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Der Mondstein



Sechstes Capitel.

Ich behielt also meine geheimen Wünsche für mich und bat Herrn Franklin fortzufahren. Er antwortete:

»Werden Sie mir nicht nervös, Betteredge,« und erzählte weiter.

Er fing damit an, mir mitzutheilen, daß seine Entdeckungen in Betreff des berüchtigten Obersten und des Diamanten ihren Anfang bei einem Besuch genommen hätten, den er, bevor er zu uns gereist sei, dem Advokaten seines Vaters in Hampstead gemacht habe; durch ein nach Tische, als Herr Franklin einmal mit dem Advokaten allein war, zufällig gegen denselben ausgesprochenes Wort erfuhr der Letztere, daß Herr Franklin von seinem Vater mit der Uebergabe eines Geburtstagsgeschenkes an Fräulein Rachel beauftragt sei. Ein Wort gab das Andere, bis der Advokat unsern jungen Freund endlich darüber aufklärte, worin das Geschenk eigentlich bestehe und wie das freundschaftliche Verhältnis; zwischen dem verstorbenen Obersten und dem älteren Herrn Blake entstanden sei. Die hierauf bezüglichen Thatsachen sind so außerordentlicher Natur, daß ich mich der Zweifel nicht erwehren kann, ob ich sie gehörig werde berichten können. Ich ziehe es daher vor, Herrn Franklins Entdeckungen so genau wie möglich mit seinen eigenen Worten wiederzugeben.

»Sie erinnern sich der Zeit, Betteredge,« fing er an, »wo mein Vater es versuchte, seine Ansprüche auf jenes unglückliche Herzogthum zu beweisen. Nun, gerade um dieselbe Zeit kehrte mein Onkel Herncastle von Indien zurück. Mein Vater machte die Entdeckung, daß sein Schwager in Besitz gewisser Papiere sei, die ihm wahrscheinlich in seinem Prozeß von Nutzen würden sein können. Er besuchte den Obersten unter dem Vorwand, ihn bei seiner Rückkehr nach England willkommen zu heißen. Der Oberst ließ sich aber nicht auf diese Weise fangen.

»Sie wollen etwas von mir,« sagte er ihm gerade ins Gesicht, »sonst hätten Sie niemals Ihren Ruf durch einen Besuch bei mir aufs Spiel gesetzt.«

Mein Vater» begriff, daß es hier das Gerathenste sei, offenes Spiel zu spielen; er gestand also ohne Weiteres zu, daß er der fraglichen Papiere wegen gekommen sei. Der Oberst erbat sich einen Tag Bedenkzeit. Dann erfolgte seine Antwort in Gestalt eines höchst merkwürdigen Briefes, den mir mein Freund, der Advokat, zeigte. Der Oberst fing damit an zu sagen, daß er auch seinerseits etwas von meinem Vater wolle, und daß er sich daher erlaube, ihm einen Austausch von Freundschaftsdiensten zu proponiren. Das Kriegsunglück, wie er sich ausdrückte, habe einen der größten Diamanten in der Welt in seinen Besitz gebracht und er habe Ursache, zu besorgen, daß weder er noch sein kostbarer Edelstein in irgend einem Hause, in irgend einem Theile der Welt, wo sie sich mit einander aufhalten möchten, vor Verfolgung sicher sei. Unter so beunruhigenden Umständen habe er beschlossen, den Diamanten einer andern Person zur Aufbewahrung anzuvertrauen. Diese Person werde dabei keinerlei Gefahr laufen. Sie könne den Edelstein in irgend ein sicheres, wohlbewachtes Gewahrsam bringen, z. B. in das feuerfeste Gewölbe eines Banquiers oder eines Juweliers niederlegen. Die Verantwortlichkeit dieser Person würde eine wesentlich passive sein. Was sie zunächst zu thun habe, sei selbst oder durch einen vertrauenswürdigen Bevollmächtigten unter einer vorher verabredeten Adresse an gewissen vorher verabredeten Tagen des Jahres ein Billet des Obersten in Empfang zu nehmen, das einfach besage, daß der Oberst an dem betreffenden Tage noch am Leben sei.

