Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Fünfter Band - Zweites Kapitel
 

Armadale



Zweites Kapitel.

Eine Stunde später war Miß Gwilt’s Hauswirthin vor Erstaunen außer sich, und die Zungen der Kinder befanden sich in einem Zustande zügellosen Aufruhrs Unvorhergesehene Umstände hatten die Inhaberin der ersten Etage genöthigt, plötzlich ihre Wohnung aufzugeben und noch an demselben Tage mit dem Elf-Uhr-Zuge nach London zu fahren.

»Bitte, lassen Sie den Fiaker halb zehn Uhr vor der Thür halten«, sagte Miß Gwilt, als die staunende Wirthin ihr die Treppe hinauf folgte. »Und entschuldigen Sie mich, meine gute Frau, wenn ich Sie dringend ersuche, mich bis dahin nicht zu stören.«

In ihrem Zimmer angelangt, verschloß sie sofort die Thür und öffnete ihr Schreibepult »Jetzt heißt es an den Major schreiben!« sagte sie. »Wie soll ich den Brief nur abfassen?«

Nach kurzer Ueberlegung schien sie ihren Entschluß gefaßt zu haben. Sie wählte unter ihren Federn die allerschlechteste aus, die sie finden konnte, und begann den Brief, indem sie auf einen beschmutzten Bogen Briefpapier das Datum schrieb - und zwar in krummen und schiefen, ungeschickten Buchstaben, die sie mit einem absichtlichen Klexe endete. Unter gelegentlichen Pausen zum Nachsinnen und zur Production fernerer Klexe mit dem oberen Ende der Feder faßte sie den Brief in folgenden Worten ab:

»Geehrter Herr! Es lastet mir auf dem Gewissen, Ihnen etwas mitzutheilen, womit Sie bekannt gemacht werden sollten. Sie sollten etwas davon wissen, wie Miß, Ihre Tochter, sich mit dem jungen Mister Armadale aufführt Ich möchte, daß Sie sich davon überzeugen und zwar, daß Sie es nicht lange aufschieben, ob sie, wenn sie vor dem Frühstück ihren Morgenspaziergang macht, auch den rechten Weg geht. Ich verabscheue es, Unheil anzustiften, wo auf beiden Seiten wahre Liebe obwaltet, aber ich glaube nicht, daß der junge Mann es redlich mit Miß meint. Ich glaube vielmehr, daß er sich nur zum Spaß mit Miß befaßt. Eine andere Person, die zwischen uns nicht genannt werden soll, besitzt in Wirklichkeit sein Herz. Bitte, verzeihen Sie, wenn ich mich nicht unterzeichne; ich bin nur eine arme, bescheidene Person und es könnte mir Unannehmlichkeiten zuziehen. Dies ist für jetzt Alles, werther Herr, von einer

Wohlmeinenden.«

»So!« sagte Miß Gwilt, den Brief zusammenlegend. »Ich hätte keinen natürlicheren Dienstmädchenbrief schreiben können, wäre ich ein Romanschreiber von Profession gewesen!« Sie schrieb die erforderliche Adresse, warf einen letzten bewundernden Blick auf die plumpe, ungeschickte Schrift, die ihre zarte Hand hervorgebracht hatte, und ging, den Brief selbst zur Post zu tragen, ehe sie sich an das ernste Geschäft des Einpackens machte. »Merkwürdig!« dachte sie, nachdem der Brief in den Briefkasten geworfen und sie wieder in ihrem Zimmer und mit ihren Reisezurüstungen beschäftigt war. »Da bin ich nun im Begriff, mich in eine fürchterliche Gefahr zu stürzen, und im ganzen Leben habe ich mich nie in besserer Stimmung befunden!«

Als der Fiaker vor der Thür hielt, waren die Koffer gepackt und Miß Gwilt, in ihrem hübschen Reisekleide nett wie immer, zur Abfahrt bereit. Der dichte Schleier, den sie in London zu tragen pflegte, erschien zum ersten Male auf ihrem ländlichen Strohhute. »Auf der Eisenbahn trifft man zuweilen so ungezogene Leute«, sagte sie zur Wirthin »Und obgleich ich mich so einfach kleide, ist doch mein Haar sehr auffallend.« Sie war ein wenig bleicher als gewöhnlich, aber noch nie war sie so freundlich und einnehmend, so anmuthend herzlich und freundschaftlich gewesen als jetzt, da der Augenblick des Scheidens gekommen war. Die einfachen Hausleute waren förmlich gerührt, als sie von ihr Abschied nahmen. Sie reichte dem Hauswirthe die Hand, sprach in der allerliebsten Weise zu ihm und strahlte ihn mit ihrem lieblichsten Lächeln an.

