ihn. Nachdem er seine herzliche Erwiderung aller Hoffnungen und Wünsche meiner Mutter ausgedrückt, schlug er vor, daß ich, falls ich Barbadoes bald zu verlassen beabsichtigte, ihm auf meiner Reise nach England auf der Insel Madeira einen Besuch abstatten sollte. Falls dies jedoch nicht ausführbar sei, nannte er die Zeit, um die er nach England zurückgekehrt zu sein erwartete, wo ich mich dann eines herzlichen Willkommens in seinem Hause zu Thorpe-Ambrose versichert halten solle. Zum Schlusse entschuldigte er sich deswegen, daß er nicht ausführlicher schriebe, indem er erklärte, daß er sehr an den Augen leide und bereits den ärztlichen Verordnungen ungehorsam gewesen, indem er der Versuchung nachgegeben, mit eigener Hand an seine alte Freundin zu schreiben.

Der Brief allein hätte, ungeachtet des gütigen und freundschaftlichen Tons, in dem derselbe gehalten war, wahrscheinlich wenig Eindruck auf mich gemacht. Doch es kam noch etwas mit dem Brief, es war ein Miniaturportrait von Miß Blanchard demselben beigelegt. Auf die Rückseite des Bildes hatte der Vater halb scherzend, halb aus Zärtlichkeit folgende Worte geschrieben: —— Ich kann nicht, wie gewöhnlich, meine Tochter bitten, meine Augen zu schonen und für mich zu schreiben, ohne sie von Ihren Fragen zu unterrichten und in ihrer Bescheidenheit erröthen zu machen. Deshalb sende ich sie ohne ihr Vorwissen in effigie, damit sie für sich selbst spricht. Es ist ein gutes Portrait von einem guten Mädchen. Falls Ihr Sohn ihr gefällt, und falls er mir gefällt, wovon ich im voraus überzeugt bin, so dürfen wir es noch erleben, meine gute Freundin, unsere Kinder als das zusehen, was wir einst selbst zu sein hofften, als Mann und Frau.« Meine Mutter gab mir Bild und Brief. Das Bild frappierte mich augenblicklich, ich weiß nicht wie und ich weiß nicht warum, wie nichts der Art mich je zuvor frappiert hatte.

Ein schärferer Verstand als der meinige hätte den außerordentlichen Eindruck, den dasselbe auf mich machte, vielleicht meinem damaligen zerrütteten Gemüthszustande zugeschrieben, oder dem Ueberdrusse an den gemeinen Vergnügungen, der sich seit einigen Monaten meiner zu bemächtigen angefangen, oder dem sich aus diesem Ueberdrusse ergebenden unbestimmten Verlangen nach neuen Interessen und frischeren Hoffnungen, als noch bisher meinen Geist erfüllt Ich versuchte keine solche verständige Selbstprüfung; ich glaubte damals an eine Bestimmung; ich glaube noch jetzt an eine solche. Es genügte mir, zu wissen —— und ich wußte es —— daß die erste Regung von etwas Besserem als meiner thierischen Natur durch jenes Mädchenantlitz in mir erweckt wurde, das mich aus jenem Bilde anschaute, wie mich bisher noch kein Weib angeschaut hatte. In jenen zärtlichen Augen und in der Hoffnung, jenes sanfte Wesen zu meiner Gattin zu machen, sah ich meine Bestimmung geschrieben. Das Bild, welches auf so seltsame und so unerwartete Weise in meine Hände gelangt, war der stumme Glücksbote, der mich zu Warnen, zu ermuthigen und emporzurichten gesandt worden, ehe es zu spät sein würde. Ich legte das Bild abends unter mein Kissen, um es am nächsten Morgen immer und immer wieder zu betrachten. Meine am Tage zuvor gefaßte Ueberzeugung blieb dieselbe; mein Aberglaube, wenn man es so nennen will, zeigte mir unwiderstehlich den Weg, den ich wandeln sollte. Es lag ein Schiff im Hafen, das in vierzehn Tagen nach England absegeln und bei Madeira anlegen sollte. Auf diesem Schiffe nahm ich einen Platz für die Ueberfahrt.«



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

Bis hierher hatte der Schotte gelesen, ohne ein einziges Mal unterbrochen zu werden. Bei diesen letzten Worten jedoch mischten sich die leisen, gebrochenen Töne einer andern Stimme in die seinige.

»War sie blond«, fragte die Stimme, »oder dunkel wie ich?«

Mr. Neal hielt inne und sah auf. Der Doctor saß noch immer am Kopfende des Bettes und seine Finger befühlten mechanisch den Puls des Kranken. Das Kind, welches seinen Nachmittagsschlaf vermißte, begann sein Spielzeug zu vernachlässigen. Die Augen des Vaters beobachteten den Knaben mit verzückter und unausgesetzter Aufmerksamkeit. Nur eine große Veränderung hatte unter den Zuhörern stattgefunden, seit die Vorlesung ihren Anfang genommen. Mrs. Armadale hatte die Hand ihres Gatten sinken lassen und saß mit Von ihm abgewandtem Gesichte da. Das heiße afrikanische Blut glühte roth in ihren dunklen Wangen, als sie hartnäckig die Frage wiederholte; »War sie blond oder dunkel wie ich?«

»Blond«, sagte ihr Gatte, ohne die Fragende anzusehen.

Ein krampfhaftes Zusammenpressen ihrer Hände, die gefaltet auf ihrem Schoße lagen, ——— dies war ihre einzige Antwort. Mr. Neal’s buschige Augenbrauen zogen sich finster zusammen, als er sich der Erzählung wieder zuwandte: Er war höchst unzufrieden mit sich selbst, denn er hatte sich eben darüber ertappt, wie er die Dame im Stillen bemitleidete.

»Ich habe gesagt«, hieß es in dem Briefe weiter, »daß Ingleby mein innigstes Zutrauen gewonnen hatte. Es that mir weh, daß ich ihn verlassen mußte, und der Ausbruch seiner Bestürzung und seines ungeheuchelten Schmerzes, womit er die Mittheilung über meine bevorstehende Abreise aufnahm, machte mich vollends unglücklich. Um mich vor ihm zu rechtfertigen, zeigte ich ihm den Brief nebst dem Bilde und erzählte ihm den ganzen Hergang. Mit der Theilnahme eines wahren Freundes erkundigte er sich bei mir nach Miß Blanchards Familie und Vermögensverhältnissen, ja meine Achtung für ihn und mein Glaube an seine Aufrichtigkeit ward noch dadurch erhöht, daß er mit der größten Selbstverleugnung seine eigne Person in den Hintergrund stellte und mich hochherzig aufmunterte, auf der Ausführung meines jetzigen Vorhabens zu bestehen. Als wir uns trennten, war ich kerngesund und gutes Muths, allein bevor wir uns am nächsten Tage wieder treffen konnten, hatte mich plötzlich eine Krankheit befallen, die meinen Verstand wie mein Leben gleichermaßen bedrohte.

Ich habe keinen Beweis gegen Ingleby. Gab es ja doch mehr als eine Frau auf der Insel, gegen die ich mich in unverzeihlicher Weise vergangen hatte und deren Rache mich in jenem Augenblicke recht wohl erreicht haben mochte. Kurz, ich kann Niemanden anschuldigen Nur das kann ich sagen, daß mein Leben durch meine alte Amme, eine Schwarze, gerettet ward, welche, wie sie mir später bekannte, das gewöhnliche Gegengift der Neger gegen ein dort selbst wohlbekanntes Negergift angewandt hatte. Als ich mich in den ersten Tagen meiner Genesung befand, war das Schiff, auf dem ich meinen Platz zur Ueberfahrt gelöst, längst abgesegelt. Als ich nach Ingleby fragte, erfuhr ich, daß er fort sei. Man legte mir Beweise seines unverzeihlichen Mißverhaltens in seiner neuen Stelle vor, die selbst meine Vorliebe für ihn als vollgültige anerkennen mußte. Er war in den ersten Tagen meiner Krankheit aus dem Comptoir entlassen worden, und man hatte nichts weiter über ihn in Erfahrung gebracht, als daß er die Insel verlassen.

Das Portrait hatte meine ganze Krankheit hindurch beständig unter meinem Kissen gelegen. Während meiner Genesung gewährte dasselbe mir den einzigen Trost, wenn ich meiner Vergangenheit gedachte, und die einzige Ermuthigung für die Zukunft. Ich finde keine Worte, um zu beschreiben, wie gewaltig der Eindruck war, den dasselbe, unterstützt von der Zeit, der Einsamkeit und dem Leiden, auf mich machte. Meine Mutter war, bei all ihrem Interesse an der Verbindung, erstaunt über den unerwarteten Erfolg ihres Projectes Sie hatte geschrieben, um Mr. Blanchard von meiner Krankheit in Kenntniß zu setzen, jedoch keine Antwort erhalten. Sie erbot sich jetzt, noch einmal zu schreiben, falls ich versprechen wollte, sie nicht eher zu verlassen, als bis ich vollständig genesen sei. Meine Ungeduld wollte sich keinem Zwange unterwerfen. Es lag abermals ein Schiff im Hafen, das mir Gelegenheit, nach Madeira zu kommen, bot, und Mr. Blanchards Brief gab mir die Versicherung, daß ich, falls ich sofort die Gelegenheit benützte, ihn noch auf der Insel antreffen würde. Ungeachtet der Bitten meiner Mutter bestand ich darauf, auf diesem zweiten Schiffe meinen Platz für die Ueberfahrt zu nehmen, und als dasselbe absegelte, befand ich mich an Bord.

Die Abwechselung that mir wohl; die Seeluft machte wieder einen Mann aus mir. Nach einer ungewöhnlich schnellen Fahrt befand ich mich am Ziele meiner Reise. An einem schönen stillen Abende, den ich nie vergessen werde, stand ich allein, mit ihrem Bilde auf dem Herzen, am Strande und sah die weißen Mauern des Hauses, das sie, wie ich wußte, bewohnte.

Ich ging langsam um den Garten herum, um mich zu sammeln, ehe ich denselben betrat. Dann wagte ich mich durch ein Pförtchen in ein kleines Gebüsch und sah eine Dame auf dem Rasen umherwandeln. Sie wandte das Gesicht in meine Richtung und ich erblickte das Original des Portraits, die Verwirklichung meines Traums! Es ist nutzlos, schlimmer als nutzlos, jetzt hierüber zu schreiben. Ich will nur sagen, daß jedes schöne Versprechen, das das Bild meiner Einbildungskraft gegeben, meinem Auge jetzt von dem lebenden Weibe erfüllt ward. Dies will ich sagen —— und nichts weiter.

Zu heftig bewegt, um noch in ihre Gegenwart zu wagen, zog ich mich unbemerkt zurück, ging zur Vorderthür des Hauses herum und fragte zuerst, ob ich den Vater sehen könne. Mr. Blanchard hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen und konnte Niemand empfangen. Darauf faßte ich Muth und fragte nach Miß Blanchard. Der Diener lächelte. »Meine junge Dame«, sagte er, »ist nicht mehr Miß Blanchard, Sir; sie ist verheirathet« Diese Worte würden manche Männer in meiner Lage zu Boden geschmettert haben. Sie entflammten mein heißes Blut und ich packte den Diener in meiner Wuth am Halse. »Das ist eine Lüge!« schrie ich ihn an, als ob er einer der Sklaven auf meiner eignen Besitzung gewesen wäre.

»Es ist die Wahrheit, sagte der Mann, mit mir ringend, »ihr Gemahl ist in diesem Augenblicke im Hause.«

»Wer ist es?«

Der Diener antwortete mir, indem er meinen eigenen Namen nannte.

Du wirst jetzt die Wahrheit errathen. Fergus Ingleby war der verstoßene Sohn, dessen Namen und Erbe ich angenommen. Und Fergus Ingleby hatte sich an mir dafür gerächt, daß ich ihm sein Geburtsrecht genommen.

Es ist nöthig, die Art und Weise zu erzählen, in der dieser Betrug verübt worden, um den Antheil, den ich an den auf meine Ankunft in Madeira folgenden Ereignissen nahm, ich will nicht sagen, zu rechtfertigen, doch zu erklären.

Ingleby’s eigenem Bekenntnisse zufolge war er, von dem Tode seines Vaters und meinem Antritt des Vermögens» unterrichtet, in der festen Absicht, mich auszuplündern und mir zu schaden, nach Barbadoes gekommen. Meine unvorsichtige Vertraulichkeit lieferte ihm eine Gelegenheit in die Hände, wie er sie zu finden nie hoffen durfte. Er hatte gewartet, um sich in den Besitz des Briefes zu setzen, den meine Mutter zu Anfang meiner Krankheit an Mr. Blanchard geschrieben, hatte dann selbst seine Entlassung aus dem Comptoir herbeigeführt und war in demselben Schiffe, auf dem ich meinen Platz genommen, nach Madeira abgesegelt. Auf der Insel angelangt, hatte er abermals gewartet, bis das Schiff wieder abgesegelt war, und sich darauf, nicht unter dem angenommenen Namen, den ich ihm hier zu geben fortfahren werde, sondern unter dem Namen, der ebenso wohl der seinige als der meine war, unter dem Namen Allan Armadale, bei Mr. Blanchard eingeführt. Es stellten sich dem Betruge anfänglich wenig Schwierigkeiten in den Weg. Er hatte es nur mit einem kränklichen alten Manne, der meine Mutter seit einem halben Menschenalter nicht gesehen, und einem unschuldigen, arglosen Mädchen zu thun, das dieselbe nie gesehen; in meinem Dienste aber hatte er genug erfahren, um die wenigen Fragen, die ihm vorgelegt wurden, ebenso leicht beantworten zu können, wie ich dies selber zu thun im Stande gewesen wäre. Sein Aussehen und seine Manieren, sein einnehmendes Wesen gegen Frauen, seine List und Schlauheit thaten das Uebrige. Während ich noch auf dem Krankenbette lag, hatte er Miß Blanchards Zuneigung gewonnen, und während ich in den ersten Tagen meiner Genesung über dem Bilde träumte, hatte er Mr. Blanchard’s Einwilligung zu seiner Vermählung mit der Tochter erlangt, ehe sie und ihr Vater die Insel verließen.

Bis hierher hatte Mr. Blanchard’s getrübte Sehkraft den Betrug unterstützt Er hatte sich damit begnügt, seinen Schwiegersohn mit dem zu beauftragen was er meiner Mutter zu sagen wünschte, und hatte von jenem die erdichteten Erwiderungen erhalten. Doch als der Bewerber angenommen und der Hochzeitstag angesetzt war, hatte er es für seine Schuldigkeit gehalten, selbst an seine alte Freundin zu schreiben, um sie um ihre förmliche Einwilligung zu bitten und zur Hochzeit zu laden. Er konnte selbst nur einen Theil dieses Briefes schreiben; das Uebrige war er seiner Tochter zu dictiren genöthigt. Da diesmal keine Aussicht war, der Post vorzugreifen, lauerte Ingleby, der Herrschaft über sein Opfer gewiß, Miß Blanchard ab, als sie ihres Vaters Zimmer mit dem Briefe in der Hand verließ, und sagte ihr im Vertrauen die Wahrheit. Sie war noch unmündig und die Lage eine bedenkliche Falls der Brief abgesandt wurde, blieb ihnen keine Aussicht, als zu warten und dann auf immer von einander geschieden zu werden, oder unter Verhältnissen, welche Entdeckung zur Gewißheit machten, mit einander zu fliehen. Die Bestimmung jedes Schiffes, mit dem sie abreisen konnten, war im voraus bekannt, und die schnell segelnde Jacht, in der Mr. Blanchard nach Madeira gekommen, wartete im Hafen, um ihn nach England zurückzubringen. Das Einzige, was ihnen so nach übrig blieb, war, daß sie den Betrug fortsetzten, indem sie den Brief zurückbehielten und, sobald sie einmal vermählt waren, die Wahrheit bekannten. Welcher Ueberredungskünste Ingleby sich bediente, oder in welcher schändlichen Weise er ihre Liebe und ihr Zutrauen zu ihm bereits mißbraucht hatte, um Miß Blanchard bis zu seiner eigenen Schlechtigkeit herabzuziehen, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls hatte er sie so weit gebracht. Der Brief ward nie an seine Bestimmung abgesandt, und mit Vorwissen und Billigung der Tochter gelang es ihm, das Zutrauen des Vaters bis zuletzt zu hintergehen.

Die einzige Vorsichtsmaßregel, die sie noch treffen mußten, war die, daß sie die Antwort fabrizierten, welche Mr. Blanchard von meiner Mutter erwartete und welche rechtzeitig mit der Post noch vor dem Tage eintreffen mußte, an dem die Hochzeit stattfinden sollte. Ingleby hatte den gestohlenen Brief meiner Mutter bei sich, doch besaß er nicht die Geschicklichkeit der Nachahmung, die ihn in Stand gesetzt hätte, denselben zu einer Fälschung zu benutzen Miß Blanchard, welche ihre passive Einwilligung zu der Täuschung gegeben, lehnte es ab, sich thätlich bei dem an ihrem Vater verübten Betruge zu betheiligen. In dieser Verlegenheit fand Ingleby ein bereitwilliges Werkzeug in einer Waise, die, kaum zwölf Jahre alt, ein Wunder von frühreifer Geschicklichkeit war und für die Miß Blanchard ein so romantisches Interesse hegte, daß sie sie aus England mit sich nach Madeira genommen hatte, um sie zu ihrer einstigen Kammerjungfer auszubilden. Die schändliche Geschicklichkeit dieses Mädchens räumte das einzige ernstliche Hinderniß aus dem Wege, das den Erfolg des Betrugs bedrohte. Ich sah die Nachahmung der Handschrift meiner Mutter, die sie, unter Ingleby’s Anweisung und —— wenn ich die schändliche Wahrheit bekennen soll —— unter Vorwissen ihrer jungen Herrin, angefertigt hatte, und ich glaube, daß ich selbst durch dieselbe hätte getäuscht werden können. Ich sah das Mädchen später, und bei ihrem Anblicke erstarrte mir das Blut in den Adern. Wehe denjenigen, die ihr vertrauen, falls sie noch am Leben ist! Ein falscheres und herzloseres Geschöpf als sie hat kaum die Erde getragen.

Der gefälschte Brief ebnete den Weg zur Vollziehung der Heirath, und als ich im Hause anlangte, waren sie, wie mir der Diener sagte, Mann und Weib. Meine Ankunft auf dem Schauplatze führte das Bekenntniß, welches sie beide abzulegen beschlossen hatten, nur etwas früher herbei. Ingleby gestand die schmachvolle Wahrheit mit seinen eigenen Lippen. Er hatte dabei nichts zu verlieren, da er verheirathet war und das Vermögen seiner Gattin sich außer der Macht ihres Vaters befand. Ich übergehe, was darauf folgte, meine Zusammenkunft mit der Tochter, sowie meine Unterredung mit dem Vater, um zu den Folgen zu kommen. Zwei Tage gelang es den Bemühungen der Gattin und denen des Geistlichem der sie getraut hatte, mich und Ingleby von einander fern zu halten. Am dritten hatte ich meine Schlinge glücklicher gelegt, und ich trat dem Mann, der mir ein so tödtliches Unrecht angethan, unter vier Augen gegenüber.

Bedenke, wie mein Vertrauen hintergangen, bedenke, wie der eine gute Zweck meines Lebens vernichtet worden war; bedenke die heftigen Leidenschaften, welche tief in meiner Natur wurzelten und nie bekämpft worden waren, und dann mache Dir eine Vorstellung von dem, was sich zwischen uns beiden zutrug. Das Einzige, was ich hier zu erzählen brauche, ist das Ende. Er war ein größerer und stärkerer Mensch als ich und benutzte mit viehischer Roheit diesen Vortheil. Er schlug mich.

Erinnere Dich des Unrechts, das jener Mensch mir angethan, und daß er danach mein Gesicht durch einen Faustschlag brandmarkte!

Ich ging zu einem englischen Offizier, der auf der Ueberfahrt von Barbadoes mein Reisegefährte gewesen, und er stimmte mit mir überein, daß ein Duell unvermeidlich sei. Das Duellieren hatte seine bestimmten Gesetze und Formalitäten, und er machte mich auf dieselben aufmerksam. Ich unterbrach ihn. »Ich will eine Pistole in die rechte Hand nehmen, und er soll dasselbe thun«, sagte ich; »dann will ich mit der linken ein Taschentuch an dem einen Zipfel anfassen, während er mit seiner linken den andern nimmt, und über diesem Taschentuch soll das Duell stattfinden.« Der Offizier stand auf und sah mich an, als ob ich ihm eine persönliche Beleidigung zugefügt hätte. »Sie fordern meine Gegenwart bei einem Morde und einem Selbstmorde«, sagte er; »ich schlage es aus, Ihnen zu dienen.« Er verließ das Zimmer. Sowie er fort war, schrieb ich die Worte, die ich zu ihm gesprochen, auf ein Blatt Papier und sandte dasselbe durch einen Boten an Ingleby. Während ich auf die Antwort wartete, setzte ich mich vor einen Spiegel und betrachtete die Stelle in meinem Gesichte, wo mich sein Schlag getroffen. »Mancher Mensch«, dachte ich, »hat für Geringeres Blut an seinen Händen und auf seinem Gewissen.«

Der Bote kehrte mit Ingleby’s Antwort zurück. Dieselbe setzte das Zusammentreffen auf Nachmittags drei Uhr des folgenden Tages an einer einsamen Stelle im Innern der Insel fest. Ich hatte, falls er sich geweigert hätte, meinen Entschluß gefaßt; sein Brief ersparte mir die Ausführung einer Gräuelthat. Ich war ihm dankbar, ja, geradezu dankbar dafür, daß er denselben geschrieben.

Am folgenden Tage begab ich mich nach der bestimmten Stelle. Er war nicht dort. Ich wartete zwei Stunden; er kam nicht. Endlich ahnte ich die Wahrheit. »Einmal feig, immer feig«, dachte ich. Ich kehrte nach Mr. Blanchard’s Wohnung zurück. Ehe ich dort anlangte, kam mir plötzlich ein Gedanke und ich wandte mich nach dem Hafen. Ich hatte Recht. Der Hafen war der Ort, nach dem ich meine Schritte lenken mußte. Ein Schiff, das an jenem Nachmittage nach Lissabon absegelte, hatte ihm die Gelegenheit geboten, für sich und seine Gattin Plätze auf demselben zu nehmen und mir zu entwischen. Seine Antwort auf meine Herausforderung hatte den Zweck gehabt, mich aus dem Wege zu bringen. Ich hatte Fergus Ingleby nochmals geglaubt und war abermals durch seine Schlauheit überlistet worden.

Ich fragte den Mann, der mich hiervon in Kenntniß setzte, ob Mr. Blanchard von der Abreise seiner Tochter unterrichtet sei. Er hatte dieselbe erfahren, doch erst nachdem das Schiff bereits abgesegelt war. Diesmal nahm ich mir Ingleby’s Schlauheit zur Lehre. Anstatt mich in Mr. Blanchards Hause zu zeigen, ging ich nach dem Hafen hinunter und nahm Mr. Blanchard’s Jacht in Augenschein.

Das Schiff sagte mir, daß der Besitzer desselben wohl die Wahrheit verschwiegen haben mochte. Ich fand dasselbe in der Verwirrung eines unerwarteten plötzlichen in See Stechens vor. Die Mannschaft befand sich an Bord, mit Ausnahme von ein paar Leuten, die auf Urlaub landeinwärts gegangen waren, Niemand wußte wohin. Sowie ich entdeckte, daß der Kapitän diese durch die ersten besten Leute zu ersetzen beabsichtigte, deren er in der Eile habhaft werden konnte, hatte ich augenblicklich meinen Entschluß gefaßt. Ich war sehr wohl mit dem Dienste an Bord einer Jacht bekannt, da ich selbst eine solche besessen und commandirt hatte. Ich eilte in die Stadt, rauschte meinen Rock und Hut gegen die Jacke und den Hut eines Matrosen um, kehrte nach dem Hafen zurück und erbot mich, unter den Freiwilligen zu dienen. Ich weiß nicht, was der Kapitän in meinem Gesichte sah; meine Antworten auf seine Fragen stellten ihn zufrieden und dennoch saher mich scharf an und zögerte. Doch es fehlte an Leuten und ich ward endlich angenommen. Eine Stunde später langte Mr. Blanchard, an Geist und Körper leidend, auf dem Schiffe an und ward in seine Kajüte geschafft. Abermals eine Stunde später befanden wir uns unter einem sternlosen Wolkenhimmel und vor einer straffen Brise auf offener See.

Wie ich vermuthet hatte, galt es der Verfolgung des Schiffes, in welchem Ingleby und seine Gattin an jenem Nachmittage die Insel verlassen hatten. Das Schiff war ein französisches und zum Holzhandel bestimmt, sein Name La Gráce de Dieu. Es war nichts weiter über dasselbe bekannt, als daß es, nach Lissabon bestimmt, aus seinem Curs getrieben worden sei und aus Mangel an Leuten und Proviant vor Madeira angelegt hatte. Dem letzteren Mangel war abgeholfen worden, doch nicht dem erstem. Die Matrosen mißtrauten dem Fahrzeuge in Bezug auf seine Seetüchtigkeit und es mißfiel ihnen das Aussehen der vagabondenartigen Mannschaft. Als man Mr. Blanchard diese beiden ernsten Thatsachen mittheilte, hatte er sich bereits über die harten Worte, die er im ersten Augenblicke nach der Entdeckung, daß sein Kind ihn zu hintergehen behilflich gewesen, zu diesem gesprochen, bittere Vorwürfe gemacht Er beschloß augenblicklich, seiner Tochter auf seinem eigenen Schiffe eine Zufluchtsstätte zu bieten und sie zu beruhigen, indem er ihren Gatten vor allem Unheil, das ihm von meinen Händen drohen konnte, schützte. Die Jacht segelte dreimal so schnell als das andere Schiff. Es unterlag keinem Zweifel, daß wir dasselbe einholen würden; die einzige Befürchtung war die, daß wir des Nachts an dem Schiffe vorbei segeln könnten.

Nachdem wir eine kleine Weile auf dem Wasser gewesen, legte sich plötzlich der Wind, und an seine Stelle trat eine drückende Stille. Als der Befehl ertheilt ward, die Topmasten aufs Verdeck zu schaffen und die großen Segel umzulegen, wußten wir alle, was wir zu erwarten hatten. In wenig mehr als einer Stunde hatte der Sturm uns ereilt, der Donner rollte über unsern Häuptern und das Schiff flog vor dem Winde dahin. Es war ein kräftiges, wie ein Schooner getakeltes Fahrzeug von dreihundert Tonnen, so stark, wie Holz und Eisen es nur zu machen im Stande sind, es ward von einem Kapitän befehligt, der sein Handwerk gründlich verstand, und es gehorchte ihm vortrefflich. Als der Morgen anbrach, ließ die Wuth des Windes, der noch immer aus Südwesten kam, etwas nach und die See ging weniger hoch. Kurz vor Tagesanbruch hörten wir durch das Geheul des Sturms hindurch den Knall einer Kanone. Die Leute, welche besorgnißvoll auf dem Verdeck versammelt standen, schauten einander an und sagten: »Das ist das Schiff!«

Als der Tag angebrochen war, sahen wir das Schiff. Es war in der That das Holzschiff. Dasselbe wurde von den Wellen hin und her geworfen, Fockmast und Hauptmast waren verschwunden und das Fahrzeug ein hilfloses Wrack. Die Jacht führte drei Boote bei sich, von denen das eine sich auf dem Verdeck befand, die beiden andern aber an den Schiffsseiten aufgehangen waren. Da der Kapitän aus gewissen Zeichen des Wetters entnahm, daß der Sturm bald wieder losbrechen werde, beschloß er, solange die Stille noch währte, die beiden Seitenboote auszusetzen. Mochten sich auch nur wenig Leute an Bord des Wracks befinden, so waren es doch zu viel, um alle in einem einzigen Boote gerettet zu werden, und es ward für minder gefahrvoll erachtet, beide Boote zugleich abzusenden, als in diesem kritischen Zustande des Wetters zwei Hin- und Herfahrten zwischen der Jacht und dem Holzschiffe zu wagen.

Die Boote wurden mit Freiwilligen bemannt und ich befand mich in dem zweiten. Als das erste Boot an der Schiffsseite des Wracks anlangte, was nur mit unsäglichen Schwierigkeiten und großer Gefahr bewerkstelligt ward, stürzten die Leute an Bord des letzteren alle zugleich herbei, um alle auf einmal das Wrack zu verlassen. Wäre das Boot nicht abgestoßen, ehe sie alle hineinspringen konnten, so würde dasselbe mit seinen Insassen unfehlbar zu Grunde gegangen sein. Wie unser Boot sich daraus dem Wrack näherte, kamen wir überein, daß vier von uns an Bord gehen sollten, nämlich ich und ein Andern, um Mr. Blanchard’s Tochter in Sicherheit zu bringen, während zwei Andere die noch übrigen feigen Gesellen abzuwehren hatten, falls sie sich zuerst in das Boot zu drängen versuchten. Der Bootführer aber und zwei Ruderer sollten im Boote zurückbleiben, um dafür zu sorgen, daß dasselbe nicht von dem sich umherwälzenden Wrack zermalmt werde. Was die Andern sahen, als sie aufs Verdeck der Grace de Dieu sprangen, weiß ich nicht; ich sah nur das Weib, welches ich verloren, das Weib, das mir schändlich gestohlen worden, in tiefer Ohnmacht auf dem Verdeck liegen. Wir ließen sie, bewußtlos wie sie war, in das Boot hinab. Dann erst durfte die übrige Mannschaft, fünf an der Zahl, folgen, und zwar Einer nach dem Andern und in minutenlangen Zwischenräumen, wie die Sicherheit des Bootes es erforderte. Ich war der Letzte, der das Wrack verließ; und wie das Schiff das nächste Mal zu uns herüber rollte, sagte das leere Verdeck, auf dem vom Spiegel bis zum Bugspriet kein lebendes Wesen mehr zu sehen war, unsern Leuten, daß ihr Werk vollendet sei. Das immer lauter werdende Heulen des sich erhebenden Sturmes mahnte sie, ums Leben zu rudern, wenn sie die Jacht erreichen wollten.

Eine Reihe heftiger Windstöße hatte den Curs des im Anzuge begriffenen Sturmes von Süden nach Norden umgelegt, und der Kapitän hatte die Jacht vom Winde abfallen lassen, um auf den Sturm gefaßt zu sein, der denn auch, noch ehe der Letzte unserer Leute wieder an Bord war, mit der Wuth eines Orkans über uns losbrach. Unser Boot ward vom Wasser verschlungen, doch kein einziges Menschenleben ging dabei verloren. Und abermals flogen wir, der Gewalt des Windes preisgegeben, in südlicher Richtung vor diesem dahin. Ich stand mit den Uebrigen auf dem Verdeck und beobachtete den einzigen Fetzen von Segel, den wir auszuspannen wagen durften, bereit, dasselbe durch ein frisches zu ersetzen, falls der Wind es aus den Segelsäumen riß. Da trat der Steuermann hart an mich heran und durch das Sturmgetöse brüllte er mir ins Ohr: »Sie ist in der Kajüte wieder zu sich gekommen und fragt nach ihrem Gatten; wo ist er?« Kein Mensch an Bord wußte dies. Man durchsuchte die Jacht von einem Ende zum andern, ohne ihn zu finden. Die Leute wurden, trotz des Unwetters, gemustert; er befand sich nicht unter ihnen. Die Mannschaften der beiden Boote wurden befragt. Aber alles, was die Mannschaft des ersten Bootes zu sagen vermochte, war, daß sie, als die Leute vom Wrack auf das Boot losgestürzt, fort gerudert sei und nicht wisse, wen sie aufgenommen und wen zurückgelassen habe. Die Mannschaft des zweiten Bootes konnte nur berichten, daß sie jede lebende Seele, die das erste Boot auf dem Verdeck des Schiffes zurückgelassen, nach der Jacht zurückgebracht hatte. Niemand traf ein Tadel; aber gleichwohl blieb es eine Thatsache, daß der Mann fehlte.

Der Sturm, welcher den ganzen Tag nicht zu toben aufhörte, schnitt uns jede Möglichkeit ab, zu dem Wrack zurückzukehren und dasselbe zu durchsuchen. War doch unsre eigne Jacht gezwungen, sich einfach vom Winde treiben zu lassen. Erst gegen Abend ließ der Sturm, der uns südlich von Madeira hinab gejagt, ein wenig nach, und da der Wind jetzt umsprang, konnten wir der Insel zusteuern. Am folgenden Morgen früh langten wir wieder im Hafen an. Mr. Blanchard und seine Tochter wurden ans Land gesetzt, und der Kapitän begleitete sie, nachdem er uns angekündigt, daß er bei seiner Rückkehr uns etwas zu sagen habe, das die ganze Mannschaft nahe angehe.

Nach der Rückkehr des Kapitäns wurden wir auf dem Verdeck gemustert und von ihm angeredet. Er habe Befehl von Mr. Blanchard, unverzüglich nach der Grace de Dieu zurückzukehren und den Fehlenden aufzusuchen. Dies seien wir Mr. Blanchard und namentlich seiner Tochter schuldig, welche, wie die Aerzte befürchteten, den Verstand verlieren würde, falls nichts geschehe, sie zu beruhigen. Wir dürften fast überzeugt sein, das Schiff noch über Wasser zu finden, denn die Holzladung desselben müsse es, solange der Rumpf nicht geborsten sei, schwimmend erhalten. Der Mann müsse aufgesucht und, falls er sich an Bord befinde, todt oder lebendig, zurückgebracht werden. Wenn der Sturm nachzulassen fortfahre, so sei kein Grund vorhanden, weshalb die Leute, mit angemessenem Beistande, nicht das Schiff ebenfalls mit zurückbringen und, da er, der Kapitäm hierzu völlig bereit sei, den Bergelohn mit den Offizieren der Jacht theilen sollten.

Diese Rede ward von den Leuten mit einem dreimaligen Hurrah beantwortet, und sie machten sich augenblicklich ans Werk, um wieder mit dem Schooner in See zu stechen. Ich war der Einzige unter ihnen, der sich von dem Unternehmen zurückzog, indem ich erklärte, daß ich in Folge des Sturmes krank sei und der Ruhe bedürfe. Wie ich die Jacht verließ, schauten sie mir Mann für Mann ins Gesicht und kein Einziger von ihnen sprach ein Wort mit mir.

Während jenes ganzen Tages wartete ich in einem Wirthshause am Hafen auf Nachricht von dem Wrack, bis endlich gegen Abend ein Lootsenboot, das an der Rettung des verlassenen Schiffes theilgenommen, mit der Meldung anlangte, La Gráce de Dieu sei noch über Wasser und Ingleby’s Leichnam in der Kajüte gefunden worden, wo er ertrunken sein müsse. Am folgenden Morgen ward der Todte bei Tagesanbruch auf die Jacht gebracht und noch an demselben Tage am dem protestantischen Friedhofe beerdigt.«

»Halt!« rief die Stimme vom Bette her, ehe der Leser umwenden und einen neuen Absatz beginnen konnte.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel.

Seit Mr. Neal das letzte Mal von seiner Lectüre aufgeblickt, hatten in dem Zimmer und unter seinen Zuhörern einige Veränderungen stattgefunden. Ein Sonnenstrahl fiel aus das Sterbelager, und das Kind, von Müdigkeit überwältigt, lag friedlich schlummernd in dem goldenen Licht. Das Gesicht des Vaters hatte sich merklich verändert; durch den gequälten Geist zur Thätigkeit gezwungen, hatten die bisher bewegungslosen unteren Gesichtsmuskeln jetzt sich zu verzerren angefangen. Der dichte Schweiß aus der Stirn des Sterbenden hatte den Arzt veranlaßt, sich zu erheben, um diesem ein Stärkungsmittel zu geben. Auf der andern Seite des Bettes stand der leere Sessel der Gattin, welche in dem Augenblick wo Mr. Armadale den Leser unterbrochen, hinter das Kopfende des Bettes zurückgetreten war, um seinen Blicken zu eingehen. Dort stand sie, sich versteckend, an die Wand gelehnt und heftete die Augen in gieriger Erwartung auf das Manuscript in Mr. Neal’s Händen.

Eine Minute später ward die Stille abermals durch Mr. Armadale unterbrochen.

»Wo ist sie?« frug er, indem er zornig auf den leeren Sessel blickte. Der Doctor deutete auf die Stelle, wo sie stand, und so blieb ihr nichts weiter übrig, als vorzutreten. Sie kam langsam und stellte sich vor ihn hin.

»Du versprachst zu gehen, wenn ich es Dir heißen würde«, sagte er. »Geh’ jetzt!«

Mr. Neal gab sich alle Mühe, seine Hand zu beherrschen, die zwischen den Blättern des Manuscripts die Stelle anmerkte; gleichwohl konnte er ein Zittern derselben nicht unterdrücken. Ein Verdacht, der inzwischen langsam in seinem Geiste aufgestiegen war, ward ihm zur Gewißheit, als er jene Worte hörte. Der Brief war von einer Enthüllung zur andern fortgeschritten, bis derselbe jetzt endlich bei einer letzten Offenbarung angelangt war, welche der Sohn erst in späteren Jahren, das Weib aber nie erfahren sollte. Deshalb hatte der Sterbende, noch bevor er seiner Gattin erlaubt hatte, die Erzählung mit anzuhören, bei sich beschlossen, der Stimme des Vorlesers Schweigen zu gebieten, wenn er zu dieser Stelle käme; und daß ihn in diesem Entschlusse die zärtlichsten Bitten seiner Gattin um keinen Zoll wanken gemacht hatten, dies erfuhr sie jetzt von seinen eigenen Lippen.

Ohne ein Wort zu erwidern stand sie da und blickte ihn an; mit ihren Blicken sprach sie ihr letztes Flehen aus —— vielleicht ihr letztes Lebewohl. Seine Augen hatten keinen Blick der Erwiderung für sie, sondern wanderten erbarmungslos von ihr fort nach dem schlafenden Knaben. Sprachlos wandte sie sich vom Bette ab, und ohne einen Blick auf das Kind, ohne ein Wort zu den beiden Fremden, die sie athemlos beobachteten, verließ sie, ihrem gegebenen Versprechen getreu, in tiefem Schweigen das Zimmer.

Es lag etwas in der Art und Weise ihres Fortgehens, das die Selbstbeherrschung der beiden Männer erschütterte, welche Zeugen desselben waren. Als die Thür sich hinter ihr schloß, fühlten sie ein instinctmäßiges Widerstreben, sich noch ferner mit einer Sache zu befassen, deren Tragweite sie nicht im mindesten ermessen konnten. Der Doctor war der Erste, der diesem Gefühle Ausdruck gab, indem er von dem Patienten Erlaubniß zu erhalten versuchte, sich zurückziehen zu dürfen, bis der Brief beendet sei. Der Patient verweigerte ihm diese Erlaubniß.

Dann erhob Mr. Neal mit etwas ernsterem Nachdruck seine Stimme.

»Der Doctor«, begann er, »ist gleich mir in seinem Berufe daran gewöhnt, daß ihm von Andern Geheimnisse anvertraut werden. Doch ist es, ehe ich in der Sache weiter gehe, meine Pflicht, Sie zu fragen, ob Sie wirklich die außerordentliche Stellung begreifen, die wir Ihnen gegenüber einnehmen. Sie haben Mrs. Armadale soeben vor unsern Augen von Ihrem Vertrauen ausgeschlossen, welches Sie doch jetzt zwei Männern anbieten, die Ihnen völlig fremd sind.«

»Ja«, erwiderte Mr. Armadale, »eben weil sie mir fremd sind.« Diese wenigen Worte ließen einen Schluß zu, der nicht eben geeignet war, den Argwohn der beiden Männer zu beschwichtigen. Mr. Neal sprach denselben deutlich in folgenden Worten aus:

»Sie benöthigen dringend meiner und des Doctors Hilfe«, sagte er. »Habe ich Ihre Worte so aufzufassen, daß es Ihnen, solange Sie unseres Beistandes gewiß sind, völlig gleichgültig ist, welchen Eindruck der Schluß Ihrer Mittheilungen auf uns macht?«

»Ja. Ich schone Sie nicht. Ich schone mich selber nicht. Mein Weib aber schone ich.«

»Sie zwingen mich zu einer Schlußfolgerung Sir, die mir als eine sehr bedenkliche erscheint«, entgegnete Mr. Neal. »Falls Sie mir diesen Brief zu Ende zu dictiren verlangen, werden Sie mir, nachdem ich den größeren Theil desselben bereits vorgelesen, auch erlauben, den Rest noch in Gegenwart dieses Herrn als Zeugen vorzulesen.«

»Lesen Sie!«

Voll ernsten Zweifels ließ der Arzt sich wieder auf seinen Sessel nieder; voll ernster Zweifel schlug Mr. Neal das Blatt um und las weiter:

»Ehe ich den Todten ruhen zu lassen vermag, habe ich noch etwas zu berichten. Ich habe erwähnt, wie man seinen Leichnam fand, ohne jedoch der Umstände zu gedenken, unter denen er seinen Tod fand.

Es war bekannt, daß er sich auf dem Verdeck befunden hatte, als man die Mannschaft der Jacht in den beiden Booten dem Wrack zu rudern gesehen; aber in der Verwirrung, die durch die Angst der Mannschaft herbeigeführt ward, hatte man ihn später nicht beachtet. Zu jener Zeit stand das Wasser fünf Fuß hoch in der Kajüte und stieg mit großer Schnelligkeit. Es unterlag wenig Zweifel, daß er freiwillig in jenen vom Wasser erfüllten Raum hinuntergestiegen sei. Denn sowohl die Entdeckung des Schmuckkästchens seiner Gattin, das unter ihm auf dem Fußboden gefunden ward, als auch der Umstand, daß er das Herannahen unserer Rettungsboote bemerkt hatte, machten es vollkommen wahrscheinlich, daß er in die Kajüte hinabgestiegen sei, um einen Versuch zu machen, das Schmuckkästchen zu retten. Weniger wahrscheinlich war es, obgleich immer wohl anzunehmen, daß sein Tod durch irgendeinen Unfall beim Untertauchen herbeigeführt worden sei, der ihm für den Augenblick die Besinnung geraubt. Doch eine Entdeckung, welche von der Mannschaft der Jacht gemacht wurde, wies auf eine deutliche Lösung des Geheimnisses hin und erfüllte die Leute alle mit Entsetzen. Als sie im Verlauf ihrer Nachsuchung an die Kajüte kamen, fanden sie die Springluke verriegelt und die Thür von außen verschlossen. Hatte man die Kajüte zugeschlossen, ohne zu wissen, daß sich Ingleby dort befinde? Allein von dem angsterfüllten Zustande der Mannschaft gänzlich abgesehen, war durchaus kein Grund vorhanden, weshalb irgend Jemand, ehe er das Wrack verließ, die Kajüte hätte verschließen sollen. Deshalb blieb nur noch ein Schluß übrig. Hatte irgendeine mörderische Hand absichtlich den Mann eingeschlossen, damit er in dem schnell steigenden Wasser ertränke?

Ja. Eine mörderische Hand hatte ihn eingeschlossen, um ihn ertrinken zu lassen. Diese Hand war die meinige.«

Der Schotte sprang von seinem Sitze am Tische empor; der Doctor fuhr von dem Bette zurück. Von dem gleichen Abscheu erfüllt, durch dasselbe Grausen erstarrt, blickten beide auf den sterbenden Bösewicht. Dort lag er, mit dem Haupte seines Kindes an seiner Brust; von der Theilnahme der Menschen verlassen, von Gottes Gerechtigkeit verflucht —— dort lag er, in der Vereinsamung eines Kain, und gab ihren Blick zurück.

In demselben Augenblicke, wo die beiden Männer aufstanden, ward die Thür, die in das anstoßende Zimmer führte, heftig von der Außenseite erschüttert, und ein Geräusch, wie das eines schweren Falles, machte sie beide schweigen. Der Doctor, welcher der Thüre zunächst stand, öffnete dieselbe, ging hinaus und schloß sie augenblicklich wieder hinter sich. Mr. Neal wandte dem Bette den Rücken zu und wartete schweigend ab, was sich ereignet hatte. Das Geräusch, welches das Kind nicht aus dem Schlummer geweckt, hatte auch nicht die Aufmerksamkeit des Vaters erregt. Seine eigenen Worte hatten ihn weit von dem hinweg versetzt, was sich an seinem Sterbebette zutrug. Sein hilfloser Körper befand sich wieder aus dem Wrack, und das Gespenst seiner leblosen Hand drehte wieder den Schlüssel in der Kajütenthür um.

Im nächsten Zimmer wurde heftig geschellt —— eifrige Stimmen redeten durch einander, eilige Schritte gingen hin und her —— es vergingen einige Augenblicke, und dann kam der Doctor zurück »Hatte sie gelauscht?« flüsterte Mr. Neal auf Deutsch. »Die Frauen sind beschäftigt, sie zum Bewußtsein zurückzurufen«, erwiderte der Arzt ebenfalls leise. »Sie hat alles gehört. Sagen Sie mir um Gottes willen, was wir zunächst thun sollen?« Ehe es dem Schotten möglich war, zu antworten, erhob Mr. Armadale abermals seine Stimme. Die Rückkehr des Doctors hatte ihn zur Gegenwart zurückgerufen.

»Fahren Sie fort«, sagte er, als wäre nichts vorgefallen.

»Ich mag mich ferner nicht mit Ihrem schändlichen Geheimnisse befassen«, versetzte Mr. Neal »Sie sind Ihrem eigenen Bekenntnisse zufolge ein Mörder. Falls jener Brief beendet werden soll, verlangen Sie wenigstens nicht von mir, daß ich dazu die Feder ansetze!«

»Sie haben mir Ihr Versprechen gegeben«, war die Antwort, die mit derselben unbeweglichen Gelassenheit gesprochen wurde. »Sie müssen entweder für mich schreiben oder Ihr Wort brechen.«

Für den Augenblick war Mr. Neal zum Schweigen gebracht. Dort lag der Mann, durch den Schatten des Todes gegen den Abscheu seiner Mitmenschen geschützt, außer dem Bereiche aller menschlichen Verdammung, außer dem Bereiche aller irdischen Gesetze; nur eines einzigen letzten Entschlusses sich bewußt, des Entschlusses, den Brief an seinen Sohn zu beenden.

Mr. Neal zog den Arzt auf die Seite »Ein Wort«, sagte er auf Deutsch. »Bleiben Sie bei Ihrer Behauptung, daß er die Sprache verlieren kann, bis wir nach Stuttgart zu senden im Stande sind?«

»Sehen Sie seine Lippen an«, erwiderte der Arzt, »und urtheilen Sie dann selbst.«

Die Lippen des Sterbenden beantworteten die Frage; denn eine Verzerrung der Mundwinkel, die kaum bemerkbar gewesen war, als Mr. Neal zuerst ins Zimmer getreten, war jetzt deutlich sichtbar, und seine langsame Articulation ward mit jedem Worte, das er sprach, immer schwerer und mühsamer. Die Lage war eine fürchterliche. Nach einem Augenblicke des Zögerns machte Mr. Neal einen letzten Versuch, sich aus derselben herauszuziehen.

»Können Sie es wagen, mich jetzt, da mir die Augen geöffnet sind, an ein Versprechen zu binden, das ich in Unwissenheit gab?«

»Nein«, erwiderte Mr. Armadale, »ich lasse Ihnen die Freiheit, Ihr Wort zu brechen.«

Der Blick, welcher diese Antwort begleitete, versetzte dem Stolze des Schotten einen empfindlichen Stich. Als er das nächste Mal sprach, geschah dies von seinem Platze am Schreibtische aus.

»Es hat noch kein Mensch von mir sagen können, daß ich je mein Wort gebrochen«, entgegnete er aufgebracht, »und selbst Sie sollen dies jetzt nicht von mir sagen dürfen. Doch vergessen Sie nicht! Wenn Sie mich an mein Versprechen binden, so binde ich Sie an meine Bedingung. Ich habe mir unbedingte Freiheit in meinem Verhalten vorbehalten, und erinnere Sie hiermit daran, daß ich, sobald ich mich von Ihrem Anblicke befreit sehe, nach eigenem Gutdünken Gebrauch von derselben zu machen beabsichtige.«

»Bedenken Sie, daß er im Sterben liegt«, bat der Doktor sanft.

»Kehren Sie auf Ihren Platz zurück, Sir«, sagte Mr. Neal, auf den leeren Sessel deutend. »Ich will das, was mir noch zu lesen bleibt, nur in Ihrer Gegenwart lesen, und was noch zu schreiben ist, nur in Ihrer Gegenwart schreiben Sie haben mich hierher gebracht. Ich habe das Recht, daraus zu bestehen —— und ich bestehe darauf —— daß Sie bis zuletzt als Zeuge dableiben.«

Der Doktor fügte sich, ohne eine Einwendung zu machen, in seine Lage Mr. Neal nahm sein Manuscript wieder auf und las den Rest desselben ohne weitere Unterbrechung bis zu Ende.

»Ich habe, ohne ein Wort zu meiner Entschuldigung vorzubringen, meine Schuld bekannt. Ohne ein Wort zu meiner Vertheidigung zu sagen, will ich jetzt berichten, in welcher Weise das Verbrechen verübt ward.

Kein Gedanke an ihn beschäftigte mich, als ich seine Gattin bewußtlos auf dem Verdeck des Schiffes liegen sah. Ich that das Meinige, um sie sicher in das Boot zu schaffen. Erst nachdem dies geschehen, kam er mir wieder in den Sinn. In der Verwirrung, welche herrschte, während unsre Mannschaft die Leute des Schiffes zwang, ordentlich und der Reihe nach ins Boot zu steigen, fand ich Gelegenheit, unbeachtet nach ihm zu suchen. Nicht wissend, ob er sich mit im ersten Boote befunden oder noch an Bord des Wracks sei, näherte ich mich der Mitte des Verdecks und sah ihn mit leeren Händen und von Wasser triefend die Kajütentreppe herauskommen. Nachdem er, ohne mich zu bemerken, einen schnellen begierigen Blick aus das Boot geworfen, überzeugte er sich, daß ihm noch Zeit bliebe, ehe die Mannschaft abstoßen könne. »Noch einmal!« sprach er zu sich selber und verschwand wieder, um einen letzten Versuch zur Rettung des Schmuckkästchens zu machen. Der Teufel flüsterte mir ins Ohr: »Erschieße ihn nicht, wie einen Mann; ersäufe ihn, wie einen Hund!« Er befand sich unter Wasser, als ich die Springluke verriegelte. Aber sein Kopf tauchte aus der Wasserfläche empor, ehe ich die Kajütenthür verschließen konnte. Er blickte mich an, und ich ihn —— und ich schloß die Thür vor seinen Augen. Im nächsten Augenblick stand ich wieder unter den Wenigen, die noch auf dem Verdeck harrten, und eine Minute später war es zu spät, um zu bereuen; der Sturm drohte uns mit Vernichtung und die Mannschaft ruderte mit aller Gewalt vom Schiffe fort.

Mein Sohn! Ich verfolge Dich aus meinem Grabe mit einem Bekenntnisse, womit meine Liebe Dich gern verschont hätte. Lies weiter, dann wirst Du erfahren warum.

Ich will nichts von meinen Leiden sagen, will Dich nicht um Mitleid für mein Andenken bitten. Während ich dies schreibe, fühle ich eine seltsame Mattigkeit des Herzschlags, ein seltsames Zittern der Hand, welches mich mahnt, zum Schlusse zu eilen. Ich verließ die Insel, ohne zu wagen, das Weib, welches ich in so jammervoller Weise verloren und dem ich ein so schmachvolles Unrecht zugefügt, noch einmal zu sehen. Als ich mich entfernte, lastete der ganze Verdacht, den Ingleby’s Todesart erweckt hatte, auf der Mannschaft des französischen Schiffes. Es konnte keinem derselben ein Beweggrund für diesen Mord untergeschoben werden; aber da sie meistens als geächtete und jedes Verbrechens fähige Missethäter bekannt waren, so fiel der Verdacht auf sie und man unterwarf sie einer gerichtlichen Untersuchung. Erst später hörte ich durch Zufall, daß sich der Verdacht auf mich gelenkt habe. Die Wittwe allein erkannte aus der undeutlichen Beschreibung, die man ihr von dem Fremden machte, welcher sich unter der Mannschaft der Jacht befunden hatte und am Tage nach der That verschwunden war, wer der Mörder gewesen; sie allein wußte auch, warum ihr Gatte gemordet worden sei. Als sie diese Entdeckung machte, hatte sich ein falsches Gerücht von meinem Tode auf der Insel verbreitet, und diesem Gerüchte verdankte ich vielleicht, daß ich von jeder gerichtlichen Verfolgung verschont blieb. Auch war es wohl möglich, da außer Ingleby kein menschliches Auge mich die Kajütenthür hatte verschließen sehen, daß es an hinreichenden Beweismitteln gebrach, um eine Untersuchung zu rechtfertigen; —— vielleicht aber bebte die Wittwe selbst vor Enthüllungen zurück, welche die unvermeidliche Folge einer einzig und allein auf ihren Verdacht begründeten öffentlichen Anklage gegen mich gewesen wären. Doch, wie dem immer sein mochte, das Verbrechen, welches ich ungesehen verübt, ist bis auf diesen Tag unbestraft geblieben.

Ich verließ Madeira in einer Verkleidung und kehrte nach Westindien zurück. Die erste Nachricht, die mich traf, als das Schiff in den Hafen von Barbadoes einlief, war die von dem Tode meiner Mutter. Ich hatte nicht das Herz, zu der alten Heimath zurückzukehren. Die Aussicht, Tag und Nacht von meinem eigenen Schuldbewußtsein gemartert in Einsamkeit zu Hause zu leben, war mehr, als ich den Muth hatte zu ertragen. Ohne zu landen oder mich irgend Jemandem zu erkennen zu geben, reiste ich weiter, so weit, wie ich mit dem Schiffe gehen konnte —— bis nach der Insel Trinidad.

Dort sah ich Deine Mutter zum ersten Male. Es war meine Pflicht, ihr die Wahrheit zu sagen —— und ich bewahrte hinterlistiger Weise mein Geheimniß; es war meine Pflicht, ihr das hoffnungslose Opfer ihrer Freiheit und ihres Glücks für ein Dasein, wie das meinige, zu ersparen —— und ich fügte ihr das Unrecht zu, sie zu heirathen. Sollte sie, wenn Du dies liest, noch am Leben sein, so habe Erbarmen mit ihr und verhehle ihr die Wahrheit. Der einzige Ersatz, den ich ihr zu geben im Stande bin, ist der, daß ich sie bis zuletzt nicht ahnen lasse, welch einen Mann sie geheirathet hat. Habe Mitleid mit ihr, wie ich es ihr bewiesen habe! Laß diesen Brief ein geheiligtes Geheimniß zwischen Vater und Sohn bleiben!

Zu derselben Zeit, da Du geboren wurdest, fing meine Gesundheit zu wanken an. Einige Monate später, in den ersten Tagen meiner Genesung, brachte man Dich zu mir und unterrichtete mich, daß Du während meiner Krankheit getauft worden seist. Deine Mutter hatte gethan, was die meisten liebenden Mütter thun; sie hatte ihrem Erstgeborenen den Namen seines Vaters gegeben. Auch Du hießest Allan Armadale. Selbst damals schon, als ich noch in glücklicher Unwissenheit über das lebte, was ich seitdem erfahren habe, fühlte ich mich von trüben Ahnungen erfüllt, indem ich Dich anblickte und an jenen unglückseligen Namen dachte.

Sobald ich mich hinlänglich erholt hatte, um die Reise zu wagen, ward meine Anwesenheit auf meinen Besitzungen in Barbadoes aufs dringendste verlangt. Es kam mir der Gedanke —— wie unsinnig Dir derselbe auch erscheinen mag —— die Bedingung zu brechen, die mich und meinen Sohn zwang, den Namen Armadale zu führen oder dem Armadale’schen Erbe zu entsagen. Schon damals verbreitete sich das Gerücht von einer beabsichtigten Emancipation der Sklaven —— der Emancipation, die jetzt nahe bevorsteht. Es konnte Niemand sagen, in wie weit der Werth der westindischen Besitzungen von dieser drohenden Veränderung, falls sie in Wirklichkeit stattfände, berührt werden würde. Niemand konnte sagen —— falls ich Dir wieder meinen eigenen väterlichen Namen gäbe und Dich für die Zukunft ohne jegliche andere Versorgung als die meiner eigenen väterlichen Besitzungen ließe —— wie sehr Du etwa eines Tages die reichen Armadale’schen Besitzungen vermissen könntest oder zu welcher künftigen Armuth ich dadurch Dich und Deine Mutter verdammen würde. Bemerke wie ein Verhängniß dem andern folgte; wie Du zu Deinem Taufnamen kamst, und wie Dein Zuname, wider meinen Willen, Dir anhaftete!

Meine Gesundheit hatte sich in meiner Heimath gebessert; doch nur für kurze Zeit. Ich ward wieder krank, und die Aerzte verordneten mir das Klima von Europa. Indem ich England mied —— Du wirst errathen, warum —— reiste ich mit Dir und Deiner Mutter nach Frankreich und von da nach Italien. Dort nahmen wir unsern Aufenthalt; doch es war nutzlos! Der Tod hatte mich einmal gepackt und verfolgte mich, wohin ich auch gehen mochte. Ich ertrug es, denn ich besaß einen Trost, den ich nicht verdiente. Du magst jetzt voll Grausen vor meinem bloßen Andenken zurück beben; in jenen Tagen warst Du mein Trost, das einzige Labsal meines Herzens. Die letzten Lichtschimmer des Glücks, die mir in dieser Welt beschieden waren, waren die, welche mir aus meinem kleinen Sohne entgegen strahlten.

Wir verließen Italien und gingen nach Lausanne, von welchem Orte aus ich jetzt an Dich schreibe. Die heutige Post hat mir über die Wittwe des Gemordeten spätere und ausführlichere Nachrichten gebracht, als ich noch bisher erhalten. Der Brief liegt vor mir, während ich schreibe; er kommt von einem Jugendfreunde, der mit ihr gesprochen und sie zuerst davon unterrichtet hat, daß das Gerücht von meinem Tode in Madeira ein falsches gewesen. Er vermag sich nicht zu erklären, warum die Nachricht, daß ich noch am Leben, verheirathet und Vater eines Sohnes sei, sie in eine heftige Gemüthsbewegung versetzte, und fragt mich daher, ob ich dies zu erklären im Stande bin. Er drückt sich mit großer Theilnahme über sie aus: Ein junges schönes Weib, das sich in der Zurückgezogenheit eines entlegenen Fischerdorfes auf der Küste von Devonshire begräbt, deren Vater todt und deren Familie in unbarmherziger Unzufriedenheit über ihre Heirath ihr entfremdet ist. Seine Worte würden mir das Herz zerrissen haben, wenn nicht der Schluß seines Briefes, sowie ich denselben gelesen, meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und mir die Erzählung entrissen hätte, die in diesen Blättern enthalten ist.

Ich weiß jetzt etwas, wovon ich nie die leiseste Ahnung hatte, bis ich seinen Brief erhielt; ich weiß jetzt, daß die Wittwe des Mannes, dessen Tod auf meinem Gewissen lastet, ein nachgeborenes Kind zur Welt gebracht hat. Dieses Kind ist ein Knabe, ein Jahr älter als mein Sohn. In dem sichern Glauben, daß ich todt sei, hat sie dasselbe gethan, was die Mutter meines Sohnes that: Sie hat ihrem Sohne den Namen des Vaters gegeben. Es giebt in der zweiten Generation wie in der ersten zwei Allan Armadale. Nachdem die unglückselige Namensgleichheit so tödtliches Unheil zwischen den Vätern gestiftet, wird sie dasselbe zwischen den Söhnen herbeiführen.

Ein argloses Gemüth sieht in diesem allen vielleicht bis hierher nichts als die Folgen einer Reihe von Ereignissen, die eben zu nichts Anderem führen konnten. Ich aber, der für das Leben jenes Mannes Rede stehen soll; ich, der ich ins Grab hinabsinke, ohne die Strafe meines Verbrechens erlitten oder dasselbe gesühnt zu haben, ich sehe das, was einem schuldlosen Gemüth nicht erkennbar ist. Ich sehe Gefahr für die Zukunft, die in der Gefahr der Vergangenheit wurzelt; Trug, der seinem Trug entsprossen; Verbrechen, welches das Kind meines Verbrechens ist. Ist die Angst, die mich jetzt bis in die Seele erschüttert, ein Gespenst, das sich aus dem Aberglauben eines sterbenden Mannes erhebt? Ich blicke in das Buch, das die ganze Christenheit verehrt, und das Buch sagt mir, daß die Sünde der Väter an den Kindern heimgesucht werden soll. Ich schaue hinaus in die Welt, und erblicke rund um mich her die lebenden Zeugen jener fürchterlichen Wahrheit. Ich sehe, wie die Laster, die den Vater befleckten, auf das Kind vererbt werden und dasselbe ebenso beflecken; ich sehe die Schande, die den Namen des Vaters entehrte, auf das Kind fallen und dasselbe ebenfalls entehren. Ich werfe einen Blick in mein Inneres, und sehe wie mein Verbrechen unter denselben Umständen, unter denen der Same desselben in der Vergangenheit gesäet ward, für die Zukunft reift und in erblicher Befleckung von mir auf meinen Sohn übergeht.«

Mit diesen Zeilen endete das Geschriebene. Hier hatte der Schlag ihn getroffen und die Feder war seiner Hand entsunken.

Er kannte die Stelle; er erinnerte sich der Worte. In dem Augenblicke, wo die Stimme des Lesers schwieg, warf er einen verlangenden Blick auf den Arzt. »Ich habe das, was zunächst folgen soll, in meinem Geiste geordnet«, sagte er mit immer langsamer werdender Articulation »Helfen Sie mir, damit ich es aussprechen kann.«

Der Doctor gab ihm ein Stärkungsmittel ein und deutete Mr. Neal durch ein Zeichen an, er möge ihm Zeit lassen. Nach einer kleinen Weile flackerte die ersterbende Flamme seines Geistes nochmals in seinen Augen auf. Entschlossen mit seiner ihm versagenden Sprache kämpfend, forderte er den Schotten auf, die Feder zu ergreifen, und dictirte dann den Schluß seiner Erzählung, wie ihm sein Gedächtniß denselben darbot, in folgenden Worten:

»Verachte die Ueberzeugung eines Sterbendem wenn Du willst; aber gewähre mir, ich beschwöre Dich auf das feierlichste, eine letzte Bitte! Mein Sohn! Die einzige Hoffnung, die mir noch für Dich bleibt, hängt an einem großen Zweifel, an dem Zweifel, ob wir Herr über unser eigenes Schicksal sind oder nicht. Es ist möglich, daß der freie Wille des Menschen sein Geschick zu bezwingen vermag; es mag sein, daß wir, indem wir alle unfehlbar dem Tode entgegengehen, ebenso unfehlbar nur dem entgegengehen, was dem Tode nicht vorausgeht. Falls dem so ist, so achte, wenn Dir sonst nichts heilig sein sollte, auf die Warnung, die ich Dir aus meinem Grabe zurufe. Laß Dir bis zu Deinem Sterbetage nie eine lebende Seele nahe kommen, die je mittelbar oder unmittelbar mit dem Verbrechen in Verbindung gestanden hat, das Dein Vater beging. Meide die Wittwe des Mannes, den ich getödtet habe, falls sie noch am Leben ist. Meide das Mädchen, dessen gottlose Hand den Pfad zu ihrer Heirath ebnete, falls dieses Mädchen noch in ihrem Dienste ist. Und vor allem meide den Mann, dessen Name auch der Deinige ist. Beleidige Deinen besten Wohlthäter, falls der Einfluß dieses Wohlthäters Euch mit einander in Berührung gebracht hat. Verlasse das Weib, das Dich liebt, falls dieses Weib ein Verbindungsglied zwischen Dir und ihm ist. Verbirg Dich vor ihm unter einem angenommenen Namen. Mögen Gebirge und Meere Dich von ihm trennen. Sei undankbar, sei unversöhnlich; sei, ehe Du mit jenem Manne unter demselben Dache wohnst oder dieselbe Luft athmest, lieber alles, was Deiner besseren Natur am meisten zuwider ist. Laß die beiden Allan Armadale einander nie in dieser Welt begegnen, nie, nie, nie!

Dies ist der Weg, aus dem Du entkommen magst, wenn es überhaupt einen solchen giebt. Wenn Dir Deine Unschuld und Dein Glück werth ist, so schlage diesen Weg fürs ganze Leben ein!

Ich bin zu Ende. Hätte ich von einem gelinderen Mittel als dem dieses Bekenntnisses erwarten können, daß dasselbe Dich bestimmen würde, meinem Willen gemäß zu handeln, so würde ich Dir die Enthüllung erspart haben, welche diese Blätter enthalten. In diesem Augenblicke liegst Du in dem unschuldigen Schlummer eines Kindes an meiner Brust, während die Hand eines Fremden diese Worte für Dich niederschreibt, wie sie meinen Lippen entfahren. Bedenke, wie mächtig meine Ueberzeugung sein muß, wenn ich hier auf meinem Sterbebette den Muth habe, Dein ganzes Leben schon bei seinem Beginne durch den Schatten meines Verbrechens zu trüben. Bedenke dies —— und laß Dich warnen! Bedenke es —— und vergieb mir, wenn Du kannst!«

Dies waren die letzten Worte des Vaters an den Sohn.

Seiner ihm aufgedrungenen Pflicht unerbittlich getreu, legte Mr. Neal die Feder nieder und las die Zeilen, die er soeben geschrieben, laut vor. »Soll noch sonst etwas hinzugefügt werden?« frug er mit seiner mitleidslosen festen Stimme. Es sollte nichts mehr hinzugefügt werden.

Mr. Neal legte das Manuskript zusammen und schloß es in ein Couvert ein, das er mit Mr. Armadale’s Petschaft versiegelte. »Die Adresse?« sagte er mit unbarmherziger Geschäftsförmlichkeit »An Allan Armadale junior«, schrieb er, wie die Worte ihm vom Bette aus dictirt wurden. »Durch Güte des Herrn Godfrey Hammick, in Firma Hammick & Ridge, Lincoln’s-Inn-Fields, London.« Nachdem er die Adresse geschrieben, wartete er und überlegte einen Augenblick. »Soll Ihr Testamentsvollstrecker dies öffnen?« frug er.

»Nein! Er soll es meinem Sohne übergeben, wenn dieser alt genug ist, um es zu verstehen.«

»In dem Falle«, fuhr Mr. Neal mit der trockensten Geschäftsmäßigkeit fort, »will ich ein datiertes Schreiben beifügen, in welchem ich die Worte wiederhole, die Sie soeben gesprochen haben, und die Umstände auseinandersetze, unter denen meine Handschrift in dem Documente erscheint.« Er that dies in den kürzesten und deutlichsten Ausdrücken, las, was er geschrieben, wie das Vorhergehende laut vor, unterschrieb seinen Namen und seine Adresse, und ließ dann den Doctor als Zeugen des ganzen Verfahrens und als ärztliche Autorität in Bezug auf Mr. Armadales derzeitigen Zustand, ebenfalls unterzeichnen. Sobald dies geschehen, legte er alles in ein zweites Couvert, versiegelte dasselbe wie zuvor und adressierte es an Mr. Hammick, indem er »Zu eignen Händen« hinzufügte.

»Bestehen Sie darauf, daß ich dies auf die Post gebe?« frug er, indem er mit dem Briefe in der Hand aufstand.

»Geben Sie ihm Zeit, sich zu besinnen«, sagte der Doctor. »Um des Kindes willen, geben Sie ihm Zeit, sich zu besinnen! Eine Minute mag ihn anders stimmen.«

»Ich will ihm fünf Minuten geben«, erwiderte Mr. Neal, indem er, bis zuletzt unerbittlich gerecht, seine Uhr vor sich auf den Tisch legte.

Sie warteten, indem sie beide aufmerksam Mr. Armadale beobachteten. Die Anzeichen einer mit ihm vorgehenden Veränderung vermehrten sich schnell. Die Bewegung, welche die unausgesetzte geistige Aufregung seinen Gesichtsmuskeln mitgetheilt hatte, fing unter demselben gefährlichen Einflusse sich nach unten zu erstrecken an. Seine bisher regungslosen Hände lagen nicht länger still; sie bewegten sich in jammervollem Ringen auf der Bettdecke. Beim Anblicke dieses warnenden Zeichens wandte der Doctor sich mit einer Gebärde der Unruhe um und winkte Mr. Neal, näher zu kommen» »Legen Sie ihm sofort Ihre Frage vor«, sagte er; »falls Sie fünf Minuten verstreichen lassen, mag es zu spät sein.«

Mr. Neal trat ans Bett. Auch er hatte die Bewegung der Hände wahrgenommen. »Ist das ein schlimmes Zeichen?« frug er.

Der Doktor neigte ernst den Kopf. »Legen Sie ihm ohne Verzug Ihre Frage vor«, wiederholte er, »oder es dürfte zu spät sein.«

Mr. Neal hielt den Brief vor die Augen des Sterbenden. »Wissen Sie, was dies ist?«

»Mein Brief.«

»Bestehen Sie darauf, daß ich denselben auf die Post gebe?«

»Ja!«

Mr. Neal ging mit dem Briefe in der Hand der Thür zu. Der Deutsche folgte ihm ein paar Schritte und öffnete die Lippen, um ihn um ein längeres Verziehen zu bitten, begegnete jedoch dem unerbittlichen Auge des Schotten und trat schweigend wieder zurück. Die Thür schloß sich und schied sie von einander, ohne daß der Eine wie der Andere ein Wort gesprochen.

Der Doctor kehrte an das Bett zurück und flüsterte dem sterbenden Manne zu: »Lassen Sie mich ihn zurückrufen, es ist noch Zeit, ihn zurückzuhalten!« Es war nutzlos Es kam keine Antwort; nichts verrieth ihm, daß er verstanden oder nur gehört worden sei. Die Augen des Sterbenden schweiften von dem Kinde ab, ruhten einen Augenblick auf seinen eigenen zuckenden Händen und blickten dann flehend in das mitleidsvolle Antlitz, das sich über ihn hinbeugte. Der Doctor hob seine Hand auf, wartete einen Augenblick, folgte dem auf das Kind gerichteten sehnsüchtigen Blicke des Vaters und lenkte, den letzten Wunsch desselben verstehend, die Hand sanft nach dem Haupte des Kindes. Die Hand berührte dasselbe und zitterte heftig. Im nächsten Augenblicke ward der Arm von dem Zittern ergriffen, das sich dann dem ganzen Oberkörper mittheilte. Das bleiche Gesicht wurde roth, dann blau, dann wieder bleich. Endlich lagen die zuckenden Hände still und die Farbe wechselte nicht mehr.

Als der Doctor mit dem Kinde im Arm aus dem Sterbezimmer in das nächste Zimmer trat, stand das Fenster dort offen. Er schaute im Vorübergehen hinaus und sah Mr. Neal langsam nach dem Gasthofe zurückkehren.

»Wo ist der Brief?« frug er.

Drei Worte genügten dem Schotten als Antwort: »Auf der Post.«



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel.

An einem warmen Maiabende im Jahre achtzehnhundert einundfünfzig zog Se. Ehrwürden Mr. Decimus Brock, zur Zeit ein Gast in Castletown auf der Insel Man, sich auf sein Schlafzimmer zurück, von einer ernstlichen persönlichen Verantwortlichkeit verfolgt und ohne eine klare Vorstellung von der Art und Weise, wie er sich aus seiner gegenwärtigen Verlegenheit zu ziehen im Stande sein werde.

Der Geistliche hatte dasjenige Stadium des menschlichen Lebens erreicht, wo ein vernünftiger Mann gelernt hat, allen unnützen Kampf gegen tyrannische Sorgen aufzugeben. Er ließ jeden ferneren Versuch, in seiner augenblicklichen Bedrängniß zu einer Entscheidung zu kommen, fahren und setzte sich mit vollkommener Gelassenheit in bloßen Hemdärmeln auf sein Bett nieder, wo er sich zunächst der Betrachtung hingab, ob diese Sorge in der That so ernster Natur sei, wie dieselbe sich ihm bisher dargestellt hatte. Indem Mr. Brock diesen neuen Ausweg aus seinen Verlegenheiten einschlug, sah er sich unerwarteter Weise bald auf einer Wanderung, welche die am wenigsten erheiternde im ganzen menschlichen Leben zu sein pflegt —— auf einer Wanderung durch die Jahre seiner Vergangenheit.

Die Ereignisse dieser Jahre, die alle mit derselben kleinen Gruppe von Charakteren in Verbindung standen und alle mehr oder weniger die Verlegenheit herbeigeführt hatten, die sich jetzt zwischen den Geistlichen und seine Nachtruhe drängte, stiegen eines nach dem andern in regelmäßiger Reihenfolge in Mr. Brocks Erinnerung auf. Das erste derselben führte ihn durch einen Zeitraum von vierzehn Jahren zu seiner Pfarre an der Sommersetshire-Küste des Kanals von Bristol zurück zu einer Privatunterredung mit einer fremden Dame, die ihm einen Besuch machte.

Die Gesichtsfarbe der Dame war zart und ihre Gestalt wohl conservirt; sie war allerdings noch jung, aber ihr Aussehen war jugendlicher, als ihre Jahre hätten erwarten lassen. Es lag ein Schatten von Trauer in ihrem Gesichtsausdrücke und ein leidender Ton in ihrer Stimme, welche bekundeten, daß sie gelitten hatte —— doch nicht genug, um ihren Kummer der Welt aufzubringen. Sie brachte einen hübschen achtjährigen blonden Knaben mit, den sie als ihren Sohn vorstellte und der zu Anfang ihrer Unterredung hinausgeschickt wurde, um sich im Pfarrgarten zu unterhalten. Vor ihrem Eintritt in das Arbeitszimmer des Geistlichen hatte sie ihre Karte abgegeben, und diese Karte meldete sie unter dem Namen »Mrs. Armadale« an. Noch ehe sie die Lippen geöffnet, begann Mr. Brock ein Interesse für sie zu fühlen; und sobald der Sohn entlassen worden, wartete er mit einiger Spannung auf das, was die Mutter ihm mitzutheilen hatte.

Mrs. Armadale machte den Anfang damit, daß sie ihn unterrichtete, sie sei eine Wittwe. Ihr Gatte sei kurz nach ihrer Vermählung auf der Fahrt von Madeira nach Lissabon bei einem Schiffbruche ums Leben gekommen. Nach diesem Verluste sei sie unter dem Schutze ihres Vaters nach England zurückgebracht worden, und ihr Sohn, ein nachgebornes Kind, sei auf dem Familiengut in Norfolk zur Welt gekommen. Der bald darauf erfolgte Tod ihres Vaters habe sie elternlos gemacht und sie der Vernachlässigung und den Mißdeutungen ihrer übrigen Angehörigen, zweier Brüder, ausgesetzt, ja sie fürchte, für den Rest ihres Lebens denselben entfremdet zu sein. Seit einiger Zeit habe sie daher in der benachbarten Grafschaft Devonshire gelebt und sich ganz der Erziehung ihres Knaben gewidmet, der indessen jetzt ein Alter erreicht habe, wo er einer andern Erziehung bedürfe, als die, welche seine Mutter ihm zu geben im Stande sei. Abgesehen von ihrer Abneigung, sich in ihrer jetzigen Vereinsamung von ihm zu trennen, sei ihr ganz besonders daran gelegen, daß er nicht auf eine öffentliche Schule geschickt werde, indem sie Gründe habe zu wünschen, daß er nicht mit Fremden in Berührung komme. Ihr Lieblingsplan gehe dahin, ihn zu Hause zu erziehen und ihn in späteren Jahren vor allen Versuchungen und Gefahren der Welt zu bewahren. Unter diesen Umständen müsse ihr Aufenthalt in ihrem gegenwärtigen Wohnorte, wo ihr die Dienste des Geistlichen als Lehrer für ihren Knaben nicht zu Gebote standen, ein Ende haben. Sie habe Erkundigungen angestellt und von einem Hause in Mr. Brock’s Nachbarschaft gehört, welches ihren Zwecken entsprechen würde; außerdem habe sie erfahren, daß Mr. Brock früher Kostgänger und Schüler bei sich aufzunehmen gepflegt. Im Besitze dieser Auskunft habe sie es gewagt, mit Beweisen ihrer Achtbarkeit versehen, doch ohne ein förmliches Empfehlungsschreiben, sich ihm vorzustellen; sie wünsche Mr. Brock jetzt zu fragen, ob er, falls sie sich in seiner Gegend niederließe, auf irgendeine Weise zu bewegen sein würde, sein Haus abermals einem Zöglinge zu öffnen.

Wäre Mrs. Armadale eine Dame ohne persönliche Reize gewesen oder hätte Mr. Brock die Schutzwehr einer Gattin besessen, so würde die Wittwe ihre Reise wahrscheinlich vergebens unterenommen haben. Doch, wie die Sachen sich jetzt verhielten, prüfte der Pfarrer die Papiere, welche ihre Achtbarkeit verbürgten, und bat sich Bedenkzeit aus. Als dieselbe verstrichen war, that er, was Mrs. Armadale gehofft hatte; er war bereit, seine Schultern mit der Verantwortlichkeit für ihren Sohn zu beladen.

Dies war das erste in der Reihe der Ereignisse, welche mit seiner gegenwärtigen Verlegenheit in Beziehung standen. Dasselbe hatte sich im Jahre achtzehnhundert siebenunddreißig zugetragen. Mr. Brocks Gedächtniß führte ihn dann zu einem Erlebniß, das der Gegenwart näher lag, zu einem Erlebniß aus dem Jahre achtzehnhundert fünfundvierzig.

Der Schauplatz war wieder in dem Fischerdorfe an der Küste von Sommersetshire und die Personen abermals Mrs. Armadale und ihr Sohn. Während der verflossenen acht Jahre war Mr. Brock’s Verantwortlichkeit eine ziemlich leichte gewesen, denn der Knabe hatte seiner Mutter und seinem Lehrer nur wenig Sorge verursacht. Er lernte allerdings langsam, doch lag die Ursache hiervon mehr in einer angeborenen Unfähigkeit, seine Aufmerksamkeit auf seine Arbeit zu ruhten, als in einem Mangel an Fassungsgabe. Sein Temperament —— dies ließ sich nicht leugnen —— war ein im höchsten Grade leichtsinniges; er handelte ganz unbekümmert nach seinen ersten Impulsen und überließ sich blindlings seinen Einfällen. Auf der andern Seite mußte man zu seinen Gunsten zugeben, daß er offen war wie der Tag; es wäre schwer gewesen, irgendwo einen großmüthigeren, liebevolleren, gutherzigeren Knaben zu finden. Eine gewisse Originalität des Charakters und eine natürliche Gesundheit in allen seinen Gefühlen und Neigungen ließ ihn aus den meisten Gefahren, denen das Erziehungssystem seiner Mutter ihn unvermeidlicher Weise aussetzte, unverletzt hervorgehen. Er hatte eine echt englische Vorliebe für das Meer und alles was mit demselben in Beziehung steht; und wie er heranwuchs, ward es fast unmöglich, ihn vom Strande fortzulocken und von den Schiffszimmerhöfen fern zu halten. Im Verlaufe der Zeit ertappte seine Mutter ihn zu ihrem großen Erstaunen und Verdrusse sogar dabei, daß er als Freiwilliger in einem der letzteren arbeitete. Er gestand, daß sein ganzer Ehrgeiz für die Zukunft darin bestehen einst selbst einen solchen Hof zu besitzen, und daß sein gegenwärtiger Zweck dahin gehe, sich selbst ein Boot bauen zu lernen. In der weisen Voraussicht, daß eine solche Beschäftigung während seiner Mußestunden gerade am meisten geeignet sei, den Knaben für den Mangel an Gefährten seines Standes und Alters zu entschädigen, überredete Mr. Brock Mrs. Armadale mit großer Mühe, ihren Sohn hierin gewähren zu lassen. Zur Zeit jenes zweiten Ereignisses im Leben des Geistlichen mit seinem Zöglinge, welches uns jetzt zu erzählen bevorsteht, hatte der junge Armadale lange genug im Hofe des Schiffszimmermanns gelernt, um das Ziel seiner Wünsche erreicht und mit eigener Hand den Kiel seines Bootes gelegt zu haben.

Spät an einem Sommerabende, bald nachdem Allan sein sechszehntes Jahr vollendet, verließ Mr. Brock seinen Zögling bei der Arbeit im Bauhofe und ging, die »Times« in der Hand, um den Abend bei Mrs. Armadale zuzubringen.

Die Jahre, die seit ihrem ersten Begegnen verflossen waren, hatten die Beziehungen zwischen dem Geistlichen und seiner Nachbarin längst geordnet. Die ersten Bewerbungen, zu denen Mr. Brocks Bewunderung für die Wittwe ihn schon in der ersten Zeit ihres Umganges hingerissen hatten, waren von dieser mit einer Bitte um seine Nachsicht aufgenommen worden, welche für die Zukunft seine Lippen geschlossen hatte. Sie hatte ihn ein für allemal überzeugt, daß die einzige Stelle, die er je in ihrem Herzen einzunehmen hoffen dürfe, die eines Freundes sei, und er hatte sie lieb genug, um sich mit dem zu begnügen, was sie ihm zu bieten hatte. So wurden sie Freunde, und blieben Freunde. Das friedliche Verhältniß des Geistlichen zu dem Weibe, das er liebte, ward durch keine eifersüchtige Furcht vor dem Erfolge eines Andern in dem, was ihm selbst mißglückt war, verbittert. Von den wenigen Gentleman, die in der Umgegend wohnhaft waren, ward keiner anders als wie ein bloßer Bekannter von Mrs. Armadale empfangen. Mit der ländlichen Zurückgezogenheit, in die sie sich freiwillig verbannte, vollkommen zufrieden, hatte die Gesellschaft für sie nicht den Reiz, welcher andere Frauen in ihrer Lage und ihrem Alter verlockt haben würde. Mr. Brock und seine Zeitung, die mit einförmiger Regelmäßigkeit dreimal in der Woche an ihrem Theetische erschienen, theilten ihr alles dasjenige mit, was sie von der großen äußeren Welt, welche die Grenzen ihres wechsellosen Lebens umkreiste, zu wissen begehrte.

An dem in Frage stehenden Abende ließ Mr. Brock sich in dem Lehnsessel nieder, in dem er stets dort saß, nahm die eine Tasse Thee an, die er dort jedes Mal trank, und entfaltete die Zeitung, die er Abs. Armadale regelmäßig vorlas, während diese ihm von dem Sofa aus zuhörte. »Gerechter Himmel!« rief der Pfarrer in einer ganz neuen Tonart, als seine Augen auf die erste Seite der Zeitung fielen.

Eine solche Introduction zu der Abendlectüre hatte, soviel Mrs. Armadale sich zu erinnern vermochte, noch niemals stattgefunden. Vor Neugier zitternd blickte sie von ihrem Sofa zu ihm hin und bat ihren ehrwürdigen Freund, ihr eine Erklärung geben zu wollen.

»Kaum kann ich meinen Augen trauen«, sagte Mr. Brock »Hier steht eine Aufforderung an Ihren Sohn, Mrs. Armadale.«

Und er las ohne weitere Vorrede wie folgt: »Falls diese Zeilen Allan Armadale in die Augen fallen, wird er ersucht, sich entweder persönlich oder brieflich mit den Herren Hammick & Ridge, Lincoln’s-Inn-Fields, London, wegen wichtigen Angelegenheiten, die ihn persönlich betreffen, in Verbindung zu setzen. Wenn Jemand die Herrn Hammick & Ridge zu unterrichten im Stande ist, wo die obengenannte Person zu finden, so würden jene Herrn ihm sehr verpflichtet sein. Um jedem Mißverständnisse vorzubeugen, sei bemerkt, daß der vermißte Allan Armadale ein junger Mensch von fünfzehn Jahren ist und daß dieser Aufruf von seiner Familie und seinen Angehörigen erlassen worden ist.«

»Eine andere Familie und andere Angehörige sind gemeint«, sagte Mrs. Armadale »Die in jenem Aufruf beschriebene Person ist nicht mein Sohn.«

Der Ton, in dem sie sprach, überraschte Mr. Brock. Die Veränderung, die er in ihrem Gesichte bemerkte, beunruhigte ihn. Ihre zarte Gesichtsfarbe war einer fahlen Blässe gewichen; ihre Augen wandten sich in einer seltsamen Mischung von Verwirrung und Bestürzung von ihrem Gaste ab; sie sah wenigstens um zehn Jahre älter aus als sie war.

»Es ist ein so ungewöhnlicher Name«, entgegnete Mr. Brock, indem er sich zu entschuldigen suchte, denn er befürchtete, er habe sie beleidigt. »Es schien mir wirklich unmöglich, daß es zwei solche ——«

»Es giebt ihrer in der That zwei«, unterbrach ihn Mrs. Armadale. »Allan ist, wie Sie wissen, sechszehn Jahre alt. Wenn Sie den Ausruf noch ein- mal ansehen wollen, werden Sie finden, daß der darin Beschriebene nur fünfzehn Jahre alt ist. Obgleich er denselben Tauf und Familiennamen führt, ist er doch, Gott sei’s gedankt, in keiner Weise mit meinem Sohne verwandt. So lange ich lebe, wird es der Gegenstand all meiner Hoffnungen und Gebete sein, daß Allan ihn niemals sehen, nie von ihm hören möge. Mein gütiger Freund, ich sehe, daß ich Sie in Erstaunen setze; wollen Sie Nachsicht mit mir haben, wenn ich diese Verhältnisse unerklärt lasse? Mein vergangenes Leben birgt so viel Elend und Kummer, daß es mich schmerzt, davon zu reden, selbst Ihnen gegenüber. Wollen Sie mir, indem Sie nie wieder von dem Gegenstande sprechen, behilflich sein, die Erinnerung an denselben zu ertragen? Wollen Sie noch mehr thun —— wollen Sie mir versprechen, desselben nicht gegen Allan zu erwähnen und ihm jene Zeitung nicht in die Hände fallen zu lassen?«

Mr. Brock gab das von ihm geforderte Versprechen und ließ sie auf das rücksichtsvollste allein.

Der Pfarrer hegte eine zu bewährte und aufrichtige Zuneigung für Mrs. Armadale, um eines unwürdigen Argwohns gegen sie fähig zu sein. Doch würde es überflüssig sein zu leugnen, daß er ihren Mangel an Zutrauen zu ihm tief empfand und daß er die Annonce auf seinem Heimwege wieder und wieder prüfend durchlas. Es war jetzt klar genug, daß der Zweck, den Mrs. Armadale bei ihrer Zurückgezogenheit in einem entlegenen Dorfe im Auge hatte, nicht so sehr darin bestand, ihren Sohn mit eigenen Augen zu überwachen, als vielmehr, ihn davor zu bewahren, daß sein Namensbruder ihn entdecke. Warum fürchtete sie den Gedanken, daß sie einander einst begegnen könnten? Galt die Furcht ihrer eigenen oder der Person ihres Sohnes? Mr. Brock’s aufrichtige Ueberzeugung von der Reinheit seiner Freundin verwarf jede Lösung des Geheimnisses die auf ein früheres Mißverhalten ihrerseits hindeutete und dasselbe mit jenen schmerzlichen Erinnerungen, deren sie erwähnt hatte, oder mit jener Entfremdung von ihren Brüdern in Verbindung brachte, wodurch sie seit Jahren von ihren Verwandten und ihrer Heimath fern gehalten worden war. An jenem Abende vernichtete er mit eigener Hand die Annonce und faßte den Entschluß, den Gegenstand nie wieder in seinem Geiste aufkommen zu lassen. Es gab noch einen Allan Armadale in der Welt, der mit seinem Zöglinge keine Verwandtschaft hatte und ein Umherstreicher war; dieser war es, der in öffentlichen Blättern aufgerufen wurde. » So viel hatte der Zufall ihm verrathen. Mehr verlangte er, um Mrs. Armadale’s willen, nicht zu entdecken —— und mehr wollte er nie zu erfahren suchen.

Dies war das zweite in der Reihe von Ereignissen, die sich aus des Pfarrers Bekanntschaft mit Mrs. Armadale und deren Sohne datierten.



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel.

Mr. Brock’s Gedächtniß wandte sich immer mehr und mehr der Gegenwart zu, und auf der dritten Station seiner Reise durch die Vergangenheit angelangt, hielt es zunächst beim Jahre achtzehnhunderts fünfzig an.

Die fünf Jahre, welche inzwischen verflossen waren, hatten in Allan’s Charakter wenig oder gar keine Veränderung hervorgebracht. Er war eben ganz einfach, um uns des Ausdrucks seines Lehrers zu bedienen, aus einem Knaben von sechzehn ein Knabe von einundzwanzig Jahren geworden, der noch immer so offen und unbefangen und noch immer ebenso gutherzig war und sich unbekümmert seinen Einfällen überließ, wohin dieselben ihn immer führen mochten. Seine Vorliebe für das Meer hatte mit den Jahren zugenommen. Vom Bauen eines Boots war er jetzt so weit vorgeschritten, daß er mit Hilfe zweier Schiffszimmergesellen ein verdecktes Schiff von fünfunddreißig —— Tonnen zu bauen angefangen hatte. Mr. Brock hatte sich auf das gewissenhafteste bemüht, ihn zu höheren Bestrebungen zu leiten; er war mit ihm nach Oxford gegangen, um ihm das Universitätsleben zu zeigen; er war mit ihm nach London gereist, um durch den Anblick der gewaltigen Hauptstadt seinen Gesichtskreis zu erweiteren. Die Abwechselung hatte Allan Unterhaltung gewährt, ihn jedoch nicht im mindesten verändert. Er war so hoch über allen weltlichen Ehrgeiz erhaben wie Diogenes selbst. »Was ist besser«, frug dieser unbewußte Philosoph, »daß man für sich selber entdeckt, wie man am glücklichsten ist, oder daß man Andere versuchen läßt, dies für uns zu entdecken?« Von diesem Augenblicke an unterließ Mr. Brock jeden weiteren Versuch, auf den Charakter seines Zöglings einzuwirken, und Allan widmete sich ununterbrochen dem Bau seiner Jacht.

Die Zeit, welche an dem Sohne so wenig Veränderung hervorgebracht, war an der Mutter nicht so spurlos vorübergegangen. Mrs. Armadales Gesundheit hatte bedeutend zu wanken angefangen, und in dem Grade, wie ihre Kräfte wichen, verschlimmerte sich ihre Laune; sie wurde immer reizbarer, gab sich immer mehr ihren krankhaften Ideen und Befürchtungen hin und war immer schwerer zu bewegen, ihr Schlafzimmer zu verlassen. Seit jene Annonce vor fünf Jahren in der Zeitung erschienen war, hatte sich nichts weiter ereignet, um ihrem Gedächtnisse jene schmerzlichen Umstände wieder aufzudringen, die mit ihrem Jugendleben in Verbindung standen. Es war zwischen ihr und dem Geistlichen kein Wort über den verpönten Gegenstand wieder erwähnt worden. Allan hatte noch immer keine Ahnung von dem Dasein eines Namensbruders; und obgleich sonach Mrs. Armadale nicht den geringsten Grund zu besonderer Besorgniß hatte, so war sie dennoch in den letzteren Jahren unaufhörlich von einer aufreibenden Angst um ihren Sohn erfüllt. Einmal beglückwünschte sie sich über die Vorliebe zum Schiffbau und Segeln, die ihn vor ihren eignen Augen in glücklicher und zufriedener Beschäftigung festhielt, und dann sprach sie wieder mit Grausen von seiner tief eingewurzelten Vorliebe für den falschen Ocean, in dem ihr Gatte den Tod, gefunden. Sie stellte die Langmuth ihres Sohnes bald auf diese, bald auf jene Weise auf die Probe, sodaß Mr. Brock mehr als einmal befürchtete, daß es zu einer ernstlichen Veruneinigung zwischen ihnen kommen werde; doch Allan’s natürliche Sanftmuth, gepaart mit inniger Liebe zu seiner Mutter, trug ihn siegreich durch alle diese Prüfungen hindurch. Kein einziges unfreundliches, hartes Wort entschlüpfte ihm je in ihrer Gegenwart, kein unfreundlicher Blick kränkte sie je; er war bis zuletzt unveränderlich liebevoll und nachsichtig gegen sie.

In diesen Verhältnissen nun standen Sohn, Mutter und Freund zu einander, als sich das nächste bemerkenswerthe Ereigniß in dem Leben dieser Drei zutrug.

An einem düsteren Nachmittage zu Anfange des Monats November ward Mr. Brock durch den Besuch des Gastwirthes aus dem Dorfe in der Abfassung seiner Predigt gestört.

Nachdem der Wirth zunächst seine Entschuldigungen vorgebracht, erzählte er mit ziemlicher Kürze und Klarheit die dringende Angelegenheit, die ihn nach dem Pfarrhause geführt. Vor einigen Stunden hätten ein paar Feldarbeiter einen jungen Mann nach seinem Wirthshause gebracht, der in einem Zustande augenscheinlicher Geisteszerrüttung auf einem der Felder ihres Herrn umhergewandert war. Er, der Wirth, habe dem armen Geschöpfe Obdach gewährt und inzwischen nach ärztlichen Beistande ausgesandt; der Arzt aber habe, sobald er ihn gesehen, erklärt, daß er an einer Gehirnentzündung leide und daß seine Fortschaffung nach der nächsten Stadt, wo es ein Hospital oder Arbeitshaus zu seiner Aufnahme gebe, nicht räthlich erscheine. Nachdem er diesen Ausspruch vernommen und sich überzeugt habe, daß das einzige Gepäck des Fremden in einer Handtasche bestehe, die neben ihm auf dem Felde gefunden worden, habe er sich sofort aus den Weg gemacht, um den Pfarrer um seinen Rath zu ersuchen und ihn zu fragen, welches Verfahren er zunächst in dieser ernstlichen Verlegenheit einschlagen solle.

Mr. Brock war nicht nur der Geistliche, sondern auch zugleich der Magistratsherr des Bezirks, und das zunächst einzuschlagende Verfahren schien ihm klar genug. Er setzte seinen Hut auf und kehrte mit dem Wirthe nach dessen Hause zurück. An der Thür des Wirthshauses trafen sie Allan, der die Nachricht aus anderem Wege erfahren hatte und jetzt Mr. Brocks Ankunft abwartete, um dem Magistratsherrn zu folgen und sich den Fremden anzusehen. In demselben Augenblicke gesellte sich auch der Dorfarzt zu ihnen und die Vier gingen zusammen hinein.

Bei ihrem Eintreten erblickten sie den Sohn des Wirths an der einen, und den Stallknecht an der andern Seite des Mannes, den sie in seinem Sessel festzuhalten bemüht waren. Obgleich jung, schmächtig und unter mittlerer Größe, war er doch in diesem Augenblick stark genug, um den Beiden einige Mühe zu machen, ihn zu halten. Seine gelbliche Gesichtsfarbe, seine großen glänzenden braunen Augen und sein schwarzer Schnurr- und Backenbart gaben ihm ein fremdländisches Aussehen. Seine Kleidung war ein wenig abgetragen, aber seine Wäsche sauber. Seine bräunlichen Hände waren dünn und nervig und trugen an verschiedenen Stellen die gelblichen Narben alter Verletzungen. Die Zehen seines rechten Fußes, von dem er den Schuh abgeschleudert, klammerten sich um das Querholz des Stuhles, und zwar mit einer Kraft, wie man sie nur bei Leuten wahrnimmt, welche barfuß zu gehen gewohnt gewesen. Bei der Wuth, die sich seiner jetzt bemächtigt hatte, war es unmöglich, mehr als dies an ihm zu beobachten. Nach einer leise geführten Berathung mit Mr. Brock ließ der Arzt unter seiner persönlichen Aufsicht den Kranken nach einem ruhigen Schlafzimmer auf der Hinterseite des Hauses bringen. Bald darauf wurden seine Kleider und seine Handtasche hinunter gesandt und in Gegenwart des Magistratsherrn untersucht, um dadurch wo möglich einigen Aufschluß über seine Person und Verhältnisse zu erlangen und seine Angehörigen benachrichtigen zu können.

In der Handtasche befand sich nichts als ein einziger Anzug und zwei Bücher, Sophocles’ Tragödien in griechischen und Goethe’s Faust in deutscher Sprache. Beide Bücher waren durch häufiges Lesen stark mitgenommen, und auf dem ersten weißen Blatte derselben standen die Anfangsbuchstaben O. M. geschrieben. Dies war alles, was die Handtasche verrieth.

Sodann durchsuchte man die Kleider, die der Mann getragen, als er auf dem Felde gesunden worden war. Eine Börse, die einen Sovereign und ein paar Schillinge enthielt, eine Pfeife, ein Tabaksbeutel, ein Taschentuch und ein kleiner Trinkbecher von Horn wurden der Reihe nach zum Vorschein gebracht. Der letzte Gegenstand aber fand sich nachlässig zusammengedrückt in der Brusttasche des Rockes; es war ein geschriebenes Zeugnis datiert und unterzeichnet, doch fehlte die Adresse des Ausstellers. Die Geschichte des Fremden war, soweit dieses Document dieselbe erzählte, in der That eine traurige. Er war, wie es schien, eine kurze Zeit als Unterlehrer an einer Schule angestellt gewesen; da sich aber Spuren einer Krankheit bei ihm gezeigt hatten, von der man befürchtet, daß sie ansteckend sein und somit der Schule Schaden bringen könne, war er in die Welt hinausgestoßen worden. Es wurde ihm in seiner Amtsverwaltung nicht das geringste Mißverhalten zur Last gelegt; im Gegentheil, der Inhaber der Schule bezeugte dem Unterlehrer mit Vergnügen seine Fähigkeit und seine gute Aufführung und drückte seine aufrichtige Hoffnung aus, daß er mit Hilfe der Vorsehung bald in einem andern Hause seine Gesundheit wiederfinden möge.

Das geschriebene Zeugniß, welches ihnen diesen flüchtigen Blick in die Geschichte des Mannes gestattete, leistete zugleich noch einen andern Dienst. Aus diesem Zeugniß nämlich, in Verbindung mit den Anfangsbuchstaben in den Büchern, ersahen der Magistratsherr und der Gastwirth wenigstens so viel, daß der Mann den eigenthümlich häßlichen Namen Ozias Midwinter führe.

Mr. Brock legte das Zeugniß bei Seite; er vermuthete, daß der Schulinhaber absichtlich seine Adresse hinzuzufügen unterlassen, um im Falle des Todes seines Unterlehrers aller Verantwortlichkeit zu entgehen. Jedenfalls war es unter den obwaltenden Umständen offenbar nutzlos, die Angehörigen des unglücklichen Kranken ermitteln zu wollen, falls er deren überhaupt besaß. Er war einmal nach dem Wirthshause gebracht worden, und die Menschlichkeit forderte, daß er vor der Hand dort gelassen werde. Die Kosten konnten, falls das Schlimmste zum Schlimmen kam, vielleicht durch mitdthätige Beiträge der Nachbarn oder durch eine Kirchencollecte nach der Predigt aufgebracht werden. Indem er dem Gastwirthe die Versicherung gab, daß er diesen Theil der Frage in Erwägung ziehen und ihn dann von dem Erfolge unterrichten wolle, verließ Mr. Brock das Wirthshaus, ohne sich in dem Augenblicke daran zu erinnern, daß er seinen Zögling dort zurückgelassen.

Noch ehe er fünfzig Schritte vom Hause entfernt war, holte Allan ihn ein. Dieser war während der ganzen Untersuchung im Wirthshause ungewöhnlich ernst und schweigsam gewesen, doch hatte er jetzt seine ganze natürliche Lebhaftigkeit wiedergefunden. Ein Fremder würde ihn vielleicht eines Mangels an Mitgefühl beschuldigt haben.

»Dies ist eine traurige Geschichte«, begann der Pfarrer. »Ich weiß wirklich nicht, was ich eigentlich für jenen unglücklichen Menschen thun soll«

»Sie dürfen sich darüber vollkommen beruhigen, Sir«, entgegnete der junge Armadale in seiner unbekümmerten Weise. »Ich habe vor einer Minute alles mit dem Wirthe abgemacht.«

»Du!« rief Mr. Brock im höchsten Erstaunen.

»Ich habe ihm bloß einige einfache Instructionen gegeben«, fuhr Allan fort. »Unser Freund, der Unterlehrer, soll mit allem versehen werden, dessen er bedarf, und dazu wie ein Prinz behandelt werden; und wenn der Arzt und der Wirth ihr Geld verlangen, so sollen sie zu mir kommen«

»Mein lieber Allan!« sagte Mr. Brock in sanft vorstellendem Tone. »Wann wirst Du nur lernen zu überlegen, ehe Du Deinen großmüthigen Eingebungen folgst? Du giebst bereits für Deinen Schiffbau mehr Geld aus, als Dir ——«

»Ja, denken Sie nur! Wir haben vorgestern die ersten Planken des Verdecks gelegt«, sagte Allan, in seiner gewohnten leichtfüßigen Manier zu dem neue Gegenstande übergehend. »Es sind gerade genug Planken gelegt, daß man darauf gehen kann, wenn man nicht zum Schwindel geneigt ist. Ich will Ihnen die Leiter hinauf helfen, Mr. Brock, wenn Sie nur mitkommen und es versuchen wollen.«

»Höre mich an«, versetzte der Pfarrer. »Ich rede jetzt nicht von der Jacht. Das heißt, ich erwähne der Jacht bloß als einer Illustration ——«

»Und zwar eine sehr hübsche Illustration«,« bemerkte der unverbesserliche Allan. »Wenn Sie mir in ganz England ein hübscheres kleines Fahrzeug von ihrer Größe finden können, so will ich morgen den Schiffbau für immer aufgeben. Aber, wo waren wir in unserer Unterhaltung, Sir? Ich fürchte fast, wir haben den Faden verloren.«

»Ich fürchte fast, daß einer von uns beiden die Gewohnheit hat, jedes mal den Faden zu verlieren, sobald er die Lippen öffnet«, entgegnete Mr. Brock. »Komm, komm, Allan, dies ist eine ernste Sache. Du hast Dich für Kosten verantwortlich gemacht, die Du vielleicht nicht zu bestreiten im Stande sein magst. Ich bin weit entfernt, das laß Dir gesagt sein, Dich wegen Deines freundlichen Mitgefühls für diesen armen freundlosen Menschen zu tadeln ——«

»Machen Sie sich keine Gedanken um ihn, Sir; er wird schon durchkommen —— in einer Woche oder zweien wird er schon wieder auf den Beinen sein. Ein vortrefflicher Bursche, das bezweifle ich keinen Augenblick. Gesetzt, Sie lüden ihn zu Tische ein, Mr. Brock, sobald er wieder genesen ist? Ich möchte wohl, wenn wir alle Drei gemüthlich und freundschaftlich beim Weine sitzen, wissen Sie, aus ihm herausbekommen, wie er zu seinem unerhörten Namen kam. Ozias Midwinter! Beim Himmel, sein Vater sollte sich schämen!«

»Willst Du mir eine Frage beantworten, ehe ich hineingehe?« sagte der Pfarrer, verzweiflungsvoll vor seinem Gartenpförtchen stillstehend »Die Rechnung dieses Mannes für Logis und ärztliche Behandlung mag sich, ehe er wieder gesund ist —— falls er überhaupt wieder genesen sollte —— auf zwanzig bis dreißig Pfund Sterling belaufen. Wie willst Du dies bezahlen?«

»Wie sagt doch gleich der Großkanzler der Schatzkammer, wenn er mit seinen Rechnungen in eine Klemme gerathen ist, aus der er keinen Ausweg sieht?« frug Allan. »Er unterrichtet seinen ehrenwerthen Freund stets, daß er völlig bereit ist, einen —— wie heißt es gleich ——«

»Einen Rand?« ergänzte Mr. Brock.

»Ganz recht! Ich habe große Aehnlichkeit mit dem Großkanzler der Schatzkammer. Ich bin voll kommen bereit, »einen Rand zu lassen.« Die Jacht, Gott segne sie, verschlingt nicht alles. Falls ich um ein paar Pfund zu kurz komme, so machen Sie sich keine Sorgen, Sir! Ich bin nicht stolz; ich will das Fehlende mit dem Hute in der Hand in der Nachbarschaft sammeln. Der Henker hole die Pfunde, Schillinge und Pence! Ich wollte, sie könnten sich alle drei, gleich den Beduinenbrüdern in der Schaubude, gegenseitig aufessen! Erinnern Sie sich nicht der Beduinenbrüder, Mr. Brock? »Ali wird eine brennende Fackel nehmen und in den Hals seines Bruders Muli hinunterspringen, Muli wird eine brennende Fackel nehmen und in den Hals seines Bruders Hassan hinunterspringen, Hassan aber wird die dritte brennende Fackel nehmen und zum Schlusse der Vorstellung in seinen eignen Hals hinunterspringen und die Zuschauer in totaler finsterenis; zurücklassen!« Vortrefflich das —— das nenne ich echten Witz! Warten Sie einen Augenblick! Wo waren wir gleich? Wir haben abermals den Faden verloren. O, ich erinnere mich —— Geld! Eine Sache«, schloß Allan, der gar nicht daran dachte, daß er einem Geistlichen socialistische Lehren predigte, »eine Sache, die ich mir nicht in meinen dicken Kopf hineinzutrommeln vermag, ist das Aufheben, das stets gemacht wird, wenn Jemand Geld weggiebt. Warum können nicht die Leute, die Geld übrig haben, dasselbe denjenigen geben, die keines übrig haben, und es dadurch in der ganzen Welt hübsch und gemüthlich machen? Sie empfehlen mir stets, Ideen zu kultivieren, Mr. Brock. Da haben Sie eine Idee, und beim Himmel, es scheint mir keine schlechte zu sein«

Mr. Brock stieß seinen Zögling gutmüthig mit seinem Stocke in die Rippen. »Geh zu Deiner Jacht zurück«, sagte er. »Das ganze Bißchen Klugheit, das Du in Deinem leichtsinnigen Kopfe besitzest, ist in Deinem Geschirrkasten an Bord geblieben. —— Wie dies enden soll«, sprach der Pfarrer bei sich, sobald er allein war, »ist mir unbegreiflich. Ich wollte fast, ich hätte nie die Verantwortlichkeit für ihn auf mich genommen.«

Es vergingen drei Wochen, ehe der Fremde mit dem häßlichen Namen sich auf dem Wege der Genesung befand. Während dieses Zeitraumes hatte Allan sich regelmäßig in dem Wirthshause nach seinem Befinden erkundigt, und sobald es dem Kranken gestattet war, Besuche anzunehmen, war Allan der Erste, der an seinem Bette erschien. Bis dahin hatte Mr. Brock’s Zögling ein nicht mehr als natürliches Interesse an einem der wenigen romantischen Ereignisse seines einförmigen Landlebens gezeigt; er hatte keine Unvorsichtigkeit begangen und sich keinerlei Tadel zugezogen. Doch wie die Tage vergingen, wurden die Besuche des jungen Armadale in dem Wirthshause immer länger, und der Arzt, ein vorsichtiger ältlicher Mann, gab dem Pfarrer heimlich einen Wink, daß er sich ins Mittel lege. Mr. Brock folgte diesem Winke augenblicklich und machte die Entdeckung, daß Allan auf seine gewohnte unbekümmerte Weise seinen Eingebungen gefolgt war. Er hatte eine heftige Zuneigung zu dem von der Welt verlassenen Unterlehrer gefaßt und Ozias Midwinter den Vorschlag gemacht, sich unter dem neuen und interessanten Titel seines Busenfreundes für immer in der Nachbarschaft niederzulassen.

Ehe Mr. Brock in dieser Verlegenheit zu einem Entschlusse kommen konnte, erhielt er ein Billet von Allan’s Mutter, in welchem diese ihn bat, von seinem Privilegium als alter Freund Gebrauch zu machen und sie auf ihrem Krankenzimmer zu besuchen. Er fand Mrs. Armadale in einer heftigen nervösen Gemüthsbewegung, die ihr einzig und allein eine kürzlich gehabte Unterredung mit ihrem Sohne verursacht hatte. Allan hatte den ganzen Morgen bei ihr gesessen und von nichts Anderem als seinem neuen Freunde gesprochen. Der Mann mit dem entsetzlichen Namen, wie die arme Mrs. Armadale ihn nannte, hatte Allan auf eine merkwürdig neugierige Weise über ihn selbst und seine Familie ausgefragt, seine eigne Geschichte dagegen vollkommen in Dunkel gehüllt. In seinen früheren Lebensjahren war er ans Meer und ans Umher segeln gewöhnt gewesen. Dies hatte Allan unglücklicherweise entdeckt, und somit hatte sich alsbald ein Anknüpfungspunkt zu seiner Freundschaft gefunden. Mit einem unbarmherzigen Argwohne gegen den Fremden, der Mr. Brock als ziemlich unverständig erschien, flehte Mrs. Armadale den Pfarrer an, ohne einen Augenblick zu verlieren nach dem Wirthshause zu gehen und nicht eher zu ruhen, als bis er den Mann zu einer befriedigenden Auskunft über sich gebracht habe. »Lassen Sie sich alles über seine Eltern mittheilen!« rief sie in ihrer ungestümen Frauenweise »Vergewissern Sie sich, ehe Sie ihn verlassen, daß er kein Vagabond ist, der unter einem angenommenen Namen im Lande umherstreicht.«

»Meine liebe Lady«, erwiderte der Pfarrer, indem er gehorsam seinen Hut aufnahm, »wie sehr wir auch sonst in Ungewißheit über ihn sein mögen, so glaube ich doch wirklich, daß wir uns über den Namen des Mannes keine Zweifel zu machen brauchen. Denn derselbe ist in der That so außerordentlich häßlich, daß er echt sein muß. Kein Mensch würde bei gesundem Verstande einen solchen Namen wie Ozias Midwinter annehmen.«

»Sie haben vielleicht Recht und ich Unrecht; aber ich bitte Sie, gehen Sie zu ihm und schonen Sie ihn nicht, Mr. Brock! Wie können wir wissen, ob er sich nicht zu irgendeinem Zwecke bloß krank gestellt hat?«

Es war unnütz, ihr Vorstellungen zu machen. Der ganze Sanitätsrath hätte die Krankheit des Mannes bezeugen können und doch würde Mrs. Armadale in ihrem gegenwärtigen Gemüthszustande keinem einzigen seiner Mitglieder Glauben geschenkt haben. Mr. Brock schlug daher den verständigsten Weg ein, indem er nichts erwiderte, sondern sofort nach dem Wirthshause ging. Jedermann, der Ozias Midwinter zum ersten Mal sah, wie er sich jetzt von seiner Gehirnentzündung erholte, mußte bei seinem Anblicke zurückschrecken. Sein rasierter Kopf, um den er nachlässig ein altes gelbseidenes Taschentuch geschlungen, seine gelben, eingesunkenen Wangen; seine glänzenden, braunen Augen, die unnatürlich groß und wild erschienen; sein unordentlicher schwarzer Bart; seine langen, sehnigen, gelenkigen Finger, die durch die Krankheit so abgemagert waren, daß sie wie Krallen aussahen —— alles dies zusammen war geeignet, den Pfarrer gleich zu Anfang seines Besuches außer Fassung zu bringen. Als er das erste Gefühl des Erstaunens überwunden hatte, war der zunächst folgende Eindruck kein angenehmer. Mr. Brock konnte sich nicht verhehlen, daß das Wesen dieses Mannes gegen ihn spreche. Man pflegt allgemein anzunehmen, ein ehrlicher Mann gebe sich als solcher dadurch zu erkennen, daß er, wenn er mit seinen Mitmenschen redet, ihnen gerade ins Gesicht blickt. Wenn dieser Mann wirklich ehrlich war, so zeigten seine Augen allerdings einen merkwürdigen Eigensinn, indem sie sich beständig abwandten und ihm dadurch jene Eigenschaft absprachen. Es mochte sein, daß dieselben unter einer nervösen Unruhe litten, die in seiner Organisation lag und sich bis in jede Fiber seines hageren, geschmeidigen Körpers erstreckte. Jede zufällige Bewegung der gelenkigen braunen Finger des Schullehrers und jede flüchtige Verzerrung seines abgezehrten gelben Gesichts verursachte dem Pfarrer in seiner gesunden angelsächsischen Haut einen Schauder. »Gott verzeih mir!« dachte Mr. Brock, im Geiste mit Allan und Allan’s Mutter beschäftigt, »ich wollte, ich sähe ein Mittel, um Mr. Ozias Midwinter wieder in die Welt hinaus zusenden!«

Die Unterhaltung, die zwischen den beiden Männern stattfand, ward mit großer Behutsamkeit geführt. Mr. Brock ging sehr zartfühlend zu Werke, doch sah er sich, er mochte es anfangen wie er wollte, immer auf die höflichste Weise im Dunkeln gelassen. Der Mann wich von Anfang an mit einer wilden Scheu jeder Berührung des Geistlichen aus. Er machte den Anfang mit einer Angabe, der man bei seinem Anblicke unmöglich Glauben schenken konnte —— er behauptete, er sei erst zwanzig Jahre alt. Alles, was in Bezug auf die Schule aus ihm herauszubringen war, beschränkte sich daraus, daß die bloße Erinnerung an dieselbe ihm ein Gräuel sei. Er habe die Stelle eines Unterlehrers nur zehn Tage innegehabt, als die ersten Anzeichen seiner Krankheit ihm seine Entlassung zuzogen. In welcher Weise er in das Feld gelangt sei, wo man ihn gefunden, vermöge er nicht zu sagen. Er erinnere sich, daß er in einer gewissen Absicht, auf die er sich jetzt nicht mehr besinnen könne, eine lange Reise auf der Eisenbahn zurückgelegt habe, und dann —— er wisse nicht, ob den ganzen Tag oder die ganze Nacht der Küste zugewandert sei. Das Meer habe ihm im Sinne gelegen, als sein Verstand zu wanken angefangen. Schon als Knabe sei er auf dem Meere beschäftigt gewesen, habe aber später eine Stelle bei einem Buchhändler in einer Provinzialstadt angenommen. Nachdem er den Buchhändler wieder verlassen, habe er es in einer Schule versucht, und jetzt, da die Schule ihn verstoßen, müsse er etwas Anderes versuchen. Es sei einerlei, sagte er, was er versuche —— es müsse stets früher oder später ein unglückliches Ende nehmen, wofür indessen Niemand zu tadeln sei als er selbst. Freunde, die ihm zu Hilfe kommen könnten, besitze er nicht, und er bitte, ihn zu entschuldigen, wenn er von seinen Verwandten nicht sprechen möge. Er wisse so wenig von ihnen, daß sie immerhin gestorben sein möchten, und ebenso sei er für sie todt. Es lasse sich nicht leugnen, daß dies für einen Menschen in seinem Alter ein trauriges Bekenntniß sei. Dasselbe könne ihm in der Meinung Anderer schaden —— und nehme ohne Zweifel den Herrn, mit dem er sich in diesem Augenblicke zu unterhalten die Ehre habe, gegen ihn ein.

Diese seltsamen Antworten gab er in einem Tone und in einer Manier, die ebenso weit von aller Bitterkeit als von Gleichgültigkeit entfernt waren. Ozias Midwinter sprach in seinem zwanzigsten Jahre von seinem Leben, wie er etwa im siebzigsten hätte sprechen dürfen.

Zwei Umstände sprachen entschieden gegen das blinde Mißtrauen, das Mr. Brock in seiner Unschlüssigkeit gegen ihn hegte. Er hatte nämlich an eine Sparkasse in einem entlegenen Theile von England um sein Geld geschrieben und sodann mit demselben den Arzt und den Gastwirth bezahlt. Ein Mann von niedriger Sinnesart würde, nachdem er in dieser Weise gehandelt und seine Rechnungen bezahlt, seine Verpflichtungen gegen Andere leicht genommen haben. Ozias Midwinter aber sprach von seinen Verpflichtungen —— und namentlich von seinen Verpflichtungen gegen Allan —— mit einer Gluth der Dankbarkeit, die nicht allein überraschend, sondern förmlich peinlich anzuhören war. Er war förmlich erstaunt darüber, daß er in einem christlichen Lande mit der gewöhnlichsten christlichen Barmherzigkeit behandelt worden war, und sprach von der Art und Weise, in der Allan alle Verantwortlichkeit für die Kosten seines Obdachs, seiner Pflege und Wiederherstellung auf sich genommen, mit einem wilden Entzücken von Dankbarkeit und Erstaunen, das wie ein wahrer Blitz aus ihm hervorleuchtete »Gott sei mir gnädig!« rief der von der Welt verstoßene Unterlehrer, »seinesgleichen ist mir niemals vorgekommen; ich habe nie von seinesgleichen gehört!« Im nächsten Augenblicke aber war dieser eine Lichtstrahl, den er auf seine leidenschaftliche Natur hatte fallen lassen, wieder völlig erloschen. Seine unstäten Augen kehrten zu ihrem alten widerwärtigen Spiele zurück und wandten sich unruhig wieder von Mr. Brock ab; auch seine Stimme versank wieder in ihre unnatürliche Sicherheit und Ruhe des Tones. »Ich bitte Sie um Vergebung, Sir«, sagte er, »ich bin gewohnt gewesen, gehetzt und betrogen und ausgehungert zu werden. Alles Andere erscheint mir seltsam.« Halb angezogen, halb abgestoßen von dem Manne, bot Mr. Brock ihm zum Abschied die Hand; allein von einem plötzlichen Zweifel überfallen, zog er sie verlegen wieder zurück »Das war freundlich gemeint«, sagte Ozias Midwinter, seine eigenen Hände schnell entschlossen hinterrücks verschränkend. »Ich beklage mich nicht darüber, daß Sie sich eines Besseren besannen. Ein Mann, der keine befriedigende Auskunft über sich zu geben im Stande ist, ist nicht der Mann, dem ein Herr in Ihrer Stellung die Hand bieten kann.«

Mr. Brock verließ in gründlicher Verwirrung das Wirthshaus. Ehe er zu Mrs. Armadale zurückkehrte, ließ er ihren Sohn zu sich kommen. Es war ja Aussicht vorhanden, daß der Fremde seine Zunge in der Unterhaltung mit Allan nicht so strenge bewacht hatte; und bei Allan’s Offenheit stand es nicht zu befürchten, daß er dem Pfarrer irgendetwas verhehlen werde, das sich zwischen ihm und dem Fremden zugetragen.

Doch auch hier erzielte Mr. Brock’s Diplomatie keine großen Resultate. Sowie die Rede einmal auf Ozias Midwinter gekommen war, schwatzte Allan in seiner gewohnten leichten, unbekümmerten Weise von seinem neuen Freunde in einem Zuge. Doch hatte er wirklich nichts von Wichtigkeit mitzutheilen, denn er selbst hatte nichts Wichtiges erfahren. Sie hatten sich stundenlang vom Schiffbau und vom Segeln unterhalten, und Allan hatte manche nützliche Winke aufgefangen; insbesondere hatten sie sich mit einander über das ernste Ereigniß des bevorstehenden Von-Stapel-laufens der Jacht berathen. Bei andern Gelegenheiten waren sie auf andere Gegenstände abgeschweift, deren Allan sich im Augenblicke nicht zu erinnern vermochte. Aber hatte Midwinter im Flusse dieser freundschaftlichen Unterhaltungen nichts über seine Familie fallen lassen? Nichts, außer daß dieselbe nicht gut gegen ihn gehandelt —— zum Henker mit seiner Familie! War er in Bezug auf seinen eigenthümlichen Namen irgendwie empfindlich? Nicht im geringsten; er war, als ein vernünftiger Bursche, seinem Freunde mit einem guten Beispiele vorangegangen, indem er selbst darüber lachte —— zum Henker mit seinem Namen; derselbe war gut genug, sobald man sich einmal an ihn gewöhnt! Was hatte Allan an ihm gefunden, um eine so große Zuneigung zu ihm zu fassen? Allan hatte das an ihm gefunden, was er an andern Leuten zu finden nicht gewohnt war. Er glich den übrigen jungen Leuten in der Nachbarschaft nicht im mindesten. Alle diese Bursche waren nach demselben Muster zugeschnitten. Jeder Einzelne von ihnen war so gesund, muskulös, geräuschvoll, hartköpfig, reingewaschen und roh wie der Andere; sie tranken alle, Einer wie der Andere, dieselbe Quantität Bier, rauchten den ganzen Tag dieselben kurzen Thonpfeifen, ritten die besten Pferde, nahmen den besten Hund auf die Hühnerjagd und stellten Abends die beste Flasche Wein auf ihren Tisch; jeder Einzelne von ihnen nahm jeden Morgen sein kaltes Bad und rühmte sich dessen an frostigen Wintertagen; jeder von ihnen sah einen herrlichen Scherz im Schuldenmachen und hielt das Wetten bei Pferderennen für eine der verdienstvollsten Handlungen, deren ein menschliches Wesen fähig ist. Sie waren ohne Zweifel auf ihre Weise vortreffliche Leute; aber leider einander alle völlig gleich. Es sei ein wahres Glück, meinte Allan, einen Mann wie Midwinter zu finden, einen Mann, der nicht nach dem einförmigen Muster dieser Gegend zugeschnitten sei und dessen Art und Weise den einen großen Vorzug besaß, seine ihm eigenthümliche zu sein.

Der Pfarrer verschob alle ferneren Vorstellungen bis zu einer passenderen Gelegenheit und kehrte zu Mrs. Armadale zurück. Er konnte sich nicht verhehlen, daß eigentlich Allan’s Mutter diejenige« Person sei, die für Allan’s unkluges Benehmen gegen den Fremden verantwortlich war. Denn hätte der junge Bursche etwas weniger von den kleinen Gutsherrschaften der Umgegend und dafür etwas mehr von der großen Außenwelt in der Heimath und im Auslande gesehen, so würde das Vergnügen, das er in Ozias Midwinters Gesellschaft fand, vielleicht ein geringeres gewesen sein.

In dem Bewußtsein des unbefriedigenden Resultats seines Besuches im Wirthshause war Mr. Brock, als er sich abermals mit Mrs. Armadale allein befand, ein wenig besorgt über die Aufnahme, die sein Bericht finden würde. Seine Ahnungen bestätigten sich bald. Wie er die Sache immer zu beschönigen versuchte, Mrs. Armadale hielt sich an das eine verdächtige Factum, daß der Unterlehrer ein so entschlossenes Schweigen über sich selbst bewahrte —— ein Factum, das sie ihrer Ansicht nach zu den strengsten Maßregeln berechtigte, um ihren Sohn von ihm zu trennen. Für den Fall, daß der Pfarrer sich weigere, sich ferner in die Sache zu mischen, erklärte sie, selbst an Ozias Midwinter schreiben zu wollen. Mr. Brock’s Gegenvorstellungen reizten sie in dem Grade, daß sie ihn durch die Erwähnung jenes verbotenen Gegenstandes überraschte, indem sie ihn an die Unterhaltung erinnerte, die vor fünf Jahren zwischen ihnen stattgefunden hatte, als er jene Annonce in der Zeitung entdeckt gehabt. Sie erklärte mit großer Heftigkeit, daß, was immer dagegen zusprechen scheine, der in der Annonce aufgerufene Landstreicher Armadale vielleicht derselbe Landstreicher sei, der sich jetzt unter dem Namen Ozias Midwinter in der Dorfschenke aufhalte. Der Pfarrer wiederholte vergebens seine Ueberzeugung, daß dieser Name der aller unwahrscheinlichste sei, den ein Mensch, und zumal ein junger Mensch, annehmen würde. Nichts vermochte Mrs. Armadale zu beruhigen, als absolute Ergebung in ihren Willen. Da er die Folgen befürchtete, wenn er sich ihr bei ihrem gegenwärtigen schwachen Gesundheitszustande noch ferner widersetzte und außerdem eine ernstliche Veruneinigung zwischen Mutter und Sohn besorgte, falls Erstere sich persönlich in die Sache mischte, so unterzog Mr. Brock sich der Aufgabe, Midwinter nochmals auszusuchen und ihm ganz offen zu erklären, daß er entweder eine befriedigende Auskunft über sich geben oder seinen vertrauten Umgang mit Allan abbrechen müsse. Die einzigen Gegenbedingungen, die Mr. Brock dafür Mrs. Armadale auferlegte, waren erstens, daß sie geduldig warten solle, bis der Arzt erklärt haben werde, daß der Mann so weit wiederhergestellt sei, um seine Reise fortzusetzen, und zweitens, daß sie den Gegenstand inzwischen in keiner Weise gegen ihren Sohn erwähne.

Nach Verlauf einer Woche war Midwinter wohl genug, um sich von Allan in dem Ponywagen des Wirthshauses ausfahren lassen zu können; und nach zehn Tagen erklärte der Arzt gegen Mr. Brock, daß Midwinter’s Zustand ihm erlaube, weiter zu reisen. An jenem zehnten Tage begegnete Mr. Brock Allan mit seinem neuen Freunde in einer der landeinwärts führenden Allem, wo sie die letzten Strahlen der Wintersonne genossen. Er wartete, bis die Beiden von einander geschieden waren, und folgte dann dem Unterlehrer auf seinem Heimwege nach dem Wirthshause.

Des Pfarrers Entschluß, gerade heraus und ohne Mitleid zu sprechen, war in Gefahr, wankend zu werden, als er dem freundlosen Manne näher kam und sah, wie schwach noch immer sein Gang war, wie lose sein Rock an ihm herabhing und wie schwer er sich auf seinen Stock stützte. In seinem humanen Widerstreben, die entscheidenden Worte zu früh zu sprechen, versuchte Mr. Brock zuerst ein kleines Kompliment über seine ausgedehnten Kenntnisse auf die sich aus den beiden Büchern, dem Bande von Sophocles und dem von Goethe, schließen lasse, welche man in seiner Handtasche gefunden, und frug ihn, wie lange er schon mit der deutschen und der griechischen Sprache vertraut sei. Midwinters feines Ohr entdeckte etwas ungewöhnliches in Mr. Brocks Stimme. Er wandte sich in dem sinkenden Abendlichte um und schaute dem Pfarrer plötzlich mißtrauisch ins Gesicht.

»Sie wünschen mir etwas zu sagen«, erwiderte er, »und es ist etwas Anderes als das, wovon Sie jetzt reden.«

Es blieb Mr. Brock nichts weiter übrig, als auf die Herausforderung einzugehen. Sehr zartfühlend und mit vielen einleitenden Worten, die der Andere mit ununterbrochenem Schweigen anhörte, näherte Mr. Brock sich dem Gegenstande. Doch lange, ehe er denselben erreicht, lange bevor ein Mann von gewöhnlichem Ernpfindungsvermögen etwas von dem Kommenden geahnt haben würde, stand Ozias Midwinter in der Allee still und sagte dem Pfarrer, er brauche nicht weiterzureden.

»Ich verstehe Sie, Sir«, sagte der Schullehrer. Mrs. Armadale hat eine bestimmte Stellung in der Welt; Mr. Armadale hat nichts zu verheimlichen, nichts, dessen er sich zu schämen braucht. Ich stimme mit Ihnen überein, daß ich kein passender Gefährte für ihn bin. Die beste Art und Weise, in der ich ihm für seine Güte gegen mich danken kann, besteht darin, daß ich dieselbe nicht mißbrauche. Sie dürfen sich darauf verlassen, daß ich diesen Ort morgen früh verlassen werde.«

Er sprach kein Wort weiter und wollte kein Wort weiter hören. Mit einer Selbstbeherrschung, die bei seinem Alter und seinem Temperament ans Wunderbare grenzte, nahm er höflich den Hut ab, verbeugte sich und kehrte allein nachdem Wirthshause zurück.

Mr. Brock schlief diese Nacht nur schlecht. Der Erfolg der Unterredung in der Allee hatte das Problem über Ozias Midwinter unlösbarer als je gemacht.

