Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Der Mondstein
 

Der Mondstein



Zweite Periode:

Die Entdeckung der Wahrheit

in verschiedenen Erzählungen.
1848 - 1849

Erste Erzählung.

Von Miß Clack, Nichte des verstorbenen Sir John Verinder.

Erstes Capitel.

Ich bin meinen lieben Eltern, die beide jetzt im Himmel sind, Zu Dank dafür verpflichtet, daß sie mich schon in frühester Jugend an Ordnung und Pünktlichkeit gewöhnt haben.

In jenen vergangenen glücklichen Tagen wurde mir gelehrt, mein Haar bei Tag und Nacht in Ordnung zu halten und jedes Kleidungsstück sorgfältig zusammen immer auf dieselbe Weise, auf denselben Stuhl, an dieselbe Stelle am Fuße des Bettes zu legen, ehe ich schlafen ging. Dem Zusammenlegen ging ebenso regelmäßig das Eintragen der Tagesereignisse in mein kleines Tagebuch voran. Auf das Zusammenlegen folgte eben so unabänderlich das Abendgebet, sobald ich mich in’s Bett gelegt hatte.

In meinem spätern Leben folgten auf dieses Gebet, ach! oft trübe Gedanken und an die Stelle des süßen Schlafs trat der unterbrochene Schlummer, wie er das Sorgenkissen des Unglücklichen heimsucht. Aber die Gewohnheit, meine Kleider zusammenzulegen und mein Tagebuch zu führen, behielt ich bei. Die erstere Gewohnheit verknüpft mich noch mit meiner glücklichen Jugend, der Zeit vor dem Ruin meines Vaters. Die letztere Gewohnheit —— die mir hauptsächlich dazu behilflich gewesen, war, die sündige Natur, die wir Alle von Adam geerbt haben, im Zaume zu halten —— hat sich ganz unerwarteter Weise als in ganz anderer Art für meine bescheidenen Interessen wichtig erwiesen. Sie hat mein armes Ich in den Stand gesetzt, den Launen eines reichen Mitgliedes unserer Familie zu stöhnen. Ich bin so glücklich, mich Herrn Franklin Blake im irdischen Sinne des Worts nützlich machen zu können.

Seit längerer Zeit war ich ausser aller Verbindung mit dem von Glück begünstigten Zweig der Familie gewesen. Wenn wir allein in der Welt dastehen und arm sind, werden wir nicht selten vergessen. Ich lebe jetzt aus Gründen der Oekonomie in einer kleinen Stadt der Bretagne, die von einem ausgewählten Kreise ernster Freunde bewohnt wird und die Vortheile eines protestantischen Geistlichen und eines billigen Marktes bietet.

In dieser Zurückgezogenheit, einem Patmos inmitten des wüthenden Oceans der Papisterei, die uns umgiebt, ist endlich ein Brief aus England an mich gelangt. Herr Franklin Blake erinnert sich plötzlich meines unbedeutenden Daseins. Mein reicher Verwandter, —— könnte ich ihn doch auch meinen Verwandten in Christo nennen! —— schreibt mir, ohne es auch nur im Mindesten zu verbergen, daß er etwas von mir will. Er ist aus den Einfall gekommen, die traurige und scandalöse Mondsteingeschichte wieder aufzurühren und ich soll ihm dabei durch einen schriftlichen Bericht über Das behilflich sein, was ich selbst während meines Besuchs in Tante Verinders Haus in London erlebt habe. Mit dem den Reichen eigenen Mangel an Zartgefühl bietet er mir dafür Bezahlung an. Ich soll Wunden wieder aufreißen, die die Zeit kaum geheilt hat; ich soll die schmerzlichsten Erinnerungen wieder auffrischen. und soll mich dafür durch eine neue schmerzliche Berührung, in Gestalt von Herrn Blake’s Anweisung, belohnen lassen. Meine Natur ist schwach. Es kostete mich einen harten Kampf, bevor die christliche Demuth den sündigen Stolz überwand und bis mich Selbstverleugnung die Anweisung annehmen ließ.

Ich zweifle, ob ich ohne mein Tagebuch, —— um die Sache mit gütiger Erlaubniß des Lesers ohne Umschweife beim rechten Namen zu nennen, —— mein Geld hätte ehrlich verdienen können. Mit ihrem Tagebuch in der Hand ist aber die arme Arbeiterin, welche Herrn Blake sein kränkendes Benehmen verzeiht, ihres Lohnes werth. Nichts habe ich mir in jener Zeit, wo ich bei der lieben Tante zum Besuch war, entgehen lassen. Alles wurde, Dank meiner frühen Gewöhnung, Tag für Tag eingetragen, wie es sich zutrug und Alles bis auf die kleinste Einzelheit soll hier wieder erzählt werden. Meine heilige Achtung vor der Wahrheit steht mir, dem Herrn sei Dank dafür! viel höher als jede Rücksicht auf Menschen. Es wird Herrn Blake leicht sein, solche Stellen in den folgenden Blättern zu unterdrücken, welche für die Hauptperson in denselben etwa nicht schmeichelhaft genug erscheinen möchten. Er hat meine Zeit von mir gekauft, aber selbst mit seinem Reichthum kann er mir mein Gewissen nicht abkaufen.[Anmerkung von Franklin Blake. Miß Clack kann sich über diesen Punkt vollkommen beruhigen.In ihrem Manuscript so wenig wie in irgend einem andern Manuscripte, die in meine Hände gelangen, soll irgend etwas hinzugefügt, verändert oder entfernt werden. Gleichviel was für Ansichten der eine oder andere der Schreibenden aussprechen mag, was für Eigenthümlichkeiten der Behandlung des Stoffs die Erzählungen, welche ich jetzt sammle, charakterisiren und im literarischen Sinn vielleicht entstellen mögen, nirgends wird auch nur eine einzige Zeile verändert oder weggelassen werden. Als echte Documente gehen sie mir zu und als echte Documente werde ich sie, mit der Beglaubigung von Leuten versehen, welche die Wahrheit der Thatsachen bezeugen können, aufbewahren. Es bleibt mir nur noch hinzuzufügen, daß die »Hauptperson« in Miß Clack’s Erzählung im gegenwärtigen Augenblick so glücklich ist, nicht nur den beißendsten Ergüssen von Miß Clacks Feder Trotz bieten, sondern sogar den unbestreitbaren Werth dieser Ergüsse für die Erkenntniß von Miß Clacks Charakter anerkennen zu können.]

Mein Tagebuch belehrt mich, daß ich am Montag, den 3. Juli 1848, zufällig an Tante Verinder’s Haus in Montague-Square vorüberging.

Da ich die Laden offen und die Jalousien aufgezogen sah, hielt ich es für eine passende Höflichkeit, hineinzugehen und mich nach den Damen zu erkundigen. Die Person, welche mir die Thür öffnete, benachrichtigte mich, daß meine Tante und ihre Tochter —— ich kann sie wirklich nicht meine Cousine nennen —— vor einer Woche vom Lande hereingekommen seien und einige Zeit in London zu bleiben beabsichtigten. Ich schickte sofort hinaus und ließ sagen, ich wolle nicht stören und mich nur erkundigen, ob ich mich den Damen in irgend einer Weise nützlich machen könne. Die Person, welche mir die Thür geöffnet hatte, nahm meine Bestellung mit einem impertinenten Schweigen entgegen und ließ mich in der Halle stehen. Sie ist die Tochter eines alten Heiden, Namens Betteredge, der sehr lange —— zu lange —— in der Familie meiner Tante geduldet worden ist. Ich setzte mich in der Halle nieder, um die Antwort auf meine Bestellung zu erwarten, und da ich immer ein Paar Tractätchen in meiner Handtasche bei mir führe, so nahm ich eins heraus, das sich in einer ganz providentiellen Weise als auf die Person, welche mir die Thür geöffnet hatte, anwendbar erwies. Die Halle war schmutzig und der Stuhl hart; aber das beseligende Bewußtsein, Böses mit Gutem zu vergelten, erhob mich weit über alle geringfügigen Beobachtungen dieser Art. Das Tractätchen gehörte zu einer Serie, die sich auf die Sündhaftigkeit der Kleidung bei jungen Frauenzimmern bezog. Es war im Style frommer Vertraulichkeit geschrieben. Sein Titel war: »Ein Wort an Euch über Eure Mützenbänder.«

»Mylady läßt Ihnen bestens. danken und bittet Sie, sie morgen um 2 Uhr zum Frühstück zu besuchen.«

Ich nahm keine Notiz von der Art, wie sie ihre Bestellung ausrichtete, und von der schrecklichen Frechheit ihres Blickes. Ich dankte der verworfenen jungen Person und sagte zu ihr im Tone christlichen Antheils: »Wollen Sie mir die Freude machen, ein Tractätchen von mir anzunehmen?«

Sie warf einen Blick auf den Titel und fragte dann: »Hat es ein Mann oder eine Frau geschrieben? Wenn es von einer Frau geschrieben ist, so möchte ich es deshalb lieber nicht lesen. Wenn es aber von einem Mann geschrieben ist, so möchte ich Sie bitten, ihm zu sagen, daß er nichts davon versteht.« Sie gab mir das Tractätchen wieder und öffnete mir die Thür Wir müssen die gute Saat ausstreuen, wie wir können. Ich wartete, bis die Thür hinter mir geschlossen war und ließ dann das Tractätchen in den Briefkasten gleiten. Als ich dann ein zweites Tractätchen über das Kellergeländer geworfen hatte, fühlte ich mich von einer schweren Verantwortlichkeit gegen meine Mitmenschen in etwas erleichtert.

Wir hatten an jenem Abend eine Versammlung des Comittes der Gesellschaft der Mütter zur Umwandlung von Hosen.

Der Zweck dieses vortrefflichen mildthätigen Unternehmens ist, wie alle ernsten Menschenfreunde wissen, die unausgelösten Hosen von Vätern vom Pfandleiher wiederzuerlangen und ihre Wiederversetzung von Seiten des unverbesserlichen Vaters dadurch zu verhindern, daß man sie auf der Stelle zu Kleidungsstücken für das unschuldige Kind zerschneidet.

Ich war um jene Zeit Mitglied dieses Comités und ich thue der Gesellschaft hier Erwähnung, weil mein bewunderungswürdiger und vorzüglicher Freund, Herr Godfrey Ablewhite, sich bei diesem Unternehmen sittlicher und materieller Nützlichkeit betheiligt hat. Ich hatte gehofft, ihn an jenem Montag-Abend, von dem ich eben berichte, im Sitzungszimmer zu sehen und hatte mir vorgenommen, ihm, wenn ich ihn träfe, die Ankunft meiner lieben Tante Verinder in London zu berichten.

Zu meiner sehr unangenehmen Enttäuschung erschien er aber nicht, Als ich meiner Ueberraschung über seine Abwesenheit Ausdruck gab, blickten meine Schwestern im Comité alle zugleich von ihren Hosen auf, —— wir hatten an jenem Abend ungemein viel zu thun, —— und fragten höchst erstaunt, ob ich die große Neuigkeit noch nicht vernommen habe. Ich bekannte meine völlige Unwissenheit und erfuhr dann zum ersten Mal von einem Ereigniß, welches gewissermaßen den Ausgangspunkt dieser Erzählung bildet.

Am verwichenen Freitag waren zwei Herren, welche sehr verschiedene Stellungen in der Gesellschaft einnahmen, der Gegenstand einer Insulte geworden, welche ganz London in Aufregung versetzt hatte. Einer dieser Herren war Herr Septimus Luker von Lambeth, der andere war Herr Godfrey Ablewhite.

In meiner jetzigen Zurückgezogenheit ist es mir nicht möglich, mir den Zeitungsbericht über jene Insulte zu verschaffen und denselben in meine Erzählung aufzunehmen. Auch entging mir damals der unschätzbare Vortheil, die Ereignisse aus dem beredten Munde des Herrn Godfrey Ablewhite zu vernehmen. Alles, was ich daher thun kann, ist, die Ereignisse anzugeben, wie sie mir mitgetheilt wurden, indem ich dabei das Verfahren beobachten werde, an das ich beim Zusammenlegen meiner Kleider von Jugend aus gewöhnt worden bin. Jedes Ding soll klar und deutlich dargestellt und an die rechte Stelle gesetzt werden. Diese Zeilen werden von einem schwachen Weibe geschrieben. Wer wird so unbillig sein, von einem armen schwachen Weibe mehr zu verlangen?

Das Datum —— kein Wörterbuch der Welt kann, Dank sei eS meinen lieben Eltern genauer sein, als ich es in Betreff der Daten bin —— war Freitag den 30. Juni 1848.

Früh am Morgen jenes denkwürdigen Tages war unser reichbegabter Herr Godfrey damit beschäftigt, eine Anweisung bei einem Bankier in Lombardstreet einzukassiren. Der Name der Firma ist in meinem Tagebuch zufällig durch einen Tintenfleck unleserlich geworden und meine heilige Achtung vor der Wahrheit verbietet mir, in einer solchen Angelegenheit eine Vermuthung zu wagen. Glücklicherweise kommt es auf den Namen der Firma nicht an. Worauf es vielmehr ankommt, ist ein Umstand, der sich zutrug, als Herr Godfrey sein Geschäft besorgt hatte. An der Ausgangsthür traf er mit einem ihm vollkommen fremden Herrn zusammen, der zufälligerweise das Bureau genau in demselben Augenblicke, wie er, verließ, Zwischen den beiden Herren entspann sich ein augenblicklicher Höflichkeitsstreit über den Vortritt beim Ausgang aus der Bank. Der Fremde bestand darauf, daß er Godfrey vorangehe; Herr Godfrey sagte einige höfliche Worte; sie vereinigten sich gegen einander und trennten sich vor dem Hause.

Gedankenlose und oberflächliche Menschen werden vielleicht sagen: Da ist ein ganz lumpiger und kleiner Vorfall mit einer albernen Umständlichkeit erzählt! O, meine jungen Freunde und Mitsünder! Hütet der Anmaßung, Euch Eurer armseligen fleischlichen Vernunft zu bedienen. Befleißigt Euch der höchsten sittlichen Accuratesse! Laßt Euren Glauben sein wie Eure Strümpfe und Eure Strümpfe wie Euren Glauben! Beide immer fleckenlos, beide immer so bei der Hand, daß Ihr sie in jedem Augenblick anziehen könnt!

Ich bitte tausendmal um Verzeihung. Ich bin unmerklich in meinen Sonntagsschulen-Styl verfallen, der doch für einen Bericht wie dieser höchst unpassend ist. Ich will versuchen mich weltlich auszudrücken und sagen, daß in diesem wie in vielen anderen Fällen die geringfügigsten Kleinigkeiten die schrecklichsten Folgen nach sich ziehen können. Ich will nur noch bemerken, daß der höfliche Fremde Herr Luker von Lambeth war und dann mit dem Leser Herrn Godfrey nach seiner Wohnung in Kilburn begleiten.

Wir finden dort in der Halle einen ärmlich gekleideten, aber zart und interessant aussehenden kleinen Jungen auf ihn warten. Der Junge überreichte ihm einen Brief, und bemerkte dabei nur, daß ihm derselbe von einer alten Dame, die er nicht kenne und die ihm nicht ausgetragen habe, auf Antwort zu warten, zur Besorgung übergeben worden sei. Derartige Vorkommnisse wie diese waren nichts Ungewöhnliches in Herrn Godfrey’s Praxis als Beförderer öffentlicher Mildthätigkeits-Unternehmungen. Er hieß den Knaben gehen und öffnete den Brief. Die Handschrift war ihm völlig unbekannt. Er wurde darin ersucht, sich in seiner Stunde in einem Hause in Northumberlandstreet am Strand, das er nie zuvor betreten hatte, einzustellen. Der Zweck dieses Besuchs war, von dem würdigen Verwalter gewisse Details über die Gesellschaft für Mütter zur Umwandlung von Hosen zu erhalten, und diese Auskunft wurde von einer ältlichen Dame erbeten, welche sich zu einem bedeutenden Zuschuß zu den Mitteln der Gesellschaft bereit erklärte, falls sie auf ihre Fragen eine befriedigende Antwort erhalten werde. Sie nannte ihren Namen und fügte hinzu, daß die Kürze ihres Aufenthaltes in London sie verhindere, dem ausgezeichneten Philantropen, an den sie sich wende, mehr Zeit zu widmen.

Gewöhnliche Menschen würden vielleicht Anstand genommen haben, ihre eigenen Geschäfte aus Gefälligkeit für einen Fremden hintanzusetzen. Der wahre Christ aber denkt nie an seine eigenen Interessen, wo es gilt Gutes zu thun. Herr Godfrey ging auf der Stelle wieder fort und begab sich nach dem Hause in Northumberlandstreet. Ein höchst respectabel aussehenden etwas korpulenter Mann öffnete die Thür und führte Herrn Godfrey, sobald dieser seinen Namen genannt hatte, sofort in ein nach hinten gelegenes leeres Zimmer zu ebener Erde. Beim Eintritt in das Zimmer bemerkte er zwei ungewöhnliche Dinge. Das eine war ein schwacher Geruch von Moschus und Campher, das andere ein altes orientalisches, reich mit indischen Figuren und Emblemen verziertes Manuscript, welches auf einem Tische offen da lag.

Er betrachtete das Buch, dessen Lage ihn veranlaßte, den geschlossenen Flügelthüren, welche in das Vorderzimmer führten, den Rücken zu kehren, als er sich plötzlich, ohne daß ihn das leiseste Geräusch vorher hätte aufmerksam machen können, von hinten an der Gurgel gepackt fühlte. Er hatte noch eben Zeit zu bemerken, daß der Arm an seinem Hals nackt und von gelblich brauner Farbe sei, ehe ihm die Augen verbunden, der Mund geknebelt und er, wie ihm vorkam, von zwei widerstandslos auf den Boden geworfen wurde. Ein Dritter leerte seine Taschen, und durchsuchte ihn —— wenn ich mir als Dame diesen Ausdruck erlauben darf —— ohne Umstände durch und durch bis auf die Haut. Hier würde ich mit großem Vergnügen einige tröstende Worte über das fromme Gottvertrauen sagen, welches allein Herrn Godfrey in einer so schrecklichen Lage aufrecht erhalten konnte. Aber vielleicht überschreiten die Lage und das Aussehen meines bewundernswürdigen Freundes auf dem vorhin beschriebenen Gipfelpunkt der ihm angethanen Insulten die Grenzen der Besprechung durch eine weibliche Feder. Ich übergehe daher die nächsten Augenblicke und kehre zu Herrn Godfrey in dem Moment zurück, wo die abscheuliche Durchsuchung seiner Person beendigt war. Die schmachvolle Behandlung war von Anfang bis zu Ende im tiefsten Schweigen vor genommen worden. Als dieselbe vorüber war, wechselten die unsichtbaren Spitzbuben einige Worte mit einander, in einer Herrn Godfrey unverständlichen Sprache, aber in Tönen, welche für sein gebildetes Ohr Enttäuschung und Wuth deutlich genug erkennen ließen. Plötzlich wurde er vom Boden aufgehoben, auf einen Stuhl gesetzt und hier an Händen und Füßen gebunden. Im nächsten Moment fühlte er einen durch eine geöffnete Thür eindringenden Luftstrom, horchte auf und hielt sich fest überzeugt, daß er wieder allein im Zimmer sei.

Nach einer Pause vernahm er unter sich einen dem Rauschen eines Frauenkleides ähnlichen Ton. Der Ton näherte sich von der Treppe her und hielt an. Ein weiblicher Schrei durchdrang die verbrecherische Atmosphäre. Eine männliche Stimme rief von unten »Halloh!« Ein männlicher Fuß stieg die Treppe herauf. Herr Godfrey fühlte, daß christliche Hände ihm das Tuch von den Augen und den Knebel aus dem Munde nahmen. Er sah mit überraschtem Staunen zwei respectable Fremde vor sich und brachte mit schwacher Stimme die Worte heraus: »Was soll das heißen?« Die beiden respectablen Fremde, sahen ihn wieder an und sagten: »Genau dieselbe Frage waren wir im Begriff an Sie zu richten.«

Die unvermeidliche Erklärung folgte. Nein, ich will mit der scrupulösesten Genauigkeit zu Werke gehen. Flüchtiges Salz und Wasser folgten zunächst, um die Nerven des guten Herrn Godfrey zu beschwichtigen. Dann kam die Erklärung.

Es ergab sich aus der Mittheilung des Hauswirths und der Hauswirthin, welche beide in der Nachbarschaft eines sehr guten Rufs genossen, daß ihre erste und zweite Etage vor einigen Tagen von einem sehr respectabel aussehenden Herrn —— demselben, von welchem bereits erwähnt wurde, daß er Herrn Godfrey die Thür geöffnet habe —— für eine Woche fest gemiethet worden sei. Der Herr hatte die Wochenmiethe und alle Extras unter der Angabe im Voraus bezahlt, daß er die Zimmer für drei orientalische Edelleute, seine Freunde, welche England zum ersten Male besuchten, miethe. Früh am Morgen des Tages, von dem ich erzähle, hatten zwei der orientalischen Edelleute in Begleitung ihres respectabeln englischen Freundes von dem Logis Besitz genommen. Der Dritte werde ihnen, wie sie sagten, in Kurzem folgen, und das als sehr umfänglich geschilderte Gepäck werde, wie sie weiter berichteten, spät am Nachmittage, nachdem es das Zollhaus passirt habe, eintreffen. Nicht länger als zehn Minuten, bevor Herr Godfrey in’s Haus gekommen, war der dritte Fremde eingetroffen. Nichts Ungewöhnliches hatte sich, so weit es der Hauswirth und die Hauswirthin in ihrer im Keller befindlichen Wohnung wahrgenommen hatten, ereignet, bis sie vor etwa fünf Minuten die drei Fremden in Begleitung ihres respectabeln englischen Freundes allzusammen das Haus verlassen und ruhig in der Richtung des Strand weggehen gesehen hatten. Der Hauswirthin, die sich erinnerte, daß ein Herr zum Besuch gekommen sei, diesen Herrn aber nicht hatte fortgehen sehen, war es sonderbar vorgekommen, daß dieser Herr oben allein gelassen sei. Nach einer kurzen Ueberlegung mit ihrem Mann hatte sie es für räthlich gehalten, sich zu überzeugen, ob vielleicht etwas nicht in Ordnung sei. Das Ergebniß dieses Entschlusses war, wie ich bereits zu schildern versucht habe, und damit war die Erklärung des Hauswirths und der Hauswirthin zu Ende.

Demgemäß wurde eine Nachforschung im Zimmer angestellt. Die Sachen des guten Herrn Godfrey wurden nach allen Richtungen hin zerstreut gefunden. Als dieselben jedoch wieder aufgelesen waren, fand es sich, daß nichts fehlte. Seine Uhr, seine Kette, seine Börse, seine Schlüssel, sein Schnupftuch, sein Notizbuch und alle seine losen Zettel, alles war genau untersucht worden, dann aber unversehrt liegen gelassen, so daß der Eigenthümer es wieder zu sich nehmen konnte. Ebenso war auch nicht das kleinste den Hausbesitzern gehörende Stück aus dem Zimmer entfernt worden. Die orientalischen Edelleute hatten nur ihr eigenes buntgemaltes Manuscript mitgenommen; weiter nichts.

Was sollte das heißen? Indem ich die Sache von einem weltlichen Standpunkt aus betrachtete, schien es mir, daß Herr Godfrey das Opfer eines unbegreiflichen, von unbekannten Leuten begangenen Irrthums gewesen. Eine dunkle Verschwörung war in unserer Mitte angezettelt und unser theurer unschuldiger Freund war in die Netze derselben verstrickt worden. Wenn der christliche Held von Hundert mildthätiger Siege in eine ihm irrthümlich gestellte Falle geht, welche Warnung liegt für uns Uebrige darin, unaufhörlich auf unserer Hut zu sein! Wie leicht können sich unsere eigenen schlechten Leidenschaften als orientalische Edelleute erweisen, welche uns unversehens überfallen!

Ich könnte Bogen voll christlicher Warnungen über dieses eine Thema schreiben, aber ach! es ist mir ja leider nicht erlaubt, hier an der Besserung meiner Mitmenschen zu arbeiten; ich darf nur erzählen. Die Anweisung meines reichen Verwandten, welche jetzt wie ein Alp auf mir lastet, mahnt mich, daß ich mit meinem Bericht über jene Gewaltthätigkeit noch nicht zu Ende bin. Wir müssen Herrn Godfrey sich in Northumberland Street erholen lassen und müssen sehen, was Herr Luker zu einer späteren Tagesstunde vornahm.

Nachdem er die Bank verlassen, hatte Herr Luker verschiedene Londoner Quartiere in Geschäftsangelegenheiten aufgesucht. In seine Wohnung zurückgekehrt, fand er einen Brief vor, der, wie man ihm sagte, kurz vorher von einem Knaben überbracht worden war. Die Handschrift des Briefes war gerade wie die auf Herrn Godfrey’s Brief, sonderbar, aber der darin erwähnte Name war der eines von Herrn Luker’s Kunden. Der Schreiber meldete in der dritten Person, anscheinend einem andern dictirend, daß er unerwarteter Weise nach London beschieden worden sei. Er habe soeben in einem Logis in Alfred-Place, Tottenham Court-Road, Quartier genommen und wünsche Herrn Luker sofort in Betreff eines Kaufs zu sprechen, den er zu machen im Begriff stehe. Der Schreiber war ein enthusiastischer Sammler orientalischer Alterthümer und seit langen Jahren ein liberaler Beschützer der Handlung des Herrn Luker. O! wann werden wir uns von der Anbetung des Mammons entwöhnen! Herr Luker ließ sich einen Fiaker kommen und fuhr auf der Stelle zu seinem liberalen Beschützer.

Genau dasselbe, was Herrn Godfrey in Northumberland Street begegnet war, begegnete nun Herrn Luker in Alfred Place. Auch hier öffnete der respectable Mann die Hausthür und führte den Besucher in das nach hinten gelegene Wohnzimmer. Auch hier lag das buntgemalte Manuskript auf dem Tisch. Herrn Luker’s Aufmerksamkeit wurde wie Herrn Godfrey’s Aufmerksamkeit durch dieses schöne Werk indischer Kunst ganz absorbirt. Auch er wurde aus seiner Betrachtung, durch einen braunen nackten Arm, der ihn an der Kehle packte, durch eine Binde über seine Augen und durch einen Knebel in seinem Munde aufgeschreckt. Auch er wurde zu Boden geworfen und bis auf die Haut durchsucht. Hier war dann eine längere Pause als in Herrn Godfrey’s Fall eingetreten, aber sie hatte ebenso damit geendet, daß den Leuten im Hause etwas nicht in Ordnung zu sein schien und daß sie die Treppe hinaufkamen, um zu sehen, was vorgefallen sei. Genau dieselbe Erklärung, welche der Hauswirth in Northumberland Street Herrn Godfrey gegeben hatte, gab jetzt der Hauswirth in Alfred Place Herrn Luker. Beiden hatte die plausible Adresse und die wohlgefüllte Börse des respectabeln Fremden, der sich bei ihnen, als von seinen ausländischen Freunden beauftragt, eingeführt hatte, imponirt. Der einzige bemerkenswerthe Unterschied der beiden Fälle zeigte sich, als der verstreute Inhalt von Herrn Luker’s Taschen vom Boden aufgelesen war. Seine Uhr und seine Börse waren unversehrt, aber —— darin weniger glücklich als Herr Godfrey —— hatte man ihm eins der losen Notizblätter, die er bei sich trug, weggenommen. Das fragliche Papier war der Empfangschein über einen sehr kostbaren Gegenstand, welchen Herr Luker gerade an jenem Tage seinen Bankiers übergeben hatte. Dieses Document war zu betrügerischen Zwecken nicht verwendbar, insofern es ausdrücklich besagte, daß der kostbare Gegenstand nur auf persönliches Anhalten des Eigenthümers wieder ausgeliefert werden solle. Sobald Herr Luker sich erholt hatte, eilte er, in Voraussicht der Möglichkeit auf die Bank, daß die Diebe, welche ihn beraubt hatten, sich in dummer Weise mit dem Empfangschein bei der Bank melden möchten. In der Bank aber hatten sie sich, als Herr Luker dort eintraf, nicht blicken lassen und ließen sie sich auch später nicht blicken. Nach der Ansicht des Bankiers würde wohl ihr respectabler Freund, bevor sie davon Gebrauch zu machen versucht hatten, die Quittung genauer angesehen und sie noch zu rechter Zeit gewarnt haben. Von beiden Ueberfällen wurde die Polizei in Kenntniß gesetzt und die nöthigen Nachforschungen wurden, glaube ich, mit großer Energie ins Werk gesetzt. Die Behörden waren der Meinung, daß ein Raub auf ungenügende Kunde der Diebe hin beabsichtigt gewesen sei. Sie seien offenbar nicht sicher gewesen, ob Herr Luker die Uebergabe seines kostbaren Edelsteins einer andern Person anvertraut habe oder nicht, und der arme höfliche Herr Godfrey habe dafür büßen müssen, daß man ihn zufällig mit jenem sprechen gesehen habe. Dazu kam, daß Herrn Godfrey’s Abwesenheit von unserer Montag-Abend-Versammlung durch eine Berathung der Behörden veranlaßt war, der beizuwohnen man ihn ersucht hatte. Nachdem ich nun alle erforderlichen Erklärungen gegeben habe, darf ich wohl mit der einfachen Geschichte meiner eigenen Erlebnisse fortfahren.

