Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Sechster Band - Sechstes Kapitel
 

Armadale



Sechstes Kapitel.

Die Droschke hielt am Thore, als Mrs. Gwilt sich dem Sanatorium näherte. Bashwood stieg aus und ging ihr entgegen. Sie nahm seinen Arm und führte ihn, damit sie der Kutscher nicht hören konnte, ein paar Schritte abseits.

»Denken Sie von mir, was Sie wollen«, sagte sie, ihren dichten schwarzen Schleier über das Gesicht herabziehend, »aber sprechen Sie heute Abend nicht mit mir. Fahren Sie nach Ihrem Hotel zurück, als wäre nichts passiert. Warten Sie morgen wie gewöhnlich auf den Zug und kommen Sie nachher zu mir ins Sanatorium. Gehen Sie, ohne weiter ein Wort zu sagen, und ich werde glauben, daß es einen Menschen auf der Erde gibt, der mich wirklich liebt. Bleiben Sie und fragen Sie mich, so sage ich Ihnen auf immer Lebewohl!«

Sie zeigte auf das Cab. Eine Minute später war es abgefahren und führte Bashwood nach seinem Gasthofe zurück.

Langsam wandelte sie durch das eiserne Gitterthor dem Hause zu. Ein Schauder durch rieselte sie, als sie die Klinge! zog. Sie lachte bitter. »Wieder schaudern!« sagte sie zu sich selbst. »Wer hätte gedacht, daß noch so viel Empfindung in mir geblieben wäre?«

Einmal in seinem Leben sprach das Gesicht des Doctors die Wahrheit, als sich zwischen zehn und elf Uhr abends die Thür seines Studierzimmers öffnete und Miß Gwilt eintrat.

»Gott erbarme sich!« rief er aus und sah sie mit dem höchsten Erstaunen an; »was hat dies zu bedeuten?«

»Es hat zu bedeuten«, antwortete sie, »daß ich mich anstatt morgen früh schon heute Abend entschlossen habe. Sie, der Sie die Frauen so gut kennen, sollten doch wissen, daß sie immer ihren Impulsen folgen; ich bin hier, weil mir’s eben in den Sinn kam. Nehmen Sie oder verlassen Sie mich nun, ganz wie es Ihnen beliebt.«

»Sie nehmen oder verlassen?« wiederholte der «Doctor, seine Geistesgegenwart wiedererlangend. »Meine verehrte Dame, wie furchtbar, dies so auszusprechen! Auf der Stelle soll Ihr Zimmer bereit sein! Wo ist Ihr Gepäck? Soll ich danach schicken? Nein? Sie können sich diese Nacht ohne Ihre Sachen behelfen? Welche bewundernswerthe Bravour! Sie wollen es morgen selbst holen? Was für eine außerordentliche Selbstständigkeit! Setzen Sie Ihren Hut ab und kommen Sie ans Feuer! Was kann ich Ihnen vorsetzen?«

»Setzen Sie mir den stärksten Schlaftrunk vor, den Sie noch je in Ihrem Leben bereitet haben«, entgegnete sie, »und lassen Sie mich allein, bis die Zeit kommt, wo ich ihn nehmen muß. Ich werde in vollem Ernste Ihre Kranke sein«, setzte sie heftig hinzu, als der Doctor ihr erwidern wollte. »Wenn Sie mich heute Abend reizen, so werde ich die Tollste von allen Ihren Tollen sein.«

Augenblicklich wurde der Chef des Sanatoriums berufsmäßig ernst und kurz.

»Setzen Sie sich dort in die dunkle Ecke«, sagte er; »keine Seele soll Sie stören. In einer halben Stunde wird Ihr Zimmer bereit sein und Ihr Schlaftrunk auf dem Tische stehen. « —— Es ist für sie ein härterer Kampf gewesen, als ich geahnt habe!« dachte er, als er aus dem Zimmer ging und über den Vorsaal nach der gegenüberliegenden Hausapotheke schritt. »Gott im Himmel, was hat sie noch mit dem Gewissen zu thun nach einem Leben, wie das ihre gewesen ist!«

Die Apotheke war mit all den neuesten Erfindungen und Verbesserungen von medicinischen Apparaten und Geräthen ausgestattet, eine der Wände indeß war frei von Regalen und hier füllte den leeren Raum ein hübscher alter Schrein von geschnitztem Holze aus, der äußerlich mit dem sonst nur utilitarisch einfach aussehenden Lokale sehr contrastirte. Zu beiden Seiten des Schrankes waren zwei Sprachrohre in die Wand eingelassen, die mit den oberen Räumlichkeiten des Hauses communicirten und mit »Hauslaborant« und »Erste Krankenwärterin« bezeichnet waren. In das zweite dieser Rohre sprach der Doctor hinein, sowie er ins Zimmer getreten war. Eine ältliche Frau erschien, nahm den Befehl zur Instandsetzung von Mrs. Armadale’s Schlafzimmer entgegen und zog sich wieder zurück.

Jetzt schloß der Doctor die mittlere Abtheilung des Schrankes auf, welche eine Reihe von Flaschen enthielt, in denen die in der Medicin gebräuchlichen verschiedenen Gifte aufbewahrt wurden. Nachdem er die für den Schlaftrunk erforderliche Opiumtinctur herausgenommen und auf den Tisch gestellt hatte, ging er noch einmal an den Schrank, sah sich eine Weile darin um, schüttelte zweifelnd den Kopf und trat dann vor die offenen Regale auf der andern Seite. Hier hob er nach einiger weiteren Ueberlegung eine der großen Flaschen herunter, die mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt war, stellte dann die Flasche ebenfalls auf den Tisch und öffnete hierauf ein anderes Fach des Schrankes, in dem sich allerhand böhmische Krystallflaschen befanden. Von ihnen wählte er ein mit Glasstöpsel versehenes hohes und enges rubinrothes Flacon aus. Dies füllte er mit der gelben Flüssigkeit, sodaß in der großen Flasche nur noch ein kleiner Rest blieb, der eben den Boden bedeckte, und schloß es dann wieder in das Fach ein, aus welchem er es herausgenommen hatte. Auch die Flasche selbst stellte er wieder an ihren Platz, nicht ohne jedoch zuvor aus einem daneben stehenden Becken Wasser hineingegossen zu haben, in welches er kleine Quantitäten chemischer Flüssigkeiten tröpfelte, sodaß dem Anschein nach der Inhalt der Flasche noch ganz derselbe war wie zuvor, ehe er diese zum größeren Theil entleert hatte. Endlich waren alle diese Operationen geschehen und der Doktor lachte leise, während er an das zweite Sprachrohr trat, um den Hausapotheker zu citiren.

Mit der gehörigen weißen Schürze angethan erschien dieser. Der Doctor schrieb gravitätisch das Recept zu einem Schlaftrunke und händigte es seinem Assistenten ein.

»Wird unverzüglich gebraucht, Benjamin«, sagte er in sanftem und melancholischem Tone. »Für eine kranke Dame, Mrs. Armadale, Zimmer 21 im zweiten Stock. Ach Bester, Bester«, seufzte er, »ein schlimmer Fall, Benjamin, ein schlimmer Fall!« Er schlug das funkelnagelneue Journal des Etablissements auf und trug den Fall in voller Länge nebst einer kurzen Angabe des Recepts ein. »Sind Sie fertig mit dem Laudanum? Stellen Sie es wieder hinein und schließen Sie den Schrank zu. Den Schlüssel geben Sie mir. Auf den Trank schreiben Sie: »,Vor Bettgehen zu nehmen«, und bringen Sie ihn der ersten Wärterin, Benjamin, der ersten Wärterin, hören Sie?«

Während des Doctors Lippen feierlich diese Instructionen ertheilten, waren seine Hände damit beschäftigt, unter dem Pulte, auf welchem das Journal lag, einen Kasten hervorzuziehen. Hieraus nahm er mehrere buntgedruckte Eintrittskarten »zur Besichtigung des Sanatoriums in den Stunden von zwei bis vier Uhr nachmittags« und füllte darauf das Datum des nächsten Tages »10. December« aus. Als er ein Dutzend solcher Karten in ein Dutzend lithografierter Einladungsschreiben gewickelt und in ein Dutzend Couverts gesteckt hatte, adressierte er die Briefe an ein dutzend Familien der Nachbarschaft, von denen er ein Verzeichniß besaß. Anstatt sich wieder eines der Sprachrohre zu bedienen, schellte er diesmal, um den Diener zu berufen, dem er die Billets zur Besorgung für nächsten Morgen übergab. »So wird’s gehen, denke ich«, sagte der Doctor, nachdem der Bediente sich entfernt hatte; »es wird gehen, denke ich.« Während er noch in seine Betrachtungen versunken war, erschien die erste Wärterin wieder, um zu melden, daß das Schlafzimmer der Dame bereit sei, und darauf begab sich der Doctor wieder in sein Studierzimmer, um Miß Gwilt diese Mittheilung in aller Form zu machen.

Noch immer saß diese auf ihrem alten Platze. Ohne ein Wort zu sagen oder nur ihren Schleier aufzuschlagen, erhob sie sich jetzt aus ihrer dunkeln Ecke und glitt wie ein Geist aus dem Zimmer.

Kurze Zeit darauf kam die erste Wärterin wieder die Treppe herab.

»Die Dame hat mir befohlen«, sagte sie leise, »sie morgen früh um sieben Uhr zu wecken. Sie will ihre Sachen selbst holen und, sobald sie angekleidet ist, eine Droschke haben. Was soll ich thun?«

»Thun Sie, was Ihnen die Dame sagt««, entgegnete der Doctor. »Man kann« sich ruhig darauf verlassen, daß sie sich im Sanatorium wieder einstellt.«

Die Frühstücksstunde der Anstalt war halb neun Uhr. Bis dahin hatte Miß Gwilt in ihrer vormaligen Wohnung Alles in Ordnung gebracht und war mit ihren Habseligkeiten zurückgekehrt. Der Doctor war ganz erstaunt über die Pünklichkeit seiner Patientin.

»Warum strapazieren Sie sich so?« fragte er, als sie sich am Frühstückstische trafen. »Warum sind Sie in solcher Eile, meine liebe Dame, wo Sie doch den ganzen Morgen vor sich hatten?«

»Nichts als Ruhelosigkeit«, gab sie zur Antwort. »Je länger ich lebe, desto ungeduldiger werde ich.«

Der Doctor, der bemerkt hatte, daß ihr Gesicht, ehe sie sprach, merkwürdig bleich und alt aussah, gewahrte, daß auch, als sie ihm antwortete, der sonst in nicht gewöhnlichem Grade bewegliche Ausdruck ihrer Züge von der Anstrengung des Sprechens ganz unberührt blieb. Nichts von dem gewöhnlichen Mienenspiel um ihre Lippen, nichts von dem gewöhnlichen Leben in ihren Augen; noch nie hatte er sie so undurchdringlich, kalt und gesehen gesehen wie jetzt. »Endlich ist sie mit sich im Reinen«, dachte er. »Was ich ihr gestern Abend nicht sagen konnte, heute Morgen kann ich es ihr sagen.«

Ein bedeutungsvoller Blick, auf ihre Wittwentoilette leitete die bevorstehenden Bemerkungen ein. »Jetzt, wo Sie Ihre« Sachen haben«, begann er würdevoll, »hielt ich es, wenn Sie erlauben, für passender, Sie legten die Haube da ab und zögen ein anderes Kleid an.«

»Warum?«

»Entsinnen Sie sich noch dessen«, fragte der Doctor, »was Sie mir vor ein paar Tagen gesagt haben? Sie sagten, es wäre ja möglich, daß Mr. Armadale in meinem Sanatorium stürbe.«

»Wenn Sie wollen, sag’ ich’s noch einmal.«

»Etwas Unwahrscheinlicheres«, fuhr der Doctor fort, wie immer taub gegen alle ihm nicht gelegenen Unterbrechungen, »läßt sich schwerlich vorstellen! Indeß solange es möglich ist, muß man es doch im Auge behalten. Sagen wir also, er stirbt, stirbt plötzlich und unerwartet, sodaß eine Todtenschau hier im Hause nothwendig wird. Was haben wir in einem solchen Falle zu thun? Wir müssen die Rollen fort spielen, die wir übernommen haben, Sie als seine Wittwe und ich als der Zeuge Ihrer Trauung, und in diesen Rollen müssen wir uns dem gründlichsten Verhör unterwerfen. Sollte das ganz und gar Unwahrscheinliche geschehen. daß er stirb, gerade wo wir seinen Tod wünschen und brauchen, so ist meine Idee, ja ich kann sagen, mein Entschluß, einzuräumen, daß wir von seiner Errettung aus dem Meere gewußt, und zu bekennen, daß wir Mr. Bashwood angewiesen haben, ihn durch falsche Nachrichten hinsichtlich Miß Milroy’s in die Anstalt hier zu locken. Wenn dann die unvermeidliche Frage nach dem Warum erfolgt, so meine ich, wir behaupten: er habe schon bald nach Ihrer Verheirathung Symptome von Geistesstörung gezeigt; sein Wahn bestehe darin, daß er diese seine Verheirathung mit Ihnen in Abrede stelle und erkläre, er sei mit Miß Milroy verlobt; Sie seien deshalb so erschrocken, als Sie von seinem Entkommen und seiner Rückkehr nach England gehört, daß Sie sich in einem Zustande von Nervenaufregung befanden, welcher meine Behandlung erfordere; auf Ihr Ersuchen und um Sie zu beruhigen, hätte ich ihn als Arzt besucht und ihn still ins Haus gebracht, dadurch daß ich, was in solchem Falle vollkommen zu rechtfertigen, auf seine fixe Idee eingegangen, und ich könne endlich bescheinigen, daß er von einem jener geheimnißvollen Geistesleiden befallen wäre, die, durchaus unheilbar und höchst verhängnißvoll, für die Medicin noch unergründliche Räthsel seien. Das wäre, bei dem nur sehr entfernt möglichen Ereignisse, das wir vorausgesetzt haben, in Ihrem und meinem Interesse unzweifelhaft das einzig richtige Verfahren und eine Toilette, wie Sie sie jetzt tragen, unter den obwaltenden Umständen, ganz und gar nicht am Platze.«

»Soll ich ie sofort ablegen?« fragte sie und stand, ohne auf das ihr so eben Mitgetheilte die mindeste Antwort zu geben, vom Frühstückstische auf.

