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Der Mondstein



Fünftes Capitel.

Ich zog die Hand plötzlich vom Vorhang zurück. Aber glaubet nicht, —— glaubet nicht —— daß die schreckliche Verlegenheit meiner Situation der Gedanke war,der mich am meisten beschäftigte!

So lebhaft war das schwesterliche Interesse, daß ich nicht müde ward, mich zu fragen, warum er wohl nicht im Concert sei. Nein! ich dachte nur an die Worte —— die beunruhigenden Worte —— die ihm eben entfahren waren. Er wolle es heute thun, hatte er in einem Tone furchtbarer Entschlossenheit gesagt, er wolle es noch heute thun. Was, was wollte er thun? Etwas seiner noch bedauernswerther Unwürdiges als was er bereits gethan hatte? Wollte er offen vom Glauben abfallen? Wollte er uns in unserm mütterlichen Hosenvereine verlassen? Sollten wir sein himmlisches Lächeln zum letzten Mal in unserm Versammlungszimmer gesehen haben? Sollten wir seine unvergleichliche Beredsamkeit zum letzten Mal in Exeter-Hall gehört haben? Ich war von der bloßen Idee solcher Möglichkeiten so aufgeregt, daß ich glaube, ich würde aus meinem Versteck hervorgebrochen sein und ihn im Namen aller Damen-Comités in London angefleht haben, sich zu erklären, wenn ich nicht eine zweite Stimme im Nebenzimmer vernommen hätte. Die Stimme drang durch die Vorhänge, sie klang laut, verwegen, jeder weiblichen Anmuth baar. Es war die Stimme Rachel Verinder’s!

»Warum bist Du hier hinaufgekommen, Godfrey?« fragte sie; »warum bist Du nicht in die Bibliothek gegangen?«

Er lachte leise und antwortete: »In der» Bibliothek ist Miß Clack.«

»Clack in der Bibliothek!« rief Rachel, indem sie sich auf die im Zimmer stehende Ottomane setzte: »Du hast ganz Recht, Godfrey, dann sind wir viel besser hier.«

Vor einem Augenblick war ich noch in einer fieberhaften Aufregung gewesen, und ganz unschlüssig was ich beginnen solle. Jetzt wurde ich plötzlich vollkommen ruhig und hatte meinen Entschluß gefaßt. Nach dem, was ich gehört hatte, hervorzutreten, war unmöglich. Mich jetzt zurückzuziehen, es wäre denn in’s Kamin, war ebenso unmöglich. Ein Märtyrerthum stand mir bevor. ich arrangirte die Vorhänge geräuschlos so, daß ich zugleich sehen und hören konnte und hielt mich bereit, mein Märtyrerthum im Geiste eines der ersten Christen zu erleiden.

»Setz’ Dich nicht auf die Ottomane,« fuhr die junge Dame fort, »nimm Dir einen Stuhl, Godfrey; ich habe die Leute gern mir gegenüber, wenn ich mit ihnen rede.«

Er nahm den nächst stehenden Sitz. Es war ein niedriger Stuhl. Er war viel zu groß für diesen Sitz. Ich hatte seine Beine nie so unvortheilhaft gesehen.

»Nun,« fuhr sie fort, »was hast Du ihnen gesagt?«

»Dasselbe was Du zu mir gesagt hast, liebe Rachel.«

»Daß Mama heute gar nicht wohl sei? Und daß ich sie nicht gern verlassen und in’s Concert gehen wolle?«

»Das waren meine Worte. Sie bedauerten sehr, Deine Gesellschaft im Concert entbehren zu müssen, erkannten aber die Triftigkeit Deiner Gründe vollkommen an. Sie lassen Dich Alle herzlich grüßen und Dir sagen wie sehr sie hofften, daß Lady Verinder’s Unwohlsein nur vorübergehend sein werde.«

»Du hältst das Unwohlsein doch nicht für bedenklich, Godfrey; nicht wahr?«

»Durchaus nicht! Ich bin fest überzeugt, daß sie in einigen Tagen wieder ganz wohl sein wird.«