Ich stellte mich am Dienstag pünktlich zur Frühstücksstunde bei Lady Verinder ein. Beim Nachschlagen in meinem Tagebuche finde ich, daß dies ein bewegter Tag war, der Vieles brachte, was zu frommem Bedauern, aber auch Vieles, was zu frommem Danke Veranlassung gab.

Tante Verinder empfing mich mit ihrer gewöhnlichen liebenswürdigen Freundlichkeit, aber sehr bald bemerkte ich, daß hier etwas nicht in Ordnung sei. Gewisse ängstliche Blicke entschlüpften meiner Tante, die alle auf ihre Tochter gerichtet waren. Ich selbst sehe Rachel niemals, ohne mich darüber zu wundern, wie es möglich ist, daß eine so unbedeutend aussehende Person das Kind so distinguirter Eltern wie Sir John und Lady Verinder ist.

Bei dieser Gelegenheit jedoch gab sie mir nicht nur zu dieser Verwunderung Anlaß, sondern choquirte mich geradezu. In ihrem ganzen Benehmen und ihrer Sprache machte sich ein höchst peinlicher Mangel an aller seinen Zurückhaltung bemerklich. Sie war von fieberhafter Aufregung, lachte unanständig laut und ging mit Speise und Trank beim Frühstück in einer sündhaft verschwenderischen und launenhaften Weise um. Ich empfand ein tiefes Mitleid mit ihrer armen Mutter, noch ehe mir die wahre Sachlage im Vertrauen mitgetheilt worden war.

Als das Frühstück vorüber war, sagte meine Tante: »Erinnere Dich, Rachel, was der Doctor Dir in Betreff der Zuträglichkeit von Lectüre zur Beruhigung nach den Mahlzeiten gesagt hat.«

»Ich will in die Bibliothek gehen, Mama,« antwortete sie, »aber wenn Godfrey uns besuchen sollte, laß es mich, bitte, wissen. Ich brenne vor Verlangen nach weiteren Nachrichten von ihm nach seinem Abenteuer in Northumberlandstreet.«

Sie küßte ihre Mutter auf die Stirn und warf mir einen flüchtigen Blick zu. »Adieu Clack!« sagte sie in nachlässigem Ton. Ihre Insolenz erweckte keine Empfindung des Zornes in mir. Ich machte mir nur innerlich eine Notiz für sie zu beten.

Als wir allein waren, erzählte mir meine Tante die ganze schreckliche Geschichte des indischen Diamanten, welche ich ja glücklicher Weise hier nicht zu wiederholen brauche. Sie verhehlte mir nicht, daß sie es vorgezogen haben würde Schweigen über die Geschichte zu beobachten. Da aber ihre sämmtlichen Dienstboten um den Verlust des Mondstein wüßten und da einige mit diesem Verlust zusammenhängende Umstände jetzt ihren Weg in die öffentlichen Blätter gefunden hätten; da Fremde sich da mit beschäftigten, einen Zusammenhang zwischen Dem was sich auf ihrem Landsitz, und Dem was sich in Northumberlandstreet und Alfredplace zugetragen habe, herauszufinden; so sei an Verheimlichung nicht länger zu denken und sei vollkommene Offenheit ebenso nothwendig wie lobenswerth.

Manche würden, wenn sie zum ersten Male gehört hätten, was ich jetzt erfuhr, wahrscheinlich von Erstaunen überwältigt worden sein. Was mich aber betrifft, so kannte ich Rachel’s für eine Wiedergeburt im Geiste von Jugend auf unempfänglichen Sinn so gut, daß nichts, was meine Tante mir in Betreff ihrer Tochter erzählt hätte, mich überrascht haben würde. Sie hätte mir das Schlimmste bis zu Mord und Todtschlag erzählen können und ich würde doch noch immer zu mir gesagt, haben: »die ganz natürliche Folge! O, mein Gott, die ganz natürliche Folge!« Das Einzige, was mich frappirte war das Verfahren, welches meine Tante unter den obwaltenden Umständen eingeschlagen hatte. Hier, wenn jemals, wäre es unzweifelhaft am Orte gewesen, einen Geistlichen herbeizuziehen Lady Verinder war anderer Ansicht gewesen, sie hatte einen Arzt zu Rathe gezogen. Meine arme Tante hatte ihr ganzes früheres Leben in dem gottlosen Hause ihres Vaters zugebracht. Also wieder die ganz natürliche Folge! O, mein Gott, mein Gott, wieder die ganz natürliche Folge!

»Die Doctoren,« sagte Lady Verinder, »empfehlen viel Bewegung und Zerstreuung für Rachel und rathen mir angelegentlichst, ihre Gedanken so viel wie möglich von der Vergangenheit abzulenken.«

»O, welch’ ein heidnischer Rath« dachte ich bei mir, »in diesem christlichen Lande, welch’ ein heidnischer Rath!«

Meine Tante fuhr fort: »Ich thue mein Bestes, die ärztlichen Vorschriften genau zu befolgen. Aber dieses sonderbare Abenteuer ist Godfrey in einem sehr unglücklichen Moment zugestoßen. Seit Rachel davon gehört hat, ist sie fortwährend ruhelos und aufgeregt. Sie hat nicht nachgelassen in mich zu dringen, bis ich meinem Neffen Ablewhite geschrieben und ihn gebeten habe, zu uns zu kommen. Sie interessirt sich sogar für den andern Mann, der ebenfalls mißhandelt worden ist —— einen Herrn Luker, oder wie er heißt —— obgleich derselbe ihr natürlich vollkommen fremd ist.«

»Du kennst die Welt besser als ich, liebe Tante,« schaltete ich mißtrauisch ein: »aber dieses ungewöhnliche Benehmen Rachel’s muß doch seine Gründe haben. Sie hält vor Dir und vor Jedermann ein sündiges Geheimniß verborgen. Sollten diese neuesten Ereignisse ihr Geheimniß nicht mit einer Entdeckung bedrohen?«

»Entdeckung?« wiederholte meine Tante »Was verstehst Du darunter? Eine Entdeckung durch Herrn Luker oder durch meinen Neffen?«

Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als das Walten der Vorsehung auf wunderbare Weise sichtbar wurde. Der Diener öffnete die Thür und meldete Herrn Godfrey Ablewhite.



Kapiteltrenner

Zweites Capitel.

Herr Godfrey folgte der Meldung seines Namens —— wie er Alles thut — genau im richtigen Augenblick. Er folgte dem Diener nicht so unmittelbar auf dem Fuß, daß er uns hätte überraschen können. Er zögerte aber auch nicht so lange, daß er uns die doppelte Unbequemlichkeit einer Pause und einer offenstehenden Thür bereitet hätte. Der wahre Christ zeigt sich bei ihm auch in seinem vollendeten Benehmen bei den kleinsten Vorkommnissen des täglichen Lebens. Dieser theure Mann war in der That höchst vollendet.

»Melden Sie Fräulein Verinder,« sagte meine Tante zu dem Diener, »daß Herr Ablewhite hier ist.«

Wir erkundigten uns Beide nach seinem Befinden. Wir fragten ihn Beide wie aus einem Munde, ob er sich nach seinem schrecklichen Abenteuer der letzten Woche wieder erholt habe. Mit vollkommenem Takt suchte er uns Beiden in demselben Augenblick zu antworten. Lady Verinder antwortete er mit Worten, mir mit seinem reizenden Lächeln.

»Was« rief er mit unaussprechlicher Zärtlichkeit »habe ich gethan, um alle diese Theilnahme zu verdienen? Meine liebe Tante, meine liebe Miß Clack! Die ganze Sache läuft ja darauf hinaus, daß ich für einen Andern gehalten worden bin. Man hat mir nur die Augen verbunden, man hat mich nur strangulirt, man hat mich nur platt aus einen sehr harten, mit einem sehr dünnen Teppich bedeckten Fußboden geworfen. Denken Sie nur, wie viel schlimmer die Sache hätte werden können! Man hätte mich berauben, man hätte mich morden können! Was habe ich verloren? Nichts als Nervenkraft, welche das Gesetz nicht als Eigenthum anerkennt; so daß ich, genau genommen, gar nichts verloren habe. Wenn ich nach meinem Sinn hätte handeln dürfen, so hätte ich das ganze Abenteuer für mich behalten: mir widerstrebt all’ dieser Lärm und die Publicität der Sache. Aber Herr Luker hat die ihm widerfahrene Mißhandlung an die Oeffentlichkeit gebracht und in natürlicher Folge davon ist auch die mir angethane Insulte bekannt geworden. Die Zeitungen haben mich mit Beschlag belegt, bis die Leser die Sache satt haben werden. Ich sebst bin ihrer schon völlig überdrüssig! Gott gebe, daß es den Lesern bald ebenso geht! Und wie geht es meiner lieben Cousine? Findet sie noch immer Geschmack an den Londoner Zerstreuungen? Freut mich ungemein! Miß Clack, ich bedarf Ihrer ganzen Nachsicht. Ich bin zu meinem lebhaftesten Bedauern im Rückstand mit meinen Comité-Arbeiten und meinen verehrten Damen. Ich hoffe aber sehr, mich nächste Woche bei der Versammlung unseres mütterlichen Hosenvereins einstellen zu können. Sind Sie am vorigen Montag hübsch weiter gekommen? Hatte man in der Versammlung gutes Vertrauen auf die Entwickelung der Sache? Und hat unser Vorrath an Hosen gut zugenommen?

Die himmlische Freundlichkeit seines Lächelns machte seine Entschuldigung unwiderstehlich. Die Fülle seiner tiefen Stimme verlieh der interessanten geschäftlichen Angelegenheit, über die er eben mit ihr sprach, einen unbeschreiblichen Reiz. In der That hatten wir fast einen zu großen Vorrath von Hosen; wir wurden förmlich mit denselben überfluthet. Ich war eben im Begriff, ihm das mitzutheilen, als sich die Thür abermals öffnete und ein Element weltlicher Störung in der Person Fräulein Verinders das Zimmer betrat.

Sie näherte sich dem lieben Herrn Godfrey mit einer höchst unanständigen Eile, das Haar widerwärtig ungeglättet und das Gesicht von einer nach meiner Ansicht sehr unschicklichen Röthe bedeckt.

»Es freut mich ungemein, Dich zu sehen, Godfrey,« sagte sie, wie ich zu meinem Bedauern hinzufügen muß, in dem Tone und der Manier eines jungen Mannes gegen den andern. »Ich wollte, Du hättest Herrn Luker mitgebracht, Du und er sind, so lange unsere gegenwärtige Aufregung dauert, für uns die beiden interessantesten Männer in ganz London. Es ist krankhaft, so etwas zu sagen; es ist ungesund, es ist alles, wovor ein wohlgeordneter Geist wie der Miß Clack’s instinctiv zurückschreckt. Aber einerlei. Bitte, erzähle mir gleich die ganze Geschichte von Northumberlandstreet Ich weiß, die Zeitungsberichte haben einige Umstände weggelassen.«

Selbst der theure Herr Godfrey ist nicht ganz frei von den Schwächen des gefallenen Menschen, welche wir Alle von Adam geerbt haben —— er hat einen äußerst kleinen Antheil an diesem allgemeinen menschlichen Vermächtniß, aber doch einen Antheil. Ich bekenne, daß es mich schmerzte, zu sehen, wie er Rachels Hand in seine beiden Hände nahm und sie sanft an die linke Seite seiner Weste legte. Das war ja geradezu eine Aufmunterung für ihre freie Art zu reden und ihre insolente Bezugnahme auf meine Person.

»Liebste Rachel,« sagte er in demselben Tone, der mich bezaubert hatte. als er von unseren Aussichten und unseren Hosen sprach, »die Zeitungen haben Dir Alles und zwar viel besser erzählt, als ich es im Stande bin.«

»Godfrey meint, wir machen Alle zu viel aus der Sache bemerkte meine Tante. »Er hat gerade eben gesagt, daß er nicht gern davon spricht.«

»Warum das?«

Sie that diese Frage mit einem plötzlich aufflammenden Blick, mit dem sie Godfrey gerade in’s Gesicht sah. Er seinerseits sah sie wieder mit einer so deplacirten und so unverdienten Nachsicht an, daß ich mich in der That berufen fühlte, einzuschreiten.

»Rachel, meine Liebes« wandte ich freundlich ein, »wahre Größe und wahrer Muth sind immer bescheiden.«

»Du bist auf Deine Weise ein sehr guter Kerl, Godfrey,« sagte sie, indem sie, wohlbemerkt, nicht die mindeste Notiz von meiner Aeußerung nahm und noch immer mit ihrem Vetter sprach, als wäre sie ein junger Mann, der sich mit einem andern jungen Manne unterhält. »Aber ich weiß ganz gewiß, daß Du durchaus nichts von Größe an Dir hast; ich glaube nicht, daß Du einen ungewöhnlichen Grad von Muth besitzest, und bin fest überzeugt, daß, wenn Du je etwas von Bescheidenheit besessen hast, Deine weiblichen Anbeter Dich schon seit langen Jahren von dieser Tugend befreit haben. Du hast Deine besonderen Gründe, aus denen Du nicht von Deinen Abenteuern in Northumberlandstreet sprechen willst, und ich glaube sie zu kennen.«

»Meine Gründe sind die denkbar einfachsten und solche, denen man gewiß seine Anerkennung nicht versagen wird,« antwortete er noch immer geduldig. »Ich bin der Sache überdrüssig.«

»Du bist der Sache überdrüssig? Mein lieber Godfrey, erlaube mir eine Bemerkung.«

»Und welche?«

»Du bewegst Dich viel zu viel in der Gesellschaft von Frauen und hast in Folge dessen zwei sehr schlechte Gewohnheiten angenommen. Du hast Dir angewöhnt, ernstgemeintes dummes Zeug zu schwatzen und aus reiner Liebhaberei zu flunkern. Du kannst mit Deinen weiblichen Anbetern nicht gerade zu Werke gehen. Mit mir aber, denke ich, sollst Du keine Umschweife machen. Komm’, setz’ Dich! Ich stecke übervoll von unumwundenen Fragen, und hoffe, Du wirst übervoll von unumwundenen Antworten sein.«

Sie schleppte ihn nun förmlich durch das Zimmer nach einem Stuhl an dem Fenster, wo das Licht gerade aus sein Gesicht fallen mußte. Ich empfinde es höchst schmerzlich, dazu genöthigt zu sein, eine solche Sprache wiederzugeben und ein solches Benehmen zu schildern. Aber eingeklemmt wie ich bin zwischen Herrn Franklin Blake’s Anweisung aus der einen und meiner heiligen Achtung für die Wahrheit auf der anderen Seite, was bleibt mir übrig? Ich sah meine Tante an. Sie saß regungslos da, anscheinend durchaus nicht geneigt, sich in die Sache zu mischen. Wie zuvor hatte ich an ihr diese Art von Erstarrung bemerkt. Vielleicht war es die Wirkung einer Reaction nach der schweren Zeit, die sie auf dem Lande durchzumachen gehabt hatte. Keinesfalls aber war es ein erfreuliches Symptom in dem Alter der guten Lady Verinder und bei ihrer mit den Jahren zunehmenden Corpulenz.

Inzwischen hatte sich Rachel mit unserem liebenswürdigen und langmüthigen, unserem allzu langmüthigen Freunde am Fenster niedergelassen Sie fing mit der Fragenschnur, mit der sie ihn bedroht hatte, an, und nahm dabei von ihrer Mutter oder mir so wenig Notiz, als ob wir gar nicht im Zimmer gewesen wären.

»Hat die Polizei irgend etwas in der Sache gethan, Godfrey?«

»Durchaus nichts.«

»Man kann als ausgemacht annehmen, nicht wahr, daß die drei Männer, welche Dich überfallen haben, die selben gewesen sind, welche später Herrn Luker überfielen?«

»Menschlich zu reden, liebe Rachel, kann darüber kein Zweifel bestehen.«

»Und man hat keine Spur von ihnen entdeckt?«

»Keine.«

»Man hält diese drei Männer für die drei Indier welche damals vor unserem Landhause erschienen, nicht wahr?«

»Einige Leute glauben das.«

»Glaubst Du es?«

»Liebe Rachel, sie haben mir die Augen verbunden, ehe ich sie erkennen konnte; ich weiß durchaus nichts von der Sache. Wie kann ich irgend eine Ansicht darüber aussprechen?«

Selbst die engelhafte Freundlichkeit des Herrn Godfrey fing, wie man steht, unter der auf ihm lastenden Zudringlichkeit endlich nachzulassen an. Ob ungezügelte Neugierde oder unbezwingliche Furcht Fräulein Verinder ihre Fragen eingaben, maße ich mir nicht an zu untersuchen. Ich habe nur zu berichten, daß, als Herr Godfrey den Versuch machte, sich nach der eben mitgetheilten Antwort von seinem Sitze zu erheben, sie ihn an beiden Schultern faßte und wieder auf seinen Stuhl zurückdrängte. Sagt nicht, daß das unbescheiden war! Ja, sagt nicht, daß nur die rücksichtslose Angst eines schuldvollen Bewußtseins ein Benehmen, wie das eben geschilderte, erklären könne! Wir sollen nicht über Andere richten, meine christlichen Freunde; wahrlich, wahrlich, wahrlich, wir sollen nicht über Andere richten!

Ohne die mindeste Verlegenheit fuhr sie mit ihren Fragen fort. Ernste Bibelfreunde werden sich dabei vielleicht, wie es mit mir der Fall war, der verblendeten Kinder des Teufels erinnern, welche in der Zeit kurz vor dem Eintritt der Sündfluth ihre Orgien schamlos fortsetzten.

»Ich möchte etwas über Herrn Luker wissen, Godfrey.«

»Ich muß mich zu meinem lebhaften Bedauern zu dieser Auskunft wieder außer Stande erklären, Rachel. Kein Mensch weiß weniger von Herrn Luker, als ich.«

»Du hast ihn früher nie gesehen, bevor Du ihm zufällig in der Bank begegnetest?«

»Niemals.«

»Hast Du ihn seitdem wiedergesehen?«

»Ja. Wir sind auf Anhalten der Polizei sowohl zusammen, wie einzeln verhört worden.«

»Herrn Luker haben sie einen Empfangschein, den er von seinen Bankiers erhalten hat, geraubt; nicht wahr? Ueber was war der Empfangschein ausgestellt?«

»Ueber einen kostbaren Edelstein, den er im Gewölbe der Bank niedergelegt hatte.«

»Das steht in den Zeitungen. Das mag den gewöhnlichen Lesern genügen, aber mir genügt es nicht. In dem Empfangschein der Bankiers muß gestanden haben, was für ein Edelstein es war.«

»So viel ich gehört habe, Rachel, stand in dem Empfangsschein der Bankiers nichts der Art. Ein kostbarer Edelstein, Eigenthum des Herrn Luker; deponirt von Herrn Luker; versiegelt von Herrn Luker’s Petschaft; nur auszuliefern auf persönliches Anhalten des Herrn Luker. So lautete der Empfangschein und das ist alles, was ich darüber weiß.«

Als er das gesagt hatte, wartete sie einen Augenblick. Sie sah ihre Mutter an und seufzte, sah dann wieder Herrn Godfrey an und fuhr fort:

»Unsere Familien-Angelegenheiten,« sagte sie, »scheinen theilweise ein Gegenstand der Besprechung in den Zeitungen geworden zu sein.«

»Leider ist dem so!«

»Und einige uns völlig fremde Müßiggänger geben sich Mühe, einen Zusammenhang zwischen Dem, was sich in unserm Landhause in Yorkshire und Dem, was sich seitdem hier in London ereignet hat, heraus zu finden?«

»Ich fürchte, die Neugierde gewisser Kreise macht sich in dieser Weise zu schaffen.«

»Die Leute, welche behaupten, daß die drei unbekannten Männer, welche Dich und Herrn Luker mißhandelten, die drei Indier sind, sagen auch, daß der kostbare Edelstein ——«

Hier hielt sie inne. Sie war in den letzten Augenblicken allmälig immer blasser und blasser geworden. Das tiefdunkle Schwarz ihres Haars contrastirte so grell mit dieser Blässe und machte den Eindruck derselben so unheimlich, daß wir Alle in dem Augenblick, wo sie mitten in ihrer Frage inne hielt, glaubten, sie würde ohnmächtig werden.

Herr Godfrey benutzte diesen Moment zu einem zweiten Versuch, sich von seinem Sitz zu erheben. Meine Tante bat Rachel dringend, nicht weiter zu reden. ich folgte meiner Tante mit einem Fläschchen flüchtigen Salzes. Aber keiner von uns brachte die mindeste Wirkung aus sie hervor.

»Godfrey, bleib sitzen! Mama, Du hast durchaus keine Ursache, Dich über mich zu beunruhigen. Clack, Sie brennen ja vor Begierde, die Sache zu Ende zu hören —— ich darf ja schon in Rücksicht auf Sie nicht in Ohnmacht fallen.«

Das waren wörtlich ihre Ausdrücke, wie ich sie in dem Moment, wo ich wieder zu Hause war, in mein Tagebuch geschrieben habe. Aber, laßt uns nicht richten! meine christlichen Freunde, laßt uns nicht richten!

Sie wandte sich wieder. an Herrn Godfrey. Mit einem eigensinnigen Trotz, der schrecklich anzusehen war, nahm sie ihre Frage genau da wieder auf, wo sie inne gehalten hatte und vervollständigte dieselbe mit folgenden Worten: »Ich sprach eben mit Dir über das, was die Leute in gewissen Kreisen reden. Sage mir grade heraus, Godfrey, behaupten Einige von ihnen auch, daß Herrn Luker’s kostbarer Edelstein —— der Mondstein ist?«

In dem Augenblick, wo sie den Namen des indischen Diamanten aussprach, ging eine deutlich erkennbare Veränderung mit meinem herrlichen Freunde vor. Er wurde roth. Er verlor die angeborene Anmuth seiner Manieren, welche einen der größten Reize seines Wesens ausmachen. Eine edle Entrüstung gab ihm seine Antwort ein.

»Allerdings behaupten sie das,« erwiderte er. »Es giebt Leute, welche keinen Anstand nehmen, Herrn Luker zu beschuldigen, daß er zu einem Privatzweck eine Unwahrheit sage. Er hat wiederholt feierlich erklärt, daß er, bevor das verleumderische Gerücht sich in dieser Weise seiner bemächtigt habe, niemals von dem Mondstein auch nur gehört habe. Und diese elenden Menschen entgegnen darauf ohne den Schatten eines Beweises für ihre Behauptung: »Er hat seine Gründe, die Sache geheim zu halten; wir glauben seinen Betheuerungen nicht. Schändlich! Schändlich!«

Rachel sah ihn, während er so sprach, mit einem sonderbaren Blick, den ich nicht recht beschreiben kann, an. Als er ausgesprochen hatte, sagte sie: »Wenn ich bedenke, daß Herr Luker nur ein ganz zufälliger Bekannter von Dir ist, Godfrey, so finde ich, daß Du Dich mit einer großen Wärme seiner annimmst!«

Mein reich begabter Freund gab ihr eine der wahrsten evangelischen Antworten, die ich je in meinem Leben gehört habe.

»Ich hoffe« sagte er, »Du findest, Rachel, daß ich mich aller Angegriffenen mit großer Wärme annehme.«

Der Ton, in dem er diese Worte sprach, hätte einen Stein erweichen können. Aber, o mein Gott, was ist die Härte eines Steins im Vergleich mit der Härtigkeit des nicht im Geiste wiedergeborenen menschlichen Herzens! Sie lachte höhnisch. Ich erröthe, indem ich es niederschreibe —— sie lachte ihm höhnisch in’s Gesicht.

»Spare Dir Deine schönen Redensarten für Deine Damen-Comités, Godfrey, Ich bin überzeugt, daß dieses verleumderische Gerücht, daß sich Herrn Luker’s bemächtigt hat, Dich auch nicht verschont hat.«

Diese Worte rissen selbst meine Tante aus ihrer Erstarrung.

»Liebe Rachel,« verwies sie ihr ihre Bemerkung, »Du hast wirklich kein Recht, das zu sagen.«

»Ich meine es nicht böse, Mama, ich meine es nur gut. Habe nur einen Augenblick Geduld mit mir und Du wirst es sehen.«

Sie sah wieder Herrn Godfrey mit einem Blick an, der ein plötzliches Mitleid mit ihm zu verrathen schien. Sie ließ sich herbei, ihn in einer für eine vornehme junge Dame höchst unpassenden Weise bei der Hand zu fassen.

»Ich bin fest überzeugt,« sagte sie, »daß ich den wahren Grund Deiner Ungeneigtheit, über diese Angelegenheit vor meiner Mutter und vor mir zu reden, kenne. Ein unglücklicher Zufall hat Dich in der Vorstellung der Leute mit Herrn Luker in Verbindung gebracht. Du hast mir erzählt, was das Gerücht von ihm sagt; was sagt das Gerücht von Dir?«

Noch in der elften Stunde versuchte es der liebe Herr Godfrey, der immer bereit war, Böses mit Gutem zu vergelten, sie zu schonen.

»Frage mich nicht!« sagte er. »Es ist besser, die Sache in Vergessenheit gerathen zu lassen, es ist wahrhaftig besser.«

»Ich will es aber wissen!« schrie sie wild mit scharfer Stimme.

»Sage es ihr, Godfrey!« bat meine Tanten »Dein Schweigen schadet ihr mehr, als irgend ein Wort es thun kann.«

Herrn Godfrey’s schöne Augen füllten sich mit Thränen. Er warf ihr einen letzten flehenden Blick zu —— und sprach dann die verhängnißvollen Worte aus:

»Wenn Du es durchaus wissen willst — das Gerücht sagt, daß der Mondstein als Pfand im Besitz des Herrn Luker ist, und das; ich derjenige bin, der ihn versetzt hat.«

Sie sprang mit einem Schrei auf. Sie blickte rückwärts und vorwärts, von Herrn Godfrey nach meiner Tante und von meiner Tante nach Herrn Godfrey, und das mit einem solchen Ausdruck des Wahnsinns, daß ich wirklich glaubte, sie sei verrückt geworden.

»Sprecht nicht mit mir! berührt mich nicht!« rief sie aus, indem sie sich vor uns allen wie ein wildes Thier in eine Ecke des Zimmers flüchtete. » Das ist meine Schuld, ich muß die Sache wieder gut machen. Ich habe mich selbst geopfert —— dazu hatte ich ein Recht, wenn es mir so gefiel. Aber einen Unschuldigen ungerecht beschuldigt zu sehen; ein Geheimnis; zu bewahren, das ihn für sein ganzes übriges Leben um seinen guten Namen bringt —— O! mein Gott! Das ist zu furchtbar! Das kann ich nicht ertragen!«

Meine Tante schien sich von ihrem Sitz erheben zu wollen, setzte sich aber dann wieder nieder. Sie rief mich mit schwacher Stimme und deutete auf ein Fläschchen in ihrem Arbeitskasten.

»Rasch!« flüsterte sie. »Sechs Tropfen in Wasser, laß es Rachel nicht sehen.«

Unter andern Umständen würde es mir sonderbar vorgekommen sein. Jetzt war keine Zeit nachzudenken, hier galt es nur rasch die Medicin zu geben. Der liebe Herr Godfrey unterstützte mich unbewußt in der Verheimlichung dessen, was ich that, vor Rachel, indem er ihr am andern Ende des Zimmers zuzureden suchte.

»Du übertreibst, Du übertreibst wirklich!« hörte ich ihn sagen. »Mein Ruf steht zu fest, um durch ein elendes, vorübergehendes, verläumderisches Gerücht vernichtet zu werden. In einer Woche wird die ganze Sache vergessen sein. Lass’ uns nicht wieder davon reden.«

Aber sie war vollkommen unzugänglich, selbst für so großmüthige Worte wie diese. Sie gerieth immer mehr außer sich.

»Ich muß und will der Sache Einhalt thun!« sagte sie. »Mutter! höre was ich sage. Miß Clack! hören Sie auf das, was ich sage. Ich kenne die Hand, die den Mondstein genommen hat —— ich weiß« — sie sprach diese Worte mit scharfer Stimme, sie stampfte wüthend mit dem Fuß auf den-Boden —« »ich weiß, daß Godfrey Ablewhite unschuldig ist! Bringe mich vor den Richter, Godfrey! Bringe mich vor den Richter und ich will es beschwören!«

Meine Tante ergriff mich bei der Hand und flüfterte mir zu: »Stelle Dich ein paar Minuten zwischen uns und laß Rachel mich nicht sehen.«

Ich bemerkte eine bläuliche Gesichtsfarbe an ihr, die mich beunruhigte; sie sah, wie sehr ich erschrak.

»Die Tropfen werden mich in wenigen Minuten wiederherstellen,« sagte sie und damit schloß sie die Augen und schwieg.

Während dessen hörte ich den lieben Herrn Godfrey Rachel noch immer sanfte Vorstellungen machen.

