Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Dritter Band - Drittes Kapitel
 

Die Heirat im Omnibus



Drittes Kapitel.

Es war nach sehr früh, als ich den Klopfer an der Hausthür und die Stimme der Wirtin vernahm, welche ihre Dienerin rief.

»Führe den Herrn zu dem Herrn, der gestern Abend eingezogen ist.«

Als ich diese Worte hörte, fiel mir zuerst der Brief von gestern ein. Hatte man mein Asyl entdeckt?

Während diese Vermuthung mich beschäftigte, öffnete sich die Thür und der Besucher trat ein.

Ich sah ihn an und verstummte vor Erstaunen. Es war mein ältester Bruder -- es war Ralph selbst, der in mein Zimmer trat!

»Nun, Sidney, wie geht Dir’s.?« fragte er noch in demselben cordialen, freimüthigen Tone, der ihm sonst eigen war.

»Ralph? Du in Englands? Du hier?«

»Gestern Abend bin ich aus Italien angelangt. Aber ich finde Dich ja schrecklich verändert, Sidney. Ich erkenne Dich kaum wieder.«

Ein plötzliche Aenderung gab sich in seinen Manieren kund, als er diese Worte sprach. Der wehmüthige, theilnehmende Blick, den er auf mich heftete ging mir durchs Herz. Ich dachte an die schöne Zeit, als wir noch Knaben waren, an die sorglose lärmende Vertraulichkeit, die Ralph mir gegenüber zeigte, an seine tollen Schüler- und Studentenstreiche an unsere ununterbrochene Einigkeit, weil seine Kraft und meine Schwäche, sein thätiger Charakter und mein passives Temperament so gut zusammenpaßten.

Ich bemerkte, daß er sich seit jener Zeit in der That wenig verändert hatte, und zum ersten Male überzeugte ich mich von der traurigen Veränderung, die dagegen mit mir vorgegangen war. Die ganze Schmach und der ganze Schmerz meiner Verbannung aus dem Vaterhause erwachten in mir bei dem Anblicke seiner vertrauten offenen Züge.

»Ich bot Alles auf, um keine Schwäche zu zeigen und um ihm freudig entgegenzukommen; aber es gelang mir doch nicht so, wie ich wünschte. Ich wendete das Gesicht ab, als ich ihm die Hand reichte; denn der alte Schülerinstinct, welcher mir rieth, den glücklichen Ralph, den unerschrockenen Ralph nicht sehen zu lassen, daß ich weinte, erwachte wieder in mir und beherrschte mich.

»Nun, Sidney was fehlt Dir? Muth gefaßt! Ich weiß, in welcher Schlinge Du Dich gefangen hast. Allerdings ist es eine schlimme Geschichte, aber deswegen rennt man sich nicht den Schädel ein. Verwünschte Geschichte! Clara hatte sehr Recht —— sie hat immer Recht —— als sie mich bat, sogleich zu Dir zu gehen. Ich habe ihr versprochen, Dich aus dieser schlimmen Patsche zu ziehen, und ich werde es thun. Setz Dich und höre mich an. Ich will mich auf Dein Bett setzen und mir eine Cigarre anzünden —— dann können wir ganz behaglich mit einander plaudern.«

Während er seine Cigarre anzündete betrachtete ich ihn aufmerksamer als anfangs.

Obschon seine Manieren dieselben, geblieben waren, obschon sein Gesicht noch dieselbe Sorglosigkeit und den unerschütterlichen Leichtsinn seiner ersten Jugendjahre verrieth so entdeckte ich doch, daß unter gewissen andern Beziehungen sein Aeußeres sich ein wenig verändert hatte.

Seine Züge waren schärfer geworden; die Ausschweifungen hatten ihre Spuren deutlicher zu Tage treten lassen. Dabei war in seiner, Kleidung eine gewisse Nachlässigkeit zu bemerken, und er trug keine von jenen kostbaren Tändeleien mehr an sich, für welche er früher eine so große Vorliebe zeigte. Seitdem ich ihn zum letzten Male gesehen, schien er ganz die Manieren und die äußere Erscheinung eines Mannes von mittleren Jahren angenommen zu haben.

»Wohlan,« sagte er, »erst muß ich Dir von meiner Rückkehr erzählen. Du weißt, daß Madame ***« —— damit meinte er seine frühere Geliebte —— »den Wunsch hegte, England zu sehen, und ich war des Anstandes ebenfalls vollkommen überdrüssig. Demzufolge brachte ich sie mit nach London, und wir nahmen uns vor, uns in irgend einem stillen Hause von Brompton gemüthlich und behaglich einzurichten. Diese Frau ist mein Schutzengel. Du mußt sie kennen lernen. Von der Leidenschaft des Spiels hat sie mich vollkommen geheilt. Ich war aus dem besten Wege, in unrettbares Verderben zu rennen, als sie mich bei der Hand faßte und zurückriß. Dies Alles weißt Du aber ohne Zweifel schon. Gestern Nachmittag also sind wir hier in London angekommen. Abends ließ ich sie in ihrem Hotel und präsentierte mich im väterlichen Hause. Hier erfuhr ich sogleich, daß Du mich um meinen alten Ruf gebracht hast, das tollköpfige Subject der Familie zu sein. Du mußt das nicht übelnehmen, Sidney. Ich will Dich durchaus nicht verspotten —— in dieser Absicht bin ich nicht gekommen. Du mußt nicht so sehr aus die Art und Weise achten, wie ich Etwas sage. Für mich hat es einmal nie etwas Ernsthaftes gegeben und wird es auch Nichts geben.«

Er schwieg, um die Asche von seiner Cigarre zu streichen und sich auf meinem Bette bequemer zu setzen. Dann fuhr er fort:

»Ich habe das Unglück gehabt, meinen Vater bei mehr als Einer Gelegenheit sehr ernstlich gegen mich ausgebracht zu sehen; aber niemals habe ich ihn so vollkommen ruhig und folglich so gefährlich und so erbittert gesehen, als gestern Abend während der Unterredung, die er mit mir über Dich pflog. Ich entsinne mich noch sehr wohl des Tones und der Miene, mit denen er mich anredete, als er mich dabei ertappte, wie ich gesammelte Käfer und Schmetterlinge zwischen die Blätter jenes Buches legte, in weichem er unsere Familie verherrlicht und, wie er glaubt, verewigt hat. Aber Dies war Nichts im Vergleiche zu der Stimmung, in welcher er sich jetzt befindet. Ich kann Dir es sagen, Sidney. Wenn ich an Das glaubte, was sentimentale Menschen ein gebrochenes Herz nennen, so würde ich beinahe fürchten, daß er selbst an diesem Uebel leide. Er denkt an weiter Nichts als an Deinen höllisch dummen Streich —— wie zum Teufel hast Du nur auch so thörigt sein können, Deine Kleine zu heirathen? —— und an Deine Verbannung aus der Familie, welche ziemlich lange dauern kann. Ich habe bemerkt, daß es jetzt durchaus nicht gerathen sein würde, nur ein Wort zu Deiner Entschuldigung zu wagen. deshalb bin ich ruhig auf meinem Stuhle sitzen geblieben und habe ihm zugehört, bis er mir zu verstehen gab, daß es Zeit sei, zu Bette zu gehen. Was ich in meiner Niedergeschlagenheit dann that, kannst Du Dir leicht denken. Ich mußte mir von dem Kellermeister ein großes Glas Cognac geben lassen, ehe ich hinaufging zu Clara. Bei dieser war es noch schlimmer als bei unserem Alten, denn sie hatte, eben Deinen Brief erhalten und lief damit wie wahnsinnig im Zimmer umher. Gieb mir einmal, die Schwefelhölzchen her —— meine Cigarre ist ausgegangen. Manche Leute wissen das Sprechen und das Rauchen in ganz gleichen Quantitäten mit einander zu verschmelzen mir aber will dies nie gelingen.

