Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus
 

Die Heirat im Omnibus



Erstes Kapitel.

Wenn wir die Neigungen und Impulse betrachten, welche das Spiel unserer Leidenschaften regeln, so sind es oft die einfachsten und geringfügigsten von allen, die uns beseelen. Erst wenn der Stoß kommt und unser Gemüth davor zurück bebt, wenn die Freude sich in Kummer oder der Kummer sich in Freude verwandelt, sehen wir klar, welchen Alltäglichkeiten der wirklichen Welt unser Geist seine höchsten Freuden oder seine tiefste Schwermuth entlehnt hat.

Es war mir beschieden, Etwas davon zu erfahren, als, nachdem ich einen Augenblick zögernd vor der Thür des Hauses. meines Vaters gestanden und mich einsamer in der Welt stehen sah als die Unglücklichsten, die an mir vorübergingen, meine Schritte wie sonst die Richtung nach der Nordvilla nahmen. Der Instinct einer letzten Pflicht, welche mir zu erfüllen blieb, leitete mich weit mehr als ein freier Impuls meines eigenen Willens durch die Straßen von London mitten im strahlenden Glanze eines der schönsten Sommertage.

Ich sah mich daher abermals auf dem Wege der täglichen Wanderung, die ich ein ganzes Jahr lang gemacht, und jetzt zum ersten Male bemerkte ich, daß es auf diesem ganzen Wege fast keinen Ort gab, der mir nicht theuer gewesen wäre und der sich nicht durch irgend eine Ideenverbindung mit Margarethe Sherwin in meine Erinnerung eingegraben hätte.

Hier sah ich den bekannten Kaufladen, an dessen Schaufenster so viele allerliebste kleine Tändeleien ausgestellt waren, daß ich im Vorbeigehen alle Mal in Versuchung kam, einige davon zu kaufen, um sie ihr zum Geschenke zu machen. Dort sah sich die geräuschvolle Ecke der Straße von aller Architektur entblößt, der aber meine Träume früher eine feenhafte Erscheinung liehen, weil ich, wenn ich bis hierher war, wußte, daß ich über die Hälfte der Entfernung zurückgelegt hatte.

Ein wenig weiter hin gewahrte ich die Bäume des Parks, Bäume, welche früher selbst in der Jahreszeit, wo sie entstaubt waren, mein Auge erfreuten; denn war ich nicht mit ihr unter ihren Schatten gewandelt? Noch einige Schritte und ich gelangte an die Ecke, wo man die lange Straße der Vorstadt verläßt, um Hollyoake Square zu betreten, einen einsamen, staubigen Ort, der früher dennoch für mich goldene Illusionen barg, gleich dem Vorhange von grobem Stoffe, welcher eine römische Madonna verhüllt.

Alle diese Ideen drängten sich mir auch jetzt noch auf, als ich entehrt und ruiniert denselben Weg nach der Nordvilla zurücklegte.

Ich ging, ohne einen Augenblick zu zögern und ohne an Umkehren auch nur zu denken. Ich hatte gesagt, daß die Ehre meiner Familie durch den Schlag, welcher mich getroffen, nicht berührt werden solle, und war entschlossen, dieses Wort zu halten bis zum letzten Hauche meines Lebens. Ich mußte meinen Vater zwingen, früher oder später seine Ungerechtigkeit zu bereuen und von seiner Verachtung gegen mich zurückzukommen.

Dieser Entschluß gab mir Vertrauen zu mir selbst, zu meiner Energie, Alles zu ertragen, jene Kaltblütigkeit, mit welcher ich trotz des von meinem Vater über mich ausgesprochenen Verbannungsurtheils gerade auf mein Ziel losging.

Und sicherlich, wenn jemals ein Schritt die Geduld des menschlichen Herzens auf eine furchtbare Probe gestellt hat, so war es dieser. Ich mußte Mr. Sherwin gegenübertreten —— vielleicht auch Margarethen, welche Demüthigung! —— ich mußte gewisse Worte aussprechen, ich mußte deutlich gewisse Wahrheiten zu verstehen geben, welche ihm zeigten, daß fortan jeder Betrug vergeblich, und daß die zweideutigen Ausdrücke seines Briefes von seiner Seite Beleidigungen, von Seiten seiner Tochter ein Meineid seien.

Dies mußte ich thun, und überdies mußte ich, indem ich den Verrath, dessen Opfer ich wart, entlarvte, mich gefaßt machen, die Familie, welcher ich trotz meiner Verbannung noch angehörte, gegen, Alles zu schützen, was durch den Geist der Rache, oder durch Sucht nach Gewinn oder durch die Frechheit des entdeckten Verbrechens und der getäuschten Habgier gegen sie versucht werden konnte. Es war eine schwere und beinahe Unmögliche Aufgabe, aber dennoch mußte ich sie erfüllen.

Den Gedanken an diese harte Nothwendigkeit hielt ich meinem Geiste unaufhörlich vor, nicht bloß um mich von meiner Pflicht zu überzeugen, sondern auch um mich gewissermaßen gegen einen andern Gedanken zu panzern, den ich in mir zu unterdrücken suchte: das Bild der bleichen, unbeweglichen Clara, so wie ich sie zuletzt ohnmächtig in den Armen meines Vaters liegen gesehen.

Die Dienerin stand gerade an der Gartenthür der Nordvilla. Es war dieselbe Dienerin die ich in den ersten Tagen meiner verhängnißvollen Leidenschaft gesehen und ausgefragt hatte. Sie empfing eben einen Brief aus der Hand eines sehr ärmlich gekleideten Mannes, der sich sowie ich mich näherte, rasch entfernte.

In dem Augenblicke, wo sie auf die Seite trat, um mich vorbeizulassen, waren ihre Verwirrung und Ueberraschung so groß, daß sie beinahe nicht im Stande war, mich anzusehen oder mit mir zu sprechen. Erst als ich die Thürstufen hinaufging, sagte sie zu mir:

»Miß Margarethe« so nannte sie sie noch! »

Miß Margarethe ist oben, Sir —— Sie wünschen doch wahrscheinlich ——«

»Ich wünsche sie nicht zu sprechen. Ich habe mit Mr. Sherwin zu sprechen.« Noch hastiger und verlegener als vorher öffnete die Dienerin mir die Thür, welche in den Corridor führte. Aus ihrer Verwirrung schloß ich, während ich eintrat, daß sie mich ihrer Instruction zuwider eingelassen hatte.

Mr. Sherwin, der in dem Zimmer war, rückte schnell den Schirm, welcher den Hintergrund des Zimmers verdeckte, als ob er mir Etwas verbergen wollte, das ich gleichwohl nicht gesehen hatte.

Hierauf kam er auf mich zu, bot mir die Hand, blickte dabei aber fortwährend unruhig nach dem Schirme hin.

»Ah, da sind Sie endlich! Wir wollen in den Salon gehen, nicht wahr? Na, am Schreiben hat es meinerseits nicht gefehlt ——«

Er schwieg plötzlich und ließ den ausgestreckten Arm wieder herabsinken.

Ich hatte noch kein einziges Wort gesagt, ohne Zweifel aber hatte er in meinem Blicke und in meinen Manieren Etwas; bemerkt, was ihm den Zweck meines Besuches verrieth.

»Warum sprechen Sie nicht?« sagte er nach einer kurzen Pause, »Warum sehen Sie mich so an? Doch kommen Sie —— wir wollen in das andere Zimmer gehen.«

Damit ging er an mir vorüber und nach der Thür, auf welche er zeigte und die er halb öffnete.

Woher kam dieser lebhafte Wunsch, mich zu entfernen? Wen oder was wollte er mir hinter dem Schirme verborgen halten?

Die Dienerin hatte mir gesagt, daß seine Tochter oben sei. Dies fiel mir ein, und da die Worte dieses Mannes mir eben so verdächtig waren als seine Thaten, so beschloß ich, in dem Zimmer zu bleiben, wo wir waren, um das Geheimniß zu durchdringen, welches augenscheinlich mich betraf.

»Ach,« sagte er, indem er die Thür noch weiter öffnete, »Sie wissen, daß der Salon sich jenseits des Speisezimmers befindet —— ich empfange meine Gäste stets in dem besten Zimmer.

»Man hat mich aber in dieses gewiesen,« antwortete ich, »ich habe weder Zeit noch Lust, Ihnen nach Ihrem Belieben aus einem Zimmer ins andere zu folgen. Was ich Ihnen zusagen habe ist nicht sehr lang und ich werde es Ihnen hier sagen, dafern Sie mir nicht die Gründe angeben, aus welchen Sie das Gegentheil wollen.«

»Hier! Sie wollen hier mit mir sprechen! Erlauben Sie mir, zu sagen, daß dies bei uns schlichten Handelsleuten das ist, was man eine Unhöflichkeit nennt —— ja, ich sage es Ihnen nochmals: eine Unhöflichkeit, eine Grobheit, wenn Ihnen dieses Wort lieber ist.«

Die Muskeln seines Gesichtes zuckten krampfhafter als je, und seine boshaften kleinen Augen blickten fortwährend nach dem Schirme.

»Indessen,« sagte er leise zu sich selbst, indem er sich wieder auf seinen ersten Platz zurückbegab, »indessen, mag kommen was da wolle. An mich können die Aerzte und Frauen sich nicht halten —— Niemand kann sagen, daß ich nicht klug oder nicht vorsichtig gewesen sei —— Niemand kann mir seinen Mangel an Schonung zum Vorwürfe machen. Wohlan,« fuhr er fort, während ein wilder Troß sich in seinen Gebärden und Blicken malte, »thun wir, wie Sie wünschen —— bleiben wir hier. Sie werden es bald bereuen —— davon bin ich überzeugt. Sie scheinen sich indessen mit dem Sprechen viel Zeit zu nehmen. Ich will mich daher setzen —— thun Sie für Ihre Person, was Ihnen beliebt. Also machen wir keine langen Worte —— kommen Sie in freundlicher Absicht, um mich zu bitten, daß ich meine Tochter herunterkommen lasse, und wollen Sie sich in Bezug auf sie als der Ehrenmann zeigen, den wir in Ihnen voraussetzen —— oder ist Ihre Absicht eine andere?«

»Sie haben mir zwei Briefe geschrieben, Mr. Sherwin.«

Ja, und ich habe mir viel Mühe gegeben, daß sie richtig. in Ihre Hände gelangen sollten. Ich habe sie selbst in Ihrem Hause abgegeben.«

»Man muß Sie auf gröbliche Weise belogen haben, daß Sie mir solche Briefe schreiben konnten, und in diesem Falle wären Sie einfach zu bemitleiden —— oder.«

»Zu bemitleiden! Wo zum Teufel wollen Sie hinaus? Niemand verlangt hier Ihr Mitleid.« ——

»Oder Sie versuchten mich zu belügen, und in diesem Falle muß ich Ihnen erklären, daß jeder Betrug fortan unnütz ist. Er kann nur dazu dienen, Nichtswürdigkeit auf Nichtswürdigkeit zu häufen und das Verbrechen des Vaters zu dem Verbrechen der Tochter zu gesellen. Ich weiß Alles —— ich weiß mehr als Sie glauben, mehr als Sie wünschen, das ich Wissen möchte.«

»Ah, in diesem Tone sprechen Sie also mit mir? Ich errieth es doch fast gleich, als Sie eintraten. Wie Sie glauben meiner Tochter nicht, Sie glauben ihr nicht? Sie wollen Winkelzüge und Ausflüchte manchen? Sehe Einer doch! Ich bin aber ein Mann, der Ihnen zu antworten wissen wird. Wir haben das Certificat über die Vermählung nicht verloren —— wir haben es in der Tasche. Sie wollen also an meinem armen Kinde nicht als Mann von Ehre handeln? Dann gehe ich sofort zu Ihrem Vater, um ihm die ganze Sache zu erzählen —— ich gehe hin, so wahr ich Sherwin heiße!«

Er schlug mit der Faust heftig auf den Tisch und sprang bleich. vor Wuth vom Stuhle auf.

Der Schirm bewegte sich ein wenig und ich hörte das Rauschen eines Frauengewandes Sherwin kam auf mich zu, blieb aber sofort stehen und murmelte einen leisen Fluch, während er zugleich einen Blick hinter sich warf.

»Ich rathe Ihnen, hier zu bleiben,« sagte ich. »Mein Vater hat heute Morgen schon Alles aus meinem eigenen Munde erfahren. Er hat mich verstoßen, er erkennt mich nicht mehr als seinen Sohn an und ich habe sein Haus auf immer verlassen.«

Mr. Sherwin drehte sich rasch aus dem Absatze herum, sah mir ins Gesicht und seine Züge nahmen plötzlich neben dem Ausdrucke des Zornes auch den einer außerordentlichen Verlegenheit an.

»Dann kommen Sie also als Bettler zu mir,« rief er, »als Bettler, der mich erst durch hochtrabende Versprechungen verlockt hat, mich mit ihm einzulassen —— als Bettler, der nicht die Mittel hat, meine Tochter zu ernähren; ja, ich sage nochmals —— als Bettler, der in diesem Tone mit mir zu sprechen wagt! Was frage ich nach Ihrem Vater und nach Ihnen selbst! Ich kenne meine Rechte. Ich bin Engländer, Gott sei Dank, ich kenne meine Rechte und kenne auch die Rechte Margarethens und werde Ihnen Beiden zeigen, daß es nicht eitle Rechte sind. Ja, ja, sehen Sie mich an, wie Sie wollen: ich bin ein ehrlicher Mann und meine Tochter ist eine rechtschaffene Frau.«

Ich betrachtete ihn in diesem Augenblicke mit der Verachtung und dem Widerwillen, den er mir wirklich einflößte. Ein anderes Gefühl erweckte seine Wuth nicht in mir, die Quellen jeder andern lebhafteren oder schmerzlicheren Gemüthserregung waren durch die Ereignisse des Morgens in mir versiegt. Eine noch ganz andere Sprache als die, welche ich gehört, würde eben so wenig Wirkung auf mich geäußert haben. Hatte ich nicht von meinem Vater schon Alles gehört was mir das Herz zerfleischen konnte? In diesem Augenblicke rührte mich daher Nichts, mochte es kommen, aus welchem Munde es wollte.

»Ich sage, meine Tochter ist eine rechtschaffene Frau,« wiederholte er, indem er sich niedersetzte. »Und ich fordere Sie auf, mir das Gegentheil zu beweisen. Sie sagten mir so eben, Sie wüßten Alles.«Was heißt das? Alles!« Ueberdiesen Punkt müssen wir uns erst klar werden, ehe wir zu etwas Anderem übergehen. Sie sagt, sie sei unschuldig, und ich behaupte ebenfalls, daß sie es ist. Wenn ich diesen verwünschten Schurken von Mannion ausfindig machen und ihn hierher bringen könnte, so würde ich ihn zwingen, dasselbe zu sagen. Kurz und gut, sagen Sie, was Sie gegen sie haben —— gegen Ihre rechtmäßige Gattin —— und ich werde Sie zwingen, sie als solche anzuerkennen, dafür stehe ich Ihnen.«

»Wenn Sie nicht jedes Gefühl von Scham verloren hätten, wenn Sie noch einen Funken von jener menschlichen Achtung besäßen auf welche sie Anspruch machen,« antwortete ich, »so würden Sie lieber sterben als eine Fragen wie diese an mich richten —— schweigen Sie mein Herr, ich komme nicht, um Ihnen Vorwürfe zu machen. Ich bin nicht hier, um Ihr stumpfes Gewissen zum Gefühle der Missethat aufzurütteln, welche mich für mein ganzes Leben in Verderben und Schande gestürzt hat. Indem ich wieder in Ihrem Hause erscheine, habe ich mir einfach vorgenommen, Ihnen zu sagen, daß die in Ihren Briefen enthaltenen elenden Lügen Ihnen eben sowenig helfen als die Unverschämten Worte, mit denen Sie jetzt bemüht sind, diese Lügen aufrecht zu erhalten. Ich habe es Ihnen schon gesagt und sage es Ihnen nochmals —— ich weiß Alles. Ich war in jenem Hause, ehe ich Ihre Tochter an der Thür sah, und ihre Stimme und seine Stimme gaben mir —— denn ich horchte im Nebenzimmer —— die Ueberzeugung von der Schmach und dem Verbrechen, von welchem Sie trotz Ihrer Unverschämtheit nicht verlangen können, daß ich es Ihnen hier ausführlich erzähle. Was Ihre frühere Doppelzüngigkeit und ihre gegenwärtige Entrüstung betrifft, so hören Sie die einzige Antwort, die ich geben werde. Niemals werde ich Ihre Tochter wiedersehen —— ein Verbrechen wie das ihre ——«

»Aber,Sie werden sie wiedersehen, zum Teufel! Ich sage, Sie werden sie wiedersehen und als Ihre Gattin anerkennen. Glaubens Sie vielleicht, daß ich Sie und ihre Geschichte da nicht durchschaue? Ihr Vater hat Ihnen den Geldkasten verschlossen, und nun möchten Sie gern wieder von ihm zu Gnaden angenommen sein. Deßwegen intriguiren Sie gegen meine Tochter und suchen sich ihrer auf diese Weise zu entledigen; aber das soll Ihnen nicht gelingen, Sie sind mit ihr vermählt und müssen sie nun auch behalten, lieber Freund! Glauben Sie denn, daß ich zu ihr nicht tausend Mal mehr Vertrauen habe als zu Ihnen? Glauben Sie, daß ich mir dies Alles so ruhig gefallen lassen werde? Oben sitzt meine Tochter, die ich ernähren muß und die den ganzen Tag Nichts thut, als daß sie klagt und weint. Meine Frau —— er sagte dies in leiserem Tone —— »hat nun den Verstand beinahe ganz verloren und ich muß mein Geschäft vernachlässigen, um sie zu pflegen und zu beaufsichtigen. Und dies Alles soll ich ruhig ertragen, weil es Ihnen beliebt hat, uns in diese Lage zu versetzen? —— Nein, nein —— ich Sie zu zwingen wissen, Ihre Pflichten gegen meine Tochter zu erfüllen und wenn ich deshalb gerichtliche Klage gegen Sie erheben sollte. Mit Ihrer Geschichte, die Sie mir da erzählt haben, kommen Sie nicht durch. Wer wird glauben, daß eine junge Frau wie Margarethe sich mit einem Menschen wie dieser Mannion eingelassen und daß sie so lange und ohne daß Sie davon Etwas bemerkt hätten, in einem Verhältnisse zu ihm gestanden habe? Wer wird das wohl glauben? Das möchte ich wissen.«

»Ich!«

Die Stimme, welche dieses Wort sprach war die der geisteskranken Mistreß Sherwin.

Aber war das Gesicht, welches nun hinter der spanischen Wand hervorkam, noch dasselbe von Krankheit und Kummer abgezehrte Gesicht, welches dem Schatten eines Gespenstes glich, wenn Margarethe und ich neben einander sitzend, von dem nächtlichen Dunkel überrascht wurden?«

Hatte das Grab seine Todten zurückgegeben? Ich war keines Wortes und keiner Bewegung mächtig, während sie langsam auf mich zukam. Ihr weißes Krankengewand gab ihr das Ansehen, als wenn sie ein Leichentuch hinter sich herschleppte.

Die Gestalt die ich früher nur durch Krankheit niedergebeugt gesehen, hatte sich krampfhaft aufgerichtet und ihre natürliche Größe wiedergewonnen.

Ihre Arme hingen schlaff an ihr herab, wie die einer Leiche. Eine fahle Farbe war an die Stelle der gewöhnlichen Blässe ihres Gesichts getreten.

Dieses besaß übrigens nicht mehr seinen so sanft melancholischen Ausdruck ruhiger, stummer Ergebung, sondern verrieth Nichts mehr als Erschlaffung und gänzliche Erschöpfung. Das Siegel des Todes, der ihr zu den unheimlich funkelnden Augen herausschaute, war ihrer Stirn aufgeprägt.

Ihr Gatte redete sie, ohne sich vom Platze zu rühren, an. Sein Ton war ein anderer; aber Nichts in seinen Manieren verrieth mehr Gefühl oder Mitleid als vorher.

»Nun,« sagte er, »Du meintest, Du wüßtest gewiß, daß er kommen würde, und Du würdest trotz der Vorschrift des Arztes nicht im Bette bleiben, so lange Du nicht ihn gesehen und mit ihm gesprochen hättest. Wohlan —— er ist da —— hier ist er. Er kam, während Du schliefst, und ich habe ihn warten lassen, damit Du ihn, wenn Du erwachtes, sogleich sprechen könntest. Du kannst nun nicht sagen, daß ich mich nicht in Deine Launen fügte. »Es ist demnach geschehen, was Du Dir einmal in den Kopf gesetzt hattest —— Du hast ihm gesagt, daß Du ihm glaubst, nun kann ich wohl der Magd klingeln, damit sie dich hinauf in Dein Zimmer führe.«

Sie schüttelte den Kopf, und bei den letzten Worten, die er sprach, heftete sie ihre Blicke auf ihn. Als ihre sterbenden Augen den seinen begegneten, als ihr Gesicht, aus welchem der Schimmer des Lebens schon entfloh; sich dem seinigen Zuwendete fühlte selbst diese rohe Natur den Schlag. Icht sah ihn zusammenzucken; seine blassen Wangen wurden noch bleicher; er rückte mit dem Stuhle hin und her, sprach aber kein Wort.

Sie wendete sich abermals gegen mich, um mich anzureden. Ihre Stimme war, nur daß sie nicht mehr zitterte, immer noch dieselbe umschleierte, aber wohlklingende. Es war peinlich, zu bemerkten, wie wenig diese Stimme sich verändert hatte, während mit ihren Zügen eine so gewaltige Umwandlung vorgegangen war.

»Ich sterbe,« sagte sie. »Viele Nächte sind verflossen seit jener, wo Margarethe allein nach Hause kam. Als ich sie in dieser Nacht sah, fühlte ich in meinem Herzen sofort eine Bewegung, in der ich eine Mahnung des Todes erkannte. Viele Nächte sind vergangen, seitdem ich gewohnt bin, mein Gebet mit dem Gedanken zu verrichten, daß es das letzte Mal ist, bevor ich die Augen im nächtlichen Dunkel zu schließen wage. Und dennoch hat das Leben bis zum heutigen Tage gedauert. Der Widerwille gegen das Dasein hat mich seit jener Nacht, wo ich Margarethe nach Hause kommen sah, nicht verlassen, und dennoch wollte ich nicht sterben, weil ich Sie noch um Verzeihung zu bitten hatte —— und Sie kamen nicht, um mich zu hören und mir zu verzeihen. Es wäre mir schmerzlich gewesen, wenn Gott mich zu sich genommen hätte, ehe ich Sie noch ein Mal gesehen —— meine Träume täuschen mich nicht —— ich wußte, daß Gott mir diese Sühne befahl.«

Sie schwieg, indem sie mich immer noch ansah, aber mit demselben leichenhaften Mangel an Ausdruck in ihren Zügen. Schon war das Auge starr —— es blieb ihr Nichts als die Stimme.

»Mein Mann hat gefragt, wer Ihnen wohl glauben würde,« fuhr sie fort, während der Ton ihrer Stimme bei jedem neuen Worte, das sie sprach immer bestimmter ward. Ich habe geantwortet, daß ich Ihnen glaubte —— ich glaube Ihnen auch wirklich, denn Sie haben die Wahrheit gesprochen. In diesem Augenblicke, wo vor meinen Augen das Licht des Tages zu erlöschen beginnt, wo ich fühle, wie mein Athem erstarrt und langsamer wird, bei dem dumpfen Rufe des Grabes —— hier in diesem Hause, dem Schauplatz so vieler Leiden, den ich bald verlassen werde, in Gegenwart meines Gatten, unter dem Dache, we1ches uns schirmt, meine strafbare Tochter und mich, bezeuge ich, daß Sie die Wahrheit gesprochen haben. Ich, ihre Mutter sage: Margarethe Sherwin ist eine Gefallene und nicht mehr würdig, Ihr Weib zu heißen.«

Indem sie diese letzten Worte sprach, war ihr Ton langsam, deutlich und feierlich.

Bis zu dem Augenblicke, wo sie diese furchtbare Anklage aussprach, hatte Mr. Sherwin uns mit mißtrauischer fast wilder Miene beobachtet; dann aber, als sie schwieg, senkte sein Blick sich sofort und er wendete schweigend das Gesicht hinweg.

Er hob die Augen nicht auf, er machte keine Bewegung, er versuchte nicht einmal, sie zu unterbrechen, als sie zu mir gewendet in noch matterem und schleppenderem Tone und bei jedem Satze eine Pause machend, wieder anhob:

»Aus diesem Zimmer gehe ich´und lege mich auf mein Sterbebette: Die letzten Worte, die ich auf Erden spreche, werden an meinen Gatten gerichtet sein und seine Gesinnungen gegen Sie ändern. Ich bin von immer schwach gewesen und es hat mir an Entschlossenheit gemangelt.« —— indem sie dies sagte, gewann ihr Ton einen seltsamen Ausdruck sanfter Bitterkeit —— »elende, fluchwürdige Schwäche, die ich nie überwinden konnte. Als ich jung war, hatte ich so viel Leiden und Schmerzen zu erdulden, daß ich später fortwährend in Furcht vor anderen Menschen und in Zweifel an mir selbst gelebt habe. Aus diese Weise ist es gekommen, daß ich mich eines schweren Fehltritts gegen Sie schuldig gemacht habe. Verzeihen Sie mir, ehe ich sterbe. Ich ahnte den Verrath, welcher im Werke war —— ich ahnte die Schmach welche darauf folgen sollte —— allen Andern gegenüber gelang ihre Verstellung; —— aber mir gegenüber konnte sie gleich von Anfang an sich nicht verstellen, Und dennoch warnte ich Sie nicht, wie ich doch, hätte thun sollen. Jener Mann —— bei diesen Worten sah sie sich scheu um, und ihre mageren zitternden Hände kreuzten und falteten sich —— »jener Mann übte eine satanische Gewalt über mich aus. In seiner Gegenwart habe ich mich stets gefürchtet, so wie ich mich als kleines Mädchen da fürchtete, wo es finster war. Mein Leben ist in, Furcht verflossen —— in Furcht vor ihm, in Furcht vor meinem Gatten, und sogar in Furcht vor meiner Tochter. Aber noch eine größere Furcht lebte in mir —— die Furcht vor meinen eigenen Gedanken, die Furcht vor der Entdeckung, die ich Ihnen mittheilen sollte. Jedes Mal, wo ich zu sprechen versuchte, waren Sie zu edelmüthig, um mich zu verstehen. ich fürchte immer noch zu denken, daß mein Argwohn gegründet sei, obgleich er schon seit langer Zeit keine bloße Vermuthung mehr sein konnte. O, was habe ich seit dieser Zeit bis jetzt gelitten!«

Einen Augenblick lang sank ihre Stimme zu einem schwachen Murmeln herab, und das Athmen schien ihr schwer zu werden. Nach einer kurzen Pause hob sie wieder an:

»Verzeihen Sie mir, ehe ich sterbe. Ich habe furchtbar gebüßt —— ich bin als Zeugin gegen die Unschuld meiner eigenen Tochter aufgetreten. Sie bereute ihren verbrecherischen Wandel nicht —— ich kann nicht wagen, Gott zu bitten, daß er sie segne, wenn man sie an mein Sterbebett führt. Verzeihen Sie mir! verzeihen Sie mir, ehe ich sterbe.«

Sie ergriff meine Hand und drückte dieselbe an ihre eiskalten Lippen. Die Thränen traten mir in die Augen, während ich ihr zu antworten versuchte.

»Weinen Sie nicht —— weinen Sie nicht um mich,« murmelte sie mit unaussprechlich sanftem Wohllaute in ihrer Stimme. »Sidney, lassen Sie mich Sie bei Ihrem Namen nennen, bei welchem Ihre Mutter Sie nennen Würde, wenn sie noch lebte. Sidney, beten Sie, damit ich in der furchtbaren Ewigkeit, welcher ich entgegengehe, eben so´meine Verzeihung erlange, wie ich sie von Ihnen erlangt habe. Und meine Tochter? Ach, wer wird für sie beten, wenn ich nicht mehr bin?«

Diese Worte waren die letzten, welche ich sie sprechen hörte.

Zu erschöpft, um nur auch noch zu murmeln, versuchte sie wieder meine Hand zu ergreifen und sie mir zum letzten unwiderruflichen Lebewohl zu drücken. Aber selbst hierbei verließen ihre Kräfte sie so plötzlich, daß es furchtbar anzusehen war. Ihre Hand streckte sich aus, um die meine zu fassen, blieb einen Augenblick lang in der Luft schweben und sank dann, während die Finger krampfhaft sich krümmten, schlaff wieder herab. Sie taumelte und sank mit vorwärts geneigtem Körper zusammen, während ich die Arme ausbreitete, um sie nicht fallen zu lassen.

Ihr Gatte erhob sich rasch von seinem Sitze und trennte mich von ihr. In dem Augenblick wo seine Augen den meinen begegneten, sah ich darin einen boshaften, tückischen Blick, welcher zu seiner erheuchelten Miene der Gelassenheit einen grellen Gegensatz bildete.

»Wenn Sie morgen nicht in einem andern Tone sprechen« —— murmelte er, ohne den Redesatz zu beenden.

Dann entfernte er sich rasch von mir und führte seine Gattin bis an die Thür.

Ehe sie aber noch aus meinen Blicken entschwand, war es mir, als sähe ich ihre hohlen Augen sich mit einem Ausdrucke von Sanftmut auf mich heften, welcher schnell wieder in ihren gewohnten Ausdruck von Trauer und Ergebung überging Täuschte mich meine Einbildungskraft, oder leuchtete ein letzter Lebensfunke in diesem so sanften Wesen noch ein Mal auf, wie um mir ans immer Lebewohl zu sagen? Ehe ich aber noch besser hinschauen, ehe ich es genau wissen konnte, hatte sie aufgehört, für mich sichtbar zu sein —— sie war für mich auf immer verloren.

Später erzählte man mir, wie sie starb. Während des ganzen noch übrigen Tages und der ganzen Nacht blieb sie sprachlos, obschon sie noch Anzeichen von Leben gab. Die Lebenskräfte, so erschöpft sie auch waren, leisteten dem Tode immer noch Widerstand. Die Aerzte verordneten neue Reizmittel und beobachteten sie mit Erstaunen, denn es waren nun schon zwölf Stunden verflossen, seitdem sie jede Minute gesagt hatten, man könne sie ihren letzten Seufzer aushauchen sehen.

Als sie ihren Gatten davon in Kenntniß setzten, fanden sie ihn in seinen Manieren eben so wie in seinen Reden unerklärlich. Er weigerte sich entschieden, zu glauben, daß das Leben seiner Frau in Gefahr sei. Alle, welche mit ihm von ihrem Tode sprachen, wurden von ihm beschuldigt, daß sie ihm die Schuld zuzuschreiben suchten und behaupten, er habe nicht genug Schonung gegen sie beobachtet, und sei dadurch die Ursache ihrer Krankheit geworden. Ja, noch mehr, er entschuldigte sich bei Jedem der ihm zuhören wollte, sogar bei, seinen eigenen Dienstboten, wegen seiner Handlungsweise gegen seine Frau, und sprach von der Nachsicht, mit welcher er sich ihrem Willen gefügt, als sie mich zu sprechen gewünscht, und von der Geduld, die er bei allen ihren Verrücktheiten —— dies war der Ausdruck, dessen er sich bediente —— mit ihr gehabt.

Die Aerzte, welche in diesem ganzen Benehmen ein unruhiges Gewissen erkannten, wendeten sich angewidert von ihm ab.«

Wenn er nicht im Zimmer seiner Tochter war ging Jeder im Hause ihm so viel als möglichst aus dem Wege.

Am zweiten Tage verlangte Mistreß Sherwin, durch die stärkenden Mittel, die man ihr gereicht, wieder ein wenig gekräftigt, ihren Gatten ganz allein zu sprechen. Ihre Worte und ihre Gebärden widersprachen der Behauptung, daß sie den Verstand verloren habe. Alle Anwesenden bemerkten, daß so lange sie die Kraft hatte, zu sprechen, an ihr nicht die mindeste Spur von Wahnsinn zu bemerken war.

Ihr Gatte kam in großer Aufregung und Bewegung wieder aus ihrem Zimmer heraus, begab sich zu seiner Tochter und schickte diese zu ihrer Mutter, wie diese, wie er sagte, sie unter vier Augen zu sprechen wünsche.

Nach wenigen Minuten kam auch Margarete bleich und mit verstörten Zügen wieder aus dm Zimmer der Sterbenden heraus. Man hörte sie sagen, ihre Mutter habe auf so unnatürliche und skandalöse Weise zu ihr gesprochen, daß sie nicht wieder zu ihr gehen würde, so lange nicht in ihrem Zustande eine Aenderung zum Besseren eingetreten sei.

Zum Bessern! Hierin stimmten Vater und Tochter überein, denn Beide behaupteten, sie sei noch nicht dem Tode nahe, sondern habe bloß den Verstand verloren.

Während des Nachtmittags verboten die Aerzte, daß die arme Frau ohne Erlaubnis ihren Mann oder ihre Tochter wiedersehe. Diese Vorsicht, welche die Ruhe ihrer letzten Augenblicke sichern sollte, war so zu sagen überflüssig.

Als der Tage sich zu neigen begann, versank sie wieder in Unempfindlichkeit. Sie war nicht wirklich todt, aber man konnte auch nicht sagen, daß ihr Zustand der des Lebens gewesen sei. Sie lag sanft und ruhig da; die Augen waren geschlossen, der Athem ging so schwach, daß man ihn nicht hören konnte. So dauerte es bis zu einer vorgerückten Stunde des Abends.

Als die Dunkelheit völlig eingebrochen war und man Licht in das Krankenzimmer brachte, zog die Dienerin, an welcher die Reihe der Nachtwache bei ihrer Herrin war, den Bettvorhang auf die Seite, um nach ihr zu sehen.

Die Augen waren immer noch geschlossen,; aber ein sanftes, dankbares Lächeln lag über dieses Antlitz gebreitet, welches seit so langen Jahren kein Lächeln gekannt.

Die Dienerin wendete sich schweigend ab, um noch eine zweite herbeizurufen. Als sie abermals den Vorhang auf die Seite zogen, um nach ihr zu sehen, war sie todt.

Man erlaube mir nun, auf den Tag meines letzten Besuchs in der Nordvilla zurückzukommen. Ehe ich zu dem nächstfolgenden Tage übergehe, habe ich noch Vieles zu erzählen.

Sobald die Thür sich wieder geschlossen hatte und ich überzeugt war, Mistreß Sherwin zum letzten Male in dieser Welt gesehen zu haben, blieb ich einige Minuten allein im Zimmer, um mich ein wenig zu sammeln und von meiner Gemüthsbewegung zu erholen, ehe ich mich wieder entfernte.

Als ich durch die nach der Thür führende Gartenallee ging, hörte ich Jemanden schnell hinter mir herkommen. Es war die Dienerin, welche ich bei meiner Ankunft hier getroffen. Sie bat mich dringend, einen Augenblick zu verweilen, weil sie einige Worte mit mir zu sprechen habe.

Ich habe schon gesagt, daß sie ein junges Mädchen war. Sie begann in Thränen auszubrechen, als ich, nachdem ich stehen geblieben, ihr ins Gesicht sah.

»Ich fürchte unrecht gehandelt zu haben, Sir,« sagte sie schluchzend, und der Tod meiner armen Herrin ist mir entsetzlich. Wenn Sie mir erlauben wollen, Sir, so will ich Ihnen die Sache erzählen.«

Ich ließ ihr Zeit, sich zu fassen, und fragte sie, um was es sich handle.