»Du darfst in einer Angelegenheit wie diese nicht öffentlich auftreten,« sagte er. »Dein Ruf, liebste Rachel, ist zu rein, und zu heilig, als daß man leichtsinnig damit umgehen dürfte.«

»Mein Ruf!« lachte sie laut auf; »ich werde ja eben so gut beschuldigt wie Du, Godfrey. Der beste Beamte der geheimen Polizei in England erklärt, daß ich meinen eigenen Diamanten gestohlen habe. Frage ihn, was er denkt und er wird Dir sagen, daß ich den Mondstein verpfändet habe, um meine Privatschulden mit dem Erlös zu bezahlen.« Sie hielt inne, lief durch das Zimmer und fiel zu den Füßen ihrer Mutter auf die Kniee. »O, Mutter, Mutter, Mutter! Muß ich nicht wahnsinnig sein, um jetzt nicht die Wahrheit zu bekennen!«

Sie war zu leidenschaftlich aufgeregt, um den Zustand ihrer Mutter zu bemerken. Im nächsten Augenblick hatte sie sich wieder erhoben und war wieder zu Herrn Godfrey geeilt: »Ich will nicht, daß Du, daß irgend ein unschuldiger Mensch durch mein Schweigen ungerecht angeklagt und verleumdet wird. Wenn Du mich nicht vor den Richter führen willst, so setze mir eine schriftliche Erklärung Deiner Unschuld auf und ich will sie unterzeichnen. Thu’ was ich Dir sage, Godfrey, oder ich schreibe an die Zeitungen — oder ich laufe auf die Straße und rufe die Sache laut aus.«

Ich will nicht sagen, daß dies die Sprache eines bösen Gewissens war —— ich will es die Sprache eines hysterischen Zufalls nennen. Der nachsichtige Herr Godfrey beschwichtigte sie dadurch, daß er ein Stück Papier nahm und die Erklärung entwarf. Sie unterzeichnete dieselbe in fieberhafter Hast.

»Zeige es überall, ohne Rücksicht auf mich zu nehmen,« fragte sie, indem sie ihm die unterzeichnete Erklärung überreichte. »Ich fürchte, Godfrey, ich habe Dir bis jetzt in meinen Gedanken noch keine Gerechtigkeit widerfahren lassen. Du bist uneigennütziger, Du bist ein besserer Mensch als ich von Dir geglaubt habe. Komm zu uns so oft Du kannst und ich will versuchen, mein Unrecht wieder gut zu machen.«

Sie reichte ihm ihre Hand. Ach! über unsere gefallene Natur! Ach! über Herrn Godfrey! Er vergaß sich nicht nur so weit, ihre Hand zu küssen, sondern er antwortete in einem Ton der Milde, der in einem solchen Fall nicht viel besser war als ein Abkommen mit der Sünde. »Ich will kommen, beste Rachel,« sagte er, »aber nur unter der Bedingung, daß wir nicht wieder von diesem verhaßten Gegenstand reden.« Niemals hatte ich unsern christlichen Held von einer weniger vortheilhaften Seite kennen gelernt als bei dieser Gelegenheit.

Bevor noch Jemand anderes ein Wort hatte sagen können, wurden wir alle durch ein donnerähnliches Klopfen an der Hausthür erschreckt. Ich sah zum Fenster hinaus und sah in einer vor der Thür haltenden Equipage mit gepudertem Diener die Weltlust, die Fleischeslust und den Teufel in Gestalt von drei in der frechsten Weise gekleideten Frauenzimmern.

Rachel fuhr zusammen und faßte sich. Sie ging quer durch das Zimmer auf ihre Mutter zu.

»Sie sind da, um mich zur Blumen-Ausstellung abzuholen,« sagte sie. »Ein Wort, Mama, ehe ich gehe. Ich habe Dir keinen Kummer gemacht, nicht wahr?«

Ist die Stumpfheit eines sittlichen Gefühls, welche nach dem eben Vorgefallenen eine solche Frage thun konnte, zu bemitleiden oder zu verdammen? Ich neige mich stets dem Erbarmen zu. Bemitleiden wir es.

Die Tropfen hatten ihre Wirkung gethan. Der Teint meiner armen Tante hatte seine frühere Farbe wieder angenommen. »Nein, nein, liebes Kind.« sagte sie, »fahre nur mit unsern Freundinnen und amüsire Dich gut.«

Ihre Tochter küßte sie. Ich hatte das Fenster verlassen und stand neben der Thür, als Rachel sich derselben näherte, um hinaus zu gehen. Abermals war eine Veränderung mit ihr vorgegangen, sie schwamm in Thränen. Ich beobachtete mit Interesse die momentane Weichheit dieses verhärteten Herzens. Ich hatte Lust, ein Paar ernste Worte zu ihr, zu reden. Aber, ach! Mein wohlgemeinter Antheil erregte nur Anstoß. »Aber was soll das heißen, daß Sie mich bemitleiden?« fragte sie mich in einem bittern, flüsternden Tone, als sie an mir vorüber nach der Thür ging. »Sehen Sie nicht, wie glücklich ich bin? Ich gehe auf die Blumen-Ausstellung, Clack; und ich habe den hübschesten Hut in London.« Sie machte das Maß dieser schalen Mockerie dadurch voll, daß sie mir eine Kußhand zuwarf und damit aus dem Zimmer ging.

Ich wollte, ich könnte das Mitleid in Worten schildern, das ich für dies unglückliche und mißleitete Mädchen empfand, aber ich bin fast leider eben so arm an Worten wie an Geld. Man gestatte mir, es auszusprechen: Mein Herz blutete für sie.

Als ich mich wieder zu meiner Tante gesetzt hatte, bemerkte ich, daß der liebe Herr Godfrey leise, hier und dort, an verschiedenen Stellen des Zimmers etwas suchte. Er trat wieder auf meine Tante und mich zu, seine Unschuldserklärung in der einen und ein Zündholzdöschen in der andern Hand. »Liebe Tante,« sagte er, »eine kleine Verschwörung. Liebe Miß Clack, ein frommer Betrug, den selbst Ihre sittliche Strenge entschuldigen wird! Wollen Sie Rachel bei dem Glauben lassen, daß ich das großmüthige Opfer annehme, das sie mir durch die Unterzeichnung dieses Papiers gebracht hat? Und wollen Sie freundlichst Zeuge sein, daß ich es in Ihrer Gegenwart vernichte, bevor ich dieses Haus verlasse?«

Er zündete das Papier mit einem Zündholz an und ließ es auf einem auf dem Tische stehenden Teller verbrennen. »Die geringfügigsten Ungelegenheiten, welche mir vielleicht aus der Sache erwachsen können,« bemerkte er, »sind nichts im Vergleich zu der hohen Wichtigkeit, die es hat, diesen reinen Namen vor der unreinen Berührung mit der Welt zu bewahren. Da! Nun haben wir es zu einem unschädlichen Häufchen Asche gemacht und unsere theure Rachel mit ihren raschen Entschlüssen wird nie erfahren, was wir gethan haben! Wie ist Ihnen zu Muthe, meine theuren Freundinnen? Ich für mein armes Theil fühle mich so leicht wie ein Kind!«

Er lächelte uns mit seinem schönen Lächeln zu; er reichte seiner Tante die eine und mir die andere Hand. Sein edles Benehmen hatte mich zu tief ergriffen, als daß ich hätte reden können. Ich schloß die Augen; ich führte seine Hand in einer Art frommer Selbstvergessenheit an meine Lippen. Er murmelte eine sanfte Einwendung. O, die Extase, die reine unirdische Extase jenes Augenblicks! Ich saß —— ich wüßte kaum zu sagen worauf —— ganz in meine entzückten Empfindungen verloren. Als ich die Augen wieder öffnete, war es mir, als ob ich vom Himmel wieder auf die Erde hinabstiege.

Nur meine Tante war noch im Zimmer, er war fortgegangen.

Gern würde ich hier schließen, gern würde ich in meiner Erzählung mit dem Bericht über Herrn Godfrey’s edles Benehmen abbrechen. Unglücklicher Weise aber giebt es noch Vieles, was der unnachsichtige pecuniäre Druck der Anweisung des Herrn Blake mich zu erzählen nöthigt. Die peinlichen Enthüllungen, welche in meiner Gegenwart während jenes Besuchs am Dienstage in jenem Hause in Montague-square erfolgen sollten, hatten ihr Ende noch nicht erreicht.

Als ich mich mit Lady Verinder wieder allein fand, brachte ich das Gespräch sehr natürlich auf den Gegenstand ihrer Gesundheit, indem ich leise auf die auffallende Angst, mit der sie ihr Unwohlsein und das dagegen angewandte Mittel vor ihrer Tochter zu verbergen gesucht hatte, anspielte.

Die Antwort meiner Tante überraschte mich nicht wenig.

»Drusilla,« sagte sie —— sollte ich noch nicht erwähnt haben, daß mein Vorname Drusilla ist, so erlaube ich mir, es hier zu thun— —, »Du berührst gewiß ganz unabsichtlich einen sehr betrübenden Gegenstand.«

Ich stand sofort auf. Meine Delicatesse ließ mir keine Wahl, ich mußte, nachdem ich mich entschuldigt hatte, gehen. Aber Lady Verinder hielt mich zurück und bestand darauf, daß ich mich wieder hinsetzte.

»Du hast ein Geheimniß erfahren« sagte sie, »welches ich außer meiner Schwester, Mrs. Ablewhite, und meinem Advocaten, Herrn Bruff, Niemandem sonst anvertraut habe. Auf die Discretion jener Beiden kann ich mich verlassen und gewiß auch, wenn ich Dir die Umstände mittheile, auf die Deinige, nicht wahr? Bist Du pressirt, Drusilla, oder bist Du diesen Nachmittag frei?«

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich mich meiner Tante vollständig zur Verfügung stellte.

»Dann leiste mir noch eine Stunde Gesellschaft!« sagte sie. Ich habe Dir etwas zu erzählen, was Du, glaube ich, mit Bedauern hören wirst; und ich werde Dich nachher um einen Dienst zu bitten haben, den Du mir hoffentlich nicht versagen wirst.«

Ich brauche auch hier wohl kaum zu sagen, daß ich mich eifrigst bereit erklärte, ihr behilflich zu sein.

»Du kannst hier bleiben,« fuhr sie fort, »bis Herr Bruff um 5 Uhr zu mir kommt. Und Du kannst eine der Zeuginnen sein, deren es bei der Unterzeichnung meines Testaments bedürfen wird.«

Ihr Testament! Ich dachte an die Tropfen, die ich eingegeben, an die bläuliche Gesichtsfarbe, die ich an ihr beobachtet hatte. Ein Licht, das nicht von dieser Welt war, ein Licht, das prophetisch aus einem ungegrabenen Grabe hervorleuchtet, dämmerte feierlich in meinem Geiste auf. Das Geheimnis; meiner Tante war kein Geheimniß mehr.



Kapiteltrenner

Drittes Capitel.

Die Rücksicht für die arme Lady Verinder verbot es mir, auch nur anzudeuten, daß ich die traurige Wahrheit bereits errathen hatte, noch bevor sie die Lippen zu ihrer Mittheilung öffnete. Ich wartete den Moment, wo sie zu reden anfangen würde, ruhig ab, und nachdem ich mich in meinem Innern auf ein paar Trostesworte vorbereitet hatte, die ich bei der ersten passenden Gelegenheit anbringen wollte, war ich zur Uebernahme jeder mir zugedachten Pflicht, so schmerzlich sie auch sein möchte, bereit.

»Ich bin vor einiger Zeit ernstlich krank gewesen, Drusilla,« fing meine Tante an. »Und, sonderbar genug, ohne selbst etwas davon zu wissen.«

»Ich mußte an die Tausende und aber Tausende menschlicher Geschöpfe denken, die Alle in der Sterbestunde an ihrer Seelekrank sind, ohne es selbst zu wissen. Und ich fürchtete gar sehr, daß auch meine arme Tante zu diesen Tausenden gehören möchte.

»Ja, meine Theuerste!« sagte ich traurig, »ja!«

»Ich brachte,« fuhr sie fort, »wie Du weißt, Rachel nach London, um die Aerzte über sie zu consultiren ich hielt es für richtig, mich an zwei Aerzte zu wenden.«

Zwei Aerzte! und —— o, mein Gott! Rachel’s Zustand keinen Geistlichen.

»Jawohl meine Theuerste,« wiederholte ich, »jawohl.«

»Einer der beiden Aerzte,« fuhr meine Tante fort, »war mir bis dahin unbekannt. Der andere war ein alter Freund meines verstorbenen Mannes gewesen und hatte stets um meines Gatten willen ein aufrichtiges Interesse an mir genommen. Nachdem er Rachel etwas verordnet, erklärte er, er wünsche mich in einem andern Zimmer allein zu sprechen. Ich erwartete natürlich einige specielle Anweisungen, wie ich mich in Betreff meiner Tochter zu verhalten habe. Zu meiner Ueberraschung ergriff er mit sehr ernster Miene meine Hand und sagte: »Ich habe Sie mit dem Auge des Freundes und des Arztes angesehen, Lady Verinder. Ich fürchte, Sie bedürfen ärztlichen Raths viel dringender, als Ihre Tochter.«

Er that mir einige Fragen, mit denen ich es anfänglich sehr leicht nehmen wollte, bis ich bemerkte, daß meine Antworten ihn betrübten. Unsere Unterhaltung endete damit, daß wir für den nächsten Tag auf eine Stunde, wo Rachel nicht zu Hause sein würde, eine Consultation verabredeten, die er mit einem ärzlichen Freunde meinetwegen halten wollte. Das Ergebniß dieser Consultation, das mir in einer höchst rücksichtsvollen und milden Weise mitgetheilt wurde, war die von beiden Aerzten gewonnene Ueberzeugung, daß eine kostbare und nicht wieder einzubringende Zeit verloren sei und daß ihre Kunst über meinen Zustand jetzt nichts mehr vermöge. Seit länger als zwei Jahren habe ich an einem tückischen Herzübel gelitten, welches, ohne von irgend beunruhigenden Symptomen begleitet zu sein, ganz allmälig meine Gesundheit zerrüttet hat. Ich kann vielleicht noch ein paar Monate leben, ich muß aber jeden Augenblick auf meinen Tod gefaßt sein, die Aerzte können nicht positiver reden. Es würde vergebens sein, wenn ich Dich glauben machen wollte, meine Liebe, daß ich nicht sehr schlimme Stunden durchgemacht habe, seit ich über meinen wirklichen Zustand aufgeklärt bin. Aber ich bin jetzt gefaßter als ich es war und ich bin nach Kräften bemüht, meine weltlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Das Einzige, was mir Sorge macht, ist der Gedanke, daß Rachel eine Ahnung von meinem Zustand bekommen könnte. Wenn sie etwas davon erführe, so würde sie auf der Stelle die Erschütterung meiner Sorge wegen des Diamanten zuschreiben und würde sich bittere Vorwürfe über Etwas machen, was das arme Kind in keiner Weise verschuldet hat. Beide Aerzte stimmen« darin überein, daß das Uebel zwei, wenn nicht vor drei Jahren seinen Anfang genommen hat. Ich bin überzeugt, Drusilla, daß Du mein Geheimniß gut bewahren wirst, denn ich täusche mich nicht, wenn ich aufrichtige Sorge und Sympathie für mich in Deinem Gesicht zu lesen glaube.«

Sorge und Sympathie! O, wie kann man so heidnische Empfindungen von einer glaubensfesten englischen Jungfrau erwarten!

Meine arme Tante hatte wenig Vorstellung davon, welch ein Strom frommer Dankbarkeit sich über mich ergoß, als sie sich dem Ende ihrer traurigen Erzählung näherte. Vor mir eröffnete sich ein weites Feld nützlicher Thätigkeit! Eine geliebte Verwandte und ein dem Tode naher Mitmensch, am Rande der großen Reise, völlig unvorbereitet und durch eine Fügung der Vorsehung in dem Fall mir ihre Lage zu enthüllen! Wie soll ich die Freude schildern, mit der ich mich nun erinnerte, daß die würdigen geistlichen Freunde, auf die ich mich verlassen konnte, nicht nach ein oder zwei, sondern nach zehn und zwanzigen zählten! Ich schloß meine Tante in meine Arme, ich vermochte meiner überströmenden Zärtlichkeit jetzt durch nichts Geringeres, als durch eine Umarmung zu genügen. »O!« rief ich feurig aus, welch’ ein unbeschreibliches Interesse flößest Du mir ein! O! Wie viel Gutes hoffe ich Dir noch erweisen zu können, bevor wir von einander Abschied nehmen!«

Nachdem ich noch einige ernste vorbereitende Worte gesagt hatte, ließ ich ihr die Wahl unter drei würdigen Freunden, die Alle in ihrer Nachbarschaft das Werk der Gnade vom Morgen bis Abend übten, die Alle gleich unermüdlich im Ermahnen, Alle freundlich bereit waren, auf ein Wort von mir ihre reiche Begabung zur Anwendung zu bringen. Aber ach! das Ergebniß meiner Bemühung war weit entfernt, ermuthigend zu sein. Die arme Lady Verinder sah bei meinen Worten verwirrt und erschrocken aus und begegnete allen meinen Vorstellungen mit dem rein weltlichen Einwand, daß sie sich nicht stark genug fühle, den Besuch Fremder zu empfangen. Ich gab, natürlich nur für den Augenblick, nach. Meine reiche Erfahrung —— als Hörerin und Besucherin von im Ganzen nicht weniger als vierzehn geistlichen Freunden —— belehrte mich, daß hier wieder einmal ein Fall der Vorbereitung durch Bücher vorliege. Ich besaß eine kleine Bibliothek von Werken, die Alle für die gegenwärtige Situation geeignet, Alle darauf berechnet waren, meine Tante zu erwecken, zu überzeugen, vorzubereiten, zu erleuchten und zu stärken. »Du mußt lesen, Liebste, nicht wahr, das wirst Du thun?« sagte ich im gewinnendsten Ton. »Nicht wahr, Tante, Du wirst lesen, wenn ich Dir meine köstlichen Bücher bringe, in denen die Blätter bei allen wichtigen Stellen eingeschlagen und wo alle solche Worte, bei denen Du inne halten und Dich fragen mußt: »Paßt dies auf mich?« mit Bleistift angestrichen sind?« Selbst diese einfache Aufforderung, —— so absolut unchristlich ist der Einfluß der Welt ——, schien meine Tante unangenehm zu berühren. Sie sagte mit einem Blick der Ueberraschung, der für mich eben so belehrend wie erschreckend war: »Ich will Dir gern zu Gefallen thun, was ich kann, Drusilla.« Da war kein Augenblick zu verlieren. Die Uhr auf dem Kamine mahnte mich, daß ich noch eben Zeit habe, nach Hause zu eilen, mich mit einer ersten Serie auserwählter Schriften, etwa einem Dutzend, zu versehen und noch zu rechter Zeit wieder da zu sein, wenn der Advocat kommen und ich als Zeugin bei Lady Verinder’s Testament gebraucht werden würde. Nachdem ich versprochen, um fünf Uhr zurück zu sein, ging ich fort, um mein Gnadenwerk auszurichten.

Wo es nur meine eigenen Interessen gilt, begnüge ich mich in meiner Demuth mit der Beförderung durch den Omnibus. Man kann sich also von meiner Hingebung an die Interessen meiner Tante eine Vorstellung machen, wenn ich bemerke, daß ich bei dieser Gelegenheit die Verschwendung beging, mir eine Droschke zu nehmen.

Ich fuhr nach Hause, suchte meine erste Serie von Schriften zusammen und fuhr zurück nach Montaguesquare mit einem Dutzend Bücher in einem Nachtsack, deren Gleichen sich, wie ich fest überzeugt bin, die Literatur keines andern Landes in Europa rühmen kann. Ich bezahlte dem Droschkenkutscher genau seine Taxe. Er nahm dieselbe mit einem Fluch entgegen, worauf ich ihm sofort ein Tractätchen einhändigte. Hätte ich ihm eine Pistole vor den Kopf gehalten, so hätte dieses verlorene Menschenkind kaum betroffener aussehen können. Er sprang von seinem Bock auf und fuhr unter profanen Ausrufen des Entsetzens, die ohne jede Wirkung auf mich blieben, davon. Ich säete, seinem Zornausbruche Trotz bietend, die gute Saat, indem ich ein zweites Tractätchen durch’s Fenster in den Wagen warf.

Dieses Mal öffnete mir zu meiner großen Freude nicht die Person mit den Mützenbändern, sondern der Diener die Thür und theilte mir mit, daß während meiner Abwesenheit der Doktor gekommen und noch mit Lady Verinder eingeschlossen sei. Vor wenigen Augenblicken war der Advocat Herr Bruff eingetroffen und wartete in der Bibliothek. Ich ward in die Bibliothek geführt, um gleichfalls dort zu warten.

Herr Bruff schien überrascht, mich zu sehen. Er ist der Advocat der Familie und wir hatten uns schon wiederholt bei früheren Gelegenheiten in Lady Verinder’s Hause getroffen. Ein Mann, der, wie ich mit Bedauern sagen muß, im Dienst der Welt alt und grau geworden, ein Mann, der in seinen Geschäftsstunden der auserwählte Prophet des Gesetzes und des Mammons, und der in seinen Mußestunden fähig war, einen Roman zu lesen und ein Tractätchen zu zerreißen.

»Kommen Sie, um längere Zeit im Hause zu bleiben, Miß Clack?« sagte er mit einem Blick auf meinen Nachtsack. Einem Mann wie diesem den Inhalt meines Nachtsacks zu enthüllen, wäre eine Aufforderung zu einem profanen Ausbruch gleichgekommen. Ich ließ mich zu dem Niveau seiner Vorstellungen herab und nannte mein Geschäft hier im Hause.

»Meine Tante hat mir mitgetheilt, daß sie im Begriff steht, ihr Testament zu unterzeichnen,« antwortete ich; »sie hat mich freundlichst ersucht, ihr dabei als Zeugin zu dienen.«

»Ei! ei! Gut, Miß Clack, Sie können als Zeugin dienen; Sie sind über 21 Jahre alt und Sie haben nicht das mindeste pecuniäre Interesse an Lady Verinder’s Testament.«

Nicht das mindeste pecuniäre Interesse an Lady Verinder’s Testament! O! wie dankbar war ich, als ich das hörte. Wenn meine reiche Tante an meine arme Person gedacht hätte, für die fünf Pfund schon eine bedeutende Summe ist; wenn mein Name in Verbindung mit einem kleinen mir vermachten Legat in dem Testament vorgekommen wäre: so würden meine Feinde vielleicht die Motive, die mich bestimmt hatten, mich mit den kostbarsten Schätzen meiner Bibliothek zu beladen, verdächtigt und vielleicht in Veranlassung meiner verschwenderischen Ausgabe für eine Droschke auf meine geringen Mittel gestichelt haben. Aber jetzt konnte auch der grausamste Spötter unter ihnen die Reinheit meiner Motive nicht anzweifeln Es war viel besser so! Gewiß! Gewiß! Viel besser so!

Ich wurde aus diesen tröstlichen Reflexionen durch Herrn Bruff erweckt. Mein nachdenkliches Schweigen schien auf diesem Weltkind zu lasten und ihn gewissermaßen wider seinen Willen zur Unterhaltung mit mir zu zwingen.

»Nun, Miß Clack, was giebt es Neues in den mildthätigen Kreisen? Wie geht es Ihrem Freunde, Herrn Godfrey Ablewhite, nach der Mißhandlung, die er von den Spitzbuben in Northumberlandstreet erfahren hat? In meinem Club erzählen sie wahrhaftig eine hübsche Geschichte über diesen mildthätigen Herrn.«

Ich hatte die Art, mit welcher dieser Mensch bemerkt hatte, daß ich über einundzwanzig Jahr alt sei und daß ich kein pecuniäres Interesse an dem Testament meiner Tante habe, schweigend hingenommen. Aber der Ton, in dem er auf den theuren Herrn Godfrey anspielte, war zu viel für mich. Da ich mich durch Das, was diesen Nachmittag in meiner Gegenwart vorgefallen war, verpflichtet fühlte, die Unschuld meines bewundernswerthen Freundes zu bezeugen, wo immer ich einem Zweifel an derselben begegnen würde, betrachtete ich es, wie ich bekenne, als einen Theil meiner Aufgabe, diesem Herrn Bruff eine scharfe Zurechtweisung zu Theil werden zu lassen.

»Ich lebe wenig in der Welt,« sagte ich, »und kann mich nicht wie Sie, mein Herr, rühmen, einem Club anzugehören Aber ich kenne zufällig die Geschichte, auf welche Sie anspielen und weiß auch, daß niemals eine erbärmlichere Lüge als diese Geschichte erzählt worden ist.«

»Jawohl, Miß Clack! Sie glauben an Ihren Freund. Das ist sehr natürlich! Aber Herr Godfrey Ablewhite wird die Welt im Allgemeinen nicht ganz so bereit finden, sich überzeugen zu lassen, wie ein Comité von mildthätigen Damen. Der Schein ist entschieden gegen ihn. Er war im Hause, als der Diamant zuerst vermißt wurde und war der Erste, der nach dem Verlust des Edelsteins nach London ging. Das sind häßliche Umstände, mein Fräulein, wenn man sie in dem Licht späterer Ereignisse betrachtet.«

Ich bin mir wohl bewußt, daß ich ihn, bevor ich ihn weiter reden ließ, tüchtig hätte zurechtsetzen müssen; ich hätte ihm sagen sollen, daß er ohne Kenntniß von einem Zeugniß der Unschuld des Herrn Godfrey rede, welches von der einzigen Person ausgestellt worden sei, die unleugbar competent war, mit positiver Sachkenntniß zu sprechen. Aber ach! die Versuchung, dem Advocaten auf Umwegen eine Niederlage zu bereiten, war zu groß für mich! Ich fragte ihn mit der anscheinend unschuldigsten Miene, was er mit den »späteren Ereignisse« meine.

»Mit späteren Ereignissen, Miß Clack, meine ich Ereignisse, bei denen die Indier eine Rolle spielen,« fuhr Herr Bruff fort, indem er, je länger er sprach, mehr und mehr die Oberhand über meine arme Person zu gewinnen schien. »Was beginnen die Indier in dem Moment, wo sie aus dem Gefängniß in Frizinghall entlassen werden? Sie gehen direct nach London und richten ihr Absehen auf Herrn Luker. Und was sagt Herr Luker da, wo er sich zum ersten mal um Schutz an den Richter wendet?

Er bekennt, daß er einen fremden Arbeiter in seinem Geschäft in Verdacht hat, mit den Indiern unter einer Decke zu stecken. Kann es einen klareren moralischen Beweis dafür geben, daß die Spitzbuben unter den Leuten in Herrn Lukers Geschäft einen Complicen gefunden hatten und daß sie wußten, daß sich der Mondstein in Herrn Lukers Haus befinde? Gut! Was geschieht weiter? Herr Luker ist, und das mit gutem Grunde, über die Sicherheit des ihm verpfändeten Edelsteins besorgt. Er deponirt denselben unter einer allgemeinen Bezeichnung in dem Gewölbe seines Bankiers. Aeußerst schlau erdacht! Nur daß die Indier ebenso schlau sind. Sie argwöhnen, daß der Diamant seinen Platz gewechselt hat, und sie verfallen auf einen merkwürdig kühnen Weg, diesen Argwohn vollständig aufzuklären. Wen ergreifen und durchsuchen sie? Nicht Herrn Luker allein, was erklärlich genug wäre, sondern auch Herrn Godfrey Ablewhite. Warum? Herr Ablewhite erklärt die Sache damit, daß sie auf einen blinden Verdacht hin handelten, weil sie ihn zufällig mit Herrn Luker sprechen gesehen hatten. Absurd! Ein halb Dutzend andere Personen hatten an jenem Morgen auch mit Herrn Luker gesprochen. Warum wurden diese anderen Personen nicht auch nach Hause verfolgt und in die Falle gelockt? Nein, nein! man muß einfach schließen, daß Herr Ablewhite so gut wie Herr Luker sein besonderes Interesse an dem Mondstein hat, und daß die Indier so ungewiß waren, welcher von Beiden die Disposition über den Edelstein habe, daß ihnen nichts Anderes übrig blieb, als sie Beide zu durchsuchen. So spricht die öffentliche Meinung, Miß Clack, und die öffentliche Meinung läßt sich bei dieser Gelegenheit nicht leicht widerlegen.«

Bei diesen letzten Worten sah er so selbstgefällig weise aus, daß ich in der That, zu meiner Schande sei es gesagt —— der Versuchung nicht zu widerstehen vermochte, ihn noch ein wenig weiter reden zu lassen, bevor ich ihn mit der Wahrheit zu Boden schmettern würde.

»Ich maße mir nicht an, mit einem so gewandten Advocaten zu discutiren,« sagte ich. »Aber es ist ganz gerecht, Herr Bruff, gegen Herrn Ablewhite die Ansicht des berühmten Londoner Polizeibeamten, der die Untersuchung dieses Falles geleitet hat, ganz außer Acht zu lassen? Nach der Ueberzeugung des Sergeant Cuff haftete nicht der Schatten eines Verdachts aus irgend Jemand, außer Fräulein Verinder.«

»Wollen Sie damit sagen, Miß Clack, daß Sie der Ansicht des Sergeanten beistimmen?«

»Ich klage Niemanden an, Herr Bruff, und ich äußere gar keine Meinung.«

»Ich aber mache mich dieser beiden Ungeheuerlichkeiten schuldig, mein Fräulein. Ich klage den Sergeanten an, auf gänzlich falscher Fährte gewesen zu sein, und ich äußere die Meinung, daß, wenn er Rachel’s Charakter gekannt hätte, wie ich ihn kenne, er aus alle anderen Personen im Hause eher einen Verdacht geworfen haben würde, als auf sie. Ich gebe zu, daß sie ihre Fehler hat, sie ist verschlossen und eigenwillig, launenhaft und abenteuerlich, und anders als andere Mädchen ihres Alters. Aber echt wie Gold und großmüthig und edeldenkend bis zum Exceß. Wenn der klarste Beweis von der Welt nach einer Richtung hin, und wenn nichts als Rachel’s Ehrenwort nach der andern Richtung hinwiese, so würde ich, obgleich Jurist, größeren Werth auf ihr Wort als aus den Beweis legen! Das ist stark ausgedrückt, Miß Clack, aber es ist meine wirkliche Meinung!«

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mir Ihre Ansicht durch einige Beispiele verdeutliche, Herr Bruff, um Sie besser zu verstehen? Angenommen, es stellte sich heraus, daß Fräulein Verinder ein ganz unerklärliches Interesse an dem nehme, was Herrn Ablewhite und Herrn Luker begegnet ist. Angenommen, sie thäte die sonderbarsten Fragen über dieses abscheuliche Gerücht und geriethe in die maßloseste Aufregung, sobald sie erführe, auf was dieses Gerücht abzielt?«

»Nehmen Sie an, was Sie wollen, Miß Clack, es würde mein Vertrauen auf Rachel Verinder nicht im Mindesten erschüttern.«

»Ist sie so unbedingt zuverlässig?«

»So unbedingt zuverlässig.«

»Dann erlauben Sie mir, Ihnen mitzutheilen, Herr Bruff, daß Herr Godfrey Ablewhite dieses Haus vor noch nicht zwei Stunden verlassen hat und daß seine vollständige Unschuld an dem Verschwinden des Diamanten von Fräulein Verinder selbst in den stärksten Ausdrücken, die ich in meinem ganzen Leben aus dem Munde eines jungen Mädchens gehört habe, proclamirt wurde.«

Ich weidete mich an dem Triumph —— an dem unheiligen Triumph, wie ich leider zugeben muß —— Herrn Bruff durch einige wenige einfache Worte von mir gänzlich außer Fassung gebracht und niedergeschmettert zu sehen. Er sprang auf und starrte mich schweigend an. Ich blieb ruhig sitzen und berichtete die ganze Scene, genau wie sie vorgegangen war. »Und was sagen Sie jetzt von Herrn Ablewhite?« fragte ich im Tone größtmöglichster Freundlichkeit, sobald ich mit meinem Berichte fertig war.