»Du weißt eben so gut als ich,« fuhr er fort, nachdem er seine Cigarre wieder angezündet hatte, »daß Clara sich sehr in der Gewalt hat. Ich hatte ihr Temperament Stets für ein kaltes, Lymphatisches wie die Aerzte in ihrem Kauderwelsch sagen, gehalten; in dem Augenblicke aber, wo ich den Kopf durch die ein wenig geöffnete Thür hineinsteckte, fand ich, daß ich mich in dieser Beziehung geirrt hatte, wie in so vielen andern. Ich sage Dir, Sidney, ich erschrak förmlich über sie, weit mehr als über jene gelehrte Polin, die mir ihr Buch gegen die Ehe gewidmet hat und mir ein Dessertmesser an den Kopf warf, weil ich, während ich ein Mal allein bei ihr speiste, sie in einer sehr hitzigen Argumentation geschlagen hatte. Ich sage Dir, damals erschrak ich nicht halb so sehr als gestern Abend bei dem durchbohrenden Schrei, welchen Clara ausstieß, als sie mich sah, und bei dem Feuer ihrer Augen, während sie mit mir von Dir sprach. Ich habe kein Talent zur Schilderung und hasse —— wahrscheinlich aus demselben Grunde —— die Schilderungen, welche Andere mir machen. deshalb will ich Dir auch nicht Alles ausführlich erzählen, was sie that oder sagte. Es genüge Dir, zu wissen, daß sie mir das Versprechen abnahm, Dich vor allen Dingen gleich heute Morgen hier aufzusuchen und Dich aus Deiner schlimmen Lage zu befreien. Kurz, ich versprach ihr Alles, was sie wollte, Demgemäß siehst Du mich nun auch entschlossen, mich mit Deinen Angelegenheiten eher zu beschäftigen als, mit den, meinigen. Madame *** ist in ihrem Hotel und wahrscheinlich schon im Begriffe, Nervenanfälle zu bekommen, weil ich mit ihr nicht sofort auf die Jagd nach einer Wohnung gegangen bin, aber Clara geht Allem vor. Clara ist mein erster Gedanke. Man muß sich als guter Bruder zeigen, und nun, da Du ein wenig heiterer geworden zu sein scheinst, werde ich versuchen, Dir einige Erklärungen abzulocken und dann sehen, auf welche Weise ich Dir nützlich sein kann.«

»Ralph, Ralph, wie kannst Du in Einem Athem den Namen Clara's und den dieser Frau nennen? War Clara ruhiger, als Du sie verließest? befand sie sich wohler? Ins Himmels Namen, sei wenigstens hierin ernsthaft, wenn Du es auch in allen Andern Dingen nicht bist.«

»Na, nur gelassen, lieber Sidney! Sie war weit ruhiger geworden, als ich fortging. Mein Versprechen hatte die Wirkung, daß ihre Züge fast wieder ganz den gewohnten Ausdruck annahmen. Was den Umstand betrifft, daß ich Clara und Madame *** in einem und demselben Athem genannt, so kann ich Deine Bemerkung darüber nur belächeln. Verwünschte Cigarre —— sie ist schon wieder ausgegangen! Ich muß eine andere versuchen. Gieb mir noch ein Mal die Schwefelhölzchen her. So! —— Nun bin ich bereit, das Gespräch auf die ernsthafteste Weise von der Welt fortzusetzen und mir den Kopf zu zerbrechen, um zu ermitteln, was sich für meinen armen Sidney, diesen guten, unschuldigen Neuling in der Welt, thun läßt»

Er setzte sich wieder und qualmte einige Minuten lang, ohne zu sprechen Seine Augen hefteten wieder auf mich, und seine sorglose Miene, die jugendliche Leichtfertigkeit seiner Manieren verschwanden fast gänzlich.

Als er wieder anfing zu sprechen, glänzte das Feuer einer wirklichen Energie in seinen Augen, und der Ton, in dem er sprach, war fester und entschlossener.

»Jetzt, alter Kamerad,« hob er an, »glaube nicht, daß ich Dich langweilen will, wenn ich Dich bitte, die Schule, welche Du durchgemacht, von Anfang bis zu Ende zu erzählen. Dennoch aber muß ich überzeugt sein, daß Du Dich gegen mich ohne Rückhalt und vollkommen klar aussprichst, denn sonst könnte ich Dir von keinem Nutzen sein. Ueber gewisse Punkte hat unser Vater sich nur sehr dunkel ausgesprochen.

»Er sprach allerdings viel, ja zu viel von den Folgen, die es für die Familie hätte, von dem Kummer, der ihm dadurch bereitet worden, von seinem Entschlusse Dich nie wieder als seinen Sohn. anzuerkennen —— kurz, er sprach von Allem, nur nicht von der Sache selbst. so wie sie aufzufassen ist. Das ist aber nun gerade das Nöthigste. Du wirst es, mir daher nicht übel nehmen, wenn ich Dir mit einigen Worten wiederhole, was gestern Abend gesagt ward, und wenn ich einige Fragen im Bezug auf Das an Dich stelle, was ich heute Morgen zu wissen wünsche, nicht wahr?«

»Fahre fort, Ralph. Sprich ganz, wie es Dir beliebt. Meine Leiden haben mich gegen Prüfungen aller Art bereits unempfindlich gemacht«

»Nun denn, so werde ich damit beginnen, daß ich gehört habe, wie Du Gefallen an einer hübschen Ladenmamsell gefunden hast. Wohlgemerkt, ich tadle Dich deswegen durchaus nicht, denn ich habe mir´selbst mit dergleichen Dämchen die Zeit oft auf sehr angenehme Weise vertrieben. Zweitens aber höre ich, daß Du das Mädchen auch wirklich geheirathet hast. Es ist nicht meine Absicht, Dir etwas Unangenehmes zu sagen, aber Das, was Du da gethan, ist ein unverantwortlich wahnsinniger Streich, von welchem man in ganz Bedlam nicht so leicht ein zweites Beispiel finden wird. Ueber diesen schlimmsten Punkt Deiner Angelegenheit war unser Vater nicht im Stande, sich ausführlich zu erklären, oder er wollte es vielleicht nicht thun. Du kennst ihn gut genug, um zu wissen, warum. Dennoch muß Jemand ausführlich hierüber mit mir sprechen, denn sonst kann ich Nichts in der Sache thun. Um also zunächst auf jenen Schurken zu kommen —— hast Du ihn vielleicht erwischt? Sprich Dich frei aus, lieber Bruder. —— Wenn Du ihn erwischt hast, so hoffe ich wenigstens, daß Du ihn auch nicht so leicht wieder losgelassen hast.«

Ich erzählte meinen Kampf mit Mannion und das Ende desselben.

Mein Bruder sprang mit einem Satze von meinem Bette in die Höhe und ergriff mich, während sein Gesicht vor Freude strahlte und seine Augen funkelten, bei beiden Händen.

»Laß mich Dir die Hand drücken wie ich sie Dir lange nicht gedrückt habe. Das macht alles Uebrige wieder gut! Das entschuldigt alle die dummen Streiche, die Du von dem Augenblicke an begangen, wo Du jenem Mädchen begegnetest. Aber wo ist der Bursche jetzt?«

»Im Spital.«

Ralph lachte aus vollem Halse und warf sich wieder auf das Bett nieder.

Ich dachte an den Brief welchen Mannion mir geschrieben, und schauderte bei dieser Erinnerung.