»Das glaube ich auch. Ich habe mich zuerst etwas geängstigt, aber jetzt glaube ich es auch. Es war sehr freundlich von Dir, mich bei Leuten zu entschuldigen, die Dir fast völlig fremd sind. Aber warum bist Du nicht mit ihnen in’s Concert gegangen? Es thut mir sehr leid, daß Du auf diese Weise um die Musik kommst.«

»Sage das nicht, Rachel! Wenn Du nur wüßtest, wie viel glücklicher ich mich hier bei Dir fühle!«

Er faltete die Hände und sah sie an. Er saß so, daß sein Blick dabei auf die Vorhänge fallen mußte. Wie soll ich schildern was ich empfand, als ich jetzt genau denselben Ausdruck in seinem Gesicht beobachtete, welcher mich entzückt hatte, wenn er auf der Tribüne in Exeterhall für Millionen von Unglücklichen unter seinen Mitmenschen das Wort ergriff!

»Es ist schwer, seine schlechten Gewohnheiten abzulegen, Godfrey, aber versuche es, mir zu Gefallen, die schlechte Gewohnheit, Complimente zu machen, los zu werden.«

»Dir habe ich in meinem Leben noch kein Compliment gemacht, Rachel. Glückliche Liebe bedient sich vielleicht bisweilen der Sprache der Schmeichelei, das gebe ich zu; aber hoffnungslose Liebe spricht immer die Wahrheit.«

Bei den Worten »hoffnungslose Liebe« rückte er einen Stuhl nahe an sie heran und ergriff ihre Hand. Es entstand eine kurze Pause. Er, dessen Wort Jedermann zu Herzen ging, hatte offenbar auch ihr Herz getroffen. Jetzt glaubte ich die Worte zu verstehen, die ihm entfahren waren, als er sich allein im Zimmer befand. »Ich will es heute thun!« Ach! Kein Zweifel, er that eben jetzt.«

»Hast Du vergessen, über was wir bei unserer Unterhaltung auf unserm Landsitz übereingekommen sind: daß wir fortan Vetter und Cousine sein wollten und weiter nichts?«

»Ich vergesse unser Uebereinkommen, so oft ich Dich sehe, Rachel!«

»Dann thust Du besser, mich nicht zu sehen.«

»Das würde mir nichts helfen. Ich vergesse unser Uebereinkommen, so oft ich an Dich denke. O, Rachel, wie freundlich hast Du mir noch vor wenigen Tagen gesagt, daß Deine Achtung für mich größer geworden sei, als sie es je zuvor gewesen! Ist es ein reiner Wahn, wenn ich auf diese Worte ein Gebäude von Hoffnungen gründe? Ist es ein reiner Wahn, wenn ich von künftigen Tagen träume, wo weichere Empfindungen für mich in Deinem Herzen Platz finden werden? Wenn es ein Wahn ist, sag’ es mir nicht! Laß mir meine Täuschung, theuerste Rachel! Ich bedarf dieser Täuschung zu meinem Trost und zu meiner Aufmunterung!«

Seine Stimme zitterte und er wischte sich mit seinem weißen Schnupftuch die Thränen aus den Augen. Wieder Exeterhall! Es fehlte nichts um die Aehnlichkeit der Erscheinung vollkommen zu machen, als die Zuhörer, die Zurufe und das Glas Wasser.

Selbst ihr verhärtetes Herz war gerührt. Ich sah, wie sie ihm etwas näher rückte. Der Ton, mit dem sie die nächsten Worte sprach, verrieth ein erhöhtes Interesse.