»Wenn Rachel seine Unschuld bezeugt hat, Miß Clack, so nehme ich keinen Anstand, zu erklären, daß ich eben so fest an seine Unschuld glaube, wie Sie. Ich habe mich, wie die übrige Welt, durch den Schein irre leiten lassen, und ich will, so viel an mir ist, die Sache wieder gut machen, indem ich dem Gerücht, welches sich gegen Ihren Freund gerichtet hat, so oft ich auf dasselbe stoße, öffentlich widerspreche. Zugleich erlauben Sie mir, Ihnen mein Compliment über die Art zu machen, wie Sie das ganze Feuer Ihrer Batterien in dem Augenblicke aus mich losgelassen haben, in welchem ich es am wenigsten erwartete. Sie würden ein ausgezeichneter Advocat geworden sein, wenn Sie ein Mann gewesen wären.«

Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und fing an unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen.

Es war mir klar, daß das neue Licht über die Angelegenheit, welches ihm durch mich aufgegangen war, ihn sehr überrascht und verwirrt hatte. Als er sich mehr und mehr von seinen eigenen Gedanken absorbieren ließ, entfuhren ihm einzelne Ausdrücke, welche mir einen Schluß auf die abscheuliche Auffassung gestatteten, welche er bis her von dem Geheimniß des verlorenen Diamanten gehabt hatte. Er hatte kein Bedenken getragen, den theuren Herrn Godfrey der Infamie zu verdächtigem den Diamanten genommen zu haben und Rachel’s Betragen dem großmüthigen Entschluß zuzuschreiben, das Verbrechen zu verheimlichen. Auf die eigene Autorität Fräulein Verinder’s hin —— eine nach Herrn Bruff’s Schätzung, wie man gesehen hat, völlig unangreifbare Autorität —— mußte jetzt diese Erklärung als eine durchaus falsche aufgegeben werden. Die Perplexität, in welche ich diesen hochangesehenen Mann des Gesetzes gestürzt hatte, überwältigte ihn dermaßen, daß er völlig unfähig war, sie zu verbergen.

»Welch’ ein Fall!« hörte ich ihn vor sich hin murmeln, während er am Fenster stille stand und mit den Fingern an die Scheiben trommelte. Es läßt keine Erklärung zu, er macht sogar jede Vermuthung zu Schanden.«

In diesen Worten lag nichts, das irgend eine Erwiederung meinerseits erforderlich gemacht hätte, und doch antwortete ich auf dieselben!

Es scheint kaum glaublich, daß ich noch jetzt Herrn Bruff nicht in Ruhe lassen konnte. Es scheint fast über die einfache menschliche Verderbniß hinauszugehen, daß ich in dem, was er eben gesagt hatte, eine neue Gelegenheit erspähte, mich ihm persönlich unangenehm zu machen.

Aber ach! meine Freunde! Nichts geht über die menschliche Verderbniß hinaus, und alles ist glaublich, wenn unsere sündhafte Natur die Oberhand über uns gewinnt.

»Verzeihen Sie, wenn ich mich in Ihre Reflexionen mische,« sagte ich zu dem nichts argwöhnenden Herrn Bruff, »aber sicher giebt es eine Vermuthung, auf die wir bis jetzt noch nicht gefallen sind.«

»Mag sein, Miß Clack. Ich gestehe, daß ich nicht weiß, was Sie sagen wollen.«

»Bevor ich das Glück hatte, Sie, Herr Bruff, von Herrn Ablewhites Unschuld zu überzeugen, bezeichneten Sie es als einen der Verdachtsgründe gegen ihn, daß er zur Zeit des Verlustes des Diamanten im Hause gewesen sei. Erlauben Sie mir, Sie zu erinnern, daß auch Herr Franklin Blake im Hause war, als der Diamant verloren ging.«

Der alte Weltmann verließ auf einmal seinen Platz am Fenster, setzte sich auf einen mir gerade gegenüberstehenden Stuhl und sah mir mit einem sündhaften und starren Lächeln fest in’s Gesicht.

»Sie sind doch kein so guter Advocat, Miß Clack,« bemerkte er nachdenklich, »wie ich glaubte. Sie verstehen es nicht, im rechten Moment die Dinge aus sich beruhen zu lassen.«

»Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Bruff,« sagte ich bescheiden.

»Es geht nicht, Miß Clack, es geht wahrhaftig nicht zum zweiten Mal. Franklin Blake ist mein besonderer Liebling, wie Sie wohl wissen. Aber daraus kommt es nicht an. Ich will mich in diesem Falle auf Ihren Standpunkt stellen, bevor Sie mich überrumpeln Sie haben vollkommen Recht, liebes Fräulein. Ich habe Herrn Ablewhite auf Gründe hin in Verdacht gehabt, welche, wenn man die Sache abstract nimmt, auch eine Verdächtigung des Herrn Blake rechtfertigen würden. Nun wohl! Wir wollen einmal Beide einen solchen Verdacht auf ihn richten. Wir wollen die Frage, ob er nach seinem Charakter eines Diebstahls des Mondsteins fähig war, hier außer Acht lassen, wir wollen uns auf die Frage beschränken, ob ein solcher Diebstahl in seinem Interesse lag.«

»Herrn Franklin Blake’s Schulden« bemerkte ich, »sind für die Familie eine notorische Thatsache.«

»Und Herrn Godfrey Ablewhites Schulden haben diese Höhe noch nicht erreicht. Aber Ihrer Auffassung, Miß Clack, stehen doch zwei Schwierigkeiten entgegen. Ich habe Franklin Blake’s Angelegenheiten in Händen und erlaube mir, Ihnen mitzutheilen,« daß die große Mehrheit seiner Gläubiger, die wissen, daß sein Vater ein reicher Mann ist, sich damit begnügen, für den Betrag ihrer Forderung Zinsen zu berechnen und geduldig auf ihr Geld zu warten. Das ist die erste Schwierigkeit und schon eine ziemlich starke. Sie werden die zweite noch stärker finden. Ich weiß es aus dem eigenen Munde Lady Verinder’s, daß ihre Tochter bereit war, Franklin Blake zu heirathen, bevor jener höllische indische Diamant aus dem Hause verschwand. Sie hatte ihn mit der Coquetterie eines jungen Mädchens an sich gezogen und wieder abgestoßen. Aber sie hatte ihrer Mutter gestanden, daß sie Vetter Franklin liebe und ihre Mutter hatte Vetter Franklin das Geheimniß anvertraut. So war also seine Lage die, Miß Clack, daß seine Gläubiger zu warten bereit waren und daß er die sichere Aussicht vor sich hatte, eine Erbin zu heirathen. Nehmen Sie getrost an, er sei ein Schurke, aber sagen Sie mir gefälligst, was ihn veranlassen konnte, den Mondstein zu stehlen?«

»Das menschliche Herz ist unergründlich,« sagte ich sanft, »wer kann in seine Tiefen dringen?«

»Mit andern Worten, mein verehrtes Fräulein, obgleich er nicht den Schatten eines Grundes hatte, den Diamanten zu nehmen, so konnte er ihn doch aus natürlicher Verderbtheit genommen haben. Gut. Sagen wir, er nahm ihn. Warum zum Teufel ——?«

»Ich bitte um Vergebung, Herr Bruff, wenn der Teufel in dieser Weise in meiner Gegenwart genannt wird, muß ich das Zimmer verlassen.«

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Miß Clack, ich werde in Zukunft in meinen Ausdrücken wählerischer sein. Alles was ich fragen wollte, war: Warum, angenommen selbst, er habe den Diamanten gestohlen —— warum war er von allen Personen im Hause am beflissensten in seinen Bemühungen zur Wiedererlangung des Edelsteins? Sie werden mir vielleicht sagen, er that das absichtlich aus schlauer Berechnung, um den Verdacht von sich abzulenken. Darauf antworte ich, daß er nicht nöthig hatte den Verdacht von sich abzulenken, da Niemand Verdacht aus ihn hatte. Erst stiehlt er den Mondstein ohne die geringste Ursache, aus natürlicher Verderbtheit, und übernimmt dann in Betreff des Verschwindens des Edelsteins eine Rolle, die zu spielen er durchaus keine Veranlassung hat, und welche dahin führt, daß er die junge Dame, die ihn sonst geheirathet haben würde, tödtlich beleidigt. Eine so ungeheuerliche Behauptung sind Sie genöthigt aufzustellen, wenn Sie das Verschwinden des Mondsteins mit Franklin Blake in Verbindung bringen wollen. Nein, nein, Miß Clack! Nach dem was heute hier zwischen uns Beiden vorgegangen, ist das Dunkel, in welches dieser Fall gehüllt ist, nur noch undurchdringlicher geworden. Rachel’s eigene Unschuld ist, wie ihre Mutter und ich wissen, über jeden Zweifel erhaben. Ebenso gewiß ist Herrn Ablewhite’s Unschuld, denn sonst würde Fräulein Rachel sie niemals bezeugt haben. Und Franklin Blake’s Unschuld geht, wie Sie sich eben selbst überzeugt haben, unwiderleglich aus den Umständen hervor. Einerseits sind wir von all’ diesen Dingen moralisch überzeugt, andererseits aber sind wir ebenso gewiß, daß Jemand den Mondstein nach London gebracht hat, und daß Herr Luker oder sein Banquier sich in diesem Augenblick im Besitz desselben befindet. Was nützen mir da meine Erfahrungen? Der Fall spottet jeder Erfahrung.«

Nein —— nicht jeder Erfahrung, nicht der Sergeant Cuff’s. Ich war eben im Begriff, dies so milde wie möglich und unter aller nöthigen Verwahrung gegen die Annahme, daß ich auch nur den leisesten Schatten auf Rachel’s Ruf werfen wolle, auszusprechen, als der Diener eintrat und meldete, daß der Doctor Lady Verinder verlassen habe und daß sie bereit sei, uns zu empfangen.

Damit hatte unsere Diskussion ein Ende. Herr Bruff, der von unserer Unterhaltung ein wenig erschöpft aussah, nahm meinen Sack voll köstlicher Schriften. Ich, die ich noch stundenlang hätte fortsprechen können, und er gingen schweigend nach Lady Verinder’s Zimmer.

Man gestatte mir hier, bevor meine Erzählung zu anderen Ereignissen übergeht, die Bemerkung, daß ich bei der Schilderung dessen, was zwischen mir und dem Advokaten geschehen, nicht ohne einen bestimmten Zweck gehandelt habe. Ich muß meiner Weisung gemäß in meinem Beitrag zu der entsetzlichen Geschichte des Mondsteins eine klare Darstellung nicht nur der Richtung, in welcher sich der Verdacht bewegte, sondern selbst der Namen derjenigen Personen aufnehmen, auf welchen zu der Zeit, wo das Vorhandensein des Diamanten in London bekannt wurde, ein Verdacht haftete. Ein Bericht über meine Unterhaltung in der Bibliothek mit Herrn Bruff schien mir genau dem angegebenen Zwecke zu entsprechen, während derselbe zu gleicher Zeit den großen moralischen Vortheil gewährte, ein Opfer sündhafter Selbstachtung von meiner Seite nothwendig zu machen. Ich bin zu dem Bekenntniß genöthigt gewesen, daß meine sündhafte Natur die Oberhand über mich gewann. Indem ich dieses demüthigende Bekenntniß ablege, gewinne ich wieder die Oberhand über meine sündhafte Natur. Das moralische Gleichgewicht ist wieder hergestellt, die geistliche Atmosphäre ist wieder rein. Seht, lieben Freunde, können wir wieder fortfahren.



Kapiteltrenner

Viertes Capitel.

Das Unterzeichnen des Testaments ging viel rascher vor sich, als ich mir gedacht hatte. Dasselbe wurde mit einer nach meinem Gefühl unanständigen Hast durchgejagt. Der Diener Samuel wurde herbeigeholt, um als zweiter Zeuge zu fungieren, und ehe man sich’s versah, wurde die Feder meiner Tante in die Hand gesteckt. Ich fühlte mich gedrungen, die feierliche Gelegenheit nicht ohne einige angemessene Worte vorübergehen zu lassen, aber Herrn Bruff’s Benehmen überzeugte mich, daß es das Richtigste sein werde, dieses Bedürfniß zurückzudrängen, so lange er im Zimmer sei. In weniger als zwei Minuten war Alles vorbei und Samuel war wieder hinuntergegangen.

Herr Bruff faltete das Testament zusammen und sah mich dann mit einem Blicke an, der mich zu fragen schien, ob ich ihn mit meiner Tante allein zu lassen gedenke oder nicht. Ich hatte meine Gnadenmission zu erfüllen und hatte meinen Sack voll köstlicher Schriften auf meinem Schooße bereit. Er hätte es eben so gut versuchen können, die Paulskirche durch seine Blicke von der Stelle zu rücken, als mich. Er hatte eine gute Eigenschaft, die er ohne Zweifel seiner weltlichen Erziehung verdankte und die ich keineswegs in Abrede zu stellen gemeint bin. Er war rasch im Erfassen der Dinge. Ich schien auf ihn einen ähnlichen Eindruck hervorzubringen, wie einige Stunden früher auf den Droschkenkutscher. Auch er stieß. ein profanes Wort aus, er ging mit leidenschaftlicher Hast von dannen und ließ mich als Meisterin des Platzes zurück. Sobald wir allein waren, lehnte sich meine Tante in die Kissen des Sophas zurück und spielte dann, anscheinend etwas verwirrt, auf die Testaments-Angelegenheit an.

»Ich hoffe, Drusilla,« sagte sie, »Du fühlst Dich nicht zurückgesetzt. Ich will Dir das kleine Vermächtniß, das ich Dir zugedacht habe, mit warmer Hand geben.«

Das war eine goldene Gelegenheit! Ich ergriff sie auf der Stelle. Mit anderen Worten, ich öffnete sofort meinen Sack und nahm die Hauptschrift heraus. Es war eine der ersten Auflagen —— erst die fünfundzwanzigste —— des berühmten anonymen, der vortrefflichen Miß Bellows zugeschriebenen Werkes: »Die Schlange im Hause.« Die Tendenz des Buches, die dem weltlichen Leser vielleicht nicht bekannt, ist, zu zeigen, wie der Böse in allen, auch den anscheinend unschuldigsten Lagen unseres täglichen Lebens auf uns, lauert. Die zur Nutzanwendung für weibliche Leser geeignetsten Capitel sind: Satan in der «Haarbürste; Satan hinter dem Spiegel; Satan unter dem Theetisch; Satan vor dem Fenster und viele andere.

»Lies dieses kostbare Buch mit Aufmerksamkeit, liebe Tante, und ich verlange kein weiteres Geschenk von Dir.« Mit diesen Worten überreichte ich es ihr offen an einer bezeichneten Stelle. Es war ein ununterbrochener Sturm glühender Beredtsamkeit und behandelte das Thema: Satan in den Sophakissen.

Die arme Lady Verinder, die gedankenlos in ihre Sophakissen zurückgelehnt dasaß, warf einen Blick auf das Buch und sah noch verwirrter als vorher aus, als sie es mir wieder zurückgab.

»Ich fürchte, Drusilla,« sagte sie, »ich muß warten, bis ich mich etwas besser befinde, bevor ich das lesen kann. Der Doctor ——«

In dem Augenblick, wo sie den Namen des Doctors aussprach, wußte ich, was kommen würde. Zu wiederholten Malen waren in meiner früheren Wirksamkeit bei meinen todtkranken Mitmenschen die Mitglieder des notorisch ungläubigen Standes der Aerzte unter dem elenden Vorwande zwischen mich und meine Gnadensendung getreten, daß der Patient der Ruhe bedürfe und daß der von Allen störendste Einfluß, den sie zumeist fürchteten, der Miß Clacks und ihrer Bücher sei. Genau derselbe verblendete Materialismus war jetzt verrätherisch hinter meinem Rücken arbeitend darauf bedacht gewesen, mich des einzigen Eigenthums zu berauben, auf welches ich Arme Anspruch machen konnte —— meines geistigen Eigenthumsrechts an meiner dem Tode nahen Tante.

»Der Doktor findet,« fuhr meine arme mißleitete Verwandte fort, »daß es mir heute nicht gut geht. Er verbietet mir, irgend einen Fremden zu sehen, und verordnet mir, wenn ich überhaupt lese, nur die leichteste und unterhaltendste Lectüre »»Vermeiden Sie Alles, Lady Verinder, was Ihren Kopf angreifen oder Ihren Puls beschleunigen könnte.«« Das waren heute seine letzten Worte beim Fortgehen, Drusilla.«

Hier war wieder nichts zu thun, als, wie vorhin, für den Augenblick nachzugehen. Jedes offene Aussprechen über die unendlich höhere Wichtigkeit einer Behandlung wie die meinige im Vergleich mit der Behandlung des Arztes hätte nur dahin führen können, daß der Doktor auf die menschliche Schwäche seines Patienten gewirkt und gedroht haben würde, sich ganz zurückzuziehen. Glücklicher Weise giebt es mehr als einen Weg, die gute Saat auszustreuen, und wenige Menschen kennen die Wege besser, als ich.

»Vielleicht fühlst Du Dich in einigen Stunden stärker, liebe Tante,« sagte ich, »oder vielleicht erwachst Du morgen früh mit dem Gefühl eines geistigen Bedürfnisses und vielleicht ist dieses anspruchslose Buch im Stande, demselben abzuhelfen. Darf ich das Buch hier lassen, Tante? Dagegen wird der Doctor doch nichts haben können!«

Ich ließ es sachte in die Sophakissen gleiten, so daß es zur Hälfte in demselben steckte, zur Hälfte daraus dicht neben ihrem Schnupftuch und ihrem Riechfläschchen hervorragte. So oft ihre Hand nach einem dieser Gegenstände griff, mußte sie auch das Buch berühren und früher oder später, wer weiß? konnte das Buch auch sie rühren. Nachdem ich diese Vorkehrungen getroffen hatte, schien es mir richtig, mich zurückzuziehen.

»Du mußt jetzt Ruhe haben, liebe Tante; ich spreche morgen wieder vor.« Bei diesen Worten blickte ich zu fällig nach dem Fenster. Eine Fülle von Blumen in Vasen und Töpfen stand vor demselben. Lady Verinder war eine leidenschaftliche Liebhaberin dieser vergänglichen Schätze und hatte die Gewohnheit, von Zeit zu Zeit aufzustehen und an ihre Blumen zu treten und daran zu riechen. Ein neuer Gedanke fuhr mir durch den Kopf.

»Darf ich mir eine Blume nehmen?« sagte ich. Mit diesen Worten konnte ich an’s Fenster, ohne irgend welchen Argwohn zu erregen. Anstatt eine Blume wegzunehmen, legte ich noch eine hin, und zwar in Gestalt eines andern Buches aus meinem Sack, welches meine Tante zu ihrer Ueberraschung zwischen Geranium und Rosen finden sollte. Daraus kam mir der glückliche Gedanke: »Warum soll ich nicht für die arme Seele dasselbe in allen übrigen Räumen thun, die sie betritt?« Ich verabschiedete mich auf der Stelle und ging durch die Halle verstohlen in die Bibliothek. Samuel, der von unten heraufkam, um mir die Hausthür zu öffnen, ging, als er mich nicht sah, in der Meinung, daß ich bereits fortgegangen sei, wieder hinunter. Auf dem Tische in der Bibliothek sah ich zwei von den unterhaltenden Büchern liegen, welche der ungläubige Doctor empfohlen hatte. Ich entzog sie auf der Stelle dem Auge, indem ich zwei meiner köstlichen Schriften aus sie legte. Im Frühstückszimmer fand ich den Lieblings-Canarienvogel in seinem Käfig singen. Lady Verinder hatte die Gewohnheit, ihren Vogel immer selbst zu füttern. Auf einem unter dem Käfig stehenden Tisch war etwas Canariensaamen verstreut Ich legte ein Buch zwischen die Samenkörner. Im Wohnzimmer fand ich noch bessere Gelegenheiten, meinen Sack zu leeren. Die Lieblingsnoten meiner Tante lagen auf dem Clavier. Ich schob noch zwei Bücher unter dieselben. Wieder ein anderes legte ich in dem hintern Wohnzimmer unter eine unvollendete Stickerei, an der meine Tante, wie ich wußte, arbeitete. Noch ein drittes kleines Zimmer lag neben dem hintern Wohnzimmer, von welchem es nur durch Portieren getrennt war. Auf dem Kamin lag der einfache altmodische Fächer meiner Tante. Ich öffnete mein neuntes Buch an einer sehr bedeutsamen Stelle und legte den Fächer als Lesezeichen hinein. Es entstand nun für mich die Frage, ob ich noch weiter gehen, mich in das Schlafzimmer wagen und damit unzweifelhaft der Gefahr aussetzen solle, von der Person mit den Mützenbändern, wenn dieselbe sich zufällig in den oberen Regionen des Hauses aufhalten und mir dort begegnen sollte, insultirt zu werden. Aber, was kümmerte ich mich darum? Der ist nur ein armseliger Christ, der sich vor Insulten fürchtet. Ich ging, auf Alles gefaßt, die Treppe hinauf. Ueberall herrschte die größte Stille —— es war, glaube ich, die Theestunde der Dienstboten. Das Schlafzimmer meiner Tante lag nach vorn. Das Miniaturbild meines lieben verstorbenen Onkels hing an der Wand, dem Bett gegenüber. Es schien mich anzulächeln, es schien zu mir zu sagen: »Drusilla, lege hier ein Buch hin.« Zu beiden Seiten des Betts meiner Tante standen Tische. Sie schlief in der Regel schlecht und bedurfte Nachts einer Menge von Dingen oder glaubte ihrer zu bedürfen. ich legte ein Buch neben die Zündhölzer auf der einen und ein anderes unter die Schachtel mit Chocoladebonbons auf der andern Seite. Mochte sie nun eines Lichts oder eines Bonbons bedürfen, in beiden Fällen mußte ihr Auge auf eine köstliche Schrift fallen oder mußte ihre Hand eine solche berühren, die in beiden Fällen zu ihr sprechen würde: »Komm’, prüfe mich! prüfe mich!«

Aber ein Buch lag noch auf dem Boden meines Sacks und ein Raum war noch unbesucht, das Badezimmer, welches direct mit dem Schlafzimmer in Verbindung stand. Ich warf einen Blick hinein; und die heilige innere Stimme, die uns nie täuscht, flüsterte mir zu: »Du hast sie überall anderswo getroffen, Drusilla; triff sie auch im Badezimmer und Deine Arbeit ist gethan.« Ich bemerkte einen über einen Stuhl hängenden Schlafrock. In demselben befand sich eine Tasche und in die selbe steckte ich mein letztes Buch. Wer kann das glückliche Gefühl erfüllter Pflicht schildern, mit dem ich, ungesehen von irgend Jemand, aus dem Hause schlüpfte und mit meinem leeren Reisesack unter dem Arm auf die Straße trat. O! meine weltlichen Freunde, die ihr dem Phantom »Vergnügen« durch die sündigen Irrgänge der Zerstreuung nachjagt, wie leicht ist es, glücklich zu sein, wenn ihr nur tugendhaft sein wollt!

Als ich an jenem Abend meine Kleider zusammenlegte und die echten Reichthümer überdachte, welche ich mit so verschwenderischer Hand in dem Hause meiner reichen Tante von oben bis unten ausgestreut hatte, da fühlte ich mich so frei von jeder ängstlichen Sorge, als wäre ich wieder ein Kind geworden. Ich fühlte mich so leicht, daß ich einen Vers des Abendgebets sang und einschlief, bevor ich den zweiten Vers singen konnte. Ganz wieder wie ein Kind! Ganz wie ein Kind!

So verbrachte ich diese glückselige Nacht. Und wie jung fühlte ich mich, als ich am nächsten Morgen aufstand! Ich könnte hinzufügen, wie jung sah ich aus, wenn ich im Stande wäre mich bei dem Aussehen meines eigenen verjüngten Lebens aufzuhalten. Aber ich bin dazu nicht im Stande und ich füge nichts hinzu.

Gegen die Zeit des zweiten Frühstücks setzte ich, —— nicht des leiblichen Genusses wegen, sondern um die liebe Tante sicher zu finden —— meinen Hut auf, um nach Montague-Square zu gehen.

Als ich eben fertig war, blickte die Magd des Logis in dem ich damals wohnte, zur Thür hinein und sagte: »Lady Verinder’s Diener wünscht Sie zu sprechen, Miß Clack.«

Ich wohnte bei meinem damaligen Aufenthalte zu ebener Erde. Mein Wohnzimmer lag nach der Straße. Es war sehr klein, sehr niedrig und sehr dürftig möblirt, —— aber ach! so sauber. Ich blickte zur Thür hinaus auf den Vorplatz, um zu sehen, welcher von Lady Verinder’s Dienern nach mir gefragt habe? Es war der junge Diener Samuel, ein höflicher, gut aussehender Mensch mit einem intelligenten Auge und sehr artigen Manieren.

Ich hatte stets ein geistliches Interesse für Samuel empfunden und immer gewünscht, einmal die Wirkung einiger ernsten Worte auf ihn zu versuchen. Ich benutzte die Gelegenheit, ihn zu mir hereinkommen zu lassen.

Er trat mit einem großen Packet unter dem Arm herein. Als er dasselbe hinstellte, schien er etwas verlegen: »Dies soll ich mit Mylady’s besten Empfehlungen abgeben und dabei bestellen, daß Sie einen Brief darin finden werden.

Nachdem er diese Bestellung ausgerichtet, machte der hübsche junge Diener zu meiner Ueberraschung ein Gesicht als ob er sich gern rasch aus dem Staube gemacht hätte. Ich hielt ihn zurück, um einige freundliche Fragen an ihn zu richten: Ob ich meine Tante treffen würde, wenn ich jetzt nach Montague-Square ginge? Nein, sie sei ausgefahren. Miß Rachel habe sie begleitet und auch Herr Ablewhite sei von der Parthie. Da ich wußte, wie sehr Herr Godfrey mit seinen Arbeiten für mildthätige Zwecke im Rückstand sei, befremdete es mich zu hören, daß er, wie Jemand der nichts zu thun hat, spazieren fahre. Ich hielt Samuel an der Thür zurück und that noch einige weitere freundliche Fragen. Fräulein Rachel wolle an diesem Abend einen Ball besuchen und Herr Ablewhite habe versprochen, zum Caffee zu kommen und sie zu begleiten. Für den nächsten Tag war eine musikalische Matiné angekündigt und Samuel hatte Ordre, Plätze, für eine große Gesellschaft, zu der auch Herr Ablewhite gehörte, zu nehmen. »Wenn ich nicht rasch mache, Miß,« sagte der unschuldige Junge, »so sind vielleicht alle Billete vergriffen.« Mit diesen Worten eilte er fort und ich fand mich wieder allein, mit einigen sorgenvollen Gedanken mich zu beschäftigen.

Auf den Abend war eine Sitzung unserer »Gesellschaft für Mütter zur Umwandlung von Hosen« angesetzt und in den Convocationen ausdrücklich als Zweck angegeben, Herrn Godfrey’s Rath und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Anstatt unserer Schwesterschaft bei dem Vorhandensein einer überwältigenden Fluth von Hosen, welche unsere kleine Gemeinschaft ganz außer Fassung gebracht hatte, treulich zur Seite zu stehen, hatte er eine Verabredung, in Montague-Square Caffee zu trinken und nachher auf einen Ball zu gehen. Am Nachmittag des nächsten Tages sollte die Jahresfeier der britischen Dienstmädchen - Sonntagsliebsten - Ueberwachungs - Damengesellschaft stattfinden. Anstatt dieser Feier eines schwer ringenden Vereins als die Seele desselben beizuwohnen, hatte er sich mit einer Gesellschaft von Weltlingen engagirt, eine musikalische Matiné zu besuchen! Ich fragte mich, was das zu bedeuten habe? Ach! es bedeutete, daß unser christlicher Held mir in meinem neuen Lichte erschien und sich in meiner Vorstellung eng mit einem der schrecklichsten in neuerer Zeit vorgekommenen Abfällen vom Glauben verknüpfte.

