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Der Mondstein



Achtzehntes Capitel.

Als wir im Hause eintrafen, war die Schreckensbotschaft von einigen uns vorausgeeilten Gutsleuten bereits überbracht worden. Wir fanden die Dienerschaft in einem Zustande der höchsten Aufregung. Als wir an Mylady’s Zimmer vorüberkamen, wurde die Thür von innen heftig aufgestoßen und meine Herrin trat, gefolgt von Herrn Franklin heraus. Sie rang vergebens nach Fassung, die Todesnachricht hatte sie ganz außer sich gebracht. »Das haben Sie zu verantworten« rief sie laut mit einer furchtbar drohenden Handbewegung gegen den Sergeanten. »Gabriel, geben Sie dem Elenden sein Geld und befreien Sie mich von seinem Anblick.«

Der Sergeant war der einzige unter uns, der im Stande war, es mit ihr aufzunehmen, denn er allein hatte die Fassung nicht verloren.

Mylady,« sagte er, »ich habe diesen betrübenden Unglücksfall so wenig zu verantworten, wie Sie. Wenn Sie nach Verlauf einer halben Stunde noch darauf bestehen, daß ich dieses Haus verlasse, so werde ich Ihre Entlassung, gnädige Frau, aber nicht Ihr Geld annehmen.« Er sprach diese Worte in einem höchst respectvollen, aber sehr festen Tone und sie verfehlten ihre Wirkung sowenig auf meine Herrin, wie auf mich. Sie ließ sich von Herrn Franklin in ihr Zimmer zurückführen. Als sich die Thür hinter ihnen geschlossen hatte, bemerkte der Sergeant, der sich unter den weiblichen Dienstboten in seiner beobachtenden Weise umsah, daß, während alle Uebrigen nur erschrocken schienen, Penelope weinte. —— »Kommen Sie doch,« sagte er zu ihr, »wenn Ihr Vater seine nassen Kleider gewechselt haben wird, in sein Zimmer, um mit uns zu reden.«

Noch ehe eine halbe Stunde vergangen war, hatte ich trockene Kleider angezogen und Sergeant Cuff aus meiner Garderobe gleichfalls mit dem Nöthigen versehen. Penelope trat herein, um zu hören, was der Sergeant von ihr wolle. Ich glaube, ich hatte noch nie so lebhaft empfunden, was für eine gute pflichttreue Tochter ich habe, wie in jenem Augenblick. Ich nahm sie auf den Schooß und betete für sie. Sie verbarg ihr Gesicht an meinem Busen, schlang ihre Arme um meinen Hals und wir schwiegen eine kleine Weile. Der Sergeant trat an’s Fenster und blickte hinaus. Es schien mir nur schicklich, ihm für dieses rücksichtsvolle Benehmen zu danken und das that ich.

Vornehme Leute, die sich des höchsten Luxus in allen Dingen erfreuen, können sich auch den Luxus, ihren Gefühlen nachzugeben, erlauben. Geringe Leute dürfen sich das nicht gestatten. Die Noth, welche die Vornehmen verschont, hat mit uns kein Mitleid. Wir müssen es lernen, unsere Gefühle zurückzudrängen und unser Joch, geduldig weiter zu tragen. Dies soll keine Klage sein, sondern nur eine Bemerkung. Penelope und ich standen dem Sergeanten zu Diensten, sobald er sich wieder an uns wandte. Auf die Frage, was ihre Kameradin wohl zum Selbstmord veranlaßt haben möge, antwortete meine Tochter, wie es der Leser nicht anders erwarten wird, daß es die Liebe zu Herrn Franklin Blake gewesen sei. Auf die fernere Frage, ob sie diese ihre Auffassung bereits irgend Jemandem mitgetheilt habe, antwortete Penelope, sie habe Rosanna’s wegen der Sache gegen Niemanden Erwähnung gethan. Hier schien es mir nothwendig, ein Wort hinzuzufügen und ich sagte:

»Und auch Herrn Franklin’s wegen, liebes Kind. Wenn Rosanna aus Liebe zu ihm gestorben ist, so ist es ohne sein Wissen und ohne seine Schuld geschehen. Laß ihn, wenn es dazu kommt, heute ohne den unnöthigen Kummer der Kenntniß des wahren Sachverhalts abreisen.«

Sergeant Cuff bemerkte nur: »Ganz richtig!« und beobachtete dann wieder ein Schweigen, während dessen er, wie mir schien, Penelopes Auffassung mit seiner eigenen, von dieser abweichenden, die er aber für sich behielt, verglich.

Nach Verlauf einer halben Stunde schellte Mylady.

Auf dem Wege zu ihr begegnete ich Herrn Franklin, der eben aus ihrem Wohnzimmer kam. Er bemerkte, daß Mylady bereit sei, Sergeant Cuff, wie schon mehrfach, in meiner Gegenwart zu sprechen und fügte hinzu, daß er selbst noch vorher dem Sergeanten zwei Worte zu sagen wünsche.

Als wir zusammen wieder nach meinem Zimmer zurückgingen, stand er in der Halle still, um die dort hängende Tabelle der Abgangszeiten der Eisenbahnen anzusehen.