»Glaubst Du wirklich, Godfrey, daß Du mich so innig liebst?«

»Ich weiß es ganz gewiß! Du weißt, was ich war, Rachel. Laß mich Dir sagen, was ich jetzt bin. ich habe jedes Interesse am Leben, soweit es Dich nicht betrifft, verloren. Es ist eine Umwandlung mit mir vorgegangen, die ich mir selbst nicht zu erklären weiß. Wirst Du es glauben? Meine Beschäftigung mit mildthätigen Zwecken ist mir jetzt zu einer unerträglichen Last geworden, und wenn ich jetzt ein Damen-Comité sehe, so wünsche ich mich an’s andere Ende der Welt!«

Ich weiß nicht, ob die Annalen der Geschichte des Abfalls vom Glauben etwas der eben erwähnten Erklärung Aehnliches enthalten, ich kann so viel sagen, daß mir im Bereich meiner Lectüre kein ähnlicher Fall vorgekommen ist. Ich dachte an den mütterlichen Hosenverein, ich dachte an die Sonntagsliebsten-Ueberwachung und an die vielen anderen Gesellschaften, deren Zahl viel zu groß ist, um sie hier alle einzeln aufführen zu können und die alle auf diesen Mann wie auf ein unerschütterliches Fundament gegründet waren. Ich dachte an die schwer ringenden weiblichen Vereine, die so zu sagen den Athem ihrer geschäftlichen Existenz durch die Naslöcher des Herrn Godfrey einsogen, desselben Herrn Godfrey, der eben unser gutes Werk »eine unerträgliche Last« gescholten und so eben erklärt hatte, daß er sich an’s andere Ende der Welt wünsche, wenn er sich in unserer Mitte sehe.

Meine jungen weiblichen Freunde werden sich ermuthigt fühlen, auf ihrem Wege zu beharren, wenn ich ihnen sage, daß selbst ein so geschultes Gemüth wie das meinige Mühe hatte, seine gerechte Entrüstung schweigend in sich zu verarbeiten. Die Gerechtigkeit gegen mich selbst gebietet mir aber hinzuzufügen, daß ich keine Silbe von der Unterhaltung verlor. Rachel ergriff zuerst wieder das Wort.

»Du hast mir Dein Bekenntniß abgelegt,« sagte sie, »ich möchte wohl wissen, ob es Dich von Deiner unglücklichen Neigung heilen würde, wenn ich Dir nun auch mein Bekenntniß machte.«

Er wurde stutzig. Ich muß gestehen, ich auch. Er glaubte und auch ich glaubte, daß sie im Begriff stehe, das Geheimniß des Mondsteins zu enthüllen.

»Würdest Du es glauben,« fuhr sie fort, »wenn Du mich ansiehst, daß ich das elendeste Mädchen der Welt bin? Es ist wahr, Godfrey! Kann es ein größeres Elend geben, als mit dem Bewußtsein, in seiner eigenen Achtung gesunken zu sein, zu leben? Das ist jetzt mein Leben.«

»Liebe Rachel! Es ist unmöglich, daß Du eine genügende Ursache hast, so von Dir selber zu reden.«

»Woher weißt Du das?«

»Wie kannst Du mich das nur fragen! Ich weiß es, weil ich Dich kenne. Dein Schweigen, theuerste Rachel, hat Dich nie in der Achtung Deiner wahren Freunde herabgesetzt Das Verschwinden Deines kostbaren Geburtstags-Geschenks kann auffallend erscheinen; Dein unerklärlicher Antheil an diesem Ereigniß kann noch auffallender erscheinen ——«

»Sprichst Du von dem Mondstein, Godfrey?«

»Ich glaubte sicher, daß Du darauf ——«

»Ich spielte auf nichts derartiges an. Ich kann von dem Verlust des Mondsteins, es sei, wen es wolle, reden hören, ohne mich in meiner eigenen Achtung herabgesetzt zu fühlen. Wenn die Geschichte des Diamanten jemals an den Tag kommt, so wird man erfahren, daß ich eine große Verantwortlichkeit aus mich genommen habe und daß ich mich in die Bewahrung eines elenden Geheimnisses habe verwickeln lassen, aber es wird so klar werden wie die Sonne am hellen Tage, daß ich nicht Böses damit beabsichtigt habe. Du hast mich mißverstanden, Godfrey. Das ist meine Schuld, ich hätte mich deutlicher aussprechen müssen. Es koste mich, was es wolle, ich will jetzt deutlicher sein. Nimm an, Du liebtest mich nicht; nimm an, Du liebtest ein anderes Mädchen.«