Kehren wir jedoch zur Geschichte dieses Tages zurück. Als ich mich allein in meinem Zimmer befand, wendete ich meine Aufmerksamkeit natürlich dem Packet zu, welches den gutaussehenden jungen Diener so auffallend verlegen zu machen schien. Sollte es das mir von meiner Tante versprochene Vermächtniß enthalten, und zwar in der Gestalt von abgetragenen Kleidern, oder abgeputzter silberner Löffel, oder aus der Mode gekommener Schmucksachen oder von sonst etwas der Art? Entschlossen, alles anzunehmen und nichts übel zu nehmen, öffnete ich das Packet, und —— was mußten meine Augen sehen! die zwölf köstlichen Schriften, die ich Tags zuvor im Hause verstreut hatte; alle auf Ordre des Doktors an mich zurückgeschickt! Nun erklärte sich die Scheu des Jünglings Samuel, mir das Packet abzugeben! Nun erklärte sich die Eile, mit der er wieder aufgebrochen war, als er seinen elenden Auftrag ausgerichtet hatte! Der Brief meiner Tante beschränkte sich auf die einfache Mittheilung, daß sie —— die arme Seele —— ihrem Arzte gehorchen müsse.

Was war nun zu thun? Meine Erziehung und meine Principien ließen mich nie einen Augenblick schwanken.

Wenn der wahre Christ sich erst einmal der stets bereiten Hilfe seines Gewissens versichert, wenn er erst einmal die Bahn einer unfehlbar heilsamen Wirksamkeit betreten hat, so weicht er niemals einen Schritt zurück. Weder öffentliche noch private Einflüsse bringen die mindeste Wirkung auf uns hervor, wenn wir einmal unsere Mission erkannt haben. Unsere Mission kann Aufruhr und Krieg hervorrufen, wir führen unser Werk fort, unbeirrt durch jede menschliche Rücksicht welche die Welt außerhalb unseres Kreises bewegt. Wir fühlen uns erhaben über die Vernunft; wir scheuen uns nicht, lächerlich zu erscheinen, wir sehen mit Niemandes Augen, wir hören mit Niemandes Ohren, wir fühlen mit keinem menschlichen Herzen, als mit unserm eigenen. Herrliches, herrliches Vorrecht! Und wie erwirkt man es? O, meine Freunde, spart Euch diese unnöthige Frage! Wir sind die Einzigem die es erwerben können, denn wir sind die einzigen Gerechten.

In dem Falle meiner mißleiteten Tante war mir der Weg, den meine fromme Beharrlichkeit zunächst einzuschlagen hatte, sofort klar.

Eine Vorbereitung durch geistliche Freunde war durch Lady Verinder’s eigenes Widerstreben vereitelt. Eine Vorbereitung durch Bücher war durch den ungläubigen Trotz des Doctors vereitelt. Nun wohl! Womit konnte man es jetzt versuchen? Der nächste Versuch war mit kleinen Billeten zu machen. Mit andern Worten, da die Bücher selbst zurückgeschickt worden waren, mußten jetzt ausgewählte Auszüge aus den Büchern in verschiedenen Handschriften und alle in Briefform an meine Tante adressirt ihr theils durch die Post zugeschickt, theils im ganzen Hause in der Weise, wie ich es Tags zuvor mit den Büchern gethan hatte, vertheilt werden. In ihrer Briefform würden diese Auszüge keinen Verdacht erregen, als Briefe würden sie geöffnet, und einmal geöffnet, vielleicht gelesen werden. Einige dieser Briefe schrieb ich selbst. »Liebe Tante, darf ich Deine Aufmerksamkeit für einige Augenblicke in Anspruch nehmen?« u. s. w. »Liebe Tante, gestern Abend frappirte mich bei meiner Lectüre die folgende Stelle« u. s. w. Andere Briefe ließ ich mir von meinen trefflichen Mitarbeitern am Werke des Herrn, von der Schwesterschaft des mütterlichen Hosenvereins, schreiben. »Verehrte Frau! Halten Sie es dem Interesse, welches ein treuer, aber demüthiger Freund an Ihnen nimmt, zu Gute« u. s. w. »Sehr verehrte Frau! Darf ein ernster Freund es sich herausnehmen, Ihnen einige ermunternde Worte zuzurufen?« u. s, w. Indem wir uns dieser und ähnlicher Formen einer höflichen Ansprache bedienten, verschafften wir allen meinen köstlichen Stellen in einer Gestalt wieder Eingang, gegen welche selbst der argwöhnische und wachsame Materialismus des Doctors nichts vermochte. Noch ehe der Abend anbrach, hatte ich ein Dutzend erweckender Briefe für meine Tante, anstatt eines Dutzends erweckender Bücher. Sechs bestimmte ich für die Beförderung durch die Post und sechs behielt ich in der Tasche, um sie selbst am nächsten Tage im Hause zu vertheilen.

Bald nach 2 Uhr stand ich wieder auf der Stätte frommer Kämpfe, an der Schwelle von Lady Verinder’s Haus und richtete wieder freundliche Fragen an Samuel.

Meine Tante hatte wieder eine schlechte Nacht gehabt. Sie hatte sich in dem Zimmer, in welchem ich als Zeuge bei der Unterzeichnung ihres Testaments fungirt hatte, auf das Sopha gelegt, um wo möglich etwas zu schlummern. Ich sagte, ich wolle in der Bibliothek warten, ob ich sie vielleicht werde sehen können. In meinem Feuereifer, die Briefe zu vertheilen, dachte ich nicht daran, nach Rachel zu fragen. Das Haus war ruhig und die Zeit des Beginns der musikalischen Ausführung war bereits vorüber. Ich hielt es für ausgemacht, daß sie und ihre Gesellschaft von Vergnüglingen, Herrn Godfrey leider mit einbegriffen, alle im Concert seien, und benutzte Zeit und Gelegenheit, wie sie sich mir darboten, meinem guten Werke eifrig obzuliegen.

Die für meine Tante eingetroffenen Briefe —— die sechs Erweckungsschreiben, die ich Abends zuvor auf die Post gegeben hatte, mit einbegriffen, lagen uneröffnet auf dem Tisch in der Bibliothek. Sie hatte sich offenbar der Lectüre einer so großen Menge von Briefen nicht gewachsen gefühlt und würde voraussichtlich, wenn sie im Laufe des Tages die Bibliothek beträte, über die Zahl derselben erschrocken gewesen sein. Ich legte einen von meinen zweiten Halbdutzend-Brief-Serie allein auf das Kaminsims indem ich darauf rechnete, daß seine einsame, von den übrigen entfernte Lage ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen werde. Einen zweiten Brief legte ich absichtlich auf den Fußboden des Frühstückszimmers. Der erste Dienstbote, der das Zimmer nach mir beträte, würde glauben, daß meine Tante den Brief habe fallen lassen und es sich besonders angelegen sein lassen, ihn ihr wiederzubringen. Nachdem ich so im Erdgeschoß das Feld bestellt hatte, eilte ich leichten Fußes hinaus, um meine Gnadensaat im ersten Stock auszustreuen.

In dem Augenblick, als ich in das Vorderzimmer treten wollte, hörte ich ein zweimaliges Klopfen an der Hausthür —— ein sanftes, zaghaftes rücksichtsvolles kleines Klopfen.

Bevor ich daran denken konnte, wieder in die Bibliothek zu schlüpfen, wo man mich wartend glaubte, war der behende junge Diener in der Halle, um die Hausthür zu öffnen. Das Klopfen konnte nach meiner Meinung nicht viel zu bedeuten haben. Bei dem Gesundheitszustande meiner Tante wurden Besuche in der Regel nicht angenommen. Zu meinem Schrecken und Erstaunen zeigte es sich, daß mit dem Urheber des sanften Klopfens eine Ausnahme von der Regel gemacht wurde. Samuel sagte, nachdem er anscheinend einige Fragen beantwortet, die ich nicht hören konnte, ganz vernehmlich: »Wollen Sie sich gefälligst hinauf bemühen.« Im nächsten Augenblicke hörte ich männliche Fußtritte sich dem ersten Stock nähern. Wer« konnte wohl dieser begünstigte männliche Besucher sein? Aber kaum hatte ich mir selbst diese, Frage gestellt, als mir auch schon die Antwort einfiel. Wer anders konnte es sein, als der Doctor?

Bei jedem anderen Besuch würde ich mir nichts daraus gemacht haben, mich im Wohnzimmer betreffen zu lassen. Man würde nichts Auffallendes darin gefunden haben, daß ich der Bibliothek überdrüssig, der Abwechslung wegen hinaufgegangen wäre. Aber meine Selbstachtung verbot mir, den Mann zu treffen, der mich durch die Zurücksendung meiner Bücher insultirt hatte. Ich schlüpfte in das dritte kleine Zimmer, in welches, wie ich bereits erzählt habe, das hintere Wohnzimmer führt, und zog die Vorhänge, welche als Thür dienten, hinter mir zu. Dort würde ich nur ein paar Minuten zu verweilen brauchen, bis der Doctor wie gewöhnlich in das Zimmer seiner Patientin geführt werden würde.

Ich wartete und wartete. Ich hörte den Besucher unruhig auf und abgehen. Dann hörte ich ihn mit sich selber reden. Ich glaubte sogar die Stimme zu erkennen. Hatte ich mich geirrt? War es nicht der Doctor, sondern Jemand anders? Vielleicht Herr Bruff? Nein, ein sicherer Instinkt sagte mir, daß es nicht Herr Bruff sei. Aber wer es auch sein mochte, er sprach noch immer mit sich selbst. Ich zog die schweren Vorhänge unmerklich ein ganz klein wenig auseinander und horchte.

Ich hörte die Worte: »Ich will es heute thun!« und die Stimme, welche diese Worte aussprach, gehörte Herrn Godfrey Ablewhite.



Kapiteltrenner

Fünftes Capitel.

Ich zog die Hand plötzlich vom Vorhang zurück. Aber glaubet nicht, —— glaubet nicht —— daß die schreckliche Verlegenheit meiner Situation der Gedanke war,der mich am meisten beschäftigte!

So lebhaft war das schwesterliche Interesse, daß ich nicht müde ward, mich zu fragen, warum er wohl nicht im Concert sei. Nein! ich dachte nur an die Worte —— die beunruhigenden Worte —— die ihm eben entfahren waren. Er wolle es heute thun, hatte er in einem Tone furchtbarer Entschlossenheit gesagt, er wolle es noch heute thun. Was, was wollte er thun? Etwas seiner noch bedauernswerther Unwürdiges als was er bereits gethan hatte? Wollte er offen vom Glauben abfallen? Wollte er uns in unserm mütterlichen Hosenvereine verlassen? Sollten wir sein himmlisches Lächeln zum letzten Mal in unserm Versammlungszimmer gesehen haben? Sollten wir seine unvergleichliche Beredsamkeit zum letzten Mal in Exeter-Hall gehört haben? Ich war von der bloßen Idee solcher Möglichkeiten so aufgeregt, daß ich glaube, ich würde aus meinem Versteck hervorgebrochen sein und ihn im Namen aller Damen-Comités in London angefleht haben, sich zu erklären, wenn ich nicht eine zweite Stimme im Nebenzimmer vernommen hätte. Die Stimme drang durch die Vorhänge, sie klang laut, verwegen, jeder weiblichen Anmuth baar. Es war die Stimme Rachel Verinder’s!

»Warum bist Du hier hinaufgekommen, Godfrey?« fragte sie; »warum bist Du nicht in die Bibliothek gegangen?«

Er lachte leise und antwortete: »In der» Bibliothek ist Miß Clack.«

»Clack in der Bibliothek!« rief Rachel, indem sie sich auf die im Zimmer stehende Ottomane setzte: »Du hast ganz Recht, Godfrey, dann sind wir viel besser hier.«

Vor einem Augenblick war ich noch in einer fieberhaften Aufregung gewesen, und ganz unschlüssig was ich beginnen solle. Jetzt wurde ich plötzlich vollkommen ruhig und hatte meinen Entschluß gefaßt. Nach dem, was ich gehört hatte, hervorzutreten, war unmöglich. Mich jetzt zurückzuziehen, es wäre denn in’s Kamin, war ebenso unmöglich. Ein Märtyrerthum stand mir bevor. ich arrangirte die Vorhänge geräuschlos so, daß ich zugleich sehen und hören konnte und hielt mich bereit, mein Märtyrerthum im Geiste eines der ersten Christen zu erleiden.

»Setz’ Dich nicht auf die Ottomane,« fuhr die junge Dame fort, »nimm Dir einen Stuhl, Godfrey; ich habe die Leute gern mir gegenüber, wenn ich mit ihnen rede.«

Er nahm den nächst stehenden Sitz. Es war ein niedriger Stuhl. Er war viel zu groß für diesen Sitz. Ich hatte seine Beine nie so unvortheilhaft gesehen.

»Nun,« fuhr sie fort, »was hast Du ihnen gesagt?«

»Dasselbe was Du zu mir gesagt hast, liebe Rachel.«

»Daß Mama heute gar nicht wohl sei? Und daß ich sie nicht gern verlassen und in’s Concert gehen wolle?«

»Das waren meine Worte. Sie bedauerten sehr, Deine Gesellschaft im Concert entbehren zu müssen, erkannten aber die Triftigkeit Deiner Gründe vollkommen an. Sie lassen Dich Alle herzlich grüßen und Dir sagen wie sehr sie hofften, daß Lady Verinder’s Unwohlsein nur vorübergehend sein werde.«

»Du hältst das Unwohlsein doch nicht für bedenklich, Godfrey; nicht wahr?«

»Durchaus nicht! Ich bin fest überzeugt, daß sie in einigen Tagen wieder ganz wohl sein wird.«

»Das glaube ich auch. Ich habe mich zuerst etwas geängstigt, aber jetzt glaube ich es auch. Es war sehr freundlich von Dir, mich bei Leuten zu entschuldigen, die Dir fast völlig fremd sind. Aber warum bist Du nicht mit ihnen in’s Concert gegangen? Es thut mir sehr leid, daß Du auf diese Weise um die Musik kommst.«

»Sage das nicht, Rachel! Wenn Du nur wüßtest, wie viel glücklicher ich mich hier bei Dir fühle!«

Er faltete die Hände und sah sie an. Er saß so, daß sein Blick dabei auf die Vorhänge fallen mußte. Wie soll ich schildern was ich empfand, als ich jetzt genau denselben Ausdruck in seinem Gesicht beobachtete, welcher mich entzückt hatte, wenn er auf der Tribüne in Exeterhall für Millionen von Unglücklichen unter seinen Mitmenschen das Wort ergriff!

»Es ist schwer, seine schlechten Gewohnheiten abzulegen, Godfrey, aber versuche es, mir zu Gefallen, die schlechte Gewohnheit, Complimente zu machen, los zu werden.«

»Dir habe ich in meinem Leben noch kein Compliment gemacht, Rachel. Glückliche Liebe bedient sich vielleicht bisweilen der Sprache der Schmeichelei, das gebe ich zu; aber hoffnungslose Liebe spricht immer die Wahrheit.«

Bei den Worten »hoffnungslose Liebe« rückte er einen Stuhl nahe an sie heran und ergriff ihre Hand. Es entstand eine kurze Pause. Er, dessen Wort Jedermann zu Herzen ging, hatte offenbar auch ihr Herz getroffen. Jetzt glaubte ich die Worte zu verstehen, die ihm entfahren waren, als er sich allein im Zimmer befand. »Ich will es heute thun!« Ach! Kein Zweifel, er that eben jetzt.«

»Hast Du vergessen, über was wir bei unserer Unterhaltung auf unserm Landsitz übereingekommen sind: daß wir fortan Vetter und Cousine sein wollten und weiter nichts?«

»Ich vergesse unser Uebereinkommen, so oft ich Dich sehe, Rachel!«

»Dann thust Du besser, mich nicht zu sehen.«

»Das würde mir nichts helfen. Ich vergesse unser Uebereinkommen, so oft ich an Dich denke. O, Rachel, wie freundlich hast Du mir noch vor wenigen Tagen gesagt, daß Deine Achtung für mich größer geworden sei, als sie es je zuvor gewesen! Ist es ein reiner Wahn, wenn ich auf diese Worte ein Gebäude von Hoffnungen gründe? Ist es ein reiner Wahn, wenn ich von künftigen Tagen träume, wo weichere Empfindungen für mich in Deinem Herzen Platz finden werden? Wenn es ein Wahn ist, sag’ es mir nicht! Laß mir meine Täuschung, theuerste Rachel! Ich bedarf dieser Täuschung zu meinem Trost und zu meiner Aufmunterung!«

Seine Stimme zitterte und er wischte sich mit seinem weißen Schnupftuch die Thränen aus den Augen. Wieder Exeterhall! Es fehlte nichts um die Aehnlichkeit der Erscheinung vollkommen zu machen, als die Zuhörer, die Zurufe und das Glas Wasser.

Selbst ihr verhärtetes Herz war gerührt. Ich sah, wie sie ihm etwas näher rückte. Der Ton, mit dem sie die nächsten Worte sprach, verrieth ein erhöhtes Interesse.

»Glaubst Du wirklich, Godfrey, daß Du mich so innig liebst?«

»Ich weiß es ganz gewiß! Du weißt, was ich war, Rachel. Laß mich Dir sagen, was ich jetzt bin. ich habe jedes Interesse am Leben, soweit es Dich nicht betrifft, verloren. Es ist eine Umwandlung mit mir vorgegangen, die ich mir selbst nicht zu erklären weiß. Wirst Du es glauben? Meine Beschäftigung mit mildthätigen Zwecken ist mir jetzt zu einer unerträglichen Last geworden, und wenn ich jetzt ein Damen-Comité sehe, so wünsche ich mich an’s andere Ende der Welt!«

Ich weiß nicht, ob die Annalen der Geschichte des Abfalls vom Glauben etwas der eben erwähnten Erklärung Aehnliches enthalten, ich kann so viel sagen, daß mir im Bereich meiner Lectüre kein ähnlicher Fall vorgekommen ist. Ich dachte an den mütterlichen Hosenverein, ich dachte an die Sonntagsliebsten-Ueberwachung und an die vielen anderen Gesellschaften, deren Zahl viel zu groß ist, um sie hier alle einzeln aufführen zu können und die alle auf diesen Mann wie auf ein unerschütterliches Fundament gegründet waren. Ich dachte an die schwer ringenden weiblichen Vereine, die so zu sagen den Athem ihrer geschäftlichen Existenz durch die Naslöcher des Herrn Godfrey einsogen, desselben Herrn Godfrey, der eben unser gutes Werk »eine unerträgliche Last« gescholten und so eben erklärt hatte, daß er sich an’s andere Ende der Welt wünsche, wenn er sich in unserer Mitte sehe.

Meine jungen weiblichen Freunde werden sich ermuthigt fühlen, auf ihrem Wege zu beharren, wenn ich ihnen sage, daß selbst ein so geschultes Gemüth wie das meinige Mühe hatte, seine gerechte Entrüstung schweigend in sich zu verarbeiten. Die Gerechtigkeit gegen mich selbst gebietet mir aber hinzuzufügen, daß ich keine Silbe von der Unterhaltung verlor. Rachel ergriff zuerst wieder das Wort.

»Du hast mir Dein Bekenntniß abgelegt,« sagte sie, »ich möchte wohl wissen, ob es Dich von Deiner unglücklichen Neigung heilen würde, wenn ich Dir nun auch mein Bekenntniß machte.«

Er wurde stutzig. Ich muß gestehen, ich auch. Er glaubte und auch ich glaubte, daß sie im Begriff stehe, das Geheimniß des Mondsteins zu enthüllen.

»Würdest Du es glauben,« fuhr sie fort, »wenn Du mich ansiehst, daß ich das elendeste Mädchen der Welt bin? Es ist wahr, Godfrey! Kann es ein größeres Elend geben, als mit dem Bewußtsein, in seiner eigenen Achtung gesunken zu sein, zu leben? Das ist jetzt mein Leben.«

»Liebe Rachel! Es ist unmöglich, daß Du eine genügende Ursache hast, so von Dir selber zu reden.«

»Woher weißt Du das?«

»Wie kannst Du mich das nur fragen! Ich weiß es, weil ich Dich kenne. Dein Schweigen, theuerste Rachel, hat Dich nie in der Achtung Deiner wahren Freunde herabgesetzt Das Verschwinden Deines kostbaren Geburtstags-Geschenks kann auffallend erscheinen; Dein unerklärlicher Antheil an diesem Ereigniß kann noch auffallender erscheinen ——«

»Sprichst Du von dem Mondstein, Godfrey?«

»Ich glaubte sicher, daß Du darauf ——«

»Ich spielte auf nichts derartiges an. Ich kann von dem Verlust des Mondsteins, es sei, wen es wolle, reden hören, ohne mich in meiner eigenen Achtung herabgesetzt zu fühlen. Wenn die Geschichte des Diamanten jemals an den Tag kommt, so wird man erfahren, daß ich eine große Verantwortlichkeit aus mich genommen habe und daß ich mich in die Bewahrung eines elenden Geheimnisses habe verwickeln lassen, aber es wird so klar werden wie die Sonne am hellen Tage, daß ich nicht Böses damit beabsichtigt habe. Du hast mich mißverstanden, Godfrey. Das ist meine Schuld, ich hätte mich deutlicher aussprechen müssen. Es koste mich, was es wolle, ich will jetzt deutlicher sein. Nimm an, Du liebtest mich nicht; nimm an, Du liebtest ein anderes Mädchen.«

»Und?«

»Nimm an, Du machtest die Entdeckung, daß dieses Mädchen Deiner vollkommen unwürdig sei; nimm an, Du überzeugtest Dich, daß Du Dich selbst entehren würdest, wenn Du noch einen weiteren Gedanken an sie verschwendetest, nimm an, die bloße Idee, eine solche Person jemals zu heirathen, machte Dein Gesicht vor Scham glühen.«

»Und?«

»Und nimm an, daß Dein Herz sich trotz alledem und alledem nicht von ihr abwenden könne; nimm an, daß sie zu der Zeit, wo Du an sie glaubtest, Gefühle in Dir rege gemacht hätte, die Du jetzt auf keine Weise zurückzudrängen vermöchtest; nimm an, die Liebe, die diese Elende Dir eingeflößt hätte —— wo soll ich Worte finden, es auszudrücken? Wie kann ich es einem Manne begreiflich machen, daß eine Empfindung, die mich vor mir selber schaudern macht, mich doch wieder, wie mit einem Zauber, gefangen hält? Sie ist der Athem meines Lebens, Godfrey, und sie ist das Gift, das mich verzehrt. Beides zugleich! Geh’! Ich muß mich völlig selbst vergessen haben, um so zu reden. Nein! Bleib? Du darfst mich nicht unter einem falschen Eindruck verlassen. Ich muß noch sagen, was ich zu meiner eigenen Vertheidigung anzuführen habe. Merk’ es wohl! Er weiß nicht und wird es nie erfahren, was ich Dir gesagt habe. Ich werde ihn nie wiedersehen —— was auch geschehen möge —— ich will ihn nie, nie, niemals wiedersehen! Frage mich nicht nach seinem Namen! Frage mich nichts mehr! Laß uns von etwas Anderem reden. Bist Du Arzt genug, Godfrey, um mir sagen zu können, warum mir zu Muthe ist, als ob mir der Athem ausginge und als ob ich ersticken müßte? Giebt es hysterische Zufälle, die sich in einem Ausbruch von Worten, statt von Thränen äußern? Es scheint fast so. Aber was liegt daran? Du wirst nun alle Aufregung, die ich Dir verursacht habe, gewiß leicht genug verwinden. Ich habe mir jetzt den richtigen Platz in Deiner Achtung errungen, nicht wahr? Nimm keine Notiz mehr von mir. Bemitleide mich nicht! Ich bitte Dich um Gotteswillem geh’ fort!«

Plötzlich drehte sie sich um und schlug mit den Händen wild auf die Rücklehne der Ottomane. Ihr Kopf sank in’s Kissen und sie brach in Thränen aus. Bevor ich noch Zeit hatte, dies unschicklich zu finden, machte mich ein ganz unerwarteter Schritt des Herrn Godfrey vor Entsetzen starr. Wird man es glauben, daß er vor ihr auf die Kniee sank? —— auf beide Kniee, wie ich hiermit feierlichst versichere! Muß ich meiner Sittsamkeit die Mittheilung machen, daß er dann seinen Arm um sie schlug? Und muß ich es mit staunendem Bedauern anerkennen, daß er sie mit zwei Worten elektrisirte.

»Edles Wesen!«

Weiter nichts. Aber er that es mit einem jener wunderbaren Ausbrüche, die seinen Ruf als öffentlichen Redner begründet haben. Sie saß, ganz starr vor Schrecken, oder wie von einem Zauber gebannt —— ich weiß es nicht —— ohne auch nur einen Versuch zu machen, seine Arme wieder an die Stelle zu legen, wohin sie gehörten. Was mich betrifft, so war mein Sinn für das Schickliche so tief verletzt, daß ich mich gar nicht zu finden wußte. Ich befand mich in einem so peinlichen Zweifel darüber, ob es meine erste Pflicht sei, die Augen zu schließen oder die Ohren zu verstopfen, daß ich beides unterließ. Wenn ich mich frage, was mir die Kraft gab, den Vorhang noch ferner so zu halten, daß ich gut hören und sehen konnte, so vermag ich es mir nur aus einer Art von unterdrücktem hysterischen Zufall zu erklären. Bei unterdrückten hysterischen Zufällen muß man, wie selbst die Aerzte zugeben, etwas in der Hand halten.

»Ja!« sagte er mit allem Zauber seiner evangelischen Stimme und Gesticulation, »Du bist ein edles-Wesen! Ein Weib, das die Wahrheit nur um der Wahrheit willen reden kann; ein Weib, das lieber ihren Stolz als einen rechtschaffenen Mann opfert, der sie liebt, ist der kostbarste aller Schätze. Wenn ein solches Weib heirathet, so gewinnt der Mann, wenn es ihm nur gelingt, sich ihre Achtung zu erringen, genug, um sein ganzes Leben dadurch zu verklären. Du hast von der Stelle gesprochen, die Du in meiner Achtung einnimmst. Urtheile selbst, wie hoch Du in meiner Achtung stehst, wenn ich Dich auf meinen Knieen anflehe, meinen Händen die Heilung Deines armen verwundeten Herzens zu überlassen. Rachel! Willst Du mir die höchste Ehre erweisen, willst Du mich glücklich machen, willst Du mein Weib werden?«

In diesem Augenblick würde ich unfehlbar beschlossen haben, mir die Ohren zu verstopfen, wenn Rachel mich nicht dadurch ermuthigt hätte, sie noch ferner offen zu halten, daß sie ihm eine Antwort in so verständigen Worten gab, wie ich sie nie zuvor von ihr gehört hatte.

»Godfrey,« sagte sie, »Du mußt den Verstand verloren haben.«

»Ich habe nie verständiger, sowohl in Deinem wie in meinem Interesse gesprochen. Blicke einen Augenblick in die Zukunft. Willst Du Dein Glück einem Manne opfern, der nie erfahren hat, wie Du für ihn fühlst, und den Du entschlossen bist, nie wieder zu sehen? Ist es nicht Pflicht gegen Dich selbst, diese unglückselige Neigung zu vergessen? und wirst Du vergessen können, so lange Du Dein jetziges Leben fortführst? Du hast dies Leben nun lange genug geführt und bist seiner bereits überdrüssig. Umgieb Dich mit edleren Interessen, als den Interessen dieser Welt. Ein Herz, das Dich liebt und ehrt, eine Häuslichkeit, deren friedliche Beschäftigungen und beglückende Pflichten Dir von Tage zu Tage theurer werden —— versuche es mit dem Troste, Rachel, den Du darin finden wirst! Ich bitte Dich nicht um Deine Liebe, ich will mich mit Deiner Zuneigung und Deiner Achtung begnügen. Ueberlaß das Uebrige vertrauensvoll der Ergebenheit Deines Gatten und der Zeit, die selbst so tiefe Wunden wie die Deinigen heilt.«

Sie fing schon an, nachzugehen. O! welche Erziehung mußte sie gehabt haben! O! wie anders würde ich an ihrer Stelle gehandelt haben!