Früh am nächsten Morgen ward dem Pfarrer ein Brief aus dem Wirthshause gebracht und der Bote meldete, daß der fremde Herr abgereist sei. Der Brief enthielt eine unversiegelte Einlage an Allan und ersuchte Allan’s Erzieher, dieselbe, nachdem er selbst sie gelesen, nach seinem eignen Gutdünken entweder an den Adressaten abzugeben oder zu vernichten. Die Einlage war von einer überraschenden Kürze; sie ent hielt nicht mehr als ein Dutzend Worte: »Tadeln Sie Mr. Brock nicht; Mr. Brock hat Recht. Ich danke Ihnen; leben Sie wohl! —— O. M.«

Der Pfarrer beförderte das Billet selbstverständlich an seine Bestimmung und schrieb zugleich ein paar Zeilen an Mrs. Armadale, um sie durch die Nachricht von der Abreise des Schullehrers zu beruhigen. Dann wartete er, nicht eben in besonderer Gemüthsruhe, den Besuch seines Zöglings ab, den dieser ihm nach dem Empfange des Billets höchst wahrscheinlich machen würde. Dem Benehmen Midwinter’s mochte vielleicht ein tieferes Motiv zu Grunde liegen —— vielleicht auch nicht; doch war es unmöglich zu leugnen, daß sein bisheriges Verhalten der Art gewesen sei, um den Argwohn des Pfarrers als unbegründet erscheinen zu lassen und Allan’s gute Meinung von ihm zu rechtfertigen.

Der Morgen verstrich und der junge Armadale ließ sich nicht sehen. Nachdem Mr. Brock ihn vergebens in dem Hofe gesucht, wo der Bau der Jacht vor sich ging, begab er sich nach Mrs. Armadale’s Hause und erfuhr dort von dem Stubenmädchen Dinge, die seine Schritte sofort nach dem Wirthshause lenken. Der Wirth bekannte augenblicklich die Wahrheit; der junge Mr. Armadale sei mit einem offenen Briefe in der Hand zu ihm gekommen und habe darauf bestanden, daß man ihn von dem Wege unterrichte, den sein Freund eingeschlagen. Der junge Herr sei sehr aufgebracht gewesen, und das Stubenmädchen, welches die Gäste bediente, habe einfältiger weise noch eines Umstandes erwähnt, welcher Oel in die Flamme gegossen. Sie habe nämlich erklärt, daß sie gehört, wie Mr. Midwinter nach seiner Heimkehr sich in sein Zimmer eingeschlossen habe und in ein heftiges Weinen ausgebrochen sei. Dieser unbedeutende Umstand habe dem jungen Mr. Armadale die Gluth ins Gesicht getrieben; er habe getobt und geflucht, sei nach dem Stalle gestürzt, habe den Stallknecht gezwungen, ihm ein Pferd zu satteln, und sei im vollen Galopp auf dem Wege davon geritten, den Ozias Midwinter eingeschlagen hatte.

Nachdem Mr. Brock dem Wirth ans Herz gelegt, Allan’s Benehmen geheim zu halten, falls von Mrs. Armadales Dienerschaft Jemand nach dem Wirthshause käme, begab er sich wieder nach Hause und erwartete voll ängstlicher Besorgniß, was der Tag mit sich bringen werde.

Zu seiner unaussprechlichen Erleichterung erschien sein Zögling spät am Nachmittage auf der Pfarrei. Allan verrieth in seinem Gesicht und seiner Stimme eine trotzige Entschlossenheit, die sein alter Freund bisher nie an ihm bemerkt hatte. Ohne Mr. Brocks Frage abzuwarten, erzählte er seine Geschichte in seiner gewohnten offenen Weise. Er hatte Midwinter auf der Landstraße eingeholt und, nachdem er vergebens versucht, zuerst ihn zum Umkehren zu bewegen, und dann, zu erfahren, wohin er gehe, hatte er gedroht, ihn den ganzen Tag begleiten zu wollen, und ihm dadurch das Bekenntniß abgezwungen, daß er sein Glück zunächst in London zu versuchen beabsichtige. Nachdem er einmal soviel erreicht, hatte Allan darauf bestanden, daß sein Freund ihm seine Londoner Adresse mittheile. Dieser hatte ihn angefleht, nicht weiter in ihn zu dringen; allein Allan hatte sich dessen ungeachtet nicht abweisen lassen und endlich seinem Freunde die Adresse dadurch abgetrotzt; daß er an dessen Dankbarkeit appelliert hatte, wofür er ihn später um Verzeihung gebeten, da er sich seines Benehmens sogleich geschämt »Ich habe den armen Burschen lieb und will ihn daher nicht aufgeben«, sagte Allan zum Schlusse, indem er mit geballter Faust auf den Tisch des Pfarrers schlug. »Fürchten Sie nicht, daß ich meiner Mutter Verdruß machen werde; ich überlasse es Ihnen, Mr. Brock, mit ihr darüber zu reden, wann und wie Sie wollen, für jetzt will ich nur noch Eins hinzufügen und der Sache damit ein Ende machen: Die Adresse befindet sich hier in mein Taschenbuch eingetragen, und hier stehe ich, für diesmal fest in einem Entschlusse. Ich will Ihnen und meiner Mutter Zeit geben, sich die Sache zu überlegen; nach Ablauf dieser Frist aber will ich, falls mein Freund Midwinter nicht zu mir kommt, zu meinem Freunde Midwinter gehen!«

Und dabei blieb es für den Augenblick. Dies also war die Folge davon, daß man den unglücklichen Unterlehrer abermals in die Welt hinausgestoßen hatte.



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel.

Mr. Brock machte nun in seiner Erinnerung mit schwerem Herzen bei dem nächsten Ereignisse Halt, das für ihn das traurigste- und denkwürdigste in der ganzen Reihe war —— Mrs. Armadales Tod, der im Jahre 1851 erfolgte.

Die nächste Veranlassung zu diesem Unglück glaubte der Pfarrer in folgendem Vorfalle suchen zu müssen, der noch aus dem December des Jahres 1850 datierte und welcher sich von der Zeit an auf das schmerzlichste dem Gedächtnisse des Pfarrers eingeprägt hatte.

Drei Tage nach Midwinter’s Abreise im December ward Mr. Brock im Dorfe von einer ihm völlig fremden, wohl gekleideten Frau angeredet; sie trug ein Kleid und einen Hut von schwarzer Seide und einen gewirkten Shawl. Ohne den dichten Schleier aufzuheben, der über ihr Gesicht herabfiel, frug sie Mr. Brock nach dem Wege zu Mrs. Armadale’s Wohnung. Während er sie berichtete, machte er die Bemerkung, daß sie eine außerordentlich elegante und anmuthige Frau sei, und wie sie sich verbeugte und ihn verließ, schaute er ihr verwundert nach und erging sich in Muthmaßungen darüber, wer wohl diese Besucherin Mrs. Armadale’s sein möge.

Eine Viertelstunde später ging diese Dame, noch immer dicht verschleiert, ganz nahe beim Wirthshause abermals an Mr. Brock vorbei. Sie trat ein und sprach mit der Wirthin. Da Mr. Brock bald darauf den Wirth nach den Ställen eilen sah, frug er ihn, ob die Dame wieder abreise. Ja; sie sei mit dem Omnibus von der Eisenbahnstation gekommen, wolle aber eine anständigere Gelegenheit zur Rückreise benützen und habe daher vom Wirthe einen Wagen gemiethet.

Der Pfarrer setzte seinen Spaziergang fort und war einigermaßen überrascht, daß seine Gedanken sich so neugierig mit einer Frau beschäftigten, die ihm doch völlig fremd war. Als er wieder nach Hause zurück kehrte, fand er dort den Dorfarzt vor, welcher mit einer dringenden Botschaft von Allan’s Mutter auf ihn wartete. Dieser berichtete, vor etwa einer Stunde sei er eiligst zu Mrs. Armadale beschieden worden und habe diese Dame an einem beunruhigenden Nervenanfalle leidend vorgefunden, welcher nach der Vermuthung der Dienerschaft durch einen unerwarteten und vielleicht unwillkommenen Besuch am Vormittage veranlaßt worden sei. Er habe alle nothwendigen Mittel angewandt und befürchte keinerlei gefährliche Folgen. Da seine Patientin, sowie sie sich erholt, den dringenden Wunsch ausgesprochen habe, unverzüglich Mr. Brock zu sehen, so habe er es für angemessen erachtet, diesem Verlangen zu willfahren, und es deshalb übernommen, zu diesem Zwecke auf der Pfarrei vorzusprechen.

Mr. Brock, der ein weit tieferes Interesse für Mrs. Armadale fühlte als der Arzt, las sofort bei seinem Eintreten in ihrem Gesichte deutlich genug, daß ihr Zustand ein solcher sei, um seine augenblickliche ernstliche Besorgniß zu rechtfertigen. Sie gestattete ihm keine Zeit, sie zu besänftigen, noch beachtete sie eine seiner Fragen. Alles was sie verlangte und bei ihm durchzusetzen entschlossen war, war die Beantwortung gewisser Fragen, die sie an ihn richtete: Ob Mr. Brock die Frau gesehen, die sich heute Morgen herausgekommen, sie zu besuchen? Ja! Hatte Allan sie gesehen? Nein; Allan sei seit dem Frühstück bei der Arbeit im Bauhofe gewesen und befinde sich noch immer dort. Diese letztere Antwort schien Mrs. Armadale für den Augenblick zu beruhigen; sie that ihre nächste Frage —— die merkwürdigste von allen dreien —— mit mehr Fassung. Ob der Pfarrer glaube, daß Allan etwas dagegen einzuwenden haben werde, sein Schiff für jetzt zu verlassen und seine Mutter auf einer Reise zu begleiten, um in einem andern Theile von England eine Wohnung zu suchen? Mr. Brock frug im äußersten Erstaunen, welchen Grund sie wohl haben könne, um ihren gegenwärtigen Aufenthalt zu verlassen? Der Grund, den Mrs. Armadale angab, vermehrte nur noch sein Erstaunen. Der Besuch jener Frau könne wiederholt werden, und ehe sie es riskiere, dieselbe noch einmal zu sehen, oder Allan sie sehen zu lassen, wolle sie lieber England verlassen und ihr Leben in einem fremden Lande beschließen. Indem Mr. Brock die Erfahrungen zu Rathe zog, die er in seiner Eigenschaft als Magistratsperson gesammelt, frug er, ob jene Frau gekommen sei, sie um Geld zu bitten. Ja; ungeachtet ihres anständigen Aeußern habe sie erklärt, sie befinde sich in Noth; sie habe um Geld gebeten und dasselbe erhalten; doch das Geld sei Nebensache; die Hauptsache sei, Von hier fortzuziehen, ehe die Frau ihren Besuch wiederholen könne. Immer mehr in Erstaunen gesetzt, wagte Mr. Brock noch eine Frage; ob es nämlich lange her sei, seit Mrs. Armadale und ihr Besuch einander nicht gesehen? Ja, seit Allan’s Geburt; es sei einundzwanzig Jahre her.

Nach dieser Antwort wechselte der Pfarrer seinen Standpunkt, indem er jetzt seine Erfahrungen als Freund zu Rathe zog.

»Steht diese Person etwa mit den schmerzlichen Erinnerungen Ihres Jugendlebens in Verbindung?«

»Ja, mit den schmerzlichen Erinnerungen an die Zeit, wo ich mich verheirathete«, war Mrs. Armadale’s Antwort. »Sie war, fast noch ein Kind, bei einem Vorgange betheiligt, an den ich bis zu meinem Ende nur mit Beschämung und Kummer zu denken vermag.«

Mr. Brock bemerkte den veränderten Ton, in dem seine alte Freundin sprach, und mit welchem Widerstreben sie diese Antwort gab.

»Können Sie mir mehr über sie mittheilen, ohne deshalb Ihrer selbst dabei zu erwähnen?« frug er.

»Ich bin überzeugt, daß ich Sie zu beschützen im Stande bin, wenn Sie mir nur ein wenig behilflich sein wollen. Ihr Name, zum Beispiel —— Sie können mir doch ihren Namen sagen?« Mrs. Armadale schüttelte den Kopf. »Der Name, unter dem sie mir bekannt war, würde Ihnen nichts nützen. Sie war seitdem verheirathet —— dies hat sie mir selbst gesagt.«

»Und ohne Ihnen ihren jetzigen Namen zu sagen?«

»Sie weigerte sich, mir denselben zu nennen.«

»Wissen Sie irgendetwas über ihre Angehörigen?«

»Nur von ihren Angehörigen, die sie als Kind hatte, ihrem Onkel und ihrer Tante Sie waren rohe Leute und ließen sie in der Schule auf dem Gute meines Vaters im Stiche. Wir haben nie wieder von ihnen gehört.«

»Blieb sie unter der Obhut Ihres Vaters?«

»Sie blieb unter meiner Obhut —— das heißt, sie reiste mit uns. Wir verließen eben zu jener Zeit England, um uns nach Madeira einzuschiffen Ich hatte die Erlaubniß meines Vaters, sie mit mir zu nehmen und die elende Person zu meiner Kammerjungfer auszubilden ——«

Bei diesen Worten ward Mrs. Armadale verlegen und hielt inne. Mr. Brock versuchte sanft, sie zum Weiterreden zu bewegen; aber vergebens. Sie erhob sich in heftiger Gemüthsbewegung und ging aufgeregt im Zimmer auf und ab.

»Fragen Sie mich nicht weiter!« rief sie mit lauter, zorniger Stimme aus. »Ich entließ sie, als sie ein Mädchen von zwölf Jahren war, und bis zu diesem Tage habe ich sie nie wieder gesehen, nie wieder von ihr gehört. Ich weiß nicht, auf welche Weise sie mich nach so vielen Jahren entdeckt hat; ich weiß bloß, daß sie mich entdeckt hat. Sie wird sich nun zunächst Allan zu nähern suchen; sie wird das Herz meines Knaben gegen mich einnehmen. Helfen Sie mir, mich ihr zu entziehen! Helfen Sie mir, Allan von hier fortzuführen, ehe sie zurückkehrt!«

Der Pfarrer that keine Fragen weiter, denn es würde grausam gewesen sein, noch ferner in sie zu dringen. Vor allem erschien ihm unerläßlich, daß er sie durch das Versprechen beruhigte, ihr in allem willfahren zu wollen; dann aber, daß er sie bewog, einen andern Arzt zu Rathe zu ziehen. In diesem letzteren Punkte erreichte Mr. Brock ganz harmlos seinen Zweck, indem er sie daran erinnerte, daß sie der Kräfte zum Reisen ermangele, und daß ihr bisheriger Arzt ihr um so schneller zur Genesung werde verhelfen können, wenn ihm der Rath eines andern bewährten Arztes zur Seite stehe. Nachdem er so ihr gewohntes Widerstreben gegen Fremde überwunden, ging der Pfarrer unverzüglich zu Allan, und indem er zartfühlend alles verschwieg was Mrs. Armadale während ihrer Unterredung mit ihm gesagt, unterrichtete er ihn so schonend als möglich, daß seine Mutter ernstlich krank sei. Allan wollte nichts davon hören, daß ein Bote nach dem Arzt abgeschickt werde, sondern fuhr auf der Stelle selbst nach der Eisenbahnstation und sandte eine telegraphische Depesche an einen Arzt in Bristol ab.

Derselbe langte am folgenden Morgen an, und Mr. Brock sah seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Der Dorfarzt hatte die Krankheit von Anfang an falsch aufgefaßt, und es war jetzt zu spät, um seine Irrthümer in der Behandlung wieder gut zu machen Die Erschwerung, der sie am Tage vorher ausgesetzt gewesen, hatte das Unheil vollständig gemacht. Mrs. Armadale’s Tage waren gezählt.

Der Sohn, der sie so innig liebte, der alte Freund, dem ihr Leben so kostbar war, gaben sich bis zuletzt vergeblichen Hoffnungen hin. Nach Verlauf eines Monats war alle Hoffnung zu Ende, und Allan vergoß die ersten bitteren Tränen an dem Grabe seiner Mutter.

Ihr Ende war ein friedlicheres gewesen, als Mr. Brock zu hoffen gewagt hatte. Sie hatte ihr ganzes kleines Vermögen ihrem Sohne hinterlassen und diesen der Obhut ihres einzigen Freundes aufs Erden empfohlen. Der Pfarrer hatte sie gebeten, ihn an ihre Brüder schreiben zu lassen, um diese zu einer Versöhnung mit ihr zu bewegen, ehe es zu spät sein werde; aber sie hatte ihm hierauf bloß traurig erwidert, es sei schon jetzt zu spät. Nur einmal ließ sie sich in ihrer letzten Krankheit eine Anspielung auf jene frühen Leiden entschlüpfen, die ihr ganzes späteres Leben getrübt und sich bereits dreimal, gleich Schatten des Unglücks, zwischen ihr und dem Pfarrer erhoben hatten. Selbst auf ihrem Sterbelager war sie davor zurückgeschaudert, ein klares Licht auf die Geschichte der Vergangenheit fallen zu lassen. Mit einem Blick auf Allan, der an ihrem Bette kniete, hatte sie Mr. Brock zugeflüstert: »Sorgen Sie, daß ihm sein Namensbruder niemals nahe kommt. Sorgen Sie, daß jene Frau ihn nie entdecke!« Kein Wort weiter entfiel ihr, das mit den Leiden ihrer Vergangenheit in Beziehung stand oder auf die Gefahren hindeutete, die sie für die Zukunft fürchtete. Das Geheimniß, das sie vor ihrem Sohne und ihrem Freunde bewahrt, nahm sie auch mit sich ins Grab.

Sobald ihr die letzten Dienste der Liebe und der Achtung erwiesen waren, fühlte Mr. Brock, daß es seine Pflicht sei, an ihre Brüder zu schreiben und sie von ihrem Tode in Kenntniß zu setzen. Da er mit zwei Männern zu thun zu haben glaubte, die seine Beweggründe zu mißdeuten im Stande seien, falls er Allan’s Lage unerklärt ließe, so trug er Sorge, sie zu erinnern, daß Mrs. Armadale’s Sohn wohlversorgt sei, und daß der einzige Zweck seines Schreibens darin bestehe, sie von dem Ableben ihrer Schwester zu unterrichten. Die beiden Briefe wurden um die Mitte des Monats Januar abgesandt, und die Antworten trafen mit umgehender Post ein. Der erste Brief, den der Pfarrer öffnete, war nicht von dem ältesten Bruder selbst, sondern von dessen einzigem Sohne geschrieben, Der junge Mann hatte vor kurzem bei dem Ableben seines Vaters die Besitzungen in Norfolk angetreten. Er schrieb in einem offenen und freundschaftlichen Tone und versicherte Mr. Brock, daß, wie sehr auch sein Vater gegen Mrs. Armadale eingenommen gewesen, dieses feindselige Gefühl sich doch nie bis auf ihren Sohn erstreckt habe. Was ihn selbst betreffe, so wolle er nur hinzufügen, daß er sich aufrichtig freuen werde, seinen Vetter in Thorpe-Ambrose zu begrüßen, falls derselbe einmal in jene Gegend komme.

Der zweite Brief war ein weit weniger angenehmer als der erste. Der jüngere Bruder war noch am Leben und noch immer entschlossen, weder zu vergessen noch zu vergeben. Er unterrichtete Mr. Brock in Bezug auf seine Schwester, daß die Wahl ihres Gatten und ihr Betragen gegen ihren Vater zur Zeit ihrer Vermählung der Art gewesen sei, daß alle brüderliche Liebe und Achtung für sie von jenem Augenblicke an seinerseits habe aufhören müssen. Bei seinen Ansichten über die Sache würde persönlicher Umgang zwischen ihm und seinem Neffen für beide gleich peinlich sein. »Er habe in möglichst allgemeinen Ausdrücken dieser Veruneinigung zwischen ihm und seiner Schwester Erwähnung gethan, um Mr. Brock zu überzeugen, daß seine persönliche Bekanntschaft mit dem jungen Armadale ein zu zarter Gegenstand sei, um ausführlicher darüber zu sprechen, und somit bitte er um Erlaubniß, dem Briefwechsel seinerseits ein Ende machen zu dürfen.

Wohlweislich vernichtete Mr. Brock diesen zweiten Brief auf der Stelle und zeigte AlIan nur die Einladung seines Vetters vor, wobei er ihm den Vorschlag machte, nach Thorpe-Ambrose zu reisen, sobald er sich in der Stimmung fühle, Fremde zu sehen. Allan hörte den Rath geduldig genug an; doch schlug er es aus, nach demselben zu handeln. »Ich will meinem Vetter, falls ich je mit ihm zusammenkomme, gern die Hand reichen«, sagte er; »doch mag ich keine Familie besuchen und in keinem Hause ein Gast sein, in dem meine Mutter schlecht behandelt worden ist.« Mr. Brock machte ihm sanfte Vorstellungen und versuchte es, ihm die Sache im rechten Lichte zu zeigen. Selbst jetzt, wo er sich noch in Unwissenheit über Ereignisse befand, welche nahe bevorstanden, war Allan’s eigenthümlich verlassene Lage in der Welt ein Gegenstand ernstlicher Sorge für seinen alten Freund und Lehrer. Ein Besuch in Thorpe-Ambrose eröffnete ihm die Aussicht auf Bekanntschaften, die seiner Stellung und seinem Alter angemessen waren und die Mr. Brock deshalb so sehr für ihn wünschte; doch Allan war nicht zu überreden; er war hartnäckig und unvernünftig, und es blieb dem Pfarrer nichts weiter übrig, als den Gegenstand fallen zu lassen.

Es verging eine Woche nach der andern in derselben Einförmigkeit, und Allan zeigte in der Art und Weise, wie er den Verlust seiner Mutter ertrug, nur wenig von der Elasticität seines Alters und Charakters. Er beendete zwar seine Jacht und ließ sie von Stapel laufen; aber seine Arbeiter bemerkten, daß er sein Interesse an dem Werke verloren zu haben schien. Es lag etwas Unnatürliches darin, daß der junge Mann so über seine Verlassenheit und seinen Kummer brütete, wie er es that. Je weiter der Frühling vorschritt, desto unruhiger wurde Mr. Brock über Allan’s Zukunft, wenn derselbe nicht sofort durch eine durchgreifende Veränderung aus seinen gegenwärtigen Verhältnissen herausgerissen würde. Nach langem, reiflichen Ueberlegen beschloß der Pfarrer endlich, eine Reise nach Paris zu versuchen und dieselbe, falls sein Zögling Interesse für das Reisen auf dem Festlande an den Tag legte, nach dem Süden fortzusetzen. Die Art und Weise, in der Allan diesen Vorschlag aufnahm, machte die Hartnäckigkeit, mit der er sich geweigert hatte, die Bekanntschaft seines Vetters zu machen, wieder gut; er war bereit, Mr. Brock zu begleiten, wohin er wolle. Der Pfarrer nahm ihn beim Worte, und um die Mitte des Monats März reisten diese seltsam für einander passenden Gefährten nach London ab.

In London angelangt, sah Mr. Brock sich ganz unerwartet einer neuen Sorge preisgegeben. Jener unwillkommene Gegenstand, welcher seit Anfang December ruhig begraben gelegen, kam wieder ans Tageslicht und stellte sich dem Pfarrer gleich beim Beginn der Reise drohender als je entgegen —— Allan brachte das Gespräch auf Ozias Midwinter.

War Brock’s Stellung in dieser Angelegenheit von vornherein schwierig genug gewesen, so hatte er jetzt alles Terrain verloren. Die Ereignisse hatten sich so gestaltet, daß die Meinungsverschiedenheit zwischen Allan und seiner Mutter in Betreff des Schullehrers in keiner Weise mit der Gemüthsbewegung in Verbindung gebracht werden konnte, welche Mrs. Armadale’s Tod beschleunigt hatte. Allan’s Entschluß, sich kein aufregendes Wort entschlüpfen zu lassen, und Mr. Brocks Widerstreben, einen unangenehmen Gegenstand zur Sprache zu bringen, hatte sie beide während der drei Tage, die zwischen Midwinters Abreise aus dem Dorfe und dem Erscheinen der fremden Frau gelegen, in Gegenwart von Mrs. Armadale völliges Schweigen über jenen Unglücklichen beobachten lassen. Während der zunächst folgenden Zeit der Spannung und des Kummers war jede Erwähnung des Gegenstandes unmöglich gewesen. Von aller Unruhe über diesen Gegenstand frei, hatte Allan sein eigensinniges Interesse für seinen neuen Freund fest bewahrt. Er hatte an Midwinter geschrieben, um ihn von seinem Verluste in Kenntniß zu setzen, und beschloß jetzt, falls sich der Pfarrer dem nicht förmlich entgegenstellte, seinem Freunde einen Besuch zu machen, ehe er am folgenden Morgen nach Paris abreiste. Was sollte Mr. Brock anfangen? Es ließ sich nicht leugnen, daß Midwinter’s Betragen den unbegründeten Argwohn der armen Mrs. Armadale entschieden widerlegt hatte. Wenn also der Pfarrer ohne überzeugende Gründe und ohne ein anderes Recht als dasjenige, welches Allan’s Höflichkeit ihm zugestand, sich diesem Besuche widersetzte, so durfte er dem alten geselligen Verkehr und Vertrauen zwischen Lehrer und Zögling für die Dauer der bevorstehenden Reise nur Lebewohl sagen. Von Schwierigkeiten umringt, die ein weniger gerechter und gutherziger Mann vielleicht hätte überwinden können, willigte Mr. Brock in Allan’s Begehr, indem er sich begnügte, ihm beim Scheiben ein paar warnende Worte zu sagen, und überließ somit Allan der Discretion und Selbstverleugnung Midwinters, von der er doch für seine Person nicht hinlänglich überzeugt war.

Nachdem er während der Abwesenheit seines Zöglings eine Stunde lang in den Straßen umhergegangen war, kehrte der Pfarrer in das Hotel zurück, und da er im Gastzimmer die Zeitung auf dem Tische liegen sah, nahm er dieselbe auf, um sie nachlässig durchzusehen. Sein Auge, welches auf der ersten Seite ruhte, ward augenblicklich durch die allererste Annonce an der Spitze der Spalte gefesselt. Abermals figurirte dort in großen Buchstaben Allan’s geheimnißvoller Namensbruder —— diesmal als Todtgeglaubter und in Verbindung mit einer Belohnung! Die Annonce lautete folgendermaßen:

»An Küster, Kirchendiener, Todtengräber und Andere. Eine Belohnung von zwanzig Pfund Sterling soll demjenigen gezahlt werden, welcher Beweise von dem Tode Allan Armadales beibringen kann, dem einzigen Sohne weiland Allan Armadales aus Barbadoes und im Jahre 1830 aus jener Insel geboren. Alles Weitere ist zu erfahren bei den Herren Hammick und Ridge, Lincoln’s-Inn-Fields, London.«

Obgleich Mr. Brock im Grunde nichts weniger als abergläubisch war, zog doch eine bange Ahnung durch sein Gemüth, als er die Zeitung wieder aus der Hand legte; ein unbestimmter Argwohn bemächtigte sich seiner allmählig, daß alle jene Ereignisse seit dem ersten Erscheinen von Allan’s Namensbruder in der Zeitung auf irgendeine geheimnißvolle Weise mit einander in Verbindung ständen und unaufhaltsam einem unbegreiflichen Ende entgegengingen. Ohne zu wissen warum, fühlte er sich durch Allan’s Abwesenheit beunruhigt, ohne zu wissen warum, wünschte er seinen Zögling aus England fort, ehe sich noch zwischen Nacht und Morgen etwas Verhängnißvolles ereigne.

Indessen eine Stunde später sah sich der Pfarrer durch Allan’s Rückkehr von allen diesen Sorgen befreit. Der junge Mann war ärgerlich und mißmuthig, denn er hatte wohl Midwinter’s Wohnung, aber nicht Midwinter selbst gefunden. Die einzige Auskunft, welche seine Wirthin ihm zu geben vermocht, war die, daß er zu seiner gewohnten Stunde ausgegangen sei, um in der nächsten Restauration zu Mittag zu speisen, ohne indeß zu seiner gewohnten Stunde wieder zurückzukehren. Allan war deshalb nach der Restauration gegangen und hatte sich überzeugt, daß Midwinter dort wohl bekannt sei. Er erfuhr, daß es seine Gewohnheit sei, ein einfaches Mittagessen einzunehmen und dann eine halbe Stunde die Zeitung zu lesen. Auch heute hatte er wie gewöhnlich nach dem Essen die Zeitung zur Hand genommen, dieselbe aber plötzlich wieder niedergeworfen und war von dannen geeilt, Niemand wußte wohin. Da er weiter nichts in Erfahrung zu bringen vermocht, hatte Allan ein Billet in Midwinter’s Wohnung zurückgelassen, in dem er ihm die Adresse des Hotels angegeben und seinen Freund gebeten hatte, ihm vor seiner Abreise nach Paris Lebewohl zu sagen.

Allein der Abend verging und Allan’s Freund blieb unsichtbar, der Morgen kam, und Mr. Brock und sein Zöglings verließen London. So weit hatte das Glück sich für den Pfarrer erklärt. Ozias Midwinter war, nachdem er so aufdringlich zur Oberfläche emporgestiegen, zu gelegener Zeit wieder verschwunden. Was sollte sich wohl zunächst ereignen?



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel.

Indem Mr. Brock die Bilder vergangener Tage an seiner Seele vorüberziehen ließ, langte er endlich bei einem Ereigniß an, welches vom siebenten April datierte und also von dem zuletzt erzählten nur durch einen Zeitraum von drei Wochen geschieden war. Jenes legte, Ereigniß war allem Anscheine nach das letzte Glied in der Kette gewesen, denn das neue Ereigniß hatte weder für ihn noch für Allan irgendwelche wahrnehmbare Beziehung zu den Personen oder Ereignissen der Vergangenheit.

Die Reisenden waren noch nicht weiter als bis Paris gelangt. Mit dem Wechsel der Scene hatte sich Allan’s Stimmung gebessert und er war um so bereitwilliger darauf eingegangen, die neue Welt zu genießen, von der er sich umgeben sah, als er von Midwinter einen Brief mit einer Nachricht erhalten hatte, die selbst Mr. Brock als eine hoffnungsvolle anzuerkennen genöthigt war. Der ehemalige Unterlehrer war in Geschäften abwesend gewesen, als Allan ihn in seiner Wohnung ausgesucht hatte, indem er gerade an demselben Tage durch einen Zufall mit seinen Verwandten in Berührung gebracht worden war. Der Erfolg dieser Zusammenkunft hatte ihn außerordentlich überrascht, denn derselbe hatte ihm für den Rest seines Lebens ein unabhängiges kleines Einkommen gesichert. Seine Pläne für die Zukunft, sagte er, seien jetzt, da ihm dieses unerwartete Glück zugefallen, noch ganz unbestimmt. Wenn aber Allan zu hören wünsche, wofür er sich schließlich entschieden habe, so werde sein Agent in London, dessen Adresse er beischloß, alle Mittheilungen für ihn in Empfang nehmen und Mr. Armadale für die Zukunft stets mit seiner Adresse bekannt machen.

Beim Empfange dieses Briefes hatte Allan sofort in seiner gewohnten hastigen Manier die Feder ergriffen und darauf bestanden, daß Midwinter sich sofort ihm und Mr. Brock auf ihren Reisen anschlösse. Indeß, die letzten drei Tage des Monat März vergingen und es kam keine Antwort auf diesen Vorschlag. Die ersten Apriltage kamen und am siebenten lag endlich ein Brief für Allan auf dem Frühstückstische. Er ergriff denselben, betrachtete die Aufschrift und warf ihn ärgerlich wieder weg. Es war nicht Midwinter’s Handschrift. Allan beendete sein Frühstück, ehe ihm daran gelegen war zu lesen, was sein Correspondent zu sagen habe.

Als das Mahl vorüber war, öffnete der junge Armadale mit träger Hand den Brief und begann ihn mit einer Miene der äußersten Gleichgültigkeit zu lesen; am Ende angelangt, sprang er jedoch mit einem lauten Ausrufe des Erstaunens plötzlich von seinem Stuhle auf. Ueber dieses merkwürdige Benehmen im höchsten Grade verwundert, griff Mr. Brock zu dem Briefe, welchen Allan ihm über den Tisch zugeschoben hatte. Ehe er denselben noch zu Ende gelesen, sanken seine Hände aus seine Knie herab und die verblüffte Miene seines Zöglings spiegelte sich auf das genaueste in seinem eigenen Gesichte wieder.

Wenn je zwei Männer guten Grund hatten, alle Fassung zu verlieren, so waren es Allan und der Pfarrer. Der Brief, der sie beide in das gleiche Erstaunen versetzte, enthielt unbestreitbar eine Nachricht, die auf den ersten Blick unglaublich schien. Sie kam von Norfolk und war folgenden Inhalts. In einem Zeitraume von wenig mehr als einer Woche hatte der Tod nicht weniger als drei Menschenleben in Thorpe-Ambrose dahingerafft —— und Allan Armadale war in diesem Augenblicke der Erbe eines Besitzthums von achttausend Pfund jährlicher Renten!

Ein zweites Durchlesen des Briefes klärte den Pfarrer und seinen Gefährten über die Einzelheiten auf, die ihnen in der ersten Aufregung entgangen waren. Der Schreiber des Briefes war der Familienanwalt zu Thorpe-Ambrose. Nachdem er Allan davon unterrichtet, daß sein Vetter Arthur im fünfundzwanzigsten, sein Onkel Henry im achtundvierzigsten und sein Vetter John im einundzwanzigsten Lebensjahre gestorben seien, gab der Advokat ihm einen kurzen Auszug aus dem Testament des älteren Mr. Blanchard. Die männlichen Erben waren, wie gewöhnlich unter solchen Verhältnissen, den weiblichen vorgezogen. In erster Linie waren Arthur und dessen männliche Nachkommenschaft, eventuell aber Henry und dessen männliche Nachkommen, beziehentlich die männliche Nachkommenschaft von Henry’s Schwester als Erben eingesetzt, und in Ermangelung solcher Erben sollte die Besitzung an den nächsten männlichen Erben übergehen. Allein das Schicksal hatte es gewollt, daß die beiden jungen Leute, Arthur und John, unvermählt, und Henry Blanchard mit Hinterlassung einer einzigen Tochter gestorben war. Unter diesen Umständen war Allan der in dem Testamente bezeichnete nächste männliche Erbe und somit jetzt der rechtmäßige Eigenthümer der Besitzungen von Thorpe-Ambrose. Nachdem der Rechtsanwalt diese erstaunliche Nachricht gemeldet, bat er, daß Mr. Armadale ihn mit seinen Instructionen beehren wolle, und fügte zum Schlusse hinzu, daß es ihm Vergnügen machen werde, jede fernere Auskunft zu geben, die man etwa noch wünsche.

Es war unnütz, die Zeit mit Verwunderung über ein Ereigniß zu verlieren, das weder Allan noch seine Mutter je im geringsten für möglich gehalten hatten. Das Einzige, was sofort geschehen mußte, war, nach England zurückzukehren. Am folgenden Tage befanden unsere Reisenden sich abermals in ihrem Hotel in London, und am Tage darauf war die Sache zuverlässigen juristischen Händen übergeben. Es erfolgte das bei solchen Gelegenheiten unvermeidliche Hin- und Herschreiben und Berathschlagen, bis endlich alle einschlagenden Thatsachen festgestellt waren.

Die seltsame Geschichte der drei Todesfälle war folgende:

Zur Zeit, wo Mr. Brock an Mrs. Armadale’s Verwandte geschrieben, um ihnen den Tod ihrer Schwester zu melden, also in der Mitte des Januar, bestand die Familie zu Thorpe-Ambrose aus fünf Personen: Arthur Blanchard, dem Besitzer der Güter, welcher mit seiner Mutter in dem großen Hause lebte, und Henry Blanchard, dem Onkel, der als Wittwer mit zwei Kindern, einem Sohne und einer Tochter, sich in der Nachbarschaft aufhielt. Um die Familienbande noch fester zu knüpfen, hatte sich Arthur Blanchard mit seiner Cousine verlobt. Die Hochzeit hatte im nächsten Sommer, wo die junge Dame ihr zwanzigstes Jahr zurücklegte, mit großen öffentlichen Festlichkeiten gefeiert werden sollen.

Der Monat Februar aber hatte Veränderungen in der Familie herbeigeführt. Mr. Henry Blanchard hatte bemerkt, daß die Gesundheit seines Sohnes zu wanken beginne, weshalb er Norfolk verlassen und ärztlichem Rathe zufolge den jungen Mann mit sich genommen hatte, um das Klima von Italien zu versuchen.

Anfangs März hatte Arthur Blanchard ebenfalls, doch nur auf ein paar Tage, Thorpe-Ambrose verlassen, da seine Geschäfte seine Anwesenheit in London erforderten. Diese Geschäfte führten ihn nach der City. Da die ewigen Hindernisse in den Straßen auf dem Wege dorthin ihn aber langweilten, kehrte er in einem der Flußdampfboote nach dem Westende zurück; allein unterwegs trug sich Etwas zu, das seinen Tod zur Folge hatte.

Als nämlich das Dampfboot von der Brücke abstieß, bemerkte er neben sich eine Frau, die beim Besteigen des Schiffes sich durch ein merkwürdiges Zögern bemerklich gemacht hatte und die letzte Person gewesen war, die ihren Platz auf dem Schiffe eingenommen. Sie war sauber in schwarze Seide gekleidet, trug einen gewirkten Shawl und verbarg ihr Gesicht hinter einem dichten Schleier. Arthur Blanchard war von der seltenen Eleganz und Anmuth ihrer Gestalt frappiert und fühlte die flüchtige Neugier eines jungen Mannes, ihr Gesicht zu sehen. Doch sie hob weder ihren Schleier auf, noch wandte sie den Kopf nach seiner Seite um. Nachdem sie ein paarmal zögernd auf dem Verdeck hin und her gegangen war, begab sie sich plötzlich nach dem Hintertheile des Schiffes. Eine Minute später erscholl ein Schreckensruf von dem Mann am Steuer, und die Dampfmaschinen wurden augenblicklich zum Stehen gebracht. Jene Frau war über Bord gesprungen.

Die Passagiere stürzten alle an den Schiffsrand, um ins Wasser zu schauen; Arthur Blanchard allein sprang, ohne eine Sekunde zu zögern, in den Fluß. Er war ein vortrefflicher Schwimmer und erreichte die Frau, als sie nach dem ersten Sinken wieder an die Oberfläche kam. Hilfe war zur Hand und sie wurden beide sicher ans Ufer geschafft. Die Frau ward nach der nächsten Polizeistation gebracht und erlangte bald ihr Bewußtsein wieder; ihr Retter aber gab, wie dies bei solchen Fällen üblich ist, dem Wache habenden Inspector seinen Namen und seine Adresse an, und dieser empfahl ihm, sofort ein warmes Bad zu nehmen und sich trockene Kleider aus seiner Wohnung holen zu lassen. Arthur Blanchard, der seit seiner Kindheit nie eine Stunde krank gewesen, lachte über den Rath und kehrte in einem Fiaker zurück. Allein am folgenden Tage war er bereits zu krank, um der Untersuchung vor Gericht beizuwohnen, und vierzehn Tage darauf war er todt.

Die Nachricht von diesem Unglücke erreichte Henry Blanchard und seinen Sohn in Mailand; binnen einer Stunde nach Empfang derselben befanden sie sich auf dem Heimwege nach England. Der Schnee auf den Alpen war in diesem Jahre früher als gewöhnlich von der Sonne erweicht worden, und es war bekannt, daß die Pässe im höchsten Grade gefährlich seien. Vater und Sohn, die in ihrer eignen Equipage reisten, begegneten auf dem Gebirge der umkehrenden Post, welche die Briefe durch Fußboten weiter gesandt hatte. Warnungen, die unter gewöhnlichen Umständen ihre Wirkung geübt haben würden, wurden jetzt von den beiden Engländern unbeachtet gelassen. Ihre Ungeduld, nach dem Unglücke, das ihre Familie getroffen, wieder zu Hause zu sein, wollte sich keinem Verzuge fügen, und die reichen Belohnungen, die sie den Postillons versprachen, verlockten diese, die Reise fortzusetzen. Der Wagen fuhr weiter und war bald im Nebel verschwunden. Derselbe ward erst wiedergesehen, als er aus der Tiefe eines Abgrundes hervor gegraben wurde, wo eine Lavine ihn ereilt hatte; Menschen, Pferde, Equipage lagen in einer entsetzlichen Masse da.

In dieser Weise waren die drei Menschenleben vom Tode dahingerafft worden. Und so hatte der selbstmörderische Sprung, den eine Frau in den Fluß gethan, Allan Armadale zu dem Besitze der Güter von Thorpe-Ambrose verholfen.

Wer war jene Frau? Der Mann, der ihr das Leben rettete, erfuhr es nie. Der Richter, der sie zurückschickte, der Kaplan, der sie ermahnte, der Zeitungsberichterstatter, der ihr Bild in der Zeitung brachte —— sie alle erfuhren es nie. Es ward mit Verwunderung von ihr gemeldet, daß sie, obgleich wohlgekleidet, sich in Noth zu befinden vorgegeben. Obgleich sie die tiefste Zerknirschung gezeigt, hatte sie doch einen Namen als den ihrigen angegeben, der augenscheinlich ein falscher war; sie hatte ferner eine alltägliche Geschichte über sich erzählt, die ebenso offenbar eine Erfindung war, und endlich hatte sie jeden Aufschluß über ihre Angehörigen verweigert. Eine Dame, die zu einer Mildthätigkeitsanstalt gehörte, hatte, durch ihre außerordentliche Eleganz und Schönheit für sie eingenommen, sich erboten, sie unter ihren Schutz zu nehmen und zu einer besseren Sinnesart zu bringen. Allein die Erfahrung, die man am ersten Tage mit der reuigen Sünderin gemacht hatte, war nichts weniger als ermuthigend, und die des zweiten entscheidend gewesen. Sie hatte die Anstalt heimlich verlassen, und obgleich der Geistliche derselben, der ein besonderes Interesse an dem Falle genommen, alles Mögliche aufbot, um sie wieder aufzufinden, so waren seine Bemühungen doch völlig erfolglos geblieben.

Während diese nutzlose Untersuchung, die auf Allan’s ausdrückliches Verlangen angestellt ward, vor sich ging, hatten die Rechtsanwälte die vorläufigen Formalitäten in Bezug auf den Antritt der Erbschaft zum Abschluß gebracht. Es blieb jetzt nichts weiter zu thun übrig, als daß der neue Herr von Thorpe-Ambrose bestimmte, wann er sich persönlich auf dem Gute niederlassen wolle, dessen rechtmäßiger Besitzer er jetzt geworden war.

Da er in dieser Angelegenheit nothwendigerweise seiner eigenen Führung überlassen war, entschied Allan nach seiner gewohnten übereilten, großmüthigen Weise über dieselbe. Er weigerte sich entschieden, Besitz zu nehmen, ehe Mrs. Blanchard und ihre Nichte, denen es bisher aus Höflichkeitsrücksichten gestattet gewesen war, in ihrem alten Hause zu verweilen, sich von dem Schlage erholt haben würden, der sie getroffen, und sich wieder in der Stimmung befanden, ihre Pläne für die Zukunft festzustellen. Dieser Erklärung Allan’s folgte eine Privatcorrespondenz in der er unumschränkte Anerbietungen über alles machte, was er zu geben hatte, während die Damen unter Ausdrücken bescheidenen Widerstrebens ihre Bereitwilligkeit zu erkennen gaben, von der Großmuth des jungen Herrn in Bezug auf die ihnen gestattete Frist Gebrauch zu machen. Zum Erstaunen seiner Rechtsanwälte trat Allan eines Morgens mit Mr. Brock in ihr Geschäftszimmer und verkündete ihnen mit vollkommener Gelassenheit, daß die Damen die Güte gehabt, ihm seine eigenen Angelegenheiten aus den Händen zu nehmen und daß er um ihrer Bequemlichkeit willen seine Besitznahme von Thorpe-Ambrose auf zwei Monate zu verschieben beabsichtige. Die Advokaten starrten Allan an —— und Allan in Erwiderung ihres Compliments die Advokaten.

»Was in aller Welt versetzt Sie so in Erstaunen, meine Herren?« frug Allan mit kindlicher Verwunderung in seinen gutmüthigen blauen Augen. »Warum sollte ich den Damen nicht die zwei Monate gestatten, wenn sie derselben bedürfen? Lassen Sie doch den armen Wesen Zeit! Meine Rechte? Und meine Stellung? O, bah, bah! Ich habe keine so große Eile, den Gutsherrn zu spielen —— dies ist gar nicht nach meinem Geschmack. Was ich während der zwei Monate zu thun beabsichtige? Was ich in jedem Falle gethan haben würde —— ob nun die Damen geblieben wären oder nicht: Ich beabsichtige, auf dem Wasser umherzusegeln. Das ist mein Vergnügen! Ich habe eine neue Jacht zu Hause in Sommersetshire. Und ich will Ihnen Etwas sagen, Sir,« fuhr Allan fort, indem er in der Wärme seiner freundschaftlichen Gesinnungen das Haupt der Firma beim Arme faßte, »Sie sehen mir aus, als ob Sie etwas frische Seeluft recht gut gebrauchen könnten, und sollen mich deshalb auf meiner ersten Fahrt in meiner neuen Jacht begleiten. Und Ihre Compagnons ebenfalls. Und der Oberclerk, der der beste Bursch ist, den ich je in meinem ganzen Leben kennen gelernt, soll auch mitkommen. Ich habe Raum genug —— wir wollen alle auf dem Kajütenboden schlafen und Mr. Brock soll eine wollene Decke auf dem Tische haben. Thorpe-Ambrose mag der Henker holen! Wollen Sie etwa behaupten, daß Sie, wenn Sie sich selbst ein Schiff gebaut hätten, wie ich es gethan habe, irgendein Landgut in den drei Königreichen beziehen würden, während Ihr eigenes Kleinod wie eine Ente daheim auf dem Wasser schwimmt und wartet, bis Sie zu ihm kommen und eine Probe mit ihm machen. Ihr Herren Rechtsgelehrten seid groß im Argumentiren. Wie gefällt Ihnen dies Argument? Mir scheint es unwiderlegbar —— und morgen reife ich nach Sommersetshire.«

Mit diesen Worten stürzte der neue Besitzer von achttausend Pfund jährlichen Renten in das Zimmer des Oberclerk und lud denselben zu einer Fahrt auf hoher See ein, und zwar indem er ihm einen Schlag auf die Schulter versetzte, welcher von den Prinzipalen im nächsten Zimmer deutlich gehört ward. Die Herren von der Firma schauten Mr. Brock mit fragender Verwunderung an. Ein Client, der eine Stellung unter den vornehmen Gutsbesitzern von England seiner harren sah und durchaus keine Eile hatte, dieselbe bei der allerersten Gelegenheit anzutreten, war ein Client, wie er ihnen bisher noch nicht vorgekommen war.

»Er muß eine sehr sonderbare Erziehung genossen haben,« sagten die Rechtsgelehrten zu dem Pfarrer.

»Eine sehr sonderbare«, bestätigte der Pfarrer.

Ein letzter Sprung von einem Monate brachte Mr. Brock zu dem gegenwärtigen Augenblicke —— nach dem Schlafzimmer in Castletown, in dem er dasaß und überlegte, und zu der Sorge, die sich so hartnäckig zwischen ihn und seine Nachtruhe drängte. Diese Sorge war nicht erst seit gestern ein Feind der Gemüthsruhe des Pfarrers, vielmehr hatte sie ihn schon vor sechs Monaten in Sommersetshire das erste Mal heimgesucht und war ihm jetzt nach der Insel Man gefolgt, und zwar in der hartnäckig aufdringlichen Gestalt von Ozias Midwinter.

Die Veränderung in Allan’s Aussichten hatte seiner eigensinnigen Zuneigung zu dem Ausgestoßenen in der Dorfschenke keinen Abbruch gethan. Inmitten der Consultationen mit seinen Advokaten hatte er Zeit gesunden, Midwinter zu besuchen; und auf der Rückreise nach Sommersetshire, siehe, da saß auch Allan’s Freund im Wagen, ihn und den Pfarrer auf Allan’s Einladung zu begleiten. Auf dem rasierten Schädel des ehemaligen Schullehrers war wieder frisches Haar gewachsen und seine Kleider zeigten den verschönernden Einfluß vermehrter Mittel; doch in jeder andern Beziehung war der Mann unverändert. Er begegnete Mr. Brocks Mißtrauen mit der alten geduldigen Ergebung in dasselbe; er bewahrte noch immer dasselbe verdächtige Schweigen in Bezug auf seine Familie und sein früheres Leben; er sprach von Allan’s Güte gegen ihn mit derselben unbändigen Gluth der Dankbarkeit und des Erstaunens. Ich habe gethan, was ich konnte, Sir«, sagte er zu Mr. Brock, während Allan im Waggon eingeschlafen war. »Ich bin Mr. Armadale aus dem Wege gegangen und habe sogar seine beiden letzten Briefe an mich unbeantwortet gelassen. Mehr als das zu thun bin ich außer Stande. Ich verlange nicht, daß Sie aus meine eignen Gefühle gegen das einzige menschliche Wesen Rücksicht nehmen, welches mich nie beargwöhnt und niemals mißhandelt hat. Meinen eignen Gefühlen kann ich widerstehen; doch nicht dem jungen Herrn selber. Es giebt in der ganzen Welt keinen Menschen, der ihm gleich wäre. Wenn wir wieder von einander geschieden werden sollen, so muß dies von ihm selbst ausgehen, oder von Ihnen —— nicht von mir. —— Der Herr des Hundes hat gepfiffen«, sagte dieser seltsame Mensch in einem momentanen Ausbruche der in ihm schlummernden Leidenschaftlichkeit, und indem ihm plötzlich die zornigen Thränen in die wilden braunen Augen stiegen, »und es ist hart, Sir, den Hund dafür zu tadeln, wenn er kommt.«

Mr. Brocks Humanität trug abermals den Sieg über Mr. Brocks Vorsicht davon.

Er beschloß zu warten und zu sehen, was die bevorstehenden Tage geselligen Umganges mit sich bringen würden.

Die Tage vergingen; die Jacht war getakelt und seetüchtig gemacht; eine Fahrt nach der Küste von Wales ward arrangiert, und Midwinter, der Geheimnißvolle, war noch immer derselbe Midwinter. Einsperrung in einem kleinen Schiffe von fünfunddreißig Tonnen hatte für einen Mann in Mr. Brock’s Jahren keinen großen Reiz. Dessen ungeachtet segelte er auf dieser Probefahrt der Jacht lieber mit, als daß er Allan mit seinem neuen Freunde allein ließ.

Verlockte der enge Verkehr der drei Gefährten auf dieser Fahrt den Mann zu einer größeren Offenheit über seine eignen Angelegenheiten? Nein. Ueber andere Gegenstände sprach er bereitwillig genug, besonders wenn Allan ihn dazu veranlaßte; doch über sich selbst ließ er sich kein Wort entschlüpfen. Mr. Brock versuchte es mit Fragen über das ihm kürzlich zugefallene Vermächtniß, erhielt aber dieselbe Art von Antwort, die er bereits im Wirthshause in Sommersetshire erhalten hatte. Midwinter gab zu, es sei allerdings ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß sowohl Mr. Armadale’s Aussichten als die seinigen auf so unerwartete Weise und um dieselbe Zeit eine so günstige Wendung genommen hätten. Doch damit ende die Aehnlichkeit Es sei kein großes Vermögen, das ihm in den Schoß gefallen, obwohl es für seine Bedürfnisse ausreiche. Das Ereigniß habe ihn nicht mit seiner Familie ausgesöhnt, denn das Erbe sei ihm nicht durch irgendwelche Güte von ihrer Seite, sondern von Rechtswegen zugefallen. Was die Umstände betreffe, die ihn mit seiner Familie in Berührung gebracht, so seien diese nicht des Erwähnens werth, da der dadurch herbeigeführte kurze Verkehr keine freundschaftlichen Resultate gehabt habe. Es sei ihm nichts weiter daraus erwachsen als das Geld, und mit dem Gelde eine Sorge, die ihn oft in schlaflosen Morgens stunden quäle.

Bei diesen letzten Worten schwieg er plötzlich, wie wenn seine von ihm sonst so scharf bewachte Zunge ihn diesmal verrathen hätte. Mr. Brock ergriff die Gelegenheit und frug ihn geradezu, welcher Art diese Sorge sei. Ob dieselbe mit Geld zu thun habe? Nein, sie habe mit einem Briefe zu thun, der seit vielen Jahren seiner geharrt. Ob er diesen Brief erhalten habe? Noch nicht; derselbe befinde sich in dem Gewahrsam eines der Compagnons der Advokatenfirma, die seine Erbschaftsangelegenheiten für ihn geordnet habe; dieser Compagnon sei von England abwesend, und er könne daher den Brief, der mit den Privatpapieren des Advokaten zusammen sich unter Verschluß befinde, nicht eher erhalten, als bis dieser wieder nach England zurückkehre. Er werde gegen Ende des gegenwärtigen Monats Mai zurückerwartet, und wenn er, Midwinter, mit Sicherheit zu bestimmen im Stande sei, wohin ihre Fahrt sie um diese Zeit geführt haben werde, so gedenke er zu schreiben und sich den Brief dorthin zusenden zu lassen. Ob irgendwelche Familienverhältnisse ihm Grund zu Besorgnissen wegen jenes Briefes gaben? Nicht, soviel er wisse; er sei neugierig, das zu erfahren, was seit so vielen Jahren seiner geharrt, das sei alles. In dieser Weise beantwortete er die Fragen des Pfarrers, indem er sein gelbbraunes Gesicht von ihm abwandte und über die niedrige Schiffsseite der Jacht hinaus blickte, während seine geschmeidigen braunen Hände die Fischleine nachzogen.

Von Wind und Wetter begünstigt hatte das kleine Fahrzeug auf dieser Probefahrt Wunder gethan. Ehe noch die Hälfte der für die Fahrt angesetzten Zeit verstrichen war, befand sich die Jacht schon auf der Höhe von Holyhead vor der Küste von Wales, und Allen, der auf Abenteuer in unbekannten Regionen erpicht war, hatte kühn seinen Entschluß erklärt, die Reise nordwärts nach der Insel Man fortzusetzen Nachdem er von zuverlässigen Gewährsmännern in Erfahrung gebracht hatte, daß das Wetter einer Fahrt in jenen Gewässern wirklich günstig sei und daß, wenn irgendein unvorhergesehener Fall ihre schleunige Heimkehr nöthig mache, sie das Dampfboot von Douglas nach Liverpool benützen und von letzterem Orte mit der Eisenbahn weiterreisen könnten, ging Mr. Brock auf den Vorschlag seines Zöglings ein. An demselben Abende schrieb er noch an Allan’s Rechtsanwälte und nach seiner Pfarrei, und gab Douglas auf der Insel Man als den Ort an, wohin man die Briefe für sie nachzusenden habe. Vor dem Posthause traf er Midwinter, der soeben einen Brief auf die Post gegeben hatte. Mr. Brock erinnerte sich seiner Unterhaltung mit ihm an Bord der Jacht und vermuthete, daß sie beide dieselbe Vorsichtsmaßregel getroffen und ihre Briefe an denselben Ort nachbestellt hätten.

Am folgenden Tage spät segelten sie nach der Insel Man ab. Einige Stunden lang ging Alles gut; aber mit Sonnenuntergang stellten sich die Vorboten einer baldigen Veränderung ein und mit einbrechender Dunkelheit stieg der Wind bis zu einem förmlichen Sturme. Die Frage, ob Allan und seine Arbeiter ein starkes Seeschiff gebaut, ward somit zum ersten Male einer ernstlichen Probe unterworfen. Während der ganzen Nacht blieb das kleine Schiff, nachdem es vergebens Holyhead zu erreichen versucht, in offener See, und bestand seine Probe vortrefflich. Am folgenden Morgen war die Insel Man in Sicht, und die Jacht lag bald sicher im Hafen von Castletown. Als Rumpf und Takelwerk bei Tage untersucht wurden, ergab es sich, daß der ganze Schaden in einer Woche wieder gut gemacht werden könne. Die Reisegefährten waren deshalb in Castletown geblieben; Allan war mit Beaufsichtigung der Ausbesserungen beschäftigt, Mr. Brock mit Ausflügen in die Nachbarschaft, und Midwinter mit täglichen Wallfahrten nach Douglas und zurück, um sich nach Briefen zu erkundigen.

Der Erste von der Gesellschaft, der einen Brief erhielt, war Man. »Noch mehr Quälerei von jenen nimmer rastenden Advokaten!« war alles, was er sagte, nachdem er den Brief gelesen und zusammengeknüllt in die Tasche gesteckt hatte. Dann kam der Pfarrer an die Reihe, welcher am fünften Tage des Aufenthalts in Castletown einen Brief aus Sommersetshire im Hotel vorfand. Derselbe war durch Midwinter von Douglas herübergebracht worden und enthielt Nachrichten, die alle seine Ferienpläne über den Haufen warfen. Der Geistliche, der während seiner Abwesenheit seine Amtspflichten übernommen, war unerwarteterweise heimgerufen worden, und es blieb Mr. Brock nichts weiter übrig, als am folgenden Tage von Douglas nach Liverpool überzusetzen und am Sonnabend Abend per Eisenbahn nach Sommersetshire zu reisen, um am Sonntag zu rechter Zeit zum Morgengottesdienste dort zu sein.

Nachdem er diesen Brief gelesen und sich so geduldig wie möglich in seine veränderten Umstände gefügt, drang sich ihm zunächst eine Frage auf, welche allerdings ernstlicher Erwägung bedurfte. Bei der schweren Verantwortlichkeit, die in Betreff Allan’s auf ihm lastete, und bei seinem unverminderten Mißtrauen gegen Allan’s neuen Freund mußte er sich fragen, wie er unter den obwaltenden Schwierigkeiten gegen die beiden jungen Männer handeln solle, die seine Gefährten auf der Fahrt gewesen waren.

Mr. Brock hatte sich diese ungeschickte Frage zuerst am Freitag Nachmittag vorgelegt; und um ein Uhr am Sonnabend Morgen saß er noch immer in seinem Schlafzimmer, ohne zu einer befriedigenden Lösung derselben gelangt zu sein. Es war jetzt erst gegen Ende des Monat Mai, und die Damen in Thorpe-Ambrose sollten ihren dermaligen Aufenthalt, falls sie sich nicht von selbst dazu erboten, nicht früher als um die Mitte des Monat Juni verlassen. Selbst wenn die Ausbesserungen der Jacht bereits beendet gewesen wären, was doch nicht der Fall war, hatte Mr. Brock keinen vernünftigen Vorwand, um Allan nach Sommersetshire zurückzutreiben. Es blieb ihm nur eine Wahl —— ihn dort zu lassen, wo er war. Mit andern Worten, es blieb ihm nichts weiter übrig, als ihn auf diesem Wendepunkte seines Lebens ganz und gar dem Einflusse eines Mannes preiszugeben, den er zuerst als einen Ausgestoßenen in einer Dorfschenke kennen gelernt hatte und der, aus einem practischen Gesichtspunkte genommen, ihm noch immer völlig fremd war.

In seiner Verzweiflung glaubte Mr. Brock, daß er noch am sichersten gehe, wenn er sich den Eindruck vergegenwärtige, den Midwinter in dem vertrauteren Verkehr während ihrer Seefahrt auf ihn gemacht; hiervon wollte er seine Entscheidung abhängig machen.

Ungeachtet seiner Jugend hatte der ehemalige Schullehrer offenbar ein wildes und bunt bewegtes Leben geführt. Er hatte mehr gesehen und beobachtet als die meisten Leute, die noch einmal so alt waren als er; in seiner Unterhaltung verrieth sich eine sonderbare Mischung von Verstand und Ungereimtheit, ein Schwanken zwischen ernster Begeisterung und phantastischen Humor. Er konnte von Büchern reden wie ein Mann, der Wahrhaften Genuß an denselben gefunden hat; er konnte seine Stelle am Steuerrad einnehmen wie ein Seemann, der sein Handwerk verstand; er konnte singen und Geschichten erzählen und kochen und im Takelwerk umher klettern und die Tafel decken —— alles mit einer komischen satirischen Freude an der Zurschaustellung seiner Geschicklichkeit. Diese und andere ähnliche Eigenschaften, die sich bei der Fröhlichkeit der Fahrt an ihm herausgestellt hatten, erklärten das Geheimniß seiner Anziehungskraft für Allan zur Genüge. Doch hatten alle Entdeckungen über ihn damit ein Ende gehabt? Hatte der Mann in Gegenwart des Pfarrers nie ein zufälliges Licht auf seinen Charakter fallen lassen? Nur sehr spärlich, und dieses Wenige hatte ihm keine besonderen moralischen Reize verliehen. Sein Pfad durch die Welt hatte offenbar durch zweifelhafte Gegenden geführt; er verrieth hin und wieder eine Bekanntschaft mit geringeren Schurkereien und Vagabonden; es entschlüpften seiner Zunge oft Worte, die einen unangenehm herben Beigeschmack hatten; und, was ein noch bedeutungsvollerer Umstand war, er schlief jenen leisen, argwöhnischen Schlaf eines Mannes, welcher den Leuten nicht traut, die sich mit ihm unter demselben Dache befinden. Bis zu diesem letzten Augenblicke —— diesem Freitag Abend —— war sein Benehmen dasselbe geblieben, bis zuletzt versteckt und unbegreiflich. Nachdem er Mr. Brocks Brief im Hotel abgegeben, war er, ohne eine Bestellung an seine Gefährten zurückzulassen und ohne irgend Jemandem zu sagen, ob er selbst einen Brief erhalten habe oder nicht, spurlos verschwunden, um erst spät am Abend in der Dunkelheit wieder ins Haus zurückzuschleichen. Er hatte Allan auf der Treppe getroffen, der ihm eifrig die Veränderung in den Plänen des Pfarrers mittheilte; aber ohne irgendeine Bemerkung zu machen, hatte er die Nachricht angehört und sich schließlich verdrießlich in seinem Zimmer eingeschlossen. Was ließ sich wohl gegen solche Offenbarungen seines Charakters wie diese —— gegen sein unstätes Auge, seine hartnäckige Zurückhaltung gegen den Pfarrer, sein ominöses Schweigen in Bezug auf seine Familie und seine Angehörigen —— zu seinen Gunsten anführen?

Wenig oder gar nichts: Sein ganzes Verdienst begann und endete mit seiner Dankbarkeit gegen Allen.

Mr. Brock verließ seinen Sitz auf dem Bette, putzte sein Licht und schaute, noch immer in Gedanken versunken, zerstreut in die Nacht hinaus; allein diese Veränderung brachte ihm keinen neuen Gedanken. Sein Rückblick auf die Vergangenheit hatte ihn vollkommen überzeugt, daß sein gegenwärtiges Gefühl der Verantwortlichkeit kein übertriebenes oder unbegründetes sei; aber dabei hatte es auch sein Bewenden. Rathlos stand er dort am Fenster, wo er nichts zu sehen vermochte, als seine eigene totale geistige finstereniß, ein treues Spiegelbild der totalen finstereniß der Nacht.

»Wenn ich nur einen Freund besäße, an den ich mich wenden könnte!« dachte der Pfarrer. »Wenn ich in diesem elenden Orte nur eine Seele zu finden im Stande wäre, die mir beistehen könnte!«

In dem Augenblicke, wo dieser Wunsch in ihm auftauchte, schien sich derselbe zu erfüllen, denn ein leises Klopfen an seiner Thür ließ sich vernehmen und eine leise Stimme draußen im Gange flüsterte: »Lassen Sie mich ein!«

Eine halbe Minute wartete Mr. Brock, um sich zu beruhigen, dann öffnete er die Thür und auf der Schwelle seines Schlafzimmers erschien um ein Uhr Morgens —— Ozias Midwinter.

»Sind Sie krank?« fragte der Pfarrer, sobald sein Erstaunen ihm zu sprechen gestattete.

»Ich komme zu Ihnen, um mir das Herz zu erleichtern«, war die seltsame Antwort.»Darf ich eintreten?«

Mit diesen Worten schritt er ins Zimmer —— die Augen auf den Boden geheftet, mit blassen Lippen und hinter sich etwas in der Hand haltend.

»Ich sah das Licht durch eine Spalte Ihrer Thür«, fuhr er fort, ohne aufzublicken oder seine Hand zu bewegen, »und ich weiß, welche Sorge Ihnen Ihre Nachtruhe raubt. Sie reisen morgen ab und lassen Mr. Armadale nicht gern allein mit einem Fremden, wie ich bin, zurück.«

Ungeachtet seiner Ueberraschung sah Mr. Brock doch die Nothwendigkeit ein, deutlich zu einem Manne zu reden, der zu einer solchen Zeit zu ihm gekommen war und solche Worte gesprochen hatte.

»Sie haben richtig gerathen «, erwiderte er. »Ich vertrete Vaterstelle bei Allan Armadale und fühle ein natürliches Widerstreben, ihn mit einem Manne allein zu lassen, den ich nicht kenne.«

Ozias Midwinter that einen Schritt näher an den Tisch. Seine unstäten Blicke fielen auf das Neue Testament, welches unter andern Gegenständen auf dem Tische des Pfarrers lag.

»Sie haben jenes Buch während eines langen Lebens vielen verschiedenen Gemeinden ausgelegt«, sagte er. »Hat dasselbe Sie Barmherzigkeit für Ihre elenden Mitgeschöpfe gelehrt?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schaute er Mr. Brock zum ersten Male gerade ins Gesicht und ließ seine verborgene Hand langsam sichtbar werden.

»Lesen Sie dies«, sagte er, »und, um Jesu Christi willen, haben Sie Mitleid mit mir, wenn Sie erfahren, wer ich bin.«

Er legte einen aus vielen Seiten bestehenden Brief auf den Tisch. Es war der Brief, den Mr. Neal vor neunzehn Jahren in Wildbad auf die Post gegeben hatte.



Kapiteltrenner

Zehntes Kapitel.

Die ersten frischen Lüfte des anbrechenden Tages zogen durch das offene Fenster herein, als Mr. Brock die letzten Zeilen des Bekenntnisses las. Schweigend und ohne aufzublicken legte er dasselbe fort. Die erste Erschwerung, welche die Entdeckung seinem Gemüthe verursacht hatte, war jetzt Vorüber. In seinem Alter und bei seiner Gewohnheit zu denken war sein Geist nicht stark genug, um die Enthüllung sofort in ihrem ganzen Umfange zu erfassen. Wie er das Manuscript beenden, war sein ganzes Herz mit der Erinnerung an das Weib beschäftigt, welches die geliebte Freundin seiner späteren und glücklicheren Lebensjahre gewesen war; alle seine Gedanken richteten sich auf den unseligen Betrug, den sie gegen ihren Vater gespielt und welchen der Brief ihm jetzt enthüllt hatte.

Das Erzittern des Tisches unter einer schwer auf denselben herabsinkenden Hand entriß ihn dem Sinnen über seinen eigenen kleinen Kummer. Ein lebhaftes unwillkürliches Widerstreben war in ihm rege, doch überwand er dasselbe und blickte empor. Dort, in dem Zwielicht der gelben Kerzenlampe und der matten, grauen Dämmerung des anbrechenden Tages, stand schweigend der Ausgestoßene aus der Dorfschenke vor ihm —— der Erbe des unglückseligen Namens Armadale.

Mr. Brock schauderte, wie der Anblick des Mannes ihm plötzlich die Angst vor der Gegenwart und die noch größere Angst vor der Zukunft wieder vor die Seele führte. Der Mann bemerkte dies und ergriff zuerst das Wort.

»Blickt das Verbrechen meines Vaters Ihnen etwa aus meinen Augen entgegen?« frug er. »Ist das Gespenst des Ertrunkenen mir bis in dies Zimmer nachgefolgt?«

Der Schmerz und die Leidenschaft, die er zu unterdrücken strebte, machten die Hand zittern, die noch immer auf dem Tische lag, und erstickten fast die Stimme, die bis zum Flüstern herabsank.

»Ich wünsche nicht, Sie anders als gerecht und rücksichtsvoll zu behandeln «, erwiderte Mr. Brock. »Lassen Sie mir Ihrerseits Gerechtigkeit widerfahren, indem Sie mir nicht die Grausamkeit zuschreiben, die darin liegen würde, wenn ich Sie für das Verbrechen Ihres Vaters verantwortlich hielte.«

Diese Antwort schien ihn zu beruhigen. Er neigte schweigend das Haupt und nahm das Bekenntniß vom Tische auf.

»Haben Sie dies durchgelesen?« fragte er ruhig.

»Von Anfang bis zu Ende.«

»Habe ich bis hierher offen gegen Sie gehandelt? Hat Ozias Midwinter ——«

»Geben Sie sich noch immer diesen Namen«, unterbrach ihn Mr. Brock, »jetzt, da Ihr wahrer Name mir bekannt ist?«

»Seitdem ich das Bekenntniß meines Vaters gelesen«, war die Antwort, »gefällt mir mein häßliches Alias besser denn je. Erlauben Sie mir, die Frage zu wiederholen, die ich soeben an Sie zu richten im Begriff war: Hat Ozias Midwinter bis hierher sein Möglichstes gethan, um Mr. Brock über ihn aufzuklären?«

Der Pfarrer wich einer directen Antwort aus. »Wenige Männer in Ihrer Lage würden den Muth gehabt haben«, sagte er, »mir jenen Brief zu zeigen.«

»Bilden Sie sich keine zu gute Meinung über den Vagabonden, den Sie in einer Dorfschenke gefunden haben, Sir, bis Sie etwas mehr über ihn wissen als Ihnen bis jetzt von ihm bekannt ist. Sie sind mit dem Geheimnisse meiner Geburt, nicht aber mit der Geschichte meines Lebens vertraut. Diese müssen und sollen Sie kennen lernen, ehe Sie mich mit Mr. Armadale allein lassen. Wollen Sie warten und ein wenig ausruhen, oder soll ich Ihnen dieselbe jetzt erzählen?«

»Jetzt«, erwiderte Mr. Brock, noch ebenso weit entfernt wie je, den Charakter des Mannes begriffen zu haben.

Alles, was Ozias Midwinter sagte, alles, was er that, sprach gegen ihn. Er hatte mit einer erzwungenen Gleichgültigkeit, ja fast mit einer Frechheit gesprochen, die jeden abgestoßen haben würde, der ihn hörte. Und jetzt hatte er, anstatt sich an dem Tische niederzulassen und seine Erzählung direct an den Pfarrer zu richten, schweigend und mißmuthig sich nach dem Fenstersitze zurückgezogen. Dort saß er, mit abgewandtem Gesichte; seine Hände schlugen mechanisch die Blätter des Briefes von seinem Vater um, bis er zu der letzten Seite desselben kam. Die Augen auf die Schlußzeilen des Manuscripts heftend und mit einer seltsamen Mischung von Gleichgültigkeit und Trauer in seiner Stimme begann er dann folgendermaßen die versprochene Erzählung:

»Das Erste, was Ihnen über mich bekannt ist«, sagte er, »ist das, was meines Vaters Bekenntniß Ihnen bereits mitgetheilt hat. Er sagt hier, daß ich ein kleines Kind war und schlummernd an seiner Brust ruhte, als er seine letzten Worte in dieser Welt sprach und die Hand eines Fremden dieselben an seinem Sterbebette niederschrieb. Der Name dieses Fremden steht, wie Sie vielleicht bemerkt haben, auf dem Couverte geschrieben: »Alexander Neal, am Signet-Journal in Edinburg angestellt.« Meine erste Erinnerung aus meiner Kindheit ist die an meinen Stiefvater Alexander Neal, wie er mich einst auspeitschte —— was ich wahrscheinlich verdient hatte.«

»Haben Sie aus derselben Zeit keine Erinnerung an Ihre Mutter?« frug Mr. Brock.

»Ja; ich erinnere mich, wie sie mir alte abgetragene Kleider gab, den beiden Kindern aus ihrer zweiten Ehe aber schöne neue Kleider kaufte. Auch erinnere ich mich, wie ich von der Dienerschaft wegen meiner schädigen alten Kleider verlacht und dann wieder gezüchtigt wurde, weil ich wüthend geworden und meine alten Kleider zerrissen hatte. Meine nächsten Erinnerungen datieren sich ein paar Jahre später. Ich erinnere mich, wie ich bei Brod und Wasser in der Rumpelkammer eingesperrt war und darüber nachsann, warum nur meiner Mutter und meinem Stiefvater schon mein bloßer Anblick zuwider zu sein schien. Diese Frage war ich bis gestern nie zu beantworten im Stande; doch nachdem ich meines Vaters Brief gelesen habe, ist das Geheimniß gelöst. Meine Mutter wußte, was sich in Wirklichkeit auf dem französischen Holzschiffe zugetragen hatte, und ebenso mein Stiefvater; sie wußten außerdem beide, daß das schmachvolle Geheimniß, das sie so gern jedem lebenden Geschöpfe verborgen hätten, eines Tages zu meiner Kenntniß gelangen müsse. Dies konnte nicht verhindert werden —— das Bekenntniß befand sich in den Händen des Testamentsvollstreckers und dort war ich, ein ungezogener Junge, der das Negerblut seiner Mutter im Gesichte und die Leidenschaftlichkeit seines mörderischen Vaters im Herzen trug and ihnen zum Trotz Erbe ihres Geheimnisses war! Ich verwundere mich jetzt nicht mehr über die Peitsche, oder die abgetragenen alten Kleider, oder die Einsperrung bei Brod und Wasser in der Rumpelkammer. Dies alles waren natürliche Strafen, die das Kind für die Sünde des Vaters trafen.«

Mr. Brock warf einen Blick auf das dunkle, verschlossene Gesicht, welches noch immer hartnäckig von ihm abgewendet war. »Ist dies die starre Gefühllosigkeit eines Vagabonden«, frug er sich, »oder die verstellte Verzweiflung eines unglücklichen Menschen?«

»Meine nächste Erinnerung betrifft die Schule«, fuhr der Andere fort. »Eine wohlfeile Anstalt in einem entlegenen Winkel von Schottland. Dorthin steckte man mich, und ein ungünstiger Bericht Seiten meiner Pfleger war die einzige Mitgift, die mir beim Beginne meines Lebenslaufes von ihnen zu Theil wurde. Ich verschone Sie mit der Geschichte der Schläge, die ich von dem Lehrer in der Schulstube, und der Fußstöße, die ich von den Knaben auf dem Spielhofe zu erdulden hatte. Die Undankbarkeit lag vermuthlich in meiner Natur; jedenfalls lief ich davon. Die erste Person, die mir begegnete, fragte mich nach meinem Namen. Ich war zu jung und zu dumm, um denselben zu verhehlen, und ward natürlich noch an demselben Abende nach der Schule zurückgebracht. Der Erfolg brachte eine Lehre für mich mit sich, die ich seitdem nicht vergessen habe. Vagabond, wie ich war, lief ich ein paar Tage später abermals fort. Allein der Hofhund der Schule hatte vermuthlich seine Instructionen erhalten; er hielt mich fest, ehe ich bis ans Thor gelangt war. Hier auf der Rückseite meiner Hand befindet sich unter andern Zeichen auch das seiner Zähne. Die Zeichen, die sein Herr auf mir zurückgelassen, kann ich Ihnen nicht zeigen; dieselben befinden sich alle auf meinem Rücken. Können Sie sich eine Vorstellung von meinem Eigensinne machen? Es lebte ein Teufel in mir, den kein Hund aus mir herauszuschütteln im Stande war; denn sowie ich wieder mein Lager verlassen konnte, rannte ich nochmals fort, und diesmal entkam ich. Gegen Abend befand ich mich, mit einer Tasche voll Hafergrütze die ich im Schulhause entwendet, auf einer Haide und legte mich unter dem Schutze eines großen, grauen Felsens in dem weichen Haidekraut nieder. Glauben Sie etwa, daß ich mich einsam fühlte? Wahrlich, nein! Ich war den Stockschlägen meines Lehrers, den Fußstößen meiner Schulkameradem meiner Mutter und meinem Stiefvater entwischt, und ich legte mich an diesem Abend als der glücklichste Knabe in ganz Schottland am Fuße meines Freundes, des Felsens, nieder!«

Durch den Einblick in die jammervolle Kindheit, den dieser einzige bedeutungsvolle Umstand zuließ, ward Mr. Brock Manches klar, was ihm bisher an dem Charakter des Mannes, der jetzt zu ihm sprach, unerklärlich gewesen war.

»Ich schlief fest am Fuße meines Freundes, des Felsens«, fuhr Midwinter fort, »und als ich am Morgen erwachte, sah ich an meiner Seite einen derben alten Mann mit einer Geige sitzen, der zwei tanzende Hunde in scharlachrothen Jacken mit sich führte, Die Erfahrung hatte mich zu schlau gemacht, um die ersten Fragen des Mannes der Wahrheit gemäß zu beantworten. Er drang auch nicht weiter in mich, gab mir ein gutes Frühstück aus seinem Ranzen und ließ mich mit den Hunden spielen. Nachdem er hierdurch mein Vertrauen gewonnen, redete er mich von neuem also an. »Ich will Dir etwas sagen. Du bedarfst dreier Dinge, mein kleiner Mann; eines neuen Vaters, neuer Geschwister und eines neuen Namens. Ich will Dein Vater sein; die Hunde will ich Dir zu Brüdern geben, und wenn Du mir versprechen willst, dieselben wohl in Acht zu nehmen, so sollst Du auch meinen Namen haben. Ozias Midwinter junior, Du hast ein gutes Frühstück genossen; verlangt es Dich nach einem guten Mittagessen, so komme mit mir!« Er stand auf, die Hunde trabten ihm nach, und ich folgte den Hunden. Wer war mein neuer Vater? werden Sie fragen. Ein halber Zigeuner, Sir, ein Trunkenbold, ein Raufbold und ein Dieb —— und der beste Freund, den ich je besessen! Ist nicht der Mann, der uns unsre Nahrung, unser Obdach und unsre Erziehung giebt, unser Freund? Ozias Midwinter lehrte mich den Highland-Fling tanzen, Purzelbäume schlagen, auf Stelzen gehen und Lieder zu seiner Geige singen. Zuweilen strichen wir im Lande umher und ließen uns auf den Jahrmärkten hören und sehen; zuweilen versuchten wir es in großen Städten und unterhielten schlechte Gesellschaften bei ihren Trinkgelagen. Ich war ein hübscher, lustiger, kleiner Knabe von elf Jahren, und die schlechte Gesellschaft —— namentlich die Weiber —— fand Gefallen an meinen gewandten Füßen. Ich war Vagabond genug, um Behagen an dieser Lebensweise zu finden. Die Hunde und ich lebten zusammen —— wir aßen und tranken und schliefen zusammen. Ich kann jener armen, kleinen, vierfüßigen Brüder selbst jetzt nicht ohne ein Gefühl der Wehmuth gedenken. Wir haben manche Tracht Schläge erhalten, haben manchen Tag mühseligen Tanzens mit einander verlebt, manche Nacht mit einander auf dem kalten Erdboden geschlafen und gewinselt. Ich wünsche nicht, Sie zu betrüben, Sir; ich erzähle Ihnen bloß die Wahrheit. Trotz allem Mühsale war dies ein Leben, das mir zusagte, und der Raufbold und halbe Zigeuner, der mir seinen Namen gab, war ein Mensch, den ich lieb hatte.«

»Ein Mensch, der Sie schlug!« rief Mr. Brock erstaunt.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sir, daß ich mit den Hunden zusammen lebte? und haben Sie je von einem Hunde gehört, der seinen Herrn weniger liebte, weil dieser ihn schlug? Hunderte und Tausende von Männern, Weibern und Andern würden jenen Menschen geliebt haben, wie ich ihn liebte, wenn er ihnen gegeben, was er mir gab —— das heißt, genug zu essen. Es war meistens gestohlenes Gut, und mein neuer Zigeunervater war freigebig mit demselben. Wenn er nüchtern war, traktierte er uns selten mit dem Stocke; doch in der Trunkenheit belustigte es ihn, uns schreien zu hören. Er starb im Rausche und genoß seine Lieblingsunterhaltung noch, wie er seinen letzten Athemzug that. Eines Tages —— ich war etwa zwei Jahre in seinem Dienste gewesen —— setzte er sich, nachdem er uns auf der Haide ein gutes Mittagessen gegeben, mit dem Rücken an einen Felsblock gelehnt, nieder, und rief uns zu sich, um sich mit seinem Stocke seine gewohnte Unterhaltung zu verschaffen. Zuerst machte er die Hunde heulen und dann rief er mich zu sich. Ich ging nicht sehr bereitwillig, denn er hatte mehr als gewöhnlich getrunken, und je mehr er trank, desto größeren Genuß gewährte ihm diese Unterhaltung. Er war an diesem Tage in vortrefflicher Laune, und er traf mich so kräftig, daß er, in seinem Zustande der Trunkenheit, durch die Gewalt seines Schlages niedergeworfen ward. Er fiel mit dem Gesichte in eine Pfütze und blieb dort regungslos liegen. Ich und die Hunde standen in einiger Entfernung und sahen nach ihm hin; wir glaubten, er verstelle sich, damit wir herangingen und er uns nochmals prügeln konnte. Allein er verstellte sich so lange, daß wir uns endlich zu ihm heran wagten Es währte einige Zeit, ehe ich ihn herum legen konnte, denn er war ein schwerer Mann. Als es mir endlich gelang, war er bereits todt. Wir erhoben ein so lautes Geschrei wie möglich; doch die Hunde waren klein, und ich war klein, und es war ein entlegener, einsamer Ort; kurz es kam keine Hilfe. Ich nahm seine Geige und seinen Stock und sagte zu meinen beiden Brüdern: »Kommt, wir müssen uns jetzt unsern Lebensunterhalt verdienen.« Schweren Herzens gingen wir von dannen und ließen ihn auf der Haide liegen. Es mag Ihnen unnatürlich erscheinen —— aber ich trauerte um ihn. Ich behielt seinen häßlichen Namen auf allen meinen späteren Wanderschaften bei und habe noch genug von dem alten Geist in mir, um an dem Klang desselben noch immer Gefallen zu finden. Midwinter oder Armadale —— das ist jetzt alles einerlei —— wir wollen davon später sprechen; vorher müssen Sie noch das Schlimmste von mir erfahren.«

»Warum nicht das Beste von Ihnen?« sagte Mr. Brock sanft.

»Ich danke Ihnen, Sie, aber ich bin hier, um die Wahrheit zu reden. Wir wollen jetzt, wenn es Ihnen gefällt, zu dem nächsten Kapitel in meiner Geschichte übergehen. Die Hunde und ich machten nach dem Tode unseres Herrn schlechte Geschäfte —— das Glück war gegen uns. Ich verlor einen meiner kleinen Brüder, den besten Tänzer der beiden; er wurde mir gestohlen, und ich fand ihn niemals wieder. Dann nahm mir ein Landstreicher, der kräftiger war als ich, mit Gewalt meine Geige und meine Stelzen ab. Diese Unglücksschläge knüpften Tommy und mich —— ich bitte um Vergebung, Sir, ich meine den Hund —— immer fester an einander. Ich denke mir, wir hatten beide eine unbestimmte Ahnung, daß unser Unglück noch nicht aus sei; jedenfalls währte es nicht lange, bis wir auf immer von einander getrennt wurden. Wir waren zwar keine Diebe, denn unser Herr hatte sich damit begnügt, uns tanzen zu lehren; dessen ungeachtet machten wir uns beide einer Eigenthumverletzung schuldig. Junge Geschöpfe, selbst wenn sie halb verhungert sind, können zuweilen nicht der Versuchung widerstehen, eines schönen Morgens einen Wettlauf zu halten. Tommy und ich rannten in die Baumanlagen eines vornehmen Herrn; der Herr gab viel auf sein Wild, und der Jäger des Herrn kannte seine Pflicht. Ich hörte den Knall einer Flinte —— dass Uebrige können Sie errathen. Gott verhüte, daß ich je wieder solchen Jammer fühle, wie in dem Augenblicke, da ich neben Tommy, lag und ihn todt und blutend in meinen Armen hielt! Der Jäger versuchte, uns zu trennen —— ich biß ihn, wie ein wildes Thier, wofür er zunächst seinen Stock an mir probierte —— er hätte ihn ebenso gut an einem Baume versuchen können. Der Lärm drang bis zu den Ohren zweier jungen Damen, die in der Nähe ritten —— die Töchter des Herrn, in dessen Eigenthum ich eingedrungen war. Sie waren zu wohlerzogen, um ihre Stimmen gegen das heilige Recht des Wildschutzes zu erheben; aber sie waren gutherzige Mädchen; sie bemitleideten mich und nahmen mich mit sich nach Hause. Ich erinnere mich, wie die Herren des Hauses, die alle leidenschaftliche Jäger waren, ein helles Gelächter aufschlugen, als ich, meinen kleinen todten Hund in den Armen, weinend an dem Fenster vorüberging. Denken Sie nicht, daß ich mich über ihr Gelächter beklage; dasselbe leistete mir gute Dienste —— es erweckte die Entrüstung der beiden Damen. Die eine derselben führte mich in ihren eignen Garten und zeigte mir eine Stelle, wo ich meinen Hund unter den Blumen begraben könne, ohne befürchten zu müssen, daß er je von andern Händen gestört werde Die andere ging zu ihrem Vater und überredete ihn, dem verlassenen kleinen Vagabonden unter einem der oberen Diener im Hause eine Gelegenheit zur Verbesserung seiner Lage zu geben.

Ja! Sie sind in der Gesellschaft eines Mannes umhergesegelt, der einst ein Bedienter war! Ich sah, wie Sie mich anblickten, als ich Mr. Armadale an Bord der Jacht durch mein Tischdecken belustigte; jetzt begreifen Sie, wie es kam, daß ich dies so ordentlich zu thun im Stande war und nichts dabei vergaß. Ich habe das Glück gehabt, einiges von der Gesellschaft zu sehen; ich habe geholfen, derselben den Magen zu füllen und die Stiefel zu putzen Meine Erfahrungen in der Bedientenstube waren jedoch nicht von langer Dauer. Ehe ich noch meine erste Livree abgetragen hatte, Ward ein Diebstahl im Hause begangen. Es war die alte Geschichte, und es ist unnöthig, dieselbe zum tausendsten Male zu erzählen. Es hatte Jemand Geld auf einem Tische liegen lassen und dasselbe dort nicht wiedergefunden; die ganze Dienerschaft konnte sich aus Zeugnisse ihrer Ehrlichkeit berufen, der Bedientenjunge ausgenommen, der unvorsichtigerweise zur Probe angenommen worden war. Nun, nun, ich hatte in diesem Hause bis zuletzt Glück, ich wurde nicht verklagt, etwas gestohlen zu haben, das ich nicht nur niemals angerührt, sondern sogar nicht einmal gesehen hatte —— ich wurde bloß fortgejagt. Eines Morgens ging ich in meinen alten Kleidern nach der Stelle, wo ich Tommy begraben hatte, küßte das Grab und nahm von meinem kleinen todten Hunde Abschied; dann stand ich wieder in der weiten Welt da. Ich war jetzt bereits dreizehn Jahre alt!«

»Kam Ihnen in dieser Verlassenheit und bei so zartem Alter nie der Gedanke, wieder zur Heimath zurückzukehren?« frug Mr. Brock.

»Ich kehrte noch an demselben Abende nach meiner Heimath zurück, Sir —— ich schlief auf dem blanken Erdboden. Welche andere Heimath gab es wohl für mich? In ein paar Tagen sah ich mich wieder in die großen Städte und in die schlechte Gesellschaft zurückgetrieben —— die großen öden Gefilde waren mir jetzt so einsam, da ich meine Hunde verloren hatte! Zunächst ward ich von zwei Matrosen aufgegriffen, ich war ein gewandter Bube und erhielt eine Stelle als Kajütenjunge an Bord eines Küstenfahrers, Eine Stelle als Kajütenjunge haben heißt soviel als im Schmutze leben, Unrath essen, die Arbeit eines Mannes auf Knabenschultern tragen und in regelmäßigen Zeiträumen das Tauende auf dem Rücken fühlen. Das Schiff legte in einem Hafen der Hebriden an. Ich war so undankbar wie gewöhnlich gegen meine Wohlthäter —— ich lief abermals davon. Einige Frauen fanden mich halb verhungert in den nördlichen Wildnissen der Insel Skye. Es war unsern der Meeresküste, und ich versuchte es zunächst unter den Fischersleuten. Bei meinem neuen Herrn ward ich zwar weniger mit dem Tauende tractirt, allein ich war jedem Wind und Wetter ausgesetzt und hatte Arbeit, die einen Knaben, der nicht wie ich durch ein Vagabondenleben abgehärtet war, getödtet haben würde. Ich kämpfte mich indessen durch alles hindurch, bis der Winter kam, und dann sandten die Fischer mich wieder in die Welt hinaus. Ich tadele sie nicht dafür —— es gab wenig Lebensmittel auf der Insel und viele hungrige Mägen. Warum sollten sie, Hungersnoth vor Augen, einen Knaben bei sich behalten, der nicht zu ihnen gehörte? Eine große Stadt war im Winter meine einzige Chance; deshalb ging ich nach Glasgow, und wäre, dort angelangt, fast dem Löwen in den Rachen gefallen. Ich hatte die Aufsicht über einen leeren Karren auf dem Broomielaw übernommen, als ich plötzlich auf der Trottoirseite von dem Pferde, das ich hielt, die Stimme meines Stiefvaters hörte. Er war einem Bekannten begegnet, und zu meinen! Erstaunen und Schrecken unterhielten sie sich von mir. Hinter dem Pferde versteckt, hörte ich genug von ihrem Gespräche, um zu erfahren, daß ich, ehe ich an Bord des Küstenfahrers gegangen, mit genauer Noth der Entdeckung entgangen war. Zu jener Zeit war ich mit einem Vagabonden meines Alters zusammengetroffen, da wir aber Streit mit einander bekommen, hatten wir uns wieder getrennt. Den Tag darauf stellte mein Stiefvater in demselben Districte seine Nachforschungen nach mir an, und da er keine genaue Personenbeschreibung zu erlangen vermochte, war er mit sich uneinig, welchem der beiden Knaben er folgen solle. Der eine, hörte er, sei unter dem Namen Brown, und der andere unter dem Namen Midwinter bekannt. Brown war gerade der gewöhnliche Name, den ein schlauer fortgelaufener Knabe annehmen, Midwinter dagegen ein auffallender Name, den er wahrscheinlich meiden würde. Man hatte deshalb Brown verfolgt und mir dadurch Gelegenheit zum Entkommen gegeben. Ich überlasse es Ihnen, sich zu denken, ob ich danach nicht doppelt und dreifach entschlossen war, den Namen meines Zigeunerherrn beizubehalten. Mein Entschluß ging jedoch noch weiter; ich beschloß, das Land ganz zu verlassen. Nachdem ich ein paar Tage im Hafen umher gelauert, entdeckte ich, welches der fremden Schiffe zuerst absegeln werde, und versteckte mich an Bord desselben. Der Hunger hätte mich fast aus meinem Versteck hervorgetrieben, ehe der Lootse das Schiff verlassen hatte, aber der Hunger war nichts Neues für mich, und ich blieb, wo ich war. Als ich auf dem Verdeck erschien, war der Lootse fort, und es blieb dem Capitän nichts weiter übrig, als mich entweder zu behalten oder über Bord zu werfen. Er sagte. —— und ich bezweifle nicht, daß er die Wahrheit sprach —— er würde mich lieber über Bord geworfen haben; doch die Majestät des Gesetzes ist zuweilen selbst die Freundin eines Vagabonden wie ich. Aus diese Weise kehrte ich zum Seeleben zurück und lernte genug, um mich auf, Mr. Armadales Jacht nützlich zu machen. Ich machte mehr als eine Reise, in mehr als einem Schiffe, nach mehr als einem Theile der Welt, und ich hätte dieses Leben vielleicht fortsetzen können, wenn es mir möglich gewesen wäre, mir alles und jedes ruhig gefallen zu lassen und mein Temperament zu beherrschen. Ich hatte viel gelernt; doch da ich dies Eine nicht gelernt hatte, mußte ich den letzten Theil meiner letzten Heimfahrt nach Bristol in Eisen zurücklegen; und dort sah ich, der Meuterei gegen einen meiner Vorgesetzten angeklagt, zum ersten Male das Innere eines Gefängnisses Sie haben mich mit außerordentlicher Geduld angehört, Sir, und ich freue mich, Ihnen dafür sagen zu können, daß wir nicht mehr weit von dem Ende meiner Geschichte entfernt sind. Wenn ich nicht irre, so fanden Sie einige Bücher, als Sie in dem Wirthshause in Sommersetshire mein Gepäck durchsuchten?«

Mr. Brock bejahte die Frage.

»Jene Bücher bezeichnen den nächsten Wechsel in meinem Leben, und zwar den letzten bis zu der Zeit, wo ich die Stelle eines Unterlehrers an jener Schule annahm. Meine Gefangenschaft war nicht von langer Dauer. Meine Jugend sprach vielleicht für mich, oder die Magistratsherrn von Bristol zogen möglicherweise den Umstand in Betracht, daß ich schon so lange an Bord des Schiffes in Fesseln gelegen hatte. Wie dem immer sein mochte, als ich wieder in die Welt hinaustrat, war ich eben siebzehn Jahre alt. Ich hatte keine Angehörigen, von denen ich aufgenommen zu werden hoffen durfte; ich hatte keine Heimath. Das Seeleben war nach dem, was ich dabei erfahren, ein Leben, vor dem ich mit Abscheu zurück bebte. So stand ich unter der Menschenmenge auf der Brücke zu Bristol und dachte, was ich nur mit meiner Freiheit anfangen solle, da ich dieselbe jetzt zurückerhalten. Ob in dem Gefängnisse eine Veränderung mit mir vorgegangen war, oder ob ich den Charakterwechsel fühlte, der das herannahende Mannesalter begleitet —— ich weiß es nicht; aber das alte leichtsinnige Vergnügen an dem früheren Vagabondenleben schien gänzlich aus meiner Natur gewichen. In einem fürchterlichen Gefühl der Einsamkeit wanderte ich, da mir vor dem freien Felde graute, bis nach Einbruch der Nacht in den Straßen von Bristol umher. Mit jämmerlichem Neide gegen die, welche in den Häusern wohnten, sah ich, wie in den Erdgeschossen derselben die Kerzen angezündet wurden. Ein Wort des Rathes würde in jenem Augenblicke viel für mich werth gewesen sein. Nun, dasselbe ward mir vergönnt: Ein Constabler befahl mir, weiter zu gehen. Er hatte vollkommen Recht —— was konnte ich wohl anders thun? Ich schaute zum Nachthimmel empor, und dort sah ich meinen alten Freund von mancher Nachtwache auf dem Wasser her —— den Polarstern. »Die Punkte des Compasses sind mir alle einerlei«, dachte ich bei mir; »ich will deiner Richtung nachgehen.« Doch selbst der Stern wollte mir an diesem Abend nicht Gesellschaft leisten. Er verbarg sich hinter einer Wolke und ließ mich im Regen und in der finsterenis; allein. Tastend fand ich den Weg nach einem Karrenschuppen, schlief dort ein und träumte von den alten Zeiten, als ich noch meinem Zigeunerherrn diente und mit den Hunden zusammenlebte. O Gott, was würde ich nicht darum gegeben haben, wenn ich beim Erwachen Tommy’s kleine feuchte Schnauze in meiner Hand gefühlt hätte! Doch warum Verweile ich bei diesen Dingen? Warum eile ich nicht lieber dem Ende zu? Sie sollten mich nicht durch so geduldiges Zuhören dazu ermuthigen, Sir.«

Nachdem ich wieder eine Woche lang, ohne Aussicht auf Hilfe, umhergewandert war, befand ich mich eines Tages in den Straßen von Shrewsbury und stierte in die Fenster eines Buchhändlerladens. Es kam ein alter Mann an die Ladenthür; er schaute um sich und erblickte mich. »Sucht Ihr Arbeit?« frug er mich, »und haltet Ihr Euch nicht zu gut, um es billig zu thun?« Die Aussicht auf Beschäftigung und auf die Gelegenheit, ein Wort mit einem menschlichen Wesen reden zu können, verlockte mich und ich übernahm ein schmutziges Tagewerk in einer Buchhändlerniederlage für einen Schilling. Ich erhielt noch mehr Arbeit dieses Schlages. Nach einer Woche ward ich dazu befördert, den Laden auszukehren und die Fensterläden zu schließen; bald darauf wurden mir die Bücher zum Austragen anvertraut, und als das Vierteljahr zu Ende war und der Ladendiener seine Stelle verließ, erhielt ich dieselbe. »Erstaunliches Glück!« werden Sie sagen; denn hier hatte ich endlich den Weg zu einem Freunde gefunden. Ich hatte den Weg zu einem der unbarmherzigsten Geizhälse in ganz England gefunden und mich durch ein ganz einfaches commercielles Verfahren in der kleinen Welt von Shrewsbury emporgearbeitet, indem ich meine Dienste wohlfeiler gab, als alle meine Mitbewerber. Die Arbeit in der Niederlage war von allen Leuten der Stadt, die gerade beschäftigungslos waren, ausgeschlagen worden —— und ich übernahm dieselbe. Der regelmäßig angestellte Markthelfer nahm seinen armseligen Wochenlohn unter allwöchentlichem Protest in Empfang; ich dagegen begnügte mich mit zwei Schillingen weniger und erhob keine Klage. Der Ladendiener sagte seinem Herrn den Dienst auf, weil er nicht allein zu schlecht besoldet, sondern auch zu schlecht beköstigt wurde. Ich erhielt die Hälfte seines Gehalts und ernährte mich von den spärlichen Brocken, die mir mein Herr zukommen ließ. Noch nie paßten zwei Menschen besser für einander, als jener Buchhändler und ich! Sein einziger großer Lebenszweck ging dahin, Jemand zu finden, der bereit war, seine Arbeit für Hungerlohn zu thun; mein einziger Lebenszweck, Jemanden zu finden, der mir ein Obdach geben wollte. Ohne ein einziges Gefühl mit einander gemein zu haben; ohne daß überhaupt irgendein Gefühl, ob der Feindschaft oder Freundschaft, zwischen uns erwuchs; ohne einander abends an der Haustreppe Gute Nacht, oder morgens am Ladentische Guten Morgen zu wünschen —— lebten wir, von Anfang bis zu Ende einander fremd, zwei Jahre lang zusammen in jenem Hause. Dies war eine traurige Existenz für einen Burschen in meinem Alter, wie? Sie sind ein Geistlicher und Gelehrter und können deshalb gewiß errathen, was mir jenes Leben erträglich machte.«

Mr. Brock erinnerte sich der zerlesenen Bände, die in der Handtasche des Unterlehrers gefunden worden waren. »Die Bücher machten Ihnen dasselbe erträglich«, sagte er.

Die Augen des Armen funkelten in einem neuen Lichte.

»Ja«, sagte er, »die Bücher —— die großmüthigen Freunde, die mir ohne Argwohn entgegenkamen —— die barmherzigen Lehrer, die mich nie mißhandelten! Die einzigen Jahre meines Lebens, auf die ich mit einer Art von Stolz zurückzublicken im Stande bin, waren die, welche ich im Hause des Geizhalses zubrachte. Das einzige unverdorbene Vergnügen, das ich je genossen, ist das, welches ich auf den Bücherbrettern des Geizhalses fand. Früh nnd spät, an den langen Winterabenden und den stillen Sommertagen, trank ich an der Quelle des Wissens, ohne des Trunkes überdrüssig zu werden. Wir hatten wenig Kunden zu bedienen, denn die Bücher waren meistens von der soliden, wissenschaftlichen Sorte. Es ruhten keine Verantwortlichkeiten auf mir, denn die Rechnungsbücher wurden von meinem Herrn geführt und es gingen nur geringe Geldsummen durch meine Hände. Er lernte mich bald hinreichend kennen, um zu wissen, daß er meiner Ehrlichkeit vertrauen und sich auf meine Geduld verlassen dürfe, wie er mich immer behandeln mochte. Der einzige Einblick, den ich in seinen Charakter that, entfernte mich noch mehr von ihm. Er war im Geheimen ein leidenschaftlicher Opiumesser —— in Laudanum förmlich verschwenderisch, obgleich in allem Uebrigen ein Geizhals. Er gestand mir diese Schwäche niemals ein, und ich sagte ihm nie, daß ich dieselbe entdeckt habe. Er genoß sein Vergnügen allein, und ich genoß das meinige ebenso. Eine Woche nach der andern, einen Monat nach dem andern saßen wir da, ohne je ein freundschaftliches Wort mit einander auszutauschen; ich allein mit meinem Buche an dem Ladentische, er allein mit seinem Rechnungsbuche in seinem Privatzimmer, wo er mir durch das schmutzige Fenster der Glasthür undeutlich sichtbar war, wie er zuweilen stundenlang über seinen Zahlen brütete oder regungslos in der Verzückung des Opiumrausches dasaß. Die Zeit verging und brachte keine Veränderungen für uns mit sich; die Jahreszeiten zweier Jahre wechselten und ließen uns unverändert. Eines Morgens, zu Anfange des dritten Jahres, erschien mein Herr nicht wie gewöhnlich, um mir mein Frühstück zuzumessen. Ich ging auf sein Zimmer und fand ihn hilflos im Bette. Er weigerte sich, mir die Schlüssel zum Vorrathschranke anzuvertrauen oder mich einen Doctor holen zu lassen. Ich kaufte mir ein Stückchen Brod und kehrte zu meinen Büchern zurück, und zwar ohne mehr für ihn zu fühlen —— dies gestehe ich offen —— als er unter ähnlichen Umständen für mich gefühlt haben würde. Ein paar Stunden später ward ich von einem gelegentlichen Kunden, einem Arzte, der seine Praxis aufgegeben, in meiner Lectüre gestört. Er ging in das Zimmer meines Herrn hinauf, und ich war froh, seiner los zu werden, um zu meinen Büchern zurückzukehren. Er kam wieder herunter und unterbrach mich nochmals. »Ihr gefallt mir nicht besonders, mein Bursche«, sagte er zu mir; »aber ich halte es für meine Pflicht, Euch zu sagen, daß Ihr bald für Euch selber zu sorgen genöthigt sein werdet. Ihr seid nicht sehr beliebt im Orte und werdet deshalb vielleicht einige Mühe haben, eine neue Stelle zu finden. Laßt Euch daher ein schriftliches Zeugniß von Eurem Herrn geben, ehe es zu spät ist.« Er sprach mit Kälte. Ich dankte ihm meinerseits ebenfalls kalt und verschaffte mir noch an demselben Tage das Zeugnis. Glauben Sie etwa, mein Herr habe mir dasselbe umsonst gegeben? Er dachte nicht daran! Noch auf dem Sterbebette handelte er mit mir. Er war mir den Gehalt für einen Monat schuldig und wollte keine Zeile von dem Zeugnisse schreiben, bis ich ihm verspräche, jene Schuld nicht von ihm zu fordern. Drei Tage später starb er, nachdem er bis zuletzt die Seligkeit genossen, seinen Ladendiener zu übervortheilen. »Aha!« flüsterte er, als der Arzt mich zu ihm gebracht hatte, damit ich Abschied von ihm nähme; »ich hab’ Euch wohlfeil gehabt!« War wohl Ozias Midwinters Stock so grausam wie dies? Mir scheint es nicht!

Nun, da stand ich wieder draußen in der Welt, doch diesmal sicherlich mit besseren Aussichten. Ich hatte auf eigene Hand Lateinisch, Griechisch und Deutsch gelernt und hatte ein schriftliches Zeugniß aufzuweisen, das zu meinen Gunsten sprach. Es nützte alles nichts! Der Arzt hatte vollkommen Recht —— ich war nicht beliebt im Orte. Die niederen Klassen verachteten mich, weil ich dem Geizhalse für seinen schmalen Lohn gedient hatte. Was die besseren Klassen betrifft, so ging es mir mit ihnen —— Gott mag wissen, wie es kam wie es mir, Mr. Armadale ausgenommen, stets mit allen Leuten ergangen ist —— ich machte im ersten Augenblicke einen unangenehmen Eindruck, und dies konnte ich später nicht wieder gut machen. Es ist höchst wahrscheinlich, daß ich alle meine Ersparnisse, mein armseliges kleines goldenes Erzeugniß zweier kümmerlicher Jahre ausgegeben hätte, wenn ich nicht in einem Localblatte eine Schullehrerstelle angezeigt gefunden hätte. Die herzlosen Bedingungen derselben ermuthigten mich, mich um die Stelle zu bewerben, und ich erhielt dieselbe. Wie es mir in der Schule erging und was dann ferner aus mir wurde, brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Der Faden meiner Erzählung ist völlig abgewunden; mein Vagabondenleben liegt, alles Geheimnisses entkleidet, vor Ihnen, und Sie wissen endlich das Schlimmste von mir.«



Kapiteltrenner

Elftes Kapitel.

Den letzten Worten der Erzählung Midwinter’s die wir im vorigen Kapitel berichtet haben, folgte ein kurzes Schweigen. Dann verließ Midwinter den Fenstersitz und kam mit dem Briefe aus Wildbad in der Hand an den Tisch zurück.

»Das Bekenntniß meines Vaters hat Ihnen gesagt, wer ich bin, und das meinige, welch ein Leben ich geführt habe«, sagte er zu Mr. Brock, ohne den Sitz anzunehmen, den der Pfarrer ihm mit der Hand andeutete. »Als ich um Erlaubniß bat, in dies Zimmer kommen zu dürfen, versprach ich, mir durch ein offenes Geständniß die Brust zu erleichtern. Habe ich Wort gehalten?«

»Es unterliegt dies keinem Zweifel«, erwiderte Mr. Brock »Sie haben Ihr Anrecht an mein Zutrauen und meine Theilnahme dargethan, und ich würde in der That ein gefühlloser Mensch sein, wenn ich, nachdem ich die Geschichte Ihrer Jugend gehört, für Allan’s Freund nicht etwas von Allan’s Freundschaft fühlte.«

»Ich danke Ihnen, Sir«, sagte Midwinter einfach und ernst. Dann setzte er sich zum ersten Male Mr. Brock gegenüber an den Tisch.

»In wenigen Stunden werden Sie diesen Ort verlassen haben«, fuhr er fort. »Falls ich dazu beitragen kann, daß Sie denselben mit beruhigtem Gemüthe verlassen, so will ich dies thun. Wir haben noch mehr mit einander zu sprechen; meine zukünftigen Beziehungen zu Mr. Armadale sind noch nicht festgestellt worden, und die ernste Frage, die in dem Briefe meines Vaters: aufgeworfen wird, ist noch nicht von uns in Erwägung gezogen worden.«

Er schwieg und blickte mit einer momentanen Ungeduld auf die im Morgengrauen noch immer auf dem Tische brennende Kerze. Der Kampf, mit vollkommener Fassung zu sprechen und seine eigenen Gefühle in stoischem Gleichmuth außer Betracht zu lassen, wurde ihm offenbar immer schwerer und schwerer.

»Sie werden vielleicht schneller zu einer Entscheidung kommen«, fuhr er fort, »wenn ich Ihnen erzähle, in welcher Weise ich, nachdem ich diesen Brief gelesen und mich hinreichend gesammelt hatte, um überhaupt wieder denken zu können, in Bezug auf die Namensgemeinschaft zwischen mir und Mr. Armadale gegen Letzteren zu handeln beschloß.« Er hielt inne und warf abermals einen ungeduldigen Blick auf die Kerze. »Wollen Sie die seltsame Grille eines seltsamen Menschen entschuldigen?« frug er mit einem matten Lächeln. »Ich möchte das Licht auslöschen —— ich möchte von dem neuen Gegenstande bei neuem Lichte redete.«

Bei diesen Worten löschte er die Kerze aus und ließ das erste zarte Morgenlicht ins Zimmer strömen.

»Ich muß Sie nochmals um Ihre Geduld bitten«, fuhr er fort, »indem ich wieder auf einen Augenblick zu mir selbst und meinen Verhältnissen zurückkehre. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß mein Stiefvater, einige Jahre nachdem ich die Schule in Schottland verlassen, Versuche machte, mich wiederzufinden. Er that diesen Schritt nicht etwa aus persönlicher Besorgniß oder Theilnahme für mich, sondern ganz einfach als Agent der Administratoren des Vermögens meines Vaters. Diese hatten, zur Zeit der Emancipation der Sklaven und des Ruins aller westindischen Besitzungen nach ihrem besten Dafürhalten die Güter auf der Insel Barbadoes um den Preis verkauft, den sie eben für dieselben erhalten konnten. Nachdem sie den Erlös angelegt, waren sie verpflichtet, eine jährliche Summe für meine Erziehung auszusetzen, und diese Verantwortlichkeit nöthigte sie zu dem Versuche, meine Spur zu entdecken —— der, wie Sie bereits wissen, ein fruchtloser war. Ein wenig später wurde ich, wie ich seitdem erfahren habe, durch eine Zeitungsannonce die mir niemals zu Gesicht gekommen ist, aufgerufen, und noch später, als ich einundzwanzig Jahre alt war, erschien eine zweite Annonce in der Zeitung, welche ich selbst gelesen habe und die eine Belohnung für den Nachweis meines Todes bot. Falls ich am Leben war, hatte ich, sobald ich mündig geworden, Ansprüche an die Hälfte des Erlöses aus den verkauften Gütern; war ich aber todt, so fiel das Ganze meiner Mutter zu. Ich ging zu den Advokaten und erfuhr von diesen, was ich Ihnen soeben mitgetheilt habe. Nach einigen Schwierigkeiten, meine Identität zu beweisen, und nach einer Zusammenkunft mit meinem Stiefvater und einem Gruße von meiner Mutter, der uns hoffnungsloser denn je von einander getrennt hat —— wurden meine Rechte anerkannt, und das Geld ist jetzt für mich unter dem Namen, der wirklich der meinige ist, in Staatspapieren angelegt.«

Mr. Brock rückte begierig näher an den Tisch. Er sah, daß der Sprechende sich jetzt dem Ende näherte.

»Zweimal des Jahres «, fuhr Midwinter fort, »bin ich genöthigt, meinen eignen Namen zu unterzeichnen, um mein Einkommen zu erhalten. Zu allen andern Zeiten und unter allen andern Umständen darf ich unter jedem mir beliebigen Namen meine Identität verbergen. Mr. Armadale machte meine Bekanntschaft als Ozias Midwinter und als Ozias Midwinter soll er mich bis zum letzten Tage meines Lebens kennen. Welcher Art der Erfolg dieser Unterredung immer sei —— ob ich Ihr Vertrauen gewinne oder verliere —— so dürfen Sie sich wenigstens einer Sache versichert halten: Ihr Zögling soll nie das gräßliche Geheimniß erfahren, welches ich Ihnen anvertraut habe. Dies ist kein außerordentlicher Entschluß, denn es kostet mich, wie Sie bereits wissen, keine besondere Ueberwindung, meinen angenommenen Namen beizubehalten. Andrerseits liegt in diesem Verfahren durchaus nichts Ruhm würdiges; dasselbe ist die ganz natürliche Folge der Dankbarkeit eines erkenntlichen Mannes. Ueberlegen Sie sich die Verhältnisse, Sir, und lassen Sie mein persönliches Grauen vor einer Offenbarung derselben gegen Mr. Armadale außer Frage. Falls die Geschichte der Namen je erzählt wird, so kann dieselbe nicht auf die Enthüllung des Verbrechens meines Vaters beschränkt bleiben; es würde die Mittheilung der Geschichte von Mrs. Armadales Heirath bedingen. Ich habe ihren Sohn von ihr reden hören; ich weiß, wie sehr er ihr Andenken liebt. So wahr Gott mein Zeuge ist, dasselbe soll ihm durch mich nie minder theuer gemacht werden!«

Ungeachtet der Einfachheit, mit der diese Worte gesprochen wurden, berührten dieselben doch die zartesten Saiten in der Natur des Pfarrers; sie führten seine Gedanken an Mrs. Armadale’s Sterbelager zurück. Dort saß der Mann, vor dem sie ihn im Interesse ihres Sohnes gewarnt hatte, ohne ihn zu kennen —— und dieser Mann hatte aus freien Stücken die Verpflichtung auf sich genommen, um ihres Sohnes willen ihr Geheimniß zu achten! Die Erinnerung an seine eigenen früheren Bemühungen der Freundschaft ein Ende zu machen, aus der dieser Entschluß entsprang, erhob sich vor seinem Geiste und machte Mr. Brock bittere Vorwürfe. Er reichte Midwinter zum ersten Male die Hand. »Ich danke Ihnen«, sagte er mit Wärme, »in ihrem Namen und im Namen ihres Sohnes.«

Midwinter legte, ohne etwas zu erwidern, das Bekenntniß offen auf den Tisch.

»Ich glaube alles gesagt zu haben, was zu sagen meine Pflicht war, ehe ich zu den Betrachtungen in Bezug auf diesen Brief überging«, fuhr er fort. »Was Ihnen in meinem Benehmen gegen Sie und Mr. Armadale seltsam erschienen ist, wird sich jetzt leicht von selbst erklären. Sie werden leicht begreifen, daß ich mich der Enthüllung unserer Namensgleichheit nur deshalb enthielt, weil ich meiner Stellung nicht schaden mochte —— wenigstens in Ihrer Meinung, wenn auch nicht in der seinigen —— indem ich bekannte, daß ich mich unter einem angenommenen Namen bei Ihnen eingeführt. Und nach allem, was Sie soeben über mein Vagabondenleben und meinen niedrigen Umgang erfahren haben, werden Sie sich kaum über das hartnäckige Schweigen verwundern, das ich zu einer Zeit über mich selber bewahrte, wo ich noch nicht die Verantwortlichkeit fühlte, die meines Vaters Bekenntniß mir auferlegt hat. Wir können, falls Sie es wünschen, ein andermal zu diesen unbedeutenden persönlichen Angelegenheiten zurückkehren; dieselben dürfen uns nicht von den wichtigeren Dingen abhalten, über die wir entscheiden müssen, ehe Sie diesen Ort verlassen. Wir müssen jetzt ——« seine Stimme bebte, und er wandte plötzlich das Gesicht dem Fenster zu, sodaß der Pfarrer dasselbe nicht sehen konnte. »Wir müssen jetzt«, wiederholte er, und seine Hand, die den Brief hielt, zitterte sichtlich, »zu dem Morde an Bord des Holzschiffes und der Warnung kommen, die mir aus dem Grabe meines Vaters gefolgt ist.«

Leise, wie wenn er fürchtete, daß dieselben bis zu Allan dringen könnten, der im anstoßenden Zimmer schlief —— las er die letzten fürchterlichen Worte, welche die Feder des Schotten zu Wildbad niedergeschrieben hatte, wie dieselben von den Lippen seines Vaters gekommen waren.

«Meide die Wittwe des Mannes, den ich getödtet habe, falls sie noch am Leben ist. Meide das Mädchen, dessen gottlose Hand den Pfad zu ihrer Heirath ebnete, falls dieses Mädchen noch in ihrem Dienste ist. Und vor allem meide den Mann, dessen Name auch der Deinige ist. Beleidige Deinen besten Wohlthäter, falls der Einfluß dieses Wohlthäters Euch mit einander in Berührung gebracht hat. Verlasse das Weib, das Dich liebt, falls dieses Weib ein Verbindungsglied zwischen ihm und Dir ist. Verbirg Dich vor ihm unter einem falschen Namen. Mögen Gebirge und Meere Dich von ihm trennen. Sei undankbar, sei unversöhnlich; sei, ehe Du mit jenem Manne unter demselben Dache wohnst oder dieselbe Luft athmest, lieber alles, was Deiner besseren Natur am meisten zuwider ist. Laß die beiden Allan Armadale einander nie in dieser Welt begegnen; nie, nie, nie!«

Nachdem er diese Zeilen gelesen, schob er, ohne aufzublicken, das Manuskript von sich. Die unglückselige Zurückhaltung, die er vor wenigen Minuten so glücklich zu überwinden angefangen, bemächtigte sich seiner wieder. Seine Augen wurden abermals unstät und seine Stimme sank. Ein Fremder, der seine Geschichte gehört und ihn jetzt gesehen hätte, würde gesagt haben, sein Blick sei falsch, sein Wesen schlecht; er sei Zoll für Zoll der echte Sohn seines Vaters.

»Ich wünsche eine Frage an Sie zu richten«, sagte Mr. Brock, seinerseits das Schweigen brechend. »Warum haben Sie soeben jene Stelle in dem Briefe Ihres Vaters gelesen?«

»Um mich zu zwingen, die Wahrheit zu reden«, war die Antwort. »Ehe Sie mir gestatten, Mr. Armadale’s Freund zu sein, müssen Sie wissen, wie viel mir von meinem Vater anhaftet. Ich erhielt meinen Brief gestern früh, und von einer geheimen Ahnung ergriffen, ging ich allein nach dem Meeresstrand hinunter, ehe ich das Siegel erbrach. Glauben Sie, daß die Todten in die Welt zurückkehren können, in der sie einst gelebt haben? Ich glaube, daß mein Vater in diesem hellen Morgenlichte, beim Glanze jenes funkelnden Sonnenscheins und dem Gebrüll der freudig rauschenden Meereswogen zu mir kam und mich beobachtete, während ich las. Als ich zu den Worten kam, die ich Ihnen soeben vorlas, und als ich wußte, daß das Ende, welches er in seiner Sterbestunde befürchtet hatte, wirklich gekommen war —— da fühlte ich, wie mich dasselbe Grausen beschlich, das auch ihn in seinen letzten Augenblicken ergriffen hatte. Ich kämpfte gegen mich selber, wie er es von mir verlangte, und versuchte alles zu sein, was meiner besseren Natur am meisten zuwider war; ich versuchte, ohne dem Mitleid Raum zu geben, darüber nachzudenken, auf welchem Wege ich es dahin bringen könnte, daß Meere und Berge mich von dem Manne trennten, der meinen Namen führt. Es vergingen viele Stunden, ehe ich es über mich vermochte, zurückzukehren und mich der Gefahr eines Begegnens mit Allan Armadale in diesem Hause auszusetzen. Als ich endlich zurückkam und er mir auf der Treppe begegnete, war mirs, als blickte ich ihm ins Gesicht, wie mein Vater dem seinigen ins Gesicht geblickt, als die Kajütenthür sich zwischen ihnen geschlossen hatte. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse, Sir«, sagen Sie, wenn Sie wollen, daß ich meines Vaters heidnischen Aberglauben an ein Schicksal geerbt habe. Ich will dies nicht bestreiten; ich will es nicht leugnen, daß während des ganzen gestrigen Tages sein Aberglaube auch der meinige war. Die Nacht war hereingebrochen, ehe ich den Weg zu ruhigeren und besseren Gedanken finden konnte. Aber ich fand denselben endlich. Sie dürfen es mir als etwas anrechnen, daß ich mich endlich von dem Einflusse dieses fürchterlichen Briefes freimachte. Wissen Sie, was mir dazu behilflich war?«

»Vernunftgründe?«

»Mit Vernunftgründen vermag ich nichts wider meine Gefühle auszurichten.«

»Beruhigten Sie Ihr Gemüth durch Gebet?«

»Ich war nicht in einem Zustande, um zu beten.«

»Und dennoch führte Sie etwas zu dem besseren Gefühle und der richtigeren Ansicht?«

»Ja —— etwas.«

»Was war es?«

»Meine Liebe zu Allan Armadale.«

Indem er diese Antwort gab, warf er einen zweifelhaften, fast furchtsamen Blick auf Mr. Brock und kehrte, plötzlich vom Tische aufstehend, an den Fenstersitz zurück.

»Habe ich nicht das Recht, in dieser Weise von ihm zu reden«, frug er, dem Pfarrer sein Gesicht verbergend. »Kenne ich ihn noch nicht lange genug? Habe ich noch nicht genug für ihn gethan? Erinnern Sie sich, welcher Art meine Erinnerungen von andern Leuten waren, als er mir zuerst seine Hand entgegenstreckte, als ich zum ersten Male in meinem Krankenzimmer seine Stimme hörte? Welcher Art waren von meiner Kindheit an meine Erfahrungen in Bezug auf Fremde gewesen? Ich hatte dieselben nur als Menschen kennen gelernt, die ihre Hände erhoben, um mir zu drohen oder mich zu schlagen. Aber seine Hand glättete das Kissen unter meinem Haupte und klopfte mich sanft auf die Schulter und reichte mir Speise und Trank. Was waren meine Erfahrungen von anderer Leute Stimmen, als ich selbst zum Manne herangewachsen war? Ich hatte nur Stimmen gekannt, welche meiner spotteten, die mir fluchten, Stimmen, die schmachvolles Mißtrauen gegen mich ausstreuten. Seine Stimme dagegen sprach zu mir: »Frohen Muth, Midwinter! Wir wollen Sie bald wieder auf die Beine bringen. In einer Woche werden Sie kräftig genug sein, um in unsern hübschen Alleen von Sommersetshire mit mir spazieren zu fahren.«

Erinnern Sie sich des Zigeunerprügels; erinnern Sie sich jener Teufel, die über mich lachten, als ich, meinen kleinen todten Hund im Arme tragend, an ihrem Fenster vorüberging; erinnern Sie sich des Herrn, der mich auf seinem Sterbebette um meinen Monatslohn betrog —— und dann fragen Sie ihr eigenes Herz, ob der elende Wicht, den Allan Armadale als seinen Freund und Seinesgleichen behandelt, zu viel gesagt hat, wenn er sagt, daß er ihn liebt? Ich liebe ihn! Es muß heraus; ich kann es nicht unterdrücken. Ich liebe den Boden, den sein Fuß berührt; ich würde mein Leben hingeben —— ja, dieses Leben, das mir jetzt kostbar ist, seitdem seine Güte dasselbe glücklich gemacht hat —— ich sage Ihnen, ich würde mein Leben ——«

Die letzten Worte erstarben auf seinen Lippen; eine heftige krampfhafte Leidenschaft überwältigte ihn. Er streckte seine Hand mit einer wilden, flehenden Gebärde gegen Mr. Brock aus; sein Haupt sank auf das Fensterbrett und er brach in Thränen aus.

Doch die harte Disciplin seines Lebens machte sich selbst hier geltend. Er erwartete keine Theilnahme; er rechnete auf keine mitleidsvolle menschliche Achtung für seine menschliche Schwachheit Die grausame Nothwendigkeit der Selbstbeherrschung war seinem Geiste gegenwärtig, während ihm die Thränen über die Wangen strömten. »Gestatten Sie mir eine Minute«, sagte er mit schwacher Stimme. »Ich werde es in einer Minute überwunden haben und will Sie nicht wieder in dieser Weise betrüben.«

Seinem Entschlusse getreu, hatte er es in der That in einer Minute überwunden; und dann vermochte er mit Fassung weiter zu reden.

»Wir wollen zu jenen besseren Gedanken zurückkehren, Sir, die mich gestern Abend nach Ihrem Zimmer führten«, fuhr er fort. »Ich kann nur wiederholen, daß ich die Gewalt, mit welcher dieser Brief mich gepackt hatte, nimmer abzuschütteln im Stande gewesen wäre, wenn ich nicht Allan Armadale mit der ganzen Bruderliebe geliebt hätte, deren meine Natur fähig ist. Ich sprach zu mir: »Wenn der Gedanke, ihn zu verlassen, mir das Herz bricht, so ist dieser Gedanke ein unrechter!« Dies war vor einigen Stunden, und ich bin noch immer derselben Ansicht Ich kann und will nicht glauben, daß eine Freundschaft, die lediglich der Güte auf der einen Seite und der Dankbarkeit auf der andern ihren Ursprung verdankt, zu einem bösen Ende zu führen bestimmt ist. Ich unterschätze die seltsamen Umstände, die uns zu Namensbrüdern gemacht haben, nicht; auch nicht die seltsamen Umstände, die uns zusammengeführt und einander werth gemacht haben; noch die seltsamen Dinge, die sich seitdem für uns beide ereignet haben. Dieselben mögen sich in meinen Gedanken alle an einander reihen, und sie thun dies; aber sie sollen mich nicht abschrecken. Ich will eben nicht glauben, daß diese Ereignisse eine Fügung des Schicksals und ein schlechtes Ende zu nehmen bestimmt sind, sondern vielmehr, daß sie eine Fügung Gottes sind und zum Guten führen sollen. Entscheiden Sie, der Sie ein Geistlicher sind, zwischen dem todten Vater, dessen Worte in diesen Blättern stehen, und dem lebenden Sohne, dessen Worte Sie jetzt von seinen Lippen hören! Was bin ich, jetzt, da die beiden Allan Armadale in einer zweiten Generation zusammengeführt worden sind? Ein Werkzeug in den Händen des blinden Schicksals oder ein Werkzeug in den Händen der Vorsehung? Welches ist meine Ausgabe, jetzt da ich mit dem Sohne des Mannes, den mein Vater tödtete, dieselbe. Luft athme und dasselbe Obdach theils? Soll ich das Verbrechen meines Vaters fortsetzen, indem ich ihm tödtliches Unrecht zufüge, oder soll ich das Verbrechen meines Vaters wieder gut machen, indem ich ihm mein ganzes Leben widme? Diese letztere Ueberzeugung ist die meinige und soll die meinige bleiben, was sich immer ereignen möge. In dieser festen bessern Ueberzeugung bin ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen das Geheimniß meines Vaters anzuvertrauen und Ihnen die elende Geschichte meines Lebens mitzutheilen. In dieser festen besseren Ueberzeugung kann ich entschlossen mit der offenen Frage vor Sie hintreten, welche sich auf den Endzweck meiner ganzen Unterredung mit Ihnen bezieht.

»Und diese Frage ist —?« Ihr Zögling befindet sich beim Eintritt in seine neuen Lebensverhältnisse in einer merkwürdigen Lage: Er ist ohne Freunde. Sein größtes Bedürfniß ist das eines Gefährten seines Alters, auf den er sich verlassen kann. Der Augenblick ist da, Sir, zu entscheiden, ob ich dieser Gefährte sein soll oder nicht. Sagen Sie mir offen, ob Sie nach allem, was Sie über Ozias Midwinter gehört haben, ihm trauen und ihm gestatten wollen, Allan Armadale’s Freund zu sein?«

Mr. Brock beantwortete diese furchtlos an ihn gerichtete offene Frage mit derselben furchtlosen Offenheit.

»Ich glaube, daß Sie Allan lieben«, erwiderte er; »ich glaube auch, daß Sie die Wahrheit gesprochen haben. Ein Mann, der einen solchen Eindruck auf mich gemacht hat, ist ein Mann, dem ich mein Vertrauen schuldig bin. Ich vertraue Ihnen.«

Midwinter sprang auf und sein braunes Gesicht erglühte tief; seine Augen waren endlich klar und fest auf das Gesicht des Pfarrers geheftet.»Ein Licht!« rief er aus, indem er den Brief seines Vaters Blatt für Blatt von dem Faden riß, der das Manuskript zusammenhielt. »Lassen Sie uns das letzte Glied der Kette vernichten, die uns mit der fürchterlichen Vergangenheit verbindet! Lassen Sie uns, ehe wir von einander scheiden, aus diesem Bekenntnisse einen Aschenhaufen machen!«

»Warten Sie!« sagte Mr. Brock »Es giebt Gründe, dasselbe noch einmal durchzusehen, ehe Sie es verbrennen.«

Midwinter ließ die abgerissenen Blätter fallen. Mr. Brock nahm dieselben auf und ordnete sie sorgfältig bis zu der letzten Seite.