»Und?«

»Nimm an, Du machtest die Entdeckung, daß dieses Mädchen Deiner vollkommen unwürdig sei; nimm an, Du überzeugtest Dich, daß Du Dich selbst entehren würdest, wenn Du noch einen weiteren Gedanken an sie verschwendetest, nimm an, die bloße Idee, eine solche Person jemals zu heirathen, machte Dein Gesicht vor Scham glühen.«

»Und?«

»Und nimm an, daß Dein Herz sich trotz alledem und alledem nicht von ihr abwenden könne; nimm an, daß sie zu der Zeit, wo Du an sie glaubtest, Gefühle in Dir rege gemacht hätte, die Du jetzt auf keine Weise zurückzudrängen vermöchtest; nimm an, die Liebe, die diese Elende Dir eingeflößt hätte —— wo soll ich Worte finden, es auszudrücken? Wie kann ich es einem Manne begreiflich machen, daß eine Empfindung, die mich vor mir selber schaudern macht, mich doch wieder, wie mit einem Zauber, gefangen hält? Sie ist der Athem meines Lebens, Godfrey, und sie ist das Gift, das mich verzehrt. Beides zugleich! Geh’! Ich muß mich völlig selbst vergessen haben, um so zu reden. Nein! Bleib? Du darfst mich nicht unter einem falschen Eindruck verlassen. Ich muß noch sagen, was ich zu meiner eigenen Vertheidigung anzuführen habe. Merk’ es wohl! Er weiß nicht und wird es nie erfahren, was ich Dir gesagt habe. Ich werde ihn nie wiedersehen —— was auch geschehen möge —— ich will ihn nie, nie, niemals wiedersehen! Frage mich nicht nach seinem Namen! Frage mich nichts mehr! Laß uns von etwas Anderem reden. Bist Du Arzt genug, Godfrey, um mir sagen zu können, warum mir zu Muthe ist, als ob mir der Athem ausginge und als ob ich ersticken müßte? Giebt es hysterische Zufälle, die sich in einem Ausbruch von Worten, statt von Thränen äußern? Es scheint fast so. Aber was liegt daran? Du wirst nun alle Aufregung, die ich Dir verursacht habe, gewiß leicht genug verwinden. Ich habe mir jetzt den richtigen Platz in Deiner Achtung errungen, nicht wahr? Nimm keine Notiz mehr von mir. Bemitleide mich nicht! Ich bitte Dich um Gotteswillem geh’ fort!«

Plötzlich drehte sie sich um und schlug mit den Händen wild auf die Rücklehne der Ottomane. Ihr Kopf sank in’s Kissen und sie brach in Thränen aus. Bevor ich noch Zeit hatte, dies unschicklich zu finden, machte mich ein ganz unerwarteter Schritt des Herrn Godfrey vor Entsetzen starr. Wird man es glauben, daß er vor ihr auf die Kniee sank? —— auf beide Kniee, wie ich hiermit feierlichst versichere! Muß ich meiner Sittsamkeit die Mittheilung machen, daß er dann seinen Arm um sie schlug? Und muß ich es mit staunendem Bedauern anerkennen, daß er sie mit zwei Worten elektrisirte.