»Die zweite Person in Bezug auf welche ich Dich fragen muß, ist Deine Frau,« hob mein Bruder wieder an. »Was ist aus dieser geworden? Wo war sie während der ganzen Zeit Deiner Krankheit?«

»Bei ihrem Vater. Sie ist noch dort«

»Ah, ich errathe! Unschuldig —— die alte Leier —— das versieht sich. Und ihr Vater tritt ihr die Brücke, nicht wahr? Das ist keinem Zweifel unterworfen, und ebenfalls die alte Leier. Ich beginne die Sache zu durchschauen. Man droht uns mit einem Scandal, wenn Du sie nicht als Dein Weib anerkennst. Watte einen Augenblick. Hast Du, abgesehen von Deiner Ueberzeugung, einen augenscheinlichen Beweis gegen sie vorzubringen?«

»Ich habe einen sehr langen Brief von ihrem Mitschuldigen erhalten, welcher das Geständniß ihres doppelten Verbrechens enthält.«

Dieses Geständniß wird sie jedenfalls für etwas Abgekartetes erklären, und es könnte uns Nichts nützen, wenn wir nicht wagen wollen, gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, und dies wollen wir nicht. Wir müssen die Sache um jeden Preis zu vertuschen suchen, oder mein Vater grämt sich darüber zu Tode. In diesem Falle zieht man den Beutel, wie ich schon vorausgesehen. Der Herr, Krämer und seine Tochter haben ein ziemlich großes Assortiment Stillschweigen zu verkaufen, und wir müssen ihnen die Elle um so und so Viel abhandeln. Bist Du noch nicht wieder in diesem Hause gewesen, Sidney, um Dich nach dem Preise zu erkundigen und den Handel abzuschließen?.

»Ich war gestern dort.«

»Ah, zum Teufel! Du warst dort? Und wen hast Du gesehen? Den Vater, wie? Und hast Du ihn zu einem Vergleiche bewogen? Hast Du das Geschäft mit ihm gemacht?«

»Er war grob und unverschämt, und gebärdete sich wie ein Besessener.«

»Um so besser! Mit solchen Leuten wird man am leichtesten fertig. Wenn Jemand gegen mich in Zorn geräth, sobald ich ihn antaste, so bin ich im Voraus meines Erfolges sicher. Aber wie war denn das Ende.«

»Das Ende entsprach dem Anfange. Er hat mir Viel gedroht und ich habe mir Viel gefallen lassen.«

»Na, wir werden sehen, ob er mit mir auch so wegkommt. Aber sage mir, Sidney, welche Summe hast Du ihm geboten?«

»Ich habe ihm kein Geldanerbieten gemacht. Meine Umstände sind von der Art, daß ich nicht daran denken kann, ihm eins zu machen. Ich hatte den Plan, noch heute in jenes Haus zurückzukehren und wenn man mit Geld ihn zum Schweigen bringen und meine Familie vor der Schande bewahren könnte, die mich ereilt hat, so wollte ich ihm Alles geben, was ich besitze —— das kleine Kapital, welches mir von unserer Mutter hinterlassen worden.«

»Willst Du mir sagen, daß Deine Hilfsquellen einzig und allein in dieser Kleinigkeit bestehen und daß Du wirklich die Absicht hast, Dich ihrer zu entäußern, um dann keinen rothen Heller mehr in der Tasche zu haben? Willst Du mir sagen, daß unser Vater sich von Dir getrennt hat, ohne Deine Zukunft zu sichern? Nein, nein, sei gerecht gegen ihn. Er ist sehr hart gegen Dich gewesen, das gebe ich zu; aber es ist unmöglich, daß er Dich kaltblütig der Noth und dem Mangel preisgegeben habe.«

»Als wir uns trennten, bot er mir Geld; aber, er begleitete diesen Antrag mit so verächtlichen Worten und Beleidigungen, daß ich lieber gestorben wäre als seine Geschenke genommen hätte. Ich sagte ihm, daß ich ohne Unterstützung von ihm ihn und seine Familie vor den Folgen meines Unglücks bewahren wolle, selbst wenn ich zu diesem Zwecke mein Glück und meine eigene Ehre opfern müßte. Und dieses Opfer werde ich heute noch bringen. Er soll später einsehen, wie ungerecht er war, indem er an mir zweifelte. Obschon er mich nicht mehr als seinen Sohn anerkennt, so soll er doch sehen, was ich um seines guten Namens willen Alles zu ertragen weiß.«

»Du nimmst mir’s nicht übel, Sidney, aber dies ist eine eben so große Thorheit als Deine Heirath. Ich ehre die Unabhängigkeit Deiner Grundsätze, lieber Bruder; aber ich werde darüber wachen, daß Du Dich nicht ohne Noth ins Verderben stürzest. Höre mich also ruhig an. Erstens erinnere Dich, daß Alles, was Dein Vater gesagt.hat, in einem Augenblicke heftiger Aufwallung und Erbitterung gesprochen worden ist. Sein empfindlichster Stolz ist durch Dich mit Füßen getreten worden. Das läßt sich Niemand gern gefallen, und unser Vater weniger als irgend ein Anderer. Was zweitens diese Leute betrifft, so frage ich, was ist für sie das Wenige, welches Du besitzest? Sie wissen, daß unsere Familie reich ist, und werden demzufolge ihre Forderung stellen. Jedes andere Opfer, selbst das, welches Du dadurch brachtest, daß Du ihre Tochter wieder nähmst, —— vorausgesetzt, daß Du Dich dazu hergäbest —— wäre vollkommen überflüssig. Ohne Geld ist Nichts zu machen, und wir müssen förmlich unsere Bedingungen stellen. Nun aber bin ich gerade der rechte Mann, um eine solche Angelegenheit zu arrangieren, und ich habe auch das nöthige Geld, oder vielmehr mein Vater hat es, was auf eins hinausläuft Schreib’ mir daher den Namen und die Adresse Deines famosen Schwiegervaters auf —— wir haben keine Zeit zu verlieren und ich werde sofort zu ihm gehen.«

»Ich kann mich nicht entschließen, Ralph, durch Dich meinem Vater Etwas abverlangen zu lassen, was ich nicht selbst von ihm habe verlangen wollen.«

»Gieb mir seinen Namen und seine Adresse, oder Du wirst mein vortreffliches Gemüte; so erbittern, daß Du mich nicht wiedererkennen sollst. Bei mir hilft Dir Deine Hartnäckigkeit Nichts, lieber Sidney, jetzt eben so wenig als früher auf der Schule. Ich werde das Geld meines Vaters für mich verlangen und es ganz so verwenden, wie ich es für Deine Interessen nothwendig erachte, Seht, wo ich wieder ein solider junger Mann geworden bin, würde er mir Alles geben, was ich verlange. Seitdem meine letzten Schulden bezahlt sind, habe ich nicht fünfzig Guineen wieder geborgt. Ich habe dies Madame *** zu danken, denn diese ist die sparsamste Frau von der Welt. Da ich gerade von ihr spreche, so will ich erwähnen, daß Du, wenn Du sie siehst, Dich nicht wundern mußt, zu finden, daß sie älter ist als ich. Ah, das ist also die Adresse, nicht wahr? »Hollyoake-Square?« Wo zum Teufel ist denn das? —— Doch gleichviel, ich werde eine Droschke nehmen und dem Kutscher die Sorge überlassen, den Ort zu finden. Also fasse frischen Muth und warte, bis ich wiederkomme. Du wirst die Nachrichten nicht ahnen, die ich Dir von Mr. Sherwin und seiner Tochter mitbringe. Also auf Wiedersehen, lieber Sidney, auf Wiedersehen!«

Er verließ das Zimmer eben so schnell als er es betreten.

Als er fort war, fiel mir ein, daß ich ihn von der tödtlichen Krankheit der Mistreß Sherwin hätte unterrichten sollen. Sie mußte jetzt dem Tode nahe sein, wenn sie nicht schon todt war. Ich eilte an dass Fenster, um ihn zurückzurufen —— aber es war zu spät —— er war schon weit.

