Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Dritter Band - Erstes Kapitel
 

Armadale



Erstes Kapitel.

Von Mrs. Oldershaw (Diana Street, Pimlico)
an Miß Gwilt (West Place Alt Brompton).
»Modenmagazin,

den 20. Juni Abends 8 Uhr.

»Meine liebe Lydia!

Es sind, wenn ich nicht irre, etwa drei Stunden vergangen, seit ich Dich ohne große Ceremonie in mein Haus in West Place hineinstieß und nachdem ich Dir blos gesagt, zu warten, bis Du mich wiedersehen würdest, die Thür zwischen uns zuschlug und Dich im Flur allein stehen ließ. Ich kenne Deine empfindliche Natur und fürchte, Du müssest nachgerade zu der Ansicht gelangt sein, daß noch nie einem Gaste von seiner Wirthin eine so schmachvolle Behandlung geboten ward, wie sie Dir von mir zu Theil geworden.

Das Hinderniß, welches mich abhielt, Dir mein seltsames Benehmen zu erklären, ist, das glaube mir, indessen nicht mir zur Last zu legen. Es hatte sich, wie ich seitdem entdeckt, heute Nachmittag, als wir in den Kensingtongärten Luft schnappten, eine jener mannigfachen zarten kleinen Schwierigkeiten erhoben, die von einem so wesentlich geheimen Geschäfte, wie das meinige, unzertrennlich sind. Ich sehe keine Möglichkeit, früher als in einigen Stunden zu Dir zurückzukehren, und habe Dir ein Wort sehr dringender Warnung zukommen zu lassen, das schon zu lange verschoben worden ist. Deshalb muß ich die freien Augenblicke benutzen, wie sie sich mir eben bieten, und Dir schreiben.

Warnung Nummer eins. Wage Dich heute Abend auf keinen Fall wieder aus dem Hause und vermeide sorgfältig, Dich, so lange es hell ist, an den Fenstern der Vorderfronte sehen zu lassen. Ich habe Grund zu fürchten, daß eine gewisse reizende Person, die augenblicklich mein Gast ist, beobachtet wird. Beunruhige Dich nicht und werde nicht ungeduldig. Du sollst erfahren, warum.

Ich kann mich nur deutlich machen, indem ich auf unser unglückseliges Zusammentreffen mit jenem ehrwürdigen Herrn zurückkomme, der die Güte hatte, uns aus den Gärten nach meinem Hause zu folgen.

Als wir uns eben der Hausthür näherten, kam mir plötzlich der Gedanke, daß der Eifer, mit dem uns der geistliche Herr auf dem Fuße nachfolgte, einen Beweggrund haben möchte, der seinem Geschmacke vielleicht weit weniger Ehre machte und zugleich uns beiden weit gefährlicher werden könnte als das Motiv, welches Du seiner Begleitung unterlegtest. In klareren Worten, Lydia, ich bezweifelte, daß Du in ihm einen neuen Bewunderer gefunden habest, hegte vielmehr den starken Verdacht, daß Du statt dessen auf einen neuen Feind gestoßen seiest. Es war keine Zeit, Dir dies zu sagen, es war blos Zeit, Dich wohlbehalten nach Hause zu bringen und mich dann des Predigers zu versichern, falls mein Argwohn begründet, indem ich ihm anthat, was er uns angethan, das heißt,meinerseits ihm nachging.