»Ich theile Ihre Ansicht über den Aberglauben Ihres Vaters vollkommen«, sagte der Pfarrer. »Doch steht hier eine Warnung, die Sie um Allan’s und Ihrer selbst willen wohl beachten sollten. Das letzte Glied der Verbindungskette zwischen uns und der Vergangenheit ist noch nicht zerstört, wenn Sie diese Blätter verbrannt haben. Eine der Personen in dieser Geschichte von Falschheit und Mord ist noch nicht todt. Lesen Sie diese Worte!«

Er schob das Blatt über den Tisch hin, während er mit dem Finger eine Stelle aus demselben bezeichnete. Midwinter’s Gemüthsbewegung ließ ihn ein Versehen machen und er las: »Meide die Wittwe des Mannes, den ich getödtet habe, falls die Wittwe noch am Leben ist.«

»Nicht jene Stelle«, sagte der Pfarrer. »Die nächste!«

Midwinter las dieselbe: »Meide das Mädchen, deren gottlose Hand den Pfad zu dieser Heirath ebnete, falls dieses Mädchen noch in ihrem Dienste ist.«

»Das Mädchen und ihre Herrin«, sagte Mr. Brock, »schieden zur Zeit der Heirath von einander. Das Mädchen und ihre Herrin kamen voriges Jahr in Mrs. Armadale’s Wohnung in Sommersetshire wieder zusammen. Ich selbst begegnete dem Mädchen im Dorfe, und ich weiß, daß ihr Besuch Mrs. Armadale’s Tod beschleunigte. Warten Sie ein wenig und fassen Sie sich. Ich sehe, ich habe Sie überrascht.«

Er wartete, wie ihm geheißen worden, während die frohe Gluth in seinem Gesichte sich in eine graue Blässe verwandelte und das Licht in seinen klaren braunen Augen langsam erlosch. Das, was der Pfarrer gesagt, hatte nicht blos einen flüchtigen Eindruck auf ihn gemacht; es lag etwas mehr als Zweifel, es lag Bestürzung in seinen Zügen, wie er in Gedanken versunken dasaß. Kehrte etwa der Kampf vom vergangenen Abend schon wieder zurück? Fühlte er sich wieder von dem Grausen seines ererbten Aberglaubens beschlichen?

»Können Sie mir dazu behilflich sein, daß ich jenem Frauenzimmer gegenüber auf meiner Hut bin?« frug er nach einem langen Schweigen. »Können Sie mir den Namen dieser Person sagen?«

»Ich kann Ihnen nur das sagen, was ich von Mrs. Armadale erfahren habe«, war die Antwort. »Die Person gestand, daß sie sich, seit sie und ihre Herrin einander zuletzt gesehen, verheirathet habe. Doch ließ sie sich weiter kein Wort über ihr vergangenes Leben entschlüpfen. Sie kam zu Mrs. Armadale, um sie unter dem Vorwand der Bedürftigkeit um Geld zu bitten. Sie erhielt das Geld und verließ das Haus, nachdem sie sich entschieden geweigert hatte, ihren jetzigen Namen anzugeben.«

»Sie haben sie selbst im Dorfe gesehen. Können Sie mir ihr Gesicht beschreiben?«

»Nein; denn sie war dicht verschleiert.«

»Aber Sie können das beschreiben, was Sie an ihr sahen?«

»Das versteht sich. Ich sah, als sie zu mir herankam, daß ihre Bewegungen auffallend anmuthig und ihre Gestalt schön und etwas über mittlerer Größe war. Als sie mich anredete und um den Weg nach Mrs. Armadales Hause fragte, bemerkte ich, daß ihre Manieren die einer gebildeten Dame waren und daß ihre Stimme etwas auffallend Sanftes und Einnehmendes hatte. Schließlich erinnerte ich mich später, daß sie einen dichten schwarzen Schleier, einen schwarzen Hut, ein schwarz seidenes Kleid und einen rothen gewirkten Shawl trug. Ich fühle vollkommen, wie wichtig es für Sie ist, bessere Auskunft zu erlangen, um sie identificiren zu können. Unglücklicherweise aber ——«

Er hielt inne. Midwinter beugte sich eifrig über den Tisch und legte plötzlich seine Hand auf den Arm des Pfarrers.

»Ist es möglich, daß Sie die Frau kennen?« frug Mr. Brock, erstaunt über die plötzliche Veränderung in seinem Wesen.

»Nein.«

»Was habe ich gesagt, das Sie so bewegt hat!«

»Erinnern Sie sich der Frau, die sich von dem Flußdampfboote ins Wasser stürzte?« fragte der Andere; »der Frau, welche die Ursache jener Reihe von Todesfällen war, infolge deren Allan Armadale die Güter von Thorpe-Ambrose zufielen?«

»Ich erinnere mich der Beschreibung, welche die Polizeiberichte von ihr gaben«, antwortete der Pfarrer.

»Jene Frau«, fuhr Midwinter fort, »bewegte sich anmuthig und besaß eine schöne Gestalt; jene Frau trug einen schwarzen Schleier, einen schwarzen Hut, ein schwarzes Kleid und einen rothen gewirkten Shawl ——« Er schwieg, ließ Mr. Brocks Arm los und kehrte plötzlich zu seinem Sitze zurück. »Kann sie dieselbe sein?« sprach er flüsternd zu sich selber. »Giebt es wirklich ein Verhängnis das den Menschen im Dunkeln verfolgt? Und verfolgt dasselbe uns in den Schritten jenes Weibes?«

War diese Muthmaßung eine richtige, so mußte das eine Ereigniß in der Vergangenheit, welches mit den anderen, ihm vorausgegangenen, anscheinend durchaus in gar keiner Verbindung gestanden, das einzige fehlende Glied sein, welches die Kette vollständig machte. Mr. Brocks gesunder, einfacher Sinn wies diese außerordentliche Folgerung instinctmäßig zurück. Er sah Midwinter mit einem mitleidsvollen Lächeln an.

»Mein junger Freund«, sagte er mit gütiger Stimme; »haben Sie sich wohl so vollkommen allen Aberglaubens entschlagen, wie Sie glauben? Ist das, was Sie soeben gesagt haben, wohl jenes besseren Entschlusses würdig, den Sie gestern Abend gefaßt haben?«

Midwinter ließ den Kopf auf die Brust sinken; es verbreitete sich eine schnelle Röthe über sein Gesicht und er seufzte bitterlich.

»Sie fangen an meiner Aufrichtigkeit zu zweifeln an«, sagte er. »Ich kann Sie nicht dafür tadeln.«

»Ich glaube noch so fest wie je an Ihre Aufrichtigkeit«, erwiderte Mr. Brock. »Nur bezweifle ich,ob Sie die schwachen Stellen in Ihrer Natur so stark befestigt haben, wie Sie selber es annehmen. Es hat schon Mancher in dem Kampfe mit sich selbst weit häufigere Niederlagen erlitten als Sie, und dennoch zuletzt den Sieg davongetragen. Ich tadele Sie nicht; ich mißtraue Ihnen nicht. Ich erwähne bloß dessen, was sich ereignet hat, um Sie vor sich selbst zu Warnen. Kommen Sie, kommen Sie! Nehmen Sie Ihren eigenen vortrefflichen Verstand zu Hilfe, und Sie werden bald mit mir übereinstimmen, daß wirklich kein Beweis vorliegt, der den Argwohn rechtfertigt, daß die Frau, die ich in Sommersetshire sah, und die Frau, welche in London einen Selbstmord versuchte, eine und dieselbe Person sind. Braucht ein alter Mann wie. ich einen jungen Mann daran zu erinnern, daß es in England Tausende von Frauen mit schönen Gestalten giebt —— Tausende von Frauen, die einfach schwarze Seide und gewirkte Shawls tragen?«

Midwinter fing die Idee begierig auf; zu begierig, wie ein schärferer Beurtheiler der Menschen, als Mr. Brock war, vielleicht gedacht haben würde.

»Sie haben vollkommen Recht, Sir«, sagte er, »und ich Unrecht. Zehntausende von Frauen entsprechen jener Beschreibung wie Sie sagen. Ich habe mit meinen müßigen Grillen die Zeit vergeudet, die ich zum sorgfältigen Sammeln von Thatsachen hätte verwenden sollen. Falls diese Frau jemals den Weg zu Allan zu finden versucht, muß ich darauf vorbereitet sein, sie hieran zu hindern.« Er fing hastig zwischen den Blättern des Manuscripts zu suchen an, welche auf dem Tische zerstreut lagen, hielt bei einem derselben an und heftete aufmerksam die Blicke auf die darauf geschriebenen Worte. »Dies verhilft mir zu etwas Positivem«, fuhr er fort; »es klärt mich über ihr Alter auf. Sie war zur Zeit von Mrs. Armadale’s Heirath zwölf Jahre alt; fügen wir ein Jahr hinzu, so macht dies dreizehn; fügen wir dann Allan’s Alter (zweiundzwanzig Jahre) hinzu, so muß sie jetzt eine Frau von fünfunddreißig Jahren sein. Ich kenne ihr Alter und weiß auch, daß sie ihre Gründe hat, um über ihr eheliches Leben zu schweigen. Dies ist etwas für den Anfang und es mag mit der Zeit zu Mehrerem führen.« Er sah abermals mit erheitertem Gesicht zu Mr. Brock empor. »Bin ich jetzt auf dem rechten Wege, Sir? Thue ich mein Möglichstes, um von der Warnung zu profitieren, die Sie so gütig waren mir zu ertheilen?«

»Sie rechtfertigen Ihr eigenes besseres Urtheil«, erwiderte der Pfarrer, um ihn zu ermuthigen, daß er seiner Einbildungskraft nicht die Zügel schießen lasse. »Sie bahnen sich den Weg zu einem glücklicheren Leben.«

»Meinen Sie das?« sagte der Andere gedankenvoll. Er suchte nochmals unter den Papieren nach und hielt bei einem andern der zerstreuten Blätter inne.

»Das Schiff!« rief er plötzlich aus, indem er abermals die Farbe wechselte und sein Wesen sich augenblicklich veränderte.

»Welches Schiff?« frug der Pfarrer.

»Das Schiff, auf welchem die That geschah«, erwiderte Midwinter mit den ersten Anzeichen der Ungeduld; »das Schiff, auf dem die mörderische Hand meines Vaters den Schlüssel in der Kajütenthür umdrehte.«

»Was soll es damit?« frug Mr. Brock.

Er schien die Frage nicht zu hören; seine Augen waren begierig auf die Zeilen geheftet, die er zu lesen beschäftigt war.

»Ein französisches Schiff, das zum Holzhandel verwendet wurde«, sagte er, zu sich selber redend; »ein französisches Schiff, welches La Gráce de Dieu hieß. Wäre der Glaube meines Vaters begründet gewesen; hätte das Verhängnis; mich Schritt für Schritt vom Grabe meines Vaters an verfolgt, so würde ich auf einer oder der andern meiner Fahrten auf jenes Schiff gestoßen sein.« Er schaute abermals zu Mr. Brock auf. »Ich bin mir dessen jetzt völlig gewiß«, sagte er.»Jene beiden Frauen sind nicht eine und dieselbe Person.«

Mr. Brock schüttelte den Kopf.

»Ich freue mich, daß Sie zu diesem Schlusse gekommen sind«, sagte er; »aber ich wollte, Sie wären auf einem andern Wege zu demselben gelangt.«

Midwinter sprang Ungestüm von seinem Sitze auf, ergriff mit beiden Händen die Blätter des Manuscripts und warf dieselben in den leeren Kamin.

»Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich die Blätter verbrennen!« rief er. »Solange noch eine Seite davon vorhanden ist, werde ich dieselben zu lesen fortfahren. Und solange ich lese, behält mein Vater wider meinen Willen die Oberhand über mich!«

Mr. Brock wies auf die Zündhölzchenschachtel. Im nächsten Augenblicke war das Bekenntniß ein Raub der Flammen. Als das Feuer das letzte Stückchen Papier verzehrt hatte, athmete Midwinter tief auf. Dann rief er mit einer fieberhaften Fröhlichkeit. »Ich darf mit Macbeth sagen: »Jetzt, da es geschehen, bin ich wieder ein Mann!« Sie sehen ermüdet aus, Sir, und dies ist nicht zum Verwundern«, fügte er mit leiserer Stimme hinzu. »Ich habe Sie zu lange von Ihrer Nachtruhe abgehalten —— ich will Sie nicht länger stören. Verlassen Sie sich darauf, daß ich mich dessen erinnern werde, was Sie mir gesagt haben; verlassen Sie sich darauf, daß ich mich zwischen Allan und jeden Feind stellen werde, der ihm nahe kommt, sei derselbe Mann oder Weib. Ich danke Ihnen, Mr. Brock, ich danke Ihnen tausend, tausendmal! Ich kam als das unglücklichste aller lebenden Wesen in dieses Zimmer; ich verlasse dasselbe so glücklich wie die Vögel, die im Garten singen!«

Wie er sich der Thür zuwandte, strömten die Strahlen der aufgehenden Sonne durch das Fenster herein und fielen auf den Aschenhaufen, der schwarz auf dem schwarzen Herde lag.

»Sehen Sie!« rief er froh. »Die Verheißung einer schöneren Zukunft, die die Asche der Vergangenheit verklärt!«



Kapiteltrenner

Zwölftes Kapitel.

Die Morgenstunden waren vergangen; der Mittag war gekommen und verstrichen, Mr. Brock hatte seine Heimreise angetreten.

Die beiden jungen Leute waren, nachdem sie im Hafen von Douglas von dem Pfarrer Abschied genommen hatten, nach Castletown zurückgekehrt und hatten sich dort an der Thür des Hotels von einander getrennt; Allan war nach dem Strande hinabgegangen, um nach seiner Jacht zu sehen, und Midwinter ins Haus, um die Ruhe zu suchen, deren er nach der schlaflosen Nacht bedurfte.

Er verdunkelte das Zimmer und schloß die Augen —— doch der Schlaf kam nicht. An diesem ersten Tage der Abwesenheit des Pfarrers vergrößerte seine empfindsame Natur sich die Verantwortlichkeit, die er jetzt an Mr. Brocks Stelle übernommen hatte, in übertriebener Weise. Eine nervöse Angst, Allan selbst nur auf ein paar Stunden allein zu lassen, erhielt ihn wach und in Zweifel, bis es ihm eher eine Erleichterung als ein Opfer war, sein Bett wieder zu verlassen und Allan nach dem Strande und der Jacht zu folgen.

Die Ausbesserungen, deren das kleine Fahrzeug bedurfte, waren fast beendet. Es war ein heiterer, windiger Tag; das Land lag lachend im Sonnenschein da, das blaue Meer breitete sich unter dem wolkenlosen Himmel aus; die Wellen hüpften in der goldenen Gluth und die Leute sangen bei ihrer Arbeit. Als Midwinter in die Kajüte hinabstieg, fand er seinen Freund eifrig beschäftigt, Ordnung in derselben herzustellen. Für gewöhnlich der unsystematischste Mensch von der Welt, fühlte Allan sich von Zeit zu Zeit unwiderstehlich von dem Gedanken an die Vortheile ergriffen, welche die Ordnung dem Menschen bietet, und zu solchen Zeiten bemächtigte sich seiner eine wahre Raserei der Ordnung. Als Midwinter zu ihm herein sah, kniete er auf dem Boden und war mit einem Eifer, der sich gar komisch ausnahm, damit beschäftigt, die saubere kleine Kajütenwelt in ein wahrhaft ursprüngliches Chaos zu verwandeln —— anstatt sie in Ordnung zu bringen.

»Hier hast Du eine schöne Confusion!« rief Allan, sich mit großer Gemüthsruhe von dem Schauplatze seiner von ihm selbst geschaffenen Unordnung erhebend. »Weißt Du was, mein lieber Junge, ich fange an zu glauben, daß ich es lieber hätte bleiben lassen sollen.«

Midwinter lächelte und kam seinem Freunde mit der den Seeleuten eigenen Gewandtheit im Ordnen zu Hilfe.

Der erste Gegenstand, dem er begegnete, war Allan’s Toilettenkästchen, das Unterste zu oberst gekehrt, während sein Inhalt in der Gesellschaft des Flederwisches und des Staubbesens auf dem Fußboden zerstreut lag. Als Midwinter die zur Ausstattung des Toilettenkästchens gehörigen Gegenstände wieder der Reihe nach jeden an seine Stelle legte, traf er unvermuthet auf ein Miniaturgemälde. Von der altmodischen ovalen Form, welches zierlich mit kleinen Diamanten eingefaßt war.

»Du scheinst hierauf keinen großen Werth zu legen«, sagte er. »Was ist es?«

Allan beugte sich über ihn hin und betrachtete das Bildchen.

»Es gehörte meiner Mutter«, antwortete er, »und ich lege den größten Werth darauf, denn es ist ein Porträt meines Vaters.«

Midwinter gab das kleine Gemälde schnell in Allan’s Hände und zog sich nach dem entgegengesetzten Ende der Kajüte zurück.

»Du weißt selbst am besten, wo Du die Sachen in Deinem Toilettenkästchen zu haben wünschst«, sagte er, Allan den Rücken zuwendend. »Ich will auf dieser Seite Ordnung herstellen und Du sollst dasselbe dort thun.«

Er fing an, die auf dem Kajütentische und dem Fußboden liegenden Gegenstände zu ordnen. Doch schien es fast, als ob das Schicksal beschlossen hätte, ihm an diesem Tage alle Gegenstände in die Hände zu führen, die Allan persönlich gehörten, mochte er sich beschäftigen wie und wo er wollte. Einer der ersten Gegenstände, der ihm ausstieß, war Allan’s Tabakbüchse, in dem sich ein, dem Umfange nach zu urtheilen, mit Einlagen beschwerter Brief befand, der die Stelle des fehlenden Deckels vertreten mußte.

»Wußtest Du, daß Du dies hier hineingethan hattest?« frug er. »Ist dieser Brief von Wichtigkeit?«

Allan erkannte denselben augenblicklich. Es war der erste einer kleinen Anzahl von Briefen, die den Seglern auf ihrer Vergnügungsfahrt nach der Insel Man nachgeschickt worden waren —— der Brief, dessen der junge Armadale kurzweg als eines Schreibens erwähnte, das ihm wieder allerlei Langweiliges von jenen niemals fertig werdenden Advokaten« bringe, und den er dann in seiner gewohnten unbekümmerten Weise ohne weiteres bei Seite gelegt hatte.

»Das kommt davon, wenn man ganz besonders ordentlich ist«, meinte Allan; »dies ist ein Beispiel meiner außerordentlichen Sorgfalt. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber ich habe den Brief absichtlich dort hineingelegt. Jedes mal, wenn ich die Tabakbüchse öffnete, weißt Du, mußte ich diesen Brief sehen, und jedes mal, wenn ich den Brief sah, mußte ich unfehlbar daran erinnert werden, daß ich denselben beantworten müsse. Es ist dies gar nicht zum Lachen; es war ein vollkommen vernünftiges Verfahren —— wäre ich mich nur zu erinnern im Stande gewesen, wo ich die Tabakbüchse hingestellt hatte. Gesetzt, ich knüpfte diesmal einen Knoten in mein Taschentuch? Du hast ein wunderbares Gedächtniß, mein lieber Junge; vielleicht erinnerst Du mich im Laufe des Tages daran, falls ich jetzt den Knoten vergessen sollte.«

Hierin erblickte Midwinter die erste Gelegenheit, sich in Mr. Brocks Abwesenheit an dessen Stelle nützlich zu machen.

»Hier ist Dein Schreibpult«, sagte er; »warum den Brief nicht sogleich beantworten? Wenn Du ihn wieder bei Seite legst, so könntest Du ihn abermals vergessen.«

»Sehr wahr«, erwiderte Allan. »Aber das Schlimmste an der Sache ist, daß ich noch nicht ganz mit mir einig bin, welche Art von Antwort ich schreiben soll. Ich bedarf eines Rathes. Komm und setze Dich hierher und dann will ich Dir die ganze Geschichte erzählen.«

Mit seinem lauten, knabenhaften Lachen —— das in Midwinter, der sich von seiner Fröhlichkeit angesteckt fühlte, ein Echo fand —— strich er einen bunten Haufen von Gegenständen von dem Kajütensofa und machte auf demselben Platz für sich und seinen Freund. Die Beiden setzten sich voll jugendlichen Uebermuthes nieder, um über einen, in eine Tabakbüchse verlegten Brief eine Consultation zu halten. Es war dies ein denkwürdiger Augenblick für sie, wie leicht sie auch die Sache zur Zeit nehmen mochten. Ehe sie sich wieder von ihren Plätzen erhoben, hatten sie zusammen den ersten unwiderruflichen Schritt auf dem dunklen und verworrenen Pfade ihrer Zukunft gethan.

Die Sache, in Bezug auf welche Allan jetzt den Rath seines Freundes verlangte, verhielt sich in Kürze folgendermaßen:

Während die Erbschaftsangelegenheiten wegen des Besitzthums von Thorpe-Ambrose geordnet wurden und der neue Eigenthümer desselben sich noch in London aushielt, war nothwendigerweise auch die Frage entstanden, wer die Güter in Zukunft verwalten solle. Der Verwalter, welcher bisher der Familie Blanchard gedient, hatte ohne Zeitverlust geschrieben und seine Dienste auch dem neuen Herrn ungetragen. Obgleich ein vollkommen fähiger und zuverlässiger Mann, hatte er doch bei diesem keine Gunst gefunden. Indem Allan, wie gewöhnlich, nach seinen ersten Eingebungen gehandelt und für alle Fälle beschlossen hatte, Midwinter dauernd zu Thorpe-Ambrose zu installieren, war er zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Verwalterstelle genau die Stelle sei, die seinem Freunde zusage —— und zwar aus dem einfachen Grunde, weil dies seinen Freund nöthigen würde, bei ihm auf dem Gute zu bleiben. Er hatte deshalb das ihm gemachte Anerbieten abgelehnt, ohne Mr. Brock zu Rathe zu ziehen, dessen Mißbilligung er zu fürchten Ursache hatte, und ohne Midwinter etwas davon zu sagen, der wahrscheinlich eine Stelle zurückgewiesen hätte, für die er durch sein früheres Leben nicht im mindesten befähigt war. Diese Bestimmung Allan’s hatte eine weitere Correspondenz zur Folge gehabt und zwei neue Schwierigkeiten herbeigeführt, welche auf den ersten Anblick ein wenig widerwärtig aussahen, die aber Allan mit Hilfe seiner Rechtsanwälte bald aus dem Wege räumte. Die erste Schwierigkeit, die Rechnungsbücher des abgehenden Verwalters zu prüfen, ward gelöst, indem man einen Buchhalter von Profession nach Thorpe-Ambrose sandte; die zweite Schwierigkeit, nämlich über die leere Wohnung des Verwalters in vortheilhafter Weise zu verfügen, ward dadurch beseitigt, daß man die Wohnung auf die Liste eines thätigen Hausagenten der benachbarten Grafschaftsstadt setzen ließ. In diesem Stadium hatte sich die Sache befunden, als Allan London verlassen. Er hatte nicht weiter an dieselbe gedacht oder ferner etwas über dieselbe gehört, bis ihm ein Brief von seinen Advokaten nach der Insel Man gefolgt war, welchem zwei Anerbietungen in Bezug auf die Wohnung beigeschlossen waren, die beide an demselben Tage eingelaufen waren. Der Brief enthielt die Bitte um möglichst baldige Nachricht, welche der beiden Anerbietungen er anzunehmen beabsichtige.

Da Allan, nachdem er den Gegenstand einige Tage vergessen, jetzt die Nothwendigkeit einer Entscheidung vor sich sah, gab er seinem Freunde die beiden Anträge und ersuchte ihn, nachdem er ihm eine verworrene Auseinandersetzung der Sachlage gegeben, um seinen Rath. Allein anstatt die Anerbietungen zu lesen, legte Midwinter dieselben ohne alle Ceremonie bei Seite und that die beiden sehr natürlichen und für Allan sehr unbequemen Fragen, wer der neue Verwalter sei und weshalb er in Allan? Hause wohnen solle?

»Ich will Dir sagen, wer, und ich will Dir sagen, warum —— wenn wir nach Thorpe-Ambrose kommen«, erwiderte Allan. »Inzwischen wollen wir den Verwalter X. Y. Z. nennen und sagen, er wohnt bei mir, weil ich verdammt strenge bin und ihm mit eigenen Augen auf die Finger sehen will. Du brauchst nicht so erstaunt auszusehen; ich kenne den Mann vollkommen, und man muß vorsichtig mit ihm zu Werke gehen. Wenn ich ihm die Verwalterstelle schon früher antrüge, so würde er in seiner Bescheidenheit Nein sagen. Stürze ich ihn aber, ohne ihm vorher ein Wort davon zu sagen und zu einer Zeit, wo Niemand zur Hand ist, um an seine Stelle zu treten, über Hals und Kopf in dieselbe hinein, so wird ihm nichts weiter übrig bleiben als mein Interesse zu berücksichtigen und »Ja« zu sagen. X. Y. Z. ist durchaus kein übler Bursche, kann ich Dir sagen. Du wirst ihn sehen, wenn wir nach Thorpe-Ambrose kommen, und ich denke mir, daß Ihr beide sehr gut mit einander auskommen werdet.«

Das lustige Funkeln in Allan’s Auge und die bedeutungsvolle Schlauheit in seiner Stimme würden einem glücklichen Menschen sein Geheimniß verrathen haben. Midwinter aber war ebenso weit entfernt, dasselbe zu ahnen, wie die Zimmerleute, die über ihnen auf dem Verdeck der Jacht arbeiteten.

»Befindet sich augenblicklich kein Verwalter auf dem Gute?« frug er und sein Gesicht verrieth, daß er keineswegs mit Allan’s Antwort zufrieden war. »Werden die Geschäfte inzwischen völlig vernachlässigt?«

»Durchaus nicht!« erwiderte Allan. »Die Geschäfte gehen mit schwellendem Segel und günstigem Wind.« Ich scherze nicht, ich drücke mich nur bildlich aus. Ein echter Buchhalter hat seine Nase in die Bücher gesteckt, und ein gesetzter Advokatenschreiber zeigt sich wöchentlich einmal im Bureau. Das sieht doch nicht etwa wie Vernachlässigung aus, wie? Laß den neuen Verwalter für jetzt in Ruh’ und sage mir lieber, welchen der beiden Miethanträge Du an meiner Stelle annehmen würdest.«

Midwinter öffnete die beiden Anerbietungen und las dieselben aufmerksam durch.

Die erste derselben kam von keiner geringeren Person als dem Advokaten von Thorpe-Ambrose, welcher Allan die Nachricht von dem ihm zugefallenen großen Vermögen nach Paris gemeldet hatte. Dieser Herr schrieb selbst; er sagte, er habe längst das Häuschen bewundert, welches allerliebst innerhalb der Parkanlagen von Thorpe-Ambrose gelegen sei. Er sei Junggeselle, dem Studium ergeben, und wünsche sich nach den ermüdenden Geschäftsstunden in ländliche Einsamkeit zurückzuziehen; auch glaube er versichern zu dürfen, daß Mr. Armadale, wenn er ihn als Miether annähme, einen friedlichen Nachbarn in ihm finden und die Wohnung in zuverlässige und sorgfältige Hände geben würde.

Das zweite Anerbieten kam durch den Hausagenten und von einem Fremden. Der Herr, welcher das Häuschen zu miethen wünschte, war ein Offizier außer Diensten, ein Major Milroy. Seine Familie bestand blos aus einer Gattin, welche leidend war, und einem einzigen Kinde —— einer jungen Dame. Seine Empfehlungen waren untadelhaft, und auch er wünschte besonders deshalb dieses Häuschen zu miethen, weil die vollkommen ruhige Lage desselben genau das war, was Mrs. Milroy’s schwacher Gesundheitszustand erforderte.

»Nun! Welchem Stande soll ich den Vorzug geben?« frug Allan. »Dem Soldatenstande oder dem Rechtsfache?«

»Es scheint mir darüber kein Zweifel obzuwalten«, sagte Midwinter. »Der Advokat hat bereits mit Dir correspondirt und hat deshalb die besten Ansprüche.«

»Ich wußte, daß Du dies sagen würdest. Alle die tausendmal, daß ich andere Leute um Rath befragte, habe ich noch nie den Rath erhalten, den ich mir wünschte. Nehmen wir zum Beispiel diese Vermiethung. Ich selbst bin durchaus auf der andern Seite; ich wünsche mir den Major.«

»Warum?«

Der junge Armadale deutete mit dem Zeigefinger auf diejenige Stelle im Briefe des Hausagenten, welche die Familie des Majors aufzählte und folgende drei Worte enthielt —— »eine junge Dame.«

»Ein dem Studium ergebener Junggeselle ist kein interessanter Spaziergänger in meinen Anlagen«, sagte Allan; »eine junge Dame aber ist dies. Ich bezweifle nicht im mindesten, daß Miß Milroy ein allerliebstes Mädchen ist. Ozias Midwinter mit dem ernsten Gesicht, denke Dir nur ihr hübsches Musselinkleid zwischen Deinen Bäumen, indem sie sich auf Deinem Grund und Boden Uebertretungen erlaubt; denke Dir, wie ihre anbetungswürdigen Füßchen in Deinem Obstgarten herum trippeln und ihre reizenden, frischen Lippen Deine reifen Pfirsichen küssen; male Dir ihre kleine runde Hand aus, wie sie unter Deinen ersten Veilchen sucht, und ihre kleine weiße Nase, wie sie den Duft Deiner Theerosen einsaugt. Was hat der studierende Junggeselle mir für alles dies zu bieten? Höchstens einen rheumatischen braunen Gegenstand in Gamaschen und Perücke. Nein, nein! Die Gerechtigkeit ist zwar eine gute Sache, mein lieber Freund, aber glaube mir, Miß Milroy ist eine bessere!«

»Kannst Du irgendetwas in der Welt mit Ernst behandeln, Allan?«

»Ich will es versuchen, wenn Du es wünschest. Daß ich den Advokaten nehmen sollte, weiß ich recht wohl; aber was kann ich thun, wenn die Majorstochter mir fortwährend im Kopfe herumgeht?«

Midwinter führte die Sache entschlossen auf den richtigen und verständigen Gesichtspunkt zurück und machte Allan mit der ganzen Beredsamkeit, die ihm zu Gebote stand, auf denselben aufmerksam. Nachdem Allan ihn mit exemplarischer Geduld bis zu Ende angehört, strich er abermals einen bunten Haufen von Gegenständen vom Kajütentische herunter und nahm einen halben Kronenthaler aus der Westentasche.

»Ich habe einen ganz neuen Einfall«, rief er. »Ueberlassen wir es dem Zufalle.«

Die Lächerlichkeit dieses Vorschlages war unwiderstehlich. Midwinters Ernst ließ ihn im Stich.

»Ich will drehen«, sagte Allan, »und Du sollst rathen. Wir müssen natürlich der Armee den Vorrang gestatten; sagen wir also Kopf —— der Major, Wappen —— der Advokat. Das erste Umdrehen entscheidet. Jetzt geht? los, aufgepaßt!«

Damit drehte er die Münze und sie tanzte auf dem Kajütentische herum.

»Wappen!« rief Midwinter, auf Allan’s Knabenscherz eingehend.

Die Münze fiel mit dem Kopfe nach oben auf dem Tische nieder.

»Du willst doch nicht sagen, daß Du es wirklich im Ernste meinst!« sagte Midwinter, wie der Andere sein Schreibepult öffnete und seine Feder ins Tintenfaß tauchte.

»O, das sollt’ ich meinen!« erwiderte Allan. »Der Zufall ist auf meiner und Miß Milroy’ Seite und Du bist überstimmt mit zwei Stimmen gegen eine. Es nützt nichts, darüber zu reden, Der Major hat oben gelegen; der Major soll die Wohnung haben. Ich werde es nicht den Advokaten überlassen, denn sie würden mich nur mit noch mehr Briefen quälen; ich will selbst an den Major schreiben.«

Er schrieb seine Antworten auf die beiden Anträge buchstäblich in zwei Minuten. Die an den Hausagenten lautete: »Mein Werther Herr! Ich nehme Major Milroy’s Anerbieten an; lassen Sie ihn einziehen, sobald es ihm beliebt. Aufrichtig der Ihre, Allan Armadale.« Und die an den Advokaten: »Mein Werther Herr! Ich bedanke, daß die Verhältnisse mich verhindern, Ihr Anerbieten anzunehmen. Aufrichtig der Ihre.«

»Die Leute machen ein solches Aufheben über das Briefschreiben. Ich finde es sehr leicht.«

Er schrieb die beiden Adressen und versah die Briefe mit Postmarken, indem er lustig vor sich hin pfiff. Während er geschrieben hatte, hatte er nicht bemerkt, wie sein Freund sich inzwischen beschäftigte. Als er aber mit den Briefen fertig war, fiel es ihm auf, daß plötzlich eine tiefe Stille in der Kajüte herrschte, und wie er aufblickte, sah er, daß Midwinter’s Aufmerksamkeit in seltsamer Weise auf die Münze geheftet war, welche auf dem Tische lag. Allan stellte erstaunt sein Pfeifen ein.

»Was in aller Welt machst Du da?« frug er.

»Es lag mir etwas im Sinne«, sagte der Andere.

»Was?«

»Der Gedanke, ob es wirklich einen Zufall giebt«, entgegnete Midwinter, ihm sein Geldstück zurückgebend.

Eine halbe Stunde später waren die beiden Briefe auf die Post gegeben, und Allan, dem die unausgesetzte Beaufsichtigung der Ausbesserungen an Bord seiner Jacht bisher wenig Muße am Lande gestattet hatte, machte den Vorschlag, sich durch einen Spaziergang in Castletown die Zeit zu verkürzen. Selbst Midwinter’s nervöse Aengstlichkeit, Mr. Brock’s Vertrauen zu verdienen, konnte gegen diesen harmlosen Vorschlag nichts einzuwenden finden, und die beiden jungen Männer machten sich deshalb auf, um die Hauptstadt der Insel Man in Augenschein zu nehmen.



Kapiteltrenner

Erstes Kapitel.

Es fragt sich, ob es auf dem ganzen bewohnten Erdballe einen Ort gibt, der dem neugierigen Reisenden so wenig Interessantes bietet, wie die Stadt Castletown, welche Allan und Midwinter jetzt durchwanderten. Um mit dem Strande den Anfang zumachen, so gab es dort einen inneren Hafen zu sehen, mit einer Zugbrücke welche die Schiffe durchließ; einen äußeren Hafen, der mit einem zwerghaften Leuchtthurme endete; eine flache Küstenansicht zur Rechten und eine flache Küstenansicht zur Linken. In der Einöde der inneren Stadt stand ein plumpes graues Gebäude, welches »das Schloß« genannt wurde; außerdem ein Denkstein, der einem gewissen Gouverneur Smelt gewidmet war und dessen obere Fläche offenbar bestimmt war, eine Statue zu tragen, doch keine Statue trug. Außerdem gab es eine Kaserne, welche die der Insel zugetheilte halbe Compagnie Soldaten beherbergte und an deren einsamer Thür eine einzige Schildwache melancholisch auf und ab wankte. Die vorherrschende Farbe der Stadt war ein mattes Grau. Zwischen den wenigen offenen Verkaufsläden sah man hier und da andere, welche geschlossen waren, nachdem die Inhaber sie in Verzweiflung aufgegeben hatten. Das langweilige Umherschlendern von Bootsleuten am Lande war hier von einer dreifachen Langweiligkeit; die jungen Leute der Nachbarschaft rauchten zusammen in stummer Niedergeschlagenheit an der vor dem Winde geschützten Seite einer verfallenen Mauer; die zerlumpten Kinder sagten mechanisch »Geben Sie uns einen Penny«, und versanken, noch ehe die mildthätige Hand die großmüthige Tasche zu durchsuchen vermochte, wieder in menschenfeindliche Zweifel an der menschlichen Natur, die sie angefleht hatten. Grabesstille lag über dem Friedhofe und füllte diese elende Stadt. Nur ein einziges erfreulich aussehendes Gebäude erhob sich trostbringend in der Wüstenei jener grausigen Straßen. Von den Studenten des benachbarten König-Wilhel-Collegs frequentiert, war dieses Gebäude natürlicherweise dem Dienste eines Conditors gewidmet. Hier gab es wenigstens hinter den Fenstern etwas für den Fremden zu sehen; denn hier saßen auf hohen Sesseln die Schüler des Collegs mit baumelnden Beinen und langsam kauenden Kinnladen und verschlangen in der fürchterlichen Stille von Castletown mit ernsten Mienen ihre Kuchen.

»Mich soll der Henker holen, wenn ich noch länger die Jungen und die Kuchen anzugaffen im Stande bin!« rief Allan, seinen Freund von der Conditorei hinweg zerrend »Laß uns sehen, ob wir in der nächsten Straße nichts Unterhaltenderes finden können.«

Der erste unterhaltende Gegenstand in der nächsten Straße war der Laden eines Bildhauers und Vergolders, der eben im letzten Stadium commerciellen Verfalls den Geist aushauchte Auf dem Ladentische im Innern war nichts weiter zu sehen als der Kopf eines Knaben, der in der ungestörten Stille des Ortes friedlich schlummernd dalag. Im Fenster erblickte der vorübergehende Fremde drei arg von den Fliegen heimgesuchte kleine Bilderrahmen, einen in Folge langer Vernachlässigung mit Staub bedeckten Zettel, welcher ankündigte, daß das Haus zu vermiethen sei, und einen einzigen colorirten Kupferstich, den letzten einer Reihe von Bildern, welche nach den gewaltigsten Mäßigkeitsgrundsätzen die Gräuel der Trunkenheit - illustrierten. Die Composition, welche eine leere Branntweinflasche, eine geräumige Dachkammer, einen Bibelvorleser und eine vor ihm aus dem Boden liegende, sterbende Familie darstellt« suchte die Gunst des Publikums unter dem völlig untadelhaften Titel »Die Hand des Todes.« Allan’s Entschlossenheit, der Stadt Castletown einige Unterhaltung abzugewinnen, hatte vielem widerstanden; doch jetzt ließ dieselbe ihn endlich im Stich. Er schlug daher einen Ausflug nach einem andern Orte vor. Da Midwinter ihm bereitwillig beistimmte, kehrten sie nach dem Gasthofe zurück, um sich Auskunft geben zu lassen. Dank der entgegenkommenden Vertraulichkeit Allan’s einerseits und seinem völligen Mangel an Klarheit bei seinen Fragestellungen andrerseits sahen sich die beiden Fremden von Auskunft förmlich überfluthet, und zwar von Auskunft, die sich auf alles, nur nicht auf den Gegenstand bezog, der sie nach dem Gasthofe geführt hatte. Sie machten verschiedene interessante Entdeckungen in Bezug auf die Gesetze und die Constitution der Insel Man und die Sitten und Bräuche der Eingeborenen. Zu Allan’s großem Entzücken sprachen die Manxianer von England wie von einer wohlbekannten nahe gelegenen Insel, die sich in gewisser Entfernung von dem centralen Kaiserreiche der Insel Man, befinde. Es ward den beiden Engländern ferner offenbart, daß dieses glückliche kleine Volk sich seiner eigenen Gesetze erfreue, welche alljährlich einmal durch den Gouverneur und die beiden Oberrichten in entsprechendem Costüme auf dem Gipfel eines alten Hügels öffentlich bekannt gemacht wurden. Im Besitze dieser beneidenswerthen Institution genoß die Insel noch den unschätzbaren Segen eines eigenen Parlaments, das »Haus der Schlüssel« genannt, welches vor jenem andern Parlamente auf der benachbarten Insel den Vortheil voraus hatte, daß die Mitglieder sich ohne das Volk behalfen und sich feierlichst gegenseitig erwählten. Mit diesen und vielen andern Neuigkeiten, die er von allen möglichen Arten von Leuten innerhalb und außerhalb des Gasthofs gesammelt, verkürzte Allan sich auf seine eigene unstäte Weise die Zeit, bis das Geplauder eines natürlichen Todes starb und Midwinter, der sich inzwischen bei Seite mit dem Wirthe unterhalten hatte, ihn ruhig an den in Frage stehenden Gegenstand erinnerte. Midwinter hatte in Erfahrung gebracht, daß die schönste Küstengegend der Insel nach Westen und Süden gelegen sei und daß sich in jenen Regionen ein Fischerdorf befinde, Port-St.-Mary genannt, das sich eines Gasthofes zu rühmen habe, in welchem Reisende übernachten könnten. Wenn Allan’s Eindrücke von Castletown ihn noch zu einem Ausfluge nach einem andern Orte geneigt machten, so dürfe er dies nur sagen und es solle ihm augenblicklich ein Fuhrwerk zu Gebote stehen. Allan griff mit beiden Händen zu, und in zehn Minuten befand er sich mit Midwinter auf der Fahrt nach den westlichen Einöden der Insel.

In dieser Weise war der Tag nach Mr. Brock’s Abreise bis hierher verstrichen, ohne daß sich andere als ganz unbedeutende Ereignisse zugetragen —— so unbedeutende Ereignisse, daß selbst Midwinter’s ängstliche Wachsamkeit nichts in denselben zu erblicken vermochte, und so blieb es bis der Abend kam —— ein Abend, den wenigstens der eine der beiden Gefährten bis zu seinem letzten Lebenstage nicht vergessen sollte.

Ehe die Reisenden noch zwei Meilen ihres Weges zurückgelegt hatten, ereignete sich ein Unfall. Das Pferd stürzte und der Fuhrmann erklärte, daß dasselbe ernstlich verletzt sei. Es blieb ihnen daher keine andere Wahl, als entweder ein anderes Fuhrwerk aus Castletown kommen zu lassen oder den Weg nach Port-St.-Mary zu Fuße fortzusetzen. Sie entschlossen sieh zu Letzterem und waren noch nicht weit gegangen, als sie von einem Herrn eingeholt wurden, welcher allein in einer offenen Chaise fuhr. Derselbe stellte sich ihnen höflich als einen Arzt vor, der in unmittelbarer Nähe von Port-St.-Mary wohne, und bot ihnen Plätze in seinem Wagen an. Stets zu neuen Bekanntschaften bereit, nahm Allan sofort die Einladung an. Er und der Doctor, dessen Name, wie sich bald ergab, Hawbury war, wurden freundschaftlich vertraut, als sie noch keine fünf Minuten im Wagen gesessen hatten, während Midwinter zurückhaltend und schweigend hinter ihnen saß. Vor dem Hause des Doctors schieden sie von einander, indem Allan laut die hübschen französischen Fenster des Doctors und dessen zierlichen Blumengarten und Rasen bewunderte und ihm beim Abschied die Hand drückte, wie wenn sie einander seit frühester Kindheit gekannt hätten. In Port-St.-Mary angelangt, sahen die beiden Freunde sich in einem zweiten Castletown in verjüngtem Maßstabe. Aber die umliegende Gegend —— wild, offen und hügelig —— war ihres Rufes würdig. Ein Spaziergang half ihnen über einen guten Theil des Tages hinweg; es war noch immer der harmlose, müßige Tag, der es von Anfang an gewesen. Endlich rückte der Abend heran. Sie warteten noch eine Weile, um die Sonne zu bewundern, welche majestätisch hinter Hügel, Haide und Felsenriff ins Meer hinabsank, während sie sich von Mr. Brock und seiner langen Heimreise unterhielten; dann kehrten sie ins Hotel zurück, um ihr frühes Nachtessen zu bestellen. Immer näher und näher rückte die Nacht heran und mit ihr ein Abenteuer für die beiden Freunde, während doch ihre bisherigen Erlebnisse noch immer ein solches Abenteuer nicht ahnen ließen, sondern höchstens lächerlicher Natur waren. Das Nachtessen war schlecht zubereitet, und die Aufwärterin von einer unaussprechlichen Dummheit; der altmodische Glockenzug im Gastzimmer war, als Allan geschellt, abgerissen und hatte im Herunterfallen eine bemalte Porzellan-Schäferin getroffen und dieselbe in Scherben auf den Boden geworfen. Dieser Art waren die Ereignisse gewesen, als das Zwielicht erlosch und Kerzen ins Zimmer gebracht wurden.

Da Allan seinen Freund Midwinter nach der doppelten Strapaze einer schlaflosen Nacht und eines Unruhigen Tages wenig zur Unterhaltung aufgelegt fand, ließ er ihn auf dem Sofa ruhen und ging in die Hausflur, in der Hoffnung, dort Jemanden zu entdecken, mit dem er sich unterhalten könne. Hier führte ein abermaliges unbedeutendes Ereigniß Allan mit Mr. Hawbury zusammen und half —— ob zum Glücke oder nicht, dies sollte sich erst zeigen —— die Bekanntschaft zwischen ihnen befestigen.

Die Schenkstube des Wirthshauses befand sich an dem einen Ende der Hausflur, und in derselben war die Wirthin beschäftigt, ein Glas Grog für den Doctor zu bereiten, der soeben hereingekommen war, ein wenig zu Plaudern. Da Allan um Erlaubniß bat, beim Plaudern und Trinken der Dritte sein zu dürfen, reichte Mr. Hawbury ihm höflich das Glas, welches die Wirthin soeben gefüllt hatte. Dasselbe enthielt kalten Grog. Eine auffallende Veränderung in Allan’s Gesichte, wie er plötzlich zurücktrat und sich statt dessen Whisky ausbat, entging dem Auge des Arztes nicht. »Eine nervöse Antipathie«, sagte der Dotter, indem er das Glas ruhig für sich nahm. Diese Bemerkung nöthigte Allan zu dem Bekenntniß daß er einen unüberwindlichen Ekel gegen den Geruch und Geschmack von Rum habe, und er war thöricht genug, sich dessen ein wenig zu schämen. Mit welcher andern Flüssigkeit dieses Getränk auch immer vermischt sein mochte —— seine Geruchs- und Geschmacksorgane entdeckten dasselbe augenblicklich, und die bloße Berührung der Mischung mit seinen Lippen verursachte ihm eine tödtliche Uebelkeit. Von diesem Bekenntnisse ausgehend, wandte das Gespräch sich dem Gegenstande der Antipathien im Allgemeinen zu, und der Doctor bekannte seinerseits, daß er ein berufsmäßiges Interesse an dem Gegenstande nehme und zu Hause einige merkwürdige Illustrationen desselben besitze, die sein neuer Bekannter, falls er diesen Abend nichts Besseres zu thun habe und in einer Stunde etwa, nachdem die Berufspflichten des Doctors zu Ende seien, nach seinem Hause kommen wolle, dort in Augenschein nehmen könne.

Nachdem er die Einladung zugleich im Namen Midwinter’s mit Herzlichkeit angenommen hatte, kehrte Allem in das Gastzimmer zurück, um sich nach seinem Freunde umzuschauen. Midwinter lag noch immer halb wach halb schlafend auf dem Sofa und die Ortszeitung entfiel eben seiner matten Hand.

»Ich hörte Deine Stimme in der Hausflur«, sagte er schläfrig. »Mit wem unterhieltest Du Dich?«

»Mit dem Doctor«, erwiderte Allan. »Ich soll in einer Stunde eine Cigarre bei ihm rauchen. Willst Du mitkommen?«

Midwinter willigte mit einem milden Seufzer ein. Von Natur allen neuen Bekanntschaften abgeneigt, trug seine Müdigkeit noch zu dem Widerstreben bei, mit dem er die Einladung des Doctors annahm. Doch wie die Sachen standen, blieb ihm nichts weiter übrig als zu gehen, denn bei Allan’s constitutioneller Unvorsichtigkeit war es nicht gerathen, ihn irgendwo allein hingehen zu lassen, und namentlich nicht nach dem Hause eines Fremden. Mr. Brock hätte seinen Zögling sicherlich nicht allein zu dem Fremden gehen lassen, und Midwinter war sich noch immer ängstlich bewußt, daß er Mr.. Brocks Stelle einnehme.

»Was sollen wir anfangen, bis es Zeit ist zu gehen?« frug Allan, um sich blickend. »Giebt’s hier irgendetwas zu lesen?« fügte er hinzu, indem er die Zeitung erblickte und dieselbe vom Boden aufnahm.

»Ich bin zu müde, um nachzusehen. Wenn Du etwas findest, lies es vor«, sagte Midwinter, indem er dachte, das Lesen werde ihn vielleicht wach erhalten.

Ein Theil der Zeitung, und zwar ein nicht geringer Theil derselben, war Auszügen aus kürzlich in London erschienenen Büchern gewidmet. Eins der Werke, welches die beträchtlichste Beisteuer hierzu lieferte, war von der Art, um Allan’s besonderes Interesse zu erwecken, denn es war eine höchst pikante Erzählung von Reiseabenteuern in den Wildnissen von Australien, welche die Leiden der Reisenden schilderte, die sich in der pfadlosen Wildniß verirrt und in Gefahr waren, vor Durst umzukommen Allan kündigte seinem Freunde an, daß er etwas gefunden habe, das ihm die Haut schaudern mache, und fing eifrig die Stelle vorzulesen an. Entschlossen, nicht einzuschlafen, folgte Midwinter der Erzählung Satz für Satz, ohne ein Wort zu verlieren. Die Berathschlagung der Verirrten Reisenden, denen Verschmachtungstod entgegenstierte; ihr Entschluß, weiter zu dringen, solange ihre Kräfte noch aushielten, der heftige Regenschauer; ihre vergeblichen Bemühungen, das Regenwasser aufzufangen; die kurze Erquickung, die sie in dem Aussaugen des Wassers aus ihren durchnäßten Kleidern fanden; die erneuten Leiden, welche die nächsten Stunden brachten; das nächtliche Vordringen der Stärksten der Gesellschaft, indem sie die Schwächsten zurückließen, ihr weiterer Marsch bei Tagesanbruch, wobei sie sich von einer Flucht von Vögeln leiten ließen; ihre endliche Entdeckung eines großen Teiches, der ihnen das Leben rettete «— alles dies vermochte Midwinters sinkende Aufmerksamkeit nur noch mit Mühe zu erfassen, indem Allan’s Stimme seinem Ohre mit jedem Satze matter und matter erklang. Bald verschwanden die Worte ganz und gar und es blieb nichts, als der langsam sinkende Ton der Stimme. Dann wurde es vor seinen Augen allmählig finster, der Ton von Allan’s Stimme wich einer köstlichen Stille, und die letzten wachen Eindrücke des müden Midwinter nahmen ein sanftes Ende.

Das nächste Ereigniß, dessen er sich bewußt ward, war ein lautes Schellen an der verschlossenen Hausthür des Wirthshauses. Mit der schnellen Munterkeit eines Mannes, dessen Lebensweise ihn daran gewöhnt hat, in einem Augenblicke wach zu sein, sprang er vom Sofa auf. Ein flüchtiger Blick zeigte ihm, daß das Zimmer leer sei, und als er auf seine Uhr blickte, sah er, daß es fast Mitternacht war. Das Geräusch, welches die schläfrige Magd beim Thür öffnen machte, und die im nächsten Augenblicke folgenden schnellen Schritte in der Hausflur erfüllten ihn plötzlich mit schlimmer Ahnung. Wie er eilig vorschritt, um hinauszugehen und zu sehen, was es gebe, öffnete sich die Thür des Gastzimmers und der Doctor stand vor ihm.

»Es thut mir leid, Sie zu stören«, sagte Mr. Hawbury; »seien Sie unbesorgt, es ist kein Unglück geschehen.«

»Wo ist mein Freund?« frug Mitwinter.

»Am Hafendamm«, antwortete der Doctor. »Ich bin gewissermaßen verantwortlich für das, was er zu thun im Begriff ist, und bin der Ansicht, daß er irgendeine umsichtige Person, wie Sie, bei sich haben sollte.«

Dieser Wink genügte Midwinter. Er und der Doctor begaben sich unverzüglich nach dem Hafendamme, und auf dem Wege dorthin erzählte Mr. Hawbury die Umstände, die ihn nach dem Gasthofe geführt.

Allan hatte sich pünktlich im Hause des Doctors eingestellt und erzählt, er habe seinen milden Freund so fest eingeschlafen auf dem Sofa zurückgelassen, daß er nicht das Herz gehabt habe, ihn zu wecken. Der Abend sei sehr angenehm verstrichen und ihre Unterhaltung habe sich um mancherlei Gegenstände gedreht, bis Mr. Hawbury in einem unglückseligen Augenblicke einen Wink habe fallen lassen, daß er ein großer Freund vom Segeln sei und selbst, ein Vergnügungsboot besitze, welches im Hafen liege. Durch seinen Lieblingsgegenstand augenblicklich in Feuer und Flammen gesetzt, hatte Allan seinem gastfreundlichen Wirthe keine andere Wahl gelassen, als mit ihm nach dem Hafendamme zu gehen und ihm sein Boot zu zeigen. Die Herrlichkeit der Nacht und die sanfte Brise hatten das Uebrige gethan —— sie hatten Allan mit dem unwiderstehlichen Verlangen erfüllt, eine Wasserfahrt bei Mondschein zu machen. Der Doctor, dessen Berufspflichten ihn am Lande zu bleiben nöthigten, hatte, da er nicht gewußt, was er anders anfangen sollte, lieber Midwinter zu stören gewagt, als die Verantwortung übernommen, Mr. Armadale ganz allein um Mitternacht aufs Meer hinaussegeln zu lassen.

Als der Doctor diese Erklärung beendete, waren sie auf dem Hafendamme angelangt. Dort war der junge Armadale wirklich im Boote und spannte die Segel, wobei er aus vollem Halse sein Matrosen-Ahoi-ho sang.

»Komm her, alter Junge!« rief Allan »Du kommst gerade zu rechter Zeit zu einem Mondscheinspaße!«

Midwinter schlug vor, daß der Spaß lieber bei Tage genossen würde und sie sich inzwischen zu Bette verfügten.

»Zu Bett!« rief Allan, auf dessen aufgeregtes Temperament die Gastfreiheit des Doktors jedenfalls keine beruhigende Wirkung geübt hatte. »Hören Sie ihn an, Doctor! Man sollte glauben, er sei neunzig Jahre alt! Zu Bett, Du schläfriges altes Murmelthier! Schau Dir das dort an —— und dann denke noch ans Bett, wenn Du kannst!«

Er deutete auf das Meer. Der Mond stand hell an dem wolkenlosen Himmel; der Nachtwind wehte lau und sicher vom Lande her; das friedliche Wasser kreuselte sich lustig in der stillen Herrlichkeit der Nacht. Midwinter wandte sich mit weiser Ergebung in die Umstände zum Doctor; er hatte genug gesehen, um zu wissen, daß alle Gegenvorstellungen weggeworfen sein würden.«

»Wie ist die Fluth?« fragte er.

Der Doctor sagte es ihm.

»Sind die Ruder im Boote?«

Ja.

»Ich bin ans Wasser gewöhnt«, sagte Midwinter, die Hafentreppe hinuntersteigend »Sie dürfen mir die Obhut über meinen Freund und Ihr Boot anvertrauen.«

»Gute Nacht, Doctor!« rief Allan. »Ihr Whisky ist vortrefflich, Ihr Boot ist eine wahre Pracht, und Sie sind der beste Bursch, dem ich in meinem ganzen Leben begegnet bin!«

Der Doctor lachte und schwenkte die Hand zum Gruße; das Boot glitt aus dem Hafen, indem Midwinter steuerte.

Die Brise brachte sie bald dem westlichen Vorgebirge gegenüber, welches die Bucht von Poolvash bildet, und es erhob sich die Frage, ob sie ins Meer hinaus oder an der Küste entlang segeln sollten. Das weiseste Verfahren für den Fall, daß der Wind sie, im Stiche ließ, war das Letztere Midwinter veränderte deshalb den Curs des Bootes und sie segelten glatt in südwestlicher Richtung der Küste gegenüber dahin.

Allmählig erhoben sich die Felsenklippen höher und immer höher, wilder und rauher, und zeigten auf der Seeseite gähnende, schwarze Abgründe Auf der Höhe des kühn emporragenden Vorgebirges Spanish-Head sah Midwinter bedeutungsvoll auf seine Uhr; doch Allan flehte um noch eine halbe Stunde, um den berühmten Sundkanal erblicken zu können, dem sie sich jetzt mit großer Schnelligkeit näherten und über den er von den Leuten, die auf seiner Jacht arbeiteten, erstaunliche Geschichten gehört hatte. Die neue Veränderung im Curse des Bootes, die Midwinter’s Einwilligung nothwendig machte, brachte dasselbe scharf vor den Wind und gewährte ihnen auf der einen Seite den großartigen Anblick der Südküste der Insel Man und auf der andern den der schwarzen Felsenabhänge der kleinen Insel, die das »Kalb« genannt und durch den dunkeln und gefährlichen Sundkanal vom Festlande getrennt wird.

Midwinter sah nochmals nach der Uhr. »Wir sind weit genug gesegelt«, sagte er. »Lege das Segel um!«

»Halt!« rief Allan vom Bug des Bootes. »Gerechter Gott! Hier liegt ein Wrack gerade vor uns!«

Midwinter ließ das Boot ein wenig abfallen und schaute nach der Stelle hin, welche der Andere ihm zeigte.

Dort, auf halbem Wege zwischen den Felsengrenzen zu beiden Seiten des Sundes gestrandet, lag, um sieh nie wieder aus seinem Grabe auf dem unterseeischen Felsen zu dem lebendigen Wasser zu erheben, verlassen und einsam in der stillen Nacht, hoch und düster und gespenstisch im gelben Mondscheine das Wrack.

»Das Schiff kenne ich«, rief Allan in großer Aufregung. »Ich hörte meine Zimmerleute gestern von demselben sprechen. Es ward in einer stockfinsteren Nacht hier herein getrieben, da sie die Lichter nicht zu sehen im Stande waren. Ein armer verwitterter alter Kauffahrer, Midwinter, den die Makler gekauft haben, um ihn abzubrechen. Laß uns hinein segeln und ihn in Augenschein nehmen.«

Midwinter zauderte. Die alte Seelust in ihm trieb ihn mächtig, Allan’s Vorschlage zu folgen, aber der Wind fing an zu fallen, und er mißtraute dem unruhigen Gewässer und den Wirbelströmen des vor ihnen liegenden Kanals »Dies ist eine häßliche Stelle für Segler, die nicht vertraut mit derselben sind«, bemerkte er.

»Unsinn!« rief Allan »Es ist so hell wie am Tage, und wir haben hier zwei Fuß Wasser.«

Ehe Midwinter noch antworten konnte, ergriff eine Strömung das Boot und zog dasselbe in den Kanal hinein, gerade dem gestrandeten Schisse zu.

»Zieh’ das Segel ein«, sagte Midwinter ruhig, »und lege die Ruder ein. Wir werden jetzt schnell genug zum Wrack hinuntergetrieben, ob es uns nun gefällt oder nicht.«

Da sie sich beide auf die Handhabung des Ruders verstanden, brachten sie das Boot bald hinlänglich in ihre Gewalt, um es in dem ruhigsten Theile des Kanals zu erhalten, das heißt auf derjenigen Seite, die sich der Insel »Kalb« zunächst befand. Als sie schnell an das Wrack herantrieben, übergab Midwinter sein Ruder an Allan und schlug, den Augenblick wohl abpassend, den Boothaken in die Vorderketten des Schiffes ein. Im nächsten Augenblicke hatten sie das Boot sicher unter dem Lee des Schiffes in ihrer Macht.

Die Schiffsleiter, deren die Arbeitsleute sich bedienten, hing über der Vorderkette herab. Midwinter stieg dieselbe hinan, indem er ein Ende des Bootstaues zwischen den Zähnen hielt, befestigte dieses und ließ das andere zu Allan ins Boot hinab. »Befestige jenes Ende«, rief er, »und warte bis ich nachgesehen, ob an Bord alles sicher ist.« Mit diesen Worten verschwand er hinter dem Bollwerk.

»Warten?« wiederholte Allan in unverhohlenem Erstaunen über die übertriebene Vorsicht seines Freundes. »Was in aller Welt will er damit sagen? Mich soll der Henker holen, wenn ich warte; wo der Eine von uns hingeht, dorthin geht auch der Andere!«

Er schlug das lose Ende des Taues um das vordere Querholz des Bootes und stand, indem er sich gewandt die Leiter hinaufschwang, im nächsten Augenblicke aus dem Verdeck »Befindet sich irgendetwas Fürchterliches an Bord?« frug er spöttisch, als er seinem Freunde begegnete.

Midwinter lächelte. »Durchaus nicht«, erwiderte er. »Aber ich konnte nicht gewiß wissen, daß wir das Schiff ganz für uns haben würden, bis ich über das Bollwerk stieg und nachsah.«

Allan ging einmal um das Verdeck herum und betrachtete das Wrack mit kritischen Blicken vom Bug bis zum Spiegel.

»Kein großes Wunder von einem Schiff«, bemerkte er. »Die Franzosen verstehen sich sonst besser auf den Schiffbau.«

Midwinter kam über das Verdeck zu ihm herüber und betrachtete ihn einige Augenblicke schweigend.

»Die Franzosen?« wiederholte er nach einer Pause. »Ist dies ein französisches Schiff?«

»Ja.«

»Woher weißt Du dies?«

»Die Leute, die an Bord meiner Jacht arbeiten, haben es mir gesagt Sie kennen es sehr genau.«

Midwinter kam ein wenig näher. Allan glaubte in Midtwinter’s Gesicht eine unerklärliche Blässe im Mondlichte wahrzunehmen.

»Erwähnten sie, wozu es bestimmt war?«

»Ja. Zum Holzhandel.«

Wie Allan diese Antwort gab, packte Midwinters hagere braune Hand ihn fest bei der Schulter, und Midwinter’s Zähne klapperten wie die eines Mannes, der von einem plötzlichen Frost ergriffen wird.

»Sagten sie Dir auch seinen Namen?« frug er mit einer Stimme, die plötzlich bis zum Flüsterton herabsank.

»Ich glaube, ja. Aber derselbe ist mir entfallen. —— Sachte, mein alter Junge, Deine langen Krallen packen meine Schulter ein wenig zu fest.«

»War der Name ——?« Er hielt inne, ließ Allan’s Schulter los und strich die großen Tropfen weg, die auf seine Stirn getreten waren. »War der Name etwa La Gráce de Dieu?«

»Wie, zum Henker, kommst Du dazu, ihn zu wissen? Allerdings ist das der Name. La Gráce de Dieu.«

Midwinter war mit einem einzigen Satze auf dem Bollwerke des Wracks.

»Das Boot!!« schrie er mit einem Angstrufe, der weit durch die Stille der Nacht drang und Allan augenblicklich an seine Seite brachte.

Das untere Ende des nachlässig befestigt gewesenen Taus schwamm lose auf dem Wasser, und vor ihnen im hellen Mondscheine schwebte ein kleiner schwarzer Gegenstand, bereits so ferne, daß sie ihn kaum noch zu sehen vermochten. Das Boot war den Wellen preisgegeben.



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Zweites Kapitel.

Midwinter hatte sich in den dunklen Schatten des Bollwerks zurückgezogen, während Allan dreist in das gelbe Licht des Mondes hinausgetreten war. So standen die beiden Freunde auf dem Verdeck des Holzschiffes einander gegenüber und blickten sich gegenseitig schweigend an. Im nächsten Augenblicke aber erfaßte Allans unverwüstliche Sorglosigkeit mit Gewalt die komische Seite ihrer Lage. Er setzte sich rittlings auf das Bollwerk und brach in sein lautestes und herzlichstes Gelächter aus.

»Alles meine Schuld«, rief er; »aber es ist jetzt nicht zu ändern. Hier sitzen wir, sicher und fest in einer selbst gelegten Falle —— und dort treibt das Boot des Doctors dahin! Komm aus Deinem Dunkel heraus, Midwinter, ich kann Dich dort kaum sehen. Uebrigens möchte ich wissen, was zunächst geschehen muß.«

Midwinter regte sich nicht; keine Antwort erfolgte. Allan aber verließ das Bollwerk, stieg das Vordercastell hinan und sah aufmerksam in das Wasser des Sundes hinunter.

»Eines ist ziemlich gewiß«, sagte er. »Da wir die Strömung auf der einen und die Klippen auf der andern Seite haben, ist auf ein Entkommen durch Schwimmen jedenfalls nicht zu rechnen. Und damit sind unsere Aussichten auf dieser Seite des Wracks zu Ende. Jetzt laß sehen, wie sich die Sache auf der andern Seite anläßt Muth, Kamerad!« rief er fröhlich, indem er an Midwinter vorüberging. »Komm mit und laß uns nachsehen, was diese alte Tonne von einem Holzschiffe im Spiegel aufzuweisen hat.« Mit diesen Worten schlenderte er, die Hände in die Taschen steckend und den Chor eines komischen Liedes vor sich hinsummend, weiter.

Seine Stimme hatte dem Anscheine nach keinen Eindruck auf seinen Freund gemacht; doch wie er ihn im Vorübergehen leicht mit der Hand berührte, zuckte Midwinter zusammen und trat langsam aus dem Schatten des Bollwerks heraus. »Komm mit!« rief Allan, einen Augenblick seinen Gesang unterbrechend und sich umsehend. Der Andere folgte ihm, noch immer ohne ein Wort zu erwidern. Dreimal stand er still, ehe er das Spiegelende des Wracks erreichte; das erste Mal, um seinen Hut von sich zu werfen und sich das Haar aus der Stirn und von den Schläfen zurückzustreichen; das zweite Mal, weil er taumelte und sich einen Augenblick an einem nahe zur Hand befindlichen Ringbolzen festzuhalten genöthigt war; das dritte Mal, um mit dem verstohlenen Spähen eines Menschen, welcher im finsteren von andern Schritten verfolgt zu werden wähnt, hinter sich zu blicken. »Noch nicht!« flüsterte er sich zu, während seine Augen forschend durch die leere Luft schweiften. »Ich werde ihn im Spiegel sehen, wie er die Hand aus die Klinke der Kajütenthür legt.«

Das Spiegelende des Wracks war von dem Gerümpel gesäubert, das die Arbeiter, welche das Schiff abbrachen, in jedem andern Theile desselben haufenweise zurückgelassen hatten. Der einzige Gegenstand, der hier auf der ebenen Fläche des Verdecks ins Auge fiel, war das niedrige hölzerne Häuschen, in dem sich die Kajütenthür befand und welches das Dach der Kajütentreppe bildete. Das Rudergehäuse und das Kompaßhäuschen waren abgebrochen; aber der Kajüteneingang und alles, was zu demselben gehörte, war noch unangerührt geblieben. Die Springluke war herabgelassen und die Thür geschlossen.

Auf dem Hintertheile des Schiffs angelangt, schritt Allan geradeswegs dem Spiegel zu und schaute über das Hackebord auf das Meer hinaus. Ringsum auf den stillen mondbeleuchteten Gewässer, war nirgends ein Boot zu erblicken. Da er wußte, daß Midwinter besser in die Ferne sehe als er, rief er ihm zu: »Komm hier heraus und schau’ aus, ob irgendwo innerhalb Hörweite von uns ein Fischer zu sehen ist.« Als er keine Antwort erhielt, sah er sich um Midwinter war ihm bis zur Kajüte gefolgt und dort still gestanden. Er ries abermals und mit lauterer Stimme und winkte ihm ungeduldig zu. Midwinter hatte ihn gehört, denn er blickte auf, ohne sich jedoch von der Stelle zu rühren. Dort stand er, wie wenn er an den äußersten Grenzen des Schiffs angelangt und nicht weiter zu gehen im Stande gewesen wäre.

Allan ging zu ihm zurück. Es war nicht leicht zu entdecken, worauf seine Augen gerichtet waren, denn er hielt das Gesicht vom Mondlichte abgewendet; doch hatte es den Anschein, als ob seine Blicke mit einem seltsam forschenden Ausdruck auf die Kajütenthür geheftet seien. »Was giebt es dort?« frug Allan. »Laß sehen, ob die Thür verschlossen ist.« Aber sowie er einen Schritt vorwärts that, um die Thür zu öffnen, packte Midwinters Hand ihn plötzlich am Rockkragen und schob ihn zurück. Im nächsten Augenblicke ließ die Hand, ohne ihn jedoch fahren zu lassen, in der Heftigkeit ihres Griffes nach und zitterte, wie die Hand eines Menschen, dem alle seine Kräfte versagten.

»Muß ich mich als einen Arrestanten betrachten?« frug Allan halb erstaunt, halb belustigt. »Warum, in aller Welt, stierst Du fortwährend die Kajütenthür an? Hast Du etwa ein verdächtiges Geräusch dort unten gehört? Es nützt nichts, die Ratten zu stören, wenn Du das etwa meinst; wir haben keinen Hund bei uns. Menschen? Lebendige Menschen können es nicht sein, denn diese würden uns gehört haben und aufs Verdeck gekommen sein. Todte? Ganz unmöglich! In einem von Land umschlossenen Gewässer wie dieses hier würde keine Schiffsmannschaft ertrinken, wenn nicht das Schiff zuvor in Trümmer zerfallen wäre —— und hier ist das Schiff, so fest wie eine Kirche, und kann für sich selber zeugen. Ich bitte Dich, Mensch, wie Deine Hand zittert! Was kann es in jener verfaulten alten Kajüte geben, das Dir eine solche Furcht zu verursachen im Stande ist? Weshalb schauderst und zitterst Du nur so? Giebt es etwa Gesellschaft von der übernatürlichen Sorte an Bord? Der Herr erbarme sich unser! wie die alten Weiber sagen. Siehst Du ein Gespenst?«

»Ich sehe zwei Gespenster!« antwortete der Andere, durch eine wahnsinnige Eingebung, die Wahrheit zu offenbaren, mit Gewalt zum Reden und Handeln getrieben. »Zwei!« wiederholte er mit einem schweren Keuchen, indem er vergebens die fürchterlichen Worte zurückzudrängen versuchte. »Das Gespenst eines Mannes gleich Dir, der in der Kajüte ertrinkt! Und das Gespenst eines Mannes gleich mir, der jenen einschließt!«

Das herzliche Gelächter des jungen Armadale hallte abermals laut und lange durch die Stille der Nacht dahin.

»Der ihn einschließt, wie?« sagte Allan, sobald seine Heiterkeit ihn hinlänglich hatte zu Athem kommen lassen, um zu sprechen. »Das ist ein verwünscht unfreundlicher Streich von Deinem Gespenste, Master Midwinter. Das Wenigste was ich danach thun kann, ist, daß ich das meinige aus der Kajüte heraus und frei auf dem Schiffe umherlaufen lasse.«

Vermittelst einer nur momentanen Anwendung seiner überlegenen Stärke machte er sich leicht von Midwinter’s Hand frei. »Du dort unten!« rief er fröhlich, indem er seine starke Hand auf die wacklige Klinke legte und die Kajütenthür aufriß. »Allan Armadale’s Gespenst, komm aufs Verdeck!« In seiner fürchterlichen Unkenntniß der Wahrheit steckte er den Kopf zur Thür hinein und sah lachend auf die Stelle hinab, wo sein Vater gemordet worden war. »Pah!« tief er, indem er plötzlich mit einem Schaudern des Ekels zurücktrat. »Die Luft ist bereits verpestet und die Kajüte voll Wasser.«

So war es. Die Klippen, auf denen das gestrandete Schiff lag, waren durch die unteren Balken des Spiegels gedrungen und das Wasser durch das geborstene Gebälk hereingeströmt. Hier, an der Stelle, wo die That geschehen, war die unglückselige Parallele zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart vollständig. Dasselbe was die Kajüte zur Zeit der Väter gewesen, war sie auch jetzt zur Zeit der Söhne.

Allan stieß die Thür mit dem Fuße wieder zu und war ein wenig erstaunt über das plötzliche Schweigen seines Freundes seit dem Augenblicke, wo er die Hand auf die Klinke der Kajütenthür gelegt. Als er sich umwandte, erkannte er augenblicklich die Ursache dieses Schweigens. Midwinter war auf dem Verdeck niedergesunken und lag bewußtlos vor der Kajütenthür; sein Gesicht, das nach oben gewendet war, lag blaß und stille, wie das Gesicht eines Todten, im Mondscheine da.

Allan war in einer Sekunde an seiner Seite. Indem er Midwinter’s Haupt auf seine Knie nahm, spähte er vergebens auf dem öden Wrack nach Hilfe umher. Jede solche Aussicht war ihm hier unbarmherzig abgeschnitten »Was soll ich anfangen?« sprach er in der ersten Bestürzung zu sich selber. »Es ist kein Tropfen Wasser in der Nähe, außer dem faulen Wasser in der Kajüte.« Da trieb eine plötzliche Erinnerung die Farbe wieder in sein Gesicht und er zog ein Korbfläschchen aus der Tasche »Gott segne den Doctor dafür, daß er mir dies vor dem Absegeln gab!« rief er inbrünstig aus, indem er seinem Freunde einige Tropfen des ungemischten Whisky, den die Flasche enthielt, einflößte. Das Getränk übte augenblicklich seine Wirkung auf den Bewußtlosen. Er seufzte matt und öffnete langsam die Augen. »Habe ich geträumt?« frug er, mit unsicherem Blicke zu Allan’s Gesicht aufschauend. Seine Augen schweiften höher und begegneten den abgetakelten Masten des Wracks, die sich schwarz und gespenstisch an dem nächtlichen Himmel abzeichneten. Er schauderte bei dem Anblicke derselben zusammen und barg sein Gesicht an Allan’s Knie. »Kein Traum!« murmelte er kummervoll für sich. »O, mein Gott, kein Traum!«

»Du hast Dich den Tag über zu sehr ermüdet«, sagte Allan »und dieses verwünschte Abenteuer hat Dir den Garaus gemacht. Trinke noch ein wenig Whisky, es wird Dir gut thun. Kannst Du allein aufrecht sitzen, wenn ich Dich so gegen das Bollwerk lehne?«

»Warum allein? Warum verläßt Du mich?« frug Midwinter.

Allan deutete zu den Besahnstangen des Wracks hinauf, die noch nicht abgebrochen waren. »Du bist nicht wohl genug, um es hier auszuhalten, bis am Morgen die Arbeitsleute kommen werden«, sagte er. »Wir müssen wo möglich sogleich Mittel und Wege finden, um wieder ans Land zu gelangen. Ich will hinaufsteigen und mich wohl umschauen, um zu entdecken, ob uns eine menschliche Wohnung nahe genug ist, sodaß man unser Rufen hört.«

Selbst während des Augenblickes, in dem er diese wenigen Worte sprach, schweiften Midwinters Augen wiederum argwöhnisch nach der Kajütenthür.

»Geh nicht dort heran!« flüsterte er. »Versuche um Gotteswillen nicht, die Thür zu öffnen!«

»Nein, nein«, erwiderte Allan, ihm nachgebend. »Wenn ich aus dem Takelwerk herabsteige, will ich wieder hierher kommen.« Er sprach diese Worte mit einiger Gezwungenheit, da er zum ersten Male eine gewisse geheime Angst in Midwinters Gesichte wahrnahm, die ihn besorgt machte und die er sich nicht zu erklären vermochte. »Du bist doch nicht böse auf mich?« sagte er mit der ihm eignen einfachen, sanften Gutherzigkeit »Es ist dies alles meine Schuld, das weiß ich wohl, und ich habe mich wie ein roher und thörichter Mensch benommen, indem ich Dich verlachte, da ich hätte sehen sollen, daß Du krank warst. Es thut mir sehr leid, Midwinter. Sei nicht böse auf mich!«

Midwinter erhob langsam den Kopf. Seine Augen ruhten mit einem kummervollen Interesse lange und liebevoll auf Allan’s besorgtem Gesicht.

»Böse?« wiederholte er in seinem leisesten, sanftesten Tone. »Böse auf Dich? O, mein armer Junge, bist Du etwa dafür zu tadeln, daß Du freundlich gegen mich warst, als ich in dem alten westländischen Wirthshause krank lag? Und war ich dafür zu tadeln, daß Deine Freundlichkeit mich mit Dank erfüllte? War es unsre Schuld, daß wir nie an einander zweifelten und daß wir blind zusammen den Weg einschlugen, der uns hierher führen sollte? Die grausame Zeit naht, Allan, wo wir den Tag beklagen werden, an dem wir einander kennen lernten. Gieb mir die Hand, Bruder, am Rande des Abgrundes —— gib mir Deine Hand, solange wir noch Brüder sind.«

Allan wandte sich schnell ab, überzeugt, daß Midwinter’s Geist sich noch nicht von der Erschütterung seiner Ohnmacht erholt habe. »Vergiß den Whisky nicht!« sagte er heiter, indem er in das Takelwerk sprang und zu dem Besahnmast hinaufkletterte.

Es war nach zwei Uhr; der Mond fing zu schwinden an, und die Dunkelheit, die dem Tagesanbruch vorangeht, begann das Wrack zu umhüllen. Hinter Allan, wie er jetzt von der Höhe des Besahnmastes um sich schaute, lag das weite, einsame Meer. Vor ihm befanden sich die niedrigen, schwarzen, falschen Felsen und die kurzen Wellen des Kanals, die sich zornig schäumend in die gewaltige Ruhe des jenseitigen westlichen Oceans stürzten. Zur Rechten, majestätisch vom Wasserrande zurücktretend, zeigten sich die Felsen und Abgründe, zwischen denen die kleinen grasigen Hochebenen lagen; die sanft sich abwärts senkenden Dünen und die aufwärts ziehenden Haidewildnisse der Insel Man. Zur Linken erhoben sich die schroffen Felsenufer der kleinen Insel »Kalb« —— bald sich in schwarze Schlünde spaltend, bald niedrig unterhalb der sich weithin dehnenden Gras- und Haideabhänge dahinlaufend. Weder auf dem einen noch dem andern Ufer war ein Laut vernehmbar oder ein Licht zu erblicken. Die schwarzen Außenlinien der oberen Massen erschienen schattenhaft und undeutlich an dem immer dunkler werdenden geheimnißvollen Nachthimmel; der Landwind war gefallen; die kleinen dem Ufer zueilenden Wellen zogen geräuschlos ihres Wegs; kurz, es war nah und fern kein Laut vernehmbar, außer dem eintönigen Gemurmel des Wassers vor ihm, das durch die grauenvolle Stille drang, in der Land und Meer die Ankunft des neuen Tages erwarteten.

Selbst Allans sorglose Natur empfand das Feierliche des Augenblicks. Der Klang seiner eigenen Stimme erschreckte ihn, wie er hinabsah und seinen Freund auf dem Verdeck anrief.

»Ich glaube, ich sehe ein Haus«, sagte er, »rechts auf der Hauptinsel nach uns zu gelegen.« Er spähte, um sicher zu gehen, nochmals nach dem undeutlichen kleinen weißen Flecken in dem grasigen Abhange der Hauptinsel, hinter dem sich matte weiße Streifen hinzogen. »Es sieht wie ein steinernes Haus mit einer Umzäunung aus«, fuhr er fort. »Ich will den Versuch machen und es anrufen.« Er schlang den Arm um einen Reif, um sich festzuhalten, machte ein Sprachrohr aus beiden Händen und ließ dieselben plötzlich, ohne einen Laut von sich zu geben, wieder sinken. »Es ist so fürchterlich stille«, flüsterte er für sich, »ich fürchte mich fast, laut zu rufen.« Abermals sah er auf das Verdeck hinunter. »Ich werde Dich doch nicht erschrecken, Midwinter —— wie?« rief er mit einem unbehaglichen Lachen. Dann richtete er seine Augen noch einmal auf den undeutlichen weißen Gegenstand in dem Grasabhange. »Ich; kann nicht umsonst hier heraufgeklettert sein«, dachte er und bildete dann wieder ein Sprachrohr aus seinen beiden Händen. Diesmal rief er mit der ganzen Kraft seiner Lunge. »Ihr dort, am Ufer!« schrie er, das Gesicht der Hauptinsel zuwendend. »Ahoi — hoi — hoi!«

Der letzte Wiederhall seiner Stimme erstarb und war verklungen. Kein Laut antwortete ihm, ausgenommen das eintönige Gemurmel des vor ihm liegenden Wassers.

Er wandte sich wieder zu seinem Freunde hinunter und sah, wie Midwinters dunkle Gestalt sich aufrichtete und dann auf dem Verdeck auf und ab ging; doch entfernte dieselbe sich, wenn sie sich dem Bug des Wracks zuwandte, nie außer Gesichtsweite der Kajüte und überschritt, in entgegengesetzter Richtung dem Spiegel zugehend, nie die Kajütenthür. »Die Ungeduld drängt ihn, von hier fortzukommen«, dachte Allanz »ich will’s noch einmal versuchen.« Er rief daher nochmals das Land an und zwar, wie es ihm frühere Erfahrungen gelehrt, im höchsten Tone seiner Stimme.

Diesmal antwortete ihm ein anderer Laut als der des murmelnden Wassers. Das Brüllen erschrockener Kühe erscholl aus dem Gebäude auf dem grasigen Abhange und drang weit und melancholisch durch die frühe Morgenstille. Allan wartete und lauschte. Wenn das Gebäude ein Farmhaus war, so mußte die Unruhe unter den Kühen die Leute erwecken. War dasselbe jedoch nur ein Stall, so blieb nichts weiter zu erwarten. Das Brüllen der erschrockenen Thiere erscholl bald lauter, bald leiser —— und es geschah weiter nichts.

»Noch einmal!« sagte Allan, auf die unruhige Gestalt hinabblickend, die dort auf und ab schritt. Er rief zum dritten Male das Land an. Zum dritten Male wartete und lauschte er.

In einem Augenblicke, wo das Gebrüll der Thiere verstummt war, hörte er hinter sich auf dem gegenüberliegenden Ufer des Kanals —— matt und fern hin in der Einsamkeit der Insel »Kalb« —— einen kurzen, scharfen Schall, gleich dem fernen Gerassel eines schweren Thürriegels, welcher schnell zurückgezogen wurde. Er wandte sich augenblicklich nach dieser Richtung und strengte seine Augen an, ob er vielleicht ein Haus erblickte. Die letzten matten Strahlen des schwindenden Mondlichts zitterten hier und dort auf den höchsten Felsen und den steilen Anhöhen, doch über das ganze Land zwischen denselben lag eine tiefe schwarze finsterenis; ausgebreitet, und in dieser finstereniß war das Haus, falls überhaupt ein Haus vorhanden war, nicht sichtbar.

»Ich habe endlich Jemanden geweckt«, rief Allan seinem Freunde ermuthigend zu, welcher Letztere noch immer mit einer seltsamen Gleichgültigkeit gegen alles, was über ihm und um ihn vorging, auf dem Verdeck auf- und ab schritt. »Paß auf, wenn die Antwort kommt!« Und Allan rief, das Gesicht der kleinen Insel zuwendend, abermals laut um Hilfe.

Der Ruf ward nicht beantwortet, wohl aber von einer gellenden, Höhnenden Stimme nachgeahmt —— mit wilderem und immer wilderem Gekreisch, das sich aus der tiefen fernen finsterenis; erhob und eine schauerliche Mischung von menschlicher und thierischer Stimme war. Ein plötzlicher Argwohn schoß durch Allan’s Gehirn, der ihn schwindeln und die Hand erstarren machte, mit der er sich am Takelwerke festhielt. In athemlosem Schweigen schaute er nach der Stelle hin, von der das erste Nachahmen seines Hilferufs erschollen war. Nach einer kurzen Pause ward das Gekreisch wiederholt, und der Schall desselben kam näher. Plötzlich sprang eine schwarze Gestalt, welche die eines Mannes zu sein schien, aus dem Gipfel eines Felsens hervor und tanzte und schrie in dem schwindenden Glanze des Mondlichts. Das Geschrei eines erschrockenen Weibes vermischte sich mit dem des springenden Geschöpfes auf dem Felsen. Ein rother Funke von einem Lichte blitzte durch ein unsichtbares Fenster in die Dunkelheit hinaus. Das heisere Rufen einer Zornigen Männerstimme ward durch das Geschrei hindurch gehört. Eine zweite schwarze Gestalt erschien aus dem Felsen, rang mit der ersteren und verschwand mit dieser in der finstereniß. Das Geschrei wurde immer matter und matter —— das der Frau hörte auf —— die heisere Stimme des Mannes ward noch einmal auf einen Augenblick vernommen, wie dieselbe dem Wrack Worte zurief, die der Entfernung halber unverständlich waren, jedoch offenbar eine Mischung von Wuth und Furcht ausdrückten. Einen Augenblick später ward abermals der Schall des Thürriegels gehört, der rothe Lichtfunke erlosch und die ganze kleine Insel lag wieder ruhig in nächtlichem Schatten da. Das Brüllen der Kühe auf der Hauptinsel hörte auf, erscholl dann noch einmal und verstummte endlich ganz.



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Drittes Kapitel.

Kalt und eintönig wie zuvor drang das ewige Gemurmel der kurzen Wellen durch den weiten, weiten Raum —— der einzige Laut, der noch blieb, während die geheimnißvolle Stille der Morgendämmerung gleich einem Schleier vom Himmel herabsank und das Wrack umhüllte.

Allan stieg vom Besahnmast herunter und kehrte zu seinem Freunde auf dem Verdeck zurück.

»Wir müssen uns gedulden bis die Zimmerleute zur Arbeit kommen«, sagte er, wie er Midwinter auf halbem Wege bei seinem rastlosen Spaziergange begegnete. »Nach dem, was sich ereignet hat, kommt mir’s nicht darauf an zu gestehen, daß ich genug davon habe, das Land anzurufen. Denke nur, daß sich in jenem Hause dort am Ufer ein Wahnsinniger befindet und ich ihn mit meinem Rufen aufgeweckt habe! Schauerlich, nicht wahr?«

Midwinter stand einen Augenblick still und sah Allan mit der Miene eines Menschen an, zu dem man in ganz vertraulicher Weise von Dingen spricht, die ihm völlig fremd sind. Es hatte das Ansehen, als ob er von dem, was sich soeben auf der Insel »Kalb« zugetragen, durchaus gar nichts vernommen habe.

»Außerhalb dieses Schiffes ist nichts schauerlich«, sagte er, »auf demselben aber alles!«

Nachdem er mit diesen seltsamen Worten geantwortet, wandte er sich wieder ab und setzte seinen Spaziergang fort.

Allan nahm die Whiskyflasche auf, die neben ihm auf dem Verdecke lag, und erquickte seine Lebensgeister durch einen Trunk aus derselben. »Dies hier ist etwas an Bord, das nicht schauerlich ist«, entgegnete er munter, indem er den Stöpsel wieder in die Flasche schob. »Und hier ist noch etwas«, fügte er hinzu, indem er eine Cigarre aus seinem Etui nahm und dieselbe anbrannte »Drei Uhr!« fuhr er dann, auf seine Uhr blickend, fort und setzte sich, den Rücken gegen das Bollwerk lehnend, gemüthlich auf dem Verdeck nieder. »Es ist nicht mehr weit vom Tagesanbruch; wir werden bald durch Vogelgezwitscher aufgemuntert werden. Weißt Du, Midwinter, Du scheinst Dich von jener unglückseligen Ohnmacht völlig erholt zu haben. Wie Du draus los marschierst! Komm her und rauche eine Cigarre und mache Dir’s bequem. Was soll das ewige Hin- und Hergetrabe nützen?«

»Ich warte«, sagte Midwinter.

»Wartest! Worauf?«

»Auf das, was entweder Dir oder mir oder uns beiden zustoßen wird, ehe wir dies Schiff verlassen.«

»Mit aller Hochachtung vor Deinem überlegenen Urtheile bin ich doch der Ansicht, lieber Junge, daß sich bereits genug zugetragen hat. Das Abenteuer genügt vollkommen, wie es augenblicklich steht. Eine fernere Entwicklung desselben ist mehr als ich verlange.«

Er erquickte sich abermals durch einen Trunk aus der Whiskyflasche und plauderte, seine Cigarre paffend, auf seine gewohnte leichte Weise fort. »Ich besitze nicht Deine glänzende Einbildungskraft, alter Junge, und hoffe, daß das nächste Ereigniß die Ankunft des Bootes mit den Arbeitsleuten sein wird. Ich vermuthe, daß Deine erstaunliche Phantasie mit Dir durchgegangen ist, während Du ganz allein hier unten warst. Komm! Woran dachtest Du, während ich oben im Besahnmast war und die Kühe ängstigte?«

Midwinter stand plötzlich still. »Gesetzt, ich sagte es Dir?« fragte er seinerseits.

»Gesetzt, Du thätest das?«

Die marternde Versuchung, die Wahrheit zu offenbaren, die durch die unbarmherzige Fröhlichkeit seines Gefährten schon einmal in ihm erweckt worden war, bemächtigte sich Midwinter’s zum zweiten Male. Er lehnte sich im finsteren an die hohe Schiffsseite zurück und blickte schweigend auf Allan’s Gestalt hinab, die gemüthlich auf dem Verdeck ausgestreckt lag. »Entreiße ihn«, flüsterte ein Dämon listig, »dieser Unwissenheit und Unbefangenheit, dieser mitleidslosen Gemüthsruhe. Zeige ihm die Stelle, wo die That begangen ward; lehre ihn dieselbe kennen, wie Du sie kennst, fürchten, wie Du sie fürchtest. Erzähle ihm von dem Briefe, den Du verbrannt, und von den Worten, die kein Feuer zu verzehren vermag und die in diesem Augenblicke in Deinem Gedächtnisse leben. Laß ihn Dein Gemüth sehen, wie dasselbe gestern war, als es Dein sinkendes Vertrauen zu Deinen eigenen Ueberzeugungen wieder erweckte, um auf Dein Leben auf dem Wasser zurückzublicken und Dich durch die glückliche Erinnerung zu trösten, daß Du während all’ Deiner Reisen nie auf dieses Fahrzeug gestoßen bist. Laß ihn Dein Gemüth in seinem gegenwärtigen Zustande sehen, wo das Schiff, bei diesem Wendepunkte Deines Lebens, beim Beginne Deiner Freundschaft mit dem einen Manne unter allen Menschen, den Dein Vater Dich meiden hieß, Dich plötzlich gefangen hat. Gedenke jener Worte des Sterbenden und flüstere ihm dieselben ins Ohr, damit auch er ihrer gedenke:

»Verbirg Dich vor ihm unter einem angenommenen Namen. Mögen Gebirge und Meere Dich von ihm trennen. Sei undankbar, sei, unversöhnlich; sei, ehe Du mit jenem Manne unter demselben Dache wohnst oder dieselbe Luft athmest, lieber alles, was Deiner besseren Natur am meisten zuwider ist.« So flüsterte der Versucher. Und so stieg der Einfluß des Vaters, gleich einem Gifthauche, aus dessen Grabe empor und vergiftete das Gemüth des Sohnes.

Allan verwunderte sich über das plötzliche Schweigen seines Freundes. Er schaute schläfrig über seine Schulter zurück. »Wieder in Gedanken versunken!« rief er mit einem milden Gähnen.

Midwinter trat aus dem Schatten hervor und näher an Allan heran. »Ja«, sagte er, »ich denke an die Vergangenheit und an die Zukunft.«

»Die Vergangenheit und die Zukunft?« wiederholte Allan, indem er sich’s in einer neuen Lage bequem zu machen suchte. »Was mich betrifft, so bin ich über die Vergangenheit stumm. Es ist dies für mich ein schmerzlicher Gegenstand —— die Vergangenheit heißt augenblicklich so viel, wie der Verlust des von Mr. Hawbury geborgten Bootes. Laß uns von der Zukunft reden. Hast Du Dir etwa eine praktische Ansicht über dieselbe gebildet, wie der liebe alte Brock es nennt? Hast Du die nächste ernste Frage in Erwägung gezogen, die an uns beide bei unserer Rückkehr nach dem Gasthofe herantritt —— die Frage wegen des Frühstücks?«

Nach einem kurzen Zögern trat Midwinter noch einen Schritt näher. »Ich habe an Deine Zukunft und die meinige gedacht«, sagte er; »ich habe an die Zeit gedacht, wo Dein Lebensweg und der meinige weit aus einander liegen werden.«

»Sieh, der Tag bricht an!« rief Allan aus. »Sieh, wie die Masten bereits deutlicher hervortreten! Verzeihe —— was sagtest Du?«

Midwinter antwortete nicht. Der Kampf zwischen dem erblichen Argwohne, der ihn vorwärts trieb, und seiner unbezwinglichen Liebe zu Allan, die ihn zurückhielt, ließ die nächsten Worte auf seinen Lippen ersterben. Er wandte in sprachlosem Schmerze das Gesicht ab. »O, mein Vater!« dachte er. »Es wäre besser gewesen, Du hättest mich an jenem Tage getödtet, da ich an Deiner Brust lag, als daß Du mich leben ließest, um dies zu leiden!«

»Was sagtest Du von der Zukunft?« frug Allan. »Meine Aufmerksamkeit war eben auf den Tagesanbruch gerichtet, deshalb hörte ich es nicht.«

Midwinter bemeisterte seine Bewegung und antwortete. »Du hast mich mit Deiner gewohnten Güte behandelt; sagte er, »indem Du den Plan faßtest, mich mit Dir nach Thorpe-Ambrose zu nehmen. Nach Ueberlegung der Sache bin ich jedoch der Ansicht, daß es besser sein wird, wenn ich mich nicht in einen Ort eindränge, wo man mich nicht kennt und nicht erwartet.« Seine Stimme zitterte, und er schwieg wieder. Je mehr er vor dem Bild des glücklichen Lebens, das er auf diese Weise von sich wies, zurückwich, desto deutlicher stand ihm dasselbe vor der Seele.

Allan dachte augenblicklich an die Mystification, die er sich in Bezug auf den neuen Verwalter gegen seinen Freund erlaubt, als sie mit einander in der Kajüte der Jacht berathschlagt hatten. »Ob er sich’s überlegt hat«, fragte er sich, »und endlich die Wahrheit zu argwöhnen anfängt? Ich will versuchen, es aus ihm herauszubringen. —— Schwatze so viel Unsinn wie Du willst, mein lieber Junge«, erwiderte er, »aber vergiß nicht, daß Du mir versprochen hast, mich in Thorpe-Ambrose als Gutsherr zu sehen und mir Deine Ansicht über den neuen Verwalter zu sagen.«

Midwinter trat plötzlich hart an Allan heran. »Ich rede nicht von Deinem Verwalter oder Deinen Gütern«, sagte er leidenschaftlich; »ich spreche von mir selbst. Hörst Du wohl? Von mir selbst! Ich bin kein passender Gefährte für Dich. Du weißt nicht, wer ich bin.« Ebenso schnell wie er hervorgetreten war, zog er sich wieder in den dunkeln Schatten des Bollwerks zurück. »O Gott, ich kann es ihm nicht sagen«, flüsterte er vor sich hin.

Auf einen Augenblick, doch nur auf einen Augenblick, fühlte Allan sich überrascht« »Weiß nicht, wer Du bist?« Doch schon nach diesen Worten gewann seine gemächliche Gutmüthigkeit wieder die Oberhand. Er nahm die Whiskyflasche vom Boden auf und schüttelte dieselbe bedeutungsvoll »Hör einmal«, sagte er, »wieviel hast Du von dieser Medicin des Doctors eingenommen, während ich oben im Besahnmast saß?«

Der leichte Ton, in dem er zu sprechen fortfuhr, brachte Midwinter außer sich. Er trat wieder ins Licht hinaus und stampfte zornig mit dem Fuße. »Höre mich an!« begann er. »Du weißt nicht die Hälfte der gemeinen Beschäftigungen meines Lebens. Ich bin der Knecht eines Krämers gewesen; ich habe den Laden ausgekehrt und die Fensterläden geschlossen; ich habe Packete in der Stadt ausgetragen und an den Thüren der Kunden auf das Geld für meinen Herrn gewartet.«

»Ich habe nie etwas halb so Nützliches gethan«, erwiderte Allan mit vollkommener Gelassenheit. »Du lieber alter Junge, welch ein fleißiger Bursche Du einst gewesen sein mußt!«

»Ich war einst ein Landstreicher und ein gemeiner Lump«, entgegnete der Andere wüthend; »ich bin ein Acrobat, ein Straßenjunge, ein Zigeunerbursch gewesen! Ich habe mit tanzenden Hunden auf der Landstraße um Kupferpfennige gesungen! Ich habe eine Bedientenlivree getragen und bei Tische aufgewartet! Ich bin ein gewöhnlicher Matrosenkoch und ein Mensch für alles bei einem verhungernden Fischer gewesen! Was hat ein vornehmer Herr in Deiner Stellung mit einem Manne in der meinigen gemein? Kannst Du mich in der Gesellschaft zu Thorpe-Ambrose einführen? Mein Name allein würde schon ein Vorwurf für Dich sein. Denke Dir nur die Gesichter Deiner neuen Nachbarin wenn ihr Diener Ozias Midwinter und Allan Armadale in einem Athem anmeldet! »Er brach in ein gellendes Lachen aus und wiederholte die beiden Namen mit einer verachtungsvollen Bitterkeit des Nachdrucks, die erbarmungslos den Contrast zwischen denselben markierte.

Etwas in dem Klange seines Lachens berührte selbst Allan’s unbekümmerte Natur ein wenig unangenehm. Er richtete sich auf dem Verdeck empor und sprach zum ersten Male in ernstem Tone. »Ein Scherz ist ein Scherz, Midwinter«, sagte er, »solange Du ihn nicht zu weit treibst. Ich erinnere mich, wie Du einmal etwas Aehnliches zu mir sagtest, als ich Dich in Sommersetshire pflegte. Du zwangst mich, Dich zu fragen, ob gerade ich von allen Leuten auf der Welt es verdient habe, daß Du mich zurückwiesest und fern hieltest. Zwinge mich nicht, dies noch einmal zu sagen. Scherze, so viel Du willst, alter Junge, aber in einer andern Weise. Diese Art und Weise thut mir weh.«

So einfach diese Worte waren und so einfach der Ton, in dem sie gesprochen wurden, schienen sie doch augenblicklich eine Veränderung in Midwinter’s Gemüthe hervorzubringen. Seine empfindsame Natur bebte wie bei einer plötzlichen Erschütterung zurück. Ohne ein Wort zu erwidern, schritt er dem Vordertheile des Schiffes zu, setzte sich auf einen Bretterhaufen zwischen den Masten und strich sich in einer gedankenlosen, verdutzten Weise mit der Hand über die Stirn. Obgleich seines Vaters Glaube an ein Verhängniß auch der seinige war; obgleich in seinem Geiste nicht der geringste Zweifel darüber herrschte, daß die Frau, welche Mr. Brock in Sommersetshire gesehen, dieselbe sei, die sich in London das Leben zu nehmen versucht hatte; obgleich das ganze Grauen, das ihn nach dem Durchlesen des Briefes aus Wildbad erfüllt, ihn auch jetzt wieder ergriffen hatte, drang ihm doch die Art und Weise, in der Allan sich auf ihre Freundschaft berief, mit einer Macht ins Herz, die unwiderstehlicher war als selbst die Macht seines Aberglaubens. »Warum sollte ich ihn betrüben?« flüsterte er für sich. »Wir sind hier noch nicht am Ende —— noch lauert jene Frau im Hintergrunde. Warum sollte ich mich ihm widersetzen, da das Unglück einmal geschehen ist und die Warnung zu spät kommt? Was geschehen soll, wird geschehen. Was habe ich mit der Zukunft zu schaffen —— und was er?«

Er kehrte zu Allan zurück, setzte sich an seiner Seite nieder und faßte seine Hand. »Vergieb mir«, sagte er sanft; ich habe Dir zum letzten Male wehe gethan« Und noch ehe es Allan möglich war, hierauf zu antworten, nahm er hastig die Whiskyflasche vom Verdeck auf. »Komm!« rief er mit einer plötzlichen Anstrengung, die Fröhlichkeit seines Freundes nachzuahmen, »Du hast die Medicin des Doctors versucht; warum sollte ich nicht dasselbe thun?«

Allan war entzückt. »Dies nenne ich eine höchst vortheilhafte Veränderung«, sagte er. »Midwinter ist wieder der Alte. Horcht Da sind die Vögel! Sei mir gegrüßt, du lächelnder Morgen!« Er sang die Worte dieses Rundgesanges mit seiner alten fröhlichen Stimme und schlug Midwinter mit seiner gewohnten frohen Herzlichkeit auf die Schulten »Wie ist es Dir gelungen, jene verwünschte Migräne aus dem Kopfe loszuwerden? Weißt Du wohl, daß Du mit Deiner Prophezeihung entweder dem Einen oder dem Andern von uns müsse etwas zustoßen, ehe wir dies Schiff verließen, förmlich unangenehm wurdest?«

»Reiner Unsinn!« erwiderte Midwinter verachtungsvoll. »Ich glaube, mein Kopf hat sich nie ganz wieder erholt, seit ich jenes Fieber hatte; ich habe nun einmal einen Sparren zu viel im Kopfe, wie die Leute zu sagen pflegen. Laß uns von etwas Anderem reden. Von jenen Leuten, denen Du Dein Häuschen vermiethet hast? Ob man sich wohl auf den Bericht des Agenten über die Familie des Majors verlassen kann? Es mag vielleicht außer seiner Frau und seiner Tochter noch eine Dame im Hause sein.«

»Oho!« rief Allan. »Fängst auch Du jetzt etwa an, an Nymphen unter den Bäumen und Courschneidereien im Obstgarten zu denken? Wie? Noch eine Dame, so? Gesetzt, der Familienkreis des Majors hat keine solche auszuweisen? Wir werden jene halbe Krone noch einmal kreiseln lassen müssen, um zu bestimmen —— wer von uns beiden den Vorrang bei Miß Milroy haben soll.«

Diesmal antwortete Midwinter in demselben leichten und sorglosen Tone, den Allan angeschlagen hatte. »Nein, nein«, sagte er; »der Hauswirth des Majors hat das erste Anrecht an die Beachtung der Tochter des Majors. Ich will mich in den Hintergrund zurückziehen und auf die nächste Dame warten, die in Thorpe-Ambrose ankommt.«

»Sehr wohl. Ich will eine dahin gehende Aufforderung an die Frauen von Norfolk im Park anschlagen lassen«, bemerkte AlIan. »Bist Du besonders eigen in Bezug aus Größe und Farbe? Welches ist Dein Lieblingsalter?«

Midwinter spielte mit seinem Aberglauben, wie man mit einer geladenen Flinte spielt, die uns tödten, oder mit einem wilden Thiere, das uns fürs ganze Leben verstümmeln kann. Er nannte das Alter der Frau in dem schwarzen Kleide und dem rothen gewirkten Shawl, wie er dasselbe selbst berechnet hatte.

»Fünfunddreißig.«

Allein sowie diese Worte seinen Lippen entfielen, verließ ihn plötzlich seine erkünstelte Fröhlichkeit. Er sprang von seinem Sitze auf, völlig taub gegen Allans Neckereien wegen dieser sonderbaren Antwort, und nahm in tiefem Schweigen seinen rastlosen Spaziergang auf dem Verdeck wieder auf. Der Gedanke, der ihn vorher in der Dunkelheit bei seinem Auf- und Abgehen begleitet, begleitete ihn auch jetzt in der Tageshelle Schritt für Schritt. Es bemächtigte sich seiner abermals die Ueberzeugung daß entweder ihm oder Allan irgendetwas zustoßen müsse, ehe sie das Wrack verließen.

Mit jeder Minute ward es heller am östlichen Himmel, und die finsteren Stellen auf dem Verdeck des Holzschiffes zeigten in der Helle des Tages ihre nackte Leerheit. Wie der Landwind sich wieder erhob, erwachte auch das Meer und fing im Morgenlichte zu murmeln an. Selbst das kalte Geplätscher der kurzen Wellen veränderte seinen melancholischen Klang und schlug sanfter an das Ohr, als die milden Strahlen der Sonne warm auf dieselben herabfielen. Midwinter machte auf dem Vordertheile des Schiffes Halt und suchte sich wieder in die Gegenwart zu versetzen. Wohin er sich wandte, sah er sich von den erheiternden Einflüssen der Stunde umgeben. Das frohe Morgenlächeln des Sommerhimmels goß in seiner barmherzigen Liebe zur alten milden Erde seine allumfassende Herrlichkeit selbst über das Wrack aus! Der Thau, der glitzernd auf den Feldern der Inseln lag, funkelte auch auf dem Verdeck, und das abgenutzte rostige Tafelwerk war ebenso glänzend geschmückt wie die frischen, grünen Blätter am Ufer. Indem er rings umherschaute, wanderten Midwinter’s Gedanken unwillkürlich zu dem Gefährten, der das Abenteuer der Nacht mit ihm getheilt hatte. Er kehrte nach dem Hintertheile des Schiffes zurück und redete Allan an. Da er keine Antwort erhielt, trat er zu der liegenden Gestalt heran und betrachtete dieselbe näher. Allan war, sich selbst überlassen, von seiner Ermüdung überwältigt worden. Sein Kopf war zurückgesunken, sein Hut herabgefallen. Er lag, der Länge nach auf dem Verdeck ausgestreckt, in festem friedlichen Schlummer.

Midwinter nahm seinen Spaziergang wieder auf; sein Geist war in Zweifel versunken; seine eigenen früheren Gedanken erschienen ihm plötzlich sehr seltsam. Mit wie trüben Ahnungen hatte er der kommenden Zeit entgegengesehen —— und wie harmlos war diese Zeit jetzt gekommen! Die Sonne stieg am Himmel auf, die Stunde der Erlösung rückte immer näher und näher, und von den beiden Armadale, die auf dem unglückseligen Schiffe gefangen waren, lag der eine in sanftem Schlummer da, während der andere ruhig das Erwachen des neuen Tages beobachtete.

Die Sonne stieg höher; die Stunde rückte vor. In dem geheimen Argwohne gegen das Wrack, der ihm noch immer anhaftete, schaute Midwinter spähend nach beiden Ufern hinüber, um Zeichen erwachenden menschlichen Lebens zu entdecken. Allein es war noch immer einsam am Lande. Die Rauchsäulen, die bald aus den Essen der Bauernhütten emporkräuseln sollten, waren noch nirgend zu sehen.

Nach einem kurzen Sinnen kehrte er wieder nach dem Hintertheile des Schiffes zurück, um zu sehen, ob sich nicht ein Fischerboot innerhalb Hörweite hinter ihnen befinde. Für, den Augenblick mit diesem neuen Gedanken beschäftigt, ging er eilig an Allan vorüber, indem er kaum bemerkte, daß dieser noch immer schlafe. Mit dem nächsten Schritte würde er sich am Hackebord befunden haben —— doch ein Laut verhinderte ihn, diesen Schritt zu thun, ein Laut, der einem matten Stöhnen glich. Er wandte sich um und betrachtete den Schläfer auf dem Verdeck. Er kniete nieder und beobachtete ihn näher.

»Jetzt ist das Unglück da!« flüsterte er für sich. »Nicht für mich —— aber für ihn.«

Es war da in der hellen Frische des Morgens; es war gekommen in dem Geheimnisse und dem Grauen eines Traumes. Das Gesicht, welches Midwinter zuletzt so ruhig gesehen, war jetzt das verzerrte Gesicht eines Leidenden. Der Schweiß stand dicht auf Allan’s Stirn und feuchtete sein lockiges Haar. Seine halb geöffneten Augen zeigten nichts als das Weiße des matt glänzenden Augapfels. Seine ausgestreckten Hände kratzten und krallten auf dem Verdeck umher. Von Zeit zu Zeit stöhnte und murmelte er vor sich hin; aber die Worte, die ihm entschlüpften wurden durch sein Zähnefletschen unverständlich. Dort lag er —— körperlich dem Freunde so nahe, der sich über ihn hinbeugte; im Geiste sofern, daß die Beiden sich ebenso gut in verschiedenen Welten hätten befinden können —— dort lag er, während der Schein der Morgensonne auf sein Gesicht herabströmte, in den Qualen seines Traumes.

In dem Geiste des Mannes, der ihn betrachtete, erwachte eine Frage, und nur diese eine. Was hatte das Verhängnis, das ihn auf diesem Schiffe gefangen hielt, ihn sehen zu lassen bestimmt?

Hatte der verrätherische Schlaf die Pforten des Grabes für denjenigen der beiden Armadale geöffnet, den der andere über die Wahrheit in Unwissenheit erhalten? Offenbarte die Ermordung des Vaters sich in einem Traumgesichte dem Sohne, hier an derselben Stelle, wo das Verbrechen begangen worden war?

Indem diese Frage alles Andere in seinem Geiste in den Schatten drängte, kniete der Sohn des Mörders auf dem Verdeck nieder und betrachtete den Sohn des Mannes, den seines Vaters Hand erschlagen.

Der Kampf zwischen dem schlafenden Körper und dem wachen Geiste ward jeden Augenblick heftiger. Des Träumenden hilfloses Jammern nach Erlösung ward lauter; seine Hände erhoben sich und krallten die leere Luft. Mit der alles überwindenden Furcht ringend, in der er noch immer befangen war, legte Midwinter seine Hand sanft auf Allan’s Stirn. So leicht die Berührung war, regten sich doch in dem träumenden Manne geheime Sympathien, die dieselbe beantworteten. Sein Stöhnen hörte auf und seine Hände sanken langsam herab. Es erfolgte ein Augenblick der Erwartung, und Midwinter schaute näher hin. Sein Athem strich leicht über das Gesicht des Schlafenden hin. Da richtete Allan sich plötzlich empor, warf sich auf seine Knie, als wäre ein Trompetenstoß an sein Ohr gedrungen —— und im Augenblick war er wach.

»Du hast geträumt«, sagte Midwinter, als der Andere ihn in der ersten Verwirrung des Erwachens wild anstierte.

Allan’s Augen schweiften über das Verdeck hin —— anfangs mit leerem Blicke, dann mit einem Ausdrucke zorniger Ueberraschung. »Sind wir noch immer hier?« sagte er, während Midwinter ihm aufstehen half. »Was ich sonst immer an Bord dieses verdammten Schisses thun mag«, fügte er nach einem Augenblicke hinzu, »jedenfalls will ich hier nicht wieder einschlafen!«

Indem er diese Worte sprach, spähten die Augen seines Freundes mit stiller Frage in seinem Gesichte. Sie gingen neben einander auf dem Schiffe auf und ab.

»Erzähle mir Deinen Traum«, bat Midwinter mit einem seltsamen Tone des Argwohns in seiner Stimme und einer seltsamene Kürze in seinem Wesen.

»Ich kann es noch nicht erzählen«, erwiderte Allan. »Warte ein wenig, bis ich mich wieder gefaßt habe.«

Sie gingen noch einmal auf und ab. Midwinter stand still und ergriff abermals das Wort.

»Schau mich einen Augenblick an, Allan!« sagte er hastig.

Es lag in Allan’s Gesichte, wie er dasselbe dem Sprechenden zuwandte, etwas von der Qual des Traumes und etwas von dem natürlichen Erstaunen über diese soeben an ihn gerichtete seltsame Aufforderung; doch war keine Spur von Groll oder lauerndem Mißtrauen darin zu entdecken. Midwinter wandte sich schnell zur Seite und verbarg, so gut er es vermochte, den Ausdruck freudiger Ueberraschung, zu dem ihn sein erleichtertes Herz zwang.

»Sehe ich ein wenig verstört aus?« frug Allan, indem er seinen Arm nahm und ihn wieder weiter führte. »Beunruhige Dich deshalb nicht. Mir ist der Kopf wild und schwindlich —— aber ich werde es bald überwinden.«

Sie schritten während der nächsten wenigen Minuten schweigend auf und ab, der Eine, indem er sich des Grauens seines Traumes zu entschlagen bemüht war, der Andere, indem er zu entdecken versuchte, worin das Grauen dieses Traumes bestanden habe. Von ihrer bedrückenden Furcht befreit, hatte sich Midwinter’s abergläubische Natur sofort auf eine weitere Schlußfolgerung gestürzt. Hatte etwa der Schläfer im Traume eine andere Vision gehabt als die Offenbarung der Vergangenheit? Hatte sein Traum ihn in dem Buche der Zukunft seine künftige Lebensgeschichte lesen lassen? Der blose Gedanke an diese Möglichkeit verdoppelte Midwinter’s Verlangen, in das Geheimniß einzudringen, welches Allan’s Schweigen ihm noch immer vorenthielt.

»Ist Dein Kopf jetzt klarer?« frug er. »Kannst Du mir jetzt Deinen Traum erzählen?«

Während er diese Frage that, rückte der letzte denkwürdige Augenblick in dem Abenteuer nahe heran.

Sie waren am Spiegel angelangt und im Begriff, sich wieder umzuwenden. Während Allan die Lippen öffnete, um jene Frage Midwinter’s zu beantworten, schaute er mechanisch aufs Meer hinaus, und anstatt zu antworten lief er plötzlich an den Hackebord und schwenkte mit lautem Jubelrufe den Hut.

Midwinter gesellte sich zu ihm und sah ein großes sechsruderiges Boot, das gerade in den Kanal des Sundes hineinruderte. Eine Gestalt, die sie beide zu erkennen glaubten, erhob sich hastig hinter den Rudertaljen und erwiderte hutschwenkend Allan’s Begrüßung. Das Boot kam näher; der Steuermann rief ihnen munter zu, und sie erkannten die Stimme des Doctors.

»Gott sei gelobt, daß Sie sich beide über Wasser befinden!« sagte Mr. Hawbury, als sie ihm auf dem Verdeck des Holzschiffes entgegenkamen. »Welcher Wind von allen Winden des Himmels hat Sie hierher geweht?«

Bei dieser Frage blickte er Midwinter an; aber Allan erzählte anstatt seines Freundes ihm die Geschichte der vergangenen Nacht und befrug seinerseits den Doctor. Das eine, alles verzehrende Interesse in Midwinter’s Geiste, das Geheimniß des Traumes zu erfahren, ließ ihn während alles dessen schweigen. Unbekümmert um alles, was um ihn her geschah oder gesagt wurde, folgte er wie ein Hund Allan überall hin, bis der Augenblick kam, wo sie ins Boot hinabstiegen. Mr. Hawbury’s ärztliches Auge war neugierig aus ihn gerichtet und bemerkte seine wechselnde Farbe, sowie die beständige Unruhe seiner Hände. »Ich möchte für alles in der Welt nicht in der Haut jenes Mannes stecken«, dachte er, indem er den Helmstock des Bootes ergriff und den Ruderern Befehl gab, vom Wrack abzustoßen.

Da Mr. Hawbury alle Erklärungen von seiner Seite bis dahin verschoben hatte, wo sie sich auf der Rückfahrt nach Port-St.-Mary befinden würden, schickte er sich nunmehr an, zunächst Allan’s Neugier zu beschwichtigen. Die Umstände, welche ihn seinen beiden Gästen vom vorigen Abend zu Hilfe geführt, waren sehr einfach. Das verlorene Boot war von Fischersleuten aus Port-Erin, die dasselbe sofort als das des Doctors erkannt und augenblicklich einen Boten nach seinem Hause abgesandt hatten, auf der westlichen Seite der Insel auf dem Meere gefunden worden. Der Bericht des Boten von dem, was sich ereignet, hatte Mr. Hawbury natürlich mit Besorgniß für Allan’s und seines Freundes Sicherheit erfüllt. Er hatte unverzüglich Beistand gesucht und war, dem Rathe der Bootsleute folgend, zuerst nach der gefährlichsten Stelle an der Küste geeilt —— der einzigen Stelle, an der bei so ruhigem Wetter einem Boote, das von erfahrenen Männern geführt wurde, möglicherweise ein Unfall zustoßen konnte —— nämlich dem Kanal des Sundes. Nachdem er in dieser Weise seine willkommene Ankunft auf dem Schauplatze erklärt, bestand der Doctor in seiner Gastfreundschaft darauf, daß seine Gäste vom vorigen Abend auch an diesem Morgen wieder seine Gäste würden. Er erklärte, es werde für die Leute im Gasthofe zu früh sein, um sie aufzunehmen, und sie würden Betten und Frühstück in seinem, Mr. Hawbury’s, Hause bereit finden.

Bei der ersten Pause in der Unterhaltung zwischen Allan und dem Doktor berührte Midwinter, der weder an dem Gespräch theilgenommen, noch dasselbe angehört hatte, den Arm seines Freundes. »Fühlst Du Dich besser?« frug er flüsternd. »Wirst Du Dich bald hinlänglich gefaßt haben, um mir das zu erzählen, was ich zu wissen wünsche?«

Allan runzelte ungeduldig die Stirn; der Traum, sowie die Hartnäckigkeit, mit der Midwinter immer wieder auf denselben zurückkam, schienen ihm beide gleich zuwider zu sein. Er antwortete kaum mit seiner gewohnten Gutmüthigkeit »Ich werde wohl keine Ruhe haben, bis ich es Dir erzähle«, sagte er; »darum will ich es lieber sogleich thun.«

»Nein!« erwiderte Midwinter mit einem Blicke auf den Doctor und dessen Ruderer »Nicht, wo Du von Andern gehört werden kannst —— nicht eher, als bis wir allein sind.«

»Wenn Sie noch einen letzten Blick aus Ihr Nachtquartier zu werfen wünschen, meine Herren«, sagte der Doctor, »so ist es gerade noch Zeit! In einer Minute wird die Küste uns das Schiff entziehen.«

Beide Armadales warfen schweigend einen letzten Blick auf das unglückselige Schiff. Einsam und verloren hatte das Wrack in der geheimnißvollen Sommernacht dagelegen, als sie es gefunden. Einsam und verloren lag dasselbe jetzt in der glänzenden Pracht des Sommermorgens, da sie es verließen.

Eine Stunde später hatte der Doctor seine Gäste auf ihre Schlafgemächer geführt, damit sie bis zur Frühstücksstunde einigermaßen der Ruhe genössen.

Kaum hatte er den Rücken gewandt, als die Thüren beider Zimmer leise geöffnet wurden und Allan und Midwinter einander im Corridor begegneten.

»Kannst Du schlafen, nach alledem, was sich zugetragen hat?« frug Allan.

Midwinter schüttelte den Kopf. »Du warst im Begriff, nach meinem Zimmer zu kommen, nicht wahr?« sagte er. »Weshalb?«

»Ich wollte Dich um Deine Gesellschaft bitten. Weshalb kamst Du nach dem meinigen?«

»Um Dich zu bitten, mir Deinen Traum zu erzählen.«

»Der Henker hole den Traum! Ich wünsche ihn zu vergessen.«

»Aber ich wünsche ihn zu hören«

Beide schwiegen; beide unterließen es instinktmäßig noch ein Wort zu sagen. Zum ersten Male seit dem Anfange ihrer Freundschaft drohte Uneinigkeit zwischen ihnen auszubrechen —— und zwar wegen eines Traumes. Allan’s sanftes Temperament verhütete dies noch zu rechter Zeit.

»Du bist der halsstarrigste Bursche, der mir je vorgekommen ist«, sagte er, »aber Du verlangst es einmal zu hören vermuthlich mußt Du es hören. Komm in mein Zimmer, und ich will Dir’s erzählen.«

Er ging voran und Midwinter folgte ihm. Die Thür schloß sich hinter ihnen und sie waren mit einander allein.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

Als Mr. Hawbury mit seinen Gästen im Frühstückszimmer zusammentraf, war ihm der seltsame Contrast ihrer Charaktere, den er bereits früher wahrgenommen, auffallender denn je. Der Eine saß hungrig und lustig an dem wohlbesetzten Frühstückstische und schweifte von einer Schüssel zur andern, wobei er erklärte, daß er in seinem Leben noch nicht so gut gefrühstückt. Der Andere dagegen saß allein am Fenster; seine Tasse stand undankbar verlassen und kaum halb geleert vor ihm; die Speisen lagen kaum ungerührt aus seinem Teller! Des Doctors Morgengruß für die beiden Freunde drückte genau die verschiedenen Eindrücke aus, die sie auf ihn hervorgebracht hatten. Er schlug Allan auf die Schulter und begrüßte ihn mit einem Scherze. Midwinter dagegen empfing er mit einer steifen Verbeugung und sagte: »Ich fürchte, Sie haben sich noch nicht von den Anstrengungen der vergangenen Nacht erholt.«

»Nicht die Nacht ist’s, Doctor, die ihn übler Laune gemacht hat«, bemerkte Allan, »sondern etwas, das ich ihm erzählt habe. Doch ist es nicht meine Schuld. Hätte ich nur vorher gewußt, daß er an Träume glaubt, so würde ich nicht die Lippen geöffnet haben.«

»Träume?« wiederholte der Doctor, indem er sich direct an Midwinter wandte und, den Sinn von Allan’s Worten mißdeutend, ihn anredete. »Bei Ihrer Constitution sollten Sie wohl bereits an Träume gewöhnt sein.«

»Hierher, Doctor; Sie sind an den unrechten Mann gekommen!« rief Allan. »Ich bin der Träumer, nicht er. Sehen Sie nicht so erstaunt aus; es war nicht in diesem gemüthlichen Hause, sondern an Bord jenes verdammten Holzschiffes. Die Sache ist die: Ich schlief kurz vor Ihrer Ankunft ein, und es läßt sich nicht leugnen, daß ich einen sehr garstigen Traum hatte. Nun, als wir hier angelangt ——«

»Warum langweilst Du Mr. Hawbury mit einer Sache, die unmöglich Interesse für ihn haben kann?« fiel Midwinter ungeduldig ein, indem er zum ersten Male die Lippen öffnete.

»Ich bitte um Vergebung«, erwiderte der Doctor mit einiger Schärfe; »soviel ich davon gehört habe, interessiert mich die Sache allerdings.«

»Das ist recht, Doctor!« sagte Allan. »Ich bitte Sie, interessieren Sie sich für die Sache; denn ich wünsche, daß Sie ihm den Unsinn ausreden, den er sich in den Kopf gesetzt hat. Was sagen Sie hierzu? Er besteht darauf, daß mein Traum eine Warnung für mich ist, gewisse Leute zu meiden, und er besteht darauf, daß einer dieser Leute —— er selber sei! Haben Sie je etwas der Art gehört? Ich gab mir die größte Mühe und setzte ihm die ganze Sache aus einander. »Zum Henker mit der Warnung«, sagte ich; »Träume kommen aus dem Magen! Du weißt nicht, was ich alles beim Doktor zu Nacht gegessen und getrunken habe, aber ich weiß es.« Glauben Sie wohl, daß er auf mich hören wollte? Durchaus nicht. Versuchen Sie es jetzt einmal; Sie sind Mediciner und er muß Sie anhören. Thun Sie mir den Gefallen, Doctor, und geben Sie mir ein Zeugniß über meine schlechte Verdauung; ich will Ihnen mit Vergnügen meine Zunge zeigen.«

»Ihr Gesicht ist genug für mich«, erwiderte Mr. Hawbury. »Ich will Ihnen auf der Stelle ein Attest geben, daß Sie in Ihrem ganzen Leben noch nicht an schlechter Verdauung gelitten haben. Lassen Sie Ihren Traum hören, damit wir sehen, was wir daraus machen können —— das heißt, falls Sie nichts dawider haben.«

Allan deutete mit seiner Gabel auf Midwinter.

»Wenden Sie sich an meinen Freund dort«, sagte er; »er besitzt einen weit bessern Bericht über denselben, als ich Ihnen zu geben im Stande bin. Sollten Sie es wohl glauben? Er brachte die ganze Geschichte sofort zu Papier, als ich sie ihm erzählte, und schließlich ließ er mich es unterzeichnen, als wäre es mein letztes Bekenntniß auf meinem Wege zum Galgen gewesen. Heraus damit, alter Junge! Ich sah, wie Du es in Dein Taschenbuch legtest «— heraus damit!«

»Sprichst Du wirklich im Ernste?« fragte Midwinter, indem er sein Taschenbuch mit einem Widerstreben herausnahm, das unter den vorliegenden Umständen fast beleidigend war, denn es lag in demselben ein Mißtrauen gegen den Doctor, hier in des Doctors eigenem Hause.

Mr. Hawburtys Gesicht röthete sich. »Bitte, zeigen Sie mir es ja nicht, wenn es Ihnen im mindesten zuwider ist«, sagte er mit der gezwungenen Höflichkeit eines Mannes, der sich beleidigt fühlt.

»Unsinn!« rief Allan. »Wirf es hier herüber!«

Anstatt diesem Ersuchen Folge zu leisten, nahm Midwinter das Blatt Papier aus seinem Taschenbuche, verließ seinen Platz und trat zu Mr. Hawbury heran. »Ich bitte Sie um Vergebung«, sagte er, indem er dem Doktor das Manuscript überreichte. Seine Augen senkten sich aus den Boden und sein Gesicht verdüsterte sich, indem er sich in dieser Weise entschuldigte. »Ein geheimnißvoller, verdrießlicher Geselle«, dachte der Doctor, als er ihm mit steifer Höflichkeit dankte; »sein Freund ist tausendmal so viel werth als er.« Midwinter kehrte zum Fenster zurück und setzte sich schweigend und mit jener alten Resignation, die Mr. Brock einst so unbegreiflich gewesen, wieder nieder.

»Lesen Sie das, Doctor«, sagte Allan, als Mr. Hawbury das beschriebene Blatt auseinander faltete. »Es ist nicht in meiner weitschweifigen Manier abgfaßt; doch ist nichts hinzugefügt und nichts weggelassen. Es ist genau das, was ich geträumt habe, und genau das, was ich selbst geschrieben haben würde, wenn ich das Schreiben loshätte ——« was nicht der Fall ist, außer was Briefe betrifft, und die kratze ich Ihnen im Handumdrehen fertig.«

Mr. Hawbury legte das Manuscript offen vor sich auf den Frühstückstisch und las folgende Zeilen :

»Allan Armadales Traum.

Zu früher Stunde am Morgen des vierzehnten Juni achtzehnhundert einundfünfzig befand ich mich mit einem Freunde —— einem jungen Manne meines Alters —— allein an Bord des französischen Holzschiffes La Gráce de Dieu, welches als Wrack in dem Sundkanal zwischen der Hauptinsel Man und der kleinen Nebeninsel Kalb lag. Da ich die Nacht zuvor nicht im Bette zugebracht hatte und mich von Schläfrigkeit überwältigt fühlte, schlief ich auf dem Verdeck des Schiffes ein. Ich erfreute mich zur Zeit meiner gewohnten vortrefflichen Gesundheit, und der Morgen war so weit vorgerückt, daß die Sonne bereits aufgegangen war. Unter diesen Umständen und zu dieser Tageszeit ging ich vom Schlafen zum Träumen über. Soviel ich mich nach Verlauf weniger Stunden erinnere, war die Reihenfolge der Ereignisse, die sich mir im Traume darstellten, folgende:

Das Erste, dessen ich mir bewußt ward, war die Erscheinung meines Vaters. Er nahm mich langsam bei der Hand, und wir befanden uns in der Kajüte eines Schiffes.

Das Wasser stieg allmählig immer höher und höher, und ich und mein Vater sanken mit einander im Wasser unter.

Es folgte ein Zwischenraum von Vergessenheit; dann kam mir das Bewußtsein, daß ich im finsteren allein gelassen sei.

Ich wartete.

Die Finsternis theilte sich und zeigte mir —— wie in einem Bilde —— einen großen einsamen Teich, der von offenen Feldern umgeben war. Ueber der äußersten Grenze des Teiches erblickte ich den wolkenlosen westlichen Himmel, der vom Sonnenuntergang geröthet war.

An dem diesseitigen Rande des Teiches stand der Schatten eines Weibes.

Es war nur der Schatten. Nichts zeigte an, wen dieser Schatten vorstelle, oder mit welchem lebenden Wesen er Aehnlichkeit habe. Das lange Kleid zeigte mir, daß es der Schatten eines Weibes sei, doch weiter nichts.

Es ward wieder finster, und so blieb es eine Weile; dann ward es zum zweiten Male hell.

Ich befand mich in einem Zimmer, wo ich vor einem langen Fenster stand. Der einzige Gegenstand, den ich sah, oder den ich gesehen zu haben mich jetzt erinnere, war eine kleine Statue, welche neben mir stand. Die Statue befand sich zu meiner Linken und das Fenster zu meiner Rechten. Das Fenster ging auf einen Rasenplatz und Blumengarten hinaus, und der Regen schlug heftig an die Fensterscheiben.

Ich war nicht allein im Zimmer. Mir gegenüber am Fenster stand der Schatten eines Mannes.

Ich sah nichts weiter von demselben —— ich wußte nichts weiter von demselben, als was ich von dem Schatten des Weibes gesehen und gewußt hatte. Aber der Schatten des Mannes bewegte sich. Derselbe streckte den Arm nach der Statue aus —— und die Statue fiel in Scherben zu Boden.

Mit einer verworrenen Empfindung, die theils Zorn, theils Bekümmerniß war, bückte ich mich, um die Scherben zu betrachten. Als ich mich wieder aufrichtete, war der Schatten verschwunden und ich sah nichts weiter.

Die Finsternis öffnete sich zum dritten Male und zeigte mir den Schatten des Weibes und den des Mannes zugleich.

Es war mir, wenigstens soviel ich mich jetzt zu erinnern vermag, keine Umgebung sichtbar.