»Jedenfalls nur heute vor zwei Uhr nachmittags.«

Sie sah ihn mit matten Blicken an, aus denen etwas wie Neugier sprach, und fragte nur: »Warum vor zwei Uhr?«

»Weil heute einer meiner Besuchstage ist, und die Besuchszeit ist von zwei bis vier Uhr.«

»Was gehen mich ihre Besucher an?«

»Einfach dies. Ich dachte es für wichtig, daß vollkommen respectable und vollkommen unparteiische Zeugen Sie in der Rolle einer Kranken in meiner Anstalt sehen.«

»Ihr Beweggrund scheint mir weit hergeholt. Haben Sie dabei weiter kein Motiv?«

»Meine liebe, liebe Dame«, remonstrirte der Dator, »habe ich denn vor Ihnen Geheimnisse? Sie sollten mich doch wohl besser kennen.«

»Ja«, sagte sie mit dem Tone der Verachtung. »Es ist sehr bornirt von mir, daß ich Sie diesmal nicht verstehe. Lassen Sie mir’s hinauf sagen, wenn Sie mich brauchen.« Damit ging sie auf ihr Zimmer.

Zwei Uhr hatte es geschlagen, und eine Viertelstunde darauf fanden sich die Besucher ein. So kurz vorher auch die Einladung gekommen war, so trostlos auch das Sanatorium von außen sich darstellte, so waren trotzdem die weiblichen Mitglieder der Familien, an welche der Doctor seine Aufforderung gerichtet, zahlreich der Aufforderung gefolgt. In dem jämmerlich einförmigen Leben, das ein großer Theil der Mittelklassen in England führt, ist den Frauen Alles und Jedes willkommen, was ihnen eine harmlose Zuflucht gegen die bestehende Tyrannei des Grundsatzes gewährt, daß alle menschliche Glückseligkeit zu Hause anfange und ende. Während die gebieterischen Anforderungen eines Handelsstaates die Vertreter des stärkeren Geschlechts unter den Besuchern des Doctors auf einen hinfälligen alten Mann und auf einen schläfrigen Knaben beschränkte, hatten nicht weniger als sechzehn Weiber, alte und junge, ledige und verheirathete —— die guten Seelen! —— die goldene Gelegenheit ergriffen, einmal aus dem Hause herauszukommen. Einträchtig verbunden in dem Wunsche, der sie samt und sonders erfüllte, erstens sich gegenseitig und sodann das Sanatorium in Augenschein zu nehmen, strömten sie, eine schön geputzte Procession, sich den leisen Anschein gebend, als sei jede undamenhafte Erregung tief unter ihrer Würde, höchst charakteristisch und höchst bedauerlich anzusehen, durch das Eisenthor des Doctors herein.

In der Halle empfing der Besitzer, Miß Gwilt am Arme, seine Besucher. Als wenn solch ein Wesen gar nicht existiert hätte, sahen die neugierigen Augen sämtlicher Weiber der Gesellschaft über den Doctor hinweg und verschlangen die merkwürdige Dame vom Kopf bis zu den Füßen mit ihren gierigen Blicken.

»Meine erste Kranke«, sagte der Doctor und stellte Miß Gwilt vor. »Die Dame hier ist erst gestern Abend angekommen und benutzt die Gelegenheit —— den ganzen Vormittag habe ich dazu leider keine Zeit gehabt —— sich das Sanatorium mit anzusehen. Erlauben Sie mir, Madame«, sprach er weiter, Miß Gwilt loslassend und der ältesten Dame unter den Anwesenden den Arm bietend. »Nervenerschütterung infolge häuslichen Kummers«, flüsterte er vertraulich. »Eine liebe Frau! Trauriger Fall!« Er seufzte leise und führte die alte Dame durch die Halle.

Die Heerde der Besucher folgte. Miß Gwilt begleitete sie schweigend und ging unter ihnen, doch nicht als zu ihnen gehörend, allein als die letzte von allen.

»Wie Sie bemerkt haben werden, meine Damen und Herren«, redete der Doctor an der Treppe, sich rundherum verneigend, sein Publikum an, »sind die Gartenanlagen noch zum Theil unvollendet. Da wir die Haide von Hampstead so nahe haben und Fahren und Reiten zu meinem Systeme gehören, lege ich auf den Garten keinen so großen Werth. Ebenso brauche ich Ihre Aufmerksamkeit für das Erdgeschoß meines Etablissements, in dem wir uns jetzt befinden, nur wenig in Anspruch zu nehmen. Der Wartesaal und das Arbeitszimmer auf dieser Seite hier und die kleine Apotheke, für die ich mir alsbald Ihr Interesse erbitte, sind fertig, das große Gesellschaftszimmer ist indeß noch in der Ausschmückung begriffen. In demselben, natürlich erst wenn die Wände trocken sind, keinen Augenblick früher, werden sich meine Kranken zu heiterer Geselligkeit versammeln. Nichts wird außerdem gespart werden, was, wie diese kleinen Gesellschaften, das Leben verbessern, erheben, schmücken kann. Jeden Abend zum Beispiel soll für die, welche sie lieben, Musik stattfinden.«

Bei dieser Stelle der Ansprache des Doktors machte sich eine kleine Bewegung unter den Besuchern bemerklich. Eine Familienmutter unterbrach ihn. Sie wollte wissen, ob jeden Abend, auch des Sonntags, Musik statthaben sollte, und wenn dies Letztere der Fall, welche Musik dann aufgeführt würde.

»Geistliche Musik, selbstverständlich, Madame«, sagte der Doctor. »Am Sonntagsabend Händel, gewöhnlich auch wohl minder heitere Piecen von Haydn. Doch ich wollte bemerken, daß Musik nicht die einzige Unterhaltung ist, welche ich meinen Nervenkranken biete. Für die, welche lieber lesen, ist für erheiternde Lectüre gesorgt.«

Wieder ließ sich eine Bewegung unter den Anwesenden verspüren. Eine zweite Familienmutter bat um Auskunft, ob erheiternde Lectüre so viel bedeuten solle wie Romane.

»Blos solche Romane, die ich selbst ausgewählt und gelesen habe«, antwortete der Doctor. »Nichts Trauriges, Madame! Gewiß gibt es im wirklichen Leben des Traurigen die Hülle und Fülle, allein gerade deshalb wollen wir ihm nicht auch in Büchern begegnen. Der englische Novellist, der Zugang finden will zu meinem Hause —— kein ausländischer Romanschreiber wird zugelassen —— muß seine Kunst so verstehen, wie sie in unsern Tagen der geistesgesunde Leser versteht. Er muß wissen, daß unser heutiger reinerer Geschmack, unsere heutige höhere Moralität ihn auf zweierlei beschränkt, wenn er für uns ein Buch schreibt. Alles, was wir von ihm fordern, ist, daß er uns dann und wann lachen macht und immer in behagliche Stimmung versetzt.«

Hier zeigte sich eine dritte Bewegung unter den Besuchern, diesmal jedoch einzig und allein infolge des allgemeinen Beifalls, welchen die so eben vernommenen Ansichten fanden. In weiser Vorsicht störte der Doctor den guten Eindruck nicht, den er hervorgebracht hatte, sondern ließ das Thema vom Gesellschaftssaale fallen und führte die Anwesenden die Treppe hinauf. Wie vorhin schritt Miß Gwilt als die letzte von allen schweigend hinterdrein. Eine nach der andern sahen sie die Dame an und wollten mit ihr sprechen, etwas ihnen völlig Unerklärliches aber, was sie auf ihrem Gesichte lasen, hemmte die wohlgemeinten Worte, die sich ihnen auf die Lippen drängen wollten. Der Eindruck überwog, daß der Chef des Sanatoriums ihnen zartfühlend die Wahrheit Verborgen halte —— daß seine erste Patientin wahnsinnig sei.

Mit den passenden Erholungspausen für die alte Dame an seinem Arme, der das Athmen Beschwerde machte, geleitete er die Versammlung direct nach dem obersten Stock des Hauses. Auf dem Corridor machte er inmitten seiner Besucher Halt, wies mit der Hand auf die bezifferten Thüren zu beiden Seiten und forderte das Publikum auf, ganz nach Lust und Belieben eins oder sämtliche der Gemächer in Augenschein zu nehmen.

»Nummer eins bis drei, meine Damen und Herren«, begann der Doctor, »bezeichnen die Schlafzimmer des Wärterpersonals Nummer vier bis acht sind die Zimmer für Patienten aus den ärmeren Klassen, die ich zu Bedingungen aufnehme, welche lediglich meine Kosten decken, nichts weiter. Für solche ärmere Personen unter meinen leidenden Mitmenschen sind persönliche Frömmigkeit und die Empfehlung zweier Geistlichen zur Aufnahme unerläßlich. Das die einzigen Bedingungen, die ich stelle, aber auf ihnen bestehe ich. Bitte, beobachten Sie, daß alle Zimmer ventiliert und sämtliche Bettstellen von Eisen sind, und bemerken Sie gütigst, während wir wieder in das untere Stock hinabsteigen, daß die Thür dort im Nothfall jede Verbindung zwischen der dritten und der zweiten Etage abschließt. Die Zimmer dieser letzteren sind, mit Ausnahme meiner eigenen, ganz für die Aufnahme von weiblichen Kranken bestimmt. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß die größere Empfindlichkeit oder Empfindungsfähigkeit der weiblichen Constitution im Hinblick auf die größere Reinheit und freiere Circulation der Luft die höhere Lage des Schlafzimmers erheischt. Hier befinden sich die Damen unmittelbar unter meiner Behandlung, während mein Assistenzarzt, dessen Ankunft ich in acht Tagen erwarte, für die Herren im unteren Stocke sorgt. Bemerken Sie wieder beim Hinabsteigen in diese untere oder erste Etage eine Thür, welche außer mir und dem Hilfsarzte Jedermann einen Verkehr zwischen diesen beiden Stockwerken des Nachts unmöglich macht. Und nun, wo wir die Herrenstation der Anstalt erreicht und Sie ihre Einrichtung kennen gelernt haben, gestatten Sie mir, Sie in mein System selbst einzuweihen. Ich kann Ihnen gleich ein praktisches Beispiel davon geben, indem ich Ihnen ein unter meiner speciellen Leitung ausgestattetes Zimmer zeige, das ich für die Behandlung der complicirtesten Nervenleiden und Nervenzerrüttungen bestimmt habe, die etwa meiner Obhut anvertraut werden.«

Er öffnete die Thür eines am Ende des Corridors gelegenen, mit Nummer Vier bezifferten Zimmers. »Sehen Sie hinein, meine Damen und Herren«, sagte er, »und wenn Sie etwas bemerken, was Ihnen auffällt, so erwähnen Sie es gefälligst.«

Der Raum war nicht sehr groß, ein breites Fenster aber machte ihn sehr hell. Comfortable möbliert als Schlafzimmer, unterschied er sich sonst von andern Zimmern ähnlicher Art blos in einem Punkte: er hatte keinen Kamin. Auf ihre betreffende Frage wurden die Besucher bedeutet, daß das Zimmer im Winter mittels heißen Wassers geheizt werde, und dann gebeten, wieder auf den Corridor hinauszutreten, um sich unter sachverständiger Belehrung mit der besonderen Einrichtung des Raums bekannt zu machen, die ihnen allein entgehen dürfte.

»Zuvörderst, meine Damen und Herren«, sagte der Doctor, »ein Wort, buchstäblich nur ein Wort über Nervenstörung im Allgemeinen. Wie pflegt die Behandlung vor sich zu gehen, wenn, setzen wir den Fall, Seelenleiden Ihre körperliche Gesundheit untergraben hat und Sie sich an Ihren Arzt wenden? Er sieht Sie, hört Sie und verschreibt Ihnen zweierlei, ein Recept auf dem Papiere, das in der Apotheke bereitet wird, und ein anderes mündlich, in dem glücklichen Momente, wo Sie ihm sein Honorar bezahlen; dies letztere besteht in der allgemeinen Empfehlung, sich nicht aufzuregen. Mit diesem vortrefflichen Rathe verläßt Sie der Doctor und ersucht Sie, sich nur aller weiteren Sorge wegen Ihres Leidens zu entschlagen, bis er wiederkommt. Da tritt jetzt mein System ein und hilft Ihnen. Wenn ich sehe, es ist nothwendig, daß Sie sich geistig ruhig verhalten, so packe ich den Stier bei den Hörnern und verrichte das Erforderliche für Sie. Ich versetze Sie in eine Sphäre der Thätigkeit, wo die zehntausend Kleinigkeiten, welche nervöse Leute zu Hause irritieren, ausdrücklich berücksichtigt und aus dem Wege geräumt sind; undurchdringliche moralische Bollwerke sind aufgerichtet zwischen dem Aerger und Ihnen. Finden Sie mir hier in diesem Hause eine Thür, die knarrt, wenn Sie kommen! Finden Sie mir einen dienstbaren Geist in diesem Hause, der mit dem Theegeschirr klappert, wenn er es abräumt! Entdecken Sie mir kläffende Hunde, krähende Hähne, hämmernde Arbeiter, schreiende Kinder hier, und ich mache mich verbindlich, morgenden Tags mein Sanatorium zu schließen! Sind solche Störungen nervösen Personen etwa angenehme Unterhaltungen? Fragen Sie einmal bei ihnen nach! Können Sie dergleichen Störungen zu Hause entgehen? Fragen Sie einmal! Wird nicht ein zehn Minuten langes Hundegebell oder Kindergeheul Alles wieder in Frage stellen, was eine monatelange ärztliche Behandlung dem Nervenleidenden etwa genützt hat? Kein competenter Arzt in England wird dies zu leugnen wagen! Aus diesen einfachen Grundsätzen basiert nun mein System. Meiner Ansicht nach ist die ärztliche Behandlung der Nervenleiden blos ein Unterstützungsmittel für die moralische. Diese moralische Behandlung aber finden Sie hier bei mir; diese moralische Behandlung, wie sie den ganzen Tag hindurch unablässig prakticirt wird, folgt dem Kranken in sein Schlafzimmer des Nachts und beschwichtigt, stärkt und heilt ihn, ohne daß er es selbst gewahr wird. Sie sollen sogleich erfahren wie.« Der Doctor pausierte, um zu verschnaufen, und sah sich zum ersten Male, seit seine Besucher bei ihm waren, nach Miß Gwilt um. Zum ersten Male mischte sie ihrerseits sich unter die Anwesenden und sah ihn wieder an. Nach einem kurzen Hüsteln fuhr der Doctor fort:

