Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos
 

Namenlos



Dreizehntes Buch.

Auf St. Crux.

Erstes Capitel.

—— Dies ist das Zimmer, wo Du schlafen wirst. Leg Dich zeitig nieder und komm dann wieder in mein Zimmer herunter. Der Admiral ist zurück, und Du wirst ihn heute zum ersten Male bei Tisch zu bedienen haben.

Mit diesen Worten machte Mrs. Drake, die Haushälterin, die Thür zu, und das neue Stubenmädchen war auf seinem Schlafzimmer zu St. Crux allein.

Dieser Tag war der ereignißvolle fünfundzwanzigste —— Februar. In knapp vier Monaten von der Zeit an, wo Mrs. Lecount die Weisung ihres Herrn seinem Testamentsvollstrecker in die Hand gegeben hatte, war gerade die Fügung von Umständen, der vorzubeugen dessen erster und vornehmster Zweck gewesen war, jetzt eingetreten. Mr. Noël Vanstones Wittwe und Admiral Bartrams geheimer Artikel waren unter ein und demselben Dache. Soweit hatten sich die Verhältnisse ohne alle Ausnahme zu Gunsten Magdalenens gestaltet. Soweit war der Weg, der sie nach St. Crux geführt hatte, ohne Hindernisse gewesen. Louise, deren Namen sie jetzt angenommen hatte, war vor drei Tagen mit ihrem Manne und ihrem Kinde nach Australien abgesegelt. Sie war das einzige lebende Wesen, dem Magdalene ihr Geheimniß anvertraut hatte, und sie war jetzt nicht mehr in Sieht der englischen Küste. Das Mädchen war bis zuletzt aufmerksam, pünktlich und auf das Interesse seiner Herrin aufrichtig bedacht gewesen. Sie hatte die Pein ihrer Unterredung mit der Haushälterin überstanden und keine von den Weisungen vergessen, durch die sie darauf vorbereitet war. Sie hatte selbst vorgeschlagen, den durch den Todesfall in der Familie des Admirals verursachten Aufschub sich zu nutze zu machen, indem sie mit dem äußerst wichtigen Unterricht in den häuslichen Verrichtungen fortfuhr, von deren vollkommener Aneignung das Gelingen des kühnen Wagnisses ihrer Herrin abhing. Dank der so gewonnenen Zeit hatte Magdalene, als Louisens Hochzeit vorbei und der Tag der Abreise gekommen war, bis auf die kleinste Einzelheit Alles gelernt und sich zu eigen gemacht, was ihre frühere Jungfer ihr lehren konnte. An dem Tage, wo sie über die Schwelle von St. Crux schritt, begann sie ihr verzweifeltes Wagstück, ausgerüstet mit rascher Geistesgegenwart unter allen Anforderungen, die ihr späteres Leben ihr gelehrt hatte, noch mehr gerüstet durch die angelernte Fähigkeit, die sie besaß, zur Annahme von Rollen, die nicht ihre eigenen waren, am meisten aber gerüstet durch ihre acht Wochen hindurch täglich fortgesetzte Vertrautheit mit den praktischen Erfordernissen der Stellung, welche sie auszufüllen übernommen hatte.

Sobald sie nach dem Weggang von Mrs. Drake allein war, packte sie ihren Koffer aus und zog sich für den Abend an.

Sie zog ein lavendelfarbenes Taffetkleid an, halber Traueranzug um Mrs. Girdlestone, wie es nach den Weisungen des Admirals für alle Mädchen im Hause vorgeschrieben war, dazu eine weiße Musselinschürze, eine hübsche weiße Mütze und ein Kragen mit Bändern wie das Kleid.

In dieser Dienstbotentracht, in dem einfachen glatten Kleide, das bis an den Hals hinauf ging, in dem hübschen kleinen weißen Häubchen hinten auf dem Kopfe, in dieser für alle Männeraugen, nur nicht für die Leinwandkenner einfachen Tracht, welche aber die bescheidenste und reizendste ist, die ein Weib tragen kann, entzogen sich die traurigen Veränderungen, welche innere Leiden in ihrer Schönheit hervorgebracht hatten, beinahe gänzlich der Wahrnehmung. In dem Abendanzuge einer Dame, mit ausgeschnittenem Kleide, mit ihrer in steifen Seidenstoff eher gewappneten, denn gekleideten Gestalt würde sie der Admiral in seinem Staatszimmer unbeachtet gelassen haben. In dem Abendanzuge eines Dienstmädchens konnte kein Verehrer des Schönen sie ein einzig Mal anschauen, ohne gar bald wieder den Blick auf sie zu lenken und sie zum zweiten Male anzusehen.

Als sie die Treppe herunterstieg, um nach der Stube der Haushälterin zu gehen, kam sie an den Thüren zu zwei langen Corridors vorüber, in welche sich lange Reihen von Zimmern öffneten, der eine Corridor im zweiten, der andere im ersten Stock des Hauses.

—— Viele Zimmer! dachte sie, als sie die Thüren erblickte. Eine saure Arbeit für mich, hier zu suchen, was ich zu finden im Sinne habe!

Als sie das Erdgeschoß erreichte, begegnete ihr ein wettergebräunter alter Mann, der stehen blieb und sie mit anscheinend großem Interesse ansah. Es war derselbe Mann, den Hauptmann Wragge in dem Hintergarten auf St. Crux mit dem Schnitzen eines Schiffsmodells beschäftigt gesehen hatte. In der ganzen Nachbarschaft war er weit und breit als »des Admirals Bootsmann« bekannt. Er hieß Mazey. Sechzig Jahre hatten ihre Geschichte tüchtiger Arbeit zu Wasser und tüchtigen Trinkens zu Lande auf des Veteranen dunkles runzliges Gesicht geschrieben. Sechzig Jahre hatten seine Treue ersprobt und sein leckes altes Gerippe am Ende der Reise in seines Herrn Hause in sichern Port geführt.

Da Magdalene niemand Anderes erblickte, den sie fragen konnte, ersuchte sie den Alten, ihr den Weg zu zeigen, welcher auf das Zimmer der Haushälterin führte.

—— Ich will ihn Dir zeigen, mein Täubchen, sprach der alte Mazey, indem er mit der lauten und hohlen Stimme redete, welche den Schwerhörigen eigen zu sein pflegt. Du bist das neue Mädchen, he? Weiß Gott, ein schön gewachsenes Dirnchen! Seine Gnaden der Admiral haben ein Stubenmädchen gern mit sauberm Steuerbord und Bug. Du wirst ihm recht sein, wirst ihm recht sein.

—— Du darfst nicht darauf achten, was Mr. Mazey zu Dir sagt, bemerkte die Haushälterin, die ihre Thür aufmachte, als der alte Matrose mit jenen Worten Magdalenens Lob verkündigte. Er hat die Erlaubniß zu reden, wie es ihm gefällt, und er ist sehr langweilig und derb in seinen Gewohnheiten; aber er meints nicht böse.

Mit dieser Entschuldigung des Veteranen führte Mrs. Drake Magdalenen erst zu dem Speiseschranke und dann in die Wäschekammer, indem sie dieselbe mit aller sich ziemenden Förmlichkeit in ihre häuslichen Gebiete einführte. Als diese Feierlichkeit vorüber war, wurde das neue Stubenmädchen mit herausgenommen, und ihr das Speisezimmer gezeigt, das auf den Corridor im ersten Stock führte. Hier wurde sie angewiesen, zu decken und den Tisch vorzurichten für eine einzige Person —— da Mr. George Bartram noch nicht mit seinem Oheim auf St. Crux zurückgekehrt war. Mrs. Drakes scharfe Augen beobachteten Magdalenen aufmerksam, wie sie diese ihre erste Obliegenheit verrichtete, und sie mußte sich, als die Tafel fertig war, überzeugt fühlen, daß das neue Mädchen sich auf seinen Dienst vollkommen verstand.