Ich blieb anfangs etwas hinter ihm zurück, um mir die Sache zu überlegen und die Genugthuung zu gewinnen, daß meine Zweifel mich nicht irreleiteten. Wir haben keine Geheimnisse vor einander, und Du sollst wissen, was für Zweifel dies waren. Ich war nicht überrascht, daß Du ihn wieder erkanntest, denn er ist durchaus kein gewöhnlich aussehender alter Mann, und Du hattest ihn zweimal in Sommersetshire gesehen, einmal, als Du ihn nach dem Wege zu Mrs. Armadale’s Hause fragtest, und das zweite Mal auf Deinem Rückwege nach der Eisenbahn. Aber ich konnte mir nicht gleich erklären, wie er Dich wieder erkannte, da Du sowohl bei jenen beiden Begegnungen wie auch heute in den Kensingtongärten den Schleier niedergelassen hattest. Ich zweifelte, daß er sich Deiner Gestalt, die er nur in Winterkleidung gesehen, in Sommerkleidung zu erinnern im Stande gewesen; und obgleich wir im Gespräch waren, als er uns begegnete, und Deine Stimme einen Deiner zahlreichen Reize ausmacht, schien mir es doch sehr unwahrscheinlich, daß ihm Deine Stimme noch erinnerlich sei. Und dennoch war ich überzeugt, daß er Dich erkannt hatte. »Warum?" wirst Du fragen. Meine Liebste, das Unglück wollte, daß wir in dem Augenblicke gerade vom jungen Armadale sprachen. Ich glaube fast, daß der Name das Erste war, das ihm auffiel, und als er diesen hörte, mag sicher Deine Stimme und vielleicht auch Deine Gestalt in seinem Gedächtnisse aufgetaucht sein. »Und was dann?« wirst Du sagen. Denke ein wenig nach, Lydia, und sage mir, ob es Dich nicht wahrscheinlich dünkt, daß der Pfarrer des Orts, wo Mrs. Armadale wohnte,zugleich Mrs. Armadale’s Freund war? War er ihr Freund, so war er als Ortsgeistlicher und als Magistratsherr, wie der Wirth des Gasthauses ihn Dir bezeichnete, auch die allererste Person, bei dem sie sich Rath geholt haben wird, nachdem Du ihr einen solchen Schreck eingejagt und nach den höchst unüberlegten Andeutungen, die Du fallen ließest, daß Du Dich in der Sache an ihren Sohn wenden wollest.

Jetzt wirst Du begreifen, warum ich Dich in so außerordentlich unhöflicher Manier verließ, und ich darf daher zu dem übergehen, was sich demnächst ereignete.

Ich folgte dem alten Herrn, bis er in eine stille Straße einbog, und redete ihn mit der Ehrfurcht vor der heiligen Kirche an, die, wie ich mir schmeichle, in jedem Zuge meines Gesichts sich ausprägt.

»Wollen Sie mich entschuldigen«, sagte ich, »wenn ich Sie zu fragen wage, Sir, ob Sie die Dame erkannt haben, die mich begleitete, als Sie uns in den Gärten begegneten?«

»Wollen Sie mich entschuldigen, Madame, wenn ich wissen möchte, warum Sie diese Frage an mich richten?« war die ganze Antwort, die ich erhielt.

»Ich will Ihnen dies zu erklären versuchen, Sir,« sagte ich. »Wenn meine Freundin Ihnen nicht völlig fremd ist, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen zarten Gegenstand lenken, der mit einer verstorbenen Dame und ihrem sie Überlebenden Sohne im engen Zusammenhange steht.«

Er war verblüfft, das konnte ich sehen. Er war aber zugleich schlau genug; um den Mund zu halten, bis ich etwas mehr gesagt haben würde.

»Wenn ich mich in der Annahme irren sollte, daß Sie meine Freundin erkannt haben, Sir«, fuhr ich fort, »so bitte ich Sie um Entschuldigung. Aber ich konnte es kaum für möglich halten, daß ein Herr Ihres Standes einer Dame nach ihrer Wohnung folgen würde, die ihm völlig fremd wäre.«

Damit packte ich ihn. Er wurde glutroth —— denke Dir, in seinem Alter! —— und gestand, um seinen guten Namen zu retten, die Wahrheit.

»Ich bin der Dame schon früher einmal begegnet, und ich gestehe, daß ich sie in den Gärten wiedererkannte«, sagte er. »Sie werden mich entschuldigen, wenn ich ablehne, über die Frage ob ich ihr absichtlich folgte oder nicht, weiter zu discutiren. Wenn Sie sich überzeugen wollten, ob Ihre Freundin mir nicht völlig fremd ist, so haben Sie jetzt diese Ueberzeugung, und wenn Sie mir irgend etwas Besonderes mitzutheilen haben, gebe ich Ihnen die Entscheidung anheim, ob der Augenblick dazu gekommen ist.«

Er wartete und sah sich um. Ich wartete ebenfalls und sah mich auch um. Er sagte, die Straße sei kaum ein passender Ort, eine so zarte Angelegenheit zu verhandeln. Ich sagte dasselbe. Er erbot sich nicht, mich nach seiner Wohnung mitzunehmen, ich offerierte ihm nicht, ihn nach meiner zu führen. Hast Du je ein Paar fremde Katzen sich aus den Dachziegeln gegenüber stehen sehen, meine Liebe? Ist dies der Fall gewesen, so hast Du damit ein sprechendes Bild von mir und dem Pfarrer gesehen.

