Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Der Mondstein
 

Der Mondstein



Sechste Erzählung.

von Sergeant Cuff.

I.

Dorking, Grafschaft Surrey, 30. Juli 1849.

An Herrn Franklin Blake.

Geehrter Herr. Ich bitte Sie die verspätete Einsendung meines Berichts, welchen ich Ihnen zu liefern versprochen habe, zu entschuldigen. Ich wünschte denselben ganz vollständig zu liefern und bin dabei hier und da auf Schwierigkeiten gestoßen, welche nur mit einem kleinen Aufwand von Geduld und Zeit zu überwinden waren.

Jetzt darf ich hoffen den mir vorgesetzten Zweck erreicht zu haben. Sie werden in diesen Blättern Antworten auf die meisten, wenn nicht auf alle die Fragen in Betreff des verstorbenen Herrn Godfrey Ablewhite finden, welche Sie beschäftigte, als ich zuletzt die Ehre hatte, Sie zu sehen.

Ich will Ihnen erstens das mittheilen, was ich über die Art, wie Ihr Vetter seinen Tod gefunden hat, in Erfahrung gebracht habe und dann diesem thatsächlichen Bericht die Schlüsse hinzufügen, die sich mir aus jenen Thatsachen zu ergeben scheinen.

Darauf werde ich zweitens versuchen, Ihnen die Entdeckungen vorzulegen, welche ich in Betreff des Benehmens des Herrn Ablewhite vor, während und nach der Zeit, wo er und Sie sich zusammen als Gäste in Lady Verinder’s Landhaus befanden, gemacht habe.

II.

Also erstens, die Todesart Ihres Vetters. Es scheint mir völlig zweifellos festzustehen, daß er im Schlaf oder unmittelbar nach seinem Erwachen durch Erstickung mittelst eines Bettkissens getödtet wurde, daß die seines Mordes schuldigen Personen die drei Indier sind und daß der durch das Verbrechen beabsichtigte und erreichte Zweck darin bestand, sich in den Besitz des »Mondstein« genannten Diamanten zu setzen.

Die Thatsachen, aus welchen dieser Schluß gezogen ist, ergeben sich theilweise aus einer Untersuchung des Zimmers in dem Wirthshause und theilweise aus den bei der Untersuchung des Todtenbeschauers gesammelten Aussagen.

Bei dem Erbrechen der Thür wurde der Verstorbene, das Gesicht mit dem Kopfkissen bedeckt, todt im Bette gefunden. Der Arzt, welcher die Leiche untersuchte, erklärte, nachdem ihm diese Umstände mitgetheilt waren, das Aussehen der Leiche vollkommen vereinbar mit einem Tode durch Erstickung d. h. einem dadurch bewirkten Tode, daß eine oder mehrere Personen das Kissen so lange auf Nase und Mund drückten, bis der Tod durch eine Lähmung der Lungen erfolgte.

Was demnächst die Motive des Verbrechens anlangt:

Auf dem Tisch im Zimmer fand sich ein kleiner offener leerer Kasten mit einem von demselben abgerissenen gesiegelten, mit einer Aufschrift versehenen Stück Papier. Der Kasten, das Siegel und die Aufschrift sind von Herrn Luker identificirt worden. Er hat erklärt, daß der Kasten wirklich den »»Mondstein« genannten Diamanten enthalten habe und hat sich dazu bekannt, daß er den so versiegelten Kasten am Nachmittage des 26. Juni d. J. dem verkleideten Herrn Godfrey Ablewhite übergeben habe. Hieraus ergiebt sich einfach der Schluß, daß der Diebstahl des Mondsteins das Motiv des Verbrechens war.

Was sodann die Art betrifft, wie das Verbrechen ausgeführt wurde:

Bei der Untersuchung des Zimmers, welches nur 7 Fuß hoch ist, ward eine an der Decke befindliche, auf das Dach führende Fallthür offen gefunden.