Wenn er auch in der Nordvilla empfangen ward, stand dann wohl zu erwarten, daß er reüssieren würde? Ich sah mich außer Stande, die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen, Sein so unerwarteter Besuch, dieses eigenthümliche Gemisch von Frivolität und Gefühl in seinen Manieren, von weltlicher Klugheit und jugendlichem Uebermuthe in seiner Conversation, hatten in mir eine gewisse Verwirrung erzeugt, die auch, nachdem er schon fort war, noch vorhanden zu sein schien. Unbemerkbar wendeten meine Gedanken, indem sie sich von Ralph und der Mission, die er für mich übernommen, entfernten, sich einem Gegenstande zu, welcher bestimmt schien, mich, mochte ich nun wollen oder nicht, fortan zu beschäftigen und sich in den Stunden meiner Einsamkeit wie ein schwarzer Schatten in mein Gemüth zu drängen.

Auf diese Weise hatte es also bereits angefangen thätig zu sein —— jenes Verhängniß, welches, wie Mannion erklärte, nicht aufhören sollte, mich zu verfolgen. Schon begann jenes furchtbare Geständniß vergangenen Elendes und Verbrechens, jene ungeheuerliche Erklärung einer Feindschaft, welche so lange dauern sollte als das Leben, ihren lähmenden Einfluß auf meine Geisteskräfte zu äußern.

Ich öffnete den Brief abermals und las wieder in den letzten Sätzen desselben die Drohungen des gegen mich angezettelten Complottes.

Wie sollte ich diesem bösen Genius widerstehen? Wie sollte ich seiner Verfolgung ausweichen? Wie sollte ich diesen Dämon zum Schweigen bringen, oder das Gift, welches er Tropfen um Tropfen auf mich träufeln würde, unschädlich machen? Wann stellte wohl mein Schicksal mich wieder jenem rächenden Dämon gegenüber? Geschah es bald oder erst in einigen Monaten? Oder sah ich vorher Margarethen? —— in meiner Wohnung oder auf der Straße? in der Nacht oder am Tage? Sollte ich den Brief meinem Bruder zeigen? Dies wäre unnütz gewesen; Was konnte mir der Beistand seiner Rathschläge, sein redlicher, aber unüberlegter, tollköpfiger Muth gegen einen Feind nützen, welcher die Wachsamkeit eines Wilden mit der schlauen Bosheit des civilisirten Menschen verband?

Als dieser letzte Gedanke in mir erwachte, brach ich, den Brief schnell wieder zusammen, entschlossen —— leider, wie vergeblich! —— ihn nicht wieder zu öffnen.

Beinahe in demselben Augenblicke hörte ich abermals an die Hausthür pochen.

Konnte Ralph schon wieder da sein? Unmöglich. Uebrigens würde er aus andere Weise gepocht haben, während die jetzigen Schläge des Thürklopfens nur eben stark genug waren, um von dem Orte aus gehört zu werden, wo ich saß.

War, es vielleicht Mannion? Aber wäre dieser wohl so offen und frei am hellen lichten Tage gekommen?

Ein leichter, rascher Tritt kam die Treppe herauf —— mein Herz erbebte. Ich sprang auf die Füße. Es war derselbe Tritt, ja, derselbe, den ich während meiner Krankheit so oft erlauscht Ich eilte auf die Thür zu und öffnete sie.

Mein Instinct hatte mich nicht getäuscht —— es war meine Schwester.

»Sidney!« rief sie, ehe ich noch sprechen konnte, »ist Ralph hier gewesen?«

»Ja, liebe Schwester, ja.«

»Wo ist er hin? Was hat er für Dich gethan? Er versprach mir, Dir beizustehen.«

»Und er hat sein Versprechen wacker gehalten, Clara. So eben ist er wieder fortgegangen, um mir eben zu helfen.«

»Gott sei Dank! Gott sei Dank!«

Noch ganz außer Athem, sank sie, indem sie sprach, aus einen Stuhl nieder. O, wie litt ich, indem ich sie in diesem Augenblicke betrachtete und sah, wie verändert sie war! Ihre sonst so sanften Augen waren gleichsam verdunkelt und erschöpft, und ihr junges reizendes Antlitz wie mit einem Schleier der Unruhe und Traurigkeit verhüllt.

»Es wird mir bald wieder besser werden,« sagte sie, denn sie errieth, was ich bei dem Anblicke ihrer Züge empfand. »Du kannst Dir leicht denken, wie bewegt mein Gemüth ist, indem ich Dich hier in diesem ärmlichen Hause sehe, nach Dem, was gestern vorgegangen ist, während ich überdies ohne Vorwissen meines Vaters hierher gegangen bin. Wir dürfen uns aber deswegen nicht beklagen, lieber Bruder, wenigstens so lange nicht, als es mir möglich sein wird, mich dann und wann vom Hause fortzuschleichen, um Dich zu besuchen. Wir missen nun bloß noch an die Zukunft denken. Welch’ ein Glück vom Himmel, welch’ ein Glück, daß Ralph wieder da ist! Wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Er ist weit besser und gefälliger als wir glaubten. Aber, Sidney, wie angegriffen und krank Du aussiehst! Hast Du Ralph nicht Alles erzählt?Schwebst Du vielleicht in irgend einer Gefahr?«

»Durchaus nicht,«Clara, durchaus nicht.«

»Du mußt Dich wegen Dessen, was gestern geschehen ist, nicht allzu sehr ängstigen. Das Beste für Dich ist, wenn Du Dich bemühest, diesen schrecklichen Auftritt und Alles, was ihn herbeigeführt hat, zu vergessen. Dein Vater hat Nichts weiter darüber geäußert, als daß ich von Deinem Fehltritte und Deinem Unglücke nicht mehr wissen dürfe als das Wenige, was ich schon davon weiß. Ich habe mir daher vorgenommen, mir auch nicht weiter den Kopf darüber zu zerbrechen und keine ferner Fragen an Dich zu stellen. Ich komme zu Dir, lieber Sidney, um Dich wo möglich aufzuheitern, aber nicht um Deine Niedergeschlagenheit zu vermehren. Ich bitte Dich daher, auf Rücksicht für mich die Beleidigung, welche Dir zugefügt worden, eben so zu vergessen wie die Personen, welche sie Dir zugefügt haben. Ich hege schon eine Hoffnung, Sidney, Allerdings ist sie nich weit entfernt, in Erfüllung zu gehen, aber dennoch ist es eine Hoffnung. Erräthst Du sie vielleicht?«

»Wenn Du diese Hoffnung auf meinen Vater gründest, Clara, so ist sie in der That weit entfernt, in Erfüllung zu gehen.«

»Das sage nicht; darüber weiß ich mehr als Du. Erst in voriger Nacht ist Etwas geschehen —— es ist eine Kleinigkeit, wenn Du willst, aber doch Etwas, was beweist, daß er mehr mit dem Gefühle des Schmerzes als mit dem des Zornes an Dich denkt.«

»Ich möchte Dir gern glauben, theurer Engel, aber meine Erinnerung an gestern ——«