»Nun, Madame, sagte er endlich, »sollen wir den Umständen zum Trotz unsere Unterhaltung fortsetzen?«

»Ja, Sir«, sagte ich, »wir sind glücklicherweise beide von einem Alter, das uns den Umständen Trotz zu bieten erlaubt.« Ich hatte bemerkt, wie das alte Scheusal einen Blick auf mein graues Haar warf, um sich zu überzeugen, daß sein Ruf ungefährdet blieb, wenn er mit mir zusammen gesehen würde.«

Nach all diesem Knarren und Schnappen kamen wir endlich zur Sache. Ich machte den Anfang, indem ich ihm sagte, sein Interesse an Dir scheine mir leider nicht von freundschaftlicher Beschaffenheit zu sein. So viel gab er zu, natürlich abermals zur Wahrung seines Charakters. Darauf wiederholte ich ihm alles, was Du mir über Dein Thun und Treiben in Sommersetshire erzähltest, als wir zuerst gewahr wurden, daß er uns folgte. Erschrick nicht, Liebste, ich that es grundsätzlich. Wenn Du den Leuten eine Schüssel voll Lügen schmackhaft machen willst, so gib ihr stets eine Garnitur von Wahrheit. Also nachdem ich dergestalt an das Vertrauen des ehrwürdigen Herrn appelliert, erklärte ich ihm zunächst, daß Du seit jener Zeit ein ganz andres Geschöpf geworden seiest. Ich rief jenes todte Ungeheuer, Deinen Gemahl, natürlich ohne Namen zu nennen, wieder ins Leben, etablierte ihn, es fiel mir gerade zuerst ein, als Kaufmann in Brasilien und erwähnte einen von ihm geschriebenen Brief, in dem er seiner fehlenden Gattin Verzeihung angetragen, falls sie bereuen und zu ihm zurückkehren wolle. Ich gab dem Prediger die Versicherung, daß das edle Benehmen Deines Mannes Deine halsstarrige Natur erweicht; und da, als ich den richtigen Eindruck auf ihn gemacht zu haben glaubte, ging ich kühn zum Angriff über. Ich sagte: »Ja demselben Augenblicke; da Sie uns begegneten, Sir, sprach meine unglückliche Freundin eben in Ausdrücken der rührendsten Selbstanklage von ihrem Benehmen gegen die verstorbene Mrs. Armadale Sie bekannte mir ihr dringendes Verlangen, dasselbe wo möglich gegen Mrs. Armadale’s Sohn wieder gut zu machen; und auf ihre Bitte —— denn sie kann es nicht über sich gewinnen, Ihnen selber gegenüber zu treten —— erlaube ich mir jetzt zu fragen, ob Mr. Armadale noch in Sommersetshire ist und ob er darein willigen würde, sich in kleinen Abzahlungen die Summe von ihr zurückerstatten zu lassen, die sie durch Einschüchterung von Mrs. Armadale erlangt zu haben zugibt. Dies waren genau meine Worte. Eine hübschere Geschichte, die Alles so schön erklärt, ist nie erzählt worden; es war eine Geschichte, die einen Stein hätte rühren können. Aber dieser Sommersetshirer Pfarrer ist noch härter als Stein. Ich erröthe für ihn, meine Liebe, indem ich Dir versichere, daß er offenbar gefühllos genug war, kein Wort von alledem zu glauben, was ich ihm von Deiner Besserung, von Deinem Gatten in Brasilien und von Deinem reuigen Verlangen, das Geld zurückzuzahlen, erzählte. Es ist wirklich eine Schmach, daß ein solcher Mann der Kirche angehört; eine Verschlagenheit, wie die seinige, ist im höchsten Grade unpassend für ein Mitglied seines heiligen Berufes.

»Beabsichtigt Ihre Freundin, mit dem nächsten Dampfboote zu ihrem Gatten zurückzukehren?« war alles, was er zu sagen sich herabließ, nachdem ich meine Erzählung geendigt hatte.

Ich gestehe, daß ich in Zorn gerieth. Ich fuhr ihn an und sagte: »Ja, allerdings.«

»Ja welcher Weise soll ich mit ihr verhandeln?« fragte er.