Eine Stunde später wurde die Suppenterrine auf den Tisch gestellt, und Magdalene stand allein hinter des Admirals leerem Stuhle, ihres Herrn erster Aeußerung gewärtig, wenn er ins Speisezimmer treten würde.

Eine große Glocke erschallte in den unteren Räumen, schnelle schleifende Schritte raschelten auf den Steinen des Corridors draußen, die Thür ging plötzlich auf, und ein großer, hagerer alter Herr mit scharfem Auge, verbissenen Lippen, lärmend unruhigen Bewegungen trat ins Zimmer mit zwei stattlichen Labrado-Hunden hinter sich und nahm seinen Platz an der Tafel in heftiger Eile ein. Die Hunde folgten ihm und setzten sich mit der äußersten Gemessenheit und Ruhe links und rechts neben seinen Stuhl.

Dies war Admiral Bartram, und dies waren seine Gesellschafter bei seinem einsamen Mahl.

—— Ei, ei, ei! Das ist gewiß das neue Stubenmädchen! begann er, indem er Magdalenen scharf, aber durchaus nicht unfreundlich ansah. Wie ist Dein Name, liebes Kind? —— Louise also? Ich werde Dich Lucie rufen, wenn Dirs recht ist. Nimm den Deckel ab, meine Gute —— ich bin heute eine oder zwei Minuten zu spät gekommen; sei Du deßwegen morgen nicht unpünktlich; ich bin gewöhnlich genau auf den Schlag da, wie ein Uhrwerk —— Wie ist Dir die Reise bekommen? Hat Dich mein Federwagen bei der Fahrt von dem Haltepunkt bis hierher sehr umhergestoßen? —— Eine capitale Suppe das! heiß wie Feuer —— erinnert mich an die Suppe, die wir in Westindien Anno Drei gewöhnlich hatten. —— Hast Du Deine halbe Trauer an? Stell Dich her und laß mich sehen! — Ach ja, recht hübsch und nett und fein. —— Arme Mrs. Girdlestone! Ach, liebe, liebe, liebe, arme Mrs. Girdlestone! —— Du fürchtest Dich doch nicht vor Hunden, Lucie? —— Wie? Was? Du hast Hunde gern? Das ist recht! Sei immer freundlich gegen diese armen einfältigen Thiere. Diese beiden Hunde speisen täglich bei mir, ausgenommen, wenn Gesellschaft da ist. Der Hund mit der schwarzen Nase da ist Brutus, und der mit der weißen Nase ist Cassius. —— Hast Du je gehört, wer Brutus und Cassius waren? —— Alte Römer? Richtig, Du gutes Kind. Vergiß nicht Dein Buch und Deine Nadel; Du sollst auch ein Mal einen guten Ehemann haben. —— Nimm die Suppe weg, mein Kind, nimm die Suppe weg.

Dies war der Mann, dessen Geheimniß zu erhaschen jetzt das einzige Dichten und Trachten Magdalenens war! Das war der Mann, dessen Name den ihrigen in Noël Vanstones Testament ersetzt hatte!

Der Fisch und der Braten folgten, und das Geplauder des Admirals hatte seinen Fortgang, bald als Selbstgespräch, bald zum Stubenmädchen gewandt, bald an die Hunde gerichtet, so vertraulich und unzusammenhängend, wie immer. Magdalene bemerkte mit einigem Erstaunen, daß die Gesellschafter des Admirals bis jetzt keinen Bissen Von dem Teller ihres Herrn erhalten hatten. Die beiden prächtigen Thiere saßen auf ihre Pfoten gekauert, mit ihren großen Köpfen über dem Tische, den Fortgang der Mahlzeit mit der größten Aufmerksamkeit beobachtend, aber ersichtlich ohne Erwartung, Etwas davon zu erhalten. Der Braten wurde entfernt, der Teller des Admirals gewechselt, und Magdalelte nahm die silbernen Deckel von den zwei Schüsseln auf beiden Seiten der Tafel ab. Als sie die erste der duftigen Schüsseln ihrem Herrn reichte, gaben die Hunde plötzlich ein athemloses persönliches Interesse an den Dingen zn erkennen. Brutus lief der Speichel aus dem Rachen, und die Zunge des Cassius, welche vor unaussprechlicher Erwartung zum Vorschein kam, bewegte sich zwischen den ungeheuren Kinnbacken hin und her.

Der Admiral langte sich selbst reichlich aus der Schüssel zu, schickte Magdalenen an den Nebentisch, um ihm etwas Brod zu holen, und als er dachte, daß ihr Auge nicht auf ihn gerichtet sei, schob er heimlich den ganzen Inhalt seines Tellers in Brutus Rachen. Cassius winselte leise, als sein glücklicher Kamerad dies würzige Zwischengericht mit einem Schluck hinunterschlang.

—— Ruhig, du dummer Kerl, flüsterte ihm der Admiral zu, du kommst das nächste Mal dran!

Magdalene reichte die zweite Schüssel. Noch ein Mal langte sich der Admiral reichlich zu, noch ein Wink schickte er sie an das Seitentischchen, noch ein Mal schob er den ganzen Inhalt des Tellers in die Kehle des Hundes, indem er dies Mal Cassius erwählte, wie es sich für ihn als aufmerksamen Herrn und als Unparteiischen Mann geziemte Als der nächste Gang folgte, der in einem einfachen Pudding und in einem ungesunden Cream bestand, wurde Magdalenens Vermuthung über die Thätigkeit der Hunde bei der Tafel bestätigt. Während der Herr den einfachen Pudding zu sich nahm, verschlangen die Hunde den kunstvollen Cream. Der Admiral fürchtete offenbar, auf der einen Seite seiner Köchin zu nahe zu treten und auf der andern sich selbst Schaden zu thun, und Brutus und Cassius waren die beiden abgerichteten Mitschuldigen, welche ihm jeden Tag halfen, über diese Schwierigkeiten hinwegzukommen.

—— Sehr gut, sehr gut! sagte der alte Herr mit dem offenbarsten Doppelsinne. Sage der Köchin, mein Kind, ein capitaler Cream!

Als Magdalene nun Wein und Nachtisch auf die Tafel gestellt hatte, war sie im Begriff, sich zurückzuziehen. Ehe sie das Zimmer Verlassen konnte, rief sie ihr Herr zurück ins Zimmer.

—— Halt, halt! sagte der Admiral. Du kennst noch nicht die Sitte des Hauses, Lucie. Stell noch ein Glas hierher, zu meiner Rechten, das größte, das du finden kannst. Ich habe einen dritten Hund, der beim Nachtisch hereinkommt, einen trunkenen alten Seehund, welcher zu Land und zu Wasser mein Schicksal getheilt hat wohl fünfzig Jahre und drüber. —— Ja, ja; das ist die Art Gläser, die wir brauchen. Du bist ein gutes Kind. —— Du bist ein hübsches, gescheidtes Kind. Ruhig, mein Schatz, Du brauchst Dich nicht zu fürchten!

Ein plötzliches Pochen außen an der Thüy worauf ein mächtiges Anschlagen von Seiten der beiden Hunde erfolgte, hatte Magdalenen erschreckt.

Herein! rief der Admiral.

Die Thür ging auf, Brutus und Cassius wedelten fröhlich mit den Schwänzen, und der alte Mazey marschierte in gestreckter Haltung rechts vom Stuhle seines Herrn auf.