»Wollen Sie uns wirklich verlassen, Herr Franklin?« fragte ich. »Fräulein Rachel wird sicherlich wieder zur Vernunft kommen, wenn Sie ihr nur Zeit lassen.«

»Sie wird wieder zur Vernunft kommen,« antwortete Herr Franklin, »wenn sie hört, daß ich abgereist bin und daß sie mich nicht wiedersehen wird.«

Es schien mir, als ob er unter dem Eindruck der Behandlung sprach, die ihm von meinem jungen Fräulein widerfahren war. Aber dem war nicht so. Mylady hatte von dem Augenblick an, wo zuerst Polizeibeamte in unser Haus gekommen waren, bemerkt, daß die bloße Erwähnung von Franklins Namen Fräulein Rachel völlig außer sich bringe. Er hatte seine Cousine zu sehr geliebt, um sich jenen Sachverhalt fest einzugestehen, bis sich ihm die Wahrheit in dem Augenblick gewaltsam aufdrängte, wo sie zum Besuch ihrer Tante abfuhr.

Nachdem ihm die Augen endlich so grausam geöffnet waren, hatte Herr Franklin seinen Entschluß gefaßt —— den einzigen Entschluß, den ein Mann von Herz fassen konnte —— das Haus zu verlassen.

Was er dem Sergeanten zu sagen hatte, sprach er in meiner Gegenwart. Er erklärte, daß Mylady bereit sei, anzuerkennen, daß ihre Aeußerung von vorhin übereilt gewesen sei, und fragte, ob Sergeant Cuff sich nun bereit finden lassen wolle, sein Honorar anzunehmen und die Angelegenheit des Diamanten auf sich beruhen zu lassen. Der Sergeant antwortete: »Nein, mein Herr, ich empfange mein Honorar dafür, daß ich meine Pflicht thue, und werde es daher in diesem Fall nicht annehmen, bis meine Pflicht gethan ist.«

»Ich verstehe Sie nicht!« erwiderte Herr Franklin.

»So will ich mich näher erklären« entgegnete der Sergeant. »Als ich hierher kam, übernahm ich es, das nöthige Licht über die Angelegenheit des verlornen Diamanten zu verbreiten. Ich bin bereit und warte nur auf die Möglichkeit mein Wort zu lösen. Nachdem ich Lady Verinder den Fall dargelegt haben werde, wie er jetzt liegt, «und nachdem ich mich gegen sie klar darüber ausgesprochen haben werde, welche Wege jetzt zur Wiedererlangung des Mondsteins einzuschlagen sein würden, werde ich mich meiner Verantwortlichkeit ledig fühlen. Dann mag Verinder selbst entscheiden, ob ich mein Verfahren fortsetzen soll oder nicht. Erst dann werde ich gethan haben, was ich zu thun übernommen habe, und bereit sein, mein Honorar anzunehmen.«

Durch diese Worte führte Sergeant Cuff uns zu Gemüth, daß es selbst in der Sphäre der geheimen Polizei einen guten Ruf zu verlieren giebt.

Seine Art, die Sache anzusehen, war so entschieden die richtige, daß sich nichts weiter darüber sagen ließ. Als ich aufstand, um ihn nach Mylady’s Zimmer zu geleiten, fragte er, ob Herr Franklin dabei zu sein wünsche, wenn er mit Mylady redete. Herr Franklin antwortete: »Nur falls Lady Verinder es wünschen sollte!« und flüsterte mir in dem Augenblick, wo ich mit dem Sergeanten hinausging, noch die Worte zu: »Ich weiß, was der Mann über Rachel sagen wird; und ich liebe sie zu sehr, um das ruhig mit anhören zu können. Lassen Sie mich davon!«

Und so blieb er zurück, trübselig ans Fenster gelehnt, den Kopf auf die Hand gestützt, während Penelope durchs Schlüsselloch sah und ihm gern tröstend zugeredet hätte. An Herrn Franklin’s Stelle hätte ich sie hineingerufen.

Wenn wir von einem Mädchen schlecht behandelt sind, so gewährt es uns einen großen Trost, einem andern davon zu erzählen, denn meistentheils nimmt die Andere Partei für uns. Vielleicht hat er sie auch, nachdem ich den Rücken gekehrt, noch hineingerufen und in diesem Fall würde meine Tochter gewiß Alles aufgeboten haben, um Herrn Franklin zu trösten.

Inzwischen gingen Sergeant Cuff und ich zu Mylady auf ihr Zimmer.

Bei der letzten Conferenz, die wir mit ihr gehabt, hatten wir sie nicht allzu geneigt gefunden, ihre Augen von dem vor ihr liegenden Buche zu erheben. Dieses Mal trat sie uns besser gerüstet entgegen. Sie sah dem Sergeanten mit einem Blick, der ganz so fest war wie der seinige, in’s Auge.

Der Genius der Familie leuchtete aus jedem ihrer Züge hervor, und ich war jetzt überzeugt, daß Sergeant Cuff einen ebenbürtigen Gegner an meiner Herrin finden werde, die sich aufgerafft hatte und entschlossen war, das Schlimmste zu hören, was er ihr sagen könne.

Mylady ergriff, nachdem wir Platz genommen hatten, zuerst das Wort.