In dem Fall, wo ein solcher Tag ohne das Eintreffen des besagten Billets vorüber gehen werde, könne das Schweigen des Obersten als ein sicheres Zeichen der Ermordung desselben betrachtet werden. In diesem Fall und nur in diesem Fall sollten gewisse, auf die Disposition über den Diamanten bezügliche und mit demselben deponirte versiegelte Instructionen geöffnet und genau befolgt werden. Wenn mein Vater sich entschließen sollte, diesen sonderbaren Auftrag zu übernehmen, so ständen ihm dagegen die von ihm gewünschten Papiere zur Verfügung. Das war der Inhalt des Briefes.

»Und was beschloß Ihr Vater?« fragte ich.

»Was er beschloß,« erwiderte Franklin, »das will ich Ihnen sagen. Er wandte die unschätzbare Gabe, die man gesunden Menschenverstand nennt, auf den Brief des Obersten an und erklärte die ganze Geschichte für eine Abgeschmacktheit. Der Oberst sei irgendwo während seiner Reisen in Indien auf einen elenden Krystall gestoßen, den er für einen Diamanten genommen habe. Was die von ihm gefürchtete Gefahr einer Ermordung Und die von ihm erdachten Vorsichtsmaßregeln zur Erhaltung seines Lebens und des Krystalls beträfe, so lebten wir ja im neunzehnten Jahrhundert und jeder verständige Mensch werde sich zur Abwendung solcher Gefahren einfach an die Polizei wenden. Der Oberst sei notorisch seit Jahren ein Opiumesser und wenn die einzige Art, werthvolle Papiere von ihm zu erlangen, darin bestehe, daß man die Träume eines Opiumrausches für Wirklichkeit nehme, so, dachte mein Vater, könne er sich um so eher bereit erklären, die ihm zugemuthete lächerliche Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, als damit keinerlei Unbequemlichkeiten für ihn verbunden seien. Der Diamant und die versiegelten Instructionen wanderten demgemäß in das Gewölbe seines Banquiers und die periodischen Zuschriften des Obersten, die ihn für noch lebend erklärten, wurden von dem Advokaten meines Vaters, als seinem Bevollmächtigten, regelmäßig entgegengenommen und geöffnet. Kein verständiger Mensch würde in einer ähnlichen Lage anders haben handeln können. Nichts in dieser Welt, mein lieber Betteredge, erscheint uns wahrscheinlicher, als was in den Kreis unserer trügerischen Erfahrungen tritt, und eine romantische Geschichte finden wir nicht eher glaubwürdig als bis wir sie gedruckt lesen.«

Aus diesen Worten wurde mir klar, daß Herr Franklin die Vorstellungen seines Vaters über den Obersten für übereilt und verkehrt hielt.

»Und wie denken Sie selbst über die Sache?« fragte ich.

»Lassen Sie mich erst die Geschichte des Obersten zu Ende erzählen,« antwortete Herr Franklin »Wir Engländer haben eine merkwürdig unsystematische Art, zu denken und Ihre Frage, mein alter Freund, ist eine Probe davon. Das einzige Feld der Mechanik ausgenommen, sind wir, bildlich zu sprechen, das liederlichste Volk in der Welt.«

Das kommt, dachte ich bei mir, von der ausländischen Erziehung. Dieses Sticheln auf uns Engländer wird er vermuthlich in Frankreich gelernt haben.

Herr Franklin nahm den Faden seiner Erzählung wieder auf und fuhr fort:

»Mein Vater bekam die Papiere, die er wünschte, und sah seinen Schwager von jener Zeit an nicht wieder. Jahr für Jahr kam an den verabredeten Tagen der verabredete Brief des Obersten und wurde von dem Advokaten geöffnet. Ich habe all’ die Briefe bei einander gesehen, alle in derselben kurzen, geschäftsmäßigen Weise geschrieben wie folgt:

Mein Herr, diese Zeilen haben den Zweck, zu
constatiren, daß ich noch am Leben bin. Lassen Sie
den Diamant in seinem Gewahrsam.

John Herncastle.

»Das war Alles, was die regelmäßig eintreffenden Briefe je enthielten, bis vor etwa sechs bis acht Monaten, wo der Inhalt des Briefes zum ersten Mal anders und zwar so lautete:

Mein Herr!
Man sagt mir, daß ich sterben muß. Kommen
Sie zu mir und helfen mir bei der Abfassung meines
Testaments.