Der Veteran stand da mit weit gespreizten Beinen und sorgfältig gewahrtem Gleichgewicht, als ob das Speisezimmer eine Cajüte und das Haus ein seine Straße ziehendes Schiff auf hoher See gewesen wäre.

Der Admiral füllte das große Glas mit Portwein, füllte sein eigenes Glas mit Rothwein und erhob es an seine Lippen.

Gott segne die Königin, Mazey! sprach der Admiral.

—— Gott segne die Königin, Euer Gnaden, sprach der alte Mazey, indem er seinen Portwein hinunterwarf, wie die Hunde die Tunke.

—— Wie ist der Wind, Mazey?

—— West und bei Nord, Euer Gnaden.

—— Guten Abend, Mazey.

—— Guten Abend, Euer Gnaden.

Als diese feierliche Nachtischhandlung dergestalt beendigt war, machte der alte Mazey einen Diener und schritt wieder zum Zimmer hinaus. Brutus und Cassius streckten sich auf ihren Bauch, um die Pilze und feinen Saucen in der Alles ausgleichenden Hitze des Feuers zu verdauen.

—— Für Das, was uns bescheeret worden, mache der Herr uns dankbar im Herzen, sprach der Admiral. —— Gehe hinunter, gutes Kind, und nimm Dein Abendbrod ein. Eine leichte Speise, Lucie, wenn Du meinen Rath hören willst, eine leichte Speise, sonst wirst Du den Alp bekommen. Frühzeitig zu Bett, meine Liebe, und frühzeitig auf, das macht ein Stubenmädchen gesund und wohlhabend und gescheidt. Das ist die Weisheit Deiner Vorgängerinnen, —— Du mußt nicht darüber lachen. —— Gute Nacht.

Mit diesen Worten wurde Magdalene entlassen, und so endete ihre Bekanntschaft des ersten Tages mit Admiral Bartram.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen enthielten die Anweisungen für das neue Stubenmädchen unter Andern einen merkwürdigen Befehl, der für sie in ihrer Lage ganz besonders von Interesse war. Während der Abwesenheit des alten Herrn vom Hause, welche diesen Tag über wegen Geschäften an Ort und Stelle, die ihn nach Ossory führten, stattfand, erhielt sie die Weisung, sich mit dem ganzen bewohnten Theil des Hauses bekannt zu machen und die Lage der verschiedenen Zimmer kennen zu lernen, um dann zu wissen, wohin die Klingeln sie riefen, wenn sie dieselben hörte. Mrs. Drake wurde mit der Pflicht betraut, die Entdeckungsreise des neuen Ankömmlings zu leiten, wenn sie nicht etwa anderweitig beschäftigt wäre, in welch letzterem Falle auch eine von den untergeordneten Dienstboten ebenfalls berechtigt sein sollte, Magdalenen als Führerin zu dienen.

Nachmittags fuhr der Admiral nach Ossory, und Magdalene stellte sich im Zimmer von Mrs. Drake ein, um im Hause herumgeführt zu werden. Mrs. Drake war zufällig anderweitig beschäftigt und wies sie an das erste Hausmädchen. Das erste Hausmädchen war zufällig in derselben Lage, als Mrs. Drake und verwies sie an die unteren Hausmägde. Die unteren Hansmägde erklärten, sie seien alle behindert und hätten keinen Augenblick Zeit übrig; sie schlugen in nicht eben sehr höflicher Art und Weise den alten Mazey vor, der Nichts auf Gottes Welt zu thun habe und das Haus so gut, oder noch besser kenne, als das ABC. Magdalene nahm den Wink mit geheimer Empörung und Verachtung hin, welche zu verbergen ihr einen harten Kampf kostete. Sie hatte den Abend vorher gemerkt und wußte nun ganz bestimmt, daß alle Dienstmädchen im Hause Merkwürdigerweise mit derselben mürrischen Einhelligkeit des Mißtrauens sie schon mit scheelen Augen unter sich sahen. Mrs. Drake war, wie sie sich mit eigenen Augen überzeugt hatte, diesen Morgen wirklich mit ihren Abrechnungen beschäftigt. Allein von allen den Mädchen unter ihr, die sich entschuldigten, hatte keines vorgegeben, mehr als gewöhnlich beschäftigt zu sein. Ihre Blicke sagten deutlich:

—— Wir können Dich nicht leiden und mögen Dich darum auch nicht im Hause herumführen.

Sie fand sich nicht nach den ihr gegebenen dürftigen Winken, sondern nach dem Klange der knarrenden und zitternden Stimme des Veteranen zum alten Mazey, wie er in seiner Abgeschiedenheit einen Vers aus dem unsterblichen Seemannsliede: »Tom Bowling« sang. Gerade als sie die steinernen Gänge im Erdgeschoß des Hauses dahin schritt, ungewiß, wohin sie sich zunächst wenden sollte, hörte sie die tonlose Stimme des Alten in der Ferne die folgenden Worte singen:

Sein’ Gestalt war von der männlichsten Schö———ö—önheit
Sein Herz war mild und sanft;
Treulich that hienieden Tom seine Pflichten,
Aber jetzt ist er gangen fo———o—o——o—ort,
Aber jetzt ist er ga—a———a-angen fort!

Magdalene ging in der Richtung der zitternden Stimme und befand sich alsbald in einem kleinen Zimmer, das nach dem Hinterhof ging. Da saß der alte Mazey mit seiner Brille weit unten auf der Nase, mit seinen knorrigen alten Händen am Takelwerk seines Schiffsmodells herumfahrend. Da lagen auch wieder Brutus und Cassius und verdauten am Feuer und schnarchten, als ob sie sich ganz wohlig dabei fühlten. Da hing Lord Nelson an der einen Wand in grellen Wasserfarben und dort an der andern eine Abbildung von Admiral Bartrams letztem Flaggenschiff unter vollen Segeln auf einer See, die wie Schiefer aussah, darüber ein Himmel in der Farbe des Lachses, um die Täuschung vollkommen zu machen.

—— Was, sie wollen Dich nicht im Hause herumweisen, wirklich? sagte der alte Mazey. Dann will ich es thun! Das erste Hausmädchen ist ein sauertöpfiges Ding, ja, mein Kind, wie es je eines gab. Du bist zu jung und gutaussehend, als daß Du ihnen gefallen könntest —— Das ist es nur.

Er stand anf, nahm seine Brille ab und schürte das Feuer ein wenig.

—— Sie ist schlank wie eine Pappel, sagte der alte Mazey in schläfrigem Selbstgespräch vor sich hin und betrachtete Magdalenens Gestalt.

—— Sie ist kerzengerade, wie eine Pappel, und Seine Gnaden der Admiral sagt es auch!

—— Komm mit, mein Kind, fuhr er fort und wandte sich wieder zu Magdalenen. Ich will Dir erst Deine Compaßgegenden lehren. Wenn Du Deinen Compaß hast, mag es drüber oder drunter gehen, so wirst Du auch eine glatte Fahrt haben durchs ganze Haus.

Er ging nach der Thür voraus, blieb stehen und ging, plötzlich seines Schiffes im verjüngten Maßstabe gedenkend, wieder zurück, um sein Schifflein in einen leeren Wandschrank zu stellen, —— schritt wieder nach der Thür voraus, blieb abermals stehen, erinnerte sich, daß einige von den Zimmern etwas kalt waren, und polterte nun fluchend und brummend umher und suchte seinen Hut. Magdalene setzte sich ruhig nieder, um auf ihn zu warten. Sie verglich mit dankbarem Herzen seine Behandlung mit derjenigen, welche sie von Seiten der Frauenzimmer erfahren hatte.