»Sergeant Cuff,« sagte sie, »die rücksichtslose Art, mit der ich mich vor einer halben Stunde gegen Sie ausgedrückt habe, wäre vielleicht zu entschuldigen. Indessen will ich gar nicht versuchen mich zu entschuldigen, sondern aufrichtig bekennen, daß es mir leid thut, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin.«

Die Anmuth in Ausdruck und Geberde, mit welcher sie diese Worte sprach, verfehlte ihre Wirkung auf den Sergeanten nicht. Er bat um die Erlaubniß, sich rechtfertigen zu dürfen, indem er diese Rechtfertigung als eine Pflicht der Hochachtung für meine Herrin bezeichnete.

Er könne unmöglich, sagte er, in irgend einer Weise für den Unglücksfall, welcher uns Alle so tief erschüttert habe, verantwortlich gemacht werden und zwar aus dem einfachen Grunde, daß es für den erfolgreichen Verlauf seiner Untersuchung gerade von der entscheidendsten Wichtigkeit gewesen wäre, weder etwas zu sagen noch zu thun, was Rosanna hätte beunruhigen können.

Er forderte mich auf ihm ’zu bezeugen, daß er sie keinen Moment aus den Augen gelassen habe. Ich konnte ihm dieses Zeugnis, nicht versagen, und damit hätte, wie mir schien, die Sache rechtlich auf sich beruhen bleiben können.

Sergeant Cuff ging indessen noch einen Schritt weiter, offenbar —— wie der Leser sich gleich selbst überzeugen wird, —— zu dem Zweck, um es gewaltsam zu der denkbar peinlichsten Erklärung zwischen Mylady und ihm zu bringen.

»Ich habe,« fing der Sergeant an, »ein Motiv für den Selbstmord des Mädchens anführen gehört, das möglicherweise wirklich zu der That Veranlassung gegeben hat.« Dieses Motiv hat mit der Angelegenheit, derentwegen ich mich hier befinde, durchaus nichts zu thun. Ich halte es jedoch für meine Pflicht hinzuzufügen, daß ich anderer Ansicht bin. Nach meiner Meinung hat eine unerträgliche Seelenangst in Verbindung mit dem Verlust des Diamanten das arme Geschöpf zu seiner unseligen That getrieben. Ich maße mir nicht an, den Grund jener unerträglichen Seelenangst zu kennen. Ich glaube aber —— mit Ihrer Erlaubniß, Mylady —— eine Person bezeichnen zu können, welche im Stande ist zu entscheiden, ob ich Recht oder Unrecht habe.«

»Ist diese Person augenblicklich hier im Hause?« fragte meine Herrin nach einer kleinen Pause.

»Diese Person hat das Haus verlassen, Mylady.«

Diese Antwort bezeichnete auf die unzweideutigste Art Fräulein Rachel als die fragliche Person. Es entstand eine Pause. die mir ewig dauern zu müssen schien. Gott im Himmel! wie der Wind heulte und wie der Regen gegen das Fenster peitschte, während ich da saß und wartete, ob einer von Beiden wieder das Wort ergreifen möchte.

»Haben Sie die Güte,« sagte Mylady endlich, »sich deutlich zu erklären. Meinen Sie meine Tochter?«

»Ja!« antwortete Sergeant Cuff kurz.

Meine Herrin hatte ihre Geldbörse bei sich liegen als wir ins Zimmer traten, ohne Zweifel um dem Sergeanten ein Honorar zu bezahlen. Jetzt legte sie dieselbe in eine Schublade. Es versetzte mir einen Stich ins Herz, zu sehen, wie ihre arme Hand dabei zitterte —— diese Hand, die ihren alten Diener mit Wohlthaten überschüttet hatte; diese Hand, in die ich Gott bitte, die meinige legen zu können, wenn einmal mein Stündlein schlagen wird und ich meine Stelle für immer verlassen muß.

»Ich hatte gehofft,« sagte Mylady sehr langsam und ruhig, »daß ich Ihre Dienste belohnen und Sie entlassen können würde, ohne daß der Name Fräulein Verinder’s offen zwischen uns ausgesprochen wäre, wie es jetzt eben geschehen ist. Mein Neffe wird Ihnen vermuthlich, bevor Sie hierher kommen, eine Mittheilung gemacht haben.«

»Herr Blake hat mir Ihre Bestellung ausgerichtet und ich habe ihm gesagt, warum ——«

»Ich verlange Ihre Gründe nicht zu kennen. Nachdem, was Sie vorhin ausgesprochen haben, wissen Sie so gut wie ich, daß Sie zu weit gegangen sind, um jetzt zurückzutreten. Ich bin es mir selbst und meinem Kinde schuldig, darauf zu bestehen, daß Sie jetzt noch länger hier verweilen und daß Sie sich jetzt unumwunden aussprechen.«

Der Sergeant sah auf seine Uhr.

»Wenn die Zeit hingereicht hätte, Mylady,« antwortete er, »so würde ich es vorgezogen haben, meinen Bericht schriftlich zu erstatten. Wenn aber die Untersuchung ihren Fortgang nehmen soll, so ist die Zeit zu kostbar, um mit Schreiben vergeudet zu werden. Ich bin bereit, sofort zu reden. Es ist das ein für mich nicht weniger, als für Sie, Mylady, peinliches Geschäft ——«

Hier unterbrach ihn meine Herrin zum zweiten Mal.

