Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Zehntes Buch - Zwischenscene in Briefen - III. Mrs. Noël Vanstone an Miss Garth
 

Namenlos



III.

Mrs. Noël Vanstone an Miss Garth.

Den 5. November, 2 Uhr.

Ich bin eben von Westmorlandpalast zurück, nachdem ich ihn absichtlich insgeheim verließ und absichtlich Ihnen unter Ihrem eigenen Dache aus dem Wege ging. Sie sollen erfahren, warum ich kam und wieder ging. Ich bin es dem Andenken an frühere Zeiten schuldig, daß ich Sie nicht wie eine Fremde behandle, obschon ich Sie nimmer wieder als Freundin behandeln kann. ——

Ich reiste gestern aus dem Norden nach London. Mein einziger Zweck für diese lange Reise war, noch einmal Nora zu sehen. Ich hatte viele traurige Wochen hindurch solche Gewissensbisse gehabt, wie sie nur elende Frauen wie ich erdulden können. Vielleicht hat mich das Leiden schwach gemacht, vielleicht erweckte es auch einige alte vergessene Zärtlichkeit in meinem Herzen wieder auf: Gott mag es wissen! —— ich kann es nicht erklären. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich anfing, bei Tage nur an Nora zu denken und in der Nacht nur von ihr zu träumen, bis ich von meinem Schmerz beinahe aufgerieben wurde. Ich habe keinen bessern Grund als diesen, den ich für den Entschluß anführen kann, daß ich all diese Gefahren lief und nach London kam, um sie zu sehen! —— Ich will nicht mehr für mich beanspruchen, als ich verdiene, mag Ihnen nicht sagen, daß ich das reumütige und in sich gegangene Wesen war, das Sie vielleicht wieder auf- und angenommen hätten. Ich hatte nur ein Gefühl in mir, dessen ich mir bewußt war. Ich sehnte mich, meine Arme um Noras Hals zu, schlingen und mich auszuweinen an Noras Busen. Kindisch genug, kann ich wohl sagen. Es wäre vielleicht Etwas daraus entstanden, vielleicht auch Nichts, —— wer weiß es?

Ich sah keine Möglichkeit vor mir, ohne Ihren Beistand Nora ausfindig zu machen. Wie sehr Sie auch mißbilligen möchten, was ich gethan, ich dachte, Sie würden sich gewiß nicht weigern, mir dazu zu verhelfen, daß ich meine Schwester fände. Als ich mich die letzte Nacht in das fremde Bett zur Ruhe begab, sprach ich zu mir selbst:

—— Ich will Miss Garth um meines Vaters und meiner Mutter willen bitten, es mir zu sagen.

Sie können nicht ermessen, welchen Trost ich in dem Gedanken fühlte. Aber wie sollten Sie auch? Was wissen tugendhafte Frauen, wie Sie, von elenden Sünderinnen, wie ich? Alles was Sie wissen, ist, daß Sie für uns in der Kirche beten. ——

Gut, ich schlief in dieser Nacht zum ersten Male seit meiner Verheirathung glücklich und froh ein. Als der Morgen kam, büßte ich für die Vermessenheit, auch nur für eine Nacht glücklich und froh gewesen zu sein. Als der Morgen Kam, kam zugleich mit ihm ein Brief, der mir berichtete, daß meine bitterste Feindin auf Erden —— Sie haben Sich genug schon in meine Angelegenheiten gemischt, um sofort zu wissen, welche Feindin ich meine —— in meiner Abwesenheit Rache an mir genommen habe. Indem ich dem Drange nachgab, der mich zu meiner Schwester trieb, war ich in mein Verderben gerannt.

Das Unglück war für den Augenblick ohne alle Abhilfe, als ich die Nachricht davon empfing. Was auch immer vorgefallen war, was noch vorfallen mochte, ich stählte meinen Geist in dem Entschlusse, Nora zu sehen, ehe ich noch etwas Anderes thäte. Ich hatte Sie im Verdacht, daß Sie mit an dem Unglück schuld wären, das mich betroffen hatte, —— weil ich in Aldborough ganz sicher und gewiß wußte, daß Sie und Mrs. Lecount einander geschrieben hatten. Aber ich hatte niemals Nora in Verdacht. Und wenn ich in diesem Augenblicke auf meinem Sterbebette läge, so könnte ich mit guten: Gewissen sagen, Nora hatte ich niemals in Verdacht.

So ging ich heute Morgen nach Westmorlandpalast, um Sie nach der Wohnung meiner Schwester zu fragen und offen zu gestehen, daß ich Sie in Verdacht hatte, wieder mit Mrs. Lecount in Briefwechsel zu stehen.

Als ich an der Thür nach Ihnen frug, sagte man mir, Sie seien ausgegangen, würden aber binnen Kurzem zurückerwartet. Man frug mich, ob ich Ihre Schwester besuchen wolle, welche gerade im Schulzimmer war. Ich wünschte, daß Ihre Schwester in keiner Weise behelligt werde, mein Geschäft sei nicht mit ihr, sondern mit Ihnen. Ich bat um die Erlaubniß, in einem Zimmer allein zu warten, bis Sie zurückkämen.