Man mag sich so fest, als man wolle, dessen erwehren, mag sich so stolz, als man will, darüber hinwegsetzen: alle grundsätzliche Unfreundlichkeit —— gleichviel wie wenig man darauf zu geben hat —— hat einen bittern Stachel in sich, der uns bis aufs Leben trifft.

Magdalene erfuhr an sich den Grad, in dem sie die kleine Bosheit der Mägde gefühlt hatte, nur an dem Eindruck, welchen hinterher die rauhe Freundlichkeit des Matrosen auf sie machte. Der stumme Willkommen der Hunde, als die Bewegungen im Zimmer sie aus ihrem Schlafe erweckt hatten, rührte sie noch mehr. Brutus schob seine mächtige Schnauze zutraulich in ihre Hand, und Cassius legte ihr eine seiner Vorderpfoten freundschaftlich auf den Schooß. Ihr Herz empfand Heimweh, als sie die beiden Thiere streichelte und liebkoste. Es war ihr, als ob es erst gestern geschehen sei, wo sie und die Hunde auf Combe-Raven zusammen im Garten sich getummelt und sie die Sommermorgen auf dem schattigen grünen Rondel vor dem Hause fröhlich hinweg gespielt hatte. ——

Der alte Mazey fand endlich seinen Hut, und sie brachen nun mit den Hunden hinter sich zu ihrer Entdeckungsreise auf.

Indem sie das Erdgeschoß des Hauses verließen, welches ganz und gar von Gesindestuben eingenommen war, stiegen sie ins erste Stock hinauf und traten in den langen Corridor, mit welchem Magdalene sich bereits den Abend vorher bekannt gemacht hatte.

—— Stell Dich ’mal mit dem Rücken hierher, sagte der alte Mazey und zeigte auf die lange Wand, welche in unregelmäßigen Zwischenräumen von Fenstern unterbrochen wurde, die aus einen Hofgarten und Fischteich hinaus gingen, und auf die rechte Seite des Ganges, wo Magdalene jetzt stand. ——

—— Stell Dich ’mal mit dem Rücken gegen diese Wand, sagte der alte Veteran, und sieh geradeaus. Was siehst Du da?

—— Die andere Wand des Ganges, sagte Magdalene.

—— So, so? Was denn noch?

—— Die Thüren, welche in die Zimmer führen.

—— Was sonst noch?

—— Weiter sehe ich Nichts.

Der alte Mazey kicherte, blinzelte und drohte Magdalenen mit seinem knorrigen Zeigefinger bedeutungsvoll.

—— Du siehst eine von den Gegenden des Compasses, mein Kind. —— Wennst Du Deinen Rücken gegen diese Wand gekehrt hast und wennst Du geradeaus siehst, so siehst Du Norden. [Der alte Mazey spricht im Original Noathe statt North. W.]

—— Wennst Du Dich jemals hier verlaufen solltest, so stell Dich mit dem Rücken gegen die Wand, sieh geradeaus und sage zu Dir:

—— Ich sehe nach Norden!

—— So machst Du’s, wenn Du ein gutes Kind bist und nicht vergissest, was man Dir gesagt hat!

Nachdem der alte Mazey diese vorläufige Belehrung gespendet, öffnete er die Thür linker Hand auf dem Gange. Sie führte in das Speisezimmer, mit dem Magdalene bereits vertraut war. Das zweite Zimmer war für die Bibliothek hergerichtet, und das dritte als ein Morgenzimmer.

Die vierte und fünfte Thür, beide zu ausgeräumten und unbewohnten Zimmern führend und beide verschlossen, brachten sie an das Ende des nördlichen Flügels des Hauses und an den Eingang zu einem zweiten und kürzeren Gange, welcher im rechten Winkel auf den ersten stieß.

Hier kam der alte Mazey, welcher während der Besichtigung der Zimmer seine Zeit hübsch gleichmäßig in Plaudereien von Seiner Gnaden dem Admiral und Signalpfiffen für die Hunde getheilt hatte, mit aller möglichen Schnelligkeit auf die Gegenden des Compasses zurück und wies Magdalenen mit schauerlichem Ernst an, sich abermals mit dem Rücken an die Wand zu stellen. Sie versuchte«diese Anstellung abzukürzen, indem sie ganz richtig angab, daß ihre gegenwärtige Stellung, wie sie wüßte, nach Osten wäre.

—— Sprich Du doch nicht von Osten, mein Kind, sagte Mazey, indem er unerschütterlich nach seinem eigenen Lehrplane fortfuhr, —— bis Du erst Osten kennst. Stell Dich mit dem Rücken gegen die Wand und sieh geradeaus. Was siehst Du?...

Und so ging der Unterricht durch Frage und Antwort fort.

Als das Ende erreicht war, war Magdalenens Lehrmeister befriedigt. Er lachte und blinzelte wieder wie vorher.

—— Jetzt kannst Du von Osten sprechen, mein Kind, sagte der Veteran, denn jetzt kennst Du ihn.

Der östliche Flügel brachte sie nur einige Fuß vorwärts und endigte in einen Vorsaal mit einer hohen Thür, die ihnen, als sie vorwärts gingen, entgegenstand. Die Thür führte sie in ein großes, hohes Wohnzimmer, das wie die übrigen Zimmer, mit kostbaren altmodischen Möbeln ausgestattet war. Aber durch Dieses Zimmer schreitend schob Magdalenens Führer eine schwere Schiebethür gegenüber der Eingangsthür hinweg.

—— Deck Deine Schürze auf den Kopf, sagte Mazey. Wir kommen jetzt in die Banquethalle. Der Boden ist verteufelt kalt, und die Feuchtigkeit steckt an dem Orte fest wie Rußflocken in einem Meiler. Seine Gnaden der Admiral nennt es die nordwestliche Durchfahrt. Ich habe auch einen Namen dafür. Ich nenne es: Satans Knochenkälter. [ Dachte der alte Trinker dabei zugleich an die Kelter?]

Magdalene ging durch den Vorsaal und befand sich in in der alten Banquethalle von St. Crux.

Zu ihrer Linken sah sie eine Reihe hoher Fenster mit tiefen Nischen, auf eine Wandfläche von mehr als hundert Fuß Länge vertheilt. Rechts von ihr hing in einer langen Reihe von einem Ende zum andern an der gegenüberliegenden Wand eine abscheuliche Sammlung schauriger nachgedunkelter alter Bilder in morschen Rahmen, Schlachtscenen zu Wasser und zu Lande darstellend. Unter den Gemälden in der Mitte der Wand gähnte der gräuliche Schlund eines Kamins mit einem hohen Mantel von schwarzem Marmor. Das einzige Möbel, wenn man es Möbel nennen kann, —— das man in der öden Leerheit des Raumes weit und breit zu sehen bekam, war ein hagerer aIter Dreifuß von merkwürdiger getriebener Arbeit, der ganz allein inmitten der Halle dastand und ein weites rundes Becken trug, das tief mit der Asche eines erloschenen Kohlenfeuers angefüllt war. Die hohe Decke, einstmals schön geschnitzt und vergoldet, war von Schmutz und Spinneweben entstellt, die nackten Wände an jedem Ende des Gemaches waren von Feuchtigkeit fleckig, und die Kälte des Marmorbodens drang durch den schmalen Streifen einer Matte, die gleichlaufend mit den Fenstern, als Fußpfad für Diejenigen gelegt war, welche die Wildniß des Raumes betraten. Man hätte keinen bessern Namen dafür erfinden können, als der ihm vom alten Mazey gegebene war. »Knochenkälter« war in der That die genaue Beschreibung in zwei Worten von der Banquethalle zu St. Crux.

