Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Zweiter Band - Sechstes Kapitel
 

Armadale



Sechstes Kapitel.

Allan stand am Morgen nach seiner ersten Nacht in Thorpe-Ambrose frühe auf und betrachtete mit einem gewissen Mißbehagen darüber, daß er sich in seinem eigenen Hause so fremd fühlte, den Theil seines neuen Besitzthums, den er durch das Fenster seiner Schlafstube erblicken konnte.

Das Schlafzimmer befand sich über der großen Eingangsthür mit ihrem Porticus, ihrer Terrasse und ihrer Stufenflucht, vor der im Hintergrunde der große dichte Park die Aussicht schloß. Der Morgennebel um schwebte leicht die fernen Bäume, und die Kühe weideten gesellig in der unmittelbaren Nähe des eisernen Stakets, das den Park von der Auffahrt zum Hause trennte. »Alles mein !« dachte Allan,«indem er seine Besitzungen verdutzt anstaunte. »Hol’ mich der Henker; das will mir nicht in den Kopf! Alles mein!«

Er kleidete sich an, verließ sein Zimmer und ging den Corridor entlang, der nach der Treppe und der großen Eingangshalle führte, wobei er im Vorüber- gehen der Reihe nach alle Thüren öffnete. Die Gemächer in diesem Theile des Hauses waren Schlafzimmer und Ankleidezimmer, hell, geräumig und vollständig meublirt; alle diese Räumlichkeiten waren unbenutzt, das Schlafzimmer neben Allan’s eigenem Schlafzimmer allein ausgenommen, welches Midwinter angewiesen worden war. Dieser schlief noch, als sein Freund zu ihm hineinschaute, da er bis spät in der Nacht gesessen hatte, um seinen Brief an Mr. Brock zu schreiben. Allan ging bis ans Ende des ersten Corridors, bog im rechten Winkel in einen zweiten ein und sah sich, nachdem er denselben durchschritten, an dem oberen Ende der großen Haupttreppe. »Nichts Romantisches hier«, sprach er bei sich, indem er die mit schönen Teppichen bedeckte bequeme steinerne Treppe hinabsah, die in die moderne helle Eingangshalle führte. »Es ist nichts in diesem Hause, was Midwinters unruhige Nerven zu stören geeignet wäre.« Auch war dort in der That nichts der Art zu sehen; Allan’s durchaus oberflächliche Beobachtung hatte ihn für diesmal wenigstens nicht irre geleitet. Das stattliche Herrenhaus von Thorpe-Ambrose, welches nach dem Abreißen des verfallenen alten Wohnhauses errichtet worden war, war kaum fünfzig Jahre alt. In keinem Theile desselben war irgendetwas Malerisches oder etwas, das im allermindesten an Geheimnisse und Romantik erinnerte, zu finden. Es war eben ein Landhaus in rein conventionellem Stil — das Product der classischen Idee in verständiger Weise durch den commerciellen englischen Geist hindurchfiltrirt. Von außen betrachtet bot dasselbe den Anblick einer modernen Fabrik, die sich bemüht, wie ein Tempel des Alterthums auszusehen; im Innern war es vom Souterrain bis zum Dache ein Wunder von reicher Bequemlichkeit. »Uebrigens ist es ganz recht so«, dachte Allan, indem er langsam und zufrieden die breite flachstufige Treppe hinunterging. »Zum Henker mit aller Heimlichkeit und Romantik! Laßt uns sauber sein und Bequemlichkeit haben, sage ich!«

In der Eingangshalle angelangt, stand der neue Herr von Thorpe-Ambrose still und schaute sich ringsum, in Ungewißheit, wohin er sich zunächst wenden solle. Die vier Empfangszimmer im Erdgeschoß, je zwei auf jeder Seite, öffneten sich nach der Eingangshalle. Allan versuchte aufs Gerathewohl die nächste Thür zu seiner Rechten und sah sich im besten Gesellschaftszimmer. Hier gewahrte er das erste Lebenszeichen unter der anziehendsten Gestalt des Lebens. Ein junges Mädchen war im alleinigen Besitz des Gesellschaftszimmers. Das Wischtuch in ihrer Hand schien darauf hinzudeuten, daß ihr die häuslichen Verrichtungen oblagen; in diesem Augenblicke aber gestattete sie den Ansprüchen der Natur den Vorrang vor den Verpflichtungen ihres Dienstes. Mit andern Worten —— sie betrachtete ihr eigenes Antlitz in dem Spiegel über dem Kamine.

»So, so, erschreckt nicht vor mir«, sagte Allan, als das Mädchen vor dem Spiegel zurückfuhr und ihn in unaussprechlicher Verwirrung anstarrte. »Ich bin ganz Eurer Ansicht, mein Kind: Euer Gesicht ist sehr wohl des Ansehens werth. Wer seid Ihr? —— Das Stubenmädchen —— gut! Und Ihr heißt? Susan, wie? Kommt! Euer Name gefällt mir schon. Wißt Ihr, wer ich bin, Susan? Ich bin Euer Herr, obgleich Ihr dies kaum glauben mögt. Euer Zeugniß? O, ja wohl! Mrs. Blanchard hat Euch ein vortreffliches Zeugniß gegeben. Ihr sollt bleiben; fürchtet nichts. Und Ihr werdet ein braves Mädchen sein, Susan, und hübsche Häubchen und saubere Schürzen und bunte Bänder tragen, und werdet hübsch aussehen und die Meubles abstäuben, wie?«

Nachdem er in dieser Weise die Pflichten eines Stubenmädchens zusammengefaßt, spazierte Allan wieder in die Eingangshalle hinaus und entdeckte hier fernere Lebenszeichen. Ein Bedienter erschien und verbeugte sich, wie es einem Vasallen in einer Leinwandjacke zukommt, vor seinem Herrn.