Der Schatten des Mannes stand mir am nächsten, der des Weibes weiter zurück. Von der Stelle, an der sie stand, kam ein Laut gleich dem leisen Ausgießen einer Flüssigkeit. Ich sah sie mit der einen Hand den Schatten des Mannes berühren und ihm mit der andern ein Glas reichen. Er nahm das Glas und reichte dasselbe mir. In dem Augenblicke, da ich dasselbe an die Lippen setzte, fühlte ich mich vom Kopf bis zu den Füßen von einer tödtlichen Ohnmacht befallen. Wie ich wieder zum Bewußtsein kam, war der Schatten verschwunden und das dritte Traumgesicht zu Ende.

Die Finsternis kehrte wieder zurück und nochmals folgte ein Zwischenraum der Vergessenheit.

Ich war mir nichts weiter bewußt, bis ich den Morgensonnenschein auf meinem Gesichte fühlte und meinen Freund sagen hörte, ich sei aus einem Traume erwacht.«

Nachdem der Doctor die Erzählung aufmerksam bis zur letzten Zeile durchgelesen hatte, wo sich Allan’s Unterschrift befand, sah er über den Frühstückstisch zu Midwinter hinüber und klopfte, mit einem satirischen Lächeln, mit den Fingern auf das Manuskript.

»Viele Köpfe, viele Sinne«, sagte er. »Ich stimme mit keinem von Ihnen beiden in Bezug auf diesen Traum überein. Mit Ihrer Theorie«, sagte er lächelnd, indem er Allan anblickte, »sind wir bereits fertig: Das Nachtessen, das Sie nicht zu verdauen im Stande sind, soll noch erfunden werden. Zu meiner Theorie wollen wir sogleich kommen; die Theorie Ihres Freundes fordert zuerst unsere Aufmerksamkeit.« Er wandte sich wieder zu Midwinter, wobei der Triumph, den er über einen ihm unliebsamen Mann zu erringen hoffte, ein wenig zu deutlich in seinem Gesichte und seinem Wesen ausgedrückt war. »Wenn ich recht verstanden habe«, fuhr er fort, »so halten Sie diesen Traum für eine Warnung, die in übernatürlicher Weise an Mr. Armadale gerichtet ist; für eine Warnung vor gefährlichen Ereignissen, die ihn bedrohen und vor gefährlichen Leuten, die mit jenen Ereignissen in Verbindung stehen und die er wohl thun wird zu meiden. Darf ich fragen, ob Sie zu diesem Schlusse gelangt sind, weil Sie überhaupt an Träume glauben, oder weil Sie Gründe haben, diesem einen Traume eine besondere Wichtigkeit beizulegen?«

»Sie haben meine Ueberzeugung vollkommen richtig angegeben«, erwiderte Midwinter, der sich durch den Ton und die Blicke des Doctors gereizt fühlte. »Entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie bitte, sich mit diesem Zugeständniß zu begnügen und mich meine Gründe für mich behalten zu lassen.«

»Das ist genau dasselbe, was er zu mir sagte«, unterbrach ihn Allan »Ich glaube nicht, daß er überhaupt irgendwelche Gründe hat.«

»Sachte, sachte!« sagte Mr. Hawbury. »Wir können den Gegenstand besprechen, ohne uns in die Geheimnisse anderer Leute zu drängen. Lassen Sie uns jetzt zu meiner Methode einer Erklärung des Traumes kommen. Es wird Mr. Midwinter wahrscheinlich nicht überraschen zu hören, daß ich die Sache aus einem wesentlich praktischen Gesichtspunkte betrachte.«

»Dies wird mich durchaus nicht im geringsten überraschen«, entgegnete Midwinter. »Der Gesichtspunkt eines Arztes geht, wenn er ein Problem über die Menschheit zu lösen hat, selten über das Secirmesser hinaus.«

Der Doctor fühlte sich hier seinerseits ein wenig gereizt. »Unsere Grenzen sind nicht ganz so eng«, sagte er; »doch bin ich einzuräumen bereit, daß Ihr Glaube gewisse Artikel in sich schließt, an die wir Aerzte nicht glauben. Wir glauben zum Beispiel nicht, daß es gerechtfertigt ist, wenn ein verständiger Mann irgendeinem Phänomen, das innerhalb des Bereichs seiner Sinne kommt, eine übernatürliche Deutung gibt, bevor er die sichere Ueberzeugung gewonnen hat, daß keine natürliche Erklärung desselben möglich ist.«

»Höre, das ist sehr einleuchtend«, rief Allan. —— »Er traf Sie scharf mit seinem »Secirmesser«, Doctor; jetzt aber haben Sie ihm mit Ihrer »natürlichen Erklärung« eins versetzt. Lassen Sie uns dieselbe hören.«

»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Hawbury. »Es liegt in meiner Theorie über die Träume durchaus nichts Außerordentliches, es ist die Theorie, die von dem größeren Theile meiner Berufsgenossen anerkannt wird. Ein Traum ist weiter nichts als die während des Schlafs im Gehirn wiederauftauchenden Bilder und Eindrücke, die dasselbe im wachen Zustande in sich aufgenommen hatte; und diese Reproduction ist aus verschiedenen äußeren und inneren Gründen mehr oder weniger verworren, undeutlich oder widersprechend. Ohne näher in diesen letzteren Theil des Gegenstandes einzugehen, der einen sehr merkwürdigen und interessanten Theil desselben ausmacht, wollen wir die Theorie im Allgemeinen nehmen, wie ich dieselbe soeben angegeben habe, und sie sofort ans den Traum anwenden, um den es sich gegenwärtig handelt.« Er nahm das beschriebene Blatt Papier vom Tische auf und ließ den steifen Lehrton fahren, in den er unwillkürlich verfallen war. »ich sehe in diesem Traume bereits ein Ereigniß«, fuhr er fort, »von dem ich weiß, daß es eine Wiederhervorbringung eines wachen Eindruckes ist, den Mr. Armadale in meiner eigenen Gegenwart empfing. Falls er mir nur behilflich sein will, indem er sein Gedächtnis; anstrengt, verzweifle ich nicht daran, die Spuren der ganzen Reihe von Ereignissen, die hier angegeben sind, in etwas zu entdecken, das er während der vierundzwanzig oder weniger Stunden, die seinem Einschlafen auf dem Verdeck des Holzschiffes vorangingen, gesagt, gedacht, gesehen oder gethan hat.«

»Ich will mit Vergnügen mein Gedächtnis; anstrengen«, sagte Allan. »Wo fangen wir an?«

»Machen wir den Anfang damit, daß Sie mir sagen, was Sie gestern gethan haben, ehe Sie und Ihr Freund mir auf dem Wege nach diesem Orte begegneten«, erwiderte Mr. Hawbury. »Sagen wir also, Sie standen auf und frühstückten. Was dann?«

»Dann nahmen wir einen Wagen«, sagte Allan, »und fuhren von Castletown nach Douglas, um meinen alten Freund Mr. Brock an Bord des Dampfschiffes zu begleiten, in dem er nach Liverpool überfahren sollte. Wir kehrten nach Castletown zurück und trennten uns an der Thür des Hotels. Midwinter ging ins Haus hinein und ich nach meiner Jacht, die im Hafen liegt. —— A propos, Doctor, vergessen Sie nicht, daß Sie eine Fahrt mit uns zu machen versprochen haben, ehe wir die Insel Man verlassen.«

»Besten Dank —— doch lassen Sie uns bei der Sache bleiben. Was dann?«

Allan zögerte. Sein Geist schwamm bereits im vollsten Sinne des Wortes auf dem Wasser.

»Was thaten Sie an Bord der Jacht?«

»O, ich weiß! Ich machte Ordnung in der Kajüte —— gründliche Ordnung. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich kehrte jedes einzelne Stück um. Und mein Freund kam in einem Uferboote heraus und half mir. Das erinnert mich daran, daß ich Sie noch nicht gefragt habe, ob Ihr Boot in der Nacht Schaden genommen hat. Wenn dasselbe irgendwie beschädigt ist, so bestehe ich darauf, daß Sie es mir wieder auszubessern gestatten.«

Der Doctor gab alle ferneren Versuche, Allan’s Gedächtniß zu cultiviren, in Verzweiflung auf.

»Ich zweifle daran, ob wir auf diese Weise unsern Zweck erreichen werden«, sagte er. »Es wird besser sein, daß wir die Ereignisse des Traumes in ihrer regelmäßigen Ordnung vornehmen und dabei die Fragen stellen, die sich von selbst bieten. Hier sind also die beiden ersten Ereignisse. Sie träumen, daß Ihr Vater Ihnen erscheint; daß Sie beide zusammen in der Kajüte eines Schiffes sind; daß das Wasser in derselben immer höher emporsteigt und daß Sie zusammen untersinken. Darf ich fragen, ob Sie unten in der Kajüte des Wracks waren?«

»Ich konnte nicht dort sein«, entgegnete Allan, »da die Kajüte voll Wasser war. Ich sah hinunter, bemerkte dies und schloß dann wieder die Thür.«

»Sehr gut«, fuhr Mr. Hawbury fort. »Hier haben wir die wachen Eindrücke so weit klar genug. Sie hatten die Kajüte in Ihren Gedanken, und Sie hatten das Wasser in Ihren Gedanken; und das Rauschen der Kanalströmung war, wie ich dies wohl weiß, ohne Sie erst zu fragen, das Letzte, was Ihre Ohren hörten, ehe Sie einschliefen. Die Idee des Ertrinkens ist nach solchen Eindrücken eine zu natürliche, als daß wir uns bei derselben aufzuhalten brauchten. Ist hier sonst noch etwas zu beachten, ehe wir weiter gehen? Ja; es bleibt noch ein Umstand zu erklären übrig.«

»Der wichtigste Umstand von allen«, bemerkte Midwinter, sich in das Gespräch mischend, ohne jedoch seinen Platz am Fenster zu verlassen.

»Sie meinen das Erscheinen von Mr. Armadale’s Vater? Ich war im Begriff, desselben zu erwähnen«, erwiderte Mr. Hawbury. »Ist Ihr Vater am Leben?« frug er, abermals gegen Allan gewendet.

»Mein Vater starb, ehe ich geboren war.«

Der Doctor sah einigermaßen verblüfft aus. »Dadurch wird die Sache ein wenig verwickelter«, sagte er. »Woher wußten Sie, daß die Gestalt, die Ihnen im Traume erschien, die Ihres Vaters sei?«

Allan zögerte abermals. Midwinter zog seinen Sessel ein wenig vom Fenster ab und blickte den Doctor zum ersten Male aufmerksam an.

»Dachten Sie an Ihren Vater, ehe Sie einschliefen?« fuhr Mr. Hawbury fort. »Gab es zu Hause bei Ihnen irgendeine Beschreibung oder ein Porträt von ihm, das Ihre Gedanken beschäftigte?«

»Es, das versteht sich!« rief Allan, plötzlich die verlorene Erinnerung erfassend. »Midwinter, erinnerst Du Dich nicht des Miniaturbildchens, das Du in der Kajüte am Boden fandest, als wir dort Ordnung machten? Du sagtest, ich scheine keinen Werth darauf zu legen, aber ich versicherte Dir das Gegentheil, da es das Porträt meines Vaters sei ——«

»Und war das Gesicht in Ihrem Traume dem Gesicht auf dem Bilde gleich?«

»Genau! Hören Sie, Doctor, dies fängt an interessant zu werden!«

»Was sagen Sie jetzt?« frug Mr. Hawbury, sich wieder dem Fenster zuwendend.

Midwinter verließ hastig seinen Platz und setzte sich neben Allan an den Tisch. Ebenso wie er schon vorher einmal in Mr. Brocks behaglichem gesunden Menschenverstande eine Zuflucht vor der Tyrannei seines eigenen Aberglaubens gesucht, flüchtete er sich jetzt mit derselben ungestümen Hast und derselben geradsinnigen Aufrichtigkeit zu des Doctors Theorie der Träume. »Ich sage dasselbe was mein Freund sagt«, antwortete er, vor Enthusiasmus erglühend; »dies fängt an interessant zu werden. Fahren Sie fort —— bitte, fahren Sie fort!«

Der Doctor blickte seinen seltsamen Gast nachsichtiger an, als er bisher gethan. »Sie sind in meiner Erfahrung der erste Mystiker der einer klaren Augenscheinlichkeit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen bereit war. Ich verzweifle nicht daran, Sie zu bekehren, ehe unsere Nachforschungen zu Ende sind.

Lassen Sie uns jetzt zu den nächsten Ereignissen übergehen«, fuhr er fort, nachdem er einen Blick in das Manuscript gethan. »Der Zwischenraum von Vergessenheit, der, wie hier angegeben ist, den ersten Erscheinungen des Traumes folgte, ist leicht zu erklären.

Derselbe ist nichts weiter als das momentane Aufhören der Thätigkeit des Gehirns, indem eine tiefere Welle des Schlafs dasselbe überfluthet, wie denn auch das darauf folgende Gefühl des Alleinseins in der Dunkelheit nur den Uebergang von der vollkommenen Ruhe des Gehirns zu neuer Thätigkeit desselben andeutet, nur daß es dabei noch nicht bis zur Reproduction einer neuen Reihe von Eindrücken kommt. Lassen Sie uns sehen, welcher Art die folgenden Bilder sind. Ein einsamer Teich, von offenen Feldern umgeben; ein vom Sonnenuntergang gerötheter Horizont an der jenseitigen Grenze des Teiches, und der Schatten eines Weibes am diesseitigen Rande desselben. Sehr gut. Jetzt, Mr. Armadale, wie kam jener Teich in Ihren Kopf? Die offenen Felder sahen Sie auf Ihrer Fahrt von Castletown nach diesem Orte. Aber wir haben in dieser Gegend keine Teiche oder Seen; auch können Sie deren ebenso wenig kürzlich anderswo gesehen haben, denn Sie langten hier nach einer Segelfahrt auf dem Meere an. Müssen wir uns mit einem Bilde oder einem Buche oder einer Unterhaltung mit Ihrem Freunde behelfen?«

Allan blickte Midwinter an. »Ich erinnere mich nicht! von Teichen oder Seen gesprochen zu haben«, erklärte er. »Erinnerst Du Dich an etwas der Art?«

Anstatt die Frage zu beantworten, wandte Midwinter sich plötzlich zum Doctor.

»Haben Sie die letzte Nummer der Manxer Zeitung?« frug er.

Der Doetor holte dieselbe von dem Nebentische.

Midwinter suchte die Stelle, welche jene Auszüge aus einer kürzlich erschienenen Reisebeschreibung von Australien enthielt, die am vergangenen Abend Allan’s Interesse so lebhaft erweckt hatten, während er, Midwinter, über dem Vorlesen derselben eingeschlafen war. Dort, in der Stelle, welche schilderte, wie die Reisenden, von Durst gequält, endlich die Entdeckung machten, die ihnen das Leben rettete —— dort befand sich der große Teich, der in Allan’s Traume figuriert hatte!

»Legen Sie die Zeitung noch nicht fort«, sagte der Doctor, als Midwinter ihm dieselbe gezeigt und ihm die nothwendigen Erklärungen gegeben hatte. »Es ist sehr leicht möglich, daß wir, ehe wir mit unseren Nachforschungen zu Ende sind, jener Auszüge noch ferner bedürfen werden. Den Teich haben wir gefunden. Wie steht es mit dem Sonnenuntergange? Es wird in diesem Zeitungsauszuge nichts der Art erwähnt. Suchen Sie noch einmal in Ihrem Gedächtnisse, Mr. Armadale; es fehlt uns Ihr wacher Eindruck von einem Sonnenuntergange; also, haben Sie die Güte!«

Allan vermochte abermals keine Antwort zu geben, und abermals half Midwinters lebendiges Gedächtniß ihm aus der Verlegenheit.

»Ich glaube, die Spur dieses Eindrucks ebenso wohl finden zu können, als ich die jenes andern fand«, sagte er zum Doctor gewendet. »Nachdem wir gestern Nachmittag hier angelangt waren, machten mein Freund und ich einen langen Spaziergang über die Hügel ——«

»Das ist’s!« rief AlIan. »Jetzt erinnere ich mich. Die Sonne war eben im untergehen, als wir zum Nachtessen nach dem Hotel zurückkehrten —— und der Himmel bot eine so herrliche gluthrothe Färbung, daß wir beide stillstanden, um ihn zu betrachten. Und dann plauderten wir von Mr. Brock und ergingen uns in Muthmaßungem welche Station er auf seiner Heimreise jetzt wohl erreicht haben möge. Mein Gedächtniß mag vielleicht schwer in Gang zu bringen sein, Doctor, doch sobald dasselbe einmal im Gange ist, werden Sie es nicht so bald wieder zum Stehen bringen. Ich bin noch nicht halb zu Ende.«

»Warten Sie einen Augenblick, aus Barmherzigkeit für Mr. Midwinters Gedächtniß und das meinige«, bat der Doctor. »Wir haben die Spuren Ihrer Vision der offenen Felder, des Teiches und des Sonnenunterganges in Ihren wachen Eindrücken entdeckt. Doch der Schatten des Weibes ist noch unerklärt geblieben. Können Sie uns das Original zu dieser geheimnißvollen Gestalt in der Traumlandschaft zeigen?«

Allan war abermals unfähig, dem Doctor zu helfen, und Midwinter wartete, mit athemlosem Interesse die Blicke auf das Gesicht des Doctors heftend, der Dinge, die da kommen würden. Es herrschte zum ersten Male tiefes Schweigen im Zimmer. Mr. Hawbury blickte fragend von Allan zu Allan’s Freunde. Keiner von beiden antwortete ihm. Zwischen dem Schatten und dem Wesen des Schattens lag eine tiefe, geheimnißvolle Kluft, die sie alle Drei nicht ausfüllen konnten.

»Geduld«, sagte der Doctor gelassen. »Wir wollen die Gestalt am Teiche für jetzt ruhen lassen und sehen, ob wir dieselbe nicht später irgendwo wieder aufnehmen können. Erlauben Sie mir zu bemerken, Mr. Midwinter, daß es keine Kleinigkeit ist, einen Schatten zu identifizieren; aber wir wollen nicht verzweifeln. Diese unerfaßliche Jungfrau vom See wird vielleicht, wenn wir sie das nächste Mal treffen, eine greifbare Gestalt annehmen.«

Midwinter erwiderte nichts. Von diesem Augenblicke begann sein Interesse, an der Nachforschung nachzulassen.

»Welches ist die nächste Scene in dem Traume?« fuhr Mr. Hawbury fort, indem er wieder in das Manuscript sah. »Wir. Armadale sieht sich in einem Zimmer. Er steht vor einem langen Fenster, das auf einen Rasenplatz und Blumengarten geht, und der Regen schlägt an die Fensterscheiben. Der einzige Gegenstand, den er im Zimmer sieht, ist eine kleine Statue, und seine einzige Gesellschaft ist die des Schattens eines Mannes, der ihm gegenübersteht. Der Schatten streckt den Arm aus, und die Statue fällt in Scherben aus den Boden; der Träumende, voll Unmuth und Verdruß hierüber (bemerken Sie wohl, meine Herren, daß die Verstandesfähigkeiten des Träumenden hier ein wenig erwachen und der Traum auf einen Augenblick ganz natürlich von der Ursache zur Wirkung übergeht) —— der Träumende also bückt sich, um die Scherben zu betrachten. Wie er sich wieder aufrichtet, ist seine Umgebung verschwunden. Das heißt, in der Ebbe und Fluth des Schlafes ist jetzt die Fluth an der Reihe, und das Gehirn ruht ein wenig von seiner Anstrengung. Was gibt es, Mr. Armadale? Geht Ihr unbändiges Gedächtniß wieder einmal mit Ihnen durch?«

»Ja«, rief Allan, »im vollen Galopp. Ich habe die zerbrochene Statue aufgespürt, dieselbe ist nichts Anderes als eine Porzellan-Schäferin, die ich im Gastzimmer des Hotels vom Kaminsims warf, als ich gestern Abend um das Nachtessen schellte. Hören Sie, welche Fortschritte wir machen! Wie? Es ist fast wie ein Räthselrathen. Das nächste Mal kommst Du an die Reihe, Midwinter!«

»Nein!« sagte der Doctor. »Ich komme an die Reihe, wenn Sie es erlauben. Ich fordere das lange Fenster, den Garten und den Rasenplatz als mein Eigenthum. Sie werden das lange Fenster im nächsten Zimmer finden, Mr. Armadale. Wenn Sie zu demselben hinausschauen, werden Sie den Garten und Rasenplatz vor demselben erblicken, und wenn Sie Ihr erstaunliches Gedächtniß anstrengen, werden Sie sich erinnern, daß Sie die Güte hatten, besonders schmeichelhafte Notiz von meinem eleganten französischen Fenster und meinem hübschen Garten zu nehmen, als ich Sie und Ihren Freund gestern nach Port-St.-Mary fuhr.«

»Ganz recht«, erwiderte Allan, »das that ich allerdings. Aber wie steht es mit dem Regen, der in meinem Traume ans Fenster schlug? Ich habe seit einer Woche keinen Tropfen Regen gesehen.«

Mr. Hawbury zögerte. Die Manxer Zeitung, die auf dem Tische liegen geblieben war, fiel ihm ins Auge. »Wenn wir nichts Anderes zu finden im Stande sind«, sagte er, »wollen wir versuchen, ob wir die Idee des Regens nicht an derselben Stelle finden können, wo wir die Idee des Teiches fanden.« Er las den Auszug sorgfältig durch. »Ich hab’s!« rief er. »Hier wird beschrieben, wie den durstigen Reisenden in Australien der Regen zu Hilfe kam, ehe sie den Teich gefunden hatten. Siehe da, der Regenschauer, Mr. Armadale, der Ihnen in den Kopf kam, nachdem Sie Ihrem Freunde gestern Abend den Auszug vorgelesen! Und Sie, Mr. Midwinter, sehen Sie wohl, wie der Traum gewöhnlich die wachen Eindrücke durch einander mischt!«

»Können Sie den wachen Eindruck entdecken, der die menschliche Gestalt am Fenster erklärt?« frug Midwinter. »Oder werden wir den Schatten des Mannes übergehen, wie wir bereits den Schatten des Weibes übergangen haben?«

Er that die Frage mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, doch lag in dem Tone, in dem er sprach, ein Anflug von bitterem Spott, der dem Ohre des Doctors nicht entging, sodaß dieser augenblicklich kampfbereit war.

»Wenn man am Strande Muscheln sammelt, Mr. Midwinter, nimmt man gewöhnlich diejenigen Muscheln zuerst, die Einem am nächsten liegen«, entgegnete der Doctor. »Wir sammeln augenblicklich Thatsachen und wollen diejenigen zuerst aufnehmen, die am leichtesten zu finden sind. Lassen Sie den Schatten des Mannes und den Schatten des Weibes für jetzt mit einander spazieren gehen —— wir wollen sie nicht aus den Augen verlieren, das verspreche ich Ihnen. Alles zu seiner Zeit, mein lieber Herr, alles zu seiner Zeit!«

Auch er war höflich, und auch er war sarkastisch. Der kurze Waffenstillstand zwischen den beiden Gegnern war bereits wieder zu Ende. Midwinter kehrte bedeutungsvoll wieder zu seinem Platze am Fenster zurück. Der Doctor wandte demselben augenblicklich noch bedeutungsvoller wieder den Rücken. Allan, welcher an anderer Leute Ansichten nie etwas auszusetzen fand und das Benehmen Anderer nie einer kritischen Prüfung unterwarf, trommelte fröhlich mit seinem Messerhefte auf den Tisch.

»Fahren Sie fort, Doctor!« rief er aus. »Mein erstaunliches Gedächtniß ist noch immer so frisch wie je.«

»Wirklich?« sagte Mr. Hawbury, abermals die Erzählung von dem Traume mit den Blicken durchlaufend. »Erinnern Sie sich dessen, was sich ereignete, als Sie und ich gestern Abend mit der Wirthin am Schenktisch plauderten?«

»Das versteht sich! Sie waren so gütig, mir ein Glas Grog zu reichen, das die Wirthin soeben für Sie gemischt hatte. Und ich war genöthigt, dasselbe auszuschlagen, weil der Geschmack von Rum, wie ich Ihnen sagte, mir stets Uebelkeit und Schwäche verursacht, in welcher Weise derselbe immer vermischt sein mag.«

»Ganz recht«, erwiderte der Doctor. »Und der Vorfall ist hier im Traume wieder hervorgebracht. Sie sehen diesmal den Schatten des Mannes und den des Weibes zusammen. Sie hören das Ausgießen der Flüssigkeit, nämlich Rum aus der Flasche und Wasser aus dem Kruge der Wirthin im Hotel; das Glas wird von dem Frauenschatten —— der Wirthin —— dem Schatten des Mannes —— der ich bin —— gereicht; der männliche Schatten reicht dasselbe Ihnen —— genau dasselbe, was ich that. Die Uebelkeit und Schwäche aber, die Sie mir vorher beschrieben, erfolgt ganz natürlich. Ich bin empört, Mr. Midwinter, diese geheimnißvollen Erscheinungen mit so jämmerlich unromantischen Originalen wie einer Hotelwirthin und einem Mann, der in einer ländlichen Gegend herumdoctort, zu Identifizieren. Aber Ihr Freund wird Ihnen bestätigen, daß das Glas Grog von der Wirthin gemischt wurde und daß dasselbe durch meine Hand an ihn gelangte. Wir haben die Schatten jetzt, genau, wie ich es erwartete, gefunden, und es bleibt uns jetzt nur noch zu erklären übrig —— was mit zwei Worten geschehen kann —— in welcher Weise dieselben im Traume erschienen. Nachdem der träumende Geist versucht hatte, den wachen Eindruck von dem Doktor und der Wirthin einzeln in Verbindung mit den verkehrten Umständen hervorzubringen, findet derselbe sich beim dritten Versuche zurecht und bringt den Doctor und die Wirthin zusammen unter den richtigen Umständen zum Vorschein. Da haben Sie die Geschichte in einer Nußschale! —— Erlauben Sie mir, Ihnen mit meinem besten Danke für Ihre vollständige und auffallende Bestätigung der rationellen Theorie der Träume Ihr Manuskript zurückzugeben.« Mit diesen Worten überreichte der Doctor Midwinter dasselbe mit der unbarmherzigen Höflichkeit eines Siegers.

»Wunderbar! Von Anfang bis zu Ende kein Punkt übergangen! Beim Jupiter!« rief Allan mit der bereitwilligen Bewunderung großer Unwissenheit. »Welch eine erstaunliche Sache doch die Wissenschaft ist!«

»Kein Punkt übergangen, wie Sie sagen«, bemerkte der Doctor wohlgefällig. »Und dennoch bezweifle ich, ob es uns gelungen ist, Ihren Freund zu überzeugen!«

»Sie haben mich nicht überzeugt«, sagte Midwinter. »Aber ich maße mir deshalb nicht an zu behaupten, daß Sie Unrecht haben.«

Er sprach sehr ruhig, ja fast traurig. Die fürchterliche Ueberzeugung von dem übernatürlichen Ursprunge des Traumes, der er zu entfliehen versucht, hatte sich abermals seiner bemächtigt Sein ganzes Interesse an der Untersuchung war zu Ende; seine ganze Empfindsamkeit gegen die irritierenden Wirkungen derselben verschwunden. Irgendeinem andern Manne gegenüber würde Mr. Hawbury sich durch ein Zugeständniß, wie das, welches sein Gegner ihm soeben gemacht, besänftigt gefühlt haben; aber er hegte eine zu herzliche Abneigung gegen Midwinter, um ihn im friedlichen Genusse seiner eigenen Meinung zu belassen.

»Geben Sie zu«, frug der Doktor kampflustiger denn je, »daß ich die Spuren jedes Ereignisses in dem Traume bis zu den wachen Eindrücken zurückverfolgt habe, die dem Traume Mr. Armadales vorangingen?«

»Ich möchte dies gerade nicht in Abrede stellen«, sagte Midwinter resigniert.

»Habe ich die Schatten mit ihren lebenden Originalen identifiziert?«

»Sie haben dies zu Ihrer eigenen und zu meines Freundes Zufriedenheit gethan. Zur meinigen nicht.«

»Zur Ihrigen nicht? Können wohl Sie dieselben Identifizieren?«

»Nein. Ich kann blos warten, bis die lebenden Originale sich in der Zukunft offenbaren.«

»Das« heißt wie ein Orakel gesprochen, Mr. Midwinter. Haben Sie gegenwärtig irgendeine Vorstellung, wer jene lebenden Originale sind?«

»Ja. Ich glaube, daß künftige Ereignisse den Schatten des Weibes mit einer Person Identifizieren werden, der mein Freund noch nicht begegnet ist, und den des Mannes mit mir.«

Allan wollte sprechen Der Doctor verhinderte ihn daran.

»Lassen Sie uns darüber klar werden«, sagte er zu Midwinter. »Darf ich, indem ich Ihre eigene Betheiligung für den Augenblick bei Seite lasse, fragen, wie ein Schatten, an dem keine besonderen Kennzeichen wahrnehmbar sind, mit einem lebenden Weibe identifiziert werden kann, das Ihr Freund gar nicht kennt?« Midwinters Gesicht röthete sich ein wenig. Er fing an, die Geißel der Logik des Doctors zu fühlen.

»Das Landschaftsbild in dem Traume hatte seine besonderen Kennzeichen«, sagte er, »und in dieser Landschaft wird das Weib erscheinen, wenn es sich zum ersten Male zeigt.«

»Und dasselbe soll vermuthlich mit dem Mannesschatten der Fall sein«, sagte der Doctor, »den Sie so beharrlich mit Ihrer eignen Person Identifizieren. Sie werden in der Zukunft mit einer in Gegenwart Ihres Freundes zerbrochenen Statue, mit einem langen auf einen Garten hinausgehenden Fenster und einem Regen in Verbindung stehen, der ans Fenster schlägt? Wollen Sie dies sagen?«

»Dies will ich sagen.«

»Und so soll es sich vermuthlich auch mit der nächsten Vision verhalten? Sie und das geheimnisvolle Weib werden an einem bis jetzt unbekannten Orte zusammengeführt werden und Mr. Armadale eine bis jetzt ungenannte Flüssigkeit überreichen, die ihm Unwohlsein verursachen wird? Wollen Sie mir allen Ernstes sagen, daß Sie dies glauben?«

»Ich sage Ihnen allen Ernstes, daß ich dies glaube.«

»Und Ihrer Ansicht nach werden diese Erfüllungen des Traumes den Fortgang gewisser Ereignisse bezeichnen, in die Mr. Armadale’s Glück oder Mr. Armadale’s Sicherheit in gefährlicher Weise verwickelt ist?«

»Dies ist meine feste Ueberzeugung.«

Der Doctor stand auf, legte sein moralisches Secirmesser bei Seite, nahm dasselbe jedoch nach einem Augenblick der Ueberlegung wieder auf.

»Noch eine letzte Frage«, sagte er. »Haben Sie irgendeinen Grund dafür anzugeben, daß Sie eine so fern liegende mystische Ansicht vorziehen, wenn eine unwiderlegbare Erklärung des Traumes klar vor Ihren Augen liegt?«

»Keinen Grund«, erwiderte Midwinter, »den ich Ihnen oder meinem Freunde zu nennen im Stande bin.«

Der Doctor sah mit der Miene eines Mannes auf seine Uhr, der sich plötzlich erinnert, seine Zeit vergeudet zu haben.

»Wir gehen nicht von demselben Punkte aus«, sagte er, »und würden zu keiner Uebereinstimmung gelangen, wenn wir bis zum Tage des jüngsten Gerichts disputierten. Entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie etwas plötzlich verlasse. Es ist später als ich glaubte, und meine Patienten erwarten mich im Consultationszimmer. Wenigstens habe ich Sie überzeugt, Mr. Armadale, und deshalb ist die Zeit, die wir auf diese Auseinandersetzung verwendet haben, keine ganz verlorene. Bitte, verweilen Sie hier und rauchen Sie Ihre Cigarrez ich werde Ihnen in weniger als einer Stunde wieder zu Diensten stehen.« Er nickte Allan herzlich zu, verbeugte sich steif gegen Midwinter und verließ das Zimmer.

Sowie der Doctor den Rücken gewendet hatte, verließ Allan seinen Platz am Tische und wandte sich mit jener unwiderstehlichen Herzlichkeit zu seinem Freunde, die stets ihren Weg zu Midwinters Sympathie gefunden hatte —— von dem ersten Tage an, da sie einander in dem Wirthshause in Sommersetshire begegnet waren.

»Jetzt, da das Wortgefecht zwischen Dir und dem Doctor vorüber ist«, sagte Allan, »wünsche ich meinerseits ein paar Worte zu sagen. Willst Du etwas für mich thun, das Du nicht für Dich selber zu thun einwilligen würdest?«

Midwinter’s Gesicht klärte sich augenblicklich auf. »Ich will alles thun, was Du von mir verlangst«, antwortete er.

»Sehr wohl. Willst Du den Traum von diesem Augenblicke an gänzlich aus unserer Unterhaltung verbannen?«

»Ja, wenn Du dies wünschest.«

»Willst Du noch einen Schritt weiter gehen? Willst Du aufhören, an denselben zu denken?«

»Es ist schwer, den Gedanken daran zu unterdrücken, Allan; aber ich will es versuchen.«

»Du bist ein guter Junge! Jetzt gib mir jenes bettelhafte Stück Papier und laß mich’s zerreißen und damit der Sache ein Ende machen.«

Er versuchte, seinem Freunde das Manuscript aus der Hand zu reißen; doch Midwinter war zu schnell für ihn und rettete das Papier vor Allan’s Griff.

»So gieb mir’s dacht« bat Allan. »Es liegt mir besonders daran, meine Cigarre damit anzubrennen.«

Midwinter zögerte. Es war schwer, Allan zu widerstehen; dennoch widerstand er ihm. »Ich will ein wenig warten«, sagte er, »ehe ich es Dir gebe, um Deine Cigarre damit anzubrennen.«

»Wie lange? Bis morgen?«

»Länger.«

»Bis wir die Insel Man verlassen?«

»Länger.«

»Zum Henker —— gieb mir eine deutliche Antwort auf eine deutliche Frage! Wie lange willst Du warten?«

Midwinter legte das Manuscript sorgfältig wieder in sein Taschenbuch.

»Ich will warten«, sagte er, »bis wir in Thorpe-Ambrose angelangt sind.«



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel.

Ozias Midwinter an Mr. Brock.

Thorpe-Ambrose, 15. Juni 1851.

Lieber Mr. Brock!

Wir sind seit kaum einer halben Stunde hier angelangt, und zwar in dem Augenblicke, wo die Diener das Haus für die Nacht zu schließen im Begriff waren. Allan ist, von der langen Tagereise ermüdet, zur Ruhe gegangen und hat mich in dem Zimmer, das man hier die Bibliothek nennt, allein gelassen, um Ihnen einen Bericht über unsere Reise nach Norfolk abzustatten Da ich besser an Strapazen jeder Art gewöhnt bin als er, so fühle ich mich noch munter genug, um einen Brief zu schreiben, obgleich die Stehuhr auf dem Kaminsims Mitternacht zeigt und wir seit zehn Uhr morgens auf der Reise waren.

Die letzten Nachrichten, die Sie von uns empfingen, kamen von Allan’s Hand und zwar von der Insel Man. Wenn ich nicht irre, erzählte er Ihnen von der Nacht, die wir auf dem Wrack zubrachten. Verzeihen Sie mir, lieber Mr. Brock, wenn ich mich über diesen Gegenstand nicht eher gegen Sie ausspreche, als bis ich desselben mit etwas mehr Fassung werde gedenken können. Der schwere Kampf gegen mich selbst muß wieder ganz von vorn durchgefochten werden; aber ich will mit Gottes Hilfe endlich dennoch siegen.

Es ist unnöthig, Sie mit einer Schilderung unserer Streifzüge in den nördlichen und westlichen Gegenden der Insel oder der kurzen Seefahrten zu langweilen, die wir machten, als die Ausbesserungen an der Jacht endlich beendet waren. Es wird besser sein, daß ich sogleich beim gestrigen Morgen —— dem Morgen des Fünfzehnten —— anfange. Wir waren mit der Nachtfluth in den Hafen von Douglas eingelaufen, und sowie das Postamt geöffnet war, sandte Allan auf meinen Rath ans Land, um die Briefe holen zu lassen. Der Bote kehrte nur mit einem einzigen Briefe zurück, und die Schreiberin desselben war die frühere Herrin von Thorpe-Ambrose, Mrs. Blanchard.

Ich halte es für recht, daß Sie von dem Inhalte dieses Briefes unterrichtet werden, denn derselbe hat beträchtlichen Einfluß auf Allan’s Pläne geübt. Er hat, wie Sie wissen, die Gewohnheit, alle seine Sachen zu verlieren, und hat natürlich auch diesen Brief bereits verloren. Deshalb muß ich Ihnen das Wesentliche desselben mittheilen, so gut es mir möglich ist.

Die erste Seite meldete die Abreise der Damen von Thorpe-Ambrose. Sie verließen den Ort vorgestern, den Dreizehntem mit dem Entschluß, ins Ausland zu reisen und gewisse alte Bekannte zu besuchen, die in Italien, in der Umgegend von Florenz, ansässig sind. Es scheint sehr wohl möglich, daß Mrs. Blanchard und ihre Nichte sich ebenfalls dort niederlassen werden, falls sie ein passendes Wohnhaus mit Grundstück zu finden im Stande sind. Sie haben beide eine große Vorliebe für das italienische Volk und Land und sind wohlhabend genug, um hierin ganz ihrer Neigung zu folgen. Die ältere Dame hat ihr Wittthum und die jüngere ist im Besitz des ganzen väterlichen Vermögens.

Der Inhalt der nächsten Seite war, Allan’s Ansicht nach, nichts weniger als angenehm. Nachdem sie in den dankbarsten Ausdrücken von der Güte gesprochen, mit der Allan ihr und ihrer Nichte gestattet, ihre Abreise von ihrer alten Heimath so lange zu verschieben, wie es ihnen beliebte, fügte Mrs. Blanchard hinzu, daß sein rücksichtsvolles Benehmen einen so außerordentlich günstigen Eindruck bei den Freunden und Untergebenen der Familie hervorgebracht habe, daß diese ihn bei seiner Ankunft auf dem Gute feierlich zu empfangen wünschten. Es sei bereits eine vorläufige Zusammenkunft der Gutspächter und bedeutendsten Leute der benachbarten Stadt zu diesem Zwecke gehalten worden und Allan dürfe binnen kurzem einen Brief von dem Geistlichen erwarten, worin dieser anfragen werde, wann Mr. Armadale persönlich von seinen Gütern in Norfolk Besitz zu nehmen gedenke.

Sie werden jetzt die Ursache unserer eiligen Abreise von der Insel Man errathen. Der erste Gedanke Ihres ehemaligen Zöglings, nachdem er Mrs. Blanchard’s Bericht von den Verhandlungen bei jener Zusammenkunft gelesen, war der, daß er sich diesem öffentlichen Empfange entziehen müsse, und der einzige sichere Ausweg schien ihm der zu sein, daß er nach Thorpe-Ambrose abreiste, ehe noch der Brief des Geistlichen an ihn gelangte. Ich that mein Möglichstes, ihn zu bestimmen, daß er sich die Sache ein wenig überlege, ehe er handle; aber er ließ sich nicht stören, sondern fuhr fort, seinen Mantelsack zu packen In zehn Minuten war sein Gepäck in Ordnung, und in weiteren fünf Minuten hatte er seiner Mannschaft Befehl gegeben, mit der Jacht nach Sommersetshire zurückzukehren. Der Dampfer nach Liverpool lag neben uns im Hafen, und es blieb mir wirklich nichts weiter übrig, als entweder mit ihm an Bord zu gehen oder ihn allein reisen zu lassen. Ich verschone Sie mit dem Berichte von unserer stürmischen Ueberfahrt, von der Art und Weise, wie wir in Liverpool aufgehalten wurden und dann auf unserer Landreise jedes mal die Abfahrt der Züge versäumten. Sie wissen, daß wir sicher hier angelangt sind, und dies wird Ihnen genügen. Was die Dienerschaft darüber denkt, daß ihr neuer Squire ohne ein Wort der Meldung unter ihnen erscheint, hat wenig auf sich. Wie aber das Empfangscomité darüber denken mag, wenn unsere Ankunft morgen bekannt wird, ist, wie ich fürchte, eine ernstere Sache.

Da ich bereits der Dienerschaft erwähnt habe, kann ich Ihnen sogleich sagen, daß der letzte Theil von Mrs. Blanchard’s Briefe ausschließlich von dem zum Haushalt gehörigen Personale handelte. Es scheint, daß alle Diener, sowohl die im Hause, als die außerhalb desselben beschäftigtem mit Ausnahme von dreien, hier warten, in der Hoffnung, daß Allan sie behalten wird. Zwei dieser Ausnahmen sind leicht zu erklären: Mrs. Blanchards und Miß Blanchard’s Kammerjungfern begleiten die Damen auf ihrer Reise. Die dritte Ausnahme betrifft das erste Stubenmädchen, und in diesem Falle hat die Sache einen kleinen Haken. Um mich kurz zu fassen, das Stubenmädchen ist wegen einer »Leichtfertigkeit mit einem Fremden«, wie Mrs. Blanchard sich etwas geheimnißvoll ausdrückt, über Hals und Kopf fortgeschickt worden.

Ich fürchte, daß Sie über mich lachen werden, aber ich muß die Wahrheit bekennen. Ich bin nach dem, was uns auf der Insel Man begegnete, selbst gegen die unbedeutendsten Widerwärtigkeiten, die in keiner Weise mit Allan’s Einführung in seine neue Lebensbahn oder mit seinen neuen Aussichten in Verbindung stehen können, so argwöhnisch geworden, daß ich bereits einen der Diener über diese dem Anscheine nach so unwichtige plötzliche Entlassung des Stubenmädchens befragt habe. Alles, was ich in Erfahrung bringen kann, ist, daß man einen fremden Mann in verdächtiger Weise in den Anlagen hatte umherlauern sehen; daß das Stubenmädchen eine so häßliche Person ist, um fast mit Gewißheit annehmen zu können, der Mann habe einen geheimen Zweck gehabt, indem er sich angenehm bei ihr machte; und daß er seit dem Tage ihrer Entlassung nicht mehr in der Gegend gesehen worden ist. So viel über die einzige Person, die in Thorpe-Ambrose aus dem Dienste entlassen worden ist. Ich hoffe nun, daß aus dieser Angelegenheit nicht etwa Unannehmlichkeiten für Allan erwachsen. Was die übrige dagebliebene Dienerschaft betrifft, so sagt Mrs. Blanchard von dem männlichen sowohl als dem weiblichen Theile derselben, daß sie vollkommen zuverlässige Leute sind; sie werden deshalb ohne Zweifel alle ihre gegenwärtigen Stellen behalten.

Da ich jetzt mit Mrs. Blanchards Briefe zu Ende bin, liegt mir zunächst die Pflicht ob, Ihnen Allan’s herzlichste Grüße auszurichten und Sie in seinem Namen zu bitten, daß Sie sobald als möglich hierher kommen und ihm einen längeren Besuch machen. Obgleich ich mir nicht anmaßen darf zu glauben, daß meine Wünsche viel dazu beitragen werden, Sie zur Annahme dieser Einladung zu bestimmen, so muß ich dennoch bekennen, daß ich meine eignen Gründe habe, um Ihre Anwesenheit dringend zu wünschen. Allan hat mir unschuldigerweise in Bezug auf unsere künftigen Beziehungen zu einander eine neue Sorge verursacht; ich bedarf daher Ihres Rathes sehr, um zu sehen, in welcher Weise ich diese Sorge beseitigen kann.

Was mich augenblicklich in Verlegenheit setzt, ist nämlich die Verwalterstelle zu Thorpe-Ambrose. Bis heute wußte ich blos, daß Allan seine eigenen Pläne hierüber gefaßt habe, die unter Anderem sich seltsamerweise auch auf das Vermiethen des ehemaligen Verwalterhäuschens bezogen, da der neue Verwalter im Herrenhause wohnen sollte. Ein von mir aus der Reise hierher zufällig hingeworfenes Wort bewog Allan, sich deutlicher über den Gegenstand auszusprechen als er bisher gethan, und ich erfuhr zu meinem unaussprechlichen Erstaunen, daß der Mann, den er zu dieser Verwalterstelle ausersehen, Niemand anderes sei als ich!

Es ist unnöthig, Ihnen zu sagen, wie tief ich diesen neuen Beweis von Allan’s Güte gegen mich empfand. Die erste Freude darüber, daß er mir versicherte, ich verdiene den stärksten Beweis des Vertrauens, den er mir zu geben im Stande sei, ward bald durch den Schmerz verbittert, der sich in alle Freude mischt —— wenigstens in alle Freude, die ich je gekannt habe. Meine frühere Lebensweise ist mir noch nie in einem so betrübenden Lichte erschienen wie jetzt, da ich fühle, wie vollkommen untauglich dieselbe mich für die Stelle gemacht hat, die ich lieber als jede andere im Dienste meines Freundes bekleiden möchte. Ich fand den Muth, ihm zu sagen, daß ich nichts von der Geschäftskenntniß und Erfahrung besitze, die sein Verwalter haben müsse. Diesem Einwande begegnete er durch die großmüthige Erklärung, ich könne lernen; und er versprach, den Mann aus London kommen zu lassen, der bereits eine Zeit lang das Amt eines Verwalters dort versehen habe und deshalb ganz geeignet sei, mir die nöthige Anweisung zu geben. Glauben auch Sie, daß ich es lernen kann? Falls Sie es glauben, will ich Tag und Nacht arbeiten, um mich zu unterrichten .

Sollten aber, wie ich es fürchte, die Pflichten eines Verwalters zu ernster Natur sein, um von einem so jungen und unerfahrenen Menschen wie ich aus dem Stegreif erlernt zu werden, dann bitte ich Sie, Ihre Reise nach Thorpe-Ambrose zu beschleunigen und Ihren Einfluß auf Allan geltend zu machen. Er wird sich durch nichts Geringeres bewegen lassen, von meiner Person abzusehen und einen Verwalter anzustellen, der wirklich für die Stelle taugt. Ich bitte Sie dringend, in dieser Angelegenheit genau in der Weise zu handeln, die Ihnen als die beste für Allan’s Interesse erscheint. Wie sehr ich mich immer enttäuscht fühlen mag, er soll dies niemals gewahr werden.

Ich verbleibe, lieber Mr. Brock,
Ihr dankbarer

Ozias Midwinter.

P.S. Ich öffne dieses Couvert wieder, um noch ein Wort hinzuzufügen. Sollten Sie seit Ihrer Rückkehr nach Sommersetshire irgendetwas von der Frau im schwarzen Kleide und rothen Shawl gehört oder gesehen haben, so bitte ich Sie, mich, wenn Sie schreiben, davon zu benachrichtigen. O. M.

Mrs. Oldershaw an Miß; Gwilt.
Damen-Toiletten-Niederlage, Diana-Street, Pimliw.

Meine liebe Lydia!

Damit mein Brief nicht zu spät auf die Post komme, schreibe ich Dir in meinem Geschäftslocale und auf einem Geschäfts-Briefbogen, da ich, seit ich Dich zuletzt gesehen, Neuigkeiten für Dich habe, die ich Dir ohne Zeitverlust mitzutheilen für rathsam halte.

Fangen wir also beim Anfange an. Nachdem ich die Sache sorgfältig überlegt, habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß Du dem jungen Armadale gegenüber wohl thun wirst, über Madeira und alles was sich dort zutrug, den Mund zu halten. Der Mutter gegenüber war Deine Stellung ohne Zweifel eine vortreffliche. Du warst ihr heimlich behilflich gewesen, ihren Vater zu hintergehen; Du warst, sobald Du ihrem Zwecke gedient, in einem jämmerlich zarten Alter auf das undankbarste von ihr entlassen worden —— und als Du nach einer Trennung von mehr als zwanzig Jahren plötzlich mit ihr zusammenkamst, fandest Du sie in sinkender Gesundheit und als Mutter eines erwachsenen Sohnes, den sie in vollkommener Unwissenheit über die wahre Geschichte ihrer Heirath gelassen hatte. Hast Du dem jungen Herrn gegenüber irgendwelche derartige Vortheile? Wenn er nicht ein geborener Einfaltspinsel ist, wird er Dich mit Deinen empörenden Verleumdungen gegen das Andenken seiner Mutter ungläubig abweisen und, da Du ihm nach so langer Zeit keine Beweise von der Sache vorzulegen im Stande bist, ist damit Deine goldene Armadale-Geldgrube eingestürzt. Ich will damit nicht gesagt haben, daß die schwere Schuld der Verpflichtung der alten Dame nach dem, was Du auf Madeira für sie gethan, bereits getilgt sei, und stelle durchaus nicht in Abrede, daß, da die Mutter Dir entwischt ist, zunächst der Sohn an der Reihe ist, Dich zu belohnen. Nur mußt Du ihn in der rechten Weise bearbeiten, meine Liebe. Der Vorschlag, den ich Dir zu machen wage, geht dahin: Bearbeite ihn in der rechten Weise!

Und welche ist die rechte Weise? Dies bringt mich auf meine Neuigkeiten. Hast Du Dir Deinen Plan, mit Hilfe Deiner Schönheit und Deines Scharfsinnes Dein Glück bei diesem jungen Herrn zu versuchen, wohl überlegt? Die Idee verfolgte mich, nachdem Du mich verlassen, in so seltsamer Weise, daß ich schließlich ein Billet an meinen Advokaten sandte und ihn ersuchte, das Testament, vermöge dessen der junge Armadale in den Besitz der Güter gelangte, sorgfältig in Doctor’s Commons zu prüfen. Das Resultat erweist sich als ein bei weitem ermuthigenderes als wir beide, Du und ich, zu hoffen gewagt haben würden. Nach dem Berichte des Advokaten bleibt kein Schatten von Zweifel mehr über das, was Du thun mußt. In zwei Worten, Lydia, ergreife den Stier bei den Hörnern —— und heirathe ihn!!

Ich rede im vollen Ernste. Dieses Wagniß verlohnt sich weit besser als Du glaubst. Bringe ihn nur dahin, daß er Dich zur Mrs. Armadale macht, und dann kannst Du allen künftigen Entdeckungen Trotz bieten. Solange er lebt, kannst Du mit ihm anfangen, was Du willst; und wenn er stirbt, berechtigt das Testament Dich, ungeachtet alles dessen, was er thun oder sagen mag —— ob Du Kinder hast oder nicht —— zu einem aus den Gütern zu entnehmenden Einkommen von zwölfhundert Pfund das Jahr, solange Du lebst. Es unterliegt dies keinem Zweifel —— der Advokat hat das Testament selbst gelesen. Mr. Blanchard hatte natürlich, als er diese Verfügung traf, seinen Sohn und dessen Wittwe im Auge. Da dieselbe jedoch sich nicht auf einen bestimmten, mit Namen genannten Erben beschränkt oder später irgendwo widerrufen ist, so ist sie bezüglich des jungen Armadale ebenso gültig, wie sie dies für den Sohn von Mr. Blanchard gewesen sein würde. Welch eine Aussicht für Dich. nach all dem Elend und den Gefahren, die Du überstanden: Herrin von Thorpe-Ambrose zu sein, solange er am Leben bleibt, und wenn er stirbt, eine lebenslängliche Jahresrente! Erangele ihn Dir, mein armes, liebes Geschöpf; erangele ihn Dir um jeden Preis!

Du wirst, wenn Du dies liest, vermuthlich denselben Einwand erheben, den Du machtest, als wir vor kurzem über den Gegenstand sprachen —— ich meine Dein Alter. Jetzt höre mich an, mein gutes Geschöpf. Es handelt sich nicht darum, ob Du mit Deinem letzten Geburtstage Dein fünfunddreißigstes Jahr erreicht hast —— wir wollen die fürchterliche Wahrheit eingestehen und nichts weiter darüber sagen —— sondern darum, ob Du so alt aussiehst wie Du bist, oder nicht. Meine Ansicht über diesen Gegenstand sollte wohl die maßgebendste in ganz London sein —— und sie ist es. Ich habe eine zwanzigjährige Erfahrung im Verjüngen verwitterter alter Gesichter und abgenutzter alter Gestalten unseres reizenden Geschlechts —— und ich versichere Dir mit Entschiedenheit, daß Du nicht um einen Tag älter als dreißig Jahre aussiehst, wenn überhaupt so alt. Wenn Du meinen Rath annehmen und insgeheim ein paar von meinen Schönheitsmitteln anwenden willst, so will ich Dir noch drei Jahre weniger garantieren. Ich will all das Geld verlieren, das ich Dir in dieser Sache vorzustrecken genöthigt sein werde, wenn Du, nachdem ich Dich in meiner Wundermühle wieder jung gemacht habe, irgendeinem Manne älter als siebenundzwanzig Jahre erscheinst —— ausgenommen natürlich, wenn Du in den frühen Morgenstunden sorgenvoll aus dem Schlafe erwachst; und dann meine Liebste, wirst Du in der Zurückgezogenheit Deines Privatgemachs alt und häßlich sein, und dies wird nichts auf sich haben.

Aber, wirst Du vielleicht einwenden, nehmen wir alles dies an, so bin ich doch im besten Falle immer noch sechs Jahre älter als er, und dies steht mir von vornherein entgegen. Meinst Du? Ueberlege Dir’s noch einmal. Deine eigenen Erfahrungen werden Dich sicherlich gelehrt haben, daß die aller gewöhnlichste Schwäche von jungen Leuten im Alter des jungen Armadale die ist, daß sie sich in Frauen verlieben, die älter sind als sie. Welche Art von Männern schätzt uns wirklich in der Blüthe unserer Jugend —— ich habe in Wahrheit alle Ursache, Gutes von der Blüthe der Jugend zu sprechen, denn ich habe heute funfzig Guineen dadurch verdient, daß ich dieselbe aus den fleckigen Schultern einer Frau hervorbrachte, die Deine Mutter sein könnte —— also, welche Art von Männern, sage ich, ist bereit, uns anzubeten, wenn wir bloße Kinder von siebzehn Jahren sind? Die munteren jungen Herren etwa, die selber in der Blüthe der Jugend stehen? Nein! Sondern die schlauen alten Gesellen, die hoch in den Vierzigen sind.

Und was ist die Moral von alledem? Daß Du, im Besitze eines Kopfes, wie Du ihn zwischen den Schultern trägst, alle Chancen auf Deiner Seite hast. Wenn Du Deine gegenwärtige verlassene Lage fühlst, was ich sehr wohl glaube; wenn Du weißt, welch eine charmante Frau Du in den Augen der Männer noch immer sein kannst, sobald es Dir beliebt; wenn Du wirklich nach jenem abscheulichen Anfalle von Verzweiflung an Bord des Dampfbootes Deine ganze ehemalige Entschlossenheit wiedergefunden hast, so wirst Du keiner ferneren Ueberredung von mir bedürfen, um dieses Experiment zu versuchen.

Wenn man bedenkt, wie die Ereignisse in dieser Welt sich drehen! Wäre jener andere junge Einfaltspinsel nicht ins Wasser gesprungen, um Dich zu retten, so würde dieser junge Einfaltspinsel nimmer die Güter erhalten haben. Es hat wirklich das Ansehen, als ob das Schicksal bestimmt habe, daß Du Mrs. Armadale von Thorpe-Ambrose werden sollst —— und wer kann seinem Schicksal entgehen, wie der Dichter sagt?

Sende mir, liebstes Wesen, eine einzige Zeile, um Ja oder Nein zu sagen, und glaube an die aufrichtige Liebe

Deiner alten Freundin

Maria Oldershaw.

Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw.

Richmond, Donnerstag.

Du altes Geschöpf, ich will nicht eher Ja oder Nein sagen, als bis ich einen langen Blick in meinen Spiegel gethan habe. Wenn Du für irgendein Wesen, außer Deinem gottlosen alten Selbst, die geringste Rücksicht zu fühlen fähig wärst, so würdest Du wissen, daß nach allem, was ich gelitten habe, der bloße Gedanke an eine abermalige Heirath genügt, um mich schaudern zu machen.

Doch kann es nicht schaden, wenn Du, während ich zu einer Entscheidung zu kommen versuche, mir noch ein wenig weitere Auskunft zukommen läßt. Es bleiben Dir aus dem Verkauf meiner Sachen noch zwanzig Pfund übrig; sende mir eine Postanweisung von zehn Pfund für meine eigenen Ausgaben und verwende die andern zehn zu heimlichen Nachforschungen in Thorpe-Ambrose. Ich wünsche zu wissen, wann die beiden Blanchardschen Frauenzimmer fortziehen und wann der junge Armadale die kalte Asche des Familienherdes aufzurühren kommt. Bist Du Dir vollkommen sicher darüber, daß er so leicht zu regieren sein wird, wie Du sagst? Falls er nach seiner heuchlerischen Mutter artet, so kann ich Dir Eins sagen —— Judas Ischariot ist wieder lebendig geworden.

Ich fühle mich in dieser Wohnung sehr behaglich. Im Garten sind reizende Blumen und die Vögel wecken mich morgens auf das angenehmste aus dem Schlafe. Ich habe ein ziemlich gutes Klavier gemiethet. Der einzige Mann, an dem mir im aller mindesten gelegen ist —— habe keine Angst, er hat seit vielen Jahren im Grabe gelegen und zwar hieß er Beethoven —— leistet mir in meinen einsamen Stunden Gesellschaft. Die Wirthin würde mir ebenfalls Gesellschaft leisten, wenn ich es ihr gestatten wollte. Ich hasse die Weiber. Der neue Hilfsprediger machte gestern meiner andern Hausgenossin einen Besuch und kam, wie er heraus und über den Rasen ging, an mir vorüber. Meine Augen haben, trotz meiner fünfunddreißig Jahre, jedenfalls noch nichts von ihrer Macht verloren! Der arme Mann erröthete förmlich, wie ich ihn ansah! Welche Farbe würde wohl sein Gesicht überzogen haben, wenn einer der kleinen Vögel im Garten ihm die wahre Geschichte der reizenden Miß Gwilt ins Ohr gezwitschert hätte?

Adieu, Mutter Oldershaw. Ich bezweifle eigentlich, ob ich mit aufrichtiger Liebe die Deine oder sonst irgend Jemandes bin; aber wir lügen alle am Fuße unserer Briefe, nicht wahr? Falls Du daher mit aufrichtiger Liebe meine alte Freundin bist, bin ich natürlich

mit aufrichtiger Liebe die Deine,

Lydia Gwilt.

P.S. Behalte Deine abscheulichen Pulver und Schmieren und Schminken für die fleckigen Schultern Deiner Kunden; keine Spur derselben soll je meine Haut berühren, das verspreche ich Dir. Wenn Du Dich wirklich nützlich zu machen wünschst, so versuche mir ein Beruhigungsmittel zu verschaffen, das mich davon heilt, im Schlafe die Zähne zu fletschen. Ich werde mir nächstens einen derselben ausbrechen, und ich möchte wissen, was dann aus meiner Schönheit werden soll?

Mrs. Oldershaw an Miß Gwilt.

Damen-Toiletten-Niederlage, Dienstag.

Meine liebe Lydia —— Es ist außerordentlich schade, daß Dein Brief nicht an den jungen Armadale gerichtet war; Deine anmuthige Keckheit würde ihn entzückt haben. Mich rührt dieselbe nicht; ich bin so sehr daran gewöhnt, wie Du weißt. Wozu vergeudest Du Deinen funkelnden Witz an Deine unerschütterliche Oldershaw, meine Liebste? Sowie die Funken desselben aufsprühen, erlöschen sie schon wieder. Willst Du diesmal versuchen, ernst zu sein? Ich habe Neuigkeiten aus Thorpe-Ambrose für Dich, die kein Scherz sind und mit denen nicht gespielt werden darf.

Eine Stunde nachdem ich Deinen Brief erhalten, brachte ich die Nachforschungen in Gang. Da ich nicht wußte, zu welchen Folgen dieselben führen dürften, hielt ich es für das Sicherste, im finsteren anzufangen. Anstatt irgend Jemand von den Leuten zu verwenden, die in meinem eigenen Dienste stehen und welche Dich und mich kennen, ging ich nach dem geheimen Nachforschungs-Comptoir auf dem Shadyside-Platz und übergab die Sache, als eine Fremde, den Händen des Inspectors, ohne Deiner irgendwie dabei zu erwähnen. Dies hieß allerdings nicht, die Sache in der wohlfeilsten Weise anfangen, das gestehe ich, aber es war die sicherste Weise, und dies ist bei weitem wichtiger.

Der Inspector und ich verstanden einander in zehn Minuten, und es kam augenblicklich die rechte Person für den Zweck zum Vorschein —— ein junger Mann von so harmlosem Aussehen, wie Dir nur einer im Leben vorgekommen sein mag. Er reiste eine Stunde darauf nach Thorpe-Ambrose ab. Ich traf das Uebereinkommen, daß ich mir an den Nachmittagen von Sonnabend, Montag und heute auf dem Comptoir die Nachrichten abholen wolle. Aber ich fand deren keine vor bis heute, wo unser vertrauter Agent soeben nach der Stadt zurückgekehrt war und mich erwartete, um mir einen vollen Bericht über seinen Ausflug nach Norfolk abzustatten.

Vor allem laß mich Dich über Deine beiden Fragen beruhigen; ich kann Dir beide beantworten. Die Blanchardschen Frauenzimmer reisen am dreizehnten nach dem Auslande ab, und der junge Armadale segelt in diesem Augenblicke in seiner Jacht irgendwo auf dem Meere umher. Es geht in Thorpe-Ambrose ein Gerede von einem öffentlichen Empfange den man ihm zugedacht, und von einer Zusammenberufung der Orts-Magnaten, um sich hierüber zu berathen. Mit den Reden und dem ganzen Aufheben wird bei solchen Gelegenheiten meistens eine Menge Zeit vergeudet und es ist daher nicht wahrscheinlich, daß der öffentliche Empfang dem neuen Squire viel vor Ende des Monats zu Theil wird.

Ich denke, daß unser Bote, wenn er nicht mehr als dies für uns gethan hätte, schon sein Geld verdient haben würde. Aber der harmlose junge Mann ist ein wahrer Jesuit im heimlichen Nachforschen —— wobei er vor all den papistischen Pfaffen, die ich gesehen habe, den Vorzug voraus hat, daß seine Schlauheit nicht in seinem Gesichte geschrieben sieht. Da er sich seine Auskunft durch die weibliche Dienerschaft des Hauses zu verschaffen genöthigt war, wandte er sich mit bewundernswerther Discretion an die häßlichste Person im ganzen Hause. »Wenn die Mädchen hübsch sind und die Wahl haben«, sagte er zu mir, »vergeuden sie viel kostbare Zeit in ihrer Wahl eines Liebhabers. Sind sie aber häßlich und haben keinen Schatten von Aussicht auf eine Wahl, so stürzen sie sich auf den ersten besten Liebhaber, der ihnen in den Weg läuft, wie ein verhungernder Hund sich auf einen Knochen stürzt.« Es gelang unserm vertrauten Agenten, da er nach diesen vortrefflichen Grundsätzen handelte, nach einigem unvermeidlichen Verzuge, sich mit dem Oberstubenmädchen zu Thorpe-Ambrose in Verbindung und schon beim ersten Zusammenkommen in den Besitz ihres vollen Vertrauens zu setzen. Der erhaltenen Instructionen eingedenk, brachte er die Person zum Plaudern und ward natürlich umständlich mit dem ganzen Bedientengeschwätze bekannt gemacht. Der größere Theil desselben war ohne die allergeringste Wichtigkeit. Doch hörte ich geduldig zu und wurde endlich durch eine werthvolle Entdeckung entschädigt Dieselbe ist folgende:

Wie es scheint, steht in den Parkanlagen von Thorpe-Ancbrose ein hübsches Häuschen Aus irgendeinem nicht bekannten Grunde hat es dem jungen Armadale beliebt, dasselbe zu vermuthen, und der neue Bewohner ist bereits eingezogen. Dieser ist ein armer Major außer Diensten, Namens Milroy —— eine bescheidene Art von Mann, wie es heißt, der eine Liebhaberei von Beschäftigungen in der Mechanik, außerdem aber ein häusliches Mißgeschick in der Gestalt einer bettlägerigen Gattin hat, die noch von Niemandem erblickt worden ist. Nun, und was soll alles dies? wirst Du mit jener sprühenden Ungeduld fragen, die Dir so vortrefflich steht. Meine liebe Lydia, sprühe nicht! Die Familienangelegenheiten dieses Mannes sind für uns beide von der größten Wichtigkeit, denn zum großen Unglück hat der Mann eine Tochter!

Du wirst Dir denken können, wie ich unsern Agenten ausfragte, und wie dieser sein Gedächtniß durchstöberte, als ich im Verlauf der Unterhaltung plötzlich eine solche Entdeckung machte. Wenn der Himmel für die geschwätzigen Zungen der Weiber verantwortlich ist, so sei der Himmel gelobt! Der Redefluß tröpfelte von Miß Blanchard’s Zunge zu der von Miß Blanchard’s Jungfer, von Miß Blanchard’s Jungfer zur Jungfer von Miß Blanchard’s Tante, von der Jungfer von Miß Blanchards Tante zu dem häßlichen Oberstubenmädchen, von dem häßlichen Oberstubenmädchen zu dem harmlos aussehenden jungen Manne und ergoß sich endlich in das richtige Behältniß —— und die durstige Mutter Oldershaw hat alles aufgeschlürft. Mit deutlichen Worten, meine Liebste, verhält sich die Sache also folgendermaßen. Die Tochter des Majors ist ein Mädchen von kaum sechzehn Jahren; lebhaft und hübsch —— das hassenswerthe kleine Ungeheuer —— unordentlich in ihrer Kleidung —— dem Himmel sei Dank —— und in ihren Manieren noch nicht ausgefeilt genug —— dem Himmel sei nochmals Dank! Sie ist zu Hause erzogen worden. Die Erzieherin, der sie zuletzt anvertraut war, verließ sie, ehe ihr Vater nach Thorpe-Ambrose kam. Ihre Ausbildung bedarf durchaus der letzten Politur, und der Vater weiß nicht, was er jetzt deshalb thun soll. Unter seinen Bekannten weiß ihm Niemand eine neue Erzieherin zu empfehlen und er kann sich nicht entschließen, das Mädchen in eine Schule zu senden. Und so steht jetzt die Sache, nach des Majors eigener Angabe —— denn dahin sprach er sich bei einem Morgenbesuche aus, den Vater und Tochter im großen Hause abstatteten.

Damit hast Du jetzt meine versprochene Neuigkeit, und ich denke mir, daß Du leicht mit mir darin übereinstimmen wirst, daß diese Armadalesche Angelegenheit sofort auf die eine oder andere Weise arrangiert werden muß. Falls Du —— bei Deinen hoffnungslosen Aussichten und bei dem Anrechte, daß Du, wie ich wohl sagen darf, an diesen jungen Menschen hast —— Dich entschließest, ihn aufzugeben, werde ich das Vergnügen haben, Dir den Ueberschuß zu senden, den Du noch bei mir gut hast, nämlich siebenundzwanzig Schillinge und so frei sein, mich ferner nur meinen eigenen Angelegenheiten zu widmen. Solltest Du Dich aber im Gegentheil dazu entschließen, in Thorpe-Ambrose Dein Glück zu versuchen, dann möchte ich, da es durchaus keinem Zweifel unterliegen kann, daß das Aeffchen des Majors den jungen Squire zu fangen versuchen wird, wohl wissen, in welcher Weise Du der doppelten Schwierigkeit, den jungen Armadale zu entflammen und Miß Milroy auszustechen, zu begegnen gedenkst

Aufrichtig die Deine

Maria Oldershaw.

Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw.

Richmond, Mittwoch Morgen.

Mrs. Oldershaw —— Senden Sie mir meine siebenundzwanzig Schillinge und widmen Sie sich Ihren eigenen Angelegenheiten.

Die Ihre,

L.G.

Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw.

Richmond, Mittwoch Abend.

Du liebe Alte, behalte die siebenundzwanzig Schillinge und verbrenne meinen letzten Brief. Ich bin andern Sinnes geworden.

Ich schrieb das erste Mal nach einer schauerlichen Nacht; diesmal nach einem Spazierritte, einem großen Glase Bordeaux und seiner gebratenen Hühnerbrust. Ist dies eine hinreichende Erklärung? Bitte, sage Ja —— denn ich wünsche, zu meinem Klavier zurückzukehren.

Doch nein, ich kann noch nicht dorthin zurück —— ich muß zuvor Deine Frage beantworten. Aber bist Du wirklich so einfältig, Dir einzubilden, daß ich Dich und Deinen Brief nicht durchschaue? Du weißt ebenso wohl wie ich, daß die Schwierigkeit, in der der Major sich befindet, die beste Gelegenheit für uns ist; aber Du wünschest, daß ich die Verantwortlichkeit des ersten Vorschlags auf mich nehme, nicht wahr? Gesetzt, ich thäte dies nach Deiner weitschweifigen Weise? Gesetzt ich sagte: Bitte, frage mich nicht, in welcher Weise ich den jungen Armadale zu entflammen und Miß Milroy auszustechen gedenke; die Frage ist wirklich eine so abscheulich schroffe, daß ich sie nicht beantworten kann. Frage mich lieber, ob der bescheidene Ehrgeiz meines Daseins dahin geht, Miß Milroy’s Erzieherin zu werden? —— Ja, wenn ich bitten darf, Mrs. Oldershaw —— und wenn Sie mir dazu behilflich sein wollen, indem Sie mir Ihre Empfehlung geben.

Da hast Du’s! Wenn sich irgendein großes Unglück ereignet, was vollkommen wohl möglich ist, da wirst Du großen Trost in der Erinnerung finden, daß dies alles meine Schuld war!

Willst Du jetzt, da ich dies für Dich gethan habe, auch etwas für mich thun?

Es verlangt mich, die kurze Zeit, die mir noch hier bleibt, auf meine eigene Weise zu verträumen. Sei eine barmherzige Mutter Oldershaw und verschone mich mit den Widerwärtigkeiten des ganzen Manövers und dem Dafür und Dawider bezüglich meiner Aussichten in diesem neuen unternehmen. Kurz, denke für mich, bis ich für mich selber zu denken gezwungen bin.

Ich will lieber nichts weiter schreiben, da ich sonst leicht etwas Wüthendes sagen dürfte, das Dir nicht behagen möchte. Ich habe heute Abend einen meiner Wuthanfälle. Ich sehne mich nach einem Gatten, den ich ärgern, oder nach einem Kinde, das ich schlagen könnte. Ergötzest Du Dich zuweilen daran, die Sommerinsecten sich in den Kerzenflammen tödten zu sehen? Ich thue dies oft. Gute Nacht, Madame Jesabel. Je länger Du mich hier lassen kannst, desto besser. Die Luft sagt mir zu und ich sehe charmant aus.

L. G.

Mrs. Oldershaw an Miß Gwilt.
Meine liebe Lydia!

Manche Leute an meiner Stelle würden sich durch den Ton Deines letzten Briefes ein wenig beleidigt fühlen. Aber ich bin Dir so innig zugethan! Und wenn ich ein Wesen liebe, ist es schwer für dieses Wesen, mich zu beleidigen! Mache das nächste Mal keinen so langen Spazierritt und trinke nur ein kleines Glas Bordeaux. Mehr sage ich nicht.

Wollen wir unser Wortgefecht jetzt aufgeben und einmal ernstlich reden? Wie außerordentlich schwer es den Frauen zu werden scheint, einander zu verstehen —— namentlich wenn sie die Feder in der Hand haben! Doch wollen wir’s versuchen.

Zum ersten also entnehme ich aus Deinem briefe, daß Du den weisen Entschluß gefaßt hast, das Thorpe-Ambrosesche Experiment zu versuchen —— und Dir gleich beim Beginn eine vortreffliche Stellung zu sichern, indem Du ein Mitglied von Major Milroy’s Familienkreise wirst. Sollten die Umstände Dir ungünstig sein und eine andere Person die Gouvernantenstelle erhalten, so wird Dir nichts übrig bleiben, als in einer andern Rolle Mr. Armadales Bekanntschaft zu tauchen. In jedem Falle wirst Du meines Beistandes bedürfen, und der erste Punkt, der zwischen uns entschieden werden muß, ist deshalb die Frage in Bezug auf das, was ich zu thun bereit und zu thun im Stande bin, um Dir zu helfen.

Eine Frau von Deinem Aussehen, meine liebe Lydia, Deinen Manieren, Deinen Talenten und Deiner Erziehung kann fast jede ihr beliebige Stellung in der Gesellschaft erlangen, wenn sie Geld in der Tasche und für den Nothfall achtbare Empfehlungen aufzuweisen hat. Erstens, was das Geld betrifft. Ich verpflichte mich, dasselbe zu verschaffen, unter der Bedingung, daß Du Dich meiner Hilfe mit entsprechender Pecuniärer Dankbarkeit erinnerst, falls Du den Armadaleschen Preis erringst. Dein Versprechen, in dieser Weise meiner gedenken zu wollen, soll in Verbindung mit deutlichen Zahlen von meinem eigenen Advokaten zu Papier gebracht werden, damit wir die Sache sofort abmachen und unterschreiben können, wenn ich Dich in London sehe.

Dann, was die Empfehlung betrifft. Hier stehen Dir meine Dienste abermals zu Gebote —— unter einer andern Bedingung. Dieselbe ist folgende: Du führst Dich unter dem Namen in Thorpe-Ambrose ein, den Du seit jener fürchterlichen Angelegenheit bezüglich Deiner Heirath wieder angenommen hast —— ich meine Deinen Mädchennamen Gwilt. Ich habe hierbei nur einen einzigen Zweck im Auge; ich wünsche keine unnöthige Gefahr zu laufen. Meine Erfahrung als vertraute Rathgeberin meiner Kunden in mancherlei romantischen Fällen geheimer Verlegenheiten hat mich gelehrt, daß ein falscher Name in neun Fällen unter zehn eine sehr unnöthige und sehr gefährliche Art von Betrug ist. Deine Annahme eines falschen Namens könnte durch nichts gerechtfertigt werden als durch die Furcht, von dem jungen Armadale erkannt zu werden —— eine Furcht, von der wir glücklicherweise durch das Verfahren seiner Mutter befreit sind, die ihre frühere Bekanntschaft mit Dir vor ihrem Sohne wie vor allen andern Leuten geheim gehalten hat.

Die nächste und letzte Schwierigkeit, meine Liebste, betrifft Deine Aussichten, in Major Milroy’s Familie als Gouvernante Aufnahme zu finden. Sobald Du einmal im Hause bist, kannst Du mit Deinen Talenten für Musik und Sprachen, vorausgesetzt, daß Du Deine Heftigkeit zu beherrschen im Stande bist, Deine Stelle zu behalten sicher sein. Wie die Sachen jetzt stehen, ist der einzige Zweifel nur der, ob Du dieselbe erlangen wirst.

Bei der Schwierigkeit, in der der Major sich augenblicklich befindet, spricht alles dafür, daß er durch Zeitungsannoncen eine Gouvernante sucht. Nehmen wir an, er thut dies —— wohin wird er dann die Bewerberinnen bestellen? Darin liegt die wahre Schwierigkeit für uns. Giebt er eine Adresse in London an, so mögen wir nur sofort jeder Chance zu Deinen Gunsten Lebewohl sagen, und zwar aus dem Grunde, weil wir seine Annonce nicht unter allen ähnlichen Annoncen von Leuten herauszuerkennen im Stande sein werden, die ebenfalls Gouvernanten suchen und ebenfalls Adressen in London angeben. Falls aber unser Glück uns nicht im Stiche läßt und er seine Correspondenten an einen Kaufladen oder ein Postamt oder was sonst immer in Thorpe-Ambrose verweist, so ist uns unsere Annonce dadurch so deutlich bezeichnet, wie wir es nur wünschen können. In diesem Falle hege ich wenig oder gar keinen Zweifel darüber, daß Du —— mit Hilfe einer Empfehlung von mir —— Deinen Weg in den Familienkreis des Majors finden wirst. Wir haben einen großen Vorzug vor den andern Personen voraus, die sich ebenfalls um die Stelle bewerben werden. Vermöge meiner Nachforschungen am Orte selber wissen wir, daß Major Milroy ein armer Mann ist, und wir wollen einen so niedrigen Gehalt fordern, daß der Major sich sicherlich dadurch verlocken läßt. Was den Stil des Briefes betrifft, so möchte ich wissen, wer uns beide in der Abfassung einer bescheidenen und interessanten Bewerbung um die Stelle zu übertreffen im Stande wäre?

Alles dies liegt indessen noch in der Zukunft. Für jetzt geht mein Rath dahin, daß Du bleibst, wo Du bist, und nach Herzenslust fort träumst, bis Du wieder von mir hörst. Ich halte die Times regelmäßig, und Du magst Dich darauf verlassen, daß die Annonce meinem scharfen Auge nicht entgehen wird. Wir können dem Major glücklicherweise Zeit lassen, ohne dadurch unserm eigenen Interesse zu schaden, denn es steht für jetzt noch nicht zu befürchten, daß das Mädchen Dir zuvorkommen wird. Der öffentliche Empfang wird, wie wir wissen, nicht vor Ende des Monats stattfinden können, und wir dürfen uns mit Sicherheit darauf verlassen, daß die Eitelkeit des jungen Armadale ihn vom Hause fern halten wird, bis alle seine Schmeichler zu seiner Bewillkommnung versammelt sind. Laß uns noch wenigstens zehn Tage warten, ehe wir die Gouvernanten-Idee aufgeben und die Köpfe zusammenstecken, um einen neuen Plan ausfindig zu machen.

Ist es nicht merkwürdig, wie viel von der Entscheidung dieses pensionierten Offiziers abhängt? Was mich betrifft, so werde ich jetzt jeden Morgen mit einem und demselben Gedanken erwachen. Welche Adresse wird der Major angeben, wenn er eine Annonce in die Zeitung setzt —— Thorpe-Ambrose oder London?

Immer von Herzen die Deine

Maria Oldershaw.



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel.

Allan stand am Morgen nach seiner ersten Nacht in Thorpe-Ambrose frühe auf und betrachtete mit einem gewissen Mißbehagen darüber, daß er sich in seinem eigenen Hause so fremd fühlte, den Theil seines neuen Besitzthums, den er durch das Fenster seiner Schlafstube erblicken konnte.

Das Schlafzimmer befand sich über der großen Eingangsthür mit ihrem Porticus, ihrer Terrasse und ihrer Stufenflucht, vor der im Hintergrunde der große dichte Park die Aussicht schloß. Der Morgennebel um schwebte leicht die fernen Bäume, und die Kühe weideten gesellig in der unmittelbaren Nähe des eisernen Stakets, das den Park von der Auffahrt zum Hause trennte. »Alles mein !« dachte Allan,«indem er seine Besitzungen verdutzt anstaunte. »Hol’ mich der Henker; das will mir nicht in den Kopf! Alles mein!«

Er kleidete sich an, verließ sein Zimmer und ging den Corridor entlang, der nach der Treppe und der großen Eingangshalle führte, wobei er im Vorüber- gehen der Reihe nach alle Thüren öffnete. Die Gemächer in diesem Theile des Hauses waren Schlafzimmer und Ankleidezimmer, hell, geräumig und vollständig meublirt; alle diese Räumlichkeiten waren unbenutzt, das Schlafzimmer neben Allan’s eigenem Schlafzimmer allein ausgenommen, welches Midwinter angewiesen worden war. Dieser schlief noch, als sein Freund zu ihm hineinschaute, da er bis spät in der Nacht gesessen hatte, um seinen Brief an Mr. Brock zu schreiben. Allan ging bis ans Ende des ersten Corridors, bog im rechten Winkel in einen zweiten ein und sah sich, nachdem er denselben durchschritten, an dem oberen Ende der großen Haupttreppe. »Nichts Romantisches hier«, sprach er bei sich, indem er die mit schönen Teppichen bedeckte bequeme steinerne Treppe hinabsah, die in die moderne helle Eingangshalle führte. »Es ist nichts in diesem Hause, was Midwinters unruhige Nerven zu stören geeignet wäre.« Auch war dort in der That nichts der Art zu sehen; Allan’s durchaus oberflächliche Beobachtung hatte ihn für diesmal wenigstens nicht irre geleitet. Das stattliche Herrenhaus von Thorpe-Ambrose, welches nach dem Abreißen des verfallenen alten Wohnhauses errichtet worden war, war kaum fünfzig Jahre alt. In keinem Theile desselben war irgendetwas Malerisches oder etwas, das im allermindesten an Geheimnisse und Romantik erinnerte, zu finden. Es war eben ein Landhaus in rein conventionellem Stil — das Product der classischen Idee in verständiger Weise durch den commerciellen englischen Geist hindurchfiltrirt. Von außen betrachtet bot dasselbe den Anblick einer modernen Fabrik, die sich bemüht, wie ein Tempel des Alterthums auszusehen; im Innern war es vom Souterrain bis zum Dache ein Wunder von reicher Bequemlichkeit. »Uebrigens ist es ganz recht so«, dachte Allan, indem er langsam und zufrieden die breite flachstufige Treppe hinunterging. »Zum Henker mit aller Heimlichkeit und Romantik! Laßt uns sauber sein und Bequemlichkeit haben, sage ich!«

In der Eingangshalle angelangt, stand der neue Herr von Thorpe-Ambrose still und schaute sich ringsum, in Ungewißheit, wohin er sich zunächst wenden solle. Die vier Empfangszimmer im Erdgeschoß, je zwei auf jeder Seite, öffneten sich nach der Eingangshalle. Allan versuchte aufs Gerathewohl die nächste Thür zu seiner Rechten und sah sich im besten Gesellschaftszimmer. Hier gewahrte er das erste Lebenszeichen unter der anziehendsten Gestalt des Lebens. Ein junges Mädchen war im alleinigen Besitz des Gesellschaftszimmers. Das Wischtuch in ihrer Hand schien darauf hinzudeuten, daß ihr die häuslichen Verrichtungen oblagen; in diesem Augenblicke aber gestattete sie den Ansprüchen der Natur den Vorrang vor den Verpflichtungen ihres Dienstes. Mit andern Worten —— sie betrachtete ihr eigenes Antlitz in dem Spiegel über dem Kamine.

»So, so, erschreckt nicht vor mir«, sagte Allan, als das Mädchen vor dem Spiegel zurückfuhr und ihn in unaussprechlicher Verwirrung anstarrte. »Ich bin ganz Eurer Ansicht, mein Kind: Euer Gesicht ist sehr wohl des Ansehens werth. Wer seid Ihr? —— Das Stubenmädchen —— gut! Und Ihr heißt? Susan, wie? Kommt! Euer Name gefällt mir schon. Wißt Ihr, wer ich bin, Susan? Ich bin Euer Herr, obgleich Ihr dies kaum glauben mögt. Euer Zeugniß? O, ja wohl! Mrs. Blanchard hat Euch ein vortreffliches Zeugniß gegeben. Ihr sollt bleiben; fürchtet nichts. Und Ihr werdet ein braves Mädchen sein, Susan, und hübsche Häubchen und saubere Schürzen und bunte Bänder tragen, und werdet hübsch aussehen und die Meubles abstäuben, wie?«

Nachdem er in dieser Weise die Pflichten eines Stubenmädchens zusammengefaßt, spazierte Allan wieder in die Eingangshalle hinaus und entdeckte hier fernere Lebenszeichen. Ein Bedienter erschien und verbeugte sich, wie es einem Vasallen in einer Leinwandjacke zukommt, vor seinem Herrn.

»Und wer mögt Ihr wohl sein?« frug Allan. »Doch nicht der Mann, der uns gestern Abend einließ? Ah, das dachte ich mir wohl. Der zweite Bediente, wie? Zeugniß? O, ja, vortreffliches Zeugniß. Versteht sich, Ihr bleibt. Könnt mich als Kammerdiener bedienen, wie? O, zum Kuckuck mit der Kammerdienerei! Ich kleide mich lieber allein an und bürste meine Kleider am liebsten selbst, und zwar wenn ich schon drin stecke; und wenn ich es nur verstünde, beim heiligen Georg, so möcht’ ich mir sogar die Stiefel selber putzen! Was ist dies für ein Zimmer? Wohnzimmer,y wie? Und dies natürlich das Eßzimmer Gerechter Himmel, welch eine Speisetafel! So lang wie meine Jacht, ja noch länger. Aber hört —— beiläufig —— wie heißt Ihr? Richard, wie? —— Nun Richard, das Schiff, in dem ich segle, habe ich selber gebaut. Was sagt Ihr dazu? Ihr seht mir gerade wie der rechte Mann aus, um mir an Bord als Steward zu dienen. Wenn Ihr auf dem Wasser nicht seekrank werdet —— o, Ihr werdet seekrank auf dem Wasser? Nun, dann wollen wir nicht weiter davon reden. Und welches Zimmer ist dies? Ah, ja wohl, das Bibliothekzimmer, versteht sich —— schlägt mehr in Mr. Midwinters Fach als in das meinige. Mr. Midwinter ist der Herr, der hier gestern Abend mit mir ankam; und laßt Euch’s gesagt sein, Richard, Ihr alle sollt ihm dieselbe Aufmerksamkeit wie mir erzeigen. Wo sind wir jetzt? Welche Thür ist diese hier hinten? Billardzimmer und Rauchzimmer wie? Das ist herrlich. Noch eine Thür! Und noch mehr Treppen? Wohin führt diese Treppe —— und wer kommt hier herauf? Lassen Sie sich Zeit, Madame; Sie sind nicht mehr ganz so jung wie ehedem —— lassen Sie sich Zeit!«

Diese humane Warnung galt einer corpulenten ältlichen Frau, welche Allan passender mit »Mutter« denn mit »Madame« angeredet hätte. Vierzehn Stufen waren alles, was sie vom Herrn des Hauses trennte; sie stieg dieselben mit vierzehnmaligem Stillstehen und vierzehn Seufzern hinan. Die Natur, die sich in allen Dingen so mannigfaltig zeigt, ist im weiblichen Geschlechte ganz besonders mannigfaltig. Es giebt Frauen, deren persönliche Eigenschaften an die Liebesgötter und die Grazien erinnern; und es giebt andere, deren persönliche Eigenschaften an Fetttöpfe erinnern. Die in Frage stehende war eine von den andern Frauen.

»Freut mich, Sie so wohl zu sehen, Madame«, sagte Allan, als die Köchin —— denn als solche offenbarte sie sich —— in der Majestät ihres Amtes vor ihm stand. »Sie heißen Gripper, wie? Ich betrachte Sie als die schätzbarste Person im ganzen Hause, Mrs. Gripper, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Niemand im Hause einen so herzhaften Appetit hat wie ich. Meine Befehle? O, nein, ich wünsche keine Befehle zu geben. Ich überlasse das alles Ihnen. Eine kräftige Suppe —— Fleisch, aus dem der Saft nicht heraus gebraten ist —— da haben Sie in zwei Worten meine Begriffe von einem guten Diner Aufgepaßt! Hier kommt noch Jemand. O, versteht sich —— der Kellerineister. Wir wollen den Wein im Keller von vorne an durchprobieren und uns bis zu Ende durch trinken, Herr Kellermeister; und wenn ich Euch dann noch keine gründliche Ansicht über denselben abzugeben im Stande bin, wollen wir wieder von vorn anfangen. Da wir vom Weine sprechen —— hollah! Hier kommen noch mehr Leute die Treppe herauf. Schon gut, schon gut! Bemüht Euch nicht. Ihr alle habt vortreffliche Zeugnisse und sollt alle bei mir bleiben. Was wollte ich soeben sagen? Etwas über den Wein; ganz recht. Ich will Euch etwas sagen, Herr Kellermeister; es kommt nicht alle Tage ein neuer Herr in Thorpe-Ambrose an, und es ist mein Wunsch, daß wir alle im besten Vernehmen mit einander anfangen: Laßt die Leute unten einen großartigen Schmaus haben, um meine Ankunft zu feiern; und gebt ihnen, was sie am liebsten haben, damit sie meine Gesundheit trinken. Ein Herz, das nimmer froh, ist zu beklagen, nicht wahr, Mrs. Gripper? Nein; ich will mir den Keller jetzt nicht ansehen; ich wünsche auszugehen und vor dem Frühstück ein wenig frische Lust zu athmen. Wo ist Richard? Sagt einmal, habe ich hier irgendwo einen Garten? Auf welcher Seite des Hauses? Auf dieser Seite, wie? Ihr braucht mich nicht herumzuführen. Ich will allein gehen, Richard, und mich womöglich auf meinem eigenen Besitzthum verirren.«

Mit diesen Worten ging Allan, fröhlich pfeifend, die Terrassenstufen vor dem Hause hinunter. Er hatte die ernste Pflicht, seine häuslichen Angelegenheiten zu ordnen, zu seiner eigenen völligen Zufriedenheit erfüllt. »Die Leute reden von der Schwierigkeit, mit ihrer Dienerschaft fertig zu werden«, dachte Allan. »Was in aller Welt wollen sie damit sagen? Ich finde dies durchaus nicht schwer.« Nachdem er durch ein zierliches Gitterthor eingetreten war, ging er, den Weisungen des Bedienten folgend, in das Gebüsch hinein, hinter dem die Gärten von Thorpe-Ambrose gelegen waren. »Ein hübscher schattiger Ort, um eine Cigarre zu rauchen«, sagte Allan, wie er, die Hände. in den Taschen, daher schlenderte. »Ich wollte, ich könnte es mir in den Kopf hinein trommeln, daß dies alles wirklich mir gehört.«

Das Gebüsch öffnete sich auf einen großen Blumengarten, der in der hellen Morgensonne funkelnd in seiner Sommerpracht dalag. Auf der einen Seite führte ein Bogengang, der durch eine Mauer gebrochen war, nach dem Obstgarten; auf der andern gelangte man vermittelst einer Rasenterrasse aus einen niedrigeren Platz, der wie ein italienischer Garten angelegt war. An den Springbrunnen und Statuen vorübergehend, erreichte Allan abermals ein Gebüsch, das dem Anscheine nach in einen entlegenen Theil der Anlagen auslief. Bis hierher hatte sich nirgendwo ein menschliches Wesen sehen oder hören lassen; doch als er am Ende des zweiten Gebüsches anlangte, war es ihm, als ob er etwas höre. Er stand still und lauschte Es waren zwei deutlich vernehmbare Stimmen —— eine ältere, die sehr halsstarrig, und eine jugendliche, die sehr aufgebracht klang.

»Es nützt nichts, Miß«, sagte die erstere Stimme. »Ich darf es nicht erlauben und will es nicht erlauben. Was würde wohl Mr. Armadale dazu sagen?«

»Wenn Mr. Armadale der Gentleman ist, für den ich ihn halte, Ihr altes Ungeheuer«, erwiderte die jugendliche Stimme, »so würde er sagen: »Kommen Sie in meinen Garten, so oft es Ihnen beliebt, Miß Milroy, und pflücken Sie so viele Sträuße, wie es Ihnen gefällt.«

Allan’s klare blaue Augen funkelten muthwillig. Durch einen plötzlichen Einfall angespornt, schlich er leise nach dem Ende des Gebüsches, schoß um die Ecke, sprang über ein niedriges Staket und befand sich in einem zierlichen kleinen Gehege, durch das sich ein Kiespfad hinzog. In kurzer Entfernung erblickte er auf diesem Pfade eine junge Dame, die ihm den Rücken zuwandte und sich an einem alten Manne vorbeizudrängen versuchte, der sich ihr, mit dem Rechen in der Hand, hartnäckig und kopfschüttelnd in den Weg stellte.

»Kommen Sie in meinen Garten, so oft es Ihnen beliebt, Miß Milroy, und pflücken Sie so viele Sträuße, wie es Ihnen gefällt«, rief Allan, ihre Worte wiederholend.

Die junge Dame wandte sich mit einem hellen Aufschrei zu ihm um; ihr Musselinröckchen das sie vor sich emporhielt, entglitt ihrer Hand, und aus demselben stürzte ein ganzer Schoß voll Blumen auf den Kiespfad.

Ehe noch ein Wort weiter gesagt werden konnte, trat der unerschütterliche alte Mann vor und ging mit der größten Gelassenheit auf den Gegenstand seines eigenen persönlichen Interesses ein, wie wenn durchaus gar nichts vorgefallen und außer ihm und seinem neuen Herrn Niemand zugegen gewesen wäre.

»Ich heiße Sie bescheidentlich in Thorpe-Ambrose willkommen, Sir«, sagte der Alte. »Ich heiße Abraham Sage und bin seit mehr als vierzig Jahren in diesen Anlagen angestellt gewesen; ich hoffe, daß Sie die Güte haben werden, mir meine Stelle zu lassen.«

Mit diesen Worten, nur sein eigenes Interesse verfolgend, redete der Gärtner seinen neuen Herrn an —— und sprach vergebens. Allan lag auf dem Kiespfade auf den Knieen, um die gefallenen Blumen aufzusammeln, und empfing seine ersten Eindrücke von Miß Milroy. Sie war hübsch und auch wieder nicht hübsch; sie bezauberte, sie enttäuschte, sie bezauberte abermals. Nach dem gewöhnlichen Maßstabe für weibliche Schönheit war sie zu klein und zu entwickelt für ihr Alter. Und dennoch würden wenige Männer ihre Gestalt anders gewünscht haben als sie war. Ihre kleinen Hände waren so hübsch gerundet und hatten so niedliche Grübchen, daß es schwer war, zu bemerken, wie roth sie seien vor Uebermaß gesegneter Jugend und Gesundheit. Ihre Füße waren eine zierliche Entschuldigung für ihre alten schlecht sitzenden Schuhe, und der Anblick ihrer Schultern entschädigte für das Musselingewand, das dieselben zu bedecken bestimmt war. Ihre dunkelgrauen Augen bezauberten durch die klare Weichheit der Farbe, durch ihre Lebhaftigkeit, Zärtlichkeit und die sanfte Gutherzigkeit des Ausdrucks; ihr Haar war, soweit ein abgetragener alter Gartenhut dasselbe sichtbar werden ließ, gerade von derjenigen helleren Schattierung von Braun, die durch den Contrast den Werth der dunkleren Schönheit ihrer Augen erhöhte. Nach diesen Reizen aber fingen die dieselben begleitenden kleinen Fehler und Unvollkommenheiten dieses sich selbst widersprechenden Mädchens wieder an. Ihre Nase war zu kurz, ihr Mund zu groß, ihr Gesicht zu rund und zu rosig. Die grausige Gerechtigkeit der Photographie würde kein Erbarmen mit ihr gehabt und die Bildhauer des alten Griechenland würden sie mit Bedauern aus ihrem Atelier herauscomplimentirt haben. Allein, alles dies zugegeben, war der Gürtel, der Miß Milroy’s Taille umschlang, dennoch ein Venus-Gürtel, und Allan hatte sich bereits in sie verliebt, ehe noch die zweite Handvoll Blumen aufgesammelt war.

»O, thun Sie das nicht, bitte, Mr. Armadale, thun Sie das nicht!« sagte sie, die Blumen unter Protest entgegennehmend, wie Allan dieselben in den Schoß ihres Kleides zurückwarf. »Ich bin so beschämt! Ich beabsichtigte gar nicht, mich in dieser dreisten Weise in Ihren Garten einzuladen; meine Zunge ging mit mir durch —— glauben Sie es mir! Was kann ich nur zu meiner Entschuldigung sagen? O, Mr. Armadale, was müssen Sie nur von mir denken!«

Allan sah plötzlich eine Gelegenheit zu einem Compliment und warf ihr dasselbe sofort mit der dritten Handvoll Blumen zu.

»Das will ich Ihnen gleich sagen, Miß Milroy«, antwortete er in seiner offenen knabenhaften Weise. »Ich denke, daß der glücklichste Spaziergang, den ich in meinem ganzen Leben gemacht habe, derjenige ist, der mich heute Morgen hierher führte.«

Er sah dabei lebhaft und schön aus. Er redete nicht zu einem Weibe, das von Bewunderung übersättigt war, sondern zu einem Mädchen, das eben erst sein Frauenleben begann —— und es that ihm jedenfalls keinen Abbruch, daß er in der Rolle des Herrn von Thorpe-Ambrose sprach. Der reumüthige Ausdruck schwand allmählig aus Miß Milroy’s Gesichte; sie blickte bescheiden und lächelnd auf die Blumen in ihrem Schoße.

»Ich verdiene tüchtig ausgezankt zu werden«, sagte sie. »Ich verdiene keine Complimente Mr. Armadale, am allerwenigsten von Ihnen.«

»O, doch!« rief der ungestüme Allan, indem er behende aufsprang. »Und übrigens ist es kein Compliment; es ist wahr. Sie sind das hübscheste —— ich bitte um Vergebung, Miß Milroy! Diesmal ging meine Zunge mit mir durch.«

Nichts fällt wohl der weiblichen Natur im Alter von sechzehn Jahren schwerer, als ernst zu sein. Miß Milroy kämpfte mit sich —— kicherte —— kämpfte abermals —— und bezwang sich dann für den Augenblick.

Der Gärtner, der noch immer regungslos an derselben Stelle stand und auf die nächste passende Gelegenheit wartete, erblickte dieselbe jetzt und schob sanft sein persönliches Interesse in die erste Spalte des Schweigens, die sich für ihn geöffnet, seit Allan auf dem Schauplatze erschienen war.

»Ich heiße Sie bescheidentlich in Thorpe-Ambrose willkommen, Sir«, sagte Abraham Sage, hartnäckig seine kleine Vorstellungsrede noch einmal anfangend. »Ich heiße ——«

Ehe er noch seinen Namen aussprechen konnte, blickte Miß Milroy zufällig in das halsstarrige Gesicht des Gartenkünstlers —— und verlor augenblicklich und unwiderruflich alle Macht über ihren schwer errungenen Ernst. Allan, niemals abgeneigt, jeder Art von geräuschvollem Beispiele zu folgen, stimmte mit großem Behagen in ihr Gelächter ein. Der weise Mann der Gärten verrieth weder Erstaunen, noch zeigte er sich gekränkt. Er wartete einen abermaligen Augenblick des Schweigens ab und suchte denselben, als die beiden jungen Leute innehielten, um Athem zu schöpfen, wiederum mit einigen Worten zu Gunsten seiner persönlichen Interessen auszufüllen.

»Ich bin seit mehr als vierzig Jahren«, fuhr Abraham Sage unerschütterlich fort, »in diesen Anlagen ——«

»Ihr sollt noch vierzig Jahre in diesen Anlagen beschäftigt bleiben«, erwiderte Allan, sobald er zu sprechen im Stande war, »wenn Ihr nur den Mund halten und Eurer Wege gehn wollt!«

»Danke Ihnen bestens, Sir«, sagte der Gärtner mit der äußersten Höflichkeit, doch ohne irgendein Anzeichen, daß er den Mund halten und seiner Wege gehen wolle.

»Nun?« sagte Allan.

Abraham Sage räusperte sich sorgfältig, nahm seinen Rechen aus der einen Hand in die andere, und indem er dieses unschätzbare Werkzeug mit ernstem Interesse und großer Aufmerksamkeit betrachtete, wandte sich dieser unerschütterliche Alte abermals an Allan: »Ich wünsche bei einer passenderen Gelegenheit einmal von meinem Sohne achtungsvollst zu Ihnen zu reden, Sir. Es wird Ihnen vielleicht im Laufe des Tages gelegener sein? Ihr ergebenster Diener, Sir, und meinen besten Dank. Mein Sohn ist streng mäßig. Er ist an den Stall gewöhnt und ein Mitglied der anglicanischen Kirche —— ohne eine belästigende Familie.« Nachdem Abraham Sage in dieser Weise seinen Sohn provisorisch der Achtung seines Herrn empfohlen, schulterte er seinen unschätzbaren Rechen und humpelte langsam von dannen.

»Wenn dies eine Probe von einem zuverlässigen alten Diener ist«, sagte Allan, »so denke ich, daß ich es lieber wagen will, mich von einem neuen betrügen zu lassen. Jedenfalls, Miß Milroy, sollen Sie nicht wieder von ihm belästigt werden. Alle Blumenbeete in diesen Gärten stehen Ihnen zu Diensten —— und alles Obst in der Obstzeit ebenfalls.

»O, Mr. Armadale, Sie sind sehr, sehr gütig. Wie soll ich Ihnen danken?«

Allan sah abermals eine Gelegenheit zu einem Complimente —— einem sehr zierlichen Complimente —— diesmal in Gestalt einer Schlinge.

»Sie können mir die größte Gefälligkeit erweisen«, sagte er, »indem Sie mir zur Verschönerung meiner Anlagen behilflich sind.«

»Mein Himmel! Wie das?« frug Miß Milroy unschuldig.

Allan zog die Schlinge fest zu, indem er sagte: »Indem Sie mich auf Ihrem Morgenspaziergange mitnehmen, Miß Milroy.« Er sprach —— lächelte — und bot seinen Arm.

Sie sah ihrerseits die Gelegenheit zum Coquettiren. Sie legte ihre Hand in seinen Arm —— erröthete —— zögerte —— und zog dieselbe plötzlich wieder zurück.

»Ich glaube nicht, daß es ganz recht ist, Mr. Armadale«, sagte sie, sich mit der größten Aufmerksamkeit mit ihren Blumen beschäftigend. »Sollten wir nicht irgendeine ältere Dame hier bei uns haben? Ist es nicht unpassend für mich, Ihren Arm anzunehmen, bis ich Sie ein wenig besser kenne? Ich bin dies zu fragen genöthigt, weil ich so wenig Anweisung gehabt habe. Ich habe so wenig von der Gesellschaft gesehen; ein Freund meines Papas sagte einmal, ich sei zu dreist für mein Alter. Was meinen Sie?«

»Ich denke, es ist ein Glück, daß der Freund Ihres Papas jetzt nicht hier ist«, antwortete Allan; »ich würde jedenfalls Streit mit ihm anfangen. Was die Gesellschaft betrifft, Miß Milroy, so weiß Niemand weniger von derselben als ich; doch wenn wir hier eine ältere Dame bei uns hätten, so muß ich meinestheils gestehen, daß sie mir außerordentlich im Wege sein würde. Wollen Sie nicht?« schloß Allan, indem er bittend nochmals seinen Arm anbot. »Bitte!«

Miß Milroy blickte seitwärts von ihren Blumen zu ihm hinauf. »Sie sind ebenso schlimm wie der Gärtner, Mr. Armadale!« Unschlüssig und fast zitternd ließ sie ihre Augen wieder zu Boden sinken. »Ich bin überzeugt, daß es unrecht ist«, sagte sie —— und nahm unverzüglich und ohne das geringste Zögern seinen Arm.

Jung, froh und glücklich, schritten sie zusammen über den Rasen des Geheges, während der helle Sonnenschein des Sommermorgens auf ihren blumigen Pfad fiel.

»Und wohin gehn wir jetzt?« frug Allan. »Nach einem andern Garten?«

Sie lachte fröhlich. »Wie außerordentlich sonderbar von Ihnen, Mr. Armadale, dies nicht zu wissen, da es doch alles Ihnen gehört! Sehen Sie Thorpe-Ambrose wirklich heute Morgen zum ersten Male? Wie unbeschreiblich seltsam dies Ihnen erscheinen muß! Nein, nein, machen Sie mir für jetzt keine Complimente mehr. Sie könnten mir sonst den Kopf verdrehen. Wir haben die alte Dame nicht bei uns, und ich muß mich wirklich in Acht nehmen. Lassen Sie mich nützlich sein und Ihnen alles über Ihre eigenen Anlagen erzählen. Wir gehen zu jenem kleinen Pförtchen hinaus, und dann über eine Naturbrücke, und dann um die Ecke der Baumanlagen —— wohin wohl? Dorthin, wo ich wohne, Mr. Armadale; nach dem reizenden kleinen Häuschen, das Sie dem Papa vermiethet haben. O, wenn Sie wüßten, wie glücklich wir uns schätzten, die Wohnung zu bekommen!«

Sie schwieg, sah zu ihrem Gefährten auf und hielt dadurch ein abermaliges Compliment zurück, das dem unverbesserlichen Allan eben auf den Lippen schwebte.

»Ich werde Ihren Arm loslassen, wenn Sie es sagen!« rief sie coquettirend. »Aber wir waren wirklich glücklich, das Häuschen zu erlangen, Mr. Armadale. Der Papa sagte an dem Tage, da wir einzogen, daß wir Ihnen große Dankbarkeit schuldig seien. Und ich sagte noch vor einer Woche dasselbe.«

»Sie, Miß Milroy!« rief Allan aus.

»Ja. Es überrascht Sie vielleicht, dies zu hören; aber wenn Sie dem Papa nicht dies Häuschen vermiethet hätten, so glaube ich, hätte ich die Schmach und den Jammer zu erleiden gehabt, daß man mich in die Schule sandte.«

Allan erinnerte sich des halben Kronthalers, den er auf dem Kajütentische seiner Jacht hatte kreiseln lassen. »Wenn sie wüßte, daß ich gewissermaßen das Loos darüber entscheiden ließ!« dachte er schuldbewußt.

Das momentane Schweigen ihres Gefährten mißdeutend, fuhr Miß Milroy fort: »Sie werden wahrscheinlich nicht begreifen, warum mir so sehr davor grausen sollte, in eine Schule geschickt zu werden. Wäre ich in früher Jugend —— ich meine in dem Alter, in —— dem die meisten Kinder in die Schule gehen —— nach einer Schule gesandt worden, so würde ich mir jetzt nichts daraus gemacht haben. Aber ich hatte zu jener Zeit keine Gelegenheit dazu. Es war dies die Zeit der Krankheit meiner Mama und der unglücklichen Speculationen meines Papas; und da der Papa Niemand hatte, der ihn trösten konnte, blieb ich natürlich bei ihm zu Hause. Sie brauchen nicht zu lachen; ich war von einigem Nutzen, das kann ich Ihnen versichern. Ich half dem Papa durch seine Sorgen hindurch, indem ich nach Tische auf seinem Schoße saß und ihn bat, mir von all den außerordentlichen Leuten zu erzählen, die er gekannt, als er in der weiten Welt umhergereist. Ohne meine Unterhaltung des Abends und seine Uhr am Tage ——«

»Seine Uhr?« wiederholte Allan.

»Ja! Ich hätte es Ihnen sagen sollen. Der Papa ist nämlich ein erstaunliches Genie in der Mechanik. Sie werden dasselbe sagen, wenn Sie seine große Stehuhr sehen. Sie ist nach dem Modell der berühmten Uhr zu Straßburg gebaut, ohne natürlich deren Größe zu erreichen. Denken Sie nur, er fing dieselbe an, als ich acht Jahre alt war, und sie war an meinem letzten Geburtstage, wo ich doch sechzehn ward, noch nicht vollendet! Einige unserer Bekannten waren ganz erstaunt darüber, daß er eine solche Beschäftigung aufnahm, als seine Sorgen anfingen. Aber der Papa klärte sie hierüber sehr schnell auf; er erinnerte sie daran, das Louis der Sechzehnte die Uhrmacherei anfing, als seine Leiden begannen —— und dann fühlte sich jeder völlig zufriedengestellt.« Sie schwieg plötzlich und wechselte verlegen die Farbe. »O, Mr. Armadale«, sagte sie diesmal in ungekünstelter Verwirrung, »hier geht meine unglückselige Zunge schon wieder mit mir durch! Ich plaudere schon mit Ihnen, wie wenn ich Sie seit Jahren gekannt hätte! Dies ist es, was Papas Freund meinte, als er sagte, meine Manieren seien zu dreist. Es ist vollkommen war. Ich habe eine schreckliche Art und Weise, vertraut mit den Leuten zu werden, wenn ——« Sie legte ihrer Zunge plötzlich den Zaum an, da sie auf dem Punkte war, mit den Worten zu schließen: »Wenn sie mir gefallen.«

»Nein, nein; bitte, fuhren Sie fort!« bat Allan. »Es ist auch mein Fehler, leicht vertraut zu werden. Ueberdies müssen wir ja vertraut mit einander werden; wir sind so nahe Nachbarn. Ich bin ein ziemlich uncultivirter Bursche, und ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll, was ich Ihnen sagen wollte; aber ich wünsche, daß Ihr Häuschen gemüthlich und freundschaftlich mit meinem großen Hause, und mein großes Haus gemüthlich und freundschaftlich mit Ihrem Häuschen verkehrt. Da haben Sie, was ich meine. Fahren Sie fort, Miß Milroy; bitte, fahren Sie fort!«

Sie lächelte und zögerte. »Ich erinnere mich nicht recht, wo ich war«, erwiderte sie. »O, jetzt erinnere ich mich, daß ich Ihnen etwas zu erzählen hatte. Dies kommt davon, daß ich Ihren Arm an nahm, Mr. Armadale. Wenn Sie nur darein willigen wollten, daß wir getrennt gingen, so würde ich viel besser von der Stelle kommen. Sie wollen es nicht? Nun, wollen Sie mir dann sagen, was ich Ihnen zu sagen wünschte? Wo war ich, ehe ich zu den Sorgen des Papas und zu seiner Uhr abschweifte?«

»In der Schule!« erwiderte Allan nach einer erstaunlichen Anstrengung des Gedächtnisses.

»Nicht in der Schule, meinen Sie«, sagte Miß Milroy; »und dies alles durch Sie! Jetzt kann ich wieder fortfahren, und das ist ein großer Trost. Ich spreche völlig im Ernste, Mr. Armadale, wenn ich sage, daß ich zur Schule geschickt worden wäre, falls Sie zu Papas Anfrage wegen des Häuschens Nein gesagt hätten. Die Sache ereignete sich folgendermaßen. Als wir einzuziehen anfingen, hatte Mrs. Blanchard die große Freundlichkeit, uns sagen zu lassen, daß uns ihre Dienerschaft zur Verfügung stehe, wenn wir der Hilfe bedürften. Papa und ich konnten hierauf nicht umhin, ihr unsere Aufwartung zu machen und ihr zu danken. Wir sahen Mrs. Blanchard und Miß Blanchard. Mrs. Blanchard war außerordentlich liebenswürdig, und Miß sah in ihren Trauerkleidern reizend aus. Ich bin überzeugt, daß Sie sie bewundern! Sie ist groß und schlank und blaß und anmuthig in ihren Manieren —— ganz Ihre Vorstellung von Schönheit, wie ich mir denke?«

»Nicht im geringsten«, versetzte Allan. »Meine Vorstellung von Schönheit ist in diesem Augenblicke ——«

Miß Milroy sah es kommen und zog augenblicklich ihre Hand von seinem Arme zurück.

»Ich wollte sagen, ich habe weder Mrs. Blanchard noch ihre Nichte je gesehen«, fügte Allan, sich eiligst verbessernd, hinzu.

Miß Milroy ließ Gnade für Recht ergehen und legte ihre Hand wieder in seinen Arm.

»Wie sonderbar, daß Sie sie nie gesehen haben!« fuhr sie fort. »Sie sind für alle und alles in Thorpe-Ambrose ein Fremder! Nun, nachdem Miß Blanchard und ich ein Weilchen dagesessen und mit einander geplaudert hatten, hörte ich Mrs. Blanchard meinen Namen aussprechen und hielt sofort den Athem an. Sie frug den Papa, ob meine Erziehung vollendet sei. Der Papa kam augenblicklich mit seiner großen Noth zum Vorschein. Meine alte Erzieherin, müssen Sie wissen, hatte uns kurz vor unserm Hierherkommen verlassen, um sich zu verheirathen, und es konnte uns Niemand unter unsern Bekannten eine neue empfehlen, deren Forderungen nicht zu hoch für uns waren. »Ich habe von Leuten, die die Sache besser verstehen als ich, gehört, daß das Annoncieren eine riskante Sache sei, Mrs. Blanchard«, sagte der Papa. »Bei Mrs. Milroy’s schlechter Gesundheit fällt diese ganze Sorge mir anheim, und ich vermuthe, ich werde mein kleines Mädchen schließlich in eine Schule zu senden genöthigt sein. Ist Ihnen zufällig eine Schule bekannt, die den Mitteln eines armen Mannes entsprechen würde?« Mrs. Blanchard schüttelte den Kopf —— ich hätte sie auf der Stelle küssen mögen. »Meine Erfahrungen, Major Milroy«, sagte dieser wahre Engel von einer Frau, »stimmen mich zu Gunsten des Annoncierens. Wir fanden die Erzieherin meiner Nichte durch eine Annonce, und Sie können sich ihren Werth für uns vorstellen, wenn ich Ihnen sage, daß sie über zehn Jahre in unserer Familie blieb.« Ich hätte auf die Knie sinken und Mrs, Blanchard danken mögen —— und es nimmt mich blos Wunder, daß ich es nicht that! Der Papa war frappiert —— das sah ich sehr wohl —— und er erwähnte der Sache auf dem Heimwege. »Obgleich ich lange außerhalb der großen Welt gelebt habe«, sagte er, »erkenne ich doch eine feine Frau und eine verständige Frau, sowie ich sie nur sehe, mein Kind. Mrs. Blanchard’s Erfahrung läßt mich das Annoncieren in einem neuen Lichte erblicken —— ich muß mirs überlegen.« Nunmehr hat er sich es überlegt, und ich weiß, obgleich er es mir nicht offen bekannt, daß er schon gestern Abend den Entschluß gefaßt hat, zu annoncieren. Wenn also der Papa Ihnen dafür dankt, daß Sie ihm das Häuschen vermiethet haben, so danke ich Ihnen ebenfalls. Ohne Sie würden wir nie die Bekanntschaft der lieben Mrs. Blanchard gemacht haben; und ohne die liebe Mrs. Blanchard wäre ich in die Schule geschickt worden.«

Ehe Allan noch etwas erwidern konnte, kamen sie um die Ecke der Baumanlagen und standen vor dem Häuschen. Eine Schilderung desselben ist unnöthig; es war das typische Häuschen, wie wir es aus unserm ersten Zeichenunterricht kennen —— mit dem hübschen Strohdach, den üppigen Schlinggewächsen, den bescheidenen Gitterfenstern, dem Porticus von Baumästen und dem geflochtenen Vogelkäfig.

»Ist es nicht reizend!« sagte Miß Milroy. »Bitte, kommen Sie herein!«

»Darf ich? Wird der Major es nicht zu früh finden?«

»Ob es früh oder spät sei, ich weiß gewiß, daß der Papa sich sehr freuen wird, Sie zu sehen.«

Sie ging munter auf dem Gartenpfade voran und öffnete die Thür des Wohnzimmers. Wie Allan ihr in das kleine Zimmer folgte, sah er an der abgelegenen Seite desselben allein an einem altmodischen Schreibtische einen Herrn sitzen, der seinem Gaste den Rücken zuwandte.

»Papa! Eine Ueberraschung für Dich!« sagte Miß Milroy, ihn von seiner Beschäftigung abziehend; »Mr. Armadale ist in Thorpe-Ambrose angelangt, und ich habe ihn zu Dir gebracht.«

Der Major wandte sich schnell und erstaunt um, stand auf, war einen Augenblick völlig verblüfft, erholte sich jedoch augenblicklich von seinem Erstaunen und näherte sich mit gastfreundlich ausgestreckter Hand, um seinen jungen Hauswirth zu begrüßen.

Ein Mann von größerer Welterfahrung und schärferer Beobachtungsgabe, als Allan besaß, würde Major Milroy’s Lebensgeschichte sofort in dessen Gesichte gelesen haben. Die Familiensorgen, die ihn getroffen, verriethen sich sogleich, als er sich von seinem Sessel erhob, in seiner gebeugten Gestalt und seinen bleichen, tiefgefurchten Wangen. Die Wirkung einer und derselben einförmigen Beschäftigung und fortwährender einförmiger Gedankenrichtung machte sich zunächst in der schweren, träumerischen Selbstversunkenheit seines Wesens fühlbar, während seine Tochter zu ihm sprach. Und im nächsten Augenblicke, wie er sich aufraffte, um seinen Gast willkommen zu heißen, ward seine Selbstoffenbarung vollständig; denn in diesem Augenblicke flackerte in den müden Augen des Majors ein matter Strahl seines glücklichen Jugendgeistes auf; in dem schweren und träumerischen Wesen des Majors zeigte sich eine Veränderung, die in unverkennbarer Weise gesellschaftliche Vorzüge und Talente andeutete, die er sich in keiner unedlen socialen Schule angeeignet hatte. Ein Mann, der in seiner mechanischen Beschäftigung eine geduldige Zuflucht vor seinen Leiden gesucht; ein Mann, der nur von Zeit zu Zeit sich selber entrissen ward und sich wieder als das erkannte, was er einst gewesen —— so stand Major Milroy jetzt, an dem ersten Morgen ihrer Bekanntschaft vor Allan —— eine Bekanntschaft, die ein Ereigniß in Allan’s Leben zu bilden bestimmt war.

»Ich freue mich von Herzen, Sie zu sehen, Mr. Armadale«, sagte er in jenem ruhigen klanglosen Tone, der meistens den Leuten eigen ist, deren Beschäftigungen einsam und einförmig sind. »Sie haben mir bereits eine große Güte erzeigt, indem Sie mich als Ihren Miethsmann annahmen, und Sie erweisen mir jetzt durch diesen freundschaftlichen Besuch eine zweite. Falls Sie nicht bereits gefrühstückt haben, gestatten Sie mir, meinerseits alle Ceremonien bei Seite zu lassen und Ihnen einen Platz an unserm kleinen Tische anzubieten.«

»Mit dem größten Vergnügen, Major Milroy, wenn ich nicht im Wege bin«, erwiderte Allan, über den ihm zu Theil werdenden Empfang entzückt. »Ich habe mit Bedauern von Miß Milroy gehört, daß Mrs. Milroy leidend ist. Mein unerwartetes Hiersein —— der Anblick eines fremden Gesichts dürfte sie vielleicht ——«

»Ich begreife Ihr Zögern, Mr. Armadale«, sagte der Major; »doch ist dasselbe ganz unnöthig Mrs. Milroy’s Leiden fesselt sie durchaus an ihr Zimmer. —— Haben wir alles auf dem Tische, dessen wir bedürfen, mein Kind?« frug er, plötzlich der Unterhaltung eine andere Wendung gebend, sodaß ein schärferer Beobachter als Allan unfehlbar gemerkt haben würde, daß der Gegenstand ein unangenehmer für ihn sei. »Willst Du herkommen und den Thee besorgen?«

Miß Milroy’s Aufmerksamkeit schien anderweitig in Anspruch genommen; sie gab keine Antwort. Während ihr Vater und Allan Höflichkeiten mit einander ausgetauscht, hatte sie den Schreibtisch geordnet und mit der ungezügelten Neugier eines verzogenen Kindes die verschiedenen zerstreut auf demselben umherliegenden Papiere untersucht. In dem Augenblicke, nachdem der Major zu ihr gesprochen, entdeckte sie, zwischen den Löschpapierblättern der Schreibmappe versteckt, ein Stückchen Papier, riß dasselbe heraus, betrachtete es und wandte sich schnell mit einem Ausrufe der Ueberraschung um.

»Täuschen mich meine Augen, Papa?« frug sie. »Oder warst Du wirklich mit dieser Annonce hier beschäftigt, als ich hereinkam?«

»Ich hatte dieselbe soeben geschrieben«, antwortete der Vater. »Aber, mein Kind, Mr. Armadale ist hier —— wir warten auf’s Frühstück.«

»Mr. Armadale weiß die ganze Geschichte«, erwiderte Miß Milroy. »Ich habe sie ihm im Garten erzählt.«

»O, ja!« sagte Allan. »Bitte, betrachten Sie mich nicht als einen Fremden, Major! Es handelt sich um die Erzieherin, ich habe in einer indirecten Weise ebenfalls etwas mit der Sache zu schaffen.«

Major Milroy lächelte. Doch ehe er noch etwas entgegnen konnte, wandte seine Tochter, die inzwischen die Annonce gelesen, sich zum zweiten Male eifrig zu ihm.

»O, Papa«, sagte sie, »hier ist etwas, das mir gar nicht gefällt! Warum gibst Du die Anfangsbuchstaben der Großmama an? Warum sagst Du, man solle an das Haus der Großmama in London adressieren?«

»Mein liebes Kind! Deine Mutter kann in dieser Sache gar nichts thun, wie Du weißt. Und was mich betrifft, so tauge ich nicht im geringsten dazu, fremde Damen über ihren Charakter und ihre Befähigung auszuforschen. Deine Großmama ist am Orte; sie ist die geeignete Person, um die Briefe entgegenzunehmen und alle nothwendigen Erkundigungen einzuziehen.«

»Aber ich wünsche die Briefe selbst zu sehen«, sagte das verzogene Kind. »Einige derselben werden sicherlich sehr amüsant sein ——«

»Ich mache Ihnen keine Entschuldigungen wegen dieses außerordentlich unceremoniösen Empfangs Mr. Armadale«, sagte der Major mit drolligem und ruhigem Humor zu Allan. »Derselbe mag Ihnen als eine nützliche Warnung dienen, daß Sie, wenn Sie sich einmal verheirathen und eine Tochter haben, nicht gleich mir damit anfangen, derselben ihren Willen zu lassen.«

Allan lachte und Miß Milroy fuhr hartnäckig fort.

»Ueberdies«, sagte sie, »möchte ich in der Wahl der Briefe behilflich sein, die wir beantworten wollen, Ich denke doch, daß ich in der Wahl meiner eigenen Erzieherin ein Wort mitzureden habe. Warum sagst Du nicht, daß sie die Briefe hierher senden sollen —— nach dem Postamte oder zum Papierhändler oder wohin Du sonst willst? Nachdem Du und ich die Briefe gelesen haben, können wir diejenigen, die wir vorziehen, der Großmama zusenden, und sie kann dann alle ihre Fragen thun und die beste Gouvernante aussuchen, ohne daß ich ganz im Dunkeln darüber bleibe —— was ich ganz unmenschlich finden würde. Sie nicht auch, Mr. Armadale? Laß mich die Adresse ändern, Papa —— bitte, lieber Papa!«

»Wir werden kein Frühstück erhalten, Mr. Armadale, wenn ich nicht Ja sage«, meinte der Major gutmüthig. »Thue was Du willst, mein Kind«, fügte er zu seiner Tochter gewendet hinzu. »Solange schließlich Deine Großmama die Sache für uns ordnet, ist alles Uebrige von geringer Bedeutung.«

Miß Milroy nahm die Feder ihres Vaters, strich mit derselben die letzte Zeile der Annonce durch und schrieb die veränderte Adresse mit eigener Hand folgendermaßen:

»Man adressiere an das Postamt zu Thorpe-Ambrose, Norfolk.«

»So!« sagte sie, geschäftig ihren Platz am Frühstücksstische einnehmend. »Jetzt mag die Annonce nach London wandern, und falls eine Gouvernante danach kommt —— o, Papa, wer wird sie nur sein? —— Thee oder Kaffee Mr. Armadale? Ich schäme mich wirklich, daß ich Sie so lange warten ließ. Aber es ist ein solcher Trost«, fügte sie schelmisch hinzu, »sich vor dem Frühstück alle Geschäfte vom Halse geschafft zu haben !«

Vater, Tochter und Gast setzten sich gesellig um den kleinen runden Tisch —— bereits die besten Nachbarn und die besten Freunde.

Drei Tage später schaffte einer der Londoner Zeitungsjungen sich ebenfalls vor dem Frühstück sein Geschäft vom Halse. Sein Bezirk war Diana-Street, Pimliw; und die letzte seiner Morgenzeitungen war die, welche er an der Thür von Miss. Oldershaw’s Hause abgab.



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel.

Etwa eine Stunde nachdem Allan seine Entdeckungsreise durch seine Besitzungen angetreten hatte, stand auch Midwinter auf und erfreute sich seinerseits beim Tageslichte an der Pracht des neuen Hauses.

Durch seine lange Nachtruhe erfrischt, kam er ebenso fröhlich wie Allan die große Treppe herunter. Gleich ihm schaute er der Reihe nach in die geräumigen Zimmer des Erdgeschosses und befand sich in athemlosen Erstaunen über den Glanz und Luxus, von dem er sich umgeben sah. »Das Haus, in dem ich als Knabe diente, war ein sehr stattliches«, dachte er, »aber es war mit diesem nicht zu vergleichen! Ob nur Allan ebenso erstaunt und entzückt ist wie ich? Die Pracht des Sommermorgens lockte ihn durch die offene Hausthür hinaus, gleich wie dies bei Allan der Fall gewesen war. Er sprang munter die Stufen hinab, indem er eine jener Melodien summte, nach denen er in seiner alten Vagabondenzeit getanzt hatte. Selbst die Erinnerungen an seine elende Kindheit wurden an diesem frohen Morgen durch das glänzende Medium gefärbt, durch welches er auf sie zurück sah. »Wenn ich nicht aus der Uebung gekommen wäre, dachte er, indem er sich auf das Stacket lehnte und über dasselbe hinweg auf den weiten Park blickte, »möchte ich auf diesem herrlichen Grase einige meiner alten Gaukelkunststücke versuchen.«

Er wandte sich um, erblickte am Eingange des Gebüsches zwei Diener, die sich mit einander unterhielten, und frug sie nach dem Herrn des Hauses. Die beiden Männer deuteten lächelnd auf den Garten; Mr. Armadale sei vor mehr als einer Stunde dorthin gegangen, und, wie sie bereits erfahren, Miß Milroy in den Anlagen begegnet. Midwinter schlug den Pfad durch das Gebüsch ein; doch da er bei dem Blumengarten anlangte, stand er still, überlegte ein wenig und ging wieder zurück. »Wenn Allan die junge Dame getroffen hat«, sprach er bei sich, »bedarf er meiner nicht.« Diese Worte begleitete er mit einem Lachen, dann wandte er sich rücksichtsvoll ab, um die Schönheiten von Thorpe-Ambrose auf der andern Seite des Hauses in Augenschein zu nehmen.

Um die Vorderseite des Gebäudes herumgehend, stieg er einige Stufen hinab, schritt auf einem gepflasterten Pfade entlang und sah sich bald in einem schmalen Gärtchen an der Hinterseite des Hauses. Hinter ihm befand sich eine Reihe von kleinen Zimmern, die in gleicher Ebene mit den Gesindestuben gelegen waren. Vor ihm, am entlegensten Ende des kleinen Gartens, erhob sich eine durch eine Lorbeerhecke geschützte Mauer, mit einer Thür an dem einen Ende, die an den Ställen vorüber zu einem Thore führte, vermittelst dessen man auf die Landstraße gelangte. Da er sah, daß er hiermit nur den Weg zum Hause entdeckt habe, den die Dienerschaft und die Handwerksleute benutzten, ging Midwinter abermals wieder zurück und blickte im Vorübergehen durch das Fenster eines der Zimmer im Erdgeschosse Waren dies etwa die Gesindestuben? Nein; diese befanden sich dem Anscheine nach in einem andern Theile des Erdgeschosses; das Fenster, durch das er sah, war das einer Polterkammer. Die beiden nächsten Zimmer dieser Reihe waren leer. Das vierte Fenster, dem er sich näherte, bot einige Abwechselung. Dasselbe bildete zugleich eine Thür und stand in diesem Augenblicke offen.

Durch die Bücherbretter angezogen, die er an der Wand bemerkte, trat Midwinter in das Zimmer. Die Bücher, nur wenige an der Zahl, beschäftigten ihn nicht lange; ein Blick auf die Rücken derselben genügte ihm, ohne daß er sie herunterenahm. Die Waverley-Romane, Erzählungen von Miß Edgeworth und deren zahlreichen Nachahmern, Gedichte von Mrs. Hemans und einige Bände von illustrierten »Andenken« bildeten den größeren Theil dieser kleinen Bibliothek. Midwinter wandte sich, um das Zimmer zu verlassen, als ein Gegenstand auf der einen Seite des Fensters, den er bisher nicht bemerkt hatte, seine Aufmerksamkeit auf sich zog und ihn still stehen machte. Es war dies eine Statuette auf einer Console —— eine verkleinerte Copie der berühmten Niobe im Museum zu Florenz. Mit einem plötzlichen Zweifel, der sein Herz pochen machte, sah er von der Statuette nach dem Fenster. Es war ein langes Thürfenster, und die Statuette befand sich, indem er vor dem Fenster stand, zu seiner Linken. Er schaute mit einem Argwohn hinaus, wie er ihn bisher noch nicht gefühlt hatte. Die Aussicht, welche sich vor ihm ausbreitete, war die eines Rasenplatzes und eines Gartens. Einen Augenblick kämpfte sein Geist gegen den Schluß, der sich ihm aufdrang —— doch vergebens. Hier, um ihn und vor ihm, lag das Zimmer, welches Allan in der zweiten Vision seines Traumes gesehen hatte, und trieb ihn erbarmungslos von der glücklichen Gegenwart zu der grausigen Vergangenheit zurück.