—— Steckt Ihr niemals Feuer an diesem abscheulichen Orte an? frug Magdalene.

——Es kommt ganz darauf an, auf welcher Seite des »Knochenkälter« Seine Gnaden der Admiral wohnt —— sagte der alte Mazey. Seine Gnaden liebt sein Quartier manchmal auf die eine, manchmal auf die andere Seite des Hauses zu verlegen. Wenn er im Norden des Knochenkälters wohnt, woher Du just kommen bist, so verschwenden wir unsere Kohlen hier nicht. Wohnt er aber südwärts des Knochenkälters, wohin wir demnächst uns wenden, so stecken wir das Feuer in dem Kamin und die Kohlen auf dem Becken an. Jede Nacht, wenn wir das thun, wird die Feuchtigkeit über uns Herr, jeden Morgen kommen wir wieder und werden der Feuchtigkeit Herr.

Mit dieser merkwürdigen Erklärung gings der alte Mazey an das untere Ende der Halle voran, machte noch mehrere Thüren auf und führte Magdalenen durch eine neue Folge von Zimmern, vier an der Zahl, alle von mäßiger Größe und allesamt in derselben Weise ausgestattet, als die Gemächer in dem nördlichen Flügel. Sie sah zu den Fenstern hinaus und erblickte die vernachlässigten Gartenanlagen von St. Crux, die von Unkraut und Brombeersträuchern überwuchert waren. Hier und da in nicht großer Entfernung in den Fluren wandte sich die sanftgebogene Linie eines der kleinen Rinnsale, wie sie der Gegend eigenthümlich waren, im Sonnenschein glitzernd, durch einzelne Blößen des Baumschlags und Brombeergesträuchs. Die weitere Ferne über dem flachen Lande im Osten war hier und da mit kleinen Dörfern besäet, von dem Netzwerk der »Hinterwasser« durchschnitten und wieder durchschnitten und plötzlich durch die lange gerade Linie des Seedammes abgeschlossen, welcher die schutzlose Küste von Essex gegen das Hereinbrechen des Meeres sicher stellt.

—— Haben wir noch mehr Zimmer zu sehen? frug Magdalene, nachdem sie nach den Gärten sich umgesehen hatte, und schaute sich nach einer andern Thür um.

—— Nein, keine weiter, mein Kind, wir sind hier auf den Grund gekommen, und wir können uns nun wenden und wieder umkehren, sprach der alte Mazey. Es ist noch eine andere Seite vom Hause, genau südlich von Dir, wie Du jetzt stehst, die uns bald auf den Kopf fällt. Du mußt in den Garten gehen, wenn Du sie sehen willst, sie ist an der andern Seite dieser Wand hier durch eine Ziegelsteinmauer von uns getrennt. Die Mönche wohnten genau südlich von uns, mein Kind, hunderte von Jahren, bevor Seine Gnaden der Admiral geboren wurde, oder auch nur an ihn gedacht wurde, und eine schöne Zeit dazu hatten sie, wie ich gehört habe. Sie sangen alle Morgen in der Kirche —— und jeden Nachmittag, da tranken sie Grog in dem Obstgarten. Sie schliefen ihre Grogräuschchen auf den besten Federbetten aus und wurden von der Nachbarschaft dick und fett, Jahr auf, Jahr ein. Glückliche Bettler, glückliche Bettler! ——

Dergestalt die Mönche anredend und offenbar bedauernd, daß er selbst nicht in jenen guten alten Zeiten gelebt hatte, führte sie der Alte wieder durch die Zimmer zurück. Auf dem Rückwege durch »Satans Knochenkälter« ging Magdalene voran.

— Sie ist so schlank wie eine Pappel, murmelte der alte Mazey vor sich hin, indem er hinter seiner jugendlichen Gefährtin drein humpelte und sein ehrwürdiges Haupt wohlgefällig hin- und herwiegte.

—— Ich war nie wählerisch, welchem Volke sie angehörten, aber ich habe sie immer gern schlank und schön gewachsen gehabt und werde sie auch immer schlank und schön gewachsen gern haben bis an mein letztes Stündlein.

—— Sind noch mehr Zimmer oben im zweiten Stock zu sehen? frug Magdalene, als sie zu dem Punkte zurückkehrten, von wo sie ausgegangen waren.

Der ihr von der Natur gegebene helle klare Ton der Stimme hatte sich für das schwere Gehör des alten Seemannes bisher ziemlich leicht verständlich gemacht. Zu ihrem Erstaunen wurde er plötzlich stocktaub gegen ihre letzte Frage.

—— Weißt Du Deine Compaßgegenden noch? frug er. Wenn Du sie nicht mehr weißt, so stelle Dich wieder mit dem Rücken gegen die Wand, und wir wollen sie noch Mal durchgehen, von Norden angefangen.

Magdalene versicherte ihm, daß sie sich jetzt mit alle Gegenden, Norden mitgerechnet, ganz vertraut fühlte, und wiederholte sodann ihre Frage in lauterem Tone. Der Alte wich ihr eigensinnig wieder aus und wurde noch tauber als zuvor.

—— Ja, mein Kind, sagte er. Du hast Recht, es ist kalt in diesen Räumen und, wenn, ich nicht zu meinem Feuer zurückkehre, wird mein Feuer ausgehen, nicht wahr? —— Wennst Du in Deinen Compaßgegenden nicht mehr sicher bist, so komme nur zu mir, und ich will Dich denn wieder zurecht weisen.

Er blinzelte ihr freundlich zu, pfiff den Hunden und humpelte ab. Magdalene hörte ihn über seinen Erfolg vergnüglich kichern, den er gehabt hatte, als es galt, ihrer Neugierde betreffs des zweiten Stockes auszuweichen.

—— Ich weiß, wie ich sie zu nehmen habe! sprach der alte Mazey für sich mit hohem Selbstbewußtsein. Groß oder klein, einheimisch oder fremd, Liebste oder Frau: ich weiß schon mit ihnen fertig zu werden!

Sich selbst überlassen machte Magdalene von der trefflichen Art des Seemanns seine Leute zu behandeln, für sich ihre besondere Nutzanwendung, indem sie sofort die Treppe hinaufging, um auf eigene Hand im zweiten Stock ihre Nachforschungen anzustellen er mit Steinen ausgelegte Gang war hier ganz genau ebenso, wie der im ersten Stock, nur mit dem Unterschiede, daß noch mehr Thüren sich auf denselben öffneten. Sie machte aufs Geradewohl die beiden nächsten Thüren eine nach der andern auf und entdeckte, daß beide Zimmer Schlafstuben waren. Die Besorgniß, von einem der Dienstmädchen in einem Theil des Hauses, mit welchem sie Nichts zu schaffen hatte, überrascht zu werden, verbot ihr, ihre Forschungen in dem Stockwerk der Schlafgemächer nicht gleich zu weit zu treiben. Sie eilte rasch ans Ende des Ganges, um zu sehen, wo er endigte, entdeckte, daß er in eine Rumpelkammer auslief, welche der Lage des Vorsaales eine Treppe tiefer entsprach, und wandte ihre Schritte augenblicklich wieder zurück.

Auf dem Rückwege bemerkte sie einen Gegenstand, der vorher ihrer Aufmerksamkeit entgangen war. Es war ein niederes Rollbett, das gleichlaufend mit der Wand dicht an einer der Thüren auf der Seite der Kammern stand. Trotz dieser seiner wunderlichen und unbehaglichen Stellung war das Bett offenbar Nachts von einem Schläfer benutzt, die Bettwäsche war darauf, und der Zipfel einer dicken rothen Fischermütze guckte unter dem Kopfkissen hervor. Sie wagte die Thür zu öffnen, an welche das Bett gerückt war, und befand sich, wie sie aus gewissen Zeichen und Merkmalen richtig geschlossen hatte, im Schlafgemach des Admirals. Eine Durchsicht des Zimmers von der Dauer eines Augenblicks war Alles, was sie zu wagen das Herz hatte, und sie kehrte darauf, die Thüre leise schließend, in die Küchengegend zurück.