»Nehmen Sie an, meine Damen und Herren, mein Kranker sei so eben erst in die Anstalt gekommen. Sein Geist ist nichts als ein Chaos von nervösen Einbildungen und Capricen, die seine Angehörigen und Freunde beim besten Willen unbewußt genährt und gereizt haben. Sie haben sich zum Beispiel des Nachts vor ihm gefürchtet, haben ihn gezwungen, Jemand im selben Zimmer mit ihm schlafen zu lassen, oder ihm verboten, seine Thür zu verschließen, um im Nothfall zu ihm kommen zu können. Den ersten Abend nun sagt er zu mir: « «Hören Sie, ich will Niemand mit in meinem Zimmer haben!« — »Gewiß nicht!« — »Meine Thür muß ich verschließen dürfen!« — »Versteht sich von selbst!« Er geht hinein, verschließt seine Thür und ist besänftigt und beruhigt, weil man ihm seinen Willen gelassen, dem Vertrauen wie dem Schlafe zugänglich. »Alles gut und schön«, werden Sie sagen; »allein gesetzt, es passiert ihm etwas, er hat einen Krampfanfall oder dergleichen in der Nacht, was dann?« Sie werden es sehen. Halloh, mein junger Freund«, rief der Doctor, plötzlich den schläfrigen kleinen Knaben anredend, »wir wollen einmal mit einander spielen. Du sollst der arme kranke Mann sein und ich bin der gute Doctor. Geh da in das Zimmer hinein und mache die Thür zu. Schön, das ist ein braver Junge! Hast Du zugeschlossen? Sehr gut. Glaubst Du, daß ich zu Dir kommen kann, wenn ich will? Ich warte hübsch, bis Du eingeschlafen bist, dann drücke ich auf diesen kleinen weißen Knopf hier, der im Muster der Tapete verschwindet; geräuschlos schiebt sich drinnen der Riegel des Schlosses zurück und ich gehe ins Zimmer, so oft ich eben Lust habe. Ganz so geschieht es mit dem Fenster. Mein capriciöser Kranker will es des Nachts nicht öffnen, wenn es Vielleicht gut für ihn wäre. »Machen Sie es zu, lieber Herr, unter allen Umständen!» sage ich ihm freundlich, und sobald er schläft, ziehe ich an dem in der Ecke der Wand verborgenen Griff, und leise geht das Fenster auf, wie Sie sehen. Nehmen wir jetzt an, der Patient gefällt sich gerade im Gegentheil in der Caprice, das Fenster während der Nacht nicht schließen zu wollen. Lassen Sie ihn nur machen! Wenn er in seinem Bette liegt, ziehe ich an einem andern Griff, dem hier, und geräuschlos und im Nu fällt das Fenster zu. Nichts, was ihn reizt, meine Damen und Herren, absolut nichts, was ihn reizen kann! Doch ich bin noch nicht fertig mit ihm. Trotz aller meiner Vorsichtsmaßregeln kann es geschehen, daß einmal eine epidemische Krankheit ihren Weg in mein Sanatorium findet und die Luftreinigung des Krankenzimmers unerläßlich wird. Nun kann aber der Kranke außer seinem Nervenleiden noch mit andern Uebeln zu kämpfen haben, zum Beispiel mit asthmatischen Beschwerden; in dem einen Falle wird Räucherung im andern eine größere Zuführung von Sauerstoff ihm Erleichterung gewähren. Der typhöse Kranke sagt: »Ich will nicht im Rauche ersticken!«, der Asthmatiker verliert den Athem bei dem entsetzlichen Gedanken, daß eine chemische Explosion im Zimmer losgehen soll. Geräuschlos räuchere ich den erstern und ebenso geräuschlos oxygenisire ich den andern mittels eines einfachen Apparats, welcher außen in der Ecke hier angebracht ist. Ein hölzernes Futteral umhüllt ihn, zu welchem ich allein den Schlüssel habe, und durch eine Röhre communicirt er mit dem inneren Raum des Zimmers. Sehen Sie sich den Apparat an!«

Mit einem Blick auf Miß Gwilt schloß der Doctor den Deckel des hölzernen Kastens auf und enthüllte nichts Merkwürdigeres als einen großen Steinkrug, in dessen Korkstöpsel ein gläserner Trichter und ein mit der Wand communicirendes Rohr eingefügt waren. Mit einem abermaligen Blicke auf Miß Gwilt schloß der Doctor den Deckel wieder zu und fragte so sanft wie nur möglich, ob man jetzt sein System verstände.

»Ich könnte Sie noch«, nahm er wieder das Wort, als er seinen Besuch die Treppe hinabführte »mit verschiedenen andern Vorrichtungen der nämlichen Art bekannt machen, allein es wäre doch nur eine Wiederholung des bereits Gesehenen. Ein Nervenleidender, welchem man immer den Willen läßt, ist ein Nervenleidender, der sich niemals ärgert und aufregt, und ein Nervenleidender, welcher sich niemals ärgert und aufregt, ist geheilt. Da haben Sie meine Theorie in nuce! Kommen Sie, meine Damen, und sehen Sie sich die Apotheke an, erst die Apotheke und dann die Küche.«

Von neuem schlüpfte Miß Gwilt hinter die Besucher und wartete hier, das Zimmer, welches der Doctor geöffnet, und den Apparat, den er aufgeschlossen hatte. fest ins Auge fassend. Ohne daß ein Wort zwischen den Beiden gefallen wäre, hatte sie ihn abermals verstanden. So gut, als wenn er es ihr ausdrücklich eingestanden hätte, wußte sie, daß er ihr schlau die erforderliche Versuchung in den Weg führte, vor Zeugen, die, falls etwas Ernstliches passierte, den anscheinend so unschuldigen Vorgang bekunden konnten. Der Apparat, ursprünglich construirt, um den medicinischen Schrullen des Doctors zu dienen, konnte offenbar noch andere Zwecke erfüllen, von welchen sich dieser selbst bis jetzt wahrscheinlich nichts hatte träumen lassen. Und jedenfalls wurde ihr, noch ehe der Tag vorüber, dieser andere Gebrauch im rechten Momente vor dem rechten Zeugen offenbart. »Diesmal wird Armadale sterben«, sagte sie zu sich selbst, als sie langsam die Treppe hinabging. »Durch meine Hand wird ihn der Doctor umbringen.«

In der Apotheke gesellte sie sich wieder zu den Besuchern. Alle Damen bewunderten die Schönheit des alterthümlichen Schrankes, und in natürlicher Folge wollten alle sehen, was darin war. Nachdem er erst einen raschen Blick auf Miß Gwilt geworfen hatte, schüttelte der Doctor gutgelaunt den Kopf. »Es ist nichts darin«, sagte er, »was Sie interessieren kann, nichts als armselige kleine Flaschen mit den in der Medicin gebräuchlichen Giften, die ich unter Schloß und Riegel halte. Kommen Sie lieber in die Küche, meine Damen, und beehren Sie mich unten mit Ihrem Rathe über die Haushaltungsangelegenheiten.« Während die Gesellschaft durch das Vorhaus schritt, warf er abermals einen Blick auf Miß Gwilt, welcher deutlich sagte: »Warten Sie hier!«

Im Verlauf einer weitem Viertelstunde hatte der Doctor seine Ansichten über Küche und Diät entwickelt; die Besucher, gebührend mit Prospecten versehen, verabschiedeten sich von ihm an der Thür. »Wirklich ein geistiger Genuß!« sprachen sie zu einander, als sie, eine schmuck gekleidete Procession, aus dem Gitterthor strömen. »Und was für ein ausgezeichneter Mann!«

Zerstreut vor sich hinsummend, kehrte der Doctor zur Apotheke zurück und vergaß ganz, daß Miß Gwilt in einer Ecke der Halle aus ihn wartete. Nach kurzem Zaudern folgte sie ihm. Der Gehilfe war im Zimmer, im Augenblicke erst von seinem Herrn beschieden, als sie eintrat.

»Doctor«, sagte sie kalt und mechanisch, als wenn sie eine eingelernte Lectüre aussagte, »wie die andern Damen hätte ich sehr gern gesehen, was in Ihrem hübschen Schranke ist. Wollen Sie jetzt, wo die Andern fort sind, mir nicht zeigen, was sich darin befindet?«

Der Doctor lachte in seiner angenehmsten Weise.

»Die alte Geschichte«, sprach er. »Blaubart’s verschlossene Kammer und Weiberneugier! —— Bleiben Sie, Benjamin, bleiben Sie. —— Meine liebe Dame, welches Interesse können Sie denn an einer Arzneiflasche nehmen, weil diese eben zufällig eine Giftflasche ist?«

Zum zweiten Male sagte sie ihre Lectüre auf.

»Es interessiert mich, mir die Flaschen zu besehen«, entgegnete sie, »und dabei zu denken, welche furchtbaren Dinge sie anrichten könnten, wenn sie in mancher Leute Hände kämen.«

Mit einem mitleidigen Lächeln sah der Doctor seinen Gehilfen an.

»Wundersam, Benjamin«, sagte er; »der unwissenschaftliche Geist faßt selbst unsere Arzneien romantisch auf. Meine Verehrte«, wandte er sich wieder an Miß Gwilt, »wenn nur das Gift und das Unheil, welches es stiften könnte, Sie an der Sache interessieren, so brauche ich Ihnen nicht erst meinen Schrank aufzuschließen. Sie brauchen sich nur in den Regalen umzusehen, die rund um das Zimmer laufen. In diesen Flaschen befinden sich alle möglichen medicinischen Flüssigkeiten und Substanzen, die, an sich meist harmlos und nützlich, in Verbindung mit andern Substanzen und andern Flüssigkeiten so gräßliche und tödtliche Gifte werden können wie nur irgend eins, das ich dort unter Schloß und Riegel halte.«

Sie sah ihn. einen Augenblick an und schritt dann auf die andere Seite des Zimmers hinüber.

»Zeigen Sie mir eins!« bat sie.

Noch immer gutgelaunt lächelnd, willfahrte der Doctor seiner Nervenkranken. Er wies auf die Flasche, aus der er gestern im Stillen die Flüssigkeit ausgegossen und die er mit einer die Farbe sorgfältig nachahmenden Mixtur seiner eigenen Fabrikation wieder gefüllt hatte.

»Sehen Sie die Flasche dort?« fragte er, »die dicke, runde, behaglich aussehende Flasche? Auf den Namen der Flüssigkeit darin kommt es nicht an, wir halten uns an die Flasche und unterscheiden Sie, wenn Sie so wollen, von andern durch einen Namen unserer eigenen Erfindung. Wie wäre es, wenn wir sie unsern starken Freund nennten? Vortrefflich. Unser starker Freund ist an sich eine ganz harmlose und nützliche Arznei; Tag für Tag wird er in der ganzen civilisirten Welt Zehntausenden von Patienten verordnet. Er hat noch keine romantische Rolle vor Grichtshöfen gespielt, noch kein athemloses Interesse in Romanen erregt, noch nicht auf der Bühne die Zuschauer in Schrecken gesetzt. Da ist er, ein unschuldiges, harmloses Geschöpf, das Niemand die Nothwendigkeit auflegt, ihn hinter Schloß und Riegel zu legen. Bringen Sie ihn aber mit etwas Anderm in Berührung, machen Sie ihn mit einer gewissen gewöhnlichen mineralischen Substanz bekannt, die aller Welt leicht zugänglich ist, nehmen Sie etwa sechs Dosen von unserm starken Freund und gießen Sie diese in Zwischenräumen von ungefähr fünf Minuten nacheinander auf die Mineralstückchem die ich eben erwähnte. Bei jedem Aufguß werden Mengen kleiner Blasen entstehen; fangen Sie nun das Gas dieser Blasen auf und führen es in ein verschlossenes Zimmer über, wenn dann auch Simson selbst in diesem verschlossenen Zimmer wäre, unser starker Freund wird ihn in einer halben Stunde tödten, wird ihn langsam tödten, ohne daß er etwas sieht, ohne daß er etwas riecht, ohne etwas Anderes zu fühlen als Schläfrigkeit, wird ihn tödten und dem Collegium der Aerzte nichts erzählen, wenn es seine Todtenschau abhält, nichts weiter, als daß er am Schlagfluß oder Lungenlähmung gestorben ist! Was meinen Sie, meine liebe Dame, klingt das nicht geheimnißvoll und romantisch? Interessiert Sie jetzt unser harmloser starker Freund nicht ganz ebenso, als erfreute er sich der nämlichen fürchterlichen Popularität wie Arsenik und Strychnin, die ich dort im Schranke eingeschlossen habe? Denken Sie nicht, daß ich übertreibe! Denken Sie nicht, daß ich eine Geschichte erfinde, um Sie los zu werden, wie die Kinder sagen! Fragen Sie Benjamin da«, sagte der Doctor, an seinen Gehilfen appellierend, während seine Augen Miß Gwilt fixierten. »Fragen Sie Benjamin«, wiederholte er und legte auf die folgenden Worte den stärksten Nachdruck, »fragen Sie, ob sechs Dosen aus jener Flasche, von fünf zu fünf Minuten aufgegossen, unter den Ihnen erörterten Bedingungen nicht die Wirkung hervorbringen würden, die ich Ihnen geschildert habe.«

Der Apotheker, der Miß Gwilt aus der Ferne bescheiden bewunderte, stand erröthend auf, offenbar geschmeichelt von der kleinen Aufmerksamkeit, die ihn mit in das Gespräch gezogen hatte.

»Der Herr Doctor hat ganz Recht, Madame«, redete er unter seiner besten Verbeugung Miß Gwilt an; »das erzeugte Gas würde in einer halben Stunde vollkommen «seine Schuldigkeit thun. Und«, setzte er hinzu, um seinerseits einige chemische Kenntniß an den Tag legen zu können, »das nach Ablauf einer halben Stunde ausgeströmte Volumen des Gases würde, wenn ich mich nicht täusche, Sir, in weniger als fünf Minuten schon Jedem gefährlich werden, der das Zimmer beträte.«

»Ohne Zweifel, Benjamin«, entgegnete der Doctor. »Für jetzt aber, denke ich, haben wir genug der Chemie gehabt«, wandte er sich an Miß Gwilt. »So sehr mir am Herzen liegt, Verehrteste, jeden Ihrer selbst flüchtigen Wünsche zu befriedigen, erlaube ich mir doch ein erfreulicheres Thema vorzuschlagen. Ich dachte, wir verließen die Apotheke, ehe sie Ihrem forschenden Geiste noch andere Fragen eingibt. Nein? Sie wollen ein Experiment sehen? Sie möchten gern sehen, wie die kleinen Blasen erzeugt werden? Gut, gut! Da ist nichts Arges dabei. Wir wollen Mrs. Armadale die Blasen zeigen«, fuhr er im Tone eines Vaters fort, der einem verzogenen Kind den Willen thut. »Sehen Sie, ob Sie ein paar Stücke von dem, was wir brauchen, finden können, Benjamin. »Ich glaube wohl, die Arbeiter, die nachlässigen Burschen, haben etwas der Art im Hause oder im Garten zurückgelassen.

Der Hausapotheker ging aus dem Zimmer.

Sobald er den Rücken gewandt hatte, begann der Doctor mit dem Gebaren eines Mannes, der etwas eilig braucht und nicht gleich weiß, wo er es suchen soll, an verschiedenen Stellen der Apotheke eine Reihe von Kästen auf- und zuzuschließen. »Gott im Himmel!« rief er aus, plötzlich vor dem Kasten stehen bleibend, aus dem er gestern seine Einladungskarten herausgenommen hatte, »was ist das? Ein Schlüssel? So wahr ich lebe, ein zweiter Schlüssel zu meinem Räucherungsapparat oben! Ach Beste, Beste, wie nachlässig ich werde«, sagte der Doctor, sich rasch nach Miß Gwilt umdrehend; »ich habe auch nicht die leiseste Ahnung von der Existenz dieses zweiten Schlüssels gehabt; ich würde ihn nicht vermißt haben, ich versichere Ihnen, ich hätte ihn nicht vermißt, wenn mir ihn Jemand aus dem Kasten genommen hätte!« Ohne den Kasten zu verschließen oder das Schlüsselduplicat an sich zu nehmen, trippelte er geschäftig nach der andern Seite des Zimmers.