»Edles Wesen!«

Weiter nichts. Aber er that es mit einem jener wunderbaren Ausbrüche, die seinen Ruf als öffentlichen Redner begründet haben. Sie saß, ganz starr vor Schrecken, oder wie von einem Zauber gebannt —— ich weiß es nicht —— ohne auch nur einen Versuch zu machen, seine Arme wieder an die Stelle zu legen, wohin sie gehörten. Was mich betrifft, so war mein Sinn für das Schickliche so tief verletzt, daß ich mich gar nicht zu finden wußte. Ich befand mich in einem so peinlichen Zweifel darüber, ob es meine erste Pflicht sei, die Augen zu schließen oder die Ohren zu verstopfen, daß ich beides unterließ. Wenn ich mich frage, was mir die Kraft gab, den Vorhang noch ferner so zu halten, daß ich gut hören und sehen konnte, so vermag ich es mir nur aus einer Art von unterdrücktem hysterischen Zufall zu erklären. Bei unterdrückten hysterischen Zufällen muß man, wie selbst die Aerzte zugeben, etwas in der Hand halten.

»Ja!« sagte er mit allem Zauber seiner evangelischen Stimme und Gesticulation, »Du bist ein edles-Wesen! Ein Weib, das die Wahrheit nur um der Wahrheit willen reden kann; ein Weib, das lieber ihren Stolz als einen rechtschaffenen Mann opfert, der sie liebt, ist der kostbarste aller Schätze. Wenn ein solches Weib heirathet, so gewinnt der Mann, wenn es ihm nur gelingt, sich ihre Achtung zu erringen, genug, um sein ganzes Leben dadurch zu verklären. Du hast von der Stelle gesprochen, die Du in meiner Achtung einnimmst. Urtheile selbst, wie hoch Du in meiner Achtung stehst, wenn ich Dich auf meinen Knieen anflehe, meinen Händen die Heilung Deines armen verwundeten Herzens zu überlassen. Rachel! Willst Du mir die höchste Ehre erweisen, willst Du mich glücklich machen, willst Du mein Weib werden?«

In diesem Augenblick würde ich unfehlbar beschlossen haben, mir die Ohren zu verstopfen, wenn Rachel mich nicht dadurch ermuthigt hätte, sie noch ferner offen zu halten, daß sie ihm eine Antwort in so verständigen Worten gab, wie ich sie nie zuvor von ihr gehört hatte.

»Godfrey,« sagte sie, »Du mußt den Verstand verloren haben.«

»Ich habe nie verständiger, sowohl in Deinem wie in meinem Interesse gesprochen. Blicke einen Augenblick in die Zukunft. Willst Du Dein Glück einem Manne opfern, der nie erfahren hat, wie Du für ihn fühlst, und den Du entschlossen bist, nie wieder zu sehen? Ist es nicht Pflicht gegen Dich selbst, diese unglückselige Neigung zu vergessen? und wirst Du vergessen können, so lange Du Dein jetziges Leben fortführst? Du hast dies Leben nun lange genug geführt und bist seiner bereits überdrüssig. Umgieb Dich mit edleren Interessen, als den Interessen dieser Welt. Ein Herz, das Dich liebt und ehrt, eine Häuslichkeit, deren friedliche Beschäftigungen und beglückende Pflichten Dir von Tage zu Tage theurer werden —— versuche es mit dem Troste, Rachel, den Du darin finden wirst! Ich bitte Dich nicht um Deine Liebe, ich will mich mit Deiner Zuneigung und Deiner Achtung begnügen. Ueberlaß das Uebrige vertrauensvoll der Ergebenheit Deines Gatten und der Zeit, die selbst so tiefe Wunden wie die Deinigen heilt.«

Sie fing schon an, nachzugehen. O! welche Erziehung mußte sie gehabt haben! O! wie anders würde ich an ihrer Stelle gehandelt haben!

