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Der Mondstein



Fünfzehntes Capitel

Wir fanden Mylady in ihrem nur durch eine kleine Arbeitslampe erleuchteten Zimmer. Ihr Gesicht war von dem Lampenschirm beschattet. Statt in ihrer gewohnten raschen Weise uns anzusehen, heftete sie ihre Augen fest auf ein vor ihr liegendes offenes Buch.

»Herr Beamter,« sagte sie, »ist es für die von Ihnen geleitete Untersuchung von Wichtigkeit, daß Sie davon in Kenntniß gesetzt werden, ob eine im Hause befindliche Person dasselbe zu verlassen wünscht?«

»Von der größten Wichtigkeit, Mylady.«

»In diesem Fall habe ich Ihnen mitzutheilen, daß Fräulein Verinder beabsichtigt, ihre Tante, Mrs. Ablewhite, in Frizinghall zu besuchen. Sie hat ihre Einrichtungen getroffen, uns morgen in aller Frühe zu verlassen.«

Sergeant Cuff sah mich an. Ich that einen Schritt vorwärts, um Mylady anzureden, da ich aber fühlte, daß mir der Muth dazu fehlte, that ich den Schritt wieder zurück und sagte nichts.

»Darf ich Sie fragen, Mylady, wann Fräulein Verinder den Entschluß gefaßt hat, ihre Tante zu besuchen?« fragte der Sergeant.

»Vor ungefähr einer Stunde.«

Der Sergeant sah mich zum zweiten Male an. Man sagt, alte Leute seien der Aufregung wenig unterworfen! Mein Herz hätte mit fünfundzwanzig Jahren nicht stärker schlagen können, als in diesem Augenblick.

»Ich habe kein Recht,« sagte Cuff, »Fräulein Verinder in ihren Handlungen zu behindern. Alles, was ich Sie zu thun bitte, ist, wo möglich zu bewirken, daß sie etwas später abreist. Ich muß morgen früh selbst nach Frizinghall, und werde spätestens um zwei Uhr zurück sein. Wenn Fräulein Verinder bis dahin zurückgehalten werden könnte, möchte ich ihr gern, bevor sie abreist, ohne daß sie darauf vorbereitet wäre, zwei Worte sagen.«

Mylady hieß mich dem Kutscher die Ordre überbringen, daß der Wagen für Fräulein Rachel morgen nicht vor zwei Uhr vorfahren solle.

»Haben Sie mir noch etwas zu sagen?« fragte sie dann den Sergeanten.

»Nur noch ein Wort, gnädige Frau. Sollte Fräulein Verinder über diese veränderten Dispositionen erstaunt sein, so wollen Sie gefälligst nicht erwähnen, daß ich dieselben veranlaßt habe.«

Mylady blickte plötzlich von ihrem Buch aus, als ob sie noch etwas sagen wolle —— that sich aber Gewalt an und entließ uns dann schweigend mit einer Handbewegung.

»Das ist eine ausgezeichnete Frau,« bemerkte Sergeant Cuff in der Halle »Wenn sie sich nicht so zu beherrschen wüßte, so wäre es mit dem Geheimniß, das Sie, Herr Betteredge, so quält, zu Ende.«

Bei diesen Worten drang die Wahrheit endlich in meinen dummen alten Kopf. Im ersten Augenblick war ich, glaube ich, ganz von Sinnen. Ich faßte den Sergeanten beim Kragen und drückte ihn gegen die Wand.

»Hol’ Sie der Teufel« rief ich — »mit Fräulein Rachel ist etwas nicht in Ordnung und das haben Sie schon die ganze Zeit vor mir geheim gehalten.«

Sergeant Cuff sah zu mir auf, ohne eine Hand aufzuheben oder auch eine Muskel seines melancholischen Gesichts zu zucken.

»Was Sie sagen?« antwortete er, »haben Sie es endlich errathen?«

Ich ließ ihn los und mein Kopf sank auf meine Brust.