»Führe mich nicht in Versuchung, Godfrey,« sagte sie, »ich bin schon elend genug, führe mich nicht in Versuchung, noch elender zu werden.«

»Eine Frage, Rachel, Hast Du irgend etwas gegen meine Person?«

»Ich! Ich habe Dich immer gern gehabt. Nach dem, was Du mir eben gesagt hast, müßte ich vollkommen unempfindlich sein, wenn ich Dich jetzt nicht auch achten und bewundern wollte.«

»Kennst Du viele Frauen, liebe Rachel, die ihre Männer achten und bewundern? Und doch leben sie ganz glücklich mit diesen Männern? Wie viele Bräute treten vor den Altar, deren Herzen den Einblick der Männer ertragen würden, denen sie die Hand reichen? Und doch nimmt die Sache meistens kein unglückliches Ende —— auf eine oder die andere Weise geht die Ehe ihren Gang. Die Wahrheit ist, daß die Frauen die Ehe viel öfter als eine letzte Zufluchtsstätte betrachten, als sie zugeben wollen; und, was mehr ist, sie finden schließlich, daß die Ehe das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigt. Betrachte Deinen eigenen Fall noch einmal. Ist es denkbar, daß Du in Deinem Alter und mit Deinen Reizen Dich zu einem ehelosen Leben Verurtheiltest? Vertraue meiner Kenntniß der Welt, es giebt nichts so Undenkbares Es ist lediglich eine Frage der Zeit. In einigen Jahren heirathest Du vielleicht einen andern Mann, oder heirathest den Mann, Liebste, der jetzt zu Deinen Füßen liegt und der Deine Achtung und Deine Bewunderung höher schätzt, als die Liebe irgend eines anderen Weibes auf dem weiten Erdenrund.«

»Halt ein, Godfrey! Du führst mir ein Bild vor, das mir noch nie erschienen ist. Du führst mich in Versuchung mit einer neuen Aussicht, in einem Augenblick, wo sich alle anderen Aussichten vor mir geschlossen haben. Ich wiederhole Dir, ich bin elend und verzweifelt genug, Dich, wenn Du noch ein Wort sagst, auf Deine eigene Bedingungen hin zu heirathen. Laß Dir das gesagt sein, und geh!«

»Ich weiche nicht von diesem Fleck, bis Du Ja gesagt hast.«

»Wenn ich Ja sage, wird es Dich gereuen und wird es mich gereuen, wenn es zu spät ist.«

»Theuerstes Mädchen, wir werden beide den Tag segnen, wo ich in Dich drang und wo Du nachgabst.«

»Bist Du wirklich so vertrauensvoll, wie Du sprichst?«

»Urtheile selbst. Ich spreche im Bewußtsein dessen, was ich in meiner eigenen Familie erlebt habe. Sag’ mir, was Du über unsere Häuslichkeit in Frizinghall denkst. Leben mein Vater und meine Mutter unglücklich mit einander?«

»Durchaus nicht, so weit ich darüber urtheilen kann.«

»Nun, meine Mutter liebte als Mädchen, das ist kein Geheimniß in der Familie —— wie Du, Rachel, sie hatte ihr Herz an einen Unwürdigen verloren. Sie heirathete meinen Vater, den sie achtete und bewunderte, den sie aber nicht liebte. Du hast jetzt mit eigenen Augen gesehen, wie diese Ehe ausgefallen ist. Liegt darin nicht eine Ermuthigung für Dich und mich?«

»Du willst mich doch nicht zu einer Entscheidung drängen, Godfrey?«

»Ich dränge Dich nicht!«

»Du verlangst nicht mehr von mir, als ich Dir geben kann?«

»Mein Engel, ich verlange nichts von Dir, als Dich selbst.«

»Nimm mich!«

Mit diesen beiden Worten nahm sie seinen Antrag an.

Wieder erfolgte von seiner Seite ein Ausbruch —— dieses Mal ein Ausbruch unheiliger Verzückung. Er zog sie näher und näher an sich, bis ihr Gesicht das seinige berührte und dann —— Nein! ich kann es nicht über mich gewinnen, diesen anstößigen Bericht noch weiter zu führen. Ich will nur noch bemerken, daß ich es versuchte meine Augen zu schließen, bevor es geschah, daß ich es aber gerade einen Augenblick zu spät that. Ich hatte, wie man sieht, darauf gerechnet, daß sie widerstehen würde. Aber sie ergab sich. Für jede feinfühlende Person meines Geschlechts bedarf es keines weiteren Wortes.

Selbst mit meiner Unerfahrenheit in solchen Dingen fing ich jetzt an, das Ende der Zusammenkunft abzusehen. Sie waren so völlig mit einander einig geworden, daß ich ganz daraus gefaßt war, sie Arm in Arm fortgehen zu sehen, um sich trauen zu lassen. Nach Herrn Godfrey’s nächster Aeußerung zu urtheilen, gab es jedoch noch eine kleine Formalität zu erfüllen. Er setzte sich jetzt, und zwar dieses Mal ohne daß sie ihm wehrte, an ihre Seite auf die Ottomane. »Soll ich mit Deiner lieben Mutter sprechen,« sagte er, »oder willst Du es selbst thun?«

Sie lehnte Beides ab.

»Laß meine Mutter von keinem von uns Beiden etwas über die Sache hören, bis es ihr besser geht. Ich möchte die Sache vorläufig noch geheim gehalten wissen, Godfrey. Geh jetzt und komm diesen Abend wieder. Wir sind lange genug hier allein zusammen gewesen.«

Sie stand auf und blickte im Aufstehen zum ersten Mal nach dem kleinen Zimmer, in welchem ich noch immer mein Märtyrerthum zu bestehen hatte.

»Wer hat denn die Vorhänge zugezogen?« rief sie aus. »Das Zimmer ist ja so schon dumpfig genug, warum noch die Luft in dieser Weise absperren?«

Sie ging auf die Vorhänge zu. In dem Augenblick, wo die Entdeckung meiner Person unvermeidlich geworden zu sein schien, erscholl plötzlich die Stimme des gut aussehenden jungen Dieners auf der Treppe und that jedem weiteren Vorgehen von ihrer oder meiner Seite Einhalt. Die Stimme gab in unzweideutiger Weise eine große Aufregung kund.

»Fräulein Rachel!« rief er laut, »wo find Sie, Fräulein Rachel?«

»Sie trat plötzlich vom Vorhange zurück und eilte an die Thür.

In demselben Augenblick trat der Diener in’s Zimmer. Seine frische Farbe war ganz verschwunden. Er sagte: »Bitte, kommen Sie hinunter, gnädiges Fräulein! Mylady ist in Ohmnacht gefallen und wir können sie nicht wieder zu sich bringen.«

Im nächsten Augenblick war ich allein und konnte ungehindert und unbeobachtet auch meinerseits hinuntergehen.

In der Halle streifte ich Herrn Godfrey, der fortstürzte, um den Doctor zu holen. »Gehen Sie hinein und helfen Sie!« sagte er, auf das Zimmer deutend.

Ich fand Rachel auf den Knieen bei dem Sopha, den Kopf ihrer Mutter an ihrem Busen. Für mich, die ich den Zustand Lady Verinder’s kannte, genügte ein Blick auf das Gesicht meiner Tante, um mir die schreckliche Wahrheit zu enthüllen. Ich behielt meine Gedanken für mich, bis der Doctor eintrat, der nicht lange auf sich warten ließ. Sein Erstes war, Rachel aus dem Zimmer zu entfernen, dann theilte er uns Uebrigen mit, daß Lady Verinder todt sei. Ernste Menschen, welche Beispiele von verhärtetem Skepticismus zu ihrer Belehrung sammeln, wird es vielleicht interessieren zu hören, daß er bei meinem Anblick keine Spur von Gewissensbissen zu empfinden schien.

Etwas später warf ich einen flüchtigen Blick in’s Frühstückszimmer und in die Bibliothek hinein. Meine Tante war gestorben, ohne einen einzigen der Briefe, die ich ihr geschrieben hatte, gelesen zu haben. Dies berührte mich so peinlich, daß es mir erst einige Tage später einfiel, daß sie auch gestorben sei, ohne mir mein kleines Vermächtniß zu geben.



Kapiteltrenner

Sechstes Capitel.

l. Miß Clack beehrt sich, Herrn Franklin Blake mit ihren besten Empfehlungen das fünfte Capitel ihres Berichts zu übersenden; sie erlaubt sich dabei zu bemerken, daß sie sich durchaus unfähig fühlt, sich über ein unter den obwaltenden Umständen so entsetzliches Ereigniß, wie es der Tod Lady Verinder’s ist, zu verbreiten und hat deshalb ihrem Manuskript zahlreiche Auszüge aus werthvollen, in ihrem Besitz befindlichen Schriften beigefügt, welche alle dieses furchtbare Thema behandeln. Sie schließt mit dem Ausdruck des Wunsches, daß diese Auszüge auf ihren geschätzten Verwandten, Herrn Franklin Blake, wirken mögen, wie die gewaltigen Töne einer Posaune.

2. Herr Franklin Blake sagt Miß Clack mit freundlichen Grüßen seinen verbindlichen Dank für die Sendung des fünften Capitels ihres Berichts. Die dem Bericht angehängten Auszüge folgen anbei zurück. Herr Franklin Blake enthält sich jeder Ausdeutung seiner persönlichen Ansicht über den Werth dieser Art von Literatur und beschränkt sich auf die Bemerkung, daß die fraglichen Anlagen zu dem Manuskript zur Erreichung des Zieles, das er sich gesteckt hat, nicht erforderlich sind.

3. Miß Clack bekennt sich zum Empfang der ihr zurückgesandten Auszüge und erlaubt sich Herrn Franklin Blake freundlichst daran zu erinnern, daß sie eine Christin und daß es deshalb ganz unmöglich für ihn ist, sie zu beleidigen. Miß Clack nimmt fortwährend das lebhafteste Interesse an Herrn Franklin Blake und verpfändet ihr Wort dafür, daß sie ihm bei der ersten Gelegenheit, wo er krank darnieder liegt, ihre Auszüge wieder zur Verfügung zu stellen bereit sein wird. Inzwischen möchte sie vor Beginn des nächsten und letzten Capitels ihres Berichts gern wissen, ob es ihr gestattet ist, ihren bescheidenen Beitrag dadurch zu vervollständigen, daß sie die Dinge in dem Lichte darstellt, welches spätere Entdeckungen über das Geheimniß des Mondsteins verbreitet haben.

4. Herr Franklin Blake bedauert, dem Wunsche Miß Clack’s nicht entsprechen zu können. Er kann die Instructionen, welche er die Ehre hatte, ihr beim Beginn ihres Berichtes zu ertheilen, nur wiederholen. Sie wird ersucht, sich auf ihre persönlichen Erfahrungen über Personen und Dinge, wie sie in ihrem Tagebuche verzeichnet sind, zu beschränken. Spätere Entdeckungen wolle sie gütigst der Feder solcher Personen überlassen, welche in der Eigenschaft von Zeugen darüber zu schreiben im Stande sind.

5. Miß Clack bedauert unendlich, Herrn Franklin Blake abermals behelligen zu müssen. Ihre Auszüge sind ihr zurückgeschickt und der Ausdruck ihrer gereiften Ansichten über die Angelegenheit des Mondsteins ist ihr untersagt worden. Miß Clack ist sich schmerzlich bewußt, daß sie sich (weltlich gesprochen) dadurch gekränkt fühlen müßte. Aber nein — Miß Clack hat in der Schule des Unglücks Beharrlichkeit gelernt. Der Zweck dieser Zeilen ist, zu erfahren, ob Herr Blake, der ihr alles Uebrige untersagt, auch gegen die Aufnahme der gegenwärtigen Correspondenz in Miß Clack’s Bericht etwas einzuwenden hat. Die Zulassung einer Erklärung über die Lage, in welche Herrn Blake’s Verbot sie als Schriftstellerin versetzt hat, scheint durch die einfachste Billigkeit geboten und Miß Clack hat ihrerseits den lebhaften Wunsch, ihre Briefe, die für sich selber sprechen, veröffentlicht zu sehen.

6. Herr Franklin Blake genehmigt Miß Clacks Vorschlag in der Voraussetzung, daß sie diese seine Einwilligung gefälligst als den Schluß dieser Correspondenz betrachten wolle.

7. Miß Clack betrachtet es als einen Act christlicher Pflichterfüllung, Herrn Franklin Blake vor dem Schluß ihrer Correspondenz davon in Kenntniß zu setzen, daß er den augenscheinlichen Zweck seines letzten Briefes, sie zu kränken, nicht erreicht hat. Sie ersucht Herrn Franklin Blake, sich in sein Kämmerlein zurückzuziehen und sich selbst in stillem Nachdenken zu fragen, ob die Erziehung, welche ein armes schwaches Weib für Insulten so unempfänglich zu machen im Stande ist, nicht größere Bewunderung verdient als er ihr angedeihen zu lassen jetzt geneigt ist. Sobald Miß Clack eine desfallsige Aufforderung erhält, wird sie, wie sie hiermit feierlichst verspricht, Herrn Franklin Blake die vollständige Sammlung ihrer Auszüge wieder zusenden.

(Aus diesen Brief erfolgte keine Antwort. Eines weiteren Commentars bedarf es nicht.
Gezeichnet: Drusilla Clack.)



Kapiteltrenner

Siebentes Capitel.

Die vorstehende Correspondenz wird es zur Genüge erklären, weshalb mir keine andere Wahl gelassen ist als mich in Betreff des Todes Lady Verinder’s auf die einfache Mittheilung der Thatsache, welche den Schluß meines fünften Capitels bildet, zu beschränken.

Indem ich mich von nun an streng innerhalb der Grenzen meiner eigenen persönlichen Erfahrung zu halten habe, berichte ich zunächst, daß nach dem Tode meiner Tante ein Monat verfloß, bevor Rachel Verinder und ich uns wieder trafen. Dieses Zusammentreffen war die Veranlassung, daß ich mehrere Tage unter einem Dache mit ihr zubrachte. Während dieses Besuchs ereignete sich etwas in Betreff ihrer Verlobung mit Herrn Godfrey Ablewhite, das wichtig genug ist, um in diesen Blättern hervorgehoben zu werden. Nachdem ich diesen letzten der vielen peinlichen Vorfälle in der Familie berichtet haben werde, wird meine Ausgabe erfüllt sein; denn ich werde dann Alles erzählt haben, was ich als wirkliche, wenn auch sehr widerwillige Zeugin von den Ereignissen weiß.

Die sterblichen Ueberreste meiner Tante wurden von London nach ihrem Landsitze gebracht und dort auf dem kleinen zu der Kirche in ihrem eigenen Park gehörenden Kirchhofe begraben. Ich wurde nebst der übrigen Familie zu dem Leichenbegängnisse eingeladen. Aber es war mir bei bei meinen religiösen Anschauungen unmöglich, mich in so wenigen Tagen aus der Erschütterung welche dieser Tod bei mir versucht hatte, aufzuraffen. Ueberdies hatte ich erfahren, daß der Pfarrer von Frizinghall die Leichenrede halten werde. Ich hatte diesen verworfenen Geistlichen in früheren Tagen an Lady Verinder’s Whisttisch sitzen sehen und ich zweifle, ob ich, selbst wenn ich mich stark genug zu der Reise gefühlt hätte, mich entschlossen haben würde, der Feierlichkeit beizuwohnen.

Lady Verinder’ Tod stellte ihre Tochter unter die Obhut ihres Schwagers, des älteren Herrn Ablewhite. Das, Testament machte ihn zum Vormund bis seine Nichte sich verheirathen oder volljährig werden würde. Im Hinblick auf dieses Verhältnis; setzte Herr Godfrey, glaube ich, seinen Vater von seiner neuen Beziehung zu Rachel in Kenntniß. Wenigstens war das Geheimniß ihrer Verlobung zehn Tage nach dem Tode ihrer Mutter für ihre Familie kein Geheimniß mehr und die große Frage für den älteren Herrn Ablewhite, einem gleichfalls ganz verworfenen Menschen, war, wie er sich und seine Autorität der reichen jungen Dame, die seinen Sohn heirathen wollte, möglichst angenehm machen könne.

Rachel machte ihm gleich im Anfang durch die Schwierigkeiten zu schaffen, die sie in Betreff ihrer künftigen Wohnung erhob. Das Haus in Montague-Square war ihr durch den darin erfolgten Tod ihrer Mutter, das Haus in Yorkshire durch die Mondstein-Angelegenheit verleidet. Dem eigenen Hause ihres Vormundes in Frizinghall stand zwar keines dieser Hindernisse im Wege, aber Rachels Anwesenheit in demselben nach ihrem kürzlichen Verlust erschien als eine unbequeme Beschränkung der Zerstreuungen ihrer Cousinen, der Fräulein Ablewhite und sie bat selbst um einen Aufschub ihres Besuchs bis zu einem günstigeren Zeitpunkte. Schließlich wurde ein Vorschlag des alten Herrn Ablewhite, es mit einem möblirten Hause in Brighton zu versuchen, angenommen. Seine Frau, eine kränkliche Tochter und Rachel sollten dasselbe gemeinschaftlich bewohnen und er selbst wollte später im Jahre zu ihnen kommen. Sie würden daselbst keine andere Gesellschaft als einige alte Freunde sehen und würden seinen Sohn Godfrey, der mit dem Londoner Zuge hin- und herreisen könnte, immer zu ihrer Verfügung haben.

Ich schildere dieses Umherziehen von einer Wohnung zur andern, diese unbefriedigte Ruhelosigkeit des Körpers und diese entsetzliche Stagnation der Seele lediglich im Hinblick auf gewisse Folgen. Das Ereigniß, welches die Vorsehung zu dem Mitte! ausersehen hatte, mich und Rachel Verinder wieder zusammenzuführen, war kein anderes als das Miethen des Hauses in Brighton. Meine Tante Ablewhite ist eine große stille Frau von weißem Teint mit einer bemerkenswerthen Charaktereigenschaft. Von dem Moment ihrer Geburt an hat sie nie irgend etwas selbstständig gethan; ihr ganzes Leben hindurch hat sie sich von Jedermann helfen lassen und sich zu Jedermanns Ansichten bekannt. Ein hoffnungsloseres Wesen im geistlichen Sinne habe ich nie gesehen —— sie würde keinem aus sie geübten Einfluß auch nur den geringsten Widerstand entgegenzusetzen im Stande sein. Tante Ablewhite würde einem Priester des Dalai Lama von Tibet gerade so gut zuhören wie mir und würde seine Ansichten genau so treu widerspiegeln, wie sie jetzt die meinigen widerspiegelt. Sie erfuhr die Adresse des möblirten Hauses in Brighton, nachdem sie in einem Hotel in London abgestiegen war, sich dort auf einem Sopha ausgeruht und zu ihrem Sohn geschickt hatte. Sie engagirte die nöthigen Domestiken, indem sie eines Morgens noch während ihres Aufenthalts in London im Bett frühstückte und ihrem Kammermädchen unter der Bedingung einen freien Tag schenkte, daß das Mädchen zuerst Miß Clack bitte zu ihr zu kommen. Ich fand sie um 11 Uhr Vormittags in ihrem Schlafrock sich ruhig fächelnd. »Liebe Drusilla, ich brauche einige Domestiken. Du bist eine so gewandte Person, bitte, besorge sie mir. Ich sah mich in dem unaufgeräumten Zimmer um. Die Kirchenglocken erklangen eben zu einem Wochengottesdienst, sie gaben mir ein freundlich-vorwurfsvolles Wort an die Hand. »O Tante!« sagte ich traurig, »ist das einer christlichen englischen Frau würdig? Ist das die Art, wie wir auf dem Wege von der Zeitlichkeit zur Ewigkeit wandeln sollen?« Meine Tante antwortete: »Ich will mich ankleiden, Drusilla, wenn Du so gut sein willst, mir behilflich zu sein.« Was war da weiter zu sagen? Ich habe bei Mörderinnen Wunder gewirkt —— mit Tante Ablewhite bin ich niemals vom Flecke gekommen. »Wo ist die Liste der Domestiken, die Du brauchst?« fragte ich. Meine Tante schüttelte mit dem Kopf; ihre Energie reichte nicht einmal so weit, eine solche Liste bei sich zu behalten. »Rachel hat sie, liebes Kind« sagte sie, »drinnen im anderen Zimmer.« Ich ging in das anstoßende Zimmer und sah hier Rachel zum ersten Mal wieder seit unserm letzten Zusammentreffen im Montague-Square.

Sie sah bejammernswerth klein und mager in ihrer tiefen Trauer aus. Wenn ich eines so nichtig vergänglichen Dinges, wie der persönlichen Erscheinung, schon einmal Erwähnung thue, so darf ich wohl noch hinzufügen, daß sie eine jener unglücklichen Complexionen hatte, welche nur durch Weiß in der Toilette gehoben werden können. Aber was sind unsere Complexionen und unsere Blicke? Hindernisse und Fallstricke, liebe Schwestern, welche uns auf unserm Wege zu höhern Dingen umgarnen! Zu meiner großen Ueberraschung stand Rachel auf, als ich in’s Zimmer trat, und kam mir mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Ich freue mich, Sie zu sehen,« sagte sie. »Drusilla, ich pflegte früher sehr albern und unhöflich gegen Sie zu sein. Ich hoffe, Sie verzeihen mir das.«

Vermuthlich verriethen meine Züge das Erstaunen, welches diese Anrede bei mir hervorrief. Sie erröthete einen Augenblick und erklärte sich dann näher.

»Zu Lebzeiten meiner armen Mutter,« fuhr sie fort, »waren ihre Freunde nicht immer auch meine Freunde. Jetzt, wo ich sie verloren, habe, findet mein Herz einen Trost darin, sich Denen zuzuwenden, welche sie gerne hatte. Sie waren Eine von diesen. Versuchen Sie es, auch mir eine Freundin zu sein, wenn Sie können.«

Für jedes wohl angelegte Gemüth mußte das von ihr selbst bezeichnete Motiv geradezu anstößig sein. Da stand auf dem Boden des christlichen Englands ein junges Mädchen, das so wenig einen Begriff davon hatte, wo sie den wahren Trost für einen herben Verlust zu suchen habe, daß sie denselben bei den Freunden ihrer Mutter zu finden hoffte. Hier stand eine Verwandte von mir, in welcher ein Gefühl für ihr Unrecht gegen Andere nicht auf dem Wege der Pflicht, sondern der Empfindung und des Impulses rege geworden war! Ein Seelenzustand, der, so traurig er auch an und für sich war, doch für eine Person von meinen Erfahrungen auf dem Gebiete der Arbeit im Dienste des Herrn der Hoffnung auf Erweckung noch Raum gab. Es konnte, wie es mir schien, keinesfalls schaden, wenn ich mir über den Umfang der Wandlung, welche der Verlust ihrer Mutter in Rachel’s Charakter hervorgebracht hatte, Gewißheit verschaffte. Ich beschloß, mich ihrer Verlobung mit Herrn Godfrey Ablewhite als eines guten Probirsteins zu bedienen. Nachdem ich zuerst ihr freundliches Entgegenkommen möglichst herzlich erwidert hatte, entsprach ich ihrer Aufforderung, mich zu ihr aufs Sopha zu setzen. Wir redeten über Familienangelegenheiten und Pläne für die Zukunft, immer jedoch ohne den für ihre Zukunft entscheidendsten Plan, ihre Heirath, zu berühren. Ich mochte es versuchen wie ich wollte, die Unterhaltung auf diesen Gegenstand zu lenken, sie schien entschlossen, mir darin nicht zu willfahren. Eine direkte Berührung der Frage meinerseits würde in diesem ersten Stadium unserer Versöhnung vorzeitig erschienen sein. Ueberdies hatte ich bereits Alles, was ich wissen wollte, herausgebracht. Sie war nicht mehr die rücksichtslose und herausfordernde Person, die ich bei Gelegenheit meines Märtyrerthums in Montague-Scuare gehört und gesehen hatte. Dies war schon genug, um mich zu ermuthigen, an ihre Bekehrung zu gehen. Ich fing damit an, mich in einigen ernsten Worten gegen die übereilte Schließung des Ehebündnisses auszusprechen und gelangte auf diesem Wege zu höheren Dingen. Indem ich sie jetzt mit einem neuen Interesse betrachtete und mich der überstürzten Plötzlichkeit erinnerte, mit welcher sie auf Herrn Godfrey’s Heirathsantrag eingegangen war, empfand ich es als eine heilige Pflicht, hier mit einem Eifer einzuschreiten, der mir die beste Gewähr für die Erreichung eines nicht geringen Zieles bot. Rasches Vorgehen war, wie mir schien, hier von entscheidender Wichtigkeit. Ich kam sofort auf die für das möblirte Haus zu engagirenden Dienstboten zurück.

»Wo hast Du die Liste, liebe Rachel?«

Rachel gab sie mir.

Ich las: »Köchin", Küchenmädchen, Hausmädchen und Diener.« »Liebe Rachel, diese Dienstboten sollen nur für eine bestimmte Zeit, die Zeit, für welche Dein Vormund das Haus gemiethet hat, engagirt werden. Wir werden hier in London große Mühe haben, gute und brauchbare Leute zu finden, die bereit sein würden, auf ein solches temporäres Engagement einzugehen. Ist das Haus in Brighton schon gefunden?«

»Ja, Godfrey hat es gemiethet, und in demselben Leute gefunden, die gern von ihm als Dienstboten engagirt werden wollten. Sie schienen ihm aber für uns nicht zu genügen und er ist zurückgekommen, ohne noch irgend etwas mit ihnen abgemacht zu haben.«

»Und Du selbst hast keine Erfahrung in solchen Dingen, Rachel?«

»Durchaus keine!«

»Und Tante Ablewhite will sich auch nicht darum bemühen?«

»Nein, und Du darfst die arme gute Tante nicht darum tadeln, Drusilla. Ich glaube, sie ist die einzige wirklich glückliche Person, die mir je vorgekommen ist.«

»Es giebt verschiedene Arten, glücklich zu sein, liebes Kind. Wir müssen darüber einmal ein Wort miteinander reden. Einstweilen will ich versuchen, die Schwierigkeiten mit den Dienstboten aus dem Wege zu räumen. Deine Tante wird an die Leute im Hause einen Brief schreiben ——«

»Sie wird einen Brief unterzeichnen, wenn ich ihn für sie schreibe, was ja auf dasselbe herauskommt.«

»Ganz dasselbe. Ich bekomme den Brief und will morgen damit nach Brighton gehen.«

»Wie gütig von Dir! Wir werden Dir nachkommen, sobald Du zu unserem Empfang bereit bist und Du wirst hoffentlich eine Zeitlang als mein Gast bei uns bleiben. Brighton ist so lebendig; es wird Dir da gewiß gefallen.«

In diesen Worten erhielt ich meine Einladung und eröffnete sich mir eine herrliche Aussicht auf Gelegenheit, meinen Entschluß geltend zu machen.

Dies geschah an einem Mittwoch. Am Sonnabend Nachmittag war das Haus zum Empfang der Familie bereit. In diesen wenigen» Tagen hatte ich nicht nur die Charaktere, sondern auch die religiösen Ansichten aller der Stellen suchenden Dienstboten, die sich bei mir meldeten, geprüft, und es war mir gelungen, eine Auswahl zu treffen, bei der sich mein Gewissen beruhigen konnte. Ich fand auch, daß sich zwei ernste Freunde von mit in der Stadt aufhielten und besuchte dieselben in der Gewißheit, daß ich ihnen den frommen Zweck, der mich nach Brighton geführt hatte, getrost anvertrauen dürfe. Einer derselben, ein Geistlicher, war mir freundlich dabei behilflich, in der Kirche, in der er predigte, für unsere kleine Gesellschaft Plätze zu verschaffen. Die andere, eine einzelne Dame gleich mir, stellte mir ihre durchweg aus werthvollen Schriften bestehende Bibliothek ganz zur Disposition. Ich lieh mir von ihr ein halbes Dutzend Werke, die ich Alle mit Rücksicht auf Rachel sorgfältig ausgewählt hatte. Nachdem ich dieselben umsichtig in den verschiedenen Zimmern vertheilt hatte, welche voraussichtlich von ihr bewohnt werden würden, war ich mit meinen Vorbereitungen fertig. Das Wort Gottes in den Dienstboten, die ihr aufwarteten, das Wort Gottes in dem Prediger, dessen Kirche sie besuchen würde, und das Wort Gottes in den Büchern, die auf ihrem Tische lagen —— das war der dreifache Willkomm’ den mein Eifer für das mutterlose Mädchen bereitet hatte! Eine himmlische Ruhe erfüllte mein Gemüth an jenem Sonnabend-Nachmittag, als ich am Fenster saß und die Ankunft meiner Verwandten erwartete. Ein flüchtiges Menschengedränge zog vor meinen Augen vorüber. Ach! wie viele unter ihnen mochten wohl mit mir das unvergleichlich wohlthuende Gefühl erfüllter Pflicht theilen? Eine furchtbare Frage. Versuchen wir nicht, sie zu beantworten.

Zwischen 6 und 7 Uhr trafen die Reisenden ein. Zu meiner unbeschreiblichen Ueberraschung befand sich in ihrer Begleitung nicht, wie ich erwartet hatte, Herr Godfrey, sondern der Advocat Herr Bruff.

»Wie geht’s Ihnen, Miß Clack?« sagte er, »dieses Mal denke ich hier zu bleiben.«

Diese Anspielung aus unser letztes Zusammentreffen, bei welchem ich ihn gezwungen hatte, vor mir das Feld zu räumen, überzeugte mich, daß der alte Weltmann zu einem besondern Zweck nach Brighton gekommen sein müsse. Ich hatte ein kleines Paradies für meine geliebte Rachel bereitet, und siehe da! —— hier war auch schon die Schlange.

»Es that Godfrey außerordentlich leid, nicht mit uns gehen zu können, Drusilla,« sagte meine Tante Ablewhite. »Er ist durch Geschäfte in der Stadt zurückgehalten und Herr Bruff fand sich freundlich bereit, seine Stelle zu übernehmen und sich bis Montag Morgen für uns frei zu machen. Beiläufig, Herr Bruff, ich soll mir Bewegung machen und ich habe keine Neigung dazu. Das,« fügte Tante Ablewhite hinzu, indem sie aus dem Fenster nach einem in einem in einem Rollstuhl vorüberfahrenden Kranken hinwies, »ist, was ich unter Bewegung verstehe. Will man Luft haben, so kann man sie im Rollstuhl genießen und wenn man Ermüdung braucht, so ist es, denk ich, ermüdend genug, den Mann, der den Rollwagen schiebt, anzusehen.«

Rachel stand schweigend allein an einem Fenster, die Augen fest auf die See geheftet.

»Bist Du müde, liebes Kind?« fragte ich.