Er zögerte sinnend und schaute sich dabei rings um. In seinem Gesichte und seinem Wesen war erstaunlich wenig von einer Gemüthsbewegung wahrzunehmen; ruhig blickte er von dem einen zum andern der wenigen Gegenstände in dem Zimmer, wie wenn die Entdeckung ihn nicht so sehr überrascht als betrübt hätte. Ein Strohgeflecht von ausländischer Production bedeckte den Fußboden. Zwei Rohrstühle und ein einfacher Tisch bildeten das ganze Geräth. Die Wände waren mit einer einfachen Tapete bedeckt und ohne allen Bilderschmuck; die Einförmigkeit derselben ward durch nichts als eine Thür, die ins Innere des Hauses führte, einen kleinen Ofen und die Bücherbretter unterbrochen, die Midwinter bereits bemerkt hatte. Er wandte sich wieder zu den Büchern und nahm diesmal einige derselben herunter.

Das erste, welches er öffnete, enthielt eine von Frauenhand herrührende Inschrift, deren Tinte durch die Zeit erblaßt war. Er las: »Jane Armadale von ihrem geliebten Vater. Thorpe-Ambrose, October 1828.« In den folgenden Bänden, die er aufschlug, fand er dieselbe Inschrift. Seine Kenntniß der Data und Personen verhalf ihm zu dem richtigen Schlusse. Die Bücher mußten Allan’s Mutter angehört haben, welche in der Zeit zwischen ihrer Rückkehr von Madeira und der Geburt ihres Sohnes ihren Namen in dieselben eingeschrieben hatte. Midwinter nahm darauf einen Band von einem andern Brette herunter —— einen Theil von Mrs. Hemans Werken. Das leere Anfangsblatt des Buches war auf beiden Seiten mit einer Abschrift von Versen, und zwar wieder von Mrs. Armadale’s Hand, angefüllt. Die Verse waren »Lebewohl an Thorpe-Ambrose« überschrieben und vom März 1829 datiert — nur zwei Monate nach Allan’s Geburt.

Das einzige Interesse des kleinen Gedichts, das an sich ohne den geringsten Werth war, lag in der Familiengeschichte, die dasselbe erzählte. Sogar das Zimmer, in dem Midwinter stand, war beschrieben —— die Aussicht auf den Garten, die Glasthür, die sich nach demselben öffnete, die Bücherbretter, die Niobe und einige andere vergängliche Zierrathen, welche die Zeit vernichtet hatte. Mit ihren Brüdern im Zwiste und sich ihrer ganzen Familie entziehend, hatte die Wittwe des Gemordeten ihrer eigenen Angabe zufolge sich hierher zurückgezogen und keinen andern Trost mitgenommen, als die Liebe und Verzeihung ihres Vaters. So kam ihr Kind zur Welt. Des Vaters Güte und sein kürzlich erfolgter Tod bildeten den Gegenstand vieler Verse, die in ihrem alltäglichen Ausdrucke der Reue und Verzweiflung glücklicherweise zu unklar waren, um einen Leser, der nicht bereits mit der Wahrheit bekannt war, irgendwie über die Heirathsgeschichte in Madeira aufzuklären. Dann folgten Andeutungen auf die Entfremdung der Schreiberin von all ihren übrigen Angehörigen und auf ihre nahe bevorstehende Abreise von Thorpe-Ambrose, und schließlich die Verkündigung des Entschlusses, sich von all ihren alten Verbindungen loszumachen; alles, selbst die unbedeutendste Kleinigkeit von dem zurückzulassen, was sie an die schreckliche Vergangenheit erinnern könnte, und ihr künftiges Leben von der Geburt ihres Kindes zu datieren, das ihr zum Troste gegeben und jetzt das einzige Wesen in der Welt war, welches ihr noch von Liebe und Hoffnung sprach. Und damit war abermals die alte Geschichte leidenschaftlichen Gefühls erzählt, das sich lieber durch Redensarten tröstet, als allem Troste entsagt.

Midwinter stellte das Buch mit einem schweren Seufzer wieder an seinen Platz.

»Hier in dem Landhause —— oder dort am Bord des Wracks ——« sagte er bitter, »die Spuren von dem Verbrechen meines Vaters folgen mir überall, wohin ich immer gehe.« Er schritt dem Fenster zu, stand still und schaute auf das einsame, vernachlässigte, kleine Zimmer zurück. »Ist dies Zufall?«,frug er sich. »Die Stelle, an der seine Mutter duldete, ist diejenige, die er im Traume sieht; und an dem ersten Morgen in dem neuen Hause wird dieselbe nicht ihm, sondern mir gezeigt. O, Allan! Allan! Wie wird dies enden?«

Eben noch mit diesem Gedanken beschäftigt, vernahm er von dem gepflasterten Pfade an der Seite des Hauses her Allan’s Stimme, der ihn beim Namen rief. Er trat hastig in den Garten hinaus. In demselben Augenblicke kam Allan um die Ecke gelaufen, voll Entschuldigungen, daß er in der Gesellschaft seiner neuen Nachbarn vergessen habe, was er der Gastfreundschaft und seinem Freunde schuldig sei.

»Ich habe Dich wirklich nicht vermißt«, sagte Midwinter; »und es freut mich sehr, zu hören, daß die neuen Nachbarn Dir bereits so gut gefallen.«

Während dieser Worte versuchte er Allan nach der Vorderseite des Hauses zurückzuführen; doch Allan’s flüchtige Aufmerksamkeit war durch das offene Fenster und das einsame kleine Zimmer angezogen worden. Er trat augenblicklich in dasselbe hinein. Midwinter folgte ihm und beobachtete ihn in athemloser Angst, wie er sich dort umschaute. Allan’s Gemüth ward durch keine Spur der Erinnerung an den Traum gestört, und sein Freund ließ keine Silbe der Anspielung auf denselben laut werden.

»Genau der Ort, den man von Dir aufgestöbert zu werden erwarten durfte!« rief Allan fröhlich. »Klein und gemüthlich und anspruchslos. Ich kenne Dich, Meister Midwinter! Du wirst hierher entschlüpfen, wenn die Grafschaftsfamilien mir ihre Besuche machen, und ich denke mir, daß ich bei solchen entsetzlichen Gelegenheiten nicht lange hinter Dir zurückbleiben werde. Was giebt’s? Du siehst krank und bekümmert aus. Hungrig? Natürlich bist Du hungrig! Unverzeihlich von mir,« Dich so lange warten zu lassen —— diese Thür führt vermuthlich irgendwo hin; wir wollen sehen, ob wir einen Weg ins Haus entdecken. Ich habe dort im Häuschen nicht viel gegessen, denn ich weidete meine Blicke an Miß Milroy, wie die Dichter sich ausdrücken. O, der kleine Engel! Sie kehrt Einem das Herz im Leibe um, sowie man sie nur erblickt. Was ihren Vater betrifft —— so warte, bis Du seine wunderbare Uhr siehst! Sie ist zweimal so groß als die berühmte Uhr in Straßburg und. hat einen gewaltigen Schlag, wie man seit Menschengedenken noch nie gehört hat!«

In dieser Weise das Lob seiner neuen Freunde aus vollem Halse singend, zog Allan seinen Freund Midwinter eiligst mit sich den steinernen Gang des Souterrains entlang, welcher, wie er richtig vermuthet hatte, zu einer mit der Eingangshalle in Verbindung stehenden Treppe führte. Sie kamen auf ihrem Wege an den Gesindestuben und der offen stehenden Küche vorbei. Beim Anblicke der Köchin und des hellen Feuers konnte Allan nicht mehr vernünftig bleiben und seine Würde als Hausherr behaupten.

»Aha, Mrs. Gripper, dort sind Sie ja bei ihren Töpfen und Pfannen und Ihrem feurigen Ofen! Man muß wahrlich ein Sadrach, Mesech und der andre Bursche sein, um es dort aushalten zu können. Frühstück, sobald es Ihnen beliebt! Eier, Würstchen, Schinken, Nieren, Marmelade, Wasserkresse, Kaffee und so weiter! Mein Freund und ich gehören zu den wenigen Auserwählten, für die zu kochen ein wahres Privilegium ist. Ein Paar Gourmands, Mrs. Gripper, wahre Gourmands! —— Du wirst sehen«, fuhr Allan fort, wie sie ihren Weg nach der Treppe fortsetzten, »daß ich jene würdige Person wieder jung machen werde; ich bin besser als ein Arzt für Mrs. Gripper. Wenn sie lacht, erschüttert sie ihre fetten Seiten; und wenn sie ihre fetten Seiten erschüttert, strengt sie ihr Muskelsystem an; und wenn sie ihr Muskelsystem anstrengt —— Ha! Hier ist Susan wieder. Drückt Euch nicht so ängstlich gegen das Geländer, mein Kind; wenn es Euch nicht unangenehm ist, mich aus der Treppe anzustoßen, so gestehe ich, daß ich Euch recht gern anstoße Sie sieht wie eine aufgeblühte Rose aus, wenn sie erröthet, nicht wahr? Halt, Susan! Ich wünsche Euch einige Befehle zu geben. Gebt Euch besondere Mühe mit Mr. Midwinter’s Zimmer; schüttelt sein Bett wie toll, und stäubt seine Meubles ab, bis Euch Eure hübschen, runden Arme schmerzen! —— Unsinn, mein lieber Junge! Ich bin nicht zu familiär mit ihnen; ich ermuntere sie blos zu ihrer Arbeit. Nun denn, Richard, wo frühstücken wir? O, hier. Unter uns gesagt, Midwinter, diese prachtvollen Zimmer sind zu groß für mich; es ist mir, als ob ich nie mit meinen eignen Meubles auf vertrautem Fuße stehen könne. Meine Lebensansichten sind dazu zu gemüthlich und ungezwungen —— ein Küchenstuhl, weißt Du, und eine niedrige Decke, das genügt. »Der Mensch nur wenig braucht hinieden, doch braucht er dieses lange.« Dies ist nicht gerade das richtige Citat; aber es drückt aus, was ich meine, und wir wollen uns nicht mit dem Corrigiren aufhalten.«

»Ich bitte um Vergebung«, unterbrach ihn Midwinter, »es erwartet Dich hier etwas, das Du noch nicht bemerkt hast.«

Bei diesen Worten deutete er ein wenig ungeduldig auf einen Brief, der auf dem Frühstückstische lag. Er vermochte Allan die ominöse Entdeckung zu verhehlen, die er an diesem Morgen gemacht; doch das lauernde Mißtrauen gegen Ereignisse, das jetzt in seiner argwöhnischen Natur erweckt worden war, —— jenen instinctmäßigen Verdacht gegen alles, was sich an diesem ersten denkwürdigen Tage in dem neuen Hause ereignete; dies war er nicht zu bemeistern im Stande.

Allan überflog den Brief und warf denselben dann über den Tisch seinem Freunde zu. »Ich verstehe kein Wort davon«, sagte er; »verstehst Du es?«

Midwinter las den Brief laut und langsam vor.

»Sir! Ich hoffe, daß Sie mir die Freiheit verzeihen werden, die ich mir nehme, indem ich diese wenigen Zeilen an Sie richte, noch ehe Sie in Thorpe-Ambrose angekommen sind. Sollten Sie sich durch die Umstände bewogen fühlen, Ihre Geschäftsangelegenheiten nicht Mr. Darch’s Händen zu übergeben ——« Hier hielt er plötzlich inne und überlegte ein wenig.

»Darch ist unser Freund, der Advokat«, sagte Allan, da er vermuthete, daß Midwinter den Namen vergessen habe. »Erinnerst Du Dich nicht, wie ich beim Empfange der beiden Anerbietungen für das Parkhäuschen den halben Kronthaler auf dem Kajütentische kreiseln ließ. —— Kopf für den Major, Wappen für den Advokaten? Dies ist der Advokat.«

Midwinter setze, ohne etwas zu erwidern, die Lectüre des Briefes fort. »Sollten Sie sich durch die Umstände bewogen fühlen, Ihre Geschäftsangelegenheiten nicht Mr. Darch’s Händen zu übergeben, so erlaube ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich mich glücklich schätzen werde, Ihren Interessen meine Thätigkeit zu widmen, wenn Sie mich mit Ihrem Zutrauen zu beehren geneigt sind. Indem ich für diesen Fall eine Empfehlung von meinen Agenten in London beilege und nochmals wegen dieser Belästigung um Vergebung bitte, habe ich die Ehre, mich zu zeichnen, Sir, mit Hochachtung Ihr ergebenster Diener A. Pedgift Senior.«

»Umstände?« wiederholte Midwinter, indem er den Brief niederlegte »Welche Umstände könnten Dich wohl abgeneigt machen, Mr. Darch Deine Geschäftsangelegenheiten zu übergeben?«

»Nichts kann mich abgeneigt machen«, sagte Allan. »Außerdem, daß er der Familienanwalt hier ist, war Darch auch der Erste, der mir die Nachricht von meiner Erbschaft nach Paris sandte; und sowie ich dergleichen Geschäftsangelegenheiten zu vergeben habe, so ist natürlich Darch der Mann.«

Midwinter warf einen argwöhnischen Blick auf den offen auf dem Tische liegenden Brief. »Ich fürchte sehr, Allan, daß bereits etwas nicht ist wie es sein sollte«, sagte er. »Dieser Mann würde es nimmer gewagt haben, sich Dir anzutragen, wenn er nicht guten Grund zu glauben hätte, daß Du ihn annehmen werdest. Du wirst am sichersten gehen, wenn Du heute Morgen noch Mr. Darch melden läßt, daß Du hier bist, und für jetzt von Mr. Pedgift’s Briefe keine Notiz nimmst.«

Ehe sie noch ferner etwas sagen konnten, erschien der Diener mit dem Frühstück. Ihm folgte in einer kleinen Weile der Kellermeister —— ein Mann von der wesentlich vertraulichen Sorte, mit einer wohl modulierten Stimme, hofmännischem Wesen und einer knolligen Nase. Jeder Andere als Allan würde in seinem Gesichte gelesen haben, daß er ins Zimmer gekommen sei, um seinem Herrn eine besondere Meldung zu machen. Allan aber, der nie etwas unter der Oberfläche sah, und dessen Gedanken mit dem Briefe des Advokaten vollauf beschäftigt waren. verhinderte ihn an der Ausführung seines Vorhabens, indem er geradezu die Frage an ihn richtete: »Wer ist Mr. Pedgift?«

Der Kellermeister öffnete sofort die Schleußen seiner Localkenntnisse. Mr. Pedgift sei der zweite der beiden Advokaten des Orts; nicht so lange ansässig, nicht so wohlhabend, nicht so allgemein angesehen wie der alte Mr. Darch. Er habe nicht die Geschäfte der höchsten Grafschaftsfamilien und sei in der guten Gesellschaft nicht so beliebt wie der alte Mr. Darch. Dessen ungeachtet sei er auf seine Weise ein sehr tüchtige: Mann und der ganzen Umgegend als ein fähiger und achtbarer Rechtsanwalt bekannt. Mit einem Worte, er gebe in seinem Fache Mr. Darch wenig nach und sei ihm insofern persönlich überlegen —— falls er sich so ausdrücken dürfe —— als Darch sehr mürrisch und Pedgift dies nicht sei.

Nachdem er diese Auskunft gegeben, ging der Kellermeister, indem er den Vortheil seiner Lage weislich benutzte, ohne Verzug auf die Angelegenheit über, die ihn in das Frühstückszimmer geführt hatte. Der Johannis-Termin rückte heran und es sei hier Brauch, die Pächter zu dem Zahltagsdiner einzuladen, was eine Woche vor diesem Diner geschehen müsse. Da die Zeit dränge und bisher noch keine Befehle ertheilt und kein Verwalter in Thorpe-Ambrose eingesetzt worden sei, scheine es wünschenswerth, daß eine zuverlässige Person die Sache zur Sprache bringe. Der Kellermeister sei diese zuverlässige Person und er wage es deshalb jetzt, seinen Herrn mit dem Gegenstande zu belästigen.

Hier öffnete Allan die Lippen, um ihn zu unterbrechen, ward aber seinerseits unterbrochen, ehe er ein Wort aussprechen konnte.

»Wartet« sagte Midwinter zu Allan, da er in dessen Gesichte las, daß er in Gefahr sei, öffentlich als Verwalter angekündigt zu werden. »Wartet« wiederholte er eifrig, »bis ich zuvor mit Dir gesprochen habe.«

Das hofmännische Wesen des Kellermeisters ward weder durch Midwinters Einmischung noch durch seine eigene Entlassung aus dem Zimmer im mindesten gestört. Nichts als die Röthe, die in seine Zwiebelnase stieg, verrieth das Gefühl der Kränkung, das sich seiner bemächtigte, indem er sich zurückzog Mr. Armadale’s Aussichten, sich und seinen Freund an diesem Tage mit dem besten Weine im Keller zu tractiren, waren im Sinken, als der Kellermeister wieder in das Souterrain zurückkehrte.

»Dies ist außer allem Spaße, Allan«, begann Midwinter, als sie allein waren.« »Es muß an dem Zahltage Deinen Pächtern ein Mann vorgestellt werden, der wirklich zu der Verwalterstelle taugt. Mir ist es bei dem besten Willen unmöglich, mich innerhalb einer Woche gehörig in die Sache hineinzuarbeiten. Ich muß dringend wünschen, daß Deine Sorge für mein Wohlergehen Dich nicht Deinen Leuten gegenüber in eine falsche Stellung bringt, und könnte mir nimmer vergeben, wenn ich die unglückselige Ursache wäre ——«

»Sachte, sachte!« rief Allan, staunend über die außerordentliche Ernsthaftigkeit seines Freundes. »Wird es Dich zufrieden stellen, wenn ich mit der Abendpost einen Brief nach London sende und den Mann wieder herbestelle, der schon vorher da war?«

Midwinter schüttelte den Kopf. »Unsere Zeit ist kurz«, sagte er; »und der Mann ist vielleicht nicht mehr frei. Warum es nicht zuvor in der Nachbarschaft versuchen? Du wolltest an Mr. Darch schreiben. Schreibe sogleich und sieh, ob er uns nicht zwischen jetzt und der Abendpost aus der Verlegenheit helfen kann.«

Allan ging an einen Nebentisch, auf dem sich Schreibmaterialien befanden. »Du sollst in Frieden frühstücken, Du alter Sorgenkopf«, erwiderte er und schrieb sofort mit seiner gewohnten spartanischen Kürze an Mr. Darch:

»Verehrter Herr! Hier bin ich mit Sack und Pack. Wollen Sie mir die große Gefälligkeit erzeigen, mein Rechtsanwalt zu sein? Ich frage dies, weil ich Sie sofort zu consultiren wünsche Bitte, lassen Sie sich im Verlauf des Tages hier sehen und bleiben Sie, falls es Ihnen irgend möglich, zu Tische da. Aufrichtig der Ihre, Allan Armadale.«

Nachdem er diesen Brief mit unverhohlener Bewunderung seiner eigenen Schnelligkeit in literarischer Composition laut vorgelesen, adressierte er denselben an Mr. Darch und klingelte. »Hier, Richard, überbringt diesen Brief sogleich und wartet auf Antwort. Und, hört, falls es in der Stadt irgendwelche Neuigkeiten gibt, so sammelt dieselben und bringt sie mit Euch zurück! —— Sieh, wie ich mit meinen Dienern umzugehen weiß!« fuhr Allan fort, indem er zu seinem Freunde am Frühstückstische zurückkehrte. »Sieh nur, wie ich mich meinen neuen Pflichten anpasse! Ich bin noch keinen ganzen Tag hier und fange bereits Interesse an der Umgegend zu nehmen an!«

Als die beiden Freunde mit dem Frühstück fertig waren, gingen sie hinaus, um den Morgen im Schatten eines Baumes im Park zu verträumen. Der Mittag kam, doch Richard nicht mit ihm. Es schlug ein Uhr, und noch immer keine Antwort von Mr. Darch. Midwinter’s Ungeduld konnte den Verzug nicht ertragen. Er ließ Allan schlummernd im Grase liegen und ging nach dem Hause, um Erkundigungen anzustellen. Die Stadt, unterrichtete man ihn, sei wenig mehr als zwei Meilen vom Hause entfernt, doch sei es eben Markttag und Richard werde möglicherweise von einigen der vielen Bekannten aufgehalten, die er bei dieser Gelegenheit getroffen.

Eine halbe Stunde später kehrte der säumige Bote zurück und ward hinaus gesandt, um sich bei seinem Herrn unter dem Baume im Park zu melden.

»Habt Ihr die Antwort von Mr. Darch?« frug Midwinter, da er sah, daß Allan zu träge sei, um selber zu fragen.

»Mr. Darch war beschäftigt, Sir. Ich erhielt Befehl zu sagen, er wolle die Antwort senden.«

»Nichts Neues in der Welt?« frug Allan schläfrig, ohne sich die Mühe zu nehmen, die Augen zu öffnen.«

»Nein, Sir; nichts Besonderes.«

Indem Midwinter den Mann argwöhnisch beobachtete, las er deutlich in seinem Gesichte, daß er nicht die Wahrheit rede. Er war sichtlich verlegen und fühlte sich augenscheinlich erleichtert, als das Schweigen seines Herrn ihm zu gehen gestattete. Nach kurzem Ueberlegen folgte Midwinter dem Diener und holte ihn in der Auffahrt vor dem Hause ein.

»Richard«, sagte er ruhig, »würde ich, wenn ich sagte, daß es allerdings etwas Neues in der Stadt gab und daß Ihr dasselbe Eurem Herrn nicht gern mittheilen mögt, die Wahrheit errathen haben.«

Der Mann erschrak und wechselte die Farbe.

»Ich weiß nicht, wie Sie es entdeckt haben, Sir«, sagte er; »aber ich kann nicht leugnen, daß Sie recht gerathen haben.«

»Wenn Ihr mir die Neuigkeit mittheilen wollt, will ich die Verantwortlichkeit übernehmen, Mr. Armadale von derselben in Kenntniß zu setzen.«

Nach einigem Zögern und nachdem er seinerseits Midwintens Gesicht einen Augenblick argwöhnisch beobachtet, entschloß Richard sich endlich, zu erzählen, was er an diesem Tage in der Stadt gehört.

Die Neuigkeit von Allan’s plötzlichem Erscheinen in Thorpe-Ambrose war der Ankunft des Dieners an seinem Bestimmungsorte um einige Stunden vorausgeeilt Ueberall, wohin er ging, fand er, daß sein Herr den Gegenstand der öffentlichen Besprechung bildete. Die Meinung über Allan’s Benehmen war unter den Hauptbewohnern der Stadt, den vornehmen Familien der Umgegend und den ersten Pächtern auf der Besitzung allgemein eine ungünstige. Der Ausschuß für den öffentlichen Empfang des neuen Squire hatte erst gestern den Plan für die Procession entworfen; hatte die wichtige Frage in Bezug auf die Triumphbogen erledigt und eine competente Person ernannt, welche Subscriptionen für die Flaggen, Blumen, Festmahle, Feuerwerke und die Musikanten sammeln sollte. In weniger als einer Woche wäre dann das Geld zusammengebracht gewesen und der Pfarrer würde an Mr. Armadale geschrieben und ihn ersucht haben, den Tag zu bestimmen. Und jetzt hatte Allan die öffentliche Bewillkommnung die man ihm zu Ehren beabsichtigt, verachtungsvoll zurückgewiesen! Jeder nahm es für ausgemacht an, daß er heimliche Nachricht von dem ihm zugedachten Empfange erhalten habe. Jeder erklärte, er habe sich absichtlich wie ein Dieb in der Nacht in sein Haus eingeschlichen, um sich den Aufmerksamkeiten seiner Nachbarn zu entziehen. Kurz, der empfindsame Stolz der kleinen Stadt fühlte sich tief verletzt, und um Allans beneidenswerthe Stellung in der Achtung seiner Nachbarn war es geschehen.

Einen Augenblick stand Midwinter dem Ueberbringer dieser schlimmen Nachrichten in schweigender Bekümmerniß gegenüber. Dann aber trieb ihn das Bewußtsein von Allan’s kritischer Lage, jetzt, da ihm das Unheil bekannt war, unverzüglich ein Mittel zu suchen, wodurch die Sache wieder gut gemacht werden könne.

»Hat das Wenige, was Ihr von Eurem Herrn gesehen habt, Euch zu seinem Gunsten eingenommen, Richard?« frug er.

Diesmal antwortete der Mann ohne alles Zögern. »Einem bessern und gütigeren Herrn als Mr. Armadale kann Niemand zu dienen wünschen.«

»Wenn das Eure Ansicht ist«, fuhr Midwinter fort, »so werdet Ihr nichts dawider haben, mir einige Auskunft zu geben, die Eurem Herrn behilflich sein kann, sich seinen Nachbarn gegenüber zu rechtfertigen. Kommt mit mir ins Haus.«

Er ging in das Bibliothekzimmer. Nachdem er die nöthigen Fragen gethan, stellte er eine Liste von den Namen und Adressen der einflußreichsten Bewohner der Stadt und Umgegend zusammen, und sobald er damit fertig war, klingelte er dem oberen Bedienten, da er Richard unterdessen nach dem Stalle gesandt hatte, um zu bestellen, daß innerhalb einer Stunde der Wagen vorfahre.

»Wenn der verstorbene Mr. Blanchard ausfuhr, um Besuche in der Umgegend zu machen, war es da nicht Euer Dienst, ihn zu begleiten?«" frug Midwinter, als der obere Bediente erschien. »Sehr gut! Dann haltet Euch gefälligst bereit, in einer Stunde mit Mr. Armadale auszufahren.« Nachdem er diesen Befehl gegeben, verließ er wieder das Haus und kehrte mit der Besuchliste in der Hand zu Allan zurück. Er lächelte ein wenig traurig, wie er die Stufen hinabging. »Wer hätte gedacht«, sagte er bei sich, »daß meine Bedientenjungen-Erfahrungen in den Sitten und Bräuchen vornehmer Leute eines Tages um Allan’s willen der Erinnerung werth sein würden?«

Der Gegenstand des öffentlichen Abscheus lag unschuldig schlummernd im Grase, den Gartenhut über die Nase gedrückt, die Weste und Beinkleider gelöst. Midwinter weckte ihn, ohne einen Augenblick zu zögern, und theilte ihm rückhaltlos die Neuigkeiten des Dieners mit.

Allan hörte die ihm in dieser Weise aufgedrungene Offenbarung ruhig an. »O, sie mögen zum Henker gehen!« war alles, was er sagte. Laß uns noch eine Cigarre rauchen.« Midwinter nahm ihm die Cigarre aus der Hand. Indem er darauf bestand, daß Allan die Sache ernstlich nehme, sagte er ihm mit deutlichen Worten, er müsse sich aus der falschen Stellung reißen, die er seinen beleidigten Nachbarn gegenüber einnehme, indem er ihnen persönlich seine Aufwartung mache und sich entschuldige Allan richtete sich staunend im Grase auf; seine Augen öffneten sich leicht vor ungläubigem Entsetzen. Er frug, ob Midwinter wirklich die Absicht habe, ihn in einen Cylinderhut, einen sauber gebürsteten Rock und ein Paar reine Handschuhe zu zwingen? Ob er daraus ausgehe, ihn mit dem Diener auf dem Bock und dem Kartenetui in der Hand, in einen Wagen zu sperren und von Haus zu Haus zu schicken, um einen Haufen Narren um Verzeihung zu bitten, daß er ihnen nicht gestattet, ihn öffentlich zu »zeigen.« Wenn wirklich etwas so unerhört Lächerliches gethan werden müsse, könne es doch jedenfalls nicht heute geschehen. Er habe versprochen, zu der reizenden Miß Milroy im Parkhäuschen zurückzukehren und Midwinter mitzubringen. Was in aller Welt sei ihm an der guten Meinung der benachbarten Gutsherrschaften gelegen? Die einzigen Freunde, um die es ihm zu thun sei, seien diejenigen, die er bereits besitze. Die ganze Nachbarschaft möge ihm den Rücken wenden, wenn es ihr beliebe —— es sei dem Squire von Thorpe-Ambrose vollkommen einerlei, ob er ihr Gesicht oder ihren Rücken sehe.

Nachdem Midwinter ihn in dieser Weise hatte fortreden lassen, bis sein ganzer Vorrath von Einwendungen erschöpft war, versuchte er zuerst, was sein persönlicher Einfluß bei Allan vermöge. Er faßte ihn liebevoll bei der Hand. »Ich will Dich um eine große Gefälligkeit bitten«, sagte er. »Wenn Du diesen Leuten nicht um Deiner selbst willen Deinen Besuch machen willst —— willst Du es nicht wenigstens mir zu Liebe thun?«

Allan stieß einen Seufzer der Verzweiflung aus, richtete seinen Blick in stummem Erstaunen auf das besorgte Gesicht seines Freundes und gab gutmüthig nach. Wie Midwinter seinen Arm nahm und ihn nach dem Hause zurückführtq warf er einen kläglichen Blick aus die Kühe neben ihnen, die in dem kühlen Schatten sich friedlich mit den Schwänzen peitschten. »Laß es nicht in der Nachbarschaft verlauten«, sagte er, »aber ich möchte gern mit meinen Kühen tauschen.«’

Midwinter verließ ihn, damit er sich ankleiden, nachdem er zurückzukehren versprochen, wenn der Wagen vorfahren werde. Allan’s Toilette versprach keine sehr schnelle zu werden. Er begann dieselbe damit, daß er seine Visitenkarten las, und schritt dann zu einem zweiten Stadium vor, indem er in einen Kleiderschrank schaute und die ganze gutsherrschaftliche Umgegend zum Teufel wünschte. Ehe er noch ein drittes Mittel entdecken konnte, um seine Aufgabe zu verzögern, bot sich ihm dieser Vorwand unerwarteterweise durch das Erscheinen Richard’s, welcher ein Billet überbrachte. Es war soeben der Bote mit Mr. Darch’s Antwort gekommen. Allan schloß schnell den Kleiderschrank und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Briefe des Advokaten. Die erfreuliche Antwort Mr. Darch’s lautete also:

»Sir! Ich habe die Ehre, Ihnen den Empfang Ihres werthen Schreibens von heute zu melden, in welchem Sie mich mit dem Antrage, Ihr Rechtsanwalt zu werden, und mit der Einladung zu einem Besuche in Ihrem Hause beehren. In Bezug auf den ersteren Punkt bitte ich um Erlaubniß, die mir zugedachte Ehre mit Dank ablehnen zu dürfen. Was Ihre freundliche Einladung zu einem Besuche betrifft, so muß ich Sie benachrichtigen, daß ich gewisse Dinge bezüglich der Vermiethung des Parkhäuschens zu Thorpe-Amibrose erfahren habe, die es mir, wenn ich gegen mich selber gerecht sein will, unmöglich machen, Ihre Einladung anzunehmen. Ich habe in Erfahrung gebracht, Sir, daß mein Anerbieten gleichzeitig mit dem von Major Milroy an Sie gelangte und daß Sie, da beide Anträge vor Ihnen lagen, einem Fremden, dessen Bewerbung durch einen Hausagenten kam, den Vorzug vor einem Manne gaben, der während zweier Generationen Ihren Anverwandten treue Dienste geleistet hat und welcher der Erste war, der Sie von dem wichtigsten Ereignisse in Ihrem Leben unterrichtete. Nachdem Sie mir hierdurch den Beweis gegeben haben, was Sie den Anforderungen der gewöhnlichsten Höflichkeit und Gerechtigkeit schuldig zu sein glaubten, darf ich mir nicht mit der Hoffnung schmeicheln, irgendwelche von den Eigenschaften zu besitzen, die mich zu einem Platze auf der Liste Ihrer Freunde berechtigen würden.
Ich verbleibe, Sir,

Ihr gehorsamster Diener
James Darch.«

»Laßt den Boten warten!« rief Allan aufspringend und indem sein Gesicht vor Entrüstung erglühte. »Gebt mir Tinte, Feder und Papier! Beim Lord Harry, das sind hübsche Leute hier in dieser Gegend; die ganze Nachbarschaft hat sich gegen mich verschworen!« In einer edlen Wuth epistolarischer Begeisterung ergriff er die Feder.

»Sir —— Ich verachte Sie und Ihren Brief ——« Hier machte die Feder einen Klecks und der Schreiber zögerte einen Augenblick. »Zu stark«, dachte er; »ich will’s dem Advokaten in seinem eigenen trocknen, beißenden Stile zurückgeben.« Er begann noch einmal auf einem reinen Blatt Papier. »Sir — Sie erinnern mich an eine irländische Widersinnigkeit. Ich meine jene Geschichte in Joe Miller, wo Pat in Gegenwart eines Spaßvogels bemerkt, »die Reciprocität ist alle auf einer Seite.« Ihre Reciprocität ist allerdings ganz und gar auf einer Seite. Sie schlagen es aus, mein Rechtsanwalt zu sein, und beklagen sich dann darüber, daß ich es ausschlage, Ihr Hauswirth zu sein.« Nach diesen Worten machte er eine zärtliche Pause. »Sehr fein!« dachte er. »Argument und scharfer Hieb, alles zusammen Wo ich nur diese Gewandtheit im Schreiben herhaben mag?« Dann beendete er den Brief, indem er nur noch zwei Sätze hinzufügte »Was Ihre Zurückweisung meiner Einladung betrifft, so befinde ich mich um nichts schlechter durch dieselbe. Ich bin froh, weder als Freund noch als Hauswirth mit Ihnen zu thun zu haben. Allan Armadale.«

Er nickte seiner Composition frohlockend zu, indem er dieselbe adressierte und dann zu dem Boten hinunter sandte. »Darch muß ein dickes Fell haben«, sagte er, »wenn er das nicht fühlt.«

Rädergerassel vor dem Hause rief ihn plötzlich zu seinem Geschäfte zurück. Der Wagen wartete, um ihn auf seiner Visitenrunde herumzufahrem auch Midwinter war bereits, wie er versprochen, auf Posten. »Lies das«, rief Allan, ihm den Brief des Advokaten zuwerfend. »Ich habe ihm einen Zermalmer zurückgeschrieben.«

Er eilte an den Kleiderschrank zurück, um seinen Rock zu holen. Eine wunderbare Veränderung war mit ihm vorgegangen; er fühlte jetzt wenig oder gar keine Abneigung mehr, die Besuche zu machen. Die angenehme Aufregung, die mit der Beantwortung von Darch’s Brief verbunden war, hatte ihn in eine vortreffliche, zur Offensive gegen seine Nachbarschaft geneigte Stimmung versetzt »Was sie auch sonst von mir sagen mögen, sie sollen wenigstens nicht sagen, daß ich mich fürchtete, ihnen entgegenzutreten.« Bei diesen Gedanken gerieth er noch mehr in die Hitze, und so ergriff er Hut und Handschuhe und eilte aus dem Zimmer. Im Corridor begegnete er Midwinter, der den Brief des Advokaten in der Hand hielt.

»Sei frohen Muths!« rief Allan, da er die Sorge im Gesichte seines Freundes bemerkte und dieselbe für den Augenblick falsch deutete. »Wenn wir nicht darauf rechnen können, daß Darch uns Jemanden verschafft, der uns in der Verwalterstube behilflich ist, so wird Pedgift es thun.«

»Mein lieber Allan, daran dachte ich nicht, sondern an Mr. Darch’s Brief. Ich vertheidige diesen sauern Menschen nicht —— aber ich fürchte, wir müssen zugeben, daß er einige Ursache hat, sich zu beklagen. Bitte, gib ihm nicht noch weitere Gelegenheit hierzu. Wo ist Deine Antwort auf diesen Brief?«

»Abgegangen!« erwiderte Allan. »Ich schmiede das Eisen stets solange es warm ist —— ein Wort und ein Schlag, und zwar den Schlag zuerst, das ist meine Art. Ich bitte Dich, mein lieber Junge, ängstige Dich nicht um die Verwalterbücher und den Zahltag. Hier! Hier ist ein Bund Schlüssel, den man mir gestern Abend gab; einer derselben öffnet die Thür des Zimmers, wo die Verwaltungsbücher liegen; geh hinein und lies in denselben, bis ich wieder zurückkomme. Ich gebe Dir mein heiliges Ehrenwort, daß ich die ganze Geschichte mit Pedgift abmachen will, ehe Du mich wiedersiehst.«

»Einen Augenblicks rief Midwinter, ihn entschlossen auf dem Wege nach dem Wagen anhaltend. »Ich sage nichts gegen Mr. Pedgift’s Zuverlässigkeit, denn ich weiß von nichts, das mich ihm zu mißtrauen berechtigte. Aber er hat sich Dir nicht in sehr zartfühlender Weise vorgestellt; auch hat er ganz verschwiegen, daß er zur Zeit, da er an Dich schrieb, wußte, wie feindselig Darch gegen Dich gestimmt sei — während er doch sicher davon gewußt hat. Watte ein Wenig, ehe Du zu diesem Fremden gehst; warte, bis wir uns heute Abend darüber besprechen können.«

»Warten!«» erwiderte Allan. »Habe ich Dir nicht gesagt, daß ich stets das Eisen schmiede, solange es warm ist? Verlaß Dich auf meine Charakterkenntniß alter Junge; ich werde Pedgift sehr schnell durchschauen und dann danach handeln. Halte mich um Himmels willen nicht länger auf. Ich bin in einer herrlichen Laune, auf die ansässigen Gutsherrschaften loszugehen, und ich fürchte, sie könnte vermuthen, wenn ich nicht sogleich aufbreche.«

Nach dieser vortrefflichen Entschuldigung für seine Eile stürzte Allan von dannen. Ehe es möglich war, ihn nochmals zurückzuhalten, war er in den Wagen gesprungen und fortgefahren.



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel.

Midwinters Gesicht verfinsterte sich, als die letzte Spur des Wagens seinen Blicken entschwand. »Ich habe mein Möglichstes gethan«, sagte er, wie er düster wieder ins Haus zurückkehrte. »Mr. Brock selber könnte nicht mehr thun, wenn er hier wäre!«

Er betrachtete den Schlüsselbund, den Allan ihm in die Hand gedrückt, und seine empfindsame, selbstquälerische Natur fühlte sich plötzlich von dem Verlangen ergriffen, sich an den Verwalterbüchern zu versuchen. Nachdem er sich das Zimmer hatte zeigen lassen, in welchem man nach der Vermiethung des Parkhäuschens die sämtlichen Bücher des Verwalters nebst Zubehör einstweilen untergebracht hatte, setzte er sich an das Pult und versuchte, wie weit seine eigenen Fähigkeiten ihm durch die Geschäftsbücher über die Besitzung Thorpe-Ambrose hindurch helfen würden. Der Erfolg stellte ihm seine Unwissenheit klar vor Augen. Die Hauptbücher verwirrten ihn; die Pachtcontracte und selbst die Correspondenz hätte ebenso gut in einer andern Sprache abgefaßt sein können —— so wenig verstand er davon. Mißmuthig verließ er das Zimmer. Er erinnerte sich mit einer gewissen Bitterkeit jenes zweijährigen einsamen Selbstunterrichts im Laden des Buchhändlers zu Shrewsbury. »Wenn ich nur in einem Geschäfte hätte arbeiten können!« dachte er. »Wenn ich nur gewußt hätte, daß die Gesellschaft von Dichtern und Philosophen eine zu hohe für einen Vagabonden wie ich sei!«

Er setzte sich allein in der großen Hausflur nieder; die Stille derselben senkte sich schwerer und immer schwerer auf sein kummerbeladenes Gemüth; die Pracht derselben ärgerte ihn wie eine Beleidigung, die man von einem geldstolzen Manne erfährt. »Der Teufel hole das Haus!« murmelte er, indem er seinen Hut und Stock ergriff. »Mir ist der rauheste Felsenabhang, auf dem ich jemals schlief, lieber als dies Haus!«

Ungeduldig stieg er die Stufen hinab und stand in der Ausfahrt still, um zu überlegen, in welcher Richtung er den Park verlassen solle, um in die jenseits liegenden offenen Felder zu gelangen. Falls er den Weg einschlug, den der Wagen genommen, lief er Gefahr, Allan durch ein zufälliges Begegnen in seinen guten Vorsätzen Wanken zu machen. Ging er durchs Hinterthor hinaus, so kannte er sich selber zu gut um zu bezweifeln, daß er nicht im Stande sein werde, an dem »Traumzimmer« vorbeizugehen, ohne wieder in dasselbe einzutreten. Es blieb deshalb nur noch ein Weg übrig, und dies war der, welchen er am Morgen eingeschlagen und wieder ausgegeben hatte. Er hatte jetzt nicht zu fürchten, daß er Allan und der Tochter des Majors im Wege sein werde. Ohne länger zu zögern, schritt Midwinter durch die Gärten, um sich mit den offenen Gefilden auf jener Seite der Besitzung bekannt zu machen.

Durch die Ereignisse des Tages völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, war sein Gemüth voll von jenem erbitterten Widerwillen gegen alle Annehmlichkeiten, die der Reichthum den Glücklichen dieser Welt bietet; voll von jener Erbitterung, mit der die Armen und Unglücklichen den Reichthum zu betrachten pflegen. »Das Haideglöckchen kostet nichts!« dachte er, indem er verachtungsvoll auf die Menge seltener und schöner Blumen sah, die ihn rings umgaben, »und die Butterblumen und Maßliebchen sind ebenso hübsch wie die besten unter euch!« Er schritt zwischen den künstlich gebildeten ovalen und eckigen Beeten des italienischen Gartens umher und fühlte eine Vagabonden-Gleichgültigkeit gegen die Symmetrie und den Geschmack der Anlagen. »Wie viele Pfund hast Du wohl per Fuß gekostet?« sagte er, indem er verächtlich auf den letzten Pfad zurückblickte, wie er denselben verließ. »Schlängele dich hoch und tief wie ein Schafweg, über den Hügel hin, wenn du kannst!«

Er kam in das Gebüsch, das Allan vor ihm betreten hatte, ging durch das Gehege und über die Brücke von Baumstämmen am Ende desselben und langte am Häuschen des Majors an. Seine schnelle Beobachtung erkannte dasselbe auf den ersten Blick, und er stand an dem Gartenpförtchen still, um die hübsche kleine Wohnung zu betrachten, die nimmer zu vermiethen gewesen wäre, falls Allan nicht den unglückseligen Entschluß gefaßt hätte, seinem Freunde die Verwalterstelle aufzubringen.

Der Sommernachmittag war warm; die Luft lau und still. Im oberen wie im unteren Stockwerk des Häuschens waren alle Fenster geöffnet. Aus einem derselben im oberen Stockwerk drang deutlich der Schall menschlicher Stimmen durch die Stille des Paris. In den mißtönenden Klang einer harten, grellen und zornig klagenden Frauenstimme —— einer Stimme, deren Frische und Wohlklang gänzlich geschwunden war und der nichts mehr blieb, als ihre harte Kraft —— mischte sich jeden Augenblick in tieferen und ruhigeren Tönen, besänftigend und mitleidsvoll die Stimme eines Mannes. Obgleich die Entfernung zu groß war, um Midwinter die Worte unterscheiden zu lassen, fühlte er doch die Unschicklichkeit, sich innerhalb Hörweite aufzuhalten, und that deshalb sofort einen Schritt. um seinen Weg fortzusetzen. In demselben Augenblicke jedoch erschien das Gesicht eines jungen Mädchens, in welchem er, nach Allan’s Beschreibung, leicht Miß Milroy’s Gesicht erkannte, an dem offenen Fenster des Zimmers. Midwinter stand wider Willen still, um sie anzublicken. Der Ausdruck des hübschen Gesichts, das Allan so lieblich angelächelt hatte, war kummervoll und entmuthigt. Nachdem sie zerstreut auf den Park hinausgeschaut, wandte sie plötzlich den Kopf zurück ins Zimmer, da dem Anscheine nach etwas im Innern gesagt worden war, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. »O, Mama, Mama«, rief sie entrüstet, wie kannst Du nur so etwas sagen!« Die Worte wurden unmittelbar am Fenster gesprochen; sie drangen an Midwinter’s Ohr und machten ihn forteilen, ehe er mehr hören konnte. Doch hatte die Offenbarung von Major Milroy’s häuslicher Lage noch nicht ihr Ende erreicht. Wie Midwinter um die Ecke des Gartenzaunes bog, reichte eben ein Krämerjunge der Magd ein Paket über das Pförtchen. »Nun«, sagte der Junge mit der unbezwinglichen Frechheit seiner Klasse, »was macht die Alte?« Die Magd erhob die Hand, um ihm eine Ohrfeige zu geben. »Was macht die Alte!« wiederholte sie, indem sie zornig den Kopf in den Nacken warf, als der Knabe fortrannte. »Wenn es nur Gott gefiele, die Alte endlich zu sich zu nehmen, so würde dies fürs ganze Haus ein wahrer Segen sein.«

Das hübsche häusliche Bild, das Allan’s Enthusiasmus seinem Freunde von den Bewohnern des Parkhäuschens entworfen, hatte freilich nichts von diesen düsteren Schatten gezeigt. Es war klar, daß die Miethsleute bis hierher ihr Geheimnis; vor ihrem Hauswirthe bewahrt hatten. Nachdem Midwinter noch fünf Minuten weiter gegangen, kam er an das Parkthor. »Ist es meine Bestimmung, heute nichts zu sehen und zu hören, was mir Muth und Hoffnung für die Zukunft einflößen kann?« dachte er, wie er ärgerlich das Thor hinter sich zuschlug. »Selbst die Leute, denen Allan jenes Haus vermiethet hat, sind Leute, deren Leben durch ein Familienleid verbittert ist, welches ich und eben nur ich zu entdecken das Unglück haben mußte!«

Er schlug den ersten besten Weg ein, der vor ihm lag, und ging, kaum auf seine Umgebung achtend, in Gedanken versunken weiter. Es verstrich über eine Stunde, ehe er sich an die Nothwendigkeit erinnerte, zurückzukehren. Sowie ihm dies einfiel, sah er auf seine Uhr und beschloß umzukehren, damit er zu rechter Zeit zu Hause anlange, um Allan bei seiner Rückkehr empfangen zu können. In zehn Minuten war er an einer Stelle angelangt, wo drei Wege in einander liefen, und eine kurze Beobachtung überzeugte ihn, daß er vorher durchaus nicht beachtet hatte, auf welchem der drei Wege er gekommen war.

Ein Wegweiser war nirgends zu sehen; die Gegend war rings umher flach und öde und von breiten Gräben durchschnitten. Hier und dort weideten Kühe, und in der Entfernung, jenseits der Weiden, die den Horizont säumten, stand eine Windmühle. Allein nirgendwo war ein Haus zu sehen und auf keinem der drei Wege zeigte sich nah oder fern ein einziges menschliches Wesen. Da gewahrte Midwinter endlich bei einem Rückblick auf den Weg, auf dem er soeben zurückgekehrt war, zu seiner Zufriedenheit die Gestalt eines Mannes, der sich ihm schnell näherte und von dem er sich Auskunft über den Weg erbitten konnte.

Die Gestalt, vom Kopfe bis zu den Füßen in Schwarz gekleidet, kam näher —— ein beweglicher Flecken auf der glänzend weißen Fläche des sonnenbeschienenen Wegs. Es war ein hagerer, ältlicher Mann; er trug einen ärmlichen alten schwarzen Frack und eine wohlfeile braune Perücke die sich durchaus nicht für sein eigenes Haar auszugeben versuchte. Kurze schwarze Beinkleider schmiegten sich, gleich anhänglichen alten Dienern, um seine dürren Beine, und rußige schwarze Gamaschen versteckten von seinen plumpen Füßen so viel als sie vermochten Schwarzer Flor fügte sein Scherflein zu der Schäbigkeit seines alten Kastorhuts hinzu; eine altmodische schwarze Cravatte umschlang trübselig seinen Hals und reichte bis zu seinen knochigen Kinnbacken empor. Das einzige bischen Farbe, das er an sich trug, war ein Advokaten-Acten-Beutel von blauer Sersche, der ebenso mager und welk war wie er selber; und der einzige anziehende Theil in seinem glatt rasierten, erschöpften alten Gesicht war sein Gebiß, welches zwei lückenlose Reihen trefflich gepflegter Zähne zeigte und, ebenso ehrlich wie seine Perücke, allen fragenden Blicken deutlich die Antwort gab: »Wir liegen die Nacht über auf seinem Toilettenspiegel und bringen unsere Tage in seinem Munde zu.«

Der ganze unbedeutende Blutvorrath in dem Körper des Mannes stieg röthlich schimmernd in seine fleischlosen Wangen, als Midwinter ihm entgegenkam und ihn nach dem Wege nach Thorpe-Ambrose frug. Seine schwachen wässrigen Augen blickten in einer für den Beschauer peinlichen Verwirrung hierhin und dorthin. Wäre ihm, anstatt eines Mannes, ein Löwe begegnet und wären die an ihn gerichteten Worte eine Drohung gewesen anstatt einer Frage, so hätte er nicht verlegener und geängstigter aussehen können. Zum ersten Male in seinem Leben sah Midwinter einen Wiederschein seiner eigenen Schüchternheit in Gegenwart von Fremden, und zwar mit zehnfacher Intensivität nervösen Leidens, im Gesichte eines Andern und eines Mannes, der alt genug war, um sein Vater sein zu können.

»Belieben Sie, die Stadt zu meinen, Sir, oder das Gut? Ich bitte um Vergebung, aber es wird in dieser Gegend beiden derselbe Name gegeben.«

Er sprach in einem schüchtern sanften Tone, mit einem einschmeichelnden Lächeln und einer ängstlichen Höflichkeit, was alles den betrübenden Eindruck machte, als ob er von den Leuten, mit denen er hauptsächlich umgehe, für seine eigene Höflichkeit mit barschen Antworten bezahlt werde.

»Ich wußte nicht, daß sowohl die Stadt als das Gut unter dem Namen bekannt seien«, sagte Midwinter. »Ich meinte das Gut« Er bemeisterte, indem er diese Worte sprach, instinctmäßig seine eigene Schüchternheit, und sprach mit einem freundlichen Wesen, das in seinem Umgange mit Fremden eine große Seltenheit bei ihm war.

Der Gentleman schien die warme Erwiderung seiner eigenen Höflichkeit dankbar anzuerkennen. Sein Gesicht hellte sich auf und er fand ein wenig Muth. Sein dürrer Zeigefinger deutete eifrig auf den rechten Weg. »Das ist der Weg, Sir«, sagte er, »und wenn Sie wieder an zwei Wege kommen, seien Sie so gütig, den Weg zur Linken einzuschlagen. Ich bedaure, daß ich Geschäfte in der andern Richtung habe —— ich meine in der Stadt. Es würde mir sonst Vergnügen gemacht haben, mit Ihnen zu gehen und Ihnen den Weg zu zeigen. Schönes Sommerwetter, Sir, zum Spazierengehen! Sie können nicht fehlgehen, wenn Sie sich links halten. O, bitte, gern geschehen! Ich fürchte, ich habe Sie aufgehalten, Sir. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Rückkehr und —— guten Morgen.«

Als er mit seiner Rede, zu der er sich in dem Wahne bewogen fühlte, daß er um so höflicher erscheinen werde, je mehr er spräche, zu Ende kam, war auch sein Muth wieder erschöpft. Er eilte auf seinem eigenen Wege davon, wie wenn Midwinter’s Versuche, ihm zu danken, ihn mit einer Reihe von Prüfungen bedrohten, die zu fürchterlich seien, als daß er sich denselben aussetzen könne. In zwei Minuten hatte sich seine fliehende schwarze Gestalt bereits in der Entfernung verkleinert, bis sie wieder, wie schon vorher, gleich einem beweglichen schwarzen Fleck auf der glänzend weißen Fläche des sonnenbeschienenen Wegs aussah.

Während Midwinter den Rückweg nach dem Hause fortsetzte, ging ihm der Mann seltsam im Kopf herum. Er vermochte sich dies nicht zu erklären. Es fiel ihm nicht ein, daß er vielleicht unmerklich an sich selbst erinnert ward, da er in dem Gesichte des armen Geschöpfes die deutlichen Spuren früheren Unglücks und gegenwärtigen nervösen Leidens wahrnahm. Er war verdrießlich über sein eigensinniges Interesse an diesem ihm zufällig begegneten Wanderer, wie ihn bereits alles Uebrige verdrossen hatte, was ihm seit dem Beginn des Tages zugestoßen war. »Habe ich wieder einmal eine unglückliche Entdeckung gemacht?« frug er sich ungeduldig. »Werde ich diesen Mann wohl jemals wiedersehen? Wer mag er nur sein?«

Die Zeit sollte diese beiden Fragen beantworten, ehe noch viele Tage über dem Haupte des Fragenden dahingegangen waren.



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel.

Allan war noch nicht zurückgekehrt, als Midwinter im Hause anlangte. Es hatte sich nichts ereignet, außer daß eine Entschuldigung aus dem Parkhäuschen gesandt worden war. »Major Milroy’s Empfehlung und er bedaure, daß Mrs. Milroy’s Krankheit ihn verhindere, Mr. Armadale bei sich zu sehen.« Es war klar, daß Mrs. Milroy’s gelegentlichen Krankheitsanfälle nicht blos vorübergehende Störungen in dem häuslichen Frieden bewirkten. Wenigstens hatte Midwinter nach dem, was er selbst vor etwa drei Stunden vor dem Parkhäuschen gehört hatte, diese Ueberzeugung gewonnen. Midwinter begab sich in das Bibliothekzimmer, um unter den Büchern die Rückkehr seines Freundes geduldig abzuwarten.

Es war nach sechs Uhr, als die wohlbekannte herzliche Stimme wieder im Hause gehört ward. Allan stürzte in einem Zustande unbezwinglicher Aufregung in das Bibliothekzimmer und stieß Midwinter, ehe dieser ein Wort sagen konnte, ohne alle Ceremonie wieder in den Sessel zurück, von dem er sich zu erheben im Begriff war.

»Hier ist ein Räthsel für Dich, alter Junge!« rief Allan. »Warum gleiche ich dem Aufseher des Augias-Stalles, ehe Hercules herbeigerufen wurde, um denselben auszufegen? Weil ich meine Stellung zu behaupten hatte, und eine arge Schweinerei daraus gemacht habe! Warum lachst Du nicht? Beim heiligen Georg, er sieht die Pointe nicht! Versuchen wir’s noch einmal. Warum gleiche ich dem ——«

»Um Himmelswillen, Allan, sei einen Augenblick ernsthaft!« unterbrach ihn Midwinter. »Du weißt nicht, wie sehr mir daran gelegen ist zu hören, ob Du die gute Meinung Deiner Nachbarn wiedergewonnen hast.«

»Das sollte das Räthsel Dir gerade erzählen.« erwiderte Allan. »Nun, im Ganzen geht meine Ansicht dahin, daß Du besser gethan haben würdest, wenn Du mich nicht unter jenem Baume im Park gestört hättest. Ich habe mir die Sache genau berechnet, und habe das Vergnügen, Dich zu unterrichten, daß ich, seit ich Dich sah, in der Meinung der ansässigen Gutsherrschaften genau um drei Stufen tiefer gesunken bin.«

»Natürlich mußt Du Deinen Scherz durchsetzen«, sagte Midwinter bitter. »Nun, wenn ich nicht lachen kann, so kann ich doch warten.«

»Mein lieber Junge, ich scherze nicht; ich meine wirklich, was ich sage. Du sollst hören, was sich ereignet hat; Du sollst einen ausführlichen Bericht über meinen ersten Besuch haben. Derselbe wird eine Probe von allen übrigen sein. Zuerst laß Dir gesagt sein, daß ich in der besten Absicht von der Welt geirrt habe. Als ich aufbrach, um diese Besuche zu machen, war ich, wie ich offen gestehe, in Wuth über jenes alte Thier von Advokaten, und hatte allerdings ein Lüstchen, mich übermüthig zu benehmen. Aber dies Gefühl verlor sich unterwegs; und bei der ersten Familie, der ich meinen Besuch machte, trat ich, wie gesagt, mit den besten Absichten von der Welt ein. O, du lieber, lieber Himmel! In diesem Hause, wie in jedem andern, in das ich später kam, immer und immer wieder dasselbe funkelnagelneue Empfangszimmer, in dem ich warten mußte; dahinter dasselbe zierliche Gewächshaus; dieselben ausgewählten Bücher zu meiner Durchsicht —— ein religiöses Buch, ein Buch über den Herzog von Wellington, ein Buch über den Sport und ein Buch über nichts Besonderes, mit prachtvollen Illustrationen geziert. Herunter kam der Papa mit seinem hübschen weißen Haar und die Mama mit ihrer hübschen Spitzenhaube; herunter kam der junge Mister mit seinem rosigen Angesichte und seinem strohfarbenen Backenbarte, und die junge Miß mit ihren runden Wangen und umfangreichen Röcken. Denke nicht, daß ich im geringsten unfreundlich war; ich machte den Anfang stets in derselben Weise mit ihnen —— ich bestand darauf, allen die Hand zu geben. Dies machte sie gleich stutzig. Wenn ich dann zu dem zarten Punkte —— dem öffentlichen Empfange —— kam, so gebe ich Dir mein Ehrenwort darauf, daß ich mir die größte Mühe von der Welt gab, mich zu entschuldigen. Aber es hatte nicht die geringste Wirkung. Sie ließen meine Entschuldigungen zum einen Ohre hinein und zum andern wieder hinausgehen. Einige Leute würde dies entmuthigt haben; ich dagegen versuchte es auf andere Weise mit ihnen. Ich wandte mich zunächst zum Herrn des Hauses und stellte ihm die Sache ganz freundschaftlich vor. »Die Wahrheit zu gestehen«, sagte ich, »wünschte ich dem Redenhalten zu entgehen —— ich hätte mich da erheben müssen, wissen Sie, und Ihnen ins Gesicht sagen, daß Sie der beste aller Menschen sind, und daß ich um Erlaubniß bitte, auf Ihr Wohlsein trinken zu dürfen; worauf dann Sie sich erheben und mir das Gleiche ins Gesicht sagen, und so weiter, Mann für Mann, indem wir rund um die Tafel herum einander loben und langweilen.« In dieser leichten, unbefangenen, überzeugenden Art und Weise stellte ich ihm die Sache vor. Meinst Du, daß ein Einziger von ihnen es in demselben freundschaftlichen Geiste aufnahm? Nicht Einer! Ich bin der festen Ueberzeugung daß sie ihre Reden für den Empfang mit den Fahnen und Blumen in Bereitschaft hatten und daß sie heimlich ärgerlich über mich sind, weil ich ihnen den Mund stopfte, als sie gerade anzufangen im Begriff waren. Wie dem immer sei, sowie wir zu dem Gegenstande der Reden kamen —— ob sie denselben zuerst berührten oder ich —— augenblicklich sank ich die erste jener drei Stufen in ihrer Achtung. Glaube nicht, daß ich mir keine Mühe gab, mich wieder zu erheben! Ich machte verzweifelte Anstrengungen. Da ich die Entdeckung machte, daß sie sich alle zu wissen sehnten, welch eine Art von Leben ich geführt, bis ich das Besitzthum Thorpe-Ambrose erbte, so that ich mein Möglichstes, um sie zufrieden zu stellen. Und was bewirkte dies wohl? Ich will gehangen sein, wenn ich ihnen nicht eine zweite Täuschung bereitete! Wenn sie entdeckten, daß ich niemals in Eton oder Harrow, Cambridge oder Oxford gewesen sei, waren sie förmlich stumm vor Erstaunen. Ich denke mir, sie hielten mich für eine Art Vagabund; kurz ich sank die zweite Stufe in ihrer Achtung Macht nichts! Ich ließ mich nicht aus dem Felde schlagen, denn ich hatte Dir versprochen, mein Möglichstes zu thun, und ich that es. Ich versuchte zunächst ein heiteres Geplauder über die Umgegend. Die Frauen sagten nichts Besonderes; die Männer fingen, zu meinem unaussprechlichen Erstaunen, alle an zu condoliren. Sie sagten, ich werde innerhalb zwanzig Meilen vom Hause kein Koppel Hunde zu finden im Stande sein, und sie hielten es für nicht mehr als recht, mich davon zu unterrichten, in welcher schmachvollen Weise man zu Thorpe-Ambrose die Wildlager vernachlässigt habe. Ich ließ sie zu Ende condoliren, und was glaubst Du, that ich dann? Ich brachte mich abermals in die Patsche »O, lassen Sie sich das nicht kümmern«, sagte ich; »es liegt mir durchaus gar nichts an irgend einer Art von Jagd. Wenn ich auf meinem Spaziergange einem Vogel begegne, ist es mir unmöglich, eine Begierde zu fühlen, ihn zu tödten; es macht mir im Gegentheil Vergnügen, den Vogel umherfliegen und sich seines Daseins freuen zu sehen.« Da hättest Du ihre Gesichter sehen sollen! Hatten sie mich vorher für eine Art Vagabond gehalten, so hielten sie mich jetzt offenbar für toll. Es herrschte eine Todtenstille, und ich sank die dritte Stufe in der allgemeinen Achtung. Im nächsten Hause, und im nächsten, und wieder im nächsten ging es ebenso. Ich glaube, wir waren alle vom Teufel besessen. Es kam stets auf eine oder die andre Weise zum Vorschein, daß ich keine Reden halten könne, daß ich ohne Universitätsbildung ausgewachsen sei, und daß ich Vergnügen an einem Spazierritt finden könne, ohne einem unglückseligen, übelriechenden Fuchse oder einem armen wahnsinnigen, kleinen Hasen nachzugaloppieren. Diese drei unglücklichen Fehler in mir sind, wie es scheint, bei einem Gutsbesitzer unverzeihlich, namentlich wenn er den Anfang damit gemacht hat, daß er einem öffentlichen Empfange aus dem Wege gegangen ist. Ich denke, am besten kam ich noch mit den Gemahlinnen und Töchtern fort. Die Frauen und ich verfielen überall früher oder später auf Mrs. Blanchard und ihre Nichte. Wir wurden stets darüber einig, daß sie sehr weise gehandelt haben. indem sie nach Florenz gezogen seien; und der einzige Grund, den wir für diese Ansicht anzugeben hatten, war der, daß die Betrachtung der Meisterstücke italienischer Kunst nach dem traurigen Verluste, den die beiden Damen erlitten, einen wohlthätigen Einfluß auf ihr Gemüth haben werde. Ich gebe Dir mein feierliches Wort darauf, daß jede einzelne der Damen in jedem Hause, das ich besuchte, früher oder später auf Mrs. und Miß Blanchards Verlust und zu den Meisterstücken italienischer Kunst zu reden kam. Was wir ohne die Hilfe dieses glänzenden Gedankens hätten anfangen sollen, weiß ich wirklich nicht. Der einzige angenehme Augenblick bei all diesen Besuchen war der, wo wir alle zusammen die Köpfe schüttelten und erklärten, daß die Meisterwerke sie trösten würden. Was den Rest betrifft, so habe ich nur noch eins zu sagen: Was ich an einem andern Orte sein könnte, weiß ich nicht; hier aber bin ich der unrechte Mann am unrechten Orte. Laß mich in Zukunft mit meinen eignen wenigen Freunden auf meine eigne Weise fertig werden; verlange Alles in der Welt von mir, nur verlange nicht, daß ich noch fernere Besuche bei meinen Nachbarn machen soll.«

Mit dieser charakteristischen Bitte schloß Allan seinen Bericht über seine Entdeckungsreise unter den ansässigen Gutsherrschaften. Midwinter schwieg einen Augenblick. Er hatte Allan bis zu Ende plaudern lassen, ohne seinerseits ein Wort zu sagen. Der unglückliche Erfolg der Besuche —— ein Erfolg, der in Verbindung mit allen übrigen, seit gestern gemachten, Erfahrungen Allan gleich beim Beginn seines Aufenthalts in der Gegend mit Ausschließung von allem gesellschaftlichen Verkehre bedrohte —— hatte Midwinter’s Kraft so vollständig gebrochen, daß er unfähig war, dem ihn allmählig beschleichenden drückenden Einflusse seines Aberglaubens noch ferneren Widerstand zu leisten. Es kostete ihn schon einige Anstrengung, jetzt zu Allan aufzublicken; noch mehr kostete es ihn Anstrengung, sich zu einer Erwiderung zu ermannen.

»Es soll geschehen, wie Du wünschest«, sagte er ruhig. »Ich bedaure das, was sich zugetragen hat, aber ich bin Dir nichtsdestoweniger dankbar dafür, Allan, daß Du gethan, was ich Dich zu thun bat.«

Sein Haupt sank auf seine Brust, und die fatalistische Resignation, die ihn schon auf dem Wrack beruhigt, beruhigte ihn auch jetzt wieder. »Was sein muß, wird sein!« dachte er abermals. »Was habe ich und was hat er mit der Zukunft zu schaffen?«

»Guten Muth!« rief Allan. »Was Deine Angelegenheiten betrifft, so befinden sich dieselben jedenfalls auf gedeihlichen: Wege. Ich machte einen angenehmen Besuch in der Stadt, von dem ich Dir noch nicht erzählt habe. Ich habe Pedgift gesehen und Pedgift’s Sohn, der ihm in der Expedition behilflich ist. Sie sind die beiden herrlichsten Advocaten, die mir je im Leben vorgekommen sind, und was noch mehr ist, sie können uns den Mann verschaffen, dessen Du bedarfst, um Dich über die Verwalterpflichten zu unterrichten.«

Midwinter sah schnell auf. Es stand bereits deutliches Mißtrauen gegen Allan’s Entdeckung in seinem Gesichte geschrieben, doch sagte er nichts.

»Ich dachte an Dich«, fuhr Allan fort, »sowie die beiden Pedgifts und ich ein Glas auf unsere freundschaftliche Verbindung getrunken hatten, den vortrefflichsten Sherry, den ich in meinem ganzen Leben gekostet habe; ich habe mir eine Quantität von derselben Sorte bestellt, doch darum handelt es sich jetzt nicht. In zwei Worten erzählte ich diesen beiden würdigen Burschen Deine Schwierigkeit, und in zwei Secunden hatte der alte Pedgift die ganze Geschichte begriffen. »Ich habe den Mann in meiner Expedition«, sagte er, »und will ihn, ehe der Zahltag herankommt, mit Vergnügen zu Ihrer Verfügung stellen.«

Bei dieser letzten Ankündigung gab Midwinter seinem Mißtrauen in Worten Ausdruck. Er fragte Allan schonungslos aus. Der Name des Mannes war, wie sich ergab, Bashwoot Er war einige Zeit —— Allan erinnerte sich nicht, wie lange in Mr. Pedgift’s Diensten gewesen. Vorher hatte er bei einem Herrn in Norfolk, dessen Namen Allan vergessen, im westlichen Districte der Grafschaft, eine Verwalterstelle innegehabt, die er aber in Folge gewisser Familienverhältnisse wieder verloren hatte. Pedgift verbürgte sich für ihn und wollte ihn zwei oder drei Tage vor dem Zahltagsdiner nach Thorpe-Ambrose senden. Früher könne er in der Expedition nicht gut entbehrt werden. Es sei unnöthig, sich ferner wegen dieses Gegenstands zu beunruhigen; Pedgift lache über die Idee, daß es irgendwelche Schwierigkeit mit den Pächtern geben könne. Zwei oder drei Tage des Studirens der Verwalterbücher würden Midwinter unter der Leitung eines Manns, der ein praktisches Verständniß der Schae besitze, vollkommen für den Zahltag vorbereiten, und die übrigen Geschäfte könnten bis später warten.

»Hast Du diesen Mr. Bashwood selbst gesehen Allan?« fragte Midwinter, noch immer auf seiner Hut.

»Nein«, erwiderte Allan, »er war auswärts mit dem Actenbeutel, wie der junge Pedgift sich ausdrückte. Sie sagten mir, er sei ein anständiger, ältlicher Mann, zwar ein wenig zerschlagen durch seine Leiden und ein wenig nervös und verwirrt im Wesen, wenn er mit Fremden zu thun hat, aber vollkommen tüchtig und vollkommen zuverlässig —— dies sind Pedgift’s eigne Worte.«

Midwinter schwieg und überlegte ein wenig, da er ein neues Interesse an dem Gegenstande fand. Der fremde Mann, den er soeben hatte beschreiben hören, und der fremde Mann, den er an der Stelle, wo die drei Wege zusammenliefen, getroffen, hatten eine seltsame Aehnlichkeit mit einander. War dies etwa ein abermaliges Glied in der immer länger werdenden Kette von Ereignissen? Midwinter war entschlossen nur um so mehr behutsam zu sein, als ihn der Zweifel, daß dies der Fall sein könne, beschlich.

»Willst Du mir erlauben, wenn Mr. Bashwood kommt, ihn zu sehen und zu sprechen, ehe irgendetwas bestimmt wird?« fragte er.

»Das versteht sich!« erwiderte Allan. Er schwieg und sah auf seine Uhr. »Und ich will Dir sagen, was ich inzwischen für Dich thun will, alter Junge«, fügte er hinzu, »ich will Dich dem hübschesten Mädchen in ganz Norfolk vorstellen! ist noch grade Zeit, vor Tische nach dem Parkhäuschen zu laufen. Komm mit und laß Dich Miß Milroy vorstellen.«

»Das wird für heute nicht möglich sein«, entgegnete Midwinter und richtete ihm dann die Entschuldigung aus, die am Nachmittage vom Major eingetroffen war. Allan war erstaunt und fühlte sich enttäuscht, doch war er nicht von seinem Entschlusse abzubringen, sich bei den Bewohnern des Parkhäuschens in Gunst zu setzen. Nachdem er ein wenig nachgesonnen, fiel ihm ein Mittel ein, von den gegenwärtigen ungünstigen Verhältnissen guten Gebrauch zu machen. »Ich will eine schickliche Besorgniß für Mrs. Milroy’s Genesung an den Tag legen«, sagte er ernst, »morgen früh werde ich ihr mit meiner besten Empfehlung einen Korb mit Erdbeeren senden.«

Der Tag ging zu Ende, ohne daß noch etwas Bemerkenswerthes vorfiel.

Das einzige bemerkenswerthe Ereigniß des folgenden Tags war eine abermalige Offenbarung von Mrs. Milroy’s krankhafter, böser Laune. Eine halbe Stunde später. nachdem Allan? Korb mit Erdbeeren im Parkhäuschen abgegeben worden, ward ihm derselbe mit einer kurzen und bissigen Bestellung, die von der Krankenwärterin der Mrs. Milroy in kurzer und bissiger Manier ausgerichtet wurde, unangerührt wieder zurückgebracht. »Mrs. Milroy’s Empfehlung und sie lasse sich bedanken. Erdbeeren bekämen ihr nie.« Falls diese merkwürdig gereizte Anerkennung einer Höflichkeit Allan hatte ärgern sollen, so erreichte dieselbe durchaus nicht ihren Zweck. Anstatt sich durch die Mutter beleidigt zu fühlen, drückte er seine Theilnahme für die Tochter aus. »Das arme kleine Wesen«, war alles, was er sagte, dachte aber dabei: »Sie muß mit einer solchen Mutter ein hartes Leben führen!«

Später am Tage machte er selbst einen Besuch im Häuschen, doch konnte er Miß Milroy nicht sehn. Sie war oben beschäftigt Der Major empfing seinen Besuch in seiner Arbeitsschürze, weit tiefer in seine wunderbare Uhr versunken und allen äußern Eindrücken weit unzugänglicher, als Allan ihn bei der ersten Zusammenkunft gefunden hatte. Sein Benehmen war ebenso herzlich wie zuvor, doch war kein Wort weiter über seine Gemahlin aus ihm herauszubringen, als daß, wie er sich ausdrückte, Mrs. Milroy’s Befinden sich seit gestern nicht gebessert habe.

Die beiden nächsten Tage vergingen ruhig und ohne alle Ereignisse Allan beharrte dabei, seine Nachfragen im Parkhäuschen fortzusetzen, doch alles, was er von der Tochter des Majors sah, beschränkte sich darauf, daß sie für einen einzigen kurzen Augenblick am Fenster der oberen Etage sichtbar ward. Man hörte nichts weiter von Mr. Pedgift, und Mr. Bashwood’s Ankunft verzögerte sich noch. Midwinter weigerte sich, irgendetwas in der Sache zu unternehmen, bis hinlängliche Zeit verstrichen sei, daß er eine Antwort auf den Brief haben konnte, den er am Abend seiner Ankunft in Thorpe-Ambrose an Mr. Brock geschrieben. Er war ungewöhnlich still und schweigsam, und brachte den größern Theil der Zeit in der Bibliothek unter den Büchern zu. Die Zeit verging langsam. Die ansässigen Gutsherrschaften erwiderten Allan’s Besuche, indem sie aufs förmlichste ihre Karten abgaben. Darauf kam Niemand mehr dem Hause nahe. Das Wetter war einen Tag so schön wie den andern. Allan wurde ein wenig unruhig und unzufrieden. Er fing an, Mrs. Milroy’s Krankheit übel zu nehmen und mit Bedauern an seine verlassene Jacht zu denken.

Der nächste Tag, der zwanzigste des Monats, brachte einiges Neue aus der Außenwelt. Mr. Pedgift ließ sagen, daß sein Schreiber Mr. Bashwood, sich am folgenden Tage in Thorpe-Ambrose einstellen werde, und Midwinter erhielt eine Antwort auf seinen Brief an Mr. Brock.

Der Brief war vom achtzehnten datiert, und der Inhalt desselben heiterte nicht nur Allan, sondern auch Midwinter auf. Mr. Brock kündigte ihnen an, daß er an dem Tage, an dem er schreibe, nach London zu reisen im Begriff sei, wohin er im Interesse eines kranken Anverwandten beschieden worden, dessen Curator er war. Nachdem er diese Geschäfte abgethan, habe er gute Hoffnung, irgendeinen seiner Freunde unter der Geistlichkeit in London bereit zu finden, sein Amt für ihn zu verrichten, und in diesem Falle hoffe er, innerhalb einer Woche oder schon früher von London nach Thorpe-Ambrose reisen zu können. Unter diesen Umständen wolle er den größern Theil der von Midwinter beregten Gegenstände aufsparen, bis sie einander sahen. Da jedoch in Bezug auf die Verwalterstelle in Thorpe-Ambrose die Zeit von Wichtigkeit sein dürfe, wolle er hiermit sogleich sagen, daß er keinen Grund sehe, weshalb Midwinter nicht versuchen sollte, sich mit den Verwalterpflichten vertraut zu machen, und warum es ihm nicht gelingen sollte, seinem Freunde in dieser Stellung unschätzbare Dienste zu leisten.

Während Midwinter zu Hause blieb, um den ermuthigenden Brief des Pfarrers immer und immer wieder mit einer Aufmerksamkeit durchzulesen, als sei ihm daran gelegen, jedes Wort desselben auswendig zu lernen, ging Allan etwas früher als gewöhnlich aus, um seine tägliche Nachfrage im Häuschen zu machen, oder, mit andern Worten, um einen vierten Versuch zu machen, seine Bekanntschaft mit Miß Milroy fortzusetzen. Der Tag hatte in ermuthigender Weise begonnen und schien bestimmt, auch in dieser Weise fortzufahren. Als Allan um die Ecke des zweiten Gebüsches bog und in das kleine Gehege eintrat, in dem er Miß Milroy zum ersten Male begegnet war, fand er dort Miß Milroy vor, welche langsam auf dem Rasenplatze auf und ab ging, dem Anscheine nach Jemanden erwartend.

Sie erschrak ein wenig, als sie Allan erblickte, kam ihm jedoch ohne Zögern entgegen. Sie erschien einigermaßen verändert, aber nicht zu ihrem Vortheil. Ihre rosige Farbe hatte durch die Einsperrung im Hause gelitten, und ein markierter Ausdruck der Verlegenheit umwölkte ihr hübsches Gesicht.

»Ich weiß kaum, wie, ich es bekennen soll, Mr. Armadale«, sagte sie hastig, ehe Allan noch ein Wort herauszubringen im Stande war, »aber ich kam allerdings heute Morgen in der Hoffnung hierher, Sie zu treffen. Ich bin sehr bekümmert gewesen; ich habe nur soeben erst, und zwar durch Zufall, etwas von der Art und Weise erfahren, in der die Mama das Geschenk von Obst aufgenommen hat, das Sie ihr zu senden die Güte hatten. Wollen Sie versuchen, sie zu entschuldigen? Sie ist seit Jahren außerordentlich leidend gewesen und kennt sich nicht immer. Nachdem Sie so sehr freundlich gegen mich und den Papa gewesen, konnte ich wirklich nicht umhin, dem Hause zu entschlüpfen, um Ihnen mein Bedauern auszudrücken. Bitte, vergeben und vergessen Sie, Mr. Armadale, ich bitte Sie!« Ihre Stimme bebte bei diesen letzten Worten, und in ihrem Eifer, seine Verzeihung für ihre Mutter zu erlangen, legte sie ihre Hand auf seinen Arm.

Allan war selbst ein wenig verlegen. Ihr Ernst überraschte ihn, und ihre sichtliche Ueberzeugung, daß er sich beleidigt gefühlt, verursachte ihm aufrichtiges Bedauern. Da er nicht wußte, was er thun solle, folgte er seinem Instincte und nahm ihre Hand.

»Meine liebe Miß Milroy, wenn Sie noch ein Wort darüber sagen, werden Sie mich betrüben«, erwiderte er, indem er in der Verwirrung des Augenblicks unbewußt ihre Hand immer fester und fester in der seinigen drückte. »Ich fühlte mich keinen Augenblick im mindesten beleidigt; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich es auf Mrs. Milroy’s Krankheit schob. Beleidigt!« rief Allan, mit Energie zu seiner alten Manier zurückkehrend. »Ich ließe mir gern tagtäglich meinen Obstkorb zurücksenden, wenn ich nur die Gewißheit hätte, daß dies Sie stets am nächsten Morgen ins Gehege hinaus bringen würde.«

Ein Theil der entflohenen Farbe kehrte wieder in Miß Milroy’s Wangen zurück. »O Mr. Armadale, Ihre Güte ist in der That unbegrenzt«, sagte sie; »Sie können sich keine Vorstellung machen, wie sehr Sie mir das Herz erleichtert haben!« Sie schwieg, ihre frohe Stimmung hatte sich mit einer Schnelligkeit wiedergefunden, als wäre sie ein Kind, und ihre angeborene Heiterkeit funkelte wieder in ihren Augen, wie sie schüchtern lächelnd zu Allan’s Gesicht aufschaute. »Sind Sie nicht der Ansicht«, fragte sie sittsam, »daß es fast Zeit ist, meine Hand loszulassen?«

Ihre Blicke begegneten sich. Allan folgte zum zweiten Male seinem Instincte Anstatt ihre Hand loszulassen, erhob er dieselbe zu seinen Lippen und küßte sie. In einem Augenblicke blühte wieder die ganze entschwundene Rosenfarbe in Miß Milroy’s Gesicht. Sie entriß Allan ihre Hand, wie wenn er sie verbrannt hätte.

»Ich bin überzeugt, daß das unrecht ist, Mr. Armadale«, sagte sie, und wandte schnell den Kopf ab, denn sie lächelte wider Willen.

»Ich beabsichtigte, mich dadurch dafür zu entschuldigen, daß ich Ihre Hand zu lange festgehalten«, stammelte Allan. »Eine Entschuldigung kann doch nicht unrecht sein, wie?«

Es gibt Gelegenheiten, obwohl nicht viele, wo der weibliche Geist genau die Macht der reinen Vernunft zu schätzen im Stande ist. Die gegenwärtige Gelegenheit war eine solche. Es war Miß Milroy eine abstracte Proposition vorgelegt worden, und sie war überzeugt. Wenn es als eine Entschuldigung habe gelten sollen, so sei dies etwas andres, gab sie zu. »Ich hoffe nur«, sagte die kleine Kokette, ihn schlau anblickend, »daß Sie mich nicht hintergehen. Nicht, daß dies jetzt viel zu bedeuten hätte«, fügte sie mit einem ernsten Kopfschütteln hinzu; »haben wir wirklich etwas Unpassendes gethan, Mr. Armadale, so werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach keine fernere Gelegenheit haben, dasselbe zu wiederholen.«

»Sie gehen doch nicht fort?« rief Allan in großer Bestürzung.

»Schlimmer als das, Mr. Armadale, meine neue Gouvernante kommt.«

»Kommt?« wiederholte Allan »Kommt bereits?«

»Es ist so gut wie gewiß. Wir erhielten heute Morgen die Antworten auf unsere Annonce. Der Papa und ich öffneten dieselben und lasen sie zusammen, und wir wählten beide denselben Brief unter allen übrigen heraus. Ich wählte denselben, weil er so hübsch geschrieben war, und der Papa wählte ihn, weil die Forderungen so mäßig waren. Er wird den Brief heute an die Großmama in London senden, und falls sie auf Erkundigung Alles befriedigend findet, soll die Gouvernante genommen werden. Sie können sich nicht denken, wie ängstlich mir bereits zu Muthe ist, eine fremde Gouvernante ist eine so schreckliche Aussicht. Aber es ist nicht ganz so schlimm wie eine Pension, und ich setze große Hoffnung in diese neue Dame, da sie einen so hübschen Brief schreibt. Derselbe söhnt mich fast, wie ich schon zum Papa sagte, mit ihrem abscheulichen unromantischen Namen aus.«

»Was ist ihr Name?« fragte Allan »Brown? Grubb? Scraggt? Irgendetwas der Art?«

»O still, still! Nicht ganz so entsetzlich Ihr Name ist Gwilt. Fürchterlich unpoetisch, nicht wahr? Die Dame, die sie empfiehlt, muß indessen eine achtbare Person sein, denn sie wohnt in demselben Theile von London, in dem die Großmama wohnt. Halt, Mr. Armadale, wir gehen den verkehrten Weg. Nein, ich kann heute Morgen nicht bleiben, um Ihre reizenden Blumen anzuschauen —— und —— danke sehr —— ich kann Ihren Arm nicht annehmen. Ich habe mich hier bereits zu lange aufgehalten. Der Papa wartet auf sein Frühstück, und ich muß den ganzen Weg zurück laufen. Ich danke Ihnen, daß Sie die Mama so gütig entschuldigt haben, danke, noch einmal und noch einmal, und jetzt adieu!«

»Wollen Sie mir nicht die Hand geben?« fragte Allan.

Sie reichte ihm die Hand. »Keine Entschuldigungen mehr, wenn ich bitten darf, Mr. Armadale«, sagte sie schelmisch Ihre Blicke begegneten sich abermals, und die kleine weiche Hand fand abermals den Weg zu Allan’s Lippen. »Es ist diesmal keine Entschuldigung!« rief Allan, sich eiligst vertheidigend. »Es —— es ist ein Zeichen meiner Hochachtung.«

Sie trat ein paar Schritte zurück und brach in ein helles Lachen aus. »Sie werden mich nicht wieder in Ihren Anlagen sehen, Mr. Armadale«, sagte sie fröhlich, »bis ich mich unter Miß Gwilt’s Schutze befinde!« Mit diesem Lebewohl lief sie, so schnell sie konnte, durch das Gehege zurück.

Allan stand still und beobachtete sie mit stummer Bewunderung, bis sie nicht mehr zu sehen war. Seine zweite Zusammenkunft mit Miß Milroy hatte einen erstaunlichen Eindruck auf ihn gemacht. Zum ersten Male, seit er Besitzer von Thorpe-Ambrose geworden, war er in ernstliche Betrachtungen über das, was er seiner neuen Stellung schuldig war, versunken. »Es fragt sich«, dachte Allan, »ob ich nicht am besten mit meinen Nachbarn Friede machen werde, indem ich mich verheirathe. Ich will mir diesen ganzen Tag zum Ueberlegen nehmen, und falls ich desselben Sinnes bleibe, will ich morgen früh Midwinter darüber zu Rathe ziehen.«

Als der Morgen kam und Allan ins Frühstückszimmer hinunterging, entschlossen, seinen Freund über die Verpflichtungen zu Rathe zu ziehen, die er gegen seine Nachbarn im Allgemeinen und gegen Miß Milroy im Besonderen habe, war kein Midwinter zu sehen. Als er sich nach ihm erkundigte, hieß es, daß man ihn in der Hausflur gesehen und daß er einen Brief vom Tische genommen habe, den die Morgenpost für ihn gebracht und mit welchem er augenblicklich nach seinem Zimmer zurückgekehrt sei. Allan ging sofort wieder die Treppe hinauf und klopfte an die Thür seines Freundes.

»Darf ich eintreten?« fragte er.

»Nicht eben jetzt«, war die Antwort.

»Du hast einen Brief erhalten, nicht wahr?« fuhr Allan fort. »Doch keine schlimmen Nachrichten? Es ist doch nichts passiert?«

»Nichts. Ich bin heute Morgen nicht ganz wohl. Warte nicht mit dem Frühstück auf mich; ich will herunterkommen, sobald es mir möglich ist.«

Es ward von beiden Seiten nichts weiter gesprochen. Allan kehrte ein wenig enttäuscht nach dem Frühstückszimmer zurück. Er hatte sich darauf gefreut, sich über Hals und Kopf in eine Berathschlagung mit Midwinter zu stürzen, und jetzt war diese Berathschlagung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben. »Welch ein seltsamer Bursch er ist!« dachte Allan. »Was in aller Welt kann er dort, allein in seinem Zimmer eingeschlossen, Vorhaben?«

Er hatte nichts vor, sondern saß am Fenster und hielt den Brief, den er am Morgen erhalten, offen in der Hand. Derselbe war von Mr. Brocks Hand und lautete wie folgt:

»Mein lieber Midwinter!

Ich habe wörtlich nur zwei Minuten Zeit, um Ihnen vor Abgang der Post mitzutheilen, daß ich soeben in den Kensington —— Gärten der Frau begegnet bin, die uns bis jetzt nur als die Frau im rothen, gewirkten Shawl bekannt ist. Ich bin ihr und ihrer Gefährtin —— einer respektablen ältlichen Dame —— bis nach ihrer Wohnung gefolgt, nachdem ich sie zweimal deutlich Allan’s Namen hatte aussprechen hören. Verlassen Sie sich darauf, daß ich die Frau nicht aus den Augen verlieren werde, bis ich mich überzeugt habe, daß sie kein Unheil in Thorpe-Ambrose anzustiften im Sinne hat, und erwarten Sie, wieder von mir zu hören, sobald ich weiß, wie diese seltsame Entdeckung enden soll.

Aufrichtig der Ihre

Decimuis Brock.«

Nachdem Midwinter den Brief zum zweiten Male durchgelesen, faltete er denselben nachdenklich zusammen und legte ihn zu dem Berichte von Allan’s Traume in sein Taschenbuch.

»Ihre Entdeckung wird nicht dort bei Ihnen enden, Mr. Brock«, sagte er. »Sie mögen mit der Frau thun, was Sie wollen; wenn der Augenblick kommt, wird die Frau hier sein.«

Ein Blick in den Spiegel überzeugte ihn, daß er sich hinlänglich wieder gefaßt habe, um Allan’s Blicken zu begegnen, und so ging er hinunter, um seinen Platz am Frühstückstische einzunehmen.



Kapiteltrenner

Erstes Kapitel.

Von Mrs. Oldershaw (Diana Street, Pimlico)
an Miß Gwilt (West Place Alt Brompton).
»Modenmagazin,

den 20. Juni Abends 8 Uhr.

»Meine liebe Lydia!

Es sind, wenn ich nicht irre, etwa drei Stunden vergangen, seit ich Dich ohne große Ceremonie in mein Haus in West Place hineinstieß und nachdem ich Dir blos gesagt, zu warten, bis Du mich wiedersehen würdest, die Thür zwischen uns zuschlug und Dich im Flur allein stehen ließ. Ich kenne Deine empfindliche Natur und fürchte, Du müssest nachgerade zu der Ansicht gelangt sein, daß noch nie einem Gaste von seiner Wirthin eine so schmachvolle Behandlung geboten ward, wie sie Dir von mir zu Theil geworden.

Das Hinderniß, welches mich abhielt, Dir mein seltsames Benehmen zu erklären, ist, das glaube mir, indessen nicht mir zur Last zu legen. Es hatte sich, wie ich seitdem entdeckt, heute Nachmittag, als wir in den Kensingtongärten Luft schnappten, eine jener mannigfachen zarten kleinen Schwierigkeiten erhoben, die von einem so wesentlich geheimen Geschäfte, wie das meinige, unzertrennlich sind. Ich sehe keine Möglichkeit, früher als in einigen Stunden zu Dir zurückzukehren, und habe Dir ein Wort sehr dringender Warnung zukommen zu lassen, das schon zu lange verschoben worden ist. Deshalb muß ich die freien Augenblicke benutzen, wie sie sich mir eben bieten, und Dir schreiben.

Warnung Nummer eins. Wage Dich heute Abend auf keinen Fall wieder aus dem Hause und vermeide sorgfältig, Dich, so lange es hell ist, an den Fenstern der Vorderfronte sehen zu lassen. Ich habe Grund zu fürchten, daß eine gewisse reizende Person, die augenblicklich mein Gast ist, beobachtet wird. Beunruhige Dich nicht und werde nicht ungeduldig. Du sollst erfahren, warum.

Ich kann mich nur deutlich machen, indem ich auf unser unglückseliges Zusammentreffen mit jenem ehrwürdigen Herrn zurückkomme, der die Güte hatte, uns aus den Gärten nach meinem Hause zu folgen.

Als wir uns eben der Hausthür näherten, kam mir plötzlich der Gedanke, daß der Eifer, mit dem uns der geistliche Herr auf dem Fuße nachfolgte, einen Beweggrund haben möchte, der seinem Geschmacke vielleicht weit weniger Ehre machte und zugleich uns beiden weit gefährlicher werden könnte als das Motiv, welches Du seiner Begleitung unterlegtest. In klareren Worten, Lydia, ich bezweifelte, daß Du in ihm einen neuen Bewunderer gefunden habest, hegte vielmehr den starken Verdacht, daß Du statt dessen auf einen neuen Feind gestoßen seiest. Es war keine Zeit, Dir dies zu sagen, es war blos Zeit, Dich wohlbehalten nach Hause zu bringen und mich dann des Predigers zu versichern, falls mein Argwohn begründet, indem ich ihm anthat, was er uns angethan, das heißt,meinerseits ihm nachging.

Ich blieb anfangs etwas hinter ihm zurück, um mir die Sache zu überlegen und die Genugthuung zu gewinnen, daß meine Zweifel mich nicht irreleiteten. Wir haben keine Geheimnisse vor einander, und Du sollst wissen, was für Zweifel dies waren. Ich war nicht überrascht, daß Du ihn wieder erkanntest, denn er ist durchaus kein gewöhnlich aussehender alter Mann, und Du hattest ihn zweimal in Sommersetshire gesehen, einmal, als Du ihn nach dem Wege zu Mrs. Armadale’s Hause fragtest, und das zweite Mal auf Deinem Rückwege nach der Eisenbahn. Aber ich konnte mir nicht gleich erklären, wie er Dich wieder erkannte, da Du sowohl bei jenen beiden Begegnungen wie auch heute in den Kensingtongärten den Schleier niedergelassen hattest. Ich zweifelte, daß er sich Deiner Gestalt, die er nur in Winterkleidung gesehen, in Sommerkleidung zu erinnern im Stande gewesen; und obgleich wir im Gespräch waren, als er uns begegnete, und Deine Stimme einen Deiner zahlreichen Reize ausmacht, schien mir es doch sehr unwahrscheinlich, daß ihm Deine Stimme noch erinnerlich sei. Und dennoch war ich überzeugt, daß er Dich erkannt hatte. »Warum?" wirst Du fragen. Meine Liebste, das Unglück wollte, daß wir in dem Augenblicke gerade vom jungen Armadale sprachen. Ich glaube fast, daß der Name das Erste war, das ihm auffiel, und als er diesen hörte, mag sicher Deine Stimme und vielleicht auch Deine Gestalt in seinem Gedächtnisse aufgetaucht sein. »Und was dann?« wirst Du sagen. Denke ein wenig nach, Lydia, und sage mir, ob es Dich nicht wahrscheinlich dünkt, daß der Pfarrer des Orts, wo Mrs. Armadale wohnte,zugleich Mrs. Armadale’s Freund war? War er ihr Freund, so war er als Ortsgeistlicher und als Magistratsherr, wie der Wirth des Gasthauses ihn Dir bezeichnete, auch die allererste Person, bei dem sie sich Rath geholt haben wird, nachdem Du ihr einen solchen Schreck eingejagt und nach den höchst unüberlegten Andeutungen, die Du fallen ließest, daß Du Dich in der Sache an ihren Sohn wenden wollest.

Jetzt wirst Du begreifen, warum ich Dich in so außerordentlich unhöflicher Manier verließ, und ich darf daher zu dem übergehen, was sich demnächst ereignete.

Ich folgte dem alten Herrn, bis er in eine stille Straße einbog, und redete ihn mit der Ehrfurcht vor der heiligen Kirche an, die, wie ich mir schmeichle, in jedem Zuge meines Gesichts sich ausprägt.

»Wollen Sie mich entschuldigen«, sagte ich, »wenn ich Sie zu fragen wage, Sir, ob Sie die Dame erkannt haben, die mich begleitete, als Sie uns in den Gärten begegneten?«

»Wollen Sie mich entschuldigen, Madame, wenn ich wissen möchte, warum Sie diese Frage an mich richten?« war die ganze Antwort, die ich erhielt.

»Ich will Ihnen dies zu erklären versuchen, Sir,« sagte ich. »Wenn meine Freundin Ihnen nicht völlig fremd ist, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen zarten Gegenstand lenken, der mit einer verstorbenen Dame und ihrem sie Überlebenden Sohne im engen Zusammenhange steht.«

Er war verblüfft, das konnte ich sehen. Er war aber zugleich schlau genug; um den Mund zu halten, bis ich etwas mehr gesagt haben würde.

»Wenn ich mich in der Annahme irren sollte, daß Sie meine Freundin erkannt haben, Sir«, fuhr ich fort, »so bitte ich Sie um Entschuldigung. Aber ich konnte es kaum für möglich halten, daß ein Herr Ihres Standes einer Dame nach ihrer Wohnung folgen würde, die ihm völlig fremd wäre.«

Damit packte ich ihn. Er wurde glutroth —— denke Dir, in seinem Alter! —— und gestand, um seinen guten Namen zu retten, die Wahrheit.

»Ich bin der Dame schon früher einmal begegnet, und ich gestehe, daß ich sie in den Gärten wiedererkannte«, sagte er. »Sie werden mich entschuldigen, wenn ich ablehne, über die Frage ob ich ihr absichtlich folgte oder nicht, weiter zu discutiren. Wenn Sie sich überzeugen wollten, ob Ihre Freundin mir nicht völlig fremd ist, so haben Sie jetzt diese Ueberzeugung, und wenn Sie mir irgend etwas Besonderes mitzutheilen haben, gebe ich Ihnen die Entscheidung anheim, ob der Augenblick dazu gekommen ist.«

Er wartete und sah sich um. Ich wartete ebenfalls und sah mich auch um. Er sagte, die Straße sei kaum ein passender Ort, eine so zarte Angelegenheit zu verhandeln. Ich sagte dasselbe. Er erbot sich nicht, mich nach seiner Wohnung mitzunehmen, ich offerierte ihm nicht, ihn nach meiner zu führen. Hast Du je ein Paar fremde Katzen sich aus den Dachziegeln gegenüber stehen sehen, meine Liebe? Ist dies der Fall gewesen, so hast Du damit ein sprechendes Bild von mir und dem Pfarrer gesehen.

»Nun, Madame, sagte er endlich, »sollen wir den Umständen zum Trotz unsere Unterhaltung fortsetzen?«

»Ja, Sir«, sagte ich, »wir sind glücklicherweise beide von einem Alter, das uns den Umständen Trotz zu bieten erlaubt.« Ich hatte bemerkt, wie das alte Scheusal einen Blick auf mein graues Haar warf, um sich zu überzeugen, daß sein Ruf ungefährdet blieb, wenn er mit mir zusammen gesehen würde.«

Nach all diesem Knarren und Schnappen kamen wir endlich zur Sache. Ich machte den Anfang, indem ich ihm sagte, sein Interesse an Dir scheine mir leider nicht von freundschaftlicher Beschaffenheit zu sein. So viel gab er zu, natürlich abermals zur Wahrung seines Charakters. Darauf wiederholte ich ihm alles, was Du mir über Dein Thun und Treiben in Sommersetshire erzähltest, als wir zuerst gewahr wurden, daß er uns folgte. Erschrick nicht, Liebste, ich that es grundsätzlich. Wenn Du den Leuten eine Schüssel voll Lügen schmackhaft machen willst, so gib ihr stets eine Garnitur von Wahrheit. Also nachdem ich dergestalt an das Vertrauen des ehrwürdigen Herrn appelliert, erklärte ich ihm zunächst, daß Du seit jener Zeit ein ganz andres Geschöpf geworden seiest. Ich rief jenes todte Ungeheuer, Deinen Gemahl, natürlich ohne Namen zu nennen, wieder ins Leben, etablierte ihn, es fiel mir gerade zuerst ein, als Kaufmann in Brasilien und erwähnte einen von ihm geschriebenen Brief, in dem er seiner fehlenden Gattin Verzeihung angetragen, falls sie bereuen und zu ihm zurückkehren wolle. Ich gab dem Prediger die Versicherung, daß das edle Benehmen Deines Mannes Deine halsstarrige Natur erweicht; und da, als ich den richtigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben glaubte, ging ich kühn zum Angriff über. Ich sagte: »Ja demselben Augenblicke; da Sie uns begegneten, Sir, sprach meine unglückliche Freundin eben in Ausdrücken der rührendsten Selbstanklage von ihrem Benehmen gegen die verstorbene Mrs. Armadale Sie bekannte mir ihr dringendes Verlangen, dasselbe wo möglich gegen Mrs. Armadale’s Sohn wieder gut zu machen; und auf ihre Bitte —— denn sie kann es nicht über sich gewinnen, Ihnen selber gegenüber zu treten —— erlaube ich mir jetzt zu fragen, ob Mr. Armadale noch in Sommersetshire ist und ob er darein willigen würde, sich in kleinen Abzahlungen die Summe von ihr zurückerstatten zu lassen, die sie durch Einschüchterung von Mrs. Armadale erlangt zu haben zugibt. Dies waren genau meine Worte. Eine hübschere Geschichte, die Alles so schön erklärt, ist nie erzählt worden; es war eine Geschichte, die einen Stein hätte rühren können. Aber dieser Sommersetshirer Pfarrer ist noch härter als Stein. Ich erröthe für ihn, meine Liebe, indem ich Dir versichere, daß er offenbar gefühllos genug war, kein Wort von alledem zu glauben, was ich ihm von Deiner Besserung, von Deinem Gatten in Brasilien und von Deinem reuigen Verlangen, das Geld zurückzuzahlen, erzählte. Es ist wirklich eine Schmach, daß ein solcher Mann der Kirche angehört; eine Verschlagenheit, wie die seinige, ist im höchsten Grade unpassend für ein Mitglied seines heiligen Berufes.

»Beabsichtigt Ihre Freundin, mit dem nächsten Dampfboote zu ihrem Gatten zurückzukehren?« war alles, was er zu sagen sich herabließ, nachdem ich meine Erzählung geendigt hatte.

Ich gestehe, daß ich in Zorn gerieth. Ich fuhr ihn an und sagte: »Ja, allerdings.«

»Ja welcher Weise soll ich mit ihr verhandeln?« fragte er.

Ich fuhr ihn abermals an: »Brieflich durch mich.«

»Und Ihre Adresse, Madame?«

Da hatte ich ihn von neuem. »Sie haben selbst meine Adresse ausfindig gemacht, Sir«, sagte ich. »Das Adreßbuch wird Ihnen meinen Namen sagen, wenn Sie diesen ebenfalls selbst ausfindig machen wollen; andernfalls steht Ihnen mit Vergnügen meine Karte zu Diensten.«

»Verbindlichsten Dank, Madame. Wenn Ihre Freundin sich mit Mr. Armadale in Unterhandlung zu setzen wünscht, so will ich Ihnen meinerseits meine Karte zukommen lassen.«

»Ich danke Ihnen, Sir.«

»Ich danke Ihnen, Madame«

»Guten Tag, Sir.«

»Guten Tag, Madame«

So trennten wir uns. Ich ging meines Wegs nach meinem Geschäftshause, wo ich erwartet wurde, und er schlug den seinigen in großer Eile ein, was an sich sehr verdächtig ist. Was ich indessen nicht überwinden kann, ist seine Herzlosigkeit. Der Himmel sei den Leuten gnädig, die auf ihrem Sterbebette bei ihm Trost suchen!

Die nächste Frage ist die: was sollen wir anfangen? Wenn wir nicht die rechten Mittel und Wege finden, dieses alte Ungeheuer im Dunkel zu erhalten, so kann er vielleicht in Thorpe-Ambrose unser Verderben werden, gerade im Augenblicke, wo wir unser Ziel mit Händen greifen können. Bleibe auf, bis ich zu Dir komme, hoffentlich mit leichtem Herzen in Bezug auf jene andre Verlegenheit, die mich hier ärgert. Hat es je ein solches Pech gegeben wie unseres? Das; dieser Mann seine Gemeinde im Stich lassen und gerade in dem Moment nach London kommen muß, wo wir auf die Annonce geantwortet haben und nächste Woche die Erkundigung erwarten dürfen! Ich habe keine Nachsicht mit —— sein Bischof sollte sich ins Mittel schlagen.

»Herzlichst die Deine

Maria Oldershaw.«

Von Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw.

»West Place, den 20. Juni.

Mein armes, liebes, altes Geschöpf!

Wie wenig Du meine empfindliche Natur kennst, wie Du sie nennst! Anstatt mich beleidigt zu fühlen, als Du mich verließest, ging ich an Dein Clavier und vergaß Dich und alles, was Dich betrifft, vollständig, bis Dein Bote erschien. Dein Brief war unwiderstehlich; ich habe darüber gelacht, bis ich ganz außer Athem war. Von allen lächerlichen Geschichten, die ich je gelesen, ist die, welche Du dem Sommersetshirer Pfarrer auftischtest, die lächerlichste. Und was Deine Straßenunterhaltung mit ihm anlangt, so wäre es geradezu Sünde, dieselbe für uns zu behalten. Sie sollte wirklich in Gestalt einer Theaterposse dem Publikum zu Gute kommen.

Zum Glück für uns beide (um auf ernste Dinge zu kommen) ist Dein Bote ein vorsichtiger Mensch. Er schickte zu mir hinauf, um fragen zu lassen, ob er Antwort mitbekäme. Inmitten meiner Heiterkeit hatte ich noch Geistesgegenwart genug, ihm »Ja« hinunter sagen zu lassen.

Irgend ein Scheusal von einem Manne sagt in einem Buche, das ich einst gelesen, kein Weib könne jemals zwei getrennte Gedankengänge zugleich in ihrem Geiste verfolgen. Du hast mich fast überzeugt, daß der Mann recht hat. Wie, nachdem Du unbemerkt nach Deinem Geschäftslokale entkommen bist und Verdacht hast, daß dieses Haus beobachtet wird, da willst Du hierher zurückkommen und es dadurch dem Prediger möglich machen, Deine verlorene Spur wiederzufinden? Welche Tollheit! Bleib’, wo Du bist, und wenn Du Deine Schwierigkeit in Pimlico überwunden (natürlich irgend eine Weiberangelegenheit; wie unausstehlich diese Weiber sind!), dann sei so gut und lies, was ich über unsere Schwierigkeit in Brompton zu sagen habe.

Erstens also wird das Haus, wie Du vermuthest, beobachtet. Eine halbe Stunde, nachdem Du mich verlassen, ward ich durch laute Stimmen auf der Straße im Clavier spielen gestört, ich trat ans Fenster. Vor dem Hause gegenüber, wo möblierte Zimmer vermiethet werden, hielt ein Fiaker, und ein alter Mann, der wie ein anständiger Diener aussah, stritt sich mit dem Kutscher wegen des Fahrlohns. Ein ältlicher Herr kam aus dem Hause und endete ihren Zank. Ein ältlicher Herr kehrte in das Haus zurück und erschien behutsam am Fenster des Vorderzimmers im ersten Stock. Du kennst ihn, Du würdiges Wesen, er legte vor wenigen Stunden den schlechten Geschmack an den Tag, zu zweifeln, ob Du ihm die Wahrheit sagtest. Sei ohne Sorgen, er hat mich nicht gesehen. Als er aufblickte, nachdem er den Fiakerkutscher abgelohnt hatte, steckte ich hinter dem Fenstervorhange Ich habe mich seitdem noch zwei- oder dreimal dahinter verborgen und genug gesehen, um versichert zu sein, daß er und sein Diener einander am Fenster ablösen werden, damit sie Dein Haus hier Tag und Nacht keinen Augenblick aus den Augen verlieren. Daß der Pfarrer den wirklichen Sachverhalt argwöhnen sollte, ist natürlich unmöglich. Daß er aber fest überzeugt ist, ich führe Uebles gegen den jungen Armadale im Schilde, und daß Du ihn in dieser Ansicht bestärkt hast, ist so klar, wie das Factum, daß zweimal zwei vier machen. Und dies hat sich, wie Du mich mitleidslos erinnerst, gerade in dem Augenblicke ereignen müssen, wo wir die Annonce beantwortet haben und in wenigen Tagen die Erkundigungen des Majors erwarten dürfen.

Wahrhaftig, das ist eine fürchterliche Situation für zwei Frauen, nicht wahr? Narrenspossen, mit Deiner Situation! Dank dem, Mutter Oldershaw, was ich Dich kaum drei Stunden vor unserer Begegnung mit dem Pfarrer zu thun zwang, gib’s für uns einen leichten Ausweg aus dieser Klemme.

Ist Dir unser giftiger kleiner Streit von heute Morgen, nachdem wir des Majors Annonce in der Zeitung entdeckt, schon gänzlich entfallen? Hast Du vergessen, daß ich bei meiner Ansicht beharrte, daß Du in London viel zu bekannt seiest, um mir unter Deinem eigenen Namen als Reverenz dienen zu können, oder, wie Du unklugerweise vorschlugst, eine Dame oder einen Herrn, die Erkundigungen über mich einzuziehen kämen, in Deinem Hause zu empfangen? Erinnerst Du Dich nicht, in welche Wuth Du geriethst, als ich unserem Streit ein Ende machte, indem ich mich bestimmt weigerte, noch einen weiteren Schritt in der Sache zu thun, falls ich meine Bewerbung um die Stelle bei Major Milroy nicht dadurch zum Ziele führen sollte, daß ich ihn an eine Adresse verwiese, wo Du völlig unbekannt seiest, und ihm einen Namen angäbe, der jeder beliebige sein dürfe, so lange es nur nicht der Deinige wäre —— mit welchem Blicke Du mich beschenktest, als Du sahst, wie es keinen andern Weg gab, als daß Du entweder die ganze Speculation fallen oder mir meinen Willen lassen mußtest? —— wie Du über die Wohnungsjagd auf der andern Seite des Parks tobtest und wie Du, im Besitze eines möblierten Quartiers im respectablen Bayswater, über die unnützen Kosten stöhntest, die ich Dir auferlegt? Wie denkst Du jetzt über jene möblierte Wohnung, Du halsstarriges altes Weib? Da sind wir nun vor unserer eigenen Thür mit Entdeckungen bedroht, und ohne alle Aussicht auf ein Einkommen, wenn es uns nicht gelingt, dem Pfarrer im Dunkeln zu entwischen Und dort ist die Wohnung in Bayswater, wo weder Dir noch mir ein neugieriger Fremder auf der Spur ist, vollkommen bereit, uns zu verschlingen, die Wohnung, in der wir aller weiteren Belästigung entgehen und auf die Erkundigungen des Majors in größter Bequemlichkeit antworten können. Kannst Du endlich ein wenig weiter sehen, als Deine arme alte Nase reicht? Braucht Dich irgend etwas in der Welt abzuhalten, heute Abend mit Sicherheit aus Pimlico zu verschwinden und eine halbe Stunde später Dich ebenso in Deiner neuen Wohnung in der Eigenschaft meiner respectabeln Beschützerin zu etablieren? O, pfui, pfui, Mutter Oldershaw! Sinke aus Deine sündhaften alten Kniee nieder und danke Deinen Sternen, daß Du es heute Morgen mit einem Satan, wie ich, zu thun hattest!

Kommen wir jetzt zu der einzigen Schwierigkeit, die des Erwähnens werth ist, meiner Schwierigkeit. Wie soll ich es, beobachtet und bewacht, wie ich in diesem Hause bin, denn anfangen, mich zu Dir zu begeben, ohne den Pfarrer oder dessen Diener mir an den Fersen mitzubringen?

Da ich also in jeder Hinsicht hier gefangen bin, so bleibt mir, wie es scheint, keine andre Wahl, als das alte Fluchtmittel der Gefangenen zu versuchen —— eine Verkleidung. Ich habe mir Dein Stubenmädchen angeschaut. Abgesehen davon, daß wir beide blond, sind ihr Gesicht und Haar dem meinigen so Unähnlich, wie nur möglich. Aber sie ist so ziemlich von meiner Gestalt und Größe und, wenn sie sich nur zu kleiden verstände und kleinere Füße hätte, ihre Figur ist eine weit bessere, als sie für eine Person in ihrer Lebensstellung sein sollte. Meine Idee ist nun die, sie in den Anzug zu kleiden, den ich heute in den Gärten trug, sie auszuschicken und unsern ehrwürdigen Feind in voller Verfolgung hinterher, und sobald die Luft rein ist, selber zu Dir zu entschlüpfen. Es würde dies natürlich gänzlich unmöglich, wenn ich unverschleiert gesehen worden; doch wie die Sachen jetzt liegen, ist es ein Vortheil jener fürchterlichen Bloßstellung, die meiner Heirath folgte, daß ich mich selten öffentlich und in einem so bevölkerten Orte, wie London, nie blicken lasse, ohne einen dichten Schleier zu tragen. Ich sehe denn wirklich nicht ein, warum wir das Stubenmädchen, wenn es meinen Anzug trägt, nicht zu einem sprechend ähnlichen Conterfei meiner Person verwenden könnten!

Die einzige Frage bleibt: darf man dem Frauenzimmer trauen? Ist dies der Fall, so sende mir eine Zeile, in der Du ihr in Deiner Autorität befiehlst, sich mir zur Verfügung zu stellen. Ich will ihr kein Wort darüber sagen, bis ich nicht zuvor von Dir gehört habe.

Laß mich noch heute Abend eine Antwort haben. So lange wir über meinen Plan hinsichtlich der Gouvernantenstelle blos plauderten, war es mir ziemlich gleichgültig wie die Sache ablief. Doch jetzt, wo wir wirklich auf Major Milroy’s Annonce geantwortet haben, nehme ich das Ding endlich ernsthaft. Ich will Mrs. Armadale von Thorpe-Ambrose werden, und wehe dem, Mann oder Weib, der sich mir in den Weg zu stellen wagt!

Die Deine

Lydia Gwilt.

Nachschrift. Ich öffne meinen Brief wieder, um noch hinzuzufügen, daß Du keine Sorge zu haben brauchst, man könne Deinem Boten auf seinem Heimwege nach Pimlico nachgehen. Er will nach einer Schänke fahren, wo er bekannt ist, will da seinen Fiaker entlassen und dann durch eine Hinterthür wieder hinausgehen, die nur vom Wirth und von dessen Freunden benutzt wird. L. G.«

Von Mrs. Oldershaw an Miß Gwilt.

Diana Street, 10 Uhr.

Meine liebe Lydia! Du hast mir einen herzlosen Brief geschrieben. Hättest Du Dich in meiner schwierigen Lage befunden, gequält, wie ich war von Aerger aller Art, als ich an Dich schrieb, so hätte ich Nachsicht für meine Freundin gehabt, wenn diese Freundin sich nicht so schlau wie gewöhnlich gezeigt hätte. Aber der Fehler unseres Zeitalters ist ein Mangel an Rücksichten gegen bejahrtere Personen. Dein Gemüth befindet sich in einem traurigen Zustande, meine Beste, und Du brauchst ein gutes Beispiel sehr nöthig. Du sollst ein gutes Beispiel haben —— ich vergebe Dir.

Jetzt, nachdem ich mir durch eine gute Handlung das Herz erleichtert, wie wäre es da, wenn ich Dir zunächst bejahte —— obgleich ich gegen die Gemeinheit des Ausdrucks protestiere, —— daß ich allerdings ein wenig weiter zu sehen im Stande bin, als meine arme alte Nase reicht?

Ich will Deine Frage wegen des Stubenmädchens zuerst beantworten. Du darfst ihr unbedingtes Vertrauen schenken. Sie hat ihre Nöthen gehabt und Discretion gelernt. Außerdem kann sie für so ziemlich von Deinem Alter gelten, obgleich ich ihr nur Gerechtigkeit widerfahren lasse, wenn ich hinzufüge, daß sie in dieser Hinsicht einen Vorzug von mehren Jahren vor Dir besitzt. Ich lege die nothwendigen Instructionen bei, die sie Dir gänzlich zur Verfügung stellen.

Und was kommt dann? Dann kommt Dein Plan zu Deiner Uebersiedlung nach Bayswater. Derselbe ist, so weit er eben reicht, ganz gut, aber er bedarf sehr einiger kleinen Verbesserungen. Es ist höchst nöthig —— und Du sollst sogleich erfahren, warum —— den Pfarrer viel vollständiger zu täuschen, als Du zu thun beabsichtigst Er muß das Gesicht des Mädchens unter Umständen sehen, die ihm die Ueberzeugung geben, daß es das Deinige sei. Und dann, ich gehe noch einen Schritt weiter, muß er sehen, daß das Stubenmädchen London verläßt, und zwar in der Ueberzeugung daß er Dich Deine Reise nach Brasilien hat antreten sehen. Er glaubte nicht an diese Reise, als ich ihm heute Nachmittag auf der Straße davon erzählte. Indes; kann er daran glauben, wenn Du den Weisungen folgst, die ich Dir jetzt geben werde.

Morgen ist Sonnabend. Schicke das Mädchen, ganz wie Du es vorschlägst, in Deinem heutigen Anzuge aus; aber rühre Dich selber nicht vom Flecke und laß Dich nicht am Fenster blicken. Befiehl ihr, den Schleier niederzulassen, eine Stunde spazieren zu gehen —— natürlich ohne Ahnung von dem ihr folgenden Pfarrer oder seinem Diener —— und dann zu Dir zurückzukehren. Sowie sie heimkommt, laß sie augenblicklich ans offene Fenster treten, den Schleier sorglos zurückschlagen und hinaussehen. Nach ein paar Minuten laß sie vom Fenster zurücktreten, Hut und Shawl ablegen und sich dann nochmals am Fenster oder besser noch, draußen auf dem Balcon zeigen. Dann mag sie sich später am Tage noch einige male in dieser Weise zeigen, doch nicht zu oft, und da wir es mit einem geistlichen Herrn zu thun haben, schicke sie morgen auf jeden Fall in die Kirche. Wenn diese Vorkehrungen den Pfarrer nicht überzeugen, daß das Gesicht des Stubenmädchens das Deinige ist, und ihn nicht bereitwilliger an Deine Besserung glauben machen, als er es zu thun geneigt war, während ich mit ihm sprach, so habe ich meine sechzig Jahre in diesem Jammerthale mit sehr geringem Nutzen zugebracht, meine Liebste.

Der nächste Tag ist Montag. Ich habe mir die Schiffsanzeigen angesehen und finde, daß am Dienstag ein Dampfschiff von Liverpool nach Brasilien abgeht. Nichts könnte sich besser treffen; wir wollen Dich vor den eigenen Augen des Pfarrers abreisen lassen. Du mußt dies folgendermaßen bewerkstelligen.

Um ein Uhr schicke den Mann, der die Messer und Gabeln putzt, nach einem Fiaker aus, und wenn er denselben vor die Thür gebracht, so laß ihn noch eine zweite Droschke holen, in welcher er selber am Square, um die Ecke, wartet. Laß das Mädchen, noch immer in Deinem Anzuge, mit den nothwendigen Koffern und Kisten im ersten Fiaker nach der Nordwestbahn abfahren. Sobald sie fort ist, schlüpfe Du selber um die Ecke nach der wartenden Droschke und komm’ zu mir nach Bayswater. Sie sind vielleicht darauf vorbereitet, dem Fiaker des Mädchens zu folgen, weil sie denselben vor der Thür warten sehen, aber dem Deinigen zu folgen, wird ihnen nicht einfallen, da er ja drüben am Square gehalten hat. Wenn die Zofe auf den Bahnhof gelangt ist und ihr Möglichstes gethan hat, um sich in der Menge zu verlieren —— ich habe absichtlich den gemischten Zug um 2 Uhr 10 Minuten gewählt, um ihr alle Chancen dazu zu geben, —— bist Du bei mir in Sicherheit, und es macht dann nichts mehr aus, wenn sie auch entdecken, daß sie nicht wirklich nach Liverpool abgereist ist. Sie werden jede Spur von Dir verloren haben und mögen dann, wenn es ihnen beliebt, ganz London nach dem Mädchen durchsuchen Sie erhält in der Inlage meine Weisungen, die leeren Reisekoffer ihren Weg nach dem Büreau für verlorene Baggage finden zu lassen und sich selbst zu ihrer Familie in der City zu begeben und dort zu bleiben, bis ich sie zurückberufe.

Und zu welchem Zweck alles dies? Meine liebe Lydia, zu Deiner und zu meiner zukünftigen Sicherheit. Es mag uns glücken oder mißlingen, dem Pfarrer einzubilden, daß Du wirklich nach Brasilien abgereist bist. Glückt es uns, so dürfen wir uns fortan aller Furcht vor ihm entschlagen. Mißglückt es, so wird er den jungen Armadale vor einem Weibe Warnen, das meinem Stubenmädchen gleicht und nicht vor einem Weibe, das aussieht wie Du. Dieser letztere Vortheil ist ein sehr wichtiger, denn wir wissen nicht, ob Mrs. Armadale ihm nicht Deinen Mädchennamen mitgetheilt hat. In diesem Falle wird seine Beschreibung der »Miß Gwilt", die ihm hier durch die Finger geschlüpft, der »Miß Gwilt" in Thorpe-Ambrose so unähnlich fein, um Jedermann zu überzeugen, daß es sich hier nicht um eine Gleichheit der Personen, sondern nur um eine Gleichheit der Namen handelt.

Was sagst Du jetzt zu meiner Verbesserung Deiner Idee? Ist mein Kopf jetzt nicht mehr ganz so verdreht, wie er Dir erschien, als Du an mich schriebst? Glaube nicht, daß ich mich mit meinem Scharfsinn brüsten will. Weit schlauere Streiche, als dieser werden von Woche zu Woche von Schwindlern am Publikum verübt und in den Zeitungen berichtet. Ich möchte Dich blos darauf aufmerksam machen, daß mein Beistand für den Erfolg unserer Armadale-Speculation jetzt nicht minder nothwendig ist, als zur Zeit, wo ich vermittelst des harmlos aussehenden jungen Mannes und des geheimen Intelligenzbüreaus auf dem Shadyside-Platze unsere ersten wichtigen Entdeckungen machte.

Ich habe, so viel ich weiß, nichts weiter hinzuzufügen, außer daß ich mich eben anschicke, nach meiner neuen Wohnung aufzubrechen, und zwar mit einem Koffer, der mit meinem neuen Namen geziert ist. Die letzten Augenblicke der Mutter Oldershaw vom Modemagazine sind gekommen, und die Geburt von Miß Gwilt’s respectabler Beschützerin Mrs. Mandeville wird binnen fünf Minuten in einem Fiaker stattfinden. Ich bilde mir ein, ich muß im Herzen noch immer jung sein, denn ich bin bereits völlig verliebt in meinen neuen romantischen Namen; derselbe klingt fast ebenso hübsch, wie Mrs. Armadale auf Thorpe-Ambrose, nicht wahr? Gute Nacht, Liebste, und angenehme Träume! Wenn sich bis Montag irgend etwas ereignet, so schreib’ mir unverzüglich mit der Post. Ereignet sich nichts, so wirst Du am Montag für die schleunigsten Erkundigungen, die der Major möglicherweise macht, früh genug bei mir anlangen. Meine letzten Worte sind: Geh nicht aus und wage Dich bis Montag nicht an die Fenster des Vorderzimmers.

Herzlich die Deine
M. O.«



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Zweites Kapitel.

Am Einundzwanzigsten gegen Mittag schlenderte Miß Milroy, durch eine Besserung im Befinden ihrer Mutter von ihren Pflichten im Krankenzimmer erlöst, in ihrem Gärtchen umher, als der Klang von Stimmen aus dem Parke ihre Aufmerksamkeit erregte. Die eine dieser Stimmen erkannte sie augenblicklich als die Allan’s, die andere war ihr fremd. Sie bog die Zweige eines Busches am Gartengeländer auf die Seite und sah, indem sie hindurchschaute, Allan in Gesellschaft eines kleinen dunklen, schlanken Mannes, der höchst aufgeregt in lautem Tone plauderte und lachte, sich dem Pförtchen nähern. Miß Milroy lief ins Haus hinein, um ihrem Vater Mr. Armadale’s Ankunft zu melden und hinzuzufügen, daß er einen etwas aufgeregten Fremden mitbringe, der aller Wahrscheinlichkeit nach der Freund sei, welcher dem Gerüchte zufolge sich beim Squire im großen Hause zum Besuch aufhalte.

Hatte die Tochter des Majors richtig gerathen? War der laut schwatzende, laut lachende Begleiter des Squires der schüchterne empfindsame Midwinter von früher? Er war es in der That. In Allan’s Gegenwart war an diesem Morgen eine außerordentliche Veränderung mit dem gewöhnlich so ruhigen Benehmen seines Freundes vorgegangen.

Als Midwinter, nachdem er Mr. Brocks beängstigenden Brief bei Seite gelegt, im Frühstückszimmer erschienen, war Allan zu sehr beschäftigt gewesen, um ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die noch ungelöste Schwierigkeit der Wahl eines Tages für das Pächterdiner war ihm abermals zur Beseitigung aufgedrungen, und der Schmaus war jetzt auf den Rath des Kellermeisters, auf Sonnabend, den Achtundzwanzigsten des Monats, angesetzt worden. Erst als er sich umwandte, um Midwinter zu erinnern, daß diese Anordnung demselben reichliche Zeit lasse, um sich mit den Verwaltungsbüchern vertraut zu machen, ward selbst Allan’s flüchtige Aufmerksamkeit durch die sichtliche Veränderung in dem Gesichte seines vis — a vis gefesselt. Er hatte diese Veränderung in der ihm eigenen unverhohlenen Weise sogleich erwähnt und war augenblicklich durch eine ärgerliche, fast zornige Antwort wieder zum Schweigen gebracht worden. Dann hatten sich beide ohne ihre gewohnte gegenseitige Herzlichkeit zum Frühstück niedergesetzt und das Mahl war trübselig verlaufen, bis Midwinter dadurch das Schweigen brach, daß er sich plötzlich einem Ausbruche von Heiterkeit hingab, die Allan eine neue Seite im Charakter seines Freundes enthüllte.

Der Schluß, zu dem er dadurch gelangte, war, wie dies gewöhnlich mit Allan’s Urtheile der Fall, ein falscher. Es war keine neue Seite in Midwinters Charakter, die sich ihm jetzt darstellte, vielmehr nur ein neuer Anblick des einen, immer wiederkehrenden Kampfes in Midwinter’s Leben.

Von Allan’s Wahrnehmung der in ihm vorgehenden Veränderung gereizt, die er selber nicht bemerkt, als er vor dem Verlassen seines Zimmers einen flüchtigen Blick in den Spiegel geworfen hatte, Allan’s prüfender Blicke sich bewußt und die nächsten Fragen fürchtend, die dessen Neugierde an ihn richten dürfte, hatte Midwinter sich mit Gewalt zusammengerafft, um den Eindruck zu verwischen, den sein verändertes Aussehen hervorgebracht. Es war dies eines jener Kraftstücke, wie sie niemandem so leicht gelingen wie Leuten seines raschen Temperaments und seiner empfindsamen frauenhaften Organisation. Von dem besten Glauben erfüllt, daß seit der Entdeckung des Pfarrers in den Kensingtongärten sich ihm und Allan das Verhängniß um einen großen Schritt genähert —— die Spuren von dem noch im Gesicht, was er unter der erneuten Ueberzeugung gelitten, daß die letzte Warnung seines sterbenden Vaters sich in einem Ereignisse nach dem andern geltend mache, um ihn, welches Opfer es auch kosten möge, von dem einzigen menschlichen Wesen zu scheiden, das er liebte —— in der nimmer ruhenden Angst seines Herzens, Allan’s erstes geheimnißvolles Traumgesicht könne sich noch vor Ablauf des heutigen Tages verwirklichen, —— von diesen dreifachen Banden, die sein eigener Aberglaube geschaffen, gefesselt, wie er sich noch nie zuvor gefesselt gefühlt, spornte er sich erbarmungslos zu der verzweifelten Anstrengung, in Allan’s Gegenwart mit diesem an froher Heiterkeit zu wetteifern. Er plauderte und lachte und belud seinen Teller mit dem Inhalte jeder Schüssel, die auf dem Frühstückstische stand. Ausgelassen lustig, machte er Scherze, die keinen Witz hatten, und erzählte Geschichten, die keine Pointe besaßen. Anfangs setzte er Allan in Erstaunen, dann ergötzte er ihn und gewann endlich sein leicht ermuthigtes Vertrauen in Bezug auf Miß Milroy. Er lachte aus vollem Halse über die plötzliche Entwickelung von Allan’s Heirathsplänen, sodaß die Diener unten zu glauben begannen, der seltsame Freund ihres Herrn sei wahnsinnig geworden. Schließlich hatte er Allan’s Vorschlag, sich der Tochter des Majors vorstellen zu lassen und dann sich sein eigenes Urtheil zu bilden, so bereitwillig, ja bereitwilliger angenommen, als es der allerwenigst schüchterne Mensch von der Welt hätte thun können. Und da standen nun die Beiden am Gartenpförtchen; Midwinter’s Stimme übertönte die seines Freundes immer lauter und lauter, sein Wesen maskierte sich —— wie albern und mit welchem Herzweh, das wußte nur er allein! —— hinter einer gemeinen Dreistigkeit, der unerträglichen, beleidigenden Dreistigkeit eines schüchternen Menschen.

Sie wurden im Wohnzimmer von der Tochter des Majors empfangen, der selbst noch nicht herunter gekommen war.

Allem wollte feinen Freund in hergebrachter Form vorstellen. Zu seinem Erstaunen nahm Midwinter ihm ungeniert das Wort aus dem Munde und stellte sich mit einer sichern Miene, einem unangenehmen Lachen und einer plumpen Affectation von Unbefangenheit, die ihn zu seinem größten Nachtheile erscheinen ließen, selber Miß Milroy vor. Seine künstliche Heiterkeit, die er während des Morgens fortwährend zum Ueberschäumen gepeitscht hatte, stieg jetzt in hysterischer Weise, bis er alle Gewalt über dieselbe verlor. Er sprach und gebärdete sich mit jener fürchterlichen Freiheit und Ungebundenheit, welche bei einem von Natur schüchternen Menschen, wenn er einmal alle Zurückhaltung abgestreift, die nothwendige Folge der Anstrengung ist, mit welcher er sich des Zwanges entledigt hat. Er verwickelte sich in ein verworrenes Gemisch von Entschuldigungen, deren es durchaus nicht bedurfte, und Complimenten, die selbst einem Wilden zu schmeichelhaft erschienen sein dürften. Er blickte von Miß Milroy zu Allan und von Allan zu Miß Milroy hin und her und erklärte scherzhaft neckend, er begreife jetzt, warum die Morgenspaziergänge seines Freundes stets nach derselben Richtung eingeschlagen würden. Er fragte sie nach ihrer Mutter und unterbrach ihre Antworten mit Bemerkungen über das Wetter. In einem Athem sagte er, sie müsse den Tag unerträglich heiß finden, und im nächsten versicherte er ihr, daß er sie um ihr kühles Musselinkleid förmlich beneide.