»Kommen Sie!« sagte sie zur Wirthin. »Sie sind so freundlich gegen mich gewesen, fast wie eine Mutter, daß Sie mir zum Abschiede einen Kuß geben müssen.« Sie umarmte die Kinder, halb scherzend, halb zärtlich, was reizend anzusehen war, alle mit einem Male und gab ihnen einen Schilling, um sich Kuchen dafür zu kaufen. »Wie froh würde ich sein, wenn ich reich genug wäre, um ihnen statt dessen einen Sovereign geben zu können!« flüsterte sie der Mutter zu. Der ungeschickte Laufjunge stand wartend an der Fiakerthür. Er war plump, er war mürrisch, er hatte einen offenen Mund und eine Stumpfnase, aber dennoch erstreckte sich Miß Gwilt’s bezaubernde Liebenswürdigkeit auch auf ihn. »Du lieber, schmutziger John«, sagte sie freundlich an der Wagenthür, »ich bin so arm, daß ich nur einen Sixpence für Dich habe und dazu meine besten Wünsche. Nimm meinen Rath an, Sohn, werde ein stattlicher Mann und suche Dir ein hübsches Liebchen. Danke tausendmal!« Sie streichelte ihm freundlich mit zwei ihrer behandschuhten Finger die Wange, lächelte, nickte und stieg ein.

»Jetzt also Armadale!« sagte sie, als der Fiaker abfuhr.

Allan’s Sorge, den Zug nicht zu verfehlen, hatte ihn zeitiger als gewöhnlich nach dem Bahnhofe getrieben. Nachdem er sein Billet gelöst und seinen Koffer dem Schaffner übergeben hatte, ging er auf dem Perron auf und ab und dachte an Neelie, als er hinter sich das Rauschen eines Frauenkleides hörte und, sich umwendend, Miß Gwilt gegenüberstand.

Diesmal konnte er ihr nicht entwischen. Die Mauer des Stationsgebäudes befand sich auf der einen und die Schienengleise auf der andern Seite von ihm; hinter ihm war ein Tunnel und vor ihm stand Miß Gwilt, die ihn mit ihrer süßesten Stimme fragte, ob er nach London fahre.

Vor Ueberraschung und Verdruß ward Allan dunkelroth. Da stand er, offenbar auf den Zug wartend, und dort war sein Mantelsack mit seinem Namen und dem Zettel für London versehen! Wie hätte er anders als der Wahrheit gemäß antworten können? Sollte er den Zug ohne sich abgehen lassen und so die kostbaren Stunden verlieren, die für ihn und Neelie von so großer Wichtigkeit waren? unmöglich! Verlegen bestätigte Allan die gedruckte Angabe auf seinem Mantelsacke und wünschte sich dabei ans andere Ende der Welt.

»Wie glücklich sich dies trifft!« erwiderte Miß Gwilt »Ich fahre auch nach London. Dürfte ich Sie bitten, Mr. Armadale, da Sie ganz allein zu reisen scheinen, mein Beschützer auf der Reise zu sein?«

Allan warf einen Blick auf die kleine Versammlung von Reisenden und ihrer sie begleitenden Freunde, die an der Thür des Billetbureau auf dem Perron umherstanden. Es waren lauter Thorpe-Ambroser. Er wie Miß Gwilt waren jedem von ihnen wahrscheinlich von Ansehen bekannt. Aus reiner Verzweiflung und verlegen stockend zog er seine Cigarrentasche heraus. »Es würde mir großes Vergnügen machen«, sagte er mit einer Verwirrung, die unter den Umständen fast Beleidigung war, »aber ich — ich bin ein Sklave des Rauchens wie die Leute es nennen, denen eine Cigarre Uebelkeit verursacht.«