»Ich glaube, Sie haben vorhin einen Mann gesehen, der mir einen Brief einhändigte,« fuhr sie fort. »Es war gerade in dem Augenblicke, wo Sie kamen.«

»Allerdings habe ich ihn gesehen.«

»Dieser Brief war an Miß Margatethe, und ich sollte ihn ihr heimlich zustellen. Es ist dies nicht der erste, den ich auf diese Weise für sie erhalten habe. Schon seit mehreren Wochen kommt ein und derselbe Mann und bringt einen Brief und gibt mir Geld, damit ich ihn durchaus Niemandem weiter zeige als Miß Margareten. Dies Mal wartete er, Sir —— er wartete auf eine Antwort, welche meine junge Herrin mir ebenfalls auftrug, ihm heimlich zuzustellen. Das Alles aber scheint mir nicht in Ordnung zu sein. Was können das für Briefe sein, die sie erhält, ohne daß Sie, Sir, Etwas davon erfahren? Ich wünsche durchaus nicht, etwas Unehrerbietiges zu sagen, oder Etwas, wodurch ichs meinen Dienst verlieren könnte, aber ——«

»Nun, Susanne, sprecht Euch ein Mal ganz frei und offen gegen mich aus. Seit so aufrichtig, als Ihr nur sein könnt.«

»Nun sehen Sie, Sir, Miß Margarethe hat sich sehr verändert —— nämlich seit« jener Nacht, wo sie allein nach Hause kam und uns Alle so in Schrecken jagte. Sie schließt sich in ihr Zimmer ein und spricht durchaus mit Niemand als mit ihrem Vater. Sie scheint sich um nichts zu kümmern, was im Hause vorgeht, und zuweilen, wenn ich in ihrem Zimmer zu thun habe, sieht sie mich auf eine Weile an, daß ich mich fast fürchte, mit ihr allein im Zimmer zu sein. Ich habe nie auch nur ein einziges Mal Ihren Namen nennen hören, Sir, und fürchte, daß ihr Etwas im Kopf herumgeht, wovon sie eigentlich Nichts wissen sollte. Der Mann, welcher die Briefe hier abgibt, ist sehr verschmitzt. Wollen Sie vielleicht diesen letzten, den er mir gebracht hat, ansehen und mir sagen, ob Sie glauben, daß ich wohl thun würde, wenn ich ihn Miß Margarethen zustelle?

Sie reichte mir den Brief. ich zögerte, ehe ich die Augen auf die Adresse warf!

»O, Sir, Ich bitte Sie, nehmen Sie ihn!« sagte die Dienerin. »Ich fürchte, ich habe unrecht daran gethan, ihr den ersten Brief zuzustellen; aber ich möchte nicht gern mir noch mehr vorzuwerfen haben, da unsere Herrin jetzt dem Tode so nahe ist. Ich kann nicht Geheimnisse bewahren, welche vielleicht sehr üble Folgen haben. Ich könnte heute Abend, wo höchstwahrscheinlich der Tod in unserem Hause einkehren wird, nicht einschlafen, wenn ich nicht zuvor gestanden hätte; was ich gethan habe. Und meine arme Herrin ist stets so gut und sanft gegen uns Dienstleute gewesen.

Sie hat uns stets besser behandelt als wir es verdienen.

Die Magd weinte bitterlich, indem sie dies sagte, und drang abermals in mich, den Brief zu nehmen.

Dies mal nahm ich ihn und betrachtete die Adresse. Obschon ich die Handschrift nicht kannte, schien es mir doch, als wenn ich diese unregelmäßigen, unsicheren Züge schon irgendwo gesehen hätte. War es möglich, daß ich die Hand kannte, die sie geschrieben? Ich versuchte sie genauer zu examinieren; aber mein Gedächtniß war verworren, mein Geist seufzte unter der Wucht, die sich seit diesem Morgen auf ihn nieder gesenkt hatte, alle meine Bemühungen waren fruchtlos, und ich gab den Brief zurück.

»Ich weiß davon eben so wenig als Ihr selbst, Susanne.«

»Aber darf ich ihn denn zeigen,Sir? Sagen Sie mir nur das.«

»Das kommt mir nicht zu, Susanne. Ihr müßt wissen, daß ich jetzt mit Allem, was« —— früher murmelte ich ihren Namen in meinen Gebeten; jetzt wagte ich nicht- einmal, ihn auszusprechen —— »Eure junge Herrin angeht, Nichts mehr zu thun habe.«

»Das thut mir sehr« leid zu hören, Sir; aber was rathen Sie mir denn?«

»Laßt mich diesen Brief noch ein Mal sehen.«

Die Handschrift äußerte bei der zweiten Besichtigung ganz wieder dieselbe Wirkung auf mich wie die erste, und ich vermochte nichts Näheres zu ergründen. Ich gab den Brief wieder zurück.

»Ich achte Eure Bedenklichkeiten, Susanne; aber ich kann dieselben weder beseitigen noch rechtfertigen. Warum wollt Ihr Euch in Eurer Verlegenheit nicht an Euren Herrn wenden?«

»Ich wage es nicht, Sir; um Alles in der Welt willen würde ich es nicht wagen. Seit einiger Zeit ist er schlimmer geworden als je. Wenn ich ihm so Viel gesagt hätte, wie ich Ihnen gesagt habe, so glaube ich, er hätte mich umgebracht.——«

Sie schwieg einige Augenblicke und hob dann in dreisterem Tone wieder an: »

Wohl an —— ich habe es Ihnen doch gesagt, Sir, und das macht mich ruhiger. Ich werde ihr dieses Mal den Brief noch geben, aber keinen weiteren annehmen, wenn einer kommt, dafern ich nicht besser weiß, was für Briefe dies eigentlich sind.«

Sie sagte mir in traurigem, ängstlichem Tone Lebewohl und schickte, den Brief immer noch in der Hand haltend, sich an, in das Haus zurückzukehren.

Wenn ich in diesem Augenblicke hätte errathen können; von wem dieser Brief war! Wenn ich nur eine, Ahnung von Dem gehabt hätte was er enthielt!

Sobald ich einmal Hollyoake Square hinter mir hatte, schlug ich eine Richtung ein, welche mich bald ins Freie hinausführte. Seltsam! diese Schrift von einer unbekannten Hand beschäftigte noch meine Gedanken! Eine solche Bagatelle hatte sich meiner Denkkraft bemächtigt, und noch dazu in diesem Augenblicke, wo mein Schicksal eine solche Wendung genommen!

Da ich mich angegriffen und müde fühlte, so blieb ich mitten im Freien an einem einsamen Orte, fern von frequentierten Straßen und Wegen stehen. Die Sonne that meinen Augen weh, und ich schirmte dieselben daher mit der Hand. Gerade in diesem Augenblicke tauchte die verloren gegangene Erinnerung in meinem Gedächtnisse auf, und zwar so deutlich und scharf, daß ich anfangs beinahe darüber erschrak.

Die Handschrift welche die junge Dienerin in der Nordvilla mir so eben gezeigt, war dieselbe, wie die der Adresse eines Briefes, den ich, ohne ihn zu öffnen, in die Tasche gesteckt und welchen mir ein Diener im Hause meines Vaters erst diesen Morgen überreicht, als ich durch den Speisesaal gegangen war, um mich in das Zimmer meines Vaters zu begeben.

Ich zog den Brief aus der Tasche, öffnete ihn mit zitternder Hand, durchflog mit dem Auge rasch die mit kleiner, enger Schrift bedeckten Seiten und sah sofort nach der Unterschrift, welche »Robert Mannion« lautete!



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel.

Mannion! Nicht einen einzigen Augenblick lang hatte ich vermuthet, daß der Brief, den man mir in der Nordvilla gezeigt, von ihm kommen könne. Und dennoch —— die Vorsicht, mit welcher er abgegeben worden, die Person, an welche er adressiert war, das verdächtige Geheimniß, welches sich sogar in den Augen der Dienerin daran knüpfte —— alles Dies führte deutlich auf die Entdeckung, die ich unbegreiflicher Weise nicht sofort gemacht. Umstände, die in meinem Gemüthe eine sofortige Ueberzeugung hätten herbeiführen sollen, hatten mir nicht einmal einen vorübergehenden Argwohn eingeflößt Ich hatte nicht vermuthet, daß ein Brief, welcher den schriftlichen Beweis ihres Verbrechens enthielt, vor meinen Augen abgegeben und dann an Margarethe Sherwin weiter befördert ward.

In welcher seltsamen Verblendung war ich doch befangen! Die Unruhe meines Gemüthes, die Lähmung aller meiner Geisteskräfte beantworteten diese Frage bald genug von selbst.

Robert Mannion! Ich konnte die Augen nicht abwenden von dieser Unterschrift, und dennoch hatte ich diese eng beschriebenen Blätter immer noch in der Hand und beeilte mich nicht, sie zu lesen.

Ein gewisser Grad von Entsetzen, welches mir die persönliche Nähe dieses Menschen eingeflößt haben würde, ward in mir schon durch den Anblick seines Briefes, seines an mich adressierten Briefes erzeugt. Es war mir, als würdigte. ich mich durch das Lesen desselben nicht weniger herab, als wenn ich den Schurken selbst gesehen und wieder ein Gespräch mit ihm angeknüpft hätte.

Sollte ich mich mit Dem beschäftigen, was er sagte, während die Worte der sterbenden Mistreß Sherwin noch so traurig und, feierlich in meinem Herzen widerhallten?

Was enthielt der Brief? Ich hatte mich allerdings durch mich selbst an diesem Menschen gerächt —— er wollte sich nun auch rächen.

Vielleicht war in diesen Zeilen schon die düstere Zukunft angedeutet in welcher wir —— dieser Mann und ich —— uns einen Weg bahnen sollen.«

Und Margarethe, sollte er so viel Zeilen geschrieben haben, ohne von ihr zu sprechen, ohne einen Zipfel des Schleiers zu heben, hinter welchem sich die Beweggründe ihres Verbrechens verbargen? Von welcher Art also auch der Inhalt dieses Briefes sein mochte, so verlangte meine Pflicht eben so wie mein Interesse, ihn zu lesen.

Ich nahm den Brief mechanisch wieder auf und las ihn anfangs mit einem gewissen Grade von Abspannung, wie ein Mensch, der zu viel leidet, um noch mehr leiden zu können.

Plötzlich aber fühlte. Ich eine Bewegung. Es war, als wenn ein Blitz mich durchzuckte. Endlich hatte ich das Geheimniß Mannion’s und das meines Schicksals begriffen.

»Sie haben mir meine Geliebte geraubt,« sagte dieser Elende, »und Ihr Vater hat mir meine Ehre und das Leben meines Vaters geraubt. Durch Sie entstellt und beinahe getödtet, lebe ich nur noch, um Sie zu zwingen, den Rest Ihres Lebens in Schande und Schmach hinzubringen.«

Ihr Vater hat mir meine Ehre, die Ehre und das Leben meines Vaters geraubt.»

Ich erinnerte mich einer düsteren Geschichte, welche meine Kindheit erschreckt hatte, einer Geschichte von einem Edelmann den mein Vater protegirt und bei sich aufgenommen, der ruiniert und in Schulden gestürzt, und zuletzt, weil er mit allen seinen Hilfsquellen fertig war, die Unterschrift meines Vaters nachgemacht hatte, um sich Geld zu verschaffen. Das Falsum war entdeckt worden, mein Vater war unerbittlich gewesen, und die Strafe der Fälscher war damals der Strang. Der Edelmann ward gehängt, und Robert Mannion rächte sich an meinem Vater durch das Unglück seines Sohnes und durch die Beschimpfung seines Namens. Dieser Verstümmelte, dieser Sohn des Gehängten, dieser Geliebte des Weibes, welches ich geheirathet, ward durch alle Wuth und Verzweiflung der Seele gegen mich getrieben.

Der Brief schloß mit den Worten:

»Bald werden wir uns wieder begegnen.«

Dieses ganze Chaos von Schrecknissen, unter weichen ich von dem Morgen dieses Tages an lebte, machte mich so betäubt, daß ich keines klaren Blickes mehr fähig war. Ein zermalmendes Gewicht, ein namenloser Schmerz lasteten auf mir, aber ohne mir Kraft genug zu lassen, um mir Rechenschaft von mir selbst zu geben. Die Lethargie aller Geisteskräfte, in welche ich versenkt war, glich der Letharagie des Todes selbst.

Ich versuchte meine Gedanken aufzuklären und zu concentriren, indem ich an andere Dinge dachte, aber ohne Erfolg. Alles, was ich seitdem Morgen gehört und gesehen, schwebte mir nur auf immer verworrener Weise vor den Augen. Die letzten Worte meines Vaters, als ich ihn auf immer verlassen, mischten sich auf die widersinnigste Weise mit den gemeinen Worten Mr. Sherwin’s, mit denen, welche seine sterbende Gattin gesprochen, ja sogar mit gewissen Ausdrücken des Briefes Mannion’s, deren Erinnerung mein Gedächtniß unwillkürlich bewahrte.

Ich konnte keinen Plan fassen, weder für die Zukunft noch für die Gegenwart.

Ich wußte nicht mehr, wie ich der, letzten Drohung, die Mr. Sherwin gegen mich ausgesprochen, die Spitze bieten sollte, der Drohung, daß er mich zwingen werde, seine verbrecherische Tochter als mein Weib anzuerkennen und zu behalten. Eben so wenig wußte ich, wie es mir gelingen würde, mich gegen die Feindseligkeiten zu vertheidigen, mit welchen Mannion mir drohte.

Endlich ward ich mir der Verwirrung bewußt, die in meinen Gedanken herrschte —— meiner gänzlichen Verlassenheit und der furchtbaren Nothwendigkeit, die mich zu sofortiger Thätigkeit zwang, eben so wie der Unfähigkeit in der ich mich befand, ihnen, was die Gegenwart betraf, mich entgegen zu stellen.

Alles Dies begann auf seltsame Weise meine Einbildungskraft zu afficiren. Ein Gefühl von Furcht und Bangigkeit, dessen Ursache ich nicht vollkommen erkannte, beschlich mich in geheimnißvoller, unwiderstehlicher Weise. Der Glanz des Tages erschien mir zu lebhaft, der Ort, an welchem ich mich befand, zu einsam; diese Vereinsamung berührte mich schmerzlich.

Ich empfand den sehnlichen Wunsch, mich wieder unter dem wimmelnden Treiben Londons zu sehen. Ich kehrte mit raschen Schritten nach der Vorstadt zurück, indem ich, ich weiß selbst nicht warum, alle abgelegenen Orte mied und instinctartig die geräuschvollsten Straßen aufsuchte, ohne irgend einen festen Entschluß zu haben.

Der Abend brach schon ein, als ich eine der Hauptstraßen der Stadt erreichte. Als ich einige Bewohner an ihren geöffneten Fenstern sitzen sah, um frische Luft zu schöpfen, fragte ich mich zum ersten Male an diesem Tage, wo ich diese Nacht mein Haupt zur Ruhe niederlegen würde Ich hatte keine Heimath mehr.

Allerdings fehlte es mir nicht an Freunden, welche mich gern bei sich aufgenommen hätten, aber hätte ich diese aufsuchen wollen, so hätte ich mich auch in die Nothwendigkeit versetzt gesehen, ihnen wenigstens zum Theil das Geheimniß meines Unglücks mitzutheilen, und dieses Geheimniß war ich entschlossen, streng zu bewahren, wie ich meinem Vater versprochen.

Mein einziger und letzter Trost war, daß ich den Willen, es lieber auf alle möglichen Gefahren ankommen zu lassen als diesem heiligen Versprechen untreu zu werden, stark und unerschütterlich in mir fühlte.

Ich dachte daher nicht weiter daran, einen meiner Freunde um Hilfe oder Sympathie anzugehen. Ich war wie ein Fremdling aus dem Hause meines Vaters verbannt worden und entschlossen, fern von meiner Familie zu leben, bis ich gelernt hätte, durch Energie und Ausdauer mein Unglück zu, besiegen.

Nachdem ich einmal diesen Entschluß gefaßt, ließ ich meine Augen umherschweifen, um das Obdach zu entdecken, für welches ich zum ersten Male fremde Menschen bezahlen; würde. Je bescheidener dieses Obdach war, desto mehr mußte es mir zusagen.

Zufällig,befand ich mich in diesem Augenblicke in der längsten Straße eines der ärmsten Stadttheile, wo die Häuser sehr wenig Etagen hatten und die Kaufläden einen erbärmlichen Anblick darboten. An solchen Orten ein zur Vermiethung stehendes Zimmer zu finden, war nicht schwer. Ich nahm das erste, was ich sah, umging die Fragen nach meinem Namen und Stande, indem ich meine Miethe auf eine Woche vorausbezahlte, und trat hierauf in den Besitz des einzigen kleinen Zimmers welches ich mich entschloß, für die Zukunft, vielleicht auf lange Zeit, als meine Heimath zu betrachten.

Als meine Heimath! Eine theure, schmerzliche Erinnerung erwachte bei den Gedanken, welche dieses einfache Wort in mir erregte. Durch meine unruhigen, verworrenen Gedanken hindurch, durch meine düstersten Ahnungen des Unglücks, welches die Zukunft mir noch bringen mußte, der verborgenen Gefahren, die meiner harrten, durch die schwarze Nacht hindurch, welche sich vor meinem Geiste immer dichter und dichter herabsenkte, fiel jetzt zum ersten Male ein reiner Lichtstrahl, die Vorbedeutung des Morgens, das heitere, sanfte Licht des Antlitzes, auf welchem mein letzter Blick geweilt, als es bewußtlos in den Armen meines Vaters ruhete.

Clara! Das Lebewohl, welches ich ihr zugeflüstert, als ich ihre weichen Arme, die mich für immer an den häuslichen Herd fesseln zu wollen schienen, von meinem Halse losmachte, dieses Lebewohl, sage ich, enthielt ein Versprechen, welches ich noch nicht erfüllt.

Eine furchtbare Qual bereitete mir der Gedanke an die Unruhe, deren Beute meine Schwester nothwendig sein mußte. Da sie nicht wußte, nach welcher Richtung hin ich, als ich das Haus verlassen, meine Schritte gelenkt, so dachte sie ohne Zweifel auch an die Extreme, zu welchen die Verzweiflung mich treiben konnte. War sie wohl überzeugt, mich jemals wieder zu sehen.

Vor allen Dinge mußte ich daher mein Versprechen halten, ihr zu schreiben.

Mein Brief war sehr kurz? Ich gab ihr die Adresse meiner gegenwärtigen Wohnung, denn ich war überzeugt, daß nur eine positive Mittheilung in dieser Beziehung ihre Unruhe beschwichtigen könne. Ich bat sie, mir zu antworten und mir, wo möglich, über sich die besten Nachrichten zu geben, die ich wünschen konnte. Ich bat sie ferner, uneingeschränktes und volles Vertrauen zu meiner Geduld und zu meinem Muthe unter allen Drangsalen und Prüfungen zu haben, und überzeugt zu sein, daß ich, was auch geschehen möchte, die Hoffnung, sie bald wiederzusehen, niemals aufgeben würde. Von den Gefahren, die sich im Dunkel vorbereiteten, von dem Unglücke, welches noch über mich hereinbrechen konnte, sprach ich kein Wort, denn ich hatte mir vorgenommen, ihr die entsetzliche Wirklichkeit meiner Situation so lange als möglich zu verbergen. Sie hatte für mich und um meinetwillen schon so Viel gelitten, daß ich nicht, ohne zu schaudern, daran denken konnte.

Ich sendete meinen Brief durch einen Commissionär ab, um überzeugt zu sein, daß er sofort abgegeben würde. Indem ich diese einfachen Zeilen schrieb, war ich weit entfernt, die wichtigen Resultate zu ahnen, welche sie bestimmt waren hervorzubringen. Indem ich an den folgenden Tag und an alle Ereignisse dachte, welche dieser herbeiführen sollte, dachte ich doch nicht an die Ueberraschung, welche mir für diesen selben Morgen vorbehalten«war, und während dieser Nacht, die nur eine lange Schlaflosigkeit war, ließ ich mir nicht träumen, welche Stimme mir guten Morgen wünschen und welche Hand mit dem Gefühle der ächten Theilnahme und Freundschaft die meine drücken, würde.



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Drittes Kapitel.

Es war nach sehr früh, als ich den Klopfer an der Hausthür und die Stimme der Wirtin vernahm, welche ihre Dienerin rief.

»Führe den Herrn zu dem Herrn, der gestern Abend eingezogen ist.«

Als ich diese Worte hörte, fiel mir zuerst der Brief von gestern ein. Hatte man mein Asyl entdeckt?

Während diese Vermuthung mich beschäftigte, öffnete sich die Thür und der Besucher trat ein.

Ich sah ihn an und verstummte vor Erstaunen. Es war mein ältester Bruder -- es war Ralph selbst, der in mein Zimmer trat!

»Nun, Sidney, wie geht Dir’s.?« fragte er noch in demselben cordialen, freimüthigen Tone, der ihm sonst eigen war.

»Ralph? Du in Englands? Du hier?«

»Gestern Abend bin ich aus Italien angelangt. Aber ich finde Dich ja schrecklich verändert, Sidney. Ich erkenne Dich kaum wieder.«

Ein plötzliche Aenderung gab sich in seinen Manieren kund, als er diese Worte sprach. Der wehmüthige, theilnehmende Blick, den er auf mich heftete ging mir durchs Herz. Ich dachte an die schöne Zeit, als wir noch Knaben waren, an die sorglose lärmende Vertraulichkeit, die Ralph mir gegenüber zeigte, an seine tollen Schüler- und Studentenstreiche an unsere ununterbrochene Einigkeit, weil seine Kraft und meine Schwäche, sein thätiger Charakter und mein passives Temperament so gut zusammenpaßten.

Ich bemerkte, daß er sich seit jener Zeit in der That wenig verändert hatte, und zum ersten Male überzeugte ich mich von der traurigen Veränderung, die dagegen mit mir vorgegangen war. Die ganze Schmach und der ganze Schmerz meiner Verbannung aus dem Vaterhause erwachten in mir bei dem Anblicke seiner vertrauten offenen Züge.

»Ich bot Alles auf, um keine Schwäche zu zeigen und um ihm freudig entgegenzukommen; aber es gelang mir doch nicht so, wie ich wünschte. Ich wendete das Gesicht ab, als ich ihm die Hand reichte; denn der alte Schülerinstinct, welcher mir rieth, den glücklichen Ralph, den unerschrockenen Ralph nicht sehen zu lassen, daß ich weinte, erwachte wieder in mir und beherrschte mich.

»Nun, Sidney was fehlt Dir? Muth gefaßt! Ich weiß, in welcher Schlinge Du Dich gefangen hast. Allerdings ist es eine schlimme Geschichte, aber deswegen rennt man sich nicht den Schädel ein. Verwünschte Geschichte! Clara hatte sehr Recht —— sie hat immer Recht —— als sie mich bat, sogleich zu Dir zu gehen. Ich habe ihr versprochen, Dich aus dieser schlimmen Patsche zu ziehen, und ich werde es thun. Setz Dich und höre mich an. Ich will mich auf Dein Bett setzen und mir eine Cigarre anzünden —— dann können wir ganz behaglich mit einander plaudern.«

Während er seine Cigarre anzündete betrachtete ich ihn aufmerksamer als anfangs.

Obschon seine Manieren dieselben, geblieben waren, obschon sein Gesicht noch dieselbe Sorglosigkeit und den unerschütterlichen Leichtsinn seiner ersten Jugendjahre verrieth so entdeckte ich doch, daß unter gewissen andern Beziehungen sein Aeußeres sich ein wenig verändert hatte.

Seine Züge waren schärfer geworden; die Ausschweifungen hatten ihre Spuren deutlicher zu Tage treten lassen. Dabei war in seiner, Kleidung eine gewisse Nachlässigkeit zu bemerken, und er trug keine von jenen kostbaren Tändeleien mehr an sich, für welche er früher eine so große Vorliebe zeigte. Seitdem ich ihn zum letzten Male gesehen, schien er ganz die Manieren und die äußere Erscheinung eines Mannes von mittleren Jahren angenommen zu haben.

»Wohlan,« sagte er, »erst muß ich Dir von meiner Rückkehr erzählen. Du weißt, daß Madame ***« —— damit meinte er seine frühere Geliebte —— »den Wunsch hegte, England zu sehen, und ich war des Anstandes ebenfalls vollkommen überdrüssig. Demzufolge brachte ich sie mit nach London, und wir nahmen uns vor, uns in irgend einem stillen Hause von Brompton gemüthlich und behaglich einzurichten. Diese Frau ist mein Schutzengel. Du mußt sie kennen lernen. Von der Leidenschaft des Spiels hat sie mich vollkommen geheilt. Ich war aus dem besten Wege, in unrettbares Verderben zu rennen, als sie mich bei der Hand faßte und zurückriß. Dies Alles weißt Du aber ohne Zweifel schon. Gestern Nachmittag also sind wir hier in London angekommen. Abends ließ ich sie in ihrem Hotel und präsentierte mich im väterlichen Hause. Hier erfuhr ich sogleich, daß Du mich um meinen alten Ruf gebracht hast, das tollköpfige Subject der Familie zu sein. Du mußt das nicht übelnehmen, Sidney. Ich will Dich durchaus nicht verspotten —— in dieser Absicht bin ich nicht gekommen. Du mußt nicht so sehr aus die Art und Weise achten, wie ich Etwas sage. Für mich hat es einmal nie etwas Ernsthaftes gegeben und wird es auch Nichts geben.«

Er schwieg, um die Asche von seiner Cigarre zu streichen und sich auf meinem Bette bequemer zu setzen. Dann fuhr er fort:

»Ich habe das Unglück gehabt, meinen Vater bei mehr als Einer Gelegenheit sehr ernstlich gegen mich ausgebracht zu sehen; aber niemals habe ich ihn so vollkommen ruhig und folglich so gefährlich und so erbittert gesehen, als gestern Abend während der Unterredung, die er mit mir über Dich pflog. Ich entsinne mich noch sehr wohl des Tones und der Miene, mit denen er mich anredete, als er mich dabei ertappte, wie ich gesammelte Käfer und Schmetterlinge zwischen die Blätter jenes Buches legte, in weichem er unsere Familie verherrlicht und, wie er glaubt, verewigt hat. Aber Dies war Nichts im Vergleiche zu der Stimmung, in welcher er sich jetzt befindet. Ich kann Dir es sagen, Sidney. Wenn ich an Das glaubte, was sentimentale Menschen ein gebrochenes Herz nennen, so würde ich beinahe fürchten, daß er selbst an diesem Uebel leide. Er denkt an weiter Nichts als an Deinen höllisch dummen Streich —— wie zum Teufel hast Du nur auch so thörigt sein können, Deine Kleine zu heirathen? —— und an Deine Verbannung aus der Familie, welche ziemlich lange dauern kann. Ich habe bemerkt, daß es jetzt durchaus nicht gerathen sein würde, nur ein Wort zu Deiner Entschuldigung zu wagen. deshalb bin ich ruhig auf meinem Stuhle sitzen geblieben und habe ihm zugehört, bis er mir zu verstehen gab, daß es Zeit sei, zu Bette zu gehen. Was ich in meiner Niedergeschlagenheit dann that, kannst Du Dir leicht denken. Ich mußte mir von dem Kellermeister ein großes Glas Cognac geben lassen, ehe ich hinaufging zu Clara. Bei dieser war es noch schlimmer als bei unserem Alten, denn sie hatte, eben Deinen Brief erhalten und lief damit wie wahnsinnig im Zimmer umher. Gieb mir einmal, die Schwefelhölzchen her —— meine Cigarre ist ausgegangen. Manche Leute wissen das Sprechen und das Rauchen in ganz gleichen Quantitäten mit einander zu verschmelzen mir aber will dies nie gelingen.

»Du weißt eben so gut als ich,« fuhr er fort, nachdem er seine Cigarre wieder angezündet hatte, »daß Clara sich sehr in der Gewalt hat. Ich hatte ihr Temperament Stets für ein kaltes, Lymphatisches wie die Aerzte in ihrem Kauderwelsch sagen, gehalten; in dem Augenblicke aber, wo ich den Kopf durch die ein wenig geöffnete Thür hineinsteckte, fand ich, daß ich mich in dieser Beziehung geirrt hatte, wie in so vielen andern. Ich sage Dir, Sidney, ich erschrak förmlich über sie, weit mehr als über jene gelehrte Polin, die mir ihr Buch gegen die Ehe gewidmet hat und mir ein Dessertmesser an den Kopf warf, weil ich, während ich ein Mal allein bei ihr speiste, sie in einer sehr hitzigen Argumentation geschlagen hatte. Ich sage Dir, damals erschrak ich nicht halb so sehr als gestern Abend bei dem durchbohrenden Schrei, welchen Clara ausstieß, als sie mich sah, und bei dem Feuer ihrer Augen, während sie mit mir von Dir sprach. Ich habe kein Talent zur Schilderung und hasse —— wahrscheinlich aus demselben Grunde —— die Schilderungen, welche Andere mir machen. deshalb will ich Dir auch nicht Alles ausführlich erzählen, was sie that oder sagte. Es genüge Dir, zu wissen, daß sie mir das Versprechen abnahm, Dich vor allen Dingen gleich heute Morgen hier aufzusuchen und Dich aus Deiner schlimmen Lage zu befreien. Kurz, ich versprach ihr Alles, was sie wollte, Demgemäß siehst Du mich nun auch entschlossen, mich mit Deinen Angelegenheiten eher zu beschäftigen als, mit den, meinigen. Madame *** ist in ihrem Hotel und wahrscheinlich schon im Begriffe, Nervenanfälle zu bekommen, weil ich mit ihr nicht sofort auf die Jagd nach einer Wohnung gegangen bin, aber Clara geht Allem vor. Clara ist mein erster Gedanke. Man muß sich als guter Bruder zeigen, und nun, da Du ein wenig heiterer geworden zu sein scheinst, werde ich versuchen, Dir einige Erklärungen abzulocken und dann sehen, auf welche Weise ich Dir nützlich sein kann.«

»Ralph, Ralph, wie kannst Du in Einem Athem den Namen Clara's und den dieser Frau nennen? War Clara ruhiger, als Du sie verließest? befand sie sich wohler? Ins Himmels Namen, sei wenigstens hierin ernsthaft, wenn Du es auch in allen Andern Dingen nicht bist.«

»Na, nur gelassen, lieber Sidney! Sie war weit ruhiger geworden, als ich fortging. Mein Versprechen hatte die Wirkung, daß ihre Züge fast wieder ganz den gewohnten Ausdruck annahmen. Was den Umstand betrifft, daß ich Clara und Madame *** in einem und demselben Athem genannt, so kann ich Deine Bemerkung darüber nur belächeln. Verwünschte Cigarre —— sie ist schon wieder ausgegangen! Ich muß eine andere versuchen. Gieb mir noch ein Mal die Schwefelhölzchen her. So! —— Nun bin ich bereit, das Gespräch auf die ernsthafteste Weise von der Welt fortzusetzen und mir den Kopf zu zerbrechen, um zu ermitteln, was sich für meinen armen Sidney, diesen guten, unschuldigen Neuling in der Welt, thun läßt»

Er setzte sich wieder und qualmte einige Minuten lang, ohne zu sprechen Seine Augen hefteten wieder auf mich, und seine sorglose Miene, die jugendliche Leichtfertigkeit seiner Manieren verschwanden fast gänzlich.

Als er wieder anfing zu sprechen, glänzte das Feuer einer wirklichen Energie in seinen Augen, und der Ton, in dem er sprach, war fester und entschlossener.

»Jetzt, alter Kamerad,« hob er an, »glaube nicht, daß ich Dich langweilen will, wenn ich Dich bitte, die Schule, welche Du durchgemacht, von Anfang bis zu Ende zu erzählen. Dennoch aber muß ich überzeugt sein, daß Du Dich gegen mich ohne Rückhalt und vollkommen klar aussprichst, denn sonst könnte ich Dir von keinem Nutzen sein. Ueber gewisse Punkte hat unser Vater sich nur sehr dunkel ausgesprochen.

»Er sprach allerdings viel, ja zu viel von den Folgen, die es für die Familie hätte, von dem Kummer, der ihm dadurch bereitet worden, von seinem Entschlusse Dich nie wieder als seinen Sohn. anzuerkennen —— kurz, er sprach von Allem, nur nicht von der Sache selbst. so wie sie aufzufassen ist. Das ist aber nun gerade das Nöthigste. Du wirst es, mir daher nicht übel nehmen, wenn ich Dir mit einigen Worten wiederhole, was gestern Abend gesagt ward, und wenn ich einige Fragen im Bezug auf Das an Dich stelle, was ich heute Morgen zu wissen wünsche, nicht wahr?«

»Fahre fort, Ralph. Sprich ganz, wie es Dir beliebt. Meine Leiden haben mich gegen Prüfungen aller Art bereits unempfindlich gemacht«

»Nun denn, so werde ich damit beginnen, daß ich gehört habe, wie Du Gefallen an einer hübschen Ladenmamsell gefunden hast. Wohlgemerkt, ich tadle Dich deswegen durchaus nicht, denn ich habe mir´selbst mit dergleichen Dämchen die Zeit oft auf sehr angenehme Weise vertrieben. Zweitens aber höre ich, daß Du das Mädchen auch wirklich geheirathet hast. Es ist nicht meine Absicht, Dir etwas Unangenehmes zu sagen, aber Das, was Du da gethan, ist ein unverantwortlich wahnsinniger Streich, von welchem man in ganz Bedlam nicht so leicht ein zweites Beispiel finden wird. Ueber diesen schlimmsten Punkt Deiner Angelegenheit war unser Vater nicht im Stande, sich ausführlich zu erklären, oder er wollte es vielleicht nicht thun. Du kennst ihn gut genug, um zu wissen, warum. Dennoch muß Jemand ausführlich hierüber mit mir sprechen, denn sonst kann ich Nichts in der Sache thun. Um also zunächst auf jenen Schurken zu kommen —— hast Du ihn vielleicht erwischt? Sprich Dich frei aus, lieber Bruder. —— Wenn Du ihn erwischt hast, so hoffe ich wenigstens, daß Du ihn auch nicht so leicht wieder losgelassen hast.«

Ich erzählte meinen Kampf mit Mannion und das Ende desselben.

Mein Bruder sprang mit einem Satze von meinem Bette in die Höhe und ergriff mich, während sein Gesicht vor Freude strahlte und seine Augen funkelten, bei beiden Händen.

»Laß mich Dir die Hand drücken wie ich sie Dir lange nicht gedrückt habe. Das macht alles Uebrige wieder gut! Das entschuldigt alle die dummen Streiche, die Du von dem Augenblicke an begangen, wo Du jenem Mädchen begegnetest. Aber wo ist der Bursche jetzt?«

»Im Spital.«

Ralph lachte aus vollem Halse und warf sich wieder auf das Bett nieder.

Ich dachte an den Brief welchen Mannion mir geschrieben, und schauderte bei dieser Erinnerung.

»Die zweite Person in Bezug auf welche ich Dich fragen muß, ist Deine Frau,« hob mein Bruder wieder an. »Was ist aus dieser geworden? Wo war sie während der ganzen Zeit Deiner Krankheit?«

»Bei ihrem Vater. Sie ist noch dort«

»Ah, ich errathe! Unschuldig —— die alte Leier —— das versieht sich. Und ihr Vater tritt ihr die Brücke, nicht wahr? Das ist keinem Zweifel unterworfen, und ebenfalls die alte Leier. Ich beginne die Sache zu durchschauen. Man droht uns mit einem Scandal, wenn Du sie nicht als Dein Weib anerkennst. Watte einen Augenblick. Hast Du, abgesehen von Deiner Ueberzeugung, einen augenscheinlichen Beweis gegen sie vorzubringen?«

»Ich habe einen sehr langen Brief von ihrem Mitschuldigen erhalten, welcher das Geständniß ihres doppelten Verbrechens enthält.«

Dieses Geständniß wird sie jedenfalls für etwas Abgekartetes erklären, und es könnte uns Nichts nützen, wenn wir nicht wagen wollen, gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, und dies wollen wir nicht. Wir müssen die Sache um jeden Preis zu vertuschen suchen, oder mein Vater grämt sich darüber zu Tode. In diesem Falle zieht man den Beutel, wie ich schon vorausgesehen. Der Herr, Krämer und seine Tochter haben ein ziemlich großes Assortiment Stillschweigen zu verkaufen, und wir müssen ihnen die Elle um so und so Viel abhandeln. Bist Du noch nicht wieder in diesem Hause gewesen, Sidney, um Dich nach dem Preise zu erkundigen und den Handel abzuschließen?.