»Der Advokat ging hin und fand den Obersten in der, kleinen vorstädtischen, von ihm gehörigen Ländereien umgebenen Villa, in der er einsam gelebt hatte, seit er von Indien zurückgekommen war. Er hielt sich Hunde, Katzen und Vögel zu seiner Gesellschaft, aber kein menschliches Wesen außer der Person, die täglich kam, das Haus in Ordnung zu halten und den Doktor an seinem Krankenbette. Die Abfassung des Testaments war eine höchst einfache Sache. Der Oberst hatte den größeren Theil seines Vermögens in chemischen Experimenten verbracht. Sein Testament bestand Alles in Allem aus drei Clauseln, welche er von seinem Bette aus in vollem Bewußtsein dictirte. Die erste Clausel sorgte für die gute Verpflegung seiner Thiere, die zweite gründete eine Professur der Chemie an einer Universität im Norden Englands. Durch die dritte endlich vermachte er den Mondstein seiner Nichte als Geburtstagsgeschenk unter der Bedingung, daß mein Vater es übernehme, als sein Testamentsvollstrecker zu fungiren. Anfänglich verweigerte mein Vater das, nach näherer Ueberlegung jedoch gab er nach, theils weil er sich überzeugt hatte, daß die Executorschaft keinerlei Unannehmlichkeit für ihn mit sich führen werde, theils weil der Advokat in Rachels Interesse darauf aufmerksam machte, daß der Diamant doch schließlich seinen Werth haben könne.«

»Gab der Oberst irgend welche Gründe an,« warf ich ein, warum er Fräulein Rachel den Diamanten vermache?«

»Er gab solche Gründe nicht allein an, sondern er ließ sie ausdrücklich in sein Testament mit aufnehmen,« antwortete Franklin »Ich habe einen Auszug bei mir, den ich Ihnen gleich zeigen will. Keine englische Abschweifung, Betteredge! Eines nach dem andern. Sie haben also jetzt von dem Testament des Obersten gehört, nun sollen Sie erfahren, was nach dem Tode des Obersten geschah. Es war erforderlich, eine Schätzung des Diamanten vornehmen zu lassen, bevor das Testament in Kraft treten konnte? Alle zu Rath gezogenen Juweliere bestätigten die Behauptung des Obersten, daß sein Diamant einer der größten in der Welt sei. Die genaue Schätzung desselben aber hatte ihre großen Schwierigkeiten. Seine Größe machte ihn zu einem Phänomen aus dem Diamantenmarkt; seine Farbe war einzig in ihrer Art und abgesehen von diesen die Schätzung erschwerenden Momenten hatte der Stein einen Fehler in Gestalt einer im Innern desselben befindlichen Blase. Trotz dieses letzten ernstlichen Mangels aber war er nach den niedrigsten unter den verschiedenen Schätzungen Zwanzig Tausend Pfund werth. Stellen Sie sich das Erstaunen meines Vaters vor! Um ein Haar hätte er sich geweigert, als Testamentsvollstrecker zu fungiren und den Verlust dieses kostbaren Edelsteins für die Familie verschuldet. Das Interesse, das die Angelegenheit jetzt für ihn gewann, veranlaßte ihn, die versiegelten Instructionen zu öffnen, die zugleich mit dem Diamanten deponirt worden waren. Der Advokat zeigte mir dieses Document nebst den übrigen Papieren, und ich glaube, darin den Schlüssel zu der Art von Verschwörung zu finden, welche das Leben des Obersten bedrohte.«

»Sie glauben also,« sagte ich, »daß wirklich eine solche Verschwörung bestand?«

»Ich, der ich mich nicht des ausgezeichneten gesunden Menschenverstandes meines Vaters erfreue, glaube, daß das Leben des Obersten wirklich in der Art bedroht war wie er es behauptete. Die versiegelten Instructioncn enthalten, glaube ich, die Erklärung dafür, wie er trotz alledem ruhig in seinem Bette starb« Für den Fall, daß er eines gewaltsamen Todes sterben, d. h. für den Fall, daß an einem der verabredeten Tage das verabredete Schreiben ausbleiben sollte, wurde mein Vater in den Instructionen beauftragt, den Mondstein heimlich nach Amsterdam zu schicken Er sollte zu einem bezeichneten Diamantenschneider in dieser Stadt gebracht und von diesem in vier bis sechs Theile zerlegt werden. Diese Steine sollten dann zu dem höchsten erreichbaren Preise verkauft und der Erlös auf die Gründung jener Professur der Experimental-Chemie verwendet werden, welche der Oberst seitdem in seinem Testament verfügt hat. Nun, Betteredge, nehmen Sie Ihren ganzen scharfen Verstand zusammen und ziehen Sie die Schlüsse, auf welche die Instructionen meines Onkels hinleiten.«

Ich nahm also meinen Verstand zusammen, der von der liederlichen englischen Beschaffenheit war und demgemäß Alles durcheinander rührte, bis Herr Franklin dazwischen fuhr und mich aus die rechte Fährte brachte.