»Vielleicht bin ich im Stande,« sagte sie »es weniger peinlich für Sie und für meinen Diener und guten Freund hier zu machen, wenn ich mit dem guten Beispiel einer rückhaltslosen Aeußerung vorangehe. Sie haben Fräulein Verinder in Verdacht, uns Alle zu hintergehen und den Diamanten zu einem besondern Zweck bei Seite gebracht zu haben. Ist dem so?«

»Vollkommen, Mylady!«

»Gut. Als Fräulein Verinder’s Mutter muß ich Ihnen, ehe Sie mit Ihrem Bericht beginnen, erklären, daß sie absolut unfähig ist, eine Handlung wie die, deren Sie sie zeihen, zu begehen. Ihre Kenntniß ihres Charakters ist wenige Tage alt; meine Kenntniß ihres Charakters aber so alt, wie sie selbst. Sprechen Sie Ihren Verdacht so entschieden aus, wie Sie wollen —— Sie können mich auf keine Weise dadurch verletzen ich bin im Voraus fest überzeugt, daß Sie trotz aller Ihrer Erfahrung von den Umständen in verhängnißvoller Weise irregeleitet worden sind. Vergessen Sie nicht, daß mir keinerlei besondere Kunde in dieser Angelegenheit zu Gebote steht. Meine Tochter hat mich ganz so wenig in ihr Vertrauen gezogen, wie Sie. Den einzigen Grund, der mich berechtigt, so entschieden zu sprechen, haben Sie bereits gehört: Ich kenne mein Kind!«

Dabei wandte sie sich zu mir und reichte mir ihre Hand. Ich küßte sie schweigend. »Fahren Sie fort!« sagte sie dann, indem sie den Sergeanten wieder mit festem Blicke ansah.

Sergeant Cuff verneigte sich. Das Benehmen meiner Herrin hatte nur einen Eindruck auf ihn hervorgebracht. Der Ausdruck des Brütens auf seinem Gesicht machte einen Augenblick einem milderen Zuge Platz, als ob sie ihm leid thue. In seiner Ueberzeugung aber war er, wie leicht zu sehen war, durch ihre Worte nicht einen Augenblick wankend gemacht. Er setzte sich in Positur und begann seinen nichtswürdigen Angriff aus Fräulein Rachel’s Charakter mit folgenden Worten: »Ich muß Sie ersuchen, Mylady, dieser Angelegenheit so gut von meinem Standpunkte aus, wie von dem Ihrigen gerade in’s Angesicht zu sehen. Wollen Sie die Güte haben, sich an meine Stelle zu versetzen und sich zu denken, daß Sie hier mit meinen Erfahrungen eingetroffen wären? und wollen Sie mir gestatten, diese meine Erfahrungen ganz kurz zu resümiren?«

Meine Herrin gab ihm ein bejahendes Zeichen und der Sergeant fuhr fort: »Während der letzten zwanzig Jahre bin ich bei Familienangelegenheiten häufig in der Eigenschaft eines Vertrauensmannes hinzugezogen worden. Das einzige Resultat dieser meiner Familienpraxis welches in irgend einer Beziehung zu der vorliegenden Angelegenheit steht, kann ich in zwei Worte zusammenfassen. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, daß junge Damen von vornehmer Familie Privatschulden haben, welche sie ihren nächsten Verwandten und Freunden nicht zu bekennen wagen. Oft haben sie diese Schulden bei Putzmacherinnen und Juwelieren, zuweilen bedürfen. sie des Geldes auch zu Zwecken, deren Vorhandensein ich in dem vorliegenden Fall nicht annehme und durch deren Erwähnung ich Sie nicht verletzen möchte. Merken Sie sich das Gesagte gefälligst wohl, Mylady, und nun lassen Sie uns sehen, wie die Ereignisse in diesem Hause mir meine alte Erfahrung ohne Rücksicht auf meine persönlichen Gefühle aufs Neue aufgedrängt haben.«

Er ging einen Augenblick mit sich zu Rath und fuhr dann mit einer furchtbaren Klarheit, die kein Mißverständniß zuließ, und einer grauenerregenden Gerechtigkeit, die keinen Menschen schonte, fort.