»Glaube nicht Deinen Erinnerungen —— rufe sie nicht zurück! Ich will Dir sagen, was geschehen ist. Du warst eben fort, und nachdem ich eine Zeit lang auf meinem Zimmer geblieben, um mich von meiner Gemüthsbewegung wieder ein wenig zu erholen, ging ich wieder hinunter, um unserm Vater Gesellschaft zu leisten. Ich fühlte mich so unglücklich, daß ich nicht allein bleiben konnte. Er war nicht in seinem Cabinette als ich eintrat. In dem Augenblicke, wo ich meine Blicke um mich her schweifen ließ, sah ich die Fetzen von dem Blatte aus unserem Familienbuche auf der Diele umher gestreut und Dein Miniaturportrait lag ebenfalls unter diesen Trümmern. Es war aus seiner Pergamentfassung herausgerissen, übrigens aber nicht beschädigt. Ich hob es auf, Sidney, und legte es auf den Tisch, gerade dem Platze gegenüber, welchen mein Vater gewöhnlich einnimmt, und dicht daneben legte ich mein kleines Medaillon, welches Du kennst und welches Haar von Dir enthält, damit er nicht denken sollte, daß das Portrait zufällig von dem Diener aufgehoben und auf den Tisch gelegt worden sei. Hierauf las ich die Papierstückchen von der Diele auf und nahm sie mit, denn ich glaubte, es sei besser, wenn er sie nicht wiedersähe. In dem Augenblicke, wo ich die Thür des Bibliothekzimmers hinter mir zu schließen im Begriffe stand, hörte ich sich die Thür öffnen, welche in das Cabinet und den Salon führt. Ich sah unsern Vater eintreten und gerade auf den Tisch zugehen. Er kehrte mir den Rücken, so daß ich ihm zusehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Anfangs betrachtete er das Portrait und blieb vollständig unbeweglich stehen, indem er es lange in den Händen hielt. Dann seufzte er, ach, wie traurig! Hierauf nahm er aus einem der Schubfächer seines Tisches das Bildniß unsrer armen guten Mutter, öffnete das Etui und legte Dein Bild behutsam und es immer noch mit liebendem Blicke betrachtend, mit hinein. Ich traute meiner eignen Standhaftigkeit nicht, wenn ich noch länger stehen bliebe und ihm zu sahe. deshalb eilte ich in mein Zimmer, und nicht lange darauf kam unser Vater zu mir, um mir mein Medaillon wiederzugeben, indem er weiter Nichts zu mir sagte als die Worte: »Du hast das auf meinem Tische liegen lassen, Clara.« Wenn Du aber sein Gesicht gesehen hättest, so würdest Du Dich sofort den frohesten Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft hingegeben haben, gerade wie ich thue.«

»Und ich werde es auch thun, Clara, ohne jedoch einen stärkeren Beweggrund dazu zu haben als meine Dankbarkeit gegen Dich.«

»Ehe ich unser Haus verließ,« fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, »dachte ich an die Vereinsamung, in welcher Du Dich in diesem fremden Hause befindest, lieber Bruder, besonders da ich weiß, daß ich Dich nur selten und verstohlen besuchen kann, denn wenn mein Vater Etwas davon erführe —— Doch sprechen wir weiter nicht davon. Ich dachte, die Zeit wird Dir hier sehr lang werden, und deshalb habe ich Deinen alten Kameraden mitgebracht, den Du ohne Zweifel vergessen hast, der Dir früher treulich Gesellschaft leistete und es auch noch jetzt thun kann, indem er Dich abhält, allzu sehr an Das zu denken, was Du gelitten. Schau' her, Sidney; wirst Du« ihn nicht gut empfangen, diesen alten Freund?«

Und sie reichte mir eine kleine Rolle Manuscript, indem sie sich bemühte, ihr keines, heiteres Lächeln von sonst zu zeigen, während ihr doch zugleich die Thränen in die Augen traten.

Ich wendete die Blätter um, ich betrachtete die Schrift und noch einmal sah ich vor mir die ersten Kapitel meines unvollendeten Romans. Ich fand sie demnach wieder, diese Blätter, welche die Frucht einer geduldigen Arbeit waren, die vertrauten Reliquien jenes ersten Ehrgeizes, des edelsten, den es geben kann, den ich um der Liebe willen vernachlässigt —— die Zeugen, welche mich allzu treu an jene ruhigen Freuden erinnerten, die ich auf immer verloren, an die Freuden, durch welche die Seele erhoben und veredelt wird.

»Ich habe diese Blätter, nachdem Du sie beiseite geworfen, mehr in Acht genommen als irgend etwas Anderes,« sagte Clara. »Ich habe immer gedacht, daß die Zeit wiederkommen würde, wo Du Dich Deiner Lieblingsbeschäftigung wieder zuwendest, der Beschäftigung, welcher ich stets mit dem meisten Vergnügen zugesehen. Und diese Zeit ist jetzt gekommen, mein Bruder. Deine beste Zuflucht ist die Arbeit, die Dich sonst so glücklich machte. Sie wird Deinen Gedanken eine andere Richtung geben, denn es ist nicht gut, wenn dieselben fortwährend einem und demselben Gegenstande zugewendet sind. Ich bin überzeugt, Sidney, daß Dein Buch Dich mehr als irgend etwas Anderes in den Stand setzen wird, geduldig auf bessere Zeiten zu warten. Wie fremd und ärmlich es auch in diesem Hause sein mag, so wird doch der Anblick Deines Manuscripts, der Besuch Deiner Schwester —— so oft sie kommen kann —— ihm vielleicht in Deinen Augen das Ansehen eines häuslichen Herdes verleihen. Dieses Zimmer ist allerdings nicht sehr ——«

Sie stockte plötzlich. Ich sah, wie ihre Lippen zitterten und wie abermals Thränen ihre Augen umflorten, während sie sich umschaute. Als ich mich bemühte, ihr die ganze Dankbarkeit zu schildern, welche sie mir einflößte, wendete sie sich rasch ab und begann sich damit zu beschäftigen, daß sie die Physiognomie dieses möblierten Zimmers ein wenig reorganisirte. Sie brachte die mitunter ein wenig plumpen Zierrathen auf dem Kaminsims ein Ordnung, steckte die Fenstervorhänge in solche Falten, daß dadurch die Löcher verdeckt wurden, und gab mit Einem Worte dem alten Zimmergeräthe ein so sauberes und nettes Ansehen als möglich.

Diese Aufgabe beschäftigte sie noch, als die Uhr einer nahen Kirche die erste Mittagsstunde verkündete und sie mahnte, sich nun nicht länger mehr aufzuhalten.

»Ich muß Dich verlassen,« sagte sie; »ich glaubte nicht, daß es schon so spät wäre. Beunruhige Dich nicht wegen der Art und Weise, auf welche ich wieder nach Hause gelangen werde. Die alte Martha hat mich hierher begleitet und erwartet mich unten an der Treppe. Du weißt, daß wir uns auf sie verlassen können. Schreib’ mir, so oft Du kannst. Ralph wird mir alle Tage Nachricht von Dir geben, trotzdem aber möchte sich lieber von Zeit zu Zeit einen Brief von Dir erhalten. Geduld und Hoffnung im Unglücke! Sei so standhaft, als Du mir empfiehlst, es zu sein, und ich werde an Nichts verzweifeln. Sage Ralph Nichts davon, daß ich hier gewesen bin; er könnte darüber angehalten sein. Ich werde wiederkommen, sobald es mir möglich ist; denn ich kann mir nicht denken, daß ich dabei etwas Unrechtes thue. Und doch, wenn man Etwas davon erführe —— ich fürchte mich, zu denken, was dann geschehen würde. Auf Wiedersehen, Sidney. Wir wollen uns ohne Traurigkeit trennen und auf bessere Tage hoffen. Auf Wiedersehen, lieber Bruder, auf baldiges Wiedersehen!«

Sie hätte beinahe ihre Herrschaft über sich selbst verloren, als sie mich umarmte, um ihres Schritte nach der Thür zu lenken. Dann winkte sie mir noch, daß ich sie nicht bis zur Treppe begleiten solle, und ohne sich weiter umzusehen, entfernte sie sich rasch aus dem Zimmer. Dieser Entschluß. ihre Wiederentfernung nicht aufzuschieben, trug sehr dazu bei, unser Geheimniß zu bewahren.

Kaum war sie einige Minuten hinaus, mein Herz war noch erfüllt von dem sanften, tröstenden Eindrucke ihrer Gegenwart, und meine Blicke hefteten sich traurig auf das mir früher so kostbare Manuscript, welches sie mir zurückgegeben, als Ralph von der Nordvilla zurückkam.