Man wies mich in das Doppelzimmer im Erdgeschoß, das durch Vorhänge getrennt ist, wie es damals war, wo ich es zuletzt gesehen hatte. Es war Feuer in der äußern Abtheilung des Zimmers, nicht aber in der inneren, und aus diesem Grunde vermuthlich waren die Vorhänge zugezogen. Das Dienstmädchen war sehr höflich und aufmerksam gegen mich. Ich habe für Höflichkeit und Aufmerksamtkeit dankbar zu sein gelernt und sprach mit ihm so heiter als ich konnte. Ich sagte zu dem Mädchen:

—— Ich werde Miss Garth hier sehen, wenn sie nach der Thür zukommt, und kann sie durch das große Fenster herein zu kommen bitten.

Das Mädchen sagte, Das könnte ich thun, wenn Sie des Weges daher kämen; aber Sie schlössen Sich manchmal mit Ihrem eigenen Schlüssel selbst auf, indem Sie durch die Thür vom Garten hinten hereinkämen, und wenn Sie das thaten, so würde sie dafür sorgen, Sie von meinem Besuche in Kenntniß zu setzen. Ich erwähne diese geringfügigen Einzelheiten, um Ihnen zu zeigen, daß kein vorbedachter Betrug in meiner Absicht lag, als ich in dies Haus kam.

Ich wartete eine traurige lange Zeit, und Sie kamen immer und immer nicht. Ich weiß nicht, ob meine Ungeduld es mich glauben machte, oder ob das große Feuer im Kamin das Zimmer wirklich so heiß machte: ich weiß nur, daß ich nach einer Weile durch die Vorhänge in das innere Zimmer schritt, um in kühlere Luft zu kommen.

Ich ging an das lange Fenster, welches in den Hintergarten geht, um hinauszusehen, und beinahe im selben Augenblicke höre ich die Thür öffnen, die Thür des Zimmers, das ich eben verlassen hatte, und höre Ihre Stimme und die Stimme noch einer andern Frau sprechen, welche Letztere mir unbekannt ist. Die Fremde war eine von den Pensionärinnen glaube ich. Ich nahm aus den ersten Worten, welche Sie mit einander wechselten, ab, daß Sie Sich in der Flur getroffen, sie die Treppe heruntergehend und Sie vom Hintergarten herein kommend. Die nächste Frage derselben und Ihre nächste Antwort belehrten mich, daß diese Person eine Freundin meiner Schwester war, die eine große Theilnahme für dieselbe an den Tag legte und welche wußte, daß Sie gerade von einem Besuche bei Nora zurückkamen. Bis dahin zögerte ich nur deshalb mich selbst zu zeigen, da ich in meiner peinlichen Lage mich scheute, mit einer Fremden zusammen zu kommen. Allein als ich unmittelbar daraus meinen eignen Namen von Ihren Lippen und von derselben aussprechen hörte, da trat ich unwillkürlich dem zwischen uns befindlichen Vorhange näher und lauschte absichtlich.

Eine gemeine Handlung, wollen Sie sagen? —— Nennen Sie es gemein, wenn Sie wollen. Was können Sie von einer Person, wie ich bin, Besseres erwarten?

Sie waren immer ob Ihres Gedächtnisses berühmt, es ist mithin nicht nöthig, die Werte zu wiederholen, welche Sie vor kaum einer Stunde zu Ihrer Freundin sprachen, und die Worte, die Ihre Freundin zu Ihnen sagte. Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden Sie so gut als ich selber wissen, was jene Worte besagten. Ich frage nicht nach Einzelheiten, ich nehme all Ihre Gründe und all Ihre Entschuldigungen für gegeben an. Es ist mir genug zu wissen, daß Sie und Mr. Pendril mich wieder haben suchen lassen und daß Nora dies Mal mit bei der Verschwörung ist, um mich wider meinen Willen zurückzufordern. Es ist mir genug, daß ich weiß, wie mein Brief an meine Schwester zu einem Fallstrick benutzt wurde, um mich darin zu fangen, und wie Mrs. Lecounts Rache durch Mittheilungen aus Noras Munde ihr Ziel erreicht hat.

Soll ich Ihnen sagen, was ich litt, als ich diese Dinge hörte? Nein, es wäre bloß Zeitverschwendung es Ihnen zu sagen. Was ich auch leide, ich verdiene es, —— nicht wahr?