»Und wer mögt Ihr wohl sein?« frug Allan. »Doch nicht der Mann, der uns gestern Abend einließ? Ah, das dachte ich mir wohl. Der zweite Bediente, wie? Zeugniß? O, ja, vortreffliches Zeugniß. Versteht sich, Ihr bleibt. Könnt mich als Kammerdiener bedienen, wie? O, zum Kuckuck mit der Kammerdienerei! Ich kleide mich lieber allein an und bürste meine Kleider am liebsten selbst, und zwar wenn ich schon drin stecke; und wenn ich es nur verstünde, beim heiligen Georg, so möcht’ ich mir sogar die Stiefel selber putzen! Was ist dies für ein Zimmer? Wohnzimmer,y wie? Und dies natürlich das Eßzimmer Gerechter Himmel, welch eine Speisetafel! So lang wie meine Jacht, ja noch länger. Aber hört —— beiläufig —— wie heißt Ihr? Richard, wie? —— Nun Richard, das Schiff, in dem ich segle, habe ich selber gebaut. Was sagt Ihr dazu? Ihr seht mir gerade wie der rechte Mann aus, um mir an Bord als Steward zu dienen. Wenn Ihr auf dem Wasser nicht seekrank werdet —— o, Ihr werdet seekrank auf dem Wasser? Nun, dann wollen wir nicht weiter davon reden. Und welches Zimmer ist dies? Ah, ja wohl, das Bibliothekzimmer, versteht sich —— schlägt mehr in Mr. Midwinters Fach als in das meinige. Mr. Midwinter ist der Herr, der hier gestern Abend mit mir ankam; und laßt Euch’s gesagt sein, Richard, Ihr alle sollt ihm dieselbe Aufmerksamkeit wie mir erzeigen. Wo sind wir jetzt? Welche Thür ist diese hier hinten? Billardzimmer und Rauchzimmer wie? Das ist herrlich. Noch eine Thür! Und noch mehr Treppen? Wohin führt diese Treppe —— und wer kommt hier herauf? Lassen Sie sich Zeit, Madame; Sie sind nicht mehr ganz so jung wie ehedem —— lassen Sie sich Zeit!«

Diese humane Warnung galt einer corpulenten ältlichen Frau, welche Allan passender mit »Mutter« denn mit »Madame« angeredet hätte. Vierzehn Stufen waren alles, was sie vom Herrn des Hauses trennte; sie stieg dieselben mit vierzehnmaligem Stillstehen und vierzehn Seufzern hinan. Die Natur, die sich in allen Dingen so mannigfaltig zeigt, ist im weiblichen Geschlechte ganz besonders mannigfaltig. Es giebt Frauen, deren persönliche Eigenschaften an die Liebesgötter und die Grazien erinnern; und es giebt andere, deren persönliche Eigenschaften an Fetttöpfe erinnern. Die in Frage stehende war eine von den andern Frauen.

»Freut mich, Sie so wohl zu sehen, Madame«, sagte Allan, als die Köchin —— denn als solche offenbarte sie sich —— in der Majestät ihres Amtes vor ihm stand. »Sie heißen Gripper, wie? Ich betrachte Sie als die schätzbarste Person im ganzen Hause, Mrs. Gripper, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Niemand im Hause einen so herzhaften Appetit hat wie ich. Meine Befehle? O, nein, ich wünsche keine Befehle zu geben. Ich überlasse das alles Ihnen. Eine kräftige Suppe —— Fleisch, aus dem der Saft nicht heraus gebraten ist —— da haben Sie in zwei Worten meine Begriffe von einem guten Diner Aufgepaßt! Hier kommt noch Jemand. O, versteht sich —— der Kellerineister. Wir wollen den Wein im Keller von vorne an durchprobieren und uns bis zu Ende durch trinken, Herr Kellermeister; und wenn ich Euch dann noch keine gründliche Ansicht über denselben abzugeben im Stande bin, wollen wir wieder von vorn anfangen. Da wir vom Weine sprechen —— hollah! Hier kommen noch mehr Leute die Treppe herauf. Schon gut, schon gut! Bemüht Euch nicht. Ihr alle habt vortreffliche Zeugnisse und sollt alle bei mir bleiben. Was wollte ich soeben sagen? Etwas über den Wein; ganz recht. Ich will Euch etwas sagen, Herr Kellermeister; es kommt nicht alle Tage ein neuer Herr in Thorpe-Ambrose an, und es ist mein Wunsch, daß wir alle im besten Vernehmen mit einander anfangen: Laßt die Leute unten einen großartigen Schmaus haben, um meine Ankunft zu feiern; und gebt ihnen, was sie am liebsten haben, damit sie meine Gesundheit trinken. Ein Herz, das nimmer froh, ist zu beklagen, nicht wahr, Mrs. Gripper? Nein; ich will mir den Keller jetzt nicht ansehen; ich wünsche auszugehen und vor dem Frühstück ein wenig frische Lust zu athmen. Wo ist Richard? Sagt einmal, habe ich hier irgendwo einen Garten? Auf welcher Seite des Hauses? Auf dieser Seite, wie? Ihr braucht mich nicht herumzuführen. Ich will allein gehen, Richard, und mich womöglich auf meinem eigenen Besitzthum verirren.«

Mit diesen Worten ging Allan, fröhlich pfeifend, die Terrassenstufen vor dem Hause hinunter. Er hatte die ernste Pflicht, seine häuslichen Angelegenheiten zu ordnen, zu seiner eigenen völligen Zufriedenheit erfüllt. »Die Leute reden von der Schwierigkeit, mit ihrer Dienerschaft fertig zu werden«, dachte Allan. »Was in aller Welt wollen sie damit sagen? Ich finde dies durchaus nicht schwer.« Nachdem er durch ein zierliches Gitterthor eingetreten war, ging er, den Weisungen des Bedienten folgend, in das Gebüsch hinein, hinter dem die Gärten von Thorpe-Ambrose gelegen waren. »Ein hübscher schattiger Ort, um eine Cigarre zu rauchen«, sagte Allan, wie er, die Hände. in den Taschen, daher schlenderte. »Ich wollte, ich könnte es mir in den Kopf hinein trommeln, daß dies alles wirklich mir gehört.«