Die zum Zweck des Hinaufsteigens auf der Fallthür dienende und unter das Bett gehörige kurze Leiter stand an die Oeffnung gelehnt, so daß jede im Zimmer befindliche Person mit Leichtigkeit hinaussteigen konnte: in der Fallthür selbst fand sich grade neben der Stelle, wo von innen der Riegel befestigt war, ein mit einem sehr scharfen Instrument in das Holz geschnittenes viereckiges Loch. Auf diese Weise konnte jeder Mensch den Riegel von Außen zurückschieben, die Fallthür heben und sich allein oder mit Hilfe eines Complicen geräuschlos hinunterlassen, da das Zimmer, wie gesagt, nur 7 Fuß hoch war. Dieses Loch ist also ein unzweideutiger Beweis dafür, das eine oder mehrere Personen auf diese Weise in das Zimmer gelangt ist oder sind. Was die Art betrifft, in welcher diese Person oder Personen auf das Dach des Wirthshauses gelangte oder gelangten, so ist zu bemerken, daß das drittnächste Haus leer stand, weil daran gebaut wurde, daß die Bauarbeiter vor demselben eine lange, von der Straße bis zur Spitze des Hauses führende Leiter hatten stehen lassen, und daß diese Arbeiter, als sie am nächsten Morgen, dem 27., an die Arbeit gehen wollten, das Brett, welches sie vor die Leiter gebunden hatten, um deren Benutzung in ihrer Abwesenheit zu verhindern, von der Stelle genommen und auf der Erde liegend fanden. Was die Möglichkeit betrifft, unbemerkt diese Leiter hinauf, über die Dächer der Häuser hin und her und die Leiter wieder herabzusteigen, so ist es durch die eigene Aussage des Nachtpolizeiwächters erbracht, daß er Shore-Lane auf seiner nächtlichen Runde nur zweimal in der Stunde passirt. Auch bezeugen die Bewohner der Straße, daß Shore-Lane nach Mitternacht eine der verödetsten Straßen in London ist. Auch hier also scheint der Schluß gerechtfertigt, daß Leute mit gewöhnlicher Vorsicht und Geistesgegenwart unbemerkt die Leiter hinauf und wieder herabsteigen konnten. Daß, einmal auf dem Dache angekommen, ein Mann, der, auf der Fallthür liegend, ein Loch in dieselbe schnitt, in dieser Lage den Augen der Vorübergehenden durch die Brustwehr des Hauses völlig entzogen sein würde, ist durch einen Versuch außer Zweifel gestellt.

Was endlich die Person des- oder derjenigen betrifft, welcher oder welche das Verbrechen begangen haben:

1. Es ist bekannt, daß die Indier ein Interesse daran hatten, sich in den Besitz des Diamanten zu setzen.
2. Es ist wenigstens wahrscheinlich, daß der wie ein Indier aussehende Mann, welchen Octavius Guy am Wagenfenster mit dem wie ein Handwerker gekleideten Manne sprechen sah, einer der drei indischen Verschwörer war.
3. Es ist gewiß, daß derselbe wie ein Handwerker gekleidete Mann während des ganzen Abends des 26. gesehen worden ist, wie er Herrn Godfrey Ablewhite aus Schritt und Tritt folgte, und daß er unter Umständen, welche aus den Verdacht leiten, das er das Zimmer untersuchte, in dem Schlafzimmer gefunden wurde, als man Herrn Godfrey Ablewhite in dasselbe führte.
4. Es wurde ein Stück zerrissenen Goldfadens in dem Schlafzimmer aufgelesen welches Sachverständige für ein indisches, in England nicht bekanntes Fabrikat erklären.
5. Am Morgen des 27. wurden drei Männer, welche der Beschreibung der Indier entsprachen, in der unteren Themsestraße beobachtet und bis zur Tower-Werfte verfolgt, wo man sie mit dem nach Rotterdam gehenden Dampfboote abfahren sah.

Hier liegt ein, wenn nicht juristischer, doch moralischer Beweis vor, daß der Mord von den Indiern begangen wurde.