Ich fuhr ihn abermals an: »Brieflich durch mich.«

»Und Ihre Adresse, Madame?«

Da hatte ich ihn von neuem. »Sie haben selbst meine Adresse ausfindig gemacht, Sir«, sagte ich. »Das Adreßbuch wird Ihnen meinen Namen sagen, wenn Sie diesen ebenfalls selbst ausfindig machen wollen; andernfalls steht Ihnen mit Vergnügen meine Karte zu Diensten.«

»Verbindlichsten Dank, Madame. Wenn Ihre Freundin sich mit Mr. Armadale in Unterhandlung zu setzen wünscht, so will ich Ihnen meinerseits meine Karte zukommen lassen.«

»Ich danke Ihnen, Sir.«

»Ich danke Ihnen, Madame«

»Guten Tag, Sir.«

»Guten Tag, Madame«

So trennten wir uns. Ich ging meines Wegs nach meinem Geschäftshause, wo ich erwartet wurde, und er schlug den seinigen in großer Eile ein, was an sich sehr verdächtig ist. Was ich indessen nicht überwinden kann, ist seine Herzlosigkeit. Der Himmel sei den Leuten gnädig, die auf ihrem Sterbebette bei ihm Trost suchen!

Die nächste Frage ist die: was sollen wir anfangen? Wenn wir nicht die rechten Mittel und Wege finden, dieses alte Ungeheuer im Dunkel zu erhalten, so kann er vielleicht in Thorpe-Ambrose unser Verderben werden, gerade im Augenblicke, wo wir unser Ziel mit Händen greifen können. Bleibe auf, bis ich zu Dir komme, hoffentlich mit leichtem Herzen in Bezug auf jene andre Verlegenheit, die mich hier ärgert. Hat es je ein solches Pech gegeben wie unseres? Das; dieser Mann seine Gemeinde im Stich lassen und gerade in dem Moment nach London kommen muß, wo wir auf die Annonce geantwortet haben und nächste Woche die Erkundigung erwarten dürfen! Ich habe keine Nachsicht mit —— sein Bischof sollte sich ins Mittel schlagen.

»Herzlichst die Deine

Maria Oldershaw.«

Von Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw.

»West Place, den 20. Juni.

Mein armes, liebes, altes Geschöpf!

Wie wenig Du meine empfindliche Natur kennst, wie Du sie nennst! Anstatt mich beleidigt zu fühlen, als Du mich verließest, ging ich an Dein Clavier und vergaß Dich und alles, was Dich betrifft, vollständig, bis Dein Bote erschien. Dein Brief war unwiderstehlich; ich habe darüber gelacht, bis ich ganz außer Athem war. Von allen lächerlichen Geschichten, die ich je gelesen, ist die, welche Du dem Sommersetshirer Pfarrer auftischtest, die lächerlichste. Und was Deine Straßenunterhaltung mit ihm anlangt, so wäre es geradezu Sünde, dieselbe für uns zu behalten. Sie sollte wirklich in Gestalt einer Theaterposse dem Publikum zu Gute kommen.

Zum Glück für uns beide (um auf ernste Dinge zu kommen) ist Dein Bote ein vorsichtiger Mensch. Er schickte zu mir hinauf, um fragen zu lassen, ob er Antwort mitbekäme. Inmitten meiner Heiterkeit hatte ich noch Geistesgegenwart genug, ihm »Ja« hinunter sagen zu lassen.

Irgend ein Scheusal von einem Manne sagt in einem Buche, das ich einst gelesen, kein Weib könne jemals zwei getrennte Gedankengänge zugleich in ihrem Geiste verfolgen. Du hast mich fast überzeugt, daß der Mann recht hat. Wie, nachdem Du unbemerkt nach Deinem Geschäftslokale entkommen bist und Verdacht hast, daß dieses Haus beobachtet wird, da willst Du hierher zurückkommen und es dadurch dem Prediger möglich machen, Deine verlorene Spur wiederzufinden? Welche Tollheit! Bleib’, wo Du bist, und wenn Du Deine Schwierigkeit in Pimlico überwunden (natürlich irgend eine Weiberangelegenheit; wie unausstehlich diese Weiber sind!), dann sei so gut und lies, was ich über unsere Schwierigkeit in Brompton zu sagen habe.