Das Gebüsch öffnete sich auf einen großen Blumengarten, der in der hellen Morgensonne funkelnd in seiner Sommerpracht dalag. Auf der einen Seite führte ein Bogengang, der durch eine Mauer gebrochen war, nach dem Obstgarten; auf der andern gelangte man vermittelst einer Rasenterrasse aus einen niedrigeren Platz, der wie ein italienischer Garten angelegt war. An den Springbrunnen und Statuen vorübergehend, erreichte Allan abermals ein Gebüsch, das dem Anscheine nach in einen entlegenen Theil der Anlagen auslief. Bis hierher hatte sich nirgendwo ein menschliches Wesen sehen oder hören lassen; doch als er am Ende des zweiten Gebüsches anlangte, war es ihm, als ob er etwas höre. Er stand still und lauschte Es waren zwei deutlich vernehmbare Stimmen —— eine ältere, die sehr halsstarrig, und eine jugendliche, die sehr aufgebracht klang.

»Es nützt nichts, Miß«, sagte die erstere Stimme. »Ich darf es nicht erlauben und will es nicht erlauben. Was würde wohl Mr. Armadale dazu sagen?«

»Wenn Mr. Armadale der Gentleman ist, für den ich ihn halte, Ihr altes Ungeheuer«, erwiderte die jugendliche Stimme, »so würde er sagen: »Kommen Sie in meinen Garten, so oft es Ihnen beliebt, Miß Milroy, und pflücken Sie so viele Sträuße, wie es Ihnen gefällt.«

Allan’s klare blaue Augen funkelten muthwillig. Durch einen plötzlichen Einfall angespornt, schlich er leise nach dem Ende des Gebüsches, schoß um die Ecke, sprang über ein niedriges Staket und befand sich in einem zierlichen kleinen Gehege, durch das sich ein Kiespfad hinzog. In kurzer Entfernung erblickte er auf diesem Pfade eine junge Dame, die ihm den Rücken zuwandte und sich an einem alten Manne vorbeizudrängen versuchte, der sich ihr, mit dem Rechen in der Hand, hartnäckig und kopfschüttelnd in den Weg stellte.

»Kommen Sie in meinen Garten, so oft es Ihnen beliebt, Miß Milroy, und pflücken Sie so viele Sträuße, wie es Ihnen gefällt«, rief Allan, ihre Worte wiederholend.

Die junge Dame wandte sich mit einem hellen Aufschrei zu ihm um; ihr Musselinröckchen das sie vor sich emporhielt, entglitt ihrer Hand, und aus demselben stürzte ein ganzer Schoß voll Blumen auf den Kiespfad.

Ehe noch ein Wort weiter gesagt werden konnte, trat der unerschütterliche alte Mann vor und ging mit der größten Gelassenheit auf den Gegenstand seines eigenen persönlichen Interesses ein, wie wenn durchaus gar nichts vorgefallen und außer ihm und seinem neuen Herrn Niemand zugegen gewesen wäre.

»Ich heiße Sie bescheidentlich in Thorpe-Ambrose willkommen, Sir«, sagte der Alte. »Ich heiße Abraham Sage und bin seit mehr als vierzig Jahren in diesen Anlagen angestellt gewesen; ich hoffe, daß Sie die Güte haben werden, mir meine Stelle zu lassen.«

Mit diesen Worten, nur sein eigenes Interesse verfolgend, redete der Gärtner seinen neuen Herrn an —— und sprach vergebens. Allan lag auf dem Kiespfade auf den Knieen, um die gefallenen Blumen aufzusammeln, und empfing seine ersten Eindrücke von Miß Milroy. Sie war hübsch und auch wieder nicht hübsch; sie bezauberte, sie enttäuschte, sie bezauberte abermals. Nach dem gewöhnlichen Maßstabe für weibliche Schönheit war sie zu klein und zu entwickelt für ihr Alter. Und dennoch würden wenige Männer ihre Gestalt anders gewünscht haben als sie war. Ihre kleinen Hände waren so hübsch gerundet und hatten so niedliche Grübchen, daß es schwer war, zu bemerken, wie roth sie seien vor Uebermaß gesegneter Jugend und Gesundheit. Ihre Füße waren eine zierliche Entschuldigung für ihre alten schlecht sitzenden Schuhe, und der Anblick ihrer Schultern entschädigte für das Musselingewand, das dieselben zu bedecken bestimmt war. Ihre dunkelgrauen Augen bezauberten durch die klare Weichheit der Farbe, durch ihre Lebhaftigkeit, Zärtlichkeit und die sanfte Gutherzigkeit des Ausdrucks; ihr Haar war, soweit ein abgetragener alter Gartenhut dasselbe sichtbar werden ließ, gerade von derjenigen helleren Schattierung von Braun, die durch den Contrast den Werth der dunkleren Schönheit ihrer Augen erhöhte. Nach diesen Reizen aber fingen die dieselben begleitenden kleinen Fehler und Unvollkommenheiten dieses sich selbst widersprechenden Mädchens wieder an. Ihre Nase war zu kurz, ihr Mund zu groß, ihr Gesicht zu rund und zu rosig. Die grausige Gerechtigkeit der Photographie würde kein Erbarmen mit ihr gehabt und die Bildhauer des alten Griechenland würden sie mit Bedauern aus ihrem Atelier herauscomplimentirt haben. Allein, alles dies zugegeben, war der Gürtel, der Miß Milroy’s Taille umschlang, dennoch ein Venus-Gürtel, und Allan hatte sich bereits in sie verliebt, ehe noch die zweite Handvoll Blumen aufgesammelt war.