Ob der als Handwerker gekleidete Mann ein Mitschuldiger des Verbrechens war oder nicht, ist unmöglich zu sagen. Daß er den Mord allein begangen haben sollte, erscheint im höchsten Grade unwahrscheinlich. Allein würde er schwerlich im Stande gewesen sein, Herrn Ablewhite, der größer und stärker als er war, zu ersticken, ohne daß ein Kampf stattgefunden hätte oder ein Schrei gehört worden wäre. Ein im anstoßenden Zimmer schlafendes Dienstmädchen hörte nichts. Der unmittelbar unter dem Zimmer des Ermordeten schlafende Wirth eben so wenig. Alle Indicien drängen zu dem Schlusse, daß das Verbrechen von mehr als einer Person begangen wurde, und die Umstände, ich wiederhole es, rechtfertigen moralisch die Behauptung, daß es die Indier waren, welche das Verbrechen begingen.

Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß das Verdict des Leichenbeschauers aus Ermordung durch eine oder mehrere unbekannte Personen lautete. Die Familie des Herrn Ablewhite hat eine Belohnung ausgesetzt und nichts ist unversucht geblieben, um die schuldigen Personen zu entdecken. Der wie ein Handwerker gekleidete Mann hat alle an ihn gerichteten Fragen ausweichend zu beantworten gewußt. Man hat die Spur der Indier verfolgt. Ueber die Möglichkeit, dieser Letzteren noch einmal habhaft zu werden, werde ich noch am Schlusse dieses Berichts ein Wort zu sagen haben.

Inzwischen kann ich nun, nachdem ich betreffs des Todes des Herrn Godfrey Ablewhite alles Nothwendige beigebracht habe, zu der Erzählung Dessen übergehen, was mir über seine Handlungen vor, während und nach der Zeit, wo er sich mit Ihnen zusammen in Lady Verinder’s Hause befand, bekannt geworden ist.

III.

Ich beginne den nun von mir zu behandelnden Gegenstand mit der Bemerkung, daß das Leben des Herrn Godfrey Ablewhite der Betrachtung zwei verschiedene Seiten darbietet.

Die den Blicken des Publikums zugekehrte Seite bietet das Bild eines als Redner bei Versammlungen zu mildthätigen Zwecken renommirten Gentleman, der sein Verwaltungstalent verschiedenen, vorzugsweise weiblichen mildthätigen Gesellschaften zur Verfügung stellte. Die der Oeffentlichkeit entzogene Seite bietet das ganz entgegengesetzte Bild eines Roue’s, der in der Vorstadt eine nicht auf seinen Namen gekaufte Villa besaß, in welcher sich eine ebenfalls nicht auf seinen Namen engagirte Dame befand.

Bei meinen Nachforschungen in der Villa habe ich verschiedene schöne Bilder und Statuen, ein höchst geschmackvolles und vorzüglich gearbeitetes Améublement und ein Treibhaus mit den seltensten Blumen, dessen Gleichen schwerlich in ganz London zu finden sein dürfte, gesehen.

Meine Nachforschungen nach der Dame hatten zu der Entdeckung von Juwelen, welche sich den Blumen würdig anreihen, und von Wagen und Pferden geführt, welche in Hyde Park gerechtes Aufsehen bei den competentesten Richtern über solche Dinge erregt haben.

Das Alles ist an sich nichts Ungewöhnliches. Die Villa und die Dame sind so alltägliche Dinge im Londoner Leben, daß sch mich ihrer Erwähnung wegen fast entschuldigen zu müssen glaube. Aber was nach meiner Erfahrung nicht gewöhnlich und nicht alltäglich, das ist, daß alle diese schönen Dinge nicht nur bestellt, sondern auch bezahlt waren. Für die Bilder, die Statuen, die Blumen, die Juwelen, die Wagen und die Pferde war, wie meine Erkundigungen zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen ergeben haben, von den Lieferanten kein Schilling mehr zu fordern. Die Villa war auf Heller und Pfennig ausbezahlt und auf den Namen der Dame geschrieben.

Eine Lösung dieses Räthsels wäre auch mir vielleicht nicht möglich gewesen, wenn nicht Godfrey Ablewhite’s Tod zu einer Untersuchung seiner Angelegenheiten geführt hätte.