»Meine erste Information in Betreff des Verlustes des Mondsteins,« sagte der Sergeant, » erhielt ich von dem Oberbeamten Seegreaf. Er erwies sich als vollkommen unfähig, den Fall zu leiten. Das Einzige in seinen Mittheilungen, was mich als beachtenswerth frappirte, war, daß Fräulein Verinder sich geweigert habe sich von ihm befragen zu lassen und sich gegen ihn in einer unbegreiflich harten und geringschätzigen Art geäußert habe. Ich fand das auffallend, schrieb es aber hauptsächlich einer gewissen Plumpheit in dem Benehmen des Oberbeamten zu, durch die er die junge Dame verletzt haben konnte. Darauf ließ ich den Umstand einstweilen auf sich beruhen und übernahm für mich allein die Leitung der Untersuchung. Dieselbe führte, wie Sie wissen, zu der Entdeckung des Farbenflecks an der Thür und zu Herrn Franklin Blake’s Aussage, die mich überzeugte, daß dieser Farbenfleck und der Verlust des Diamanten zwei Bestandtheile eines und desselben Räthselspiels bildeten. Bis dahin war mein Verdacht, wenn ich überall einen solchen hegte, darauf gerichtet gewesen, daß der Mondstein gestohlen sei und daß einer der Dienstboten vielleicht des Diebstahls werde überführt werden können. Was geschieht aber in diesem Stadium der Angelegenheit? Fräulein Verinder tritt plötzlich aus ihrem Zimmer und redet mich an. Ich beobachte drei verschiedene Umstände bei der jungen Dame. Sie ist noch in der leidenschaftlichen Aufregung, obgleich mehr als vierundzwanzig Stunden seit dem Verlust des Diamanten verflossen sind; sie behandelt mich, wie sie bereits den Oberbeamten Seegreaf behandelt hat und äußert sich über Herrn Franklin Blake in einer Weise, die deutlich zeigt, daß sie sich von ihm tödtlich beleidigt glaubt. Hier, sage ich mir, ist eine junge Dame, welche einen kostbaren Juwel verloren hat —— eine junge Dame, die, wie mich meine eignen Augen und Ohren überzeugen, von ungestümem Temperament ist. Und was thut sie unter diesen Umständen und mit diesem Character? Sie verräth einen unerklärlichen Unwillen gegen Herrn Blake, gegen den Herrn Oberbeamten und mich, mit andern Worten gegen eben die drei Personen, die alle auf verschiedene Weise mit Versuchen beschäftigt sind, ihr bei der Wiedererlangung ihres verlorenen Juwels behilflich zu sein. An diesem Punkt der Untersuchung angelangt, Mylady, fange ich an, bei meiner eigenen Erfahrung nach einem Aufschluß über dieses unerklärliche Benehmen zu suchen. Diese Erfahrung läßt mich Fräulein Verinder in die Reihe der andern mir bekannten jungen Damen stellen: sie lehrt mich, daß das Fräulein Schulden hat, zu denen sie sich nicht bekennen darf und die bezahlt werden müssen; und läßt mich mir die Frage verlegen, ob der Verlust des Diamanten nicht etwa damit zu erklären sein möchte, daß der Diamant im Geheimen zur Bezahlung jener Schulden verpfändet sei. Das ist der Schluß, den meine Erfahrung aus den vorliegenden Thatsachen zieht. Und was hat, wenn ich fragen darf, Ihre Erfahrung, Mylady, dagegen vorzubringen?«

»Was ich Ihnen bereits gesagt habe,« antwortete meine Herrin. »Die Umstände haben Sie irre geleitet.«

Ich meinerseits schwieg. Mir schwebte —— Gott weiß, wieso —— Robinson Crusoe vor. Ich wünschte in jenem Augenblick lebhaft, Sergeant Cuff wäre auf eine wüste —— Insel versetzt, wo er keinen Freitag zu seiner Gesellschaft und kein Schiff zu seiner Rettung fände. (NB. Ich bin ein ganz guter Christ, so lange mein Christenthum auf keine zu harte Probe gestellt wird. Und es ist tröstlich für mich zu denken, daß es den meisten meiner Leser ebenso gehen wird.)

Sergeant Cuff fuhr fort: »Nachdem ich so mit Recht oder mit Unrecht meinen Schluß gezogen hatte, war das Nächste, was ich zu thun hatte, mir die Beweise für die Richtigkeit meiner Annahme zu verschaffen. Ich schlug Ihnen, Myladh, die Durchsuchung aller Kleidungsstücke im Hause vor. Das war ein Mittel das Kleidungsstück aufzufinden, welches aller Wahrscheinlichkeit nach die übergewischte Stelle an der gemalten Thür verursacht hatte und war demnach ein Mittel, mir einen Beweis für die Richtigkeit meines Schlusses zu verschaffen. Wie ging es aber damit? Sie, Mylady, Herr Blake und Herr Ablewhite erklärten sich bereit, nur Fräulein Verinder vereitelte die ganze Durchsuchung durch eine entschiedene Weigerung, ihre Garderobe derselben unterziehen zu lassen. Dieses Resultat überzeugte mich, daß meine Ansicht die richtige sei. Wenn Sie, Mylady, und Herr Betteredge dabei beharren, mir nicht beizustimmen, so müssen Sie vor dem Geschehenen absichtlich die Augen verschließen. In Ihrer Gegenwart sagte ich der jungen Dame, daß ihre Abreise bei der dermaligen Sachlage meinen Bemühungen zur Wiedererlangung ihres Juwels hindernd in den Weg treten würde. Sie haben selbst gesehen, daß sie trotz dieser Erklärung davonfuhr. Sie haben ferner Beide selbst gesehen, daß sie, weit entfernt Herrn Blake, der mehr als alle Uebrigen im Hause dazu gethan hatte, mir den rechten Schlüssel zu dem Geheimniß in die Hand zu geben, diese seine thätige Hilfe zu verzeihen, ihn vielmehr auf den Stufen ihres mütterlichen Hauses vor Aller Augen insultirte. Wie soll man sich dies erklären, wenn Fräulein Verinder nicht um den Verbleib des Diamanten weiß?«

Dieses Mal sah er mich an. Es war geradezu schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie er einen Beweis nach dem andern gegen Fräulein Rachel aufthürmte, und sich sagen zu müssen, während man sie um Alles gern vertheidigt hätte, daß die Wahrheit seiner Behauptungen unbestreitbar sei. Ich bin, Gott sei Dank! so angelegt, daß mir Vernunftgründe nichts anhaben können. Diese Disposition setzte mich in den Stand, fest bei Mylady’s Ansicht, die auch meine eigene war, zu beharren. Das gab mir Muth und ließ mich Sergeant Cuff fest in’s Auge blicken. Nimm Dir ein Beispiel an mir, lieber Leser; es wird Dir viele Verdrießlichkeiten im Leben ersparen. Versieh Dich mit einer dicken Haut gegen Vernunftgründe und Du sollst sehen, wie sich all’ die klugen Leute, die Euch gern zu Eurem eigenen Besten kratzen möchten, die Nägel an Eurer Haut stumpf kratzen werden.