Schweigend hatte ihm Miß Gwilt zugehört, schweigend glitt sie an den Kasten, schweigend nahm sie den Schlüssel heraus und versteckte ihn in ihrer Schürzentasche.

Der Apotheker brachte in einer Schüssel die gewünschten Steinbrocken »Ich danke Ihnen, Benjamin«, sagte der Doctor »Gießen Sie gefälligst Wasser darauf, während ich die Flasche herunterhole.«

Wie manchmal in den bestorganisierten Familien böse Zufälligkeiten eintreten, so überkommt oft die Ungeschicklichkeit die vollkommenst geschulten Hände. Als der Doctor die Flasche vom Regale herunternehmen wollte, entglitt ihm die Flasche und zerschellte auf dem Boden in Stücke.

»Ach, meine Finger!« rief der Doctor in komischem Aerger. »Wie kann mir so ein fataler Streich passieren? Doch, doch —— ’s ist nun nicht mehr zu ändern. Haben Sie noch etwas davon, Benjamin?«

»Nicht einen Tropfen, Sir.«

»Nicht einen Tropfen!« wiederholte der Doctor. »Meine beste Dame, wie kann ich mich bei Ihnen unschuldigen? Für heute hat meine Ungeschicklichkeit unser kleines Experiment unmöglich gemacht. Erinnern Sie mich daran, Benjamin, daß wir morgen wieder etwas bestellen und bemühen Sie sich nicht, die Scherben aufzulesen. Einer hölzernen Diele und einem drohenden Wischlappen gegenüber ist unser starker Freund harmlos genug! Es thut mir so leid, so aufrichtig leid, daß ich in Ihnen vergebliche Erwartungen erregt habe.« Mit diesen Beruhigungsworten bot er Miß Gwilt den Arm und führte sie aus der Apotheke hinaus.

»Sind Sie jetzt mit mir fertig?« fragte sie, als sie durch die Halle gingen.

»Ach, Gott, wie Sie das auffassen!« rief der Doctor aus. »Um sechs Uhr speisen wir zu Mittag«, setzte er in vollendeter Höflichkeit hinzu, als sie sich in schweigender Verachtung von ihm abwandte und die Treppe nach ihrem Zimmer hinaufstieg.

Eine Uhr der geräuschlosesten Art, unfähig, reizbare Nerven zu afficiren, hing auf dem ersten Treppenabsatz an der Wand. Im Augenblicke, wo die Weiser auf dreiviertel sechs zeigten, wurde das Schweigen des öden oberen Stockwerks durch das Rauschen von Miß Gwilt’s Kleide unterbrochen. Sie bewegte sich längs des Corridors der ersten Etage, blieb bei dem vor Nummer vier in der Wand angebrachten Apparat stehen, horchte eine Minute und schloß dann den Deckel auf.

Der offene Deckel warf einen Schatten auf das Innere des Behältnisses. Was sie zuerst sah, war nichts Anderes, als was sie schon gesehen hatte: der Krug, die Röhre und der im Korkstöpsel eingefügte Trichter. Sie entfernte den letzteren und bemerkte auf dem dicht daneben befindlichen Fensterstocke einen Stab, an dessen Spitze zum Anzünden des Gases ein Stückchen Wachsstock befestigt war. Diesen Stock nahm sie und ihn durch die vorher von dem Trichter geschlossene Oeffnung in den Krug einführend, bewegte sie ihn in diesem auf und nieder. Ein schwaches Plätschern und der kratzende Ton an harten Körpern, die sie umrührte, drangen an ihr Ohr. Sie zog den Stab wieder heraus und berührte das daran haftende Naß vorsichtig mit der Zunge. Diesmal war die Vorsicht unnöthig gewesen, die Flüssigkeit war Wasser.

Den Trichter wieder an seinem Platz befestigend, gewahrte sie in dem schwach beleuchteten Raume neben dem Kruge einen matt schimmernden Gegenstand. Sie hob ihn heraus und brachte ein Flacon von Rubinglas zum Vorschein. Die Flüssigkeit, mit der es gefüllt war, ließ sich durch das durchscheinende hellere Krystallglas erkennen; an der einen Seite der Flasche zeigten sich sechs dünne Papierstreifen angeheftet, welche den Inhalt in sechs gleiche Theile theilten.

Jetzt war es keinem Zweifel mehr unterworfen, daß der Apparat insgeheim für sie hergerichtet worden war, der Apparat, zu dem sie außer dem Doctor einzig und allein den Schlüssel besaß.

Sie stellte das Flacon wieder hin und verschloß den Kasten. Ein paar Sekunden blieb sie, den Schlüssel in der Hand, noch stehen und sah sich die Vorrichtung an. Mit einem Male kehrte die Farbe auf ihre Wangen und mit ihr ihre natürliche Lebhaftigkeit zurück. Athemlos eilte sie auf ihr Zimmer im zweiten Stocke; mit raschen Händen riß sie den Mantel aus dem Kleiderschranke und nahm den Hut aus der Schachtel. »Ich bin nicht im Gefängniß« brach sie heftig aus. »Noch habe ich den Gebrauch meiner Glieder! Sobald ich erst wieder aus diesem Hause bin, kann ich gehen, wohin ich will!«

Den Mantel um die Schultern, den Hut in der Hand schritt sie nach der Thür. Noch einen Augenblick, und sie wäre draußen auf dem Corridor gewesen. In diesem Moment trat ihr der Gedanke an ihren Gatten wieder vor die Seele, an ihn, den sie ins Gesicht hinein verleugnet hatte. Sofort hemmte sie ihren Lauf und schleuderte Mantel und Hut auf ihr Bett. »Nein«, sagte sie, »der Abgrund zwischen uns ist gegraben, das Schlimmste schon vollbracht!«

Da klopfte es an die Thür. Höflich mahnte sie draußen die Stimme des Doctors, daß es sechs Uhr sei.

Sie öffnete die Thür und hielt ihn auf.

»Um welche Zeit trifft heute der Zug ein?« fragte sie flüsternd.

»Um zehn Uhr«, antwortete der Doctor so unbefangen und laut, daß alle Welt ihn hätte hören können.

»Was für ein Zimmer soll Mr. Armadale eingeräumt werden, wenn er kommt?«

»Welches Zimmer möchten Sie für ihn haben?«

»Nummer vier.«

Bis zuletzt wahrte der Doctor den Schein.

»Sei es denn Nummer vier«, sagte er verbindlich, »vorausgesetzt natürlich, daß Nummer vier zur Zeit unbesetzt ist.«

Der Abend verstrich und die Nacht brach herein.

Einige Minuten vor zehn war Bashwood wieder auf seinem Posten, um abermals den kommenden Zug abzuwarten.

Der dienstthuende Inspector, der ihn von Angesicht kannte und sich nachgerade überzeugt hatte, daß Bashwood’s regelmäßige Anwesenheit auf dem Bahnhofe keine Speculationen auf die Koffer und Geldbeutel der Reisenden involviere, nahm heute Nacht zweierlei wahr. Erstens sah Bashwood, anstatt seine gewöhnliche Heiterkeit zu zeigen, sorgenvoll und niedergeschlagen aus, und sodann wurde derselbe, während er auf den Zug lauerte, seinerseits von einem schmächtigen brünetten Mann mittlerer Größe belauscht, der den Abend vorher sein Gepäck das mit dem Namen Midwinter etikettiert war, im Zollhause zurückgelassen und vor einer Stunde sich eingefunden hatte, um es abzuholen.

Was hatte Midwinter nach dem Bahnhofe geführt und warum wartete auch er auf den Zug? Nachdem er in vergangener Nacht seine einsame Wanderung bis Hendon ausgedehnt, hatte er im Dorfwirthshause Unterkunft gesucht und war aus reiner Erschöpfung erst in jenen späteren Morgenstunden eingeschlafen, die seine Frau wohlweislich zu benutzen verstanden hatte. Als er nachher wieder in der Wohnung derselben erschien, konnte ihm die Hauswirthin blos mittheilen, daß ihre Mietherin bereits vor länger als zwei Stunden Alles abgemacht und sich —— wohin, das konnte sie nicht sagen —— alsbald wieder entfernt habe.

Nach einigen weiteren Erkundigungen mußte sich Midwinter leider überzeugen, daß er vor der Hand die Spur seines Weibes als verloren zu betrachten habe. Düster verließ er das Haus und setzte mechanisch seinen Weg nach den lebhaftem und centralern Theilen der Hauptstadt fort. Jetzt, wo sich ihm der Charakter seiner Frau enthüllt hatte, noch unter der ihm gegebenen Adresse ihrer Mutter nachzufragen, wäre ein vollkommen fruchtloses Beginnen gewesen. Entschlossen, sie trotz alledem aufzuspüren, durchwanderte er die Straßen, aber die Mittel dazu wollten sich nicht finden lassen, bis das Gefühl seiner Erschöpfung sich von neuem geltend machte. In das erste beste Hotel eintretend, an dem er vorüberkam, erinnerte ihn ein zufälliger Streit des Kellners mit einem Gaste wegen eines abhanden gekommenen Koffers an sein eigenes Gepäck, das er auf dem Bahnhofe gelassen, und sofort dachte er auch an die seltsamen Umstände, unter denen er Bashwood auf dem Perron getroffen hatte. Im nächsten Augenblicke leuchtete es ihm ein, wie vergeblich sein Suchen in den Straßen sei; noch ein paar Sekunden, und er beschloß, zu probieren, ob er den Verwalter nicht zufällig wieder auf dem Bahnhofe finden könne, wo der Mann augenscheinlich auf die Ankunft Jemandes lauerte, den er schon mit dem gestrigen, Tage erwartet hatte.

Von der Nachricht von Allan’s Wellentode nichts wissend, bei der gestrigen furchtbaren Unterredung mit seiner Frau unbekannt geblieben mit der Absicht, die sie mit ihrer Wittwentracht verfolgte, hatte Midwinter seinen ersten vagen Verdacht ihrer Untreue jetzt zu der unwandelbaren Ueberzeugung entwickelt, daß sie ihn betrog. Nur eine Auslegung aber vermochte er ihrem unerhörten Benehmen gegen ihn zu geben, nur einen Grund sah er dafür, daß sie den Namen angenommen, unter dem er sie geheirathet hatte. Aus ihrem Verhalten mußte er unvermeidlich folgern, daß sie in eine gemeine Intrigue verwickelt sei und daß sie schlau und gemein sich die Stellung zu sichern gewußt habe, in der, das wußte sie, wie in keiner andern es ihm widerstrebte, seinen Anspruch auf sie zu erheben. Mit dieser Ueberzeugung lauerte er jetzt auf Bashwood, im festen Glauben, daß dem feilen Diener ihrer Laster das Versteck seiner Frau bekannt sein müsse, und in dem unbestimmten Argwohn, der unbekannte Mann, welcher ihn gekränkt hatte, und der unbekannte Reisende, auf dessen Ankunft Bashwood harrte, möchten eine und dieselbe Person sein.

Der Zug kam spät heute Abend, und als er endlich in den Bahnhof einfuhr, war das Wagengedränge ärger denn je. Midwinter sah sich in die allgemeine Verwirrung auf dem Perron verwickelt und in der Anstrengung, sich aus ihr herauszuwinden, verlor er Bashwood zum ersten Male aus dem Gesichte.

Ein paar Minuten waren verflossen, ehe er den Verwalter wieder ausfindig machen konnte, wie derselbe sich eifrig mit einem Mann in einem zottigen Rocke unterhielt, der ihm den Rücken zukehrte. Alle Vorsicht und Zurückhaltung vergessend, die er vor Ankunft des Zuges sich selbst ausgelegt hatte, ging Midwinter sofort auf sie zu. Bashwood sah das drohende Gesicht des Nahenden und trat schweigend zurück. Der Mann im zottigen Rocke wandte sich um; er sah dahin, wohin der Verwalter seine Blicke richtete, und im vollen Lichte der Gaslaternen entdeckte Midwinter Allan’s Gesicht.

Für den Augenblick standen beide sprachlos da und sahen sich einander an. Allan war der erste, der sich von seinem Erstaunen erholte.

»Gott sei Dank!« sprach er warm. »Ich frage nicht, wie Du hierher kommst, es ist mir genug, daß Du gekommen bist. Ich habe schon jammervolle Nachrichten erhalten; nur Du kannst mich trösten und mir’s tragen helfen!« Bei den letzten Worten versagte ihm die Stimme; er mußte schweigen.

Der Ton, in dem er gesprochen, rüttelte Midwinter so weit auf, daß das alte Interesse für den Freund, —— welches einst das höchste aller seiner Interessen gewesen, wieder in ihm erwachte. Zum ersten Male, seit dieser ihn befallen, beherrschte er seinen eigenen Kummer und fragte, Allan sanft beiseite ziehend, was geschehen sei.

Allan erzählte ihm von dem falschen Gerüchte seines Todes, das sich verbreitet habe und bis zu Miß Milroy’s Ohren gedrungen sei, und wie in beklagenswerther Folge dieses Schlags die Majorstochter in der Nachbarschaft von London habe in ärztliche Behandlung gegeben werden müssen.

Ehe er seinerseits das Wort nahm, sah sich Midwinter mißtrauisch um. Bashwood war ihnen gefolgt und lauschte, was sie nun sprechen würden.

»Hat er hier aus Deine Ankunft gewartet, um Dir’s von Miß Milroy zu erzählen?« fragte Midwinter und blickte von Bashwood zu Allan.

»Ja«, antwortete Allan. »Abend für Abend ist er so gut gewesen, hier zu warten, um mich zu treffen und mir die Nachricht schonend beizubringen.«

Midwinter schwieg. Umsonst suchte er den Schluß, welchen er aus seines Weibes Verhalten gezogen, mit der Entdeckung zu vereinbaren, daß Allan der Mann war, auf dessen Ankunft Bashwood gewartet hatte. Die einzige Aussicht, die sich jetzt ihm darbot, dem Geheimniß näher auf die Spur zu kommen, war, den Verwalter in dem einzigen Punkte zu attackieren, wo sich derselbe dem Angriffe bloßgestellt hatte. Gestern Abend hatte Bashwood unbedingt geleugnet, etwas von Allan’s derzeitigem Thun und Treiben zu wissen oder an dessen Rückkehr nach England ein persönliches Interesse zu haben. Hatte er somit Bashwood auf einer Lüge ertappt, so argwöhnte er auf der Stelle, daß jener jetzt auch Allan belüge. Unverzüglich ergriff er also die Gelegenheit, die hinsichtlich Miß Milroy’s gemachte Angabe näher zu prüfen.