»Bemerken Sie wohl,« sagte Herr Franklin, »daß die Unversehrtheit des Diamanten als eines ganzen Steines hier von der Bewahrung des Leben des Obersten vor einem gewaltsamen Ende abhängig gemacht ist. Es genügt ihm nicht, seinen Feinden zu sagen: »Tödtet mich, und Ihr werdet nicht besser an den Diamanten gelangen können als jetzt, er ist an einem Ort, aus dem Ihr ihn nicht herausholen könnt, in dem wohl bewachten Gewölbe einer Bank,« sondern er sagt: »Tödtet mich, und der Diamant hört auf in seiner jetzigen Gestalt zu existiren, wird nicht mehr derselbe sein.« Was bedeutet das?«

Hier glaubte ich, von einem Blitz des wunderbaren ausländischen Geistes erleuchtet zu sein.

»Ich hab’s,« sagte ich, »es bedeutet, daß der Werth des Steins vermindert werden soll und daß die Spitzbuben ans diese Weise um ihre Beute betrogen werden sollen.«

»Durchaus nicht,« entgegnete Herr Franklin, »ich habe mich danach erkundigt. Wenn der defecte Diamant in Stücke geschnitten würde, wäre ein höherer Preis dafür zu erzielen, als jetzt, aus dem einfachen Grunde, daß vier bis sechs tadellose Diamanten aus demselben gemacht werden könnten, welche zusammen werthvoller sein würden, als der eine große, aber unvollkommene Stein. Wenn Raub aus Gewinnsucht das Endziel der Verschwörung gewesen wäre, so hätten die Räuber in Folge der Instructionen, die den Stein noch werthvoller machten, ihren Zweck nur noch besser erreicht. Es hätte mehr Geld dafür erlangt werden können und die Verwerthung aus dem Diamantenmarkte würde unendlich viel leichter gewesen sein, wenn der Stein durch die Hände des Diamantenschneiders in Amsterdam gegangen wäre.«

»Um’s Himmels willens« brach ich aus, »worin bestand denn die Verschwörung?«

»Es war eine organisirte Verschwörung der Indier, denen der Edelstein ursprünglich gehört hatte,« sagte Herr Franklin, eine Verschwörung, der, ein alter indischer Aberglaube zu Grunde lag. Das ist meine Ansicht, wie sie durch ein Familienpapier bestätigt wird, das ich in diesem Augenblick bei mir trage.«

Jetzt begriff ich, warum das Erscheinen der drei indischen Jongleurs vor unserm Hause einen solchen Eindruck auf Herrn Franklin gemacht hatte.

»Ich will Ihnen meine Ansicht nicht aufdrängen,« fuhr Herr Franklin fort, »die Idee, daß gewisse auserwählte Anhänger eines alten indischen Aberglaubens sich durch alle Schwierigkeiten und Gefahren hindurch der Aufgabe widmen, die Gelegenheit zur Wiedererlangung ihres kostbaren Juwels zu erspähen, scheint mir vollkommen mit allem dem zu stimmen, was wir über die Ausdauer orientalischer Völker und den Einfluß orientalischer Religionen wissen. Aber ich habe auch Einbildungskraft, und Schlächter, Bäcker und Zolleinnehmer sind für mich nicht die einzigen glaubhaften Existenzen. Lassen wir übrigens den Werth meiner vermeintlichen Aufschlüsse über die Sache auf sich beruhen und zu der einzigen praktischen Frage übergehen, die uns dabei angeht. Ueberlebt die Verschwörung gegen den Mondstein den Tod des Obersten? Und wußte der Oberst es, als er den Stein seiner Nichte zum Geburtstagsgeschenk vermachte?«

Jetzt fing ich an, zu begreifen, wie sehr Mylady und Fräulein Rachel bei der ganzen Sache interessirt seien und hörte seinem ferneren Bericht mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu.