Der Major trat ein. Ehe er noch zwei Worte sagen konnte, überschüttete ihn Midwinter mit der nämlichen wahnsinnigen Vertraulichkeit und derselben fieberhaften Redseligkeit. Er gab seine Theilnahme an Mrs. Milroy’s Befinden in Ausdrücken zu erkennen, die selbst von den Lippen eines alten Hausfreundes hätten übertrieben klingen müssen. Er strömte von Entschuldigungen über, daß er den Major in seinen technischen Studien gestört habe. Er erwähnte Allan’s überschwängliche Schilderung von der Uhr und sprach in noch überschwänglicheren Ausdrücken sein Verlangen aus, dieselbe sehen zu dürfen. Er paradierte mit seiner oberflächlichen Büchergelehrsamkeit über die große Münsteruhr zu Straßburg und machte weit hergeholte Scherze über die seltsamen Automatengestalten, die jene Uhr in Bewegung setzt —— über die Procession der zwölf Apostel, die um Mittag unter dem Zifferblatt vorüberzieht, rund über den kleinen Hahn, welcher beim Erscheinen des heiligen« Petrus kräht —— und alles dies vor einem Manne, der jedes Rad in diesem complicirten Werke studiert und ganze Jahre mit Versuchen zugebracht hatte, die complicirte Maschinerie nachzuahmen. »Wie ich höre, haben Sie die Straßburger Apostelprocession und das Krähen des Straßburger Hahns noch überboten«, rief er in dem Ton und der Manier eines Freundes, der das Privilegium besitzt, alle Ceremonie bei Seite setzen zu dürfen, »und ich sterbe wirklich vor Verlangen, Ihre wunderbare Uhr zu sehen, Major!«

Major Milroy war, als er ins Zimmer trat, in gewohnter Weise noch ganz in seine mechanischen Erfindungen vertieft gewesen. Aber die Wirkung von Midwinters Vertraulichkeit war mächtig genug, um ihn augenblicklich seiner Träumerei zu entreißen und ihm auf der Stelle die gesellschaftlichen Ressourcen des Weltmanns zu Gebote zu stellen.

»Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche«, sagte er, Midwinter einen Augenblick durch einen festen Blick des Erstaunens zum Schweigen bringend; »ich habe die Uhr des Straßburger Münsters zufällig gesehen, und es klingt meinem Ohre fast lächerlich —— verzeihen Sie mir den Ausdruck —— wenn man mein kleines Experiment in irgend einer Weise mit jenem erstaunlichen Werke vergleicht. In der ganzen Welt gibt es kein zweites Kunstwerk dieser Art!« Er schwieg, um seinen eigenen steigenden Enthusiasmus im Zaume zu halten; die Uhr zu Straßburg war für Major Milroy dasselbe, was der Name des Michael Angelo für Sir Joshua Reynolds war. »Mr. Armadale’s Güte hat ihn zur Uebertreibung verleitet!« fuhr der Major, Allan zulächelnd, fort; dabei ignorierte er einen abermaligen Versuch Midwinter’s, das Wort an sich zu reißen, als wäre ein solcher Versuch gar nicht gemacht worden. »Da aber zufälligerweise zwischen der großen Uhr im Auslande und der kleinen Uhr hier zu Hause wenigstens insofern eine Aehnlichkeit stattfindet, als sie beide mit dem Schlage der zwölften Stunde zeigen, was sie zu leisten im Stande sind, und da nur wenig noch an zwölf Uhr fehlt, so ist’s am besten, wenn Sie meine Werkstatt noch besuchen wollen, ich führe Sie dahin, je eher, je lieber.« Er öffnete die Thür und entschuldigte sich mit bedeutungsvoller Förmlichkeit bei Midwinter, daß er ihm voranschreite.

»Wie gefällt Ihnen mein Freund?« flüsterte Allan, als er mit Miß Milroy folgte.

»Muß ich Ihnen die Wahrheit sagen, Mr. Armadale?« erwiderte sie ebenfalls flüsternd.

»Das versteht sich!«

»Nun denn, er gefällt mir gar nicht!«

»Er ist der beste und liebenswürdigste Bursche von der Welt,« entgegnete der offenherzige Man. »Er wird Ihnen besser gefallen, wenn Sie ihn erst besser kennen werden, sicherlich!«

Miß Milroy verzog ein wenig das Gesichtchen, um die äußerste Gleichgültigkeit in Bezug auf Midwinter und ihr lächerliches Erstaunen über Allan’s Parteinahme für die Verdienste seines Freundes auszudrücken. »Hat er mir nicht Interessanteres zu sagen, als das«, dachte sie verwundert, »nachdem er mir gestern Morgen zweimal die Hand geküßt hat?«

Ehe Allan Gelegenheit fand, ein anziehenderes Thema anzuschlagen, waren sie Alle in der Werkstätte des Majors angelangt. Hier, auf einem rohen hölzernen Kasten, welcher offenbar die Maschinerie enthielt, stand die wunderbare Uhr. Das Zifferblatt ward von einem auf schwarzen Ebenholzblöcken ruhenden Piedestal überragt, und auf diesem Piedestal saß die unvermeidliche Gestalt der »Zeit« mit ihrer Sense in der Hand. Unter dem Zifferblatt befand sich ein kleiner Altan, und an jedem Ende desselben war ein kleines Schilderhäuschen mit verschlossener Thür aufgerichtet. Dies war Alles, was man überblickte, bis der magische Augenblick kam, wo die Uhr die Mittagsstunde schlug.

Es fehlten jetzt noch etwa drei Minuten an zwölf Uhr, und Major Milroy benutzte dieselben, um noch eine Erklärung der zu erwartenden Vorstellung zu geben. Schon bei den ersten Worten verloren sich seine Gedanken wieder völlig in dem Interesse an dieser einzigen Beschäftigung seines Lebens. Er wandte sich Midwinter zu —— der auf dem ganzen Wege vom Wohnzimmer hierher unaufhörlich gesprochen hatte und noch immer fort plauderte —— ohne eine Spur von der kalten und schneidenden Ruhe zu zeigen, die sich noch vor wenigen Minuten in seinen Worten ausgedrückt hatte. Der vorlaute familiäre Mensch der im Wohnzimmer ein ungezogener Eindringling gewesen, wurde in der Werkstätte ein privilegirter Gast, denn hier besaß er den Alles wieder gut machenden gesellschaftlichen Vorzug, daß die Leistungen der wunderbaren Uhr ihm noch etwas Neues waren.

»Bei dem ersten Schlage der Uhr, Mr. Midwinter«, sagte der Major im höchsten Eifer, »heften Sie die Blicke auf die Gestalt der »Zeit«, dieselbe wird ihre Sense bewegen und mit derselben nach dem Glaspiedestal hinabdeuten. Dann werden Sie zunächst hinter dem Glase eine kleine gedruckte Karte erscheinen sehen, die Ihnen das Datum und den Tag der Woche anzeigt. Beim letzten Schlage wird die Zeit ihre Sense wieder in ihre vorige Stellung bringen und das Glockenspiel zu läuten beginnen. Dem Geläute wird eine Melodie folgen —— die des Lieblingsmarsches in meinem ehemaligen Regiment —— und darauf die letzte Vorstellung der Uhr stattfinden. Die Schilderhäuschen an beiden Enden werden sich beide im gleichen Momente öffnen. In dem einen werden Sie die Schildwache erscheinen sehen, und aus der andern wird ein Corporal mit zwei Gemeinen heraustreten, um die Wache abzulösen, und dann, die neue Wache an ihrem Posten zurücklassend, vom Altane verschwinden. Für diesen letzteren Theil der Vorstellung muß ich mir Ihre Nachsicht erbitten. Das Räderwerk ist ein wenig complicirt und es hat noch gewisse Mängel, denen ich, wie ich zu meiner Schande bekenne, noch nicht abzuhelfen vermochte. Zuweilen machen die Figuren ihre Sache ganz recht, zuweilen aber ganz verkehrt. Ich hoffe, daß sie bei ihrem ersten Auftreten vor Ihnen ihr Bestes thun werden.«

Während der Major, neben seiner Uhr postiert, diese letzten Worte sprach, sahen seine drei Zuhörer, die am andern Ende des Zimmers standen, die beiden Zeiger aus zwölf weisen. Der erste Schlag erscholl, und die Figur auf dem Piedestal bewegte, dem Signale gehorsam, ihre Sense. Dann kündeten sich das Datum und Wochentag auf einer gedruckten Karte daneben an, während Midwinter die Vorstellung mit einer lauten, übertriebener: Verwunderung applaudierte, welche sich Miß Milroy falscherweise für einen groben Hohn auf die Beschäftigung ihres Vaters auslegte, und die Man, da er sah, daß sie sich gekränkt fühlte, zu mäßigen suchte, indem er seinen Freund an den Ellbogen stieß. Inzwischen nahm die Vorstellung ihren Fortgang. Mit dem letzten Schlage der Mittagsstunde hob die »Zeit« ihre Sense wieder empor, das Glockenspiel läutete, der Lieblingsmarsch von des Majors ehemaligem Regimente folgte und dann kündigte sich in dem vorläufigen Erbeben der Schilderhäuschen und dem plötzlichen Verschwinden des Majors hinter der Uhr die Schlußvorstellung die Wachenablösung, an.

Dieselbe begann damit, daß das Schilderhäuschen auf der rechten Seite des Altans sich mit aller nur zu wünschenden Pünktlichkeit öffnete; die Thür auf der andern Seite war indessen weniger folgsam —— sie blieb hartnäckig geschlossen. Dieses Hindernis; im Fortgange der Vorstellung nicht gewahrend, erschienen der Corporal und seine beiden Gemeinen in vollkommenster Disciplin an ihren Plätzen, schwankten sämtlich, an allen Gliedern zitternd, quer über den Altan, stürzten mit aller Gewalt nach der geschlossenen Thür des Schilderhäuschens auf der andern Seite und machten nicht den geringsten Eindruck auf die unerschütterliche Schildwache die sich drin im Häuschen befinden sollte. Im Innern des Uhrwerks ließ sich ein gelegentliches Ticken und Schnappen hören, wie von den Schlüsseln und Werkzeugen des Majors. Plötzlich marschierte der Corporal und seine beiden Soldaten rückwärts über den Altan zurück und schlossen sich mit einem Krachen der Thür in ihr eigenes Schilderhäuschen ein. In demselben Augenblicke öffnete sich zum ersten Male die andere Thür, und die verwünschte Schildwache erschien mit der größten Gelassenheit an ihrem Posten und harrte der Ablösung. Sie hatte zu warten. In dem andern Schilderhäuschen geschah nichts, als ein gelegentliches Klopfen innen an der Thür, als wenn der Corporal und die Soldaten ungeduldig hinausstrebten. Von neuem ließen sich im Uhrwerke die Werkzeuge des Majors rasselnd vernehmen; der Corporal und seine Begleiter, denen plötzlich die Freiheit gegeben, erschienen in größter Eile und stürmten wüthend über den Altan. Doch wie schnell sie auch waren, die bisher so gelassene Schildwache auf der andern Seite zeigte sich jetzt tückischerweise noch geschwinder, als sie. Mit Blitzesschnelle verschwand sie in ihrem eigenen Häuschen, die Thür schlug scharf hinter ihr zu. der Corporal und die beiden Gemeinen stürzten zum zweiten Male mit aller Gewalt auf dieselbe los, und der Major bat, hinter der Uhr hervorkommend, die Zuschauer höchst unschuldig: sie möchten ihm gefälligst sagen, ob irgend etwas nicht in Ordnung gewesen sei. Die abenteuerliche Albernheit der ganzen Vorstellung, die durch Major Milroy’s ernste Schlußfrage noch erhöht wurde, war so unwiderstehlich, daß die Gäste in ein schallendes Gelächter ausbrachen; selbst Miß Milroy konnte, ungeachtet all ihrer Rücksicht für den empfindlichen Stolz ihres Vaters auf seine Uhr, sich nicht enthalten, in die Heiterkeit mit einzustimmen, welche die Katastrophe der Puppen herbeigeführt hatte. Doch auch das erlaubte Lachen hat seine Grenzen; und diese Grenzen wurden bald von dem Einen der Gesellschaft so gröblich überschritten, daß die andern Beiden sich dadurch fast augenblicklich zum Schweigen gebracht sahen. Das Fieber von Midwinter’s erkünstelter Lustigkeit artete, als die Vorstellung zu Ende kam, in eine wahre Raserei aus. Seine Lachanfälle folgten einander mit so krampfhafter Heftigkeit, daß Miß Milroy erschrocken von ihm zurückwich und selbst der geduldige Major sich mit einem Blicke zu ihm wandte, welcher deutlich sagte: »Verlassen Sie das Zimmer!« Allan faßte Midwinter, dies eine Mal in seinem Leben, einem weisen Impuls folgend, am Arm und zog ihn mit Gewalt in den Garten und von dort in den Park hinaus.

»Gerechter Himmel! Was fehlt Dir?« rief er aus, indem er vor dem verzerrten Gesichte zurückschrak, das er, wie er stehen blieb, jetzt zum ersten Male genau betrachtete.

Für den Augenblick war es Midwinter unmöglich zu antworten. Der hysterische Anfall ging von dem einen Extreme zum andern über. Schluchzend und keuchend lehnte er sich an einen Baum und streckte, mit einer stummen Gebärde um Geduld bittend, die Hand nach Allan aus.

»Es wäre besser gewesen, Du hättest mich nicht in meinem Fieber gepflegt«, sagte er mit matter Stimme, sobald er zu sprechen vermochte. »Ich bin wahnsinnig und elend, Allan —— ich habe mich nie wieder völlig erholt. Geh’ zurück und bitte in meinem Namen um Verzeihung; ich schäme mich zu sehr, es selber zu thun. Ich kann nicht sagen, wie es geschehen ist —— ich kann nur Dich und sie um Vergebung bitten.« Er wandte schnell den Kopf ab, um sein Gesicht zu verbergen. »Bleib’ nicht hier«, sagte er; »sieh mich nicht an —— ich werde es bald überwinden.« Allan zögerte noch immer und bat dringend, daß er ihn nach Hause führen dürfe. Es war nutzlos »Du brichst mir mit Deiner liebevollen Güte das Herz«, rief er leidenschaftlich aus. »Ich bitte Dich um Gottes willen, laß mich allein!«

Allan kehrte zum Häuschen zurück und bat dort mit einer Ernstlichkeit und Einfachheit um Nachsicht für Midwinter, die ihn bedeutend in der Achtung des Majors steigen ließen, bei Miß Milroy jedoch durchaus nicht denselben günstigen Eindruck hervorbringen wollte. Wie wenig sie dies selber ahnen mochte, sie hatte Allan bereits so lieb gewonnen, das; sie auf Allan’s Freund eifersüchtig war.

»Wie überaus abgeschmackt«, dachte sie gereizt. »Als ob eine solche Person die geringste Wichtigkeit für den Papa und mich haben könnte!«

»Sie werden so freundlich sein, sich Ihre Meinung von meinem Freunde nicht nach Ihrer heutigen Bekanntschaft mit ihm zu bilden, nicht wahr, Major Milroy?« sagte Allan beim Scheiden auf seine herzliche Weise.

»Von Herzen gern!« entgegnete der Major, ihm warm die Hand drückend.

»Und Sie auch, Miß Milroy?« fügte Allan hinzu. Miß Milroy machte eine unbarmherzig steife Verbeugung. »Meine Meinung ist nicht im geringsten von Wichtigkeit, Mr. Armadale.«

Allan verließ das Häuschen, arg verdutzt über Miß Milroy’s plötzliche Kälte gegen ihn. Seine große Idee, sich durch seine Verheirathung die Nachbarschaft geneigt zu« machen, erlitt einige Einschränkung, als er das Gartenpförtchen hinter sich schloß. Die Tugend, mit Namen Vorsicht und der Squire von Thorpe-Ambrose machten bei dieser Gelegenheit zum ersten Male persönliche Bekanntschaft mit einander, und Allan beschloß, sich wie gewöhnlich mit aller Gewalt in den Pfad der moralischen Besserung stürzend, nichts in Uebereilung zu thun!



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Drittes Kapitel.

Als Allan zu Hause anlangte, wurden ihm zwei Aufträge ausgerichtet. Der eine war von Midwinter hinterlassen worden: »Er sei zu einem langen Spaziergang ausgegangen, und Mr. Armadale möge sich nicht beunruhigen, wenn er erst spät wieder heimkehrte.« Der zweite von einem Manne aus Mr. Pedgift’s Bureau, der nach Verabredung erschienen war, während sich die beiden Herren beim Major befanden. »Mr. Bashwoods Empfehlung, und er werde sich die Ehre geben, Mr. Armadale im Verlaufe des Abends nochmals seine Aufwartung zu machen.«

Gegen fünf Uhr kam Midwinter bleich und schweigsam heim. Allan beeilte sich, ihm zu versichern, daß sein Friede mit dem Parkhäuschen geschlossen sei, und erwähnte dann, um das Thema zu wechseln, des Besuchs von Mr. Bashwood. Midwinter war aber entweder so zerstreut oder so erschöpft, daß er sich kaum des Namens zu entsinnen schien. Allan mußte ihn deshalb daran erinnern, daß Mr. Bashwood jener ältliche Schreiber sei, den Mr. Pedgift ihm zur Orientierung in seinen Verwalterpflichten gesandt habe. Er hörte zu, ohne etwas zu bemerken, und begab sich dann auf sein Zimmer, um bis zur Tischzeit zu ruhen.

Auf sich allein angewiesen, ging Allan in die Bibliothek, um zu versuchen, ob er sich nicht mit einem Buche die Zeit vertreiben könne. Er nahm viele Bände von den Brettern herab und stellte einige wieder an ihre Plätze —— doch dabei blieb es. Auf irgend eine geheimnißvolle Weise drängte sich Miß Milroy zwischen den Leser und seine Bücher. Ihre steife Verbeugung und ihre ungnädigen letzten Worte wollten Allan nicht aus dem Sinne kommen, so sehr er sich auch bemühte, sie zu vergessen; von Stunde zu Stunde ward sein Verlangen, den verlorenen Platz in ihrer Gunst wieder zu gewinnen, immer heftiger. Heute noch einmal einen Besuch im Parkhäuschen zu machen und sie zu fragen, ob er so unglücklich gewesen, sie zu beleidigen, war unmöglich. Die Frage mit der nothwendigen Zartheit schriftlich zu thun, erwies sich, nachdem er das Experiment versucht, als eine weit über seine literarischen Fähigkeiten hinausgehende Aufgabe. Nachdem er ein paarmal mit der Feder im Munde im Zimmer auf und ab gegangen war, entschied er sich für den diplomatischen Weg, der in diesem Falle zufällig zugleich der leichteste war, an Miß Milroy zu schreiben, als wenn gar nichts vorgefallen sei, und seine Staffel in ihrer Gunst nach der Antwort zu bemessen, die sie ihm zurücksenden würde. Eine Einladung irgend einer Art, die natürlich auch ihren Vater mit einschloß, obgleich unmittelbar an sie selbst gerichtet, war offenbar das Rechte, um eine schriftliche Antwort von ihr zu erzwingen —— doch hier erhob sich die Schwierigkeit, welche Art von Einladung dies sein solle. An einen Ball war, bei seiner gegenwärtigen Stellung zu den benachbarten Familien, nicht zu denken. Eine Mittagsgesellschaft lag, da sich keine unentbehrliche ältliche Dame im Hause befand, um Miß Milroy zu empfangen —— Mrs. Gripper ausgenommen, die sie doch nur in der Küche empfangen konnte —— ebenfalls außer Frage. Welche Art. von Einladung also konnte es sein? Niemals blöde, wenn er Beistandes bedurfte, diesen rechts und links und in allen Richtungen zu suchen, zog Allan, da er sich am Ende seiner eigenen Hilfsmittel sah, ganz ruhig die Klingel und verblüffte den darauf erscheinenden Diener durch die Frage, wie die frühere Familie zu Thorpe-Ambrose sich zu amüsieren und welche Einladungen sie an ihre Bekannten ergehen zu lassen pflegte.

»Die Familie machte es wie die andern Gutsherrschaften, Sir«, sagte der Mann, seinen Herrn in äußerster Verblüffung anstierend. »Sie gab Mittagsgesellschaften und Bälle. Und im schönen Sommerwetter, wie jetzt, Sir, hatte sie zuweilen Gartengesellschaften und Picknicks.«

»Das ist’s«, rief Allan. »Ein Picknick ist genau das, was ihr Vergnügen machen wird. Richard, Du bist ein unschätzbarer Mensch; Du kannst Dich jetzt wieder hinabbegeben.«

Richard zog sich ganz verwundert zurück, und Richard’s Herr ergriff die Feder.

»Liebe Miß -Milroy. —— Seit ich Sie verlassen, ist es mir plötzlich eingefallen, daß wir ein Picknick arrangieren sollten. Nach so langer Einsperrung in Mrs. Milroy’s Krankenzimmer kann nichts besser für Sie sein, als etwas Abwechselung und Vergnügen (ein gutes Aufrütteln würde ich es nennen, wenn ich nicht an eine junge Dame schriebe). Ein Picknick ist eine Abwechselung und, wenn der Wein gut ist, auch ein Vergnügen. Wollen Sie den Herrn Major fragen, ob er mit diesem Picknick einverstanden ist und mitkommen will? Und falls Sie Bekannte in der Umgegend haben, die an einem Picknick Freude finden, bitte, laden Sie dieselben ebenfalls ein, denn ich selbst habe keine Bekannten. Es soll Ihr Picknick sein, aber ich will für Alles sorgen und Alle mitnehmen. Sie sollen den Tag bestimmen und den Ort zum Picknick wählen. Ich habe mein ganzes Herz an dieses Picknick gehangen.

Immer der Ihre
Allan Armadale.«

Den Brief, ehe er ihn versiegelte, noch einmal überlesend, mußte Allan sich diesmal offen eingestehen, daß der Stil nicht ganz tadellos sei. »Das Wort »Picknick« kommt etwas zu oft darin vor«, sagte er. »Doch einerlei, wenn ihr die Idee gefällt, wird sie sich daran nicht stoßen.« Er sandte den Brief auf der Stelle ab und gab dem Boten strengen Befehl, auf die Antwort zu warten.

In einer halben Stunde war dieselbe da, auf parfümiertem Papier, ohne eine radierte Stelle, lieblich duftend und lieblich anzuschauen.

Das Bekenntniß der nackten Wahrheit ist eins von denen, gegen die das angeborene Zartgefühl des Frauensinnes sich instinctmäßig zu empören scheint. Noch nie waren die wahren Gedanken geschickter verborgen, als jetzt durch Allan’s schöne Correspondentin. Macchiavelli selbst hätte aus Milroy’s Briefe nun und nimmermehr argwöhnen können, daß sie ihr gereiztes Benehmen gegen den jungen Squire, sowie dieser nur den Rücken gewendet, schon von Herzen bereut hatte und hoch entzückt gewesen war, als ihr seine Einladung zukam. Ihr Brief war die Composition einer musterhaften jungen Dame, deren Gefühle alle unter väterlichem Schloß und Riegel gehalten und je nach den Umständen bei Gelegenheit wohl überlegt aufgetischt werden. »Papa« erschien ebenso oft in Miß Milroy’s Antwort, wie »Picknick« in Allan’s Einladung vorgekommen war. »Papa« habe mit Mr. Armadale an rücksichtsvoller Güte gewetteifert, indem auch er daran gedacht, ihr ein wenig Abwechselung und Vergnügen zu verschaffen, und sich deshalb erboten, seine gewohnte ruhige Lebensweise zu unterbrechen und an dem Picknick theilzunehmen. Sie nehme deshalb mit »Papas« Einwilligung Mr. Armadale’s Vorschlag mit Vergnügen an, und auf »Papas« Rath werde sie von Mr. Armadale’s Güte Gebrauch machen und zwei Bekannte, die sich kürzlich in Thorpe-Ambrose niedergelassen, eine Wittwe und ihren Sohn, einen ordinierten Geistlichen von schwächlicher Gesundheit, dazu einluden. Wenn Mr. Armadale der nächste Dienstag gelegen sei, so werde dieser Tag dem »Papa« ebenfalls passen, da dieser bis dahin mit Ausbesserungen an seiner Uhr beschäftigt sei. Das Uebrige wolle sie, auf »Papas« Rath, gänzlich Mr. Armadale überlassen und verbleibe inzwischen, mit »Papas« Empfehlung, Mr. Armadale’s aufrichtige »Eleonor Milroy.« Wer hätte sich jemals gedacht, daß die Schreiberin dieses Briefes vor Freude hochaufgesprungen war, als Allan’s Einladung kam? Wer hätte geahnt, daß bereits unter dem heutigen Datum Folgendes in Miß Milroy’s Tagebuche eingetragen stand: —— »Ich habe den herzigsten, liebsten Brief von Ich-weiß-wohl-Wem erhalten; ich will nie wieder unfreundlich gegen ihn sein, so lange ich lebe.« Allan seinerseits war entzückt über den Erfolg seines Manövers Miß Milroy hatte seine Einladung angenommen, folglich fühlte sie sich nicht von ihm beleidigt. Eine Erwähnung des Briefwechsels schwebte ihm auf der Zunge, als er mit seinem Freunde bei Tische zusammentraf. Aber es lag in Midwinters Gesicht und Wesen etwas, das, selbst für Allan deutlich genug sichtbar, ihn zu warten mahnte, ehe er den peinlichen Gegenstand ihres Besuchs im Parkhäuschen wieder zur Sprache brächte. Wie in stillschweigender Uebereinkunft mieden sie in ihrem Gespräche alles, was sich auf Thorpe-Ambrose bezog, selbst des Besuchs von Mr. Bashwood erwähnten sie nicht, der für den Abend bevorstand. Während der ganzen Mahlzeit versenkten sie sich vielmehr in das alte endlose Thema von ehedem, über Schiffe und Segelfahrten.

Die beiden jungen Leute hatten länger als gewöhnlich bei Tische gesessen. Wie sie mit ihren Cigarren in den Garten hinausgingen, fiel das Sommerzwielicht grau und trübe auf Rasen und Blumenbeet und verengerte allmälig den sanft schwindenden Kreis ihres Horizonts. Der Thau fiel reichlich, und nach wenigen Minuten Weilens im Garten begaben sie sich auf den trocknen Platz der Auffahrt vor dem Hause zurück. Eben waren sie hart an der Biegung, die in das Gebüsch führte, als plötzlich eine leise auftretende schwarze Gestalt hinter dem Laube hervor zu ihnen herausglitt —— ein Schatten, der sich dunkel durch das undeutliche Abendlicht bewegte. Midwinter fuhr beim Anblicke der Erscheinung zurück, und selbst die weniger zarten Nerven seines Freundes waren für den Augenblick erschüttert.

»Wer, zum Teufel, seid Ihr?«. rief Allan.

Die Gestalt entblößte ihr Haupt und trat langsam einen Schritt näher. Midwinter kam seinerseits einen Schritt weiter heran und betrachtete sie scharf. Es war der Mann mit den schüchternen Manieren und in den Trauerkleidern, den er an der Stelle, wo die drei Wege zusammenstießen, um den Weg nach Thorpe-Ambrose gefragt hatte.

»Wer seid Ihr?« wiederholte Allan.

»Ich bitte demüthigst um Verzeihung, Sir«, antwortete der Fremde mit unsicherer Stimme, während er verlegen wieder zurücktrat. »Die Bedienten sagten mir, ich werde Mr. Armadale ——«

»Was, sind Sie Mr. Bashwood?«

»Ja, wenn Sie’s erlauben, Sir.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sie so barsch angeredet zu haben«, sagte Allan; »aber die Wahrheit zu gestehen, Sie haben mich ein wenig erschreckt. Mein Name ist Armadale —— bitte, bedecken Sie sich —— und dies ist mein Freund, Mr. Midwinter, der Ihren, Beistand im Verwaltungsbureau bedarf.«

»Es bedarf kaum des Vorstellens für uns«, sagte Midwinter. »Ich begegnete Mr. Bashwood vor wenigen Tagen aus dem Spaziergange, und er hatte die Freundlichkeit mich zurechtzuweisen, da ich meinen Weg verloren hatte.«

»Setzen Sie Ihren Hut aus«, wiederholte Allan, da Mr. Bashwood noch immer unbedeckten Hauptes dastand und sich sprachlos bald gegen den einen und bald gegen den andern der beiden jungen Männer verbeugte. »Mein guter Herr, setzen Sie Ihren Hut auf und lassen Sie uns zusammen nach dem Hause zurückgehen. Verzeihen Sie mir die Bemerkung«, fügte Allan hinzu, als der Mann aus reiner nervöser Unbehilflichkeit seinen Hut fallen ließ, anstatt mit demselben seinen Kopf zu bedecken; »aber Sie scheinen ein wenig angegriffen zu sein —— ein gutes Glas Wein kann Ihnen nicht schaden, ehe Sie sich mit meinem Freunde ans Geschäft machen. Wo ungefähr trafst Du Mr. Bashwood, als Du Dich verirrt hattest?«

»Ich. kenne die Gegend zu wenig, um dies zu wissen. Ich muß Dich deshalb an Mr. Bashwood verweisen«, antwortete Midwinter.

»Kommen Sie, erzählen Sie uns, wo es war«, sagte Allan, etwas allzu direct versuchend, dem Manne seine Unbefangenheit wiederzugeben, während sie alle Drei zum Hause zurückgingen.

Das Maß von Mr. Bashwood’s angeborener Schüchternheit schien durch Allan’s laute Stimme und unumwundenes Ersuchen bis an den Rand gefüllt zu sein. Mit demselben schwachen Wortstrome floß es über, mit dem er Midwinter überflutet, als sie einander zum ersten Male begegnet waren.

»Es war auf dem Wege, Sir«, begann er, sich abwechselnd an Allan, den er »Sir«, und Midwinter wendend, welchen er beim Namen nannte; »ich meine auf dem Wege nach Little Gill Beek. Ein sonderbarer Name, Mr. Midwinter, und ein sonderbarer Ort; ich spreche nicht vom Dorf, ich spreche von der Umgegend —— ich bitt’ um Vergebung, ich meine die »Breiten«, weiter drüben. Sie haben vielleicht von den Norfolker Breiten gehört, Sir? Was man anderswo in England Seen nennt, nennen die Leute hier »Breiten«. Die Breiten sind sehr zahlreich; ich denke, sie wären wohl der Mühe eines Besuchs werth. Sie würden die erste derselben gesehen haben, Mr. Midwinter, wenn Sie von der Stelle, an der ich die Ehre hatte, Ihnen zu begegnen, ein paar Meilen weiter gegangen wären. Außerordentlich zahlreich, die Breiten, Sir, —— zwischen hier und dem Meere gelegen. Ungefähr drei Meilen vom letzteren, Mr. Midwinter, —— ungefähr drei Meilen. Meistens seicht, Sir, und durch Flüsse mit einander verbunden. Sehr schön; einsam. Eine ganz wässerige Gegend, Mr. Midwinter, eine Gegend ganz für sich, so zu sagen. Es werden zuweilen Partien dahin gemacht, Sir —— Vergnügungspartien zu Nachen. Es ist ein wahres kleines Netz von Seen, oder vielleicht, ja wohl richtiger gesprochen, von Teichen. Im kalten Wetter ist dort gute Jagd. Wildes Geflügel ist da überaus zahlreich. Ja. Die Breiten würden sich eines Besuchs verlohnen, Mr. Midwinter, wenn Sie das nächste Mal einen Spaziergang nach jener Richtung hin machen. Die Entfernung von hier nach Little Gill Beek und dann von Little Gill Beck nach der Girdler Breite, welches die erste ist, zu der man kommt, ist im Ganzen nicht mehr, als ——« In seinem rein nervösen Unvermögen, ein Ende zu finden, würde er den ganzen Abend von den Norfolker Breiten gesprochen haben, wäre nicht der eine seiner Zuhörer ihm ohne alle Umstände ins Wort gefallen, ehe er seine Periode schließen konnte.

»Kann man von hier aus die Hin- und Herfahrt nach den Breiten bequem in einem Tage machen?« fragte Allan, überzeugt, daß in diesem Falle der Ort für das Picknick gefunden war.

O, ja, Sir; eine hübsche, bequeme Fahrt —— eine sehr bequeme Fahrt von diesem schönen Orte aus.«

Sie stiegen jetzt die Vorhallenstufen hinan; Allan ging voran und rief Midwinter und Mr. Bashwood zu, ihm nach der Bibliothek zu folgen, wo eine Lampe brenne. In der Zwischenzeit, die verstrich, ehe der Wein gebracht wurde, betrachtete Midwinter seine zufällige Bekanntschaft von der Landstraße mit einer seltsamen Mischung von Mitleid und Argwohn —— von Mitleid, das wider seinen Willen stieg, und von Argwohn, welcher beharrlich schwand, wie sehr er auch ihn zu nähren suchte. Da, höchst unbequem auf der äußersten Kante seines Stuhls, saß das verkommene, ängstlich arme Geschöpf in seinen abgetragenen schwarzen Kleidern, mit seinen wässerigen Augen, seiner ehrlichen alten Perücke, seiner elenden wollenen Cravatte und seinen falschen Zähnen, die Niemanden zu täuschen vermochten —— da saß er in höflicher Befangenheit, bald vor dem hellen Lichte der Lampe zurückbebend, bald bei Allan’s kräftiger Stimme zusammenfahrend; ein Mann mit den Falten von sechzig Jahren im Gesicht und den Manieren eines Kindes in Gegenwart von Fremden, sicherlich ein Gegenstand des Mitleids, wenn es je einen solchen gab!

»Wovor Sie sich sonst immer fürchten mögen, Mr. Bashwood«, rief Allan, ein Glas Wein einschenkend, »vor dem da fürchten Sie sich nicht! In einem ganzen Oxhoft davon steckt kein einziges Kopfweh! Machen Sie sich’s gemüthlich; ich will Sie mit Mr. Midwinter allein lassen, damit Sie sich zusammen über Ihr Geschäft besprechen. Es ruht ganz in Mr. Midwinters Händen; er handelt für mich und arrangiert Alles nach eigenem Gutachten.«

Er sprach diese Worte mit einer sorgfältigen Wahl seiner Ausdrücke, die ihm sonst durchaus nicht eigen war, und wandte sich dann ohne jede fernere Erklärung der Thür zu. Midwinter, der neben derselben saß, bemerkte sein Gesicht, wie er hinaus ging. Wie leicht es sonst war, den Weg zu Allan’s Gunst zu finden, Mr. Bashwood hatte ihn ohne Zweifel und unbegreiflicherweise nicht finden können!

Die beiden seltsamen Gefährten blieben mit einander allein —— wie es aus den ersten Blick schien, in gegenseitiger Sympathie himmelweit von einander geschieden und nichtsdestoweniger innerlich durch gleiches Temperament zu einander hingezogen, mit jener magnetischen Gewalt, die über allen Alters- und Standesunterschied sich hinweg setzt und allen anscheinenden Gemüths- und Charakter-Verschiedenheiten Trotz bietet. Von dem Augenblicke an, da Allan das Zimmer verließ, begann der geheime Einfluß, der im Dunkeln wirkt, die beiden Männer langsam über die große soziale Kluft zu einander hinzuziehen, die bis zu diesem Tage zwischen ihnen gegähnt hatte.

Midwinter war der erste, der den Zweck ihrer Zusammenkunft zur Sprache brachte.

»Darf ich fragen«, sagte er, »ob man Sie mit meiner Stellung hier bekannt gemacht hat und ob Sie wissen, weshalb ich Ihres Beistandes bedarf?«

Mr. Bashwood, wenngleich noch immer zögernd und schüchtern, aber durch Allan’s Fortgehen sich sichtlich erleichtert fühlend, setzte sich weiter zurück in seinem Stuhl und wagte es, sich durch einen kleinen Schluck Wein zu starken.

»Ja, Sir«, erwiderte er, »Mr. Pedgift hat mich von Allem in Kenntniß gesetzt. Ich soll Sie unterweisen, oder ich sollte vielmehr sagen, Ihnen Rath ertheilen ——«

»Nein, Mr. Bashwood; das erste Wort war das richtigere von den beiden. Ich bin völlig unwissend in den Geschäften, die mir anzuvertrauen Mr. Armadale in seiner Güte sich bewogen gefühlt hat. Wenn ich recht verstanden, so unterliegt Ihre Lehrfähigkeit keinem Zweifel, denn Sie haben selbst eine Verwalterstelle eingenommen. Darf ich fragen, wo dies war?«

»Bei Sir John Mellowchip, Sir, in West-Norfolk. Vielleicht möchten Sie mein Zeugniß sehen, Sir —— ich habe es hier bei mir. Sir John hätte sich wohl etwas freundlicher gegen mich erweisen können, aber ich darf mich nicht beklagen; es ist jetzt Alles geschehen und vorüber!« Seine wässerigen Augen sahen noch wässeriger aus und das Zittern seiner Hände theilte sich seinen Lippen mit, während er einen alten schmutzigen Brief aus seinem Taschenbuche nahm und offen auf den Tisch legte.

Das Zeugniß war sehr kurz und sehr kalt abgefaßt, doch völlig unzweideutig so weit es ging. Sir John hielt es für nicht mehr als recht. zu sagen, daß er sich über keinen Mangel an Fähigkeit oder Rechtlichkeit in seinem Verwalter zu beklagen habe. Hätte sich Mr. Bashwoods häusliche Lage mit seiner ferneren Stellung auf den Gütern vertragen, so würde Sir John ihn gern behalten haben. So aber hatten es gewisse, durch Mr. Bashwoods persönliche Angelegenheiten herbeigeführte Mißhelligleiten nicht wünschenswerth gemacht, daß er noch länger in Sir John’s Diensten verbliebe; und aus diesem Grunde, und nur aus diesem, hatten er und sein Herr sich getrennt. So lautete Sir John’s Zeugniß über Mr. Bashwoods Charakter. Als Midwinter die letzten Zeilen las, gedachte er eines andern Zeugnisses, das sich noch in seinem Besitze befand, des schriftlichen Zeugnisses, das ihm in der Schule gegeben worden, als man den kranken Unterlehrer in die Welt hinausgestoßen hatte. Sein Aberglaube, der ihn allen neuen Ereignissen und neuen Gesichtern zu Thorpe-Ambrose mißtrauen ließ, beargwöhnte den Mann, der vor ihm saß, noch ebenso hartnäckig wie zuvor. Doch wie er diesem Argwohn jetzt Worte leihen wollte, machte sein Herz ihm Vorwürfe, und er legte den Brief schweigend auf den Tisch.

Die plötzliche Pause in der Unterhaltung schien Mr. Bashwood aufzufallen. Er stärkte sich durch einen abermaligen Schluck Wein und brach, den Brief unangerührt liegen lassend, unbezwinglich in Worte aus, als wenn das Schweigen ihm unerträglich wäre.

»Ich bin jede Frage zu beantworten bereit, Sir«, begann er. »Mr. Pedgift sagte mir, daß ich verschiedene Fragen würde beantworten müssen, wenn ich mich um einen Vertrauensposten bewürbe. Mr. Pedgift meinte, daß weder Sie noch Mr. Armadale mit dem Zeugnisse allein zufrieden sein würden. Sir John sagt nicht —— er hätte sich freundlicher darüber ausdrücken können, doch beklage ich mich nicht —— Sir John sagt nicht, welcher Art die häuslichen Bedrängnisse waren, die mich um meine Stelle brachten. Sie wünschen vielleicht zu erfahren ——« Er hielt verlegen inne, sah das Zeugniß an und sagte nichts weiter.

»Wenn es sich in der Sache nur um mein eigenes Interesse handelte«, entgegnete Midwinter, »so gebe ich Ihnen die Versicherung, daß dies Zeugniß mich völlig zufrieden stellen würde. Doch während ich mich mit meinen neuen Pflichten bekannt mache, wird die Person, welche mich darin unterweist, in Wirklichkeit der Gutsverwalter meines Freundes sein. Ich veranlasse Sie sehr ungern, von einem Gegenstand zu sprechen, der Ihnen vielleicht schmerzlich ist, und ich weiß leider gar nicht, was für Fragen ich zu stellen habe; aber in Mr. Armadale’s Interesse müßte ich wohl etwas mehr erfahren, entweder von Ihnen selber, oder von Mr. Pedgift, wenn Sie dies vorziehen ——« Auch er schwieg verlegen, blickte auf das Zeugniß und sagte nichts weiter.

Abermals herrschte momentanes Schweigen. Es war ein warmer Abend und Mr. Bashwood zählte zu seinen sonstigen Uebeln noch das beklagenswerthe Leiden, in den Handflächen zu transpirieren. Er nahm ein elendes kleines baumwollenes Taschentuch aus der Tasche, rollte es zu einem Ballen zusammen und betupfte damit regelmäßig wie ein Pendel erst die eine und dann die andere Hand. Bei einem andern Manne und unter anderen Umständen würde dies lächerlich erschienen sein. Bei diesem Manne aber und in dieser Krisis der Unterredung hatte es etwas Schauerliches.

»Mr. Pedgift’s Zeit ist zu kostbar, Sir, als daß er sie an mich vergeuden könnte«, sprach er. »Wenn Sie erlauben, will ich selber sagen, was zu sagen ist. Ich habe Unglück gehabt in meiner Familie. Es war sehr schwer zu ertragen, obgleich nicht viel davon zu erzählen ist. Meine Frau ——« eine seiner Hände schloß sich fest um das Taschentuch; er befeuchtete seine trockenen Lippen, kämpfte mit sich und fuhr fort:

»Meine Frau, Sir«, begann er wieder, »stand mir ein wenig im Wege; sie hat mir, ich muß es leider zugeben, bei Sir John geschadet. Bald nachdem ich die Verwalterstelle angetreten, verfiel sie —— gewöhnte sie sich —— ich weiß kaum, wie ich es sagen soll —— den Trunk an. Ich konnte sie nicht davon heilen, und ich konnte es auch nicht immer vor Sir John verbergen. Sie verlor alle Selbstbeherrschung und —— und —— stellte seine Geduld ein paarmal auf die Probe, als er in Geschäften auf mein Bureau kam. Sir John hatte Nachsicht, freilich nicht in sehr freundlicher Weise, aber er hatte Nachsicht. Ich klage nicht über Sir John; ich klage jetzt auch nicht über meine Frau.« Er deutete mit zitterndem Finger auf seinen schäbigen alten, mit Krepp umwundenen Castorhut, der neben ihm am Boden stand. »Ich trage Trauer um sie«, sagte er mit schwächer Stimme. »Sie starb vor fast einem Jahre hier im Grafschafts-Irrenhause.«

Sein Mund begann krampfhaft zu arbeiten. Er nahm das Glas Wein in die Hand und leerte es diesmal bis auf den Grund. »Ich bin nicht sehr an Wein gewöhnt, Sir«, sagte er, offenbar fühlend, wie ihm nach dem Trinken die Glut ins Gesicht stieg, und inmitten aller der schmerzlichen Erinnerungen, die er wachgerufen, doch die Pflichten der Höflichkeit nicht aus den Augen verlierend.

»Bitte, Mr. Bashwood, ersparen Sie sich den Schmerz mir noch mehr mitzutheilen«, sagte Midwinter, dem es widerstrebte, seinerseits auf weitere Bekenntnisse zu bestehen, die bereits den Kummer des unglücklichen Mannes vor ihm bis ins Innerste enthüllt hatten.

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Sir«, erwiderte Mr. Bashwood. »Doch wenn ich Sie nicht zu lange belästige und wenn Sie sich gefälligst erinnern wollen, daß die mir von Mr. Pedgift ertheilten Instructionen sehr specielle waren —— übrigens erwähnte ich meiner verstorbenen Frau nur, weil vielleicht Alles anders gekommen wäre, wenn sie nicht von vornherein Sir John ungeduldig gemacht hätte ——« er schwieg, gab den unzusammenhängenden Satz auf, in den er sich verwickelt hatte, und versuchte einen andern. »Ich hatte nur zwei Kinder, Sir«, fuhr er fort, zu einem neuen Punkte in seiner Erzählung fortschreitend; »einen Knaben und ein Mädchen. Das Mädchen starb in zartester Kindheit. Mein Sohn wuchs zum Manne heran —— und mein Sohn war es, durch den ich meine Stelle verlor. Ich that mein Möglichstes für ihn; ich verschaffte ihm eine Stelle auf einem respectablen Comptoir in London. Man wollte ihn ohne Caution nicht aufnehmen. Wohl war es unvorsichtig von mir; aber ich hatte keine reichen Freunde, von denen ich Hilfe erwarten durfte —— und ich bürgte für ihn. Mein Sohn gerieth auf Abwege, Sir. Er —— vielleicht werden Sie mich gütigst verstehen, wenn ich sage, daß er unredlich handelte. Auf mein inständiges Bitten ließen ihn seine Herren gehen, ohne gegen ihn einzuschreiten. Ich mußte flehentlich darum bitten —— ich hatte meinen Sohn James sehr lieb —— und ich nahm ihn mit mir nach Hause und suchte ihn zu bessern. Aber er wollte nicht bei mir bleiben; er ging wieder nach London; er verzeihen Sie, Sir! Ich wirre wohl leider die Dinge durcheinander; ich komme wohl von der Hauptsache ab?«

»Nein, nein«, sagte Midwinter freundlich. »Wenn es Ihnen nöthig erscheint, mir diese traurige Geschichte zu erzählen, so thun Sie dies ganz auf Ihre Weise. Haben Sie Ihren Sohn wiedergesehen, seitdem er Sie verließ, um nach London zu gehen?«

»Nein, Sir. Soviel ich weiß, ist er noch immer in London. Als ich das letzte Mal von ihm hörte, verdiente er sich sein Brod —— auf nicht sehr rühmliche Art. Er war unter dem Inspector des heimlichen Erkundigungs-Bureaus auf dem Shadyside-Platze angestellt.«

Er sprach diese Worte —— die, soweit jetzt zu beurtheilen, anscheinend weniger als alles bisher Gesprochene zu der jetzt zu verhandelnden. Sache gehörten, in der That aber, wie sich bald herausstellen sollte, das Wichtigste waren, was er überhaupt geäußert hatte —— er sprach diese Worte zerstreut, indem er verwirrt sich umsah und vergebens den verlorenen Faden seiner Erzählung wiederzufinden suchte.

Midwinter kam ihm mitleidsvoll zu Hilfe. »Sie erzählten mir eben«, sagte er, »daß Ihr Sohn Schuld war, daß Sie Ihre Stelle verloren. Wie kam dies?«

»Auf folgende Weise, Sir«, sagte Mr. Bashwood, aufgeregt wieder in den richtigen Gedankengang einlenkend. »Seine Herren ließen ihn gehen, aber sie hielten sich an seinen Bürgen, und dies war ich. Sie waren jedenfalls nicht zu tadeln; die Caution deckte ihren Verlust. Ich konnte nicht Alles aus meinen Ersparnissen bestreiten; ich mußte borgen —— auf mein Ehrenwort, Sir, ich konnte nicht anders, ich mußte borgen. Mein Gläubiger drängte mich; es schien grausam, doch wenn er das Geld brauchte, war es nicht mehr als billig. Haus und Hof wurden mir verkauft. Andere Herren würden wahrscheinlich dasselbe gesagt haben, was Sir John sagte; die meisten Leute würden sich wahrscheinlich geweigert haben, einen Verwalter zu behalten, welcher Execution im Hause gehabt hatte und dessen Hausgeräth in der Umgegend verkauft worden war. So endete die Sache, Mr. Midwinter. Ich brauche Sie jetzt nicht länger aufzuhalten —— hier ist Sir John’s Adresse, für den Fall, daß Sie an ihn schreiben wollen.«

Midwinter lehnte die Adresse großmüthig ab.

»Danke Ihnen bestens, Sir«, sagte M. Bashwood, sich zitternd erhebend. »Es wäre jetzt weiter nichts zu erwähnen, außer —— außer daß Mr. Pedgift für mich sprechen wird, wenn Sie sich gern nach meiner Aufführung, während ich in seinem Dienste war, erkundigen möchten. Ich bin Mr. Pedgift außerordentlich verpflichtet; er ist zuweilen ein wenig barsch gegen mich, aber hätte er mich nicht in seine Dienste genommen, so würde ich, glaube ich, ins Arbeitshaus haben gehen müssen, als ich von Sir John entlassen wurde —— ich war so gebrochen ——« Er nahm seinen schäbigen alten Hut vom Boden auf. »Ich will Sie nicht länger belästigen, Sir. Ich will mit Vergnügen wieder vorkommen, wenn Sie sich die Sache erst überlegen wollen, ehe Sie eine Entscheidung treffen.«

»Nach dem, was Sie mir gesagt haben, bedarf ich keiner Bedenkzeit«, erwiderte Midwinter mit Wärme, indem er sich zugleich der Zeit erinnerte, wo er Mr. Brock seine Geschichte erzählt und auf ein großherziges Wort der Erwiderung gewartet hatte, wie jetzt dieser Mann da vor ihm wartete. »Es ist heute Sonnabend«, fuhr er fort, »können Sie mir künftigen Montag meine erste Lection geben? Verzeihen Sie«, setzte er hinzu, über Mr. Bashwood’s überströmende Dankbarkeit staunend und ihn auf seinem Wege zur Thür anhaltend, »es ist noch eins zwischen uns abzumachen, nicht wahr? Wir haben noch nichts von Ihrem Interesse in der Sache erwähnt —— ich meine von den Bedingungen.« Er deutete damit ein wenig verlegen auf das pecuniäre Moment der Angelegenheit hin. Mr. Bashwood, der sich eiligst der Thür näherte, antwortete noch verlegener:

»Was Ihnen beliebt, Sir, was Ihnen recht dünkt. Ich will nicht länger stören —— ich will es Ihnen und Mr. Armadale überlassen.«

»Wenn Sie es wünschen, will ich Mr. Armadale rufen lassen«, sagte Midwinter, ihm in den Hausflur folgend. »Aber ich fürchte, daß er in derartigen Dingen ebenso wenig Erfahrung besitzt, wie ich. Vielleicht dürften wir uns, wenn Sie nichts dawider hätten, durch Mr. Pedgift bestimmen lassen?«

Mr. Bashwood ging eifrig auf diesen letzten Vorschlag ein und zog sich, während er sprach, bis an die Thür zurück. »Ja, Sir, —— o, ja, ja wohl! Niemand besser, als Mr. Pedgift. Stören Sie —— bitte, stören Sie Mr. Armadale nicht!« Seine wässerigen Augen sahen vor nervöser Angst förmlich wild aus, wie er sich im Lichte der Flurlampe auf einen Augenblick umwandte, um diese höfliche Bitte auszusprechen. Wäre nach Allan zu schicken gleichbedeutend gewesen mit dem Entfesseln eines wüthenden Kettenhundes, Mr. Bashwood hätte solchem Beginnen kaum ängstlicher vorbeugen können. »Ich wünsche Ihnen bestens Gute Nacht, Sir«, fuhr er fort, indem er auf die Hallenstufen hinaustrat. »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet; ich werde mich am Montag Morgen pünktlichst einstellen —— ich hoffe —— ich denke —— ich bin überzeugt, daß Sie bald alles erlernen werden, was ich Sie zu lehren vermag. Es ist nicht schwer —— o, mein Himmel, nein, durchaus nicht schwer! Ich wünsche Ihnen bestens Gutenacht, Sir. Ein schöner Abend, ja, in der That ein sehr schöner Abend zu einem Heimwege.«

Mit diesen Worten, die ihm gewissermaßen über Hals und Kopf von den Lippen stürzten, bemerkte er in einer wahren Todesangst von Verlegenheit, wie er seinen Abgang bewerkstelligen sollte, gar nicht Midwinter’s ausgestreckte Hand, sondern schritt geräuschlos die Stufen hinab und verlor sich in der Dunkelheit der Nacht.

Wie Midwinter in das Haus eintrat, öffnete sich die Thür des Speisezimmers, und sein Freund kam ihm im Flur entgegen.

»Ist Mr. Bashwood fort?« fragte Allan.

»Er ist fort«, erwiderte Midwinter, »er hat mir eine sehr traurige Geschichte erzählt und mich ein wenig beschämt, daß ich ihm ohne gerechte Ursache mißtraute. Ich bin mit ihm überein gekommen, daß er mir am Montag Morgen in der Verwalterstube meine erste Lection geben soll.«

»Sehr schön!« sagte Allan. »Du brauchst keine Sorge zu haben, alter Junge, daß ich Euch in Euren Studien stören werde. Ich habe wahrscheinlich Unrecht —— aber Mr. Bashwood gefällt mir nicht.«

»Ich habe wahrscheinlich Unrecht«, entgegnete der Andere ein wenig gereizt. »Mir gefällt er.«

Der Sonntag Morgen sah Midwinter im Park, wo er dem Briefboten auflauerte, für den Fall, daß dieser ihm fernere Nachrichten von Mr. Brock brächte.

Zur gewohnten Stunde erschien der Mann und händigte Midwinter den erwarteten Brief ein. Dieser öffnete denselben und las, diesmal ohne Störung besorgen zu müssen, wie folgt:

»Mein lieber Midwinter!

Ich schreibe mehr, um Sie zu beruhigen, als weil ich irgend etwas Bestimmtes zu sagen hätte. hatte keine Zeit, Ihnen in meinem letzten eiligen Briefe mitzutheilen, daß die ältere der beiden Frauen, denen ich in den Gärten begegnete, mir gefolgt war und auf der Straße mit mir gesprochen hatte. Ohne ungerecht gegen sie zu sein, glaube ich, was sie zu zu mir sagte, von Anfang bis zu Ende als ein Gewebe von Unwahrheiten bezeichnen zu dürfen. Jedenfalls bestätigte sie mich in dem Argwohne, daß eine Intrigue im Werke ist, deren Opfer Allan sein soll und daß die Hauptanstifterin des Complotes jenes schändliche Weib ist, das bei der Heirath seiner Mutter behilflich war und später ihren Tod beschleunigte.

In dieser Ueberzeugung habe ich kein Bedenken getragen, etwas für Allan zu thun, was ich für sonst Niemanden in der Welt zu thun im Stande wäre. Ich habe mein Hotel verlassen und mich mit meinem alten Diener Robert in einem Hause etabliert, demjenigen gegenüber, nach dem ich jenen beiden Frauen folgte. Wir liegen nun Tag und Nacht abwechselnd auf der Lauer, von den Leuten uns gegenüber völlig unbemerkt, wie ich gewiß bin. Alle meine Gefühle als die eines Geistlichen und Gentleman empören sich gegen eine solche Beschäftigung aber es bleibt mir keine andere Wahl. Ich muß entweder meiner Selbstachtung diese Gewalt anthun, oder Allan selbst mit seinem sorglosen Wesen und in seiner ungreifbaren Stellung sich gegen eine Elende vertheidigen, die, wie ich fest überzeugt bin, gerüstet ist, in der gewissenlosesten Weise seine Schwachheit und seine Jugend zu benutzen. Die Bitte seiner sterbenden Mutter ist mir stets im Gedächtniß und, Gott helfe mir! in Folge derselben erniedrige ich mich jetzt in meinen eignen Augen.

Das Opfer hat bereits einigen Lohn eingebracht. Ich habe heute (Sonnabend) einen ungeheuren Vortheil errungen —— ich habe das Gesicht der Person gesehen. Sie ging, wie zuvor, mit herabgelassenem Schleier aus, und Robert, der meine Instructionen erhalten, ihr, wenn sie nach Hause zurückkehrte, nicht zu folgen, behielt sie im Auge. Sie kam in der That nach Hause zurück, und der Erfolg war, wie ich erwartet, daß sie auf ihrer Hut zu sein vergaß. Ich sah ihr Gesicht unverschleiert am Fenster und später nochmals auf dem Balcon. Sollte sich irgend Anlaß bieten, daß Sie ihr Signalement brauchen, so will ich es Ihnen geben. Gegenwärtig habe ich nur zu erwähnen, daß sie reichlich so alt aussieht, wie Sie die Person schätzten (fünfunddreißig Jahre), und daß sie durchaus nicht so schön ist, wie ich sie mir, ich weiß kaum warum, gedacht hatte.

Das ist Alles, was ich Ihnen jetzt mittheilen kann. Wenn sich bis nächsten Montag oder Dienstag nichts weiter ereignet, so wird mir nichts anderes übrig bleiben, als die Mithilfe meiner Advocaten in Anspruch zu nehmen; obgleich es mir im höchsten Grade widerstrebt, diese zarte und gefährliche Angelegenheit andern Händen, als den meinigen, anzuvertrauen. Wenn ich indeß meine eigenen Gefühle gänzlich bei Seite setze, ist die Angelegenheit, welche meine Reise nach London veranlaßt, doch eine zu wichtige, als daß ich sie noch länger so leicht behandeln dürfte, wie ich es jetzt thue. Auf jeden Fall verlassen Sie sich darauf, daß ich Sie über den fernem Verlauf der Dinge ganz au fait erhalten werde.

Immer aufrichtig der Ihre

Decimus Brock.«

Midwinter hob diesen Brief am selben Orte auf, wo er schon den vorigen verwahrt hatte, in seinem Taschenbuche, zusammen mit der Erzählung von Allan’s Traume.

»Wie viele Tage noch?« fragte er sich auf dem Rückwege nach dem Hause. »Wie viele Tage noch?«

Nicht viele. Der erwartete Augenblick rückte heran.

Der Montag kam und mit, ihm Mr. Bashwood pünktlich zur bestimmten Stunde. Der Montag kam und fand Allan ganz absorbiert von den Vorbereitungen zu dem Picknick. Den ganzen Tag lang zu Hause und außer dem Hause hielt er eine Reihe von Besprechungen. Er hatte Geschäfte mit Mr. Gripper, mit dem Kellermeister und mit dem Kutscher, in ihren drei verschiedenen Departements des Essens, Trinkens und Fahrens. Er ging in die Stadt, um seine Rechtsanwälte hinsichtlich der »Breiten« zu Rathe zu ziehen und beide Advocaten, den Vater wie den Sohn in Ermangelung irgendwelcher anderer Nachbarn, die er einladen konnte, aufzufordern, sich an dem Picknick zu betheiligen. Pedgift Senior ertheilte, in seinem Departement, die allgemeine Auskunft, bat aber, daß Allan ihn von dem Picknick dispensiere, da er durch Geschäfte davon abgehalten werde. Pedgift juuior lieferte, in seinem Departement, die nöthigen Details und nahm, die Geschäfte preisgebend, mit dem größten Vergnügen die Einladung an. Von der Expedition der Advocaten zurück, begab Allan sich zunächst nach dem Häuschen des Majas, um sich der Zustimmung der jungen Dame für den Ort zu versichern, welchen er zur Vergnügungspartie in Aussicht genommen hatte. Nachdem dies besorgt war, kehrte er nach Hause zurück, um hier der letzten Schwierigkeit zu begegnen —— der Schwierigkeit, Midwinter zur Theilnahme an der Expedition nach den »Breiten« zu überreden.

Bei der ersten Erwähnung der Sache fand Allan seinen Freund fest entschlossen, zu Hause zu bleiben. Midwinter’s Widerstreben, nach dem, was sich im Parkhäuschen zugetragen, mit dem Major und dessen Tochter zusammenzukommen, wäre vielleicht zu überwinden gewesen. Allein sein Entschluß, den Unterrichts-Cursus Bashwoood’ nicht unterbrechen zu lassen, war unerschütterlich. Nachdem er die äußersten Anstrengungen gemacht, seinen Einfluß zur Geltung zu bringen, mußte sich Allan mit einem Vergleiche begnügen. Midwinter versprach, freilich nicht sehr bereitwillig, gegen Abend da zur Gesellschaft zu stoßen, wo ein Zigeuner-Thee stattfinden, mit dem die Festlichkeit des Tages geschlossen werden sollte. So weit war er bereit, die Gelegenheit zu benutzen, um sich mit den Milroys wieder auf freundschaftlichen Fuß zu stellen. Mehr könne er, selbst auf Allan’s dringende Bitten, nicht zugeben, und mehr zu fordern, sei völlig nutzlos.

Der Tag des Picknicks kam. Der schöne Morgen, sowie die fröhliche Geschäftigkeit bei den Vorbereitungen zu der Partie vermochten Midwinter nicht zu einer Aenderung seines Entschlusses zu verlocken. Zur gewohnten Stunde zog er sich vom Frühstückstisch zurück, um sich zu Mr. Bashwood in die Verwalterstube zu verfügen. Die Beiden saßen auf der Hinterseite des Hauses ruhig über ihren Büchern, während vorn das Packen der Proviantkörbe für das Picknick vor sich ging. Der junge Pedgift, klein von Gestalt, aufgeputzt und zuversichtlichen Wesens, kam, etwas vor der Abfahrtsstunde, um die Anordnungen zu überwachen und die letzten Maßregeln zu treffen, zu denen seine Ortskenntniß ihn berechtigte. Allan und er waren noch in eifriger Berathung mit einander begriffen, als sich das erste Hindernis; einstellte. Das Hausmädchen vom Parkhäuschen brachte Allan ein Billet von Miß Milroy und wartete unten aus Antwort.

Offenbar hatte bei diesem Anlaß Miß Milroy’s Gemüthsbewegung ihr Schicklichkeitsgefühl in den Hintergrund gedrängt. Der Ton des Briefes war ein fieberhaft aufgeregter, und die Schrift wanderte, in beklagenswerther Nichtachtung alles schicklichen Zwanges, schief auf und ab.

»O, Mr. Armadale«, schrieb die Tochter des Majors, »was für ein Unglück! Was sollen wir anfangen? Der Papa hat heute Morgen einen Brief von der Großmama wegen der neuen Gouvernante erhalten. Ihre Empfehlungen haben sieh als völlig befriedigend herausgestellt, und sie ist bereit, unverweilt zu kommen. Großmama meint, je eher je lieber (wie ärgerlich!), und sie sagt, wir dürfen sie —— die Gouvernante meine ich —— schon heute oder morgen erwarten. Papa sagt, er ist stets so lächerlich rücksichtsvoll gegen alle Leute, wir dürfen Miß Gwilt, für den Fall, daß sie heute anlangen sollte, nicht eintreffen lassen, ohne daß Jemand im Hause bleibt, um sie zu empfangen, Was sollen wir anfangen? Ich könnte weinen vor Verdruß. Miß Gwilt macht mir schon den unvortheilhaftesten Eindruck von der Welt, obgleich Großmama sagt, sie sei charmant. Wissen Sie irgendeinen Rath, lieber Mr. Armadale? Wenn Sie ihn haben, so wird Papa sich sicherlich fügen. Halten Sie sich nicht mit Schreiben auf, sondern senden Sie mir eine mündliche Antwort. Ich habe einen neuen Hut zu dem Picknick bekommen, und, o, die Qual, nicht zu wissen, ob ich ihn aufbehalten oder wieder abnehmen muß! ——

Aufrichtig die Ihre

L. M«

»Der Teufel hole Miß Gwilt!« sagte Alan, in hilfloser Bestürzung seinen Rechtsanwalt anstierend.

»Von ganzem Herzen, Sir; ich möchte durchaus nicht verhindern«, bemerkte Pedgift junior. »Darf ich fragen, was es gibt?«

Allan erzählte es ihm. Mr. Pedgift junior mochte seine Fehler haben, aber Verlegenheit um Auskunftsmittel gehörte nicht dazu.

»Es gibt einen Ausweg aus dieser Schwierigkeit, Mr. Armadale«, sagte er. »Wenn sie heute anlangt, so lassen Sie die Gouvernante mit zum Picknick kommen.«

Allan machte vor Erstaunen große Augen.

»Alle Pferde und Fuhrwerke in den Ställen und Remisen von Thorpe-Ambrose brauchen wir für unsre kleine Partie nicht«, fuhr der junge Pedgift fort. »Das versteht sich! Sehr gut also. Wenn Miß. Gwilt heute kommt, kann sie unmöglich vor fünf Uhr anlangen. Wieder gut. Sie lassen um diese Zeit einen offenen Wagen vor dem Hause des Majors halten, Mr. Armadale, und ich will dem Kutscher seine Anweisungen gehen, wohin er fahren soll. Wenn die Erzieherin im Parkhäuschen eintrifft, mag sie ein hübsches kleines Billet mit einer Entschuldigung vorfinden —— in Begleitung kalten Geflügels oder was man ihr sonst nach ihrer Reise vorsetzen mag —— worin sie ersucht wird, sich des Wagens zu bedienen, um sich dem Picknick anzuschließen. Beim Zeus, Sir«, sagte der junge Pedgift fröhlich, »sie muß in der That von empfindlicher Natur sein, wenn sie sich danach noch vernachlässigt fühlt!«

»Vortrefflich«, rief AlIan. »Es soll ihr jede Aufmerksamkeit erwiesen werden. Ich will ihr den Ponywagen mit dem weißen Geschirr geben, und sie soll sich selber fahren, wenn sie Lust hat.«

Er kritzelte eine Zeile, um Miß Milroy’s Angst zu beschwichtigen, und gab die nöthigen Befehle hinsichtlich der Ponykutsche. Zehn Minuten später hielten die für die Vergnügungsparties bestimmten Wagen vor der Thür.

»Jetzt, da wir uns ihretwegen all diese Mühe genommen«, sagte Allan, als sie aus dem Hause traten, »bin ich neugierig, ob wir, wenn sie wirklich heute kommt, sie beim Picknick sehen werden!«

»Komm ganz und gar auf ihr Alter an, Sir«, sagte der junge Pedgift mit der glücklichen Zuversicht, die ihn in so hohem Grade auszeichnete, sein Urtheil abgebend. »Ist sie alt, so wird sie von der Reise erschöpft sein und sich an dem kalten Kapaun stärken und das Haus halten. Ist sie jung, so verstehe ich entweder nichts von den Weibern, oder die Ponys mit dem weißen Geschirr bringen sie zum Picknick.«

Darauf fuhren sie nach dem Parkhäuschen ab.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

Die kleine Gruppe, die in Major Milroy’s Wohnzimmer versammelt war und auf die Wagen von Thorpe-Ambrose wartete, würde auf Niemanden, der nichts davon gewußt hätte, den Eindruck einer Gesellschaft gemacht haben, die einem Picknick entgegensähe. Soviel man sah, waren die Anwesenden in sattsam feierlich langweiliger Stimmung, um für Hochzeitsgäste gelten zu können.

Selbst Miß Milroy, obgleich sich vollkommen bewußt, daß ihr hübsches Musselinkleid und ihr schöner neuer Federhut sie vortrefflich kleideten, erschien in diesem unvortheilhaften Augenblicke als Miß Milroy unter einer Schattenwolke. Obgleich Allans Billet ihr in kräftigster Sprache die Versicherung gegeben, daß der eine große Zweck, die Ankunft der Erzieherin mit der Feier des Picknicks in Einklang zu bringen, erreicht sei, blieb ihr doch noch der Zweifel, ob Allans Plan, sei er, was er sei, von ihrem Vater gebilligt würde. Mit Einem Worte, Miß Milroy wollte sich ihres Vergnügens für den Tag nicht gewiß dünken, bis der Wagen vor der Thür halten und sie von dannen führen würde. Der Major seinerseits, zur Feier des Tages in einen knappen blauen Frack eingeknöpft, den er seit Jahren nicht getragen, und mit einer zwölfstündigen Trennung von seiner alten Freundin und Gefährtin, der Uhr, bedroht, war ein Mann so sehr außer seinem Fahrwasser, wie es nur je einen gegeben. Was die Freunde betraf, die auf Allan’s Wunsch dazu geladen worden, nämlich die Wittwe Mrs. Pentecost und ihr Sohn, Se. Ehrwürden Mr. Samuel Pentecost, so hätte man ganz England von einem Ende zum andern durchsuchen können, ohne ein Paar Leute zu entdecken, die weniger zur Lust des Tages beizutragen geeignet waren, als diese Beiden. Ein junger Mann, der seine Rolle in der Gesellschaft spielt, indem er durch eine grüne Brille zuschaut und mit einem krankhaften Lächeln zuhört, mag wohl ein Wunder von Verstand und ein Abgrund von Tugend sein, aber für ein Picknick ist er kaum der rechte Mann. Eine alte Dame, die an Taubheit leidet, deren einziges unerschöpfliches Thema ihr Sohn ist und die bei den glücklicherweise seltenen Gelegenheiten, wo ihr Sohn spricht, Jeden eifrigst fragt: » »Was sagt mein Sohn?« ist eine Person, die vermöge ihrer Gebrechen zu Mitleid und wegen ihrer mütterlichen Zärtlichkeit zu aller Achtung berechtigt, allein ist es irgendwie zu umgehen, nicht gerade zu einem Picknick taugt. Ein solcher Mann aber war Se. Ehrwürden Mr. Samuel Pentecost, und eine solche Frau war Sr. Ehrwürden Mutter; und in Ermangelung anderer produzierbarer Gäste waren sie engagiert, heute auf Mr. Armadales Vergnügungspartie nach den »Breiten« von Norfolk zu essen, zu trinken und fröhlich zu sein.

Die Ankunft Allan’s, der von seinem getreuen Begleiter, Pedgift junior, gefolgt ward, fachte die sinkenden Lebensgeister der Gesellschaft im Parkhäuschen wieder an. Der Plan, der Erzieherin die Mittel an die Hand zu geben, um sich dem Picknick anschließen zu können, genügte selbst dem Major in seinem Wunsche: der Dame, die er in seinem Hause aufzunehmen im Begriff stand, alle Aufmerksamkeit zu erzeigen. Nachdem sie die erforderliche Entschuldigung und Einladung geschrieben und in ihrer besten Handschrift an die Gouvernante adressiert, lief Miß Milroy hinauf, um ihrer Mutter Adieu zu sagen, und kehrte mit lächelndem Gesicht und einem Seitenblicke auf ihren Vater zurück, um zu verkünden, daß sie jetzt das Haus verlassen könnten. Die Gesellschaft verfügte sich unverzüglich an das Gartenpförtchen und sah sich, dort angelangt, der zweiten großen Schwierigkeit des Tages gegenüber. In welcher Weise sollten sich die sechs Personen des Picknicks in die beiden offenen Vehikel theilen, die ihrer warteten?

Da legte Pedgift junior abermals seine unschätzbaren Talente in Bezug auf Auskunftsmittel an den Tag. Dieser höchst begabte junge Mann besaß in einem erstaunlichen Grade ein den meisten jungen Leuten unseres Zeitalters eigenthümliches Talent: er war vollkommen fähig, sein Vergnügen zu genießen, ohne darüber seine Geschäfte zu vergessen. Ein Client, wie der Squire von Thorpe-Ambrose, fiel seinem Vater nur sehr selten in den Schooß, und es war daher des jungen Pedgift’s Geschäft, daß er Allan den ganzen Tag hindurch eine besondere, doch nicht aufdringliche Aufmerksamkeit erwies, ein Geschäft, das er vom Anfang bis zum Ende der Lustpartie keinen Augenblick aus dem Gesichte verlor, während er sich zu gleicher Zeit als Leben und Seele des Festes bewahrte. Er hatte auf den ersten Blick erkannt, wie es zwischen Allan und Miß Milroy stand, und sorgte auf der Stelle für die Erfüllung der nach dieser Richtung hin gehenden Wünsche seines Clienten, indem er sich erbot, um seiner Ortskenntniß willen, im ersten Wagen voran zu fahren und Major Milroy und den Geistlichen um ihre Begleitung ersuchte. »Wir werden an einer für einen Soldaten sehr interessanten Stelle vorbeikommen, Sir«, sagte der junge Pedgift mit seiner glücklichen und dreisten Zuversicht zum Major, »an den Ueberresten eines römischen Feldlagers. Und mein Vater, Sir, der einer der Beitragenden ist«, fuhr der angehende Advocat zum Geistlichen gewendet fort, wünscht, daß ich Sie um Ihre Ansicht über die neue Kleinkinderschule befrage, die in Little Gill Beck gebaut wird. Wollen Sie mir dieselbe auf unserer Fahrt gütigst mittheilen?« Er öffnete den Wagenschlag und half dem Major und dem Geistlichen hinein, ehe weder der Eine noch der Andere Einwendungen zu erheben im Stande war. Dies hatte die nothwendige Folge, daß Allan und Miß Milroy in einem und demselben Wagen zusammen fuhren und noch des Extravortheils einer tauben alten Duena genossen, welche des Squires Höflichkeiten in den unerläßlichen Schranken hielt.

Allan hatte sich noch nie eines Zusammenseins mit Miß Milroy erfreut, wie es ihm jetzt auf der Fahrt nach den, »Breiten« zu Theil wurde. Die liebe alte Dame that, nachdem sie ein paar Anekdoten über ihren Sohn erzählt, das Eine, was noch fehlte, um das Glück ihrer beiden jugendlichen Gefährten vollständig zu machen »— sie ward für die Gelegenheit absichtlich eben sowohl blind, wie sie taub war. Eine Viertelstunde, nachdem der Wagen das Häuschen des Majors verlassen, sank die arme gute Seele, auf bequemen weichen Kissen ruhend und von lauen Sommerlüften angefächelt, in einen friedlichen Schlummer. Allan machte seinen Hof und Miß Milroy gestattete die Fabrication dieses zuweilen sehr kostbaren Gegenstandes menschlichen Verkehrs —— beide vollkommen gleichgültig gegen das in zwei Noten spielende feierliche Aecompagnement, das die arglose Nase der Predigersmutter abgab. Die einzige Unterbrechung, die das Hofmachen erlitt, denn das Schnarchem als ein seiner Natur nach bei weitem ernsteres und dauernderes Ding, ward nicht unterbrochen, kam von Zeit zu Zeit von dem voran fahrenden Wagen. Nicht zufrieden, des Majors römisches Feldlager und des Predigers Kleinkinderschule im Kopfe zu haben, erhob Pedgift junior sich hin und wieder in seinem Wagen, rief das ihnen folgende Fuhrwerk an und lenkte mit durchdringender Tenorstimme und in höchst gewählten Ausdrücken Allan’s Aufmerksamkeit auf die interessanten Punkte der Fahrt. Das Einzige, was ihn zum Schweigen brachte, war die stereotype Antwort: »Ja, herrlich!« die Allan zurückbrüllte, worauf Mr. Pedgift in den Tiefen seines Wagens wieder verschwand und die Römer und Kinder da wieder aufnahm, wo er sie hatte fallen lassen.

Die Gegend, durch die jetzt die Gesellschaft fuhr, verdient weit größerer Aufmerksamkeit, als ihr sowohl von Allan wie von seiner Freundin zu Theil wurde.

Eine Fahrt von einer Stunde hatte den jungen Armadale und seine Gäste über den Bereich von Midwinter’s einsamen Spaziergängen hinausgebracht und führte sie einem der eigenthümlichsten und anmuthigsten Naturbilder immer näher, welches die Binnenlandschaft nicht nur von Norfolk, sondern von ganz England aufzuweisen hat. Je mehr die Wagen sich der entlegenen und einsamen Breitengegend näherten, je mehr veränderte« sich allmählig die Landschaft Die Weizen- und Rübenfelder wurden sichtlich seltener, und die fetten grünen Weideplätze mit ihrem weichen schwellenden Rasen dehnten sich zu beiden Seiten weiter und weiter aus. Haufen von trockenem Rohr und Binsen lagen für Korbmacher und Dachdecker am Wege aufgestapelt. Die alten Giebelhäuschen, an denen sie auf der ersten Strecke ihrer Fahrt vorüber gekommen, verschwanden, und Lehmhütten erschienen an ihrer Stelle. Außer den alten Kirchthürmen und den Wind- und Wassermühlen, welche bisher die einzigen Gegenstände gebildet hatten, die man aus dem flachen Marschboden aufragen gesehen, erhoben sich jetzt rings am Horizonte die Segel von unsichtbaren Booten, die langsam hinter einem fernen Saume niedriger Weidenbäume auf unsichtbaren Gewässern dahinglitten. Alle die Linien des seltsamen und überraschenden, von der gewöhnlichen Erscheinung völlig abweichenden Bildes, wie es ein binnenländischer Ackerbaubezirk darbietet, welcher, durch das ihn umspannende verworrene Netz von Sümpfen und Wassern von seinen Umgebungen abgeschlossen, seinen Verkehr zu Wasser anstatt zu Lande bewerkstelligen muß, begannen in immer gedrängterer Reihenfolge sich zu zeigen. Netze erschienen auf den Hüttengeländern; kleine flache Boote lagen fremdartig zwischen den Blumen der Hüttengärtchen; Ackersleute gingen in einer merkwürdig zusammengesetzten Tracht umher, die zugleich auf See- und auf Landleben deutete, in Matrosenhüten, Fischerstiefeln und Bauernkitteln —— und noch immer war das niedrige Wasserlabyrinth in seiner geheimnißvollen Einsamkeit ein verstecktes Labyrinth. Eine Minute später bogen die Wagen plötzlich von der harten Landstraße in einen kleinen grasbewachsenen Nebenweg ein. Geräuschlos rollten die Räder über den feuchten schwammigen Boden dahin. Eine einsame kleine Hütte mit ihren Netzen und Booten erschien. Ein paar Ellen weiter, und das letzte Stückchen fester Erde endete mit einem Male in eine kleine Bucht und einen Hafendamm. Und am Ende des Dammes —— da, rechts und links ihren großen glänzenden, glatten Wasserspiegel ausgießend, da, so rein in ihrem makellosen Blau, so still in ihrem himmlischen Frieden wie der Sommerhimmel über ihr, lag die erste der Norfolk-Breiten.

Die Wagen hielten, das Hofmachen hatte ein Ende und die ehrwürdige Mrs. Pentecost, die in einem Augenblicke völlig ihrer Stimme mächtig ward, heftete, sowie sie vermochte, ihre Augen streng auf Allan.

»Ich lese in Ihrem Gesicht, Mr. Armadale«, sagte die alte Dame scharf, »daß Sie glauben, ich habe geschlafen.«

Das Schuldbewußtsein wirkt auf die beiden Geschlechter verschieden.In neun Fällen von zehn ist es ein weit minder unbequemes Bewußsein bei den Frauen, als bei den Männern. Die Verlegenheit war diesmal ganz und gar auf der Seite des Mannes. Während Allan erröthete und verlegen aussah, umarmte Miß Milroy mit einem hellen unschuldigen Gelächter schnell die alte Dame. »Er ist einer solchen Aehnlichkeit, Sie für eingeschlafen gehalten zu haben, ganz unfähig, liebe Mrs. Pentecost«, sagte die kleine Heuchlerin.

»Ich möchte Mr. Amardale nur wissen lassen«, fuhr die alte Dame, noch immer auf Allan argwöhnisch, fort, »daß ich, da mir leicht schwindlig wird, im Wagen die Augen schließen muß. Die Augen schließen, Mr. Armadale, ist etwas ganz anderes als einschlafen. Wo ist mein Sohn?«

Se. Ehrwürden, Mr. Samuel, erschien schweigend mit seiner grünen Brille und seinem kränklichen Lächeln in schönster Ordnung an der Wagenthür und war seiner Mutter beim Aussteigen behilflich.

»Hat Dir die Fahrt gefallen, Sammy?« fragte die alte Dame. »Herrliche Gegend, nicht wahr, mein Söhnchen?« Der junge Pedgift, welchem die ganzen Vorkehrungen zur Entdeckungsreise nach den »Breiten« zufielen, war eifrig beschäftigt, den Bootsleuten seine Befehle zu ertheilen. Major Milroy saß gelassen und geduldig allein auf einem umgestülpten Fischerboote und sah heimlich nach seiner Uhr. War Mittag schon vorbei? Schon länger als eine Stunde. Seit langen Jahren hatte die berühmte Uhr zu Hause zum ersten Male in einer leeren Werkstatt geschlagen und ihre Künste produziert Der Major seufzte, als er seine Uhr wieder in die Tasche steckte. »Ich fürchte, ich bin für derlei Partien zu alt«, dachte der gute Mann, indem er sich träumerisch umsah. »Mir scheint, ich finde nicht so viel Vergnügen daran, als ich mir gedacht hatte. Wann werden wir nun auf dem Wasser fahren? wo ist Neelie?«

Neelie, oder schicklicher gesprochen, Miß Milroy, befand sich mit dem Veranstalter des Picknicks hinter einem der Wagen. Sie waren in das interessante Thema von ihren Taufnamen vertieft, und Allan war so nahe daran, ihr einen directen Heirathsantrag zu machen, wie dies einem sorglosen jungen Herrn von zweiundzwanzig Jahren nur möglich ist.

»Sagen Sie mir die Wahrheit«, sprach Miß Milroy, die Augen bescheiden auf den Boden heftend, »als Sie zuerst meinen Namen erfuhren, gefiel er Ihnen nicht, wie?«

»Mir gefällt Alles, was Ihnen angehört«, erwiderte Allan entschieden. »Ich finde, daß Eleonore ein wunderschöner Name ist, und dennoch denke ich fast, ich weiß nicht warum, daß der Major ihn noch verschönerte, als er ihn in Neelie umwandelte.«

»Ich kann Ihnen sagen, warum, Mr. Armadale«, entgegnete die Tochter des Majors mit großem Ernste. »Es gibt in dieser Welt unglückliche Menschen, deren Namen —— wie soll ich es gleich ausdrücken? —— deren Namen nicht für sie passen. Der meine paßt nicht für mich. Ich tadle meine Eltern deshalb nicht, denn als ich noch ein kleines Kind war, konnten sie natürlich nicht wissen, zu welcher Art von Wesen ich heranwachsen würde. So aber —— passen mein Name und ich nicht für einander. Wenn man eine junge Dame Eleonore nennen hört, so denkt man sich augenblicklich ein großes, schlankes, schönes, interessantes Geschöpf ganz das Gegentheil von mir! Bei meinem Aeußeren klingt Eleonore lächerlich —— und deshalb ist Neelie, wie Sie selbst bemerkten, gerade das Rechte. Nein! nein! sagen Sie nichts weiter darüber —— ich habe genug davon; wenn wir einmal von Namen reden müssen, so habe ich einen andern Namen im Kopfe, der weit würdiger ist, besprochen zu werden.«

Sie warf dabei ihrem Gefährten einen verstohlenen Blick zu, welcher deutlich genug sagte: »Es ist Ihr Name Allan trat einen Schritt näher zu ihr heran und dämpfte, ohne die geringste Notwendigkeit, die Stimme zu einem geheimnißvollen Flüstern herab. Miß Milroy nahm augenblicklich ihre Untersuchung auf dem Erdboden wieder auf. Sie betrachtete denselben mit einem so außerordentlichen Interesse, daß ein Geologe sie fast des Kokettierens mit den oberen Gesteinsschichten hätte beargwöhnen können.

»An welchen Namen denken Sie?« fragte Allan. Miß Milroy richtete ihre Antwort in Gestalt einer Bemerkung an die oberen Schichten und lief; diese in ihrer Beschaffenheit als Schallleiter damit anfangen, was ihnen beliebte: »Wenn ich ein Mann gewesen wäre«, sagte sie, »so hätte ich Allan heißen mögen!«

Sie fühlte, während sie sprach, wie seine Blicke auf sie geheftet waren, und war, den Kopf abwendend, plötzlich tief in den Anstrich des Kutschkasten versunken. »Wie wunderhübsch!« rief sie mit einem raschen Ausbruche von Interesse für das weit umfassende Thema von Lack und Firniß aus. »Ich möchte wissen, wie das da gemacht wird?«

Der Mann beharrt und das Weib gibt nach. Allan wollte sich vom Hofmachen nicht zum Wagenbau ableiten lassen. Miß Milroy ließ den Gegenstand fallen.

»Nennen Sie mich bei meinem Taufnamen, wenn Ihnen derselbe wirklich gefällt«, flüsterte er in überredendem Tone. »Nennen Sie mich Allan —— nur dies eine Mal, bloß zum Versuch.«

dies eine Mal, blos zum Versuch«

Sie zögerte mit erhöhter Farbe und einem allerliebsten Lächeln und schüttelte den Kopf. »Ich könnte es —— noch nicht«, antwortete sie leise.

»Darf ich Sie Neelie nennen? Oder ist es noch zu früh?«

Sie sah ihn von neuem an, während sich die Musselinhülle ihrer Brust bewegte und ein Blitz von Zärtlichkeit aus ihren dunkelgrauen Augen flammte.

»Sie wissen es am besten«, sagte sie mit mattem Flüstern.

Die unvermeidliche Antwort schwebte auf Allans Lippen. Doch in demselben Augenblicke, da er zu sprechen im Begriff war, erscholl der entsetzlich hohe Tenor des jungen Pedgift, der nach »Mr. Armadale« rief, lustig durch die stille Luft. Zugleich erschien von der andern Seite des Wagens die glotzende Brille des diensteifrig suchenden geistlichen Herrn, Mr. Samuel Pentecost, und die Stimme der Mutter des geistlichen Herrn, die mit großer Geistesgewandtheit die beiden Ideen von der Nähe des Wassers und einer plötzlichen Bewegung in der Gesellschaft mit einander in Verbindung gebracht hatte, fragte in Tönen der Verzweiflung, ob Jemand ertrunken sei? Die Empfindung flieht und die Liebe schaudert bei jeder lauten Demonstration. Allan sagte: »Verdammt!« und begab sich zum» jungen Pedgift. Miß Milroy seufzte und suchte Zuflucht bei ihrem Vater.

»Ich hab’s zu Stande gebracht, Mr. Armadale!« rief der junge Pedgift, seinen Gönner froh begrüßend. »Wir können Alle zusammen auf dem Wasser fahren; ich habe das größte Boot aus den »Breiten« gemiethet. Die kleinen Nachen«, setzte er mit leiserer Stimme hinzu, wie er nach den Dammstufen voranging, »fassen, abgesehen davon, daß sie wackelig sind und leicht umschlagen, nur zwei Personen außer dem Bootführer, und der Major sagte mir, er erachte es, wenn wir Alle in einzelnen Booten führen, als seine Pflicht, mit seiner Tochter zu fahren. Ich dachte, daß dies kaum angehen würde, Sir«, fuhr der junge Pedgift mit achtungsvoll pfiffigem Nachdruck auf die Worte fort. »Und überdies hätten wir die alte Dame, wenn wir sie mit ihrem Gewicht, zweihundertfünfzig Pfund; in einen Nachen gesetzt hätten, fortwährend kopfüber im Wasser gehabt, was Verzug herbeigeführt und einen Dämpfer auf unser Vergnügen gesetzt hätte. Da ist das Boot, M. Armadale. Was sagen Sie dazu?«

Das Boot war abermals eine der wundersamen Erscheinungen auf den »Breiten.« Es war nichts anderes als ein derbes altes Rettungsboot, das nach einer stürmisch verlebten Jugend auf dem wilden salzigen Meere seinen Lebensabend auf dem glatten Süßwasser zubrachte. In der Mitte des Fahrzeugs war eine kleine gemüthliche Kajüte für Freunde der Entenjagd im Winter gebaut und vorn ein Mast mit Segel für Binnenschiffahrt errichtet. Es war reichlicher Raum für die Gäste, das Diner und die drei Bootführer vorhanden. Allan klopfte seinem getreuen Adjutanten beifällig auf die Schulter, und selbst Mrs. Pentecost gewann, sobald sich die ganze Gesellschaft gemüthlich am Bord etabliert fand, eine verhältnißmäßig heitere Ansicht von dem Picknick.

»Sollte sich irgendein Unglück ereignen«, sagte die alte Dame, zur Gesellschaft im Allgemeinen sich wendend, »so gibt es wenigstens Einen Trost für uns Alle —— mein Sohn kann schwimmen.«

Das Boot glitt von der Bucht in die stillen Gewässer der »Breite« hinaus, und die ganze Schönheit der Scenerie erschloß sich dem Auge.

Im Norden und Westen lag, wie das Boot die Mitte des Sees erreicht hatte, das Ufer hell und flach im Sonnenschein da, hie und da von Reihen dunkler Zwergbäume umsäumt und da und dort in den offeneren Zwischenräumen mit Windmühlen und roth bedachten Lehmhütten besetzt. Nach Süden verengerte sich die große Wasserfläche allmählig zu einer Gruppe von nah aneinander liegenden Inselchen, welche die Aussicht schlossen, während im Osten eine lange, sich sanft hinschlängelnde Linie von Schilf den Windungen des Sees folgte und die jenseits liegende Wasserwüste dem Blicke völlig abschnitt. So klar und leicht war die Sommerluft, daß die einzige Wolke, die sich am östlichen Horizonte zeigte, in dem Rauchkräuseln bestand, welches ein drei Meilen, oder mehr, entfernter Dampfer aus der unsichtbaren See zurückgelassen hatte. Wenn die Stimmen der Lustpartie schwiegen, ließ sich nah und fern kein Laut vernehmen, außer dem leisen Plätschern am Bug, während die Männer mit dem langsamen gelassenen Schlage ihrer langen Ruderstangen das Boot leicht über das flache Wasser bewegten. Es war, als sei die Welt und ihr Getümmel aus immer weit hinten am Lande zurückgeblieben. die Stille war magisch —— das Verschmelzen der weichen Reinheit des Himmels mit der hellen Ruhe des Sees entzückend.

In vollkommener Bequemlichkeit im Boote installiert —— der Major und seine Tochter auf der einen, der Geistliche und seine Mutter auf der andern Seite und Allan und der junge Pedgift zwischen beiden —— schaukelte die Gesellschaft sanft dem kleinen Inselneste am Ende der »Breite« zu. Miß Milroy schwamm in Entzücken; Allan war begeistert, und der Major vergaß seine Uhr. Jeder empfand auf seine Weise die Ruhe und Schönheit des Anblicks. Mrs. Pentecost fühlte sie auf ihre Art, wie eine Hellseherin mit geschlossenen Augen.

»Sehen Sie sich um, Mr. Armadale«, flüsterte der junge Pedgift. »Ich glaube, der Pastor beginnt sich zu amüsieren.«

In der That zeigte sich in diesem Augenblicke eine ungewohnte Munterkeit im Wesen des Geistlichen —— offenbar der Vorläufer einer kommenden Rede.

Wie ein Vogel bewegte er den Kopf von einer Seite zur andern, er räusperte sich, faltete die Hände und blickte mit milder Theilnahme auf die Gesellschaft. Das Vergnügt werden hatte bei diesem vortrefflichen Menschen eine beunruhigende Aehnlichkeit mit den letzten Vorbereitungen zur Kanzelbesteigung.

»Selbst in dieser friedlichen Stille«, sagte Se. Ehrwürden, mit seiner ersten Bemerkung zur Unterhaltung der Gesellschaft beitragend, »wird das christliche Gemüth —— gewissermaßen von einem Extrem zum andern geführt und mächtiglich an die Wandelbarkeit aller irdischen Freuden erinnert. Wie wäre es, wenn diese Ruhe nicht fortdauertet? Wenn sich die Winde erhöben und die Gewässer empörten?«

»Sie brauchen sich deshalb nicht zu ängstigen, Sir«, sagte der junge Pedgift; »der Juni ist hier die günstigste Jahreszeit, und Sie können schwimmen.«

Mrs. Pentecost, von der unmittelbaren Nähe ihres Sohnes wahrscheinlich magnetisch berührt, öffnete plötzlich die Augen und fragte mit ihrem gewohnten Eifer: »Was sagt mein Sohn?«

Se. Ehrwürden wiederholte seine Worte in dem Tone, der dem Gebrechen seiner Mutter entsprach. Die alte Dame nickte hohen Beifall und verfolgte den Gedankengang ihres Sohnes vermittelst eines Citats.

»Ach!« seufzte Mrs. Pentecost mit unaussprechlichem Behagen. »Er reitet auf dem Sturmwind, Sammy, und lenke den Sturm!«

»Edle Worte!« entgegnete Se. Ehrwürden. »Edle und trostreiche Worte!«

Hören Sie«, flüsterte Allan, »was machen wir, wenn er sich noch lange in dieser Weise ergeht?«

»Ich sagte Dir« wohl, Papa, daß es gewagt sei, sie einzuladen«, fügte Miß Milroy ebenfalls flüsternd hinzu

»Mein liebes Kind!« stellte ihr der Major vor. »Wir kannten sonst Niemanden in der Umgegend, und da Mr. Armadale uns gütig anbot, unsere Freunde mitzubringen, blieb uns ja nichts anderes übrig.«

»Wir können das Boot nicht umkippen«, bemerkte der junge Piedgift mit teuflischem Ernst. »Es ist unglücklicherweise ein Rettungsboot. Darf ich den Vorschlag wagen, Mr. Armadale, daß Sie dem geistlichen Herrn etwas in den Mund stecken? Es ist fast drei Uhr. Was meinen Sie, sollen wir zu Tische läuten, Sir?«

Noch nie war der rechte Mann mehr an dem rechten Platze, als der junge Pedgift bei diesem Picknick. In zehn Minuten lag das Boot in dem Schilfe still. Die Proviantkörbe von Thorpe-Ambrose wurden auf dem Kajütendache ausgepackt und dem Strome der Beredtsamkeit des geistlichen Herrn war damit für heute Einhalt gethan.

Wie unermeßlich wichtig in seinen moralischen Folgen, und darum wie lobenswerth an sich, ist das Essen und Trinken! Die gesellschaftlichen Tugenden finden ihren Mittelpunkt im Magen. Ein Mann, der nach seinem Mittagsessen nicht ein besserer Gatte,Vater oder Bruder ist, muß, unter uns gesagt, ein unheilbar lasterhafter Mensch sein. Welche verborgenen Charaktervorzüge entfalten sich; welche schlummernden Liebenswürdigkeiten erwachen nicht über Tische! Beim Oeffnen der Proviantkörbe von Thorpe-Ambrose ergoß sich eine süße Geselligkeit (ein Sprößling jener glücklichen Verbindung von Civilisation und Mrs. Gripper) über unsere Lustpartie und schmolz die widerstrebenden Elemente, aus denen diese bisher zusammengesetzt gewesen, zu einer lieblichen Mischung zusammen. Nun konnten Se. Ehrwürden, Mr. Samuel Pentecost, dessen Licht bis jetzt unter einem Scheffel gestanden, beweisen, daß er etwas thun könne, indem er bewies, daß er zu essen vermochte. Nun glänzte Mr. Pedgift heller als je durch Perlen von kaustischem Humor und durch seine Unerschöpflichkeit an gesellschaftlichen Hilfsquellen. Nun bewiesen der Squire und der reizende weibliche Gast des Squires die dreifache Verbindung von sprudelndem Champagner, kühner werdender Liebe und den Augen, in deren Wörterbuch das Nein fehlt. Nun tauchten in der Erinnerung des Majors frohe alte Zeiten auf, und lustige alte Geschichten, die seit Jahren nicht erzählt worden, fanden den Weg auf seine Lippen. Und nun zeigte sich Mrs. Pentecost in der vollen Stärke ihrer schätzenswerthen Mütterlichkeit, indem sie eine überschüssige Gabel ergriff und dieses nützliche Instrument unablässig zwischen den ausgesuchtesten Bissen der ganzen Versammlung von Schüsseln und den wenigen leeren Stellen auf den Tellern des ehrwürdigen Pfarrers spielen ließ. »Lachen Sie nicht über meinen Sohn«, schrie die alte Dame, die Heiterkeit bemerkend, die ihr Verfahren unter der Gesellschaft hervorrief. »Es ist meine Schuld, der arme, liebe Junge —— ich bringe ihn zum Essen!« Und dennoch gibt es Leute auf dieser Welt, die, wenn sie Tugend en sich an der Speisetafel entfalten sehen, wie solche sich nirgend anderswo entfalten, das herrliche Privilegium des Essens mit jenen kleinen Leiden des menschlichen Lebens in eine Kategorie stellen können, die uns die Nothwendigkeit auferlegt —— wie zum Beispiel das Zuknöpfen der Weste, oder das Zuschnüren des Corsets! Einem solchen Ungeheuer vertraue man nimmer seine zarten Geheimnisse an, weder Gefühle der Liebe, noch des Hasses, weder der Hoffnung noch der Furcht. Sein Herz wird von seinem Magen nicht gebessert, und die gesellschaftlichen Tugenden leben nicht in ihm.

Die letzten warmen Stunden des Tages und die ersten kühlen Lüfte des langen Sommerabends begegneten sich, ehe alle die Schüsseln abgeräumt und die Flaschen so leer waren, wie Flaschen es sein sollen. Als man in dieses Stadium gelangte, blickte die Picknickpartie träge nach Pedgift junior hinüber, um von ihm zu erfahren, was nun zunächst geschehen solle. Wie immer war dieser unerschöpfliche Würdenträger allen Anforderungen an ihn gewachsen. Ehe noch ein Mitglied der Gesellschaft ihn fragen konnte, welche Unterhaltung an die Reihe kommen sollte, hatte er sie schon in Bereitschaft.

»Lieben Sie die Musik auf dem Wasser, Miß Milroy?« fragte er in der leichtesten und liebenswürdigsten Weise.

Miß Milroy vergötterte die Musik auf dem Wasser sowohl, als zu Lande —— den einen Fall immer ausgenommen, wenn sie die Kunst selbst zu Hause auf dem Clavier üben mußte.

»Zuvörderst müssen wir uns aus dem Schilf herausarbeiten«, sagte der junge Pedgift. Er ertheilte den Bootsleuten seine Befehle, tauchte behende in die kleine Kajüte hinab und kam mit einer Ziehharmonica in der Hand wieder zum Vorschein.

»Hübsch, Miß Milroy, nicht wahr?« sagte er auf seinen Namenszug deutend, der in Perlmutter auf dem Instrument eingelegt war. »Ich heiße Augustus, wie mein Vater. Einige meiner Freunde streichen das »A« und nennen mich »Gustus junior.« Ein mäßiger Witz reicht weit unter Freunden, nicht wahr, Mr. Armadale? Ich singe ein wenig, meine Herren und Damen, und begleite mich selber; und wenn Sie es wünschen, wird es mich stolz und glücklich machen, Ihnen mein Bestes zu produzieren.«

»Halt!« rief Mrs. Pentecost. »Ich schwärme für Music.«

Mit dieser fürchterlichen Verkündung öffnete die alte Dame eine gewaltige Ledertasche, von der sie sich Tag und Nacht nicht trennte, und nahm ein Höhrrohr von jener altmodischen Form heraus, welche die Mitte hielt zwischen Horn und Trompete. »Für gewöhnlich bediene ich mich nicht gern dieses Instruments«, rief Mrs. Pentecost, »weil ich fürchte, es könnte mich tauber machen, als ich es schon bin. Aber ich kann und will mir die Musik nicht nehmen lassen. Ich schwärme für Musik. Wenn Du das andere Ende halten willst, Sammy, so will ich dies in mein Ohr stecken. Neelie, mein Kind, lassen Sie ihn beginnen.«

Der junge Pedgift litt nicht an Verlegenheit oder Schüchternheit. er begann sofort nicht etwa mit Liedern von der neuen leichten Art, wie man sie von seinem Alter und seinem Charakter hätte erwarten dürfen, sondern mit declamatorischen und patriotischen Dithyramben, welche in jene kühne und rauschende Musik gesetzt waren, wie sie die Engländer zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts liebten und, wenn sie ihnen vorgeführt wird, noch immer lieben. »Der Tod Marmion’s«, »Die Schlacht auf dem Baltischen Meer«, »Die Bucht von Biscaya«, »Nelson« in verschiedenartigen Compositionen, wie der selige Brahom sie gab —— dies waren die Gesänge, in denen die brausende Ziehharmonica und des jungen Pedgift’s greller Tenor mit einander schwelgten. »Sagen Sie mir, wenn Sie genug davon haben, meine Damen und Herren«, sprach der rechtsgelehrte Troubadour. »Ich bin nicht eitel. Möchten Sie zur Abwechselung etwas Gefühl haben? Soll ich mit dem »Mistelzweig« und der »Armen Mary Anne« vielleicht schließen?«

Nachdem er seine Zuhörer durch diese beiden letzten heiteren Melodien erfreut hatte, ersuchte Pedgift die übrige Gesellschaft ehrfurchtsvoll, seinem Beispiele zu folgen, und erbot sich zugleich, ein laufendes Accompagnement dazu zu improvisieren, wenn der Sänger ihm nur den Grundton anzugeben die Güte haben wolle.

»Fahre doch Jemand fort!« rief Mrs. Pentecost eifrig. »Ich wiederhole Ihnen, ich schwärme für Musik. Wir haben noch nicht zur Hälfte genug gehabt; wie, Sammy?«

Der geistliche Herr gab keine Antwort. Der unglückliche Mann hatte seine Gründe —— nicht gerade in seiner Brust, sondern etwas weiter unten —— um inmitten der allgemeinen Fröhlichkeit und des allgemeinen Beifalls zu schweigen. Du arme Menschheit! Selbst die mütterliche Liebe kann durch die irdische Trüglichkeit der Dinge vergällt werden. Seiner vortrefflichen Mutter bereits für Vieles verpflichtet, hatte Se. Ehrwürden ihr jetzt noch eine starke Indigestion zu verdanken.

Indessen bemerkte noch Niemand die Zeichen und Merkmale des inneren Aufruhres im Gesichte des geistlichen Herrn. Jedermann war beschäftigt, Jeden um ein Lied zu bitten. Miß Milroy bat den Gastgeber. »Bitte, singen Sie etwas, Mr. Armadale«, sagte sie, »ich möchte Sie so gern hören!«

»Wenn Sie einmal den Anfang gemacht, Sir«, fügte der heitere Pedgift hinzu »werden Sie die Fortsetzung außerordentlich leicht finden. Die Musik ist eine Wissenschaft, die man gleich anfangs bei der Kehle packen muß.«

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Allan in seiner gutmüthigen Art. »Ich weiß eine Masse von Liedern, aber das Schlimmste dabei ist, daß mir die Worte entfallen. Ob ich wohl im Stande sein werde, mich auf ein einziges von Moore’s Liedern zu besinnen. Meine liebe Mutter fand Gefallen daran, mich, als ich noch ein kleiner Bursche war, Moore’s Lieder zu lehren.«

»Wessen Lieder?«fragte Mrs. Pentecost »Moore’s? Aha! Ich weiß den Tom Moore auswendig.«

»Ja diesem Falle werden Sie vielleicht die Güte haben, mir zu Hilfe zu kommen, Madame, wenn mein Gedächtniß mir den Dienst versagt«, erwiderte Allan. »Ich will die leichteste Melodie in der ganzen Sammlung wählen, wenn Sie erlauben. Sie ist Jedem bekannt —— »Eveline’s Laube.«

»Ich bin im allgemeinen mit den Volksmelodien von England, Schottland und Irland vertraut«, sagte Pedgift junior. »Mit dem größten Vergnügen will ich Sie begleiten, Sir. So, dass ist ungefähr die richtige Weise.« Er setzte sich mit gekreuzten Beinen auf dass Dach der Kajüte und brach in eine complicirte musikalische Improvisation aus, die wunderbar anzuhören war —’ ein Gemisch von Cadenzen und Aechzen; ein Hopser durch einen Grabgesang gehoben —— ein Grabgesang durch einen Hopser erheitert. »So ist? recht«, sagte der junge Pedgift mit seinem Lächeln der höchsten Zuversicht »Losgeschossen, Sir!«

Mrs. Pentecost erhob ihre Trompete und Allan seine Stimme. »»O, weinet um die Stunde, wenn zu Eveline’s Laube ——."« Er hielt inne; die Begleitung hielt inne; die Zuhörer warteten. »Aeußerst merkwürdig«, sagte Allan, »ich dachte, ich hätte die nächste Zeile auf der Zunge, und jetzt scheint sie mir entfallen zu sein. Ich will noch einmal von vorn anfangen, wenn Sie nichts dawider haben: »O, weinet um die Stunde, wenn zu Eveline’s Laube ——«

»Mit falschen Schwüren trat heran der Ritter aus dem Thale"«, half Mrs. Pentecost ein.

»Danke, Madame«, sagte Allan »Jetzt wird es gehen. »O, weinet um die Stunde, wenn zu Eveline’s Laube mit falschen Schwüren trat heran der Ritter aus dem Thale. Hell schien der Mond ——«

»Nein!« sagte Mrs. Pentecost.

»Ich bitt« um Verzeihung, Madame«, sagte Allan.

»Hell schien der Mond ——«

»Es siel dem Monde gar nicht ein«, sagte Mrs. Pentecost.

In der Voraussicht eines Streites beharrte Pedgift junior im Interesse der Harmonie bei einer sotto voce Begleitung.

»Das sind Moore’s eigenen Worte, Madame«, sagte Allan, »in dem Exemplar seiner »Melodien«, welches meine Mutter besaß ——«

»Dann stand es falsch im Exemplar Ihrer Mutter«, entgegnete Mrs. Pentecost. »Habe ich Ihnen nicht soeben gesagt, daß ich den Tom Moore auswendig weiß?«

Die friedenstiftende Ziehharmonica säuselte und stöhnte noch immer in Moll.

»Nun, was hat denn der Mond sonst gethan?«« fragte Allan in Verzweiflung.

»Das, was der Mond thun mußte, Sir, oder Tom Moore würde es nicht so geschrieben haben«, entgegnete Mrs. Pentecost. »Dem Himmel dieser Nacht der Mond entzog sein Licht, und um die Schande weint er Eveline’s! Ich wollte, der junge Mann stellte das Spielen ein«, setzte Mrs. Pentecost hinzu, ihre zunehmende Aergerlichkeit an Gustus juuior auslassend. »Ich habe genug von ihm —— er kitzelt mir die Ohren.«

»Sie machen mich stolz, Madame«, sagte der freche Pedgift. »Die ganze Wissenschaft der Musik besteht im Ohrenkitzel.«

»Es scheint, wir gerathen in eine Art von Streit«, bemerkte der Major gelassen. »Wäre es nicht besser, wenn Mr. Armadale mit seinem Liede fortführe?«

»Bitte, fahren Sie fort, Mr. Armadale«, sprach die Tochter. »Bitte, Mr. Pedgift, fahren Sie fort!«

»Der Eine weiß die Worte nicht und der Andere kennt die Melodie nicht«, sagte Mrs. Pentecost »Laßt sie fortfahren, wenn sie können!«

»Thut mir leid, Ihre Wünsche zu vereiteln, Madame«, sagte Pedgift junior; »ich meinestheils bin bereit fortzufahren, so lange es den Herrschaften beliebt. Also, Mr. Armadale!«

Allan öffnete die Lippen, um da wieder anzufangen, wo er abgebrochen hatte. Ehe er jedoch einen Ton herausbringen konnte, stand plötzlich der Geistliche mit todesbleichem Antlitze auf und preßte die Hand auf die mittlere Region seiner Weste.

»Was gibt’s?« rief die ganze Gesellschaft im Chor.

»Ich fühle mich überaus unwohl«, sagte Se. Ehrwürden, Mr. Samuel Pentecost.

Augenblicklich war das Boot in einem Zustande der Verwirrung. »Eveline’s Laube« erstarb auf Allan’s Lippen, und selbst die unheilvolle Ziehharmonica des jungen Pedgift war endlich zum Schweigen gebracht. Indeß war der Alarm ganz überflüssig. Mrs. Pentecost’s Sohn besaß eine Mutter, und diese Mutter hatte eine Ledertasche. In zwei Minuten hatte die Heilkunst die Stelle der allgemeinen Aufmerksamkeit eingenommen, welche bisher die Musik inne gehabt hatte.

»Reibe Dir’s ein wenig, Sammy«, sagte Mrs. Pentecost. «Ich will die Flaschen herausnehmen und Dir etwas eingehen. Es ist sein armer Magen, Herr Major. Halte mir Jemand das Hörrohr, und lassen Sie das Boot still stehen. Nehmen Sie diese Flasche, Neelie, liebes Kind, und Sie diese, Mr. Armadale. Und gebt mir sie her, sowie ich sie brauche. Ach, mein armer lieber Junge, ich weiß wohl, was ihm fehlt! Es fehlt ihm an Kräften hier, Major —— kalt, sauer und schlaff. Ingwer zum Warmen, Soda zur Herstellung, flüssiges Salz zur Stärkung. Hier, Sammy,trink’ es, ehe es flau wird —— und dann geh’ und lege Dich in der Hundehütte dort nieder, die man hier die Kajüte nennt. Keine Musik mehr«, sagte Mrs. Pentecost, mahnend den Finger gegen den Eigenthümer der Ziehharmonica erhebend, »außer etwa einer Hymne, dann habe ich nichts dagegen.«

Da Niemand in der passenden Gemüthsstimmung zu sein schien, um eine Hymne zu singen, griff der hochbegabte Pedgift in seinen Schatz von Localkenntnissen und brachte eine neue Idee zum Vorschein. Der Curs des Boots ward unter seiner Anweisung augenblicklich verändert. In wenigen Minuten sah sich die Gesellschaft in einer kleinen Inselbucht, an deren äußerstem Ende eine einsame Hütte stand und wo ein förmlicher Schilfwald rings alle Aussicht ausschloß.

»Was sagen Sie dazu, meine Herrschaften, wenn wir ans Land stiegen und uns einmal solch’ eine Schilfschneider-Hütte ansähen?« fragte Pedgift.

»Wir sagen ja dazu, das versteht sich«, erwiderte Allan. »Ich fürchte, unser Vergnügen hat durch Mr. Pentecost’s Krankheit und Mrs. Pentecost’s Ledertasche einen kleinen Dämpfer erhalten«, setzte er flüsternd, zu Miß Milroy gewendet, hinzu. »Eine derartige kleine Veränderung ist genau das, was uns wieder in das rechte Geleise bringen wird«

Er und der junge Pedgift halfen Miß Milroy aus dem Boote. Mrs. Pentecost saß, die Ledertasche auf dem Schooße, regungslos, wie die ägyptische Sphinx, und hielt Wache über Sammy in der Kajüte.

»Wir müssen die Fröhlichkeit im Gange erhalten, Sir«, sagte Allan, während er dem Major beim Aussteigen behilflich war. »Wir sind mit unserem Amüsement noch nicht halb zu Ende.«

Seine Stimme bestätigte seine feste Ueberzeugung von solcher Perspective so kräftig, daß selbst Mrs. Pentecost ihn hörte und unheilverkündend das Haupt schüttelte.

»Ach!« seufzte die Mutter des Geistlichen. »Wenn Sie so alt wie ich wären, junger Herr, so würden Sie nicht ganz so fest an das Vergnügen des Tages glauben!«

So sprach, die Voreiligkeit der Jugend tadelnd, das vorsichtige Alter. Die negative Ansicht ist allbekannt in der ganzen Welt die sicherste —— und die Pentecost’sche Philosophie erweist sich im Allgemeinen folglich als die richtige.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel.

Es war nahe an sechs Uhr, als Allan und seine Freunde das Boot verließen, und schon senkte sich der Abend’ geheimnißvoll und still über die Wasserwüste der »Breiten.«

Das Ufer dieser wilden Gegend glich keinem andern Ufer. So fest dasselbe aussah, war doch der Boden des Gartens vor dem Rohrschneider-Häuschen wankender Boden, der sich unter dem Drucke des Fußes hob und senkte und kleine Sümpfe durchsickern ließ. Die Bootsleute, welche die Gäste führten, mahnten sie, sich streng an den Weg zu halten und deuteten durch offene Stellen im Schilfrohr und in den Weidenbüschen auf Rasenflecke, auf welche Fremde zuversichtlich getreten sein würden und wo doch die Erdrinde über der bodenlosen Tiefe von Schlamm und Wasser nicht stark genug war, nur ein Kind zu tragen. Die einsame, mit Theer überzogene Holzhütte stand auf einem Pfahlroste. Am einen Ende des Daches erhob sich ein kleiner hölzerner Thurm, der in der Entenjagdzeit als Luginsland diente. Von dieser Höhe aus schweifte das Auge weit über die Wasser- und Sumpfwüste dahin. Hätte der Schilfschneider sein Boot verloren, so wäre er von allem Verkehr mit Dorf oder Stadt so vollständig abgeschnitten gewesen, als wenn er statt in einer Hütte auf einem Leuchtschiff gewohnt hätte. Weder er noch seine Familie beklagte sich über diese Einsamkeit oder sah darum im geringsten wilder oder übler aus. Seine Frau empfing die Fremden gastlich in einem gemüthlichen kleinen Zimmer, mit einer Balkendecke und mit Fenstern, die den Kajütenfenstern eines Schiffes glichen. Der Vater seiner Frau erzählte Geschichten aus jenen famosen Tagen, wo die Schmuggler in der Nacht vom Meere heraufkamen, mit gedämpften Rudern durch das Netz von Flüssen ruderten, bis sie die einsamen »Breiten« erreichten und, weit außer dem Bereiche der Küstenwächter, ihre Rumfässer ins Wasser senkten. Seine wilden kleinen Kinder spielten Verstecken mit den Gästen, und erstaunt und entzückt über den neuen Anblick von allem, was sie sahen, gingen diese im Hause und auf dem Stückchen festen Landes umher, auf dem das Häuschen stand. Der Einzige, der auf das Vorrücken des Abends achtete, der Einzige, welcher der fliehenden Zeit und der wartenden Pentecosts im Boote gedachte, war der junge Pedgift. Dieser erfahrene Lootse aus den »Breiten« sah heimlich nach seiner Uhr und zog Allan bei der ersten Gelegenheit auf die Seite.

»Ich möchte Sie nicht treiben, Mr. Armadale«, sagte Pedgift junior, »aber es fängt an spät zu werden und außerdem kommt eine Dame in Frage.«

»Eine Dame?« wiederholte Allan.

»Ja, Sir«, erwiderte der junge Pedgift; »eine Dame aus London, nebst einem, erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, Ponywagen und weißem Geschirr.«

»Gerechter Himmel, die Gouvernante!« rief Allan. »Wie! Wir haben sie ganz vergessen.«

»Aengstigen Sie sich nicht, Sir; wir haben noch vollauf Zeit, wenn wir nur sogleich wieder ins Boot steigen. Die Sache steht so, Mr. Armadale. Wie Sie sich erinnern werden, kamen wir überein, unsern Zigeunerthee an der nächsten »Breite«, Hurle Mere, einzunehmen.«

»Ganz recht«, sagte Allan. »Hurle Mere ist die Stelle, wo mein Freund Midwinter uns zu treffen versprochen hat.«

»Hurle Mere ist die Stelle, an der die Erzieherin sich einfinden wird, Sir, wenn der Kutscher meine Instructionen befolgt«, fuhr der junge Pedgift fort. »Wir haben fast eine Stunde zu rudern, um zwischen den engen Gewässern nach Hurle Mere zu kommen, und nach meiner Berechnung miissen wir, wollen wir die Gouvernante und Ihren Freund treffen, in fünf Minuten wieder an Bord sein.«

»Auf keinen Fall dürfen wir meinen Freund verfehlen«, sagte Allan, »und die Gouvernante natürlich ebenso wenig. Ich will’s dem Major sagen.«

Major Milroy war eben im Begriff. den hölzernen Wachtthurm zu ersteigen, um von dort die Aussicht zu genießen. Der stets behilfliche Pedgift erbot sich, ihn zu begleiten und ihm doppelt so schnell alle nothwendige Auskunft über die ganze Gegend zu geben, wie der Schilfschneider dies über die nächste unmittelbare Umgebung hätte thun können.

Allan blieb stiller und gedankenvoller als gewöhnlich vor der Hütte stehen. Sein letztes Gespräch mit dem jungen Pedgift hatte ihn zum ersten Male, seit sie ihre Lustfahrt angetreten, an den Freund erinnert. Es überraschte ihn, daß Midwinter, der sonst so beständig seine Gedanken erfüllte, jetzt so lange diesen fern geblieben war. Wie eine Selbstanklage fiel es ihm auf die Seele, wie er nun des treuen Freundes zu Hause gedachte, der in seinem Interesse und für ihn über den Rechnungsbüchern schwitzte. »Der liebe alte Junge!« dachte Allan. »Wie werde ich mich freuen, ihn an Hurle Mere zu treffen; das Vergnügen des Tages wird nicht vollständig sein, bevor er sich nicht unter uns befindet!«

»Habe ich Recht oder Unrecht, Mr. Armadale wenn ich glaube, daß Sie an Jemanden denken?« fragte eine sanfte Stimme hinter ihm.

Allan wandte sich um und sah die Tochter des Majors neben ihm stehen. Miß Milroy, die eine gewisse zärtliche Unterhaltung hinter dem Wagen nicht vergessen, hatte gesehen, wie ihr Verehrer nachdenklich allein stand und beschlossen, ihm, während ihr Vater und der junge Pedgift auf dem Wachtthurme waren, noch eine Gelegenheit zu geben.

»Sie wissen Alles«, sagte Allan lächelnd. »Ich dachte in der That an Jemanden.«

Miß Milroy warf ihm einen verstohlenen Blick zu, einen Blick sanfter Ermuthigung. Nach dem, was sich an diesem Morgen zwischen ihnen zugetragen, konnte nur ein einziges menschliches Wesen Mr. Armadale’s Gedanken beschäftigen! Es war nur ein Art der Barmherzigkeit, wenn sie ihn alsbald wieder auf das vor wenigen Stunden gestörte Gespräch über das Thema von den Namen brachte.

»Auch ich habe an Jemanden gedacht«, sagte sie, das kommende Geständniß halb herausfordernd und halb zurückweisend »Wenn ich Ihnen den Anfangsbuchstaben des Namens meines Jemand sage, wollen Sie mir dann den Anfangsbuchstaben des Ihrigen mittheilen?«

»Ich will Ihnen alles sagen, was Sie wollen«, erwiderte Allan in höchster Begeisterung.

Noch immer sträubte sie sich kokett wider den Gegenstand, den sie gerade zur Sprache zu bringen wünschte. »Sagen Sie mir Ihren Buchstaben zuerst«, sprach sie leise, den Kopf von ihm abwendend.

Allan lachte. »Mein Anfangsbuchstabe ist M«, sagte er.

Sie zuckte ein wenig zusammen. Seltsam, daß er bei ihrem Familiennamen an sie dachte, anstatt bei ihrem Taufnamen —— doch das machte wenig aus, so lange er nur wirklich an sie dachte.

»Wie heißt Ihr Buchstabe?« fragte Allan. Sie erröthete und lächelte »A, wenn Sie es durchaus wissen wollen«, antwortete sie mit widerstrebendem Flüstern. Sie warf ihm abermals einen verstohlenen Blick zu und verlängerte schwelgerisch ihren Hochgenuß an dem kommenden Geständnisse.

»Wie viele Silben hat der Name?« fragte sie, während sie mit ihrem Sonnenschirme verlegen im Sande zeichnete.

Kein Mann, der nur die mindeste Kenntniß vom weiblichen Geschlechte besessen, würde an Allan’s Stelle die Unvorsichtigkeit begangen haben, ihr die Wahrheit zu sagen. Allan, der ganz und gar nichts von der Frauennatur verstand und unter allen nur erdenklichen Verhältnissen nach rechts und links die Wahrheit sagte, antwortete, als hätte er vor den Gerichtsschranken gestanden.

»Es ist eine Name von drei Silben«, sagte er.

Miß Milroy’s niedergeschlagenen Augen blitzten ihn an.

»Drei!« wiederholte sie im äußersten Erstaunen.

Allan war von einer zu tiefgewurzelten Offenheit, um sich selbst jetzt noch warnen zu lassen, »Ich zeichne mich allerdings im Buchstabieren nicht besonders aus«, sagte er mit seinem leichtherzigen Lächeln. »Aber ich glaube nicht, daß ich einen Fehler begehe, wenn ich Midwinter als einen Namen von drei Silben bezeichne. Ich dachte an meinen Freund — —aber lassen wir meine Gedanken. Sagen Sie mir, wer A ist —— sagen Sie mir, an wen Sie dachten?«

»An den ersten Buchstaben des Alphabets, Mr. Armadale, und ich bitte auf das Bestimmteste, Ihnen nichts weiter sagen zu dürfen.«

Mit dieser vernichtenden Antwort öffnete die Tochter des Majors ihren Sonnenschirm und ging allein nach dem Boote zurück.

Allan stand wie versteinert da. Wenn Miß Milroy ihm eine Ohrfeige gegeben hätte —— und es ist nicht zu leugnen, daß sie im Stillen große Lust hatte, ihre Hand einem solchen Zwecke zu widmen ——, so hätte er kaum verdutzter sein können. »Was, in aller Welt habe ich gethan?« fragte er sich rathlos, während der Major und der junge Pedgift sich zu ihm gesellten und die Drei zusammen nach dem Wasser hinab gingen »Was wird sie nun zunächst zu mir sagen?«

Sie sagte ganz und gar nichts —— sie sah Allan nicht einmal an, als er sich im Boote niederließ. Da saß sie mit ungewöhnlich glänzenden Augen und leuchtenden Wangen und legte die größte Theilnahme für das Befinden des Geistlichen, für Mrs. Pentecost’s Laune, für Mr. Pedgift, für den sie mit Ostentation an ihrer Seite Platz machte, für die Gegend und die Hütte des Schilfschneiders, für Alles und Jeden an den Tag, außer für Allan, den sie noch vor fünf Minuten mit dem größten Vergnügen von der Welt geheirathet haben würde. »Ich werd’s ihm nie verzeihen!« dachte die Tochter des Majors. »An jenes ungezogene Scheusal zu denken, während ich an ihn dachte —— und mich dies fast bekennen zu lassen, ehe ich ihn verstanden hatte! Dem Himmel sei Dank, daß Mr. Pedgift im Boote ist!«

In dieser Gemüthsverfassung machte Miß Neelie sich unverzüglich ans Werk, den jungen Pedgift zu bezaubern und Allan zu vernichten. »O, Mr. Pedgift wie außerordentlich gescheidt und freundlich von Ihnen, uns jene reizende kleine Hütte zu zeigen! Einsam, Mr. Armadale? Ich finde sie durchaus nicht einsam; ich möchte hier lieber wohnen, als irgend sonst wo in der Welt. Was wäre unser Picknick wohl ohne Sie gewesen, Mr. Pedgift? Sie können sich gar nicht denken, wie vortrefflich ich mich amüsiert habe, seit wir ins Boot stiegen. Kühl, Mr. Armadale? Was denken Sie nur, wenn Sie sagen, es sei kühl; es ist der wärmste Abend, den wir noch im ganzen Sommer gehabt haben. Und die Musik, Mr. Pedgift; wie freundlich von Ihnen, Ihre Harmonica mitzubringen! Ob ich Sie wohl auf dem Clavier begleiten könnte? Ich möchte es einmal versuchen. O ja, Mr. Armadale, ich glaube wohl, daß Sie auch dachten, etwas musikalisch zu sein, und ich zweifle nicht, daß Sie sehr gut singen, wenn Sie den Text wissen; aber, um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich habe Moore’s Lieder niemals leiden können und werde sie nimmer leiden mögen.«

So unbarmherzig geschickt handhabte Miß Milroy jene schärfste aller weiblichen Waffen —— die Zunge ——, und so würde sie noch länger fortgefahren haben, wenn Allan nur die erforderliche Eifersucht verrathen oder der junge Pedgift ihr die nothwendige Ermuthigung gegeben hätte. Aber ihr böses Geschick hatte es gefügt, daß sie sich zwei Männer zu Opfern erkoren, die unter den bestehenden Verhältnissen völlig unangreifbar waren. Allan erfreute sich einer zu harmlosen Unkenntniß von allen weiblichen Spitzfindigkeiten und Empfindlichkeiten, um etwas Anderes zu verstehen, als daß die reizende Neelie auf ganz unbegreifliche Weise und ohne die geringste Ursache auf ihn böse war. Der schlaue Pedgift unterwarf sich, wie es einem scharfsichtigen jungen Manne unserer heutigen Generation zukommt, weiblichem Einflusse nur, während er sein eigenes Interesse fortwährend fest im Auge behielt. Gar mancher junge Mann in früheren Zeiten, der doch kein Narr war, hat Alles der Liebe geopfert. Nicht ein Einziger unter Zehntausenden unseres heutigen Geschlechts, die Narren ausgenommen, opfert ihr je einen Heller. Eva’s Töchter erben noch immer die Vorzüge ihrer Mutter und begehen ihrer Mutter Fehler. Aber die Söhne Adam’s unserer Zeit sind Männer, die den berühmten Apfel mit einer Verbeugung und einem »Danke sehr! ich könnte dadurch in Ungelegenheiten gerathen!« zurückgegeben haben würden. Als Allan, überrascht und getäuscht, sich von Miß Milroy entfernte und nach dem Vordertheile des Boots begab, stand der junge Pedgift auch auf und folgte ihm. »Du bist ein sehr hübsches Mädchen«, dachte der pfiffige und verständige junge Mann; »aber ein Client bleibt ein Client, —— und es thut mir leid, Ihnen zu sagen, Miß, daß es nicht angeht.« Unverzüglich machte er sich an die Aufgabe, Allan aufzuheitern, indem er dessen Aufmerksamkeit auf einen neuen Gegenstand lenkte. Im Herbste sollte auf einer der »Breiten" eine Regatta stattfinden, und das Gutachten seines Clienten, als eines ausgezeichneten Schiffers, mußte dem Comité von Nutzen sein. »Es wäre etwas Neues für Sie, eine Segelpartie auf süßem Wasser, Sir, sollt’ ich denken!« sagte er in seiner einschmeichelndsten Weise, und Allan antwortete mit augenblicklicher Theilnahme: »Ganz neu! Bitte, erzählen Sie mir mehr davon.«

Die andere Gesellschaft am entgegengesetzten Ende des Boots schien Mrs. Pentecost’s Zweifel, ob die Heiterkeit der Picknickpartie bis zu Ende vorhalten werde, zu bestätigen. Der natürliche Verdruß der armen Neelie, den Allan’s Ungeschicklichkeit ihr verursacht, war jetzt durch das nagende Bewußtsein der erlittenen Niederlage und Demüthigung bis zu entschiedenem stillen Groll gestiegen. Der Major war in sein gewohntes träumerisches zerstreutes Wesen versunken, sein Geist schwang sich mit den Rädern seines Uhrwerkes einförmig um. Der geistliche Herr barg seine Indigestion noch immer in der Kajüte vor den Blicken der Sterblichen, und seine Mutter saß mit einer zweiten Dosis in Bereitschaft und hielt Wache an der Thür. Frauen in Mrs. Pentecost’s Alter und von ihren Gemüthsanlagen, finden meistens Vergnügen an ihrer eigenen üblen Laune. »Dies also«, seufzte die alte Dame, mit einer Miene sauerer Genugthuung den Kopf hin- und herwiegend, »nennt man eine Lustpartie wie? Acht wie thöricht wir sind, unseren bequemen häuslichen Herd zu verlassen!«

Inzwischen glitt das Boot sanft zwischen den Windungen des Wasserlabyrinths hin, welches zwischen den beiden »Breiten« lag. Rechts und links gab es jetzt keine andere Aussicht, als endlose Reihen von Schilf. Nah und fern ließ sich kein Laut vernehmen, —— nirgendwo erschien eine Spur von bebautem oder bewohntem Boden. »Ein klein wenig öde hier herum, Mr. Armadale«, sagte der ewig heitere Pedgift. »Aber wir haben es eben überstanden. Sehen Sie sich um, Sir! Da sind wir bei Hurle Mere angelangt.«

Das Schilfrohr wich rechts und links zurück und das Boot glitt plötzlich in den weiten Kreis eines Teiches. Die zunächst liegende Hälfte dieses Teiches säumte noch immer das ewige Schilf; um die ferner liegende zeigte sich wieder festes Land, bald als kahle Hügel, bald als grasige Anhöhen über dem Wasser aufragend. An einer Stelle war der Boden zu einer Pflanzung benutzt, und an einer andern standen die Wirthschaftsgebäude eines alten rothen Ziegelhauses neben dem sich, der Gartenmauer entlang laufend, ein schmaler Nebenweg hinzog, der am Teiche endete. Die Sonne sank am klaren Himmel und das Wasser begann schon da, wo es von der Sonne nicht vergoldet ward, die kalte schwarze Farbe der Nacht anzunehmen. Die Einsamkeit, die auf der andern Breite wohlthuend gewesen war, und die Stille, die dort etwas Magisches gehabt hatte, solange der Tag noch auf seiner Höhe stand, waren hier eine Einsamkeit, welche traurig machte —— und eine Stille, die in der Ruhe und Melancholie des sinkenden Tages kalt ans Herz schlug.