Ich wartete in dem inneren Zimmer —— da ich mein heftiges Temperament kannte und mir nicht zutraute, Sie nach dem, was ich gehört hatte, sehen zu können —— ich wartete in dem inneren Zimmer, indem ich zitterte, es möchte das Dienstmädchen Ihnen von meinem Besuche sagen, ehe ich Gelegenheit fände, das Haus zu verlassen. Dies Mißgeschick wenigstens sollte mir erspart bleiben. Das Mädchen hörte ohne Zweifel die Stimmen oben und nahm an, daß wir uns in der Flur getroffen hätten. Ich weiß nicht, wie lang oder wie kurz die Zeit war, bis Sie das Zimmer verließen, um den Hut abzulegen, und Ihre Freundin mit Ihnen ging. Ich zog das große Fenster leise in die Höhe und stieg in den hinteren Garten. Der Weg, auf dem Sie ins Haus zurückkehrten, war derselbe, auf dem ich es verließ. Das Mädchen trifft keine Schuld. Wie gewöhnlich ist, wo ich im Spiele bin, Niemand als ich der schuldige Theil.

Es ist Zeit genug vergangen, um meinen Geist etwas zu beruhigen. Sie wissen wohl, wie stark ich bin? Sie wissen noch, wie ich schon als Kind ankämpfte gegen alle meine Krankheitsanfälle? Jetzt, wo ich ein Weib, kämpfe ich nun ganz ebenso gegen mein zahlloses Elend an. Bedauern Sie mich nicht, Miss Garth! Bedauern Sie mich nicht!

Ich hege keinen Groll gegen Nora. Die Hoffnung, welche ich hatte, sie zu sehen, ist mir nunmehr benommen, der Trost, den ich hatte, wenn ich ihr schrieb, ist mir für die Zukunft abgeschnitten. Ich bin ins Herz getroffen, aber ich habe doch keine bittere Empfindung gegen meine Schwester. Sie meint es gut, die gute Seele, —— ich darf wohl sagen, sie meint es gut. Es würde sie betrüben, wenn sie wüßte, was vorgefallen ist. Erzählen Sie es ihr nicht. Verschweigen Sie meinen Besuch und verbrennen Sie, meinen Brief.

Ein letztes Wort an Sie selbst, und ich bin fertig.

Wenn ich meine Lage recht verstehe, suchen mich Ihre Spione ebenso vergeblich, als damals in York. Schicken Sie dieselben fort, Sie verschwenden Ihr Geld umsonst. Wenn Sie mich morgen entdeckten, was könnten Sie thun? Meine Lage ist ganz verändert. Ich bin nicht mehr das arme ausgestoßene Mädchen, die landläufige Schauspielerin, auf welche Sie einstmals Jagd machten. Ich habe gethan, was ich Ihnen vorausgesagt habe, —— ich habe dies Mal das allgemeine Anstandsgefühl zum Mitschuldigen gemacht. Wissen Sie, wer ich jetzo bin? Ich bin eine ehrenwerthe Frau, für meine Handlungen Niemandem auf Gottes Erdboden verantwortlich, denn meinem Manne. Ich habe nun endlich eine Stelle in der Welt und einen Namen in der Welt. Sogar das Gesetz, welches der Freund von Euch Allen, »ehrenwerthen« Leute, ist, hat meine Existenz anerkannt und ist auch mein Freund geworden! Der Erzbischof von Canterbury gab mir die Erlaubniß zu heirathen, und der Pastor zu Aldborough vollzog die Trauung. Wenn ich Ihre Spione mir auf der Straße folgen sähe und gegen sie geschützt sein wollte, so würde das Gesetz auf meiner Seite sein. Sie vergessen, wie meine Erbärmlichkeit Wunder gethan hat. Sie hat Niemandes Kind zu Jemandes Weibe gemacht!

Wenn Sie diesen Erwägungen ihr volles Recht einräumen wollen, wenn Sie Ihren vortrefflichen natürlichen Verstand walten lassen, dann habe ich keine Furcht davor, genöthigt zu werden, den Schutz meines neu gefundenen Freundes und Hortes —— des Gesetzes anzurufen. Sie werden dies Mal fühlen, daß Sie Sich schließlich nicht ohne einen gewissen Erfolg in meine Angelegenheiten gemischt haben.

Ich bin Nora entfremdet, —— bin von meinem Gatten entdeckt, —— bin von Mrs. Lecount überlistet.

Sie haben mich bis zum Aeußersten getrieben, Sie haben mich stark gemacht, um den Kampf meines Lebens mit der Entschlossenheit zu bestehen, die nur ein verlassenes und vereinsamtes Weib fühlen kann. So schlecht Ihre Pläne gelungen sind, so haben sie sich doch am Ende nicht ganz ohne Frucht erwiesen!

Ich habe Nichts weiter zu sagen. Wenn Sie je mit Nora über mich sprechen, so erzählen Sie ihr, daß ein Tag kommen wird, wo sie mich wiedersehen wird, der Tag, wo wir beiden Schwestern unser ureigenes Recht wiedererlangen werden, der Tag, wo ich Nora ihr Vermögen in die Hände legen kann.

Das sind meine letzten Worte. Erinnern Sie Sich das nächste Mal daran, wenn Sie Sich versucht fühlen sollten, Sich wieder in meine Angelegenheiten zu mischen.

Magdalene Vanstone.


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