Der Leser möge sich zur Entschuldigung für meine Heftigkeit erinnern, daß ich der Familie fünfzig Jahre lang gedient habe. Fräulein Rachel war als Kind oft genug auf meine Knie geklettert und» hatte mich am Backenbart gezupft Fräulein Rachel war nach meiner Meinung trotz aller ihrer Fehler die hübscheste und beste junge Herrin, die jemals ein alter Diener verehrt und bedient hatte. Ich bat Sergeant Cuff um Verzeihung, aber ich that es, fürchte ich, mit Thränen in den Augen und in einer nicht sehr angemessenen Weise.

»Bettrüben Sie sich nicht, Herr Betterredge,« sagte der Sergeant in einem freundlicheren Tone, als ich von ihm zu erwarten irgend berechtigt war. »Wenn Leute meines Berufs leicht empfindlich sein wollten, so wären sie nicht das Salz zur Grütze werth. Bitte, fassen Sie mich getrost noch einmal am Kragen, wenn es Sie irgend erleichtert. Sie verstehen sich ganz und gar nicht darauf; aber in Betracht Ihrer gerechtfertigten Empfindungen will ich Ihnen Ihre Ungeschicklichkeit zu Gute halten.«

Er zuckte in seiner melancholischen Weise mit den Mundwinkeln und schien zu glauben, daß er einen sehr guten Witz gemacht habe.

Ich führte ihn in mein kleines Zimmer und schloß die Thür hinter uns. »Sagen Sie mir die Wahrheit, Sergeant,« sagte ich. »Wohin geht Ihr Verdacht? Es wäre nicht freundlich von Ihnen, es noch länger vor mir zu verbergen.«

»Ich habe gar keinen Verdacht,« sagte der Sergeant. »Ich bin meiner Sache gewiß.«

Mein unglückliches Temperament fing wieder an, die Herrschaft über mich zu gewinnen.

»Wollen Sie mir damit zu verstehen geben,« rief ich aus, »daß Fräulein Rachel ihren eignen Diamanten gestohlen hat?«

»Ja,« antwortete der Sergeant, »das meine ich und das sage ich Ihnen. Fräulein Verinder hat sich von Anfang an heimlich im ungestörten Besitz des Mondsteins befunden und Rosanna Spearman in ihr Vertrauen gezogen, weil sie voraus zu sehen glaubte, daß wir Rosanna des Diebstahls für schuldig halten würden. Da haben Sie die ganze verwickelte Geschichte in zwei Worten. Fassen Sie mich nur getrost wieder am Kragen, Herr Betteredge. Wenn es Ihrem Herzen die mindeste Erleichterung verschafft, fassen Sie mich nur wieder an.«

Gott sei mir gnädig! Das konnte mir keine Erleichterung verschaffen. »Theilen Sie mir Ihre Gründe mit,« war Alles, was ich sagen konnte.

»Meine Gründe sollen Sie morgen hören; wenn Fräulein Verinder sich weigert, den Besuch bei ihrer Tante aufzuschieben, wie es unzweifelhaft geschehen wird, so werde ich morgen genöthigt sein, Ihrer Herrin den ganzen Fall vorzulegen, und da ich nicht weiß, wozu das führen kann, werde ich Sie bitten gegenwärtig zu sein, um zu hören, was auf beiden Seiten gesprochen wird. Lassen Sie die Sache jetzt ruhen, Herr Betteredge, heute Abend bekommen Sie kein Wort über den Mondstein mehr aus mir heraus. Hier ist das Abendbrod für uns bereit. Das ist eine der menschlichen Schwächen, die ich mit Vorliebe behandle. Wollen Sie klingeln, so will ich das Tischgebet sprechen. Für alle gute Gabe. . .«

»Ich wünsche Ihnen guten Appetit dazu, Sergeant,« sagte ich. »Mir ist der Appetit vergangen. Ich will dafür sorgen, daß Sie gut bedient werden, und dann mit Ihrer gütigen Erlaubniß fortgehen und sehen, ob ich nicht allein wieder zu Gange kommen kann.«

Ich sorgte dafür, daß ihm die besten Bissen vorgesetzt wurden und wäre nicht böse gewesen, wenn er an diesen besten Bissen erstickt wäre. In diesem Augenblick trat der Obergärtner Begbie mit seiner Wochenrechnung herein. Der Sergeant ließ sich auf der Stelle in ein Gespräch über Rosen und die Vorzüge von Graswegen vor Kieswegen mit ihm ein.