»Ich war gestern dort.«

»Ah, zum Teufel! Du warst dort? Und wen hast Du gesehen? Den Vater, wie? Und hast Du ihn zu einem Vergleiche bewogen? Hast Du das Geschäft mit ihm gemacht?«

»Er war grob und unverschämt, und gebärdete sich wie ein Besessener.«

»Um so besser! Mit solchen Leuten wird man am leichtesten fertig. Wenn Jemand gegen mich in Zorn geräth, sobald ich ihn antaste, so bin ich im Voraus meines Erfolges sicher. Aber wie war denn das Ende.«

»Das Ende entsprach dem Anfange. Er hat mir Viel gedroht und ich habe mir Viel gefallen lassen.«

»Na, wir werden sehen, ob er mit mir auch so wegkommt. Aber sage mir, Sidney, welche Summe hast Du ihm geboten?«

»Ich habe ihm kein Geldanerbieten gemacht. Meine Umstände sind von der Art, daß ich nicht daran denken kann, ihm eins zu machen. Ich hatte den Plan, noch heute in jenes Haus zurückzukehren und wenn man mit Geld ihn zum Schweigen bringen und meine Familie vor der Schande bewahren könnte, die mich ereilt hat, so wollte ich ihm Alles geben, was ich besitze —— das kleine Kapital, welches mir von unserer Mutter hinterlassen worden.«

»Willst Du mir sagen, daß Deine Hilfsquellen einzig und allein in dieser Kleinigkeit bestehen und daß Du wirklich die Absicht hast, Dich ihrer zu entäußern, um dann keinen rothen Heller mehr in der Tasche zu haben? Willst Du mir sagen, daß unser Vater sich von Dir getrennt hat, ohne Deine Zukunft zu sichern? Nein, nein, sei gerecht gegen ihn. Er ist sehr hart gegen Dich gewesen, das gebe ich zu; aber es ist unmöglich, daß er Dich kaltblütig der Noth und dem Mangel preisgegeben habe.«

»Als wir uns trennten, bot er mir Geld; aber, er begleitete diesen Antrag mit so verächtlichen Worten und Beleidigungen, daß ich lieber gestorben wäre als seine Geschenke genommen hätte. Ich sagte ihm, daß ich ohne Unterstützung von ihm ihn und seine Familie vor den Folgen meines Unglücks bewahren wolle, selbst wenn ich zu diesem Zwecke mein Glück und meine eigene Ehre opfern müßte. Und dieses Opfer werde ich heute noch bringen. Er soll später einsehen, wie ungerecht er war, indem er an mir zweifelte. Obschon er mich nicht mehr als seinen Sohn anerkennt, so soll er doch sehen, was ich um seines guten Namens willen Alles zu ertragen weiß.«

»Du nimmst mir’s nicht übel, Sidney, aber dies ist eine eben so große Thorheit als Deine Heirath. Ich ehre die Unabhängigkeit Deiner Grundsätze, lieber Bruder; aber ich werde darüber wachen, daß Du Dich nicht ohne Noth ins Verderben stürzest. Höre mich also ruhig an. Erstens erinnere Dich, daß Alles, was Dein Vater gesagt.hat, in einem Augenblicke heftiger Aufwallung und Erbitterung gesprochen worden ist. Sein empfindlichster Stolz ist durch Dich mit Füßen getreten worden. Das läßt sich Niemand gern gefallen, und unser Vater weniger als irgend ein Anderer. Was zweitens diese Leute betrifft, so frage ich, was ist für sie das Wenige, welches Du besitzest? Sie wissen, daß unsere Familie reich ist, und werden demzufolge ihre Forderung stellen. Jedes andere Opfer, selbst das, welches Du dadurch brachtest, daß Du ihre Tochter wieder nähmst, —— vorausgesetzt, daß Du Dich dazu hergäbest —— wäre vollkommen überflüssig. Ohne Geld ist Nichts zu machen, und wir müssen förmlich unsere Bedingungen stellen. Nun aber bin ich gerade der rechte Mann, um eine solche Angelegenheit zu arrangieren, und ich habe auch das nöthige Geld, oder vielmehr mein Vater hat es, was auf eins hinausläuft Schreib’ mir daher den Namen und die Adresse Deines famosen Schwiegervaters auf —— wir haben keine Zeit zu verlieren und ich werde sofort zu ihm gehen.«

»Ich kann mich nicht entschließen, Ralph, durch Dich meinem Vater Etwas abverlangen zu lassen, was ich nicht selbst von ihm habe verlangen wollen.«

»Gieb mir seinen Namen und seine Adresse, oder Du wirst mein vortreffliches Gemüte; so erbittern, daß Du mich nicht wiedererkennen sollst. Bei mir hilft Dir Deine Hartnäckigkeit Nichts, lieber Sidney, jetzt eben so wenig als früher auf der Schule. Ich werde das Geld meines Vaters für mich verlangen und es ganz so verwenden, wie ich es für Deine Interessen nothwendig erachte, Seht, wo ich wieder ein solider junger Mann geworden bin, würde er mir Alles geben, was ich verlange. Seitdem meine letzten Schulden bezahlt sind, habe ich nicht fünfzig Guineen wieder geborgt. Ich habe dies Madame *** zu danken, denn diese ist die sparsamste Frau von der Welt. Da ich gerade von ihr spreche, so will ich erwähnen, daß Du, wenn Du sie siehst, Dich nicht wundern mußt, zu finden, daß sie älter ist als ich. Ah, das ist also die Adresse, nicht wahr? »Hollyoake-Square?« Wo zum Teufel ist denn das? —— Doch gleichviel, ich werde eine Droschke nehmen und dem Kutscher die Sorge überlassen, den Ort zu finden. Also fasse frischen Muth und warte, bis ich wiederkomme. Du wirst die Nachrichten nicht ahnen, die ich Dir von Mr. Sherwin und seiner Tochter mitbringe. Also auf Wiedersehen, lieber Sidney, auf Wiedersehen!«

Er verließ das Zimmer eben so schnell als er es betreten.

Als er fort war, fiel mir ein, daß ich ihn von der tödtlichen Krankheit der Mistreß Sherwin hätte unterrichten sollen. Sie mußte jetzt dem Tode nahe sein, wenn sie nicht schon todt war. Ich eilte an dass Fenster, um ihn zurückzurufen —— aber es war zu spät —— er war schon weit.

Wenn er auch in der Nordvilla empfangen ward, stand dann wohl zu erwarten, daß er reüssieren würde? Ich sah mich außer Stande, die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen, Sein so unerwarteter Besuch, dieses eigenthümliche Gemisch von Frivolität und Gefühl in seinen Manieren, von weltlicher Klugheit und jugendlichem Uebermuthe in seiner Conversation, hatten in mir eine gewisse Verwirrung erzeugt, die auch, nachdem er schon fort war, noch vorhanden zu sein schien. Unbemerkbar wendeten meine Gedanken, indem sie sich von Ralph und der Mission, die er für mich übernommen, entfernten, sich einem Gegenstande zu, welcher bestimmt schien, mich, mochte ich nun wollen oder nicht, fortan zu beschäftigen und sich in den Stunden meiner Einsamkeit wie ein schwarzer Schatten in mein Gemüth zu drängen.

Auf diese Weise hatte es also bereits angefangen thätig zu sein —— jenes Verhängniß, welches, wie Mannion erklärte, nicht aufhören sollte, mich zu verfolgen. Schon begann jenes furchtbare Geständniß vergangenen Elendes und Verbrechens, jene ungeheuerliche Erklärung einer Feindschaft, welche so lange dauern sollte als das Leben, ihren lähmenden Einfluß auf meine Geisteskräfte zu äußern.

Ich öffnete den Brief abermals und las wieder in den letzten Sätzen desselben die Drohungen des gegen mich angezettelten Complottes.

Wie sollte ich diesem bösen Genius widerstehen? Wie sollte ich seiner Verfolgung ausweichen? Wie sollte ich diesen Dämon zum Schweigen bringen, oder das Gift, welches er Tropfen um Tropfen auf mich träufeln würde, unschädlich machen? Wann stellte wohl mein Schicksal mich wieder jenem rächenden Dämon gegenüber? Geschah es bald oder erst in einigen Monaten? Oder sah ich vorher Margarethen? —— in meiner Wohnung oder auf der Straße? in der Nacht oder am Tage? Sollte ich den Brief meinem Bruder zeigen? Dies wäre unnütz gewesen; Was konnte mir der Beistand seiner Rathschläge, sein redlicher, aber unüberlegter, tollköpfiger Muth gegen einen Feind nützen, welcher die Wachsamkeit eines Wilden mit der schlauen Bosheit des civilisirten Menschen verband?

Als dieser letzte Gedanke in mir erwachte, brach ich, den Brief schnell wieder zusammen, entschlossen —— leider, wie vergeblich! —— ihn nicht wieder zu öffnen.

Beinahe in demselben Augenblicke hörte ich abermals an die Hausthür pochen.

Konnte Ralph schon wieder da sein? Unmöglich. Uebrigens würde er aus andere Weise gepocht haben, während die jetzigen Schläge des Thürklopfens nur eben stark genug waren, um von dem Orte aus gehört zu werden, wo ich saß.

War, es vielleicht Mannion? Aber wäre dieser wohl so offen und frei am hellen lichten Tage gekommen?

Ein leichter, rascher Tritt kam die Treppe herauf —— mein Herz erbebte. Ich sprang auf die Füße. Es war derselbe Tritt, ja, derselbe, den ich während meiner Krankheit so oft erlauscht Ich eilte auf die Thür zu und öffnete sie.

Mein Instinct hatte mich nicht getäuscht —— es war meine Schwester.

»Sidney!« rief sie, ehe ich noch sprechen konnte, »ist Ralph hier gewesen?«

»Ja, liebe Schwester, ja.«

»Wo ist er hin? Was hat er für Dich gethan? Er versprach mir, Dir beizustehen.«

»Und er hat sein Versprechen wacker gehalten, Clara. So eben ist er wieder fortgegangen, um mir eben zu helfen.«

»Gott sei Dank! Gott sei Dank!«

Noch ganz außer Athem, sank sie, indem sie sprach, aus einen Stuhl nieder. O, wie litt ich, indem ich sie in diesem Augenblicke betrachtete und sah, wie verändert sie war! Ihre sonst so sanften Augen waren gleichsam verdunkelt und erschöpft, und ihr junges reizendes Antlitz wie mit einem Schleier der Unruhe und Traurigkeit verhüllt.

»Es wird mir bald wieder besser werden,« sagte sie, denn sie errieth, was ich bei dem Anblicke ihrer Züge empfand. »Du kannst Dir leicht denken, wie bewegt mein Gemüth ist, indem ich Dich hier in diesem ärmlichen Hause sehe, nach Dem, was gestern vorgegangen ist, während ich überdies ohne Vorwissen meines Vaters hierher gegangen bin. Wir dürfen uns aber deswegen nicht beklagen, lieber Bruder, wenigstens so lange nicht, als es mir möglich sein wird, mich dann und wann vom Hause fortzuschleichen, um Dich zu besuchen. Wir missen nun bloß noch an die Zukunft denken. Welch’ ein Glück vom Himmel, welch’ ein Glück, daß Ralph wieder da ist! Wir sind ungerecht gegen ihn gewesen. Er ist weit besser und gefälliger als wir glaubten. Aber, Sidney, wie angegriffen und krank Du aussiehst! Hast Du Ralph nicht Alles erzählt?Schwebst Du vielleicht in irgend einer Gefahr?«

»Durchaus nicht,«Clara, durchaus nicht.«

»Du mußt Dich wegen Dessen, was gestern geschehen ist, nicht allzu sehr ängstigen. Das Beste für Dich ist, wenn Du Dich bemühest, diesen schrecklichen Auftritt und Alles, was ihn herbeigeführt hat, zu vergessen. Dein Vater hat Nichts weiter darüber geäußert, als daß ich von Deinem Fehltritte und Deinem Unglücke nicht mehr wissen dürfe als das Wenige, was ich schon davon weiß. Ich habe mir daher vorgenommen, mir auch nicht weiter den Kopf darüber zu zerbrechen und keine ferner Fragen an Dich zu stellen. Ich komme zu Dir, lieber Sidney, um Dich wo möglich aufzuheitern, aber nicht um Deine Niedergeschlagenheit zu vermehren. Ich bitte Dich daher, auf Rücksicht für mich die Beleidigung, welche Dir zugefügt worden, eben so zu vergessen wie die Personen, welche sie Dir zugefügt haben. Ich hege schon eine Hoffnung, Sidney, Allerdings ist sie nich weit entfernt, in Erfüllung zu gehen, aber dennoch ist es eine Hoffnung. Erräthst Du sie vielleicht?«

»Wenn Du diese Hoffnung auf meinen Vater gründest, Clara, so ist sie in der That weit entfernt, in Erfüllung zu gehen.«

»Das sage nicht; darüber weiß ich mehr als Du. Erst in voriger Nacht ist Etwas geschehen —— es ist eine Kleinigkeit, wenn Du willst, aber doch Etwas, was beweist, daß er mehr mit dem Gefühle des Schmerzes als mit dem des Zornes an Dich denkt.«

»Ich möchte Dir gern glauben, theurer Engel, aber meine Erinnerung an gestern ——«

»Glaube nicht Deinen Erinnerungen —— rufe sie nicht zurück! Ich will Dir sagen, was geschehen ist. Du warst eben fort, und nachdem ich eine Zeit lang auf meinem Zimmer geblieben, um mich von meiner Gemüthsbewegung wieder ein wenig zu erholen, ging ich wieder hinunter, um unserm Vater Gesellschaft zu leisten. Ich fühlte mich so unglücklich, daß ich nicht allein bleiben konnte. Er war nicht in seinem Cabinette als ich eintrat. In dem Augenblicke, wo ich meine Blicke um mich her schweifen ließ, sah ich die Fetzen von dem Blatte aus unserem Familienbuche auf der Diele umher gestreut und Dein Miniaturportrait lag ebenfalls unter diesen Trümmern. Es war aus seiner Pergamentfassung herausgerissen, übrigens aber nicht beschädigt. Ich hob es auf, Sidney, und legte es auf den Tisch, gerade dem Platze gegenüber, welchen mein Vater gewöhnlich einnimmt, und dicht daneben legte ich mein kleines Medaillon, welches Du kennst und welches Haar von Dir enthält, damit er nicht denken sollte, daß das Portrait zufällig von dem Diener aufgehoben und auf den Tisch gelegt worden sei. Hierauf las ich die Papierstückchen von der Diele auf und nahm sie mit, denn ich glaubte, es sei besser, wenn er sie nicht wiedersähe. In dem Augenblicke, wo ich die Thür des Bibliothekzimmers hinter mir zu schließen im Begriffe stand, hörte ich sich die Thür öffnen, welche in das Cabinet und den Salon führt. Ich sah unsern Vater eintreten und gerade auf den Tisch zugehen. Er kehrte mir den Rücken, so daß ich ihm zusehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Anfangs betrachtete er das Portrait und blieb vollständig unbeweglich stehen, indem er es lange in den Händen hielt. Dann seufzte er, ach, wie traurig! Hierauf nahm er aus einem der Schubfächer seines Tisches das Bildniß unsrer armen guten Mutter, öffnete das Etui und legte Dein Bild behutsam und es immer noch mit liebendem Blicke betrachtend, mit hinein. Ich traute meiner eignen Standhaftigkeit nicht, wenn ich noch länger stehen bliebe und ihm zu sahe. deshalb eilte ich in mein Zimmer, und nicht lange darauf kam unser Vater zu mir, um mir mein Medaillon wiederzugeben, indem er weiter Nichts zu mir sagte als die Worte: »Du hast das auf meinem Tische liegen lassen, Clara.« Wenn Du aber sein Gesicht gesehen hättest, so würdest Du Dich sofort den frohesten Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft hingegeben haben, gerade wie ich thue.«

»Und ich werde es auch thun, Clara, ohne jedoch einen stärkeren Beweggrund dazu zu haben als meine Dankbarkeit gegen Dich.«

»Ehe ich unser Haus verließ,« fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, »dachte ich an die Vereinsamung, in welcher Du Dich in diesem fremden Hause befindest, lieber Bruder, besonders da ich weiß, daß ich Dich nur selten und verstohlen besuchen kann, denn wenn mein Vater Etwas davon erführe —— Doch sprechen wir weiter nicht davon. Ich dachte, die Zeit wird Dir hier sehr lang werden, und deshalb habe ich Deinen alten Kameraden mitgebracht, den Du ohne Zweifel vergessen hast, der Dir früher treulich Gesellschaft leistete und es auch noch jetzt thun kann, indem er Dich abhält, allzu sehr an Das zu denken, was Du gelitten. Schau' her, Sidney; wirst Du« ihn nicht gut empfangen, diesen alten Freund?«

Und sie reichte mir eine kleine Rolle Manuscript, indem sie sich bemühte, ihr keines, heiteres Lächeln von sonst zu zeigen, während ihr doch zugleich die Thränen in die Augen traten.

Ich wendete die Blätter um, ich betrachtete die Schrift und noch einmal sah ich vor mir die ersten Kapitel meines unvollendeten Romans. Ich fand sie demnach wieder, diese Blätter, welche die Frucht einer geduldigen Arbeit waren, die vertrauten Reliquien jenes ersten Ehrgeizes, des edelsten, den es geben kann, den ich um der Liebe willen vernachlässigt —— die Zeugen, welche mich allzu treu an jene ruhigen Freuden erinnerten, die ich auf immer verloren, an die Freuden, durch welche die Seele erhoben und veredelt wird.

»Ich habe diese Blätter, nachdem Du sie beiseite geworfen, mehr in Acht genommen als irgend etwas Anderes,« sagte Clara. »Ich habe immer gedacht, daß die Zeit wiederkommen würde, wo Du Dich Deiner Lieblingsbeschäftigung wieder zuwendest, der Beschäftigung, welcher ich stets mit dem meisten Vergnügen zugesehen. Und diese Zeit ist jetzt gekommen, mein Bruder. Deine beste Zuflucht ist die Arbeit, die Dich sonst so glücklich machte. Sie wird Deinen Gedanken eine andere Richtung geben, denn es ist nicht gut, wenn dieselben fortwährend einem und demselben Gegenstande zugewendet sind. Ich bin überzeugt, Sidney, daß Dein Buch Dich mehr als irgend etwas Anderes in den Stand setzen wird, geduldig auf bessere Zeiten zu warten. Wie fremd und ärmlich es auch in diesem Hause sein mag, so wird doch der Anblick Deines Manuscripts, der Besuch Deiner Schwester —— so oft sie kommen kann —— ihm vielleicht in Deinen Augen das Ansehen eines häuslichen Herdes verleihen. Dieses Zimmer ist allerdings nicht sehr ——«

Sie stockte plötzlich. Ich sah, wie ihre Lippen zitterten und wie abermals Thränen ihre Augen umflorten, während sie sich umschaute. Als ich mich bemühte, ihr die ganze Dankbarkeit zu schildern, welche sie mir einflößte, wendete sie sich rasch ab und begann sich damit zu beschäftigen, daß sie die Physiognomie dieses möblierten Zimmers ein wenig reorganisirte. Sie brachte die mitunter ein wenig plumpen Zierrathen auf dem Kaminsims ein Ordnung, steckte die Fenstervorhänge in solche Falten, daß dadurch die Löcher verdeckt wurden, und gab mit Einem Worte dem alten Zimmergeräthe ein so sauberes und nettes Ansehen als möglich.

Diese Aufgabe beschäftigte sie noch, als die Uhr einer nahen Kirche die erste Mittagsstunde verkündete und sie mahnte, sich nun nicht länger mehr aufzuhalten.

»Ich muß Dich verlassen,« sagte sie; »ich glaubte nicht, daß es schon so spät wäre. Beunruhige Dich nicht wegen der Art und Weise, auf welche ich wieder nach Hause gelangen werde. Die alte Martha hat mich hierher begleitet und erwartet mich unten an der Treppe. Du weißt, daß wir uns auf sie verlassen können. Schreib’ mir, so oft Du kannst. Ralph wird mir alle Tage Nachricht von Dir geben, trotzdem aber möchte sich lieber von Zeit zu Zeit einen Brief von Dir erhalten. Geduld und Hoffnung im Unglücke! Sei so standhaft, als Du mir empfiehlst, es zu sein, und ich werde an Nichts verzweifeln. Sage Ralph Nichts davon, daß ich hier gewesen bin; er könnte darüber angehalten sein. Ich werde wiederkommen, sobald es mir möglich ist; denn ich kann mir nicht denken, daß ich dabei etwas Unrechtes thue. Und doch, wenn man Etwas davon erführe —— ich fürchte mich, zu denken, was dann geschehen würde. Auf Wiedersehen, Sidney. Wir wollen uns ohne Traurigkeit trennen und auf bessere Tage hoffen. Auf Wiedersehen, lieber Bruder, auf baldiges Wiedersehen!«

Sie hätte beinahe ihre Herrschaft über sich selbst verloren, als sie mich umarmte, um ihres Schritte nach der Thür zu lenken. Dann winkte sie mir noch, daß ich sie nicht bis zur Treppe begleiten solle, und ohne sich weiter umzusehen, entfernte sie sich rasch aus dem Zimmer. Dieser Entschluß. ihre Wiederentfernung nicht aufzuschieben, trug sehr dazu bei, unser Geheimniß zu bewahren.

Kaum war sie einige Minuten hinaus, mein Herz war noch erfüllt von dem sanften, tröstenden Eindrucke ihrer Gegenwart, und meine Blicke hefteten sich traurig auf das mir früher so kostbare Manuscript, welches sie mir zurückgegeben, als Ralph von der Nordvilla zurückkam.

Ich hörte ihn die alte hölzerne Treppe mehr heraufspringen als laufen, und ungestümer als je trat er in mein Zimmer.

»Victoria! Victoria!« rief er, indem er sich wieder auf das Bett warf. »Wenigstens was den alten Krämer selbst betrifft, hat sich das Blatt zu Deinen Gunsten gewendet. Wir können ihn, um was wir wollen, um einen ganz billigen Preis erkaufen, wenn wir uns recht dazuhalten. Die unschuldige Miß hat gerade zur rechten Zeit ein umfassendes Geständniß abgelegt. Ja, ja, Sidney, lieber Junge, sie hat den gefährlichen Sprung gethan.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Sie hat den gefährlichen Sprung gethan. Sie ist in das Hospital gegangen, um zu sehen, wie Du jenes Bürschchen gezeichnet hast —— wie nanntest Du ihn doch gleich?«

»Mannion.«

»Ganz richtig, Mannion. Ich habe einen Brief in die Hände bekommen, den er ihr geschickt hat. Dieser Brief beschuldigt sie, trotz des keckesten Leugnens ihres Vaters, und dieser ist nicht der Mann, der sich durch eine Bagatelle aus dem Felde schlagen läßt. Ich will jedoch hübsch von vorn anfangen und Dir Alles erzählen, was geschehen ist. Wirklich, Sidney, Deiner Miene nach sollte man glauben, daß ich Dir schlimme Nachrichten brächte!««

»Achte nicht auf meine Miene, Ralph, sondern erzähle Weiter.«

»Nun gut —— das Erste, was ich bei meinem Eintritte in das Haus erfuhr, war, daß Mistreß Sherwin im Sterben liege. Der Diener ließ sich meinen Namen sagen, aber ich glaubte, ich würde nicht vorgelassen werden. Welch’ ein Irrthum! Ich ward in den Salon geführt, und Mr. Sherwin hatte nichts Eiligeres zu thun, als mir zu sagen, seine Frau sei bloß ein wenig krank, seine Dienstleute übertrieben es, und er sei vollkommen bereit, zu hören, was Mr. Sidney's geehrter Bruder ihm zu sagen habe. Du siehst, daß der Kerl doch wenigstens schlau genug ist, um von vorn herein höflich zu sein. In meinem Leben habe ich kein widerwärtigeres Gesicht gesehen als das seine. Ein Geschichtsmaler, der um einen Judas Ischariot verlegen wäre, könnte sich hier sofort helfen. Ich musterte ihn mit scharfem Blicke, und ehe noch zwei Minuten vergingen, hatte ich ihm rund und rein heraus gesagt, weshalb ich gekommen sei.«

»Und wie antwortete er?«

»Wie ich es erwartete. Er begann damit, daß er sich entrüstet stellte. Bei dem zweiten Fluche aber unterbrach ich ihn.« »Sir,« sagte ich ganz höflich zu ihm, »wenn Ihnen daran liegt, daß unsere Unterredung nicht ohne Geschrei und Fluchen abgehe, so glaube ich, Sie im Voraus unterrichten zu müssen, daß Sie höchst wahrscheinlich der Erste sein werden, der sich darüber beklagt. Wenn ich das ganze Repertorium der englischen Fläche erschöpft hätte, so könnte ich noch sehr geläufig in fünf fremden Sprachen fluchen. Mein Grundsatz ist, Grobheiten allemal mit Zinsen und Zinseszinsen zurückzugeben, und ich übertreibe nicht, wenn ich Ihnen sage, ich bin im Stande, zu fluchen, daß Ihnen Hören und Sehen vergehen soll. Nun wissen Sie, was Sie von mir zu halten haben. Jetzt sprechen Sie weiter —— ich bin bereit, Sie zu hören.« —— Nachdem ich ihm dies gesagt hatte, sah er mich eine Zeitlang mit betroffener Miene an dann begann er wieder den Entrüsteten zu spielen —— dies Mal aber waren es pomphafte Declamationen, die einen gewissen parlamentarischen Styl hatten. —— Zuletzt zog er Dein unglückliches Heirathscertificat aus der Tasche, indem er mir zum fünften Male versicherte, seine Tochter sei unschuldig, und er werde Dich zwingen, sie als Deine Frau anzuerkennen, und wenn er deshalb vor Gericht gehen solle. Das hatte er auch wohl schon zu Dir gesagt, als Du bei ihm warst, nicht wahr?«

»Ja wohl, ganz dasselbe —— beinahe Wort für Wort.«

»Ich hatte meine Antwort schon fertig, und ehe er noch Zeit hatte, das Certificat wieder in die Tasche zu stecken, sagte ich zu ihm: »Mr. Sherwin, haben Sie die Güte, mich anzuhören. Mein Vater hat gewisse Familienvorurtheile und gewisse Schwächen des Nervensystems, die ich nicht geerbt habe, obschon ich gesonnen bin, Maßregeln zu treffen, um Sie zu hindern, diese Vorurtheile oder Schwächen zu verletzen Es wird gut sein, wenn ich Ihnen gleichzeitig sage, daß ich ohne sein Vorwissen hierher gekommen bin. Ich bin nicht der Abgesandte meines Vaters, sondern der meines Bruders, welcher nicht der geeignete Mann ist, um einen Handel mit Ihnen abzuschließen. Er besitzt viel zu viel Zartgefühl und kennt seine Leute nicht genug. Ich komme daher als Abgesandter meines Bruders, und aus Rücksicht auf die eigenthümliche Anschauungsweise meines Vaters will ich aus meinen eigenen Mitteln eine gewisse alljährlich zu zahlende Summe bewilligen, die zum Unterhalte Ihrer Tochter mehr als hinreichend ist —— eine Summe, die Ihnen alle drei Monate ausgezahlt werden wird, unter der Bedingung, daß weder Sie noch Ihre Tochter uns lästig fallen, daß Sie sich niemals und nirgends unseres Namens bedienen und daß die bis jetzt geheimgehaltene Heirath meines Bruders fortan der Vergessenheit überantwortet werde. Wir behalten unsere Meinung von der Strafbarkeit Ihrer Tochter, Sie behalten Ihre Meinung von ihrer Unschuld. Wir haben Schweigen zu erkaufen, und Sie haben dessen alle drei Monate ein Mal zu verkaufen. Wenn Einer von uns die Bedingungen nicht hält, so kennen wir Beide das Mittel, ihn zu zwingen. Dieses Arrangement läßt alle Gefahren auf unserer Seite und bietet Ihnen nur Vortheil und Sicherheit. Sie weigern sich, glaube ich?« —— »Sir,« sagte er in feierlichem Tone, »ich wäre des Namens eines Vaters unwürdig, wenn ich —— »Dank, Dank« sagte ich, indem ich ihn sofort unterbrach, als ich sah, daß er seine sentimentale Komödie wieder beginnen wollte. »Ich danke, ich verstehe vollkommen. Wir wollen daher, wenn es gefällig ist, die Frage von der andern Seite betrachten.«

»Von der andern Seite? Wie meinst Du das, Ralph? Ist es möglich, daß Du noch mehr gesagt hast?«

»Du sollst es sogleich hören. »Da Sie,« sagte ich zu Mr. Sherwin, »sonach für Ihre Person fest entschlossen sind, auf keinen Vergleich einzugehen, sondern meinen Bruder und gleichzeitig seine Familie zu zwingen, eine Frau anzuerkennen, über deren Strafbarkeit nicht der mindeste Zweifel obwaltet, so glauben Sie, Sie können Ihren Zweck damit erreichen, daß Sie uns mit öffentlichem Scandal drohen. Wohlan, drohen Sie nicht mehr, sondern machen Sie Ihren Scandal. Gehen Sie sofort vor Gericht, wenn Sie wollen. Bringen Sie unsern Namen in die Zeitungen und proklamieren Sie die Vermählung, durch welche unsere Familie mit der des Modewaarenhändlers Mr. Sherwin verwandt wird, mit der Person, die sich nach unserer Ueberzeugung als Weib und als Gattin auf immer entehrt hat. Veröffentlichen Sie alle diese scandalösen Einzelheiten, wenn es Ihnen beliebt. Welchen Vortheil werden Sie davon haben? Rache? Wird aber die Rache Ihnen wohl einen Heller einbringen? Wird diese Rache Ihnen den mindesten Beitrag zur Ernährung Ihrer Tochter liefern? Werden wir dadurch gezwungen werden, diese bei uns aufzunehmen? Keine Idee! Sie werden uns dadurch bloß aufs Aeußerste getrieben haben. Wir haben dann keinen Eclat mehr zu fürchten, und es bleibt uns noch ein einziges Mittel, aber ein verzweifeltes. Wir werden gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen und einen Prozeß beginnen. Wir sind reich, Mr. Sherwin, und können uns das Vergnügen eines kostspieligen Prozesses machen und eine Scheidung zuwege bringen. Wir haben schriftliche Beweise, von welchen Sie Nichts wissen, und wir werden Zeugen citiren, denen Sie nicht den Mund verschließen können. Ich bin nicht Jurist, aber ich wette Hundert gegen Eins —— natürlich in aller Freundschaft —— daß wir unsern Prozeß gewinnen.«

»Ralph, Ralph! Wie wäre das möglich!«

»Schweig’ und laß mich ausreden. Es versteht sich von selbst, daß wir diese Drohung wegen der Scheidung nicht in Ausführung bringen könnten, ohne dadurch zugleich den Tod unseres Vaters herbeizuführen; aber ich glaubte, es könne Nichts schaden, wenn ich mich diesem Krämer gegenüber nach meiner ruhigen Weise auch ein wenig in Positur stellte. Und ich that Recht daran. Du hast noch nie einen Menschen sich mit traurigerer Miene auf die scharfen Kanten eines Dilemma setzen sehen. Er zitterte und ballte die Fäuste, dann nahm er eine würdevolle Haltung an, um gleich darauf wieder weinerlich und zuletzt unverschämt zu werden. Aber ich ließ mich dadurch nicht irre machen, sondern blieb bei meinem Ausspruche: »Schweigen und Geld!»oder »Scandal und Scheidung!« stehen. Ich stellte es ihm ganz in seinen Willen. —— »Ich stelle jede Ihrer Beschuldigungen entschieden in Abrede,« sagte er. —— »Davon ist nicht die Rede,« antwortete ich. —— »Ich werde zu Ihrem Vater gehen.« —— »Sie werden bei ihm nicht vorgelassen werden.« —— »Dann werde ich an ihn schreiben.« —— »Er wird Ihren Brief nicht erhalten»—— Während er so stammelte und stotterte, nahm ich ruhig meine Prise Tabak. —— Endlich sah er ein, daß er Nichts gewinnen würde, und zog daher den alten Römer aus, um bloß den Kaufmann hervortreten zu lassen. »Aber wenn ich nun auch in diesen erniedrigenden Handel willigen wollte,« sagte er, »was würde dann aus meiner Tochter werden?« —— »Sie würde gerade das werden, was soviele Personen werden, die behaglich ihre Rente einstreichen.« antwortete ich. —— »Meine Liebe zu diesem so entsetzlich verkannten Kinde macht mich fast geneigt, ihre Wünsche zu Rathe zu ziehen, ehe ich mich zu irgend Etwas verstehe. Ich will zu ihr hinaufgehen,« setzte er hinzu. —— »Ich werde mittlerweile hier warten,« entgegnete ich.

»Und er hatte Nichts dagegen zu erinnern?«

»Nein doch —— er ging die Treppe hinauf; aber einige Minuten später sah ich ihn mit einem offenen Briefe in der Hand und der verstörten Miene eines Menschen, welcher den Teufel hinter sich weiß, schnell wieder herunterkommen. Auf der dritten oder vierten Stufe von unten stolperte er, hielt sich mit Mühe an das Treppengeländer fest und ließ dabei den Brief fallen. Wie ein Wüthender riß er hierauf seinen Hut vom Nagel und eilte durch die Hausflur zur Gartenthür hinaus. In dem Augenblicke, wo ich ihn über die Schwelle gehen sah, hörte ich ihn noch Murmeln: »Diese Heuchlerin! In die Zwangsjacke werden wir sie stecken, wenn es nicht anders geht!« In seiner Wuth und Eile dachte er nicht daran, den Brief aufzuheben, welchen er über das Geländer hatte fallen lassen. Ich trug natürlich Sorge, dies zu thun, ehe ich mich entfernte; denn ich mnthmaßte, daß dieser Brief eine gute Prise für uns sein könnte, und ich hatte Recht. Lies ihn selbst, Sidney. Moralisch und gesetzlich hast Du ein Recht auf den Besitz dieses kostbaren Documents —— hier ist es.«

Ich ergriff den Brief und las folgende von Mannion im Hospitale geschriebene Zeilen:

»Dein letztes Billet habe ich erhalten und wundere mich nicht, daß dieser Zwang Deine Ungeduld steigert. Bedenke aber, wenn Du nicht so gehandelt hättest, wie ich Dir schon im Voraus, wenn die Sache schlimm ginge, gerathen, zu handeln, wenn Du nicht Deinem Vater Deine Unschuld betheuert, wenn Du Deiner Mutter gegenüber nicht das vollkommenste Schweigen bewahrt hättest, wenn Du nicht fortwährend auf Deinem Zimmer geblieben wärst und —— wie es einer Märtyrerin geziemt —— selbst die Gelegenheit gemieden hättest, den Namen Deines Gatten zu nennen, so wäre Deine Lage eine sehr kritische gewesen. Nicht im Stande, Dir zu Hilfe zu kommen, konnte ich weiter Nichts thun als Dir die, Mittel andeuten, Dir selbst zu helfen. Ich habe Dir´die nöthigen Weisungen ertheilt, und Du bist klug genug gewesen, sie zu benutzen.

Gegenwärtig bin ich abermals genöthigt, meine Pläne zu ändern. Ich habe einen Rückfall bekommen, und die Zeit, wo ich das Hospital werde verlassen können, ist noch ungewiß. Es erscheint mir Deinen Interessen eben so wie den meinigen nicht entsprechend, Deine Geduld auf eine längere Probe zur stellen und Dich im Hause Deines Vaters noch ferner meine Wiederherstellung abwarten zu lassen. Besuche mich daher morgen, sobald Du unbemerkt wegkommen kannst. Du lässt Dich als eine Verwandte anmelden, und man wird Dir mein Bett bezeichnen, wenn Du nach Mr, Turner fragst, denn unter, diesem Namen habe ich mich in das Register des Hospitals einschreiben lassen. Durch Vermittlung eines treuen Freundes, welcher in der Stadt wohnt, habe ich eine Wohnung besorgen lassen, in welcher Du ganz nach Deinem Gefallen und ohne Gefahr vor Entdeckung leben kannst, bis ich wieder hergestellt bin und selbst wieder zu Dir kommen kann. Du kannst zwei Mal wöchentlich hierher kommen, wenn Du willst, und dies wäre das Mittel, Dich an den Anblick meines Gesichts zu gewöhnen. Ich habe Dir schon in meinem ersten Briefe gesagt, wie und wo ich auf diese Weise entstellt worden bin, und wenn Du es mit eigenen Augen siehst, so wirst Du besser darauf vorbereitet sein, meine künftigen Entschlüsse zu erfahren, und geneigter, sie zu unterstützen.