Diese Untersuchung hat ergeben: ——

Daß Herr Godfrey Ablewhite als einer von zwei Vormündern eines im Jahre 1848 noch unmündigen jungen Mannes mit der Verwaltung eines Vermögens von 20,000 Pfund betraut war. Daß im Monat Februar 1850 die Vormundschaft ihr Ende erreichte und der junge Mann die 20,000 Pfund zu erhalten hatte, daß ihm bis zu diesem Zeitpunkt ein jährliches Einkommen von 600 Pfund, halbjährlich zu Weihnachten und Johanni, von seinen Vormündern auszuzahlen war. Daß dieses Einkommen von dem verwaltenden Vormund, Herrn Godfrey Ablewhite, regelmäßig ausgezahlt wurde. Daß die 20,000 Pfund, deren Zinsen das Einkommen angeblich repräsentirte, schon zu Ende 1847 in wiederholten Veräußerungen der Velegungen gänzlich aufgezehrt war. Daß die Vollmacht, welche die Bankiers autorisirte, das Capital zu verkaufen und die verschiedenen Anweisungen zum Verkauf einzelner Beträge desselben, anscheinend von beiden Vormündern unterzeichnet waren. Und daß die Unterschrift des zweiten Vormunds, eines in den Ruhestand versetzten, auf dem Lande lebenden Officiers der Armee, jedes mal von dem verwaltenden Vormund, Herrn Godfrey Ablewhite, gefälscht war.

Diese Thatsachen enthalten die Erklärung für Herrn Godfrey’s respectables Benehmen bei Bezahlung der für die Villa und die Dame erforderlichen Summen, und wie Sie gleich sehen werden, auch noch für andere Dinge.

Wir können jetzt zu dem Datum des Geburtstages von Fräulein Verinder im Jahre 1848, dem 21. Juni, übergehen.

Tags zuvor war Herr Godfrey Ablewhite im Hause seines Vaters angekommen, und hatte denselben, wie ich von dem ältern Herrn Ablewhite selbst weiß, um ein Darlehn von 300 Pfund angesprochen. Bemerken Sie gefälligst die Summe und erinnern Sie sich, daß die halbjährliche Zahlung an seinen Mündel am 24. des Monats fällig war, sowie daß das ganze Vermögen des jungen Mannes bereits Ende 1847 von seinem Vormund verausgabt worden war.

Herr Ablewhite weigerte sich, seinem Sohn einen Pfennig zu borgen.

Am nächsten Tage ritt Herr Godfrey Ablewhite mit Ihnen nach Lady Verinder’s Landhause hinüber. Wenige Stunden später machte er, wie Sie mir selbst erzählt haben, Fräulein Verinder einen Heiraths-Antrag.

Mit der Annahme dieses Antrags hoffte er offenbar allen seinen Geldverlegenheiten jetzt und künftig ein Ende gemacht zu sehen. Aber was geschah? Fräulein Verinder lehnte den Antrag ab.

Am Abend des Geburtstags befand sich daher Herr Godfrey Ablewhite in folgender pecuniairen Situation:

Bis zum 24. des Monats mußte er 300 Pfund, bis zum Februar 1850 20,000 Pfund herbeischaffen. Wenn es ihm nicht gelang, sich diese Summen bis zu den betreffenden Tagen zu verschaffen, war er ein ruinirter Mann.

Was geschieht zunächst?

Sie erbittern den Doktor, Herrn Candy, durch Ihre Aeußerungen über seinen Beruf und er spielt Ihnen aus Rache dafür einen Streich mit einer Dosis Opium. Er überträgt die Verabreichung dieses in einem kleinen Flacon enthaltenen Tranks Herrn Godfrey Ablewhite, der seinen Antheil an diesem Streich selbst bei einer Gelegenheit bekannt hat, über welche Sie sogleich das Nähere erfahren sollen. Herr Godfrey Ablewhite ist nur um so bereitet, an der Verschwörung gegen Sie Theil zu nehmen, als er selbst im Laufe des Abends von Ihrer scharfen Zunge zu leiden gehabt hat. Er unterstützt Betteredge, als dieser Sie überreden will, vor’m Schlafengehen ein Glas Cognac und Wasser zu trinken. Er träufelt Ihre Dosis Opium verstohlen in Ihren kalten Grog und Sie nehmen das Getränk zu sich. ——