Ich überließ die Beiden einander und ging mit schwerem Herzen hinaus. Das war seit vielen Jahren der erste Verdruß, den ich nicht durch einen Zug aus meiner Pfeife loswerden konnte und der selbst den Wirkungen Robinson Crusoe’s widerstand.

In meiner Ruhelosigkeit und traurigen Gemüthsverfassung machte ich, da es mir in diesem Augenblick an einem eigenen Zimmer fehlte, einen Gang auf der Terrasse und überdachte die Sache in Ruhe und Frieden. Auf das, was ich dachte, kommt nicht viel an. Ich fühlte mich jämmerlich alt und abgenutzt und meiner Stelle nicht mehr gewachsen und fing zum ersten Mal in meinem Leben darüber nachzudenken an, wann es Gott wohl gefallen werde mich zu sich zu nehmen. Bei alledem aber hielt ich fest an meinem Vertrauen auf Fräulein Rachel. Wenn Sergeant Cuff der König Salomo in aller seiner Glorie gewesen wäre und mich versichert hätte, daß mein junges Fräulein in ein unwürdiges und schuldvolles Complott verwickelt sei, so hätte ich auch für den weisen Salomo nur die einzige Antwort gehabt: Sie kennen sie nicht und ich kenne sie.

Aus meinem Nachdenken wurde ich durch Samuel aufgestört. Er brachte mir eine geschriebene Botschaft von meiner Herrin. Während ich mit ihm in’s Haus ging, um die Ordre bei Licht zu lesen, bemerkte Samuel, daß das Wetter sich zu ändern scheine. Mein bekümmerter Gemüthszustand hatte mich verhindert, darauf zu achten. Aber jetzt, wo ich aufmerksam geworden war, hörte ich die Hunde ängstlich bellen und den Wind leise stöhnen. Zum Himmel aufschauend sah ich die Wolken vom Winde gejagt sich immer schwärzer zusammenballen und immer rascher den Mond verhüllen. Ein böses Wetter war im Anzuge —— Samuel hatte Recht.

Die Botschaft Mylady’s benachrichtigte mich, daß sie von dem Magistrat in Frizinghall eine Zuschrift in Betreff der drei Indier erhalten habe, demzufolge die Spitzbuben Anfangs nächster Woche nothwendig wieder in Freiheit gesetzt werden müßten. Falls wir noch weitere Fragen an sie zu richten hätten, wäre daher keine Zeit zu verlieren. Da sie dies bei ihrer letzten Begegnung mit Sergeant Cuff gegen ihn zu erwähnen vergessen habe, so bat mich meine Herrin jetzt, es nachträglich zu thun.

Die Indier waren mir total entfallen, wie es ohne Zweifel auch dem Leser ergangen sein wird. Ich vermochte nicht einzusehen, wozu es dienen könne, aus sie zurückzukommen Indessen parirte ich selbstverständlich aus der Stelle meiner Ordre.

Ich fand Sergeant Cuff und den Gärtner mit einer Flasche schottischen Whisky zwischen sich bis über die Ohren in eine Diskussion über Rosenzucht vertieft. Der Sergeant war von derselben so eingenommen, daß er mir die Hand mit einer Bewegung entgegenhielt, welche mich das Gespräch nicht unterbrechen hieß. So weit ich dasselbe verstand, war die Frage, um die es sich zwischen ihnen handelte, ob die weiße Moosrose, um gut zu gedeihen, auf die wilde Rose gepfropft werden müsse oder nicht. Der Obergärtner Begbie sagte »Ja«; Sergeant Cuff sagte »Nein«. Sie appellirten an mich mit dem hitzigen Eifer von einem Paar streitenden Knaben. Da ich von der Rosenzucht absolut gar nichts verstand, so steuerte ich einen mittleren Curs —— gerade wie es die Richter machen, wenn das Züngelchen an der Wage der Gerechtigkeit genau einsteht.