»O, ich habe den Cigarrenrauch ganz gern!« rief Miß Gwilt mit unverminderter Heiterkeit und Gutmüthigkeit. »Es ist dies eins der Privilegien der Männer, um das ich sie stets beneidet habe. Ich fürchte, Mr. Armadale, Sie werden denken, daß ich mich Ihnen aufdränge. Allerdings hat es das Ansehen. Die Wahrheit zu gestehen, möchte ich gern ein Wort über Mr. Midwinter mit Ihnen sprechen.«

In diesem Augenblicke brauste der Zug heran. Selbst Midwinter ganz beiseite gesetzt, ließ die gewöhnlichste Höflichkeit Allan doch nichts Anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu ergeben. Nachdem er schuld gewesen, daß sie ihre Stelle bei Major Milroy verloren, nachdem er ihr vor wenigen Tagen geradezu auf offener Straße ausgewichen, wäre es eine Brutalität gewesen, deren Allan unfähig war, hätte er sich geweigert, in demselben Waggon mit Miß Gwilt nach London zu fahren. »Hol? sie der Kukuk!« dachte Allan, indem er ihr vor allen, die auf dem Perron versammelt standen, beim Einsteigen in ein leeres Coupe behilflich war, das ihm diensteifrig der Schaffner zur Verfügung gestellt hatte. »Sie sollen nicht gestört werden, Sir«, flüsterte der Mann vertraulich lächelnd, indem er die Hand an den Hut legte. Allan hätte ihn mit dem größten Vergnügen zu Boden schlagen mögen. »Halt« rief er zum Fenster hinaus, »ich will das Coupe nicht« Es nützte nichts; der Schaffner war bereits außerhalb Hörweite; die Pfeife gellte und der Zug war auf dem Wege nach London.

Die ausgewählte Versammlung von Freunden der Abreisenden bildete augenblicklich einen Kreis, in dem der Bahnhofsinspector den Mittelpunkt einnahm.

Der Bahnhofsinspector, alias Mr. Mark, war in der ganzen Gegend sehr populär, Er besaß zwei Eigenschaften, die auf das englische Gemüth stets einen großen Eindruck zu machen pflegen: er war ein alter Soldat und ein Mann von wenig Worten. Das Conclave auf dem Perron mußte durchaus erst seine Ansicht hören, ehe es sich durch eine eigene Meinung compromittirte. Natürlich brach sofort von allen Seiten ein rasches Pelotonfeuer von Bemerkungen los, aber die Ansicht eines Jeden über den Gegenstand endete in einer Frage, die direct für die Ohren des Bahnhofsinspectors berechnet war.

»Jetzt hat sie ihn, nicht wahr?« —— »Sie wird als Mrs. Armadale zurückkommen, nicht wahr?« —— »Er hätte besser gethan, wenn er sich an Miß Milroy gehalten, wie?« — »Miß Milroy hielt sich an ihn. Sie machte ihm einen Besuch im Herrnhause nicht wahr?« — »Keineswegs. Es ist eine Schande, derart des Mädchens Ruf zu beschimpfen. Sie ward von einem Gewitter überrascht, als sie sich in der Nähe befand; er mußte ihr ein Obdach anbieten, und seitdem ist sie nie wieder dort gewesen. Miß Gwilt aber ist dort gewesen, wenn Sie wollen, und zwar, ohne von einem Gewitter dazu gezwungen worden zu sein, und Miß Gwilt ist mit ihm auf dem Wege nach London, und zwar allein in einem Coupe, nicht wahr, Mr. Mack?« —— »Ach, er ist ein schwacher Mensch, dieser Armadale! Sich bei all seinem Gelde mit einem rothhaarigen Frauenzimmer einzulassen, das gute acht oder zehn Jahre älter ist als er! Sie ist dreißig, so wahr sie einen Tag alt ist. Das sage ich, Mr. Mark. Was meinen Sie?« —— »Ob älter oder jünger, sie wird in Thorpe-Ambrose das Scepter schwingen; und ich sage, um des Ortes und des Geschäftes willen heißen wir’s gut, und Mr. Mark, der die Welt kennt, sieht die Sache in demselben Lichte wie ich. Nicht wahr, Sir?«

»Meine Herren«, sagte der Bahnhofsinspector in seinem kurzen militärischen Tone und mit seinem unergründlichen militärischen Wesen, »sie ist ein verdammt schönes Frauenzimmer, und ich bin der Meinung, daß sie zur Zeit, wo ich so jung war wie Mr. Armadale, wenn sie nur gewollt, mich selbst hätte heirathen können.«

Mit dieser Meinungsverkündigung schwenkte der Bahnhofsinspector rechts und verschanzte sich in der Feste seines Bureau.