»Wie sind Sie zu dieser traurigen Kunde gekommen?« forschte er, sich plötzlich an Bashwood wendend.

»Natürlich durch den Major«, erwiderte Allan, bevor der Verwalter antworten konnte.

»Wer ist der Arzt, der Miß Milroy behandelt?« fuhr Midwinter fort an Bashwood das Wort zu richten.

Wiederum gab der Verwalter keine Antwort, wiederum antwortete Allan für ihn.

»Es ist ein Mann mit fremdem Namen«, sagte Allan; »er hat ein Sanatorium bei Hampstead. Wie sagten Sie daß der Ort heiße, Mr. Bashwood?«

»Fairweather-Vale, Sir«, entgegnete der Verwalter, nothgedrungen, doch ersichtlich unwillig seinem Herrn Rede stehend.

Bei der Adresse des Sanatoriums fiel Midwinter unverzüglich ein, daß er gestern Abend seine Frau in einer von den Fairweather Villen ausgespürt hatte. Jetzt dämmerte ihm durch das Dunkel ein schwaches Licht auf. Der Instinct, der mit der Noth kommt, ehe noch der langsamere Proceß des Denkens sich vollziehen kann, führte ihn mit einem Schlage zu dem Schlusse, daß Bashwood, der gestern sicher unter dem Einflusse seiner, Midwinter’s, Frau gehandelt hatte, auch jetzt wieder das Werkzeug derselben sein dürfte. Mit der sich immer mehr in ihm befestigenden Ueberzeugung, daß Bashwood’s Angabe eine Lüge und seine Frau dabei betheiligt sei, beharrte er darauf, dieser Angabe näher auf den Grund zu kommen.

»Ist der Major in Norfolk«, fragte er, »oder ist er bei seiner Tochter in London?«

»Ja Norfolk«, sagte Bashwood, mehr Allan’s forschendem Blicke als Midwinter’s Frage antwortend. Dann sah er dem letzteren zum ersten Male ins Gesicht und setzte hastig hinzu: »Ich protestiere gegen ein Kreuzverhör, Sir. Ich weiß, was ich Mr. Armadale gesagt habe, mehr aber nicht.«

Die Worte und der Ton, in dem sie gesprochen wurden, waren gleich verschieden von Bashwood’s gewöhnlicher Sprache und gewöhnlichem Tone. In seinem Gesichte lag eine düstere Niedergeschlagenheit, in seinen Augen, als sie Midwinter ansah ein heimliches Mißtrauen und Mißvergnügen, wie es dieser noch nie an ihm bemerkt hatte. Ehe er aus die seltsame Rede Bashwoods antworten konnte, fiel Allan ein.

»Halte mich nicht für ungeduldig«, sagte er, »aber es wird spät und es ist ein weiter Weg nach Hampstead. Ich fürchte, das Sanatorium wird sonst schon geschlossen sein.«

Midwinter erschrak. »Du willst doch nicht heute Abend noch das Sanatorium aufsuchen?« rief er aus.

Allan nahm die Hand seines Freundes und drückte sie derb. »Hättest Du sie so lieb wie ich«, flüsterte er, »dann würdest Du nicht ruhen, könntest nicht schlafen, bis Du den Doctor gesehen und das Gute oder Schlimme gehört hättest, was er Dir mitzutheilen hat. Armes, liebes Herz! Wer weiß, wenn sie mich am Leben und gesund sieht ——« Die Thränen traten ihm in die Augen und schweigend wandte er den Kopf ab.

Midwinter sah den Verwalter an. »Bleiben Sie zurück!« herrschte er. »Ich habe mit Mr. Armadale zu sprechen.« Bashwood zog sich aus Hör-« doch nicht aus Gesichtsweite zurück, und Midwinter legte liebevoll seine Hand dem Freunde auf die Schultern.

»Allan«, begann er, »ich habe Gründe ——« Er hielt inne. Konnte er die Gründe angeben, bevor er sie selbst bestätigt gefunden hatte, dazu in der gegenwärtigen Stunde und unter diesen Umständen? Unmöglich! »Ich habe Gründe«, fing er wieder an, »Dir zu rathen, nicht zu bereitwillig zu glauben, was Bashwood sagt. Sage ihm das nicht, aber betrachte es als Warnung.«

Verwundert sah Allan seinen Freund an. »Du bist’s gewesen, der Mr. Bashwood immer gern hatte!« rief er aus. »Du hast ihm getraut, als er zuerst ins Herrenhaus kam!«

»Vielleicht habe ich damit nicht recht gethan, Allan, und vielleicht hast Du Recht gehabt. Willst Du nicht wenigstens warten, bis wir an Major Milroy telegraphieren und seine Antwort erhalten können? Willst Du nicht mindestens die Nacht vergehen lassen?«

»Ich werde wahnsinnig werden, wenn ich die Nacht über warte«, sagte Allan. »Du hast mich noch ängstlicher gemacht, als ich schon war. Wenn ich mit Bashwood nicht darüber sprechen soll, so muß und will ich nach dem Sanatorium gehen und vom Doctor selbst in Erfahrung bringen, ob sie dort ist oder nicht.«

Midwinter sah, daß er umsonst sprach. In Allan’s Interesse blieb ihm jetzt blos ein Weg übrig. »Willst Du mich mit Dir gehen lassen?« fragte er.

Allan’s Gesicht leuchtete auf. »Du lieber, guter Mensch!« rief er aus. »Gerade darum wollte ich Dich eben bitten.«

Midwinter winkte dem Verwalter. »Mr. Armadale geht nach dem Sanatorium«, sagte er, »und ich denke ihn zu begleiten. Holen Sie eine Droschke und kommen Sie mit uns.«