»Meine Herren« bemerkte ich, »es läßt sich viel für beide Ansichten sagen.«

Während des durch diesen unparteiischen Ausspruch zeitweilig eingetretenen Waffenstillstands legte ich Mylady’s geschriebene Botschaft auf den Tisch unter die Augen des Sergeanten.

Ich hatte in jenem Augenblick schon einen herzhaften Groll gegen den Sergeanten gefaßt, aber, der Wahrheit die Ehre zu geben, sein Scharfsinn war wahrhaft bewundernswerth.

Eine halbe Minute, nachdem er die Botschaft gelesen, hatte er sich des Berichts des Oberbeamten Seegreaf erinnert, den Theil desselben in’s Auge gefaßt, welcher die Indier betraf, und hatte seine Antwort bereit. Er fragte mich, ob nicht ein berühmter Reisender, welcher der indischen Sprache kundig gewesen sei, in dem Bericht eine Rolle gespielt habe. Ich bestätigte das. Gut! Ob ich den Namen und die Adresse des Herrn kenne? Ich bejahte diese Frage. Auch gut!« Ob ich die Güte haben wolle, dieselben auf die Rückseite von Mylady’s Botschaft zu schreiben? —— Ich that es. Sehr verbunden! Sergeant Cuff erklärte, er wolle den Herrn am nächsten Morgen, wenn er nach Frizinghall komme, aufsuchen.

»Versprechen Sie sich davon irgend etwas?« fragte ich. »Der Oberbeamte Seegreaf fand die Indier so unschuldig wie das Kind im Mutterleibe.«

»Alle Behauptungen des Oberbeamten Seegreaf haben sich bis jetzt als falsch erwiesen,« antwortete der Sergeant. »Es lohnt sich der Mühe, morgen zuzusehen, ob sich der Oberbeamte Seegreaf nicht auch in Betreff der Indier geirrt hat.«

Mit diesen Worten wandte er sich wieder zu dem Gärtner Begbie und nahm die Discussion mit demselben genau an derselben Stelle wieder auf, wo ich sie unterbrochen hatte.

»Die zwischen uns streitige Frage, Herr Gärtner, ist eine Frage des Bodens und der Jahreszeit, der Sorgfalt und der Geduld. Erlauben Sie mir, Ihnen die Frage noch aus einem andern Gesichtspunkte vorzuführen. Sie nehmen Ihre weiße Moosrose ——«

Das waren die letzten Worte, die ich hinausgehend beim Schließen der Thür hörte.

Auf meinem Wege fand ich Penelope unbeschäftigt herumstehen und fragte sie, worauf sie warte.

Sie wartete auf das Klingeln ihres jungen Fräuleins, das für sie ein Zeichen sein werde, daß sie mit dem Einpacken für die am nächsten Tage bevorstehende Reise fortfahren solle. Durch weitere Fragen brachte ich heraus, daß Fräulein Rachel als Grund ihres Wunsches, ihre Tante in Frizinghall zu besuchen, angegeben habe, daß ihr der Aufenthalt unter einem Dache mit dem widerwärtigen Polizeibeamten unerträglich sei. Als sie vor einer halben Stunde erfahren habe, daß ihre Abreise bis um 2 Uhr Nachmittags am nächsten Tage verschoben worden, sei sie ganz außer sich gerathen. Mylady, die gerade zugegen gewesen, habe ihre Tochter wegen ihres Benehmens scharf getadelt und habe dann —— augenscheinlich um derselben etwas allein zu sagen — Penelope hinausgeschickt. Mein Kind war äußerst niedergeschlagen über den veränderten Zustand der Dinge im Hause.