Als Sergeant Cuff sah, daß weder ich noch Mylady eine Bemerkung machten, fuhr er fort. Herr Gott! wie es mich wüthend machte, zu sehen, daß unser Schweigen ihn nicht im Mindesten außer Fassung brachte!

»So liegt die Sache, Mvlady,« sagte er, »so weit Fräulein Verinder allein dabei in Betracht kommt. Demnächst müssen wir sehen, wie die Sache in Betreff Fräulein Verinder’s in Verbindung mit der verstorbenen Rosanna Spearman liegt. Wollen Sie mir erlauben, einen Augenblick auf die Weigerung Ihrer Tochter zurückzukommen, ihre Garderobe durchsuchen zu lassen. Nachdem ich diesen Umstand gehörig erwogen, hatte ich zunächst zwei Fragen in Betracht zu ziehen: In Beziehung erstens auf die richtige Leitung meiner Untersuchung und zweitens darauf, ob Fräulein Verinder unter dem weiblichen Personal des Hauses eine Mitschuldige habe. Nachdem ich die Sache sorgfältig überdacht hatte, beschloß ich die Untersuchung in einer Weise zu leiten, die wir in unserer technischen Sprache als die »unregelmäßige« bezeichnen. Und zwar aus folgendem Grunde: Ich hatte mit einer Familienangelegenheit zu thun, die ich mich für verpflichtet halten mußte, den Kreis der Familie nicht überschreiten zu lassen. Je weniger die Sache von sich reden macht und je weniger Fremde ich zur Mitwirkung heranzuziehen brauchte, desto besser. An das gewöhnliche Verfahren, verdächtige Personen zu verhaften, vor Gericht zu stellen und so weiter, war in einem Fall nicht zu, denken, bei welchem Ihre Tochter, Mylady, wie ich glaubte, die Hauptschuldige war. In einem solchen Fall schien es mir sicherer, mir einen Mann von Herrn Betteredge’s Charakter und Stellung im Hause, der die Dienstboten so genau kennt und dem die Ehre der Familie am Herzen liegt, als Gehilfen zuzugesellen, Herr Blake würde mir dieselben Dienste haben leisten können, wenn nicht ein Hindernis; im Wege gewesen wäre. Er hatte schon sehr bald den Plan meines Verfahrens durchschaut und bei dem Interesse, welches er an Fräulein Verinder nahm, war daher ein Zusammengehen mit ihm für mich unmöglich. Ich behellige Sie, Mylady, mit diesen Einzelheiten, um Ihnen zu zeigen, daß ich das Familiengeheimniß auf den Kreis der Familie beschränkt habe. Ich bin der einzige nicht zur Familie gehörige, der dasselbe weiß, und meine Existenz ist mir nur um den Preis der Discretion gesichert.«

Bei diesen Worten fühlte ich, daß meine Existenz mir um den Preis der Indiscretion gesichert sei. In meinem Alter vor meiner Herrin als eine Art von delegirten Polizeibeamten dazustehen, war wieder mehr als mein Christenthum zu ertragen vermochte.

»Ich erlaube mir zu erklären, Mylady,« sagte ich, »daß ich meines Wissens niemals in irgend einer Weise bei dieser abscheulichen Untersuchung behilflich gewesen bin: und ich fordere Sergeant Cuff auf, mir darin zu widersprechen, wenn er kann.«

Nachdem ich mir durch diese Worte Luft gemacht hatte, fühlte ich mich sehr erleichtert. Mylady erwies mir die Ehre, mich freundlich aus die Schulter zu klopfen.

Ich blickte mit gerechter Entrüstung auf den Sergeanten, um zu sehen, was er zu solcher Ehrenerklärung für ein Gesicht mache! Der Sergeant sah mich mit einem milden Blicke wieder an und schien mir gewogener als je.

Mylady forderte ihn auf, in seinem Bericht fortzufahren. »Ich erkenne,« sagte sie, »daß Sie redlich bemüht gewesen sind, in meinem vermeintlichen Interesse Ihr Bestes zu thun. Ich bin bereit zu hören, was Sie mir weiter zu sagen haben.«