Erstens also wird das Haus, wie Du vermuthest, beobachtet. Eine halbe Stunde, nachdem Du mich verlassen, ward ich durch laute Stimmen auf der Straße im Clavier spielen gestört, ich trat ans Fenster. Vor dem Hause gegenüber, wo möblierte Zimmer vermiethet werden, hielt ein Fiaker, und ein alter Mann, der wie ein anständiger Diener aussah, stritt sich mit dem Kutscher wegen des Fahrlohns. Ein ältlicher Herr kam aus dem Hause und endete ihren Zank. Ein ältlicher Herr kehrte in das Haus zurück und erschien behutsam am Fenster des Vorderzimmers im ersten Stock. Du kennst ihn, Du würdiges Wesen, er legte vor wenigen Stunden den schlechten Geschmack an den Tag, zu zweifeln, ob Du ihm die Wahrheit sagtest. Sei ohne Sorgen, er hat mich nicht gesehen. Als er aufblickte, nachdem er den Fiakerkutscher abgelohnt hatte, steckte ich hinter dem Fenstervorhange Ich habe mich seitdem noch zwei- oder dreimal dahinter verborgen und genug gesehen, um versichert zu sein, daß er und sein Diener einander am Fenster ablösen werden, damit sie Dein Haus hier Tag und Nacht keinen Augenblick aus den Augen verlieren. Daß der Pfarrer den wirklichen Sachverhalt argwöhnen sollte, ist natürlich unmöglich. Daß er aber fest überzeugt ist, ich führe Uebles gegen den jungen Armadale im Schilde, und daß Du ihn in dieser Ansicht bestärkt hast, ist so klar, wie das Factum, daß zweimal zwei vier machen. Und dies hat sich, wie Du mich mitleidslos erinnerst, gerade in dem Augenblicke ereignen müssen, wo wir die Annonce beantwortet haben und in wenigen Tagen die Erkundigungen des Majors erwarten dürfen.

Wahrhaftig, das ist eine fürchterliche Situation für zwei Frauen, nicht wahr? Narrenspossen, mit Deiner Situation! Dank dem, Mutter Oldershaw, was ich Dich kaum drei Stunden vor unserer Begegnung mit dem Pfarrer zu thun zwang, gib’s für uns einen leichten Ausweg aus dieser Klemme.

Ist Dir unser giftiger kleiner Streit von heute Morgen, nachdem wir des Majors Annonce in der Zeitung entdeckt, schon gänzlich entfallen? Hast Du vergessen, daß ich bei meiner Ansicht beharrte, daß Du in London viel zu bekannt seiest, um mir unter Deinem eigenen Namen als Reverenz dienen zu können, oder, wie Du unklugerweise vorschlugst, eine Dame oder einen Herrn, die Erkundigungen über mich einzuziehen kämen, in Deinem Hause zu empfangen? Erinnerst Du Dich nicht, in welche Wuth Du geriethst, als ich unserem Streit ein Ende machte, indem ich mich bestimmt weigerte, noch einen weiteren Schritt in der Sache zu thun, falls ich meine Bewerbung um die Stelle bei Major Milroy nicht dadurch zum Ziele führen sollte, daß ich ihn an eine Adresse verwiese, wo Du völlig unbekannt seiest, und ihm einen Namen angäbe, der jeder beliebige sein dürfe, so lange es nur nicht der Deinige wäre —— mit welchem Blicke Du mich beschenktest, als Du sahst, wie es keinen andern Weg gab, als daß Du entweder die ganze Speculation fallen oder mir meinen Willen lassen mußtest? —— wie Du über die Wohnungsjagd auf der andern Seite des Parks tobtest und wie Du, im Besitze eines möblierten Quartiers im respectablen Bayswater, über die unnützen Kosten stöhntest, die ich Dir auferlegt? Wie denkst Du jetzt über jene möblierte Wohnung, Du halsstarriges altes Weib? Da sind wir nun vor unserer eigenen Thür mit Entdeckungen bedroht, und ohne alle Aussicht auf ein Einkommen, wenn es uns nicht gelingt, dem Pfarrer im Dunkeln zu entwischen Und dort ist die Wohnung in Bayswater, wo weder Dir noch mir ein neugieriger Fremder auf der Spur ist, vollkommen bereit, uns zu verschlingen, die Wohnung, in der wir aller weiteren Belästigung entgehen und auf die Erkundigungen des Majors in größter Bequemlichkeit antworten können. Kannst Du endlich ein wenig weiter sehen, als Deine arme alte Nase reicht? Braucht Dich irgend etwas in der Welt abzuhalten, heute Abend mit Sicherheit aus Pimlico zu verschwinden und eine halbe Stunde später Dich ebenso in Deiner neuen Wohnung in der Eigenschaft meiner respectabeln Beschützerin zu etablieren? O, pfui, pfui, Mutter Oldershaw! Sinke aus Deine sündhaften alten Kniee nieder und danke Deinen Sternen, daß Du es heute Morgen mit einem Satan, wie ich, zu thun hattest!