»Du brauchst nun nicht länger die unschuldige zu spielen oder Deinen Gatten zu täuschen. Wenn Du zu mir kommst, sollst Du erfahren, warum. Ich werde über Dein künftiges Schicksal entscheiden. —— Eine neue und abenteuerliche Phase des Lebens öffnet sich vor Dir und Du wirst dieselbe beginnen, indem Du morgen hierher kommst, wie ich Dir hiermit befehle.

»B. M.«

Augenscheinlich war dieser Brief derselbe, den mir die Dienerin in der Nordvilla gezeigt. Das Datum entsprach dem, unter welchem Mannion an mich selbst geschrieben. Ich bemerkte, daß das Couvert fehlte, und fragte Ralph, ob er es nicht auch aufgehoben habe.

»Nein,« antwortete er. »Sherwin ließ den Brief so fallen, wie Du ihn hier siehst. Wahrscheinlich hat seine Tochter dieses Couvert mitgenommen, in der Meinung, daß dieser Brief noch darin stecke.,Doch darauf kommt weiter Nichts an. Schau her: der Schurke hat seinen Namen so dreist darunter geschrieben, als ob es eine ganz gewöhnliche Correspondenz wäre. Dieser Brief genügt, um die saubere Margarethe zu überführen, und weiter brauchen wir Nichts, um mit ihrem Vater vollends fertig zu werden.«

»Aber, Ralph, glaubst Du denn, daß ——«

»Daß ihr Vater sie wiederholen werde? Ganz gewiß wird er es thun, wenn er in dem Hospitale noch zeitig genug ankommt, um sie zu ertappen, Wäre dies nicht der Fall, so würde diese Flucht uns freilich höchst wahrscheinlich einige neue Verlegenheiten bereiten. Die Sache kann dann nämlich folgende Wendung nehmen. Nach dem Lesen dieses Briefes und der Flucht seiner Tochter wird Sherwin nichts Besseres zu thun haben, als von ihrer Unschuld zu schweigen. Wir können annehmen, daß er sehr fügsam und zu einem Vergleiche geneigt sein wird. Was den andern Schurken, diesen Mannion, betrifft, so kann man sich nicht verhehlen, daß er schreibt, als wenn er etwas sehr Gefährliches im Schilde führte. Wenn er wirklich einen Versuch macht, uns, zu belästigen, so werden wir ihm einen nochmaligen Denkzettel anhängen, dies Mal übernehme ich diese Aufgabe —— oder wir überliefern ihn der Polizei und dann ist es aus mit ihm. Auf jeden Fall hat dieser kein Trauungscertificat, mit welchem er uns drohen könnte, und er wird lieber schweigen als öffentlich gestehen, daß er tüchtige Keile bekommen hat. Nun, was fehlt Dir —— Du bist ja wieder ganz bleich geworden?«

Ich fühlte, daß ich die Farbe wechselte. Während er sprach, konnte ich nicht umhin, in demselben Augenblicke den unheimlichen Contrast zu bemerken, welcher zwischen der Feindschaft Mannion’s, so wie Ralph sie dachte, und der Feindschaft bestand, wie ich sie wirklich kannte. Schon war der erste Schritt des Complottes mit dem mein Feind mich bedroht hatte durch die Flucht der Tochter Sherwin’s erfolgt.

Sollte ich meinem Bruder den Brief zeigen den ich von Mannion erhalten?

Nein, dadurch hätte ich mich weniger gegen die Gefahren vertheidigt, mit welchen er mich bedrohte, als vielmehr meinen Bruder in die mir erklärte lebenslängliche Verfolgung mit hineingezogen. Schon dieser Gedanke machte mich erbeben, und als Ralph seine Bemerkung über die plötzliche Blässe meines Gesichts wiederholte, murmelte ich eine banale Entschuldigung und bat ihn, fortzufahren.

»Sidney,« sagte er, »ich glaube Dir wohl, daß Du ein wenig ergriffen bist, obschon Du nichts Besseres von Seiten dieses Weibes erwarten kannst. Du bist empört, daß sie frecher Weise diesem Mannion selbst bis ins Hospital nachläuft. Abgesehen von dieser bei Dir sehr natürlichen Entrüstung, müssen wir aber nach meiner Ansicht nun einmal darauf gefaßt sein, sie nach ihrem Gutdünken machen und nach ihrem Belieben leben zu lassen, dafern es nur nicht unter unserm Namen geschieht. Dies aber ist für uns die große Furcht und die große Schwierigkeit. Wenn Sherwin seine Tochter nicht ausfindig macht, so müssen wir sie ausfindig machen, denn sonst können wir niemals sicher sein, daß sie nicht Unter unserm Namen lebe und als Deine Frau alle Arten, Schulden mache. Wenn ihr ´Vater sie in sein Haus zurückführt, so werde ich Beide schon zu bewegen wissen, Raison anzunehmen; im entgegengesetzten Falle aber muß ich mit ihr allein an dem Orte parlamentiren, wo sie sich versteckt halten wird. Dies ist jetzt der einzige Dorn, der uns im; Fleisch steckt, und diesen Dorn müssen wir sofort mit einer goldnen Zange ausreißen. Ist das nicht auch Deine Meinung, Sidney?«

»Ja, aber ——«

»Aber wie sollen wir Gewißheit erlangen? willst Du sagen —— Wohl an, sei es heute oder sei es morgen, so werde ich wieder mit Mr. Sherwin sprechen und erfahren, ob er seine Tochter wieder in seine väterliche Gewalt bekommen hat. Ist dies nicht der Fall, so müssen wir in das Hospitai gehen und auf ein Mittel sinnen, Etwas durch Uns selbst zu entdecken. Sei nicht so bekümmert und niedergeschlagen, Sidney. Ich werde mit Dir gehen. Du brauchst sie nicht wiederzusehen und jenen Schurken auch nicht. Du mußt mich bloß begleiten, weil Deine Gegenwart mir nothwendig sein kann. Und nun will ich mich für heute beurlauben. Ich muß nun wieder zu Madame, denn sie ist unglücklicher Weise eine der empfindlichsten Frauen, die es geben kann, und wird über meine lange Abwesenheit schon in großer Unruhe sein. Wir wollen Dich schon dieser Verlegenheit ziehen, lieber Bruder, das sollst Du bald sehen. Apropos, kennst Du vielleicht in der Nähe von Brompton ein einzelnes, bescheiden aber dabei wohnlich und anständig eingerichtetes Haus? Die meisten meiner Clubfreunde wohnen in dieser Gegend. Ein allein stehendes Häuschen, hörst Du wohl? Ich habe mich nämlich in der neuesten Zeit aufs Violinspiel gelegt —— wer weiß, auf was ich mich noch Alles lege. Madame begleitet mich auf dem Pianoforte und ich glaube, wir würden keine kleine Plage für unsre nächsten Nachbarn sein. Das ist die ganze Geschichte. Ah! Du hast also Nichts von einem solchen Hause gehört? Denken wir dann weiter nicht daran. Ich werde mich an eine Agentur oder so Etwas wenden. Clara soll noch, ehe es Abend wird, erfahren, daß wir schon ein gutes Stück vorwärts gekommen sind. —— Das werde ich ihr zu wissen thun, dafern ich nämlich die Wachsamkeit meines Argus im Unterrocke täuschen kann. Sie ist ein wenig halsstarrig, aber dennoch —— ich sage es Dir nochmals —— eine Frau von den trefflichsten Eigenschaften. Denke nur, wie ich mich verändert habe, seitdem ich mit ihr bekannt bin. Ich spiele Violine, ich schnupfe, ich will in einem kleinen Landhaus der Vorstadt ruhig und solide leben und meine Steuern bezahlen. Also auf Wiedersehen, Sidney.«



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

Am nächstfolgenden Morgen kam Ralph nicht wieder zum Vorscheine Ich wartete den ganzen Tag auf ihn; endlich gegen Abend erhielt ich einen Brief.

Mein Bruder meldete mir darin, daß er an Mr. Sherwin geschrieben habe, einfach um ihn zu fragen, ob er seine Tochter wiedergefunden.

Die Antwort auf diese Frage war ihm erst im Laufe des Nachmittags zugegangen und war verneinend. Mr. Sherwin hatte seine Tochter nicht wiedergefunden. Sie hatte das Hospital verlassen, ehe er selbst dort ankam, und Niemand konnte ihm sagen, wohin sie gegangen sei.

Er gestand selbst, daß er in seinen Reden und Gebärden so heftig gewesen, daß man ihm den Zutritt in den Saal, wo Mannion lag, verweigern zu müssen geglaubt. Als er wieder nach Hause gekommen war, hatte er seine Frau in den letzten Zügen liegend angetroffen und am Abende war sie verschieden.

Ralph sagte mir ferner, Sherwins Brief sei der eines Mannes, welcher halb den Verstand verloren habe. Er spreche von seiner Tochter nur in wüthenden Ausdrücken und erkläre, er werde sie bei den noch lebenden Verwandten seiner Frau verklagen, daß sie Schuld an dem Tode ihrer Mutter sei, und rufe die schrecklichsten Verwünschungen auf sein eigenes Haupt herab, wenn er jemals ein Wort mit ihr spreche, selbst wenn er sie auf der Straße verhungern sähe. In einer Nachschrift theilte Ralph mir noch mit, daß; er mich den nächstfolgenden Tag früh besuchen würde, um mit mir die Maßregeln zu verabreden, welche nothwendig seien, um Sherwins Tochter in ihrem gegenwärtigen Schlupfwinkel aufzuspüren.

Jeder Satz seines Briefes enthielt eine Verkündung der herannahenden Krisis und dennoch fehlte es mir eben so an dem Triebe als an der Kraft, mich darauf vorzubereiten. Die abergläubische Ueberzeugung, daß meine Handlungen durch ein Verhängniß bestimmt würden, welches durch keine menschliche Voraussicht geändert werden könne, begann in mir Wurzel zu fassen.

Von diesem Augenblicke an erwartete ich die Ereignisse mit Geduld und in der passiven Haltung der Verzweiflung. Ein Gefühl lebte jedoch in mir, welches Nichts von seiner Stärke verloren hatte. Mit Schrecken und Furcht dachte ich an ein Wiederzusammentreffen mit Mannion Tag für Tag und Stunde für Stunde ward ich von der Angst gefoltert, ihn wieder zum Vorscheine kommen zu sehen.

Mein Bruder kam sehr pünktlich zu der von ihm bestimmten Stunde. Als er mich aufforderte, ihn nach dem Hospitale zu begleiten, entschloß ich mich ohne weiteres Zögern sofort dazu. Während Ralph sich dem Thore näherte, um seine ersten Fragen zu thun, blieb ich allein und schweigend vor diesem düsteren Palaste der Leiden stehen, wo Mannion lag und wohin ihm die schöne und reine Margarethe meiner ersten Liebesträume gefolgt war.

Mein Bruder sprach noch mit dem Portier, als er von einem Herrn erkannt ward, der aus dem Hospitale herauskam und ihn sofort anredete. Ich hörte, Wie Ralph ausrief:

»Bernhard! Jack Bernard! Du in England! —— wer hätte das gedacht!«

»Warum nicht?« ward ihm geantwortet. »Vor sechs Wochen gab das Hotel de Dieu mir alle Zeugnisse über mein chirurgisches Wissen, die ich wünschen konnte, und bloß um meines Vergnügens willen wollte ich nicht in Paris bleiben. Erinnerst Du Dich noch Deiner Spöttereien?« —— Es ist schon lange her. Das letzte Mal, wo wir uns begegneten, war ich für Dich ein sehr unbedeutendes Menschenkind. Wohl an, wir sind nun nach England gekommen, um unsern Aufschwung über den großen Haufen zunehmen und wo möglich unter den Lichtern der Wissenschaft zu glänzen.«

»Willst Du damit sagen, daß Du jetzt bei diesem Hospitale angestellt bist?«

»Wenigstens stehe ich auf der Liste der Chirurgen, die hier beschäftigt sind, und komme alle Tage, die Gott werden läßt, hierher.«

»Dann bist Du gerade der Mann, den wir brauchen, um uns Auskunft geben. He da, Sidney, komm’ doch her, damit ich Dich einem meiner alten Pariser Freunde vorstelle. Mr. Bernard —— mein Bruder —— Du hast mich oft von dem jüngsten Sohne von Sir William Bernard sprechen hören, welcher die Pflege des Körpers der des Geistes vorgezogen hat und gegenwärtig in einem Hospitale thätig ist, während er zu Hause ganz bequem faulenzen könnte. Dieser ist es, der achtungswertheste Arzt und gutmüthigste Kauz unter der Sonne.«

»Und bringst Du Deinen Bruder in das Hospital, damit er meinem gefährlichen Beispiele folge?« fragte Mr. Bernard, indem er mir die Hand drückte.

»Das gerade nicht, Jack. Wir haben aber auch eine Absicht, in der wir hierher gekommen. Kannst Du, zehn Minuten lang mit uns sprechen —— gleich viel wo? Wir wünschen Auskunft in Bezug auf einen Eurer Patienten.«

Er führte uns in ein leeres Zimmer im Erdgeschosse des Gebäudes.

»Laß mich reden,« sagte mir Ralph ins Ohr, als wir uns setzten. »Ich werde Alles zu erfahren wissen. —— Sage. mir, Bernhard,« fing er an, »habt Ihr, nicht einen Kranken Namens Turner hier?«

»Bist Du vielleicht der Freund dieses räthselhaften Menschen? Das ist seltsam! Die Studenten nennen ihn das große Geheimniß von London, und ich fange an zu glauben, daß die Studenten Recht haben, Willst Du ihn sprechen? Wenn er seinen großen grünen Schirm nicht aufhat, sieht er entsetzlich für Jeden aus, der nicht an dergleichen Erscheinungen gewöhnt ist.«

»Nein, nein —— wenigstens mag ich ihn nicht sehen. Mein Bruder hier wünscht es jetzt eben so wenig als jemals. Du mußt wissen, daß gewisse Umstände uns nöthigen, uns nach diesem Manne zu erkundigen, und ich bin überzeugt, daß Du nicht darauf bestehen wirst, sie kennen zu lernen, wenn ich Dir sage, daß es in unserem Interesse liegt, sie geheim zu halten.»

»Allerdings —— Du weißt ——«

»Wohl an, verlieren wir denn kein Wort mehr hierüber. Wir haben uns, indem wir hierher gekommen sind, vorgenommen, von Mr. Turner und den Leuten, die ihn besuchen, so viel als möglich zu erfahren. Ist vorgestern nicht eine Dame dagewesen.

»Ja. Und sie benahm sich, glaube ich, auf sehr seltsame Weise. Ich war nicht zugegen, als sie da war, aber man hat mir gesagt, daß sie mit sehr aufgeregter und unruhiger Miene nach Mr. Turner gefragt habe. Man wies sie in den Victoriasaal, wo er liegt, und als sie hier eintrat, ward sie außerordentlich verlegen, als sie den Saal so voll sah, denn sie ist natürlich an den Anblick eines solchen Hospitals nicht gewöhnt gewesen. Wie dem aber auch sei —— vergebens hat die Krankenwärterin ihr das Bett gezeigt, auf welches sie zugehen sollte, sie hat sich geraden Wegs einem andern genähert.«

»Ich verstehe,« sagte Ralph, »ganz so, wie gewisse Frauen in den unrechten Omnibus stürzen, während der richtige sie fast über den Haufen fährt.«

»Ja wohl. Sie hat daher ihren Irrthum —— es war ein wenig dunkel im Saale —— nicht eher entdeckt, als nachdem sie sich schon über einen Unbekannten gebeugt, dessen Gesicht nach der entgegengesetzten Seite hingewendet war —— aber schon war die Krankenwärterin ihr nachgeeilt und führte sie an das richtige Bette. Hier fand, wie man mir erzählt, ein zweiter Auftritt statt. Beim Anblicke des Gesichtes des Patienten war sie, wie die Krankenwärterin versichert, nahe daran, in Ohnmacht zu sinken, aber Turner beruhigte sie in seinem Augenblicke. Er legte seine Hand auf, ihren Arm, flüsterte ihr einige leise Worte zu und sofort ward sie bleich wie ein Leichentuch, ohne sich weiter zu rühren. Das Erste, was er hierauf that, war, daß er ihr ein Zettelchen gab, indem er ihr kaltblütig sagte, sie solle sich an den hier aufgeschriebenen Ort verfügen und, sobald sie ein wenig gefaßter sein würde, in daß Hospsital zurückkommen. Hierauf hat sie sich sofort wieder entfernt, Niemand weiß wohin.«

»Aber dann ist wohl noch Jemand gekommen, um sich nach ihr zu erkundigen, wie?«

»Ja, ein Mann, der sich für ihren Vater ausgegeben und sich benommen hat wie ein Unsinniger. Er kam ungefähr eine Stunde, nachdem die junge Dame sich entfernt, und wollte nicht glauben, daß wir ihm durchaus keine Auskunft über sie geben könnten, und wie zum Teufel sollten wir Etwas wissen? Er stieß gegen diesen Turner —— den er, beiläufig gesagt, Manning oder ungefähr so nannte —— so heftige Drohungen aus, daß wir uns genöthigt sahen, ihm den Zutritt zu verweigern. Turner selbst würde über diesen Gegenstand keine Aufklärung geben, aber ich vermuthe, daß die Wunden, welche er erhalten, das Resultat eines Streites mit dem Vater wegen der Tochter sind —— ein niedlicher Streit muß es gewesen sein, wenn man nach den Folgen urtheilt, welche —— Doch, ich bitte um Verzeihung, Dein Bruder scheint unwohl zu sein. Ich fürchte,« sagte er, sich zu mir wendend, »daß Ihnen die Luft in diesem Zimmer etwas zu dick und zu heiß ist.«

»Nein, durchaus nicht ——.- ich bin aber erst vor Kurzem wieder von einer schweren Krankheit genesen —— ich bitte Sie, fahren Sie fort.«

»Ich habe nur sehr wenig noch hinzuzufügen. Der Vater ging wüthend fort, gerade wie er gekommen war. Die Tochter ist noch nicht wieder zum Vorscheine gekommen. Nach Dem, was mir von der ersten Unterredung mitgetheilt worden, glaube ich jedoch, daß sie kommen wird. Sie muß auch, wenn sie Turner sprechen. will, denn dieser kann bei seinem dermaligen Zustande unter vierzehn Tagen noch nicht ausgehen. Er hat sich durch fortwährendes Briefschreiben geschadet —— neulich befürchteten wir einen Ausbruch von Rothlauf, diese Gefahr ist aber glaube Ich, vorüber.«

»Es liegt uns aber,« sagte Ralph, »sehr viel daran, zu wissen, wo jene Dame jetzt ist oder wo sie wohnt. Wäre es nicht möglich —— wir werden gut bezahlen —— irgend einen gewandten Spion zu bestimmen, ihr von hier bis an ihre Wohnung nachzuschleichen, sobald sie wiederkommt?«

Bernard zögerte einen Augenblick und dachte nach, dann sagte er:

»Ich werde mit dem Portier darüber sprechen, sobald Ihr wieder fortseid —— vorausgesetzt, daß Du mir in Bezug auf das Geldgeschenk welches ich für nothwendig halten werde, freie Hand lässt.«

»In dieser Beziehung gebe ich Dir unbeschränkte Vollmacht, lieber Freund. Kannst Du mir Schreibmaterialien geben? Ich will Dir die Adresse meines Bruders aufschreiben, damit Du ihm die Resultate, sobald Du sie erlangt haben wirst, mittheilst.«

Während Mr. Bernard nach dem andern Ende des Zimmers ging, um die gewünschten Schreibmaterialien zu holen, sagte Ralph leise zu mir:

»Wenn er mir unter meiner Adresse schriebe, so würde Madame *** den Brief sehen. Sie ist die liebenswürdigste Person ihres Geschlechts, aber wenn die schriftliche Anzeige der Wohnung einer Dame an mich adressiert in ihre Hände fiele —— ha! Du verstehst, Sidney! —— Uebrigens wird es Dir leicht sein, mir die Nachrichten, welche Jack Dir schicken wird, sobald Du sie empfangen hast, zu wissen zu thun. Also Muth gefaßt, Alles geht gut.«

Mr. Bernard brachte uns Tinte und Feder. Während Ralph die Adresse aufschrieb, sagte sein Freund zu mir:

»Ich hoffe, Sie werden mich nicht in dem Verdachte haben, mich in Ihre Geheimnisse mischen zu wollen, wenn ich —— in der Voraussetzung, daß es kein rein freundschaftliches Interesse ist, welches Sie veranlaßt, sich mit Turner zu beschäftigen —— Sie auffordere, ihn sehr genau zu überwachen, wenn er das Hospital verlassen wird. Entweder sind in seiner Familie Fälle von Wahnsinn vorgekommen oder die äußerlichen Verletzungen haben nachtheilig auf sein Gehirn eingewirkt. Streng genommen hat er ein Recht darauf, daß man ihn vollkommen frei lasse, weil er im Stande ist, die Aeußerlichkeiten einer vollkommenen Selbstbeherrschung in den gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens zu bewahren. Moralisch aber bin ich fest überzeugt, daß er ein gefährlicher Monomane ist; seine Manie knüpft sich an irgend eine fixe Idee, von welcher er augenscheinlich Tag und Nacht nicht abläßt.«

»Ich wollte etwas Erkleckliches wetten, daß, wenn sein Wahnsinn so weit geht, uns quälen oder schikanieren zu wollen, wir gerade die rechten Leute sind, um ihn einsperren zu lassen,« sagte Ralph »Hier ist die Adresse und nun wollen wir Deine Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Ich habe eine kleine Wohnung in Brompton gemiethet, Jack. Du mußt mit Sidney bei mir speisen, sobald wir mit unserer häuslichen Einrichtung in Stande sein werden.»

Wir verließen das Zimmer. Als wir durch die Hausflur schritten, kam ein Herr auf uns zu und redete Mr. Bernard an.

»Das Fieber jenes Mannes im Victoriazimmer hat sich endlich declarirt,« sagte er. »Heute Morgen sind die unverkennbarsten Symptome zu Tage getreten.«

»Und was zeigen sie an?«

»Einen Typhus von der schlimmsten Art —— daran ist nun nicht länger zu zweifeln. Kommen Sie und sehen Sie ihn an.«

Ich sah Mr. Bernard zusammenzucken und einen raschen Blick auf meinen Bruder werfen. Ralph heftete einen forschenden Blick auf das Gesicht seines Freundes und rief:

»Im Victoriasaal —— sagtest Du nicht so eben ——«

Und er stockte. Der Ausdruck seines Gesichtes änderte sich plötzlich aus seltsame Weise und einen Augenblick später nahm er Mr. Bernard bei Seite und sagte:

»Ich muß Dich fragen, ob das Bett dieses Mannes, dessen Fieber in Typhus übergegangen, dasselbe Bett ist, welches ——«

Die übrigen Worte konnte ich nicht verstehen, denn sie entfernten sich Beide einige Schritte Nachdem sie einige Minuten lang leise mit einander gesprochen, kamen sie wieder auf mich zu.

Mr. Bernard erklärte Ralph verschiedene Theorien über die Ansteckung.

»Nach meiner Ansicht,« sagte er, »oder vielmehr nach der Ansicht derer, deren Meinung ich angenommen, wird die Ansteckung durch die Lunge aufgenommen. Es genügt, die infizierte Atmosphäre, welche sich sofort um den angegriffenen Gegenstand verbreitet, geathmet zu haben, daß die Krankheit sich einer Person mittheile. Vorausgesetzt, daß diese Person dazu im Voraus disponiert ist. Wir wissen, daß diese Prädisposition sich durch moralische Aufregung oder organische Schwäche besonders steigert, in dem Falle aber, von welchem wir so eben sprachen« —— und er sah mich an —— »wiegen sich die Möglichkeiten der Ansteckung und der Nichtansteckung gegenseitig auf. Etwas ganz Bestimmtes läßt sich indessen bei dem Stadium, in welchem der Kranke sich jetzt befindet, noch nicht sagen.«

»Du wirst mir schreiben, sobald Du Etwas erfährst, nicht wahr?« sagte Ralph, indem er ihm die Hand drückte.

»Sofort —— das verspreche ich Dir. Ich habe die Adresse Deines Bruders in der Tasche.«

Wir trennten uns.

Ralph war auf dem Rückwege außerordentlich träumerisch und nachdenklich. An der Thür meiner Wohnung nahm er rasch von mir Abschied, ohne weiter über unsern Besuch in dem Hospitale mit mir zu sprechen. Eine Woche verging und ich erhielt keine Nachricht von Mr. Bernard. Während dieser Zeit sah ich meinen Bruder sehr wenig, denn er war mit der Einrichtung seiner neuen Wohnung beschäftigt.

Gegen das Ende der Woche kam er und meldete mir, daß er London« auf einige Tage verlassen würde. Mein Vater hatte ihn ersucht, auf sein Landgut in der Grafschaft *** zu gehen, um sich mit mehreren Angelegenheiten in Bezug auf die Bewirthschaftung dieses Gutes zu beschäftigen, wovon er in seiner Eigenschaft als künftiger Erbe pflichtmäßig Kenntniß nehmen mußte.

Ralph besaß noch ganz seinen früheren Widerwillen gegen Alles, was Wirthschaftsführung oder Berathung mit Juristen hieß; aus Dankbarkeit für die Güte aber, die mein Vater seit seiner Rückkehr nach England ganz speciell gegen ihn an den Tag legte, hielt er sich verpflichtet, seinen Geschmacksrichtungen ein wenig Gewalt anzuthun. Er glaubte, nicht länger als zwei oder drei Tage abwesend zu sein, empfahl mir aber dringend, ihm zuschreiben, wenn ich während seiner Abwesenheit Nachrichten aus dem Hospitale erhielte.

Im Laufe der Woche besuchte Clara mich zwei Mal. Sie hatte sich wie das erste Mal heimlich von Hause fort geschlichen. Bei jeder Gelegenheit bewies sie mir dieselbe liebreiche Sorgfalt, dasselbe einfache, natürliche Wesen, indem sie sich zugleich bemühte, mir mit dem Beispiele der Heiterkeit voranzugehen und mich zur Hoffnung zu ermuthigen. Mit tiefem Kummer und Befürchtungen, die es mir nicht ganz gelang, ihr zu verbergen, sah ich, daß derselbe Ausdruck von Niedergeschlagenheit und Melancholie, trotz aller ihrer Bemühungen zum Gegentheile, sich in ihren Zügen aussprach. Er hatte sich weder verändert noch vermindert.

Aus Zartgefühl hatte Ralph vermieden, die geheimen Befürchtungen zu vermehren, welche augenscheinlich ihre Gesundheit untergraben, und ihr von unserm Besuche in dem Hospitale, sowie von den von uns seit seiner Rückkehr sonst gethanen Schritten durchaus Nichts mitgetheilt. Ich trug Sorge, während meiner Zusammenkünfte mit ihr dieselbe Discretion zu beobachten. Als sie das dritte Mal kam, sagte sie mir mit einer Traurigkeit, welche sie sich vergebens zu verhehlen bemühte, Lebewohl. Ich war aber weit entfernt, zu glauben, daß der Ton ihrer sanften, lieblichen Stimme zum letzten Male an mein Ohr schlüge, ehe ich mich nach dem Westen Englands begäbe, wo ich jetzt schreibe.

Am Ende der Woche —— es war Sonnabends —— —— verließ ich meine Wohnung frühzeitig am Morgen, um einen Spaziergang zu machen, von welchem ich erst Abends zurückzukehren gedachte.

Die Ahnung anderweitiger Prüfungen und noch tieferer Gemüthsbewegungen hatte mich niemals verlassen. Von dem Tage an, wo ich Ralph nach dem Hospitale begleitet, hatten unbestimmte Gedanken und Vermuthungen, die ich mit Entsetzen wieder zu bannen suchte, nicht aufgehört, mein Gemüth zu belästigen.

Dieser geistige Kampf, diese hartnäckigen Befürchtungen wirkten so nachtheilig auf mich ein, daß meine Gesundheit dadurch in immer ernsterer Weise angegriffen ward. An dem Morgen, von welchem ich spreche, empfand ich, indem ich aufstand, ein Gefühl von unerträglichem Druck. Der Schweiß perlte mir auf der Stirn, obschon der Tag durchaus nicht außerordentlich warm war. Es war mir, als würde die Luft von London mit jeder Minute schwerer zu athmen. Ich hatte starkes Herzklopfen und das Pulsieren meiner Schläfe war förmlich fieberhaft. Es war, als wäre mein Leben in Gefahr, wenn ich nicht sofort ins Freie an irgend einen Ort zu kommen suchte, wo es Schatten und Grün und frisches, fließendes Wasser gab, worauf ich meine Blicke ausruhen lassen konnte« Ich ging daher fort, ohne mir eine bestimmte Richtung vorzuzeichnen, und blieb den ganzen Tag im Freien.

Die Nacht brach ein, als ich die Stadt wieder erreichte. Als die Magd mir die Hausthür meiner Wohnung öffnete, fragte ich sie, ob sie keine Briefe für mich erhalten hätte.

Sie antwortete, es sei am Morgen, gleich nachdem ich das Haus verlassen, einer abgegeben worden, und sie habe ihn auf meinen Tisch gelegt. Auf den ersten Blick, den ich auf diesen Brief warf, sah ich Mr. Bernard’s Namen in der Ecke des Couverts. Ich öffnete es begierig und las Folgendes:

»Freitag, am . . . . .

»Mein werther Herr!

»Auf dem hier beiliegenden kleinen Zettel finden Sie die Adresse der jungen Dame, von welcher Ihr Bruder mit mir sprach, als ich das Vergnügen hatte, Sie im Hospitale zu treffen. Ich bedauere, Ihnen sagen zu müssen, daß die Umstände, unter welchen es mir möglich gewesen ist, mir die gewünschten Aufschlüsse zu verschaffen, von der schmerzlichsten Art gewesen sind. Der Plan, den ich im Voraus entworfen, um nach der Andeutung Ihres Bruders die Wohnung der jungen Dame zu ermitteln, erwies sich als fruchtlos. Sie ist nicht wieder in das Hospital gekommen. Ihre Adresse ward mir diesen Morgen durch Turner selbst gegeben, indem er mich bat, sie in meiner Eigenschaft als Arzt zu besuchen, weil er zu dem, der sie bis jetzt behandelt, nicht genug Vertrauen hat. Verschiedene Ursachen vereinigten sich, um meine Einwilligung in sein Verlangen schwierig und unangenehm zu machen. Da ich aber wußte, daß diese junge Dame bei Ihnen, oder ich sollte wohl vielmehr sagen, bei Ihrem Bruder ein gewisses Interesse erweckt hat, so beschloß ich, keine Zeit zu verlieren, sie zu besuchen und mich mit ihrem ersten Arzte zu besprechen.«

»Ich fand sie von einem der heftigsten Typhusanfälle niedergeworfen, welche mir bis jetzt vorgekommen sind, und ich halte es für meine Pflicht, ohne Umschweife zu gestehen, daß ihr Leben mir in drohender Gefahr zu schweben scheint. Gleichzeitig verlangt die Gerechtigkeit, zu sagen, daß mein College, der sie zuerst in Behandlung gehabt, diese meine Meinung nicht theilt —— nach seiner Ansicht sind noch gegründete Aussichten vorhanden, sie zu retten.

»Daß sie sich den Typhus in dem Hospitale geholt hat, daran ist nicht zu zweifeln. Vielleicht entsinnen Sie sich, daß, wie ich Ihnen erzählte, beim Eintritt in den Krankensaal ihre Aufregung sie aller Herrschaft über sich selbst beraubt zu haben schien und daß sie auf ein Bett zugeeilt war, dem sie sich nicht nähern sollte, ehe die Krankenwärterin Zeit hatte, sie zurückzuhalten. Der Kranke, welcher Gegenstand ihres Irrthums gewesen, als sie Turner vor sich zu sehen glaubte, litt an einem Fieber, dessen Art uns heute allerdings wohl bekannt ist, aber welches sich als Typhus erst am Morgen des Tages deklarierte, wo Sie und Ihr Bruder in dem Hospitale waren. Ohne Zweifel ist die junge Dame, indem sie sich in der Ueberzeugung, daß der Kranke der sei, den sie suche, über ihn neigte, von seinem Dunstkreise sofort angesteckt worden.

»Seitdem die ersten Symptome ihrer Krankheit sich am vergangenen Sonnabende gezeigt haben, ist die Behandlung, welche ihr mein College angedeihen lassen, nach meiner Ansicht eine vollkommen angemessene gewesen. Ich bin heute eine Zeit lang an ihrem Bette geblieben, um sie zu beobachten. Das Delirium, welches mehr oder weniger ein unabänderliches Resultat des Typhus ist, tritt in ihrem Falle ganz besonders zu Tage und giebt sich sowohl in Gebärden als auch in Worten kund. Es ist mir unmöglich gewesen, sie durch eins der Mittel, welche man jetzt in Anwendung bringt, zu beruhigen. So oft ich sie aufgeweckt habe, hat sie nicht aufgehört, Ihren Namen zu nennen und inständig bittend nach Ihnen zu verlangen. Mein College sagt mir, daß sie es schon seit den letzten vierundzwanzig Stunden so getrieben habe. Dann und wann mischt sie auch andere Namen mit dem Ihrigen, nennt aber diese nur mit Entsetzen. Die Hartnäckigkeit, mit welcher sie nach Ihrer Gegenwart verlangt, ist so auffällig, daß ich mich versucht fühle, Sie zu bitten, sich zu ihr zu begeben. Wenn ich dies thue, folge ich nur meinem eigenen Triebe, denn es scheint mir sehr möglich, daß es Ihrer Gegenwart gelingen werde, sie zu beschwichtigen. Wenn Sie jedoch die Ansteckung fürchten, oder wenn Sie aus besonderen Gründen, welche ich weder das Recht, noch den Wunsch habe, zu erfahren, diesem Gesuche nicht willfahren wollen, so bitte ich Sie, ausschließlich Ihr eigenes Gutdünken zur Richtschnur zu nehmen. Nach meiner Meinung vermag keine menschliche Hilfe mehr sie zu retten. Die Aerzte klammern sich aber zuweilen wie Ertrinkende an Strohhalme, und der Strohhalm, den ich erfasse, ist Ihre Gegenwart am Lager der Kranken. Ich habe zuweilen das moralische Mittel anschlagen sehen, wo das medicinische Nichts auszurichten vermochte. deshalb sage ich nochmals: Glauben Sie ja nicht, daß es Ihre Pflicht sei, meiner Aufforderung zu folgen. Ich kann Ihnen mit gutem Gewissen versichern, daß die Pflicht hiermit Nichts zu schaffen hat. Auf jeden Fall ist es nothwendig daß ihre Eltern, oder wenn diese nicht mehr leben, einige ihrer nächsten Verwandten von ihrer Lage in Kenntniß gesetzt werden. Vielleicht kennen Sie ihre Verwandten und sind im Stande, uns diesen guten Dienst zu leisten. Sie stirbt an einem fremden Orte, unter Leuten, welche sie meiden wie die Pest. Ich bin an traurige Scenen dieser Art gewöhnt, aber in der Verlassenheit dieses armen Wesens. liegt etwas wirklich Herzzerreißendes. Auch wenn es sich um weiter Nichts handelte als um ihr Begräbniß, so müßte Jemand von ihrer Bekanntschaft unverweilt zu ihr gerufen werden.

»Morgen werde ich sie zwei Mal besuchen, früh und Abends. Wenn Sie nicht selbst sie besuchen wollen —— und ich sage Ihnen nochmals, daß ich Sie durchaus nicht bereden will, sich in dieser Beziehung Zwang anzuthun —— so haben Sie mir vielleicht in meiner Wohnung irgend eine Mittheilung zu machen.