Lassen Sie uns jetzt, wenn es Ihnen recht ist, die Scene verwandeln und uns nach Herrn Luker’s Hause in Lambeth begeben und erlauben Sie mir die Bemerkung voran zuschicken, daß es Herrn Bruff und mir gemeinschaftlich gelungen ist, den Geldverleiher zu einem offenen Bekenntniß zu nöthigen. Wir haben seine Angaben sorgfältig gesichtet und hier haben Sie, was wir davon als wesentlich betrachten.

IV.

Freitag den 23. Juni 1848 wurde Herr Luker spät am Abend durch einen Besuch des Herrn Godfrey Ablewhite überrascht. Seine Ueberraschung stieg aber noch, als Herr Godfrey ihm den Mondstein präsentirte. Kein ähnlicher Diamant befindet sich, Herrn Luker’s erfahrener Aussage zufolge, im Besitz irgend einer Privatperson in Europa.

Herr Godfrey hatte in Betreff dieses prachtvollen Edelsteins zwei bescheidene Propositionen zu machen. Zuerst die, daß Herr Luker ihm denselben gefälligst abkaufen möge; zweitens, daß Herr Luker, falls er sich zu dem Kauf nicht bewogen finden sollte, den Diamanten in Commission nehmen und sofort eine Zahlung darauf leisten möge.

Herr Luker prüfte den Diamanten, wog ihn und schätzte den Werth desselben ab, bevor er eine Silbe antwortete. Nach seiner Schätzung war der Diamant, mit Rücksicht auf die darin befindliche Blase, nur dreißigtausend Pfund werth.

Nachdem Herr Luker darüber mit sich einig geworden, öffnete er den Mund zu der Frage: »Wie kommen Sie zu diesem Stein?« Nur sechs Worte! Sechs inhaltgschwere Worte!

Herr Godfrey Ablewhite fing eine Geschichte zu erzählen an. Herr Luker öffnete den Mund zum zweiten Male, dieses Mal, um nur fünf Worte zu sagen: »So geht die Sache nicht!«

Herr Godfrey Ablewhite fing eine andere Geschichte an. Herr Luker sah sich nicht veranlaßt, noch ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden. Er stand auf und klingelte dem Diener, um dem Herrn die Hausthür zu öffnen.

Unter der so auf ihn geübten Pression machte Herr Godfrey einen Essort und brachte nun eine neue verbesserte Version der Angelegenheit vor, die auf Folgendes hinauslief.

Nachdem er heimlich das Opium in Ihren Grog geträufelt, hatte er Ihnen gute Nacht gewünscht und war auf sein eigenes Zimmer gegangen. Es lag unmittelbar neben dem Ihrigen und hatte eine gemeinschaftliche Verbindungsthür mit demselben. Beim Eintritt in sein Zimmer schloß Herr Ablewhite, wie er meinte, diese Thür. Seine Geldverlegenheiten ließen ihn nicht schlafen. Fast eine Stunde saß er, über seine Lage nachdenkend, in Schlafrock und Pantoffeln auf. Gerade als er im Begriff war, sich in’s Bett zu legen, hörte er Sie in Ihrem Zimmer mit sich selber reden und fand, als er an die Verbindungsthür trat, daß er sie nicht, wie er geglaubt, geschlossen habe.

Er warf einen Blick in Ihr Zimmer, um zu sehen, was mit Ihnen sei. Er fand Sie, wie Sie eben im Begriffe waren, mit dem Licht in der Hand Ihr Zimmer zu verlassen. Er hörte Sie in einem Ihrer gewöhnlichen Sprechweise ganz unähnlichen Ton zu sich selber sagen: »Wie kann ich wissen? Vielleicht haben sich die Indier im Hause versteckt«