»Nein, nur ein wenig verstimmt,« antwortete sie; »ich habe die See oft an unserer Yorkshirer Küste in dieser Beleuchtung gesehen und ich dachte eben an vergangene Tage, Drusilla, die nie wiederkehren können.

Herr Bruff aß mit uns zu Mittag und blieb auch den ganzen Abend. Je länger ich mit ihm zusammen war, desto klarer wurde es mir, daß er nicht ohne einen bestimmten Zweck nach Brighton gekommen sei. Ich beobachtete ihn sorgfältig. Er behauptete dasselbe ruhige Beharren der Erscheinung und schwatzte den ganzen Abend dasselbe gottlose Zeug, bis es Zeit für ihn war, sich zu verabschieden. Als er Rachel die Hand zum Abschied gab, beobachtete ich, wie sein kalter und verschlagener Blick einen Augenblick mit einem sehr eigenthümlichen Ausdruck von Interesse und Aufmerksamkeit auf ihr ruhte. Offenbar stand sie in Verbindung mit dem Zweck, den er im Auge hatte. Er sagte weder zu ihr, noch zu sonst Jemandem irgend etwas Ungewöhnliches beim Weggehen. Er lud sich auf den nächsten Tag zum zweiten Frühstück ein und ging dann nach seinem Hotel.

Am nächsten Morgen war es unmöglich, meine Tante Ablewhite zu bewegen, sich rechtzeitig für die Kirche anzukleiden Ihre kranke Tochter, die nach meiner Ueberzeugung an nichts litt als an einer unheilbaren, von ihrer Mutter ererbten Trägheit, erklärte ihre Absicht, den ganzen Tag im Bett zu bleiben. Rachel und ich gingen allein zusammen in die Kirche. Mein reich begabter Freund hielt eine herrliche Predigt über die heidnische Gleichgültigkeit der Welt gegen die Sündhaftigkeit kleiner Sünden. Länger als eine Stunde donnerte seine, von einer klangvollen Stimme getragene Beredtsamkeit durch die heiligen Räume.

Beim Fortgehen sagte ich zu Rachel: »Hat das Wort der Predigt seinen Weg zu Deinem Herzen gefunden, liebes Kind?«

Und sie antwortete: »Nein, es hat mir nur Kopfschmerzen verursacht.«

Diese Antwort würde vielleicht Manchen entmuthigt haben, aber ich lasse mich, wenn ich eine Bahn heilbringender Wirksamkeit einmal betreten habe, durch nichts entmuthigen.

Wir fanden Tante Ablewhite und Herrn Bruff beim Frühstück. Als Rachel erklärte, ihres Kopfschmerzes wegen gar nicht frühstücken zu wollen, erspähte und ergriff der schlaue Advocat alsbald die sich ihm darbietende Gelegenheit.

»Es giebt nur ein Mittel gegen Kopfschmerzen,« sagte dieser abscheuliche Alte; »Sie müssen einen Spaziergang machen, Fräulein Rachel, das wird curiren. Ich stehe Ihnen zu Diensten, wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, meinen Arm anzunehmen.«

»Mit dem größten Vergnügen; ich habe eine wahre Sehnsucht nach frischer Luft.«

»Es ist nach zwei Uhr,« bemerkte ich sanft, »und der Nachmittags-Gottesdienst fängt um drei Uhr an, Rachel.«

»Wie kannst Du denken,«« fuhr sie mich Ungestüm an, »daß ich mit solchem Kopfschmerz zum zweiten Male in die Kirche gehen werde?«

Herr Bruff öffnete ihr höflich beflissen die Thür; eine Minute später hatten sie Beide das Haus verlassen. Ich erinnere mich nicht, je die heilige Pflicht einzuschreiten so lebhaft empfunden zu haben wie in jenem Augenblick.

Aber was war hier zu thun? Ich mußte die erste Gelegenheit abwarten, die sich mir im Laufe des Tages darbieten würde.

Als ich vom Nachmittags-Gottesdienst wieder nach Hause kam, waren auch die Beiden eben von ihrem Spaziergang zurückgekehrt. Ein Blick genügte mir zu sehen, daß der Advocat das, was er hatte sagen wollen, ausgesprochen hatte. Noch nie hatte ich Rachel so schweigsam und so nachdenk1ich und noch nie hatte ich Herrn Bruff sie mit einer so ausgesuchten Aufmerksamkeit und einer so ergebenen Achtung behandeln sehen. Er hatte angeblich für heute eine Einladung zu Tisch angenommen und verabschiedete sich bei Zeiten von uns Allen, da er am nächsten Morgen schon mit dem ersten Zuge wieder nach London zu gehen beabsichtige.

»Sind Sie Ihres Entschlusses gewiß?« sagte er zu Rachel an der Thür.

»Vollkommen gewiß,« antwortete sie —— und damit ging er fort.

Kaum hatte er den Rücken gewandt, als Rachel sich in ihr Zimmer zurückzog Auch bei Tische erschien sie nicht. Ihr Kammermädchen, die Person mit den Mützenbändern, kam herunter zu melden, daß ihre Kopfschmerzen wiedergekehrt seien. Ich eilte hinaus und erbot mich durch die Thür zu allen Arten schwesterlicher Liebesdienste. Aber die Thür war und blieb verschlossen. Hier gab es einen widerstandsfähigen Boden, der der Bebauung harrte! Das Verschließen ihrer Thür war für mich nur ein ermunternder Sporn.

Als ihr am nächsten Morgen der Thee auf’s Zimmer gebracht wurde, ging ich mit hinein. Ich setzte mich zu ihr an’s Bett und sprach einige ernste Worte. Sie hörte mir mit einer schlaffen Höflichkeit zu. Ich bemerkte, daß die köstlichen Schriften meiner ernsten Freundin in einer Ecke des Tisches unordentlich zusammengepackt lagen. Ich fragte, ob sie einen Blick hineingethan habe. »Ja, und die Bücher hätten sie nicht interessirt.« Ich fragte weiter, ob sie mir erlauben wolle, einige Stellen von dem höchsten Interesse, die ihr wahrscheinlich entgangen seien, vorzulesen? »Nein, jetzt nicht, sie habe an andere Dinge zu denken.« Bei diesen Antworten beschäftigte sie sich angelegentlichst damit, mit den Garnituren ihres Nachthemds zu spielen. Es erschien offenbar nöthig, sie durch eine Anspielung auf die weltlichen Interessen, die ihr noch am Herzen lagen, aus dieser Träumerei zu reißen.

»Weißt Du, liebes Kind,« sagte ich, »ich hatte gestern einen sonderbaren Einfall in Betreff Herrn Bruff’s. Es kam mir vor, als ich Dich nach Deinem Spaziergang mit ihm sah, als ob er Dir eine schlimme Nachricht mitgetheilt haben müsse.«

Ihre Finger ließen plötzlich die Garnitur des Nachthemds fahren und ihre wilden schwarzen Augen flammten auf.

»Ganz das Gegentheil!« sagte sie, »es war eine Nachricht, die mich sehr interessirte und für deren Mittheilung ich Herrn Bruff sehr verpflichtet bin.«

»Wirklich?« sagte ich, in einem Tone freundlichen Antheils.

Ihre Finger nahmen die Garnitur wieder auf und sie wandte ihr Gesicht trotzig von mir ab. Eine ähnliche Behandlung war mir bei der Verfolgung des Gnadenwerks hunderte von Malen zu Theil geworden. Sie reizte mich dadurch nur zu einem neuen Versuch. In meinem unerschrockenen Eifer für ihr Seelenheil unternahm ich das große Wagniß, gerade heraus von ihrer Verlobung zu reden.

»Eine Nachricht, die Dich sehr interessirte?« wiederholte ich. »Ich denke mir, liebe Rachel, das muß eine Nachricht von Herrn Ablewhite gewesen sein?«

Sie fuhr aus ihrem Bett in die Höhe und wurde todtenbleich. Sie hatte offenbar eine jener ihr früher so geläufigen Insolenzen auf der Zunge. Sie bezwang sich aber, legte ihren Kopf wieder auf’s Kissen, dachte einen Augenblick nach und gab mir dann folgende merkwürdige Antwort:

»Ich werde Herrn Godfrey Ablewhite niemals heirathen!«

Nun war die Reihe an mir, erstaunt zu sein.

»Was willst Du damit sagen?« rief ich aus. »Die Heirath wird von der ganzen Familie als eine abgemachte Sache angesehen.«

»Herr Godfrey Ablewhite wird heute hier erwartet,« sagte sie in mürrischem Tone. »Warte bis er kommt und Du wirst sehen.«

»Aber, liebe Rachel ——«

Sie zog an der über ihrem Bette hängenden Glocke. Die Person mit den Mützenbändern erschien.

»Penelope, mein Bad!«

Um gerecht zu sein muß ich zugeben, daß sie damit das einzige Mittel getroffen hatte, mich aus dem Zimmer zu bringen.

Von einem rein weltlichen Gesichtspunkte aus betrachtet, hätte es scheinen können, als ob meine Stellung Rachel gegenüber nicht gewöhnliche Schwierigkeiten darböte. Ich hatte darauf gerechnet, sie durch eine kleine ernste Ermahnung in Betreff ihrer Heirath auf den Weg zu höheren Dingen zu leiten. Und jetzt war, wenn man ihr glauben durfte, von einer Verheirathung bei ihr gar keine Rede. Aber, o meine Freunde! Eine werkthätige Christin von meiner Erfahrung, mit der Aussicht auf Förderung des Evangeliums, sieht die Dinge von einem höheren Standpunkte aus an. Angenommen selbst Rachel wollte die Partie, welche die Ablewhite’s, Vater und Sohn, als eine abgemachte Sache betrachtetem wirklich zurückgehen lassen, was würde die Folge sein? Die Sache konnte, wenn sie fest auf ihrem Entschluß beharrte und namentlich wenn der alte Herr Ablewhite zugegen war, nur zu einem Austausch harter Worte und schwerer Beschuldigungen auf beiden Seiten führen. Und was würde die Wirkung einer solchen stürmischen Scene sein? Eine heilsame moralische Abspannung Der entschlossene Widerstand, den sie nach ihrem Charakter allen Hindernissen entgegensetzen würde, müßte ihren Stolz und ihren Eigensinn erschöpfen. Sie würde für einen sympathischen Antheil empfänglich werden. Und ich in der Fülle meines Trostes, meiner Bereitwilligkeit ihr mit belebenden und ihrem Zustande angemessenen Worten beizustehen, würde ihr diesen Antheil in vollem Maße darbieten. Niemals hatte mir eine freundlichere Aussicht auf Förderung des Evangeliums gelächelt als diese.

Rachel kam zum Frühstück herunter, genoß aber nichts und sprach fast kein Wort. Nach dem Frühstück schlenderte sie gleichgültig durch die Zimmer, dann raffte sie sich plötzlich auf und öffnete das Clavier.

Die Musik, die sie spielte, war von der anstößigst-weltlichen Art und Ausführungen aus der Bühne entlehnt, bei deren bloßen Gedanken mir das Blut in den Adern erstarrte. Es würde voreilig gewesen sein, schon in diesem Augenblick dagegen einzuschreiten. Ich erkundigte mich unter der Hand nach der Zeit, zu welcher Herr Godfrey Ablewhite erwartet wurde und dann flüchtete ich vor der Musik und verließ das Haus.

Ich benutzte die Gelegenheit, meine beiden in Brighton ansässigen Freunde zu besuchen. Es war ein unbeschreiblicher Genuß für mich, mich der ernsten Unterhaltung mit ernsten Freunden hingeben zu können. Unaussprechlich ermuthigt und erfrischt, lenkte ich meine Schritte wieder dem Hause zu und traf dort vollkommen rechtzeitig ein, um die Ankunft unseres Gastes erwarten zu können. Ich trat in das Eßzimmer, das zu jener Tageszeit immer leer zu sein pflegte und fand mich von Angesicht zu Angesicht Herrn Godfrey Ablewhite gegenüber!

Er machte keinen Versuch, vor mir zu flüchten. Im Gegentheil. Er ging höchst beflissen auf mich zu.

»Liebe Miß Clack! Ich habe nur auf Sie gewartet. Zufällig habe ich mich von meinen Geschäften in London früher losmachen können als ich dachte und bin daher auch früher als zu der von mir bestimmten Zeit hier angekommen.«

In seinen Aeußerungen verrieth sich keine Spur von Verlegenheit, obgleich er mich hier seit der Scene in Montague-Square zum ersten Mal wiedersah. Er wußte zwar nicht, daß ich bei jener Scene zugegen gewesen war, aber wußte doch, daß meine Theilnahme an den Sitzungen des mütterlichen Hosenvereins und meine Beziehungen zu Freunden, die anderen mildthätigen Vereinen angehörten, mich von seiner schamlosen Vernachlässigung seiner Damen und seiner Armen unterrichtet haben mußten. Und doch stand er vor mir im Vollbesitz seiner lieblichen Stimme und seines unwiderstehlichen Lächelns!

»Haben Sie Rachel schon geseh’n?« fragte ich.

Er seufzte leise und ergriff meine Hand. Ich würde ihm unfehlbar meine Hand entzogen haben, wenn mich nicht die Art, wie er mir antwortete, in ein starkes Staunen versetzt hätte.

»Ich habe Rachel gesehen,« sagte er vollkommen ruhig. »Sie wissen, liebe Freundin, daß sie sich mit mir verlobt hatte? Nun, sie hat sich plötzlich enschlossen, diese Verlobung wieder aufzuheben. Sie hat sich nach reiflicher Erwägung überzeugt, daß es für ihre Gemüthsverfassung und ihr Wohl das Beste sei, einen rasch gefaßten Entschluß wieder zurückzunehmen und mich in den Stand zu sehen, eine glücklichere Wahl zu treffen. Das ist der einzige Grund, den sie angiebt, die einzige Antwort, die ich mit allen meinen Fragen aus ihr herausbringen kann.«

»Und was haben Sie gethan?« fragte ich; »haben Sie sich gefügt?»

»Ja,« sagte er mit der vollkommensten Fassung, »ich habe mich gefügt.«

Sein Benehmen unter den obwaltenden Umständen war so völlig unbegreiflich, daß ich ganz bestürzt dastand und nicht daran dachte, meine Hand aus der seinigen zurückzuziehen. Es ist überhaupt Unschicklich, irgend Jemanden anzustarren, und es ist doppelt Unschicklich, einen Herrn anzustarren. Ich beging diese beiden Unschicklichkeiten und sagte wie im Traum: »Was soll das bedeuten?«

»Erlauben Sie mir, Ihnen das zu sagen,« erwiderte er; »aber setzen wir uns.«

Er führte mich zu einem Stuhl. Ich habe eine unbestimmte Erinnerung, daß er sehr zärtlich war. Ich glaube nicht, daß er mir den Arm um die Taille legte, um mich zu stützen, aber ich weiß es nicht ganz gewiß. Ich war ganz hilflos und seine Art, sich gegen Damen zu benehmen, hatte etwas höchst Gewinnendes. Genug, wir setzten uns. Dafür, wenn auch für nichts Anderes, kann ich einstehen.

»Ich habe,« fing Herr Godfrey an, »ein reizendes Mädchen, eine ausgezeichnete gesellschaftliche Stellung und ein glänzendes Einkommen« verloren und habe mich ohne Widerstreben in diesen Verlust gefunden. Sie fragen nach der Ursache meines befremdlichen Benehmens? Meine theure Freundin, es giebt keine Ursache für dieses Benehmen.«

»Keine Ursache?« wiederholte ich.

»Lassen Sie mich an Ihre Erfahrung bei Kindern appelliren, liebe Miß Clack,« fuhr er fort, »Sie beobachten an einem Kinde ein auffallendes Benehmen, dessen Grund Sie wissen möchten. Das liebe kleine Ding ist unfähig, Ihnen seine Gründe zu sagen. Eben so gut könnten Sie das Gras fragen, warum es wächst, und die Vögel, warum sie singen. Nun, sehen Sie, in dieser Angelegenheit bin ich wie das Kind, wie das Gras, wie die Vögel. Ich weiß nicht, warum ich Fräulein Verinder einen Heirathsantrag gemacht, ich weiß nicht, warum ich meine lieben Damen so schmählich vernachlässigt habe, ich weiß nicht, warum ich von dem mütterlichen Hosenverein abgefallen bin. Sie sagen zu dem Kinde: »Warum bist Du unartig gewesen?« und der kleine Engel steckt den Finger in den Mund und sagt: »Weiß ich nicht.« Genau so ist es mit mir, Miß Clack! Niemand Anderem würde ich dies eingestehen, Ihnen fühle ich mich jedoch gedrungen, es zu bekennen.«

Ich fing an, mich wieder zu erholen. Hier lag ein geistiges Problem vor. Geistige Probleme interessiren mich auf das Lebhafteste, und ich bin, wie man sich wohl denken kann, nicht ganz ohne Geschick in der Lösung der selben.

»Beste Freundin, strengen Sie Ihren Scharfsinn an und helfen Sie mir,« fuhr er fort. Sagen Sie mir, warum erscheinen mir jetzt meine Schritte in dieser Heirathsangelegenheit wie ein Traum? Warum wird es mir plötzlich wieder klar, daß mein wahres Glück darin besteht, meinen lieben Damen zu helfen, mein bescheiden nützliches Tagwerk zu verrichten und einige ernste Worte zu reden, wenn ich dazu von meinem Vorsitzenden aufgefordert werde? Wozu brauche ich eine Stellung? Ich habe ja eine Stellung. Wozu brauche ich ein Einkommen? Ich habe genug, mein Brot und Käse, mein hübsches kleines Logis und meine zwei Röcke jährlich zu bezahlen. Wozu brauche ich Fräulein Verinder? Ich habe es aus ihrem eigenen Munde gehört —— das sage ich Ihnen, liebe Freundin, im strengsten Vertrauen —— daß sie einen anderen Mann liebt und daß sie mich nur deshalb heirathen wollte, um zu versuchen, ob sie diesen andern Mann vergessen könne. Welch’ eine schaurige Verbindung wäre das gewesen! O Gott! welch’ eine traurige Verbindung! Alles das habe ich mir auf der Herfahrt gesagt, Miß Clack! Ich näherte mich Rachel mit dem Gefühl eines Verbrechers, der sein Urtheil erwartet. Als ich nun fand, daß auch sie ihren Sinn geändert habe; als sie mir vorschlug, unsere Verlobung wieder aufzuheben; fühlte ich mich, offen gestanden, unendlich erleichtert. Noch vor einem Monate hatte ich sie leidenschaftlich an mein Herz gedrückt und vor einer Stunde wirkte die Gewißheit, sie nie wieder an mein Herz drücken zu können, auf mich wie ein berauschendes Getränk. Die Sache scheint unmöglich —— es kann nicht sein! Und doch ist es so, wie ich die Ehre hatte, es Ihnen mitzutheilen, als wir, uns hier niedersetzten. Ich habe ein reizendes Mädchen, eine ausgezeichnete gesellschaftliche Stellung und ein glänzendes Einkommen verloren und habe mich ohne Widerstreben darin gefunden. Können Sie mir die Sache erklären, liebe Freundin? Ich vermag es nicht!«

Er ließ seinen herrlichen Kopf auf die Brust sinken und verzweifelte an der Lösung seines eigenen geistigen Problems.

Ich war tief gerührt. Der Fall war mir, wenn ich mich der Sprache eines geistigen Arztes bedienen darf, jetzt ganz klar. Es ist keine ungewöhnliche Erscheinung in unser aller Erfahrung, daß die reich begabtesten Menschen bisweilen auf das Niveau der dürftigsten Naturen in ihrer Umgebung herabsinken. Der Zweck, den die Vorsehung in ihrer weisen Oekonomie verfolgt, ist unzweifelhaft, menschliche Größe daran zu erinnern, daß sie sterblich ist und daß die Macht, welche diese Größe verliehen hat, sie auch wieder entziehen kann. Ich glaubte nun in dem beklagenswerthen Benehmen des theuren Herrn Godfrey, dessen unsichtbarer Zeuge ich gewesen war, eine dieser heilsamen Demüthigungen erblicken zu müssen. Und eben so klar erkannte ich den erfreulichen Durchbruch seiner bessern Natur in dem Schauder, mit welchem er vor der Idee einer Heirath mit Rachel zurückschreckte und in dem wohlthuenden Eifer, mit welchem er zu seinen Armen zurückzukehren bestrebt war.

Ich legte ihm diese Auffassung in wenigen einfachen und schwesterlichen Worten dar. Es war rührend, seine Freude darüber zu sehen. Er verglich sich, als ich fortfuhr, mit einem im Dunkel Verirrten, der wieder ans Licht gelangt. Als ich ihm eine freundliche Wiederaufnahme in den mütterlichen Hosenverein zusagte, floß das Herz unseres christlichen Helden von Dankbarkeit über. Er drückte meine Hände abwechselnd an seine Lippen. Ueberwältigt von dem Gefühl des großen Triumphs, ließ ich ihn mit meinen Händen thun, was er wollte. Ich schloß die Augen. Ich fühlte, wie mein Kopf, in einer Ekstase geistlicher Selbstvergessenheit, auf seine Schulter sank. Im nächsten Augenblick würde ich unzweifelhaft bewußtlos in seinen Armen gelegen haben, hätte mich nicht eine von außen her kommende störende Unterbrechung wieder zu mir selbst gebracht. Ein entsetzliches Gerassel von Messern und Gabeln ertönte vor der Thür und der Diener kam herein, den Tisch für das zweite Frühstück zu decken.

Herr Godfrey sprang auf und blickte nach der Uhr auf dem Kaminsims.

»Wie rasch die Zeit in Ihrer Gesellschaft enteilt!« rief er aus. »Ich werde kaum noch den Zug erreichen.«

Ich wagte es, ihn zu fragen, warum er so eilig sei, wieder nach London zu kommen. Seine Antwort erinnerte mich, daß noch schwierige Familienverhältnisse auszugleichen seien und daß noch Streitigkeiten in der Familie in Aussicht standen.

»Ich habe einen Brief von meinem Vater gehabt,« sagte er. »Geschäfte nöthigen ihn, heute von Frizinghall nach London zu gehen und er beabsichtigt diesen Abend oder morgen hierher zu kommen. Ich muß ihm mittheilen, was zwischen mir und Rachel vorgefallen ist. Sein Herz hängt an unserer Heirath; ich fürchte, es wird sehr schwer sein, ihn mit der Idee der Wiederaufhebung der Verlobung auszusöhnen. Ich muß ihn um unser Aller willen verhindern, hierher zu kommen, bevor er mit jener Idee ausgesöhnt ist. Beste und theuerste Freundin, wir werden uns wiedersehen.«

Mit diesen Worten eilte er davon. Ich eilte eben so rasch nach meinem Zimmer hinauf, um mich wieder zu fassen, bevor ich mit Tante Ablewhite und Rachel beim Frühstück zusammenträfe.

Ich weiß —— um noch einen Augenblick bei Herrn Godfrey zu verweilen —— sehr gut, daß die Alles herabziehende öffentliche Meinung ihn beschuldigt hat, aus ganz besonderen Gründen die Verlobung mit Rachel bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit aufgehoben zu haben. Es ist mir auch zu Ohren gekommen, daß man sein angelegentliches Bestreben, sich meine Achtung wieder zu erwerben, in gewissen Kreisen dem eigennützigen Wunsche zugeschrieben hat, durch meine Vermittlung seinen Frieden mit der ehrwürdigen Präsidentin des Comités des mütterlichen Hosenvereins, einer mit den Gütern dieser Welt reich gesegneten Dame und meiner sehr geliebten und vertrauten Freundin zu machen. Ich thue dieser gehässigen Gerüchte nur Erwähnung, um zu erklären, daß sie keinen Augenblick auch nur den mindesten Einfluß auf mein Gemüth geübt haben. Meinen Instructionen gemäß habe ich die Schwankungen meines Urtheils über unsern christlichen Helden dargelegt, genau wie ich sie in meinem Tagebuche verzeichnet finde. Um gerecht gegen mich selbst zu sein darf ich hier wohl hinzufügen, daß mein begabter Freund, nachdem er einmal seinen früheren Platz in meiner Achtung wieder erworben hatte, denselben nie wieder verlor. Ich schreibe mit Thränen in den Augen, voll brennenden Verlangens, mehr zu sagen. Aber nein, —— ich bin ja grausamer Weise auf die Darstellung meiner wirklichen Erlebnisse mit Personen und Dingen beschränkt. In weniger als Monatsfrist nach der Zeit, über die ich jetzt schreibe, zwangen mich Ereignisse auf dem Geldmarkt, welche selbst mein elendes kleines Einkommen verminderten, ein Exil im Auslande aufzusuchen, und ließen mir nichts als eine zärtliche Erinnerung an Herrn Godfrey, den die Verleumdung der Welt vergebens anzugreifen gesucht hat. ——

Ich muß meine Thränen trocknen und zu meiner Erzählung zurückkehren.

Ich ging zum zweiten Frühstück mit dem natürlichen Verlangen hinunter, zu sehen, wie Rachel von der Aufhebung ihrer Verlobung beeindruckt sei.

Es schien mir —— aber ich gestehe, daß ich mich auf solche Dinge schlecht verstehe —— daß die Wiedererlangung der Freiheit ihre Gedanken wieder jenem andern Manne zugelenkt hatte, den sie liebte, und daß sie gegen sich selbst aufgebracht war, weil sie sich außer Stande sah, die Wiederkehr von Gefühlen niederzukämpfen, deren sie sich heimlich schämte. Wer war der Mann? Ich hatte meine Gedanken darüber, aber es war unnütz die Zeit mit müßigen Grübeleien zu vergeuden. Ich vertröstete mich auf die Zeit, wo ich sie bekehrt haben und wo sie selbstverständlich kein Geheimniß mehr vor mir haben würde. Ich würde dann alles über den Mondstein erfahren. Auch wenn ich keinen höheren Zweck bei der Entdeckung des Sinns für geistliche Dinge in ihr verfolgt hätte, so würde die Befreiung ihres Gemüths von ihren schuldvollen Geheimnissen an sich ein genügendes Motiv für mich gewesen sein, auf meinem Wege fortzuschreiten.

Tante Ablewhite machte sich am Nachmittag ihre gewöhnliche Bewegung in einem Rollstuhl Rachel begleitete sie.

»Ich wollte ich könnte den Stuhl schieben,« rief sie unglücklich aus. »Ich wollte ich könnte mich bis zum Umfallen ermüden!«

In derselben Laune war sie noch am Abend.

Ich entdeckte in einer der köstlichen Schriften meines Freundes —— »das Leben, die Briefe und die Arbeiten Miß Jane Ann Stamper’s, 45ste" Auflage« —— Stellen, welche sich wunderbar für Rachel’s gegenwärtige Situation eigneten. Auf meinen Vorschlag, dieselben zu lesen, ging sie an’s Clavier. Man begreift, wie wenig sie von dem Wesen ernsthafter Menschen gewußt haben muß, wenn sie glaubte, meine Geduld auf diese Weise erschöpfen zu können! Ich behielt Miß Jane Ann Stamper bei mir und wartete mit der unerschütterlichsten Zuversicht auf die Zukunft die Ereignisse ab.

Der alte Herr Ablewhite erschien an jenem Abend nicht mehr. Aber ich wußte, welche Wichtigkeit seine weltliche Habgier der Heirath seines Sohnes mit Fräulein Verinder beilegte und ich war fest überzeugt —— Herr Godfrey mochte thun was er wollte es zu verhindern —— daß wir den alten Herrn am nächsten Tage bei uns sehen würden. Seine Einmischung in die Angelegenheit würde unzweifelhaft den Sturm, auf den ich rechnete und die heilsame Erschöpfung von Rachel’s Widerstandskraft herbeiführen. Ich weiß ganz gut, daß der alte Herr Ablewhite allgemein und besonders bei seinen Untergebenen im Rufe großer Gutmüthigkeit steht. Nach meiner Erfahrung verdient er diesen Ruf soweit man ihm seinen Willen läßt und nicht länger.

Am nächsten Tage wurde Tante Ablewhite, genau wie ich es vorhergesehen hatte, durch das plötzliche Erscheinen ihres Gatten in einen Zustand versetzt, der dem Erstaunen so nahe kam, wie es ihre Natur zuließ. Er war kaum eine Minute im Hause gewesen, als ihm, dieses Mal zu meinem Erstaunen, die Veranlassung zu einer unerwarteten Verwicklung in Gestalt des« Herrn Bruff auf dem Fuße folgte.

Ich erinnere mich nicht, durch die Gegenwart des Advokaten je so unangenehm berührt gewesen zu sein, wie in jenem Augenblick. Er sah aus, als ob er, völlig kampfbereit, vor keinem Hinderniß zurückschrecken würde.

»Eine sehr angenehme Ueberraschung, Herr Bruff,« sagte Herr Ablewhite, indem er sich mit seiner trügerischen Herzlichkeit an Herrn Bruff wandte. »Als ich gestern Ihr Bureau verließ, dachte ich nicht, daß ich heute die Ehre haben würde, Sie in Brighton zu sehen.«

»Ich habe unsere Unterhaltung noch einmal überdacht, nachdem Sie mich verlassen haben« erwiderte Herr Bruff, »und es fiel mir ein, daß ich Ihnen vielleicht bei dieser Gelegenheit von einigem Nutzen sein könnte. Ich konnte noch eben den Zug erreichen, fand aber den Wagen, in welchem Sie fuhren, nicht.«

Nachdem er diese Erklärung gegeben hatte, setzte er sich neben Rachel. Ich zog mich bescheiden in eine Ecke zurück, behielt aber Miß Jane Ann Stamper für vorkommende Fälle auf dem Schooß. Meine Tante saß am Fenster, sich, wie gewöhnlich, ruhig fächelnd. Herr Ablewhite stand in der Mitte des Zimmers mit seiner Glatze, die rosiger erschien, als ich sie früher gesehen und wandte sich in den zärtlichsten Ausdrücken an seine Nichte.