Kommen wir jetzt zu der einzigen Schwierigkeit, die des Erwähnens werth ist, meiner Schwierigkeit. Wie soll ich es, beobachtet und bewacht, wie ich in diesem Hause bin, denn anfangen, mich zu Dir zu begeben, ohne den Pfarrer oder dessen Diener mir an den Fersen mitzubringen?

Da ich also in jeder Hinsicht hier gefangen bin, so bleibt mir, wie es scheint, keine andre Wahl, als das alte Fluchtmittel der Gefangenen zu versuchen —— eine Verkleidung. Ich habe mir Dein Stubenmädchen angeschaut. Abgesehen davon, daß wir beide blond, sind ihr Gesicht und Haar dem meinigen so Unähnlich, wie nur möglich. Aber sie ist so ziemlich von meiner Gestalt und Größe und, wenn sie sich nur zu kleiden verstände und kleinere Füße hätte, ihre Figur ist eine weit bessere, als sie für eine Person in ihrer Lebensstellung sein sollte. Meine Idee ist nun die, sie in den Anzug zu kleiden, den ich heute in den Gärten trug, sie auszuschicken und unsern ehrwürdigen Feind in voller Verfolgung hinterher, und sobald die Luft rein ist, selber zu Dir zu entschlüpfen. Es würde dies natürlich gänzlich unmöglich, wenn ich unverschleiert gesehen worden; doch wie die Sachen jetzt liegen, ist es ein Vortheil jener fürchterlichen Bloßstellung, die meiner Heirath folgte, daß ich mich selten öffentlich und in einem so bevölkerten Orte, wie London, nie blicken lasse, ohne einen dichten Schleier zu tragen. Ich sehe denn wirklich nicht ein, warum wir das Stubenmädchen, wenn es meinen Anzug trägt, nicht zu einem sprechend ähnlichen Conterfei meiner Person verwenden könnten!

Die einzige Frage bleibt: darf man dem Frauenzimmer trauen? Ist dies der Fall, so sende mir eine Zeile, in der Du ihr in Deiner Autorität befiehlst, sich mir zur Verfügung zu stellen. Ich will ihr kein Wort darüber sagen, bis ich nicht zuvor von Dir gehört habe.

Laß mich noch heute Abend eine Antwort haben. So lange wir über meinen Plan hinsichtlich der Gouvernantenstelle blos plauderten, war es mir ziemlich gleichgültig wie die Sache ablief. Doch jetzt, wo wir wirklich auf Major Milroy’s Annonce geantwortet haben, nehme ich das Ding endlich ernsthaft. Ich will Mrs. Armadale von Thorpe-Ambrose werden, und wehe dem, Mann oder Weib, der sich mir in den Weg zu stellen wagt!

Die Deine

Lydia Gwilt.

Nachschrift. Ich öffne meinen Brief wieder, um noch hinzuzufügen, daß Du keine Sorge zu haben brauchst, man könne Deinem Boten auf seinem Heimwege nach Pimlico nachgehen. Er will nach einer Schänke fahren, wo er bekannt ist, will da seinen Fiaker entlassen und dann durch eine Hinterthür wieder hinausgehen, die nur vom Wirth und von dessen Freunden benutzt wird. L. G.«

Von Mrs. Oldershaw an Miß Gwilt.

Diana Street, 10 Uhr.

Meine liebe Lydia! Du hast mir einen herzlosen Brief geschrieben. Hättest Du Dich in meiner schwierigen Lage befunden, gequält, wie ich war von Aerger aller Art, als ich an Dich schrieb, so hätte ich Nachsicht für meine Freundin gehabt, wenn diese Freundin sich nicht so schlau wie gewöhnlich gezeigt hätte. Aber der Fehler unseres Zeitalters ist ein Mangel an Rücksichten gegen bejahrtere Personen. Dein Gemüth befindet sich in einem traurigen Zustande, meine Beste, und Du brauchst ein gutes Beispiel sehr nöthig. Du sollst ein gutes Beispiel haben —— ich vergebe Dir.