Dem Verwalter, dem streng eingeprägt war, wenn Allan käme, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, und der in seinem eigenen Interesse Midwinter’s unerwartetes Erscheinen erklären mußte, blieb keine Wahl übrig, als zu gehorchen. In mürrischer Unterwerfung that er denn, was ihm befohlen war. Die Schlüssel zu Allan’s Gepäck wurden dem fremden Kurier übergeben, den er mitgebracht hatte, und dem Manne geboten, im Eisenbahnhotel die weiteren Befehle seines Herrn abzuwarten, und so fuhren Midwinter und Allan, Bashwood auf dem Bocke neben dem Kutscher, aus dem Bahnhofe.

~~~~~~~~~~

Zwischen elf und zwölf Uhr in dieser Nacht hörte Miß Gwilt, welche allein am Corridorfenster ihrer Etage stand, das Rollen nahender Räder. Es wurde lauter und lauter und am eisernen Gitter hörte es auf. Sie sah, wie eine Droschke hier hielt.

Gegen Abend war der Himmel umwölkt gewesen, jetzt bellte er sich auf und der Mond kam zum Vorschein. Um besser zu sehen und zu hören, machte sie das Fenster auf und sah Allan aus dem Wagen steigen und dann mit einer darin sitzenden Person sprechen. Ehe sie diese selbst noch wahrnehmen konnte, sagte ihr die aus dem Cab heraus antwortende Stimme, daß Allan’s Begleiter ihr Mann sei.

Dieselbe Betäubung, die sie gestern bei ihrem Wiedersehen befallen hatte, befiel sie auch jetzt. Bleich und still, hager und alt stand sie am Fenster, wie sie dagestanden hatte, als sie sich ihm in ihrer Witwenkleidung gegenüber befand.

Mr. Bashwood, der sich rasch die Treppe hinaufgestohlen hatte, um ihr seinen Rapport abzustatten, sah sofort, als er sie erblickte, daß dieser Rapport unnöthig sei. »Es ist nicht meine Schuld«, war Alles, was er sagte, als sie langsam den Kopf wandte und ihn ansah. »Sie haben sich getroffen und es war unmöglich, sie wieder zu trennen.«

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und ersuchte ihn, still zu sein. »Warten Sie ein wenig«, sagte sie; »ich weiß bereits Alles.«

Darauf schritt sie langsam dem entferntesten Ende des Corridors zu, kehrte um und kam langsam mit finsterer Stirn und gesenktem Haupte wieder zu ihm; all ihre Anmuth und Schönheit war bis auf die ihr angeborene Grazie in ihren Bewegungen von ihr gewichen.

»Wollen Sie mit mir sprechen?« fragte sie. Ihr Geist schweifte weit von ihm weg und ihre Augen starrten ins Leere.

Wie noch nie« in ihrer Gegenwart raffte er seinen Muth zusammen.

»Treiben Sie mich nicht zur Verzweiflung«, schrie er mit fürchterlicher Heftigkeit. »Sehen Sie mich nicht so an, jetzt, wo ich’s entdeckt habe!«

»Was haben Sie entdeckt?« fragte sie mit der Miene momentanen Erstaunens, das indeß wieder verschwand, ehe er so viel Luft finden konnte, um ihr zu antworten.

»Mr. Armadale ist nicht der Mann, der Sie mir entrissen hat«, entgegnete er. »Mr. Midwinter ist es. Gestern habe ich’s bereits auf Ihrem Gesichte gelesen und jetzt lese ich’s wieder. Warum haben Sie »Armadale« unterzeichnet, als Sie mir schrieben? Warum nennen Sie sich noch immer Mrs. Armadale?«

In langen Zwischenpausen brachte er diese Worte heraus, und die Anstrengung, Her machte, ihrem Einflusse auf ihn zu widerstehen, war zugleich entsetzlich und kläglich anzusehen.

Sie sah ihn mit sanftem Blicken an. »Hätte ich Sie doch bemitleidet, als wir uns kennen lernten, wie ich Sie jetzt bemitleide!« sagte sie freundlich.

Verzweifelt mühte er sich ab, ihr zu sagen, was er auf der Fahrt vom Bahnhofe hierher ihr zu sagen sich vorgenommen hatte, Worte, welche dunkel andeuten sollten, daß er ihre Vergangenheit kenne, Worte, ihr anzukündigen, daß, was sie auch thun, auf welche Schandthaten sie sinnen möchte, sie doch zweimal überlegen solle, ehe sie ihn wieder hintergehe und verlasse. So hatte er sich gelobt mit ihr zu sprechen. Im Geiste hatte er sich schon Ausdrücke gewählt, hatte bereits die Sätze geformt und geordnet, nichts fehlte mehr, als durch das Sprechen selbst das Ganze zu krönen, und selbst jetzt, nach Allem, was er schon gesagt und gewagt hatte, ging dies über sein Vermögen! Trostlos stand er da und sah sie an, sodaß er ihr Mitleiden erregte, trostlos weinte er die stummen weibischen Thränen, die den Augen alter Männer entfallen.

Freundlich, doch ohne das leiseste Zeichen von Aufregung ergriff sie seine Hand.

»Auf mein Begehren haben Sie schon gewartet«, sagte sie mild. »Warten Sie bis morgen und Sie werden Alles wissen. Wenn Sie sonst nichts glauben, was ich Ihnen gesagt habe, dem, was ich Ihnen jetzt sage, können Sie glauben. Heute Nacht geht es zu Ende.«

Da ließ sich er Schritt des Doctors auf der Treppe hören. Mit in unsäglicher Erwartung klopfendem Herzen zog sich Bashwood zurück. »Heute Nacht gehts zu Ende!« sprach er zu sich selbst, während er sich nach der entgegengesetzten Seite des Corridors bewegte.

»Lassen Sie sich nicht stören, Sir«, sagte der Doctor verbindlich, als er eintrat. »Ich habe mit Mrs. Armadale nichts zu sprechen, was nicht Sie oder Jedermann sonst hören könnte.«

Ohne zu antworten, setzte Bashwood seinen Weg an das entfernteste Ende des Corridors fort, indem er bei sich immer wiederholte: »Heute Nacht geht’s zu Ende!« Der Doctor gesellte sich zu Miß Gwilt.

»Ohne Zweifel haben Sie gehört«, begann er in seinem sanftesten Tone, »daß Mr. Armadale angekommen ist. Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, meine theure Dame, daß nicht der geringste Grund vorhanden ist, daß Sie sich nervös aufregen. Ich habe ihn auf das beste beschwichtigt und er ist so ruhig und traitable, wie sich es seine besten Freunde nur wünschen können. Ich habe ihm mitgetheilt, daß heute Abend ihm keine Zusammenkunft mit der jungen Dame gestattet werden könne, daß er aber darauf rechnen dürfe, sie morgen früh bei Zeiten, sobald sie aufgestanden sei, zu sehen, natürlich unter den erforderlichen Vorsicht Maßregeln. Da kein Gasthof in der Nähe und die günstige Stunde ganz plötzlich eintreten kann, verstand es sich unter den obwalte eigenthümlichen Umständen von selbst, daß ich ihm die Gastfreundschaft des Sanatoriums anbot. Mit der allergrößten Dankbarkeit hat er sie angenommen und mir zugleich höchst gentlemännisch und rührend für die Mühe gedankt, die ich mir gegeben, ihn zu beruhigen. Ganz erfreulich, ganz zufriedenstellend bis hierher! Doch gab es dabei noch einen kleinen Haken —— jetzt ist er glücklich beseitigt —— den ich zu erwähnen für nothwendig erachtet, ehe wir uns sämtlich zur Ruhe begeben.«

Nachdem er sich in diesen Worten und so, daß Bashwood sie hören konnte, für die bereits früher an gekündigte Aussage im Falle von Allan’s plötzlichem Tode im Sanatorium den Weg gebahnt hatte, war er im Begriffe, weiter zu sprechen, als von unten heraus der Ton wie von einer Thür, die man zu öffnen versucht, seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte.

Unverzüglich ging er die Treppe hinab und schloß die Verbindungsthür zwischen dem ersten und dem zweiten Stock auf, die er beim Herausgehen selbst zugeschlossen hatte. Allein die Person, die sich an der Thür versucht hatte, wenn dies wirklich der Fall gewesen, war zu schnell für ihn. Er sah den Corridor hinab und über die Treppe in das Vorhaus, entdeckte indeß nichts. So kehrte er, nachdem er die Verbindungsthür zum zweiten Male verschlossen hatte, zu Miß Gwilt zurück.

»Verzeihen Sie mir«, nahm er wieder das Wort; »es war mir, als hörte ich unten etwas. Hinsichtlich des kleinen Hakens, von dem ich so eben hatte sprechen wollen, muß ich Ihnen mittheilen, daß Mr. Armadale einen Freund mi gebracht hat, der den wunderlichen Namen Midwinter führt. Kennen Sie den Herrn?« fragte er mit einer argwöhnischen Besorgniß in seinen Blicken, welche die studierte Gleichgültigkeit in seinem Tone eigenthümlich Lügen strafte.

»Ich kenne ihn als einen alten Freund Mr. Armadale’s«,« sagte sie. »Bleibt er ——« Die Stimme versagte ihr und ihre Augen senkten sich vor den forschenden Blicken des Doktors. Sie beherrschte aber die momentane Schwäche und vollendete ihre Frage. »Bleibt er auch die Nacht hier?«

»Mr. Midwinter ist ein Mann von rauhen Manieren und mißtrauischem Temperament«, entgegnete der Doctor, sie unverwandt ansehend. »Sobald als Mr. Armadale meine Einladung angenommen hatte, bestand er seinerseits brüsk genug darauf, ebenfalls hier zu bleiben.«

Er hielt inne, um den Eindruck wahrzunehmen, den seine Worte auf sie machten. Da sie vorsichtig vermieden hatte, den angenommenen Namen ihres Mannes ihm zu nennen, so tappte natürlich der Doctor völlig im finsteren und sein Verdacht war nothwendig der allervagsten Art. Er hatte gehört, wie ihr die Stimme versagte, gesehen, wie sie die Farbe wechselte, er argwöhnte, daß sie hinsichtlich Midwinter’s eine gewisse Reserve beobachte, weiter nichts.

»Haben Sie ihm gewillfahrt?« fragte sie »An Ihrer Stelle hätte ich ihm die Thür gewiesen.«

Die unerschütterliche Gelassenheit ihres Tons sagte dem Doctor, daß heute Abend ihre Selbstbeherrschung nicht wieder zu afficiren war.

»Hätte ich nur meine eigenen Empfindungen zu berücksichtigen gehabt«, erwiderte er, »so berge ich Ihnen nicht, daß ich, wie Sie sich ausdrücken, Mr. Midwinter die Thür gewiesen haben würde. Als ich mich aber deshalb an Mr. Armadale wandte, sah ich, daß dieser vor einer Trennung von seinem Freunde die größte Angst hatte. Unter diesen Umständen blieb nichts Anderes übrig, als ihm wieder zu willfahren. Sich ihm zu widersetzen, ganz abgesehen von meinem natürlichen Widerwillen gegen Skandal und Unruhe in meinem Hause, wie sie mir ein Temperament wie das seines Freundes in Aussicht stellte«, setzte er hinzu, diesmal der Wahrheit nahe kommend, »an eine solche Verantwortlichkeit durfte keinen Augenblick gedacht werden. Demnach bleibt denn Mr. Midwinter heute Nacht im Hause und nimmt —— er besteht darauf, sollte ich vielmehr sagen —— nimmt das Zimmer neben dem Mr. Armadale’s ein. Rathen Sie mir, meine verehrte Dame«, schloß der Doctor so laut und nachdrücklich, als er konnte, »welche Zimmer sollen wir ihnen im ersten Stock anweisen?«

»Bringen Sie Mr. Armadale nach Nummer vier.«

»Und seinen Freund neben ihn nach Nummer drei?« fragte der Doctor. »Gut, ganz gut! Das sind vielleicht die behaglichsten Zimmer. Auf der Stelle will ich die nöthigen Anordnungen treffen. Eilen Sie nicht fort, Mr. Bashwood«, rief er munter aus, als er an die Treppe gekommen war. »Ich habe den Schlüssel meines Gehilfen unten auf dem Fensterstock liegen lassen, und Miß Gwilt kann Sie jederzeit hinauslassen. Bleiben Sie nicht so lange auf, Mrs. Armadale! Ihr Nervensystem verlangt viel Schlaf. Gott schütze Sie, gute Nacht!«

Noch immer in Gedanken versunken, in unaussprechlicher Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, schritt Bashwood aus seiner Ecke auf sie zu.

»Soll ich gehen?« fragte er.

»Nein, Sie sollen bleiben. Ich habe Ihnen gesagt, daß, wenn Sie warteten, Sie morgen Alles erfahren sollten. Warten Sie hier.«

Er zögerte und sah sich um. »Der Doctor«, stammelte er, »ich dachte, der Doctor hätte gesagt ——«

Der Doctor wird sich in nichts mischen, was ich diese Nacht hier im Hause thue. Ich sage Ihnen, bleiben Sie da. Im oberen Stock gibt’s freie Zimmer genug. Nehmen Sie eins davon.«

Abermals kam das Zittern über Bashwood, als er sie ansah.

»Darf ich fragen ——«, begann er.

»Nichts dürfen Sie fragen.«

»Wollen Sie nicht so gut sein, mir zu sagen ——«

»Nichts will ich Ihnen sagen, bevor die Nacht vorüber und der Morgen gekommen ist.«

Seine Neugier überwand seine Furcht. Er ließ sich nicht abschrecken.

»Ist’s etwas Furchtbares, so furchtbar, daß Sie mir’s nicht sagen können?«

Sie verlor die Geduld und stampfte mit dem Fuße. »Gehen Sie!« sagte sie, rasch den Schlüssel vom Fensterstocke nehmend. »Sie thun ganz ruht, wenn Sie mir mißtrauen, ganz recht, wenn Sie mir im Dunkeln nicht weiter folgen. Gehen Sie, ehe das Haus geschlossen wird; ich kann ohne Sie auskommen.« Den Schlüssel in der einen, den Leuchter in der andern Hand schritt sie der Treppe zu.

Schweigend folgte ihr Bashwood Niemand, der ihre Vergangenheit kannte, konnte es entgehen, daß sie zum Aeußersten getrieben war und mit Bewußtsein am Rande eines Verbrechens stand. Im ersten Schrecken über diese Entdeckung machte er sich von der Gewalt los, die sie über ihn besaß, er dachte und handelte wie ein Mann, der wieder einen eigenen Willen hatte.

Sie steckte den Schlüssel in die Thür und wandte sich, von dem Lichte der Kerze voll beschienen, zu ihm um. »Vergessen Sie mich und vergeben Sie mir«, sagte sie. »Wir sehen uns nicht wieder.« Sie öffnete die Thür und gab ihm die Hand. Ihrem Blicke, ihren Worten hatte er widerstanden, der magnetische Zauber ihrer Berührung aber besiegte ihn schließlich. »Ich kann Sie nicht verlassen«, sagte er, verzweiflungsvoll die Hand drückend, die sie ihm bot; »was muß ich thun?«

»Kommen und sehen Sie«, antwortete sie, ohne ihm nur einen Augenblick zur Ueberlegung zu lassen.

Mit fester Hand führte sie ihn über den Corridor der ersten Etage vor das Zimmer Nummer vier. »Merken Sie sich das Zimmer da«, flüsterte sie. Nach einem raschen Blicke auf die Treppe, um sich zu vergewissern, daß auch Niemand dort sei, ging sie wieder an das entgegengesetzte Ende des Corridors. Hier, dem Fenster gegenüber, durch welches der Gang sein Licht erhielt, befand sich ein kleines Zimmer mit einem Gitter oben in der Thür, das zum Schlafzimmer für den erwarteten Assistenzarzt des Doctors bestimmt war. Bei der Lage des Zimmers konnte man durch das Gitter die Schlafräume zu beiden Seiten des Corridors übersehen, sodaß der Hilfsarzt im Stande war, alle etwaigen Unregelmäßigkeiten seitens der seiner Obhut Untergebenen Kranken wahrzunehmen, ohne selbst bemerkt zu werden. Miß Gwilt machte die Thür auf und führte ihn in dies leere Zimmer.

»Warten Sie hier«, sagte sie, »während ich die Treppe hinaufgehe, und schließen Sie sich ein, wenn Sie das wollen. Sie selbst werden zwar drinnen im Dunkeln sein, aber draußen auf dem Corridor brennt das Gas. Fassen Sie an dem Gitter Posto und vergewissern Sie sich, daß Mr. Armadale in das Zimmer geht, welches ich Ihnen so eben bezeichnet habe, und es nachher nicht wieder verläßt. Wenn Sie das Zimmer, ehe ich wiederkomme, nur eine Sekunde aus den Augen verlieren, so werden Sie es Zeit Ihres Lebens zu bereuen haben. Thun Sie aber, wie ich Ihnen sage, so sollen Sie mich morgen wiedersehen und selbst Ihren Lohn fordern dürfen. Rasch mit Ihrer Antwort! Ja oder Nein?«

In Worten konnte er nicht erwidern. Er zog ihre Hand an seine Lippen und küßte sie entzückt. Darauf ging sie. Von seinem Platze vom Gitter aus sah er sie über den Corridor nach der Treppe schlüpfen, durch deren Thür sie verschwand. Dann war Alles still.

Bald ließen sich indeß weibliche Stimmen hören. Es waren die zweier Dienstmädchen, die erschienen, die Betten in Nummer drei und vier zu überziehen. Die Mädchen waren außerordentlich guter Laune und lachten und plauderten durch die offenen Thüren der Zimmer hindurch lustig mit einander. Endlich kämen die Kunden des Herrn, meinten sie; wenn es so fortginge, würde das Haus bald ein freundliches Ansehen bekommen.

Nach einer Weile waren die Betten zurecht gemacht und die Mädchen eilten nach dem Erdgeschosse zurück, wo die Schlafräume des Dienstpersonals lagen. Dann war wieder Alles still.