Bis zu diesem Augenblick hatte er nicht anders gewußt, als daß er durch die Verabreichung des Opiums behilflich gewesen sei, Sie zum Opfer eines harmlosen Spaßes zu machen. Jetzt frappirte es ihn, daß das Opium eine Wirkung aus Sie übte, die er so wenig wie der Doktor selbst vorausgesehen habe. Aus Furcht vor einem möglichen Unglücksfall folgte er Ihnen leise, zu sehen, was Sie thun würden. Er folgte Ihnen bis zu Fräulein Verinder’s Wohnzimmer und sah Sie hineintreten. Sie ließen die Thür offen. Er sah durch die so zwischen Thür und Thürpfosten entstandene Spalte nicht nur, wie Sie den Diamanten aus der Schublade nahmen, sondern auch, wie Fräulein Verinder von ihrem Schlafzimmer aus durch die geöffnete Thür desselben Sie schweigend beobachtete. Er sah, daß sie gleichfalls sah, wie Sie den Diamanten nahmen.

Bevor Sie das Wohnzimmer wieder verließen, zögerten Sie ein wenig. Diese Zögerung benutzte Herr Godfrey, wieder auf sein Zimmer zu gehen, bevor Sie herauskämen und ihn bemerken möchten. Er erreichte sein Zimmer aber nur eben vor Ihnen. Sie sahen ihn, wie er glaubt, gerade in dem Augenblick, wo er durch die Verbindungsthür ging. Jedenfalls, behauptet er, riefen Sie nach ihm in einem sonderbar schläfrigen Ton.

Er kam wieder zu Ihnen hinein. Sie sahen ihn mit einem stumpfen, verschlafenen Blick an, Sie legten den Diamanten in seine Hand und sagten dabei zu ihm: »Nimm ihn wieder mit, Godfrey, nach der Bank Deines Vaters; da ist er sicher, hier aber nicht.« Dann wandten Sie unsicheren Schrittes ab, zogen Ihren Schlafrock an und setzten sich in den großen, auf Ihrem Zimmer stehen den Lehnstuhl. Daraus sagten Sie wieder: »Ich selbst kann ihn nicht nach der Bank zurückbringen. Mein Kopf ist mir schwer wie Blei und in meinen Füßen habe ich gar kein Gefühl.« Ihr Kopf sank auf die Rücklehne, Sie seufzten tief und schliefen ein.

Herr Godfrey Ablewhite ging mit dem Diamanten auf sein Zimmer zurück. Er giebt ferner an, daß er in jenem Augenblick zu keinem Entschluß gelangt sei, außer daß er abwarten wolle, was am nächsten Morgen geschähe.

Am nächsten Morgen zeigte es sich, daß Sie von dem, was Sie während der Nacht gethan und gesagt hatten, absolut nichts wußten. Zu gleicher Zeit zeigte Fräulein Verinder’s Sprache und Benehmen, daß sie entschlossen war, aus Rücksicht für Sie nichts zu sagen. Herr Godfrey Ablewhite hatte also, wenn er den Diamanten behielt, nichts zu fürchten. Der Mondstein bot sich ihm als ein Rettungsanker in der drohenden Gefahr eines sichern Ruins. Er steckte den Mondstein in die Tasche.

V.

Das war die Geschichte, die Ihr Vetter im Drang der Umstände Herrn Luker erzählte.

Herr Luker hielt die Geschichte in allen wesentlichen Punkten für wahr, aus dem einfachen Grunde, weil Herr Godfrey Ablewhite viel zu dumm gewesen sei, um so etwas erfinden zu können. Herr Bruff und ich stimmen mit Herrn Luker überein. weil wir sein Kriterium der Wahrheit der Geschichte für ein vollkommen zutreffendes halten.

Es fragte sich nun zunächst, was Herr Luker in der Mondstein-Angelegenheit thun würde. Er proponirte folgende Modalitäten als die einzigen, unter denen er sich dazu verstehen könne, sich mit einem selbst in seiner Branche so heiklichen und gefährlichen Geschäfte zu befassen.

Herr Luker erklärte sich bereit, Herrn Godfrey Ablewhite die Summe von 2000 Pfund unter der Bedingung zu leihen, daß der Mondstein bei ihm als Pfand deponirt werde.