»Alles geht verkehrt, Vater; alles ist jetzt anders als früher. Mir ist zu Muth, als ob wir Alle von einem schrecklichen Unglück bedroht wären.«

Mir selbst war eben so zu Muth. Aber ich nahm mich vor meiner Tochter zusammen. Während wir so miteinander sprachen, ertönte Fräulein Rachel’s Glocke. Penelope eilte die Hintertreppe hinauf, um mit dem Einpacken fortzufahren. Ich ging in die Halle, um zu sehen, was der Barometer über die Veränderung des Wetters besage. In dem Augenblick, wo ich mich der von der Halle in die Domestikenräume führenden Flügelthür näherte, wurde dieselbe von der andern Seite her mit der größten Heftigkeit geöffnet, und Rosanna Spearman eilte mit dem Ausdruck großer Bestürzung und mit einer Hand auf dem Herzen, als ob dieses der Sitz ihres Kummers sei, an mir vorüber.

»Was ist Dir, mein Kind?« fragte ich, ihr in den Weg tretend; »bist Du krank?«

»Um Gottes willen, sprechen Sie nicht mit mir«, antwortete sie, und dabei entwand sie sich meinen Armen und lief auf die Domestikentreppe zu. Ich rief der Köchin, die in der Nähe war, zu, nach dem armen Mädchen zu sehen. Außer der Köchin waren noch zwei andere Personen so nah, daß sie uns hätten hören können. Sergeant Cuff schoß rasch und wie ein Pfeil aus meinem Zimmer und fragte, was vorgefallen sei. Ich antwortete: »Nichts«. Im nächsten Augenblick riß Herr Franklin die Flügelthür aus und winkte mir in die Halle zu kommen, wo er auch fragte, ob ich etwas von Rosanna Spearman gesehen habe.

»Sie ist eben in diesem Augenblick mit einem ganz verstörten Gesicht und in einer sehr ausfallenden Weise an mir vorüber gelaufen, Herr Franklin.«

»Ich fürchte, Betteredge, ich bin die unschuldige Ursache dieser Verstörung.«

»Sie, Herr!«

»Ich weiß es mir nicht zu erklären,« erwiderte Herr Franklin, »aber wenn das Mädchen etwas mit dem Verlust des Diamanten zu thun hat, so glaube ich wahrhaftig, sie war vor noch nicht zwei Minuten im Begriff, mir, und mir allein von allen Menschen in der Welt, alles einzugestehen.«

Als ich bei seinen letzten Worten nach der Flügelthür blickte, kam es mir vor, als werde sie von der inneren Seite ein klein wenig geöffnet.

Sollte Jemand horchen? Die Thür hatte sich schon wieder geschlossen, bevor ich zusehen konnte. Als ich einen Augenblick später durch die Thür sah, glaubte ich die Schöße von Sergeant Cuffs respectablem Frack eben um die Ecke verschwinden zu sehen. Er wußte so gut wie ich, daß er jetzt, wo ich über die Spuren, die er bei seinen Nachforschungen verfolgte, unterrichtet war, keine Hilfe mehr von mir zu erwarten habe. Unter diesen Umständen entsprach es seinem Charakter vollkommen, daß er sich selbst und zwar aus Schleichwegen zu helfen suchte.

Da ich aber meiner Sache nicht völlig gewiß war und nicht gern unnöthigerweise Unheil anstiften wollte, wo —— Gott weiß es! — schon Unheil genug im Schwange war, sagte ich zu Herrn Franklin, einer der Hunde scheine sich ins Haus geschlichen zu haben —— und bat ihn dann mir mitzutheilen, was zwischen ihm und Rosanna vorgefallen sei.

»Gingen Sie gerade durch die Halle?« fragte ich. »Trafen Sie sie zufällig, als Sie mit ihnen sprach?«

Herr Franklin deutete aus das Billard hin.