»Ich verbleibe, mein werther Herr, Ihr ganz gehorsamster Diener

»James Bernard.«

»N. S. Ich öffne meinen Brief wieder, um Ihnen zu melden, daß Turner trotz aller Mahnungen zum Gegentheile das Hospital heute verlassen hat. Schon am vergangenen Dienstage hatte er, wahrscheinlich auf die erste Nachricht von der ernsthaften Erkrankung der jungen Dame, auszugehen versucht, war aber von einem heftigen Schwindel befallen worden und an der Schwelle des Krankensaales zusammengesunken. Dieses zweite Mal jedoch ist es ihm gelungen, das Weite zu gewinnen, nämlich so viel die im Hospitale angestellten Personen im Stande gewesen sind, sich davon zu überzeugen.«

Dieser Brief entsank meinen zitternden Händen. Ich hatte geschaudert vor Entsetzen bei dem Lesen desselben und stellte mir sofort die entsetzliche Frage: »Werde ich, der ich schon den Gedanken, diese Person jemals wiederzusehen, wie eine Besudelung von mir verbannte, die Kraft haben, an ihrem Sterbebette zu stehen, und den Märtyrermuth, welchen es bedürfen wird, sie sterben zu sehen?«

In diesem einzigen Augenblicke furchtbaren Zweifels, wo ich die innere feierliche Stimme hörte, aber nur in diesem Augenblicke, erkannte ich, wie dasselbe Leiden, welches mich niedergebeugt, mich auch zugleich gekräftigt hatte, und ich fühlte, wie der Kummer die Kraft hat, Das, was er zerreißt, auch gleichzeitig zu läutern.

Zurück, weit zurück trat der erste kleinliche und irdische Gedanke an das Uebel, welches sie mir zugefügt, an die Bitterkeit, welche sie über mein Leben ausgegossen An die Stelle dieses Gedankens trat in meinem Herzen eine plötzliche Ruhe ein, welche die Erinnerung an ihre sterbende Mutter zurückführte, und es war mir, als wenn sie mich um Erbarmen für ihre sterbende Tochter anflehte. Noch ein Mal gedachte ich der letzten Klage der armen Mutter hienieden.

Sie lag im Sterben unter Fremdlingen in wahnsinniger Fieberhitze, und von allen Wesen, welche sie gekannt, war das einzige, dessen Anwesenheit an ihrem Lager ihren letzten Augenblicken ein wenig Ruhe bringen und sie sanft und mild auf den Tod vorbereiten konnte, der Mann, den sie ohne Erbarmen betrogen und entehrt, dessen Jugend sie vernichtet, dessen Hoffnungen sie vereitelt hatte. Das Schicksal, welches uns auf seltsame Weise zusammengeführt um uns fürchterlich zu trennen, bereitete uns zuletzt ein noch furchtbareres Wiedersehen.

Mr. Bernard’s Brief war auf die Diele nieder gefallen. Ich hob ihn auf und steckte ihn in ein an meinen Bruder adressiertes Couvert, nachdem ich darunter geschrieben:

»Ich bin hingegangen, um ihre letzten Augenblicke zu versüßen.«

« Mein Entschluß war gefaßt. Sie verlangte nach meiner Nähe, und obschon mein Herz zu brechen drohte, so mußte ich doch diesem Rufe gehorchen.

Ehe ich jedoch meine Wohnung verließ, schrieb ich an ihren Vater, um ihn aufzufordern, sich ebenfalls an ihrem Sterbebette einzufinden. Wenn sein gefühlloses, verstocktes Gemüth nicht erweicht ward, wenn er die gegen sie ausgestoßenen Drohungen und Verwünschungen nicht bereute, dann konnte die Schuld seines Ausbleibens nur ihm allein, aber nicht mir beigemessen werden. Ich wagte nicht, mich allzu genau in Bezug auf die Antwort zu befragen, die er auf meinen Brief geben würde, denn ich erinnerte mich, daß er in dem Briefe an meinen Bruder den Entschluß ausgesprochen, seine Tochter als Ursache des Todes ihrer Mutter zu verstoßen, und selbst jetzt noch glaubte ich ihn wohl im Stande, daß er die Schande seiner eigenen Handlungsweise gegen sein unglückliches Weib auf sein Kind zu wälzen suchen würde.

Nachdem dieser zweite Brief geschrieben war, machte ich mich sofort auf den Weg nach dem Hause, welches Mr. Bernard mir bezeichnet. Zum ersten Male seit den Tagen meines Unglücks fühlte ich Geduld, Ergebung und Festigkeit genug in mir, um allen Prüfungen die Stirn zu bieten. Kein Gedanke an mich selbst, sogar kein Gedanke an die Gefahr, welche Mannion’s warnendes Postscript mich fürchten ließ, erwachte jetzt in mir. Ich fühlte bloß eine süße, heitere, vollständige, wie vom Himmel eingegebene Ruhe, welche durch irdische Gefühle nicht weiter beeinträchtigt werden zu können schien.

Es war eilf Uhr, als ich das Haus erreichte. Eine Frau von ziemlich mürrischem, unsauberem Aussehen öffnete mir die Thür.

Indem ich das Licht aus ihren Händen nahm, gewahrte ich hinter ihr Mr. Bernard.

»Ich fürchte, Sie können Nichts mehr nützen,« sagte er, »aber ich freue mich, daß Sie gekommen sind.«

»Dann ist also keine Hoffnung mehr?«

»Nach meinem Dafürhalten nicht. Turner war heute Morgen hier. Ob sie ihn in ihrem Delirium erkannt hat oder nicht, kann ich nicht sagen —— seine Nähe schien aber ihren Zustand so zu verschlimmern, daß ich befohlen habe, ihn nicht wieder vorzulassen. Gegenwärtig ist Niemand mehr im Zimmer —— wollen Sie sogleich hinausgehen?«

»Spricht sie während ihres Phantasirens noch von mir?«

»Ja wohl, so unaufhörlich wie je.«

»Dann bin ich bereit, Ihrem Rathe zu folgen und mich dem Bette der Kranken zu nähern.«

»Seien Sie überzeugt, daß ich tief fühle, welches Opfer Sie bringen. Seitdem ich an Sie geschrieben, hat das Delirium der Kranken ——« er zögerte —— »mir weit mehr verrathen als Sie, wie ich mir denken kann, wünschen, da ich ja dieser Person vollkommen fremd bin. Ich versichere Ihnen aber, daß die unfreiwillig auf dem Sterbebette enthüllten Geheimnisse für mich, eben so wie für alle Männer meines Berufes heilig sind.«

Er schwieg und drückte mir theilnehmend die Hand. Dann setzte er hinzu:

»Ich bin überzeugt, Sie werden sich für die Prüfung, welcher Sie sich in dieser Nacht unterziehen, hinreichend durch die Gewißheit belohnt finden, die letzten Augenblicke der Unglücklichen versüßt zu haben, und diese Erinnerung wird Ihnen bleiben.«

Ich fühlte die Beweise von Sympathie und Zartgefühl, welche er mir gab, indem er dies sagte, zu lebhaft, als daß ich im Stande gewesen wäre, ihm mit Worten zu danken. Er las aber den Ausdruck meiner Dankbarkeit in meinen Zügen, während er mich aufforderte, mit ihm in das Zimmer der Kranken hinaufzugehen.

Wir traten leise ein. Abermals, und zwar zum letzten Male in dieser Welt, sah ich Margarethe Sherwin vor mir.

Ich hatte sie nicht wieder gesehen seit jener verhängnißvollen Nacht, wo sie wie ein Gespenst vor dem Orte stehen blieb, wo sie ihr Verbrechen begangen. Gott weiß, daß ihr Anblick mir damals das Herz zerriß; aber noch herzzerreißender war es, sie so von Allen verlassen auf dem Sterbebette liegen zu sehen und sie zu betrachten, so wie sie jetzt war.

Mit dem Kopfe nach der Wand gewendet, strich sie sich unaufhörlich und mit krampfhafter Bewegung das lange schwarze Haar aus dem Gesichte und nannte unter den glühenden Visionen des Fiebers unaufhörlich meinen Namen.

»Sidney! Sidney! Sidney! Ich werde ihn rufen, bis er kommt —— Sidney! Sidney! ich bleibe nicht stehen, Du müßtest mich denn umbringen. Sidney! wo ist er? —— Wo? —— wo? —— wo?«

»Hier ist er,« sagte der Arzt, indem er mir das Licht aus den Händen nahm und so hielt, daß es mein Gesicht beleuchten. »Sehen Sie sie an und sprechen Sie mit ihr wie gewöhnlich, wenn sie sich umsehen wird,« sagte er leise zu mir.

Sie rührte sich nicht, ihre Stimme aber, deren Wohllaut früher die Schläge meines Herzens beschleunigte, dieselbe jetzt heisere, rauhe Stimme rief immer schneller und schneller:

»Sidney! Sidney! Man bringe ihn her! man bringe mir Sidney!«

»Hier ist er,« wiederholte. Mr. Bernard laut.

»Sehen Sie ihn doch an!«

Plötzlich drehte sie sich nach uns herum und strich das schwarze Haar auf die Seite, welches ihr über das Gesicht herabhing.

Einen Augenblick lang zwang ich mich, sie anzusehen —— einen Augenblick, während dessen ich ihre vom Fieber abgezehrten Wangen sah, ihre funkelnden, mit Blut unterlaufenen Augen, ihre verzerrten, trockenen, aufgesprungenen Lippen, die krampfhafte Bewegung ihrer Finger.

Ein solcher Anblick aber zerriß mir das Herz —— ich konnte ihn nicht ertragen, sondern wendete das Gesicht ab und bedeckte es mit den Händen.

»Fassen Sie sich,« sagte der Arzt, »jetzt ist sie ruhig. Sprechen Sie mit ihr. Sprechen Sie mit ihr, ehe sie wieder in das Delirium verfällt —— nennen Sie sie bei ihrem Namens.«

»Bei ihrem Namen. Könnten meine Lippen ihn wohl in einem solchen Augenblicke aussprechen?«

»Schnell! schnell!« rief Mr. Bernard. »Machen Sie den Versuch, so lange Sie noch die Gelegenheit dazu haben.«

Mein Gemüth kämpfte die Erinnerungen an die Vergangenheit nieder und ich redete sie an —— mit derselben Sanftheit wie früher, wenn auch nicht in so liebkosendem Tone.

»Margarethe,« sagte ich zu ihr, »Margarethe, Du hast mich zu sehen verlangt —— hier bin ich.«

Sie bewegte die Arme über dem Kopfe und stieß einen durchbohrenden Schrei aus, der unter mattem Aechzen verhallte. Dann wendete sie das Gesicht wieder ab und zog ihr Haar wie einen Schleier darüber hinweg.

»Ich fürchte, ihr Verstand ist gänzlich von ihr gewichen,« sagte der Arzt, »aber machen Sie noch einen Versuch.«

»Margarethe,« hob ich wieder an, hast Du mich vergessen, Margarethe?«

Sie sah mich noch ein Mal an und ihre trockenen hohlen Augen schienen einen mildern Ausdruck anzunehmen und ihre Finger zerrten weniger krampfhaft an ihrem Haar. Dann ließ sie ein mattes, wahnsinniges, entsetzliches Gelächter hören.

»Ja, ja,« sagte sie, »ich weiß, daß er endlich da ist —— ich werde mit ihm machen, was ich will. Gebt mir meinen Hut und einen Shawl, gleichviel welchen. Ein Trauershawl würde jedoch am besten sein, weil wir zum Begräbnisse unsrer Hochzeit gehen. Komm' Sidney, wir wollen wieder in die Kirche gehen und sie dann verlassen, ohne vermählt zu sein. deshalb verlangte ich nach Dir. Wir beunruhigen einander nicht. Robert Mannion liebt mich mehr als Du —— er schämt sich meiner nicht, weil mein Vater Handelsmann ist —— er macht mir nicht weiß, daß er mich liebe und daß er mich trotz des Stolzes seiner Familie heirathen wolle. Komm! komm? Ich werde dem Geistlichen sagen, daß er die Trauungsformel rückwärts lese, dann ist, wie ein Jeder weiß, die Vermählung wieder rückgängig gemacht.«

Als sie diese letzten wahnsinnigen Worte stammelte, ward Mr. Bernard gemeldet, daß Jemand unten an der Treppe ihn erwarte.

Er entfernte sich auf eine Minute und kam dann wieder, um mir zu sagen, daß man seine Hilfe wegen eines plötzlichen Erkrankungsfalles, der keine Minute Aufschub gestatte, in Anspruch nehme.

»Man hat den Arzt, den ich erst hier antraf, vom Lande holen lassen,« sagte er. Es soll, glaube ich, noch heute Abend eine Consultation stattfinden —— wenn aber Etwas vorfällt, so stehe ich zu Diensten. Hier ist die Adresse des Hauses, in welches ich mich jetzt begeben muß ——« er schrieb sie mir auf eine Karte —— »lassen Sie mich holen, wenn Sie meiner bedürfen. Auf jeden Fall werde ich so bald als möglich wiederkommen. Sie scheint schon ein wenig ruhiger zu sein, und wenn Sie noch eine Weile da bleiben, so ist es möglich, daß diese Ruhe sich noch mehr befestigt. Die Wärterin ist unten —— wenn ich hinunterkomme, werde ich ihr sagen, daß sie herausgehen soll. Halten Sie das Zimmer luftig und die Fenster offen, wie sie gegenwärtig sind. Athmen Sie nicht in allzu großer Nähe der Kranken, und Sie haben keine Ansteckung zu fürchten. Sehen Sie, wie ihre Augen sich auf Sie heften. Dies ist das erste Mal, daß ich sie zwei Minuten hinter einander in derselben Richtung blicken sehe. Man sollte beinahe glauben, daß sie Sie erkannt hat. Warten Sie so lange als möglich auf meine Rückkunft. Ich werde nicht länger bleiben, als es unbedingt nothwendig ist.«

Er verließ rasch das Zimmer. Ich drehte mich nach dem Bett herum und sah, daß Margarethe mich immer noch ansah. Während Mr. Bernard mit mir sprach, hatte sie nicht aufgehört, unverständliche Worte vor sich hin zu Murmeln, und fuhr damit noch fort, als die Krankenwärterin eintrat.

Diese machte gleich bei dem ersten Blicke, den ich auf sie warf, einen sehr abstoßenden Eindruck auf mich. Mit einiger Mühe gab ich ihr zu verstehen, daß sie immer wieder hinuntergehen könne und daß ich sie rufen würde, wenn es nothwendig wäre.

Endlich verstand sie mich und verließ langsam das Zimmer.

Die Thür schloß sich hinter ihr und ich blieb allein, um die letzten Augenblicke der Person zu überwachen, welche Schuld an dem nie wieder gutzumachenden Unglücke meines Lebens war.

Aber selbst in dieser schauerlichen Einsamkeit, an diesem Schmerzenslager hörte ich eine innere Stimme, die von Verzeihung sprach. Während die beiden beweglichen Augen mit unheimlicher Hartnäckigkeit meinen leichtesten Bewegungen folgten, gehorchte ich selbst, ich weiß nicht welchem sanften, friedlichen Einflusse, der meinen Muth stützte und kräftigte. Ich saß in der Nähe des offenen Fensters und beurtheilte das Vorschreiten der Nacht nach dem verschiedenen Geräusche, welches sich in den benachbarten Straßen hören ließ. Ich hörte bald nahe bald fern den Widerhall von mehreren Tritten, ein rauhes Murmeln von mehreren Stimmen, welche sich gleichzeitig erhoben. Die Branntweinverkäufer entließen ihre letzten Gäste —— die trunkenen Rotten einer Sonnabendnacht. Mitternacht war vorüber.

Aber all’ dieses Geräusch trunkener Lust und niedriger Schwelgerei ward durch die Stimme der Sterbenden übertäubt Sie sprach jetzt langsamer, deutlicher, aber auch schrecklicher.

»Ich sehe ihn,« sagte sie, indem sie seltsame Gebärden mit den Händen machte, »ich sehe ihn! Aber er ist weit —— er kann unsere Geheimnisse nicht hören und hat keinen Verdacht gegen Dich, wie meine Mutter. Sage mir das nicht wieder von ihm. Ich fühle, wie ich am ganzen Körper zittere. Warum siehst Du mich so an? Du weißt, daß ich Dich liebe, weil ich Dich lieben muß, weil meine Liebe stärker ist als mein Wille. Du bist ein Mann —— Du brauchst mir nicht Schweigen zu gebieten —— ich sage Dir, er kann uns nicht hören.« Aber vergiß nicht. »Ich will meine eigne Equipage haben und wir müssen die Sache geheim halten, bis ich es so weit gebracht habe. Ich will meinen eignen Wagen haben, sage ich Dir, und ich werde hineinsteigen, während mein Vater zu Fuße seinen Geschäften nachgeht. Es kommt Nichts darauf an, wenn die Räder meines Wagens ihn mit Koth bespritzen —— Warum kamst Du auch nicht Zeit genug aus Frankreich zurück, um die ganze Sache zu verhindern? Warum ließest Du mich ihn heirathen? Ich bin für ihn eine sehr gefällige Gattin gewesen, wie er für mich ein sehr gefälliger Ehemann gewesen ist —— ein Ehemann, der ein Jahr wartet —— ha! ha! ha! In die Schule mit dem Manne, der ein Jahr wartet.«

Ich näherte mich ihrem Bette und redete sie wieder in der Hoffnung an, ihre Gedanken allmählich auf bessere Dinge zu führen.

Ich weiß nicht, ob sie mich hörte, aber ihre irren Gedanken nahmen einen andern Weg und ihr Wahnsinn beschwor Scenen herauf, die der letzten Vergangenheit angehörten.

»Betten! Betten!« rief sie, »Betten überall —— ha! diese Menge Kranke und Sterbende —— und dieses Bett. Der Mann, der darin liegt, ist der entsetzlichste von allen. Ha, sein Gesicht ist verstümmelt! Wie entsetzlich sieht es auf dem weißen Kopfkissen! Ist das noch sein Gesicht? Das Gesicht, das keinen Fehler hatte! Nein, nimmermehr! Das ist das Gesicht eines, Dämons —— eines von der Hölle ausgespienen Dämons. Die Brandnarben der Hölle, die Spuren von den Klauen der Teufel sind noch darauf zu sehen. Schafft mich fort von hier. Ich kann mich nicht rühren, so lange dieses Gesicht mir vorschwebt Es schwebt mir unaufhörlich vor, es wird größer —— ha! wie es immer größer wird! —— Wasser! Wasser! Ersäuft mich im Meere! stürzt mich hinunter auf den tiefsten Grund —— weit hinweg von diesem glühenden Gesichte!«

»Beruhige Dich, Margarethe; trinke ein Mal, das wird Dich erfrischen.«

Ich bot ihr ein Glas Limonade, welches fertig zubereitet neben dem Bette stand.«

»Ja, ja, still, wie Du sagst! Wo ist Robert? Robert Mannion? Nicht hier! —— Dann habe ich Dir ein Geheimniß zu offenbaren. Wenn Du heute Nacht nach Hause zurückkehrst, Sidney, und Dein Gebet verrichtest, so bete, daß es donnere und blitze. Bete, daß der Blitz mich treffe und Robert auch. Die Abendgesellschaft bei meiner Tante findet erst in vierzehn Tagen statt, und in vierzehn Tagen wirst Du wünschen, daß wir Beide todt seien —— deshalb wirst Du wohl thun, bei Zeiten um das zu beten, was ich Dir eben sagte. Wir werden schöne Leichen sein —— schmücke meinen Sarg mit Rosen —— mit rothen Rosen, wenn Du deren finden kannst, denn Du weißt, sie erinnern an das scharlachrothe Weib in der Bibel. Scharlachroth —— warum nicht? Es ist dies ja die Farbe, die man in der Welt am keckesten trägt. Robert wird Dir sagen und Deiner ganzen Familie dazu, wie viel Frauen es giebt, die eben so scharlachroth sind als ich. Wenn man tugendhaft ist, so trägt man diese Farbe bei sich im Geheimen und das Laster trägt sie öffentlich —— das ist der einzige Unterschied, sagt er. Rothe Rosen! rothe Rosen! Wirf sie zu hunderten in den Sarg, damit ich dadurch erstickt werde, und dann begrabe mich tief in der finsteren, ruhigen Straße, wo ein Haus mit einer großen Terrasse steht und ein bleiches, zorniges Gesicht beinahe wie das Sidney’s, die Thür fortwährend anschaut. Da werde ich ruhig sein, wo die rothen Rosen blühen —— o, ruhig, ruhig, wo die rothen Rosen blühen!«

Diese letzten Worte sprach sie in langsamem, gemessenem Tone. Es war die ironische Reminiscenz einer Melodie, welche sie in der Nordvilla an Sonntagabenden zum Piano zu singen pflegte.

Die Nacht rückte mittlerweile immer weiter vor. Das mannigfache Geräusch. auf der Straße ward durch immer längere Zwischenräume von Schweigen unterbrochen. bloß dann und wann hörte ich noch das ferne Rollen eines Wagens, oder den hallenden raschen Tritt verspäteter Zecher, welche sich nach ihrer Wohnung begaben, bis endlich der schwere Tritt des seine Runde machenden Polizeimannes allein noch das Schweigen der ersten Morgenstunden störte.

Und die Kranke fuhr immer noch fort zu murmeln, aber der Ton ihrer Stimme ward ein matterer und schläfriger. Mr. Bernard kam noch nicht zurück —— und auch er kam nicht, der Vater der Sterben. Der Brief, der ihn an das Sterbelager seiner Tochter rief, hatte keinen Eindruck auf ihn gemacht.

Aber es fehlte auch noch eine andere Person, für welche dieses Sterbebett heilig sein mußte. Wo war Mannion?

Ich setzte mich wieder an das Fenster, entschlossen, zu warten bis an den Morgen. Ich heftete die Augen mechanisch auf die stieren Blicke der Kranken, die nicht von mir wichen, und versank in die schmerzlichen und feierlichen Betrachtungen, welche die Stunde und der Ort mir eingaben, als Margarethens Gesicht meinen Blicken plötzlich zu entschwinden schien. Ich schrak auf und schaute mich um.

Die Kerze, welche ich an das entgegengesetzte Ende des Zimmers gestellt, war niedergebrannt, ohne daß ich es bemerkt hatte, und erlosch jetzt in der Dille. Ich eilte, die frische Kerze anzuzünden, welche auf dem Seitentische stand, aber es war zu spät. Der letzte Schimmer erlosch und das Zimmer war in tiefes Dunkel gehüllt.

Während ich unter den verschiedenen Gegenständen, die ich unter den Händen fühlte, nach der Schachtel mit den Schwefelhölzchen tastete, erhob sich Margarethens Stimme von Neuem.

»Unschuldig! unschuldig!«.

Diesen Ruf hörte ich wie eine Klage durch die Finsterniß.

»Ich werde schwören. daß ich unschuldig bin, und mein Vater wird sicherlich auch schwören Unschuldige Margarethe! Ach, welche Unschuld!«

Sie wiederholte diese Worte mehrmals, so daß ich dadurch ganz bestürzt gemacht ward. Ich wußte kaum, was ich berührte.

Plötzlich hielten meine ausgestreckten Hände von selbst still, ohne daß ich begriff, warum. War eine Veränderung in dem Zimmer vorgegangen? Es schien mir, als wenn plötzlich mehr Luft wäre, als ob eine Thür sich geöffnet hätte. Bewegte sich nicht Etwas auf der Diele? Hatte Margarethe ihr Bett verlassen?

Nein, die klagende Stimme sprach noch und ich hörte sie in derselben Entfernung.

Ich lenkte meine Schritte nach dem Fenster, um in einem kleinen Schranke Zündhölzchen zu suchen. Obschon die Nacht sehr finster war, so fiel doch in Folge des Umstandes, daß nicht weit von dem Hause zwei Gaslaternen brannten, ein schwacher Lichtschein in das Zimmer. Ich drehte mich am Fenster herum, um in den Hintergrund des Zimmers zu schauen, und glaubte, einen Schatten an dem Bette hin und her schleichen zu sehen.

»Jagt ihn fort!« rief Margarethe in durchdringendem Tone. »Rasch! rasch! Tödtet ihn. »Er rührt mich an. Er betastet mein Gesicht, um zu sehen, ob ich todt bin.«

Ich eilte auf sie zu und stieß im Dunkel an ein Zimmergeräth. Etwas glitt rasch zwischen dem Bette und mir vorüber, als ich mich dem oberen Ende desselben näherte.

Es war mir, als hörte ich eine Thür schließen. Dann trat einen Augenblick Schweigen ein, und dann, als ich die Hände ausstreckte, stieß meine rechte an den kleinen neben Margarethen stehenden Tisch, und einen Augenblick später fühlte ich die Zündhölzchenbüchse, die ich hierher gestellt.

Während ich ein Hölzchen in Brand setzte, murmelte die Stimme der Kranken ganz nahe an meinem Ohre:

»Das Gesicht! Das verstümmelte Gesicht! Jagt es weg von mir —— rasch, rasch, sagt es weg!«

Als ich das brennende Zündhölzchen dem Lichte näherte, sah ich mich um und bemerkte zum ersten Male, daß in dem entferntesten Winkel des Zimmers es eine zweite Thür gab, die oben mit einem Glasfenster versehen war, welches wahrscheinlich ein inneres Gemach erleuchten sollte. Als ich diese Thür versuchte, überzeugte ich mich sofort, daß sie von innen verschlossen war und daß jenseits derselben Dunkelheit herrschte.

Dunkelheit und Schweigen! Aber war nicht Jemand hier ganz in der Nähe in dieser Dunkelheit und in diesem Schweigen? Mein Argwohn ging sofort in Ueberzeugung über, und schaudernd bedachte ich, daß der Unbekannte, der im Dunkel zwischen dem Bette und mir vorüber geschlichen, gerade dasselbe Individuum sei, dessen Nähe ich wie die eines bösen Geistes in dem Zimmer fürchtete, welches der Tod im Begriffe stand zu heiligen.

Er lauerte also heimlich im Hause. Er war da, um ihre letzten Augenblicke zu belauschen, um ihre letzten Worte zu erlauern, um, wenn er könnte, eine Gelegenheit zu benutzen, in das Zimmer zurückzukehren, welches er durch seine Gegenwart entweihte.

Ich stellte mich in die Nähe der Thür, entschlossen, wenn er sich näherte, ihn auf alle Gefahr von dem Bette hinweg zustoßen.«

Ich weiß nicht, wie lange ich so an der Thür seines Schlupfwinkels stand; aber es mußte einige Zeit vergehen, ehe das Schweigen, welches um mich her herrschte, meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich drehte mich nach Margarethen herum, und in einem Augenblicke wurden alle Gedanken, die so eben in meinem Gemüthe erwacht waren, durch den Anblick, der sich mir darbot, in den Hintergrund gedrängt.

Margarethens Aussehen hatte sich vollständig geändert. Ihre bis jetzt so unaufhörlich sich bewegenden Hände ruhten in vollkommener Unbeweglichkeit auf der Decke. Sogar ihre Lippen zuckten nicht mehr. Der Ausdruck des Gesichts war ein ganz anderer. Die Spuren des Fiebers ruhten noch auf ihren Zügen; aber dennoch war die fieberhafte Aufregung aus ihren Augen entschwunden, die jetzt halb geschlossen waren. Sie athmete noch ein wenig keuchend, aber doch ruhig und langsam. Ich fühlte ihr an den Puls —— die Schläge desselben gingen sanft, warm und regelmäßig.

Was sollte ich aus dieser völligen Umwandlung schließen? Genesung? Wäre es möglich? Sobald dieser Gedanke mein Gemüth durchzuckt hatte, richtete sich jede meiner Geistesfähigkeiten auf die genaue Beobachtung des Gesichts der Kranken, und um Alles in der Welt würde ich mich nicht auch nur einen Augenblick lang von dem Bette entfernt haben.

Der erste Schimmer des Tages dämmerte matt zum Fenster herein, ehe eine andere Veränderung stattfand, ehe ein langer Athemzug sich wie ein Seufzer ihrer Brust entrang und ihre Augen sich langsam öffneten und in die meinen blickten.

Ihr erster Blick war seltsam und ergreifend; denn es war der Blick, der ihr natürlich war, der ruhige Blick, welcher Selbstbewußtsein verräth, der Blick endlich, den ich früher an ihr gekannt. Dies dauerte jedoch nur einen Augenblick. Sie erkannte mich, und ihre scheue, überraschte Miene wich sofort einem Ausdrucke der Scham und der Angst.

Sie war vergebens bemüht, ihre während der ganzen Nacht so thätig gewesenen und jetzt so trägen Finger zu bewegen.

Ein schwaches bittendes Aechzen entschlüpfte ihren Lippen, und sie drehte langsam den Kopf herum, so daß mein Gesicht ihren Blicken entzogen ward.

»O mein Gott, mein Gott,« murmelte sie leise und in kläglichem Tone, »ich habe ihm das Herz gebrochen, und dennoch ist er gekommen, um mir zu zeigen, wie gut er gegen. mich ist. Sidney, o Sidney! Geh! Dies ist schlimmer als der Tod. Ich bin zu tief gesunken, als daß ich jemals Verzeihung finden könnte! Laß mich sterben! laß mich sterben!»

Ich redete sie an, schwieg aber sofort wieder. Schon beim Tone meiner Stimme verkündete die Verzweiflung ihrer Seele im Kampfe mit dem von Schmerzen erschöpften, gefolterten Körper sich durch gebrochene Worte, wildes Schluchzen und durchbohrendes Geschrei.

Ich sank neben dem Bette auf die Kniee nieder. Jener moralische Muth, der mich mehrere Stunden lang aufrecht gehalten, schwand auf der Stelle. Ich weinte heiße Thränen, während meine Lippen ein flehendes Gebet stammelten. Ich fühlte mich nicht gedemüthigt durch diese Thränen, denn ich wußte, daß ich, als ich sie vergoß, ihr verziehen hatte.

Die Morgendämmerung rückte weiter vor. So wie das Licht des jungen Tages auf das Bett fiel, welches von dem frischen Morgenhauche sanft angeweht ward, so daß die wallenden Locken der Kranken sich zu bewegen begannen, ward ihre Stimme allmählich wieder ruhig, während diese Ruhe sich auch zugleich ihrem Körper mitzutheilen schien. Aber sie wendete das Gesicht nicht ein einziges mal wieder nach mir —— nicht einmal, als schwächere und seltenere Rufe ihr durch ihre Verzweiflung ausgepreßt wurden; nicht einmal, als sie mich mit erlöschender Stimme bat, sie allein sterben zu lassen, wie sie verdiente.

Ich wartete lange, und dann redete ich sie leise an. Ich wartete wieder und horchte auf den Athem, der mit jeder Minute schwächer ging.

Dann sprach ich etwas lauter, aber sie antwortete mir nicht —— sie machte nicht mehr die mindeste Bewegung.

Schlief sie? Ich kannte es nicht sagen! Ein gewisses Etwas hielt mich ab, auf die andere Seite des Bettes zu gehen, um ihr in das Gesicht zu sehen, so wie sie es nach der Wand gekehrt und beinahe in Pfühle verborgen hielt. Das Tageslicht ward immer heller und die Sonne begann zu scheinen.

Ich hörte einen raschen Tritt auf der Straße. Dieser Tritt machte gerade unter dem Fenster Halt, und eine Stimme, die ich erkannte, rief mich beim Namen.

Ich neigte mich hinaus. Es war Mr. Bernard, welcher zurückkam.

»Ich konnte nicht eher kommen,« sage er. »Der Fall war ein verzweifelter, und ich wagte nicht, meinen Kranken zu verlassen. Auf dem Kaminsimse werden Sie einen Schlüssel finden. Werfen Sie mir ihn herunter, und ich werde mir selbst aufschließen. Ich hatte den Leuten beim Fortgehen gesagt, daß sie die Thür nicht verriegeln sollten.«

Ich that, wie er mir hieß. Als er in das Zimmer trat, war es mir, als wenn Margarethe sich ein wenig rührte, und ich gab ihm mit der Hand ein Zeichen, daß er kein Geräusch machen solle.

Er schaute nach dem Bette, ohne Ueberraschung zu verrathen, und fragte mich leise, wann und wie diese Veränderung eingetreten sei.

Ich sagte es ihm mit kurzen Worten und fragte ihn, ob er auch in anderen Fällen dergleichen Veränderungen beobachtet habe.

»Allerdings,« antwortete er, habe ich viele eben so vollständige und außerordentliche Veränderungen gesehen, welche Hoffnung erweckten, die ich aber niemals habe in Erfüllung gehen sehen. Die, deren Zeuge Sie gewesen sind, ist stets ein schlimmes Symptom.«

Trotz dieser Worte schien es aber immer noch, als ob er fürchtete, sie aufzuwecken, denn er sprach sehr leise und näherte sich dem Bette so behutsam als möglich.

Plötzlich in dem Augenblicke, wo er der Kranken den Puls, fühlen wollte, unterbrach er sich, schaute nach der Glasthür, horchte aufmerksam und sagte, als ob er mit sich selbst spreche:

»Es war mir, als hörte ich Jemanden sich in diesem Zimmer bewegen; doch wahrscheinlich täusche ich mich, denn es kann noch Niemand im Hause aufgestanden sein.«

»Hierauf neigte er sich ein wenig über Margarethen und strich ihr behutsam das Haar auf die Seite, welche ihre Stirn bedeckte.

»Stören Sie sie nicht,« murmelte ich »sie schläft —— ganz gewiß schläft sie.«

Er machte eine Pause, ehe er antwortete. Dann sah ich seine Hand ihr Herz suchen.

Langsam hob er hierauf die Bettdecke empor und bedeckte ihr damit das ganze Gesicht.

»Ja, sie schläft,« sagte er in ernstem Tone, »sie schläft um nie wieder zu erwachen —— sie ist todt.«

Ich wendete schweigend das Gesicht hinweg, denn meine Gedanken waren in diesem Augenblicke nicht die Gedanken, welche ein Mensch gegen den andern aussprechen kann.

»Für einen Mann von Ihrem Alter ist dies ein sehr trauriger Auftritt,« hob er in theilnehmendem Tone an, indem er einen Schritt vom Bette zurücktrat, »aber Sie haben ihn gut ertragen. Ich freue mich, daß Sie bei einer so harten Prüfung so viel Ruhe gezeigt haben.«

»So vie! Ruhe?«

Ja, in diesem Augenblicke konnte mit Recht von mir gesagt werden, daß ich ruhig sei, denn ich erinnerte mich, daß ich ihr verziehen hatte.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel.

Am vierten Tage nach ihrem Tode stand ich allein auf dem Kirchhofe an Margarethens Grabe.

Es war mir beschieden gewesen, ihren letzten Augenblicken beizuwohnen, und durch mich sollten ihr auch die letzten Pflichten erwiesen werden. Wer hätte mir am Tage unserer verhängnißvollen Vermählung gesagt, daß die einzige Wohnung, in die ich sie einführen würde, das Grab wäre?

Ihr Vater hatte mir einen Brief geschrieben, den ich sofort nach dem Empfange vernichtete, und den ich hier nicht mittheilen will. Es sprach daraus Nicht« als die Wuth über die Vereitelung seiner habsüchtigen Pläne.

Ralph war nach London zurückgekehrt, sobald er den mir von Mr. Bernard geschriebenen Brief erhalten hatte. Er bot mir bei Erfüllung der mir zugefallenen letzten Pflichten seine Mitwirkung mit einer Hingebung an, die ich noch nicht bei ihm gefunden hatte.

Mr. Bernard aber hatte sich großmüthiger Weise schon bereit gezeigt, mir Alles abzunehmen, was durch Andere eben so gut als durch mich selbst besorgt werden konnte, und ich hatte daher bei dieser Gelegenheit nicht erst nöthig, die Gefälligkeit meines Bruders in Anspruch zu nehmen.

Ich stand allein an Margarethens Grabe. Mr. Bernard hatte Abschied von mir genommen. Die Todtengräber und Zuschauer hatten sich ebenfalls entfernt. Es war kein Grund für mich vorhanden; es nicht eben so zu machen wie sie; dennoch aber blieb ich immer noch, heftete die Augen auf die frisch aufgeworfene Erde zu meinen Füßen und dachte an die Todte.

Nach einigen Augenblicken zog ein Geräusch von sich nähernden Tritten meine Aufmerksamkeit aus sich.

Ich blickte auf und sah einen Mann in einen langen Mantel gehüllt. Ueber den Augen trug er eine Art Schild oder Schirm, der den oberen Theil des Gesichts verdeckte. Auf einen Stock gestützt kam er langsam auf mich zu.