Wenn Herr Godfrey Ablewhite nach Verlauf eines Jahres Herrn Luker 3000 Pfund bezahle, so solle er den Diamanten als ein ausgelöstes Pfand zurückerhalten. Wenn er nach Ablauf des Jahres die Zahlung nicht leiste, so solle das Pfand, mit andern Worten der Mondstein, Herrn Luker verfallen sein, der in diesem letzteren Falle Herrn Godfrey großmüthiger Weise verschiedene in seinem Besitz befindliche, mit früheren Geschäften zusammenhängende Wechsel zum Geschenk machen wolle.

Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß Herr Godfrey diese ungeheuerlichen Bedingungen mit Entrüstung zurückwies. Darauf gab Herr Luker ihm den Diamanten zurück und wünschte ihm guten Abend.

Ihr Vetter ging bis an die Thür und kehrte dann wieder um und richtete an Herrn Luker die Frage, ob er sich daraus verlassen könne, daß dieser das Geheimniß ihrer eben geführten Unterhaltung streng bewahren würde?

Herr Luker erklärte, sich in dieser Beziehung zu nichts verpflichten zu können. Wenn Herr Godfrey auf seine Bedingungen eingegangen wäre, so würde er ihn zum Complicen gemacht und auf seine Discretion sicher haben rechnen können. Wie die Sachen nun ständen, müsse Herr Luker sich von seinem eigenen Interesse leiten lassen. Falls ihm unbequeme Fragen vorgelegt würden, so könne nicht von ihm verlangt werden, daß er sich um eines Mannes willen compromittire, der es abgelehnt habe, mit ihm zu handeln.

Nach diefer Antwort that Herr Godfrey Ablewhite, was alle Geschöpfe —— menschliche so gut wie thierische —— thun, wenn sie sich in einer Falle gefangen sehen. Er blickte in einem Zustande hilfloser Verzweiflung umher. Zufällig fiel sein Auge auf den in einem beweglichen auf dem Kamin stehenden Kalender angegebenen Tag des Monats.

Es war der 23. Juni. Am 24-sten hatte er seinem Mündel 300 Pfund auszuzahlen und keine andere Aussicht, sich das Geld zu verschaffen, als die ihm von Herrn Luker eröffnete. Wäre nicht dieses elende Hinderniß gewesen, so hätte er mit dem Diamanten nach Amsterdam gehen, denselben dort in verschiedene Steine zerschneiden lassen und so bequem verkäuflich machen können. Wie aber die Dinge standen, blieb ihm keine Wahl: er mußte auf die Bedingungen des Herrn Luker eingehen. Am Ende hatte er doch ein ganzes Jahr vor sich, um sich die 3000 Pfund zu verschaffen, und ein Jahr ist eine lange Zeit.

Herr Luker setzte auf der Stelle die erforderlichen Schriftstücke auf. Nachdem dieselben unterzeichnet waren, gab er Herrn Godfrey Ablewhite zwei Anweisungen. Die eine unter dem Datum des 23. Juni, auf 300 Pfund, die andere, eine Woche später datiert, auf die Restsumme von 1700 Pfund lautend.

Wie der Mondstein den Bankiers des Herrn Luker übergeben wurde und wie die Indier Herrn Luker und Herrn Godfrey nach dieser Uebergabe behandelten, wissen Sie bereits.

Das nächste Ereigniß in dem Leben Ihres Vetters steht wieder mit Fräulein Verinder in Verbindung. Er machte ihr einen zweiten Heiraths-Antrag und erklärte sich später, nachdem Fräulein Verinder denselben zuerst angenommen hatte, auf ihren Wunsch bereit, das eingegangene Verlöbniß wieder aufzuheben. Einen der Gründe, die ihn dazu bestimmten, hat Herr Bruff richtig vermuthet Fräulein Verinder hatte nur die Nutznießung des Vermögens ihrer Mutter, und es konnte daher die erforderliche Summe von 20.000 Pfund diesem Vermögen nicht entnommen werden.