»Ich spielte eben mit den Bällen,« sagte er, »und suchte mir die unglückselige Diamantengeschichte aus dem Kopf zu schlagen, — da blickte ich auf und siehe! da stand Rosanna Spearman neben mir wie ein Geist. Diese Art, sich an mich heranzuschleichen, war so sonderbar, daß ich wirklich im ersten Augenblick nicht wußte, was ich thun solle. Da ich ihre ängstlichen Mienen sah, fragte ich sie, ob sie mich zu sprechen wünsche. Sie antwortete: »Ja, wenn ich darf« Da ich wußte, welcher Verdacht auf ihr ruhe, konnte ich mir diese Sprache nur auf eine Weise erklären. Ich gestehe, daß ich mich dabei sehr unbehaglich fühlte. Ich hatte durchaus kein Verlangen, der Beichtvater des Mädchens zu werden. Auf der andern Seite durfte ich mich, in Betracht der schwierigen Lage, in der wir uns hier jetzt befinden, doch nicht für berechtigt halten, ihr mein Ohr zu verschließen, wenn sie wirklich entschlossen war, mit mir zu reden. Ich befand mich in einer unbequemen Position, aus der ich mich, fürchte ich, ungeschickt genug herauszog. Ich sagte zu ihr: »Ich verstehe Dich nicht ganz. Wünschest Du, daß ich etwas für Dich thue? Denken Sie nicht, Betteredge, daß ich dabei unfreundlich war! Das arme Mädchen kann nichts dafür, daß sie häßlich ist. Dessen war ich mir wohl bewußt. Ich hatte noch einen Billardstock in der Hand und fuhr fort, mit den Bällen zu spielen, um mich von dem Gefühl der Unbehaglichkeit zu befreien. Bald aber zeigte es sich, daß ich damit die Sache nur schlimmer machte. Ich fürchte, ich habe sie unabsichtlich gekränkt. Plötzlich eilte sie wieder davon. »Er denkt an die Billardkugeln! an Alles eher als an mich!« hörte ich sie sagen. Bevor ich sie noch zurückhalten konnte, war sie schon aus der Halle.

Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache, Betteredge, Möchten Sie es wohl übernehmen, Rosanna zu sagen, daß ich nicht unfreundlich gegen sie habe sein wollen? Ich bin vielleicht in meinen Gedanken etwas hart gegen sie gewesen. Ich habe beinahe gehofft, daß der Verlust des Diamanten auf sie zurückgeführt werden könne. Nicht aus irgend einer Abneigung gegen das arme Mädchen, sondern ——«

Hier hielt er inne, trat wieder an das Billard und fing wieder an, mit den Kugeln zu spielen.«

Nach dem, was zwischen dem Sergeanten und mir vorgefallen war, wußte ich so gut wie Herr Franklin selbst, was er unausgesprochen gelassen hatte.

Nichts als die Entdeckung der Spuren des Mondsteins bei dem zweiten Hausmädchen konnte jetzt Fräulein Rachel von dem infamen Verdachte befreien, der nach Sergeant Cuff’s Ansicht auf ihr ruhte. Es handelte sich nicht mehr darum, die aufgeregten Nerven unseres jungen Fräuleins zu beschwichtigen, sondern darum, ihre Unschuld zu beweisen. Wenn Rosanna nichts gethan hätte sich zu compromittiren, so wäre die Hoffnung, welche Herr Franklin gehegt zu haben bekannte, in der That hart genug gewesen. Aber so lag die Sache nicht. Sie hatte sich krank gestellt und war heimlich nach Frizinghall gegangen. Sie war die ganze Nacht auf gewesen, um heimlich etwas herzustellen oder zu vernichten. Und sie war, gelinde gesagt, unter sehr verdächtigen Umständen an jenem Abend am Zitterstrand gewesen. Aus allen diesen Gründen konnte ich, so leid mir Rosanna that, Herrn Franklins Art, die Sache anzusehen, bei seiner Stellung weder unnatürlich noch unverständig finden. Ich sprach mich in diesem Sinne gegen ihn aus.

»Ja, ja,« erwiderte er. »Aber es ist doch eine, wenn auch sehr schwache Möglichkeit vorhanden, daß Rosanna’s Benehmen eine Erklärung zuläßt, die wir jetzt noch nicht begreifen. Es widerstrebt mir, hart gegen Frauen zu sein, Betteredge Sagen Sie dem armen Geschöpf, um was ich Sie gebeten habe, und wenn sie gern mit mir sprechen will —— einerlei, ob ich dadurch in Ungelegenheit gerathe oder nicht —— so schicken Sie sie mir in die Bibliothek.«

Mit diesen freundlichen Worten legte er den Billardstock hin und ging fort.