Jetzt, nachdem ich mir durch eine gute Handlung das Herz erleichtert, wie wäre es da, wenn ich Dir zunächst bejahte —— obgleich ich gegen die Gemeinheit des Ausdrucks protestiere, —— daß ich allerdings ein wenig weiter zu sehen im Stande bin, als meine arme alte Nase reicht?

Ich will Deine Frage wegen des Stubenmädchens zuerst beantworten. Du darfst ihr unbedingtes Vertrauen schenken. Sie hat ihre Nöthen gehabt und Discretion gelernt. Außerdem kann sie für so ziemlich von Deinem Alter gelten, obgleich ich ihr nur Gerechtigkeit widerfahren lasse, wenn ich hinzufüge, daß sie in dieser Hinsicht einen Vorzug von mehren Jahren vor Dir besitzt. Ich lege die nothwendigen Instructionen bei, die sie Dir gänzlich zur Verfügung stellen.

Und was kommt dann? Dann kommt Dein Plan zu Deiner Uebersiedlung nach Bayswater. Derselbe ist, so weit er eben reicht, ganz gut, aber er bedarf sehr einiger kleinen Verbesserungen. Es ist höchst nöthig —— und Du sollst sogleich erfahren, warum —— den Pfarrer viel vollständiger zu täuschen, als Du zu thun beabsichtigst Er muß das Gesicht des Mädchens unter Umständen sehen, die ihm die Ueberzeugung geben, daß es das Deinige sei. Und dann, ich gehe noch einen Schritt weiter, muß er sehen, daß das Stubenmädchen London verläßt, und zwar in der Ueberzeugung daß er Dich Deine Reise nach Brasilien hat antreten sehen. Er glaubte nicht an diese Reise, als ich ihm heute Nachmittag auf der Straße davon erzählte. Indes; kann er daran glauben, wenn Du den Weisungen folgst, die ich Dir jetzt geben werde.

Morgen ist Sonnabend. Schicke das Mädchen, ganz wie Du es vorschlägst, in Deinem heutigen Anzuge aus; aber rühre Dich selber nicht vom Flecke und laß Dich nicht am Fenster blicken. Befiehl ihr, den Schleier niederzulassen, eine Stunde spazieren zu gehen —— natürlich ohne Ahnung von dem ihr folgenden Pfarrer oder seinem Diener —— und dann zu Dir zurückzukehren. Sowie sie heimkommt, laß sie augenblicklich ans offene Fenster treten, den Schleier sorglos zurückschlagen und hinaussehen. Nach ein paar Minuten laß sie vom Fenster zurücktreten, Hut und Shawl ablegen und sich dann nochmals am Fenster oder besser noch, draußen auf dem Balcon zeigen. Dann mag sie sich später am Tage noch einige male in dieser Weise zeigen, doch nicht zu oft, und da wir es mit einem geistlichen Herrn zu thun haben, schicke sie morgen auf jeden Fall in die Kirche. Wenn diese Vorkehrungen den Pfarrer nicht überzeugen, daß das Gesicht des Stubenmädchens das Deinige ist, und ihn nicht bereitwilliger an Deine Besserung glauben machen, als er es zu thun geneigt war, während ich mit ihm sprach, so habe ich meine sechzig Jahre in diesem Jammerthale mit sehr geringem Nutzen zugebracht, meine Liebste.

Der nächste Tag ist Montag. Ich habe mir die Schiffsanzeigen angesehen und finde, daß am Dienstag ein Dampfschiff von Liverpool nach Brasilien abgeht. Nichts könnte sich besser treffen; wir wollen Dich vor den eigenen Augen des Pfarrers abreisen lassen. Du mußt dies folgendermaßen bewerkstelligen.