»Führe mich nicht in Versuchung, Godfrey,« sagte sie, »ich bin schon elend genug, führe mich nicht in Versuchung, noch elender zu werden.«

»Eine Frage, Rachel, Hast Du irgend etwas gegen meine Person?«

»Ich! Ich habe Dich immer gern gehabt. Nach dem, was Du mir eben gesagt hast, müßte ich vollkommen unempfindlich sein, wenn ich Dich jetzt nicht auch achten und bewundern wollte.«

»Kennst Du viele Frauen, liebe Rachel, die ihre Männer achten und bewundern? Und doch leben sie ganz glücklich mit diesen Männern? Wie viele Bräute treten vor den Altar, deren Herzen den Einblick der Männer ertragen würden, denen sie die Hand reichen? Und doch nimmt die Sache meistens kein unglückliches Ende —— auf eine oder die andere Weise geht die Ehe ihren Gang. Die Wahrheit ist, daß die Frauen die Ehe viel öfter als eine letzte Zufluchtsstätte betrachten, als sie zugeben wollen; und, was mehr ist, sie finden schließlich, daß die Ehe das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigt. Betrachte Deinen eigenen Fall noch einmal. Ist es denkbar, daß Du in Deinem Alter und mit Deinen Reizen Dich zu einem ehelosen Leben Verurtheiltest? Vertraue meiner Kenntniß der Welt, es giebt nichts so Undenkbares Es ist lediglich eine Frage der Zeit. In einigen Jahren heirathest Du vielleicht einen andern Mann, oder heirathest den Mann, Liebste, der jetzt zu Deinen Füßen liegt und der Deine Achtung und Deine Bewunderung höher schätzt, als die Liebe irgend eines anderen Weibes auf dem weiten Erdenrund.«

»Halt ein, Godfrey! Du führst mir ein Bild vor, das mir noch nie erschienen ist. Du führst mich in Versuchung mit einer neuen Aussicht, in einem Augenblick, wo sich alle anderen Aussichten vor mir geschlossen haben. Ich wiederhole Dir, ich bin elend und verzweifelt genug, Dich, wenn Du noch ein Wort sagst, auf Deine eigene Bedingungen hin zu heirathen. Laß Dir das gesagt sein, und geh!«

»Ich weiche nicht von diesem Fleck, bis Du Ja gesagt hast.«

»Wenn ich Ja sage, wird es Dich gereuen und wird es mich gereuen, wenn es zu spät ist.«

»Theuerstes Mädchen, wir werden beide den Tag segnen, wo ich in Dich drang und wo Du nachgabst.«

»Bist Du wirklich so vertrauensvoll, wie Du sprichst?«

»Urtheile selbst. Ich spreche im Bewußtsein dessen, was ich in meiner eigenen Familie erlebt habe. Sag’ mir, was Du über unsere Häuslichkeit in Frizinghall denkst. Leben mein Vater und meine Mutter unglücklich mit einander?«

»Durchaus nicht, so weit ich darüber urtheilen kann.«

»Nun, meine Mutter liebte als Mädchen, das ist kein Geheimniß in der Familie —— wie Du, Rachel, sie hatte ihr Herz an einen Unwürdigen verloren. Sie heirathete meinen Vater, den sie achtete und bewunderte, den sie aber nicht liebte. Du hast jetzt mit eigenen Augen gesehen, wie diese Ehe ausgefallen ist. Liegt darin nicht eine Ermuthigung für Dich und mich?«

»Du willst mich doch nicht zu einer Entscheidung drängen, Godfrey?«

»Ich dränge Dich nicht!«

»Du verlangst nicht mehr von mir, als ich Dir geben kann?«

»Mein Engel, ich verlange nichts von Dir, als Dich selbst.«

»Nimm mich!«

Mit diesen beiden Worten nahm sie seinen Antrag an.

Wieder erfolgte von seiner Seite ein Ausbruch —— dieses Mal ein Ausbruch unheiliger Verzückung. Er zog sie näher und näher an sich, bis ihr Gesicht das seinige berührte und dann —— Nein! ich kann es nicht über mich gewinnen, diesen anstößigen Bericht noch weiter zu führen. Ich will nur noch bemerken, daß ich es versuchte meine Augen zu schließen, bevor es geschah, daß ich es aber gerade einen Augenblick zu spät that. Ich hatte, wie man sieht, darauf gerechnet, daß sie widerstehen würde. Aber sie ergab sich. Für jede feinfühlende Person meines Geschlechts bedarf es keines weiteren Wortes.