Die Bürger von Thorpe-Ambrose sahen die verschlossene Thür an und schüttelten ernst die Köpfe. Mr. Mack hatte sie getäuscht. Keine Meinung, welche die Schwachheit der menschlichen Natur offen bekennt, wird von der Menschheit günstig aufgenommen. »Es ist so gut, als ob er sagte, daß jeder von uns sie hätte heirathen können, wären wir so jung gewesen wie Mr. Armadale!« Dies war der allgemeine Eindruck in der Versammlung, als diese auseinanderging und den Bahnhof verließ.

Der letzte der sich Entfernenden war ein langsamer alter Herr, der die Gewohnheit hatte, sich überall mit großer Gelassenheit umzusehen. An der Thür stehen bleibend, sah dieser beobachtende Mann den Perron hinauf und hinab und entdeckte in der letzteren Richtung hinter einem Winkel der Mauer einen ältlichen Mann in Schwarz, der bis dahin der Beachtung aller entgangen war. »Ei du meine Güte!« rief der alte Herr, sich neugierig Schritt für Schritt ihm nähernd, »doch nicht Mr. Bashwood?«

Dennoch war es Mr. Bashwood —— Mr. Bashwood, dessen constitutionelle Neugierde ihn heimlich nach dem Bahnhofe geführt hatte, hinter das Geheimniß von Allan’s plötzlicher Reise nach London zu kommen, Mr. Bashwood, der hinter seiner Mauerecke dasselbe gesehen und gehört, was alle Andern wahrgenommen hatten, und auf den dies keinen geringen Eindruck gemacht zu haben schien. Wie versteinert stand er steif an der Wand, die eine Hand an seinen unbedeckten Kopf drückend und in der andern seinen Hut haltend; mit einer matten Glut auf dem Gesichte, einem gegen standslosen Stieren in den Augen sah er gerade in den Schlund des Tunnels jenseits der Station hinein, als ob der Zug nach London erst diesen Augenblick darin verschwunden sei.

»Thut Ihnen der Kopf weh?« fragte der alte Herr. »Lassen Sie sich von mir rathen. Gehen Sie nach Hause und legen Sie sich nieder.«

Mit seiner gewohnten Aufmerksamkeit hörte ihn Mr. Bashwood mechanisch an und antwortete mit seiner gewohnten Höflichkeit ebenso mechanisch.

»Ja, Sir«, sagte er mit leiser, unklarer Stimme, gleich einem Manne, der halb träumt, halb wacht, »ich will nach Haufe gehen und mich niederlegen.«

»Das ist recht«, erwiderte der alte Herr, sich der Thür zuwendend. »Und nehmen Sie eine Pille ein, Mr. Bashwood, nehmen Sie eine Pille ein.«

Fünf Minuten später fand der Gepäckträger, der zugleich den Bahnhof zu schließen hatte, Mr. Bashwood, wie er sich noch immer mit unbedecktem Kopfe an die Mauer lehnte und noch immer stier in den schwarzen Schlund des Tunnels hineinblickte, als ob der Zug nach London erst in diesem Augenblicke darin verschwunden wäre.

»Kommen Sie, Sir!« sagte der Gepäckträger »Ich muß zuschließen, Sind Sie nicht wohl? Fehlt’s Ihnen vielleicht im Leibe? Versuchen Sie einen Bitteren.«

»Ja«, sagte Mr. Bashwood, dem Gepäckträger genau in derselben Weise antwortend, wie er dem alten Herrn geantwortet hatte. »Ich will einen Bitteren versuchen.«

Der Gepäckträger faßte ihn beim Arm und führte ihn hinaus. »Dort werden sie ihn bekommen«, sagte der Mann, indem er ihm eine Branntweinschenke zeigte, »und zwar einen guten.«

»Ich werde ihn dort bekommen«, sagte Mr. Bashwood, noch immer mechanisch die Worte wiederholend, die zu ihm gesprochen wurden, »und zwar einen gutem.«

Es schien, als ob sein Wille gelähmt sei; er that durchaus nur, was andere Leute ihm sagten. Er machte ein paar Schritte auf die Branntweinschenke zu, hielt inne, taumelte und klammerte sich an einen Laternenpfahl an. Der Gepäckträger, der ihm folgte, faßte ihn nochmals beim Arme.

»Ei, Sie haben ja schon getrunken« rief der Mann mit plötzlich belebtem Interesse für Mr. Bashwood’s Zustand. »Was war’s? Bier?«

In leifen, unsicheren Tönen wiederholte Mr. Bashwood das letzte Wort.

Es war nahezu Essenszeit für den Gepäckträger. Wenn indeß ein Mitglied der niederen Klassen« Englands einen Betrunkenen entdeckt zu haben glaubt, so ist dessen Theilnahme für diesen eine unbegrenzte. Der Gepäckträger überließ das Mittagsessen seinem Schicksal und half Mr. Bashwood rücksichtsvoll und behutsam nach der Schenke »Ein Bitterer wird Ihnen wieder auf die Beine helfen«, flüsterte der barmherzige Samariter.

Wäre Mr. Bashwood wirklich berauscht gewesen, so würde das Heilmittel des Gepäckträgers sich in der That als ein wunderbares erwiesen haben. Fast in demselben Augenblicke, wo das Glas geleert war, that das Stärkungsmittel schon seine Wirkung. Das lange geschwächte Nervensystem des Unterverwalters das momentan der erlittenen Erschütterung unterlegen war, raffte sich, gleich dem müden Pferde unter dem Sporn, wieder auf. Die matte Glut auf seinen Wangen wie das matte Stieren seiner Augen verschwanden gleichzeitig. Nach einer kurzen Anstrengung konnte er seine Gedanken wieder sammeln, um sich des Geschehenen zu erinnern, dem Gepäckträger zu danken und ihn ebenfalls zu einem Trunke aufzufordern. Unverzüglich nahm der würdige Mann eine Dosis seiner eigenen Medicin als Präservativ an und ging zum Essen, wie nur diejenigen zum Essen gehen «können, die physisch durch einen Bitteren und moralisch durch das Bewußtsein, eine gute That gethan zu haben, erwärmt sind.

Mr. Bashwood verließ seinerseits noch immer in einem seltsamen Zustande der Geistesabwesenheit, doch jetzt sich des Weges bewußt, den er wandelte, wenige Minuten später ebenfalls die schenke. In seinen elenden schwarzen Kleidern schritt er mechanisch weiter und bewegte sich wie ein dunkler Klex auf der weißen Ebene des sonnenbeschienenen Wegs dahin, wie Midwinter ihn erblickt, an jenem Tage, wo er zum ersten Male zu Thorpe-Ambrose mit ihm zusammengetroffen war. An der Stelle angelangt, wo er sich entweder für den Weg nach der Stadt oder dem nach dem Herrnhause entscheiden mußte, blieb er stehen, dem Anscheine nach unfähig und selbst gleichgültig, auch nur den Versuch zu machen. »Ich will mich an ihr rächen!« flüsterte, er, noch immer in seine eifersüchtige Wuth gegen das Weib versunken, das ihn hintergangen hatte, leise vor sich hin. »Ich will mich an ihr rächen«, wiederholte er in lauterem Tone, »und wenn es mich jeden Heller kostet, den ich noch besitze!«

Einige leichtfertige Frauenzimmer, die an ihm auf dem Wege nach der Stadt vorbeigingen, hörten ihn. »Ach Du alter Narr«, riefen sie ihm mit der maßlosen Frechheit ihres Schlages zu, »’s ist Dir schon recht geschehen, was sie Dir auch angethan hat!«

Die gemeinen Stimmen entrissen ihn seinem Brüten, obgleich es fraglich ist, ob er die Worte verstand. Um ferneren Störungen und Beleidigungen auszuweichen, wandte er sich ab und bog in den stilleren Weg ein, der nach dem Herrnhause führte.