Ich hörte ihn die alte hölzerne Treppe mehr heraufspringen als laufen, und ungestümer als je trat er in mein Zimmer.

»Victoria! Victoria!« rief er, indem er sich wieder auf das Bett warf. »Wenigstens was den alten Krämer selbst betrifft, hat sich das Blatt zu Deinen Gunsten gewendet. Wir können ihn, um was wir wollen, um einen ganz billigen Preis erkaufen, wenn wir uns recht dazuhalten. Die unschuldige Miß hat gerade zur rechten Zeit ein umfassendes Geständniß abgelegt. Ja, ja, Sidney, lieber Junge, sie hat den gefährlichen Sprung gethan.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Sie hat den gefährlichen Sprung gethan. Sie ist in das Hospital gegangen, um zu sehen, wie Du jenes Bürschchen gezeichnet hast —— wie nanntest Du ihn doch gleich?«

»Mannion.«

»Ganz richtig, Mannion. Ich habe einen Brief in die Hände bekommen, den er ihr geschickt hat. Dieser Brief beschuldigt sie, trotz des keckesten Leugnens ihres Vaters, und dieser ist nicht der Mann, der sich durch eine Bagatelle aus dem Felde schlagen läßt. Ich will jedoch hübsch von vorn anfangen und Dir Alles erzählen, was geschehen ist. Wirklich, Sidney, Deiner Miene nach sollte man glauben, daß ich Dir schlimme Nachrichten brächte!««

»Achte nicht auf meine Miene, Ralph, sondern erzähle Weiter.«

»Nun gut —— das Erste, was ich bei meinem Eintritte in das Haus erfuhr, war, daß Mistreß Sherwin im Sterben liege. Der Diener ließ sich meinen Namen sagen, aber ich glaubte, ich würde nicht vorgelassen werden. Welch’ ein Irrthum! Ich ward in den Salon geführt, und Mr. Sherwin hatte nichts Eiligeres zu thun, als mir zu sagen, seine Frau sei bloß ein wenig krank, seine Dienstleute übertrieben es, und er sei vollkommen bereit, zu hören, was Mr. Sidney's geehrter Bruder ihm zu sagen habe. Du siehst, daß der Kerl doch wenigstens schlau genug ist, um von vorn herein höflich zu sein. In meinem Leben habe ich kein widerwärtigeres Gesicht gesehen als das seine. Ein Geschichtsmaler, der um einen Judas Ischariot verlegen wäre, könnte sich hier sofort helfen. Ich musterte ihn mit scharfem Blicke, und ehe noch zwei Minuten vergingen, hatte ich ihm rund und rein heraus gesagt, weshalb ich gekommen sei.«

»Und wie antwortete er?«

»Wie ich es erwartete. Er begann damit, daß er sich entrüstet stellte. Bei dem zweiten Fluche aber unterbrach ich ihn.« »Sir,« sagte ich ganz höflich zu ihm, »wenn Ihnen daran liegt, daß unsere Unterredung nicht ohne Geschrei und Fluchen abgehe, so glaube ich, Sie im Voraus unterrichten zu müssen, daß Sie höchst wahrscheinlich der Erste sein werden, der sich darüber beklagt. Wenn ich das ganze Repertorium der englischen Fläche erschöpft hätte, so könnte ich noch sehr geläufig in fünf fremden Sprachen fluchen. Mein Grundsatz ist, Grobheiten allemal mit Zinsen und Zinseszinsen zurückzugeben, und ich übertreibe nicht, wenn ich Ihnen sage, ich bin im Stande, zu fluchen, daß Ihnen Hören und Sehen vergehen soll. Nun wissen Sie, was Sie von mir zu halten haben. Jetzt sprechen Sie weiter —— ich bin bereit, Sie zu hören.« —— Nachdem ich ihm dies gesagt hatte, sah er mich eine Zeitlang mit betroffener Miene an dann begann er wieder den Entrüsteten zu spielen —— dies Mal aber waren es pomphafte Declamationen, die einen gewissen parlamentarischen Styl hatten. —— Zuletzt zog er Dein unglückliches Heirathscertificat aus der Tasche, indem er mir zum fünften Male versicherte, seine Tochter sei unschuldig, und er werde Dich zwingen, sie als Deine Frau anzuerkennen, und wenn er deshalb vor Gericht gehen solle. Das hatte er auch wohl schon zu Dir gesagt, als Du bei ihm warst, nicht wahr?«

»Ja wohl, ganz dasselbe —— beinahe Wort für Wort.«

»Ich hatte meine Antwort schon fertig, und ehe er noch Zeit hatte, das Certificat wieder in die Tasche zu stecken, sagte ich zu ihm: »Mr. Sherwin, haben Sie die Güte, mich anzuhören. Mein Vater hat gewisse Familienvorurtheile und gewisse Schwächen des Nervensystems, die ich nicht geerbt habe, obschon ich gesonnen bin, Maßregeln zu treffen, um Sie zu hindern, diese Vorurtheile oder Schwächen zu verletzen Es wird gut sein, wenn ich Ihnen gleichzeitig sage, daß ich ohne sein Vorwissen hierher gekommen bin. Ich bin nicht der Abgesandte meines Vaters, sondern der meines Bruders, welcher nicht der geeignete Mann ist, um einen Handel mit Ihnen abzuschließen. Er besitzt viel zu viel Zartgefühl und kennt seine Leute nicht genug. Ich komme daher als Abgesandter meines Bruders, und aus Rücksicht auf die eigenthümliche Anschauungsweise meines Vaters will ich aus meinen eigenen Mitteln eine gewisse alljährlich zu zahlende Summe bewilligen, die zum Unterhalte Ihrer Tochter mehr als hinreichend ist —— eine Summe, die Ihnen alle drei Monate ausgezahlt werden wird, unter der Bedingung, daß weder Sie noch Ihre Tochter uns lästig fallen, daß Sie sich niemals und nirgends unseres Namens bedienen und daß die bis jetzt geheimgehaltene Heirath meines Bruders fortan der Vergessenheit überantwortet werde. Wir behalten unsere Meinung von der Strafbarkeit Ihrer Tochter, Sie behalten Ihre Meinung von ihrer Unschuld. Wir haben Schweigen zu erkaufen, und Sie haben dessen alle drei Monate ein Mal zu verkaufen. Wenn Einer von uns die Bedingungen nicht hält, so kennen wir Beide das Mittel, ihn zu zwingen. Dieses Arrangement läßt alle Gefahren auf unserer Seite und bietet Ihnen nur Vortheil und Sicherheit. Sie weigern sich, glaube ich?« —— »Sir,« sagte er in feierlichem Tone, »ich wäre des Namens eines Vaters unwürdig, wenn ich —— »Dank, Dank« sagte ich, indem ich ihn sofort unterbrach, als ich sah, daß er seine sentimentale Komödie wieder beginnen wollte. »Ich danke, ich verstehe vollkommen. Wir wollen daher, wenn es gefällig ist, die Frage von der andern Seite betrachten.«

»Von der andern Seite? Wie meinst Du das, Ralph? Ist es möglich, daß Du noch mehr gesagt hast?«