Das Rollbett und die seltsame Stellung desselben blieben ihr den ganzen Nachmittag in Sinn und Gedanken. Wer konnte in aller Welt darin schlafen? Die Erinnerung an die rothe Fischermütze und die Kenntniß, welche sie bereits von Mazeys wahrer Hundetreue gegen seinen Herrn erlangt hatte, verhalfen ihr zu dem Schlusse, daß nur der alte Seemann der Insasse des Rollbettes sein könnte. Aber warum sollte er, da es doch Kammern vollauf und genug gab, jene kalte und trostlose Lage in der Nacht einnehmen? Warum sollte er als Wache vor seines Herrn Thüre schlafen? Gab es für die Nacht irgend eine Gefahr im Hause, vor welcher der Admiral sich fürchtete? —— Die Frage schien lächerlich, und doch nöthigte die Stellung des Bettes sie ihr immer wieder unwiderstehlich auf.

Angereizt durch ihre unbezwingliche Neugierde über diesen Punkt, wagte Magdalene eine Frage an die Haushälterin. Sie bekannte, auf dem Gange im zweiten Stock von einem Ende zum andern gewandert zu sein, nur um zu sehen, ob er eben solang sei, als der im ersten Stock und erwähnte, mit Erstaunen die seltsame Stellung des Rollbettes bemerkt zu haben. Mrs Drake antwortete auf ihre versteckte Frage kurz und scharf.

—— Ich will es einem jungen Mädchen, wie Du, nicht zu hoch anrechnen, sprach die alte Dame, daß es ein wenig neugierig ist, wenn es zum ersten Male in ein seltsames Haus wie dieses ist, kommt. Aber merke Dir für die Zukunft, daß Deine Arbeit nicht indem Stockwerk mit den Kammern ist. Mr. Mazey schläft in dem Bette, das Du bemerkt hast. Es ist seine Gewohnheit in der Nacht, vor seines Herrn Thüre zu schlafen.

Nach dieser magern Erklärung schlossen sich Mrs. Drakes Lippen und thaten sich nicht wieder auf.

Später am Tage fand Magdalene eine Gelegenheit, sich an den alten Mazey selbst zu wenden. Sie fand den Alten bei sehr guter Laune, wie er seine Pfeife schmauchte und sich an seinem Feuer einen Zinnkrug mit Ale wärmte.

—— Mr. Mazey, frug sie kühnlich, warum stellt Ihr Euer Bett in jenen kalten Gang hinaus?

—— Was, Du bist oben gewesen, Du junger Gelbschnabel? sagte der alte Mazey und sah von seinem Krug mit einem Seitenblicke auf.

Magdalene lächelte und nickte.

—— Macht, hin, sagt es mir, sprach sie schmeichelnd, warum schlaft Ihr vor des Admirals Thür?

—— Warum scheitelst Du Dein Haar mitten über der Stirn, mein Kind, frug der alte Mazey, mit einem zweiten Seitenblick.

—— Nun ich denke, weil ich gewohnt bin, es zu thun, antwortete Magdalene.

—— So, so? sagte der Alte. Also darum, he? Gut, mein Kind, der Grund, warum Du Dein Haar in der Mitte scheitelst, ist der nämliche, warum ich vor des Admirals Thür schlafe.

—— Ich weiß schon, mit ihnen fertig zu werden! schmunzelte der alte Mazey, indem er wieder in sein Selbstgespräch verfiel und sein Ale mit großem Triumph rührte. Lang oder kurz, fremd oder einheimisch, Liebste oder Frau: ich weiß mit’s Frauenzimmer fertig zu werden!

Magdalenens dritter und letzter Versuch, das Geheimniß des Rollbettes zu lösen, wurde gemacht, als sie den Admiral bei Tische bediente. Die Fragen des alten Herrn gaben ihr Gelegenheit, ohne den geringsten Schein von Anmaßung oder Mißachtung auf den Gegenstand zurückzukommen. Allein derselbe erwies sich auf seine Art gerade so verschlossen, wie der alte Mazey und Mrs. Drake auf ihre Art gewesen waren.

—— Das geht Dich Nichts an, mein Kind, sagte der Admiral etwas derb. Sei nicht neugierig. Guck in Dein Altes Testament, wenn Du hinunter gehst und siehe, was in dem Paradiesgarten durch Neugierde angerichtet worden ist. —— Sei ein gutes Mädchen und mach es nicht, wie Deine Mutter Eva.

Als Magdalene spät am Abend am Ende des Ganges des zweiten Stockwerks vorbeikam, indem sie allein auf ihr Zimmerlein hinaufgehen wollte, blieb sie stehen und lauschte. Ein Schrank stand am Eingange des Corridors, um denselben den Blicken der auf der Treppe vorbeikommenden Personen zu verbergen. Das Schnarchen, das sie auf der andern Seite des Schrankes hörte, ermuthigte sie, um denselben herum zu schlüpfen und ein paar Schritte vorwärts zu schreiten. Indem sie das Licht ihres Leuchters mit der Hand verhüllte, wagte sie sich dicht an die Thür des Admirals heran und sah zu ihrem Erstaunen, daß das Bett, seit sie es am Tage gesehen hatte, so gerückt worden war, daß es quer vor der Thür stand und Jedwedem, der in des Admirals Zimmer eindringen wollte, den Weg versperrte. Nach dieser Entdeckung war der alte Mazey selbst, wie er wacker schnarchend dalag, die rothe Fischermütze tief in die Augen gedrückt und das Deckbett bis an die Nase herausgezogen, —— ein Gegenstand von im Vergleich mit seinem Bett geringerer Wichtigkeit für sie. Daß der Alte wirklich als Wache vor seines Herren Thür schlief und daß er und der Admiral und die Haushälterin in das Geheimniß dieser räthselhaften Maßregel eingeweiht waren, war nun außer allem Zweifel.

—— Ein seltsames Ende, dachte Magdalene, indem sie über ihre Entdeckung auf ihrem Wege nach ihrem Schlafgemach hinauf nachgrübelte. Ein seltsames Ende für einen seltsamen Tag!



Kapiteltrenner

Zweites Capitel.

Die erste Woche verging, es verging die zweite Woche, und Magdalene war allem Anscheine nach der Entdeckung des »geheimen Artikels« noch um keinen Schritt näher, als an dem Tage, wo sie ihren Dienst auf St. Crux antrat.

Aber diese vierzehn Tage, so leer an Ereignissen sie auch waren, waren doch nicht eine verlorene Zeit. Ihre Erfahrungen hatten sie bereits in einem wichtigen Punkte befriedigt, hatten ihr gezeigt, daß sie dem eingewurzelten Mißtrauen der anderen Dienstmädchen Trotz bieten konnte, die Zeit hatte die Frauenzimmer an ihre Gegenwart im Hause gewöhnt, ohne jedoch das dunkle Gefühl zu erschüttern, das eine Jede von ihnen hatte, daß nämlich der neue Ankömmling nicht ihres Gleichen sei. Alles, was Magdalene zu ihrem eigenen Schutze thun konnte, war, das in einem dunklen Gefühl sich aussprechende weibliche Mißtrauen gegen sie auf die lediglich ablehnende Art zu beschränken, in welcher sich dasselbe von Anfang an geäußert hatte; und dies setzte sie denn auch durch.