Aus meine Frage im Domestikenzimmer erfuhr ich, daß Rosanna sich auf ihr Zimmer zurückgezogen habe. Sie hatte allen Beistand entschieden abgelehnt und nur gebeten, sie in Ruhe zu lassen. Für diesen Abend war es also mit ihrem Geständniß (wenn sie wirklich ein solches hatte ablegen wollen) nichts. Ich berichtete dieses Resultat an Herrn Franklin, der darauf die Bibliothek verließ und zu Bett ging.

Ich war eben im Begriff, die Lampen zu löschen und die Fenster zu schließen, als Samuel mit Nachrichten von den beiden Gästen, die ich in meinem Zimmer gelassen hatte, zu mir trat. Die Discussion über die weiße Moosrose war offenbar zu Ende geführt worden. Der Gärtner war nach Hause gegangen und Sergeant Cuff in den unteren Regionen allein zurückgeblieben.

Ich sah in mein Zimmer. Samuels Bericht bestätigte sich. Nichts in dem Zimmer verrieth die Gäste, die es eben verlassen hatten, als ein Paar leere Gläser und ein starker Geruch von Grog. War der Sergeant allein auf das für ihn bereit stehende Schlafzimmer gegangen? Ich ging hinaus, um nachzusehen.

Auf dem zweiten Treppenabsatz angelangt, kam es mir vor, als höre ich an meiner linken Seite ein ruhiges und regelmäßiges Athmen. Auf meiner linken Seite lag der Corridor, welcher zu Fräulein Rachel’s Zimmer führte. Ich sah näher zu und siehe, da lag und schlief auf drei quer über den Weg stehenden Stühlen, ein rothes Tuch um seinen grauen Kopf gebunden, mit seinem zum Kissen zusammengerollten respectablen schwarzen Frack unter dem Kopfe, Sergeant Cuff.

Er erwachte, rasch und ruhig wie ein Hund, in dem Moment, wo ich mich ihm näherte.

»Gute Nacht, Herr Betteredge!« sagte er. »Und vergessen Sie’s nicht, wenn Sie jemals dazu kommen, sich mit der Rosenzucht zu beschäftigen: die weiße Moosrose gedeiht nur, wenn sie nicht aus die wilde Rose gepfropft wird, was auch der Gärtner für die entgegengesetzte Ansicht sagen mag.«

»Was machen Sie hier?« fragte ich. »Warum sind Sie nicht in Ihrem Bett?«

»Ich liege nicht in meinem Bett,« antwortete der Sergeant, »weil ich zu den vielen Leuten in dieser elenden Welt gehöre, welche ihren Unterhalt nicht leicht und ehrlich zugleich erwerben können. Offenbar bestand ein Zusammenhang zwischen dem Entschluß Fräulein Verinder’s, das Haus zu verlassen, und der Rückkehr Rosanna Spearman’s vom Strande. Was Rosanna auch immer versteckt haben mag, so viel ist für mich klar, daß ihr junges Fräulein nicht fortgehen konnte, bis sie wußte, daß jenes Etwas wirklich versteckt sei. Beide müssen diesen Abend schon einmal im Geheimen mit einander verkehrt haben. Für den Fall, daß sie es versuchen sollten, noch einmal zusammenzukommen, wenn es im Hause ruhig geworden ist, will ich ihnen im Wege sein und es verhindern. Sie dürfen den Eingriff in Ihre Schlafzimmer-Dispositionen nicht mir, sondern nur dem Diamanten zur Last legen, Herr Betteredge.«

»Ich wünschte zu Gott, der Diamant hätte nie seinen Weg in dieses Haus gefunden.« brach ich aus.«

Sergeant Cuff blickte mit einem kläglichen Gesicht auf die drei Stühle, auf welchen die Nacht zuzubringen er sich selbst verurtheilt hatte, und erwiderte feierlich: »Ich auch»


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