Aber ich höre Sie sagen: ich hätte doch, wenn er geheirathet hätte, von dem Jahres-Einkommen seiner Frau die zur Einlösung des verpfändeten Diamanten nöthigen 3000 Pfund ersparen können. Das hätte er gewiß können, vorausgesetzt, daß weder seine Frau noch ihre Vormünder etwas dagegen einzuwenden gehabt hätten, daß er in dem ersten Jahre seiner Verheirathung zu einem unbekannten Zweck mehr als die Hälfte des zu seiner Verfügung stehenden Einkommens vorweg genommen hätte. Aber selbst wenn er dieses Hinderniß überwunden hätte, so blieb noch ein anderes im Hintergrunde lauerndes übrig. Die Dame in der Villa hatte von seiner beabsichtigten Heirath gehört. Ein stolzes Weib, Herr Blake, von der Art, die nicht mit sich spaßen läßt —— eine von jenen schönen Frauen mit hellem Teint und römischer Nase. Sie verachtete Herrn Godfrey Ablewhite aus tiefstem Herzensgrunde; sie erklärte sich bereit, dieser Verachtung keinen Ausdruck zu geben, wenn er gut für sie sorgte, —— andernfalls würde sie wissen ihre Verachtung laut werden zu lassen. Das Nutznießungsrecht Fräulein Verinder’s ließ ihm aber die Erfüllung dieses Verlangens eben so wenig möglich erscheinen, als die Erhebung der 20,000 Pfund. Unter diesen Umständen konnte er nicht heirathen, konnte er wirklich nicht heirathen.

Wie er dann sein Glück noch einmal mit einer andern Dame versuchte und wie auch dieses Heirathsproject an der Geldfrage scheiterte, das wissen Sie auch schon. Auch von dem Vermächtniß von 5000 Pfund, welches ihm kurz nachher eine seiner vielen Anbeterinnen, die er sich durch sein bezauberndes Wesen zu gewinnen gewußt hatte, hinterließ, haben Sie bereits gehört. Dieses Vermächtniß brachte ihm, wie die Ereignisse gezeigt haben, den Tod.

Ich habe in Erfahrung gebracht, daß er auf der Reise, die er nach Empfang jener 5000 Pfund unternahm, nach Amsterdam ging. Hier traf er alle nöthigen Anstalten zur Zerschneidung des Diamanten in verschiedene Steine. Er kehrte in einer Verkleidung zurück und löste den Diamanten an dem bestimmten Tage aus. Beide Theile hatten sich aus Vorsicht darüber verständigt, daß bis zur Entnahme des Diamanten auf der Bank noch einige Tage verfließen sollten. Wenn er denselben nach Amsterdam hätte in Sicherheit bringen können, so würde von Juli 1849 bis Februar 1850, dem Zeitpunkt der Mündigkeit des jungen Mannes, gerade Zeit genug gewesen sein, um den Diamanten zerschneiden zu lassen und sich in den verschiedenen Steinen, gleichviel ob in geschliffenem oder ungeschliffenem Zustand, leicht verkäufliche Gegenstände zu verschaffen. Urtheilen Sie darnach selbst, welche Gründe er hatte, sich der Gefahr auszusetzen, der er erlegen ist. Wenn es je einen Fall gegeben hat, wo ein Mensch Ursache hatte Alles auf eine Karte zu setzen, so war es dieser.

Bevor ich diesen Bericht schließe, habe ich nur noch zu erwähnen, daß noch Hoffnung vorhanden ist der Indier habhaft zu werden und den Mondstein wieder zu erlangen. Es ist aller Grund vorhanden anzunehmen, daß die Indier sich augenblicklich auf einem Ostindienfahrer aus dem Wege nach Bombay befinden. Das Schiff wird, wenn ihm keine Unfälle begegnen, unterwegs keinen andern Hafen anlaufen; und die Behörden in Bombay, die bereits durch die Ueberlandpost benachrichtigt sind, werden sich im Moment, wo das Schiff in den Hafen einläuft an Bord einfinden.

Ich verbleibe mit ausgezeichneter Hochachtung
Richard Cuff,
früher Sergeant der geheimen Polizei,
Scotland Yard, London.



Kapiteltrenner


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