»Was ich zunächst zu berichten habe,« antwortete Sergeant Cuff, »bezieht sich auf Rosanna Spearman. Ich erkannte das Mädchen, wie Sie sich erinnern werden, Mylady, wieder, als sie das Wäschebuch hier in dieses Zimmer brachte. Bis zu jenem Augenblick war ich zu zweifeln geneigt, daß Fräulein Verinder ihr Geheimniß irgend Jemandem anvertraut habe. Sobald ich Rosanna’s ansichtig wurde, änderte ich meine Meinung. Ich faßte auf der Stelle den Verdacht gegen sie, daß sie um das Beiseitebringen des Diamanten wisse. Das arme Geschöpf hat einen schrecklichen Tod gefunden und ich möchte nicht, daß Sie jetzt, wo sie todt ist, glaubten, daß ich unnöthiger Weise hart gegen sie gewesen sei. Wenn hier der Fall eines gemeinen Diebstahls vorgelegen hätte, so würde ich Rosanna die Wohlthat des Zweifels ebenso bereitwillig wie allen übrigen Dienstboten im Hause haben angedeihen lassen. Unsere Erfahrungen in Betreff der aus Verbesserungs-Anstalten hervorgegangenen Mädchen lehren uns, daß sie sich, wenn sie in Dienst genommen und freundlich und verständig behandelt werden, in den meisten Fällen als wirklich reuig und der aus sie verwandten Mühe würdig erweisen. Aber bei dem hier vorliegenden Fall handelt es sich nicht um einen gemeinen Diebstahl. Hier lag vielmehr nach meiner Ueberzeugung der Fall eines tief angelegten Betruges vor, hinter welchem die Eigenthümerin des Diamanten steckte. Von diesem Gesichtspunkte aus war die erste Erwägung, die sich mir im Hinblick auf Rosanna naturgemäß darbot, diese: Sollte sich Fräulein Verinder mit Ihrer Erlaubniß, Mylady —— damit begnügen, uns. Alle zu dem Glauben zu verleiten, daß der Mondstein einfach verloren sei? Oder sollte sie nicht einen Schritt weiter gehen, und uns die täuschende Vorstellung beizubringen suchen, daß der Mondstein gestohlen sei? In dem letztern Fall kann ihr Rosanna Spearman, als eine notorische Diebin und als die von allen geeignetste Person, um Sie, Mylady, und mich auf eine falsche Fährte zu lenken, gelegen.«

Ist es möglich, fragte ich mich, den Fall in einem für Fräulein Rachel und Rosanna ungünstigeren Licht darzustellen, als er es gethan hat? Ja es war möglich, wie sich die Leser sogleich überzeugen sollen.

»Ich hatte noch einen zweiten Grund,««fuhr er fort, »gegen das verstorbene Mädchen Verdacht zu fassen, und zwar einen Grund, der mir noch triftiger zu sein schien, als der erste. Wer konnte wohl die Person sein, welche Fräulein Rachel dabei behilflich sein würde, sich für den Diamanten im Geheimen Geld zu verschaffen? Niemand anders als Rosanna Spearman. Keine junge Dame in Fräulein Verinder’s Stellung konnte ein so gewagtes Geschäft persönlich betreiben. Sie bedurfte eines Vermittlers, und wer, frage ich wieder, war geeigneter, diesen abzugeben als Rosanna Spearman? Ihr verstorbenes Hausmädchen, Mylady, war ihrer Zeit eine sehr gewandte Diebin. Sie hatte, wie ich ganz bestimmt weiß, Beziehungen zu einem der wenigen Geldverleiher in London, die sich möglicher Weise dazu bereit finden lassen würden, eine große Summe auf einen so berühmten Edelstein, wie es der Mondstein ist, vorzuschießen, ohne unbequeme Fragen zu thun oder auf unbequemen Bedingungen zu bestehen. Merken Sie sich das gefälligst wohl, Myladty, und nun lassen Sie mich Ihnen zeigen, welche Bestätigung mein Verdacht in Rosanna’s eigenen Handlungen und den Schlüssen gefunden hat, welche sich von selbst aus diesen Handlungen ergeben.«

Darauf ließ er alle Schritte Rosanna’s die Revue passiren. Der Leser kennt diese Schritte bereits so gut wie ich und wird sich leicht vorstellen können, in wie unverantwortlicher Weise dieser Theil seines Berichts das Andenken des armen todten Mädchens mit der Schuld der Betheiligung an dem Verschwinden des Mondsteins befleckte. Seine nun folgende Mittheilung wirkte selbst auf meine Herrin entmuthigend. Sie äußerte nichts, als er zu Ende war. Das schien aber dem Sergeanten völlig gleichgültig Unerschüttert fuhr er —— hol’ ihn der Teufel! —— fort:

»Nachdem ich Ihnen, Mylady, so den ganzen Fall dargestellt habe, wie er nach meiner Ansicht liegt, bleibt mir nur noch übrig, Ihnen meine Vorschläge in Betreff Dessen zu machen, was demnächst zu thun sein wird. Es giebt, wie ich glaube, zwei Wege, diese Untersuchung mit Erfolg zu Ende zu führen. Den einen dieser Wege betrachte ich als vollkommen sicher. Der andere ist, wie ich zugeben muß, nichts als ein kühnes Experiment. Urtheilen Sie selbst, Mylady. Soll ich mit dem sichern Wege beginnen?«

Mylady gab ihm ein Zeichen, nach ganz eigenem Ermessen zu verfahren.

»Ich danke Ihnen, Mylady,« sagte der Sergeant, »da Sie mir gütigst anheim stellen, wollen wir mit dem sichern Wege beginnen. Ich proponire, gleichviel, ob Fräulein Verinder in Frizinghall bleibt oder hierher zurückkehrt, alle ihre Schritte, die Leute, mit denen sie verkehrt, die Spazierritte oder Gänge, die sie macht, und die Briefe, die sie schreibt oder empfängt, sorgfältig zu beobachten.«

»Und was weiter?« fragte Mylady.