Einen Tag wie den andern belauerten sie die Frauenzimmer mit der unermüdlichen Wachsamkeit der Bosheit und des Mißtrauens, und einen Tag wie den andern wurden sie auch nicht durch die Spur einer Entdeckung für ihre Anstrengungen belohnt. Schweigsam, verständig und fleißig, immer eingedenk seiner selbst und seiner Stellung that das neue Stubenmädchen seine Arbeit. Ihre einzigen Ruhe und Erholungsstündchen waren die im Laufe des Tages bei dem alten Mazey und seinen Hunden verlebten Augenblicke und die kostbare Ruhe der Nacht, während der sie in der Stilleinsamkeit ihres Kämmerleins vor jeder Beobachtung sicher war. Dank dem Ueberflusse von Schlafzimmern auf St. Crux hatte jedes Dienstmädchen die Wahl, wenn es ihm gefiel, in einer eigenen Kammer zu schlafen. ——

In der Nacht allein auf ihrem Zimmer konnte Magdalene wagen, wieder sie selber zu sein, konnte von der Vergangenheit träumen und aus ihren Träumen erwachen, ohne neugierigen Augen zu begegnen, die hätten sehen können, daß sie in Thränen war, konnte über die Zukunft sinnen, ohne von einem Flüstern in Winkeln aufgeschreckt zu werden, das sie sofort mit dem Verdachte zeichnete, »sie führe Etwas im Schilde«

Soweit durch die vollkommene Sicherheit ihrer Stellung im Hause befriedigt, zog sie sodann noch einen zweiten Nutzen aus ihrer Lage, welcher ihrem Geiste allen Zweifel betreffs der Mrs. Lecount benahm.

Theilweise aus dem gelegentlichen Geplauder der Mägde bei Tische in der Gesindestube, theils aus einer angestrichenen Stelle in einer schweizerischen Zeitung, welche sie eines Morgens auf dem Lehnstuhle des Admirals aufgeschlagen gefunden hatte, erhielt sie die willkommene Gewißheit, daß diesmal keine Gefahr zu fürchten war von einem Erscheinen der Haushälterin auf der Scene. Lecount hatte, wie es sich herausstellte, nach dem Tage, wo ihr Herr starb, noch eine Woche oder drüber auf St. Crux gewohnt und dann England verlassen, um an ihrem Geburtsorte von den Zinsen ihres Vermächtnisses in ehrenvoller und behäbiger Zurückgezogenheit zu leben. Die Stelle in der schweizerischen Zeitung schilderte die Ausführung dieses löblichen Vorsatzes. Mrs. Lecount hatte sich nicht nur in Zürich zur Ruhe gesetzt, sondern —— wohlweislich der Ungewißheit des Lebens eingedenk bereits die wohlthätigen Zwecke festgestellt, zu welchen ihr Vermögen nach ihrem Tode angewendet werden sollte. Die eine, Hälfte desselben war zur Gründung eines »Lecount-Freitisches« für arme Studenten an der Universität Genf bestimmt, die andere Hälfte sollte vom Stadtrathe zu Zürich zum Unterhalt und zur Erziehung einer gewissen Anzahl von Waisenkindern weiblichen Geschlechts, gebürtig aus der Stadt, verwendet werden, welche in späteren Jahren zu Dienstmädchen angelernt werden sollten. Die schweizerischen Blätter erwähnten dieser menschenfreundlichen Stiftungen in Ausdrücken des ausbündigsten Lobes. Zürich wurde um den Besitz eines solchen Ausbundes von Gemeinsinn beglückwünscht, und Wilhelm Tell in seiner Eigenschaft als Befreier der Schweiz nicht eben zu seinem Vortheil mit Mrs. Lecount verglichen.

Die dritte Woche begann, und erst jetzt erhielt Magdalene Gelegenheit, ihren ersten weiteren Schritt zur Entdeckung des Geheimartikels zu thun.

Sie erfuhr vom alten Mazey, daß es seines Herrn Gewohnheit sei, in den Winter- und Frühjahrsmonaten die Zimmer im nördlichen Flügel zu bewohnen und während des Sommers und Herbstes die Nordpolfahrt durch »Satans Knochenkälter« zu bestehen und in den östlichen Gemächern, welche auf den Garten hinausgingen, zu wohnen. Wie nun einmal die Banquethalle wegen der unzureichenden Geldmittel des Admirals in ihrem feuchten und wüsten Zustande blieb und das Innere von St. Crux dergestalt unbequem in zwei getrennte Wohnungen getheilt war, so konnte füglich keine passendere Anordnung als diese getroffen werden. Dann und wann kamen —— wie Magdalene ebenfalls von ihrem Gewährsmanne herauslockte —— Tage im Winter und Sommer, wo der Admiral, um den Zustand der Gemächer, welche er zur Zeit unbewohnt ließ, besorgt wurde und wo er es sich nicht nehmen ließ, in eigener Person die Möbel, die Bilder und die Bücher zu untersuchen. Bei solchen Gelegenheiten wurde im Sommer wie im Winter ein paar Tage vorher in dem großen Kamin ein helles Feuer angezündet und wurden die Kohlen auf der Dreifußpfanne angesteckt, um die Banquethalle so warm zu machen, als die Umstände es zuließen. Sobald dann die Besorgnisse des alten Herrn wieder beruhigt waren, wurden die Zimmer wieder verschlossen, und »Satans Knochenkälter« war wieder auf Wochen und abermals Wochen hinaus der Feuchtigkeit, der Verödung und dem Verfalle preisgegeben. Der letzte dieser zeitweiligen Wanderzüge hatte erst wenige Tage vorher stattgefunden, der Admiral hatte sich vergewissert, daß die Zimmer im östlichen Flügel durch die Abwesenheit ihres Bewohners nicht schlechter geworden, und man konnte nun mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß er in dem nördlichen Flügel auf Wochen, und vielleicht wenn die Jahreszeit streng war, auf Monate hinaus festsitzen werde.

So geringfügig diese Einzelheiten auch an sich sein mochten, so hatten sie doch für Magdalenen eine ernste Bedeutung; sie verhalfen ihr dazu, das Gebiet ihrer Nachforschungen schärfer zu begrenzen. Indem sie annahm, daß der Admiral wahrscheinlich alle seine wichtigen Urkunden bequem zur Hand zu haben wünschte, konnte sie sich überzeugt halten, daß der Geheimartikel in einem oder dem andern Zimmer des nördlichen Flügels aufbewahrt wurde.

Aber in welchem Zimmer? ——

Diese Frage war nicht leicht zu beantworten.

Von den vier— wohnbaren Zimmern, welche am Tage alle dem Admiral zur Verfügung standen, das heißt, das Speisezimmer, die Bibliothek, das Morgenzimmer und das Gastzimmer, das auf den Vorsaal hinausging, schien die Bibliothek dasjenige Gemach zu sein, in welchem er, wenn er ja einem den Vorzug gab, den größten Theil seiner Zeit zubrachte.

In diesem Zimmer war ein Tisch mit Schubkästen, die verschlossen waren; ferner waren da ein italienischer Schrank mit Thüren, die verschlossen waren, außerdem fünf Wandschränke unter den Bücherständern, von denen auch jeder verschlossen war. Es waren auch in den anderen Zimmern ähnlich verwahrte Verschlüsse, und in allen oder manchen von diesen konnten Papiere aufbewahrt sein.