»Meine liebe Rachel,« sagte er, »ich habe sehr merkwürdige Dinge von Godfrey gehört und bin hergekommen, mich näher darüber zu erkundigen. Du hast Dein eigenes Wohnzimmer in diesem Hause, willst Du die Gefälligkeit haben, mich in dasselbe zu führen?«

Rachel rührte sich nicht. Ob sie entschlossen war eine Krisis herbeizuführen, oder ob sie eher pantomimischen Einflüsterung Herrn Bruff’s Gehör gab, ist mehr als ich sagen kann. Sie lehnte es ab den alten Herrn Ablewhite in ihr Wohnzimmer zu führen.

»Was Sie mir auch zu sagen wünschen,« antwortete sie, »können Sie hier, in der Gegenwart meiner Verwandten und —— dabei blickte sie auf Herrn Bruff —— »in der Gegenwart des vertrauten alten Freundes meiner Mutter sagen.«

»Ganz wie Du willst, liebes! Kind!« sagte der liebenswürdige Mr. Ablewhite. Er setzte sich. Die Uebrigen sahen ihn an als ob sie erwarteten, er werde nach 70 Jahren weltlicher Rücksichtnahme die Wahrheit sagen. Ich betrachtete seine Glatze, da ich bei andern Gelegenheiten beobachtet habe, daß seine wahre Gemüthsstimmung sich gerade an dieser Stelle zu verrathen pflegte.

»Vor einigen Wochen,« fuhr der alte Herr fort, »theilte mir mein Sohn mit, daß Fräulein Verinder ihm die Ehre erwiesen habe, sich mit ihm zu verloben. Ist es möglich, Rachel, daß er Deine Worte falsch oder zu sehr zu seinen Gunsten ausgelegt haben kann?«

»Ganz gewiß nichts« antwortete sie, »ich habe mich mit ihm verlobt.«

»Sehr offen geantwortet« sagte Herr Ablewhite, »und höchst befriedigend so weit. In Bezug auf das was vor einigen Wochen geschah, hat Godfrey sich nicht geirrt. Sein Irrthum muß daher offenbar in dem bestehen, was er mir gestern mitgetheilt hat. Jetzt wird es mir klar. Ihr Beiden habt mit einander einen Wortwechsel gehabt, wie er unter Verliebten vorkommt, und mein närrischer Sohn hat denselben für Ernst genommen. Ich hätte mich in seinem Alter besser auf dergleichen verstanden.«

Die gefallene Natur in Rachel —— die Mutter Eva so zu sagen —— begann sich bei diesen Worten zu regen.

»Bitte,« sagte sie, »Herr Ablewhite, lassen Sie uns einander nicht mißverstehen. Nichts einem Wortwechsel Aehnliches hat gestern zwischen Ihrem Sohn und mir stattgefunden. Wenn er Ihnen gesagt hat, daß ich ihm proponirt habe, unsere Verlobung wieder aufzulösen und daß er seinerseits sich einverstanden erklärt hat —— so hat er Ihnen die Wahrheit gesagt.«

Der Thermometer auf Herrn Ablewhites Glatze fing zu steigen an. Der Ausdruck seines Gesichts war liebenswürdiger als je, aber das Rosenroth auf seinem Kopf war schon um eine Nuance dunkler geworden!

»Komm’, komm’, liebes Kind!« sagte er in seinem beschwichtigendsten Tone, »sei nicht böse und sei nicht hart gegen den armen Godfrey! Er hat offenbar ein unglückliches Wort gesagt. Er war sein Lebelang unbeholfen, aber er meint es gut, Rachel, er meint es gut!«

»Herr Ablewhite, ich habe mich entweder sehr schlecht ausgedrückt, oder Sie mißverstehen mich absichtlich. Ein für allemal, es ist zwischen Ihrem Sohn und mir eine abgemachte Sache, daß wir für den Rest unsers Lebens Vetter und Cousine bleiben und nichts mehr. Ist das klar genug?«

Der Ton, in welchem sie diese Worte sprach, machte es selbst für den alten Herrn Ablewhite unmöglich, sie noch länger mißzuverstehen. Sein Thermometer stieg wiederum einen Grad, und seine Stimme hatte, als er wieder zu sprechen anfing, aufgehört das Organ eines für gutmüthig anerkannten Mannes zu sein.

»Ich muß Dich also dahin verstehen« sagte er, »daß Deine Verlobung aufgehoben ist.«

»Wenn ich bitten darf,« erwiderte Rachel.

»Ich habe es ferner als eine Thatsache zu betrachten, daß der Vorschlag, die Verlobung aufzuheben, von Dir ausgegangen ist«

»Der Vorschlag ging von mir aus« und fand, wie ich Ihnen sagte, die Zustimmung und Billigung Ihres Sohnes.«

Der Thermometer erreichte seinen höchsten Grad, das heißt das Rosenroth verwandelte sich plötzlich in Scharlach.

»Mein Sohn ist ein niedrig-gesinnter Hund!« schrie jetzt der wüthende alte Weltling »Als Genugthuung für mich, seinen Vater, nicht als Genugthuung für ihn, bitte ich Sie, Fräulein Verinder, mir zu sagen, welche Beschwerden Sie gegen Herrn Godfrey Ablewhite haben?«

Hier legte sich Herr Bruff zum ersten Male in’s Mittel.

»Sie sind nicht verpflichtet, diese Frage zu beantworten,« sagte er zu Rachel.

Sofort stürzte sich der alte Herr Ablewhite auf ihn.

»Vergessen Sie nicht, Herr Bruff,« sagte er, »daß Sie hier ein Gast sind, der sich selber eingeladen hat. Ihre Einmischung würde von besserer Wirkung gewesen sein, wenn Sie gewartet hätten, bis man dieselbe erbeten haben würde.«

Herr Bruff nahm keine Notiz von diesen Worten. Der glatte Firniß auf seinem verschmitzten alten Gesicht erlitt nie einen Bruch. Rachel dankte ihm für den Rath, den er ihr gegeben hatte, und wandte sich dann wieder gegen den alten Herrn Ablewhite mit einer Fassung in ihrem ganzen Wesen, die man in Rücksicht auf ihr Alter und ihr Geschlecht geradezu furchtbar finden mußte.

»Dieselbe Frage, die Sie eben an mich gerichtet haben, hat auch Ihr Sohn mir gethan,« sagte sie. »Ich hatte nur eine Antwort für ihn und habe auch nur eine Antwort für Sie. Ich habe ihm vorgeschlagen, uns gegenseitig unseres Wortes zu entbinden, weil ich mich durch Nachdenken überzeugt hatte, daß ich sowohl sein, wie mein Bestes fördern würde, wenn ich ein zu rasch gegebenes Versprechen zurücknähme und ihm die Freiheit seiner Wahl zurückgäbe.«

»Was hat mein Sohn gethan?« beharrte Herr Ablewhite. »Ich habe ein Recht, das zu erfahren! Was hat mein Sohn gethan?«

Sie beharrte ihrerseits ebenso eigensinnig bei dem einmal Gesagten.

»Ich habe Ihnen die einzige Erklärung gegeben, die ich Ihnen oder ihm zu geben für nothwendig halte,« antwortete sie.

»Mit andern Worten, es beliebt Ihnen, Fräulein Verinder, Ihr Spiel mit meinem Sohn zu treiben?«

Rachel schwieg einen Augenblick. Da ich dicht hinter ihr saß, vernahm ich, wie sie seufzte. Herr Bruff ergriff ihre Hand und drückte dieselbe. Sie erholte sich wieder und antwortete Herrn Ablewhite so kühn wie vorher.

»Ich habe mich schon schlimmeren Mißdeutungen als dieser ausgesetzt gesehen,« sagte sie, »und habe es ruhig ertragen. Die Zeit ist vorüber, wo man mich kränken konnte, wenn man mich eine alte Coquette nannte.«

Sie sprach diese Worte mit einer Bitterkeit des Tons, welche mich überzeugte, daß die scandalöse Mondstein-geschichte sich ihrem Gedächtniß wieder aufgedrängt haben mußte.

»Ich habe weiter nichts zu sagen,« fügte sie matt hinzu, gegen Niemanden im Zimmer gewandt, sondern von allen abgewandt, zu dem ihr zunächst befindlichen Fenster hinausblickend.

Herr Ablewhite sprang auf und stieß seinen Stuhl mit solcher Gewalt bei Seite, daß derselbe zu Boden fiel.

»Aber ich habe noch etwas zu sagen,« rief er aus, indem er mit der flachen Hand heftig auf den Tisch schlug. »Ich habe zu sagen, daß, wenn mein Sohn dieses Verfahren nicht als eine Insulte empfindet, ich thue es.«

Rachel stand auf und sah ihn mit überraschtem Staunen an.

»Insulte?« wiederholte sie. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Insulte!« wiederholte Herr Ablewhite. »Ich kenne den Grund, Fräulein Verinder, aus welchem Sie Ihr meinem Sohne gegebenes Versprechen gebrochen haben! Ich kenne ihn so gut, als ob Sie ihn ausdrücklich zugestanden hätten. Euer verfluchter Familienstolz insultirt jetzt Godfrey, wie er mich insultirte, als ich Deine Tante heirathete. Deine Familie —— Deine Bettlerfamilie —— kehrte ihr den Rücken, weil sie einen braven Mann heirathete, der sich selbst seine Stellung in der Gesellschaft und sein Vermögen erworben hat. Ich hatte keine Vorfahren. Ich stammte nicht von einer Bande gurgelabschneidender Schufte, die sich von Raub und Mord ernährten. Ich war nicht im Stande, die Zeit nachzuweisen, wo die Ablewhite’s kein Hemd auf dem Leibe hatten und ihren Namen nicht schreiben konnten. Ha! ha! ich war nicht gut genug für die Herncastle’s, als ich heirathete. Und jetzt ist mein Sohn nicht gut genug für Dich. Ich argwöhnte die Sache schon von Anfang an. Sie haben das Herncastle’sche Blut in Ihren Adern, mein verehrtes Fräulein. Ich habe die Sache von Anfang an vorausgesehen.«

»Ein sehr unwürdiger Verdacht,« bemerkte Herr Bruff. »Ich bin erstaunt, daß Sie den Muth haben, denselben auszusprechen.«

Bevor noch Herr Ablewhite Worte finden konnte, zu antworten, sprach Rachel in einem Tone geringschätzender Bitterkeit:

»Gewiß,« sagte sie, zu dem Advocaten gewandt, »ist es unter meiner Würde, darauf zu antworten. Wenn er solcher Gedanken fähig ist, so wollen wir ihn ungestört seinen Gedanken überlassen.«

Das Scharlach der Glatze des Herrn Ablewhite verwandelte steh nun in Purpur. Er schnappte nach Luft; seine Augen schweiften zwischen Rachel und Herrn Bruff mit dem Ausdruck einer wahnsinnigen Aufregung hin und her, in der er nicht zu wissen schien, wen von beiden er zuerst angreifen solle. Seine Frau, die bis zu diesem Augenblicke unbeweglich dagesessen und sich gefächelt hatte, fing an, sich zu beunruhigen und versuchte es, wiewohl ganz vergeblich, ihn zu beschwichtigen.

Ich hatte« während der ganzen Dauer dieser peinlichen Scene mehr als einmal den inneren Beruf gefühlt, mich mit einigen ernsten Worten in’s Mittel zu legen und hatte mich, einer christlichen englischen Frau sehr unwürdig, die nicht der gemeinen Klugheit, sondern dem sittlich Rechten Gehör geben soll, durch die Furcht vor den Folgen zurückhalten lassen. Bei dem Höhepunkt aber, den die Dinge jetzt erreicht hatten, erhob ich mich unbekümmert um alle Erwägungen reiner Zweckmäßigkeit. Wenn ich an die mögliche Zurückweisung meines bescheidenen Raths gedacht hätte, so würde ich vielleicht auch jetzt noch gezaudert haben. Aber für die betrübende Familienscene, deren Zeugin ich jetzt war, fand sich eine außerordentlich schöne und wunderbar zutreffende Stelle in der Correspondenz von Miß Jane Ann Stamper im 1001sten Brief über »Familienfrieden.« Ich erhob mich in meiner bescheidenen Ecke und öffnete mein köstliches Buch.

»Lieber Herr Ablewhite,« sagte ich, »ein Wort!«

In dem Augenblick, als ich durch mein Aufstehen die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf mich zog, war er ersichtlich im Begriff mir eine Grobheit zu sagen, aber meine schwesterliche Art ihn anzureden hielt ihn zurück. Er starrte mich in heidnischem Erstaunen an.

»Als einer wohlwollenden Freundin,« fuhr ich fort, »und als Einer, die seit langer Zeit gewohnt ist, Andere zu erwecken, zu überzeugen, vorzubereiten, zu erleuchten und zu stärken, gestatten Sie mir die verzeihlichste aller Freiheiten —— die Freiheit, Ihr Gemüth zu beruhigen.«

Er fing an, seine Fassung wieder zu gewinnen, er war im Begriff auszubrechen, und würde ohne Zweifel gegen jeden Andern seinen Gefühlen freien Lauf gelassen haben. Aber meine gewöhnlich so sanfte Stimme gebietet über einen wunderbar kräftigen Ton bei außerordentlichen Vorfällen. Bei dem gegenwärtigen Vorfall fühlte ich mich gebieterisch berufen, meine Stimme über die seinige zu erheben.

Ich hielt ihm mein kostbares Buch entgegen; ich wies nachdrücklich mit meinem Zeigefinger auf die offene Seite. »Nicht meine Worte!« rief ich heftig unterbrechend aus, »glauben Sie nicht, daß ich Ihre Aufmerksamkeit für meine geringen Worte in Anspruch nehme! Manna in der Wüste, Herr Ablewhite! Thau auf die versengte Erde! Worte des Trostes, Worte der Weisheit, Worte der Liebe —— die drei Mal gesegneten Worte von Miß Jane Ann Stamper!«

Hier wurde ich durch ein augenblickliches Hinderniß im Athmen zu einer Pause genöthigt. Bevor ich fortfahren konnte, schrie mir das Scheusal in Menschengestalt wüthend zu: »Miß Jane Ann Stamper soll ——!«

Es ist mir unmöglich, das furchtbare Wort niederzuschreiben, an dessen Stelle ich hier eine Lücke gelassen habe. Ich fuhr zusammen, als er es über die Lippen brachte; ich flog nach meiner kleinen Handtasche auf dem Nebentisch; ich schüttelte alle meine Tractate aus; ich ergriff ein speciell von Flüchen handelndes Tractätchen, das den Titel führt: »Still, um Gotteswillen!«; ich überreichte ihm dasselbe mit einem Ausdruck flehentlicher Bitte. Er riß es in Stücke und warf es mir über den Tisch wieder zu. Die Uebrigen erhoben sich bestürzt; in dem Gefühl der Ungewißheit über das, was folgen möchte. Ich setzte mich sofort wieder in meine Ecke. Bei einer ähnlichen Gelegenheit war Miß Jane Ann Stamper bei den Schultern gefaßt und aus dem Zimmer geschoben worden. Ich erwartete, von ihrem Geiste beseelt, eine Wiederholung ihres Märtyrerthums.

Aber nein —— es sollte nicht sein. Seine Frau war die nächste Person, an die er sich wandte.

»Wer —— wer —— wer,« sagte er vor Wuth stammelnd, »hat diese unverschämte Fanatikerin eingeladen? Du?«

Bevor Tante Ablewhite ein Wort erwidern konnte, antwortete Rachel für sie.

»Miß Clack ist hier,« sagte sie, »als mein Gast.«

Diese Worte übten eine eigenthümliche Wirkung auf Herrn Ablewhite. Sie verwandelten den rothglühenden Zorn des Mannes plötzlich in eiskalte Verachtung.

Es war klar für Jeden, daß Rachel etwas gesagt hatte, was ihn —— kurz und deutlich wie ihre Antwort gewesen war —— doch schließlich die Oberhand über sie gewinnen ließ.

»O,« sagte er, »Miß Clack ist hier als Ihr Gast in meinem Hause?«

Jetzt war die Reihe an Rachel, ihre Fassung zu verlieren. Sie wurde roth und ihre Augen glänzten vor Zorn. Sie wandte sich gegen den Advocaten und fragte, indem sie auf Herrn Ablewhite deutete, in geringschätzendem Tone: »Was meint er?«

Herr Bruff legte sich zum dritten Mal ins Mittel.

»Sie scheinen zu vergessen,« sagte er gegen Herrn Ablewhite gewandt, »daß Sie dieses Haus als Fräulein Verinder’s Vormund für dieselbe gemiethet haben.«

»Nicht so rasch!« unterbrach ihn Herr Ablewhite.

»Ich habe ein letztes Wort zu sagen, was ich schon früher würde ausgesprochen haben, wenn diese ——« er sah nach mir hinüber, zweifelhaft, mit welchem abscheulichen Namen er mich belegen solle —— »wenn diese schwatzhafte alte Jungfer uns nicht unterbrochen hätte. Ich erkläre Ihnen hiermit, Herr Bruff, daß, wenn mein Sohn nicht gut genug ist, Fräulein Verinders Gatte zu sein, ich nicht glauben kann, daß sein Vater gut genug ist, Fräulein Verinder’s Vormund zu sein. Verstehen Sie wohl, wenn ich bitten darf, daß ich die mir in Lady Verinders Testament angebotene Stellung ablehne. Dies Haus hat nothwendiger Weise in meinem Namen gemiethet werden müssen, wie es mir gefällt. Ich will Fräulein Verinder nicht drängen. Im Gegentheil, ich bitte sie, die Entfernung ihres Gastes und ihres Gepäcks ganz nach ihrer Convenienz zu bewerkstelligen.«

Er machte eine kleine Verbeugung und ging zum Zimmer hinaus.

Das war Herrn Ablewhite’s Rache an Rachel dafür, daß sie seinen Sohn nicht heirathen wollte!

In dem Augenblick, wo sich die Thür hinter ihnen schloß, äußerte sich Tante Ablewhite in einer für uns Alle wunderbar überraschenden Weise. Sie raffte sich energisch dazu auf, durch’s Zimmer zu gehen!

»Liebes Kind« sagte sie, indem sie Rachel’s Hand ergriff. »Ich müßte mich meines Mannes schämen, wenn ich nicht wüßte, daß nur sein Temperament mit Dir gesprochen hat und nicht er selbst. Du,« fuhr Tante Ablewhite zu mir in meiner Ecke gewandt mit einem andern Aufgebot von Energie fort, die sich dieses Mal nicht sowohl in ihren Gliedern als in ihren Blicken äußerte, »Du bist die boshafte Person, die ihn gereizt hat. ich hoffe weder Dich noch Deine Tractate je wiederzusehen.«

Sie ging wieder zu Rachel und küßte sie.

»Ich bitte Dich um Verzeihung, liebes Kind,« sagte sie, »im Namen meines Mannes. Was kann ich für Dich thun?«

Durch und durch verkehrt in allen Dingen, launenhaft und unvernünftig in allen Handlungen des Lebens, zerfloß Rachel in Thränen bei diesen Gemeinplätzen und erwiderte schweigend den Kuß ihrer Tante.

»Wenn Sie mir erlauben wollen, für Fräulein Verinder zu antworten,« sagte Herr Bruff, »darf ich Sie bitten, Mrs. Ablewhite, Penelope mit dem Shawl und dem Hut ihrer Herrin hinunterzuschicken. Lassen Sie uns zehn Minuten allein,« fügte er in einem leiseren Ton hinzu, »und Sie können sich darauf verlassen, daß ich die Sache zu Ihrer und Fräulein Rachel’s Befriedigung in Ordnung bringen werde.«

Das Vertrauen der Familie zu diesem Manne war merkwürdig. Ohne ein Wort weiter zu sagen, verließ Tante Ablewhite das Zimmer.

»Ach!« sagte Herr Bruff ihr nachsehend, »das Herncastle’sche Blut hat seine Fehler. Aber eine gute Erziehung hat doch ihren Werth.«

Nachdem er die rein weltliche Bemerkung gemacht, blickte er scharf nach meiner Ecke, als ob er erwartete, daß ich gehen werde; aber mein Interesse an Rachel —— ein unendlich viel höheres Interesse als das seinige —— fesselte mich an meinen Stuhl.

Herr Bruff gab seinen Versuch, mich von der Stelle zu bringen, auf, gerade wie er ihn damals bei Tante Verinder in Montague Square aufgegeben hatte. Er führte Rachel zu einem Stuhle am Fenster und sprach dort mit ihr.

»Mein liebes Fräuleins« sagte er, Herrn Ablewhite’s Benehmen hat sie natürlich choquirt und sehr überrascht. Wenn es der Mühe werth wäre, mit diesem Manne eine Frage zu erörtern, so würden wir ihm bald zeigen können, daß er nicht alles kann, was er will. Aber es ist nicht der Mühe werth. Sie hatten vollkommen Recht in dem, was Sie vorhin sagten: es ist unter unserer Würde, ihm darauf zu antworten.«

Er hielt inne und blickte sich nach meiner Ecke um. Ich saß dort ganz unbeweglich mit meinen Tractätchen im Arm und mit Miß Jane Ann Stamper auf meinem Schooß.

»Sie wissen,« fing er wieder an, indem er sich zu Rachel wandte, »daß es zu dem edlen Wesen Ihrer armen Mutter gehörte, an den sie umgebenden Leuten immer die guten und nie die schlechten Seiten herauszufinden. Sie ernannte ihren Schwager zum Vormund, weil sie an ihn glaubte und weil sie ihrer Schwester damit etwas Angenehmes zu erweisen dachte. Ich selbst hatte Herrn Ablewhite nie gut leiden können, und ich bewog Ihre Mutter, mich eine Clausel in das Testament aufnehmen zu lassen, vermöge deren ihre Executoren in gewissen Eventualitäten mit mir über die Ernennung eines andern Vormunds berathen sollten. Eine dieser Eventualitäten ist heute eingetreten, und ich befinde mich in der Lage, all dieses trockene Geschäftsdetail durch einen Auftrag meiner Frau, wie ich hoffen darf, in erwünschter Weise zu erledigen. Wollen Sie Mrs. Bruff die Ehre erweisen, ihr Gast zu sein? und wollen Sie unter meinem Dache verweilen und zu meiner Familie gehören, bis wir klugen Leute unsere Köpfe zusammengesteckt und festgestellt haben werden, was weiter geschehen soll?«

Bei diesen Worten erhob ich mich, um dazwischen zu treten.

Herr Bruff hatte genau das gethan, was ich gefürchtet hatte, als er Mrs. Ablewhite um Rachels Hut und Shawl bat. Bevor ich ein Wort einwenden konnte, hatte Rachel seine Einladung in den wärmsten Worten angenommen.

Wenn ich zugab, daß das so zwischen ihnen getroffene Arrangement zur Ausführung gebracht werde; wenn sie einmal die Schwelle von Herrn Bruffs Thür überschritt: so war es mit der Lieblingshoffnung meines Lebens, der Hoffnung mein Lieblingsschaf wieder zu der Heerde zurückzubringen, vorbei! Der bloße Gedanke an ein solches Unglück überwältigte mich. Ich warf die elenden Fesseln weltlicher Rücksichten bei Seite und sprach, wie es der Feuereifer der mich erfüllte, eingab:

»Halt!« sagte ich, »halt! Sie müssen mich hören, Herr Bruff! Sie sind nicht mit ihr verwandt, wie ich. Ich lade Sie ein —— ich fordere die Executoren auf, mich zum Vormund zu machen. Rachel, theuerste Rachel, ich biete Dir mein bescheidenes Hans; komm mit dem nächsten Zuge nach London, liebes Kind, und theile mein Haus mit mir!«

Herr Bruff erwiderte nichts. Rachel blickte mich mit einem grausamen Erstaunen an, das sie zu verbergen keinen Versuch machte.

»Sie sind sehr freundlich, Drusilla,« sagte sie; »ich hoffe Sie besuchen zu können, so oft ich nach London komme. Aber ich habe Herrn Bruff’s Einladung angenommen und ich glaube, es ist für jetzt das Beste, wenn ich unter Herrn Bruff’s Obhut bleibe.«

»O, sage das nicht!« erwiderte ich; ich kann mich nicht von Dir trennen, Rachel, ich kann mich nicht von Dir trennen.«

Ich versuchte es, sie in meine Arme zu schließen. Aber sie wich zurück. Mein Feuereifer hatte sich ihr nicht mitgetheilt; er beunruhigte sie nur.

»Offen gestanden« sagte sie, »scheint mir diese Aufregung hier sehr übel angebracht Ich verstehe sie nicht.«

»Und ich eben so wenig,« sagte Herr Bruff.

Ihre Härte, ihre gehässige, weltliche Härte empörte mich.

»Rachel, Rachel!« brach ich aus. »Bist Du noch nicht inne geworden, daß mein Herz sich danach sehnt, eine Christin aus Dir zu machen? Hat keine innere Stimme Dir gesagt, daß ich für Dich zu thun versuche, was ich eben für Deine theure Mutter zu thun versuchte, als der Tod sie meinen Händen entriß?«

Rachel trat einen Schritt näher und sah mich sehr sonderbar an.

»Ich verstehe Ihre Beziehung auf meine Mutter nicht,« sagte sie. »Miß Clack, wollen Sie die Güte haben, sich zu erklären?«

Noch bevor ich antworten konnte, trat Herr Bruff heran und versuchte, indem er Rachel seinen Arm bot, sie aus dem Zimmer zu führen.

»Sie thäten besser, mein liebes Kind, diesen Gegenstand nicht weiter zu verfolgen,« sagte er; »und Miß Clack thäte besser, sich nicht näher zu erklären.«

Wäre ich ein Stock oder ein Stein gewesen, so hätte doch eine solche Einmischung mich aufreizen müssen, für die Wahrheit zu zeugen. Empört schob ich Herrn Bruff mit eigener Hand bei Seite und legte in feierlicher und angemessener Sprache die Anschauung dar, in welcher eine gesunde Lehre kein Bedenken trägt, dem furchtbaren Unglück eines unvorbereiteten Todes in’s Auge zu sehen.

Rachel fuhr —— ich erröthe, es niederschreiben zu müssen —— mit einem Schrei des Entsetzens zurück.

»Kommen Sie!« rief sie Herrn Bruff zu, »kommen Sie um Gotteswillen, bevor das Weib noch mehr sagen kann! O, denken Sie an das harmlose, nützliche, schöne Leben meiner armen Mutter! Sie haben dem Leichenbegräbnisse beigewohnt, Herr Bruff; Sie haben gesehen, wie Jedermann sie liebte; Sie haben gesehen, wie die Armen an ihrem Grabe über den Verlust ihrer besten Freundin weinten. Und diese elende Person steht hier und will Zweifel in mir daran erwecken, daß meine Mutter die ein Engel auf Erden war, jetzt ein Engel im Himmel ist! Verlieren Sie kein Wort darüber! Kommen Sie! Es erstickt mich, dieselbe Luft mit ihr zu athmen! Es ist mir ein schrecklicher Gedanke, mich in demselben Zimmer mit ihr zu befinden!«

Taub gegen alle Vorstellungen eilte sie der Thür zu.

In demselben Augenblick trat ihre Kammerjungfer mit ihrem Hut und Shawl herein. Sie warf dieselben rasch über und sagte: »Pack’ meine Sachen und bringe sie nach Herrn Bruff’s Haus.« Ich versuchte es, mich ihr zu nähern —— ich war entrüstet und schwer gekränkt, aber ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, nicht beleidigt. ich wünschte ihr nur zu sagen: »Möge sich Dein hartes Herz erweichen! Ich vergebe Dir gern!« Sie zog ihren Schleier über’s Gesicht, entriß ihren Shawl meinen Händen, eilte zur Thür hinaus und warf mir dieselbe vor der Nase zu. Ich ertrug diese Insulte mit meiner gewohnten Seelenstärke. Ich erinnere mich dessen jetzt mit meiner gewohnten Erhabenheit über alle Empfindungen der Beleidigung.

Herr Bruff hatte zum Abschied noch ein höhnendes Wort für mich, bevor auch er zur Thür hinauseilte.

»Sie hätten besser gethan, sich nicht näher zu erklären!« sagte er, verneigte sich und verließ das Zimmer.

Die Person mit den Mützenbändern folgte: »Es ist nicht schwer zu sehen,« sagte sie. »wer sie Alle gegen einander gehetzt hat. Ich bin nur eine arme Dienerin, aber ich schäme mich in Ihre Seele!« Damit ging auch sie hinaus und schlug die Thür hinter sich zu.

Ich blieb allein im Zimmer zurück. Von ihnen Allen verworfen, von ihnen Allen verlassen, blieb ich allein im Zimmer zurück.

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Brauche ich dieser einfachen Darlegung von Thatsachen noch etwas hinzuzufügen, diesem rührenden Gemälde einer von der Welt verfolgten Christin? Nein! Mein Tagebuch erinnert mich, daß hier abermals eines der vielen bunten Capitel meines Lebens endet. Seit jenem Tage habe ich Rachel Verinder nicht wieder gesehen. Ich verzieh ihr in dem Augenblick, wo sie mich insultirte. Ich habe seitdem immer für sie gebetet. Und wenn ich sterbe, werde ich ihr, um das Maß meiner Vergeltung von Bösem mit Gutem voll zu machen, »das Leben, die Briefe und die Arbeiten von Miß Jane Ann Stamper« in meinem Testament vermachen.



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