»O, thun Sie das nicht, bitte, Mr. Armadale, thun Sie das nicht!« sagte sie, die Blumen unter Protest entgegennehmend, wie Allan dieselben in den Schoß ihres Kleides zurückwarf. »Ich bin so beschämt! Ich beabsichtigte gar nicht, mich in dieser dreisten Weise in Ihren Garten einzuladen; meine Zunge ging mit mir durch —— glauben Sie es mir! Was kann ich nur zu meiner Entschuldigung sagen? O, Mr. Armadale, was müssen Sie nur von mir denken!«

Allan sah plötzlich eine Gelegenheit zu einem Compliment und warf ihr dasselbe sofort mit der dritten Handvoll Blumen zu.

»Das will ich Ihnen gleich sagen, Miß Milroy«, antwortete er in seiner offenen knabenhaften Weise. »Ich denke, daß der glücklichste Spaziergang, den ich in meinem ganzen Leben gemacht habe, derjenige ist, der mich heute Morgen hierher führte.«

Er sah dabei lebhaft und schön aus. Er redete nicht zu einem Weibe, das von Bewunderung übersättigt war, sondern zu einem Mädchen, das eben erst sein Frauenleben begann —— und es that ihm jedenfalls keinen Abbruch, daß er in der Rolle des Herrn von Thorpe-Ambrose sprach. Der reumüthige Ausdruck schwand allmählig aus Miß Milroy’s Gesichte; sie blickte bescheiden und lächelnd auf die Blumen in ihrem Schoße.

»Ich verdiene tüchtig ausgezankt zu werden«, sagte sie. »Ich verdiene keine Complimente Mr. Armadale, am allerwenigsten von Ihnen.«

»O, doch!« rief der ungestüme Allan, indem er behende aufsprang. »Und übrigens ist es kein Compliment; es ist wahr. Sie sind das hübscheste —— ich bitte um Vergebung, Miß Milroy! Diesmal ging meine Zunge mit mir durch.«

Nichts fällt wohl der weiblichen Natur im Alter von sechzehn Jahren schwerer, als ernst zu sein. Miß Milroy kämpfte mit sich —— kicherte —— kämpfte abermals —— und bezwang sich dann für den Augenblick.

Der Gärtner, der noch immer regungslos an derselben Stelle stand und auf die nächste passende Gelegenheit wartete, erblickte dieselbe jetzt und schob sanft sein persönliches Interesse in die erste Spalte des Schweigens, die sich für ihn geöffnet, seit Allan auf dem Schauplatze erschienen war.

»Ich heiße Sie bescheidentlich in Thorpe-Ambrose willkommen, Sir«, sagte Abraham Sage, hartnäckig seine kleine Vorstellungsrede noch einmal anfangend. »Ich heiße ——«

Ehe er noch seinen Namen aussprechen konnte, blickte Miß Milroy zufällig in das halsstarrige Gesicht des Gartenkünstlers —— und verlor augenblicklich und unwiderruflich alle Macht über ihren schwer errungenen Ernst. Allan, niemals abgeneigt, jeder Art von geräuschvollem Beispiele zu folgen, stimmte mit großem Behagen in ihr Gelächter ein. Der weise Mann der Gärten verrieth weder Erstaunen, noch zeigte er sich gekränkt. Er wartete einen abermaligen Augenblick des Schweigens ab und suchte denselben, als die beiden jungen Leute innehielten, um Athem zu schöpfen, wiederum mit einigen Worten zu Gunsten seiner persönlichen Interessen auszufüllen.

»Ich bin seit mehr als vierzig Jahren«, fuhr Abraham Sage unerschütterlich fort, »in diesen Anlagen ——«

»Ihr sollt noch vierzig Jahre in diesen Anlagen beschäftigt bleiben«, erwiderte Allan, sobald er zu sprechen im Stande war, »wenn Ihr nur den Mund halten und Eurer Wege gehn wollt!«

»Danke Ihnen bestens, Sir«, sagte der Gärtner mit der äußersten Höflichkeit, doch ohne irgendein Anzeichen, daß er den Mund halten und seiner Wege gehen wolle.

»Nun?« sagte Allan.

Abraham Sage räusperte sich sorgfältig, nahm seinen Rechen aus der einen Hand in die andere, und indem er dieses unschätzbare Werkzeug mit ernstem Interesse und großer Aufmerksamkeit betrachtete, wandte sich dieser unerschütterliche Alte abermals an Allan: »Ich wünsche bei einer passenderen Gelegenheit einmal von meinem Sohne achtungsvollst zu Ihnen zu reden, Sir. Es wird Ihnen vielleicht im Laufe des Tages gelegener sein? Ihr ergebenster Diener, Sir, und meinen besten Dank. Mein Sohn ist streng mäßig. Er ist an den Stall gewöhnt und ein Mitglied der anglicanischen Kirche —— ohne eine belästigende Familie.« Nachdem Abraham Sage in dieser Weise seinen Sohn provisorisch der Achtung seines Herrn empfohlen, schulterte er seinen unschätzbaren Rechen und humpelte langsam von dannen.

»Wenn dies eine Probe von einem zuverlässigen alten Diener ist«, sagte Allan, »so denke ich, daß ich es lieber wagen will, mich von einem neuen betrügen zu lassen. Jedenfalls, Miß Milroy, sollen Sie nicht wieder von ihm belästigt werden. Alle Blumenbeete in diesen Gärten stehen Ihnen zu Diensten —— und alles Obst in der Obstzeit ebenfalls.

»O, Mr. Armadale, Sie sind sehr, sehr gütig. Wie soll ich Ihnen danken?«

Allan sah abermals eine Gelegenheit zu einem Complimente —— einem sehr zierlichen Complimente —— diesmal in Gestalt einer Schlinge.

»Sie können mir die größte Gefälligkeit erweisen«, sagte er, »indem Sie mir zur Verschönerung meiner Anlagen behilflich sind.«

»Mein Himmel! Wie das?« frug Miß Milroy unschuldig.