Jetzt hörte man die Stimme des Doctors. Er erschien am Eingange des Corridors und zeigte Allan und Midwinter den Weg nach ihren Zimmern. Alle zusammen traten in Nummer vier ein. Wenige Minuten darauf kam der Doktor allein wieder heraus, wartete, bis Midwinter ihm folgte, und wies mit einer förmlichen Verneigung aus Nummer drei. Ohne ein Wort zu sagen, ging Midwinter in sein Zimmer und schloß sich darin ein. Der Doctor schritt der Treppenthür zu, schloß sie auf, wartete horchend auf dem Corridor und pfiff leise vor sich hin.

Vorsichtig gedämpfte Stimmen drangen aus der Halle herauf. Der Anstaltsapotheker und die erste Wärterin erschienen ihrerseits, um sich nach ihren im obersten Stockwerke des Hauses befindlichen Schlafzimmern zu begeben. Der Mann verbeugte sich stumm, als er an dem Doctor vorbeiging, stumm knixte die Wärterin und folgte ihm. Mit einer höflichen Handbewegung erwiderte der Doctor die ihm gebotenen Grüße, und wiederum allein, blieb er abermals horchend stehen, pfiff von neuem leise vor sich hin, schritt darauf nach der Thür von Nummer vier und öffnete den in der Ecke an der Wand angebrachten Räucherungsapparat. Als er in diesen hineinsah, hörte sein Pfeifen auf. Er nahm ein langes Flacon von Rubinglas heraus, prüfte es am Gaslichte, stellte es wieder an den alten Platz und machte den Kasten zu. Sobald dies geschehen, schlich er auf den Zehen zu der offenen Treppenthür, schritt hindurch und schloß sie wie gewöhnlich von innen.

Bashwood hatte ihn beim Apparat gesehen, hatte bemerkt, in welcher Weise er seinen Rückzug durch die Treppenthür bewerkstelligte —— von neuem klopfte ihm das Herz vor unsäglicher Spannung. Die Angst preßte ihm kalten Schweiß aus die Stirn und unwillkürlich griffen seine Hände nach dem Schlüssel, der innen in der Thür seines Zimmers stak. In arger Furcht vor dem, was da kommen möchte, drehte er ihn herum und wartete zitternd.

Langsam dehnten sich ihm die Minuten —— und nichts passierte. Das Todesschweigen war ihm fürchterlich, die Einsamkeit des öden Corridors dünkte ihm voll Verrath und Verbrechen. Er begann zu zählen, um seinen Geist abzulenken von seiner Situation, um sich die immer steigende Angst vom Halse zu halten. Langsam folgten sich die Zahlen, die er flüsterte, von eins bis hundert, und immer geschah nichts. Schon hatte er das zweite Hundert begonnen, schon war er bis zwanzig gekommen, als, ohne daß vorher nur ein Laut Kunde gegeben hätte, daß er sich in seinem Zimmer bewegte, Midwinter plötzlich aus dem Corridor erschien.

Er blieb einen Augenblick stehen und horchte, dann ging er an die Treppe und sah in die Halle hinab. Dann probierte er, zum zweiten Male heute Abend, das Schloß an der Treppenthür, und zum zweiten Male fand er es verschlossen. Er überlegte eine Minute, probierte darauf zunächst die Schlafzimmerthüren zur Rechten, alsdann die zur Linken, blickte in ein Zimmer nach dem andern und sah, daß sie leer waren, und kam endlich an die Thür des Gemaches, in welchem Bashwood sich versteckt hielt. Auch hier leistete das Schloß ihm Widerstand. Er lauschte und sah zum Gitter empor. Kein Laut regte, kein Licht zeigte sich drinnen. »Soll ich die Thür einschlagen«, sagte er zu sich selbst, »und mir Gewißheit verschaffen? Nein, es würde dem Doctor einen Anhalt an die Hand geben, mich aus dem Hause zu weisen.« Er entfernte sich und schritt dem Fenster bei der Treppe, ganz am Ende des Corridors, zu. Hier zog der Räucherungsapparat seine Aufmerksamkeit aus sich. Nachdem er umsonst versucht hatte, den Kasten zu öffnen, schien sein Argwohn zu erwachen. Er durchsuchte alle Thüren des Corridors und bemerkte, daß sich neben keiner andern eine ähnliche Vorrichtung befand. Von neuem ging er ans Fenster und betrachtete sich den Apparat von neuem, um sich endlich mit einer Gebärde abzuwenden, welche deutlich erkennen ließ, daß er das Räthsel dieser Vorrichtung vergeblich zu lösen suchte.

Dergestalt überall scheiternd, machte er doch noch keine Anstalt, sich wieder in sein Schlafzimmer zu verfügen. Die Augen auf Allan’s Zimmer heftend, blieb er nachdenklich am Fenster stehen. Hätte Bashwood, der ihn durch das Gitter verstohlen belauschte, ebenso gut Midwinter in die Seele blicken können, wie er dessen Körper sah, wohl möchte alsdann ihm das Herz noch stärker geklopft haben, wie es ihm vor kaum mehr erträglicher Spannung schon jetzt klopfte.

Worüber sann Midwinter, als er in tiefer Nacht einsam dastand in dem fremden Hause?

Er sann, wie er allmälig die Zusammenhanglosen Eindrücke, die auf ihn einstürmten, auf einen Punkt beziehen könne. Von Anfang an überzeugt, daß irgend eine verborgene Gefahr Allan im Sanatorium drohe, dehnte er seinen Verdacht, freilich vag und unbestimmt, zunächst auf die ganze Lokalität aus, auf seine Frau, von der er fest glaubte, daß sie sich jetzt unter einem Dache mit ihm befinde; auf den Doctor, welcher so offenbar wie Bashwood selbst in ihr Vertrauen gezogen war; jetzt verengerte er die Grenzen seines Argwohns, er concentrirte diesen nunmehr beharrlich auf Allan’s Zimmer. Umsonst hatte er seinen Verstand angestrengt, die Kränkung, die ihm gestern selbst zugefügt worden war, mit seinem Argwohne bezüglich eines gegen Allan gerichteten Complots in Verbindung zu bringen; jetzt gab er dies Beginnen als fruchtlos auf, und wirr und schwirr im Kopfe von vielem Sinnen und Grübeln, nahm er seine Zuflucht zu den Thatsachen, die ihm seit seiner Ankunft im Sanatorium entgegengetreten waren. Alles, was er unten wahrgenommen hatte, wies darauf hin, daß durch ihren Aufenthalt im Sanatorium ein geheimer Plan gefördert werden sollte; nach Allem, was er oben wahrnahm, stand der Schlupfwinkel, wo die Gefahr lauerte, mit Allan’s Zimmer in Zusammenhang. Zu dieser Folgerung gelangen und den Entschluß fassen, das Complott, welcher es auch sei, dadurch zu vereiteln, daß er selbst Allan’s Stelle einnahm, war bei Midwinter das Werk einer Minute. Der wirklichen Gefahr gegenüber machte sich die große Natur des Mannes instinctiv von der Schwäche frei, mit welcher sie in glücklichem und bessern Zeiten behaftet gewesen war. Der einzige Zweifel, der ihn noch quälte, als er am Fenster stand und sann, war der, ob er auch Allan zu einem Zimmertausche werde bewegen können, ohne eine Erklärung geben zu müssen, die Allan die Wahrheit ahnen lassen könnte.

In dem Augenblicke jedoch, in dem seine Blicke noch auf das Zimmer geheftet blieben, war der Zweifel gelöst, er fand den unbedeutenden, doch hinreichenden Grund, welchen er suchte. Bashwood sah, wie er schnell nach der Thür ging, und hörte ihn leise anklopfen und flüstern: »Allan, bist Du schon zu Bette?«

»Nein«, antwortete es drinnen; »komm herein.«

Eben schien Midwinter im Begriffe zu stehen, die Thür aufzumachen, als er plötzlich inne hielt, wie wenn ihm plötzlich etwas einfiele. »Warte einen Augenblick, sagte er durch die Thür und schritt dann stracks auf das letzte Zimmer zu. »Ist da drinnen Jemand, der uns belauert«, rief er laut, »so soll er uns durch das da belauern!« Er nahm sein Taschentuch heraus und stopfte es zwischen die Drahtstäbe des Gitters, sodaß die Oeffnung vollkommen geschlossen war. So hatte er den drinnen lauernden Spion —— wenn wirklich einer drin war —— gezwungen, entweder sich durch Wegnehmen des Tuchs zu verrathen oder für Alles, was zunächst geschehen konnte, blind zu bleiben, und nun erst trat er bei Allan ein.

»Du weißt, was für elende Nerven ich habe«, begann er, »und wie jämmerlich ich selbst in meinen besten Tagen schlafe. Heute kann ich wieder einmal nicht schlafen; das Fenster in meinem Zimmer rasselt bei jedem Windstöße. Ich wünschte, es wäre so fest wie Deines hier.«

»Mein lieber Junge«, rief Allan, »ich mache mir aus einem klappernden Fenster nichts. Laß uns mit den Zimmern tauschen! Unsinn! Warum entschuldigst Du Dich gegen mich? Weiß ich nicht, wie leicht so erregbare Nerven wie Deine von Kleinigkeiten afficirt werden? Nun der Doctor mich hinsichtlich der armen lieben Neelie beruhigt hat, beginne ich die Strapazen der Reise zu spüren, und ich stehe dafür, daß ich, sei es, wo es wolle, bis in den hellen Tag hinein schlafen werde.« Er nahm seine Reisetasche. »Wir müssen uns beeilen«, setzte er hinzu, indem er auf seine Kerze wies. »Man hat mir nicht viel Licht zum Zubettgehen gegeben.«

»Sei ganz still, Allan«, sagte Midwinter, ihm die Thür öffnend. »Wir dürfen in so später Stunde das Haus nicht stören.«

»Ja, ja«, entgegnete Allan flüsternd »Gute Nacht! Hoffentlich schläfst Du nun so gut, wie ich schlafen werde.«

Midwinter begleitete ihn nach Nummer drei und bemerkte, daß seine eigene Kerze, die er darin hatte stehen lassen, nicht größer war als die Allan’s. »Gute Nacht«, sagte er und trat wieder auf den Corridor heraus.

Von neuem ging er auf das Gitter zu und horchte von neuem. Das Taschentuch war noch genau so darin, wie er es hineingestopft hatte, und noch immer kein Laut drinnen zu vernehmen. In tiefen Gedanken schritt er über den Corridor seinem neuen Zimmer zu. Gab es kein anderes Mittel als das, welches er versucht hatte? Keins. Jedwede offene Vertheidigung oder Schutzmaßregel wäre da, wo die Art der Gefahr und die Seite, woher sie kam, gleich unbekannt blieben, an und für sich nutzlos gewesen, und mehr als nutzlos, weil sie die Leute im Hause aufmerksam gemacht und veranlaßt hätte, auf ihrer Hut zu sein. Das Einzige was Midwinter zum Schutze seines Freundes thun konnte, dem er seinen auf keine bestimmte Thatsache gegründeten Verdacht nicht mittheilen durfte und dessen Vertrauen auf den äußerlich so bieder sich darstellenden Doctor er nicht erschüttern mochte, blieb die Vertauschung der Zimmer und die einzig zu befolgende Politik die Politik des Zuwartens. »Auf eins kann ich bauen«, sagte er zu sich selbst, als er zum letzten Male den Corridor überblickte; »ich kann darauf bauen, daß ich wach bleibe.

Nach einem Blicke auf die gegenüber tickende Wanduhr begab er sich nach Nummer vier. Man hörte das Geräusch der sich schließenden Thür und des vorgeschobenen Riegels, dann lag von neuem das ganze Haus in Grabesschweigen.

Nach und nach überwand das Grausen vor der Stille und Finsternis in Bashwood die Furcht, das Taschentuch zu berühren. Vorsichtig zog er einen Zipfel desselben heraus, wartete, sah sich um und faßte sich endlich das Herz, das ganze Taschentuch durch die Drahtstäbe des Gitters zu sich hereinzuziehen. Er steckte es in die Tasche, dachte aber sogleich an die Folgen, die es haben könne, wenn man es bei ihm fände, und warf es in einen Winkel des Zimmers. Er zitterte dabei, sah furchtsam nach seiner Uhr und stellte sich wieder ans Gitter, um auf Miß Gwilt zu warten.

Es war dreiviertel auf eins; der Mond stand jetzt der Hauptfronte des Sanatoriums gerade gegenüber. Von Zeit zu Zeit fiel sein Licht hell auf das Corridorfenster, wenn die Zwischenräume in den jagenden Wolken es durchließen. Der Wind hatte sich erhoben und sang leise seinen trübseligen Gesang, wenn er über die öde Umgebung des Hauses strich.

Als der Zeiger der Uhr aus ein Viertel zwei wies, trat Miß Gwilt leise in den Corridon »Kommen Sie heraus«, flüsterte sie durch das Gitter, »und folgen Sie mir. Sie ging an die Treppe zurück, die sie eben herabgekommen war, stieß die Thür sanft auf und führte Bashwood, der inzwischen sein Zimmer verlassen hatte, nach dem Treppenabsatz vor der zweiten Gage. Hier fragte sie ihn, was sie unten zu fragen nicht gewagt hatte.

»Ist Mr. Armadale in Nummer vier untergebracht worden?«

Ohne zu sprechen, nickte er mit dem Kopfe.

»Antworten Sie mir in Worten. Hat Mr. Armadale seitdem das Zimmer verlassen?«

»Nein«, entgegnete er.

»Haben Sie, seit ich von Ihnen ging, auch das Zimmer niemals aus den Augen gelassen?«

»Niemals«, lautete seine Antwort.

Etwas Eigenthümliches in seinem Wesen, etwas Ungewohntes im Tone seiner Stimme zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie nahm ihren Leuchter von einem nahestehenden Tische, auf den sie denselben gestellt hatte, und ließ den Schein des Lichts auf sein Gesicht fallen. Seine Augen stierten, die Zähne klapperten ihm, Alles verrieth die Angst, in der er sich befand, nichts aber sagte ihr, daß diese Angst von dem Bewußtsein seiner Schuld, von dem Bewußtsein herrührte, daß er sie zum ersten Male in seinem Leben betrogen hatte. Hätte sie ihm nicht so unumwunden gedroht, hätte sie minder rückhaltslos von dem Zusammensein gesprochen, das ihn am nächsten Morgen belohnen sollte, dann hätte er vielleicht die Wahrheit gestanden. So hatten seine schlimmsten Befürchtungen und seine liebsten Hoffnungen das gleiche Interesse, ihr jene verhängnißvolle Lüge zu sagen, die er ihr auch jetzt wiederholte, als sie ihre Frage zum zweiten Male an ihn richtete.

Sie sah ihn an, den Mann, von dem sie am allerwenigsten erwartete, daß er sie betrügen würde, den Mann, den sie selbst betrogen hatte.

»Sie scheinen mir überreizt«, sprach sie gelassen. »Die Nacht ist über Ihre Kräfte gegangen. Gehen Sie hinauf und ruhen Sie aus. Sie werden die Thür von einem der Zimmer offen finden; das nehmen Sie. Gute Nacht!«

Damit reichte sie ihm die Hand und wollte gehen. Verzweiflungsvoll hielt er sie zurück. Die Angst vor dem, was geschehen möchte, wenn sie allein gelassen würde, zwang ihm die-Worte auf die Lippen, zu denen ihm zu einer andern Zeit der Muth gefehlt haben würde.

»Thun Sie’s nicht«, flehte er flüsternd, »ach, thun Sie’s nicht, gehen Sie heute Nacht nicht hinunter!«

Sie ließ seine Hand los und bedeutete ihn, die Kerze zu nehmen. »Morgen sollen Sie mich sprechen«, sagte sie. »Heute kein Wort mehr!«

Wie immer beherrschte ihn ihr starker Wille auch im letzten Augenblicke. Er nahm die Kerze, wartete aber und folgte ihr mit gierigen Blicken, während sie die Treppe hinabstieg. Die Kälte der Decembernacht schien durch alle Wärme des Hauses ihren Weg bis zu ihr gefunden zu haben. Sie hatte einen langen dicken schwarzen Shwal umgethan und ihn fest um ihre Brust gezogen. Der Flechtenkranz zu dem sie ihr Haar zu ordnen pflegte, schien ihrem Kopfe zu schwer geworden zu sein; sie hatte ihn aufgelöst und über ihre Schultern fallen lassen. Der alte Mann betrachtete ihr wallendes Haar, wie es roth auf dem schwarzen Shawle lag, betrachtete ihre schlanke Hand mit den langen feinen Fingern, betrachtete die verführerische Grazie jeder ihrer Bewegungen, die sie ihm weiter und weiter entführten. »Die Nacht wird rasch vergehen«, dachte er, als sie ihm aus den Blicken entschwand; »ich werde von ihr träumen, bis der Morgen kommt.«

Sie verschloß die Treppenthür und horchte, nichts rührte sich; dann ging sie langsam den Corridor hinab bis zum Fenster. An den Fensterstock gelehnt, sah sie in die Nacht hinaus. Der Mond war eben hinter Wolken verborgen, nichts in der Finsternis draußen zu erkennen als die zerstreuten Gaslichter in der Vorstadt. Sie wandte sich wieder vom Fenster ab und sah nach der Uhr. Es war zwanzig Minuten nach eins.

Zum letzten Male zwang sich ihr der Gedanke auf, der ihr gekommen war, als sie wußte, daß ihr Gatte im Hause war; zum letzten Male sagte ihr die innere Stimme: »Ueberlege, ob es keinen andern Weg gibt!«