»Ich hatte keine große Lust« fuhr Herr Franklin fort, »nachdem ich die Geschichte des Mondsteins herausgefunden hatte, der Ueberbringer desselben zu werden; aber mein Freund, der Advokat, stellte mir vor, daß doch Jemand das meiner Cousine bestimmte Vermächtniß in ihre Hände legen müsse und daß ich nicht mehr Grund habe, als ein Anderer, mich dieser Uebergabe zu entziehen. Nachdem ich den Diamanten aus dem Gewölbe der Bank geholt und an mich genommen hatte, kam es mir vor, als ob ich auf den Straßen von einem schäbig aussehenden dunkelfarbigen Kerl verfolgt würde. Ich ging nach Hause, um mein Gepäck zu holen und fand dort einen Brief vor, der mich unerwarteter Weise in London zurückhielt. Ich ging mit dem Diamanten wieder nach der Bank und glaubte abermals den schäbigen Kerl zu sehen, und diesen Morgen, wo ich den Diamanten wieder aus der Bank holte, sah ich den Menschen zum dritten Mal, entwischte ihm und reiste, bevor er meine Spur wieder aufgefunden hatte, mit dem Morgen- statt mit dem Nachmittagszuge ab. Hier komme ich wohl und munter mit dem Diamanten an, und was ist die erste Nachricht mit der ich empfangen wurde? Ich höre, daß drei indische Herumtreiber sich vor dem Hause gezeigt haben und daß meine Ankunft von London und etwas, das ich bei mir tragen soll, der Gegenstand ihrer besondern Nachforschung sind, sobald sie sich allein glauben. Ich will mich nicht weiter dabei aufhalten, wie sie Tinte in die Hand des Jungen gießen und ihn in derselben einen entfernten Mann und etwas in dessen Tasche sehen heißen. Ich habe dergleichen oft genug in Indien gesehen und halte es, wie Sie, für Hokus-Pokus. Worauf es jetzt einzig und allein für uns ankommt, ist die Frage, ob ich mit Unrecht diesem Vorfalle Bedeutung beilege, oder ob wir wirklich Grund haben, anzunehmen, daß die Indier die Spur des Mondsteins von dem Moment an verfolgen, wo derselbe das sichere Gewahrsam der Bank verlassen hat.«

Und doch schien uns Beide diese Frage nicht vorzugsweise zu beschäftigen. Wir sahen uns einander an und blickten dann auf die Fluth, wie sie sich sachte höher und höher über den Zitterstrand ergoß.

»Woran denken Sie?« fragte Herr Franklin plötzlich.

»Ich dachte,« antwortete ich, »daß ich den Diamanten am liebsten in den Flugsand versenken und so der ganzen Sache ein Ende machen möchte.«

»Wenn Sie den Werth des Steines aus Ihrer Tasche ersetzen wollen, so sagen Sie es nur, Betteredge, und auf der Stelle versenke ich den Stein.«

Es ist merkwürdig, wie uns, bei einem aufgeregten Gemüthszustand, der kleinste Schmerz erleichtern kann. Wir fanden damals eine unerschöpfliche Quelle von Späßen in der Ausmalung der schrecklichen Verlegenheiten, in welche Herr Blake als Exekutor gerathen würde, wenn wir das Eigenthum von Fräulein Rachel verschleudern würden, obgleich es mir jetzt völlig unerfindlich ist, worin eigentlich die Veranlassung zu unserm Scherzen lag.

Herr Franklin brachte unser Gespräch zuerst wieder auf seinen eigentlichen Gegenstand zurück. Er nahm ein Couvert aus seiner Tasche, öffnete dasselbe und gab mir das darin befindliche Papier.

»Betteredge,« sagte er, »wir müssen um meiner Tante willen der Frage nach den Motiven, die den Obersten bei dem Vermächtniß an seine Nichte geleitet haben, grade in’s Gesicht sehen. Erinnern Sie sich, wie Lady Verinder ihren Bruder von dem Augenblick seiner Rückkehr nach England an bis zu der Zeit behandelt hat, wo er zu Ihnen sagte: er werde des Geburtstages seiner Nichte gedenken. Und dann lesen Sie dies.«

Das Papier enthielt einen Auszug aus dem Testament des Obersten. Er liegt neben mir, während ich dieses schreibe, und ich will es in Folgendem zum Besten des Lesers abschreiben.