Das Boot wurde über den See nach einer Bucht des grünen Ufers gelenkt. Ein paar jener flachen kleinen Nachen, die den »Breiten« eigenthümlich sind, lag in der Bucht, und die Schilfschneider, denen die Fahrzeuge gehörten, kamen, von dem Anblick von Fremden überrascht, hinter einer Ecke der Gartenmauer hervor und glotzten dieselben schweigend an. Kein anderes Lebenszeichen ringsum. Die Schilfschneider hatten keinen Ponywagen gesehen; kein Fremder, weder Mann noch Weib, hatte sich heute noch an dem Ufer des Hurle Mere gezeigt.

Der junge Pedgift warf abermals einen Blick auf seine Uhr und wandte sich zu Miß Milroy. »Mögen Sie nun die Gouvernante vorfinden oder nicht, wenn Sie nach Thorpe-Ambrose zurückkehren«, sagte er, »hier aber können Sie dieselbe nicht mehr erwarten. Sie wissen am besten, Mr. Armadale«, wendete er sich an diesen, »ob« darauf zu rechnen ist, daß Ihr Freund seiner Uebereinkunft mit Ihnen getreu bleibt!«

»Gewiß ist darauf zu rechnen«, erwiderte Allan, indem er mit unverhohlenem Bedauern über Midwinter’s Abwesenheit sich rings umsah.

»Sehr gut«, fuhr Pedgift junior fort. »Wenn wir unser Feuer zum Zigeunerthee auf der offenen Stelle dort anzünden, so wird Ihr Freund uns durch den Rauch auffinden können, Sir. Das ist ein Indianerkniff, um einen Verlorengegangenen auf der Prairie wiederzufinden, Miß Milroy —— und es ist hier fast wild genug zu einer Prairie, nicht wahr?«

Es gibt gewisse Versuchungen, namentlich leichterer Art, denen zu widerstehen nicht im Bereiche der weiblichen Natur liegt. Die Versuchung, die ganze Macht ihres Einflusses als des der einzigen jungen Dame der Gesellschaft geltend zu machen, um Allan’s Vorkehrungen zum Rendezvous mit seinem Freunde über den Haufen zu werfen, war zu groß für die Tochter des Majors. Mit einem Blicke, der ihn hätte niederschmettern sollen —— doch was hätte je einen Advocaten niedergeschmettert? —— wandte sie sich an den lächelnden Pedgift.

»Mir scheint, das da ist der einsamste, ödeste und abscheulichste Platz, den ich je in meinem ganzen Leben gesehen habe!« sagte Miß Neelie. »Wenn Sie darauf bestehen, hier Thee zu machen, Mr. Pedgift, so bereiten Sie keinen für mich. Nein! Ich werde im Boote bleiben, und obgleich ich geradezu verdurste, werde ich doch nichts anrühren, bis wir wieder auf dem andern See sind!«

Der Major öffnete die Lippen, um Einsprache zu erheben. Zur unaussprechlichen Freude seiner Tochter stand jedoch Mrs. Pentecost von ihrem Sitze auf, ehe er noch ein Wort sagen konnte, und fragte, nachdem sie die ganze Landschaft überschaut und darin nichts erspäht hatte, was einem Fuhrwerke glich, voll Entrüstung ob sie den ganzen Weg bis dahin zurück machen müßten, wo sie Mittags die Wagen verlassen hätten. Da sie fand, daß dies in der That beabsichtigt wurde und daß die Wagen wegen der Natur der Umgebungen nicht nach Hurle Mere hätten bestellt werden können, ohne zugleich den ganzen Weg nach Thorpe-Ambrose zurück zu machen, erklärte Mrs. Pentecost augenblicklich, im Interesse ihres Sohnes, daß nichts sie dazu bewegen solle, nach Einbruch der Nacht noch länger auf dem Wasser zu bleiben. »Rufen Sie mir ein Boot!« schrie die alte Dame in großer Aufregung. »Ueberall wo Wasser ist, da ist auch immer ein Nachtnebel, und wo ein Nachtnebel ist, da erkältet sich mein Sohn Samuel jedes mal. Reden Sie mir nicht von Ihrem Mondschein und Ihrem Thee vor —— Sie sind Alle nicht recht bei Sinnen. Hollah! Ihr beiden Männer dort!« rief Mrs. Pentecost den schweigsamen Schilfschneidern am Ufer zu. »Ich gebe Euch Jedem einen Sixpence, wenn Ihr mich und meinen Sohn in Eurem Boote zurückfahrt!«

Ehe der junge Pedgift sich noch ins Mittel legen konnte, beseitigte Allan selbst die Schwierigkeit in vollkommen guter Laune und Geduld.

»Es kann nicht davon die Rede sein, Mrs. Pentecost«, sagte er, »daß Sie in irgendeinem andern Boote zurückfahren, als in dem, in welchem Sie gekommen sind. Da der Ort Ihnen und Miß Milroy mißfällt, so ist nicht die mindeste Nothwendigkeit vorhanden, daß außer mir hier noch irgendwer ans Land geht. Ich aber muß ans Land. Mein Freund Midwinter hat mir noch nie sein Wort gebrochen, und ich kann Hurle Mere nicht verlassen, so lange noch die Möglichkeit existiert, daß er unser Rendezvous einhält. Aber es liegt nicht der geringste Grund vor, daß ich deshalb irgendwie im Wege sein sollte. Sie haben den Major und Mr. Pedgift als Beschützer bei sich, und wenn Sie sogleich umkehren, können Sie noch vor Dunkelwerden zu den Wagen zurückgelangen. Ich will hier noch eine halbe Stunde auf meinen Freund warten —— und dann kann ich Ihnen in einem der Schilfboote folgen.«

»Das ist das Vernünftigste, was Sie heute noch gesagt haben, Mr. Armadale«, bemerkte Mrs. Pentecost, sich in gewaltiger Eile wieder niedersetzend »Sagen Sie ihnen, daß sie sich beeilen!« rief die alte Dame, die Faust gegen die Bootsleute schüttelnd. »Sagen Sie ihnen, daß sie sich beeilen!«

Allan gab die nothwendigen Befehle und stieg ans Land. Der kluge Pedgift suchte, sich fest an seinen Clienten schmiegend, ihm zu folgen.

»Wir können Sie hier nicht allein lassen, Sir«, versicherte er eifrig flüsternd »Lassen Sie den Major nach den Damen sehen und mich bei Ihnen am See bleiben.«

»Nein, nein!« sagte Allan ihn zurückdrängend. »Sie sind Alle in schlechter Stimmung am Bord. Wollen Sie sich mir nützlich machen, so bleiben Sie als guter Gesell da, wo Sie sind, und halten das Ganze im Gange.«

Er winkte mit der Hand und die Leute stießen vom Ufer ab. Alle schwenkten die Hand zum Gruße, nur die Majorstochter nicht, welche das Gesicht unter ihrem Sonnenschirme verbarg. In Neelie’s Augen standen schwere Thränen. Ihr letzter Groll gegen Allan erstarb und ihr Herz flog reuig zu ihm zurück, sowie er das Boot verlassen hatte. »Wie gut er gegen uns Alle ist!« dachte sie, »und welch’ ein elendes Geschöpf ich bin!« Sie stand auf, dem drängenden Impulse ihres Herzens folgend, ihr Unrecht gegen ihn wieder gut zu machen. Sie stand auf und schaute ihm, ohne sich an die Rücksichten der Convenienz zu kehren, mit sehnsüchtigen Blicken und gerötheten Wangen nach, wie er einsam am Ufer stand. »Bleiben Sie nicht lange, Mr. Armadale!« sagte sie mit völliger Nichtachtung dessen, was die Gesellschaft denken würde.

Das Boot war bereits weit ins Wasser hinausgestochen, und trotz Neelie’s Entschlossenheit waren doch ihre Worte mit so leiser Stimme gesprochen, daß sie nicht bis zu Allan’s Ohr dringen konnten. Der einzige Laut, den er hörte, als das Boot am entgegengesetzten Ende des Sees anlangte und langsam zwischen dem Schilf verschwand, waren die Töne der Harmonien. Der unermüdliche Pedgift hielt —— offenbar unter Mrs. Pentecost’s Auspicien —— das Amüsement im Gange, indem er ein Kirchenlied präludirte.

Nun allein, zündete sich Allan eine Cigarre an und ging am Ufer aus und ab. »Sie hätte wohl beim Scheiden ein Wort zu mir sprechen können!« dachte er. »Ich habe Alles nach meinen besten Kräften gethan; ich habe ihr so gut wie gesagt, daß ich sie lieb habe, und so behandelt sie mich jetzt!« Er blieb stehen und schaute zerstreut nach der sinkenden Sonne und auf das schnell dunkelnde Wasser des Sees. Irgendwelche unbegreifliche Gewalt der Scene schlich sich unvermerkt in sein Gemüth und lenkte seine Gedanken von Miß Milroy ab zu seinem Freunde. Er schrak zusammen und sah sich um.

Die Schilfschneider hatten sich wieder in ihr Asyl hinter der Mauer zurückgezogen, kein lebendes Wesen war zu sehen, kein Klang zu hören an dem öden Gestade. Selbst Allan’s Stimmung begann zu sinken. Es war fast eine Stunde über die Zeit, zu der Midwinter am Hurle Mere eiuzutreffen versprochen hatte. Er selbst hatte Alles angeordnet, um zu Fuße nach dem Teiche gelangen zu können, indem er sich von einem Stalljungen von Thorpe-Ambrose auf Nebenwegen und Fußpfaden führen lassen wollte, welche die Entfernung um ein Bedeutendes abkürzen würden. Der Knabe war mit diesen Richtwegen wohl vertraut und Midwinter hielt immer höchft pünktlich Wort. War in Thorpe-Ambrose etwas passiert? War ihm unterwegs ein Unfall zugestoßen? Entschlossen, nicht länger müßig und in Ungewißheit allein zu bleiben, entschloß sich Allan, sich am See landeinwärts zu begeben, in der Hoffnung, so seinem Freunde zu begegnen. Sofort ging er an die Mauerecke und fragte einen der Schilfschneider nach dem Wege nach Thorpe-Ambrose.

Der Mann führte ihn von der Straße ab und deutete auf eine kaum sichtbare Lichtung in den Bäumen der Pflanzung. Nachdem er still gestanden, um noch einen nutzlosen Blick ringsum zu werfen, kehrte Allan dem See den Rücken und schlug die Richtung nach jenen Bäumen ein.

Ein paar Schritte lang lief der Pfad quer durch die Baumpflanzung hin. Dann machte er eine plötzliche Biegung —— und Wasser und offenes Land entschwanden zugleich dem Blicke. Allan folgte dem Rasenpfade vor ihm und sah und hörte nichts, bis er an eine abermalige Biegung des Weges kam. Während er in dieser neuen Richtung dahinschritt, erblickte er unter einem Baume die unklaren Umrisse einer sitzenden menschlichen Gestalt. Zwei Schritte genügten, um ihn die Gestalt erkennen zu lassen. »Midwinter!« rief er erstaunt. »Das da ist nicht die Stelle, wo wir uns treffen wollten! Auf was wartest Du hier?«

Ohne zu antworten, stand Midwinter auf. Das Abend dunkel unter den Bäumen, das sein Gesicht verhüllte, machte sein Schweigen doppelt befremdlich.

Allan setzte seine Fragen ungestüm fort. »Bist Du allein gekommen?« fragte er. »Ich dachte, der Knabe sollte Dich führen.«

Diesmal antwortete Midwinter: »Ich sandte den Knaben zurück, als wir an die Bäume hier gelangten. Er sagte mir, ich sei dem Orte ganz nahe und könne ihn nicht verfehlen.«

»Weshalb bliebst Du hier, als er Dich verließ?« fragte Allan weiter. »Warum bist Du nicht weiter gegangen?«

»Lache mich nicht aus«, erwiderte der Andere, »ich wagte es nicht.«

»Du wagtest es nicht!« wiederholte Allan. Er schwieg einen Augenblick. »O, ich weißt« sagte er dann, indem er fröhlich seine Hand auf Midwinter’s Schulter legte. »Dir bangt noch vor den Milroys. Welche Thorheit, nachdem ich Dir selber gesagt, daß man im Parkhäuschen wieder mit Dir ausgesöhnt ist!«

»An Deine Freunde im Parkhäuschen habe ich nicht gedacht, Allan. Die Wahrheit zu gestehen, bin ich heute kaum mein altes Selbst. Ich fühle mich krank und nervenschwach; jede Kleinigkeit erschreckt mich.« Er schwieg und suchte sich Allans ängstlich forschendem Blicke zu entziehen. »Wenn Du darauf bestehst, es zu wissen«, sagte er leidenschaftlich, »so will ich Dir gestehen, das Grausen jener Nacht am Bord des Wracks hat mich wieder gepackt; ich fühle einen fürchterlichen Druck im Kopfe, eine fürchterliche Beklommenheit im Herzen —— ich fürchte, daß uns etwas zustößt, wenn wir nicht von einander scheiden, ehe der Tag zu Ende ist. Ich kann mein Dir gegebenes Versprechen nicht brechen; um Gotteswillen entbinde Du mich davon und laß mich heim gehen!«

Für Jeden, der Midwinter kannte, war es augensichtlich, daß Gegenvorstellungen vergeblich sein würden. Allan willfahrte ihm. »Komm’ aus diesem dunklen stickigen Holze heraus«, sagte er; »wir wollen darüber reden. Das Wasser und der offene Himmel sind keinen Steinwurf weit von uns entfernt. Ich mag das Holz am Abend nicht leiden. Es macht selbst mich melancholisch. Du hast zu angestrengt über den Rechnungsbüchern gesessen Komm’ und athme frei in der lieben frischen Luft.«

Midwinter blieb stehen, überlegte einen Augenblick und gab plötzlich nach.

»Du hast Recht«, sagte er, »und ich habe, wie immer, Unrecht. Ich verschwende die Zeit und betrübe Dich ganz umsonst. Welche Thorheit von mir, Dich zu bitten, mich zurückgehen zu lassen! Wenn Du ja gesagt hättest!«

»Nun?« fragte Allan.

»Nun«, erwiderte Midwinter, »dann würde schon bei meinem ersten Schritte etwas geschehen, was mich dann verhindert hätte —— weiter nichts. Komm.«

Schweigend schritten sie zusammen auf dem Wege zum See dahin.

Bei der letzten Biegung desselben ging Allan’s Cigarre aus. Während er stehen blieb, um sie wieder anzubrennen, ging Midwinter ihm voran und war der erste, der das offene Land erblickte.

Eben hatte Allan sein Streichhölzchen angezündet, als zu seinem Erstaunen sein Freund wieder um die Biegung auf ihn zukam. Es war noch hell genug, um die Gegenstände in diesem Theile der Baumpflanzung deutlich erkennen zu lassen. Als Midwinter dicht vor ihm stand, fiel Allan das Streichhölzchen aus der Hand.

»Gerechter Gott!« rief er zurückfahrend, »Du siehst wieder gerade so aus wie damals am Bord des Wracks!«

Midwinter erhob die Hand zum Zeichen des Schweigens Die stieren Blicke fest auf Allan’s Gesicht gerichtet, sagte er, seine bleichen Lippen hart an dessen Ohr:

»Du erinnerst Dich, wie ich aussah«, flüsterte er; »entsinnst Du Dich auch dessen, was ich sagte, als Du und der Doctor von dem Traume sprachet?«

»Ich habe den Traum vergessen«, erwiderte Allan. Bei dieser Antwort faßte Midwinter Allan’s Hand und führte ihn um die letzte Windung des Pfades.

»Erinnerst Du Dich seiner jetzt?« fragte er und deutete auf den See.

Die Sonne sank am wolkenlosen Abendhimmel hinab. Unten lagen die Wasser des Sees, von ihren letzten Strahlen roth gefärbt. Das offene Land streckte sich, in bereits melancholischem Dunkel, rechts und links weit dahin, und an dem zunächst liegenden Rande des Teiches, wo vorher Alles einsam gewesen zeigte sich jetzt dem Sonnenuntergange gegenüber eine weibliche Gestalt.

Schweigend standen die beiden Armadales neben einander und blickten auf die einsame Gestalt und die düstere Landschaft.

Midwinter sprach zuerst.

»Deine eigenen Augen haben es gesehen«, sagte er. »Jetzt sieh auch Deine eigenen Worte an.«

Er machte sein Taschenbuch auf, holte die niedergeschriebene Erzählung von dem Traume heraus und hielt sie Allan hin. Seine Finger deuteten auf die Zeilen, welche das erste Traumgesicht schilderten; seine Stimme, die immer leiser und leiser ward, wiederholte die Worte:

»Es kam mir das Bewußtsein, daß man mich in der Dunkelheit allein gelassen hatte.

»Ich wartete.

»Das Dunkel verschwand und zeigte mir —— wie in einem Bilde —— einen großen einsamen Teich, der von offenen Gefilden umgeben war. Ueber dem am fernsten liegenden Rande sah ich den wolkenlosen Abendhimmel roth, glühend im Sonnenuntergange.

»An dem zunächst liegenden Rande des Teiches stand der Schatten eines Weibes.«

Er schwieg und ließ die Hand, die das Geschriebene hielt, herabsinken. Die andere Hand wies auf die einsame Gestalt, welche, der untergehenden Sonne gegenüber, ihnen den Rücken kehrend, dastand.

»Dort«, sagte er, »steht das lebendige Weib anstatt des Schattens! Dort spricht die erste der Traumwarnungen zu Dir und zu mir! Laß uns noch ferner beisammen bleiben —— und die zweite Gestalt, die dann an der Stelle des Schattens steht, wird die meine sein.«

Selbst Allan fühlte sich durch die fürchterliche Gewißheit der Ueberzeugung zum Schweigen gebracht, mit der Midwinter sprach.

Während der hierauf folgenden Pause bewegte sich die Gestalt am Teiche und schritt langsam am Ufer hin. Allan trat völlig aus den Bäumen hervor und gewann dadurch eine weitere Aussicht. Der erste Gegenstand, dem seine Blicke begegneten, war der Ponywagen von Thorpe-Ambrose.

Mit einem Lachen der Erleichterung wandte er sich nach Midwinter um. »Was Du für Unsinn geschwatzt hast!« sagte er. »Und welchen Unsinn« ich angehört habe! Es ist die Gouvernante, die endlich eingetroffen ist.«

Midwinter erwiderte nichts. Allan faßte ihn am Arm und versuchte ihn fortzuziehen. Er machte sich indeß jählings los und faßte Allan mit beiden Händen —— indem er ihn von der Gestalt am See zurückhielt, wie er ihn von der Kajütenthür auf dem Verdeck des Holzschiffes zurückgehalten. Die Anstrengung war abermals vergeblich. Allan befreite sich wiederum ebenso leicht von ihm, wie er es dazumal gethan hatte.

»Einer von uns muß mit ihr sprechen«, sagte er; »und wenn Du’s nicht willst, so will ich es thun.«

Er hatte nur wenige Schritte dem See zu gethan, als er eine leise Stimme ihm einmal nur, ein einziges Mal »Lebewohl« zurufen hörte, oder zu hören glaubte. Mit einem Gefühl von Befremden und Unruhe blieb er stehen und sah sich um.

»Warst Du das, Midwinter?« fragte er.

Keine Antwort erfolgte. Nachdem er noch einen Augenblick gezögert, ging er wieder in das Holz. Midwinter war fort.

Er blickte nach dem Teiche zurück, unschlüssig in dieser neuen Verlegenheit, was er zunächst thun solle. Inzwischen hatte die einsame Gestalt ihre Richtung verändert: sie hatte sich umgewandt und nahte sich den Bäumen. Offenbar war Allan entweder gesehen oder gehört worden. Es war unmöglich, ein Weib in dieser hilflosen Lage und an einem so einsamen Orte unbeschützt zu lassen. Zum zweiten Male trat denn Allan aus den Bäumen hervor ihr entgegen.

Als er ihr nahe genug war, um ihr Gesicht sehen zu können, blieb er in überwältigendem Erstaunen stehen. Der plötzliche Anblick ihrer Schönheit, wie sie lächelte und ihn fragend anschaute, machte die Bewegung in seinen Gliedern und die Worte aus seinen Lippen erstarren. Ein unbestimmter Zweifel überkam ihn, ob das wirklich die Gouvernante sei.

Er ermannte sich jedoch und nannte, ein paar Schritte näher tretend, seinen Namen. »Darf ich fragen«, fügte er hinzu, »ob ich das Vergnügen habe ——?«

Unbefangen und anmuthig kam ihm die Dame auf halbem Wege entgegen.

»Major Milroy’s Gouvernante«, sagte sie; »Miß Gwilt.«



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel.

Alles war still in Thorpe-Ambrose. Der Hausflur war öd und die Zimmer waren finster. Die Diener, die im Garten hinter dem Hause die Stunde des Nachtessens abwarteten, schauten zum klaren Himmel und dem aufsteigenden Mond hinauf und erklärten einstimmig, es sei wenig Aussicht vorhanden, daß die Picknick-Gesellschaft viel vor Mitternacht heimkehren werde. Die allgemeine Meinung, von der hohen Autorität der Köchin vertreten, ging dahin, daß man sich ohne. Furcht vor Störung durch die Klinge! zum Nachtessen niederlassen dürfte. Zu diesem Schlusse gelangt, setzte die Dienerschaft sich zu Tische, und gerade in dem Augenblicke, als Alle Platz genommen, ging die Klingel.

Verwundert stieg der Lakei trepp auf, die Thür zu öffnen, und fand zu seinem Erstaunen Midwinter allein auf der Thürschwelle, welcher nach Ansicht des Bedienten entsetzlich krank aussah. Er bat um ein Licht und zog sich mit der Bemerkung, daß er nichts weiter bedürfe, sofort auf sein Zimmer zurück. Der Bediente begab sich zu seinen Cameraden zurück und berichten, daß dem Freunde seines Herrn sicherlich etwas zugestoßen sein müsse.

Auf seinem Zimmer angelangt, schloß Midwinter die Thür und packte hastig eine Handtasche mit den nothwendigsten Reiseeffecten. Dann nahm er aus einer verschlossenen Schublade einige kleine Geschenke, die Allan ihm gemacht —— eine Cigarrentasche, eine Börse und eine Garnitur von Hemdknöpfen von einfachem Golde —— und steckte dieselben in die Brusttasche seines Stockes. Nachdem er diese Andenken in Sicherheit gebracht, ergriff er die Handtasche und legte die Hand auf die Thürklinke. Da aber hielt er zum ersten Male inne —— da ließ mit einem Mal die jagende Hast seines bisherigen Gebahrens nach, und der Zug starrer Verzweiflung in seinem Gesichte begann sich zu mildern: die Hand auf der Thürklinke, blieb er wartend stehen.

Bis zu diesem Augenblicke war er sich nur eines Beweggrundes, nur eines Zieles bewußt gewesen, das er zu erreichen entschlossen war. »Um Allan’s willen!« hatte er zu sich selber gesprochen, als er auf die unheilvolle Landschaft zurückgeblickt und Allan hatte von ihm gehen sehen, um dem Weibe am Teiche zu begegnen. »Um Allan’s willen« hatte er nochmals gesprochen, als er über das offene Feld jenseits des Holzes dahingeschritten, und ferne im grauen Zwielicht die lange Linie des Dammes und das ferne Schimmern der Bahnlampen erblickt hatte, die ihm zu der Eisenstraße hinzuwinken schienen.

Erst jetzt, als er vor der hinter ihm geschlossenen Thür stehen blieb —— erst jetzt, da seine ungestüme Hast zum ersten Male zu einer Pause kam —— erst jetzt erhob sich die edlere Natur des Mannes gegen die abergläubische Verzweiflung, die ihn von Allem, was ihm theuer war, von hinnen trieb. Seine Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, daß er Allan zu dessen eigenem Besten verlassen müsse, hatte seit dem Momente, wo er am Ufer des Sees die Verwirklichung seines ersten Traumgesichts geschaut, nicht gewankt. Jetzt aber stand sein eigenes Herz mit unabweislichem Vorwurfe gegen ihn auf. »Geh, wenn du gehen mußt und willst! aber gedenke der Zeit, da du krank warst und er an deinem Bette saß —— da du freundlos warst und er dir sein Herz erschloß —— und schreibe, wenn du dich zu sprechen fürchtest; schreib’ und bitte ihn, dir zu vergeben, ehe du auf immer von ihm scheidest!«

Die halb geöffnete Thür ward leise wieder geschlossen. Midwinter setzte sich an den Schreibtisch und ergriff die Feder. Wieder und wieder versuchte er das Abschiedswort zu schreiben; er versuchte es, bis der Boden rings um ihn her mit zerrissenen Papierblättern bestreut war. Wie immer er sich von ihnen abwandte —— die alten Zeiten kehrten zurück und traten ihm vorwurfsvoll entgegen. Das geräumige Schlafgemach, in dem er saß, verwandelte sich unwillkürlich in die Bodenkammer des kranken Hilfslehrers in jenem Wirthshause des Westens. Die liebevolle Hand, die ihm einst aus die Schulter geklopft, berührte ihn wieder; die freundliche Stimme, die ihn aufgeheitert, sprach unverändert in den alten, liebevollen Tönen. Er warf seine Arme vor sich auf den Tisch und ließ in thränenloser Verzweiflung das Haupt auf dieselben niedersinken. Das Scheidewort, das seine Zunge nicht zu sprechen vermochte, war seine Feder nicht zu schreiben im Stande. Mit erbarmungsloser Strenge hieß sein Aberglaube ihn gehen, so lange er noch Zeit dazu habe, und ebenso strenge gebot seine Liebe zu Allan ihn zu bleiben, bis er die letzte Bitte um Vergebung und Mitleid würde geschrieben haben.

Mit einem raschen Entschlusse stand er auf und schellte dem Diener. »Wenn Mr. Armadale heimkehrt«, sagte er, »so bittet ihn, mich zu entschuldigen, wenn ich heute nicht hinunterkomme, und sagt, daß ich mich zu Bett gelegt habe.« Er verschloß die Thür, löschte das Licht aus und saß allein in der Dunkelheit. »Die Nacht wird sich zwischen uns legen«, sprach er bei sich, »und mit der Zeit werde ich schreiben können. Ich kann am frühen Morgen fortgehen; ich kann gehen, während ——« Der Gedanke erstarb unvollendet in ihm, und der schneidende Schmerz des Kampfes entriß seinen Lippen den ersten Jammerschrei.

Er wartete im finsteren. Wie die Zeit verging, blieben seine Sinne mechanisch wach, aber sein Geist begann unter der Pein, die ihm seit einigen Stunden auferlegt gewesen, langsam zu schwinden. Eine dumpfe Stumpfheit hatte sich seiner bemächtigt, und er machte keinen Versuch, die Kerze anzuzünden und von Neuem sich zum Schreiben hinzusehen. Er rührte sich nicht und machte keine Bewegung, an das offene Fenster zu treten, als er in der Stille der Nacht das erste Geräusch heranrollender Räder vernahm. Er hörte die Wagen vorfahren; er hörte, wie die Pferde an den Gebissen zerrten; er hörte die Stimmen seines Freundes und des jungen Pedgift auf der Treppe —— und noch immer saß er still im Dunkeln, und die Klänge, die von außen zu ihm hereindrangen, erweckten kein Interesse in ihm. «

Die Stimmen waren noch hörbar, als die Wagen schon fortgefahren waren; offenbar verweilten die beiden jungen Männer noch auf den Stufen, ehe sie Abschied von einander nahmen. Jedes Wort, das sie sprachen, schlug durch das offene Fenster an Midwinter’s Ohr. Der Gegenstand ihrer Unterhaltung war die neue Gouvernante. Allan’s Stimme war laut in ihrem Lobe. In seinem ganzen Leben hatte er keine so glückliche Stunde.genossen, als die war, welche er auf der Fahrt vom Hurle Mere nach der auf dem andern See wartenden Picknick-Gesellschaft mit Miß Gwilt im Boote zugebracht hatte. Der junge Pedgift, seinerseits zwar mit Allem übereinstimmend, was sein junger Client zum Lobe der reizenden Fremden vorbrachte, schien das Thema von einem andern Gesichtspunkte aus aufzufassen. Miß Gwilt’s Reize hatten seine Aufmerksamkeit nicht so ausschließlich in Anspruch genommen, um ihn zu verhindern, den Eindruck zu bemerken, welchen die neue Erzieherin auf ihren Principal und ihre Schülerin gemacht.

»Mit Major Milroy’s Familie hat es irgendwo einen Haken, Sir«, ließ sich die Stimme Pedgift’s vernehmen. »Haben Sie wohl auf die Gesichter des Majors und seiner Tochter gemerkt, als Miß Gwilt sich entschuldigte, so spät am See angelangt zu sein? Sie erinnern sich nicht? Entsinnen Sie sich aber, was Miß Gwilt sagte?«

»Etwas über Mrs. Milroy, nicht wahr?« erwiderte Allan.

Pedgift’s Stimme sank zu einem geheimnißvollen Flüstern herab.

»Miß Gwilt traf heute Nachmittag genau um die Zeit im Parkhäuschen ein, für die ich ihre Ankunft vorausgesagt hatte, Sir, und ohne Mrs. Milroy würde sie auch zu der von mir erwähnten Stunde bei uns gewesen sein. Mrs. Milroy ließ sie jedoch zu sich auf ihr Zimmer bescheiden und hielt sie eine gute halbe Stunde, und länger, fest. So lautete Miß Gwilt’s Entschuldigung wegen ihrer verspäteten Ankunft am See, Mr. Armadale.«

»Nun, und was dann?«

»Sie scheinen zu vergessen, Sir, was in der ganzen Umgegend über Mrs. Milroy bekannt wurde, als der Major sich unter uns niederließ. Nach des Arztes eigener Aussage haben wir Alle gehört, daß sie zu leidend sei, um Fremde bei sich zu sehen. Ist es nicht ein wenig eigenthümlich, daß sie auf einmal gesund genug geworden sein sollte, um in der Abwesenheit ihres Gatten Miß Gwilt zu sehen, sowie diese nur das Haus betrat?«

»Nicht im geringsten! Es war ihr natürlich darum zu »thun, die Bekanntschaft der Gouvernante ihrer Tochter zu machen.«

»Sehr wohl möglich, Mr. Armadale Aber der Major und Miß Neelie sehen die Sache jedenfalls nicht in diesem Lichte. Ich hatte sie beide im Auge, als die Erzieherin ihnen sagte, Mrs. Milroy habe sie zu sich beschieden. Wenn ich je ein Mädchen gründlich in Angst sah, so war dies Miß Milroy; und —— wenn ich mir im strengsten Vertrauen die Freiheit nehmen darf, so etwas von einem tapferen Soldaten zu behaupten —— ich möchte fast sagen, daß der Major sich so ziemlich in der nämlichen Verfassung befand. Lassen Sie sich’s gesagt sein, Sir, es ist dort oben in Ihrem hübschen Parkhäuschen etwas nicht ganz richtig, und Miß Gwilt ist bereits mit darein verwickelt.«

Ein minutenlanges Schweigen folgte. Als Midwinter die Stimmen wieder hörte, waren diese weiter vom Hause entfernt —— Allan begleitete den jungen Pedgift wahrscheinlich ein paar Schritte auf dem Heimwege.

Nach einer Weile ließ Allan’s Stimme sich nochmals unter dem Porticus hören, wie er nach s einem Freunde fragte, worauf die Stimme des Dieners sich des von Midwinter erhaltenen Auftrags entledigte. Sobald diese kurze Unterbrechung vorüber, ward die Stille nicht mehr gestört, bis zu dem Augenblicke des Thorschlusses. Die Schritte der hin- und hergehenden Diener, das Zuschlagen der Thüren, das Bellen eines aufgestörten Hundes im Stallhofe —— das waren die Töne, welche Midwinter anzeigten, daß es schon spät geworden war. Mechanisch erhob er sich, um eine Kerze anzuzünden. Aber der Kopf schwindelte ihm, seine Hand zitterte —— er stellte die Zündhölzchenbüchse wieder bei Seite und kehrte zu seinem Sessel zurück. Die Unterhaltung zwischen Allan und dem jungen Pedgift hatte seine Aufmerksamkeit zu beschäftigen aufgehört, sowie er das Ende derselben gehört; und jetzt begann ihm auch das Bewußtsein zu schwinden, daß die kostbare Zeit verstrich, sowie das Geräusch im Hause verhallt war. Seine Körper- und seine Geisteskräfte waren erschöpft; mit stumpfer Ergebung erwartete er das Leid, welches der kommende Tag ihm bringen mußte.

Eine Weile verging und dann ward die Stille draußen nochmals durch Stimmen unterbrochen —— diesmal die Stimmen eines Mannes und eines Weibes. Die ersten Worte, die von ihnen gewechselt wurden, thaten deutlich genug dar, daß ihr Zusammentreffen ein heimliches war, und ließen in dem Manne einen der Lakaien von Thorpe-Ambrose und in dem Weibe eine Dienerin vom Parkhäuschen erkennen.

Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber, gab abermals die neue Gouvernante den ausschließlichen Unterhaltungsstoff ab. Das Frauenzimmer war voll schlimmer Ahnungen, die ihr einzig und allein Miß Gwilt’s Schönheit eingeflößt hatte, und schüttete dem Manne ihr Herz aus, wie sehr er auch versuchen mochte, sie auf andere Gegenstände zu lenken. Früher oder später, er solle an ihre Worte denken, werde es im Parkhäuschen einen fürchterlichen »Spectakel« geben. Sie dürfe es ihm im Vertrauen sagen, daß ihr Herr ein entsetzliches Leben mit ihrer Herrin führe. Der Major sei der beste Mensch von der Welt; außer seiner Tochter und seiner ewigen Uhr, trage er keinen andern Gedanken im Herzen. Aber sowie ein hübsches Frauenzimmer ihm nur nahe komme, werde Mrs. Milroy auf ihrem elenden Krankenbette eifersüchtig, rasend eifersüchtig auf sie. Wenn Miß Gwilt, die trotz ihres häßlichen Haars entschieden hübsch sei, das glimmende Feuer nicht binnen wenigen Tagen in hellen Flammen über ihren Häuptern aufschlagen lasse, so sei ihre Herrin gar nicht mehr ihre Herrin, sondern eine andere Person. Was sich aber immer ereignen möge, diesmal sei die Mutter des Majors Schuld daran. Die alte Dame habe vor zwei Jahren einen furchtbaren Streit mit ihrer Herrin gehabt und sei in großer Wuth abgereist, nachdem sie vor der ganzen Dienerschaft zu ihrem Sohne gesagt, wenn er nur noch einen Funken von Energie besitze, so würde er die Launen seiner Frau nimmermehr ertragen, wie er dies thue. Sie ginge vielleicht zu weit, wenn sie die Mutter des Majors beschuldige, absichtlich eine hübsche Erzieherin gewählt zu haben, um ihre Schwiegertochter zu ärgern. Aber mit Gewißheit dürfe man behaupten, daß die alte Dame die letzte Person in der Welt sei, welche der Eifersucht ihrer Herrin nachgeben und eine fähige und achtbare Gouvernante für ihre Enkelin zurückweisen werde, blos weil diese Erzieherin zufälligerweise mit Schönheit gesegnet sei. Wie dies Alles noch enden werde (außer zum Schlimmeren) könne kein menschliches Wesen sagen. Die Geschichte lasse sich bereits so schwarz an, wie nur möglich. Miß Neelie habe nach ihrer Lustpartie geweint —— was ein schlechtes Zeichen; die Herrin habe Niemanden getadelt oder ausgezankt —— ein abermaliges schlechtes Zeichen; der Herr habe ihr durch die Thür Gutenacht gewünscht —— was ein drittes schlechtes Zeichen; und die Gouvernante sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, was das schlimmste von allen Zeichen sei, da dies den Anstrich habe, als mißtraue sie der Dienerschaft. Der Art rann der Strom des weiblichen Geplauders weiter und drang durchs Fenster zu Midwinters Ohren, bis die Stalluhr schlug und der Unterhaltung ein Ende machte. Als der letzte Glockenschlag erstarb, ließ sich keine Stimme mehr hören und nun ward das nächtliche Schweigen nicht wieder gestört.

Abermals verging eine Weile und Midwinter machte einen neuen Versuch, sich zu ermannen. Diesmal zündete er ohne Zögern die Kerze an und nahm die Feder in die Hand.

Er schrieb beim ersten Anlauf mit einer Leichtigkeit des Ausdrucks, die ihn beim Weiterschreiben überraschte und schließlich einen vagen Argwohn gegen sich selber in ihm erweckte. Er ging vom Tische weg, um Gesicht und Kopf in kaltem Wasser zu baden, und kam dann zurück und las, was er geschrieben. Die Sprache war kaum verständlich; die Worte waren verwechselt —— die Sätze unbeendet gelassen —— jede Zeile trug den Beweis, wie sehr das ermüdete´Gehirn sich gegen den erbarmungslosen Willen gesträubt hatte, der es zur Thätigkeit gezwungen. Midwinter zerriß das Blatt, wie er bereits alle anderen zerrissen, und legte, dem Kampfe endlich erliegend, sein müdes Haupt auf das Kissen. Fast augenblicklich überkam ihn die Erschöpfung; ehe er noch das Licht auslöschen konnte, schlief er ein.

Ein Geräusch vor seiner Thür weckte ihn. Heller Sonnenschein strömte ins Zimmer; das Licht war völlig herabgebrannt, und der Diener wartete draußen mit einem Briefe, der mit der Morgenpost eingelaufen war.

»Ich nahm mir die Freiheit, Sie zu stören, Sir«, sagte der Mann, als Midwinter ihm. die Thür öffnete, »weil »eilig« auf dem Briefe steht und ich nicht wußte, ob derselbe nicht vielleicht von Wichtigkeit sei.«

Midwinter dankte ihm und betrachtete den Brief. Dieser war allerdings von Wichtigkeit —— die Aufschrift war von Mr. Brocks Hand.

Er wartete einen Augenblick, um seine Gedanken zu sammeln. Die Papierfetzen am Boden riefen ihm sofort die Lage ins Gedächtniß zurück, in der er sich befand. Er verschloß seine Thüre wieder, aus Furcht, Allan möchte früher als gewöhnlich aufstehen und zu ihm hereinkommen, um nach dem Befinden seines Gastes zu fragen. Dann mit einer merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen die etwaigen Mittheilungen des Pfarrers —— öffnete er Mr. Brock’s Brief und las folgende Zeilen.

»Dienstag.

Mein lieber Midwinter.

Zuweilen ist’s das Beste, schlimme Nachrichten ohne Umschweif und mit wenigen Worten mitzutheilen. Lassen Sie mich Ihnen die meinige in einem einzigen Satze sagen. Alle meine Vorsichtsmaßregeln sind nutzlos gewesen: das Weib ist mir entwischt.

Dieses Unglück, denn es ist nichts Geringeres —— ereignete sich gestern (am Montag). Zwischen elf und zwölf Morgens zwang mich die Gcschäftsangelegenheit, die mich überhaupt nach London führte, an jenem Tage nach Doctors Commons zu gehen und meinen Diener Robert im Logis allein zu lassen, damit er bis zu meiner Rückkehr das gegenüberstehende Haus bewache. Etwa anderthalbe Stunde nach meinem Weggange sah er einen leeren Fiaker vor der Thür jenes Hauses halten. Reisekoffer und Handtaschen kamen zuerst zum Vorschein, ihnen folgte das Frauenzimmer selber, das die nämlichen Kleider trug, in dem ich sie zuerst gesehen hatte. Nachdem auch er eine Droschke genommen, fuhr, Robert ihr nach dem Bahnhofe der Nordwestbahn nach —— sah sie durch das Billetbureau gehen —— behielt sie im Auge bis sie auf dem Perron anlangte —— dort aber in dem Gedränge und der Verwirrung, welche die Abfahrt eines langen gemischten Zuges herbeizuführen pflegt, verlor er sie aus dem Gesichte. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu sagen, daß er in dieser Verlegenheit sofort den richtigen Weg einschlug. Anstatt mit Suchen aus dem Perron Zeit zu verlieren, sah er die ganze Wagenreihe entlang und versicherte mit Bestimmtheit, daß er sie in keinem Coupe bemerkt habe. Zugleich gibt er zu, daß sein Suchen (welches zwischen zwei Uhr, dem Augenblicke, da er sie aus dem Auge verlor, und zehn Minuten nach zwei, dem Momente der Abfahrt, stattfand) in der Verwirrung des Augenblicks natürlich nur ein oberflächliches sein konnte. Doch scheint mir dieser letztere Umstand von geringer Bedeutung zu sein. Ich glaube so wenig an die Abreise des Frauenzimmers mit diesem Zuge, als ob ich selbst jeden der Wagen durchsucht hätte, und zweifle nicht, daß Sie darin vollkommen meiner Ansicht sein werden.

Jetzt kennen Sie das Unglück, das geschehen ist. Lassen Sie uns mit Jammern weder Zeit noch Worte vergeuden. Das Unglück ist einmal geschehen, und Sie und ich müssen die Mittel finden, es wieder gut zu machen.

Was ich meinerseits bereits ausgerichtet habe. läßt sich in zwei Worten sagen. Mit allem Widerstreben, das ich anfangs empfand, diese zarte Angelegenheit fremden Händen anzuvertrauen, war es vorbei, sowie ich Robert’s Meldung hörte. Sofort begab ich mich in die City zurück und legte die ganze Sache confidentiell meinem Sachwalter dar. Die Besprechung dauerte sehr lange, und als ich die Expedition verließ, war es zum Schreiben zu spät, sonst würde ich Ihnen anstatt heute, schon am Montag geschrieben haben. Meine Unterredung mit den Advocaten war keine sehr ermuthigende. Sie sagen mir offen, daß dem Wiederauffinden der verlorenen Spur ernstliche Schwierigkeiten im Wege ständen. Doch haben sie ihr Möglichstes zu thun versprochen und wir uns über die zu thuenden Schritte geeinigt —— einen einzigen Punkt ausgenommen, über den wir durchaus verschiedener Ansicht sind. Ich muß Ihnen diese Meinungsverschiedenheit auseinandersetzen; denn so lange meine Geschäftsangelegenheiten meine Anwesenheit in Thorpe-Ambrose unmöglich machen, sind Sie die einzige Person, der ich meine Ansichten zur Prüfung anheim geben kann.

Die Sachwalter meinen also, das Frauenzimmer habe von Anfang an gewußt, daß ich sie beobachtete; darum sei für jetzt keine Aussicht vorhanden, daß sie die Unvorsichtigkeit begehen werde, sich in Thorpe-Ambrose blicken zu lassen; das Unheil, das sie etwa anzustiften im Sinne, sei nun Andern übertragen, und der einzige vernünftige Schritt von Allan’s Freunden müsse ein passives Zuwarten sein, bis die Ereignisse sie weiter aufklären. Meine eigene Meinung läuft dieser schnurstracks zuwider. Nach dem, was sich auf dem Bahnhofe ereignet, kann ich nicht umhin, einzuräumen, daß das Frauenzimmer entdeckt haben muß, wie ich sie beobachtet. Aber sie hat keinen Grund, anzunehmen, daß es ihr nicht gelungen, mich zu hintergehen, und ich glaube fest, sie ist verwegen genug, uns zu überrumpeln und sich in Allan’s Vertrauen einzuschleichen, oder einzudrängen, ehe wir Vorkehrungen getroffen haben, sie daran zu verhindern. Sie, und Sie allein können (so lange ich in London aufgehalten werde) entscheiden, ob ich recht oder unrecht habe —— und Sie können dies in folgender Weise bewerkstelligen. Suchen Sie unverzüglich zu erfahren, ob seit letztem Montag irgend ein Frauenzimmer, das in der Umgegend fremd, in oder in der Nähe von Thorpe-Ambrose angelangt ist. Ist ein solches Frauenzimmer bemerkt worden (und auf dem Lande entgeht Niemand der Beobachtung) so ergreifen Sie die erste beste Gelegenheit, sie zu sehen, und fragen sich, ob ihr Gesicht gewissen deutlichen Fragen entspricht, die ich Ihnen vorzulegen im Begriffe bin, oder nicht. Sie können sich auf meine Genauigkeit verlassen. Ich habe das Frauenzimmer mehr als einmal entschleiert gesehen und zwar das letzte Mal mit Hilfe eines vortrefflichen Opernglases.

1) Ist ihr Haar hellbraun und anscheinend nicht sehr stark?
2) Ist ihre Stirn hoch, schmal und zurückweichend?
3) Sind ihre Augenbrauen sehr schwach gezeichnet und ihre Augen klein und eher dunkel, als hell —— entweder grau oder braun (ich habe sie nicht nahe genug gesehen, um hierüber ganz sicher zu sein)?
4) Ist ihre Nase eine Adlernase?
5) Sind ihre Lippen dünn und ist die Oberlippe etwas lang?
6) Sieht ihre Hautfarbe aus, als ob sie ursprünglich sehr zart gewesen sei und sich allmählich in eine trübe kränkliche Blässe verwandelt habe?
7) und letztens, hat sie ein zurückweichendes Kinn, und befindet sich auf der linken Seite desselben ein Merkmal irgendwelcher Art —— entweder eine Narbe oder ein Mal —— ich weiß nicht, was von beiden?

Ich sage nichts von ihrem Gesichtsausdrucke, denn Sie können sie vielleicht unter Umständen sehen, die diesen theilweise verschieden zeigen von dem, welchen ich an ihr wahrnahm. Prüfen Sie ihre Züge, die keine Zufälligkeiten verändern können. Befindet sich eine Fremde in Ihrer Umgegend und entsprechen deren Züge meinen sieben Fragen —— so haben Sie die Person gefunden! In diesem Falle gehen Sie augenblicklich zum nächsten Advocaten und geben meinen Namen als Bürgschaft für die Kosten, die ihre strenge Bewachung bei Nacht und bei Tage verursachen wird. Darauf setzen Sie mich mit möglichster Schnelligkeit von dem Geschehenen in Kenntniß und ich werde dann unverzüglich nach Norfolk eilen, meine Geschäfte mögen hier zu Ende gebracht sein oder nicht.

Jedenfalls —— ob Sie« nun meinen Argwohn bestätigen oder nicht —— schreiben Sie mir mit umgehender Post. Schreiben Sie —— wenn auch nur, um mir den Empfang meines Briefes anzuzeigen. Fern von Allan stehe ich eine Angst und Spannung aus, welche Sie allein mir etwas lindern können. Wie ich Sie kenne, bin ich überzeugt, daß ich kein Wort weiter zu sagen’ brauche.

Stets Ihr aufrichtiger Freund

Decimus Brock.«

Die fatalistische Anschauung die sich seiner jetzt bemächtigte, machte, daß Midwinter ohne das geringste Zeichen des Interesses oder des Erstaunens las, was der Pfarrer von seiner Niederlage schrieb. Die einzige Stelle in dem Briefe, die er noch einmal überflog, war der Schluß desselben Er las den letzten Satz von neuem, und sann dann einen Augenblick darüber nach. »Ich habe Mr. Brocks Güte viel zu verdanken«, dachte er, »und ich werde Mr. Brock niemals wiedersehen. Es ist nutz- und hoffnungslos —— aber er bittet mich, es zu thun, und es. soll gethan werden. Ein einziger Blick in ihr Gesicht wird genügen —— ein einziger Blick, mit seinem Briefe in der Hand —— und eine Zeile, um ihm zu sagen, daß das Weib hier ist!«

Abermals blieb er zögernd an der halb geöffneten Thür stehen. Die grausame Notwendigkeit, Allan sein Lebewohl zu schreiben, trat ihm von neuem entgegen und hielt ihn fest.

Zweifelhaft sah er auf die neben ihm liegende Epistel des Pfarrers. »Ich will die beiden Briefe zugleich schreiben«, sagte er, »der eine kann mir vielleicht bei dem andern helfen.« Sein Gesicht überzog sich mit einer hohen Röthe, als ihm diese Worte entschlüpften Er war sich bewußt, etwas zu thun, was er noch nie zuvor gethan hatte —— freiwillig schob er die böse Stunde hinaus und nahm Mr. Brock zum Vorwande, um eine letzte Frist zu gewinnen.

Der einzige Laut, der durch die geöffnete Thür zu ihm drang, waren Allan’s geräuschvolle Bewegungen im nächsten Zimmer. Sofort trat er in den leeren Corridor hinaus und verließ, von Niemandem auf der Treppe gesehen, das Haus. Die Besorgniß sein Entschluß Allan zu Verlassen, müsse wanken, falls er den Freund wiedersähe, war noch ebenso lebendig in ihm, wie während der ganzen Nacht hindurch. Erleichtert that er einen tiefen Athemzug, als er die Stufen vor der Hausthür herabging —— erleichtert, weil er dem herzlichen Morgengruße des einzigen menschlichen Wesens entgangen, das er liebte!

Mit Mr. Brock’s Briefe in der Hand betrat er das Bosket Und schlug den kürzesten Weg nach dem Häuschen des Majors ein. Nicht die geringste Erinnerung der Gespräche war ihm blieben, die in der Nacht den Weg zu seinen Ohren gefunden hatten. Der einzige Grund, der ihn bewog das Weib zu sehen, war der ihm vom Pfarrer gegebene. Die einzige Erinnerung, die ihn jetzt nach der Stelle führte, wo sie augenblicklich weilte, die Erinnerung ’an Allan’s Ausruf, als er die Gouvernante mit der Gestalt am Teiche identifizierte.

Am Pförtchen des Parkhäuschens blieb er stehen. Plötzlich kam ihm der Gedanke, daß er seinen Zweck verfehlen würde, wenn er in Gegenwart des Weibes die Fragen des Pfarrers consultirte. Ihr Argwohn würde wahrscheinlich zuerst schon dadurch erregt werden, daß er sie zu sehen verlangte (wie dies seine Absicht war, mit oder ohne Entschuldigung), und der Brief in seiner Hand mußte sie in jenem Argwohn bestärken. Sie konnte ihn schlagen, indem sie augenblicklich das Zimmer verließ. Entschlossen, sich die Beschreibung zuvörderst fest einzuprägen und ihr dann gegenüber zu treten, öffnete er den Brief und las, während er langsam am Hause hin wandelte, die sieben Fragen, von denen er im voraus überzeugt war, daß das Gesicht des Frauenzimmers ihm darauf antworten würde.

In der Morgenstille des Parks drang selbst das leiseste Geräusch weit. Ein solches unterbrach Midwinter’s Lection.

Er sah auf und fand sich am Rande eines mit Gras bewachsenen breiten Grabens, auf dessen einen Seite der Park lag, dessen andere eine Lorbeerhecke bildete. Die Einfriedung umschloß offenbar den hinteren Theil des zum Parkhäuschen gehörigen Gartens und der Graben diente dazu, jenen vor den im Park weidenden Kühen und Schafen zu schützen. Aufmerksam lauschend, bis das leise Geräusch, das ihn gestört, schwächer wurde erkannte er in demselben das Rauschen von Frauenkleidern. Ein paar Schritte vor ihm führte eine Brücke über den Graben, die durch ein Pförtchen gesperrt wurde und den Graben mit dem Park verband. Er ging durch das Pförtchen über die Brücke und sah sich, als er das Pförtchen am andern Ende aufgemacht, in einer Laube, die dicht mit Schlingpflanzen umzogen war und einen freien Blick auf den ganzen Garten gewährte.

Er sah hinaus und bemerkte die Gestalten zweier Damen, die langsam von ihm fort dem Häuschen zu gingen. Die kleinere der beiden nahm seine Aufmerksamkeit keinen Augenblick in Anspruch —— keine Secunde hielt er sich mit dem Gedanken auf, ob sie die Tochter des Majors sei, oder nicht. Seine Augen waren auf die andere Gestalt geheftet, —— jene Gestalt, welche in einem sich in leichten Falten anschmiegenden langen Kleide mit unbefangener verführerischer Anmuth auf dem Gartenpfade dahin schwebte. Dort, genau, wie es sich ihm schon einmal gezeigt, —— dort, abermals mit dem Rücken ihm zugewendet, war das Weib vom Teiche!

Es war möglich, daß ihre Promenade im Garten noch nicht beendet und daß sie umkehren und nach der Laube zurückkehren würden. Auf diese Möglichkeit wartete Midwinter. Kein Gedanke, daß er sich auf fremden Boden eindränge, hatte ihn an der Thür des Häuschens zurückgehalten, und auch jetzt beunruhigte ihn ein solcher Gedanke nicht. Seit der grausamen Pein der vergangenen Nacht war jedes zartere Gefühl in ihm erstorben. Die trotzige Entschlossenheit, das zu thun, weshalb er gekommen, war das einzige Motiv, das ihn noch leitete. Er handelte, ja, er sah aus, wie der stumpfeste Mensch von der Welt an seiner Stelle gehandelt und ausgesehen haben würde. Indessen besaß er noch Geistesgegenwart genug, um, während er wartete, ehe die Gouvernante und ihre Schülerin am Ende des Pfades anlangten, Mr. Brock’s Brief zu öffnen und durch einen letzten Blick den Abschnitt, der ihr Gesicht beschrieb, sich noch einmal ins Gedächtniß zu prägen.

Er war noch in diese Lectüre vertieft als er das leichte Kleiderrauschen wieder näher kommen hörte. Er stand im Schatten des Sommerhäuschens und wartete. Den frischen Eindruck ihres geschriebenen Porträts im Kopfe und mit Hilfe des hellen Morgenlichtes forschten seine Augen in ihrem Gesicht, während sie sich näherte, und die Antworten, die dasselbe ihm gab, waren folgende:

Das Haar in der Beschreibung des Pfarrers war hellbraun und nicht reich. Das Haar dieses Weibes, von einer üppigen Fülle, war von jener auffallenden Farbe, die das Vorurtheil der nördlichen Nationen einzig nicht verzeiht —— es war roth! Die Stirn in der Beschreibung des Pfarrers war hoch, schmal und zurückweichend; die Augenbrauen schwach gezeichnet und die Augen klein und entweder grau oder hellbraun. Die Stirn dieses Weibes war niedrig, gerade und breit nach den Schläfen zu; ihre Brauen, die leicht aber scharf gezeichnet, waren um einen Schatten dunkler, als ihr Haar; ihre Augen, groß, klar und hell geöffnet, waren von jener rein blauen Farbe, in der keine Spur von Grau oder Grün sichtbar, die so oft auf Gemälden und in Büchern unsere Bewunderung erregt und der man im wirklichen Leben so selten begegnet. Die Nase in der Beschreibung des Pfarrers war eine Adlernase. Die Nase dieses Weibes war weder nach außen noch nach innen gebogen: es war die grade, zart geformte Nase mit der kurzen Oberlippe der antiken Statuen und Büsten. Die Lippen in der Beschreibung waren dünn und die Oberlippe lang; die Hautfarbe war von einer trüben kränklichen Blässe; das Kinn zurückweichend und auf der linken Seite desselben, ein Mal oder eine Narbe. Die Lippen des Weibes hier waren voll und sinnlich; ihre Hautfarbe von der blendenden Zartheit, die jene Art von Haar begleitet —— von so zarter Durchsichtigkeit in den rosigen Schattierungen, die Carnation von Stirn und Nacken von so zarten warmen Farbentönen. Ihr Kinn rund und mit Grübchen geziert, war durchaus makellos und stand in Einer Linie mit der Stirn. Näher und immer näher, schöner und immer schöner in dem hellen Morgenlichte kam sie heran —— und bot den auffallendsten unbestreitbaren Gegensatz den das Auge nur sehen, der Geist nur fassen konnte, zu der Beschreibung im Briefe des Pfarrers.

Gouvernante und Schülerin waren bis hart an das Sommerhäuschen herangekommen, ehe sie sich umsahen und Midwinter darin stehen sahen. Die Erzieherin sah ihn zuerst.

»Ein Freund von Ihnen, Miß Milroy?« fragte sie ruhig, ohne zu erschrecken, oder irgend ein Zeichen von Ueberraschung zu geben.

Neelie erkannte ihn augenblicklich. Durch Midwinter’s Benehmen gelegentlich seiner ersten Vorstellung im Parkhäuschen durch seinen Freund bereits gegen ihn eingenommen, begann sie ihn jetzt, als die unglückselige erste Ursache ihres Mißverständnisses mit Allan auf dem Picknick, förmlich zu hassen. Ihr Gesicht überflog ein plötzliches Roth und mit einem Ausdrucke von Ueberraschung und kaltem Befremden wandte sie sich vom Gartenhäuschen ab.

»Er ist ein Freund von Mr. Armadale«, erwiderte sie scharf. »Ich weiß nicht, was er will oder weshalb er hier ist.«

»Ein Freund von Mr. Armadale!« Auf dem Gesicht der Gouvernante blitzte ein rasch erregtes Interesse auf, während sie die Worte wiederholte. Mit der nämlichen Sicherheit erwiderte sie Midwinter’s Blick, der noch immer fest auf ihr Gesicht geheftet war.

»Ich meinestheils«, fuhr Neelie, verdrossen über Midwinter’s Gleichgültigkeit gegen ihre Anwesenheit fort, »finde, daß man sich eine große Freiheit herausnimmt, wenn man Papas Garten wie den offenen Park betrachtet!«

Die Gouvernante wandte sich um und vermittelte mild.

»Meine liebe Miß Milroy«, remonstrirte sie, »wir müssen gewisse Unterschiede machen. Dieser Herr ist ein Freund von Mr. Armadale. Sie könnten sich kaum stärker ausdrücken, wenn er ein Fremder wäre.«

»Ich spreche meine Meinung aus«, entgegnete Neelie, gereizt von dem ironisch nachsichtigen Tone, in dem die Erzieherin zu ihr sprach. »Das ist Geschmackssache, Miß Gwilt, und der Geschmack ist verschieden.« Sie wandte sich ärgerlich ab und ging allein nach dem Häuschen zurück.

»Sie ist sehr jung«, sagte Miß Gwilt, indem sie Midwinter mit einem Lächeln um Nachsicht bat; »und außerdem, wie Sie selbst sehen müssen, ein verzogenes Kind.« Sie schwieg, zeigte, jedoch nur auf einen Augenblick, ihr Erstaunen über Midwinter’s seltsames Schweigen und seinen seltsam auf sie gehefteten Blick und machte sich dann mit reizender Anmuth und Gewandtheit daran, ihn aus der falschen Stellung zu befreien, in der er sich befand. »Da Sie Ihren Spaziergang so weit ausgedehnt haben«, fuhr ste fort, »so erzeigen Sie mir bei Ihrer Heimkehr vielleicht den Gefallen, einen kleinen Auftrag an Ihren Freund auszurichten. Mr. Armadale hat mich auf heute Morgen zu einer Besichtigung der Gärten von Thorpe-Ambrose freundlichst eingeladen. Wollen Sie ihm sagen, daß Major Milroy mir gestattet, der Einladung in Gesellschaft von Miß Milroy, zwischen zehn und elf Uhr, Folge zu leisten?« Einen Augenblick ruhten ihre Blicke mit erneutem Interesse auf Midwinter’s Gesichte. Noch immer wartete sie vergebens aus eine Antwort von ihm, lächelte, als ob sein merkwürdiges Schweigen sie eher ergötzte als erzürnte, und kehrte, ihrer Schülerin folgend, nach dem Parkhäuschen zurück.

Erst als die letzte Spur von ihr verschwunden, riß Midwinter sich aus seiner Betäubung heraus und versuchte sich seine Lage zu Vergegenwärtigen. Ihre Schönheit war keineswegs an dem athemlosen Erstaunen schuld, das ihn bis zu diesem Augenblicke gefesselt gehalten. Der einzige deutliche Eindruck, den sie bis jetzt auf ihn gemacht, begann und endete mit der Entdeckung des wunderbaren Contrastes, den ihr Gesicht Zug für Zug mit der Beschreibung in Mr. Brock’s Briefe bot. Alles Andere war ihm unklar und nebelhaft —— eine undeutliche Erinnerung an ein schlankes elegantes Weib, an gütige Worte, die mit Bescheidenheit und Anmuth zu ihm gesprochen worden, weiter nichts.

Ohne zu wissen warum, machte er einige Schritte in den Garten hinaus blieb stehen, während er wie ein Verirrter dahin und dorthin blickte, erkannte mit Anstrengung das Gartenhäuschen, als wenn Jahre vergangen, seit er es zuletzt gesehen, und ging endlich wieder in den Park hinaus. Selbst hier wandelte er zuerst bald links bald rechts. Sein Geist taumelte noch unter der erlittenen Erschütterung; seine Wahrnehmungen veränderten sich samt und sonders. Ein Etwas erhielt ihn in fortwährender Thätigkeit, ohne Grund und ohne Ziel wanderte er umher.

Ein Mann von weit weniger sensibler Natur hätte sich durch die ungeheure augenblickliche Gefühlsumwälzung überwältigt fühlen dürfen, welche dies Begebniß der letzten Minuten in ihm hervorgebracht hatte.

In dem denkwürdigen Augenblicke, da er die Thür des Sommerhäuschens öffnete, waren seine Geisteskräfte völlig frei und klar gewesen. Mit Recht oder mit Unrecht war er in Allem, was sich auf sein Verhältniß zu Allan bezog, durch einen ganz bestimmten Gedankengang zu einem ganz bestimmten Schlusse gelangt. Die ganze Gewalt des Motives, das ihn zu dem Entschlusse einer Trennung von Allan getrieben, wurzelte in dem Glauben, daß er am Hurle Mere die unheilvolle Erfüllung des ersten Traumgesichts erblickt habe. Und dieser Glaube ruhte seinerseits nothwendigerweise auf der Ueberzeugung, daß das Weib, die Person, welche allein das Trauerspiel in Madeira überlebte, unvermeidlich auch das Weib sein müsse, welches er anstatt des Schattens hatte am Teiche stehen sehen. Fest in dieser Ueberzeugung, hatte er selbst den Gegenstand seines Argwohns und des Argwohns seines ehrwürdigen Freundes, Mr. Brock, mit der Beschreibung dieses Letzteren verglichen —— eine genaue umständliche Beschreibung von der Hand eines vollkommenen zuverlässigen Mannes —— und seine eigenen Augen hatten ihn überzeugt, daß das Weib, welches er am Teiche erblickt, und das Weib, das Mr. Brock in London identifizierte, nicht eine und dieselbe Person waren. An Stelle des Traum-Schattens hatte, nach dem in dem Briefe des Pfarrers enthaltenen Beweise, nicht das Werkzeug des Verhängnisses —— sondern eine Fremde gestanden!

Zweifel, wie sie sich vielleicht in einem weniger abergläubischen Menschen geregt hätten, wurden durch die Entdeckung, die er jetzt gemacht, in ihm nicht erweckt.

Es fiel ihm nicht ein, sich jetzt, da der Brief ihm gezeigt, daß eine Fremde als die Gestalt in der Traumlandschaft dagestanden, zu fragen, ob nicht eine Fremde das vom Verhängniß auserkorene Werkzeug sein dürfe. Ein solcher Gedanke stieg in ihm gar nicht auf —— konnte ihm gar nicht aufsteigen. Das eine Weib, das sein Aberglaube fürchtete, war das Weib, welches sich mit dem Leben der beiden Armadales aus der ersten Generation und mit den Schicksalen der beiden Armadales aus der zweiten verflocht —— das zugleich der in der Warnung seines sterbenden Vaters bezeichnete Gegenstand und die erste Ursache der traurigen Familienereignisse war, welche Allan den Weg zu den Gütern von Thorpe-Ambrose gebahnt —— das Weib, mit Einem Worte, welches er, hätte ihn des Pfarrers Brief nicht irregeführt, instinktmäßig in dem Weibe erkannt haben würde, das er soeben gesehen hatte.

Das soeben erlebte Begebniß unter dem Einflusse des Irrthums betrachtend, zu dem der Pfarrer ihn unschuldigerweise verleitet hatte, erkannte und erfaßte sein Geist unverzüglich den neuen Schluß und verfuhr genau in derselben Weise, wie er damals bei seiner Unterredung mit Mr. Brock aus der Insel Man verfahren war.

Gerade, wie er damals als eine völlig genügende Widerlegung des Fatalitätsgedankens erklärt hatte, daß er auf allen seinen Seereisen bisher nie auf das Holzschiff gestoßen war, so erfaßte er auch jetzt den ähnlich gewonnenen Schluß, daß der ganze Anspruch des Traumes an einen übernatürlichen Ursprung mit der Erscheinung einer Fremden an der Stelle des Schattens von selbst über den Haufen fiel. Einmal zu dieser Ueberzeugung gelangt und ermuthigt, sich durch seine Liebe zu Allan ausschließlich wieder leiten zu lassen, durchflog sein Geist mit Blitzesschnelle die ganze, sich daraus entwickelnde Gedankenreihe. Brauchte der Traum nicht länger als eine Warnung aus einer andern Welt angenommen zu werden, so folgte hieraus unumgänglich, daß, der Zufall und nicht das Verhängniß den Weg zu jener Nacht auf dem Verdeck geführt hatte, und daß Alles, was seit seiner und Allan’s Trennung von Mr. Brock passiert, an sich harmlose Ereignisse gewesen waren, die nur sein Aberglaube verunstaltet hatte. In weniger als einer Secunde hatte seine bewegliche Phantasie ihn nach jenem Morgen in Castletown zurückversetzt, da er dem Pfarrer das Geheimniß seines Namens offenbart und ihm, mit dem Briefe seines Vaters vor sich, den besseren Glauben bekannt hatte, der in ihm lebte. Von neuem fühlte er, wie sein Herz festhielt an dem Bruderbande zwischen ihm und Allan; abermals konnte er mit der warmen Offenheit der Vergangenheit zu sich sprechen: »Wenn mir der Gedanke, Allan zu verlassen, das Herz bricht, so ist der Gedanke unrecht!« Während sich diese edlere Ueberzeugung wieder seiner bemächtigte, den Aufruhr seiner Brust beschwichtigte und die Verwirrung in ihm löste, erblickte er durch das Laub der Bäume hindurch das Haus von Thorpe-Ambrose, auf dessen Stufen Allan stand und ihn erwartete. Ein Gefühl unaussprechlicher Erleichterung hob seinen lebhaften Geist hoch über die Sorgen und Zweifel und Aengste hinweg, die ihn so lange bedrückt hatten, und zeigten ihm wieder die bessere und schönere Zukunft seiner Jugendträume. Seine Augen füllten sich mit Thränen und er drückte, wie er Allan durch die Baumperspective hindurch betrachtete, den Brief des Pfarrers in seiner wilden leidenschaftlichen Weise an die Lippen. »Ohne dies Stückchen Papier«, dachte er, »würde mein Leben mir wohl nichts gewesen sein, als ein langer bitterer Gram, und das Verbrechen meines Vaters hätte uns vielleicht auf immer geschieden!«

Dies war der Erfolg der Kriegslist, vermittelst derer dass Gesicht des Stubenmädchens Mr. Brock als das Gesicht von Miß Gwilt gezeigt worden war. Und so triumphierte die Schlauheit Mutter Oldershaw’s —— indem durch sie Midwinter’s Vertrauen auf seinen Aberglauben in dem einzigen Falle, wo diesen sein Aberglaube ihn zur Wahrheit leitete, erschüttert wurde —— über Schwierigkeiten und Gefahren, welche von Mutter Oldershaw selbst gar nicht in Betracht gezogen worden waren.



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel.

Von St. Ehrwürden Decimus Brock an Ozias
« Midwinter.

»Donnerstag.

Mein lieber Midwinter!

Ich kann Ihnen nicht mit Worten sagen, welche Erleichterung mir Ihr heute Morgen empfangener Brief gewährt und wie wahrhaft glücklich ich bin, daß es sich somit herausstellt, wie ich unrecht gehabt habe. Die Vorsichtsmaßregeln, die Sie für den Fall getroffen haben, daß das Frauenzimmer sich noch jetzt nach Thorpe-Ambrose wagen sollte, scheinen mir Allem zu entsprechen, was man nur verlangen kann. Ohne Zweifel werden Sie durch Einen oder den Andern vom Büreaupersonal des Rechtsanwalts, die Sie ersucht haben, Sie von jeder fremden Erscheinung im Orte in Kenntniß zu setzen, von ihr hören.

Ich bin über diesen Beweis, daß ich mich in unserer Sache auf Sie verlassen darf, um so mehr erfreut, als ich Allan’s Angelegenheiten wahrscheinlich länger, als vorauszusehen war, in Ihren Händen zu lassen genöthigt sein werde. Leider werde ich meinen Besuch in Thorpe-Ambrose noch auf zwei Monate verschieben müssen. Der einzige meiner Collegen, der mich in meinem Amte zu vertreten im Stande ist, kann es vor Ablauf der erwähnten Zeit nicht ermöglichen, seine Familie nach Sommersetshire zu bringen. Es bleibt mir deshalb nichts Anderes übrig, als meine Geschäfte hier zu beenden und noch vor nächsten Sonnabend auf meine Pfarre heimzukehren. Sollte sich irgendetwas ereignen, so werden Sie mich natürlich unverzüglich davon benachrichtigen, und ich muß dann, welche Inconvenienzen damit auch verbunden sein mögen, sofort nach Thorpe-Ambrose aufbrechen. Sollte dagegen Alles glatter verlaufen, als meine ewige Angst mich. glauben lassen will, so darf mich Allan, an den ich geschrieben habe, nicht früher als heute über acht Wochen erwarten.

Unsere Bemühungen, die auf dem Bahnhofe verlorene Spur wiederzufinden, sind bis jetzt ohne Erfolg geblieben. Ich will indessen meinen Brief bis zur Postzeit noch nicht schließen, für den Fall, daß die nächsten paar Stunden noch etwas Neues bringen.

Stets treulich der Ihre

Decimus Brock.

P.S. Ich habe soeben von den Advokaten gehört, Sie haben den Namen entdeckt, unter dem das Frauenzimmer in London lebte. Gibt diese Entdeckung, keine sehr wichtige, wie ich fürchte, Ihnen irgend neue Mittel und Wege an die Hand, so bitte ich Sie, augenblicklich danach zu handeln. Der Name ist —— Miß Gwilt.«

Von Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw.

»Parkhäuschen Thorpe-Ambrose,
Sonnabend, den 28. Juni.

Wenn Du mir versprechen willst, Dich nicht zu ängstigen, Mama Oldershaw, so will ich diesen Brief in einer sehr seltsamen Weise beginnen, indem ich nämlich eine Seite aus einem Briefe copire, den eine andere Person geschrieben hat. Du hast ein vortreffliches Gedächtniß und vielleicht nicht vergessen, daß ich am vorigen Montag, nachdem man mich als Gouvernante engagiert hatte, einen Brief von Major Milroy’s Mutter erhielt. Derselbe war datiert und unterschrieben, und die erste Seite lautete folgendermaßen: ——
»Den 23. Juni 1851. Liebes Fräulein —— Bitte, entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie vor Ihrer Abreise nach Thorpe-Ambrose noch mit einem Worte über die im Hause meines Sohnes herrschenden Gewohnheiten behellige. Als ich heute um zwei Uhr das Vergnügen hatte, Sie in Kingstown Crescent zu sehen, hatte ich in einem entfernten Theile der Stadt um drei Uhr ein anderes Geschäft, und in der Eile entfielen mir ein paar Dinge, die ich, wie mich dünkt, Ihrer Beachtung anempfehlen muß.« Der übrige Inhalt des Briefs ist von gar keiner Bedeutung, aber die Zeilen, die ich hier abgeschrieben, sind aller Aufmerksamkeit Werth, die Du ihnen nur schenken kannst Sie haben mich vor Entdeckung geschützt ehe ich noch eine Woche in Major Milroy’s Diensten gewesen bin, meine Theure!

Die Sache trug sich gestern Abend zu und begann und endete folgendermaßen.

Es befindet sich hier ein Herr, über den ich weiterhin noch Einiges zu sagen haben werde, der ein vertrauter Freund des jungen Armadale ist und den seltsamen Namen Midwinter trägt. Gestern gelang es ihm, mich im Park allein zu sprechen. Sowie er die Lippen auf that, ward ich gewahr, daß man in London meinen Namen ausspioniert hat, ohne Zweifel durch den Sommersetshirer Pfarrer, und daß Mr. Midwinter dazu ersehen war, und zwar offenbar von demselben Herrn, die aus Brompton verschwundene Miß Gwilt mit der in Thorpe-Ambrose erschienenen zu Identifizieren. Irre ich nicht, so hast Du diese Gefahr vorausgesehen, aber Du hast kaum annehmen können, daß die Bloßstellung mich schon so bald bedrohen werde.

Ich erspare Dir die Einzelheiten unserer Unterredung, um zum Schlusse zu kommen. Mr. Midwinter trug die Sache sehr zart vor, zu meinem großen Erstaunen sprach er seine Ueberzeugung aus, daß ich nicht die Miß Gwilt sei, die sein Freund suche, und er frage mich nur, mit Rücksicht auf die Befürchtungen eines Mannes, dessen Wünsche er in Ehren zu halten verpflichtet sei, ob ich ihm nicht behilflich sein wolle, diese Besorgnisse, soweit die Sache mich persönlich betreffe, gänzlich zu beschwichtigen, indem ich ihm eine einfache Frage beantworte, die er kein anders Recht an mich zu richten habe, als dasjenige, welches meine Nachsicht ihm einräumen werde? Die verschwundene Miß Gwilt habe man am vorigen Montag um zwei Uhr Nachmittags auf dem Perron der Nordwestbahn in Enston Square aus den Augen verloren. Wolle ich ihn zu sagen ermächtigen, daß die Miß Gwilt, welche jetzt bei Major Milroy Gouvernante sei, an jenem Tage und zu jener Stunde gar nicht nach dem erwähnten Bahnhof gekommen sei.

Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich die schöne Gelegenheit, die er mir geboten, allen ferneren Verdacht zu entwaffnen, mit Freuden ergriff. Auf der Stelle nahm ich einen hohen Ton an und schlug ihn mit dem Briefe der alten Dame. Er weigerte sich höflich, ihn einzusehen, allein ich bestand darauf. »Ich mag nicht fälschlicher Weise für ein Frauenzimmer gehalten werden«, sagte ich, »das vielleicht einen schlechten Ruf hat, blos, weil sie denselben Namen trägt, oder angenommen hat, welcher auch der meinige ist. Ich bestehe darauf, daß Sie zu meiner Genugthuung, wenn nicht zu der Ihrigen, den ersten Theil dieses Briefes lesen.« Er mußte nachgeben —— und da hatte er das Zeugniß in der Handschrift der alten Dame selbst, daß sie und ich vergangenen Montag um zwei Uhr in Kingstown Crescent zusammen waren, der, wie ihm jedes Adreßbuch darthun kann, in Bayswater liegt.

Natürlich hätte ich ihn, wenn ich den Brief nicht aufbewahrt, mit demselben Erfolge an Dich oder die Mutter des Majors verweisen können. So aber ist der Zweck sonder Verzug und Mühe erreicht worden. Es ist bewiesen, daß ich nicht ich war; und eine der Gefahren, die mich in Thorpe-Ambrose bedrohten, ist von diesem Augenblicke an aus dem Wege geräumt. Das Gesicht Deines Stubenmädchens mag nicht sonderlich hübsch sein, aber es läßt sich nicht leugnen, daß es uns vortreffliche Dienste geleistet hat.

So viel über die Vergangenheit, jetzt zur Zukunft. Du sollst hören, wie ich mit den Leuten hier verkomme, und selber beurtheilen, welche Aussichten ich habe, Herrin von Thorpe-Ambrose zu werden.

Laß mich mit dem jungen Armadale anfangen, —— denn das heißt, mit guten Nachrichten beginnen. Ich habe bereits den rechten Eindruck auf ihn gemacht, und der Himmel weiß, daß ich darauf stolz zu sein keine besondere Ursache habe! Jedes leidlich hübsche Frauenzimmer, das sich die Mühe nähme, könnte ihn verliebt in sie machen. Er ist ein schwindelköpfiger junger Narr —— einer jener munteren, frischen, blonden, gutmüthigen Männer, gegen die ich einen besonderen Abscheu hege. Am Tage meiner Ankunft war ich eine ganze Stunde mit ihm im Boote allein, und ich kann Dir sagen, daß ich von jenem Tage an bis heute meine Zeit gut benützt habe. Die einzige Schwierigkeit ihm gegenüber liegt darin, daß es mir schwer fällt, meine eigenen Gefühle zu verbergen, namentlich, wenn er meine Abneigung gegen ihn zu förmlichem Hasse steigerte, indem er mich zuweilen an seine Mutter erinnert. Ich habe wirklich nie einen Menschen gesehen, den ich so schlecht behandeln könnte, wenn sich mir die Gelegenheit dazu böte. Kommt nichts dazwischen, so wird er mir diese Gelegenheit früher geben, als wir denken. Soeben bin ich von einer Gesellschaft im Herrenhause zurückgekehrt, dem Festmahle, das am Zinstage stattfindet, und die Aufmerksamkeiten des Squire gegen mich und mein bescheidenes Widerstreben, sie anzunehmen, haben bereits allgemeine Aufmerksamkeit erregt.

Sodann kommt meine Schülerin Mr. Milroy. Auch sie ist rosig und albern und, mehr noch, ungeschickt und plump und sommersprossig und Verdrießlich und schlecht gekleidet. Sie brauche ich nicht zu fürchten, obschon sie mich haßt wie die Pest, was mir ein großer Trost ist, denn dadurch bin ich während der Zeit, wo ich sie nicht unterrichte oder nicht mit ihr spazieren gehe, von ihrer Gesellschaft befreit. Es ist sehr leicht, zu bemerken, daß sie ihr Zusammensein mit dem jungen Armadale, beiläufig ein Umstand, den wir nicht in Rechnung brachten, wohl benützt hat und so dumm gewesen ist, ihn sich durch die Finger schlüpfen zu lassen. Wenn ich Dir sage, daß sie, um des Anscheines willen, ihren Vater und mich bei den kleinen Besuchen in Thorpe-Ambrose begleiten und die Bewunderung des jungen Armadale für mich mit ansehen muß, so wirst Du ungefähr ermessen können, wie hoch ich in ihrer Gunst stehe. Sie würde mich ganz unerträglich ärgern, sähe ich nicht, daß ich sie reize, wenn ich meine Ruhe bewahre —— und darum bewahre ich diese natürlich. Wenn ich wirklich einmal in Wuth gerathe, so wird dies in den Lectionen geschehen, und zwar in den Musikstunden. Nicht mit Worten kann ich schildern, wie tief ich für ihr armes Clavier fühle. Der Hälfte der Clavier spielenden Mädchen in England sollten, im Interesse der Gesellschaft, die Finger abgehackt werden, und ginge es nach meinem Willen, Miß Milroy’s Finger kämen zuerst daran. «

Was den Major betrifft, so kann ich in seiner Achtung kaum höher steigen, als ich bereits darin stehe. Ich bin stets bei der Hand, sein Frühstück zu bereiten —— und seine Tochter ist dies nicht. Ich kann immer seine Sachen finden, die er verliert —— und seine Tochter kann es nicht. Ich gähne nie, wenn er uns seine langweiligen Erzählungen auftischt —— und seine Tochter thut es. Ich habe den armen, harmlosen, lieben alten Herrn gern; deshalb will ich kein Wort weiter über ihn sagen.

Nun, da haben wir doch sicherlich eine schöne Aussicht für die Zukunft? Meine gute Oldershaw, es gab noch nie eine schöne Aussicht, worin nicht ein häßlicher Fleck gewesen wäre. Meine Aussicht hat zwei häßliche Flecke. Der eine heißt Mrs. Milroy, der andere Mr. Midwinter.

Mit Mrs. Milroy angefangen. Was that sie wohl am Tage meiner Ankunft, ehe ich noch kaum fünf Minuten im Hause gewesen? Sie ließ mir sagen, daß sie mich zu sehen wünsche. Diese Botschaft überraschte mich ein wenig. —— nachdem ich von der alten Dame in London gehört, daß ihre Schwiegertochter zu leidend sei, um irgend Jemanden zu empfangen —— doch blieb mir natürlich nichts anderes übrig, als der Aufforderung Folge zu leisten und mich in das Krankenzimmer hinauf zu begeben. Ich fand sie durch ein unheilbares Rückenleiden ans Bett gefesselt und von einem wahrhaft schauerlichen Anblick, doch im Besitz all ihrer Geistesfähigkeiten, und sie ist, wenn ich mich nicht sehr täusche, ein so falsches Weib, von so abscheulichem Charakter, wie Dir in all’ Deinen langen Erfahrungen nur je eines vorgekommen ist. Ihre ausgesuchte Höflichkeit und die Schlauheit, mit der sie ihr eigenes Gesicht im Schatten der Bettvorhänge hielt, während es ihr gelang, auf das meinige ein helles Licht fallen zu lassen, bewogen mich, sowie ich ins Zimmer trat, auf meiner Hut zu sein. Wir,´waren eine halbe Stunde zusammen, ohne daß ich in eine einzige der kleinen Fallen ging, welche sie so geschickt für mich zu legen wußte. Das einzige Räthselhafte in ihrem Benehmen, das ich zur Zeit nicht zu durchschauen vermag, war der Umstand, daß sie mich fortwährend bat, ihr bald Dies bald Jenes, Dinge, die sie offenbar gar nicht brauchte, aus verschiedenen Theilen des Zimmers zu holen.

Seitdem haben mich die Ereignisse hierüber aufgeklärt. Mein Argwohn ward zuerst durch ein Geschwätz der Mädchen erweckt, das ich zufällig mit anhörte, und das Benehmen von Mrs. Milroy’s Wärterin hat mich in meiner Meinung bestärkt. In den seltenen Fällen, wo ich zufällig mit dem Major allein geblieben, hat sich die Wärterin ebenfalls zufällig etwas bei ihrem Herrn zu thun gemacht, und jedes mal vergessen, ihr Erscheinen durch Anklopfen an die Thür zu melden. Begreifst Du jetzt, warum Mrs. Milroy mich zu sich beschied, sowie ich im Hause angelangt war, und was sie damit bezweckte, indem sie mich im Zimmer hin und her schickte? Kaum dürfte sich noch ein anziehendes Licht für mein Gesicht und meine Gestalt finden, in dem jenes Weibes eifersüchtiges Auge sie nicht bereits studiert hätte. Ich weiß nun recht wohl, warum Vater und Tochter überrascht waren und einander ansahen, als ich ihnen vorgestellt ward, oder warum die Mädchen mich mit boshafter Hoffnung im Blicke anstieren, wenn ich schelle und sie um Dies oder Jenes ersuche. Zwischen uns beiden, Mutter Oldershaw, ist’s unnütz, die Wahrheit zu verbergen. Als ich in jenes Krankenzimmer hinausging, marschierte ich mit verbundenen Augen geradezu in den Rachen eines eifersüchtigen Weibes. Kann mich Mrs. Milroy aus dem Hause schaffen, so wird sie es thun, und sie hat in ihrem Bettgefängnisse vom Morgen bis in den Abend sich mit nichts Anderem zu beschäftigen, als die Mittel und Wege dazu auszudenken.

In dieser üblen Lage wird mein eigenes vorsichtiges Benehmen von der vollkommenen Unempfindlichkeit des lieben alten Majors vortrefflich unterstützt. Die Eifersucht seiner Frau ist ein so unerhörter Wahnsinn, wie es außerhalb eines Tollhauses je einen gegeben —— es ist die Frucht ihres abscheulichen Temperaments, welches ein unheilbares Leiden noch verschlimmert. Der arme Mann denkt an nichts, als an seine mechanischen Bestrebungen, und ich glaube nicht, daß er bis zu diesem Augenblicke weiß, ob ich schön bin oder nicht. Bei solcher Sachlage darf ich hoffen, auf eine Zeitlang wenigstens, den plötzlichen Störungen von Seiten der Wärterin und den Anschlägen ihrer Herrin die Spitze bieten zu können. Aber Du weißt, was ein eifersüchtiges Weib ist, ich denke, ich weiß, was Mrs. Milroy ist, und ich bekenne, daß sich an dem Tage freier athmen werde, wo der junge Armadale seine albernen Lippen zu passenden Worten aufthut und den Major nöthigt, durch die Zeitungen eine neue Erzieherin zu suchen.

Armadales Name erinnert mich an Armadale’s Freund. Aus diesem Revier droht mir größere Gefahr, und was noch schlimmer, ich fühle mich vor der Hand gegen Mr. Midwinter nicht halb so gut gewaffnet, wie gegen Mrs. Milroy.

An diesem Menschen ist Alles mehr oder minder geheimnißvoll, was mir zuvörderst schon nicht gefällt Wie kommt er dazu, der Vertraute des Sommersetshirer Pfarrers zu sein? Wie viel hat dieser Pastor ihm mitgetheilt? Wie kam es, daß er bei unserer Begegnung im Park so fest davon überzeugt war, ich sei nicht die Miß Gwilt, die sein Freund suche? Ich habe keinen Schatten von Antwort auf diese drei Fragen. Nicht einmal entdecken kann ich, wer er ist und wie er und der junge Armadale zuerst mit einander bekannt wurden. Ich hasse ihn. Nein, das thue ich nicht; ich möchte nur ins Klare über ihn kommen. Er ist sehr jung, klein und schlank, dunkel und gewandt, und hat glänzende schwarze Augen, die deutlich zu mir sagen: »Wir gehören einem Manne an, der Verstand und seinen eigenen Willen besitzt; einem Manne, der nicht immer zum Gefolge eines Narren auf einem großen Landsitze gehört hat.« Ja, ich bin fest überzeugt, daß Mr. Midwinter, so jung er noch ist, bereits etwas gethan oder etwas gelitten hat, und ich möchte, ich weiß nicht was, darum geben, zu erfahren, was dies war. Nimm mir’s nicht übel, daß ich ihm so viel Platz in meinem Briefe widme. Sein Einfluß auf den jungen Armadale ist groß genug, um sich mir als ein sehr unbequemes Hinderniß in den Weg zu stellen, wenn ich mir nicht von vornherein seine gute Meinung sichern kann. Nun, und was hindert Dich daran, Dir seine gute Meinung zu sichern? wirst Du fragen. Ich fürchte sehr, Mutter Oldershow, daß ich derselben bereits in einer Weise theilhaftig geworden bin, auf die ich gar nicht gerechnet habe.

Ich fürchte sehr, der Mann ist schon in mich verliebt. Du brauchst nicht den Kopf zu schütteln und zu sagen: »Das sieht ihrer Eitelkeit ähnlich!« Nach den Aengsten, die ich durchgemacht habe, bleibt mir keine Eitelkeit mehr, und ein Mann, der mich bewundert, ist ein Mann, der mich schaudern macht. Es gab eine Zeit, das gebe ich zu —— Bah! was schreibe ich da? Empfindsamkeit, so wahr ich lebe! Empfindsamkeit an Dich! Lache nur zu, meine Liebe. Ich meinerseits lache weder, noch weine ich; ich schneide meine Feder, und fahre in meinem —— wie nennen die Männer es gleich? —— in meinem Berichte fort.

Das Einzige, was sich der Untersuchung verlohnt, ist die Frage, ob ich in meiner Annahme hinsichtlich des Eindruck, den ich auf ihn gemacht, Recht habe. Laß sehen —— ich bin viermal in seiner Gesellschaft gewesen. Das erste Mal im Garten des Majors, wo wir einander unerwartet gerade gegenüber standen. Er stand da und sah mich an, als wäre er versteinert, und ohne ein Wort zu sprechen. Die Wirkung meines häßlichen rothen Haares vielleicht? Ganz wahrscheinlich —— schreiben wir es meinem Haar zu. Das zweite Mal, als wir in den Gartenanlagen von Thorpe-Ambrose spazierten, wo der junge Armadale auf der einen und meine Schülerin in mürrischer Laune auf der andern Seite von mir ging. Mr. Midwinter gesellte sich zu uns, wiewohl er aus dem Administrationsbüreau beschäftigt war und diese Arbeit sonst niemals vernachlässigt. Trägheit, vielleicht? oder eine Zuneigung für Miß Milroy? Kanns nicht sagen; schreiben wir es Miß Milroy zu, wenn Du willst —— ich weiß blos, daß er Niemanden ansah, als mich. Das dritte Mal war bei unserer Privatunterredung im Park, von der ich Dir bereits erzählt habe. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Mann bei einer delicaten Frage an ein Weib so bewegt gesehen. Doch dies mochte blose Verlegenheit sein, und daß er, nachdem wir uns getrennt hatten, fortwährend noch zurückblickte, mochte nur geschehen, um die Aussicht zu genießen. Messen wir es der Aussicht bei, auf jeden Fall der Aussicht! Das vierte Mal war heute Abend bei der kleinen Gesellschaft. Ich mußte spielen, und da das Piano gut war, spielte ich so gut wie ich überhaupt konnte. Die ganze Gesellschaft drängte sich um mich herum und sagte mir Schmeicheleien —— meine reizende Schülerin brachte ihr Compliment mit dem Gesichte einer Katze vor, wenn sie im Begriff ist zu kratzen —— außer Mr. Midwinter. Er wartete, bis der Augenblick des Fortgehens kam, und dann wußte er mich einen Augenblick allein im Hausflur zu treffen. Er hatte gerade Zeit, meine Hände zu fassen und zwei Worte zu sagen. Soll ich Dir beschreiben, wie er meine Hände faßte und wie seine Stimme klang, als er sprach? Ganz unnöthig! Du hast mir stets gesagt, daß der verstorbene Mr. Oldershaw Dich vergötterte. Rufe Dir eben die Art und Weise ins Gedächtniß zurück, in der er zum ersten Male Deine Hand nahm und Dir ein paar heimliche Worte ins Ohr flüsterte Welchem Umstande schriebst Du damals sein Benehmen zu?« Wenn Du im Laufe des Abends Clavier gespielt hattest, dann ohne Zweifel der Musik.

Ja! Du magst Dich darauf verlassen, das Unglück ist geschehen. Dieser Mensch ist kein schwindelköpfiger Narr, der seine Herzensneigungen so schnell wechselt, wie seine Kleider —— das Feuer, das in jenen großen schwarzen Augen brennt, ist kein Flackerfeuer, welches ein Weib, das es entzündet, so leicht wieder auszulöschen vermag. Ich möchte Dich nicht entmuthigen; ich sage auch nicht, daß die Chancen gegen uns sind. Aber auf der einen Seite von Mrs. Milroy und auf der andern Seite von Mr. Midwinter bedroht, laufe ich die schlimmste aller Gefahren ——: die Zeit zu verlieren.

Bereits hat der junge Armadale so gut wie ein solcher Tölpel es eben versteht, auf ein heimliches Rendezvous angespielt! Miß Milroy’s Augen sind scharf und die der Wärterin noch schärfer, und ich werde meine Stelle verlieren, wenn die Eine oder die Andere dahinterkommt. Einerlei! Ich muß die Chance ergreifen, und ihm die heimliche Zusammenkunft gestatten. Laß mich ihn nur bei Seite haben, laß mich nur den spionierenden Blicken der Weiber entwischen, und —— wenn sein Freund nicht dazwischen tritt —— will ich einstehen für den Erfolg.

Inzwischen —— habe ich Dir noch sonst etwas mitzutheilen? Sind uns noch andere Leute in Thorpe-Ambrose im Wege? Keine Seele! Von den Gutsnachbarn macht hier Niemand Besuch, denn der junge Armadale steht glücklicher Weise in schlechtem Geruch bei der Nachbarschaft. Weder schöne vornehme Damen, noch Leute von Bedeutung kommen zu ihm, die wider seine Aufmerksamkeiten gegen eine Gouvernante protestieren winden. Die einzigen Gäste, die er heute Abend für seine Gesellschaft hatte austreiben können, waren der Advocat mit seiner Familie (aus dessen Gattin, einem Sohne und zwei Töchtern bestehend) und eine taube alte Frau mit ihrem Sohne —— lauter völlig unbedeutende Leute und alle demüthig gehorsame Diener des dummen jungen Squires.

Da ich von demüthig gehorsamen Dienern rede, fällt mir noch eine Persönlichkeit ein, die hier im Administrationsbureau angestellt ist —— ein jämmerlicher, schäbiger, zerrütte alter Mann, namens Bashwood. Er ist mir völlig fremd, und ich bin offenbar für ihn ebenfalls eine Fremde; denn er hat das Stubenmädchen im Parkhäuschen gefragt, wer ich sei. Ich mache mir selbst kein großes Compliment, wenn ich es bekenne; aber es ist darum nicht minder wahr, daß ich auf dieses schwache alte Geschöpf, als es mich zum ersten Male sah, den erstaunlichsten Eindruck gemacht habe. Er wechselte zehnmal die Farbe und stand zitternd da und starrte mich an, als läge etwas ganz Entsetzliches in meinem Gesichte. Für den Moment war ich ganz erschrocken, denn von all den Männern, die mich in meinem Leben angesehen haben, hat mich noch keiner dergestalt angestiert. Hast Du je die Riesenschlange im Thiergarten füttern sehen? Man bringt ein lebendiges Kaninchen in den Käfig und die beiden Thiere sehen einander einen Augenblick an. Ich versichere Dir, daß mich Mr. Bashwood an das Kaninchen erinnerte!

Warum erwähne ich dieses Umstandes? Ich weiß nicht, warum. Vielleicht habe ich zu lange geschrieben und mein Kopf beginnt schwach zu werden. Vielleicht frappiert mich Mr. Bashwoods Art und Weise der Bewunderung durch ihre Neuheit. Lächerlich! Ich rege mich auf und beunruhige Dich um nichts. O, welch einen langen langweiligen Brief ich geschrieben habe! und wie klar die Sterne durchs Fenster auf mich herabschauen, und wie schauerlich stille die Nacht ist! Schicke mir noch etwas von den bewußten Schlaftropfen und schreibe mir einen Deiner schönen, boshaften, amüsanten Brief. Du sollst wieder von mir hören, sobald ich ein wenig besser weiß, wie Alles ablaufen wird. Gute Nacht, und bewahre in Deinem steinernen alten Herzen einen Winkel für

L. G. «

Von Mrs. Oldershaw an Miß Gwilt.

»Diana-Street Pimlico, Montag.
Meine liebe Lydia!

Ich bin durchaus nicht in der Gemüthsverfassung um Dir einen amüsanten Brief zu schreiben. Deine Mittheilungen sind sehr entmuthigender Natur und Dein leichtsinniger Ton ängstigt mich förmlich. Bedenke doch das Geld, das ich Dir bereits vorgeschossen, und die Interessen, die für uns beide auf dem Spiele stehen. Was Du immer sein magst, ums Himmels willen sei wenigstens nicht leichtsinnig!

Was kann ich thun? —— Ich frage mich als Geschäftsfrau, was kann ich thun, Dich zu fördern? Ich kann Dir keinen Rath geben, denn ich bin nicht an Ort und Stelle, und weiß nicht, wie die Verhältnisse sich vielleicht von einem Tage zum andern verändern. In der Lage, in der wir uns jetzt befinden, kann ich nur in einer Weise nützlich sein: ich kann ein neues Hinderniß entdecken, das Dich bedroht, und glaube, daß ich es aus dem Wege zu räumen im Stande sein werde.

Du sagst sehr wahr, es habe noch nie eine Aussicht ohne eine häßliche Stelle darin gegeben, und in der Deinigen befinden sich zwei solcher häßlicher Flecken. Meine Liebste, es dürften wohl drei darin sein, wenn ich mich nicht ins Mittel lege, und der dritte Fleck wird Brock heißen! Ist es möglich, daß Du des Pfarrers erwähnen kannst, wie Du es thust, ohne einzusehen, daß die Fortschritte, die Du bei dem jungen Armadale machst, früher oder später durch den Freund des jungen Armadale an den Geistlichen berichtet werden müssen? Ja, jetzt, da ich daran denke, sehe ich, daß Du doppelt in der Gewalt des Pfarrers bist! Irgendein neuer Verdacht kann ihn binnen vierundzwanzig Stunden selbst nach Eurer Gegend bringen, und Du bist der Gefahr ausgesetzt, daß er, sowie er hört, der Squire stehe im Begriff, sich mit der Gouvernante eines Nachbars zu compromittiren, sich sofort hindernd dazwischen stellt. Wenn ich sonst nichts thun kann, so kann ich wenigstens diese Gefahr von Dir fern halten. Und, o Lydia, mit welcher Freude werde ich dabei Alles aufbieten, nachdem mich der alte Bursche so schmachvoll gekränkt hat, als ich ihm auf der Straße jene Jammergeschichte erzählte! Wahrhaftig, ich zittere vor Vergnügen, wenn ich daran denke, wie ich Mr. Brock zum Narren halten werde!

Und wie soll das geschehen? Ei, genau so, wie wir es schon einmal vollbracht haben. Er hat Miß Gwilt, oder vielmehr mein Stubenmädchen verloren, nicht wahr? Sehr wohl. Er soll sie, wo er auch immer sein mag, in bequemer Nähe wiederfinden. Solange sie an dem Orte bleibt, wird auch er dort bleiben; und da wir wissen daß sie nicht zu Thorpe-Ambrose ist, so bist Du dort vor ihm sicher! Der Verdacht des alten Herrn hat uns bis jetzt erstaunlich viel Ungelegenheit bereitet. Laß uns denselben wenigstens nutzbringend ausbeuten; durch seinen Argwohn wollen wir ihn an die Schürzenbänder meines Mädchens binden. Sehr erquicklich. Eine ganz moralische Vergeltung, nicht wahr?

Der einzige Beistand, um den ich Dich behelligen muß, ist derart, daß Du mir ihn leicht wirst leisten können. Suche von Mr. Midwinter’s zu erfahren, wo sich der Pfarrer gegenwärtig aufhält, und benachrichtige mich davon mit umgehender Post. Ist er noch in London, so will ich meinem Mädchen bei der Mystification persönlich behilflich sein. Ist er irgendwo anders, so will ich sie ihm nachschicken, in Begleitung einer Person, auf die ich unbedingtes Vertrauen setzen kann.

Die Schlaftropfen sollst Du morgen erhalten. Inzwischen wiederhole ich schließlich das, was ich im Eingange sagte —— keinen Leichtsinn! Gib Dich nicht poetischen Empfindungen hin, gucke nicht nach den Sternen und schwatze nicht von der schauerlichen Stille der Nacht. Es gibt ja Leute auf der Sternwarte, welche dafür bezahlt werden, daß sie die Sterne für Dich betrachten —— überlasse es ihnen. Und was die Nacht betrifft, so mache damit, was die Vorsehung Dich mit der Nacht machen hieß, indem sie Dich mit Augenlidern versah —— schlafe

Von Herzen die Deine
Maria Oldershaw.«

Von St. Ehrwürden Decimus Brock an
Ozias Midwinter.

»Pfarrhaus Bascomb, Sommerset,
Donnerstag, den 3. Juli.

Mein lieber Midwinter.

Nur eine Zeile, ehe die Post abgeht, um Sie aller Verantwortlichkeit in Thorpe-Ambrose zu entheben Und der Dame, die in Major Milroy’s Familie als Gouvernante lebt, meine Entschuldigungen zu "machen.

Die Miß Gwilt —— oder ich sollte vielmehr sagen, das Frauenzimmer, welches sich diesen Namen gibt —— ist zu meinem unaussprechlichen Erstaunen hier in meinem Pfarrsprengel ganz offen erschienen! Sie logirt im Gasthof und ist von einem plausibel aussehenden Manne begleitet, der für ihren Bruder gilt. Was dieses unverschämte Benehmen zu bedeuten hat —— wenn es nicht etwa neue Schritte im Complote gegen Allan andeutet, die nach neuen Rathschlägen unterenommen werden —— geht natürlich über meine Entdeckungskunst.

Meine Idee ist die, daß man die Unmöglichkeit eingesehen hat, bis zu Allan zu dringen, ohne mich oder Sie als einen Stein des Anstoßes im Wege zu finden, und daß man aus der Noth eine Tugend machen will, indem man offen versucht, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Der Mann sieht aus, als ob er jeder Unverschämtheit fähig wäre, und er sowohl als das Frauenzimmer hatten die Frechheit, mich zu grüßen, als ich ihnen vor einer halben Stunde im Dorfe begegnete. Sie haben bereits Erkundigungen über Allan’s Mutter eingezogen —— hier, wo deren exemplarisches Leben all ihren Nachforschungen Trotz bieten wird. Wenn es nur auf Gelderpressungen als Preis für ihr Schweigen über das Verhalten der armen Mrs. Armadale zur Zeit ihrer Heirath auf Madeira abgesehen ist, so werden sie mich gerüstet finden. Ich habe mit dieser selben Post an meine Advocaten geschrieben und sie ersucht, mir einen geschickten Menschen zur Hilfe zu schicken, und er wird sich in irgendeiner Rolle, wie sie ihm unter den gegenwärtigen Verhältnissen als die sicherste erscheint, aus der Pfarrei einquartieren.

In den nächsten Tagen sollen Sie erfahren, was sich weiter begeben hat.

Stets aufrichtig der Ihre.
Decimus Brock.«



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel.

Seit jenem Morgen, an dem Miß Gwilt und ihre Schülerin einen Spaziergang im Garten des Parkhäuschens gemacht, waren neun Tage vergangen und der zehnte nahte sich dem Ende.

Der Abend war umwölkt. Seit Sonnenuntergang waren Anzeichen am Himmel erschienen, aus denen der Volksglaube Regen prophezeit. Die Gesellschaftszimmer des Herrenhauses waren sämtlich leer und finster. Allan war ausgegangen, um den Abend bei den Milroy’s zuzubringen, und Midwinter wartete seine Heimkehr ab —— nicht unter den Büchern im Bibliothekzimmer, wo er ihn gewöhnlich erwartete —— sondern in dem kleinen Hinterstübchen, das Allan’s Mutter während der letzten Zeit ihres Aufenthalts in Thorpe-Ambrose bewohnt hatte.

Nichts war aus dem Zimmer fortgenommen, wohl aber Manches zu seinen sonstigen Geräthen hinzugefügt worden, seit Midwinter es zuletzt gesehen hatte. Die Bücher, welche Mrs. Armadale hinterlassen, das Mobiliar, die alte Matte am Fußboden, die alte Tapete an den Wänden —— alles war unangerührt geblieben. Noch immer stand die kleine Statue der Niobe auf ihrer Console, und noch immer ging das lange Fenster auf den Garten hinaus. Doch zu den Reliquien der Mutter waren jeztzt die persönlichen Habseligkeiten des Sohnes gekommen. Die bisher kahle Wand war mit Aquarellen geschmückt —— mit einem Porträt von Mrs. Armadale, dem links eine Ansicht des Hauses in Somersetshire und rechts ein Bild der Yacht zur Seite hing. Unter den Büchern, in welche in verblichener Tinte in Mrs. Armadale’s Handschrift die Worte: »Von meinem Vater« eingeschrieben standen, befanden sich andere Bücher, die in derselben Handschrift und mit schwärzerer Tinte die Inschrift: »An meinen Sohn» trugen. An der Wand, auf dem Kaminsims, auf dem Tische umhergestreut, standen und lagen unzählige kleine Gegenstände, denen einige Allan’s früherem Leben angehörten und andere zu seinen gegenwärtigen Beschäftigungen und Unterhaltungen nothwendig waren und die alle deutlich zu erkennen gaben, daß das Zimmer, das Allan in Thorpe-Ambrose vorzugsweise bewohnte, gerade das war, welches Midwinter einst an sein zweites Traumgesicht gemahnt hatte. Hier, merkwürdig gleichgültig gegen das, was ihn umgab und was vor so kurzem noch den Gegenstand seiner abergläubischen Befürchtungen gebildet hatte, wartete Allan’s Freund ruhig auf dessen Heimkehr —— und hier, was noch merkwürdiger, fielen seine Blicke auf eine Veränderung der Einrichtung, die ursprünglich durch ihn herbeigeführt worden war. Seine eigenen Lippen hatten von der Entdeckung berichtet, die er am ersten Morgen im neuen Hause gemacht; er selbst hatte freiwillig den Sohn dazu bewogen, sich in dem Zimmer seiner Mutter wohnlich zu etablieren.

Aus welchem Beweggrunde hatte er jene Worte gesprochen? Aus keinem andern, der nicht aus den neuen Interessen und den neuen Hoffnungen natürlich entsprang, die ihn jetzt belebten.

Der gänzliche Umschwung seiner Ueberzeugung seit dem denkwürdigen Ereignisse, das ihn Miß Gwilt gegenüber geführt hatte, war von einer Natur, die Allan zu verbergen nicht in seinem Wesen lag. Offen, wie es sein Charakter war, hatte er davon gesprochen. Das Verdienst, seinen Aberglauben überwunden zu haben, war ein Verdienst, das er sich ungern beimaß, bevor er nicht diesen Aberglauben schonungslos und seiner schlimmsten und schwächsten Seite dargelegt hatte. Erst nachdem er rückhaltslos eingestanden, unter welchem Impulse er Allan am See verlassen, hatte er sich Glück gewünscht, daß er nunmehr den Traum in anderem Lichte betrachten konnte. Dann, und nicht eher, hatte er von der Erfüllung des ersten Gesichts gesprochen, wiewohl der Arzt auf der Insel Man davon gesprochen haben würde —— er hatte sich gefragt, wie der Arzt gefragt haben würde, was es Wunderbares sei, einen Teich beim Sonnenuntergange zu erblicken, wo man rings von einem wahren Netze von Teichen umgeben war? und was Erstaunliches darin liege, ein Weib am See zu sehen, wenn offene Wege zu diesem hinführten und Dörfer genug in der Umgegend lager; wenn Boote auf dem Wasser umher fuhren und Lustpartien dahin veranstaltet wurden? Und so hatte er damit gewartet, den festeren Entschluß zu rechtfertigen, mit dem er jetzt der Zukunft entgegenblickte, bis er offenbart haben würde, was er jetzt selbst Alles als Irrthümer der Vergangenheit erkannt hatte. Die Interessen seines Freundes aufzugeben, das Vertrauen zu täuschen, das ihn mit der Verwalterstelle bekleidet, die von Mr. Brock in ihn gesetzten Erwartungen nicht zu erfüllen, was Alles im Gedanken lag, Allan zu verlassen —— das stand jetzt lebhaft vor ihm. Der crasse Widerspruch, der darin lag, daß er den Traum als die Schicksalsoffenbarung hinnahm und dann durch eine Anstrengung des freien Willens diesem Schicksale zu entgehen suchte —— daß er eifrig arbeitete, um sich für die Zukunft zu der Verwalterstelle geschickt zu machen, und zugleich vor dem Gedanken zurück bebte, daß die Zukunft ihn noch unter Allan’s Dache finden könne —— ward seinerseits schonungslos dargelegt. Er gestand jeden Irrthum, jede Inconsequenz ehe er von dem helleren und besseren Geist in ihm zu reden —— ehe er die letzte einfache Frage zu thun wagte, die Alles schloß: »Willst du mir in Zukunft vertrauen? willst du die Vergangenheit vergeben und vergessen?«

Ein Mann, der solchergestalt ohne einen einzigen Rückhalt, den die Rücksicht auf sich selbst ihm eingab, sein ganzes Herz ausschütten konnte, war nicht der Mann, irgendeine geringere Verheimlichung zu vergessen, deren seine Schwäche ihn gegen seinen Freund hätte schuldig machen können. Schwer lastete es auf Midwinter’s Gewissen, daß er seinem Freunde eine Entdeckung verheimlicht hatte, die er ihm in Allan’s Interesse hätte machen sollen —— die Entdeckung nämlich, die er im Zimmer seiner Mutter gemacht.

Ein Zweifel hatte jedoch seine Lippen geschlossen —— der Zweifel, ob Mrs. Armadale’s Verhalten auf der Insel Madeira bei ihrer Heimkehr nach England geheim gehalten worden war. Sorgfältige Erkundigungen, zuerst unter der Dienerschaft, dann unter den Gutspächtern, sorgfältige Berücksichtigung der wenigen zur Zeit umlaufenden Gerüchte, wie diese ihm von den wenigen noch übrigen Personen mitgetheilt wurden, die sich jener erinnerten, überzeugten ihn endlich, daß das Geheimniß in den Grenzen der Familie geblieben war. Sowie er einmal zu dem Schlusse gelangt war, daß die Nachforschungen des Sohnes in keiner Weise zu Enthüllungen führen konnten, die seine Achtung für das Gedächtniß seiner Mutter zu erschüttern vermochte, zögerte Midwinter nicht länger. Er hatte Allan in das Zimmer geführt und ihm die Bücher auf den Regalen sowohl als die darin enthaltenen Inschriften gezeigt. Er hatte offen zu ihm gesagt: »Mein Beweggrund, Dir früher nichts hiervon zu sagen, entsprang aus meiner Furcht, ein Interesse für das Zimmer in Dir zu erwecken, das ich mit Grausen als den zweiten Schauplatz meines Traumgesichts betrachtete. Verzeih mir auch dies, und dann wirst Du mir Alles verziehen haben.«

Bei Allan’s Liebe für das Andenken seiner Mutter, konnte ein solches Bekenntniß nur Einen Erfolg haben. Von Anfang an hatte ihm das kleine Zimmer gefallen wegen des angenehmen Contrastes, welchen es zu der drückenden Pracht der übrigen Zimmer von Thorpe-Ambrose bot —— und jetzt, da er wußte, welche Erinnerungen sich daran knüpften, beschloß er augenblicklich, es zu seinem speciellen Wohnzimmer zu erheben. Noch am selben Tage wurden all seine persönlichen Habseligkeiten zusammengesucht und in Midwinter’s Beisein und unter Midwinter’s Mithilfe in dem Zimmer untergebracht.

Unter diesen Umständen war die kleine häusliche Veränderung vollzogen worden, und in dieser Weise hatte Midwinter’s Ueberwindung seinen Fatalismus —— dadurch, daß er Allan zum täglichen Bewohner eines Zimmers gemacht hatte, das dieser sonst vielleicht nie betreten haben würde —— in der That die Erfüllung der zweiten Vision des Traumes gefördert.

Die Stunde verging ruhig, während Midwinter dasaß und auf Allan’s Heimkehr wartete. Er verkürzte sich die Zeit bald durch Lectüre, bald durch stilles Sinnen. Er ward jetzt von keinen widerwärtigen Sorgen, von keinen ahnungsvollen Zweifeln gequält. Der Zinstag, den er einst so sehr gefürchtet, war harmlos erschienen und harmlos verstrichen. Ein freundschaftlicheres Verständnis; zwischen Allan und seinen Pächtern hatte sich angebahnt. Mr. Bashwood hatte sich des in ihn gesetzten Vertrauens würdig gezeigt; Pedgifts, Vater und Sohn, hatten die gute Meinung, die ihr Client von ihnen gefaßt, in vollem Maße gerechtfertigt. Wohin Midwinter immer blickte, überall war die Aussicht hell, die Zukunft ohne Wolken.

Er putzte die Lampe auf dem Tische neben ihm und sah in die Nacht hinaus. Die Stalluhr schlug halb zwölf, als er ans Fenster trat, und eben begann es zu regnen. Er hatte die Hand auf die Klingel gelegt, um den Diener mit einem Regenschirme nach dem Parkhäuschen zu senden, als die bekannten Schritte auf dem Wege draußen ihn davon abhielten.

»Wie spät Du kommst!« sagte Midwinter, als Allan durch die offene Fensterthür hereintrat. »War Gesellschaft im Parkhäuschen?«

»Nein! Niemand als die Familie. Die Zeit verstrich, ohne daß man’s gewahr wurde«

Er antwortete mit leiserer Stimme als gewöhnlich und seufzte, indem er sich niedersetzte.

»Du scheinst in übler Stimmung zu sein«, fuhr Midwinter fort. »Was gibts?«

Allan zögerte. »Ich mag Dir’s wohl sagen«, erwiderte er nach einem Augenblicke. »Es ist nichts, dessen ich mich zu schämen brauchte; es wundert mich nur, daß Du es nicht schon bemerkt hast! Wie gewöhnlich handelt es sich um ein Weib —— ich bin « verliebt.«

Midwinter lachte. »Ist Miß Milroy heute Abend noch reizender als sonst gewesen?« fragte er munter.

»Miß Milroy!« wiederholte Allan. »Woran denkst Du! Ich bin nicht in Miß Milroy verliebt.«

»In wen denn?«

»In wen? Welch eine Frage! Wer kann es anders sein, als Miß Gwilt?«

Ein plötzliches Schweigen trat ein. Allan saß nachlässig da mit den Händen in den Taschen und sah hinaus auf den niederströmenden Regen. Hätte er seinen Freund angesehen, wie er Miß Gwilt’s Namen aussprach, so würde ihn die Veränderung in Midwinters Gesicht wahrscheinlich frappiert haben.

»Vermuthlich bist Du nicht damit einverstanden?« sagte er nach einer kleinen Pause.

Keine Antwort erfolgte.

»Es ist zu spät, um Einwürfe zu erheben«, fuhr Allan fort. »Ich meine es ernstlich, wenn ich sage, daß ich in sie verliebt bin.«

»Vor vierzehn Tagen warst Du in Miß Milroy verliebt«, sagte der Andere in ruhigem, gemessenem Tone.

»Bah! Eine bloße kleine Courmacherei. Diesmal ist es ganz etwas Anderes. Es ist mir Ernst mit Miß Gwilt.«

Er wandte sich um, indem er sprach. Mindwinter kehrte das Gesicht ab und beugte sich über ein Buch.

»Ich sehe, Du bist mit der Sache nicht einverstanden«, fuhr Allan fort. »Hast Du etwa dagegen einzuwenden, daß sie blos eine Gouvernante ist? Das kannst Du gewiß nicht. Wärest Du an meiner Stelle, der Umstand, daß sie blos Gouvernante ist, würde Dich nicht abhalten.«

»Nein«, sagte Midwinter, »ich wäre unwahr, wollte ich behaupten, daß mich dies abhalten würde.«

Er gab die Antwort widerstrebend und schob seinen Sessel zurück, aus dem Lichte der Lampe.

»Eine Gouvernante ist eine Dame, die nicht reich ist«, sagte Allan orakelhaft, »und eine Herzogin ist eine Dame, die nicht arm ist. Das der ganze Unterschied, den ich zwischen ihnen einräume. Miß Gwilt ist älter, als ich, das leugne ich nicht. Für wie alt hältst Du sie, Midwinter? Ich sage sieben- oder achtundzwanzig. Was meinst Du?«

»Nichts. Ich bin Deiner Ansicht.«

»Meinst Du, eine Frau von sieben- bis achtundzwanzig Jahren sei zu alt für mich? Du würdest sieben- oder achtundzwanzig Jahre nicht zu alt finden, wenn Du in ein Weib verliebt wärst, wie?«

»Ich kann nicht sagen, daß ich sie zu alt finden würde, wenn ——«

»Wenn Du sie wirklich lieb hättest?«

Abermals keine Antwort.

»Nun«, fuhr Allan fort, »wenn in dem Umstande, daß sie blos Gouvernante und dazu etwas älter ist, als ich, kein Hinderniß liegt, was hast Du dann gegen Miß Gwilt einzuwenden?«

»Ich habe nichts gegen sie eingewendet.«

»Ich sage nicht, daß Du dies gethan. Aber der Gedanke scheint Dir dem ungeachtet nicht zu gefallen.«

Ein abermaliges Schweigen erfolgte, welches diesmal von Midwinter gebrochen ward.

»Bist Du Deiner sicher, Allan?« fragte er, indem er das Gesicht wieder über das Buch neigte; »hegst Du wirklich eine ernstliche Zuneigung zu dieser Dame? Hast Du bereits ernstlich daran gedacht, sie um ihre Hand zu bitten?«

»Diesen Augenblick eben denke ich ernstlich daran«, sagte Allan »Ich kann nicht glücklich sein —— kann ohne sie nicht leben. Auf mein Wort, ich vergöttere den Boden, auf dem ihr Fuß wandelt.«

»Wie lange —«?« Midwinter’s Stimme bebte und er stockte. »Wie lange«, wiederholte er, »hast Du den Boden vergöttert, auf dem ihr Fuß wandelt?«´

»Länger, als Du glaubst. Ich weiß, daß ich Dir alle meine Geheimnisse anvertrauen darf ——«

»Vertraue mir nichts an!«

»Unsinn! Ich will Dir vertrauen. Noch eine kleine Schwierigkeit steht im Wege, deren ich nicht erwähnt habe. Es betrifft eine zarte Angelegenheit, und ich wünsche Dich zu Rathe zu ziehen. Unter uns gesagt, ich habe Gelegenheit gehabt, heimlich mit Miß Gwilt zusammenzukommen ——«

Midwinter sprang plötzlich auf und öffnete die Thür.

»Wir wollen morgen davon reden«, sagte er. »Gute Nacht.«

Allan sah sich erstaunt um. Die Thür war wieder geschlossen und er war allein im Zimmer.

»Er hat mir nicht die Hand gegeben» rief Allan, verblüfft den leeren Sessel betrachtend.

Als diese Worte seinen Lippen entstehn, öffnete sich die Thür und Midwinter trat wieder ein.

»Wir haben uns nicht die Hand gereicht«, sagte er kurz. »Gott segne Dich, Allan! Wir wollen morgen davon reden. Gute Nacht.«

Allan stand allein am Fenster und sah in den herabgießenden Regen; er hatte ein unbehagliches Gefühl, ohne die Ursache desselben zu wissen.

»Midwinter’s Manieren werden immer seltsamer«, dachte er. »Was kann er damit sagen wollen, daß er es auf morgen verschiebt, wenn ich gerne heute Nacht mit ihm reden möchte?« Etwas ungeduldig nahm er seine Kerze und setzte den Leuchter wieder nieder —— trat von neuem an das offene Fenster und sah nach der Richtung, wo das Parkhäuschen lag. »Ob sie jetzt wohl an mich denkt?« sprach er leise für sich.

Sie dachte in der That an ihn. Soeben hatte sie ihr Schreibpult geöffnet, um an Mrs. Oldershaw zu schreiben, und soeben hatte ihre Feder die Anfangszeile geschrieben: —— »Beruhige Dich. Ich habe ihn!«



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel.

Es regnete die ganze Nacht, und als der Morgen kam, regnete es noch immer.

Midwinter wartete, gegen seine Gewohnheit, bereits im Frühstückszimmer, als Allan in dasselbe eintrat. Er sah matt und abgespannt aus, aber sein Lächeln war milder und sein ganzes Wesen ruhiger, als gewöhnlich. Zu Allan’s großer Ueberraschung brachte er, sowie der Diener das Zimmer verlassen, den Gegenstand ihrer Unterhaltung vom gestrigen Abend selbst zur Sprache.

»Ich fürchte, Du hast mich gestern Abend sehr ungeduldig und gereizt gefunden«, sagte er. »Ich will dies heute Morgen wieder gut zu machen suchen. Ich bin Alles anzuhören bereit, was Du mir in Bezug auf Miß Gwilt sagen möchtest.«

»Ich möchte Dich nicht gern damit quälen«, sagte Allan. »Du siehst aus, als ob Du schlecht geschlafen hättest.«

»Schon seit einiger Zeit habe ich nicht gut geschlafen«, erwiderte Midwinter ruhig. »Es ist Etwas nicht in Ordnung mit mir. Aber ich glaube das Mittel entdeckt zu haben, mich, selbst ohne ärztlichen Beistand, wiederherzustellen. Ich werde nachher mit Dir darüber sprechen. Laß uns zuvor auf das zurückkommen, wovon Du gestern Abend sprachst. Du erwähntest einer Verlegenheit ——« Er stockte und endete den Satz mit so leiser Stimme, daß Allan ihn nicht hören konnte. »Es wäre vielleicht besser«, fuhr er fort, »wenn Du, anstatt mit mir zu sprechen, Dich an Mr. Brock wenden wolltest.«

»Ich möchte lieber mit Dir sprechen«, entgegnete Allan. »Doch sage mir zuvor, ob ich gestern Abend Recht oder Unrecht hatte, wenn ich dachte, Du mißbilligtest mein Interesse für Miß Gwilt?«

Midwinters hageren, nervösen Finger begannen das Brod auf seinem Teller zu zerkrümeln. Zum ersten Male wandte er den Blick von Allan ab.

»Wenn Du irgendeinen Einwand dagegen zu erheben hast, so möchte ich denselben hören«, fuhr Allan fort.

Midwinter blickte plötzlich mit leichenblassen Wangen wieder auf und heftete seine funkelnden schwarzen Augen fest auf Allanss Gesicht.

»Du liebst sie«, sagte er. »Liebt sie Dich?«

»Du wirst mich nicht für eingebildet halten?« erwiderte Allan. »Ich sagte Dir gestern Abend, daß ich Gelegenheit gehabt, sie heimlich zu sehen ——«

Midwinters Blicke senkten sich wieder zu den Brodkrumen auf seinem Teller nieder. »Ich verstehe«, unterbrach er ihn schnell. »Du hast Dich gestern Abend getäuscht. Ich hatte nichts einzuwenden.«

»Gratulierst Du mir nicht?« fragte Allan ein wenig unruhig. »Ein so,schönes, ein so gescheidtes Weib!«

Midwinter reichte ihm die Hand. »Ich bin Dir mehr als blose Glückwünsche schuldig«, sagte er. »Bei Allem, was zu Deinem Glücke beiträgt, bin ich Dir meinen Beistand schuldig« Er drückte Allan’s Hand mit nervöser Heftigkeit »Kann ich Dir behilflich sein?« fragte er immer mehr erbleichend.

»Mein lieber Junge!« rief Allan aus. »Was fehlt Dir nur? Deine Hand ist eiskalt.«

Midwinter lächelte matt. »Ich bewege mich stets in Extremen«, sagte er; »als Du mir im alten Dorfwirthshause jener westlichen Grafschaft zum ersten Male die Hand reichtest, war diese so heiß, wie Feuer. Laß mich von jener Schwierigkeit hören, über die Du Dich noch nicht ausgesprochen hast. Du bist jung, reich, Dein eigener Herr —— und sie liebt Dich. Was kann da noch im Wege liegen?«

Allan zögerte. »Ich weiß kaum, wie ich mich darüber ausdrücken soll«, erwiderte er. »Wie Du sagst —— ich liebe sie und sie liebt mich —— und dennoch ist etwas Fremdes zwischen uns. Man schwatzt ziemlich viel von sich selber, wenn man verliebt ist —— ich wenigstens thue dies. Ich habe ihr Alles von mir und meiner Mutter erzählt und wie ich zu diesen Gütern kam und alles Uebrige. Nun —— obgleich mir dies nicht ausfällt, solange wir beisammen sind —— kommt mir doch, wenn ich von ihr fort bin, hin und wieder der Gedanke, daß sie ihrerseits nicht viel sagt. Ja, ich weiß nicht mehr über sie, als Du von ihr weißt?«

»Meinst Du damit, daß Du nichts von Miß Gwilt’s Familie und Angehörigen weißt?«

»Das ist’s —— genau, was ich sagen will.«

»Hast Du sie nie darüber gefragt?«

»Ich sagte neulich etwas der Art«, erwiderte Allan, »und ich fürchte, daß ich es wie gewöhnlich falsch angefangen habe. Sie sah —— ich kann Dir’s nicht beschreiben, nicht gerade verdrossen aus, aber —— o, was vermögen nicht Worte! Ich gäbe die Welt darum, Mitwinter, wenn ich Deine Geschicklichkeit besäße im rechten Augenblicke das rechte Wort zu finden.«

»Sagte Miß Gwilt irgendetwas zur Erwiderung?«

»Das ist gerade, was ich Dir soeben mittheilen wollte. Sie sagte: »Ich werde Ihnen eines Tages eine traurige Geschichte von mir und meiner Familie zu erzählen haben, Mr. Armadale, aber Sie sehen so glücklich aus, und die Umstände sind von so trauriger Art, daß ich kaum den Muth besitze, jetzt davon zu sprechen.« Ach, sie weiß sich auszudrücken, mit Thränen in den Augen, mein lieber Junge, mit Thränen in den Augen? Ich gab natürlich dem Gespräch sofort eine andere Wendung, und jetzt ist die Schwierigkeit die, wie ich auf den Gegenstand zurückkommen kann, —— mit Zartgefühl, und ohne sie abermals weinen zu machen. Wir müssen darauf zurückkommen, wie Du einsehen wirst. Nicht etwa meinetwegen; ich bin es vollkommen zufrieden, sie zunächst zu heirathen und dann erst von ihren traurigen Familienverhältnissen zu hören, die Aermste! Aber ich kenne Mr. Brock. Wenn ich ihm bei Mittheilung der Geschichte, was ich natürlich thun muß, nicht über ihre Familie zufriedenzustellen im Stande bin, so wird er von Grund auf gegen die ganze Sache sein. Ich bin natürlich mein eigener Herr und kann thun, was mir beliebt. Aber der liebe alte Brock war ein so guter Freund meiner armen lieben Mutter und ist auch mir ein so guter Freund gewesen —— Du verstehst mich, nicht wahr?«

»Gewiß, Allan; Mr. Brock ist Dir ein zweiter Vater gewesen. Eine Differenz zwischen Euch in einer so ernsten Sache wie diese würde für Euch beide höchst schmerzlich sein. Du mußt ihn überzeugen, daß Miß Gwilt, und ich bezweifle nicht, daß sie dies beweisen wird, in jeder Beziehung würdig ist ——« Die Stimme versagte ihm wider seinen Willen und er ließ den Satz unbeendet.

»Ganz mein Gefühl in der Sache« unterbrach ihn Allan redselig. »Jetzt können wir zu dem kommen, worüber ich Dich besonders zu Rathe ziehen wollte. Wenn Du in meiner Lage wärest, Midwinter, so würdest Du ihr die rechten Worte sagen können —— Du würdest es zart thun, selbst wenn Du dabei völlig im Dunkeln tappen müßtest. Dies kann ich aber nicht. Ich bin ein fürchterlicher Pfuscher, ich habe eine schreckliche Angst,- daß ich, wenn ich nicht gleich zu Anfang einen Wink erhalte, der mir zur Wahrheit verhilft, etwas sagen dürfte, was sie betrüben würde. Familienkummer ist eine so delicate Angelegenheit, —— namentlich bei einem so zartfühlenden, weichherzigen Wesen, wie Miß Gwilt. Es mag irgendeinen schrecklichen Todesfall in der Familie gegeben haben —— irgendein Verwandter, der Schande auf sich geladen —— irgend eine niederträchtige Grausamkeit, die das arme Ding gezwungen hat, als Erzieherin in die Welt hinauszugehen. Nun, da ich der Sache nachdachte, fiel es mir ein, daß der Major mich vielleicht auf die rechte Spur leiten könne. Die Wahrscheinlichkeit liegt nahe, daß er von Miß Gwilt’s Familienverhälnissen unterrichtet worden ist, ehe er sie als Erzieherin annahm —— meinst Du nicht?«

»Das ist allerdings möglich, Allan.«

»Abermals meine Ansicht! Ich denke daher, mit dem Major zu sprechen. Wenn ich die Geschichte zuvor von ihm erfahren könnte, würde ich dann so viel besser mit Miß Gwilt darüber sprechen können. Du räthst mir, es mit dem Major zu versuchen, nicht wahr?«

Eine Pause trat ein, ehe Midwinter antwortete. Als er endlich erwiderte, geschah dies mit einigem Widerstreben.

»Kaum weiß ich, was ich Dir rathen« soll, Allan«, sagte er. »Es ist dies eine sehr heikle Sache.«

»Ich glaube, daß Du es an meiner Stelle bei dem Major versuchen würdest«, entgegnete Allan, der ihm eigenen subjectiven Anschauung Worte leihend.

»Wohl möglich«, sagte Midwinter mit immer größerem Zögern. »Doch wenn ich wirklich mit dem Major spräche, würde ich mich an Deiner Stelle sehr in Acht nehmen, mich nicht in eine schiefe Stellung zu bringen —— ich würde sehr vorsichtig sein, um bei Niemandem der Niedrigkeit verdächtig zu werden, als ob ich hinter dem Rücken eines Weibes mich in dessen Geheimnisse eindrängen wolle.«

Allan wurde dunkelroth. »Gerechter Himmel, Midwinter«, rief er aus, »wer könnte solchen Argwohn gegen mich hegen?«

»Niemand, Allan, der Dich wirklich kennt.«

»Der Major kennt mich. Der Major ist der letzte Mensch in der Welt, der mich mißverstehen würde. Alles, was ich von ihm verlange, ist, daß er, wenn er es vermag, mir behilflich ist, über diesen delicaten Punkt mit Miß Gwilt sprechen zu können, ohne ihre Gefühle zu verletzen. Kann es zwischen zwei Ehrenmännern wohl etwas Einfacheres geben?«

Anstatt hierauf zu antworten, richtete Midwinter noch mit gezwungenem Wesen eine. Frage an ihn. »Beabsichtigst Du, Major Milroy von dem in Kenntniß zu setzen, was in Wirklichkeit hinsichtlich Miß Gwilt’s Deine Absicht ist?« sagte er.