Sie sann, bis der Minutenzeiger auf halb wies. »Nein!« sagte sie, noch immer an ihren Gatten denkend. »Nein, es gibt nur den Weg, es bis zu Ende zu vollbringen. Er wird ungethan lassen, um deswillen er hierher gekommen; er wird die Worte ungesprochen lassen, die zu sagen er erschienen ist, sobald er erfährt, daß seine Schritte einen öffentlichen Skandal hervorrufen und seine Worte mich dem Schafott überantworten werden!« Ein höheres Roth erglühte auf ihrem Gesicht und sie lächelte mit einer entsetzlichen Ironie, als sie jetzt nach der Thür des Zimmers blickte. »In einer halben Stunde«, sagte sie, »werde ich Deine Witwe sein!«

Sie schloß den Kasten des Apparats auf und nahm das rothe Flacon in die Hand. Nach einem Blicke auf die Uhr, um zu sehen, welche Zeit es sei, tröpfelte sie in den gläsernen Trichter die erste der sechs Portionen, wie sie die Papierstreifen für sie abgemessen hatten.

Als sie das Flacon wieder hinstellte, legte sie das Ohr an die Mündung des Trichters. Kein Laut ließ sich vernehmen, schweigend wie der Tod selbst vollbrachte der tödtliche Proceß sein Werk. Als sie sich empor richtete und aufsah, schien der Mond hell zum Fenster herein und das Aechzen des Windes war verstummt.

Ach die Zeit, die lange Zeit! Wäre es doch wenigstens mit dieser ersten Dosis abgethan gewesen!

Sie ging hinab in das Vorhaus, sie wanderte auf und nieder und horchte an der offenen Thür, die in die Küche hinabführte. Dann kam sie wieder heraus und stieg wieder hinunter. Die Zeit schien still zu stehen, das Warten war zum Wahnsinnig werden.

Die Zwischenzeit verstrich. Als sie das Flacon zum zweiten Male nahm und die zweite Dosis in den Trichter goß, jagten die Wolken über den Mond und verdunkelten das Nachtbild draußen vor dem Fenster.

Die Unruhe, die sie treppauf und treppab und hin und her in der Halle getrieben hatte, wich so plötzlich von ihr, wie sie erschienen war. Am Fensterstocke lehnend und, ohne sich irgend eines Gedankens bewußt zu werden, in die schwarze Nacht hinaus starrend, wartete sie die zweite Zwischenpause ab. Aus einer entfernten Gegend der Vorstadt trug der Wind das langgezogene Geheul eines ins Ohr. Mit dumpfer Aufmerksamkeit folgte sie dem Tone, bis er allmälig erstarb, und lauschte mit noch dumpferer Erwartung, bis er sich wieder erhob. Wie Blei lagen ihre Arme auf dem Fensterstock, ohne die Kälte zu empfinden, drückte sie ihre Stirn an die Scheiben. Erst als der Mond wieder hell aus dem Gewölke hervortrat, kam ihr das Bewußtsein der Situation wieder. Schnell drehte sie sich um und sah nach der Uhr. Sieben Minuten waren seit dem Auströpfeln der zweiten Dosis verflossen.

Als sie die Flasche ergriff und den Trichter zum dritten Male füllte, ward sie sich des Moments wieder voll bewußt. Fieberhitze entzündete ihr Blut und stieg ihr glühend in die Wangen. Schnell und leise, die Arme unter dem Shawl gekreuzt und mit dem Auge Sekunde um Sekunde die Uhr verfolgend, schritt sie den Corridor auf und nieder.

Drei von den nächsten fünf Minuten waren vorüber und wieder brachte fie das Warten fast von Sinnen. Der Corridor wurde der unüberwindlichen Unruhe ihrer Glieder zu eng. Sie ging abermals in die Halle hinab und rannte darin im Kreise umher wie ein wildes Thier im Käfig. Beim dritten Umgang fühlte sie, daß etwas leise ihr Kleid berührte. Die Hauskatze war durch die offene Küchenthür hereingekommem eine große, dreifarbige, gesellige Katze, die behaglich schnurrte, und folgte ihr als Begleiterin. Sie nahm das Thier auf den Arm, das seinen weichen Kopf an ihrem Kinne rieb, als sie sich zu ihm niederbog. »Armadale haßt die Katzen«, flüsterte sie dem Thiere ins Ohr; »komm und sieh ihn sterben!« Im nächsten Augenblick erschrak sie vor ihrer eigenen fürchterlichen Phantasie. Zusammenschaudernd ließ sie die Katze fallen und jagte sie mit drohender Hand hinaus. Eine Minute blieb sie stehen, dann stürmte sie Hals über Kopf die Treppe hinauf. Der Gedanke an ihren Mann hatte sich ihr wieder gewaltsam aufgedrängt, er drohte ihr mit einer Gefahr, die ihr zuvor noch gar nicht in den Sinn gekommen war. Wie, wenn er nicht schliefe? Wie, wenn er plötzlich herauskäme und sie mit dem Flacon in der Hand fände?

Sie schlich an die Thür von Nummer drei und horchte. Das langsame regelmäßige Athmen eines Schlafenden ließ sich vernehmen. Erleichtert und beruhigt wartete sie einen Augenblick, that einen Schritt auf Nummer vier zu und blieb dann wieder stehen. An dieser Thür brauchte sie nicht zu horchen. So gewiß wie der Tod nachher, kam in der vergifteten Luft zuerst der Schlaf, hatte ihr der Doctor gesagt. Sie warf einen Seitenblick auf die Uhr; es war Zeit zur vierten Dosis.

Ihre Hände zitterten heftig, als sie den Trichter zum vierten Male füllte. Die Angst vor ihrem Manne machte ihr wieder das Herz klopfen. Wie, wenn ihn ein Geräusch aufstörte, ehe die sechste Dosis ausgegossen war? Wie, wenn er, wie sie es so oft an ihm gesehen hatte, plötzlich auch ohne Geräusch erwachte?

Ihre Augen irrten im Corridor umher. Das Zimmer, wo sich Bashwood versteckt gehalten hatte, bot sich ihr jetzt selbst als Schlupfwinkel. »Ich könnte da hineingehen!« dachte sie. »Hat er den Schlüssel stecken lassen?« Sie machte die Thür auf und sah das auf den Boden geworfene Taschentuch. War es Bashwood’s Tuch, das er zufällig hatte liegen lassen? Sie musterte die Zipfel; im zweiten fand sie den Namen ihres Gatten!

Im ersten Momente wollte sie die Treppe hinauf, um Bashwood zu wecken und auf Erklärung zu dringen. Im nächsten Augenblicke dachte sie an das rothe Flacon und an die Gefahr, den Corridor zu verlassen. Sie wandte sich um und sah nach Nummer drei. Nach dem Taschentuche zu schließen, war ihr Mann ohne allen Zweifel außerhalb des Zimmers gewesen und Bashwood hatte ihr nichts davon gesagt. War er jetzt in seinem Zimmer? Im Sturme ihrer Aufregung vergaß sie, als ihr diese Frage durch den Kopf schwirrte, die Entdeckung, die sie selbst kaum vor einer Minute gemacht hatte. Von neuem horchte sie an der Thür, von neuem hörte sie das regelmäßige Athmen des Schlafenden. Das erste Mal hatte das Zeugniß ihrer Ohren hingereicht, sie zu besänftigen; diesmal, bei ihrem zehnfach gesteigerten Argwohn und ihrem Schrecken, wollte sie auch das Zeugniß ihrer Augen haben.

»Alle Thüren in diesem Hause lassen sich geräuschlos öffnen«, sagte sie zu sich selbst; »ich brauche nicht zu besorgen, daß er aufwacht.« Leise und ganz allmälig machte sie die unverschlossene Thür auf und sah hinein, sobald diese weit genug aufstand. In dem wenigen Lichte, das ins Zimmer fiel, nur der Kopf des Schläfers auf dem Kissen sichtbar. Hob sich dieser ganz so dunkel vom weißen Pfühle ab wie der Kopf ihres Gatten, wenn er im Bett lag? Ging der Athem so leise wie der ihres Mannes, wenn er schlief?

Sie machte die Thür weiter auf und sah bei hellerem Lichte hinein.

Da lag der Mann, nach dessen Leben sie zum dritten Male getrachtet hatte, und schlief sanft und ruhig in dem Zimmer, das ihrem Gatten überwiesen worden war, und in der Luft, die Niemand ein Leid zufügen konnte!

Der Schluß, den sie hieraus unvermeidlich ziehen mußte, übermannte sie sofort. Die Hände krampfhaft emporhebend, taumelte sie in den Corridor zurück. Die Thür von Allan’s Zimmer fiel ins Schloß, doch nicht laut genug, um ihn aufzuwecken. Sie wandte sich um, als sie das Geräusch hörte; wie betäubt stand sie da und starrte danach hin. Dann, noch ehe ihre Vernunft sich wieder sammelte, trieb sie ihr Instinct zum Handeln. In zwei Schritten war sie an der Thür von Nummer vier.

Die Thür war verschlossen.

Wild und schwer fiel sie mit beiden Händen über die Wand her, um nach dem Knopfe zu suchen, auf den sie den Doctor hatte drücken sehen, als er seinen Besuchern das Zimmer zeigte. Zweimal entging er ihr, beim dritten Male halfen die Augen den Händen, sie fand den Knopf und drückte darauf. Der Regel drinnen sprang zurück, und die Thür fügte sich ihr.

Ohne einen Augenblick zu zaudern, ging sie in das Zimmer. Obgleich die Thür auf war, obgleich seit dem vierten Aufguß eine so kurze Zeit verflossen war, daß sich kaum erst die halbe Menge des erforderlichen Gases entwickelt hatte, so schlug ihr doch die vergiftete Lust entgegen wie der Griff einer Hand um ihre Kehle, wie ein eiserner Ring um ihren Kopf. Sie fand Midwinter am Fuß des Bettes aus dem Teppich liegen, den Kopf und den einen Arm der Thüre zu, als wäre er beim ersten Gefühl von Betäubung aufgestanden und über dem Versuch, das Zimmer zu verlassen, umgesunken. Mit jener verzweiflungsvollen Kraftanstrengung, deren Frauen in Fällen der Noth fähig sind, hob sie ihn auf und zog ihn auf den Corridor hinaus. Das Hirn wirbelte ihr, als sie ihn niederlegte und auf ihren Knieen nach dem Zimmer zurückkroch, um die giftige Luft vom Gange abzusperren. Nachdem sie die Thür geschlossen hatte, wartete sie, ohne daß sie sich getraute ihn anzusehen, bis sie wieder ihre Kraft so weit gesammelt hatte, um sich zu erheben und ans Fenster über der Treppe zu gelangen. Sobald sie dies ausgerissen hatte, sobald die frische Luft des frühen Wintermorgens hereinwehte, wagte sie sich zu ihm zurück und richtete seinen Kopf empor, zum ersten Male ihm voll ins Gesicht blickend.

War es der Tod, der dies fahle Grau über seine Stirn und seine Wangen breitete und die düstere Bleifarbe ihm auf Augenlider und Lippen goß?

Sie lockerte seine Cravatte und knöpfte seine Weste auf, um Hals und Brust besser zugänglich zu machen. Ihre Hand auf seinem Herzen, mit ihrer Brust seinen Kopf unterstützend, sodaß er gerade auf das offene Fenster gerichtet war, wartete sie auf das, was geschehen würde. Eine Weile verstrich, eine Zeit von wenigen Minuten und doch lang genug, ihr ganzes Eheleben mit ihm ihr ins Gedächtniß zurückzurufen, lang genug, um den Entschluß zu zeitigen, der jetzt in ihrer Seele aufstieg, als das einzige Ergebniß, welches aus jenem Rückblick entstehen konnte. Wie ihre Augen auf ihm ruhten, prägte sich allmälig eine wunderbare Ruhe in ihren Zügen aus. Sie sah aus, als ob sie eben sowohl auf seines Wiederherstellung als auf die Gewißheit seines Todes gefaßt sei.

Kein Schrei, keine Thräne war ihr noch entschlüpft, kein Schrei, keine Thräne entrang sich ihr, als sie nach einer kleinen Weile das erste matte Schlagen seines Herzens und den ersten schwachen Athemzug an seinen Lippen hörte. Stumm beugte sie sich über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Als sie wieder aufblickte, war die grimme Verzweiflung aus ihrem Antlitz gewichen. Etwas Strahlendes glänzte in ihren Augen, das ihr ganzes Gesicht wie mit einem inneren Lichte übergoß und sie wieder weiblich und lieblich machte.

Sie legte ihn nieder, nahm ihren Shawl ab und faltete daraus ein Kissen für seinen Kopf zusammen. »Es hätte schwer werden können, Herz«, sagte sie, als sie fühlte, wie der Athem in seiner Brust lauter und lauter wurde. »Du hast’s nun leicht gemacht.«

Sie stand auf, und den Blick wendend, bemerkte sie das Flacon da, wo sie es seit der vierten Dosis gelassen hatte. »Ach«, dachte sie ruhig, »ich hatte meinen besten Freund vergessen, ich hatte vergessen, daß noch mehr aufzugießen ist.«

Mit fester Hand, mit gelassenem, aufmerksamen Gesicht füllte sie den Trichter zum fünften Male. »Noch fünf Minuten«, sagte sie, als sie nach einem Blick auf die Uhr das Fläschchen wieder beiseite stellte.

Sie versank in Gedanken, Gedanken, welche die ernste und milde Fassung in ihren Zügen nur erhöhten. »Soll ich ihm ein Abschiedswort schreiben?« fragte sie sich selbst. »Soll ich ihm die Wahrheit sagen, ehe ich auf ewig von ihm gehe?«

Ihr kleiner goldener Bleistifthalter hing mit andern Spielereien an ihrer Uhrkette. Nachdem sie eine Sekunde lang sich umgesehen hatte, kniete sie vor ihrem Gatten nieder steckte ihre Hand in die Brusttasche seines Rocks.

Seine Brieftasche war darin; einige Papiere fielen heraus, als sie das Schlößchen derselben aufdrückte. Eins war der Brief, den Mr. Brock von seinem Sterbebette aus ihm geschrieben hatte. Sie schlug die beiden Blätter um, auf denen der Pfarrer geschrieben hatte, was nunmehr in Erfüllung gegangen war, und fand auf dem letzten Blatte noch eine freie Seite. Auf diese Seite schrieb sie, neben ihrem Gatten knieend, ihre Abschiedszeilen:

»Ich bin schlechter, als Du, selbst wenn Du das Schlechteste von mir glaubst, denken kannst. Du hast Armadale gerettet, dadurch daß Du heute Nacht das Zimmer mit ihm getauscht, und hast ihn vor mir gerettet! Jetzt kannst Du Dir denken, wessen Wittwe ich vorstellen wollte, wenn Du nicht sein Leben beschützt hättest, und wirst nun wissen, welches elende Geschöpf Du heirathetest, als Du das Weib nahmst, das jetzt diese Zeilen schreibt. Und doch hatte ich unschuldige Momente, und dann liebte ich Dich heiß. Vergiß mich, mein süßes Herz, in der Liebe zu einem bessern Weibe, als ich es bin! Vielleicht hätte ich dies bessere Weib selbst werden können, hätte ich nicht ein so jammervolles Leben gelebt, ehe wir uns kennen lernten. Jetzt kommt darauf nicht viel an. Das Einzige, was ich thun kann, das viele Böse, was ich gegen Dich verübt habe, wieder gut zu machen, ist, daß ich mein Leben hingebe. Jetzt, wo ich weiß, daß Du leben bleiben wirst, wird mir das Sterben nicht schwer. Selbst meine Verruchtheit hat ein Verdienst —— sie ist gescheitert mit ihren Anschlägen. Ich bin ja niemals ein glückliches Weib gewesen!«

Sie faltete den Brief wieder und gab ihm die Blätter in die Hand, um so seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, sobald er wieder zu sich käme. Als sie sachte seine Finger um das Papier schloß und aussah, war die letzte Minute der letzten Zwischenzeit gekommen und starrte ihr von der Uhr herab entgegen.

Sie, neigte sich über ihn und gab ihm den Abschiedskuß.

»Lebe, mein Engel, lebe!« murmelte sie zärtlich, während ihre Lippen leise die seinen streiften. »Das ganze Leben liegt noch vor Dir, ein glückliches Leben und ein ehrenvolles Leben, wenn Du von mir frei bist.«

Mit einem legten zögernden sanften Kusse strich sie ihm das Haar aus der Stirn. »Es ist kein Verdienst, daß ich Dich geliebt habe«, sagte sie. »Du bist ja einer von den Männern, welche alle Weiber lieb haben.« Sie seufzte und ging von ihm; es war ihre letzte Schwäche gewesen. Dann nickte sie der Wanduhr zu, als wäre dies ein lebendiges Wesen gewesen, das mit ihr sprach, und füllte den Trichter zum letzten Male und bis auf den letzten Tropfen, der sich im Flacon befand.

»O Gott, vergib mir!« sagte sie. »O Christus, bezeuge, daß ich gelitten habe!«

Noch einen Augenblick blieb sie zögernd auf der Schwelle stehen, zögerte, um den letzten Blick in diese Welt zu thun, und dieser letzte Blick galt ihm.

»Fahre wohl!« sprach sie sanft.

Die Thür des Zimmers öffnete sich und schloß sich hinter ihr. Eine Minute tiefen Schweigens dann plötzlich ein dumpfes Geräusch, wie das Geräusch eines fallenden Körpers.

Dann wiederum tiefes Schweigen.

~~~~~~~~~~

Stetig ihrem vorgeschriebenen Laufe folgend, durchliefen die Zeiger der Uhr Minute um Minute. Es war die zehnte Minute, nachdem sich die Thür geöffnet und wieder geschlossen hatte, als Midwinter auf seinem Kissen sich regte und im Bemühen, sich aufzurichten, den Brief in seiner Hand bemerkte.

Im selben Augenblicke wurde ein Schlüssel in der Treppenthür umgedreht. Erwartungsvoll erschien der Doctor und sah erwartungsvoll nach dem verhängnißvollen Zimmer —— da entdeckte er das Flacon auf dem Fensterstock und den am Boden hingestreckten Mann, der sich eben zu erbeben suchte.«


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte