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Der Mondstein



Neuntes Capitel.

Des Doktors niedliches Hausmädchen stand, die offene Hausthür in der Hand, auf mich wartend da. Die Morgensonne beleuchtete das Gesicht von Herrn Candy’s Assisstenten hell, als ich mich umdrehte und ihn ansah.

Es war unmöglich, Betteredge’s Behauptung zu bestreiten, daß die Erscheinung Ezra Jennings für das Auge der Menge gegen ihn sprechen mußte. Seine zigeunerhafte Hautfarbe, seine eingefallenen Wangen, seine dürren Backenknochen, seine träumerischen Augen, sein wunderbar doppelfarbiges Haar, der merkwürdige Widerspruch zwischen seinem Gesichte und seiner Gestalt, der ihn zu gleicher Zeit alt und jung aussehen machte, das Alles war dazu angethan, auf einen Fremden einen ungünstigen Eindruck hervorzubringen. Und doch! —— obgleich ich mich dieses Eindrucks nicht zu Erwehren vermochte —— kann ich nicht leugnen, daß Ezra Jennings ein unwiderstehliches Gefühl der Sympathie in mir erweckte. Während meine Welterfahrung mich mahnte, seine Frage bejahend zu beantworten und dann meines Weges zu gehen —— hielt mich doch mein Interesse für Ezra Jennings zurück und gab ihm die Gelegenheit, vertraulich mit mir über seinen Prinzipal zu reden, auf den er augenscheinlich gewartet hatte.

»Gehen Sie desselben Weges mit mir, Herr Jennings?« sagte ich, da ich bemerkte, daß er seinen Hut in der Hand hielt, »ich will meiner Tante Ablewhite einen Besuch machen.«

Ezra Jennings erwiderte, daß er einen Patienten zu besuchen habe und daß er denselben Weg gehe.

Wir verließen das Haus zusammen. Es fiel mir auf, daß das hübsche Dienstmädchen, das ganz Lächeln und Liebenswürdigkeit war, als ich ihr beim Hinausgehen »guten Morgen« wünschte, eine kleine einfache Bestellung von Ezra Jennings, die sich auf die wahrscheinliche Zeit seiner Rückkehr bezog, mit zusammengekniffenen Lippen und mit Augen entgegennahm, die kein Hehl daraus machten, daß sie alles Andere lieber ansehen wollten, als sein Gesicht. Der arme Kerl war offenbar im Hause nicht beliebt. Außer dem Hause war er, wie ich von Betteredge wußte, überall unpopulär.

Ezra Jennings schien entschlossen, nachdem er seinerseits einmal auf Herrn Candy’s Krankheit angespielt hatte, es mir zu überlassen, den Gegenstand wieder aufzunehmen. Sein bedeutungsvolles Schweigen sagte mir: »Jetzt ist die Reihe an Ihnen!« Ich hatte meine Gründe, auf die Krankheit des Doctors zurückzukommen, und übernahm bereitwillig die Verantwortlichkeit, zuerst wieder das Wort zu ergreifen.

»Nach der Veränderung zu schließen, die ich an Herrn Candy beobachtet habe,« fing ich an, muß seine Krankheit viel ernster gewesen sein, als ich vermuthet hatte.«

»Es ist beinahe ein Wunden« sagte Ezra Jennings, »daß er es überlebt hat.«

»Ist sein Gedächtniß nie besser, als ich es heute gefunden habe? Er hat es versucht, mit mir über etwas zu reden ——«

»Das in die Zeit vor seiner Krankheit fällt?« fragte der Assistent, als er bemerkte, daß ich zauderte, den Satz zu vollenden.

»Ja.«

»Seine Erinnerungen an Ereignisse jener Zeit sind hoffnungslos geschwächt,« sagte Ezra Jennings »Man möchte fast die dürftigen Ueberreste beklagen, die dem armen Mann noch davon verblieben sind. Er erinnert sich dann und wann dunkel gewisser Pläne, gewisser Dinge, die er vor seiner Krankheit sagen oder thun wollte, —— aber er ist vollkommen unfähig, sich diese Absichten oder diese Dinge wieder in’s Gedächtniß zu rufen. Er ist sich seiner Schwäche schmerzlich bewußt und wie Sie bemerkt haben werden, peinlich bemüht, dieselbe der Beachtung Anderer zu entziehen. Wenn er in einen Zustand völliger Vergessenheit des Vergangenen hätte verfallen können, so würde er glücklicher sein. Vielleicht wären wir Alle glücklicher,« fügte er mit einem trüben Lächeln hinzu, »wenn wir die Vergangenheit völlig vergessen könnten«

»Aber doch trägt jeder Mensch Erinnerungen aus seinem Leben mit sich,« erwiderte ich, »die er ungern entbehren würde.«

»Das trifft gewiß für die meisten Menschen zu, Herr Blake, aber ich fürchte, nicht für Alle. Haben Sie irgendwelchen Grund anzunehmen, daß die Erinnerung, welche Herr Candy, während Sie sich eben mit ihm unterhielten, wieder in sich wach zu rufen bemüht war, von Wichtigkeit für Sie sein würde?«

Mit diesen Worten hatte er unaufgefordert den Punkt berührt, über den ich ihn um Rath zu fragen lebhaft wünschte. Das Interesse, welches mir dieser sonderbare Mann einflößte, war für mich der erste Antrieb gewesen, ihm eine Gelegenheit zu geben mit mir zu reden. Indem ich mit dem, was ich meinerseits über seinen Prinzipal zu sagen haben möchte, zurückhielt, bis ich mich zuvor überzeugt haben würde, daß er ein Mann sei, auf dessen Delicatesse und Discretion ich mich verlassen könne, war ich schon nach dem Wenigen, was er bis jetzt gesagt hatte, sicher, daß ich mit einem Gentleman zu thun habe. Er hatte, was ich als eine zur zweiten Natur gewordene Selbstbeherrschung bezeichnen möchte, die nicht nur in England, sondern überall in der civilisirten Welt das Zeichen einer guten Erziehung ist. Was er auch bei seiner eben an mich gerichteten Frage für einen Zweck im Auge gehabt haben mochte, so trug ich doch schon jetzt kein Bedenken, ihm seine Frage rückhaltlos zu beantworten.

»Ich glaube, ich habe ein sehr dringendes Interesse,« sagte ich, »die Spur der verlorenen Erinnerung, welche Herr Candy nicht wieder aufzufrischen im Stande ist, zu verfolgen. Darf ich mir die Frage erlauben; ob Sie mir irgend ein Mittel, seinem Gedächtniß zu Hilfe zu kommen, an die Hand geben können?«

Ezra Jennings blickte mich mit einem plötzlich aufblitzenden Interesse in seinen träumerisch - braunen Augen an.

»Dem Gedächtnis; des Herrn Candy,« sagte er, »ist auf keine Weise aufzuhelfen. Ich habe seit seiner Wiederherstellung oft genug vergebliche Versuche dieser Art gemacht und kann mich über diesen Punkt ganz positiv aussprechen.

Diese Bemerkung desappointirte mich und ich hatte daraus kein Hehl.

»Ich gestehe« sagte ich, »daß Sie die Hoffnung auf eine weniger entmuthigende Antwort in mir rege gemacht hatten.«

Ezra Jennings lächelte. »Vielleicht ist es nicht mein letztes Wort, Herr Blake, vielleicht ist es möglich, die Spur der verlorenen Erinnerung des Herrn Candy zu verfolgen, ohne an Herrn Candy selbst appelliren zu müssen.«

»Wirklich? Ist es nicht indiscret, zu fragen, wie das möglich wäre?«

Durchaus nicht. Die einzige Schwierigkeit bei Beantwortung Ihrer Frage besteht für mich in der Schwierigkeit, mich zu erklären. Wird es keine zu harte Geduldsprobe für Sie sein, wenn ich noch einmal auf Herrn Candy’s Krankheit zurückkomme und wenn ich Ihnen dabei dieses Mal einige technische Details nicht erspare?«

»Bitte, fahren Sie fort. Sie haben mich schon auf diese Details begierig gemacht« Mein Eifer schien ihn zu ergötzen Er lächelte wieder. Wir hatten eben die letzten Häuser der Stadt hinter uns gelassen. Ezra Jennings stand einen Augenblick still und pflückte einige wildwachsende Blumen von der Hecke am Wege. »Wie schön die Blumen sind,« sagte er, indem er mir sein kleines Bouquet zeigte. »Und wie wenige Leute in England den rechten Sinn für die Schönheit solcher Blumen haben!«

»Sie sind kein geborener Engländer?« fragte ich.

»Nein. Ich bin in einer unserer Colonien geboren und theilweise erzogen. Mein Vater war ein Engländer, aber meine Mutter . . . Aber wir kommen von unserem Gegenstande ab, Herr Blake, und zwar durch meine Schuld. Ich habe ein eigenes Verhältniß zu diesen bescheidenen kleinen Blumen. Aber lassen wir das; wir sprachen von Herrn Candy, kommen wir aus ihn zurück.«

Indem ich die wenigen Worte über ihn selbst, die ihm so widerwillig entschlüpft waren, mit der melancholischen Weltanschauung welche ihn das menschliche Glück in einem vollständigen Vergessen der Vergangenheit finden ließ, in Verbindung brachte, gewann ich die Ueberzeugung, daß die Geschichte, welche ich in seinem Gesicht zu lesen glaubte, in zwei Punkten wenigstens der Wahrheit entsprach. Er hatte gelitten wie wenige Menschen und sein englisches Blut war mit dem einer fremden Race gemischt.

»Sie haben vermuthlich von der ursprünglichen Veranlassung von Herrn Candy’s Krankheit gehört?« fing er wieder an. »An dem Abend nach Lady Verinder’s Mittags-Gesellschaft regnete es heftig. Mein Principal fuhr in seinem offenen Wägelchen im Regen nach Hause und wurde bis aus die Haut durchnäßt.

In seiner Wohnung fand er eine dringende Bestellung eines Patienten vor, der ihn sehnsüchtig erwartete und fuhr unvernünftiger Weise sofort zu diesem Kranken, ohne sich die Zeit zu lassen, seine Kleider zu wechseln. Ich selbst war an jenem Abend durch einen Fall in einiger Entfernung von Frizinghall in Anspruch genommen.

Als ich am nächsten Morgen zurückkehrte, fand ich Herrn Candy’s Diener in großer Unruhe auf mich wartend, um mich nach dem Zimmer seines Herrn zu führen. Das Unheil war bereits geschehen. Die Krankheit war ausgebrochen.«

»Ich habe bis jetzt nur in ganz allgemeinen Ausdrücken von der Krankheit als von einem Fieber reden hören,« sagte ich.

»Ich kann nichts zur genaueren Bezeichnung hinzufügen,« antwortete Ezra Jennings. »Vom ersten bis zum letzten Augenblick nahm das Fieber keine spezifische Form an. Ich schickte auf der Stelle zu zwei von Herrn Candy’s Collegen in die Stadt, mit der Bitte, mich bei diesem Fall mit ihrem Rath zu unterstützen. Sie stimmten mit mir darin überein, daß die Sache sehr ernst sei, wichen aber Beide in Betreff der anzuwendenden Behandlung wesentlich von meiner Ansicht ab. Wir waren ganz verschiedener Meinung über die Schlüsse, die aus dem Pulsschlag des Patienten zu ziehen seien. Die beiden Doctoren folgerten aus der Raschheit des Pulsschlags, daß eine herabstimmende Behandlung die einzig angezeigte sei, während ich meinerseits zwar die Raschheit des Pulsschlags zugab, aber gleichzeitig in der beunruhigenden Schwäche desselben ein Symptom der Erschöpfung des ganzen Systems erblickte, welches die Anwendung von stimulirenden Mitteln gebieterisch fordere. Die beiden Doktoren wollten ihn auf eine Diät von Limonade, Hafer und Gerstenschleim u. s. w. setzen. Ich hingegen erklärte mich dafür, ihm Champagner oder Cognac, und Chinin zu geben. Eine sehr ernste Meinungsverschiedenheit, wie Sie sehen, zwischen zwei selbstständig etablirten Aerzten von bewährtem localen Ruf auf der einen und einem Fremden, der nur der Assistent des Patienten war, auf der anderen Seite. In den ersten paar Tagen hatte ich keine Wahl, als den älteren und angeseheneren Männern nachzugeben. Als aber die Kräfte des Patienten fortwährend abnahmen, machte ich einen zweiten Versuch, die unwiderleglich klare Beweiskraft des Pulses für mich anzurufen. Seine Raschheit war dieselbe und seine Schwäche hatte zugenommen.

Die beiden Doctoren nahmen meine eigensinnige Beharrlichkeit übel und sagten mir: »Herr Jennings, wir behandeln diesen Fall oder Sie behandeln ihn! Wählen Sie!«" worauf ich erwiderte: »Meine Herren, lassen Sie mir fünf Minuten Zeit zur Ueberlegung und ich will Ihnen auf Ihre entschiedene Frage eine entschiedene Antwort geben. Nach Verlauf der erbetenen Bedenkzeit hatte ich meine Antwort bereit. Ich sagte: »Weigern Sie sich positiv, es mit einer stimulirenden Behandlung zu versuchen?« Sie sprachen diese Weigerung in der positivsten Weise aus. »Dann werde ich diese Behandlung auf meine eigene Hand versuchen, meine Herren.« —— »Versuchen Sie es, Herr Jennings, und wir räumen Ihnen das Feld.« —— Ich ließ eine Flasche Champagner aus dem Keller holen und gab dem Patienten mit eigener Hand ein halbes Wasserglas voll zu trinken. Die beiden Aerzte setzten schweigend ihre Hüte auf und verließen das Haus.

»Sie hatten damit eine sehr ernste Verantwortlichkeit auf sich genommen,« sagte ich. »Ich an Ihrer Stelle würde, fürchte ich, davor zurückgeschreckt sein.«

»An meiner Stelle würden Sie sich erinnert haben, daß Herr Candy Sie unter Umständen engagirt habe, die Sie für Ihre Lebenszeit zu seinem Schuldner machten. An meiner Stelle würden Sie gesehen haben wie er stündlich schwächer wurde, und würden lieber Alles gewagt haben, als den einzigen Menschen, der sich Ihnen freundlich erwiesen hatte, vor Ihren Augen sterben zu lassen. Denken Sie nicht, daß ich für das Schreckliche der Lage, in die ich mich selber gebracht hatte, unempfindlich gewesen wäre! Es gab Momente, in denen ich das ganze Elend meiner Freudlosigkeit, die ganze Gefahr meiner furchtbaren Verantwortlichkeit fühlte.

Wenn ich ein glücklicher Mensch gewesen wäre, wenn ich ein heiteres Leben hinter mir gehabt hätte, so würde ich, glaube ich, der Last der Ausgabe, die ich mir selbst aufgebürdet hatte, unterlegen sein. Aber für mich gab es keine vergangenen glücklichen Tage auf die ich hätte zurückblicken können; ich hatte nie den Seelenfrieden gekannt, dessen Contrast mit meiner gegenwärtigen Angst und Ungewißheit sich mir hätte aufdrängen können und ich ließ mich in meinem Entschluß durch nichts irre machen. Nur in den Tagesstunden, in denen sich mein Patient am erträglichsten befand, gönnte ich mir etwas Ruhe, den übrigen Theil der vierundzwanzig Stunden des Tages wich ich, so lange sein Leben in Gefahr war, nicht von seinem Bette. Gegen Sonnenuntergang trat, wie gewöhnlich in solchen Fällen, das Delirium, das mit dem Fieber verbunden zu sein pflegt, ein. Dasselbe dauerte mehr oder weniger die ganze Nacht hindurch und ließ dann in jener schrecklichen Zeit zwischen 2 und 5 Uhr, wo die Lebensgeister selbst der Gesündesten unter uns am tiefsten gesunken sind, nach. Das ist die Zeit, wo der Tod seine reichste Ernte unter den Menschen hält. In diesen Stunden bestand ich am Krankenbette einen furchtbaren Kampf mit dem Tode, dem ich seine Beute abzuringen suchte. Keinen Augenblick wurde ich an dem Spiel irre, das ich mit meiner Behandlungsart gewagt hatte. Wenn der Wein seine Dienste versagte, versuchte ich es mit Cognac. Wenn alle Stimulanzen ihre Wirkung verfehlten, verdoppelte ich die Dosis. Nach einer Zeit schrecklicher Ungewißheit, —— deren gleichen ich Gott bitte, mich nicht wieder erleben zu lassen, —— kam ein Tag, wo die Rapidität des Pulsschlags unbedeutend aber doch merklich abnahm und, was noch besser war, auch die Art des Pulsschlags sich in ganz unzweideutiger Weise veränderte und der Puls fester und stärker wurde. Da wußte ich, daß ich ihn gerettet hatte und da brach ich zusammen. Ich legte die abgezehrte Hand des armen Mannes wieder aufs Bett und brach in Thränen aus. Eine Erleichterung durch hysterische Thränen, Herr Blake, weiter nichts! Die Physiologie behauptet, und zwar mit Recht, daß es weiblich organisirte Männer giebt —— und zu diesen gehöre ich!«

Er sprach diese bittere ärztliche Entschuldigung für seine Thränen in derselben ruhigen und schmucklosen Weise aus, in der er auch alles Vorhergehende gesagt hatte. In seinem Ton und ganzen Wesen äußerte sieh von Anfang bis zu Ende eine ängstliche, fast krankhafte Beflissenheit, sich mir gegenüber nicht interessant zu machen.

»Sie werden mich gewiß fragen,« fuhr er fort, »Warum ich Sie mit diesem ermüdenden Detail behelligt habe. Aber ich weiß keine andere Art, Herr Blake, Sie passend auf das vorzubereiten, was ich Ihnen demnächst zu sagen habe. Sie kennen jetzt genau meine Lage zur Zeit von Herrn Candrys Krankheit, um so eher werden Sie es begreifen, daß ich ein schmerzliches Bedürfniß empfand, mir von Zeit zu Zeit eine Erleichterung der auf meinem Gemüth lastenden Sorge zu verschaffen. Seit einigen Jahren habe ich meine Mußestunden mit dem Versuch ausgefüllt, ein den Mitgliedern meines Berufs gewidmetes Buch über den intricaten und delicaten Gegenstand des Gehirns und der Nerven zu schreiben. Meine Arbeit wird wahrscheinlich nie vollendet und gewiß nie veröffentlicht werden. Nichtsdestoweniger ist sie mir in mancher einsamen Stunde ein Freund gewesen und hat mir geholfen, die angstvollen Stunden ungewissen Wartens an Herrn Candy’s Bett zu überstehen. Ich habe Ihnen, glaube ich, schon gesagt, daß er heftig phantasirte und auch die Stunden genannt, wo dieses Delirium einzutreten pflegte, nicht wahr?«

»Ja.«

»Nun hatte ich gerade zu jener Zeit einen Abschnitt meines Buches beendet, welcher diese Frage des Deliriums berührte. Ich will Sie mit meiner Theorie über den Gegenstand nicht aufhalten. Ich will mich vielmehr darauf beschränken, Ihnen nur das davon mitzutheilen, was Sie in diesem Augenblick interessiren kann. Es ist mir im Laufe meiner ärztlichen Praxis oft ein Zweifel darüber aufgestiegen, ob wir in Fällen des Deliriums aus dem Verlust der Fähigkeit, zusammenhängend zu reden, mit Recht auf den Verlust der Fähigkeit, zusammenhängend zu denken, als eine nothwendige Folge schließen dürfen. Die Krankheit des armen Herrn Candy gab mir eine Gelegenheit, die Berechtigung meines Zweifels zu erproben. Ich bin des Stenographirens kundig und konnte vermöge dieser Fertigkeit die irren Reden des Kranken wörtlich wie er sie aussprach, zu Papier bringen. —— Sehen Sie nun endlich, Herr Blake, wo ich hinaus will?«

Ich sah es vollkommen deutlich und horchte mit gespanntester Aufmerksamkeit athemlos auf.

»Gelegentlich, wie sich die Zeit dazu fand,« fuhr Ezra Jennings fort, »übertrug ich dann meine stenogrophischen Aufzeichnungen in gewöhnliche Schrift, indem ich zwischen den abgebrochenen Sätzen und selbst zwischen den einzelnen Worten, wie sie Herrn Candy zusammenhangslos entfallen waren, leere Stellen ließ. Ich behandelte dann das so erlangte Resultat nach einer ähnlichen Methode, wie man sie bei der Zusammensetzung eines Geduldspiels für Kinder anzuwenden pflegt. Anfänglich erscheint Alles Verwirrung, aber wenn man nur den rechten Schlüssel dazu findet, kann man Alles in seine gehörige Ordnung bringen. Ich wandte dieses Verfahren an, indem ich die leeren Stellen auf dem Papier mit dem ausfüllte, was mir die Sätze und Worte an beiden Enden des leeren Raums als die wirkliche Meinung des Sprechenden an die Hand gaben, indem ich dabei fort und fort änderte, bis meine Zusätze sich den vorangehenden Worten natürlich anzuschließen und die folgenden Worte einzuleiten schienen. Das Ergebniß war, daß ich mir in dieser Weise nicht nur über viele angstvolle und müßige Stunden hinweghalf, sondern daß ich zu etwas gelangte, was mir eine Bestätigung meiner Theorie zu sein schien. Deutlicher gesprochen, nachdem ich die abgebrochenen Sätze zusammengefügt hatte, fand ich, daß das höhere Vermögen, mehr oder weniger zusammenhängend zu denken, in dem Geiste meines Patienten fortwirke, während das niedrigere Vermögen des Ausdrucks sich in einem Zustande fast völliger Unfähigkeit und Verwirrung befand.«

»Ein Wort!« unterbrach ich eifrig, »Kam in seinen irren Reden je mein Name vor?«

»Das sollen Sie gleich hören, Herr Blake. Unter den schriftlichen Beweisen meiner eben aufgestellten Behauptung oder richtiger, unter den schriftlichen Experimenten, welche ich zu dem Zweck angestellt habe, um meine Behauptung zu beweisen, befindet sich eines, in welchem Ihr Name vorkommt. Fast während einer ganzen Nacht war Herrn Candy’s Geist mit etwas beschäftigt, was zwischen ihm und Ihnen vorgegangen war. Ich habe seine abgebrochenen Worte, wie sie ihm entfuhren, auf einem Blatt Papier und die von mir aufgefundenen Ringe, welche zwischen jenen Worten eine Kette herzustellen bestimmt sind, auf einem andern Blatt Papier. Das Product, wie man in der Arithmetik sagt, ist die verständliche Angabe erstens: von etwas in der Vergangenheit wirklich Geschehenem, und zweitens von etwas, was Herr Candy künftig zu thun beabsichtigte, und an dessen Ausführung ihn seine Krankheit vermuthlich verhindert hat. Die Frage ist nun, ob das die verlorene Erinnerung ist, welche wieder aufzufrischen er sich diesen Morgen bei Ihrem Besuch vergeblich abmühte oder nicht.«

»Ganz unzweifelhaft« antwortete ich. »Lassen Sie uns auf der Stelle umkehren und die Papiere in Augenschein nehmen!«

»Das ist unmöglich, Herr Blake!«

»Warum?«

»Versetzen Sie sich einen Augenblick in meine Lage,« entgegnete Ezra Jennings. »Würden Sie einer andern Person das, was Ihrem leidenden Patienten und hilflosen Freunde in bewußtlosem Zustande entfahren ist, enthüllen, wenn Sie sich nicht vorher vergewissert hätten, daß Ihre Mittheilung durch eine dringende Nothwendigkeit gerechtfertigt erscheine?

Ich fühlte sehr wohl, daß darauf nichts zu erwidern sei, versuchte es aber nichtsdestoweniger, die Frage mit ihm zu discutiren.

»Mein Benehmen in einer so delicaten Situation, wie Sie sie bezeichnen,« erwiderte ich, »würde größtentheils davon abhängen, ob die Enthüllung geeignet wäre, einen Freund zu compromittiren oder nicht.«

»Ich habe diese Seite der Frage bereits seit langer Zeit erwogen,« sagte Ezra Jennings. »Wo immer meine Aufzeichnungen irgend etwas enthielten, wovon ich annehmen mußte, daß Herr Candy dasselbe geheim zu halten gewünscht haben würde, habe ich diese Aufzeichnungen vernichtet. Die von mir an dem Krankenbette meines Freundes angestellten schriftlichen Experimente enthalten jetzt nichts mehr, was er Anstand genommen haben würde, Andern mitzutheilen, wenn er den Gebrauch seines Gedächtnisses wieder erlangt hätte. In Ihrem Fall habe ich sogar Ursache zu glauben, daß meine Aufzeichnungen Etwas enthalten, was er Ihnen selbst mitzutheilen wünschte.«

»Und doch nehmen Sie Anstand?«

»Und doch nehme ich Anstand. Vergegenwärtigen Sie sich die Umstände, unter welchen ich die Kunde, in deren Besitz ich mich befinde, erlangt habe. So harmlos deren Besitz an und für sich ist, so kann ich es doch nicht über mich gewinnen, Ihnen dieselbe mitzutheilen, bevor Sie mich nicht überzeugt haben, daß dazu ein besonderer Grund vorliegt. Er war so entsetzlich krank, Herr Blake, und so hilflos in meiner Gewalt, —— können Sie es mir unter diesen Umständen verdenken, wenn ich Sie nur um eine Andeutung darüber bitte, worin Ihr Interesse an jener entschwundenen Erinnerung besteht, oder was Sie für den Inhalt jener entschwundenen Erinnerung halten?

Um ihm mit der Offenheit zu antworten, auf welche seine Sprache und sein Wesen ihm beide einen gleich berechtigten Anspruch gaben, würde ich mich zu dem Geständniß haben herbeilassen müssen, daß der Verdacht des Diebstahls des Diamanten auf mir laste. So sehr sich auch mein erstes impulsives Interesse an Ezra Jenning’s Person im Verlaufe unserer Unterhaltung gesteigert hatte, so hatte er doch meine unüberwindliche Abneigung, mich über meine entwürdigende Situation auszusprechen, nicht ganz beseitigen können. Ich nahm abermals zu den erklärenden Phrasen meine Zuflucht, mit welchen ich mich gegen die Neugierde Fremder gewaffnet hatte.

Dieses Mal hatte ich mich nicht über Mangel an Aufmerksamkeit von Seiten der Person, an die ich mich wandte, zu beklagen. Ezra Jennings hörte geduldig, ja ängstlich aufmerksam zu, bis ich geendet hatte.

»Ich bedaure, Herr Blake,« sagte er, »daß ich Ihre Erwartungen gespannt habe, nur um Sie enttäuschen zu müssen. Während der ganzen Dauer der Krankheit des Herrn Candy vom ersten bis zum letzten Augenblick ist ihm kein Wort über den Diamanten entfahren Die Angelegenheit, im Zusammenhang mit welcher ich ihn Ihren Namen habe aussprechen hören, steht, wie ich Sie versichern kann, in keiner noch so entfernten Beziehung zu dem Verlust oder der Wiederauffindung von Fräulein Verinder’s Juwel.«

Als er diese Worte sagte, waren wir gerade an einer Stelle der Landstraße angelangt, wo sich dieselbe in zwei Wege theilte. Der eine derselben führte nach dem Hause meines Onke1s Ablewhite und der andere nach einem zwei bis drei Meilen entfernten Dorfe in der Haide. Ezra Jennings stand hier still.

»Mein Weg führt dorthin,« sagte er, nach der Richtung des Dorfes hindeutend. »Es thut mir herzlich leid, Herr Blake, daß ich Ihnen nicht habe dienen können.«

Der Ton seiner Stimme bürgte für die Aufrichtigkeit seiner Worte. Seine sanften braunen Augen ruhten einen Augenblick mit einem Ausdruck melancholischen Interesses auf mir. Er verneigte sich gegen mich und ging, ohne ein Wort weiter zu sagen, seines Weges nach dem Dorfe hin. Eine Zeit lang blieb ich stehen und sah ihm nach, während er sich weiter und weiter von mir entfernte und weiter und weiter Das mit sich forttrug, was nach meiner festen Ueberzeugung der Schlüssel war, den ich suchte. Nachdem er eine Strecke Weges gegangen war, sah er sich wieder nach mir um. Als er sah, daß ich noch an der Stelle, an der wir uns getrennt hatten, stillstand, blieb auch er stehen, als ob er vermuthe, daß ich ihn vielleicht noch ein Mal zu sprechen wünsche Ich hatte keine Zeit, meine Situation zu überdenken, keine Zeit, mich zu erinnern, daß ich im Begriff stehe, mir die Gelegenheit, vielleicht eine entscheidende Wendung meines Lebens herbei zu führen, entschlüpfen zu lassen, und das nur, um meiner eitlen Selbstachtung zu schmeicheln. Ich hatte nur Zeit ihn zurückzurufen. Ich rief ihn zurück und sagte mir dann: »Jetzt hilft nichts mehr, ich muß ihm die Wahrheit sagen.«

Er kehrte auf der Stelle um und ich ich ging ihm eine längere Strecke entgegen. »Herr Jennings,« sagte ich, »ich bin nicht ganz offen gegen Sie zu Werke gegangen. Das Interesse, welches ich habe, die Spur der verlorenen Erinnerung des Herrn Candy zu verfolgen, ist nicht das Interesse an der Wiederauffindung des Mondsteins, sondern meinem Besuch in Yorkshire liegt ein sehr ernstes persönliches Motiv zu Grunde. Ich habe nur eine Entschuldigung dafür, daß ich in dieser Angelegenheit nicht offener gegen Sie gewesen bin. Es ist mir peinlicher, als ich es sagen kann, mich gegen irgend Jemanden über meine wirkliche Situation rückhaltlos auszusprechen.«

Ezra Jennings sah mich mit einem Ausdruck anscheinender Verlegenheit an, den ich bisher noch nicht an ihm beobachtet hatte.

»Herr Blake,« sagte er, »ich habe weder das Recht, noch den Wunsch, mich in Ihre Privat-Angelegenheiten zu mischen. Erlauben Sie, daß ich Sie meinerseits um Verzeihung bitte, wenn ich Sie höchst unabsichtlich veranlaßt habe, ein Ihnen peinliches Geständniß zu machen.«

»Sie haben das vollste Recht,« erwiderte ich, »die Bedingungen zu« bestimmen, unter welchen allein Sie sich für berechtigt halten, mir mitzutheilen, was Sie an Herrn Candy’s Krankenlager gehört haben. Ich begreife und achte das Zartgefühl, welches Sie in dieser Angelegenheit leitet. Welchen Anspruch auf Ihr Vertrauen kann ich geltend machen, wenn ich Ihnen nicht zuvor das meinige schenke? Sie müssen und sollen wissen, welches Interesse ich daran habe, zu erfahren, was mir Herr Candy sagen wollte. Wenn es sich ergeben sollte, daß ich von einer irrigen Voraussetzung ausgehe und daß Sie, nachdem Sie mein wirkliches Interesse an der Sache kennen gelernt haben werden, mir doch nicht helfen können, so werde ich in Ihrer Ehre eine Gewähr für die Bewahrung meines Geheimnisses finden und mich, wie mir eine innere Stimme sagt, in meinem Vertrauen nicht getäuscht finden.«

»Halt, Herr Blake, Bevor Sie fortfahren, muß ich Ihnen ein Wort sagen.«

Ich sah ihn erstaunt an. Eine furchtbare Aufregung schien sich seiner bemächtigt zu haben und ihn auf’s Tiefste zu erschüttern. Seine zigeunerhafte Hautfarbe hatte sich in ein fahles blasses Grau verwandelt, seine Augen erglänzten plötzlich von wilder Gluth, seine Stimme hatte einen leisen, finsteren, entschlossenen Ton angenommen, den ich noch nicht bei ihm gehört hatte. Die in der Seele dieses Mannes schlummernden Kräfte —— ob guter oder böser Natur war in diesem Augenblick schwer zu sagen leuchteten mir auf einmal mit der Plötzlichkeit eines Blitzstrahls entgegen.

»Bevor Sie mir Ihr Vertrauen schenken,« fuhr er fort, »müssen und sollen Sie erfahren, unter welchen Umständen ich in dem Hause des Herrn Candy Aufnahme gefunden habe. Es bedarf dazu nicht vieler Worte. Meine Geschichte wird Niemand von mir erfahren, Herr Blake, meine Geschichte wird mit mir begraben werden. Alles, was ich mir von Ihnen erbitte, ist die Erlaubniß, Ihnen zu erzählen, was ich Herrn Candy erzählt habe. Wenn Sie, nachdem Sie das gehört haben werden, bei Ihrem Entschluß beharren, mir Ihre beabsichtigte Mittheilung zu machen, so werde ich Ihnen meine ganze Aufmerksamkeit und meine Dienste zur Verfügung stellen. Sollen wir weiter gehen?«

Der Ausdruck eines gewaltsam niedergehaltenen Jammers in seinem Gesicht machte mich stumm. Ich bejahte seine Frage durch ein Zeichen und wir gingen weiter.

Nachdem wir einige hundert Schritte gegangen waren, blieb Ezra Jennings vor einer Oeffnung in der Felswand stehen, welche sich an dieser Stelle des Weges aus dem Haideboden erhob.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn wir hier ein wenig ausruhen?« fragte er. »Ich bin nicht mehr der Alte und gewisse Dinge erschüttern mich.«

Ich willigte natürlich ein. Er führte mich durch die Oeffnung zu einem Rasenfleck auf dem Haideboden, der nach der Seite der Landstraße hin durch Gebüsch und verkrüppelte Bäume geschützt war und nach der andern Seite hin eine trostlose Aussicht über die weite braune Oede der Haide gewährte. Schwere Wolken hatten sich seit einer halben Stunde am Himmel zusammengeballt. Die Beleuchtung war matt, die Aussicht getrübt. Das liebliche Antlitz der Natur blickte uns sanft und ruhig, aber farblos und ohne Lächeln an. Wir setzten uns schweigend nieder. Ezra Jennings legte seinen Hut bei Seite und fuhr sich mit der Hand matt über die Stirn und durch sein wunderlich weiß und schwarzes Haar. Er warf sein kleines Bouquet von wildwachsenden Blumen weg, als ob ihm die Erinnerungen, die dasselbe in ihm wachgerufen, jetzt peinlich seien.

»Herr Blake!« sagte er plötzlich. »Sie sind in schlechter Gesellschaft. Eine furchtbare Anklage hat Jahre lang auf mir gelastet. Ich sage Ihnen gleich das Schlimmste, ich bin ein Mann, dessen Leben ein Wrack und dessen guter Ruf verloren ist.«

Ich versuchte zu reden, aber er wehrte mir.

»Nein,« sagte er, »verzeihen Sie mir noch nicht. Lassen Sie sich nicht zu Ausdrücken der Theilnahme hinreißen, die Sie später vielleicht bereuen würden. Ich sprach von einer Anklage, die Jahre lang auf mir gelastet hat Gewisse Umstände sprechen bei dieser Anklage sehr entschieden gegen mich. Ich kann mich nicht entschließen, Ihnen den Gegenstand derselben mitzutheilen, da ich völlig außer Stande bin, meine Unschuld zu erweisen, ich kann dieselbe vielmehr nur betheuern und ich betheuere sie, Herr Franklin, auf meinen Eid als Christ, —— mich auf meine Ehre als Mann zu berufen, steht mir nicht zu.«

Er hielt wieder inne. Ich sah ihn an, während er unausgesetzt seine Blicke von mir abwandte. Sein ganzes Wesen schien in dem Schmerz der Erinnerung und in das peinliche Ringen nach Worten auszugehen.

»Ich könnte,« begann er wieder, »viel über die mir von meiner eigenen Familie widerfahrene erbarmungslose Behandlung und die erbarmungslose Feindschaft, der ich zum Opfer gefallen bin, sagen. Aber das Uebel ist einmal geschehen, das Unrecht kann nicht wieder gut gemacht werden, und ich will Sie nicht unnöthiger Weise langweilen oder betrüben. Gleich beim Betreten meiner Laufbahn in diesem Lande trat mir die niedrige Verleumdung, von der ich gesprochen habe, sofort vernichtend entgegen. Ich verzichtete darauf, es in meinem Beruf zu etwas zu bringen, dunkle Zurückgezogenheit war das Einzige, was mir zu wählen übrig blieb. Ich trennte mich von dem Weibe, das ich liebte, wie konnte ich sie dazu verdammen, meine Schande zu theilen. In einem Winkel Englands bot sich mir die Stelle eines ärztlichen Assistenten, ich nahm sie an. Ich hoffte in derselben Ruhe und Verborgenheit zu finden, ich täuschte mich. Böse Nachrede weiß langsam und sicher überall hin ihren Weg zu finden. Die Anklage, vor der ich geflohen war, verfolgte mich. Ich wurde vor ihrem Herannahen gewarnt. Ich konnte noch rechtzeitig meine Stelle mit guten Zeugnissen über mein Verhalten freiwillig verlassen. Dieselben verschafften mir eine andere Stelle in einer andern noch entfernteren Gegend. Wieder verging die Zeit und wieder wußte mich die Verleumdung, die meinem Rufe so verderblich war, zu finden; dieses Mal traf sie mich unvorbereitet. Mein Principal erklärte mir eines Tages: Herr Jennings, ich habe Ihnen nichts vorzuwerfen, aber Sie müssen sich rechtfertigen oder mich verlassen. Ich hatte keine andere Wahl als meine Stelle aufzugeben. Ich will nicht bei dem verweilen, was ich damals litt. Ich bin erst vierzig Jahr alt! und sehen Sie mein Gesicht an, Sie werden in demselben die Geschichte jammervoller Jahre lesen. Endlich kam ich hierher und lernte Herrn Candy kennen. Er brauchte gerade einen Assistenten. In Betreff meiner Fähigkeit verwies ich ihn an meinen letzten Principal, blieb noch die nöthige Auskunft über meinen Charakter übrig. Ich theilte ihm das, was ich Ihnen erzählt habe, und noch mehr mit. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß selbst wenn er meinem Bericht Glauben schenke, Unannehmlichkeiten nicht ausbleiben würden. Hier wie überall sagte ich ihm, verschmähe ich die schuldbewußte Ausflucht, einen fremden Namen anzunehmen. Ich bin in Frizinghall nicht sicherer vor der Wolke, die mich aus allen meinen Wegen verfolgt als anderswo.« Er antwortete mir: »Ich Pflege nichts halb zu thun, ich glaube Ihnen und ich beklage Sie; wenn Sie die möglichen Gefahren Ihrer Lage nicht scheuen, so will auch ich mich denselben aussetzen. Der Allmächtige lohne es ihm. Er hat mir Obdach, Beschäftigung, Gemüthsruhe wieder gegeben und seit einigen Monaten habe ich die feste Ueberzeugung gewonnen, daß er keine Ursache mehr haben wird es zu bereuen.«

»Hat die Verleumdung nachgelassen?« fragte ich.

»Die Verleumdung ist so thätig wie immer, aber bis sie mich hier erreicht, wird es zu spät sein.«

»Wollen Sie von hier fort?«

»Nein, Herr Blake, ich werde todt sein. Seit zehn Jahren leide ich an einem unheilbaren inneren Uebel. Ich mache kein Hehl vor Ihnen daraus, daß ich mich schon lange an diesem Uebel würde haben sterben lassen, wenn mich nicht noch ein einziges Interesse, das mir das Leben noch von Werth erscheinen läßt, an das Dasein fesselte. Ich muß noch für ein mir theures Wesen sorgen, das ich niemals wiedersehen werde. Mein eigenes kleines Vermögen dürfte kaum hinreichen, je unabhängig von der Welt zu machen. Die Hoffnung, dieses Vermögen durch längeres Leben zu vermehren, ist der Antrieb für mich gewesen, mein Leiden mit allen mir zu Gebote stehenden Palliativen zu bekämpfen. Das einzige wirksame Palliativ in meinem Fall ist —— Opium. Dieser allmächtigen und allbarmherzigen Arznei verdanke ich eine jahrelange Frist bis zur Ausführung des über mich verhängten Todes-Urtheils. Aber selbst die Wirkung des Opiums hat ihre Grenzen. Der Fortschritt des Leidens hat mich allmälig genöthigt, den Gebrauch des Opiums in einen Mißbrauch desselben zu verwandeln. Ich fange an die Folgen zu verspüren. Mein Nervensystem ist erschüttert; ich verlebe schreckliche Nächte. Das Ende kann nicht mehr fern sein. Mag es kommen. ich habe nicht umsonst gelebt und gearbeitet. Ich habe die mir nöthige kleine Summe fast beisammen und ich würde sie zu vervollständigen wissen, wenn meine letzten Lebenskräfte mir früher versagen sollten, als ich es erwarte. Ich weiß kaum wie ich dazu gekommen bin, Ihnen alles Das mitzuteilen; ich glaube nicht, daß mich das niedrige Motiv, Ihr Mitleid zu erregen, dabei geleitet hat. Vielleicht war es unbewußt der Wunsch, Sie bereiter zu finden, mir Glauben zu schenken, wenn Sie wüßten, daß ich zu Ihnen als ein Sterbender rede. Ich mache kein Hehl daraus, Herr Blake, daß ich mich für Sie interessire. Ich habe es versucht, die Gedächtnißschwäche meines armen Freundes zu einer Annäherung an Sie zu benutzen. Ich habe darauf speculirt, daß Sie ein vorübergehendes Interesse an Dem, was er Ihnen zu sagen wünschte, und an meiner Fähigkeit, Ihnen darüber Auskunft zu ertheilen, nehmen würden. Vielleicht läßt es sich entschuldigen, daß ich mich Ihnen aufgedrängt habe. Ein Mann der erlebt hat, was ich erlebt habe, hat bitttere Momente, in denen er über das menschliche Schicksal brütet. Sie haben Jugend, Gesundheit, Reichthum, eine Stellung, —— die ganze Welt steht Ihnen offen. Sie und Ihresgleichen zeigen mir die sonnige Seite des Lebens und versöhnen mich mit der Welt, die ich verlassen im Begriff stehe. Wozu auch diese unsere Unterhaltung führen mag, ich werde nie vergessen, daß Sie mir durch Ihre Gegenwart wohlgethan haben. Es steht jetzt bei Ihnen, Herr Blake, auszusprechen, was Sie mir zu sagen beabsichtigen oder von dannen zu gehen.«

Ich hatte nur eine Antwort auf diese Worte» Ohne mich einen Augenblick zu bedenken, erzählte ich ihm die Wahrheit so rückhaltlos, wie ich sie in diesen Blättern verzeichnet habe.

Er sprang auf und sah mich mit athemloser Spannung an, als ich mich der Erzählung des entscheidenden Vorgangs meiner Geschichte näherte.

»Es ist unzweifelhaft, daß ich das Zimmer betrat,« sagte ich, »es ist unzweifelhaft, daß ich den Diamanten fortnahm. Ich kann diesen beiden unbestreitbaren Thatsachen nichts entgegensetzen, als die Versicherung, daß ich, was ich auch gethan haben mag, ohne Bewußtsein gethan habe. Sie werden glauben, daß ich die Wahrheit gesagt habe.«

Ezra Jennings ergriff in großer Aufregung meinen Arm.

»Halt!« sagte er. »Sie haben mir mehr gesagt, als Sie selbst vermuthen. Haben Sie je die Gewohnheit gehabt, Opium zu nehmen?«

»In meinem ganzen Leben habe ich es nicht gekostet.«

»Waren Ihre Nerven im vorigen Jahr angegriffen? Waren Sie ungewöhnlich unruhig und reizbar?«

»Ja.«

»Schliefen Sie schlecht?«

»Seht schlecht. Viele Nächte verbrachte ich wachend.«

»War es in der auf den Geburtstag folgenden Nacht anders? Suchen Sie doch sich zu erinnern. Schliefen Sie in jener Nacht ausnahmsweise gut?«

»Ich kann mich sehr wohl erinnern, —— ich erfreute mich in jener Nacht eines sehr festen Schlafe.«

Er ließ meinen Arm eben so plötzlich wieder los, wie er ihn ergriffen hatte, und sah mich an wie Jemand, der sich von einem letzten auf seinem Gemüth lastenden Zweifel befreit sieht.

»Dies ist ein merkwürdiger Tag in Ihrem wie in meinem Leben,« sagte er feierlich; »ich bin jetzt Einer Sache völlig gewiß, Herr Blake. Meine Aufzeichnungen enthalten, was Herr Candy Ihnen diesen Morgen sagen wollte. Warten Sie! das ist noch nicht Alles. Ich bin fest überzeugt, daß ich beweisen kann, daß Sie kein Bewußtsein von dem hatten, was Sie thaten, als Sie das Zimmer betraten und den Diamanten fortnahmen. Lassen Sie mir Zeit, nachzudenken und Sie zu befragen. Ich glaube den Beweis Ihrer Unschuld in meinen Händen zu haben.«

»«Erklären Sie sich näher! Um Gotteswillen, was wollen Sie damit sagen?«

In der Aufregung unseres Gesprächs hatten wir einige Schritte vorwärts über das Gestrüpp hinaus gethan, welche uns bis jetzt den Augen Vorübergehender entzogen hatte.

Noch ehe Ezra Jennings mir antworten konnte, wurde er von der Landstraße her von einem Manne angerufen, der ersichtlich in großer Aufregung war und offenbar nach ihm ausgeschaut hatte.

»Ich komme schon,« rief er zurück, »ich komme, so rasch ich kann!«

Er wandte sich wieder zu mir.

»In dem Dorfe da drüben wartet ein Schwerkranker auf mich; ich hätte schon vor einer halben Stunde dort sein sollen, ich muß jetzt sofort hingeben. », Lassen Sie mir zwei Stunden Zeit und kommen Sie dann wieder nach Herrn Candy’s Hause, und ich verspreche Ihnen, für Sie bereit zu sein.«

»Wie soll ich es ertragen, so lange zu warten!« rief ich ungeduldig aus. Können Sie mein Gemüth nicht durch Wort der Erklärung beruhigen, bevor wir uns trennen?«

»Unsere Angelegenheit ist viel zu ernst, als daß sie eine eilige Erklärung irgend zuließe, Herr Blake. Ich stelle wahrlich Ihre Geduld nicht muthwillig aus die Probe, aber ich würde Ihre Ungewißheit nur vermehren, wenn ich es versuchen wollte, dieselbe durch ein eiliges Wort zu heben. Also aus Wiedersehen in zwei Stunden in Frizinghall!«

Der Mann aus der Landstraße rief wieder nach ihm, er eilte fort und ließ mich allein.


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