Selbst mit meiner Unerfahrenheit in solchen Dingen fing ich jetzt an, das Ende der Zusammenkunft abzusehen. Sie waren so völlig mit einander einig geworden, daß ich ganz daraus gefaßt war, sie Arm in Arm fortgehen zu sehen, um sich trauen zu lassen. Nach Herrn Godfrey’s nächster Aeußerung zu urtheilen, gab es jedoch noch eine kleine Formalität zu erfüllen. Er setzte sich jetzt, und zwar dieses Mal ohne daß sie ihm wehrte, an ihre Seite auf die Ottomane. »Soll ich mit Deiner lieben Mutter sprechen,« sagte er, »oder willst Du es selbst thun?«

Sie lehnte Beides ab.

»Laß meine Mutter von keinem von uns Beiden etwas über die Sache hören, bis es ihr besser geht. Ich möchte die Sache vorläufig noch geheim gehalten wissen, Godfrey. Geh jetzt und komm diesen Abend wieder. Wir sind lange genug hier allein zusammen gewesen.«

Sie stand auf und blickte im Aufstehen zum ersten Mal nach dem kleinen Zimmer, in welchem ich noch immer mein Märtyrerthum zu bestehen hatte.

»Wer hat denn die Vorhänge zugezogen?« rief sie aus. »Das Zimmer ist ja so schon dumpfig genug, warum noch die Luft in dieser Weise absperren?«

Sie ging auf die Vorhänge zu. In dem Augenblick, wo die Entdeckung meiner Person unvermeidlich geworden zu sein schien, erscholl plötzlich die Stimme des gut aussehenden jungen Dieners auf der Treppe und that jedem weiteren Vorgehen von ihrer oder meiner Seite Einhalt. Die Stimme gab in unzweideutiger Weise eine große Aufregung kund.

»Fräulein Rachel!« rief er laut, »wo find Sie, Fräulein Rachel?«

»Sie trat plötzlich vom Vorhange zurück und eilte an die Thür.

In demselben Augenblick trat der Diener in’s Zimmer. Seine frische Farbe war ganz verschwunden. Er sagte: »Bitte, kommen Sie hinunter, gnädiges Fräulein! Mylady ist in Ohmnacht gefallen und wir können sie nicht wieder zu sich bringen.«

Im nächsten Augenblick war ich allein und konnte ungehindert und unbeobachtet auch meinerseits hinuntergehen.

In der Halle streifte ich Herrn Godfrey, der fortstürzte, um den Doctor zu holen. »Gehen Sie hinein und helfen Sie!« sagte er, auf das Zimmer deutend.

Ich fand Rachel auf den Knieen bei dem Sopha, den Kopf ihrer Mutter an ihrem Busen. Für mich, die ich den Zustand Lady Verinder’s kannte, genügte ein Blick auf das Gesicht meiner Tante, um mir die schreckliche Wahrheit zu enthüllen. Ich behielt meine Gedanken für mich, bis der Doctor eintrat, der nicht lange auf sich warten ließ. Sein Erstes war, Rachel aus dem Zimmer zu entfernen, dann theilte er uns Uebrigen mit, daß Lady Verinder todt sei. Ernste Menschen, welche Beispiele von verhärtetem Skepticismus zu ihrer Belehrung sammeln, wird es vielleicht interessieren zu hören, daß er bei meinem Anblick keine Spur von Gewissensbissen zu empfinden schien.

Etwas später warf ich einen flüchtigen Blick in’s Frühstückszimmer und in die Bibliothek hinein. Meine Tante war gestorben, ohne einen einzigen der Briefe, die ich ihr geschrieben hatte, gelesen zu haben. Dies berührte mich so peinlich, daß es mir erst einige Tage später einfiel, daß sie auch gestorben sei, ohne mir mein kleines Vermächtniß zu geben.


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