Allan zog die Schlinge fest zu, indem er sagte: »Indem Sie mich auf Ihrem Morgenspaziergange mitnehmen, Miß Milroy.« Er sprach —— lächelte — und bot seinen Arm.

Sie sah ihrerseits die Gelegenheit zum Coquettiren. Sie legte ihre Hand in seinen Arm —— erröthete —— zögerte —— und zog dieselbe plötzlich wieder zurück.

»Ich glaube nicht, daß es ganz recht ist, Mr. Armadale«, sagte sie, sich mit der größten Aufmerksamkeit mit ihren Blumen beschäftigend. »Sollten wir nicht irgendeine ältere Dame hier bei uns haben? Ist es nicht unpassend für mich, Ihren Arm anzunehmen, bis ich Sie ein wenig besser kenne? Ich bin dies zu fragen genöthigt, weil ich so wenig Anweisung gehabt habe. Ich habe so wenig von der Gesellschaft gesehen; ein Freund meines Papas sagte einmal, ich sei zu dreist für mein Alter. Was meinen Sie?«

»Ich denke, es ist ein Glück, daß der Freund Ihres Papas jetzt nicht hier ist«, antwortete Allan; »ich würde jedenfalls Streit mit ihm anfangen. Was die Gesellschaft betrifft, Miß Milroy, so weiß Niemand weniger von derselben als ich; doch wenn wir hier eine ältere Dame bei uns hätten, so muß ich meinestheils gestehen, daß sie mir außerordentlich im Wege sein würde. Wollen Sie nicht?« schloß Allan, indem er bittend nochmals seinen Arm anbot. »Bitte!«

Miß Milroy blickte seitwärts von ihren Blumen zu ihm hinauf. »Sie sind ebenso schlimm wie der Gärtner, Mr. Armadale!« Unschlüssig und fast zitternd ließ sie ihre Augen wieder zu Boden sinken. »Ich bin überzeugt, daß es unrecht ist«, sagte sie —— und nahm unverzüglich und ohne das geringste Zögern seinen Arm.

Jung, froh und glücklich, schritten sie zusammen über den Rasen des Geheges, während der helle Sonnenschein des Sommermorgens auf ihren blumigen Pfad fiel.

»Und wohin gehn wir jetzt?« frug Allan. »Nach einem andern Garten?«

Sie lachte fröhlich. »Wie außerordentlich sonderbar von Ihnen, Mr. Armadale, dies nicht zu wissen, da es doch alles Ihnen gehört! Sehen Sie Thorpe-Ambrose wirklich heute Morgen zum ersten Male? Wie unbeschreiblich seltsam dies Ihnen erscheinen muß! Nein, nein, machen Sie mir für jetzt keine Complimente mehr. Sie könnten mir sonst den Kopf verdrehen. Wir haben die alte Dame nicht bei uns, und ich muß mich wirklich in Acht nehmen. Lassen Sie mich nützlich sein und Ihnen alles über Ihre eigenen Anlagen erzählen. Wir gehen zu jenem kleinen Pförtchen hinaus, und dann über eine Naturbrücke, und dann um die Ecke der Baumanlagen —— wohin wohl? Dorthin, wo ich wohne, Mr. Armadale; nach dem reizenden kleinen Häuschen, das Sie dem Papa vermiethet haben. O, wenn Sie wüßten, wie glücklich wir uns schätzten, die Wohnung zu bekommen!«

Sie schwieg, sah zu ihrem Gefährten auf und hielt dadurch ein abermaliges Compliment zurück, das dem unverbesserlichen Allan eben auf den Lippen schwebte.

»Ich werde Ihren Arm loslassen, wenn Sie es sagen!« rief sie coquettirend. »Aber wir waren wirklich glücklich, das Häuschen zu erlangen, Mr. Armadale. Der Papa sagte an dem Tage, da wir einzogen, daß wir Ihnen große Dankbarkeit schuldig seien. Und ich sagte noch vor einer Woche dasselbe.«

»Sie, Miß Milroy!« rief Allan aus.

»Ja. Es überrascht Sie vielleicht, dies zu hören; aber wenn Sie dem Papa nicht dies Häuschen vermiethet hätten, so glaube ich, hätte ich die Schmach und den Jammer zu erleiden gehabt, daß man mich in die Schule sandte.«

Allan erinnerte sich des halben Kronthalers, den er auf dem Kajütentische seiner Jacht hatte kreiseln lassen. »Wenn sie wüßte, daß ich gewissermaßen das Loos darüber entscheiden ließ!« dachte er schuldbewußt.

Das momentane Schweigen ihres Gefährten mißdeutend, fuhr Miß Milroy fort: »Sie werden wahrscheinlich nicht begreifen, warum mir so sehr davor grausen sollte, in eine Schule geschickt zu werden. Wäre ich in früher Jugend —— ich meine in dem Alter, in —— dem die meisten Kinder in die Schule gehen —— nach einer Schule gesandt worden, so würde ich mir jetzt nichts daraus gemacht haben. Aber ich hatte zu jener Zeit keine Gelegenheit dazu. Es war dies die Zeit der Krankheit meiner Mama und der unglücklichen Speculationen meines Papas; und da der Papa Niemand hatte, der ihn trösten konnte, blieb ich natürlich bei ihm zu Hause. Sie brauchen nicht zu lachen; ich war von einigem Nutzen, das kann ich Ihnen versichern. Ich half dem Papa durch seine Sorgen hindurch, indem ich nach Tische auf seinem Schoße saß und ihn bat, mir von all den außerordentlichen Leuten zu erzählen, die er gekannt, als er in der weiten Welt umhergereist. Ohne meine Unterhaltung des Abends und seine Uhr am Tage ——«

»Seine Uhr?« wiederholte Allan.