»Demnächst,« antwortete der Sergeant, »werde ich mir die Erlaubniß von Ihnen erbitten, Mylady, ein Frauenzimmer als Hausmädchen an Rosanna’s Stelle im Hause einzuführen, welches mit Privat-Untersuchungen dieser Art vertraut ist und für dessen Discretion ich einstehe.«

»Und was weiter?« wiederholte Mylady.

»Demnächst und schließlich,« fuhr der Sergeant fort, »proponire ich, einen meiner Collegen zu dem Zweck eines etwaigen Arrangements zu jenem Geldverleiher in London zu schicken, den ich vorhin als früher mit Rosanna Spearman im Verbindung stehend bezeichnet habe und dessen Name und Adresse Rosanna Spearman sicherlich Fräulein Verinder mitgetheilt hat. Ich leugne nicht daß das von mir proponirte Verfahren kostspielig und zeitraubend sein wird, aber das Resultat ist sicher. Wir werfen ein Netz über den Mondstein und ziehen dieses Netz enger und enger zusammen, bis wir ihn in Fräulein Verinder’s Besitz finden, vorausgesetzt, daß sie ihn bei sich zu behalten beschließt. Wenn ihre Schulden drängen und sie sich entschließt, sich von dem Mondstein zu trennen, so wissen wir wieder, an wen wir uns zu halten haben und treffen den Mondstein bei seiner Ankunft in London.«

Ein solcher Vorschlag in Betreff ihrer eigenen Tochter gab den Worten meiner Herrin zum ersten Mal einen zornigen Ton.

»Betrachten Sie Ihren Vorschlag als von Anfang bis zu Ende abgelehnt!« sagte sie, »und gehen Sie zu Ihrem zweiten Vorschlag, die Untersuchung zu Ende zu führen, über.«

»Mein anderes Mittel,« sagte der Sergeant, indem er sich in seinem Gleichmuth durchaus nicht stören ließ, »besteht in dem Versuch jenes kühnen Experiments, das ich bereits angedeutet habe. Ich glaube mir ein ziemlich richtiges Urtheil über Fräulein Verinder’s Temperament gebildet zu haben. Sie ist nach meiner Ansicht vollkommen fähig, einen kühnen Betrug zu begehen. Aber sie ist von zu leidenschaftlichem und ungestümem Temperament und des Betrügens zu wenig gewöhnt, um sich auch in kleinen Dingen zu verstellen und allen Provocationen gegenüber die Herrschaft über sich selbst zu behaupten. Ihre Gefühle sind in dem vorliegenden Fall zu wiederholten Malen gerade in Augenblicken zum Ausbruch gekommen, in welchen ihr Interesse ihr dringend gebieten mußte, diese Gefühle zu verbergen. Aus diese Besonderheit ihres Charakters gründe ich meinen Vorschlag. Es kommt darauf an, sie in erschütternder Weise zu überraschen Mit anderen Worten: Ich proponire, Fräulein Verinder ganz unvorbereitet die Nachricht von Rosanna’s Tod in der Erwartung mitzutheilen, daß ihre besseren Gefühle bei dieser Gelegenheit zum Durchbruch kommen werden. Genehmigen Sie diesen Vorschlag, Mylady?«

Meine Herrin versetzte mich durch ihre Antwort in ein unaussprechliches Erstaunen. Sie erwiderte ihm auf der Stelle: »Ja, ich gehe auf Ihren Vorschlag ein.«

»Der Ponywagen steht für mich bereit,« sagte der Sergeant, »ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

Mylady machte eine Handbewegung, um ihn noch an der Thür zurück zu halten.

»Ich genehmige den von Ihnen proponirten Appell an die besseren Gefühle meiner Tochter,« sagte sie; »aber ich nehme als ihre Mutter das Recht in Anspruch, sie selbst auf die Probe zu stellen. Sie werden gefälligst hier bleiben und ich werde mich selbst nach Frizinghall begeben.«

Vielleicht zum ersten Male in seinem Leben stand der große Cuff bestürzt und sprachlos da wie ein gewöhnlicher Sterblicher.

Mylady klingelte und beorderte ihren Regenmantel. Es regnete noch immer heftig und der geschlossene Wagen hatte, wie der Leser weiß, Fräulein Rachel nach Frizinghall gebracht. Ich versuchte es, Mylady zu bewegen, sich nicht dem Ungestüm der Witterung auszusetzen Vergebens! Ich bat um die Erlaubniß, sie begleiten und den Regenschirm für sie halten zu dürfen. Sie wollte nichts davon hören. Der Groom fuhr mit dem Ponywagen vor. »Verlassen Sie sich auf zwei Dinge,« sagte sie noch in der Halle zum Sergeanten Cuff. »Ich werde das Experiment an Fäulein Verinder ganz so kühn anstellen, wie Sie selbst es nur immer hätten thun können. Und ich werde Sie persönlich oder brieflich von dem Resultat in Kenntniß setzen, bevor der letzte Zug nach London diesen Abend abgeht.«

Damit stieg sie in den Wagen, ergriff selbst die Zügel und fuhr nach Frizinghall.


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