»Du sollst es sogleich hören. »Da Sie,« sagte ich zu Mr. Sherwin, »sonach für Ihre Person fest entschlossen sind, auf keinen Vergleich einzugehen, sondern meinen Bruder und gleichzeitig seine Familie zu zwingen, eine Frau anzuerkennen, über deren Strafbarkeit nicht der mindeste Zweifel obwaltet, so glauben Sie, Sie können Ihren Zweck damit erreichen, daß Sie uns mit öffentlichem Scandal drohen. Wohlan, drohen Sie nicht mehr, sondern machen Sie Ihren Scandal. Gehen Sie sofort vor Gericht, wenn Sie wollen. Bringen Sie unsern Namen in die Zeitungen und proklamieren Sie die Vermählung, durch welche unsere Familie mit der des Modewaarenhändlers Mr. Sherwin verwandt wird, mit der Person, die sich nach unserer Ueberzeugung als Weib und als Gattin auf immer entehrt hat. Veröffentlichen Sie alle diese scandalösen Einzelheiten, wenn es Ihnen beliebt. Welchen Vortheil werden Sie davon haben? Rache? Wird aber die Rache Ihnen wohl einen Heller einbringen? Wird diese Rache Ihnen den mindesten Beitrag zur Ernährung Ihrer Tochter liefern? Werden wir dadurch gezwungen werden, diese bei uns aufzunehmen? Keine Idee! Sie werden uns dadurch bloß aufs Aeußerste getrieben haben. Wir haben dann keinen Eclat mehr zu fürchten, und es bleibt uns noch ein einziges Mittel, aber ein verzweifeltes. Wir werden gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen und einen Prozeß beginnen. Wir sind reich, Mr. Sherwin, und können uns das Vergnügen eines kostspieligen Prozesses machen und eine Scheidung zuwege bringen. Wir haben schriftliche Beweise, von welchen Sie Nichts wissen, und wir werden Zeugen citiren, denen Sie nicht den Mund verschließen können. Ich bin nicht Jurist, aber ich wette Hundert gegen Eins —— natürlich in aller Freundschaft —— daß wir unsern Prozeß gewinnen.«

»Ralph, Ralph! Wie wäre das möglich!«

»Schweig’ und laß mich ausreden. Es versteht sich von selbst, daß wir diese Drohung wegen der Scheidung nicht in Ausführung bringen könnten, ohne dadurch zugleich den Tod unseres Vaters herbeizuführen; aber ich glaubte, es könne Nichts schaden, wenn ich mich diesem Krämer gegenüber nach meiner ruhigen Weise auch ein wenig in Positur stellte. Und ich that Recht daran. Du hast noch nie einen Menschen sich mit traurigerer Miene auf die scharfen Kanten eines Dilemma setzen sehen. Er zitterte und ballte die Fäuste, dann nahm er eine würdevolle Haltung an, um gleich darauf wieder weinerlich und zuletzt unverschämt zu werden. Aber ich ließ mich dadurch nicht irre machen, sondern blieb bei meinem Ausspruche: »Schweigen und Geld!»oder »Scandal und Scheidung!« stehen. Ich stellte es ihm ganz in seinen Willen. —— »Ich stelle jede Ihrer Beschuldigungen entschieden in Abrede,« sagte er. —— »Davon ist nicht die Rede,« antwortete ich. —— »Ich werde zu Ihrem Vater gehen.« —— »Sie werden bei ihm nicht vorgelassen werden.« —— »Dann werde ich an ihn schreiben.« —— »Er wird Ihren Brief nicht erhalten»—— Während er so stammelte und stotterte, nahm ich ruhig meine Prise Tabak. —— Endlich sah er ein, daß er Nichts gewinnen würde, und zog daher den alten Römer aus, um bloß den Kaufmann hervortreten zu lassen. »Aber wenn ich nun auch in diesen erniedrigenden Handel willigen wollte,« sagte er, »was würde dann aus meiner Tochter werden?« —— »Sie würde gerade das werden, was soviele Personen werden, die behaglich ihre Rente einstreichen.« antwortete ich. —— »Meine Liebe zu diesem so entsetzlich verkannten Kinde macht mich fast geneigt, ihre Wünsche zu Rathe zu ziehen, ehe ich mich zu irgend Etwas verstehe. Ich will zu ihr hinaufgehen,« setzte er hinzu. —— »Ich werde mittlerweile hier warten,« entgegnete ich.

»Und er hatte Nichts dagegen zu erinnern?«

»Nein doch —— er ging die Treppe hinauf; aber einige Minuten später sah ich ihn mit einem offenen Briefe in der Hand und der verstörten Miene eines Menschen, welcher den Teufel hinter sich weiß, schnell wieder herunterkommen. Auf der dritten oder vierten Stufe von unten stolperte er, hielt sich mit Mühe an das Treppengeländer fest und ließ dabei den Brief fallen. Wie ein Wüthender riß er hierauf seinen Hut vom Nagel und eilte durch die Hausflur zur Gartenthür hinaus. In dem Augenblicke, wo ich ihn über die Schwelle gehen sah, hörte ich ihn noch Murmeln: »Diese Heuchlerin! In die Zwangsjacke werden wir sie stecken, wenn es nicht anders geht!« In seiner Wuth und Eile dachte er nicht daran, den Brief aufzuheben, welchen er über das Geländer hatte fallen lassen. Ich trug natürlich Sorge, dies zu thun, ehe ich mich entfernte; denn ich mnthmaßte, daß dieser Brief eine gute Prise für uns sein könnte, und ich hatte Recht. Lies ihn selbst, Sidney. Moralisch und gesetzlich hast Du ein Recht auf den Besitz dieses kostbaren Documents —— hier ist es.«

Ich ergriff den Brief und las folgende von Mannion im Hospitale geschriebene Zeilen:

»Dein letztes Billet habe ich erhalten und wundere mich nicht, daß dieser Zwang Deine Ungeduld steigert. Bedenke aber, wenn Du nicht so gehandelt hättest, wie ich Dir schon im Voraus, wenn die Sache schlimm ginge, gerathen, zu handeln, wenn Du nicht Deinem Vater Deine Unschuld betheuert, wenn Du Deiner Mutter gegenüber nicht das vollkommenste Schweigen bewahrt hättest, wenn Du nicht fortwährend auf Deinem Zimmer geblieben wärst und —— wie es einer Märtyrerin geziemt —— selbst die Gelegenheit gemieden hättest, den Namen Deines Gatten zu nennen, so wäre Deine Lage eine sehr kritische gewesen. Nicht im Stande, Dir zu Hilfe zu kommen, konnte ich weiter Nichts thun als Dir die, Mittel andeuten, Dir selbst zu helfen. Ich habe Dir´die nöthigen Weisungen ertheilt, und Du bist klug genug gewesen, sie zu benutzen.

Gegenwärtig bin ich abermals genöthigt, meine Pläne zu ändern. Ich habe einen Rückfall bekommen, und die Zeit, wo ich das Hospital werde verlassen können, ist noch ungewiß. Es erscheint mir Deinen Interessen eben so wie den meinigen nicht entsprechend, Deine Geduld auf eine längere Probe zur stellen und Dich im Hause Deines Vaters noch ferner meine Wiederherstellung abwarten zu lassen. Besuche mich daher morgen, sobald Du unbemerkt wegkommen kannst. Du lässt Dich als eine Verwandte anmelden, und man wird Dir mein Bett bezeichnen, wenn Du nach Mr, Turner fragst, denn unter, diesem Namen habe ich mich in das Register des Hospitals einschreiben lassen. Durch Vermittlung eines treuen Freundes, welcher in der Stadt wohnt, habe ich eine Wohnung besorgen lassen, in welcher Du ganz nach Deinem Gefallen und ohne Gefahr vor Entdeckung leben kannst, bis ich wieder hergestellt bin und selbst wieder zu Dir kommen kann. Du kannst zwei Mal wöchentlich hierher kommen, wenn Du willst, und dies wäre das Mittel, Dich an den Anblick meines Gesichts zu gewöhnen. Ich habe Dir schon in meinem ersten Briefe gesagt, wie und wo ich auf diese Weise entstellt worden bin, und wenn Du es mit eigenen Augen siehst, so wirst Du besser darauf vorbereitet sein, meine künftigen Entschlüsse zu erfahren, und geneigter, sie zu unterstützen.