»Ja! Ich hätte es Ihnen sagen sollen. Der Papa ist nämlich ein erstaunliches Genie in der Mechanik. Sie werden dasselbe sagen, wenn Sie seine große Stehuhr sehen. Sie ist nach dem Modell der berühmten Uhr zu Straßburg gebaut, ohne natürlich deren Größe zu erreichen. Denken Sie nur, er fing dieselbe an, als ich acht Jahre alt war, und sie war an meinem letzten Geburtstage, wo ich doch sechzehn ward, noch nicht vollendet! Einige unserer Bekannten waren ganz erstaunt darüber, daß er eine solche Beschäftigung aufnahm, als seine Sorgen anfingen. Aber der Papa klärte sie hierüber sehr schnell auf; er erinnerte sie daran, das Louis der Sechzehnte die Uhrmacherei anfing, als seine Leiden begannen —— und dann fühlte sich jeder völlig zufriedengestellt.« Sie schwieg plötzlich und wechselte verlegen die Farbe. »O, Mr. Armadale«, sagte sie diesmal in ungekünstelter Verwirrung, »hier geht meine unglückselige Zunge schon wieder mit mir durch! Ich plaudere schon mit Ihnen, wie wenn ich Sie seit Jahren gekannt hätte! Dies ist es, was Papas Freund meinte, als er sagte, meine Manieren seien zu dreist. Es ist vollkommen war. Ich habe eine schreckliche Art und Weise, vertraut mit den Leuten zu werden, wenn ——« Sie legte ihrer Zunge plötzlich den Zaum an, da sie auf dem Punkte war, mit den Worten zu schließen: »Wenn sie mir gefallen.«

»Nein, nein; bitte, fuhren Sie fort!« bat Allan. »Es ist auch mein Fehler, leicht vertraut zu werden. Ueberdies müssen wir ja vertraut mit einander werden; wir sind so nahe Nachbarn. Ich bin ein ziemlich uncultivirter Bursche, und ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll, was ich Ihnen sagen wollte; aber ich wünsche, daß Ihr Häuschen gemüthlich und freundschaftlich mit meinem großen Hause, und mein großes Haus gemüthlich und freundschaftlich mit Ihrem Häuschen verkehrt. Da haben Sie, was ich meine. Fahren Sie fort, Miß Milroy; bitte, fahren Sie fort!«

Sie lächelte und zögerte. »Ich erinnere mich nicht recht, wo ich war«, erwiderte sie. »O, jetzt erinnere ich mich, daß ich Ihnen etwas zu erzählen hatte. Dies kommt davon, daß ich Ihren Arm an nahm, Mr. Armadale. Wenn Sie nur darein willigen wollten, daß wir getrennt gingen, so würde ich viel besser von der Stelle kommen. Sie wollen es nicht? Nun, wollen Sie mir dann sagen, was ich Ihnen zu sagen wünschte? Wo war ich, ehe ich zu den Sorgen des Papas und zu seiner Uhr abschweifte?«

»In der Schule!« erwiderte Allan nach einer erstaunlichen Anstrengung des Gedächtnisses.

»Nicht in der Schule, meinen Sie«, sagte Miß Milroy; »und dies alles durch Sie! Jetzt kann ich wieder fortfahren, und das ist ein großer Trost. Ich spreche völlig im Ernste, Mr. Armadale, wenn ich sage, daß ich zur Schule geschickt worden wäre, falls Sie zu Papas Anfrage wegen des Häuschens Nein gesagt hätten. Die Sache ereignete sich folgendermaßen. Als wir einzuziehen anfingen, hatte Mrs. Blanchard die große Freundlichkeit, uns sagen zu lassen, daß uns ihre Dienerschaft zur Verfügung stehe, wenn wir der Hilfe bedürften. Papa und ich konnten hierauf nicht umhin, ihr unsere Aufwartung zu machen und ihr zu danken. Wir sahen Mrs. Blanchard und Miß Blanchard. Mrs. Blanchard war außerordentlich liebenswürdig, und Miß sah in ihren Trauerkleidern reizend aus. Ich bin überzeugt, daß Sie sie bewundern! Sie ist groß und schlank und blaß und anmuthig in ihren Manieren —— ganz Ihre Vorstellung von Schönheit, wie ich mir denke?«

»Nicht im geringsten«, versetzte Allan. »Meine Vorstellung von Schönheit ist in diesem Augenblicke ——«

Miß Milroy sah es kommen und zog augenblicklich ihre Hand von seinem Arme zurück.

»Ich wollte sagen, ich habe weder Mrs. Blanchard noch ihre Nichte je gesehen«, fügte Allan, sich eiligst verbessernd, hinzu.

Miß Milroy ließ Gnade für Recht ergehen und legte ihre Hand wieder in seinen Arm.