An einer einsamen Stelle desselben blieb er stehen und setzte sich nieder. Er nahm seinen Hut ab, lüftete seine Perücke etwas und machte verzweifelte Anstrengungen, die eine unerschütterliche Ueberzeugung, die ihm wie Blei auf der Brust lag, die Ueberzeugung, daß Miß Gwilt ihn von Anfang an absichtlich hintergangen habe, loszuwerden Vergebens. Keine Anstrengung konnte ihn von diesem Eindrucke befreien, noch weniger von dem Gedanken, welche jener hervorgerufen hatte, dem Gedanken der Rache. Er stand wieder auf, setzte seinen Hut auf und ging schnell einige Schritte weiter, dann kehrte er, ohne zu wissen warum, abermals um. »Wenn ich mich nur ein wenig besser gekleidet hätte!« sagte das arme Geschöpf wie geistesabwesend. »Wäre ich nur ein wenig entschlossener gegen sie aufgetreten, so hätte sie vielleicht vergessen, daß ich ein alter Mann bin!« Von neuem packte ihn seine Wuth. Er ballte seine feuchten Hände und schüttelte sie heftig in der leeren Luft. »Ich will mich an ihr rächen!« wiederholte er. »Ich will mich an ihr rächen und wenn es mich jeden Heller kostet, den ich besitze!« Ein fürchterlicher Beweis ihrer Macht über ihn lag darin, daß sein rachsüchtiges Gefühl sich nicht so weit von ihr entfernen konnte, um den Mann zu erreichen, den er für seinen Nebenbuhler hielt. In seiner Wuth wie in seiner Liebe war er mit Leib und Seele nur bei Miß Gwilt.

Einen Augenblick später ward er durch das Geräusch von hinter ihm daher rollenden Rädern seinen Grübeleien entrissen. Er wandte und sah, sich um. Es war der ältere Mr. Pedgift, der ihn, wie schon einmal zuvor, als er unter den Fenstern des Herrnhauses gelauscht und der Advocat ihn geradezu der Neugierde in Bezug aus Miß Gwilt beschuldigt hatte, schnell in seinem Gig einholte.

Mit Blitzesschnelle schoß ihm die unvermeidliche Ideenverbindung durch den Kopf. Die Meinung, die der Advocat über Miß Gwilt ausgesprochen hatte, tauchte plötzlich neben Mr. Pedgift’s spöttischer Billigung aller Nachforschungen, die er aus Neugier unternehmen wolle, in seiner Erinnerung auf. »Ich kann ihr’s wohl noch heimzahlen«, dachte er, »wenn Mr. Pedgift mir helfen will! Halt, Sir!« rief er verzweifelt, als das Gig sich ihm näherte. »Bitte, ich möchte mit Ihnen sprechen, Sir.«

Ohne still zu halten, zog Pedgift die Zügel seines schnell trabenden Pferdes ein wenig an. »Kommen Sie in einer halben Stunde auf die Expedition«, sagte er; »jetzt habe ich Eile.« Ohne auf Antwort zu warten, ohne Mr. Bashwood’s Verbeugung zu beachten, ließ er dem Pferde die Zügel wieder schießen und war in der nächsten Minute verschwunden.

Abermals setzte sich Bashwood an einer schattigen Stelle am Wege nieder. Es war, als ob er außer der Kränkung, die ihm von Miß Gtvilt zugefügt worden, keine andere Beleidigung empfinden könne. Nicht nur fühlte er keine Entrüstung über die unceremoniöse Behandlung, die ihm von Mr. Pedgift zu Theil geworden war, sondern er suchte dieselbe sogar in einem günstigen Lichte zu sehen. »Eine halbe Stunde«, sagte er resigniert, »das ist Zeit genug, mich wieder ein wenig zu fassen, und ich brauche Zeit. Sehr gütig von Mr. Pedgift, obgleich er es vielleicht nicht so beabsichtigt hat.«

Das Gefühl des Druckes auf seinem Kopfe nöthigte ihn nochmals, seinen Hut abzunehmen. Er hielt ihn, tief in Gedanken versunken, auf dem Schooße; sein Gesicht war auf die Brust herabgeneigt und die zitternden Finger der einen Hand trommelten zerstreut auf seinem alten Filze. Hätte Mr. Pedgift nur etwas Vor sich in die Zukunft blicken können, so wäre die einförmig trommelnde Hand trotz ihrer Schwäche dennoch vielleicht stark genug gewesen, den Advocaten hier auf dem Wege zurückzuhalten. Es war die Hand eines elenden alten Mannes, trotzdem aber, um uns des eigenen Ausdrucks Mr. Pedgift’s beim Scheiden von Allan zu bedienen, die Hand, die jetzt Licht auf Miß Gwilt werfen sollte.«


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