»Du brauchst nun nicht länger die unschuldige zu spielen oder Deinen Gatten zu täuschen. Wenn Du zu mir kommst, sollst Du erfahren, warum. Ich werde über Dein künftiges Schicksal entscheiden. —— Eine neue und abenteuerliche Phase des Lebens öffnet sich vor Dir und Du wirst dieselbe beginnen, indem Du morgen hierher kommst, wie ich Dir hiermit befehle.

»B. M.«

Augenscheinlich war dieser Brief derselbe, den mir die Dienerin in der Nordvilla gezeigt. Das Datum entsprach dem, unter welchem Mannion an mich selbst geschrieben. Ich bemerkte, daß das Couvert fehlte, und fragte Ralph, ob er es nicht auch aufgehoben habe.

»Nein,« antwortete er. »Sherwin ließ den Brief so fallen, wie Du ihn hier siehst. Wahrscheinlich hat seine Tochter dieses Couvert mitgenommen, in der Meinung, daß dieser Brief noch darin stecke.,Doch darauf kommt weiter Nichts an. Schau her: der Schurke hat seinen Namen so dreist darunter geschrieben, als ob es eine ganz gewöhnliche Correspondenz wäre. Dieser Brief genügt, um die saubere Margarethe zu überführen, und weiter brauchen wir Nichts, um mit ihrem Vater vollends fertig zu werden.«

»Aber, Ralph, glaubst Du denn, daß ——«

»Daß ihr Vater sie wiederholen werde? Ganz gewiß wird er es thun, wenn er in dem Hospitale noch zeitig genug ankommt, um sie zu ertappen, Wäre dies nicht der Fall, so würde diese Flucht uns freilich höchst wahrscheinlich einige neue Verlegenheiten bereiten. Die Sache kann dann nämlich folgende Wendung nehmen. Nach dem Lesen dieses Briefes und der Flucht seiner Tochter wird Sherwin nichts Besseres zu thun haben, als von ihrer Unschuld zu schweigen. Wir können annehmen, daß er sehr fügsam und zu einem Vergleiche geneigt sein wird. Was den andern Schurken, diesen Mannion, betrifft, so kann man sich nicht verhehlen, daß er schreibt, als wenn er etwas sehr Gefährliches im Schilde führte. Wenn er wirklich einen Versuch macht, uns, zu belästigen, so werden wir ihm einen nochmaligen Denkzettel anhängen, dies Mal übernehme ich diese Aufgabe —— oder wir überliefern ihn der Polizei und dann ist es aus mit ihm. Auf jeden Fall hat dieser kein Trauungscertificat, mit welchem er uns drohen könnte, und er wird lieber schweigen als öffentlich gestehen, daß er tüchtige Keile bekommen hat. Nun, was fehlt Dir —— Du bist ja wieder ganz bleich geworden?«

Ich fühlte, daß ich die Farbe wechselte. Während er sprach, konnte ich nicht umhin, in demselben Augenblicke den unheimlichen Contrast zu bemerken, welcher zwischen der Feindschaft Mannion’s, so wie Ralph sie dachte, und der Feindschaft bestand, wie ich sie wirklich kannte. Schon war der erste Schritt des Complottes mit dem mein Feind mich bedroht hatte durch die Flucht der Tochter Sherwin’s erfolgt.

Sollte ich meinem Bruder den Brief zeigen den ich von Mannion erhalten?

Nein, dadurch hätte ich mich weniger gegen die Gefahren vertheidigt, mit welchen er mich bedrohte, als vielmehr meinen Bruder in die mir erklärte lebenslängliche Verfolgung mit hineingezogen. Schon dieser Gedanke machte mich erbeben, und als Ralph seine Bemerkung über die plötzliche Blässe meines Gesichts wiederholte, murmelte ich eine banale Entschuldigung und bat ihn, fortzufahren.

»Sidney,« sagte er, »ich glaube Dir wohl, daß Du ein wenig ergriffen bist, obschon Du nichts Besseres von Seiten dieses Weibes erwarten kannst. Du bist empört, daß sie frecher Weise diesem Mannion selbst bis ins Hospital nachläuft. Abgesehen von dieser bei Dir sehr natürlichen Entrüstung, müssen wir aber nach meiner Ansicht nun einmal darauf gefaßt sein, sie nach ihrem Gutdünken machen und nach ihrem Belieben leben zu lassen, dafern es nur nicht unter unserm Namen geschieht. Dies aber ist für uns die große Furcht und die große Schwierigkeit. Wenn Sherwin seine Tochter nicht ausfindig macht, so müssen wir sie ausfindig machen, denn sonst können wir niemals sicher sein, daß sie nicht Unter unserm Namen lebe und als Deine Frau alle Arten, Schulden mache. Wenn ihr ´Vater sie in sein Haus zurückführt, so werde ich Beide schon zu bewegen wissen, Raison anzunehmen; im entgegengesetzten Falle aber muß ich mit ihr allein an dem Orte parlamentiren, wo sie sich versteckt halten wird. Dies ist jetzt der einzige Dorn, der uns im; Fleisch steckt, und diesen Dorn müssen wir sofort mit einer goldnen Zange ausreißen. Ist das nicht auch Deine Meinung, Sidney?«

»Ja, aber ——«

»Aber wie sollen wir Gewißheit erlangen? willst Du sagen —— Wohl an, sei es heute oder sei es morgen, so werde ich wieder mit Mr. Sherwin sprechen und erfahren, ob er seine Tochter wieder in seine väterliche Gewalt bekommen hat. Ist dies nicht der Fall, so müssen wir in das Hospitai gehen und auf ein Mittel sinnen, Etwas durch Uns selbst zu entdecken. Sei nicht so bekümmert und niedergeschlagen, Sidney. Ich werde mit Dir gehen. Du brauchst sie nicht wiederzusehen und jenen Schurken auch nicht. Du mußt mich bloß begleiten, weil Deine Gegenwart mir nothwendig sein kann. Und nun will ich mich für heute beurlauben. Ich muß nun wieder zu Madame, denn sie ist unglücklicher Weise eine der empfindlichsten Frauen, die es geben kann, und wird über meine lange Abwesenheit schon in großer Unruhe sein. Wir wollen Dich schon dieser Verlegenheit ziehen, lieber Bruder, das sollst Du bald sehen. Apropos, kennst Du vielleicht in der Nähe von Brompton ein einzelnes, bescheiden aber dabei wohnlich und anständig eingerichtetes Haus? Die meisten meiner Clubfreunde wohnen in dieser Gegend. Ein allein stehendes Häuschen, hörst Du wohl? Ich habe mich nämlich in der neuesten Zeit aufs Violinspiel gelegt —— wer weiß, auf was ich mich noch Alles lege. Madame begleitet mich auf dem Pianoforte und ich glaube, wir würden keine kleine Plage für unsre nächsten Nachbarn sein. Das ist die ganze Geschichte. Ah! Du hast also Nichts von einem solchen Hause gehört? Denken wir dann weiter nicht daran. Ich werde mich an eine Agentur oder so Etwas wenden. Clara soll noch, ehe es Abend wird, erfahren, daß wir schon ein gutes Stück vorwärts gekommen sind. —— Das werde ich ihr zu wissen thun, dafern ich nämlich die Wachsamkeit meines Argus im Unterrocke täuschen kann. Sie ist ein wenig halsstarrig, aber dennoch —— ich sage es Dir nochmals —— eine Frau von den trefflichsten Eigenschaften. Denke nur, wie ich mich verändert habe, seitdem ich mit ihr bekannt bin. Ich spiele Violine, ich schnupfe, ich will in einem kleinen Landhaus der Vorstadt ruhig und solide leben und meine Steuern bezahlen. Also auf Wiedersehen, Sidney.«


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