»Wie sonderbar, daß Sie sie nie gesehen haben!« fuhr sie fort. »Sie sind für alle und alles in Thorpe-Ambrose ein Fremder! Nun, nachdem Miß Blanchard und ich ein Weilchen dagesessen und mit einander geplaudert hatten, hörte ich Mrs. Blanchard meinen Namen aussprechen und hielt sofort den Athem an. Sie frug den Papa, ob meine Erziehung vollendet sei. Der Papa kam augenblicklich mit seiner großen Noth zum Vorschein. Meine alte Erzieherin, müssen Sie wissen, hatte uns kurz vor unserm Hierherkommen verlassen, um sich zu verheirathen, und es konnte uns Niemand unter unsern Bekannten eine neue empfehlen, deren Forderungen nicht zu hoch für uns waren. »Ich habe von Leuten, die die Sache besser verstehen als ich, gehört, daß das Annoncieren eine riskante Sache sei, Mrs. Blanchard«, sagte der Papa. »Bei Mrs. Milroy’s schlechter Gesundheit fällt diese ganze Sorge mir anheim, und ich vermuthe, ich werde mein kleines Mädchen schließlich in eine Schule zu senden genöthigt sein. Ist Ihnen zufällig eine Schule bekannt, die den Mitteln eines armen Mannes entsprechen würde?« Mrs. Blanchard schüttelte den Kopf —— ich hätte sie auf der Stelle küssen mögen. »Meine Erfahrungen, Major Milroy«, sagte dieser wahre Engel von einer Frau, »stimmen mich zu Gunsten des Annoncierens. Wir fanden die Erzieherin meiner Nichte durch eine Annonce, und Sie können sich ihren Werth für uns vorstellen, wenn ich Ihnen sage, daß sie über zehn Jahre in unserer Familie blieb.« Ich hätte auf die Knie sinken und Mrs, Blanchard danken mögen —— und es nimmt mich blos Wunder, daß ich es nicht that! Der Papa war frappiert —— das sah ich sehr wohl —— und er erwähnte der Sache auf dem Heimwege. »Obgleich ich lange außerhalb der großen Welt gelebt habe«, sagte er, »erkenne ich doch eine feine Frau und eine verständige Frau, sowie ich sie nur sehe, mein Kind. Mrs. Blanchard’s Erfahrung läßt mich das Annoncieren in einem neuen Lichte erblicken —— ich muß mirs überlegen.« Nunmehr hat er sich es überlegt, und ich weiß, obgleich er es mir nicht offen bekannt, daß er schon gestern Abend den Entschluß gefaßt hat, zu annoncieren. Wenn also der Papa Ihnen dafür dankt, daß Sie ihm das Häuschen vermiethet haben, so danke ich Ihnen ebenfalls. Ohne Sie würden wir nie die Bekanntschaft der lieben Mrs. Blanchard gemacht haben; und ohne die liebe Mrs. Blanchard wäre ich in die Schule geschickt worden.«

Ehe Allan noch etwas erwidern konnte, kamen sie um die Ecke der Baumanlagen und standen vor dem Häuschen. Eine Schilderung desselben ist unnöthig; es war das typische Häuschen, wie wir es aus unserm ersten Zeichenunterricht kennen —— mit dem hübschen Strohdach, den üppigen Schlinggewächsen, den bescheidenen Gitterfenstern, dem Porticus von Baumästen und dem geflochtenen Vogelkäfig.

»Ist es nicht reizend!« sagte Miß Milroy. »Bitte, kommen Sie herein!«

»Darf ich? Wird der Major es nicht zu früh finden?«

»Ob es früh oder spät sei, ich weiß gewiß, daß der Papa sich sehr freuen wird, Sie zu sehen.«

Sie ging munter auf dem Gartenpfade voran und öffnete die Thür des Wohnzimmers. Wie Allan ihr in das kleine Zimmer folgte, sah er an der abgelegenen Seite desselben allein an einem altmodischen Schreibtische einen Herrn sitzen, der seinem Gaste den Rücken zuwandte.

»Papa! Eine Ueberraschung für Dich!« sagte Miß Milroy, ihn von seiner Beschäftigung abziehend; »Mr. Armadale ist in Thorpe-Ambrose angelangt, und ich habe ihn zu Dir gebracht.«

Der Major wandte sich schnell und erstaunt um, stand auf, war einen Augenblick völlig verblüfft, erholte sich jedoch augenblicklich von seinem Erstaunen und näherte sich mit gastfreundlich ausgestreckter Hand, um seinen jungen Hauswirth zu begrüßen.

Ein Mann von größerer Welterfahrung und schärferer Beobachtungsgabe, als Allan besaß, würde Major Milroy’s Lebensgeschichte sofort in dessen Gesichte gelesen haben. Die Familiensorgen, die ihn getroffen, verriethen sich sogleich, als er sich von seinem Sessel erhob, in seiner gebeugten Gestalt und seinen bleichen, tiefgefurchten Wangen. Die Wirkung einer und derselben einförmigen Beschäftigung und fortwährender einförmiger Gedankenrichtung machte sich zunächst in der schweren, träumerischen Selbstversunkenheit seines Wesens fühlbar, während seine Tochter zu ihm sprach. Und im nächsten Augenblicke, wie er sich aufraffte, um seinen Gast willkommen zu heißen, ward seine Selbstoffenbarung vollständig; denn in diesem Augenblicke flackerte in den müden Augen des Majors ein matter Strahl seines glücklichen Jugendgeistes auf; in dem schweren und träumerischen Wesen des Majors zeigte sich eine Veränderung, die in unverkennbarer Weise gesellschaftliche Vorzüge und Talente andeutete, die er sich in keiner unedlen socialen Schule angeeignet hatte. Ein Mann, der in seiner mechanischen Beschäftigung eine geduldige Zuflucht vor seinen Leiden gesucht; ein Mann, der nur von Zeit zu Zeit sich selber entrissen ward und sich wieder als das erkannte, was er einst gewesen —— so stand Major Milroy jetzt, an dem ersten Morgen ihrer Bekanntschaft vor Allan —— eine Bekanntschaft, die ein Ereigniß in Allan’s Leben zu bilden bestimmt war.

»Ich freue mich von Herzen, Sie zu sehen, Mr. Armadale«, sagte er in jenem ruhigen klanglosen Tone, der meistens den Leuten eigen ist, deren Beschäftigungen einsam und einförmig sind. »Sie haben mir bereits eine große Güte erzeigt, indem Sie mich als Ihren Miethsmann annahmen, und Sie erweisen mir jetzt durch diesen freundschaftlichen Besuch eine zweite. Falls Sie nicht bereits gefrühstückt haben, gestatten Sie mir, meinerseits alle Ceremonien bei Seite zu lassen und Ihnen einen Platz an unserm kleinen Tische anzubieten.«

»Mit dem größten Vergnügen, Major Milroy, wenn ich nicht im Wege bin«, erwiderte Allan, über den ihm zu Theil werdenden Empfang entzückt. »Ich habe mit Bedauern von Miß Milroy gehört, daß Mrs. Milroy leidend ist. Mein unerwartetes Hiersein —— der Anblick eines fremden Gesichts dürfte sie vielleicht ——«