»Drittens und letztens schenke und vermache ich meiner Nichte Rachel,Verinder, Tochter Und einzigem Kinde meiner verwittweten Schwester Julia Verinder, für den Fall, daß genannte Julia Verinder an dem ersten meinem Tode folgenden Geburtstage genannter Rachel Verinder am Leben sein sollte, den mir gehörenden, im Orient unter dem Namen »der Mondstein« bekannten gelben Diamanten. Und ich will, daß mein Testament-Executor meinen Diamanten entweder durch seine eigenen Hände oder durch die Hände einer zuverlässigen von ihm dazu beauftragten Person in den Besitz meiner genannten Nichte Rachel an ihrem nächsten Geburtstage nach meinem Tode, und wo möglich in Gegenwart meiner Schwester, der genannten Julia Verinder, gelangen lasse. Und ich will, daß meine genannte Schwester durch eine beglaubigte Abschrift dieser der dritten und letzten Klause! meines Testaments davon in Kenntniß gesetzt werde, daß ich ihr die Schmach, die sie durch ihr Benehmen gegen mich meinem Ruf während meines Lebens angethan hat, aus freiem Willen vergeben habe, und insbesondere als einen Beweis dafür, daß ich, wie es einem Sterbenden wohl ansteht, die mir als einem Officier und Gentleman zugefügte Beleidigung verzeihe, daß ihr Diener auf ihren Befehl mir am Geburtstag ihrer Tochter die Thür ihres Hauses weisen mußte.«

Weitere Bestimmungen verfügten für den Fall, daß Mylady oder Fräulein Rachel zur Zeit des Ablebens des Testators verstorben sein sollten, daß der Diamant in Gemäßheit der versiegelten und mit demselben deponirten Instructionen nach Holland geschickt werden solle. Der Erlös des Verkaufs sollte in diesem Falle der Summe hinzugefügt werden, welche bereits durch das Testament für die Gründung einer Professur der Chemie an einer Universität des Nordens bestimmt war.

Ich gab Herrn Franklin das Papier zurück und wußte nicht, was ich sagen sollte. Bis zu jenem Augenblick war ich, wie der Leser weiß, der Ansicht gewesen, daß der Oberst als ein eben so schlechter Mensch gestorben sei, wie er gelebt habe. Nun will ich nicht sagen, daß der abschriftliche Auszug aus dem Testament mir sofort eine andere Meinung beibrachte, ich sage nur, daß er mich betroffen machte.

»Nun,« fragte Herr Franklin, »was sagen Sie jetzt, nachdem Sie die eigene Aussage des Obersten gelesen haben, was sagen Sie? Diene ich, indem ich den Mondstein in das Haus meiner Tante bringe, seiner Rache als ein blindes Werkzeug, oder diene ich dazu, seinen Charakter als den eines reuigen Christen wieder herzustellen?«

»Es scheint sehr hart,« antwortete ich, »zu sagen, daß er mit einer schrecklichen Rache im Herzen und einer fürchterlichen Lüge aus den Lippen gestorben sei. Gott allein weiß die Wahrheit! Fragen Sie mich nicht!«

Herr Franklin saß da und drehte und wendete den Testaments-Auszug in seinen Händen herum, als ob er auf diese Weise die Wahrheit herauspressen könnte. Sein Aussehen änderte sich dabei auffallend, hatte er kurz zuvor noch heiter und frisch ausgesehen, so erschien er jetzt aus fast unerklärliche Weise als ein ernster; feierlicher und nachdenklicher junger Mann.«

»Diese Frage hat zwei Seiten,« sagte er, »eine objective und eine subjective. Welcher sollen wir uns zuwenden?«

Er hatte sowohl eine deutsche wie eine französische Erziehung genossen. Bis jetzt hatte die eine von beiden; wie ich glaubte, ausschließlichen Besitz von ihm genommen, jetzt aber trat, so viel ich es beurtheilen konnte, die andere an die Stelle. Es ist einer meiner Grundsätze im Leben, nie Bemerkungen bei etwas zu machen, was ich nicht verstehe. Mit andern Worten: Ich sah ihm gerade in’s Gesicht und sagte weiter nichts.