Um ein Uhr schicke den Mann, der die Messer und Gabeln putzt, nach einem Fiaker aus, und wenn er denselben vor die Thür gebracht, so laß ihn noch eine zweite Droschke holen, in welcher er selber am Square, um die Ecke, wartet. Laß das Mädchen, noch immer in Deinem Anzuge, mit den nothwendigen Koffern und Kisten im ersten Fiaker nach der Nordwestbahn abfahren. Sobald sie fort ist, schlüpfe Du selber um die Ecke nach der wartenden Droschke und komm’ zu mir nach Bayswater. Sie sind vielleicht darauf vorbereitet, dem Fiaker des Mädchens zu folgen, weil sie denselben vor der Thür warten sehen, aber dem Deinigen zu folgen, wird ihnen nicht einfallen, da er ja drüben am Square gehalten hat. Wenn die Zofe auf den Bahnhof gelangt ist und ihr Möglichstes gethan hat, um sich in der Menge zu verlieren —— ich habe absichtlich den gemischten Zug um 2 Uhr 10 Minuten gewählt, um ihr alle Chancen dazu zu geben, —— bist Du bei mir in Sicherheit, und es macht dann nichts mehr aus, wenn sie auch entdecken, daß sie nicht wirklich nach Liverpool abgereist ist. Sie werden jede Spur von Dir verloren haben und mögen dann, wenn es ihnen beliebt, ganz London nach dem Mädchen durchsuchen Sie erhält in der Inlage meine Weisungen, die leeren Reisekoffer ihren Weg nach dem Büreau für verlorene Baggage finden zu lassen und sich selbst zu ihrer Familie in der City zu begeben und dort zu bleiben, bis ich sie zurückberufe.

Und zu welchem Zweck alles dies? Meine liebe Lydia, zu Deiner und zu meiner zukünftigen Sicherheit. Es mag uns glücken oder mißlingen, dem Pfarrer einzubilden, daß Du wirklich nach Brasilien abgereist bist. Glückt es uns, so dürfen wir uns fortan aller Furcht vor ihm entschlagen. Mißglückt es, so wird er den jungen Armadale vor einem Weibe Warnen, das meinem Stubenmädchen gleicht und nicht vor einem Weibe, das aussieht wie Du. Dieser letztere Vortheil ist ein sehr wichtiger, denn wir wissen nicht, ob Mrs. Armadale ihm nicht Deinen Mädchennamen mitgetheilt hat. In diesem Falle wird seine Beschreibung der »Miß Gwilt", die ihm hier durch die Finger geschlüpft, der »Miß Gwilt" in Thorpe-Ambrose so unähnlich fein, um Jedermann zu überzeugen, daß es sich hier nicht um eine Gleichheit der Personen, sondern nur um eine Gleichheit der Namen handelt.

Was sagst Du jetzt zu meiner Verbesserung Deiner Idee? Ist mein Kopf jetzt nicht mehr ganz so verdreht, wie er Dir erschien, als Du an mich schriebst? Glaube nicht, daß ich mich mit meinem Scharfsinn brüsten will. Weit schlauere Streiche, als dieser werden von Woche zu Woche von Schwindlern am Publikum verübt und in den Zeitungen berichtet. Ich möchte Dich blos darauf aufmerksam machen, daß mein Beistand für den Erfolg unserer Armadale-Speculation jetzt nicht minder nothwendig ist, als zur Zeit, wo ich vermittelst des harmlos aussehenden jungen Mannes und des geheimen Intelligenzbüreaus auf dem Shadyside-Platze unsere ersten wichtigen Entdeckungen machte.

Ich habe, so viel ich weiß, nichts weiter hinzuzufügen, außer daß ich mich eben anschicke, nach meiner neuen Wohnung aufzubrechen, und zwar mit einem Koffer, der mit meinem neuen Namen geziert ist. Die letzten Augenblicke der Mutter Oldershaw vom Modemagazine sind gekommen, und die Geburt von Miß Gwilt’s respectabler Beschützerin Mrs. Mandeville wird binnen fünf Minuten in einem Fiaker stattfinden. Ich bilde mir ein, ich muß im Herzen noch immer jung sein, denn ich bin bereits völlig verliebt in meinen neuen romantischen Namen; derselbe klingt fast ebenso hübsch, wie Mrs. Armadale auf Thorpe-Ambrose, nicht wahr? Gute Nacht, Liebste, und angenehme Träume! Wenn sich bis Montag irgend etwas ereignet, so schreib’ mir unverzüglich mit der Post. Ereignet sich nichts, so wirst Du am Montag für die schleunigsten Erkundigungen, die der Major möglicherweise macht, früh genug bei mir anlangen. Meine letzten Worte sind: Geh nicht aus und wage Dich bis Montag nicht an die Fenster des Vorderzimmers.

Herzlich die Deine
M. O.«


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