»Ich begreife Ihr Zögern, Mr. Armadale«, sagte der Major; »doch ist dasselbe ganz unnöthig Mrs. Milroy’s Leiden fesselt sie durchaus an ihr Zimmer. —— Haben wir alles auf dem Tische, dessen wir bedürfen, mein Kind?« frug er, plötzlich der Unterhaltung eine andere Wendung gebend, sodaß ein schärferer Beobachter als Allan unfehlbar gemerkt haben würde, daß der Gegenstand ein unangenehmer für ihn sei. »Willst Du herkommen und den Thee besorgen?«

Miß Milroy’s Aufmerksamkeit schien anderweitig in Anspruch genommen; sie gab keine Antwort. Während ihr Vater und Allan Höflichkeiten mit einander ausgetauscht, hatte sie den Schreibtisch geordnet und mit der ungezügelten Neugier eines verzogenen Kindes die verschiedenen zerstreut auf demselben umherliegenden Papiere untersucht. In dem Augenblicke, nachdem der Major zu ihr gesprochen, entdeckte sie, zwischen den Löschpapierblättern der Schreibmappe versteckt, ein Stückchen Papier, riß dasselbe heraus, betrachtete es und wandte sich schnell mit einem Ausrufe der Ueberraschung um.

»Täuschen mich meine Augen, Papa?« frug sie. »Oder warst Du wirklich mit dieser Annonce hier beschäftigt, als ich hereinkam?«

»Ich hatte dieselbe soeben geschrieben«, antwortete der Vater. »Aber, mein Kind, Mr. Armadale ist hier —— wir warten auf’s Frühstück.«

»Mr. Armadale weiß die ganze Geschichte«, erwiderte Miß Milroy. »Ich habe sie ihm im Garten erzählt.«

»O, ja!« sagte Allan. »Bitte, betrachten Sie mich nicht als einen Fremden, Major! Es handelt sich um die Erzieherin, ich habe in einer indirecten Weise ebenfalls etwas mit der Sache zu schaffen.«

Major Milroy lächelte. Doch ehe er noch etwas entgegnen konnte, wandte seine Tochter, die inzwischen die Annonce gelesen, sich zum zweiten Male eifrig zu ihm.

»O, Papa«, sagte sie, »hier ist etwas, das mir gar nicht gefällt! Warum gibst Du die Anfangsbuchstaben der Großmama an? Warum sagst Du, man solle an das Haus der Großmama in London adressieren?«

»Mein liebes Kind! Deine Mutter kann in dieser Sache gar nichts thun, wie Du weißt. Und was mich betrifft, so tauge ich nicht im geringsten dazu, fremde Damen über ihren Charakter und ihre Befähigung auszuforschen. Deine Großmama ist am Orte; sie ist die geeignete Person, um die Briefe entgegenzunehmen und alle nothwendigen Erkundigungen einzuziehen.«

»Aber ich wünsche die Briefe selbst zu sehen«, sagte das verzogene Kind. »Einige derselben werden sicherlich sehr amüsant sein ——«

»Ich mache Ihnen keine Entschuldigungen wegen dieses außerordentlich unceremoniösen Empfangs Mr. Armadale«, sagte der Major mit drolligem und ruhigem Humor zu Allan. »Derselbe mag Ihnen als eine nützliche Warnung dienen, daß Sie, wenn Sie sich einmal verheirathen und eine Tochter haben, nicht gleich mir damit anfangen, derselben ihren Willen zu lassen.«

Allan lachte und Miß Milroy fuhr hartnäckig fort.

»Ueberdies«, sagte sie, »möchte ich in der Wahl der Briefe behilflich sein, die wir beantworten wollen, Ich denke doch, daß ich in der Wahl meiner eigenen Erzieherin ein Wort mitzureden habe. Warum sagst Du nicht, daß sie die Briefe hierher senden sollen —— nach dem Postamte oder zum Papierhändler oder wohin Du sonst willst? Nachdem Du und ich die Briefe gelesen haben, können wir diejenigen, die wir vorziehen, der Großmama zusenden, und sie kann dann alle ihre Fragen thun und die beste Gouvernante aussuchen, ohne daß ich ganz im Dunkeln darüber bleibe —— was ich ganz unmenschlich finden würde. Sie nicht auch, Mr. Armadale? Laß mich die Adresse ändern, Papa —— bitte, lieber Papa!«

»Wir werden kein Frühstück erhalten, Mr. Armadale, wenn ich nicht Ja sage«, meinte der Major gutmüthig. »Thue was Du willst, mein Kind«, fügte er zu seiner Tochter gewendet hinzu. »Solange schließlich Deine Großmama die Sache für uns ordnet, ist alles Uebrige von geringer Bedeutung.«

Miß Milroy nahm die Feder ihres Vaters, strich mit derselben die letzte Zeile der Annonce durch und schrieb die veränderte Adresse mit eigener Hand folgendermaßen:

»Man adressiere an das Postamt zu Thorpe-Ambrose, Norfolk.«

»So!« sagte sie, geschäftig ihren Platz am Frühstücksstische einnehmend. »Jetzt mag die Annonce nach London wandern, und falls eine Gouvernante danach kommt —— o, Papa, wer wird sie nur sein? —— Thee oder Kaffee Mr. Armadale? Ich schäme mich wirklich, daß ich Sie so lange warten ließ. Aber es ist ein solcher Trost«, fügte sie schelmisch hinzu, »sich vor dem Frühstück alle Geschäfte vom Halse geschafft zu haben !«

Vater, Tochter und Gast setzten sich gesellig um den kleinen runden Tisch —— bereits die besten Nachbarn und die besten Freunde.

Drei Tage später schaffte einer der Londoner Zeitungsjungen sich ebenfalls vor dem Frühstück sein Geschäft vom Halse. Sein Bezirk war Diana-Street, Pimliw; und die letzte seiner Morgenzeitungen war die, welche er an der Thür von Miss. Oldershaw’s Hause abgab.


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