»Suchen wir uns die wahre Bedeutung dieser Worte klar zu machen,« fuhr Herr Franklin fort, »warum hat mein Onkel den Diamanten Rachel und nicht meiner Tante vermacht?«

»Das ist nicht schwer zu errathen,« erwiderte ich, «Oberst Herncastle kannte Mylady gut genug, um zu wissen, daß sie die Annahme jedes von ihm kommenden Vermächtnisses verweigert haben würde.«

»Und woher wußte er, daß Rachel nicht ebenfalls die Annahme eines solches Vermächtnisses verweigern würde?«

»Giebt es ein junges Mädchen, die der Versuchung, ein solches Geburtstagsgeschenk wie den Mondstein anzunehmen, zu widerstehen vermöchte?«

»Das ist die subjective Art, die Sache anzusehen,« entgegnete Herr Franklin »Es macht ihnen alle Ehre, Betteredge, daß Sie sich zu dieser Betrachtungsweise zu erheben im Stande sind. Das Vermächtnis des Obersten birgt aber noch ein anderes Geheimniß, welches wir noch nicht berücksichtigt haben. Wie sollen wir es erklären, daß es Rachel ihr Geburtstagsgeschenk nur unter der Bedingung vermacht, daß ihre Mutter noch am Leben sei?«

»Ich möchte einem Todten nichts Böses nachreden,« antwortete ich, »aber wenn er seiner Schwester absichtlich durch ein ihrem Kinde gemachtes Geschenk ein Vermächtniß voll Sorge und Gefahr hinterlassen hat, so mußte er natürlich das Geschenk an die Bedingung des Lebens seiner Schwester knüpfen, damit sie die ihr zugedachten Unannehmlichkeiten empfinden könne.«

So erklären Sie also seine Motive? Wieder die subjective Erklärung! Sind Sie je in Deutschland gewesen, Betteredge?«

»Nein, und was ist Ihre Erklärung, wenn ich fragen darf?«

»So viel ich sehe,« sagte Herr Franklin, kann der Zweck des Obersten sehr wohl der gewesen sein, nicht seiner Nichte, die er nie gesehen hatte, etwas Gutes zu erzeigen, sondern seiner Schwester auf sehr graciöse Art durch ein ihrer Tochter gemachtes Geschenk zu beweisen, daß er ihr sterbend vergeben habe. Da haben Sie eine von der Ihrigen ganz verschiedene Art der Erklärung, die von einer subjectiv-objectiven Betrachtungsweise ausgeht. So weit ich es zu beurtheilen vermag, hat die eine Erklärung genau so viel für sich, als die andere.«

Als er die Frage auf diesen befriedigenden Punkt gebracht hatte, schien Herr Franklin zu finden, daß er Alles gethan habe, was von ihm verlangt werden könne. Er legte sich flach auf den Rücken in den Sand und fragte, was nun zu thun sei. Er war so klar und verständig gewesen, bevor er sein ausländisches Kauderwelsch ausgekramt hatte und hatte bis zu jenem Augenblick so vollständig die Leitung der Sache in die Hand genommen, daß ich auf einen solchen plötzlichen Wechsel, wie er ihn jetzt durch seinen hilflosen Appell an meinen Rath kundgab, völlig unvorbereitet war. Erst später erfuhr ich von Fräulein Rachel, welche zuerst die Entdeckung gemacht hatte, daß diese seltsamen Wechsel und Verwandlungen in Herrn Franklin’s Wesen von seiner ausländischen Erziehung herrührten. In dem Alter, wo wir Alle am bildsamsten und besonders geneigt sind, das Wesen anderer Leute auf uns wirken zu lassen, war er in’s Ausland geschickt und von einer Station zur andern gebracht worden, bevor er Zeit gehabt hätte, mehr die bei der einen als die bei der andern empfangenen Eindrücke in sich zu fixiren. In Folge davon hatte sich sein Wesen bei seiner Rückkehr so eigenthümlich entwickelt, daß er sein Leben in beständigem Widerspruch mit sich selbst und in einem Zustande zuzubringen schien, in welchem Alles mehr oder weniger unfertig und mehr oder weniger gegensätzlich erschien. Er konnte geschäftig und müßig, klar und verwirrt in seinem Kopf, ein Muster von Entschlossenheit und ein Opfer der bejammernswerthesten Hilflosigkeit sein, Alles durcheinander. Er hatte seinen französischen, seinen deutschen und seinen italienischen Charakter, wobei die englische Grundlage hie und da immer wieder durchbrach, als wolle sie sagen: »Hier bin ich, traurig verwandelt; aber es steckt doch immer noch etwas von mir in ihm.« Fräulein Rachel pflegte zu sagen, sein italienischer Charakter zeige sich bei den Gelegenheiten, wo er unerwarteter Weise nachgebe und einen Andern in seiner freundlich einschmeichelnden Weise bitte, ihm die ans ihm lastende Verantwortlichkeit abzunehmen. Man wird ihn, denke ich, nicht falsch beurtheilen, wenn man findet, daß eben jetzt der italienische Charakter die Oberhand bei ihm gewonnen hatte.