Am Fuße des Grabes blieb er stehen; gerade mir gegenüber, der ich zu Häuptern desselben stand.

»Kennen Sie mich noch? Kennen Sie noch Robert Mannion?«

Und indem: er seinen Namen nannte, hob er den Schirm.

Bei dem Anblick dieses entsetzlichen, verstümmelten bleichen Gesichts mit seinem unveränderlichen Ausdruck wilder Bosheit, welches mich jetzt in dem hellen Sonnenscheine anschaute und ganz denselben satanischen Ausdruck von Wuth und Triumph zeigte, den ich bei jenem Blitzstrahle darauf hatte leuchten sehen, stand ich stumm und wie angewurzelt. Nie ist dieses Bild wieder aus meiner Erinnerung geschwunden.«

»Kennen Sie mich noch —— mich, Robert Mannion?« wiederholte er. »Kennen Sie noch das Werk Ihrer Hände? Wohlan, kennen Sie es? Ohne Zweifel finden Sie mich sehr verändert. »Ihr Vater hätte den meinen ohne Zweifel ebenfalls sehr verändert gefunden, wenn er ihn am Morgen nach seiner Hinrichtung mit der über sein Gesicht herabgezogene schwarzen Kappe am Galgen, hätte hängen sehen.

Ich war noch immer keines Wortes und keiner Bewegung mächtig. Nur das entsetzen hatte mich bewogen, die Augen von ihm abzuwenden, und ich hielt sie auf den Boden geheftet.

Er schlug seinen Schirm wieder herunter, setzte einen Fuß auf das Grab und sagte:

»Unter dieser Erde, hier unter diesem Hügel auf welchen Sie jetzt Ihre Blicke heften, ruht mit der hier Begrabenen der letzte Einfluß, welcher ihnen einen Tag Frist oder Erbarmen hätte erwirken können. Dachten Sie an diese einzige Aussicht, welche Sie verloren, als Sie kamen, um sie sterben zu sehen? Ich beobachtete Sie, mein Herr, eben so wie Margarethen Alles, was Sie gehört haben habe auch ich gehört —— ich habe gesehen, was Sie gesehen haben; ich weiß eben so gut als Sie, wann und wie sie gestorben ist —— ich habe ihre letzten Augenblicke mit Ihnen getheilt bis ans Ende. Mein Wille ist, gewesen, sie Ihnen nicht allein zu überlassen, nicht einmal auf ihrem Sterbebette, eben so wie es mir jetzt beliebt, Ihnen nicht zu gestatten, allein an ihrem Grabe zu stehen, als ob ihre Leiche Ihr Eigenthum wäre.«

Während er diese letzten Worte sprach, war meine ganze Kaltblütigkeit zurückgekehrt; aber dennoch war ich nicht im Stande, zu sprechen wie ich gern gesprochen hätte. ich konnte mich bloß entfernen, indem ich ihm den Platz räumte.

»Halt!« rief er, »was; ich noch zu sagen habe, betrifft Sie. Ich habe Ihnen noch in’s Gesicht und an diesem Grabe zu sagen, daß ich Alles thun werde, was ich Ihnen gesagt habe, und noch mehr. Durch mich soll Ihr ganzes künftiges Leben nur eine lange Buße für diese Entstellung« —— er zeigte auf sein Gesicht —— »und für diesen Tod« —— er setzte den Fuß abermals auf das Grab —— »sein. So sicher Ihr Vater aus mir einen Pariah der Gesellschaft gemacht hat, eben so gewiß werde ich, ich schwöre es, einen Pariah aus Ihnen machen. Gehen Sie, wohin Sie wollen —— dieses Gesicht, welches Sie mir gegeben, Wird Sie verfolgen; diese Zunge, welcher Sie niemals Schweigen gebieten können, wird gegen Sie den schlafenden Aberglauben und die Grausamkeit der ganzen Menschheit wachrufen —— durch diese Zunge werden die schmachvollen Geheimnisse der Nacht, in welcher Sie uns nachfolgten, ans Licht kommen und alle Genossen Ihres Lebens weit von Ihnen hinweg scheuchen. Sie glauben vielleicht, daß ich unsinnige Reden führe wie ein Thor, der Alles möglich glaubt? Das nächste Mal, wo wir uns, begegnen, werden Sie mit Ihrem eigenen Munde gestehen, daß ich so handeln kann wie ich spreche. Nun, da Sie mich gehört haben, gehen Sie und verfolgen Sie Ihren Weg, wie ich den meinigen. Unsere Wege werden, sich Kreuzen, trotz aller Ihrer Bemühungen, sie von einander fern zu halten. Leben Sie jenes freie Leben welchem Margarethe Sherwin Sie durch ihren Tod zurückgegeben hat. Sie werden bald sehen, daß es das Leben Kains ist.«

Er entfernte sich von dem Grabe, indem er denselben Weg zurücknahm, auf welchem er gekommen war; aber das scheußliche Bild seiner Erscheinung und die Erinnerung an die Worte, welche er gesprochen, hörten nicht auf, mich zu verfolgen und zwar nicht bloß während der Zeits die ich noch allein auf dem Kirchhofe verweilte, sondern auch nachher, während ich mir einen Weg durch die Menge bahnte, welche in den Straßen wimmeln.

Sein Dämonengesicht schwebte mir noch vor Augen, das Gift seiner teuflischen Worte träufelte sich noch in mein Ohr, als ich in meine Wohnung zurückkehrte.

Hier traf ich Ralph, der mich ungeduldig in meinem Zimmer erwartete»«

»Nun, da bist Du endlich wieder!« rief er. »Ich war entschlossen, nicht eher,fortzugehen, als bis ich Dich gesehen hätte. Aber, Sidney, was ist Dir? Bist Du vielleicht in eine neue Schwierigkeit gerathen, die schlimmer ist als die alte?«

»Nein, Ralph, nein; aber was hast Du mir zu sagen?«

»Etwas, was Dich überraschen wird, Sidney. Ich habe, Dir zu sagen, daß Du Dich unverweilt von London entfernen mußt.«

»Von London entfernen? Was sagst Du?«

»Ja, sowohl in Deinem Interesse als in dem Interesse unser Aller. Unser Vater hat erfahren, daß Claras bei Dir gewesen« ist.«

»Gerechter Himmels, wie hat er es denn erfahren"?»

»Das weiß ich nicht. Er wollte es mir nicht sagen aber erfahren hat er es, und Du kannst Dir denken, ob er damit zufrieden ist. Ich weiß nicht, was ich denken soll.«

»Aber sage mir, Ralph wie erträgt sie das Mißfallen meines Vaters?«

»So gut als es sich ertragen läßt. Nachdem er ihr bestimmt und rund heraus verboten hat, jemals wieder in dieses Haus zugehen, giebt er ihr sein Mißfallen nur noch durch sein Schweigen zu erkennen, und Du begreifst, daß gerade, dies sie am Meisten bekümmert. Schwankend zwischen dem unbedingten Gehorsam, den sie ihrem Vater schuldig ist, und den schwesterlichen Gesinnungen, die sie gegen Dich hegt, fühlt sie sich höchst unglücklich. Ich scheue mich, zu muthmaßen, was aus allem Diesem für sie hervorgehen kann, und Du weißt selbst, daß ich vor Kleinigkeiten mich nicht scheue. Höre mich daher, Sidney. Dir kommt es zu, allem Diesem ein Ende zu machen, und mir, Dir zu sagen, wie es geschehen kann.«

»Ich werde Alles« thun, weiß Du willst —— Alles für Clara.«

»Nun, dann hast Du weiter Nichts zu thun, als, wie ich Dir schon gesagt habe, London zu verlassen. Dies ist das einzige Mittel, diesem Unglücklichen Kampfe zwischen ihren Pflichten und Neigungen ein Ende zu machen. Wenn Du es nicht thust, so ist mein Vater im Stande, sofort mit Ihr aufs Land zurückzureisen, obschon ich weiß, daß wichtige Geschäfte ihn in diesem Augenblicke in London Zurückhalten. Du wirst an Clara einen Brief schreiben, in welchem Du, ihr sagst, Du seiest im Interesse Deiner Gesundheit abgereist, um andere Luft zu athmen, um Dich zu erholen —— mit Einem Worte abgereist, um wiederzukommen, wenn bessere Zeiten eingetreten sein werden. Sage ihr nicht, wohin Du gehst, und auch mir sage es nicht; denn wenn ich es weiß, so wird sie mich darnach fragen, und zuletzt würde ich es ihr sagen. Dann würde sie an Dich schreiben und dies würde ebenfalls entdeckt werden. Wenn Du ihr Deine; Abwesenheit erklärst, so wird sie sich niemals dadurch so beunruhigen, wie sie sich jetzt beunruhigt, das ist wohl zu erwägen. Wenn Du Dich entfernst, so dienst Du übrigens Deinen eigenen Interessen ebenso wie denen Clara’s, und dies ist eine zweite Erwägung.«

»Was sprichst Du von meinen Interessen? Clara! Ich denke nur an Clara.«

»Aber Du hast doch auch Interessen, die man nicht vergessen darf. Ich habe unserm Vater den Tod der armen. Margarethe erzählt, sowie Deine edle Handlungsweise gegen die Sterbende. Unterbrich mich nicht, Sidney. Es war edel —— ich hätte nicht gethan, was Du gethan hast, das gestehe ich offen. Ich sah, daß auch unser Vater gerührt. war, obschon er es sich nicht merken lassen wollte, und übrigens wünschte er auch nicht, daß ein Zufall seine Ideen in Bezug ans Deine Handlungsweise sobald verändern sollte. Er sprach. davon, das er niemals wieder Vertrauen zu Dir haben könne, und noch mehr dergleichen. Nichtsdestoweniger kannst Du mir glauben, daß die unerwartete Wendung, welche die Dinge genommen haben, einen tiefen Eindruck aus sein Gemüth gemacht hat. Laß diesen Eindruck sich nur befestigen, Sidney, und Du bist gerettet. Wenn Du ihn aber dagegen dadurch, daß Du hier bleibst, zerstörst und Clara ihrer schmerzlichen Verlegenheit nicht entreißest, so sage ich Dir einfach, daß Du Dir die beste Hoffnung raubst, weil Du dann unserm Vater zu trotzen scheinst, während Du, wenn Du Dich entfernst, ihm ein volles und unumschränktes Zugeständniß machst.«

»Ich werde gehen, Ralph, denn ich muß —— dies hast Du mir so eben bewiesen. Ich werde schon morgen früh abreisen. Aber wohin?«

»Du hast den ganzen Tag, um Dich zu fragen, wo Du Dich eine Zeit lang zerstreuen kannst; höchstwahrscheinlich aber gehen unsere Begriffe über die Art und Weise des Zerstreuens sehr auseinander. Magst Du übrigens hingeben, wohin Du gefällst, so werde ich Dir im Nothfalle stets Geld zugehen lassen. Nach Verlauf einiger Zeit wirst Du mir schreiben und ich werde Dir antworten, sobald ich Dir gute Nachrichten mitzutheilen habe. Vor der Hand bleibe bei Deinem gegenwärtigen Entschlusse Sidney, und wenn Du dies thust, so stehe ich Dir dafür, daß Du, ehe noch viele Monate verflossen sind, Dich wieder bei uns in Deinem Arbeitskabinette sehen wirst.«

»Ich werde mir es selbst unmöglich machen, meinem Entschlusses untreu zu werden, indem ich sofort an Clara schreibe und Dir den Brief mitgeben, damit Du ihn morgen Abend üherreichst, wo ich London seit einigen Stunden verlassen haben werde.«

»Du hast Recht, Sidney, das nenne ich gesprochen und gehandelt wie ein Mann.«

Ich schrieb sofort, indem ich meine Abreise durch die mir von Raiph angerathenen Vorwände motivierte. Ich schrieb, während mein Herz von traurigen Ahnungen erfülle war, Alles, wovon ich glaubte, daß es am Besten geeignet sei, Clara zu beruhigen, und dann ohne mir Zeit zum Zögern oder Nachdenken zu lassen, gab den Brief meinem Bruder.«

»Morgen Abend soll sie ihn bekommen,« sagte er, und gleichzeitig soll auch mein Vater erfahren, warum Du die Stadt verlassen hast. Was dies betrifft, so zähle wie in allen übrigen Dingen auf mich. Und nun, Sidney, muß ich Dir Lebewohl sagen, dafern Du nicht etwa aufgelegt bist, mich in meiner neuen Wohnung zu besuchen. Ach, ich sehe schon, daß Du keine große Lust dazu hast. Auf Wiedersehen denn, Bruder. Schreibe mir wenn Du irgend Etwas brauchst. Fasse wieder Muth —— werde wieder recht gesund »und zweifle nicht, daß Du in diesem Augenblicke den besten Entschluß fassest, den Du in Bezug auf Clara und Dich selbst überhaupt fassen kannst.«

Er verließ rasch das Zimmer, als ob er tiefer ergriffen wäre, als er sich merken lassen wollte.

Während des ganzen noch übrigen Tages allein, fragte ich mich mehr als ein Mal, nach welchem Lande ich den nächstfolgenden Tag abreisen würde.

Ich wußte, daß ich nichts Besseres thun konnte als England verlassen, aber es war mir, als wenn die Liebe zur Heimath sich seit einiger Zeit auf eigenthümliche Weise in mir entwickelt hätte, und je mehr ich über die Richtung, die ich nehmen sollte, nachdachte, desto weniger konnte ich mich mit der Idee befreunden, mich in ein fremdes Land zu begeben.

Während ich noch so in Zweifel befangen war, tauchten die ersten Eindrücke« meiner Kindheit wieder in meiner Erinnerung auf und unter dem Einflusse derselben dachte ich an Cornwallis.

Meine Amme war eine Cornwalliserin, die ersten Gebilde meiner Phantasie und die ersten Gefühle von Neugier waren durch ihre Geschichtchen von Cornwallis erweckt worden, durch die Schilderungen der Landschaften, der Sitten und der Menschen ihres Heimathlandes. Als ich größer ward, war es immer eins meiner Lieblingsprojecte, nach Cornwallis zu reisen und dieses wildromantische Vorgebirge durch Fußwanderungen zu erforschen.

Und jetzt, wo kein Vergnügungsmotiv meine Wahl bestimmen sollte, jetzt, wo ich allein und heimathlos der Ungewißheit, vielleicht Gefahren entgegenging, bewahrte meine alte Phantasie der früheren Tage noch ihren Einfluß und zeichnete mir meinen neuen Weg an der felsigen Küste von Cornwallis vor.

Meine letzte Nacht in London war eine Nacht, welche mir das scheußliche Bild Mannion's wieder vorführte Es erschien mir in allen meinen Träumen und verbitterte mir während meiner schlaflosen Stunden den Gedanken an den nächstfolgenden Tag, welcher mich von Clara trennen sollte.

Mein Entschluß, London um ihretwillen zu verlassen, ward jedoch keineswegs dadurch erschüttert. Als der Morgen kam, traf ich schnell und mit leichter Mühe meine Reiseanstalten und vergaß nicht, einige Bücher mitzunehmen.

Mein Weg durch die Straßen führte mich nahe an dem Hause meines Vaters vorbei. Als ichs diese mir so wohlbekannte Gegend passierte, verlor ich in so hohen Grade alle meine Herrschaft über meine Bewegungen, daß ich stehen blieb und dann meine Schritte nach unserem Hause lenkte, in der Hoffnung, Clara noch ein Mal zu sehen.

Indem ich mich vorsichtig und zögernd näherte, hob ich die Augen zu dem Hause empor, welches nicht mehr das meine war, und blickte nach den dicht neben einander befindlichen Fenstern des Wohn- und Schlafzimmers meiner Schwester. Sie war aber nicht am Fenster und eben sowenig sah ich sie aus einem Zimmer in das andere gehen.

Dennoch konnte ich mich nicht entschließen, meinen Weg fortzusetzen. Ich dachte an die vielen Beweise süßer Freundschaft, die sie mir gegeben, und die ich erst jetzt richtig zu würdigen schien. Ich dachte an Alles, was sie meinetwegen gelitten, was sie noch litt, und die Hoffnung, sie noch ein Mal zusehen, wäre es auch nur auf einen Augenblick, bewog mich, mehrmals vor dem Hause auf- und abzugeben und vergebens nach den verlassenen Fenstern hinauf zuschauen.

Es war ein reiner, frischer Herbstmorgen. Vielleicht war Clara in den kleinen Garten hinuntergegangen. Ich erinnerte mich, daß sie dies zu dieser Stunde oft that, um zu lesen. Ich ging vor dem eisernen Gitter hin und her, spähte durch die Zwischenräume des Laubwerks nach ihr und hatte auf diese Weise beinahe die ganze Runde um den Garten gemacht, als die Gestalt einer unter einem Baume sitzenden Dame meine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Ich blieb stehen —— sah aufmerksam hin und erkannte Garn. Ihr Gesicht war beinahe vollstädig von mir abgewendet, aber ich erkannte sie an ihrer Toilette, an ihrem Wuchse, ja sogar an ihrer Haltung, so einfach dieselbe auch war.

Sie saß und hielt die Hände über einem geschlossenen Buche gefaltet, welches auf ihren Knieen lag. Zu ihren Füßen lag ein kleiner Wachtelhund den ich ihr geschenkt. Sie sah ihn an, wenigstens schloß ich dies aus der Haltung ihres vorwärts geneigten Kopfes Ich ging ein paar Schritte weiter, um womöglich ihr Gesicht zu sehen, aber die Bäume entzogen mir dieses vollständig Ich mußte mich mit dem, was ich bis jetzt gesehen, begnügen.

Ich wagte nicht, sie anzureden und Abschied von ihr zu nehmen. Ich konnte Nichts thun als schweigen und sie ansehen, bis mir endlich die Thränen in die Augen traten und meinen Blick umflorten. Ich widerstand der Versuchung, sie mir zu trocknen. Während diese Thränen mir meine Schwester verbargen und ich sie noch wiedersehen konnte, wenn ich wollte, hörte ich auf, in den Garten zu schauen, und verließ den Platz.

Unter allen den Gedanken, welche mich bestürmten, sowie ich mein väterliches Haus immer weiter hinter mir ließ, unter allen Erinnerungen an frühere Ereignisse seit dem Tage meiner ersten Begegnung mit Margarethe Sherwin bis zu dem, wo ich an ihrem Grabe gestanden, erhob sich in mir zum ersten Male ein Argwohn, dermich von diesem Augenblicke an nie wieder verließ:

»Folgte mir Mannion nicht vielleicht heimlich Schritt um Schritt?«

Sobald dieser Argwohn in mir aufstieg, blieb ich unwillkürlich stehen und schaute hinter mich. Eine unendliche Menge Gestalten bewegten sich in dem Raume, den meine Augen umfaßten, aber die Gestalt, welche ich auf dem Kirchhofe gesehen, war unter diesen durchaus nicht sichtbar.

Ein wenig weiterhin sah ich mich nochmals um und schaute wieder hinter mich, aber mit demselben Erfolge. Nun ließ ich eine ziemlich lange Zeit verstreichen, ehe ich wieder stehen blieb, dann durchforschte ich zum dritten Male mit scharfem, argwöhnischem Auge den ganzen Raum, welchen mein Blick umfassen konnte.

In einiger Entfernung hinter mir auf dem entgegengesetzten Trottoir gewahrte ich einen Mann, der gerade so wie ich unter der geschäftigen Menge stehen geblieben war.

Seine Gestalt entsprach der Mannion’s. Er trug einen Mantel von der Art, wie Mannion getragen, als er an Margarethens Grabe auf mich zukam. Ich hätte jedoch über die Straße hinübergehen müssen, um noch mehr zu erspähen, denn von dem Platze aus, wo ich stand, versperrten Wagen und Fußgänger fortwährend die Aussicht.

War es Mannion und belauerte er wirklich meine Schritte?

Während dieser Argwohn in mir Wurzel schlug, fiel mir plötzlich eine der Drohungen ein, die ich ihn auf, dem Kirchhofe hatte aussprechen hören: »Sie können sich hinter Ihre Familie und Ihre Freunde verschanzen wie Sie wollen —— ich werde Sie dennoch zu treffen wissen.«

Und diese Erinnerung erweckte einen Gedanken, welcher mich sofort bestimmte, meinen Weg weiter fortzusetzen. Dies that ich auch, ohne mich wieder ein einziges Mal umzusehen, denn ich sagte bei mir selbst: »Wenn er mir folgt, so darf und will ich ihn nicht meiden. Indem ich ihn hinter mir her locke, rette ich vielleicht meine Schwester und meinen Vater.«

Ich wich daher nicht von meinem Wege ab, sondern verfolgte ihn in gerader Richtung und schaute nicht wieder hinter ich.

Nachdem ich beschlossen, London zu verlassen, um mich nach Cornwallis zu begeben, hatte ich keine Vorsichtsmaßregeln getroffen, um meine Abreise zu verheimlichen, und obschon ich demzufolge hätte sicher sein können, daß er mir folge, so sah ich ihn doch nicht mehr und entdeckte niemals wieder, in welcher größeren oder geringeren Entfernung er meine Spur verfolgte.

»Seit dieser Zeit sind zwei Monate verflossen und ich weiß jetzt nicht mehr über ihn, als ich damals wußte.

Am 19. October. Meine Rückschau ist beendet. Ich habe die Geschichte meiner Verirrungen und meines Unglücks, des Unheils, welches ich angerichtet, und der Strafe aufgezeichnet, welche mich bis in die Gegenwart verfolgt hat. Die Blätter meines Manuscripts —— welches länger geworden ist als ich es Anfangs zu machen gedachte —— liegen vor mir auf meinem Schreibtische aufgethürmt. Ich wage nicht, sie durchzusehen —— ich wage nicht, die Zeilen wieder zu lesen, welche meine eigene Hand geschrieben. Vielleicht giebt es in Bezug auf den Styl viel zu verbessern, aber ich habe nicht den Muth, auf meine Arbeit zurückzukommen, sie zu revidieren und genauer ins Auge zu fassen, wie ich doch thun würde, wenn meine Absicht wäre, ein Buch zu produzieren, welches noch bei meinen Lebzeiten veröffentlicht werden sollte. Meine stylistischen Fehler können auch von einer andern Hand korrigiert werden, wenn ich nicht mehr sein werde. Andern überlasse ich die Aufgabe, meine Armuth zu bereichern, die Sorge, den Block rauher Wahrheit, welchen ich hinterlasse, nach dem volksthümlichen Geschmacke des Tages zu schleifen und zu polieren, denn ich habe streng die Wahrheit gesagt, ohne Verschweigung wie ohne Uebertreibung, zuweilen mit tiefer Demuth, oft mit Thränen.

Jetzt aber, wo ich diese Blätter sammle, um sie mit dem festen Entschlusse, sie nicht selbst wieder zu öffnen, zu versiegeln, kann ich da wohl glauben, daß meine Aufgabe beendet sei und daß ich Alles erzählt habe, was zu sagen nothwendig ist? Nein. So lange Mannion lebt und so lange ich keine Stunde sicher bin, ihn wieder vor mir erscheinen zu sehen, so lange ich keine Kenntniß von den Veränderungen Habe, die in dem Hause, aus welchem ich verbannt bin, vorgehen können, verlangt diese Erzählung der Vergangenheit eine Fortsetzung, weil aus dieser Vergangenheit sich meine Zukunft gestalten wird.

Ich weiß nicht, was noch der Mühe des Erzählens Werth sein wird; ich weiß nicht, welche neue Aufregungen mich in die Unmöglichkeit versetzen können, die vor der Hand beendete Arbeit wieder aufzunehmen. Ich besitze nicht genug Vertrauen zu mir selbst- oder zu der Zukunft, welche das Schicksal mir vorbehält, um zu glauben, daß ich Zeit oder Energie genug haben werde, um in der Folge meine Erinnerungen eben so niederzuschreiben, wie ich es jetzt gethan. deshalb wird es besser sein, wenn ich Tag für Tag die Ereignisse so niederschreibe, wie sie nach einander geschehen, um auf diese Weise, möge kommen was da wolle, die tägliche Fortsetzung meiner Erzählung Bruchstück für Bruchstück bis an’s Ende zu sichern.

Zuvor aber und als natürliche Einleitung zu dem Tagebuche, welches ich zu führen gedenke, sei mir erlaubt, eine flüchtige Skizze des neuen Lebens zu geben, welches ich in meiner Zurückgezogenheit an der Küste von Cornwallis führe.

Das kleine Fischerdorf, in welchem ich die vorliegenden Blätter geschrieben, liegt an der südlichen Küste von Cornwallis, nur wenige Meilen von dem Vorgebirge Lands’ End entfernt. Ich bewohne eine von unbehauenen Steinen erbaute, mit einem Strohdache versehene Hütte, die bloß zwei Zimmer that. An Geräthschaften besitze ich Nichts weiter. als mein Bett, meinen Tisch und meinen Stuhl. Meine einzigen Nachbarn sind ein Dutzend Fischer und ihre Familien. Der Mangel des Ueberflüssigen ist mir aber eben so leicht zu ertragen als der Mangel an Gesellschaft. Seitdem ich hier bin, habe ich Alles gefunden, was ich wünschte —— die vollständigste Zurückgezogenheit Bei meiner Ankunft setzte ich diese wackeren Leute ein wenig in Erstaunen, ja, ich kam ihnen sogar verdächtig vor.

Die Fischer von Cornwallis bewahren noch bis auf den heutigen Tag die plump abergläubischen Meinungen, welche ihren bescheidenen Vorvätern schon vor Jahrhunderten so theuer waren.

Meine armen, schlichten Nachbarn begriffen nicht, warum ich keinen Erwerb trieb, und mein trauriges, Müdigkeit und Abspannung verrathendes Gesicht paßte nach ihrer Meinung nicht zu meiner anscheinenden Jugend. Die Frauen ganz besonders sahen in einer Absonderung, wie ich sie liebte, etwas ganz Widernatürliches und Räthselhaftes.

Man that allerhand neugierige Fragen an mich, und eben die Einfachheit meiner Antwort, daß ich nach Cornwallis gekommen sei, um ruhig zu leben und meine Gesundheit wieder herzustellen, reizte diese Neugierde nur noch mehr. Tag für Tag, seitdem ich meine Hütte bezogen, hoffte man Briefe zu sehen, die mir geschickt würden —— aber es kamen keine —— oder Freunde, die mich besuchten —— aber es zeigten sich auch keine Freunde.«

Das Geheimniß ward für die wackeren Leute ein immer verwickelteres. Sie begannen sich jener alten Sagen von Cornwallis zu erinnern, in welchen von geheimnißvollen Menschen erzählt wird, die vor langer Zeit in abgelegenen Gegenden der Grafschaft wohnten. Diese Menschen kamen, man wußte nicht woher; sie existierten, Niemand wußte wie —— sie starben und verschwanden, ohne daß man erfuhr, auf welche Weise.

Man hatte, glaube ich, große Lust, mich als einen dieser geheimnißvollen Gäste und als ein der ganzen Menschenfamilie fremdes Wesen zu betrachten, welches durch irgend einen Fluch an diese Küste geworfen worden sei, um hier in Einsamkeit und Verlassenheit zu sterben. Selbst die alte Frau, der ich zuerst Geld gab, damit sie mir die zum Leben nothwendigen Dinge verschaffe, schien sich einen Augenblick lang zu fragen, inwieweit es erlaubt und klug sei, Etwas von mir anzunehmen.

Diese Zweifel traten jedoch allmählich in den Hintergrund und die abergläubischen Ideen meiner armen wackeren Nachbarn machten sich weniger geltend. Sie gewöhnten sich an meine einsame, träumerische und für sie unerklärliche Existenz. Einige, wenn auch unbedeutende Dienste, die ich bald nach meiner Ankunft ihren Kindern leistete, bewirkten Wunder zu meinen Gunsten, und jetzt ist das Mißtrauen in eine Art Mitleid übergegangen. Wenn der Ertrag des Fischfanges ein sehr reichlicher ist, macht man mir oft ein kleines Geschenk. Vor einigen Wochen, als ich des Morgens ausgegangen war, fand ich bei meiner Rückkehr zwei oder drei Möveneier in einem Körbchen vor meiner Thür. Sie waren von Kindern als Schmuck für das Fenster meiner Hütte hierher gebracht worden —— als der einzige Schmuck, den sie zu geben hatten, als der einzige, von welchem sie jemals hatten sprechen hören.

Jetzt kann ich, ohne beobachtet zu werden, mit meiner Bibel oder meinem Shakespeare unter dem Arme ausgehen und aus der Schlucht heraus, in welcher unser Dörfchen liegt, mich der alten Kirche von grauem Steine nähern, welche, von verkümmertem Gebüsch umgeben, einsam am Strande steht. Wenn zufällig hier unter den zerstreut umher liegenden Leichensteinen einige Kinder spielen, so verrathen sie keinen Schrecken und laufen nicht davon, wenn sie mich auf einem dieser Steine am Eingange des Kirchhofs Platz nehmen oder um den steinernen Thurm umherirren sehen, welcher von Händen erbaut worden, die schon seit Jahrhunderten in Staub zerfallen sind. Meine Annäherung hat aufgehört, für meine kleinen Nachbarn eine furchterregende zu sein. Höchstens sehen füe mich einen Augenblick lang mit lächelnden Blicken an, um sodann sich wieder ihrem Spiele zuzuwenden.

Von dem Kirchhofe aus schweifen an schönen Tagen meine. Blicke in die Schlucht oder über das Meer. Riesige Granitfelsen überragen von jeder Seite die Fischerhütten. Der weiße Sand der Bucht funkelt im Sonnenscheine; der Bach, welcher sich von den Felsen herabstürzend, launenhaft ein Bett bahnt, glänzt stellenweise wie ein silbernes Band. Ueber mir ziehen majestätisch weiße Wolken dahin, welche violette Schatten werfen.

Das Kreischen der Seevögel, das unaufhörliche betäubende Rauschen der Brandung, das Brausen des Windes, welcher sich in den Grotten des Strandes fängt —— dies sind die verschiedenen Klänge, welche mein Ohr bald vereinigt, bald getrennt hört. Die Stimme der Natur und die Schönheit der Natur —— diese beiden Zauberkräfte, durch welche Gott unsere Seele läutert und erhebt, äußern in solchen Augenblicken einen lebhaften Eindruck auf mich und erfüllen mich mit süßer Freude.

Wenn der Regen fällt, wenn der Wind und das Meer sich erheben, wenn ich in einer Felsengrotte stehend, die wüthenden Wogen und ihre weißen Schaumgipfel betrachte, dann drückt das Bewußtsein unbekannter über meinem Haupt schwebender Gefahren mich nieder und ich fühle die Ungewißheit in ihrem ganzen Einsetzen. Dann gewinnen die Drohungen meines Todfeindes eine furchtbare Herrschaft über meine Gedanken. Ich sehe das düstere phantastische Bild eines Verhängnisses, welches bereit ist, sich wieder auf mich zu stürzen ich sehe dieses Bild in den seltsamen Formen des Nebels, welcher den Himmel verhüllt, bald von leuchtenden Strahlen durchzuckt wird, bald wie ein schwarzer Schatten auf den Fluthens lastet. Dann glaube ich in dem Donner der Brandung, in dem Geheule des Sturmes den Schall eines Richterspruches zu vernehmen.

Wäre es bloß mein gänzlicher Mangel an Energie, welcher in mir die wahnsinnige Ueberzeugung weckt, daß Mannion’s Auge stets auf mich geheftet sei, daß seine Tritte den meinigen fortwährend heimlich folgen? Woher kommt die Ahnung, daß diese wilden Drohungen, die ich trotz meiner Vernunft nicht bannen kann, sich verwirklichen werden?

Es ist möglich, daß die entsetzliche Art und Weise, auf welche er bis jetzt bei meinem ganzen Unglücke die Hand im Spiele gehabt, mir allzu große Furcht vor der unheilvollen Macht einflößt, die er über meine Zukunft auszuüben gedenkt. Es ist möglich, daß jeder Entschluß, ihm zu widerstehen, in mir weniger durch die Furcht vor seinem Erscheinen gelähmt wird, als vielmehr durch die Wirkung der Ungewißheit, in der ich mich hinsichtlich der Zeit befinde, wo dieses Erscheinen stattfinden wird —— weniger in Folge seiner Drohungen an und für sich, als wegen des Verzögern ihrer Ausführung.

Ich kann diese verschiedenen Erwägungen; anstellen und dennoch ist die Ruhe, welche ich zuweilen dadurch gewinne, niemals von langer Dauer. Ich entsinne mich Dessen, was dieser Mann gethan, und trotz aller Raisonnements glaube ich, daß er thun wird, was er gesagt. Wie aber soll ich mich dann vertheidigen? wie soll ich ihm entrinnen?

Ohne den Trost, welchen mein Herz aus dem Gedanken an Clara schöpft, würde ich, glaube ich, dieser unaufhörlichen Reihe von Befürchtungen und grausamen Zweifeln, aus welchen mein Leben gegenwärtig besteht, erliegen. Meine Schwester! Selbst in dieser Entfernung von ihr, zu welcher ich mich habe verurtheilen müssen, habe ich ein Mittel gefunden, mich indirekt an Etwas zu knüpfen, was sie liebt.

Der Name, unter welchem ich jetzt lebe und leben werde, bis mein Vater mir sein Vertrauen und seine Liebe wieder geschenkt, ist der eines kleinen Landgutes, welches früher meiner Mutter gehörte und jetzt Eigenthum ihrer Tochter ist. Selbst die Unglücklichsten haben ihre Laune, ihre letzte und liebste Grille. Ich besitze keinen Gegenstand, der mich an Clara erinnert —— Nichts —— nicht einmal einen Brief.

Der Name, den ich dem Orte entlehnt, welchen sie liebt, ist für mich das, was für Andere, die glücklicher sind als ich, eine Haarlocke, ein Ring oder ein soustiges dergleichen Andenken ist.

Ich hatte angefangen, die einfachen Details meines Lebens in dieser Einsamkeit auseinanderzusetzen. Werde ich damit fortfahren? Heute nicht, denn der Kopf brennt mir und meine Hand ist müde. Wenn ich morgen kein Ereigniß zu berichten habe, so werde ich den Gegenstand, in welchem ich mich hier unterbreche, wieder aufnehmen.

Am 20. October. Nachdem ich gestern die Feder niedergelegt, ging ich aus, um mit meinen armen Nachbarn jene ersten freundschaftlichen Beziehungen zu erneuern, welche während der lehren drei Wochen durch fortwährende Arbeit —— das Niederschreiben des letzten Theils meiner Erzählung —— unterbrochen worden waren. Im Verlaufe einer Promenade zwischen den Hütten und auf der Felsenhöhe bemerkte ich weniger Einwohner als gewöhnlich. Die, welchen ich begegnete, schienen eine ganz andere und sehr eigenthümliche Haltung gegen mich angenommen zu haben. Vielleicht ist dies nur Einbildung von mir, aber es kam mir wirklich vor, als ob sie mich mieden. Eine Frau schloß bei meiner Annäherung rasch die Thür ihrer Hütte, und ein Fischer, dem ich guten Tag wünschte, dankte mir kaum und setzte seinen Weg weiter fort, ohne stehen zu bleiben und ein wenig mit mir zu Plaudern wie gewöhnlich. Auch einige Kinder, welchen ich auf dem Wege zur Kirche begegnete, liefen bei meiner Annäherung davon, indem sie einander Gebärden machten, die ich nicht verstehen konnte. Sollten sie wieder in ihre alten abergläubischen Meinungen zurück verfallen sein, von welchen ich glaubte, daß sie dieselben vollständig überwunden hätten? Oder fühlen meine Nachbarn sich bloß verletzt, weil ich sie diese letzten drei Wochen, ohne es zu wollen, vernachlässigt habe?

Morgen muß ich mir hierüber Gewißheit verschaffen.

Am 2l. October. Ich weiß Alles. Ich war gestern in der That mit Blindheit geschlagen, daß ich nicht die Wahrheit erkannte, die sich mir jetzt plötzlich enthüllt hat.

Heute Morgen ging ich aus, wie ich mir vorgenommen, um zu ermitteln, ob meine Nachbarn während meiner dreiwöchentlichen gänzlichen Zurückgezogenheit andere Gesinnungen als die zeitherigen gegen mich gefaßt hätten oder nicht.