Allan’s Wesen veränderte sich augenblicklich. Er zögerte und sah verlegen aus.

»Ich habe daran gedacht«, sagte er, »und ich denke erst zu sondieren und es ihm dann entweder zu sagen oder zu verschweigen, je nachdem die Sache sich, anläßt.«

Ein so umsichtiges Verfahren stand mit Allan’s Charakter in zu auffallendem Widerspruch, um nicht Jeden, der ihn kannte, zu überraschen. Midwinter gab deutlich sein Erstaunen zu erkennen.

»Du vergissest jene alberne Courmacherei zwischen mir und Miß Milroy«, fuhr Allan immer verlegener werdend fort. »Der Major mag dieselbe vielleicht bemerkt und gedacht haben, ich beabsichtige —— nun, was ich eben nicht beabsichtigte. Es möchte etwas ungeschickt herauskommen, nicht wahr, wenn ich vor seinen Augen, anstatt seiner Tochter, seiner Erzieherin einen Antrag machte?«

Er wartete auf eine Antwort, doch keine erfolgte. Midwinter öffnete die Lippen, um zu sprechen, schloß dieselben jedoch plötzlich wieder. Allan, dem des Freundes Schweigen unbehaglich war, der sich aber durch gewisse Erinnerungen an die Majorstochter, welche durch das Gespräch hervorgerufen worden waren, bei diesem Schweigen doppelt unbehaglich fühlte, stand vom Tische auf und machte der Unterhaltung ein wenig ungeduldig ein Ende.

»Komm! komm!« sagte er; »mache kein so vielsagendes Gesicht —— mache nicht Berge aus Maulwurfshügeln Du trägst auf Deinen jungen Schultern ein so altes, altes Haupt, Midwinter.Laß uns endigen mit all diesem Dafür und Dawider. Willst Du mir mit deutlichen Worten gesagt haben, daß es nicht thunlich sei, mit dem Major zu reden?«

»Ich kann nicht die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, Dir das zu sagen, Allan. Um noch deutlicher zu reden —— ich kann mich nicht darauf verlassen, daß ich Dir in unserer —— in unserer gegenwärtigen Beziehung zu einander irgendwelchen richtigen Rath zu geben im Stande wäre. »Das Einzige worüber ich mir sicher bin, ist, daß ich wohl nicht Unrecht thun kann, wenn ich Dich bitte, zwei Dinge zu thun.«

»Und diese sind?«

»Wenn Du mit Major Milroy sprichst, so erinnere Dich meiner Warnung! Ich bitte Dich, überlege wohl, ehe Du sprichst!«

»Ich will überlegen, fürchte nichts! Und dann?«

»Schreibe an Mr. Brock und sage ihm Alles, ehe Du irgendeinen ernsten Schritt in dieser Sache thust. Willst Du mir dies versprechen?«

»Von ganzem Herzen. Was weiter?«

»Weiter nichts. Ich habe mein letztes Wort gesprochen.«

Allan ging nach der Thür, »Komm auf mein Zimmer«, sagte er, »und ich will Dir eine Cigarre geben. Die Diener werden sogleich hier hereinkommen, um den Tisch abzuräumen, und ich möchte noch von Miß Gwilt sprechen.«

»Warte nicht aus mich«, sagte Midwinter, »ich folge Dir in wenigen Minuten.«

Er blieb e sitzen, bis Allan die Thüre geschlossen. —— Dann stand er auf und nahm aus einem Winkel des Zimmers einen fertig gepackten Mantelsack hinter einer Fenstergardine heraus, wo derselbe verborgen gelegen hatte. Wie er mit dem Mantelsack in der Hand sinnend am Fenster stand, schlich sich ein seltsam alter, sorgenvoller Ausdruck in sein Gesicht: er schien in einem Augenblicke den Rest seiner Jugend zu verlieren.

Was der schnellere Blick des Weibes schon seit mehreren Tagen entdeckt, hatte die langsamere Auffassung des Mannes sich erst in der vergangenen Nacht klar gemacht. Der Schmerz, der ihm bei Allan’s Bekenntnisse durchs Herz gezuckt, hatte Midwinter zum ersten Male die Wahrheit klar und deutlich vor die Seele geführt. Er war sich bewußt gewesen, Miß Gwilt bei der ersten Begegnung nach jener denkwürdigen Unterredung mit ihr in Major Milroy’s Garten mit neuen Blicken und neuen Empfindungen angesehen zu haben; er war sich seines zunehmenden Interesses an ihrer Gesellschaft, seiner immer größeren Bewunderung ihrer Schönheit bewußt gewesen —— aber er hatte bis jetzt nichts von der Leidenschaft gewußt, die sie in ihm erweckt hatte. Da er diese endlich erkannte und sich von ihr völlig in Besitz genommen fühlte, hatte er den Muth, den kein Mann mit glücklicheren Lebenserfahrungen besessen haben würde —— den Muth, an das zu denken, was Allan ihm gesagt, und nur durch seine dankbaren Erinnerungen an die Vergangenheit in die Zukunft hinaus zu blicken.

Während der schlaflosen Stunden der Nacht hatte er mit ruhigem, festem Vorsatze beschlossen, sich, um damit einen Theil des Dankes abzutragen, den er Allan schuldete, dem theuersten Wunsche dieses Freundes zu opfern. Mit festem Willen hatte er sich zu der Ueberzeugung gebracht, daß er um Allan’s Willen die Leidenschaft bezwingen müsse, die sich seiner bemächtigt, und daß er dies nur thun könne, wenn er fortginge. Als der Morgen gekommen war, hatte ihn kein nachträglicher Zweifel gequält, und auch jetzt war er von solchem frei. Die einzige Frage, die ihn zögern machte, war die, ob er Thorpe-Ambrose verlassen solle. Obgleich Mr. Brock’s Brief ihn aller Nothwendigkeit überhob, in Norfolk über ein Frauenzimmer zu wachen, das sich in Somersetshire befand —— obwohl die Pflichten des Administrationsbureaus dergestalt waren, daß sie mit Sicherheit in Mr. Bashwood’s erprobten und zuverlässigen Händen verbleiben durften, —— war doch sein Gemüth trotz alledem nicht ruhig bei dem Gedanken, Allan zu einer Zeit zu verlassen, wo eine Krisis in dessen Leben bevorstand.

Er warf den Mantelsack leicht über seine Schulter, und legte seinem Gewissen die Frage zum letzten male vor: »Kannst du dich getrauen, sie Tag für Tag zu sehen, wie du sie sehen mußt? —— Kannst du dich getrauen, ihn Stunde für Stunde von ihr reden zu hören, wie du dies hören mußt, wenn du in diesem Hause bleibst?« Die Antwort lautete genau so, wie sie während der ganzen Nacht gelautet hatte. Sein Herz mahnte ihn, im Interesse der Freundschaft, die ihm so heilig war, zu gehen, solange es noch Zeit sei, —— zu gehen, ehe das Weib, das sich seiner Liebe bemächtigt, auch von seiner Aufopferungskraft und seinem Dankbarkeitsgefühl Besitz genommen hätte.

Mechanisch sah er sich im Zimmer um, ehe er sich abwandte, dasselbe zu verlassen. Jede Erinnerung an die Unterhaltung, die soeben zwischen ihm und Allan stattgefunden, wies auf den gleichen Schluß hin und mahnte ihn, wie schon sein Gewissen ihn gemahnt, zu gehen. Hatte er ehrlich irgendeinen der Einwände erwähnt, die er, oder jeder andere Mensch wider Allan’s Neigung gesehen haben müßte? Hatte er —— wie seine Kenntniß von dem leichten Charakter seines Freundes ihn dies zu thun verpflichtete —— Allan vor seinen eigenen raschen Impulsen gewarnt und ihn gebeten, durch Zeit und Abwesenheit zu prüfen, ehe er zu der Ueberzeugung käme, daß sein ganzes Lebensglück an Miß Gwilt’s Besitze hänge? Nein. Der blose Zweifel, ob er bei der Berührung dieses Gegenstandes zu fühlen im Stande sein werde, daß er ohne alle Selbstsucht spreche, hatte seine Lippen geschlossen, und mußte ihm die Lippen schließen, bis die Zeit zum Reden verstrich. War der Mann, der die Welt darum gegeben hätte, an Allan’s Stelle zu stehen, wohl der rechte Mann gewesen, Allan zurückzuhalten? Es gab nur einen geraden Weg, welchen ein rechtschaffner und dankbarer Mensch in seiner Lage einschlagen durfte. Aller Möglichkeit, sie zu sehen oder Von ihr zu hören, weit entrückt —— allein mit seinem getreuen Gedächtniß dessen, was er Allan schuldig war —— durfte er hoffen, sein Herz zu bezwingen, wie er in der Kindheit bei den Schlägen seines Zigeunerherrn seine Thränen und die öde Verlassenheit seiner einsamen Jugendzeit im Buchhändlerladen bezwungen hatte. »Ich muß gehen«, sagte er, indem er sich schweren Herzens vom Fenster abwandte, »ehe sie wieder ins Haus kommt. Ich muß gehen, ehe noch eine Stunde verstreicht.«

Mit diesem Entschlusse verließ er das Zimmer und that damit den unwiderruflichen Schritt von der Gegenwart in die Zukunft.

Es regnete noch immer. Der Himmel hing ringsum immer drohender und düsterer über ihnen, als Midwinter reisefertig in Allans Zimmer trat.

»Gerechter Himmel« rief Allan, auf den Mantelsack deutend, »was soll das bedeuten?«

»Nichts Besonderes«, sagte Midwinter, »Es bedeutet blos —— Adieu.«

»Adieu!« rief Allan erstaunt aufspringend Midwinter schob ihn sanft in seinen Sessel zurück und zog einen Sitz für sich selber zu ihm heran.

»Als Du heute Morgen bemerktest, daß ich krank aussehe«, sprach er, »sagte ich Dir, daß ich bereits an ein Mittel gedacht, meine Gesundheit wiederherzustellen, und daß ich später mit Dir darüber reden werde. Der Augenblick ist jetzt gekommen. Ich bin seit einiger Zeit, wie man es nennt, verstimmt gewesen. Du hast dies selbst mehr als einmal bemerkt, Allan, und deshalb mit Deiner gewohnten Güte Manches in meinem Benehmen entschuldigt, was sonst selbst in Deinen Freundesaugen unverzeihlich gewesen wäre.«

»Mein lieber Junge«, unterbrach ihn Allan, »Du beabsichtigst doch nicht in diesem strömenden Regen eine Fußtour anzutreten?«

»Laß Dich den Regen nicht kümmern«, sagte Midwinter. »Der Regen und ich sind alte Freunde, Du weißt etwas von dem Leben, das ich geführt habe, ehe ich mit Dir zusammentraf, Man. Ich bin von Kindheit her an Mühsale und Entbehrungen gewöhnt gewesen. Ich habe monatelang Tag und Nacht kein Obdach gehabt. Mein Leben war jahrelang —— während Du zu Hause und glücklich warst —— das eines wilden Thieres, oder ich sollte vielmehr sagen, das eines Wilden. Ich habe die Hefen des Landstreicherthums noch immer in mir. Thut es Dir weh, mich in dieser Weise von mir selber sprechen zu hören? Ich will Dich nicht betrüben. Ich will nur noch sagen, daß der Luxus und Comfort unseres hiesigen Lebens mir zuweilen ein wenig zu viel für einen Mann erscheinen, dem Comfort und Luxus ursprünglich fremd sind. Ich bedarf nur der frischen Luft und kräftigen Körperbewegung, um mich ganz wiederherzustellen, weniger gute Frühstücke und Diners, mein lieber Freund, als ich hier genieße. Laß mich zu einigen jener Mühsale zurückkehren, welche fern zu halten dies behagliche Haus ausdrücklich angethan ist; laß mich wieder auf eine kleine Weile Ermüdung fühlen, ohne einen Wagen bei der Hand zu haben, der mich aufnimmt und weiter schafft; laß mich wieder Hunger empfinden, wenn die Nacht hereinbricht und noch viele Meilen zwischen mir und meinem Nachtessen liegen. Laß mich auf eine Woche oder zwei von Dir fort, Allan —— zu Fuße, nordwärts, nach den Haiden von Yorkshire —— und ich verspreche, als ein besserer Gesellschafter für Dich und Deine Bekannten nach Thorpe-Ambrose zurückzukehren. Ich werde wieder hier sein, ehe Du noch Zeit gehabt hast, mich zu vermissen. Mr. Bashwood wird nach den Administrationsgeschäften sehen; es ist ja nur auf vierzehn Tage und zu meinem Besten —— laß mich gehen?«

»Es will mir nicht gefallen«, sagte Allan. »Es will mir nicht gefallen, daß Du mich so unerwartet verlässest. Es hat etwas so Seltsames und Trauriges. Warum versuchst Du’s nicht mit Reiten, wenn Du der Körperbewegung bedarfst; alle Pferde in den Ställen stehen Dir zu Diensten. Jedenfalls kannst Du unmöglich heute gehen. Sieh nur, wie es regnet!«

Midwinter sah nach dem Fenster und schüttelte leise den Kopf.

»Ich habe mir nichts aus dem Regen gemacht, als ich noch ein kleiner Bube war und mir mit meinen tanzenden Hunden mein Brod verdiente —— warum sollte ich mir wohl jetzt etwas daraus machen? Es ist ein großer Unterschied, ob ich naß werde, oder Du, Allan. Als ich noch ein Fischerjunge auf den Hebriden war, hatte ich oft wochenlang keinen trockenen Faden auf meinem Leibe.«

»Aber Du bist jetzt nicht aus den Hebriden«, sagte Allan, »und ich erwarte morgen Abend unsere Freunde vom Parkhäuschen. Du kannst erst übermorgen fortgehen. Miß Gwilt wird wieder etwas spielen, und Du weißt, daß Miß Gwilt’s Klavierspiel Dir sehr viel Vergnügen macht.«

Midwinter wandte sich ab, um die Riemen seines Mantellacks zu schnallen. »Wenn ich zurückkehre, gib mir wieder Gelegenheit, Miß Gwilt spielen zu hören«, sagte er gebückt mit seinen Riemen beschäftigt.

»Du hast einen Fehler, mein lieber Junge, und der nimmt immer mehr bei Dir überhand«, sagte Allan in vorstellendem Tone; »wenn Du Dir einmal etwas in den Kopf gesetzt hast, bist Du her halsstarrigste Mensch von der Welt. Man kann Dich nicht bewegen, Vernunft anzunehmen. Wenn Du aber durchaus gehen willst«, fügte Allan plötzlich aufstehend hinzu, als Midwinter schweigend seinen Hut und Stock aufnahm, »so denke ich fast, daß ich mit Dir gehen und es ebenfalls mit ein wenig-Unbequemlichkeit und Beschwerde versuchen will.«

»Mit mir gehen«, wiederholte Midwinter mit einer momentanen Bitterkeit in seinem Tone, »und Miß Gwilt verlassen!«

Allan setzte sich wieder und räumte durch sein bedeutungsvolles Schweigen die Kraft dieses Einwandes ein. Midwinter hielt ihm, ohne noch ein Wort hinzuzufügen, die Hand zum Abschiede hin. Sie waren Beide tief bewegt, und Jeder bemühte sich, dem Andern seine Bewegung zu verhehlen. Allan ergriff die letzte Zuflucht, die seines Freundes Festigkeit ihm noch übrig ließ: er versuchte den Abschiedsaugenblick durch einen Scherz zu erheitern.

»Ich will Dir etwas sagen«, sprach er; »ich beginne zu zweifeln, ob Du wirklich ganz von Deinem Glauben an den Traum geheilt bist. Ich habe Dich im Verdacht, daß Du doch noch von mir fortläufst!«

Midwinter sah ihn an —— ungewiß, ob Allan im Scherz oder im Ernst rede. »Was meinst Du damit?« fragte er.

»Was hast Du mir gesagt«, entgegnete Allan, »als Du mich neulich hier hereinführtest und mir Dein Bekenntniß ablegtest? Was hast Du von diesem Zimmer und von dem zweiten Traumgesicht gesagt? Beim Jupiter!« rief er abermals aufspringend, »jetzt, da ich darauf achte —— dies ist das zweite Traumgesicht! Dort schlägt der Regen ans Fenster —— dort ist der Rasen und der Garten draußen —— hier bin ich, wo ich im Traume stand —— und dort bist Du, wo der Schatten stand. Die ganze Scene vollständig —— draußen sowohl wie hier innen, und diesmal habe ich es herausgefunden.«

In die todten Träume von Midwinter’s Aberglauben kam für einen Augenblick wieder eine Spur von Leben. Er wechselte die Farbe und bekämpfte eifrig, fast zornig Allan’s Schlußfolgerung.

»Nein!« sagte er, indem er auf die kleine Marmorstatue auf der Console deutete, »die Scene ist nicht vollständig —— Du hast, wie gewöhnlich, etwas vergessen. Der Traum hat diesmal —— Gott sei’s gedankt! — Unrecht, völlig Unrecht. In Deinem Traumgesichte lag die Statuette zerbrochen am Boden und Du bücktest Dich ängstlich und zornig zu den Scherben herab. Dort steht die Statue, heil und unverletzt! —— und Du hast nicht die Spur von Zorn im Herzen, wie?« Er faßte Allan leidenschaftlich bei der, Hand. In demselben Augenblicke kam ihm das Bewußtsein, daß er so ernstlich spreche und handele, wie wenn er noch an den Traum geglaubt hätte. Eine schnelle Röthe stieg ihm ins Gesicht und er wandte sich mit verlegenem Schweigen ab.

»Was habe ich Dir gesagt?« sprach Allan mit einem etwas unbehaglichen Lachen. »Jene Nacht auf dem Wrack liegt Dir noch immer so schwer wie je auf dem Herzen.«

»Nichts liegt mir schwer auf dem Herzen«, entgegnete Midwinter ungeduldig; »aber der Ranzen liegt mir schwer auf dem Rücken, und ich verliere meine Zeit. Ich will hinausgehen und nachsehen, ob Aussicht vorhanden, daß es sich aufklärt.«

»Du wirst wiederkommen?« sagte Allan.

Midwinter öffnete die Gartenthür und trat hinaus.

»Ja«, sagte er in seiner gewöhnlichen milden Art, »ich will in vierzehn Tagen zurückkommen Adieu, Allan, und ich wünsche Dir Glück mit Miß Gwilt!«

Er stieß die Glasthür zu und war schon durch den Garten davongeeilt, ehe sein Freund die Thür wieder zu öffnen und ihm zu folgen im Stande war.

Allan stand auf und that einen Schritt dem Garten zu; dann blieb er stehen und kehrte zu seinem Sessel zurück. Er kannte Midwinter hinlänglich, um einzusehen, daß es völlig nutzlos sein würde, ihm folgen oder ihn zurückbringen zu wollen. Er war fort, und es war keine Aussicht vorhanden, daß er ihn früher als in vierzehn Tagen wiedersehen würde. So verging etwa eine Stunde —— noch immer regnete es und der Himmel sah noch immer drohend aus. Ein immer drückenderes Gefühl der Einsamkeit und Niedergeschlagenheit —— das Gefühl von allen andern, das zu begreifen oder zu ertragen seine frühere Lebensweise ihn am allerwenigsten befähigt hatte —— bemächtigte sich Allan’s. In reinem Grausen vor seinem eigenen unwohnlichen einsamen Hause klingelte er nach Hut und Regenschirm und beschloß, im Häuschen des Majors Zuflucht zu suchen.

»Ich hätte wohl eine Strecke mit ihm gehen können«, dachte Allan, noch immer mit Midwinter beschäftigt, während er seinen Hut aufsetzte »Ich hätte dem lieben alten Jungen gern das gebührende Geleit gegeben.«

Er nahm den Regenschirm. Hätte er das Gesicht des Dieners beachtet, der ihm denselben reichte, so hätte er vielleicht einige Fragen an ihn gerichtet und Nachrichten von ihm erhalten, die ihn in seiner gegenwärtigen Gemüthsstimmung interessiert haben dürften.

So aber ging er hinaus, ohne den Mann anzusehen und ohne zu ahnen, daß seine Diener mehr von Midwinter’s letzten Augenblicken in Thorpe-Ambrose wußten, als er selber. Vor kaum zehn Minuten waren der Fleischer und der Gewürzkrämer dagewesen, um den Betrag ihrer Rechnungen in Empfang zu nehmen ——und beide hatten gesehen, wie Midwinter seine Reise begonnen hatte.

Der Gewürzkrämer hatte ihn unsern vom Hause zuerst getroffen, wie er mitten im Regengusse stehen geblieben war und mit einem zerlumpten kleinen Spitzbuben, der Plage der ganzen Nachbarschaft, gesprochen hatte. Die gewohnte Impertinenz des Buben war beim Anblick des Mantelsacks, den der Herr trug, noch frecher, als gewöhnlich hervorgetreten Und was hatte der Herr zur Erwiderung gethan? Er war stehen geblieben, hatte ein trauriges Gesicht gemacht und beide Hände sanft auf die Schultern des Knaben gelegt. Der Gewürzkrämer hatte dies mit eigenen Augen gesehen, und mit seinen eigenen Ohren hatte er ihn sagen hören: »Du armer kleiner Kerl! Ich weiß besser, als die meisten Leute, die einen guten Rock auf dem Leibe haben, wie der Wind und der Regen durch eine zerlumpte Jacke dringen.« Und bei diesen Worten hatte er in seine Tasche gegriffen und die Frechheit des Knaben mit einem Schilling belohnt. »Hier nicht ganz richtig«, sagte der Gewürzkrämer, seine Stirn berührend. »Das ist meine Meinung von Mr. Armadales Freund!«

Der Fleischer hatte ihn später am andern Ende der Stadt gesehen. Abermals war er im Regengusse stehen geblieben —— und zwar diesmal, um nichts Merkwürdigeres als einen alten halbverhungerten Hund zu betrachten, der auf einer Thürschwelle zitterte. »Ich behielt ihn im Auge«, sagte der Fleischer, »und was that er wohl? Er kam herüber in meinen Laden und kaufte ein Stück Fleisch, das für einen Christenmenschen gut genug gewesen wäre. Gut. Er sagt guten Morgen und geht wieder über die Straße und, auf mein Wort, er kniet auf der nassen Thürschwelle nieder, nimmt sein Messer aus der Tasche, zerschneidet das Fleisch und gibt es dem Hunde. Fleisch, sage ich Ihnen nochmals, das für einen Christenmenschen gut genug war, Madame«, schloß der Fleischer zur Köchin gewendet, »ich bin kein harter Mann, aber Fleisch ist Fleisch, und es wird dem Freunde Ihres Herrn recht geschehen, wenn er noch eines Tages Mangel leidet.«

In der Gesellschaft dieser unvergeßlichen alten Sympathien für die alte unvergeßliche Zeit hatte er seinen einsamen Weg angetreten, die Stadt hinter sich liegen lassen und war in dem dichten Regen verschwunden. Der Gewürzkrämer und der Fleischer hatten ihn zuletzt gesehen und ihn beurtheilt, wie alle großen Naturen vom Gewürzkrämer- und Fleischergesichtspunkte aus beurtheilt werden.



Kapiteltrenner

Zehntes Kapitel.

Zwei Tage nach Midwinter’s Abschied von Thorpe-Ambrose schellte Mrs. Milroy, nachdem sie ihre Morgentoilette beendet und ihre Wärterin entlassen, fünf Minuten später abermals auch dieser und fragte die Eintretende ungeduldig, ob die Briefe mit der Morgenpost angelangt seien.

»Briefe?« wiederholte die Wärterin. »Haben Sie nicht Ihre Uhr? Wissen Sie nicht, daß es noch eine gute halbe Stunde zu früh ist, um schon Ihre Briefe verlangen zu können?« Sie sprach mit der vertraulichen Dreistigkeit einer Dienerin, welche die Schwäche und Abhängigkeit ihrer Herrin zu mißbrauchen seit langer Zeit gewohnt war. Mrs. Milroy schien ihrerseits ebenso sehr an das Benehmen ihrer Wärterin gewöhnt. Gelassen ertheilte sie ihre Befehle, ohne von jenem Notiz zu nehmen.

»Wenn der Briefträger kommt«, sagte sie, »so geht Ihr und nehmt ihm die Briefe ab. Ich erwarte einen Brief, den ich schon vor zwei Tagen hätte haben sollen. Unbegreiflich. Ich fange an, die Dienstboten in Verdacht zu haben.«

Die Wärterin lächelte verächtlich. »Wen werden Sie demnächst beargwöhnen?« sagte sie. »So, so! Werden Sie nicht ärgerlich. Ich will heute Morgen ans Pförtchen gehen, sobald geschellt wird, und wir wollen sehen, ob ich Ihnen einen Brief bringen kann, wenn der Briefträger kommt.« Mit diesen Worten, die sie in einem Tone sprach, als ob sie ein eigensinniges Kind beruhige, verließ die Wärterin das Zimmer, ohne zu warten, bis man sie verabschiedete.

Als sie wieder allein war, wandte Mrs. Milroy sich langsam und matt aus ihrem Bette um und ließ das durchs Fenster hereinströmende Licht auf ihr Gesicht fallen.

Dies war das Gesicht eines Weibes, das einst schön gewesen und das hinsichtlich seiner Jahre noch in der Blüte des Lebens stand. Lang dauerndes Körperleiden und beständige Gemüthsbewegung hatten sie zu Haut und Knochen abgezehrt. Das völlige Wrack ihrer Schönheit ward durch ihre verzweifelten Bemühungen, dieses Wrack selbst vor sich selber, vor ihrem Gatten und ihrem Kinde wie vor dem Arzte zu verbergen, dessen Sache es war, die Wahrheit zu ergründen, zu einem entsetzlichen Anblicke gemacht Ihr Kopf, der den größeren Theil seines Haarschmucks verloren, würde weniger schauerlich anzusehen gewesen sein, als die scheußlich jugendliche Perücke, durch welche sie den Verlust zu verbergen suchte. Ihr schlechter Teint und ihre Runzeln hätten einen weniger widerwärtigen Anblick gewährt, als die dicke Kruste von Schminke, die auf ihren Wangen lag, und die weiße Emaille auf ihrer Stirn. Die schönen Spitzen und Stickereien an ihrem Nachtkleide, die Bänder an ihrem Häubchen und die Ringe an ihren hageren Fingern, die alle darauf berechnet waren, das Auge von der Veränderung abzuziehen, die mit ihr vorgegangen war, lenkten vielmehr erst die Aufmerksamkeit auf diese Veränderung, —— hoben sie noch mehr hervor und machten sie durch die Macht des Contrastes nur noch hoffnungsloser und fürchterlicher, als sie in Wirklichkeit war. Ein illustriertes Modejournal, in welchem Frauen durch den freien Gebrauch ihrer Gliedmaßen ihren Putz zur Schau trugen, lag auf dem Bette, von dem sie selbst seit Jahren sich ohne die Unterstützung ihrer Pflegerin nicht hatte bewegen können. Neben dem Journal lag ein Handspiegel so nahe, daß sie ihn leicht erreichen konnte. Nachdem die Wärterin sie verlassen, nahm sie diesen Spiegel in die Hand und betrachtete ihr Gesicht mit einem Interesse und einer Aufmerksamkeit, deren sie sich im achtzehnten Jahre würde geschämt haben.

»Immer älter und älter, immer magerer und magerer!« sagte sie. »Der Major wird bald ein freier Mann sein —— aber zuvor will ich diese rothköpfige Mamsell aus dem Hause schaffen!«

Sie ließ den Spiegel auf die Bettdecke fallen und ballte die Hand, die ihn gehalten hatte. Plötzlich hefteten sich ihre Augen auf ein mit Kreide gezeichnetes kleines Porträt ihres Gatten, das an der Wand ihr gegenüber hing, und betrachteten das Bildchen mit dem kalten, grausam funkelnden Blicke des Raubvogels. »Also Roth ist Dein Geschmack in Deinen alten Tagen, nicht wahr?« sagte sie zu dem Porträt. »Rothes Haar und ein scrophulöser Teint und eine ausgestopfte Figur, und der Gang einer Ballettänzerin und die leichten Finger einer Taschendiebin Miß Gwilt! Miß, mit solchen Augen und einem solchen Gange!« Sie wandte plötzlich den Kopf auf dem Kissen um und brach in ein schneidendes Hohngelächter aus. »Miß!« wiederholte sie einmal über das andere, mit dem giftigen Nachdruck der unbarmherzigsten aller Gestalten menschlicher Verachtung —— der Verachtung eines Weibes für das andere.

Die Zeit, in der wir leben, behauptet, daß kein menschliches Wesen völlig verdammenswerth ist. Giebt es eine Entschuldigung für Mrs. Milroy? Ihre Lebensgeschichte möge diese Frage beantworten.

In ungewöhnlich früher Jugend hatte sie den Major geheirathet und damit sich mit einem Manne vermählt, der alt genug war, um ihr Vater sein zu können —— ein Mann, der zu jener Zeit, und zwar nicht mit Unrecht, in dem Rufe stand, seine gesellschaftlichen Gaben und die Vorzüge seiner persönlichen Erscheinung den Frauen gegenüber aufs Aeußerste ausgebeutet zu haben. Von mittelmäßiger Erziehung und in gesellschaftlicher Stellung ihrem Gatten untergeordnet, hatte sie unter dem Einflusse ihrer geschmeichelten Eitelkeit seine Bewerbungen angenommen und schließlich selbst den Zauber empfunden, den Major Milroy in früheren Tagen auf Frauen ausgeübt hatte, die ihr in geistiger Beziehung unendlich überlegen gewesen waren. Ihn, seinerseits, hatte ihre Hingebung gerührt und außerdem ihre Schönheit, Frische und Jugend angezogen. Bis zur Zeit, wo ihre kleine Tochter, die zugleich ihr einziges Kind blieb, ihr achtes Jahr zurückgelegt, war ihr eheliches Leben ein ungewöhnlich glückliches gewesen. Um diese Zeit traf sie der doppelte Schicksalsschlag, daß die Gesundheit der Gattin zu wanken begann und der Gatte fast sein ganzes Vermögen einbüßte —— und von diesem Augenblicke an hatte das häusliche Glück des Ehepaars in Wirklichkeit ein Ende genommen.

Da er das Alter erreicht, in welchem der Mensch in der Regel unter dem Druck des Schicksals eher zu resignieren, als ihm Widerstand zu bieten pflegt, hatte der Major den kleinen Rest seines Vermögens in Sicherheit gebracht, sich aufs Land zurückgezogen und geduldig in seinen mechanischen Beschäftigungen seinen Trost gesucht. Ein Weib, das ihm an Jahren näher gestanden, oder ein Weib von besserer Erziehung und duldsamerem Gemüthe, als seine Gattin, würde das Verhalten des Majors begriffen und in seiner Ergebung ihren eigenen Trost gefunden haben. Mrs. Milroy aber vermochte in nichts Trost zu finden. Weder ihre Natur noch ihre Erziehung halfen ihr das Unglück mit Ergebung zu ertragen, das sie in der Blüte ihrer Jugend, und in dem höchsten Glanze ihrer Schönheit getroffen hatte. Der Fluch einer unheilbaren Krankheit zerrüttete sie sofort und auf Lebenszeit.

Leiden entwickeln sowohl das verborgene Böse in der menschlichen Natur, wie das verborgene Gute. Das Gute in Mrs. Milroy’s Natur schrumpfte unter dem verderblichen Einflusse zusammen, unter dem das Böse wuchs und sich entfaltete! Von Monat zu Monat ward sie, wie sie physisch schwächer wurde, moralisch schlechter. Alles was niedrig, grausam und falsch in ihr war, wuchs in sicherem Verhältnisse zur Abnahme alles dessen, was einst großmüthig, liebenswerth und wahr an ihr gewesen. Der alte Argwohn, daß ihr Gatte gern wieder in die Unregelmäßigkeiten seines Junggesellenlebens zurückfallen möchte, den sie ihm zur Zeit ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit offen eingestanden, und dessen Grundlosigkeit sie früher oder später stets eingesehen hatte, kehrte ihr jetzt, da ihre Krankheit sie von ihm geschieden, in der Gestalt jenes niedrigen, eifersüchtigen Mißtrauens zurück, das sich so schlau versteckt, das den Zündstoff Atom für Atom zu einem Haufen zusammenträgt und das langsam brennende Feuer der Eifersucht im Herzen entflammt. Kein Beweis, den man Mrs. Milroy jetzt von ihres Gatten tadellosem und harmlosem Leben zu bringen vermochte; keine Berufung auf ihre Selbstachtung oder auf ihre Rücksicht auf ihr jetzt zum Weibe heranreifendes Kind hatte die Macht, die fürchterliche Selbsttäuschung zu verscheuchen, die aus ihrer hoffnungslosen Krankheit erwuchs uud mit derselben zunahm. Gleich allem andern Wahnsinn hatte jene ihre Zeiten der Ebbe und Flut, Zeiten krampfhaften Ausbruchs und Zeiten einer heuchlerischen Ruhe —— aber ob activ oder passiv vorhanden war der Wahn stets. Unschuldige Dienerinnen und tadellose Fremde waren dadurch verletzt worden. Sie hatte die ersten Thränen der Beschämung und des Kummers dadurch in die Augen ihrer Tochter gebracht und die tiefsten Linien damit in das Gesicht ihres Gatten gefurcht. Dies war seit Jahren das geheime Elend des kleinen Haushaltes gewesen —— jetzt sollte es die Schranken des Hauses überschreiten und die bevorstehenden Ereignisse in Thorpe-Ambrose beeinflussen, von welchen die Zukunft Allan’s und seines Freundes betroffen wurde.

Zum richtigen Verständnisse der ernsten Folgen, die Miß Gwilt’s Erscheinen herbeigeführt, bedarf es eines kurzen Hinblickes aus die Lage der Dinge im Parkhäuschen vor der Ankunft der neuen Erzieherin.

Als die Gouvernante, welche seit vielen Jahren in seiner Familie gelebt und deren Alter und Aussehen selbst Mrs. Milroy’s Eifersucht keinen Anhaltspunkt boten, sich verheirathet, hatte der Major die Frage, ob er seine Tochter einer Erziehungsanstalt anvertrauen solle, weit ernstlicher in Erwägung gezogen, als seine Gattin es vermuthete. Einerseits wußte er, daß in seinem Hause Auftritte stattfanden, denen ein so junges Mädchen nicht beiwohnen sollte. Auf der andern aber fühlte er ein unbezwingliches Widerstreben gegen die einzige wirksame Maßregel, seine Tochter sowohl während der Ferien, als während der Schulzeit aus dem Hause zu geben. Nachdem der hierüber in seinem Geiste erwachte Zwiespalt endlich durch den Entschluß, durch die Zeitungen sich eine Erzieherin zu suchen, beigelegt worden war, hatte Major Milroy’s angeborener Hang, Unannehmlichkeiten lieber zu meiden, als ihnen auf halbem Wege entgegen zu gehen, sich wieder in der gewohnten Weise offenbart. So ruhig wie immer hatte er die Augen gegen seine häuslichen Sorgen geschlossen und war, wie er dies schon bei Hunderten von früheren Gelegenheiten gethan, zu der tröstlichen Gesellschaft seiner alten Freundin, der Uhr, zurückgekehrt.

Anders verhielt es sich mit seiner Gattin. Die Möglichkeit, welche ihr Gatte gänzlich außer Acht gelassen, daß nämlich die erwartete neue Erzieherin eine jüngere und anziehendere Person sein könnte, als die alte Gouvernante, die sie verlassen hatte, war das Erste, was Mrs. Milroy vor die Seele trat. Sie hatte indeß nichts gesagt. Während sie im Stillen gewartet und im Stillen ihr eingewurzeltes Mißtrauen genährt, hatte sie ihrem Gatten und ihrer Tochter zugeredet, sie gelegentlich des Picknicks zu verlassen, mit dem ausdrücklichen Vorsatze, diese Abwesenheit zu benutzen, um die neue Erzieherin allein zu sehen. Die Erzieherin hatte sich vorgestellt und das glimmende Feuer von Mrs. Milroy’s Eifersucht war in dem ersten Augenblicke, da sie und die schöne Fremde einander erblickt, in hellen Flammen aufgelodert.

Sowie die Unterredung vorüber, war Mrs. Milroy’s Argwohn augenblicklich und unerschütterlich auf Major Milroy’s Mutter gefallen. Sie wußte sehr wohl, daß der Major sonst Niemanden in London kannte, den er mit den nothwendigen Erkundigungen beauftragen konnte, und daß Miß Gwilt sich als Fremde nur infolge der Aufforderung in der Zeitung um die Stelle beworben hatte. Obgleich sie indeß dies wußte, hatte sie mit der blinden Raserei der blindesten aller Leidenschaften hartnäckig vor allen offen vor ihr liegenden Thatsachen die Augen geschlossen und der letzten all’ der zahlreichen Differenzen zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter gedenkend, die damit geendet, daß sie die beiden Damen gänzlich auseinander gebracht hatte, war sie begierig auf den Schluß gefallen, daß sie Miß Gwilt’s Engagement dem rachsüchtigen Wunsche ihrer Schwiegermutter, in ihrem Hause Unheil zu stiften, zuzuschreiben habe. Die Folgerung, welche sogar die Dienstboten, die Zeugen des häuslichen Aergernisses waren, ganz richtig aus der Sache gezogen, daß nämlich die Mutter des Majors, indem sie ihrem Sohne die Dienste einer gut empfohlenen Erzieherin verschafft, es durchaus nicht als einen Theil ihrer Pflicht betrachtet habe, im rein eingebildeten Interesse seiner Gattin auf das Aeußere der Erzieherin Rücksicht zu nehmen —— zu ihr sich zu erheben, war Mrs. Milroy’s Geist einfach unmöglich. Der Entschluß, zu dem sie ihre Eifersucht nach dem Anblicke Miß Gwilt’s jedenfalls getrieben hatte, ward durch die Ueberzeugung, die sich ihrer jetzt bemächtigte, doppelt in ihr bestärkt. Kaum hatte Miß Gwilt die Thür des Schlafzimmers geschlossen, als Mrs. Milroy’s Lippen leise die Worte zischten, »Ehe noch eine Woche über Deinem Haupte verstrichen, wirst Du Deiner Wege gehen, Mylady!«

Von jenem Augenblicke an kannte die bettlägerige Frau die schlaflosen Nächte und langen Tage hindurch keinen anderen Lebenszweck, als aus die Entlassung der neuen Erzieherin hinzuarbeiten.

Sie sicherte sich den Beistand der Wärterin als Spionin —— wie sie sich von ihrer Bedienung schon andere Extradienste verschafft hatte, zu denen diese nicht verpflichtet war —— durch ein Geschenk aus ihrer Garderobe. Die Kleidungsstücke, welche jetzt für Mrs. Milroy nutzlos waren, hatten Stück für Stück in dieser Weise dazu dienen müssen, die Habgier der Wärterin —— die unersättliche Habgier eines häßlichen Weibes nach schönen Kleidern —— zu stillen. Durch das schönste Kleid bestochen, das sie noch bisher erlangt, hatte die Hausspionin ihre geheimen Instructionen entgegengenommen und sich mit einer feilen Freude an ihr geheimes Werk gemacht.

Die Tage vergingen, das Werk ward fortgesetzt —— doch es kam zu keinem Resultate. Herrin und Dienerin hatten es mit einem Weibe zu thun, das ihnen Beiden gewachsen war. Häufiges plötzliches Erscheinen im Wohnzimmer, wenn der Major sich mit der Erzieherin allein darin befand, hatte nicht die unbedeutendste Unschicklichkeit in Worten, Mienen oder Gebärden zwischen ihnen entdecken können. Durch verstohlenes Lauern und Lauschen an der Schlafkammerthür der Gouvernante spürte man auf, daß sie spät in der Nacht Licht brannte und im Schlafe ächzte und mit den Zähnen knirschte —— weiter aber nichts. Sorgfältiges Aufpassen am Tage verhalf zu der Entdeckung, daß sie ihre Briefe regelmäßig selbst auf die Post trug, anstatt dieselben der Hausmagd anzuvertrauen —— und wenn ihre Pflichten sie frei ließen, dann und wann plötzlich aus dem Garten verschwunden und später allein aus dem Park zurückgekehrt war. Ein einziges Mal nur hatte die Wärterin Gelegenheit gefunden, ihr zu folgen, als sie aus dem Garten trat, war aber im Park augenblicklich von Miß Gwilt entdeckt und von dieser mit der unerträglichsten Höflichkeit gefragt worden, ob sie Lust habe, sie auf ihrem Spaziergange zu begleiten. Unbedeutende Umstände dieser Art, die für eine eifersüchtige Frau hinlänglich verdächtig waren, entdeckte man in Hülle und Fülle. Umstände jedoch, die ihr zu einer Klage über den Major ausgiebigen Grund verliehen hätten, fehlten gänzlich. Ein Tag nach dem andern verging, und Miß Gwilt beharrte bei ihrem durchaus schicklichen Betragen und ihrem tadellosen Verhalten zum Major und ihrer Schülerin.

Da sie sich nach dieser Seite hin zurückgeschlagen sah, so versuchte Mrs. Milroy zunächst eine angreifbare Stelle in der Angabe zu finden, welche die Dame, die Miß Gwilt empfohlen, über den Charakter der Erzieherin gemacht hatte.

Nachdem Mrs. Milroy sich vom Major den umständlichen Bericht verschaffte, den er über diesen Gegenstand von seiner Mutter erhalten, las sie das Schreiben einmal über das andere sorgfältig durch, ohne jedoch in irgend einem Theile des Briefes jenen schwachen Punkt zu finden, den sie suchte. Alle die in dergleichen Fällen üblichen Fragen waren gethan und offen und gewissenhaft beantwortet worden. Die einzige Stelle, die möglicherweise einen Angriff zulässig machte, war, nachdem alle praktischen Fragen beseitigt, eine Stelle am Schlusse des Briefes.

»Ich war von Miß Gwilt’s Anmuth und seinem Wesen so sehr frappiert«, lautete diese Stelle, »daß ich, sowie sie das Zimmer verlassen, die erste Gelegenheit ergriff, mich zu erkundigen, wie sie dazu gekommen, Erzieherin zu werden. »Es ist die alte Geschichte«, sagte man mir. »Eine traurige Familiengeschichte, in der sie sich edel benahm. Sie ist eine sehr sensible Person, und es widerstrebt ihr, mit Fremden hierüber zu sprechen —— ein sehr natürliches Widerstreben, das mein Zartgefühl mir stets zu achten gebot. Natürlich hatte ich dasselbe Zartgefühl. Es gehörte ganz und gar nicht zu meiner Pflicht, mich in den geheimen Kummer des armen Geschöpfes einzudrängen, ich hatte nichts weiter zu thun, als das, was ich jetzt gethan habe, um mich zu versichern, daß ich eine fähige und achtbare Person als Erzieherin für meine Enkelin engagierte.«

Nach sorgfältiger Erwägung dieser Zeilen fand sie Mrs. Milroy —— da sie etwas Verdächtiges sehnlich zu finden wünschte —— natürlich verdächtig. Sie beschloß, das Geheimniß von Miß Gwilt’s geheimem Kummer zu ergründen, in der Hoffnung, daraus etwas zu entnehmen, was ihrem Zwecke dienen könnte. Zweierlei Wege standen ihr dabei offen. Sie konnte die Erzieherin direct befragen, oder sich um fernere Auskunft an die Dame wenden, welche Miß Gwilt empfohlen hatte. Die Erfahrung, die sie bei ihrer ersten Unterredung mit Miß Gwilt von deren Talent, mit unbequemen Fragen umzuspringen gemacht hatte, bestimmte sie, den letzteren Weg einzuschlagen. »Ich will mir die Einzelheiten zuerst von jener Dame verschaffen«, dachte Mrs. Milroy, »und dann das Geschöpf selber ausfragen und sehen, ob die beiden Geschichten mit einander übereinstimmen.«

Der um Auskunft bittende Brief hielt sich gewissenhaft an die Sache. Mrs. Milroy begann damit, ihrer Correspondentin mitzutheilen, wie ihr Gesundheitszustand es nothwendig mache, ihre Tochter gänzlich dem Einflusse und der Aufsicht der Erzieherin zu überlassen. Aus diesem Grunde sei ihr mehr noch als den meisten Müttern daran gelegen, sich in jeder Hinsicht gründliche Auskunft über eine Person zu verschaffen, der sie ihr einziges Kind so ausschließlich anvertrauen möchte, und in dieser Sorge hoffe sie, daß die Dame ihr eine Frage verzeihen werde, die nach der vortrefflichen Empfehlung, welche sie Miß. Gwilt gegeben, als eine überflüssige erscheinen dürfe. Nach dieser Vorrede kam Mrs. Milroy sofort zur Sache und ersuchte die Dame, sie von den Umständen zu unterrichten, welche Miß Gwilt genöthigt hatten, eine Gouvernantenstelle zu suchen.

Der also abgefaßte Brief ward noch am nämlichen Tage abgesandt. An dem Morgen, an dem die Antwort fällig war, erschien noch keine. Auch der nächste Morgen brachte keine Antwort. Als der dritte Morgen kam, hatte Mrs. Milroy alle Geduld verloren. Sie hatte ihre Pflegerin vor sich beschieden, wie bereits erzählt, und ihr befohlen, die Briefe der Morgenpost mit eigener Hand dem Postboten abzunehmen. So standen gegenwärtig die Dinge, und aus diesen häuslichen Verhältnissen erwuchs eine neue Reihe von Ereignissen zu Thorpe-Ambrose.

Eben hatte Mrs. Milroy nach ihrer Uhr gesehen und nochmals die Hand nach dem Glockenzuge ausgestreckt, als die Thür sich öffnete und die Wärterin ins Zimmer trat.

»Ist, der Briefträger dagewesen?« fragte Mrs. Milroy.

Ohne zu antworten, legte die Pflegerin einen Brief auf das Bett und wartete mit unverhohlener Neugier die Wirkung ab, welche derselbe auf ihre Herrin hervorbringen würde.

Mrs. Milroy riß das Couvert ab, sowie sie ihn in die Hand nahm. Ein gedrucktes Papier kam zu Tage, das sie schnell bei Seite warf; es enthielt einen Brief, den sie betrachtete, in ihrer eigenen Handschrift! Sie ergriff jetzt das gedruckte Papier. Es war die übliche postamtliche gedruckte Mittheilung, daß ihr Brief im Hause der Person präsentiert worden, an die derselbe adressiert, daß aber diese dort nicht zu finden gewesen sei.

»Etwas nicht in Ordnung?« fragte die Wärterin, eine Veränderung im Gesicht ihrer Herrin wahrnehmend.

Die Frage blieb unbeachtet Mrs. Milroy’s Schreibpult stand auf dem Tische an ihrem Bette. Sie suchte daraus den Brief hervor, den die Mutter des Majors an ihren Sohn geschrieben und wandte sich zu der Seite, welche den Namen und die Adresse der Dame angab, die Miß Gwilt empfohlen hatte. »Mrs. Mandeville, 18. Kingsdown Crescent, Bahswater", las sie mit begierigem Blicke für sich, und sah dann auf das Couvert ihres eigenen zurückgesandten Briefes. Sie hatte keine Versehen gemacht: beide Adressen waren genau dieselben.

»Etwas nicht in Ordnung?« wiederholte die Wärterin, einen Schritt näher ans Bett tretend.

»Gott sei’s gedankt —— ja!« rief Mrs. Milroy mit einem plötzlichen Ausbruche des Frohlockens. Sie warf der Wärterin das postamtliche Circulär zu und schlug im Entzücken ihres erwarteten Triumphes mit ihren beiden dürren Händen auf die Bettdecke »Miß Gwilt ist eine Betrügerin! Miß Gwilt ist eine Betrügerin! Und wenn es mein Tod ist, Rachel, so will ich mich ans Fenster tragen lassen, um sie von der Polizei abführen sehen.«

»Sie hinter ihrem Rücken eine Betrügerin nennen ist Eins, aber zu beweisen, daß sie dies ist, ist ein Anderes«, bemerkte die Wärterin. Während sie sprach hatte sie in ihre Schürzentasche gegriffen und mit einem bedeutungsvollen Blicke auf ihre Herrin einen zweiten Brief herausgenommen.

»Für mich?« fragte Mrs. Milroy.

»Nein«, sagte die Wärterin,, »für Miß Gwilt.

Die beiden Frauen sahen einander an und verstanden sich, ohne ein Wort zu sprechen.

»Wo ist sie?« fragte Mrs. Milroy.

Die Wärterin deutete nach dem Parke zu. »Wieder ausgegangen —— macht wieder einen einsamen Spaziergang vor dem Frühstück.«

Mrs. Milroy winkte der Wärterin, sich zu ihr herabzubeugen »Könnt Ihr ihn öffnen, Rachel?« flüsterte sie.

Rachel nickte.

»Könnt Ihr ihn wieder schließen, sodaß Niemand was davon sieht?«

»Können Sie sich ohne den Shawl behelfen, der zu Ihrem perlgrauen Kleide paßt?« fragte Rachel.

»Nehmt ihn!« sagte Mrs. Milroy ungeduldig.

Schweigend machte die Wärterin den Kleiderschrank auf, schweigend nahm sie den Shawl heraus und schweigend verließ sie das Zimmer. In weniger als fünf Minuten kehrte sie mit dem geöffneten Briefe an Miß Gwilt zurück.

»Ich danke Ihnen für den Shawl, Madam«, sagte Rachel, indem sie den Brief gelassen auf die Bettdecke legte.

Mrs. Milroy betrachtete das Couvert. Dasselbe war in der gewohnten Weise vermittelst Klebegummis geschlossen und durch Anwendung von heißem Wasserdampfe geöffnet worden. Als Mrs. Milroy den Brief herausnahm, zitterten ihre Hände heftig und die weiße Emaille zerbröckelte auf ihrer runzeligen Stirn.

»Meine Tropfen«, sagte sie. »Ich bin fürchterlich aufgeregt, Rachel. Meine Tropfen!«

Rachel reichte ihr die Tropfen und ging dann ans Fenster, um den Park zu überschauen »Uebereilen Sie sich nicht«, sagte sie. »Sie ist noch nirgends zu sehen.«

Mrs. Milroy zögerte noch immer und hielt das wichtige Blatt Papier in der Hand. Sie hätte Miß Gwilt das Leben nehmen können, aber sie zögerte Miß Gwilt’s Brief zu lesen.

»Fühlen Sie sich etwa durch Gewissensskrupel beunruhigt?« fragte die Wärterin in spöttischem Tone. »Erachten Sie es als eine Pflicht, die Sie Ihrer Tochter schulden.«

»Elendes Geschöpf« sagte Mrs. Milroy. Mit dieser Kundgebung ihrer Meinung öffnete sie den Brief.

Dieser war sichtlich in großer Eile geschrieben —— undatiert und nur mit Anfangsbuchstaben unterzeichnet. Er lautete folgendermaßen:

»Diana-Straße.

Meine liebe Lydia!

Der Fiaker wartet vor der Thür und es bleibt mir nur ein Augenblick, um Dir zu sagen, daß ich London auf drei oder vier Tage, vielleicht auf eine Woche, in Geschäftsangelegenheiten verlassen muß. Wenn Du mir schreibst, werden mir Deine Briefe nachgesandt werden. Ich habe den gestrigen empfangen und bin ganz Deiner Ansicht hinsichtlich dei Wichtigkeit, ihn über den heiklen Punkt Deiner persönlichen Geschichte und Familienverhältnisse so lange, wie Du dies mit Sicherheit zu thun im Stande bist, im Dunkeln zu lassen. Je besser Du ihn kennen lernst, desto besser wirft Du Dich für die Art von Geschichte entscheiden können, die Du ihm auftischen darfst. Sobald Du dieselbe einmal erzählt, wirst Du dabei bleiben müssen, —— und da Du dabei bleiben mußt, hüte Dich, sie nicht zu complicirt und zu eilig zu machen. Ich will Dir hierüber noch schreiben und meine Ideen mittheilen. Inzwischen riskiere keine zu häufigen Rendezvous mit ihm im Park. —— Die Deine,

M. O.«

»Nun?P« fragte die Wärterin, sich zum Bette umwendend. »Sind Sie mit dem Briefe fertig?«

»Rendezvous mit ihm im Park?« wiederholte Mrs. Milroy, die Augen auf den Brief heftend »Ihm! Rachel, wo ist der Major?«

»In seinem Zimmer.«

»Das glaube ich nicht!«

»Wie es Ihnen beliebt. Ich muß den Brief und das Couvert haben.«

»Könnt Ihr es wieder schließen, ohne daß sie etwas davon sieht?«

»Was ich öffnen kann, kann ich auch wieder schließen. Sonst noch etwas?«

»Weiter nichts.«

Mrs. Milroy war wieder allein und betrachtete ihren Angriffsplan in dem neuem Lichte, das jetzt auf Miß Gwilt geworfen war.

Die Auskunft, die sie aus dem Briefe an die Gouvernante genommen, wies deutlich aus den Schluß, daß sich eine Abenteuerin in ihr Haus eingeschlichen, und zwar vermittelst einer falschen Empfehlung. Da sie diese Nachricht aber durch eine unehrenhafte Handlung erlangt, die sie unmöglich bekennen durfte, so konnte Mrs. Milroy weder um den Major zu warnen, noch um Miß Gwilt bloßzustellen, Gebrauch von dieser Kenntniß machen. Die einzige brauchbare Waffe, die Mrs. Milroy in den Händen hielt, war ihr eigener zurückgesandter Brief —— und die Frage, welche sie jetzt zu entscheiden hatte, die, in welcher Weise sie diese ihre Waffe am wirksamsten und schleunigsten werde in Anwendung bringen können.

Je länger sie die Sache in Erwägung zog, desto voreiliger erschien ihr das Frohlocken, dem sie sich beim ersten Anblicke ihres zurückgesandten Briefes hingegeben. Daß eine Dame, die eine Erzieherin empfohlen, ihre Wohnung gewechselt, ohne eine Spur von sich oder selbst nur eine Adresse zu hinterlassen, nach der ihre Briefe nachgeschickt würden, war an sich verdächtig genug, um dem Major mitgetheilt zu werden. Aber wie verkehrt ihre Meinung von ihrem Gatten in einigen Beziehungen immer sein mochte —— Mrs. Milroy war mit seinem Charakter sattsam vertraut, um die Gewißheit zu fühlen, daß er, wenn sie ihn von dem Vorgefallenen unterrichtete, sich offen eine Erklärung von der Erzieherin ausbitten würde. Miß Gwilt’s gewandte Schlauheit würde ihr in diesem Falle auf der Stelle eine plausible Antwort in den Mund geben, welche die Parteilichkeit des Majors nur zu bereitwillig annehmen dürfen, und die Gouvernante würde ohne Zweifel keine Zeit verlieren, brieflich ihre Vorkehrungen für das pünktliche Eintreffen aller nothwendigen Bestätigung ihrer Angabe von Seiten ihrer Mitschuldigen in London zu treffen. Bei einem Mann, wie der Major, und einem Weibe, wie Miß Gwilt, bestand der einzig sichere Weg offenbar darin, daß sie für den Augenblick ein strenges Schweigen beobachtete und, ohne Vorwissen der Erzieherin, solche Nachforschungen anstellte, wie sie zur Entdeckung von unstreitbaren Beweisen nothwendig wären. Wem aber konnte Mrs. Milroy in ihrer eigenen Hilflosigkeit die schwierige und gefährliche Aufgabe dieser Nachforschungen anvertrauen? Die Wärterin konnte, selbst wenn sie sich auf dieselbe verlassen durfte, nicht sogleich entbehrt und nicht fortgeschickt werden, ohne daß dadurch Aufmerksamkeit erregt wurde. Gab es in Thorpe-Ambrose oder in London irgendeine andere fähige und zuverlässige Person, die sie dazu verwenden konnte? Mrs. Milroy warf sich in ihrem Bette hin und her und suchte in jedem Winkel ihres Geistes vergebens nach dem erforderlichen Hilfsmittel. »O, wenn ich doch nur eines Menschen habhaft werden könnte, dem ich trauen dürfte!« dachte sie Verzweifelnd. »Wenn ich nur wüßte, wo ich Hilfe suchen könnte!«

In demselben Augenblicke, da dieser Gedanke in ihrem Geiste auftauchte, hörte sie die Stimme ihrer Tochter vor ihrer Thür.

»Darf ich hereinkommen?« fragte Neelie.

»Was willst Du?« entgegnete Mrs. Milroy ungeduldig.

»Ich bringe Dir Dein Frühstück,Mama.«

»Mein Frühstück?« wiederholte Mrs. Milroy erstaunt. »Warum bringt Rachel es nicht, wie gewöhnlich?« sie überlegte einen Augenblick und rief dann in scharfem Tone: »Komm« herein!«



Kapiteltrenner

Elftes Kapitel.

Neelie trat mit dem Präsentirbrett herein, auf dem sie den Thee, die gerösteten Brodschnitten und das Stückchen Butter brachte, die das unveränderliche Frühstück der Kranken ausmachten.

»Was soll das heißen?« fragte Mrs. Milroy, indem sie aufsah und sprach, als ob die unrechte Dienerin in ihr Zimmer gekommen wäre.

Neelie setzte das Präsentirbrett auf den Tisch neben dem Bette nieder. »Ich wünschte so sehr, Dir auch einmal Dein Frühstück zu bringen, Mama«, erwiderte sie, »und bat Rachel, es mir zu überlassen.«

»Komm her«, sagte Mrs. Milroy, »und sage mir guten Morgen.«

Neelie gehorchte Wie sie sich bückte, um ihre Mutter zu küssen, faßte Mrs. Milroy sie am Arm und drehte sie schnell dem Lichte zu. Im Gesichte ihrer Tochter waren deutliche Spuren der Bekümmerniß zu lesen. Augenblicklich fühlte sich Mrs. Milroy von einer tödtlichen Angst durchschauert. Sie glaubte, Miß Gwilt habe entdeckt, daß ihr Brief geöffnet worden sei, und die Wärterin halte sich deshalb fern.

»Laß mich los, Mama«, sagte Neelie, vor dem Griffe ihrer Mutter zurückbebend. »Du thust mir weh.«

»Sage mir, warum Du mir heute Morgen mein Frühstück heraufgebracht hast?« fragte Mrs. Milroy nochmals.

»Ich habe es Dir schon gesagt, Mama!«

»Das hast Du nicht gethan! Du hast einen Vorwand gemacht —— ich sehe dies in Deinem Gesichte. Komm! Was ist’s?«

Neelie’s Entschlossenheit wich der ihrer Mutter. Sie blickte unruhig seitwärts auf die Sachen auf dem Präsentirbrett »Ich habe mich geärgert«, sagte sie mit Mühe, »und mochte nicht im Frühstückszimmer bleiben. Ich wollte zu Dir kommen und mit Dir reden.«

»Geärgert? Wer hat Dich geärgert? Was hat sich zugetragen? Hat Miß Gwilt etwas damit zu schaffen?«

Neelie blickte mit plötzlicher Neugierde und Bestürzung wieder ihre Mutter an. »Mama«, sagte sie. »Du liest meine Gedanken —— Du erschreckst mich förmlich. Es war in der That Miß Gwilt!«

Ehe Mrs. Milroy ihrerseits ein Wort zu sagen vermochte, öffnete sich die Thür und die Wärterin sah herein.

»Haben Sie alles, was Sie wünschen?« fragte sie so gelassen, wie immer. »Miß bestand darauf, heute Morgen Ihr Frühstück heraufzubringen. Hat sie etwas zerbrochen?«

»Geh’ ans Fenster —— ich habe mit Rachel zu reden«, sagte MS. Milroy.

Sowie ihre Tochter den Rücken gewendet, winkte sie die Wärterin ungeduldig zu sich heran. »Ist irgendetwas vorgefallen?« fragte sie flüsternd »Meint Ihr, sie habe uns im Verdacht?«

Die Wärterin wandte sich mit ihrem harten spöttischen Lächeln ab. »Ich sagte Ihnen, es solle geschehen«, erwiderte sie, »und es ist geschehen. Sie hat nicht die Spur von Argwohn» Ich wartete im Zimmer und sah sie den Brief in die Hand nehmen und öffnen.«

Mrs. Milroy athmete erleichtert auf. »Ich danke«, sagte sie laut genug, um von ihrer Tochter gehört zu werden. »Ich brauche weiter nichts.«

Die Wärterin ging, und Neelie kam vom Fenster zurück. Mrs. Milroy faßte ihre Hand und betrachtete sie aufmerksamer und liebevoller als gewöhnlich.

Ihre Tochter interessierte sie heute Morgen, denn ihre Tochter hatte etwas über Miß Gwilt zu sagen.

»Ich glaubte sonst, daß Du hübsch zu werden versprächst, Kind«, sagte sie, die unterbrochene Unterhaltung vorsichtig in der am wenigsten directen Weise wieder aufnehmend. »Aber Du scheinst Dein Versprechen nicht zu halten. Du siehst unwohl und niedergeschlagen aus, —— was fehlt Dir?«

Hätte zwischen Mutter und Kind irgendwelche Sympathie stattgefunden, so würde Neelie vielleicht die Wahrheit bekannt haben Sie hätte vielleicht erwidert: »Ich sehe elend aus, weil mir das Leben verkümmert wird. Ich liebe Armadale und Armadale hat bis vor kurzem mich geliebt. Wir hatten eine einzige kleine Differenz, in der ich zu tadeln war. Ich hätte ihm dies damals gern gesagt und möchte es ihm seitdem fortwährend sagen, aber Miß Gwilt drängt sich zwischen mich und ihn und hindert mich daran. Sie hat uns einander entfremdet —— sie hat ihn umgestimmt und mir entrissen. Er sieht mich nicht mehr an, wie früher, spricht nicht mehr zu mir, wie früher; ist nie mehr allein mit mir; ich kann nicht zu ihm sprechen, wie ich mich zu sprechen sehne, und ich kann nicht an ihn schreiben, denn das würde das Aussehen haben, als wollte ich ihn zu mir zurückbringen. Es ist Alles vorbei zwischen mir und Armadale —— und das ist die Schuld jenes Frauenzimmers. Den ganzen Tag ist Groll zwischen mir und Miß Gwilt, und was ich immer sagen oder thun mag —— sie weiß mich stets ihre Ueberlegenheit fühlen zu lassen und mir zu zeigen daß ich im Unrecht bin. Ehe sie kam, freute ich mich über Alles, was ich in Thorpe-Amhrose sah, und war glücklich. Jetzt macht mir nichts mehr Freude, ich bin über nichts mehr glücklich!« Wäre Neelie je gewöhnt gewesen, ihre Mutter um Rath zu fragen und sich der Liebe ihrer Mutter anzuvertrauen, so hätte sie vielleicht jetzt solche Worte zu ihr gesprochen. So aber füllten sich blos ihre Augen mit Thränen und sie ließ schweigend den Kopf aus die Brust sinken. »Komm!« sagte Mrs. Milroy, welche die Geduld zu verlieren begann. »Du hast mir etwas über Miß Gwilt zu sagen. Was ist es?«

Neelie drängte ihre Thränen zurück und machte eine Gewaltanstrengung um zu antworten. »Sie quält mich auf das unerträglichste Mama; ich kann’s nicht aushalten; ich werde etwas thun ——« Neelie stockte und stampfte zornig mit dem Fuße auf den Boden. »Ich werde ihr etwas an den Kopf werfen, wenn es noch lange in dieser Weise fortgeht! Ich würde ihr schon heute Morgen etwas an den Kopf geworfen haben, hätte ich nicht das Zimmer verlassen. O, bitte, sprich mit Papa! Bitte, erfinde irgendeinen Grund, um sie fortzuschicken! Ich will mich in eine Pension schicken lassen, will Alles in der Welt thun, um Miß Gwilt loszuwerdenl«

Um Miß Gwilt loszuwerden! Bei diesen Worten —— bei diesem Echo ihres Alles überwindenden geheimen Herzenswunsches von den Lippen ihrer Tochter —— richtete Mrs. Milroy sich langsam im Bette auf. Was sollte das heißen? Kam etwa die Hilfe, die sie suchte, gerade aus dem Viertel, wo sie dieselbe am wenigsten gesucht hatte?

»Warum möchtest Du sie loswerden?« fragte sie. »Worüber hast Du Dich zu beklagen?«

»Ueber nichts!« sagte Neelie. »Das ist das Aergerliche an der Sache. Miß Gwilt will mir keinen Grund zur Beschwerde geben. Sie ist ganz unausstehlich; sie bringt mich von Sinnen und ist dabei ein Bild alles Anstands Wahrscheinlich ist es Unrecht aber es ist mir einerlei —— ich hasse sie!«

Mrs. Milroy’s Augen prüften das Gesicht ihrer Tochter, wie sie dasselbe noch nie zuvor geprüft hatten. Augenscheinlich lag etwas unter der Oberfläche —— etwas, das für ihren eigenen Zweck in Erfahrung zu bringen von der allergrößten Wichtigkeit für Mrs. Milroy sein konnte —— das sich noch nicht zu erkennen gab. Sie sah sich sanft und allmählig immer tiefer und tiefer in Neelie’s Seele hineinstehlen und mit immer wärmerem Interesse Neelie’s Geheimniß ausforschen.

»Schenke mir eine Tasse Thee ein, mein Kind«, sagte sie, »und rege Dich nicht auf. Warum sprichst Du darüber mit mir? Warum wendest Du Dich nicht an Deinen Papa?«

»Ich habe mit Papa zu sprechen versucht«, sagte Neelie. »Aber es nützt nichts, er ist zu gut, um einzusehen, welch ein abscheuliches Geschöpf sie ist. Vor ihm nimmt sie stets das beste Betragen an; sie weiß sich ihm stets auf eine oder die andere Weise nützlich zu machen. Ich kann es ihm nicht auseinandersetzen, warum ich diese Abneigung gegen Miß Gwilt hege —— ich kann es auch Dir nicht begreiflich machen —— ich kann es nur selber begreifen.« Sie versuchte den Thee einzuschenken, vergoß denselben aber bei dem Versuche. »Ich will wieder hinunter geben«, rief Neelie in Thränen ausbrechend. »Ich tauge zu gar nichts —— ich kann selbst nicht einmal eine Tasse Thee einschenken!«

Mrs. Milroy ergriff ihre Hand und hielt sie fest. So unbedeutend solche gewesen, hatte doch Neelie’s Anspielung auf die Beziehungen zwischen dem Major und Miß Gwilt rasch die Eifersucht der Mutter erweckt. Der Zwang, den Mrs. Milroy sich bisher angethan, schwand augenblicklich —— schwand sogar in Gegenwart eines sechzehnjährigen Mädchens, das obendrein ihr eigenes Kind war.

»Bleib hier!« sagte sie heftig. »Du bist an den rechten Ort und zur rechten Person gekommen. Fahre fort, auf Miß Gwilt zu schimpfen. Ich höre dies gern —— denn auch ich hasse sie!«

»Du, Mama!« rief Neelie, erstaunt ihre Mutter anblickend.

Einen Augenblick zögerte Mrs. Milroy, ehe sie weiter sprach. Ein letzter Instinkt aus ihrem früheren ehelichen Leben mahnte sie, auf die Jugend und das Geschlecht ihres Kindes Rücksicht zu nehmen. Aber die Eifersucht nimmt auf nichts Rücksicht, weder im Himmel noch auf Erden, auf nichts, als auf sich selbst. Das langsame Feuer der Selbstqual, das Tag und Nacht in der Brust dieses unglücklichen Weibes glühte, schoß sein tödtliches Licht in ihre Augen, während die nächsten Worte langsam und giftig von ihren Lippen fielen.

»Wenn Du Augen im Kopf gehabt, würdest Du. nicht zu Deinem Vater gegangen sein«, sagte sie. »Dein Vater hat seine Gründe dafür, nichts anzuhören, was ihm von Dir oder sonst irgendjemand über Miß Gwilt gesagt wird.«

Manche Mädchen in Neelies Alter würden den geheimen Sinn dieser Worte nicht erkannt haben. Zum Unglück für die Tochter aber hatte diese hinlängliche Erfahrungen über die Mutter gemacht, um diese zu verstehen. Mit erglühendem Gesichte sah Neelie vom Bette zurück. »Mama!« sagte sie, »Du sprichst ganz abscheulich! Der Papa ist der beste, liebste, zärtlichste —— o, ich will’s nicht hören! —— ich will’s nicht hören.«

Mrs. Milroy’s Heftigkeit ließ augenblicklich alle Zügel fahren, und zwar um so mehr, als sie sich wider Willen bewußt war, Unrecht gethan zu haben.

»Du impertinente kleine Närrin!« rief sie wüthend, »meinst Du, ich bedürfe Deiner, damit Du mich an meine Pflichten gegen Deinen Vater erinnerst? Soll ich etwa von einer naseweisen kleinen Creatur, wie Du, lernen, wie ich von Deinem Vater sprechen, von Deinem Vater denken und Deinen Vater lieben und ehren soll? Ich kann Dir sagen, daß es eine große Enttäuschung für mich war, als Du geboren wardst —— ich wünschte mir einen Knaben, Du impertinentes Ding! Wenn Du je einen Mann findest, der einfältig genug ist, Dich zu heirathen, so mag er sich glücklich schätzen. wenn Du ihn nur halb so sehr, ein Viertel so sehr, ein Hunderttausendstel so sehr liebst, wie ich Deinen Vater geliebt habe. Ach, wenn’s zu spät ist, kannst Du weinen; Du kannst zu Deiner Mutter zurückgeschlichen kommen, nachdem Du sie beleidigt hast, und sie um Verzeihung bitten. Du plumpes, vierschrötiges kleines Geschöpf! Ich war weit schöner, als Du jemals werden kannst, zur Zeit, da ich Deinen Vater heirathete —— ich wäre durch Feuer und Wasser gegangen, um Deinem Vater zu dienen! Hätte er mich gebeten, einen meiner Arme abzuschneiden, so würde ich es gethan haben —— ihm zu gefallen, würde ich es gethan haben!« Sie wandte plötzlich ihr Gesicht der Wand, zu —— ihre Tochter, ihren Gatten, Alles vergessend, außer der marternden Erinnerung an ihre verlorene Schönheit. »Meine Arme.« wiederholte sie matt für sich. »Was für Arme ich hatte, als ich jung war!« Sie streifte verstohlen den Aermel ihres Nachtkleides auf und sagte schaudernd: »Und wenn ich sie jetzt ansehe! wenn ich sie jetzt ansehe!«

Neelie fiel am Bette auf die Kniee nieder und barg ihr Gesicht in der Decke. In reiner Verzweiflung, sonst irgendwo Trost und Hilfe zu finden, hatte sie sich ihrer Mutter in die Arme geworfen —— und das hatte so geendet!

»O, Mama«, flehte sie, »Du weißt, daß ich Dich nicht kränken wollte! Ich konnte nicht anders, als Du so von meinem Vater sprachst. O, bitte, bitte, vergib mir.«

Mrs. Milroy wandte sich auf ihrem Kissen wieder um und sah ihre Tochter mit ausdruckslosen, Blicke an. »Dir vergeben?« wiederholte sie, während ihr Geist noch in der Vergangenheit war und sich, wie im finsteren, zur Gegenwart zurück tastete.

»Ich bitte Dich um Verzeihung, Mama —— auf den Knieen bitte ich Dich um Verzeihung. Ich bin so unglücklich, ich sehne mich so sehr nach ein wenig Liebe! Willst Du mir nicht vergeben?«

»Warte ein wenig«, erwiderte Mrs. Milroy, »Ah«, sagte sie nach einer Pause, »jetzt weiß ich! Dir vergeben? Ja, ich will Dir unter einer Bedingung vergeben.« Sie hob Neelie’s Kopf auf und sah ihr prüfend ins Gesicht. »Sage mir, warum Du Miß Gwilt hassest? Du hast Deine Gründe dafür, daß Du sie hassest, und Du hast mir dieselben noch nicht eingestanden.«

Neelie ließ den Kopf wieder sinken. Die dunkle Glut, die sie versteckte, indem sie ihr Gesicht verbarg, theilte sich ihrem Nacken mit. Ihre Mutter sah es und ließ ihr Zeit.

»Sage mir«, wiederholte Mrs. Milroy in sanfterem Tone, »warum hassest Du sie?«

Die Antwort kam widerstrebend und in abgerissenen Worten.

»Weil sie versucht ——«

»Was versucht?«

»Weil sie Jemanden der viel ——«

»Viel was?«

»Der viel zu jung für sie ist ——«

»Gern heirathen möchte?«

»Ja, Mama.«

Mit athemlosen Interesse beugte Mrs. Milroy sich vorwärts und spielte liebkosend mit dem Haar ihrer Tochter.

»Wer ist dies, Neelie?« fragte sie flüsternd.

»Du wirst niemals weiter sagen, daß ich es Dir gesagt habe, nicht wahr nicht, Mama?«

»Niemals! Wer ist es?«

»Mr. Armadale.«

Wird. Milroy lehnte sich in tiefem Schweigen auf ihr Kissen zurück. Das klare Bekenntniß ihrer ersten Liebe, das ihre Tochter mit eigenen Lippen abgelegt, das sofort die ganze Aufmerksamkeit jeder andern Mutter in Anspruch genommen haben würde, beschäftigte sie keinen Augenblick. Ihre Eifersucht, die Alles verdrehte, um es ihren Schlußfolgerungen anzupassen, war eifrig beschäftigt, auch das zu verdrehen was sie soeben gehört hatte. »Eine Verstellung«, dachte sie, »die mein Kind getäuscht hat. Mich aber täuscht dieselbe nich. Ist es wahrscheinlich, daß Miß Gwilt dies gelingen wird?« fragte sie laut. »Zeigt Mr. Armadale irgendwelches Interesse für sie?«

Zum ersten Male sah Neelie zu ihrer Mutter auf. Der schwerste Theil ihres Bekenntnisses war jetzt worüber, sie hatte die Wahrheit von Miß Gwilt gesagt und offen Allan’s Namen ausgesprochen.

»Er legt das unerklärlichste Interesse für sie an den Tag«, sagte sie. »Es ist mir unbegreiflich; eine förmliche Verblendung ist es —— es empört mich, davon zu sprechen!«

»Wie kommst Du dazu, Mr. Armadale’s Geheimnisse zu wissen?« fragte Mrs. Milroy. »Hat er aus allen Leuten in der Welt Dich auserkoren, um sein Interesse für Miß Gwilt auszusprechen?«

»Mich!« rief Miß Neelie entrüstet. »Es ist wahrhaftig schlimm genug, daß er es dem Papa gesagt hat.«

Bei diesem Wiederauftreten des Majors in der Erzählung stieg Mrs. Milroy’s Interesse an der Unterhaltung aufs Höchste. Sie richtete sich abermals vom Kissen auf. »Nimm einen Sessel«, sagte sie. »Setze Dich, Kind, und erzähle mir die ganze Geschichte Jedes Wort, hörst Du? — jedes Wort!«

»Ich kann Dir nur erzählen, Mama, was der Papa mir erzählt hat.«

»Wann?«

»Am Sonnabend. Ich trug dem Papa sein Gabelfrühstück in die Werkstatt und er sagte: »Ich habe soeben einen Besuch von Mr. Armadale gehabt und möchte Dir eine Warnung geben, da ich eben daran denke." Ich sagte nichts, Mama, ich wartete blos. Dann fuhr der Papa fort und sagte mir, Mr. Armadale habe mit ihm von Miß Gwilt gesprochen und Fragen über sie an ihn gerichtet, zu denen Niemand in seiner Stellung berechtigt sei. Der Papa sagte, er habe sich genöthigt gesehen, Mr. Armadale in aller Freundschaft zu ermahnen, ein andermal ein wenig zartfühlender und vorsichtiger zu sein. Ich fühlte mich nicht sehr interessiert, Mama —— es lag mir durchaus gar nichts daran, was Mr. Armadale gesagt oder gethan. Was sollte ich mich darum kümmern!«

»Laß Dich dabei aus dem Spiele«, unterbrach ihre Mutter sie mit Schärfe. »Fahre mit dem fort, was Dein Vater sagte. Was that er, als er von Miß Gwilt sprach? Wie sah er aus?«

»Ziemlich wie gewöhnlich, Mama. Er ging in der Werkstatt auf und ab, und ich nahm seinen Arm und promenierte mit ihm.«

»Ich will nicht wissen, was Du gethan hast«, sprach Mrs. Milroy immer gereizter. »Sagte Dein Vater Dir, was für Fragen Mr. Armadale an ihn gerichtet, oder nicht?«

»Ja, Mama. Er sagte, Mr. Armadale begann mit der Bemerkung, daß er großes Interesse an Miß Gwilt nehme, und fragte dann, ob der Papa ihm irgendetwas über ihre Familienverhältnisse ——«

»Was!!« rief Mrs. Milroy. Das Wort brach fast wie ein Schrei heraus und die weiße Schminke auf ihrem Gesichte platzte in allen Richtungen. »Das sagte Mr. Armadale?« sprach sie, sich immer weiter aus dem Bette heraus beugend.

Neelie sprang auf und suchte ihre Mutter aufs Kissen zurückzulegen.

»Mama!« rief sie aus. »Hast Du Schmerzen? Bist Du krank? Du erschreckst mich!«

»Nichts, nichts, nichts«, sagte Mrs. Milroy. Sie war zu heftig, bewegt, um eine andere als die allergewöhnlichste Entschuldigung zu machen. »Meine Nerven sind heute Morgen sehr gereizt —— kehre Dich nicht daran. Ich will es auf der andern Seite des Kissens versuchen. Fahr’ fort, fahr’ fort! Ich höre Dich, wenn gleich ich Dich nicht ansehe.« Sie wandte ihr Gesicht der Wand zu und ballte ihre zitternden Hände krampfhaft unter der Bettdecke »Ich habe sie!« flüsterte sie für sich. »Ich habe sie endlich!«

»Ich fürchte, ich habe zu viel gesprochen«, sagte Neelie. »Ich fürchte, ich bin zu lange hier geblieben. Soll ich jetzt hinuntergehen, Mama, und später wiederkommen?«

»Fahr’ fort«, wiederholte Mrs. Milroy mechanisch.

»Was hat Dein Vater darauf gesagt? Noch sonst etwas über Mr. Armadale?«

»Nichts weiter, außer, was der Papa ihm zur Antwort gab«, erwiderte Neelie »Papa wiederholte mir seine eigenen Worte, als er mir davon erzählte. Er sagte: »In Ermangelung irgendwelcher freiwilligen Mittheilungen von der Dame selbst über diesen Gegenstand, Mr. Armadale, ist Alles, was ich weiß, oder zu wissen wünsche —— und Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich hinzufüge, Alles, was sonst irgendjemand zu wissen braucht, oder zu wissen wünschen sollte —— daß Miß Gwilt mir eine völlig befriedigende Empfehlung brachte, ehe sie in mein Haus kam? Das war streng, Mama, nicht wahr? Ich habe nicht das geringste Mitleid mit ihm —— er hat es vollkommen verdient. Dann kam des Papas Warnung an mich. Er hieß mich Mr. Armadales Neugier nicht befriedigen, wenn er sich nun etwa an mich wendete. Als ob es wahrscheinlich sei, daß er sich an mich wendete, und als ob ich ihn anhören würde! Das ist Alles, Mama. Nicht wahr, Du glaubst nicht, daß ich Dir alles dies gesagt habe, weil ich Mr. Armadale abhalten möchte, Miß Gwilt zu heirathen? Er mag sie heirathen, wenn es ihm beliebt —— mir ist es einerlei!« sagte Neelie mit einer Stimme, die ein wenig bebte, und mit einem Gesichte, das kaum ruhig genug war, um mit dieser Erklärung ihrer Gleichgültigkeit zu harmonieren. »Alles, was ich will, ist Befreiung von Miß Gwilt als meiner Erzieherin. Ich möchte lieber in, eine Pension geschickt werden. Ja, ich möchte in eine Erziehungsanstalt gehen. Meine Ansicht von Allem ist jetzt eine völlig andere, ich habe nur nicht den Muth, es dem Papa zu sagen. Ich weiß nicht, was mit mir vorgegangen ist —— mir ist, als ob ich zu nichts mehr Muth besäße —— und wenn der Papa mich abends auf den Schooß nimmt und sagt: »Laß uns Plaudern, Neelie", da macht er mich weinen. Wolltest Du ihn wohl darauf vorbereiten, Mama, daß ich andern Sinnes geworden bin und lieber in eine Pension gehen möchte?« Ihre Augen füllten sich mit schweren Thränen und sie bemerkte nicht, daß ihre Mutter sich nicht einmal auf ihrem Kissen umwandte, um sie anzusehen.

»Ja, ja«, « sagte Mrs. Milroy zerstreut. »Du bist ein gutes Mädchen; Du sollst in eine Pension geschickt werden.«

Die grausame Kürze der Erwiderung und der Ton, in dem sie gesprochen ward, sagten Neelie, daß die Aufmerksamkeit ihrer Mutter weit, weit von ihr sei und daß es nutzlos wäre, die Unterhaltung noch ferner fortzusetzen. Ruhig, ohne ein Wort des Vorwurfs wandte sie sich ab. Es war ihr nichts Neues, sich von der Theilnahme ihrer Mutter ausgeschlossen zu sehen. Sie sah ihre Augen im Spiegel an und badete dann ihr Gesicht in kaltem Wasser. »Miß Gwilt soll nicht sehen, daß ich geweint habe«, dachte Neelie, indem sie wieder an das Bett trat, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. »Ich habe Dich ermüdet, Mama«, sagte sie leise. »Laß mich jetzt gehen, und später wiederkommen, wenn Du ein wenig geruht haben wirst«

»Ja«, antwortete ihre Mutter noch ebenso mechanisch, wie zuvor, »ein wenig später, wenn ich etwas geruht haben werde.«

Neelie verließ das Zimmer. Sowie sie die Thüre hinter sich geschlossen, klingelte Mrs. Milroy, um« die Wärterin zu sich zu bescheiden. Der soeben gehörten Erzählung, jeder vernünftigen Schätzung der Wahrscheinlichkeiten zum Trotz, klammerte sie sich noch immer so fest, wie je, an ihre eifersüchtigen Schlüsse »Mr. Armadale mag ihr glauben, und meine Tochter mag ihr glauben«, dachte das wüthende Weib. »Aber ich kenne den Major und mich kann sie nicht hintergehen!«

Die Wärterin trat ein. »Richtet Euch in die Höhe«, sagte Mrs. Milroy, »und gebt mir mein Schreibpult. Ich will schreiben.«

»Sie sind aufgeregt«, sagte die Wärterin »Sie sind nicht in einem Zustande, um zu schreiben.«

»Gebt mir das Pult«, wiederholte Mrs. Milroy.

»Sonst noch etwas?« fragte Rachel, ihre stereotype Phrase wiederholend indem sie den Schreibkasten aufs Bett stellte.

»Ja. Kommt in einer halben Stunde wieder. Ihr sollt einen Brief für mich nach dem Herrenhaus tragen.«

Die sardonische Gelassenheit der Wärterin versagt ihr für diesmal. »Gerechter Himmels« rief sie im Tone echten Erstaunens. »Was nun? Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie an ——«

»Ich werde an Mr. Armadale schreiben«, fiel ihr Mrs. Milroy ins Wort, »und Ihr werdet den Brief zu ihm tragen und auf die Antwort warten —— und, gebt wohl Acht, keine lebende Seele, außer uns beiden, darf hier im Hause das Geringste hiervon argwöhnen.«

»Warum schreiben Sie an Mr. Armadale?« fragte Rachel. »Und warum darf außer uns beiden Niemand etwas davon wissen?«

»Wartet«, erwiderte Mrs. Milroy, »und Ihr werdet es sehen.«

Die Neugier der Wärterin, die Neugier eines Weibes, hatte keine Lust zu warten.

»Ich will Ihnen mit offenen Augen helfen«, sagte sie, »blindlings aber helfe ich Ihnen nicht.«

»O, wenn ich nur den Gebrauch meiner Glieder hätte!« stöhnte Mrs. Milroy. »Ihr abscheuliches Geschöpf, wenn ich nur ohne Euch fertig werden könnte!«

»Sie haben den Gebrauch Ihres Kopfes«, entgegnete. die unerschütterliche Wärterin, »und Sie sollten es besser wissen, als mir nur zur Hälfte zu trauen.«

Es war eine brutale Antwort, aber eine wahre eine doppelt wahre, nachdem sie Miß Gwilt’s Brief geöffnet. Mrs. Milroy gab nach.

»Was wollt. Ihr wissen?« fragte sie. »Sagt mir das und dann geht.«

»Ich möchte wissen, was Sie an Mr. Armadale schreiben wollen?«

»Von Miß Gwilt.«

»Was hat Mr. Armadale mit Miß Gwilt zu schaffen?«

Mrs. Milroy hielt den Brief empor, der ihr durch das Postamt zurückgesandt worden.

»Bückt Euch«, sagte sie. »Miß Gwilt mag vielleicht an der Thür lauschen. Ich will’s Euch ins Ohr flüstern.«

Die Wärterin bückte sich, indem sie das Auge auf die Thür heftete.

»Ihr wißt, daß der Postbote diesen Brief nach Kingstown Crescent getragen hat?« sagte Mrs. Milroy. »Und Ihr wißt, daß er Mrs. Mandeville nicht mehr dort fand und daß ihm Niemand zu sagen wußte, wohin sie gegangen?«

»Nun?« flüsterte Rachel. »Was dann?«

»Dies. Wenn Mr. Armadale den Brief erhält, den ich ihm zu schreiben im Begriff bin; wird er denselben Weg einschlagen, welchen der Briefträger gegangen ist —— und wir wollen sehen, was sich ereignet, wenn er an Mrs. Mandeville’s Hausthür klopft.«

»Wie bringen Sie ihn bis an die Thür?«

»Ich gebe ihm den Rath, die Dame aufzusuchen, die Miß Gwilt empfohlen hat.«

»Ist er in Miß Gwilt verliebt?«

»Ja.«

»Ach!« sagte die Wärterin, »ich verstehe!«



Kapiteltrenner

Vierter Band

Erstes Kapitel.

Der Morgen, an dem die Unterredung zwischen Mrs. Milroy und ihrer Tochter im Parkhäuschen stattfand, war für den Squire im Herrenhause ein Morgen ernstlicher Ueberlegung.

Selbst Allan’s leichtherzige Natur war von dem beunruhigenden Einflusse der Ereignisse während der letzten drei Tage nicht unberührt geblieben. Midwinter’s unerwartete Abreise hatte ihn verdrossen, und die Art und Weise; wie Major Milroy seine Erkundigungen in Bezug auf Miß Gwilt aufgenommen hatte, erhöhte nur sein Unbehagen. Seit seinem Besuche im Parkhäuschen war er zum ersten Male in seinem Leben gegen Jeden, der mit ihm in Berührung kam, gereizt und verdrießlich gewesen; gereizt über den jungen Pedgift, der am vorigen Abend erschienen »war, um ihm seine folgenden Tags bevorstehende Abreise nach London zu melden und seinem Clienten seine Dienste zur Verfügung zu stellen; verdrießlich Miß Gwilt gegenüber bei einer geheimen Zusammenkunft, die er am Morgen mit ihr im Park gehabt hatte; Verdrießlich in seiner eigenen Gesellschaft, währender rauchend in seinem Zimmer allein saß. »Diese Art von Leben kann ich nicht lange mehr ertragen«, dachte Allan »Wenn mir Niemand behilflich sein will, Miß Gwilt diese unangenehme Frage vorzulegen, so muß ich irgend einen Weg ausfindig machen, wie ich es selber thun kann.«

Welchen Weg? Die Antwort auf diese Frage war so schwer wie nur je eine. Allan versuchte seine träge Phantasie durch einen Spaziergang im Zimmer aufzustacheln, in welchem er, als er zum ersten Male das Ende des letzteren erreicht hatte, durch das Eintreten des Dieners unterbrochen ward.

»Nun, was gibt’s?« fragte er ungeduldig.

»Ein Brief, Sir; der Ueberbringer wartet auf Antwort.«

Allan betrachtete die Adresse Sie war von fremder Hand. Er öffnete den Brief, und ein in denselben eingelegtes kleines Billet fiel auf den Boden. Das Billet war in derselben fremden Handschrift an »Mrs. Mandeville, 18 Kingsdown-Crescent, Bayswater. Durch Güte des Mr. Armadale« adressiert. In immer größerer Verwunderung suchte Allan nach der Unterschrift des Briefes. Sie lautete: »Anna Milroy.«

»Anna Milroy!« wiederholte er. »Das muß die Frau des Majors sein. Was in aller Welt kann sie von mir wollen?«

Um sich darüber aufzuklären, that Allan schließlich, was er gleich zu Anfange hätte thun können. Er setzte sich hin, den Brief zu lesen.

»Parkhäuschen. Montag.
( Privatim.)

Geehrter Herr! Der Name am Schlusse dieser Zeilen wird Sie, wie ich fürchte, an eine große Unhöflichkeit erinnern, mit der ich vor kurzem eine große Freundlichkeit Ihrerseits zurückwies. Ich kann zu meiner Entschuldigung nur sagen, daß ich schwer leidend bin und, wenn ich unter dem Einflusse heftiger Schmerzen in einem Augenblicke von Gereiztheit und übler Laune Ihr gütiges Obstgeschenk zurücksandte, dies seitdem von Herzen bereut habe. Ich bitte Sie, diesen Brief meinem aufrichtigen Wunsche zuzuschreiben, jene Unhöflichkeit wieder gut zu machen und womöglich unserm geschätzten Freunde und Hauswirthe einen Dienst zu leisten.

Ich weiß, welche Frage Sie vorgestern hinsichtlich Miß Gwilt’s an meinen Gatten gerichtet haben. Nach Allem, was mir von Ihnen bekannt ist, bin ich fest überzeugt, daß Ihr Verlangen, etwas Näheres über diese anziehende Person zu erfahren, als Sie bis jetzt von ihr wissen, nur den ehrenvollsten Beweggründen zugeschrieben werden muß. In dieser Ueberzeugung fühle ich ein frauenhaftes Interesse —— wiewohl ich eine unheilbare Kranke bin —— Ihnen behilflich zu sein. Wenn Sie Miß Gwilt’s Familienangelegenheiten kennen lernen wollen, ohne sich deshalb direct an sie selbst zu wenden, so liegt es nur an Ihnen, sich diese Auskunft zu verschaffen, und ich will Ihnen sagen, wie Sie dabei zu Werke gehen müssen.

Der Zufall hat es gefügt, daß ich vor wenigen Tagen über diesen selben Gegenstand an die Dame geschrieben, die Miß Gwilt empfohlen hatte. Ich hatte längst die Bemerkung gemacht, daß Miß Gwilt ein eigenthümliches Widerstreben verrieth, von ihrer Familie und ihren Angehörigen zu sprechen, und ohne ihr Schweigen etwas Anderem als den schicklichsten Beweggründen zuzuschreiben, hielt ich es doch meiner Tochter gegenüber für meine Pflicht, einige fernere Erkundigungen darüber einzuziehen. Die Antwort, die ich erhalten, ist so weit befriedigend. Meine Correspondentin unterrichtet mich, daß Miß Gwilt’s Geschichte eine sehr traurige und ihr Benehmen bei all ihrem Mißgeschick im höchsten Grade lobenswerth gewesen sei. Die Umstände —— häuslicher Art, wie ich entnehme —— seien sämtlich in einer Reihe von Briefen auseinandergesetzt, die sich augenblicklich im Besitze der Dame befanden, welche Miß Gwilt empfohlen. Diese Dame sei vollkommen bereit, mir die Briefe zu zeigen, doch da sie keine Abschriften derselben besitze und für die Sicherheit der Documente persönlich verantwortlich sei, würde sie dieselben nur ungern der Post anvertrauen, und sie bittet mich deshalb zu warten, bis entweder sie oder ich eine zuverlässige Person finden könne, welche das Paket aus ihren Händen empfange, um es in die meinigen zu geben.

Unter diesen Umständen ist mir der Gedanke gekommen, daß Sie, bei Ihrem persönlichen Interesse an der Sache, vielleicht bereit sein würden, die Papiere für mich in Empfang zu nehmen. Sollte ich mich in dieser meiner Annahme täuschen und Sie nach dem, was ich Ihnen mitgetheilt, nicht geneigt sein, sich der Mühe und den Kosten einer Reise nach London zu unterziehen, so brauchen Sie nur meinen Brief und dessen Einlage zu verbrennen und nicht weiter an die Sache zu denken. Entschließen Sie sich aber, als mein Abgesandter zu handeln, so versehe ich Sie mit Vergnügen mit dem nothwendigen Einführungsbillet für Mrs. Mandeville. Sie haben nichts weiter zu thun, als die Briefe in einem versiegelten Paket entgegenzunehmen, dies bei Ihrer Rückkehr nach Thorpe-Ambrose mir zu übersenden und dann einer baldigen Mittheilung von mir über das Ergebniß gewärtig zu sein.

Zum Schlusse will ich nur noch hinzufügen, daß ich in dem Verfahren, welches ich Ihnen vorschlage, nichts erblicke, was Ihnen als unschicklich ausgelegt werden könnte. Die Art und Weise, in der Miß Gwilt Winke aufgenommen, wie ich sie hinsichtlich ihrer Familienverhältnisse habe fallen lassen, hat es mir peinlich gemacht und würde es Ihnen geradezu unmöglich machen, die Auskunft zuerst bei ihr selbst zu suchen. Gewiß bin ich gerechtfertigt, wenn ich mich an die Dame wende, die sie empfohlen hat, und sicherlich kann es Ihnen nicht zum Vorwurf gereichen, wenn Sie die Beförderung einer versiegelten Correspondenz von einer Dame zur andern vermitteln. Finde ich in dieser Correspondenz Familiengeheimnisse, die ehrenhaftenweise keiner dritten Person mitgetheilt werden können, so werde ich Sie natürlich warten lassen müßten, bis ich zuvor mit Miß Gwilt gesprochen habe. Entdecke ich dagegen nichts Anderes darin, als was ihr Ehre macht und sie in Ihrer Achtung nur noch höher stellen kann, so erzeige ich ihr unzweifelhaft einen Dienst, wenn ich Sie in mein Vertrauen ziehe. Dies ist meine Ansicht von der Sache, doch bitte ich Sie, sich nicht von mir beeinflussen zu lassen.

Jedenfalls muß ich eine Bedingung stellen, die Sie, wie ich überzeugt bin, als unerläßlich betrachten werden. Die harmlosesten Handlungen sind in dieser bösen Welt oft den übelsten Auslegungen ausgesetzt. Ich muß Sie deshalb ersuchen, diese Mittheilung als eine ganz vertrauliche ansehen zu wollen. Was ich Ihnen geschrieben, muß durchaus unter uns bleiben, bis die Umstände nach meinem Dafürhalten ein weiteres Bekanntmachen desselben rechtfertigen.

Aufrichtig die Ihre
Anna Milroy.«

Das war die verlockende Form, in welcher die Gattin des Majors ihre Falle gelegt hatte. Wie gewöhnlich, folgte Allan, ohne einen Augenblick zu zögern, seinem Impulse, indem er gerade auf die Sache losging und sofort seine Antwort schrieb, wobei er sich in höchst charakteristischer Aufregung seinen eigenen Gedanken überließ.

»Beim Jupiter, das ist außerordentlich freundlich von Mrs. Milroy!« (»Verehrte Frau!«) »Gerade, was mir noth that und zwar in dem Augenblicke, wo mir am meisten. daran gelegen wart« (»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre Güte ausdrücken soll, wenn nicht durch die Versicherung, daß ich mit dem größten Vergnügen nach London reisen werde, um die Briefe zu holen.«) »Sie soll den ganzen Sommer hindurch regelmäßig jeden Tag einen Korb mit frischem Obst haben« (»Ich werde sofort abreisen, verehrte Frau, und morgen wieder hier sein.«) »Ah, nichts wie die Frauen, wenn man verliebt ist und der Hilfe bedarf! Genau so würde meine liebe Mutter an Mrs. Milroy’s Stelle gehandelt haben.« (»Ich gebe Ihnen mein feierliches Ehrenwort, daß ich hinsichtlich der Briefe mit der größten Vorsicht zu Werke gehen Und die Sache streng geheim halten werde, wie Sie es wünschen.«) »Mit Vergnügen hätte ich Jedem, der mir den rechten Weg gezeigt, wie ich mit Miß Gwilt zu sprechen habe, fünfhundert Pfund gegeben, und diese liebe herrliche Frau hier thut es umsonst.« (»Ich verbleibe, verehrte Frau, dankbarst der Ihre, Allan Armadale.«)

Nachdem er seine Antwort Mrs. Milroy’s Boten hatte behändigen lassen, blieb Allan in momentaner Verlegenheit stehen. Er hatte mit Miß Gwilt verabredet, sie andern Morgens im Park zu treffen. Es war also durchaus nothwendig, sie wissen zu lassen, daß er abgehalten sei, sich einzustellen; sie hatte ihm zu schreiben verboten und er keine Aussicht, sie an diesem Tage noch allein zu sprechen. In dieser Verlegenheit beschloß er, sie auf indirectem Wege, durch ein Billet an den Major, von dieser Abhaltung in Kenntniß zu setzen, indem er diesem seine in Geschäften beabsichtigte Reise nach London meldete und anfragte, ob irgend ein Mitglied seiner Familie ihm Aufträge für die Stadt zu geben habe. Sowie er in dieser Weise das einzige Hinderniß aus dem Wege geräumt, das sich seiner Abreise entgegenstellte, zog Allan den Eisenbahnfahrplan zu Rathe und fand zu seinem Verdrusse, daß er bis zum Abgang des nächsten Zuges noch eine gute Stunde übrig habe. In seiner augenblicklichen Gemüthsverfassung würde er es bei weitem vorgezogen haben, schleunigst nach London aufzubrechen.

Als der Augenblick endlich kam, trommelte Allan, an dem Verwaltungsbureau vorbeikommend, an die Thür desselben und rief Mr. Bashwood zu: »Reise nach London —— komme morgen zurück.« Keine Antwort erfolgte drinnen und der Diener theilte seinem Herrn mit, daß Mr. Bashwood, da er heute nichts Besonderes daselbst zu thun gehabt, das Bureau geschlossen habe und schon vor einigen Stunden fortgegangen sei.

Als Allan auf dem Bahnhof anlangte, war die erste Person, die er hier traf, der junge Pedgift, der, wie er am vorigen Abend im Herrenhause gemeldet, in Geschäftsangelegenheiten nach London reiste. Nach gegenseitigem Austausch der nothwendigen Erklärungen beschlossen beide zusammen zu reisen. Allan war froh, einen Gefährten zu haben, und Pedgift, wie immer entzückt, sich seinem Clienten nützlich machen zu können, eilte, die Billets zu nehmen und das Gepäck zu besorgen. Auf dem Perron auf und ab gehend und die Rückkunft seines getreuen Anhängers abwartend, stieß Allan plötzlich auf keine geringere Person als Mr. Bashwood, der in einem Winkel dem Schaffner des Zuges heimlich einen Brief übergab, welchem er, allem Anscheine nach, ein Geldgeschenk beifügte.

»Hollah!« rief Allan in seiner herzlichen Art und Weise. »Etwas Wichtiges da, nicht wahr, Mr. Bashwood?«

Wäre Mr. Bashwood bei einem Mord ertappt worden, so hätte er kaum eine größere Bestürzung verrathen können, als er jetzt über Allan’s Entdeckung an den Tag legte. Seinen abgetragenen alten Hut vom Kopfe ziehend, verbeugte er sich tief, wobei er an allen Gliedern zitterte. »Nein, Sir, nein; nichts als ein kleiner Brief —— ein kleiner Brief —— ein kleiner Brief«, sagte der Mann, hinter der Wiederholung seiner Worte seine Verlegenheit verbergend und eiligst rückwärts aus der Nähe seines Herrn retirirend.

Allan wandte sich gleichgültig um. »Ich wollte, ich könnte den Menschen leiden«, dachte er, »aber ich kanns nicht; er ist ein gar zu serviles Geschöpf! Weshalb, zum Henker, brauchte er so zu zittern? Glaubt er etwa, ich wolle mich in seine Gheimnisse eindrängen?«

Mr. Bashwoods Geheimniß berührte Allan diesmal näher, als dieser es ahnte. Der Brief, den er so eben dem Schaffner übergeben hatte, war nichts Anderes als eine Warnung für Mrs. Oldershaw, geschrieben von Miß Gwilt.

»Wenn Du Dein Geschäft beschleunigen kannst«, schrieb die Erzieherin des Majors, »so thue dies und kehre augenblicklich nach London zurück. Die Sachen gehen hier nicht, wie sie sollten, und Miß Milroy ist die Urheberin des Unheils. Sie bestand heute Morgen darauf, ihrer Mutter das Frühstück selbst hinaufzutragen, das sonst stets von der Wärterin gebracht wird. Dann hatten sie eine lange geheime Unterredung mit einander, und eine halbe Stunde später sah ich die Pflegerin mit einem Briefe hinausschlüpfen und den Weg nach dem Herrenhause einschlagen. Der Uebersendung dieses Schreibens folgte Mr. Armadale’s plötzliche Abreise nach London trotz einer verabredeten Zusammenkunft, die er morgen mit mir im Park haben wollte. Das sieht ernsthaft aus. Das Mädchen ist offenbar verwegen genug, für die Stellung der Mrs. Armadale auf Thorpe-Anibrose einen Kampf zu wagen, und hat irgend ein Mittel ausfindig gemacht, um sich den Beistand ihrer Mutter zu verschaffen. Denke nicht etwa, daß ich im mindesten ängstlich oder entmuthigt bin, und nimm nichts eher vor, als bis Du wieder von mir gehört hast. Kehre nur nach London zurück, denn es kann wohl kommen, daß ich im Verlauf der nächsten Tage Deines Beistandes ernstlich bedarf.

Um Zeit zu gewinnen, sende ich diesen Brief durch den Schaffner mit dem Mittagszuge ab. Da Du darauf bestehst, von jedem meiner Schritte in Thorpe-Ambrose unterrichtet zu werden, so will ich zugleich hinzufügen, daß mein Bote —— denn ich kann nicht selbst nach der Station gehen —— jenes merkwürdige alte Geschöpf ist, dessen ich in meinem ersten Briefe erwähnt habe. Er hat sich seitdem beständig hier herumgetrieben, um mich zu sehen. Ich weiß nicht gewiß, ob ich ihn ängstige oder bezaubere —— vielleicht thue ich Beides. Alles, was Du zu wissen brauchst, ist, daß ich ihm mit Sicherheit meine kleinen Aufträge und möglicherweise nach und nach sogar noch Weiteres anvertrauen kann.

L. G.«

Inzwischen hatte der Zug die Station Thorpe-Ambrose verlassen, und der Scuire befand sich mit seinem Gefährten auf dem Wege nach London.

Wohl Mancher, der sich unter den obwaltenden Umständen in Allan’s Gesellschaft gesehen, würde vielleicht neugierig gewesen sein, was denselben nach London führe. Pedgift junior in seiner Eigenschaft als Weltmann durchschaute mit untrüglichem Instinct das Geheimniß ohne die geringste Mühe. »Die alte Geschichte«, dachte das schlaue alte Haupt, sich still auf den rüstigen jungen Schultern wiegend »Wie immer handelt es sich um ein Weib. Jedes andere Geschäft wäre mir übertragen worden.« Mit dieser Schlußfolgerung vollkommen zufrieden, begann Mr. Pedgift, sein geschäftliches Interesse im Auge habend, sich, wie gewöhnlich, seinem Clienten angenehm zu machen. Er nahm sämtliche Reiseangelegenheiten auf sich, wie er schon die ganze Administration des Picknicks in den Breiten übernommen hatte. Auf dem Bahnhofe in London angelangt, war Allan bereit, nach jedwedem Hotel zu gehen, das man ihm empfehlen würde. Sein unschätzbarer Rechtsanwalt führte ihn unverzüglich nach einem Gasthofe, in dem die Familie Pedgift schon seit drei Generationen abgestiegen war.

»Sie haben doch keine Antipathie gegen Gemüse, Sir?« sagte der heitere Pedgift, als der Fiaker vor einem Hotel auf dem Covent-Garden-Markte hielt. »Sehr gut, das Uebrige dürfen Sie meinem Großvater, meinem Vater und mir überlassen. Ich weiß, welcher von den Dreien in diesem Hause am beliebtesten und geschätztesten ist. Wie geht’s, William? —— Unser Oberkellner, Mr. Armadale —— Ist Ihre Frau von ihrem Rheumatismus geheilt, und macht Ihr Kleiner Fortschritte in der Schule? Ihr Herr ist ausgegangen, nicht wahr? Thut nichts, Sie werden schon für uns sorgen. Das hier, William, ist Mr. Armadale von Thorpe-Ambrose. Ich habe Mr. Armadale bewogen, es mit unserm Hause zu versuchen. Haben Sie das Schlafzimmer bereit, das ich bestellte? Sehr gut. Dann geben Sie es nicht mir, sondern Mr. Armadale. —— Das Lieblingszimmer meines Großvaters, Sir; Nummer fünf in der zweiten Etae. Bitte, nehmen Sie es; ich kann in jedem beliebigen Zimmer schlafen. Wünschen Sie die Matratze über dem Federbette? —— Hören Sie, William? Sagen Sie Mathilden, daß sie die Matratze oben aufs Federbett legt. Wie geht es Mathilden? Hat sie wie gewöhnlich Zahnschmerzen? —— Das Stubenmädchen oben, Mr. Armadale, und ein ganz außerordentliches Frauenzimmer; sie will sich durchaus nicht von einem hohlen Zahne in ihrer unteren Kinnlade trennen. Mein Großvater sagt ihr: »Lassen Sie ihn ausziehen"; mein Vater sagt ihr: »Lassen Sie ihn ausziehen; und ich sage ihr: »Lassen Sie ihn ausziehen —— Mathilde ist taub gegen alle drei. —— Ja wohl, William, ja; wenn es Mr. Armadale genehm, so ist mir dies Wohnzimmer recht. —— Was das Diner betrifft, Sir, so möchten Sie Ihr Geschäft wohl erst abmachen und dann zum Speisen zurückkommen. Wollen wir also sagen: um halb acht Uhr? —— William, um halb acht Uhr. —— Durchaus nicht nöthig, etwas zu bestellen, Mr. Armadale. Der Oberkellner braucht nur dem Koche meine Empfehlung zu machen, und pünktlich auf die Minute wird unfehlbar das beste Diner in ganz London zu uns heraufgesandt werden. —— Bitte, sagen Sie: Mr. Pedgift junior, William. —— Sonst, Sir, dürfte man meines Großvaters oder meines Vaters Diner herrichten, und diese möchten für Sie und mich ein wenig zu schwer und altmodisch ausfallen —— Und den Wein anlangend, William, beim Essen Champagner und den Sherry, den mein Vater abscheulich findet. Zum Nachtisch den Rothwein mit dem blauen Siegel —— ein Wein, von dem mein unschuldiger Großvater behauptete, die Flasche sei keinen Sixpence werth. Ha, ha! der arme alte Junge! —— Sie werden wie gewöhnlich die Abendzeitungen und Theaterzettel herausschicken und —— das ist Alles, glaube ich, für jetzt, William. —— Ein unschätzbarer Diener, Mr. Armadale; die Diener in diesem Hause sind alle unschätzbar. Es ist hier vielleicht nicht vornehm, Sir, aber beim Lord Harry, es ist gemüthlich! Einen Fiaker? Sie wünschen einen Fiaker? Bemühen Sie sich nicht! Ich habe zweimal geschellt; das bedeutet: Schnell einen Fiaker. Darf ich fragen, Mr Armadale, nach welcher Richtung Ihr Geschäft sie führt? Nach Bayswater? Hatten Sie nichts dagegen, mich im Park abzusetzen? Ich Pflege jedes mal, wenn ich in London bin, unter der Aristokratie die frische Luft zu genießen. Ihr ergebener Diener versteht sich auf ein schönes Weib und ein schönes Pferd, und wenn er in Hyde-Park ist, befindet er sich in seinem Element.« In dieser Weise plauderte der gewandte Pedgift weiter und empfahl sich durch diese kleinen Künste der guten Meinung seines Clienten.

Als die Speisestunde die Reisegefährten wieder in ihrem Wohnzimmer im Hotel zusammengeführt, hätte ein weit minder scharfer Beobachter als der junge Pedgift die auffallende Veränderung wahrnehmen müssen, die sich in Allan’s Wesen zeigte. Er sah ärgerlich und consternirt aus und saß, mit den Fingern auf die Tafel trommelnd, ohne ein Wort zu sagen, da.

»Ich fürchte, es hat sich, seitdem wir im Parke von einander schieden, etwas ereignet, was Ihnen Verdruß verursacht, Sir? sagte Pedgift junior. »Verzeihen Sie die Frage; ich thue sie nur für den Fall, daß ich Ihnen irgendwie von Nutzen sein könnte.«

»Allerdings ist etwas passiert, was ich nicht im entferntesten erwartet habe«, erwiderte Allan; »ich weiß nicht, was ich daraus machen soll. Ich möchte gern Ihre Ansicht hören«, fügte er nach einigem Zögern hinzu, »das heißt, vorausgesetzt, Sie entschuldigten, wenn ich nicht in Einzelheiten eingehe?«

»Ganz gewiß!« erwiderte der junge Pedgift. »Skizzieren Sie mir die Sache nur in leichten Umrissen, Sir. Der kleinste Wink genügt; ich bin ja nicht von gestern.« Im Stillen aber sprach er zu sich! »O, diese Weiber!«

»Nun«, begann Allan, »Sie wissen, was ich sagte, als wir hier im Hotel anlangten; ich sagte; ich müsse nach Bayswater gehen« —— Pedgift machte sich im Geiste eine Notiz: Vorstadtfall Bayswater —— »und nach einer —— das heißt —— nein —— wie ich schon sagte, mich nach einer Person erkundigen.« Pedgift notierte den nächsten Punkt: Person in Frage. Weibliche oder männliche Person? Weibliche Person, sonder Zweifel. —— »Also, ich begab mich nach dem Hause, und als ich nach ihr fragte —— ich meine die Person —— war sie —— das heißt, die Person —— o zum Henker! ich werde noch verrückt und Sie ebenfalls, wenn ich die Geschichte so weitschweifig erzähle. Da haben Sie die Sache mit zwei Worten. Ich fuhr nach Nummer 18 Kingsdown-Crescent, um dort eine Dame Namens Mandeville aufzusuchen, und als ich nach ihr fragte, sagte mir das Mädchen, Mrs. Mandeville sei ausgegangen, ohne irgend Jemand zu sagen, wohin, und ohne selbst nur eine Adresse zu hinterlassen, unter welcher ihr Briefe nachgesandt werden könnten. So, jetzt ist es endlich heraus. Was meinen Sie dazu?«

»Sagen Sie mir zuvor, Sir«, antwortete der kluge Pedgift, »welche Fragen Sie thaten, als Sie fanden, daß die bewußte Dame verschwunden war?«

»Fragen?« wiederholte Allan. »Ich war gänzlich consternirt; ich sagte gar nichts. Welche Fragen hätte ich thun sollen?«

Der junge Pedgift räusperte sich und schlug vollkommen geschäftsmäßig die Beine über einander.

»Ich will durchaus nicht Ihre Angelegenheit bei Mrs. Mandeville ausforschen, Mr. Armadale«, begann er.

»Nein«, unterbrach ihn Allan ohne alle Umstände, »ich hoffe, Sie werden dies nicht versuchen. Meine Angelegenheit bei Mrs. Mandeville muß ein Geheimniß bleiben.«

»Aber«, fuhr Pedgift fort, indem er in richterlicher Weise den Zeigefinger der einen in die ausgestreckte Fläche der andern Hand legte, »Sie werden mir vielleicht im Allgemeinen zu fragen gestatten, ob Ihre Angelegenheit bei Mrs. Mandeville der Art ist, daß Sie es der Mühe werth erachten, ihre Spur von Kingsdow-Crescent nach ihrem gegenwärtigen Aufenthalte zu verfolgen?«

»Gewiß!« sagte Allan. »Ich habe ganz besondere Gründe, sie sehen zu wollen.«

»Ja dem Falle, Sir«, erwiderte Pedgift junior, »waren es zwei bestimmte Fragen, die Sie hätten thun sollen, nämlich, an welchem Tage Mrs. Mandeville abreiste, und wie. Hiervon unterrichtet, hätten Sie sich zunächst erkundigen sollen, in welchen häuslichen Verhältnissen sie fortging, ob sie mit irgend Jemand eine Differenz gehabt, etwa eine Differenz is Geldsachen; ferner, ob sie allein oder in Begleitung irgend einer andern Person abreiste; sodann, ob das Haus ihr eigenes war, oder ob sie nur dort wohnte. In letzterem Falle ——«

»Halt! Halt! Sie machen mir den Kopf schwindeln«, rief Allan. »Ich verstehe mich nicht auf alle diese Mittel und Wege, mit dergleichen bin ich nicht vertraut.«

»Ich meinerseits bin seit meiner Kindheit damit vertraut, Sir«, bemerkte Pedgift »Und wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann, so bitte ich Sie nur, es zu sagen.«

»Sie sind sehr freundlich«, erwiderte Allan, »Wenn Sie mir helfen könnten, Mrs. Mandeville zu finden, und wenn es Ihnen nichts ausmacht« die Sache dann gänzlich in smeinen Händen zu lassen ——«

»Mit dem größten Vergnügen von der Welt werde ich sie in Ihren Händen lassen, Sir«, sagte Pedgift junior, zu selbst aber: »Und ich Will fünf gegen eins wetten, daß Du, wenn der Augenblick kommt, sie in den meinigen lassen wirst! —— Wir wollen morgen früh zusammen nach Bayswater fahren, Mr. Armadale. Inzwischen —— kommt hier die Suppe. Der Fall, der augenblicklich vor Gericht schwebt, ist: Vergnügen gegen Geschäft. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, Sir, aber ich gebe mein Urtheil, ohne nur einen Augenblick zu zögern, zu Gunsten des Klägers ab. Lassen Sie uns die Rosen pflücken, eh’ sie verblühen. Entschuldigen Sie meine Heiterkeit, Mr. Armadale Obgleich in der Provinz begraben, ward ich doch zum Londoner Leben geschaffen.« Mit diesem Bekenntnisse reichte der unwiderstehliche Pedgift seinem Gönner einen Stuhl und ertheilte munter seine Befehle an seinen Vicekönig, den Oberkellner »Punsch in Eis, William, nach der Suppe. —— Ich bürge für den Punsch, Mr. Armadale; er wird nach einem Recept meines Großonkels gebraut. Er hielt eine Taverne und war der Gründer des Glücks unserer Familie. Ich mache mir nichts daraus, Ihnen zu sagen, daß die Pedgifts einen Schenkwirth in ihrer Familie gehabt haben; es ist keine Spur von falschem Stolze an mir. Der Werth macht den Mann, wie Pope sagt. Ich cultivire die Poesie sowohl als die Musik, Sir, in meinen Mußestunden; in der That, ich stehe mit allen neun Musen auf mehr oder minder vertraulichem Fuße. Aha! Da ist der Punsch! Das Andenken meines Großonkels, des Schenkwirths, Mr. Armadale —— ein Toast, den wir in feierlicher Stille trinken wollen!«

Allan gab sich alle Mühe, der Heiterkeit und guten Laune seines Gefährten nachzueifern, jedoch nur mit mittelmäßigem Erfolge. Während der ganzen Mahlzeit und während all der Ergötzlichkeiten, zu denen ihn sein Gefährte später am Abend hinführte, kam ihm fortwährend sein Besuch in Kingsdown-Crescent ins Gedächtniß zurück. Als Pedgift junior in der Nacht sein Licht auslöschte, schüttelte er sein kluges Haupt und apostrophierte zum zweiten Male bedauernd die Weiber.

Andern Morgens um zehn Uhr befand sich der unermüdliche Pedgift bereits auf dem Schauplatze. Zu Allan’s großer Erleichterung schlug er vor, die Erkundigungen in Kingsdown-Crescent in eigener Person einzuziehen, während sein Client in der Droschke, die sie vom Hotel gebracht, in der Nähe wartete. In wenig mehr als fünf Minuten war er im Besitz aller erreichbaren Einzelheiten wieder bei Allan. Das Erste, was er that, war, daß er Allan ersuchte, auszusteigen und den Kutscher zu bezahlen. Dann bot er ihm höflich den Arm und führte ihn um die Ecke des Crescent über einen Square und in eine kleine Nebengasse, die durch eine Fiakerstation ausnahmsweise belebt wurde. Hier blieb er stehen und fragte scherzend, ob Mr. Armadale jetzt seinen Weg vor sich sehe, oder ob es nothwendig sein werde, seine Geduld durch eine Erörterung auf die Probe zu stellen.

»Ob ich meinen Weg vor mir sehe?« wiederholte Allan. »Ich sehe nichts als die Fiakerstation.«

Pedgift der Jüngere lächelte mitleidsvoll und begann seine Erklärung. Er müsse zuerst bemerken, daß das Haus in Kingsdon-Crescent ein Kosthaus sei. Er habe darauf bestanden, die Hauswirthin selbst zu sprechen. Eine charmante Person, mit allen Anzeichen, daß sie vor fünfzig Jahren ein hübsches Mädchen gewesen; ganz Pedgift’s Genre Aber Mr. Armadale ziehe vielleicht vor, etwas über Mrs. Mandeville zu hören. Unglücklicherweise gebe es nichts zu erzählen. Keine Differenz habe stattgefunden und kein Heller sei unbezahlt geblieben. Die Dame sei fortgegangen, ohne daß sich nur ein Schatten von Erklärung dafür finden lasse. Entweder sei es Mrs. Mandevilles Art und Weise zu verschwinden, oder etwas für jetzt noch völlig Unentdeckbares sei dabei mit im Spiele. Pedgift hatte sich von Datum, Tageszeit und der Art und Weise ihrer Abreise in Kenntniß gesetzt. Möglicherweise könne diese letztere ihnen auf die Spur helfen. Sie war in einem Cab fortgefahren, welches dass Mädchen von der nächsten Station geholt hatte. Diese Station liege eben vor ihren Augen, und der Wassermann sei die erste Person, an die sie sich wenden müßten; sie gingen —— Mr. Armadale möge ihm den Scherz verzeihen —— damit direct an die Quelle. In dieser lustigen Weise behandelte Pedgift die Geschichte, sagte Allan, er wolle in einem Augenblicke wieder bei ihm sein, schlenderte nachlässig die Straße hinunter und winkte den Wassermann vertraulich in die nächste Restauration.

In einer kleinen Weile kamen beide wieder heraus, und der Wassermann führte Pedgift der Reihe nach zu dem ersten, zweiten, dritten, vierten und sechsten Fiakerkutscher, deren Wagen sich auf der Station befanden. Die längste Unterredung fand mit dem sechsten Manne statt und endete damit, daß der Fiaker plötzlich der Stelle zufuhr, wo Allan wartete.

»Steigen Sie ein, Sir«, sagte Pedgift, die Wagenthür öffnend. »Ich habe den Mann gefunden. Er erinnert sich der Dame, und obgleich er den Namen der Straße vergessen, glaubter doch das Haus, nach dem er sie gefahren, wiederfinden zu können, sowie er in dessen Nachbarschaft kommt. Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß wir bis hierher vom Glück begünstigt gewesen sind, Mr. Armadale Ich bat den Wassermann, mir die regelmäßigen Droschkenkutscher der Station anzugeben, und es zeigte sich, daß eines derselben Mrs. Mandeville gefahren hatte. Der Wassermann steht für ihn; er ist eine Ausnahme von der Regel, ein respectabler Fiakerkutscher, fährt mit seinem eigenen Pferd und ist nie in Ungelegenheiten gewesen. Das ist der Schlag von Leuten, Sir, der unsern Glauben an die menschliche Natur lebendig erhält. Ich habe mir unsern Freund angesehen und bin mit dem Wassermanne einverstanden —— ich denke, wir dürfen ihm trauen.«

Die Nachforschungen erforderten anfangs einige Geduld. Erst nachdem die Strecke zwischen Bayswater und Pimlico zurückgelegt war, begann der Kutscher langsamer zu fahren und sich umzublicken. Nachdem er ein- oder zweimal wieder umgekehrt, bog er in eine stille Nebenstraße ein, an deren Ende sich eine blinde Mauer mit einer Thür befand, und hielt dann vor dem letzten Hause auf der linken Seite still, das der Mauer zunächst stand.

»Hier ist’s, meine Herren«, sagte der Mann, die Wagenthür öffnend.

Allan und sein Rathgeber stiegen aus und betrachteten beide mit demselben Gefühle des Mißtrauens das Haus. Häuser haben ihre Physiognomie, namentlich Häuser in großen Städten, und das Gesicht dieses Hauses hatte in seinem Ausdruck etwas wesentlich Verstohlenes. Die Fenster der Fronte waren sämtlich geschlossen und die Jalousien heruntergelassen. Von vorn gesehen, erschien es nicht größer als alle andern Häuser der Straße, aber es zog sich arglistig nach der Hinterseite hinaus und gewann durch seine Tiefe an räumlicher Bequemlichkeit. Es that so, als sei es im Erdgeschoß ein Laden, allein es zeigte durchaus gar nichts in dem Zwischenraume vom Fenster bis zu einem rothen Vorhange, der das ganze Innere den Blicken entzog. Auf der einen Seite befand sich die Ladenthür, deren Glasfenster aus der Hinterseite ebenfalls mit rothen Vorhängen versehen war und auf deren Holzwerk ein Messingschild mit der Inschrift: Mrs. Oldershaw angebracht war. Auf der andern Seite war die Thür des Privateingangs mit einer Klingel, unter der geschrieben stand: Geschäftlich und noch ein Messingschild welches anzeigte, daß diese Seite des Hauses von einem Arzte bewohnt werde, denn der Name auf demselben lautete: Doktor Downward. Haben jemals Ziegel und Mörtel gesprochen, so sagten Ziegel und Mörtel hier deutlich: »Wir haben drinnen unsere Geheimnisse und wollen sie für uns behalten.«

»Dies kann nicht das Haus sein«, sagte Allan. »Hier muß ein Irrthum obwalten.«

»Sie wissen es am besten, Sir«, versetzte Pedgift mit seiner sardonischen Gemessenheit. »Sie kennen Mrs. Mandeville’s Gewohnheiten.«

»Ich!« rief Allan »Sie werden es vielleicht mit Erstaunen hören, aber Mrs. Mandeville ist mir durchaus fremd.«

»Das überrascht mich nicht im geringsten, Sir; die Wirthin in Kingsdown-Crescent theilte mir mit, daß Mrs. Mandeville eine alte Frau sei. Ich denke, wir erkundigen uns«, setzte der unerschütterliche Pedgift hinzu, während er die rothen Vorhänge mit dem starken Argwohn betrachtete, Mrs. Mandeville’s Enkelin möge hinter denselben versteckt sein.

Zuerst ward die Ladenthür versucht. Sie war verschlossen. Man klingelte. Ein hageres und gelbliches junges Frauenzimmer, mit einem zerlesenen französischen Romane in der Hand, öffnete.

»Guten Morgen, Miß«, sagte der junge Pedgift. »Ist Mrs. Mandeville zu Hause?«

Das gelbe junge Frauenzimmer stierte ihn verwundert an. »Hier wohnt keine Person dieses Namens«, antwortete sie mit fremdem Accent.

»Man kennt sie vielleicht am Privateingange«, meinte Pedgift Junior.

»Kann sein«, sagte die gelbe Person und schlug ihm die Thür vor der Nase zu.

»Ein etwas reizbares junges Wesen das, Sir«, sagte Pedgift. »Ich wünsche Mrs. Mandeville Glück, daß sie nicht mit ihr bekannt ist.« Mit diesen Worten ging er Allan voran nach Doctor Downwards Seite des Hauses und klingelte.«

Diesmal ward die Thür von einem Manne in einer schäbigen Livree geöffnet. Auch er stierte, als Mrs. Mandeville’s Name genannt wurde, und auch er wußte von keiner solchen Person im Hause.

»Seht merkwürdig«, sagte Pedgift zu Allan.

»Was ist merkwürdig?« fragte ein leise austretender, leise sprechender Herr in Schwarz, der plötzlich aus der Schwelle der Stubenthür erschien.

Pedgift junior erklärte höflich, um was es sich handle, und bat um die Erlaubniß, fragen zu dürfen, ob er das Vergnügen habe, mit Doctor Downward zu sprechen.

Der Doctor verbeugte sich. Er war —— wenn man den Ausdruck verzeihen will —— einer von jenen sorgsam construirten Aerzten, in welche das Publikum —— namentlich das weibliche —— ein unbedingtes Zutrauen zu setzen pflegt. Er hatte den erforderlichen kahlen Kopf, die erforderliche doppelte Lorgnette, den erforderlichen schwarzen Anzug und das erforderliche freundliche Benehmen. Seine Stimme war einnehmend, sein Wesen ruhig und sein Lächeln vertraulich. Welchem besonderen Zweige seines Berufs Doctor Downward sich widmete, war auf dem Messingschilde nicht angegeben; war er aber kein Damenarzt, so hatte er seinen Beruf ganz verfehlt.

»Sind Sie ganz sicher, daß Sie sich nicht im Namen irren?« fragte der Doctor mit lauernder Besorgniß in seinem Wesen. »Ich habe sehr ernstliche Unannehmlichkeiten aus Irrthümern in Namen entstehen sehen. Also wirklich kein Versehen? In dem Falle, meine Herren, kann ich nur wiederholen, was mein Diener Ihnen bereits gesagt. Bitte, keine Entschuldigung. Guten Morgen.« Der Doctor verschwand ebenso geräuschlos wieder, wie er erschienen war; der Mann in der schäbigen Livree öffnete schweigend die Thür, und Allan und sein Gefährte sahen sich wieder auf der Straße.

»Mr. Armadale«, sagte Pedgift, »ich weiß nicht, was Sie fühlen. Ich fühle mich consternirt.«

»Das ist sehr fatal«, sagte Allan. »Eben wollte ich Sie fragen, was wir nun anfangen sollen.«

»Mir gefällt weder das Aussehen des Hauses, noch das der Ladenmamsell, noch das des Doctors«, fuhr der Andere fort. »Und dennoch kann ich nicht sagen, daß ich glaube, sie hintergehen uns; ich kann nicht sagen, daß ich glaube, sie kennen dennoch Mrs. Mandevilles Namen.«

Pedgift’s Eindrücke täuschten ihn selten, und auch diesmal hatten sie ihn nicht irre geleitet. Die Vorsicht, welche Mrs. Oldershaw zu ihrem spurlosen Verschwinden aus Bayswater bestimmt, war der Art, die sich meistens selbst beträgt. Dieselbe hatte sie bewogen, Niemand in Pimlico den Namen anzuvertrauen, unter dem sie Miß Gwilt empfohlen, ohne sie im geringsten auf die Eventualität vorzubereiten, welche nun wirklich eingetreten war. Mit einem Worte, Mrs. Oldershaw hatte für Alles ihre Maßregeln getroffen, nur, nicht für die rein undenkbare Möglichkeit einer späteren Erkundigung über Miß Gwilt’s Charakter.

»Irgend etwas muß geschehen«, sagte Allan; »es scheint mir nutzlos, hier noch länger zu warten.«

Noch Niemand hatte Pedgift’s Auskunftsmittel erschöpft gesehen, auch Allan sah ihn jetzt noch nicht am Ende derselben. »Ich bin ganz Ihrer Ansicht, Sir«, sagte er. »Wir müssen etwas thun. Wir wollen den Kutscher ins Kreuzverhör nehmen.«

Der Kutscher erwies sich unerschütterlich. Da man ihn beschuldigte, sich im