»Ich sollte denken, es wäre Ihre Sache, zu wissen, was jetzt zu thun ist, meine ist es gewiß nicht.«

Herr Franklin schien die Berechtigung meiner Frage nicht einzusehen, da er in jenem Augenblick nicht in der Lage war, überhaupt etwas Anderes als den Himmel über sich zu sehen.

»Ich möchte meine Tante nicht ohne Grund beunruhigen,« sagte er, »und doch möchte ich sie auch wieder nicht ohne eine, vielleicht dringend nöthige Warnung verlassen. Sagen Sie mir mit einem Wort, was Sie an meiner Stelle thun würden.«

In einem Wort sagte ich ihm »Warten.«

»Das will ich herzlich gern,« antwortete Herr Franklin, »aber wie lange?«

Ich erklärte mich nun:

»Wenn ich recht verstehe, so soll Jemand diesen vermaledeiten Diamanten an Fräulein Rachels Geburtstag in ihre Hände legen und dieser Jemand können Sie so gut sein, wie ein Anderer. Gut, heute haben wir den 25. Mai und der Geburtstag ist am 21. Juni. Bis dahin haben wir also noch beinahe vier Wochen vor uns. Lassen Sie uns abwarten, was inzwischen geschieht, und lassen Sie uns je nach den Umständen Mylady von der Sache in Kenntniß setzen oder nicht.«

»Vortrefflich, Betteredge, so weit wir damit kommen,« erwiderte Herr Franklin, »aber was sollen wir von nun bis zum Geburtstag mit dem Diamanten anfangen?«

»Ganz dasselbe, was Ihr Vater« damit anfing,« sagte ich. »Ihr Vater legte ihn in das sichere Gewahrsam einer Bank in London. Und Sie können ihn in das Gewahrsam der Bank von Frizinghall legen (Frizinghall war die uns nächstgelegene Stadt und die Bank von England konnte nicht sicherer sein, als die dortige Bank). An Ihrer Stelle« fügte ich hinzu, »würde ich unverzüglich mit dem Diamanten nach Frizinghall reiten, ehe die Damen zurückkommen.«

Die Aussicht etwas zu thun, und was mehr ist, dieses Etwas zu Pferde zu thun, ließ Herrn Franklin wie einen Blitz vom Sande aufschnellen. Er sprang auf und riß mich ohne Umstände mit sich in die Höhe.

»Betteredge, Sie verdienen in Gold gefaßt zu werden,« rief er, »kommen Sie mit und satteln Sie mir auf der Stelle das beste Pferd im Stall.«

Gottlob! Da kam einmal die englische Grundlage durch all’ den ausländischen Firniß zum Vorschein. Das war wieder mein junger Franklin, wie ich ihn vor Jahren gekannt hatte, der bei der Aussicht auf einen Ritt hervorbrach und der mich an gute alte Zeiten erinnerte. Ein Pferd für ihn satteln! Ich hätte gern ein Dutzend für ihn gesattelt, wenn er sie nur Alle auf einmal hätte reiten können! Wir kehrten rasch nach Hause zurück, sattelten rasch das flinkste Pferd im Stall, und Franklin trabte eben so rasch davon, um den verfluchten Diamanten wieder in das Gewölbe einer Bank einzuschließen. Als ich den letzten Hufschlag seines Pferdes hatte verhallen hören und mich auf dem Hofe wieder allein fand, war mir beinahe zu Muthe, als ob ich eben ans einem Traum erwacht wäre.


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