An der Thür der Hütte, welche der meinigen am nächsten steht spielten zwei Kinder, mit denen ich mich gleich in den ersten Tagen nach meiner Ankunft auf ziemlich vertraute Weise bekannt gemacht. Ich näherte mich ihnen, um sie anzureden aber sogleich kam ihre Mutter aus dem Hause und führte sie ohne Weiteres von mir hinweg, indem sie mir einen Blick des Zornes und der Unruhe zuwarf. Ehe ich sie noch fragen konnte, zog sie die Kinder in das Haus hinein und machte die Thür zu.

Beinahe in demselben Augenblicke und wie auf ein vorher verabredetes Signal, kamen drei oder vier andere Frauen aus ihren nicht weit davon entfernten Häusern heraus und riefen mir in lautem, zornigem Tone zu, daß ich weder ihnen noch ihren Kindern zu nahe kommen solle, worauf sie ihre Thüren schlossen.

Ohne noch die Wahrheit zu ahnen, kehrte ich um und lenkte meine Schritte nach dem Strande.

Hier traf ich längs eines alten auf dem Sande liegenden Bootes hin und her schlendernd den Burschen, der mir meine Lebensmittel zu holen pflegte Als er mich sah, erschrak er fast, entfernte sich einige Schritte, blieb dann stehen und rief mir zu:

»Ich bringe Euch künftig Nichts mehr —— mein Vater sagt, er wolle Nichts mehr an Euch verkaufen, möchtet Ihr dafür bezahlen wollen, so viel Ihr wolltet.«

Vergebens fragte ich den Knaben, warum sein Vater dies gesagt. Er gab mir keine Antwort, sondern lief so schnell als seine Füße ihn tragen wollten, nach dem Dorfe zurück.

»Ihr könnt nichts Besseres thun als uns verlassen,« murmelte eine Stimme hinter mir. »Wenn Ihr nicht gutwillig geht, so werden unsere Leute Euch durch den Hunger dazu zwingen.«

Der Mann, welcher diese Worte zu mir sprach, war einer der ersten gewesen, welcher den andern mit dem Beispiele eines freundlichen Benehmens gegen mich vorangegangen war. Ich wendete mich daher an ihn, um den Aufschluß zu erhalten, den kein anderer mir geben wollte.

»Ihr wißt recht wohl, was wir meinen, antwortete er, »und Ihr kennt auch die Gründe, aus welchen man Euch von hier wieder fortgehen sehen möchte.«

Ich betheuerte meine Unwissenheit und bat ihn so dringend, mir eine nähere Erklärung zu geben, daß er wieder stehen blieb, denn er hatte sich schon einige Schritte entfernt.

»Ich will es Euch wohl sagen,« antwortete er, »aber nur jetzt nicht. Ich möchte mich nicht gern in Eurer Gesellschaft sehen lassen.«

Indem er dies sagte, wendete er sich nach den Frauen herum, welche wieder vor ihren Hütten zu erscheinen begannen.

»Geht nach Hauses« setzte er hinzu, »und schließt Euch ein. Wenn es dunkel sein wird, komme ich zu Euch.«

Er kam auch, wie er versprochen. Als ich ihn aber bat, in meine Hütte zu treten, weigerte er sich und sagte, er wolle lieber von außen durch das Fenster mit mir sprechen. Dieser Widerwille, unter mein Dach zu kommen, erinnerte mich daran, daß man vorige Woche mir meine Lebensmittel ebenfalls draußen vor das Fenster gesetzt hatte, anstatt sie, wie früher, mir in mein Zimmer zu bringen. Ich war damals zu angestrengt beschäftigt gewesen, um auf diesen Umstand zu achten, jetzt aber fand ich ihn sehr sonderbar.

»Also,« sagte der Mann, indem er mich durch das Fenster hindurch mißtrauisch ansah, »Ihr wollt mir weiß machen, Ihr wüßtet nicht, aus welchem Grunde wir hier Euch gern fortgehen sehen möchten?«

Ich sagte ihm nochmals, daß ich mir nicht denken könne, warum sie plötzlich Alle ein so verändertes Benehmen gegen mich angenommen hätten, da ich mir durchaus nicht bewußt sei, ihnen Etwas zu leide gethan zu haben.

»Nun dann werdet Ihr es bald erfahren,« antwortete er; »wir wünschen, daß Ihr unser Dorf verlaßt, weil ——«

»Weil,« unterbrach hinter ihm eine andere Stimme, in welcher ich die seiner Frau erkannte, »weil Ihr Unglück über uns und unsere Häuser bringt —— weil wir wünschen, daß die Gesichter unserer Kinder bleiben, wie Gott sie geschaffen hat.«

»Weil,« mischte eine zweite Frau sich ein, »weil Ihr die Rache des Teufels unter gute Christen bringt! Kommt, John, sprecht nicht weiter mit ihm.«

Und sie führten den Fischer mit sich fort, ehe er noch ein einziges Wort hinzufügen konnte.

Ich hatte jedoch genug gehört. Die verhängnißvolle Wahrheit war vor meinen Augen aufgegangen. Mannion war mir nach Cornwallis nachgefolgt, seine Drohungen erfüllten sich buchstäblich.

Um zehn Uhr. —— Ich habe mein Licht zum letzten Male in dieser Hütte angezündet, um einige Zeilen meinem Tagebuche hinzuzufügen. Das Dorf ist ruhig —— ich höre kein Geräusch draußen —— und dennoch, kann ich wohl wissen, ob Mannion sich nicht in demselben Augenblicke in der Nähe meines Hauses umhertreibt?

Schon morgen muß ich mich entfernen und dieses friedliche Asyl verlassen, in welchem ich bis jetzt so ruhig gelebt. Ich kann nicht hoffen, die gute Meinung meiner armen Nachbarn wiederzugewinnen. Er hat ihren blinden, thörigten Aberglauben benutzt, um eine ungegründete, aber erbarmungslose Feindschaft gegen mich anzustiften. Er hat die grausamen Instincte geweckt, welche selbst im Herzen dieser schlichten Leute schlafen, und sie gegen mich aufgeregt, wie er mir vorausgesagt.

Dieser hinterlistige Streich muß im Laufe der letzten drei Wochen begonnen worden sein, als ich nur selten ausging und er wenigerder Gefahr ausgesetzt war, mir auf meinen gewohnten Spaziergängen zu begegnen. Es kann Nichts nützen, wenn ich mir den Kopf zersinne, um die Mittel zu errathen, deren mein Feind sich bedient hat, um seinen Zweck zu erreichen. Ich darf gegenwärtig an weiter Nichts denken, als unverweilt meine Anstalten zur Abreise zu treffen.

Um elf Uhr. —— Eben als ich einige Bücher einpackte, fiel aus einem derselben ein gesticktes Lesezeichen —— Ich erkannte in demselben sofort Clara's Werk —— Bis jetzt hatte ich nicht bemerkt, daß es in diesem Buche lag. Endlich also besitze ich eins Andenken von meiner vortrefflichen Schwester. Wie gering es auch ist, so werde ich es doch in dieser Zeit des Unglücks und der Gefahren treulich bewahren, als eins— Symbol des Trostes.

Ein Uhr nach Mitternacht. Jeden Augenblick werden die Windstöße, welche den Strand entlang sausen, heftiger und ein wüthender Platzregen peitscht meine Fenster. Der ganze Himmel ist in die schwärzeste Finsterniß gehüllt. Der Sturm, welcher sich schon seit mehreren Tagen ankündigte, ist nahe daran, zum vollen Ausbruche zu kommen.

Im Dorfe T*"*, am 22. October. In einem einzigen Tage hat sich Alles geändert und ein neuer Horizont ist mir erschlaffen. Ich muß mich zwingen, Alles mit Einem Male zu erzählen. Ein gewisses Etwas sagt mir, daß, wenn ich diese Aufgabe auch nur bis morgen verschiebe ich dann nicht im Stande sein werde, Etwas zu schreiben. Heute Morgen war ich sehr früh ausgestanden. Es war, glaube ich, noch nicht sieben Uhr, als ich die Thür meiner Hütte hinter mir schloß, um sie niemals wieder zu öffnen. Ich begegnete bloß einem oder zweien meiner Nachbarn, als ich das Dorf verließ. Sie traten auf die Seite, um mich vorbeizulassen, und sprachen kein Wort. Betrübter als ich für möglich gehalten, daß ich wie ein Feind von Leuten fortging, mit welchen ich als Freund gelebt, schritt ich langsam an den letzten Fischerhütten vorüber und den in den Felsen gehauenen Fußsteig hinauf.

Die größte Wuth des Sturmes war erst seit einigen Stunden vorüber. Der Wind hatte sich nach Tagesanbruch ein wenig gelegt, aber die Majestät des gewaltigen Meeres hatte noch Nichts von ihrer erhabenen Furchtbarkeit verloren. Die ungeheuren Wogen des atlantischen Meeres schlugen noch schäumend und brüllend an die Granitmassen der Küste von Cornwallis. Der Himmel war mit einem weißlichen dichten Nebel bedeckt, welcher bald schwer und von Regen triefend dahin schwebte, bald von dem Winde wie ungeheure Rauchwolken fort getrieben ward. Schon in einer Entfernung von wenigen Schritten waren die größten Gegenstände nicht mehr sichtbar und ich hatte Nichts, wonach ich mich richten konnte, als das unaufhörliche Brüllen des Meeres zu meiner Rechten.«

Mein Plan war, bis zu Einbruch des Abends nach Penzance zu gelangen. Darüber hinaus reichte mein Plan nicht und ich hatte keine Idee, welches Asyl ich mir dann wählen würde.

Die schwache Hoffnung, die ich bis jetzt gehegt, der Verfolgung Mannion's zu entrinnen, war so nach auf immer entschwunden. War er mir in diesem Augenblicke wieder auf der Spur? Hierüber hatte ich keine Andeutung, denn der Nebel entzog meinen Blicken alle Gegenstände, welche ich hinter mir ließ. Alles Geräusch des Landes ward durch das unaufhörliche Getöse des Meeres, übertäubt, aber ich zweifelte nicht, daß er mir folge, während ich meinen Weg weiter fortsetzte.

Ich ging langsam und entfernte mich von dem äußersten Küstenrande nur so weit, als nöthig war, um von dem Brausen und Donnern der Wellen nicht betäubt zu werden. Ich wußte, daß ich, wenn auch auf einem langen Umwege, die rechte Richtung verfolgte, so lange ich die Wellen zu meiner Rechten hörte. Hätte ich mich auf einem kürzeren Wege durch das Gebüsch und die Querwege wagen wollen, so würde ich mich bloß in dem Nebel auf eine Weise verirrt haben, daß ich mich nicht so leicht wieder zurechtzufinden vermocht hätte.

Auf diese Weise schritt ich immer weiter, bis ich plötzlich bemerkte, daß das Brausen des Meeres nicht mehr in derselben Art an mein Ohr schlug. Es war mir, als hörte ich es zu beiden Seiten von mir —— rechts sowohl als links.

Ich blieb stehen und bemühte mich, den Nebel zu durchdringen, aber diese Mühe war vergebens. Nur wenige Fuß von mir zeigten sich die Felsen wie Schatten in dem dichten weißlichen Dunste. Ich schritt noch ein wenig weiter, und es dauerte nicht lange, so hörte ich unter meinen Füßen, deutlich unterschieden von dem Brüllen des Meeres, ein dumpfes, zuweilen unterbrochenes Rollen, welches dem des fernen Donners glich. Ich blieb abermals stehen und lehnte mich an einen Felsen. Nach einiger Zeit begann der Nebel nach dem Meere zu sich zu zerstreuen, während er mir zu beiden Seiten so dicht blieb wie zuvor. Ich lenkte meine Schritte weiter nach dieser lichteren Stelle des Himmels, die ich vor mir sah, während das donnernde Getöse immer noch fortdauerte.

Der Nebel lichtete sich ein wenig und ließ mich eine zur Nachtachtung für die Schiffe aufgesteckte Landmarke sehen. Sie stand auf der höchsten Spitze der umliegenden Felsen. Ich kletterte hinauf. Ich sah die grell weiß und roth gemalte Scheibe und gewann nun die Ueberzeugung, daß ich mich von der regelmäßigen Linie der Küste entfernt hatte und in eins der Granitvorgebirge hineingerathen war, welche an der südlichen Küste von Cornvallis in das Meer vorspringen Schon zwei Mal war ich während der ersten Zeit meines Aufenthalts in dem Fischerdorfe bis an diese Stelle vorgedrungen, und jetzt wo ich dasselbe unterirdische Getöse hörte. wußte ich, was die Ursache hiervon war.

Ein wenig jenseits des Plateaus, aus welchem ich stand, senkte sich die Felsenkette plötzlich, um beinahe senkrecht auf eine untere Schicht des steilen Gestades hinabzustoßen.

An einem der höchsten Puncte dieses Granitwalles gab es eine schwarze, gähnende Oeffnung, welche wie ein Tunnel in schräger Richtung durch die Felsen in einen Abgrund von unbekannter und unergründlicher Tiefe führte, in welchen die Meereswogen auf einem unterirdischen Wege eindrangen.

Selbst bei ruhiger Witterung schwieg das Meer in diesem entsetzlichen Schlunde niemals, während eines Sturmes aber tobte es hier mit unbeschreiblicher Wuth. Die Wogen kochten und donnerten in ihrem Kerker, so daß sie gleich einem Erdbeben die granitenen Grundfesten zu erschüttern schienen. Wie hoch sie aber auch gegen die Wände des Felsenschlundes anschlugen, so vermochte das Auge des Beobachter von oben ihre Bewegung doch nicht zu verfolgen, und nur aufsteigende Schaumwolken verriethen ihm den furchtbaren Kampf der Fluthen.

Während ich so den Ort erkannte, an welchen mein Irrthum mich geführt, dachte ich auch an die Gefahren, welche ich längs dem ganzen Felsenwege hinter mir gelassen —— Gefahren an den schmalen Rändern und den unter meinen Füßen verborgenen Abgründen, neben welchen ich, so lange der Nebel sie mir verhüllte, keck vorüber geschritten war. Jetzt aber, wo ich daran dachte, schauderte ich bei dem Gedanken, ihnen von Neuem zu trotzen, so lange der Himmel sich nicht aufgeklärt hätte und ich den Weg deutlich vor mir sähe. Am fernen Horizonte über den schäumenden Wogen ward der Dunstkreis langsam heller und ich beschloß daher, zu warten, bis das Dunkel vollends geschwunden sei, ehe ich mich auf den Rückweg wagte.

Ich stieg nach dem unteren Felsenplateau hinunter, um eine weniger gefährliche Position zu suchen, als die, in welcher ich mich jetzt befand. Als ich mich dem Schlunde näherte, war das Donnern der Wogen darin so furchtbar, daß es nicht bloß das Getöse der äußern Brandung, sondern auch das gellende Gekreisch der Tausende von Seevögeln übertäubte, welche mich von allen Seiten umschwirrten.

Zu beiden Seiten des Abgrunds boten die Felsen, obschon sehr steil, doch für Fuß und Hand sichere Stützpunkte.

Während ich hinabstieg, trieb mich jener Wunsch, die Gefahr in der Nähe zu sehen, jener Wunsch, der so viele Menschen bis an den Rand des Abgrunds führt, den sie gleichwohl fürchten, mich so weit als möglich an die Kante des Riesenschlunds zu wagen und in das Innere hinabzuschauen. Nur schwach erkannte ich die kolossalen, schwarzen, schimmernden Wände und die inneren Felsenvorsprünge mit langem, dünnem Seegras bewachsen, welches sich langsam in dem leeren Raume hin- und her schaukelte, denn unaufhörlich stiegen Dünste wie Rauchwolken und feuchte Schaumsäulen aus den unsichtbaren Tiefen herauf bis auf eine breite, mit Seegras bedeckte Felsenplatte, welche auf der Seite, wo ich stand, gleichsam den»Vorplatz des Abgrundes bildete.

Schon bei dem Anblicke dieser glatten, schlüpfrigen Fläche, welche sich nach den senkrechten Tiefen des gähnenden Schlundes hinabneigte, ward mir schwindlig. Ich drehte mich, sobald ich dies fühlte, herum und that dreißig bis vierzig Schritte nach einer andern Richtung —— nach dem Rande des Vorgebirges, welches sich nach dem Meere abflachte.

Hier zeigten die Felsen ungeheuerliche Formen und bildeten natürliche Grotten und gleichsam überhängende Bücher. Ich lenkte meine Schritte nach einem dieser Felsen, um hier ein Obdach zu finden, bis der Himmel sich aufgeheitert hätte.

Eben war ich bis an den Felsenvorsprung beinahe an den Rand des Gestades gelangt, als ich mich plötzlich am Arme gefaßt und festgehalten fühlte, und durch den Tumult der Wogen, das Brüllen des gähnenden Abgrundes hinter mir und das Gekreisch der Seevögel, die über meinem Haupte hin- und her flatterten, hörte ich die mir laut ins Ohr gerufenen Worte:

»Ihr Leben ist mein. Wollen Sie mir es vielleicht durch einen Selbstmord rauben?«

Ich drehte mich um —— Mannion stand neben mir. Kein Schirm verbarg jetzt die scheußliche Verstümmelung seines Gesichts.

Sein Auge war auf mich geheftet und er zeigte mit dem Finger auf die zweihundert Fuß tief unter uns schäumende Brandung.

»Wollen Sie mir durch einen Selbstmord entrinnen? Ich vermuthete es und dies Mal bin ich Ihnen dicht auf dem Fuße gefolgt —— ich bin Ihnen gefolgt, um Sie dem Tode streitig zu machen.

Bei der Bewegung, die ich machte, um mich von ihm loszureißen und von dem Rande des Abgrundes zurückzuweichen, bemerkte ich, daß mit dem triumphierenden Ausdrucke seines Blickes sich ein scheuer Glanz mischte, welcher an Wahnsinn streifte, und ich dachte an Das, was mir im Hospitale gesagt worden, als man mich ermahnte, vor ihm aus meiner Hut zu sein.

Der Nebel ward immer dichter, jetzt aber, um getrennte Wolkenmassen zu bilden, welche mit jeder Minute unter dem Einflusse des Lichtes, welches durch sie hindurchdrang, eine andere Gestalt annahmen.

Ich hatte schon früher diese plötzlichen Uebergänge bemerkt und wußte, daß sie die Vorläufer der wiederkehrenden Heiterkeit der Atmosphäre waren.

Während ich den Himmel ansah, war Mannion einige Schritte zurückgetreten Er streckte den Arm in der Richtung des Fischerdorfes aus, welches ich diesen Morgen verlassen. »Selbst an diesem fernen Orte,« sagte er, »und unter diesen unwissenden Leuten hat mein verstümmeltes Gesicht gegen Sie gezeugt und Margarethens Tod ist gerächt worden, wie ich Ihnen sagte, daß er es sein würde. Sie sind wie ein Aussätziger wie ein Verfluchter und von diesen armen Fischern vertrieben worden, Sie haben angefangen, Ihr Leben als ein Geächteter der Gesellschaft zu leben, wie ich das meinige gelebt. Der barbarische, ungeheuerliche Aberglaube, den ich hier zu meiner Unterstützung bereit fand, ist die Geißel, mit welcher ich Sie aus Ihrem Asyle heraus gepeitscht habe. Sie fragen sich vielleicht, welche Geduld ich nöthig gehabt, um mich von Ihnen und Ihrer Nähe entfernt zu halten, bis Sie sich in allen diesen Hütten der Armuth Freunde erworben hatten —— wie ich diesen Leuten meine Verstümmelung erklärt, wie ich ihre abergläubischen Gemüther bearbeitet habe, bis sie Ihre Nähe verabscheuten wie die Pest, bis Sie das Schreckbild der Frauen und Kinder wurden. Nicht wahr, Sie wünschen und zittern zugleich, zu erfahren, wie ich Alles so weit gebracht habe? Erinnern Sie sich dessen, was ich Ihnen gesagt und was ich Ihnen geschrieben habe. Erinnern Sie sich, wer ich bin, und Sie werden aufhören, zu erstaunen. Sehen Sie mich jetzt an. Ich bin wieder kräftig geworden. Ich bin nicht mehr der kraftlose Patient des Hospitals. Ueberall, wohin Sie gehen, wird ein kräftiger energischer Feind Ihnen folgen. Ich sage Ihnen nochmals: »Wir sind für das ganze Leben Einer an den Andern gekettet, und wenn ich Sie auch aufgeben wollte, so könnte ich es doch nicht mehr. Es wird eine Freude und Wonne für mich sein, überallhin Ihre Spur zu verfolgen und Sie aufzuscheuchen. Mein Blut glüht, wenn ich daran denke. Sehen Sie, ehe Sie von hier fort gehen, sehen Sie diese aufgeregten Wogen! Sehen Sie sie —— es giebt für sie keine Ruhe und ebenso wenig wird es Ruhe für Sie geben.«

Sein Anblick, während er in dieser wilden Einsamkeit so neben mir stand, der heisere Ton seiner Stimme, welche Wuth und Freude zugleich verrieth, das Getöse des Meeres, welches sich donnernd an den Klippen brach, das Brüllen der in den Tiefen des Felsenschlundes hinter uns eingekerkerten Wogen, das unheimliche Dunkel des Nebels und die seltsamen, phantastischen Formen, welche er jetzt, wo er sich beinahe über unsern Köpfen hinweg wälzte, anzunehmen begann —— Alles, was ich hörte, als Mannion diese letzten Worte sprach, schien mir plötzlich den den Verstand zu rauben. Mein Kopf war wie Feuer und mein Herz wie Eis. ich fühlte eine furchtbare Versuchung, mich auf immer des Elenden zu entledigen, welcher hier vor mir stand, und ihn in den zu meinen Füßen gähnenden Abgrund zu schleudern. Schon streckten sich ohne daß ich es wollte, meine Hände nach ihm aus, —— noch ein Augenblick, und Einer von uns wäre der, Vernichtung geweiht gewesen —— aber noch Zeit genug kehrte ich ihm den Rücken und entfloh, unbekümmert um alle Gefahr, nur um ihn nicht wiederzusehen, über die Fläche des felsigen, zerklüfteten Gestades.

Ehe ich mich noch viele Schritte weit entfernt hatte, gab mir das Getöse eines Wasserfalles unter den Felsen einen Theil der Kaltblütigkeit wieder, deren ich bedurfte.

Dennoch wagte ich noch nicht, mich wieder herumzudrehen, um zu sehen, ob Mannion mir folge, so lange ich den furchtbar gähnenden Abgrund hinter ihm gewahren würde.

Ich begann das obere Felsenplateau ziemlich wieder an derselben Stelle zu ersteigen, an welcher ich herabgekommen war. Auf der Hälfte des Weges blieb ich auf einer ziemlich breiten Plattform stehen und sah, daß ich, um das weitere Aufsteigen bequemer fortzusetzen, erst entweder rechts oder links eine Strecke in horizontaler Richtung zurücklegen mußte.

In diesem Augenblick begann der Nebel sich langsam aufzuhellen. Ich schaute zuerst nach links, um zu sehen, ob meine Füße sich ohne Furcht feststellen könnten, und dann rechts nach der ungeheuren Felsenspalte. In diesem Augenblicke sah ich, obschon undeutlich, die Gestalt Mannion’s, der sich wie ein Schatten unter mir bewegte.

Schon ging er an dem schlüpfrigen Rande des Granitwalles hin, welcher beinahe senkrecht in den Schlund hinabtauchte. Die Atmosphäre klärte sich immer mehr auf und ich überzeugte mich, daß er, durch den Nebel getäuscht, sich gerade der gefährlichsten Stelle genähert hatte. Er blieb stehen, richtete die Augen empor, sah, daß ich ihn beobachtete, hob die Hand und bewegte sie mit drohender Miene in der Luft.

Diese heftige Gebärde war zu rasch gemacht worden. Plötzlich verlor Mannion das Gleichgewicht, taumelte, versuchte sich zu halten, drehte sich halb um sich selbst und stürzte dann rückwärts gerade über den steilen Abhang der Wand des Abgrund.

Das durchnäßte Seegras glitt ihm zwischen den Händen hindurch, als er sich wüthend an einige, Büschel desselben anklammerte. Er machte wahnsinnige Bemühungen, sich wieder auf den äußern Rand des Abhanges zurückzuwerfen, aber mit jeder dieser Anstrengungen glitt er tiefer hinab. An dem äußersten Rande der Felswand, die ihn von dem Schlunde trennte, sah ich ihn wie von einem plötzlichen Schlage zurückprallen, und in demselben Augenblicke sprang ihm ein furchtbarer Schaumstrahl entgegen. Ich hörte einen so durchbohrenden, von jeder menschlichen Stimme so entsetzlich verschiedenen Schrei, daß er selbst den Donner des Wassers zu übertäuben schien. Der siedende Schaum sank wieder.

Eine Secunde lang sah ich zwei blutende Hände sich krampfhaft gegen die schwarze Wand des Schlundes stemmen. Dann brüllten die Wogen in ihren verborgenen Tiefen so entsetzlich wie je, eine neue Schaumlawine sprang in die Luft empor, und als sie zerrann, sah man in dem gähnenden Rachen des Abgrundes Nichts mehr. Nichts bewegte sich mehr an der Felsenwand als einige zerzauste Büschel triefenden Seegrases.

Dieser Anblick lähmte ohne Zweifel in mir die Erinnerung, denn nach diesem Blicke, durch welchen ich die gähnende Tiefe maß, entsinne ich mich keines Umstandes weiter, als daß ich mich an eine breite Felsenwand lehnte, um meine eigene Schwäche vor einem Sturze zu bewahren.

Wie lange diese Zwischenzeit periodischer Besinnungslosigkeit dauerte, weiß ich nicht, aber endlich erweckte, wie mir schien, das wüthende Grollen des Abgrundes mich aus meiner Erstarrung.

Als ich meinen auf die Brust herabgesunkenen Kopf wieder emporrichten, um mich umzusehen, war der Himmel nach dem Meere zu ganz hell und heiter. Der Sonnenschein spiegelte sich in den Kämmen der springenden Wogen und es blieb von dem Nebel Nichts übrig als eine große purpurne Wolke, die sich noch über dem Panorama des Landes hinschleppte.

Ich setzte langsam und mit Mühe meinen Weg längs dem Vorgebirge weiter fort. Meine Schwäche war so groß, daß ich an allen Gliedern zitterte. Ich weiß nicht, welche schwerfällige Unbeholfenheit meinen Willen selbst hinsichtlich der einfachsten Bewegungen gefangen hielt. Mehrmals beunruhigte ich mich ohne Ursache in Bezug auf die Richtung, der ich folgte, und es kostete mir Mühe, mich zu überreden, daß ich nicht nach dem Fischerdorfe zurückkehrte. Das entsetzliche Schauspiel, dessen Zeuge ich so eben gewesen, schien meinen Körper noch mehr erschüttert zu haben als meinen Geist.

Es war mir unmöglich, Ordnung in meine Gedanken zu bringen, und ich konnte mich zum Beispiel nicht überzeugen, daß Mannion wirklich auf die beschriebene furchtbare Weise seinen Tod gefunden habe.

Als ich das Dorf erreichte, wo ich mich jetzt befinde, waren meine Kräfte so erschöpft, daß die Leute des Wirthshauses, wo ich einkehrte, mich beim Ersteigen der Treppe unterstützen mußten. Selbst jetzt noch, nach einer mehrstündigen Ruhe, beginnt die einfache Bewegung, die ich mache, um meine Feder in das Tintenfaß zu tauchen, für mich seine Arbeit und Beschwerde zu sein. Ich fühle ein seltsames Herz klopfen —— meine Erinnerungen verwirren sich wieder —— ich muß aufhören, zu schreiben.

Am 23. October. Das furchtbare Schauspiel, dessen Augenzeuge ich gestern war, hat auf mein Gemüth einen Eindruck gemacht, dessen peinliche Wirkung ich nicht abschütteln kann. Vergebens habe ich mich bemüht; nicht mehr an Mannion's Tod zu denken, sondern vielmehr an die Aussicht auf ein neues und freies Leben, welches dieser Tod mir eröffnet. Mag ich wachen oder schlafen so ist es, als ob ein gewisses Verhängniß meine Geistesfähigkeiten in den schwarzen Mauern des brüllenden Felsenschlundes gefangen hielte. Des Nachts im Traume sehe ich wieder die fahlen blutigen Hände, welche sich festzuklammern suchen, und selbst jetzt in der heitern, frischen Morgenstunde ist noch keine heilsame Veränderung in meinen Gedanken vorgegangen. Wo ist die Zeit, wo die Heiterkeit eines schönen Tages auf mein Gemüth einen so glücklichen Einfluß äußerte?

Am 25. Oktober. Während des ganzen gestrigen Tages habe ich nicht den Muth zusammenraffen können, auch nur eine Zeile meinem Tagebuch hinzuzufügen. Die Kraft, deren ich bedurfte, um meine Empfindungen im Zaume zu halten, ist von mir gewichen. Bei dem mindesten zufälligen Geräusche, welches ich in dem Hause höre faßt mich plötzliches Zittern. Ganz gewiß —— wenn jemals, der Tod eine menschlichen Wesens für ein Anderes eine Ursache der Rettung oder der Befreiung von drohendem Unheile gewesen ist, so ist dies mit Mannion's Tode in Bezug auf mich der Fall, und dennoch hat noch Nichts die Wirkung gemindert, welche der Schrecken, Zeuge dieses Todes gewesen zu sein, auf mich geäußert hat —— Nichts —— nicht einmal die Gewißheit, die ich nun habe, auf immer von einem Todfeinde, dem hartnäckigsten und verzweifelsten, der sich jemals an die Fersen eines andern Menschen geheftet, befreit zu sein.

Am 26. Oktober. Die ganze Nacht bin ich in einem gemischten Zustande zwischen Schlaf und Wachen von beunruhigenden Visionen gequält worden —— Visionen, welche mir meinen letzten einsamen Abend in dem Fischerdorfe wieder vor Augen führten. Dann sah ich wieder Mannion und die blutigen Hände, und dann schwirrten flüchtige Bilder aus dem Leben im Vaterhause an mir vorüber. Clara sitzt neben mir und liest mir vor. Plötzlich ändert sich die Scene abermals. Ich sehe wieder das Zimmer, in welchem Margarethe starb. Ich sehe sie wieder mit ihrem langen schwarzen Haare, welches ihr über das Gesicht herabfällt. Dann versinke ich einige Augenblicke in Bewußtlosigkeit Mannion erscheint wieder. Es ist mir, als ginge er langsam an meinem Bette hin und her, bald oben, bald zu den Füßen —— als überwachte er mich die ganze Nacht —— als ob die Wirklichkeit mir beim Erwachen klar werden würde. Clara geht auf der andern Seite des Zimmers ihm gegenüber hin und her, und Ralph steht zwischen Beiden und hält seine Augen fest auf mich geheftet.

Am 27. October. Ich fürchte, daß meine Geisteskräfte ernstlich erschüttert sind. Sie waren dies schon in Folge der statt gehabten peinlichen Auftritte, ehe ich unter die Felsen des Vorgebirges gerieth. Auch ist es sehr wahrscheinlich, daß mein Nervensystem durch den Zustand fortwährender Aufregung, in welcher ich mich befunden, seitdem ich London verlassen, mehr gelitten hat als ich dachte. Beigetragen hierzu hat jedenfalls auch die unaufhörliche Spannung meines Gemüths beim Niederschreiben Dessen, was mir begegnet ist. Soll ich einen Brief an Ralph schicken? Nein, noch nicht. Er könnte glauben, ich sei ungeduldig und nicht im Stande, meine nothwendige Entfernung mit so viel Ruhe und Entschlossenheit zu tragen, als ich haben soll.

Am 29. October. Die Leute im Wirthshause haben einen Arzt zu mir rufen lassen. Heute kam er. Er schien mir die personificirte Herzensgüte zu sein; in dem Augenblicke aber, wo er in mein Zimmer trat, ward ich von nervösem Zittern ergriffen. Ich ward verlegen, als ich ihm erzählen wollte, was mir begegnet war, und zuletzt konnte ich kein einziges Wort mehr deutlich hervorbringen. Er schien sehr ernst zu sein, als er mich befragte, und eben so als er sich bei meiner Wirthin erkundigte.

Es ist mir, als hätte ich ihn von der Nothwendigkeit, meine Freunde zu benachrichtigen, sprechen hören, doch weiß ich es nicht gewiß.

Am 31. October. Ich werde immer schwächer. Gestern versuchte ich in meiner Verzweiflung an Ralph zu schreiben, aber ich wußte nicht, welche Wendung ich dem Briefe geben sollte. Die gewöhlichsten, alltäglichen Ausdrücke flohen mich in dem Chaos meines Geistes. Ich sah mich genöthigt, meinem Vorhaben zu entsagen. Ich wundere mich, daß ich heute im Stande bin, wieder die Feder zu ergreifen und meinem Tagebuches einige Zeilen Zuzufügen. Wenn ich nicht mehr im Stande sein werde, die Beschäftigung fortzusetzen welche seit einigen Wochen gewissermaßen meine einzige Gewohnheit geworden ist, was wird dann aus mir werden? Werde ich dann die einzige Schutzwehr meines gesunden Verstandes verloren haben?

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Immer schlimmer wird es mit mir! Ich weis nicht mehr, welches Datum wir heute haben. Eben erst hat man mir es gesagt, aber ich kann es mir nicht merken. Ich weiß nicht einmal, wie viele Tage ich schon bettlägerig bin. Es ist mir, als bräche mein Herz und löste sich von Allem ab. O wenn ich Clara wiedersehen könnte, wenn ich sie nur sprechen hörte!

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Der Arzt und ich weiß nicht was für ein Unbekannter, der mit ihm kam, haben meine Papiere geprüft. Ich versuchte dagegen Einspruch zu thun, aber ——

Mein Gott, sterbe ich denn? Sterbe ich in dem Augenblicke, wo Ruhe und Glück wieder für meine Zukunft erwachen?

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Clara, so fern, so fern von ihr! ich besitze Nichts von ihr als das kleine Buchzeichen, Welches sie mir gestickt hat und ——

Ich kann mich nicht mehr bewegen, ich vermag kaum»noch zu, athmen oder zu denken»! Wenn ich in diesem Zustande in mein Vaterhaus gebracht werden könnte, wenn mein Vater mich so wiedersähe, wie ich jetzt bin! Wieder bricht die Nacht ein, dieselben Visionen tauchen wieder auf. Sie versetzen meinen Geist stets wieder in die Mitte der Meinigen, zuweilen in das unbekannte Vaterland des Himmels.

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Clara! Ich sterbe noch vor Verzweiflung und Wahnsinn, wenn sie nicht zu mir kommt. O, man bringe ihr die Nachricht vorsichtig und behutsam bei. Man könnte sie tödten.

Ich sehe ihr reines, ruhiges Antlitz. Ihre thränenfeuchten Augen ruhen liebend auf mir —— aber ich bemerke einen Glanz, der durch die Thränen hindurch leuchtet. So lange dieser Glanz leuchtet, werde ich leben —— aber wenn er zu erlöschen beginnt ——

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Schluß in Briefen.

Erster Brief.

William Penhale, Bergman zu B..... in Cornwallis, an seine Frau in London.

Liebe Marie,

Deinen Brief hab’ ich gestern erhalten und mich mehr gefreut als ich sagen kann, zu hören, daß unsere Tochter Susanne in London ein so gutes Unterkommen gefunden hat und daß sie ihre Herrin so sehr liebt. Grüße Deine Schwester und deren Mann, und sage ihnen, daß das Geld, welches zu dieser Reise nöthig gewesen ist, mich durchaus nicht dauert. Unsere arme Susanne ist noch zu jung, als daß wir sie hätten allein reisen lassen können, und was mich betraf, so mußte ich natürlich hier bleiben, um unsere andern Kinder zu versorgen und zu arbeiten, damit wir die für die Reise geliehene Summe bald wieder bezahlen können. deshalb mußtest Du Susannen begleiten und es versteht sich, daß das Wohlergehen unseres Kindes uns weit mehr Werth sein muß als Geld.

Uebrigens, als ich Dich heirathete, um Dich mit mir nach Cornwallis zu nehmen, versprach ich Dir, Dich eine Reise nach London machen zu lassen, damit Du Deine Freunde besuchen könntest, und nun habe ich mein Versprechen gehalten. Ich sage Dir also nochmals, Du brauchst Dir wegen jenes geborgten Geldes keine Sorge zu machen —— ich werde die Schuld bald wieder abtragen.

Uebrigens habe ich Dir merkwürdige Dinge mitzutheilen, Marie. Du wirst Dich erinnern, daß vor Deiner Abreise die Arbeit in den Kohlenwerken sehr schlecht ging, so daß ich mir die Sache überlegte und bei mir sagte: »Wäre es nicht vielleicht gut, wenn ich einmal nach T*** ginge, um zu sehen, ob ich vielleicht mit dem Fischfange mehr Glück hätte?« Ich ging demzufolge hin und habe bis jetzt alle Ursache, mit meinem Entschlusse zufrieden zu sein, denn ich mache ganz leidliche Geschäfte. Wie Du siehst, bin ich ein Kerl, der sich in Alles zu schicken weiß, und der Fischfang ist dieses Jahr sehr ergiebig deshalb bleibe ich vor der Hand in T***.

Doch nun komme ich auf meine Neuigkeiten zurück.

Die Frau des Schenkenwirths in diesem Dorfe ist, wie Du Dich erinnern wirst, eine weitläufige Verwandte von mir. Es war am dritten Nachmittage, nach Deiner Abreise, und ich stand an ihrer Hausthür und plauderte mit ihr als wir plötzlich einen uns völlig unbekannten jungen Herrn auf uns zukommen sahen. Er schien sehr bleich zu sein und sah aus wie Einer, der seinen Verstand nicht recht beisammen hat. Er redete uns an und fragte, ob er hier übernachten könne; plötzlich aber sank er wie ohnmächtig nieder und ich mußte noch ein paar Leute zu Hilfe rufen, um ihn die Treppe hinaufzuschaffen. Am andern Morgen hörte ich, daß es noch schlimmer mit ihm geworden sei, und den Tag dar auf hatte sich sein Zustand ebenfalls noch nicht gebessert. Die Wirthin, meine Verwandte, war in keiner kleinen Angst, denn der junge Herr war in höchstem Grade, aufgeregt und sprach in ganz seltsamen Worten mit sich selbst —— besonders in der Nacht. Es ist nicht möglich gewesen, ihn zu bewegen, zu sagen, wodurch er in diesen Zustand versetzt worden, oder wer er ist. Wir haben bis jetzt weiter Nichts von ihm erfahren, als daß er von Westen her gekommen ist und unter Fischern gewohnt hat, die sich, wie er sagt, nicht sehr gut gegen ihn benommen haben, was ihnen durchaus nicht zur Ehre gereicht. Ich wollte wetten, daß dieser arme kranke junge Mann ihnen nichts Uebles zugefügt hat.

Das Ende vom Lied war, daß ich selbst den Arzt holte. Als wir in sein Zimmer kamen, fanden wir ihn ganz bleich und zitternd, und er sah uns so schüchtern und furchtsam an, als ob er uns für Mörder hielte. Der Doctor gab seinem Uebel einen Namen, den ich mir nicht habe merken können, äußerte aber dabei, das Gemüth des Kranken sei leidender als sein Körper, und er habe höchstwahrscheinlich einen Schrecken gehabt, der alle seine Nerven erschüttert habe. Das einzige Mitte! zu seiner Wiederherstellung wäre, wie der Doctor meint, die sorgfältige Pflege und Abwartung von Freunden und Verwandten, und der Kranke sagt auch selbst, daß er nicht eher ruhig werden könne als bis er sich unter Bekannten sähe, denn die ihn hier umgebenden fremden Gesichter, steigerten sein Mißbefinden nur noch mehr.

Er schien sich, wie Du Dir denken kannst, sehr nach Hause zu sehnen. Der Doktor fragte ihn, wo seine Bekannten wohnten, aber er wollte es nicht sagen und in den letztvergangenen Tagen ist er noch kränker geworden, so daß er gar nicht verständlich mit uns sprechen kann.

Gestern Abend jagte er uns Allen einen großen Schrecken ein. Der Doctor, welcher hörte, daß ich unten wäre, rief mich hinauf und ersuchte mich, den Kranken zu stützen, während man ihm das Bett machte. Sobald er auf die Füße trat —— ich bin überzeugt, daß ich ihn so behutsam als möglich anrührte —— ward er ohnmächtig und ich glaubte anfangs, er sei todt. Als wir ihn wieder auf das Bett legten, ging ein kleiner Gegenstand von Pappe, hübsch mit Perlen und Seide gestickt, von der Schnur los, mittelst welcher er an seinem Halse hing, und fiel auf die Diele. Ich hob das Ding auf, denn ich gedachte der Zeit, Marie, wo wir Brautleute waren und wo der geringste Gegenstand, der Dir gehörte, mir lieber war als Geld. Ich hob daher das Dingelchen sorgfältig, auf, weil ich glaubte, es sei ohne Zweifel ein Andenken von seiner Geliebten. Und in der That, als ich es ihm zurückgab, hing er es mit seinen kleinen zarten Händen sofort wieder um den Hals und sah mich mit dankbarem Blicke an, als ich es ihm wieder an die Schnur befestigen half.

Gerade als ich damit fertig war, winkte mir der Doktor, daß ich zu ihm an das andere Ende des Zimmers kommen sollte.

»Wenn das so fortgeht,« sagte er leise zu mir, »so verliert der Kranke den Verstand, wo nicht das Leben. Ich muß in seinen Papieren nachsehen, wer seine Freunde sind, und Ihr müßt dabei Zeuge sein.«

Mit diesen Worten öffnete der Doctor den kleinen Koffer des unbekannten jungen Mannes und nahm ein viereckiges versiegeltes Packet und dann zwei oder drei zusammengeheftete Briefe heraus.

Der arme Kranke sah uns mittlerweile zu, als ob er große Lust hätte, uns in dieser Beschäftigung zu unterbrechen. Der Arzt sagte hierauf, er glaube nicht, daß es nöthig sei, das versiegelte Packet zu öffnen, denn die Adresse sei auf allen Briefen dieselbe und entspreche den in die Wäsche eingezeichneten Anfangsbuchstaben.

»Nun,« sagte der Doctor, »weiß ich auch den Ort, wo er wohnt oder vielmehr wo er gewohnt hat, und dorthin werde ich daher zunächst schreiben.«

»Wollen Sie, daß meine Frau den Brief besorge?« sagte ich zu ihm; »sie ist jetzt in London bei unserer Tochter Susanne, und wenn die Freunde des jungen Mannes nicht mehr an dem Orte sein sollten, wohin Sie schreiben, so wird sie weitere Erkundigungen einziehen.«

»Das ist ein guter Gedanke, Penhale,« sagte der Doctor, »so wollen wir es machen. Schreibt an Eure Frau und legt meinen Brief in den Eurigen.«

Ich that wie er mir sagte, und sein Brief liegt hier mit der Angabe des Hauses und der Straße.

Nun aber; liebe Marie verliere keine Zeit, um zu sehen, ob Du etwas entdecken kannst. Die Adresse, welche der Doctor auf seinen Brief geschrieben, ist vielleicht die der Wohnung des jungen Mannes, oder Du findest in diesem Hause wahrscheinlich Leute, die Dir eine andere Adresse geben werden. Gehe sogleich hin und thue uns dann zu wissen, welchen Erfolg Deine Bemühungen gehabt haben denn es gilt, keine Zeit zu verlieren, und wenn Du diesen jungen Herrn sähest, so würde er Dir, eben so wie uns, das innigste Mitleid einflößen.

Mein Brief ist so lang geworden daß das Papier alle ist. Gott nehme Dich und unsere gute Susanne in seinen Schutz. Ich bin wie immer

Dein Dich liebender Gatte

William Penhale.

Zweiter Brief.

Marie Penhale an ihren Gatten.

Lieber William,

Susanne läßt Dich und ihre Geschwister tausend Mal grüßen. Sie hat wirklich hier ein sehr gutes Unterkommen gefunden und ihre Herrin ist sehr freundlich gegen sie. Meine Schwester Martha und deren Mann lassen Dich ebenfalls grüßen. Und nun, nachdem ich mich dieser Aufträge entledigt, will ich Dir einige gute Nachrichten für den armen jungen Herren geben, der so krank in T*** liegt.

Gleich nachdem ich bei Susannen gewesen und ihr Deinen Brief vorgelesen, begab ich mich in das Haus, dessen Adresse der Doctor auf seinen Brief geschrieben. Ach, was war das für ein vornehmes Hau! Ich getraute, mir erst kaum die Klingel zu ziehen. Endlich jedoch faßte ich Muth und sofort öffnete mir ein großer dicker Herr mit weißgepudertem Haar die Thür.

»Ich wollte fragen,« sagte ich, indem ich auf dem Briefe des Doktors stehenden stehenden Namen zeigte, »ob Freunde dieses Herrn hier wohnen.«

»Das will ich meinen!« sagte er. »Sein Vater und seine Tochter wohnen hier. Was wollt Ihr von ihnen?«

»Ich möchte sie diesen Brief lesen lassen,« antwortete ich. »Sie werden daraus erfahren, daß der junge Herr in unserer Gegend sehr gefährlich krank liegt.«

»Meinen Herrn könnt Ihr nicht sprechen« antwortete der gepuderte dicke Mann, »denn er ist so unwohl, daß er das Bett hütet, und mit Miß Clara geht es auch nicht besser. Ihr werdet daher wohl thun, wenn Ihr mir den Brief dalaßt.«

Während er dies sagte, schritt eine ziemlich bejahrte Dame —— später habe ich erfahren, daß es die Haushälterin war —— durch die Hausflur und fragte mich, was ich wolle. Nachdem sie mich angehört, verrieth ihre Miene plötzlich große Aufregung.

»Komm mit, liebe Frau,« sagte sie zu mir. »Ihr werdet Miß Clara mehr nützen als alle Aerzte zusammengenommen thun könnten. Aber es muß ihr dies Alles mit großer Vorsicht beigebracht werden und ehe sie den Brief sieht, denn ihre Gesundheit ist eine höchst schwache.«

Wir gingen die Treppe hinauf, die mit einem so schönen Teppiche belegt war, daß ich mir kaum getraute, mit meinen schmutzigen Schuhen darauf zu treten. Die Haushälterin öffnete eine Thür sprach einige Worte hinein, die ich nicht verstehen konnte, und ließ mich dann in das Zimmer treten, in welchem sich die junge Dame befand.

O William! ihr Gesicht war das sanfteste und freundlichste welches ich je in meinem Leben gesehen. Dabei aber war sie so bleich, und es lag ein so trauriger Blick in ihren Augen, als sie mich ersuchte, Platz zu nehmen, daß es mir ganz weich ums Herz ward, als ich an die Nachrichten dachte, die ich ihr brachte. Ich konnte anfangs gar nicht reden und ohne Zweifel wird sie gedacht haben, daß irgend Etwas mich verlegen mache, denn sie faßte mich bei der Hand und bat mich, nicht eher zu sprechen, als bis ich mich erholt und gefaßt haben würde. Dies sagte sie aber in so freundlichem Tone und sah mich dabei auf eine Weise an, daß ich einfältiges Weib anfing zu weinen, anstatt ihr zu antworten, wie ich doch hätte thun sollen.

Dies war aber dennoch wohlthätig für mich und ich konnte ihr erzählen, wie es mit ihrem Bruder ginge, ehe ich ihr den Brief des Doctors übergab. Sie öffnete ihn nicht, sondern blieb steif und unbeweglich wie eine steinerne Bildsäule vor mir stehen, und es war, als könne sie weder weinen noch sprechen noch sich rühren. Ich erschrak so sehr, sie in einem so beunruhigenden Zustande zu sehen, daß ich ganz vergaß, in was für einem vornehmen Hause ich mich befand und was für eine vornehme Person ich hier vor mir hatte. Ich faßte sie daher ohne Weiteres in die Arme, um sie neben mich auf das Sopha zu sehen, gerade so wie ich mit unserer Susanne zu thun pflegte, wenn sie bekümmert war und ich sie trösten wollte. Es gelang mir auch, sie ein wenig wieder zu beruhigen, und sie legte ihr schönes Haupt auf meine Schulter und dann fing sie an zu weinen. Dadurch ward ihr Herz erleichtert und sie stammelte nun ein Dankgebet zu Gott, daß ihr Bruder wieder gefunden worden und daß gute Menschen sich seiner angenommen.

Sie hatte nicht den Muth, den Brief des Arztes selbst zulesen, und ich las ihr ihn daher vor. Der Doctor sprach darin über die Gesundheit des jungen Herrn gerade nicht auf sehr beruhigende Weise, sagte aber, wenn man ihm sorgfältige Pflege angedeihen ließe und ihn wieder in befreundete Umgebung brächte, so würde dies sehr viel thun.

Hierauf fragte sie mich, wann ich die Rückreise nach Cornwallis anträte und ich antwortete: »So bald als möglich« —— denn es ist auch wirklich die höchste Zeit, daß ich wieder nach Hause komme, William. »Wartet,« sagte hierauf die junge Dame Zu mir, »wartet, bis ich diesen Brief meinem Vater gezeigt habe.«

Und damit eilte sie aus dem Zimmer. Nach einigen Minuten kam sie mit ganz verklärtem Gesichte wieder. Sie war mit einem Male. wie umgewandelt und sagte, ich hätte durch das Ueberbringen dieses Briefes die Familie so glücklich gemacht, daß sie mir nie genug dafür danken könne. Es dauerte nicht lange, so trat hinter ihrein Herr ins Zimmer —— ihr älterer Bruder, wie sie mir sagte, und liebenswürdigste Herr, den ich jemals gesehen. Er drückte mir die Hand wie einer alten Bekannten, und sagte, sei die erste Person, die einer Familie dadurch Wohlthaten erzeigt, daß sie ihr schlimme Nachrichten überbracht. Hierauf fragte er mich, ob, ich bereit wäre, den nächsten Morgen früh mit ihm, der jungen Dame und einem ihm befreundeten Arzte nach Cornwallis zurückzureisen Ich hatte mir ohnedies schon vorgenommen, heute von unserer guten Susanne Abschied zu nehmen, und antwortete daher: »Ja.« —— Die guten Leute ließen mich nicht eher fort, als bis sie mir Etwas zu essen und zu trinken vorgesetzt, und die gute junge Dame ließ sich von Susannen erzählen und in welchem Hause sie diene, und that dann allerhand Fragen über Dich, unsere Kinder, gerade so, wie man sich nach Freunden und Nachbarn erkundigt. Das arme gute Herz! Sie sagte, daß sie den morgenden Tag kaum erwarten könne!

Endlich ließ man mich fort und ich ging wieder zu Susannen, um noch so lange als möglich bei ihr zu bleiben, ehe ich Abschied von ihr nähme. Sie ertrug die Trennung jedoch ganz muthig und standhaft, der Himmel nehme sie in seinen Schutz, und ich bin überzeugt, daß; er es thun wird, denn nie hat eine Mutter eine bessere Tochter gehabt.

Mein lieber William, ich fürchte, daß dieser Brief sehr schlecht geschrieben ist, aber die Thränen stehen mir in den Augen, wenn ich an Susannen denke, und ich fühle mich von Allem, was ich gesehen habe, so aufgeregt und ermüdet! Morgen früh werden wir in einem Wagen abreisen, den wir auch auf der Eisenbahn mitnehmen. Ihr werdet große Augen machen, wenn Ihr mich mit so vornehmen Leuten in einer so schönen Equipage kommen seht. Wahrscheinlich geschieht dies gleich nach meinem Briefe; aber ich wollte doch nicht unterlassen, an Dich zu schreiben, damit Du dem armen jungen Herrn die guten Nachrichten, die ich Dir melde, zuvor mittheilen kannst. Ich glaube, er wird gleich um Vieles besser werden, sobald er nur hört, daß sein Bruder und seine Schwester ihn abholen wollen, um ihn wieder in das Vaterhaus zurückzuführen. Ich kann Dir Nichts weiter schreiben, lieber William Ich bin zu müde. Ich sage Dir bloß, daß ich mich sehr freue, Dich und die Kinder wiederzusehen.

Deine Dich liebende

Marie Penhale.

Dritter Brief.

Der Verfasser der vorstehenden Selbstbiographie an
Mr. J. Bernard.

(Das Datum dieses Briefes ist beinahe neun Jahr älter
als das der beiden ersten Briefe.)

Lanzeath Cottage, den. ——.

Lieber Freund,

Wenn ich Ihrem letzten Briefe glauben darf, so zweifeln Sie, daß ich mich noch der Umstände erinnere, unter welchen ich Ihnen vor länger als acht Jahren ein gewisses Versprechen gegeben. Sie irren sich aber, denn keiner jener Umstände ist meinem Gedächtnisse entfallen. Um Sie davon zu überzeugen, will ich sie Ihnen kurz recapituliren und Sie werden daraus ersehen, daß ich Nichts vergessen habe.

Nach meiner Rückkehr aus Cornwallis —— könnte ich wohl jemals den Augenblick vergessen, wo ich Clara und Ralph an mein Bett treten sah! —— als die schwere Nervenkrankheit, an welcher ich so lange gelitten, der liebreichen durch Ihren Eifer und Ihre Geschicklichkeit unterstüzten sorgsamen Pflege meiner Familie, gewichen war, war einer meiner lebhaftesten Wünsche, Ihnen die ganze Dankbarkeit, mit welcher ich die vortrefflichen Freundschaftsdienste, die Sie mir geleistet, würdige, dadurch zu beweisen, daß ich in Sie dasselbe Vertrauen setze, welches ich, den theuersten und nächsten Verwandten schenken würde. Von dem Augenblicke an, wo wir uns in dem Hospitale kennen lernten, habe ich bei den so schweren physischen und moralischen Anfechtungen, denen ich unterworfen gewesen, stets auf Ihre Hingebung rechnen können, und durch Sie Beweise von dem, Zartgefühle und der persönlichen Selbstverleugnung eines ächten Freundes erhalten.

Ich glaubte, ich sei Ihnen vor allen Dingen schuldig, Ihnen mitzutheilen, durch welche Verhältnisse ich in die Situation versetzt worden, in welcher Sie mich fanden, als Sie meinen Bruder und meine Schwester nach Cornwallis begleiteten. deshalb habe ich als ein theures Vermächtniß und als einen Ihnen allein gegebenen Beweis von Vertrauen die Erzählung, die ich über meinen Fehltritt und dessen furchtbare Folgen niedergeschrieben, in Ihre Hände gelegt. Ich wäre damals nicht im Stande gewesen, Ihnen mündlich zu erzählen, was mir begegnet ist, und selbst nach diesem Zwischenraume von mehreren Jahren wäre die Aufgabe noch eine zu schwere für mich.

Nachdem Sie diese Geschichte der der verhängnisvollsten Epoche meines Lebens gelesen, haben Sie mich bei der Rückgabe des Manuscripts dringend aufgefordert, die die Veröffentlichung desselben noch bei meinen Lebzeiten zu gestatten. Ich habe die Richtigkeit der Beweggründe gewürdigt, welche Sie veranlaßt haben, mir diesen Rath zu geben. Ich habe zugegeben, daß Veränderung der Namen, der Oertlichkeiten und der Daten, uns gegen die Gefahr der Entdeckung der Persönlichkeit einer Person dieser Geschichte schützen würde; gleichzeitig aber habe ich Ihnen auch gesagt, daß ein anderes Hinderniß, welches seinen Grund in einer sehr natürlichen Rücksicht hatte, mich verhinderte, Ihrem Rathe zu folgen.

So lange mein, Vater lebte, konnte ich ein Manuscript, in welchem er als sich auf die feindseligste Weise von seinem Sohne trennend geschildert ist, nicht der Oeffentlichkeit preisgeben. Wir trugen selbst in unserem engeren Zirkel Bedenken, wieder von diesen traurigen Ereignissen, zu sprechen, und wären sie in, der Gestalt einer gedruckten Erzählung einmal dem Bereiche der Oeffentlichkeit anheimgefallen, so hätte ein schlimmer Zufall die Augen und die Erinnerung meines Vaters auf' Neue dadurch betrüben können.

Sie ließen diesen meinen Gegengründen Gerechtigkeit widerfahren und versprachen mir; im Falle ich vor meinem Vater sterben sollte, dieses Manuscript nicht zu veröffentlichen, so lange er lebe.

Indem Sie auf diese Bedingungen eingingen, stellten Sie zugleich mir ebenfalls eine, nämlich die, daß, wenn ich meinen Vater überlebte, ich dann, weil das von mir geltend gemachte Hinderniß beseitigt sei, Ihren Wunsch erfüllen sollte. Dies versprach ich und dies waren die Umstände, unter welchen ich Ihnen dieses Versprechen gab.

Ich glaube, mein Gedächtniß wird Ihnen treuer erscheinen als Sie glaubten.

Mit Ihrem gewohnten Zartgefühle haben Sie seit dem Tode meines Vaters sechs Monate verstreichen lassen, ehe Sie mich daran erinnert haben. Und Sie haben wohl daran gethan. Ich habe Zeit gehabt, zu fühlen, wie tröstlich es für mich sei, mich zu erinnern, daß ich im Laufe dieser letzten Jahre meinem Vater das Leben versüßt unangenehm gemacht habe. Ich habe die Gewißheit, daß nur der Lauf der Natur seinen Tod herbeigeführt und daß ich ihm niemals Anlaß gegeben habe, die vollständige und vertrauensvolle Versöhnung zu bereuen, welche gleich nach unserer ersten freien Unterredung bei meiner Rückkehr in meine Familie stattfand.

Noch aber habe ich nicht Ihre Frage beantwortet, welche dahin lautet, ob ich jetzt geneigt sei, die Veröffentlichung meiner Erzählung unter der Bedingung zu gestatten, daß alle Namen und Orte, welche darin erwähnt werden, verborgen bleiben und daß nur Sie nebst Ralph und Clara in mir den Verfasser meiner eigenen Geschichte kennen.

Ich antworte Ihnen hierauf, daß ich damit einverstanden bin. Binnen einigen Tagen wird eine sichere Hand Ihnen dieses Manuscript wieder zustellen. Mein Bruder und meine Schwester haben gegen die Veröffentlichung Nichts zu erinnern, sobald sie unter den eben angedeuteten Vorbehalten erfolgt, und ich zögere daher nicht länger, von der mir gegebenen Erlaubniß Gebrauch zu machen. Ich habe den leichtsinnigen Charakter meines Bruders Ralph nicht beschönigt, aber die brüderliche Herzensgüte und die männliche Großmut, welche diesen Leichtsinn doppelt aufwiegt, werden, hoffe ich, in meiner Erzählung eben so zu Tage treten wie in der Wirklichkeit.

Was Clara, meine geliebte Schwester, betrifft, so habe ich nur das Bedauern auszusprechen, daß es mir höchstwahrscheinlich nicht gelungen ist, ihren herrlichen Charakter so zu schildern, wie er es verdient.

Dennoch aber bleibt noch Eine Schwierigkeit.

Welchen Schluß werden wir den Blättern geben, die ich im Begriffe stehe, Ihnen zu schicken? Im Vergleiche mit gewöhnlichen Romanen hat meine Geschichte gar keinen wirklichen Schluß, wenn man nicht als einen solchen die Ruhe betrachten will, welche auf die Leiden gefolgt ist, die wir Jeder zu ertragen gehabt haben. Für mich ist es eine Ruhe im Leben gewesen, für Andere die Ruhe im Grabe, die einzige, welche so vielen Menschen beschieden ist. Es ist eine ruhige, natürliche, allerdings sehr einfache Lösung, die aber dennoch vielleicht nicht ohne Lehre und Werth ist.

Wäre es wohl gerathen, daß ich bloß, um Effekt zu erzielen, einen erdichteten Schluß machte und durch die Phantasie beendete, was von Anfang an bis jetzt nur Wahrheit gewesen ist? Ganz gewiß nicht, denn auf diese Weise würde dem Interesse der Kunst eben so wenig gedient sein als dem der Wahrheit.

Alles, was ich nach den letzten Zeilen, die ich meinem Tagebuche hinzugefügt, noch zu erzählen hätte, ist auf die einfachste, wahrste und folglich beste Weise in den Briefen von William und Marie Penhale ausgedrückt, die ich Ihnen mit meinem Manuscripte zusendete. Als ich wieder nach Cornwallis kam, um den guten Bergmann und seine Frau zu besuchen und ihnen mündlich meinen Dank für ihre so vortreffliche Handlungsweise gegen mich zu erkennen zu geben, entdeckte ich, indem ich allerhand Fragen in Bezug auf die Vergangenheit an sie that; daß sie noch die Briefe besaßen, welche sie während meiner Krankheit in T*** meinetwegen an einander geschrieben. Ich bat sie um die Erlaubniß, eine Abschrift von diesen beiden Documenten zu nehmen, die besser als das, was ich selbst hinzufügen könnte, eine Lücke in meiner Geschichte ausfüllen werden.

Diese wackern Leute waren damit einverstanden und fühlten sich stolz, mir zu beweisen, daß sie nach wie vor ihrer Verheirathung ihre ganze Correspondenz gewissenhaft aufbewahrt hatten, zum Zeugnis, daß ihre gegenseitige Liebe unverändert geblieben. Dennoch bestanden sie mit rührender Einfachheit darauf, daß ich ihre schlichte Ausdrucksweise ein wenig glätten und polieren möchte, damit diese Briefe sich besser läsen, wie sie meinten.

Sie werden aber ganz wie ich der Ansicht sein, daß meine Idee die bessere war und daß die beiden Briefe so buchstäblich gedruckt werden müssen, wie sie von meiner Hand abgeschrieben worden. Die Sprache der Herzensgüte besitzt eine Beredsamkeit, welche die Kunst zuweilen nachahmen, aber nicht verbessern kann. Nun, nachdem ich auf diese Weise für die Fortsetzung meiner Geschichte bis zur Rückkehr in mein väterliches Haus gesorgt, habe ich nur einige Worte in Bezug auf die Art und Weise hinzuzufügen, wie das Manuscript druckfertig gemacht werden soll.

Selbst gegenwärtig kann ich es nicht über mich gewinnen, es nochmals durchzulesen, und ich überlasse daher Andern die Sorge, die nothwendigen Verbesserungen zu bewirken, jedoch unter Einer Bedingung, nämlich der, daß in den Stellen, wo ich ein Ereigniß erzählt oder einen Charakter beschrieben, Nichts geändert werden darf, weder um sie auszuschmücken, noch um Etwas darin zu streichen.

Ich weiß recht wohl, daß gewisse Leser geneigt sind, sogar die Wahrheit für unwahrscheinlich zu halten, so lange sie nicht das Zeugniß der persönlichen Erfahrung für sich hat, und eben aus diesem Grunde bleibe ich fest bei meinem Entschlusse, Nichts weiter hinzuzufügen. Alles, was ich geschrieben habe, ist die Wahrheit und muß so bleiben. An meinem Styhle mögen Sie alle Verbesserungen vornehmen, die Sie für angemessen erachten mögen, die Charaktere und Ereignisse aber müssen so bleiben wie sie sind.

Was die noch lebenden Personen meiner Geschichte betrifft, so habe ich über sie sehr wenig zu, sagen, was die Mehrzahl der Leser interessieren könnte.

Der Mann, den ich unter dem Namen Sherwin vorgeführt, lebt, glaube ich, noch und wohnt in Frankreich, wohin er sich kurz nach den in meiner Geschichte erwähnten letzten Ereignissen zurückgezogen hat. Sein Geschäftsführer hatte in seinem Geschäfte ein neues System eingeführt, welches er, nachdem er diesen verloren, dennoch auf eigne Faust und auf demselben Fuße fortführen wollte. Dies war sein Verderben. Seine Geschäfte geriethen in Unordnung und Verwirrung, eine Handelskrisis kam dazu, welcher er nicht gewachsen war, und er erklärte sich insolvent, nachdem er trotz des Schiffbruches seines Vermögens aus unredliche Weise so viel beiseite gebracht, daß er die Mittel zu seinem ferneren Lebensunterhalte hatte. Vor einigen Jahren hörte ich von ihm als von einem Manne sprechen, der, wie er den englischen Bewohnern der Stadt, die er zu seinem Aufenthalte gewählt, erzählt hat, unverdienter Weise von schweren häuslichen Unfällen betroffen worden ist und seinen Kummer mit exemplarischer Frömmigkeit und Ergebung zu tragen weiß.

Was die andern Personen betrifft, an welche meine Geschichte erinnert und die jetzt nicht mehr sind, so kann und mag ich nicht mehr davon sprechen. Ich kann nicht, ohne vor Entsetzen zu schaudern, an jenen Theil der düsteren Vergangenheit denken, wo ihr Leben sich mit den meinigen verflocht.

Zwei Namen giebt es, welche meine Lippen seit Jahren nicht ausgesprochen haben und auch bis an das Ende meiner Tage nicht wieder aussprechen werden. Die Nacht des Todes hat sich über sie herabgesenkt und wie könnte ich wagen, diesen Vorhang wieder lüften zu wollen!

Was meine Zukunft betrifft, so ruhet sie noch in Ungewißheit und meine Gedanken weilen daher bei der Gegenwart mit einer Zufriedenheit, welche keine Veränderung begehrt. Seit fünf Monaten haben Clara und ich unsern Wohnsitz auf dem kleinen Landgute genommen welches früher Eigenthum ihrer Mutter war und jetzt ihr gehört. Schon lange vor dem Tode unseres Vaters sprachen wir schon unter uns von den schönen Tagen, welche wir hier zu verleben wünschten, wie wir sie jetzt verleben. Dann und wann verlassen wir allerdings Lanzeath Cottage, kehren aber immer bald wie in unsere wahre Heimath hierher zurück.

Die Jahre der Zurückgezogenheit welche ich nach meiner Wiederherstellung in unserm alten Familienschlosse zugebracht, haben in mir nicht einmal den Wunsch erweckt, wieder in der Welt zu erscheinen.

Ralph der jetzt das Haupt unserer Familie ist, der sich durch das Bewußtsein seiner neuen Pflichten zur Höhe seiner neuen Stellung erhoben hat, Ralph, der schon viele Gewohnheiten abgelegt, welches früher wesentliche Schattenseiten von ihm waren, hat mir geschrieben, daß er alle Hilfsquellen, die ihm jetzt zu Gebote stehen, benutzen würde, wenn ich mich entschließen wollte, mich dem öffentlichen Leben zu widmen.

Diese Absicht aber liegt mir noch fern. Jetzt will ich noch in Dunkel, in Frieden und Zurückgezogenheit leben. Ich habe zu viel gelitten, ich bin zu grausam verwundet worden, als daß ich darnach trachten könnte, einen Plan unter den Helden des Ehrgeizes einzunehmen und mir durch Kampf einen Weg zu bahnen. Mögen Andere muthig den steilen Pfad der Thätigkeit erklimmen, für mich birgt das schattige Thal der Ruhe künftige Hoffnungen und gegenwärtiges Glück.

Ich spreche aber durchaus nicht von einer Ruhe, die keine Pflichten hätte und die in der Praxis des Lebens zu Nichts nützte —— die Hilfsbedürftigen in der kleinen Sphäre, welche mich umgiebt, zu unterstützen, Denen, welchen Noth und Mangel zu viel Hindernisse in den Weg geworfen, dieselben beseitigen zu helfen, meinen Geist durch alle Kenntnisse zu stärken, welche ihn geeigneter machen können, die Absichten des großen Wesens zu durchdringen, welches über uns Allen wacht, mich jeden Tag zu bemühen, die sich stets gleichbleibende vollkommene Zuneigung einer geliebten Schwester zu verdienen, welche mir an diesem theuern Heerde Gesellschaft leistet —— dies sind die einzigen theuern Pläne, mit welchen ich mich noch befreunden kann. Möge es mir vergönnt sein, lange genug zu leben, um sie durchzuführen und ich habe dann Nichts mehr von dem Leben zu verlangen.

Es hält mich nun Nichts mehr ab, diesen Brief zu beenden. Ich habe Ihnen alle Materialien mit getheilt, die zum Schlusse meiner Geschichte nöthig sind, und Ihnen alle Instructionen gegeben, welche Sie in den Stand setzen können, diese Geschichte zu veröffentlichen. Bewirken Sie diese Veröffentlichung, wie und wann Sie wollen, denn in Bezug auf die Aufnahme, welche sie bei dem Publikum finden wird, habe ich keinen bestimmten Wunsch auszusprechen. Für mich genügt es, zu wissen, daß ich sie trotz ihrer sonstigen Mängel aufrichtig und der Wahrheit gemäß, ohne falsche Scham, aber auch ohne Dünkel oder Ueberhebung niedergeschrieben habe.

Wenn Sie übrigens noch irgend eine andere Auskunft, die ich vielleicht versäumt habe zu geben, zu erhalten wünschen, so schreiben Sie mir, oder noch besser, kommen Sie selbst, um aus meinem eignen Munde zu hören, was Sie zu wissen wünschen. Sehen und beurtheilen Sie selbst das Leben, welches ich jetzt führe und ferner führen werde, so wie es wirklich ist. Gönnen Sie sich in Ihrem angestrengten ehrenvollen Berufe einmal einige Tage Muße und besuchen Sie uns in unserem kleinen Landhause. Clara verbindet ihre Einladung mit der Meinigen, denn niemals wird sie vergessen, was ich Ihrer Freundschaft verdanke, niemals wird sie —— eben so wenig als ich —— müde werden, Ihnen zu zeigen, daß wir fähig sind, sie zu verdienen. Sie werden meine Schwester noch ganz so finden, wie sie früher war —— die verkörperte unerschöpfliche Herzensgüte.

Leben Sie also wohl bis auf Wiedersehen! Ziehen Sie keine übereilten Schlüsse aus dem einsamen Leben, welches ich in diesen letzten Jahren geführt. Glauben Sie nicht, daß das Unglück mein Herz erkältet oder meinen Geist entnervt habe. Die vergangenen Leiden haben vielleicht Einfluß auf mein Temperament gehabt, aber sicherlich ohne der Seele zu schaden. Im Gegentheile haben sie dieselbe gestählt Ihnen verdanke ich, daß ich nun endlich klar sehe, was anfangs nur eine verworrene Wahrnehmung für mich war. Ich habe begriffen, welchen Gebrauch ich von meiner Existenz machen kann, indem ich nach einem höheren Beifalle trachte, als der Ruhm vor Menschen ist. Ich fühle jetzt den edelsten Ehrgeiz, den einzigen, welcher Kraft genug besitzt um sich über die Grenzen dieses kurzen Lebens hinaus zu erwecken. In der That habe ich trotz dieser so einfachen zurückgezogenen Existenz meine Bestrebungen, mein Ziel. Alles, theurer Freund, was wir durch unsere Gesinnungen oder durch unsere Fähigkeiten in dieser Welt Gutes thun können, steigt wie ein Lobgesang der Menschheit zur ewigen Welt empor. Und sind unter den tausend und abertausend Stimmen, welche diese Hymne des Weltalls bilden, die, welche man hienieden und auf den irdischen Höhen am weitesten vernimmt, nicht zugleich die sanftesten und reinsten, welche durch den Raum hindurch zu dem Throne des Unvergänglichen aufsteigen und sich in der reinsten Harmonie mit dem Chore der Engel mischen?

Diese Frage ist eine erhabene und unseres Nachdenkens würdige. Lassen Sie, lieber Freund, Ihr Herz darauf antworten und dann werden Sie mir sagen, ob das einsamste, dunkelste Leben, ob selbst ein Leben, wie das meinige, nicht durch ein dauerndes Streben veredelt und einem höhern Ziele zugewendet sein kann.

Ich bin fertig. Die milde Frische dieses Sommerabends hat mich während des Schreibens überrascht, und Clara's Stimme —— die Stimme, welche, wie sonst so auch jetzt noch, Behagen und Heiterkeit des Geistes um sich her verbreitet, fordert mich auf, aus dem Bosket unseres Gartens herauszukommen, um die am fernen Horizonte in das Meer hinabsinkende Sonne zu betrachten. Noch ein Mal —— leben Sie wohl!

Ende des dritten und letzten Bandes.



Kapiteltrenner


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