Sie war wohl auf seinen Ruf erschienen und hatte ihn bald in dem einen, bald in dem andern Zimmer Schränke aufschließen und Schränke zuschließen sehen, am öftersten in der Bibliothek. Sie hatte gelegentlich bemerkt, wie sein Gesicht ärgerlich und ungeduldig war, wenn er sich von einem offenen Schranke oder Schubkasten nach ihr umsah und seine Befehle ertheilte, und schloß daraus, daß irgend Etwas in Beziehung auf diese seine Papiere und Besitzstücke —— mochte es nun der Geheimartikel sein oder nicht —— ihn von Zeit zu Zeit reizbar und Verdrießlich machte. Sie hatte ihn mehr als ein Mal Etwas in einem der Zimmer verschließen, dann herauskommen und in ein anderes gehen, daselbst einige Minuten bleiben, dann ins erste Zimmer mit den Schlüsseln in der Hand zurückkehren und hastig die Schlösser mustern und probieren hören. Diese krankhafte Aengstlichkeit betreffs seiner Schlüssel und Schränke konnte die Folge der angeborenen Unruhe seines Charakters, wie sie durch die zweck- und ziellose Muße eines Lebens ohne Amt und Beschäftigung, eines Lebens, das ohne eine regelmäßige Arbeit für irgend eine gewisse Stunde des Tages sich zwischen Kleinigkeiten hin- und hertrieb, bei einem von früh auf an Thätigkeit sehr gewohnten Manne nur noch verstärkt werden mußte, sein. Auf der andern Seite war es ebenso wahrscheinlich, daß dieses Kommen und Gehen, dies Auf- und Zuschließen dem Vorhandensein einer geheimen anvertrauten Sorge zuzuschreiben war, welche unerwarteter und ungebetener Weise in das Leben des alten Herrn, das bisher so frei dahin floß, eingetreten war, und welche ihn nun durch ein drückendes Gefühl quälte, das ihm in seinen späteren Lebensjahren ganz neu war. Die eine von diesen Erklärungen konnte für sein Benehmen einen gerade so guten Grund anführen, als die andere. Welches nun aber die richtigere Erklärung war, das war Magdalenen unmöglich, wie die Dinge jetzt standen, anzugeben.

Zu der einen gewissen Entdeckung, welche sie machte, gelangte sie durch die Beobachtung seines Treibens am ersten Tage. Der Admiral war ein peinlich sorgfältiger Mann in der Bewährung seiner Schlüssel.

Alle kleineren Schlüssel trug er an einem Ringe in der Brusttasche seines Rockes. Die größeren schloß er zusammen ein, meistens aber nicht regelmäßig in einen der Schubkästen des Tisches im Bibliothekzimmmer. Manchmal ließ er sie des Nachts auf diese Weise verwahrt, manchmal nahm er sie in einem kleinen Korbe mit sich hinauf in die Kammer. Er hatte keine regelmäßige Zeiten, um sie dort zu lassen oder mit fort zunehmen.

Er hatte. keinen erkennbaren Grund dafür, daß er dieselben bald in dem Tischkasten in der Bibliothek bewahrte, bald an einem andern Orte verschloß. Die ihm zur Gewohnheit gewordene Laune und der Eigensinn, die sich in seinen Handlungen aussprachen, machten in den gegebenen Fällen jede Bemühung zu Schanden, dieselben auf feste Regeln zurückzuführen, und spotteten aller Versuche, dieselben etwa gar vorausberechnen zu wollen.

Die Hoffnung, durch künstliche Schlingen, die ihm während seines Geplauders gelegt wurden, eine sichere Unterlage und einen gewissen Anhalt für weitere Maßregeln zu gewinnen, erwies sich von Anbeginn als eitel.

In der Stellung, in welcher sich Magdalene ihm gegenüber befand, würden alle Versuche dieser Art schon jedem Manne gegenüber im höchsten Grade mißlich und gefährlich gewesen sein. Dem Admiral gegenüber waren sie schlechterdings unmöglich. Sein Hang, von einem Gegenstand auf den andern überzuspringen, seine Gewohnheit, seine Zunge immerfort gehen zu lassen, so lange nur Jemand, gleichviel wer, im Bereiche seiner Stimme war, sein komischer Mangel an Würde und Zurückhaltung gegenüber seinen Dienstboten, waren auf den ersten Anblick vielversprechend, in der Wirklichkeit kam aber rein gar Nichts dabei heraus. Magdalene mochte so arglos, so ehrerbietig, als sie wollte, Miene machen, ihres Herrn Beispiel und seine offenbare Vorliebe für sie zu benutzen: der alte Herr bemerkte sofort ihr Herausgehen aus ihrer Stellung und wies sie auch sofort wieder dahin zurück; freilich in einer so gut gelaunten Art, daß man ihm darob nicht böse sein konnte; aber doch mit so unzweideutiger Festigkeit der Absicht, daß ein Ausweichen nicht möglich war. So widersinnig es auch klingen mag: der Admiral war zu vertraulich, als daß man ihm zu nahe kommen konnte; er hielt die zwischen ihm und feinen Dienstboten bestehende Kluft wirksamer inne, als wenn er der stolzeste Mann in England gewesen wäre. Die genau berechnete Zurückhaltung eines Obern gegenüber einem Untergebenen kann gelegentlich wohl einmal nachlassen, niemals aber die genau berechnete Vertraulichkeit.

Die Zeit rückte langsam vorwärts. Die vierte Woche kam heran, und Magdalene hatte noch keine neuen Entdeckungen gemacht. Die Aussicht war im höchsten Grade niederschlagend. Sogar in dem glücklichen Falle auf den sie sich jedoch allem Anscheine nach keine Rechnung machen durfte —— in dem Falle, daß sie ein Mittel entdeckte, in den Besitz von des Admirals Schlüsselbund zu gelangen, konnte sie nicht darauf rechnen, dieselben, ohne Verdacht zu erwecken, länger als wenige Stunden in ihren Händen zu behalten, Stunden noch obendrein, welche sie sich durchaus nicht ordentlich zu nutze machen konnte, da sie nicht wußte, wo sie ihre Nachforschungen beginnen sollte. Der Geheimartikel konnte in einem von den etlichen zwanzig Verschlüssen für Papiere, die in vier verschiedene Zimmer vertheilt waren, verwahrt sein. Und welches war das Zimmer, in das man mit der größten Wahrscheinlichkeit sehen, welcher Verschluß versprach das Meiste, mit dem man also beginnen konnte, welche Lage unter den Haufen Papieren konnte das eine Papier, das man so nöthig brauchte, füglich einnehmen? —— Sie war nicht im Stande sich diese Frage zu beantworten. Auf allen Seiten durch unberechenbare Ungewißheit gehemmt, —— verurtheilt zu dem Loose, blindlings umher zu tappen in der unmittelbaren Nähe des erwünschten Zieles und Gegenstandes, harrte sie auf den glücklichen Zufall, der niemals kam, auf das Ereigniß, das niemals eintrat, mit einer Geduld, welche bereits in die dumpfe Ergebung der Verzweiflung überzugehen drohte.

Nacht für Nacht blickte sie zurück auf die entschwundenen Tage; aber kein Ereigniß war ihr erinnerlich, das einen vor den andern ausgezeichnet hätte. Die einzigen Unterbrechungen in der trübseligen Einförmigkeit des Lebens auf St. Crux wurden durch die sehr bezeichnenden Vergehen des alten Mazey und der Hunde hervorgebracht.

In gewissen Zwischenräumen brach bei Brutus und Cassius die angeborene Wildheit ihrer Naturen wieder hervor. Die bescheidene Bequemlichkeit des Lebens im Hause, die würzigen Genüsse der Leckergerichte, das wohlige Verdauen auf den Decken vor dem Herde: Alles verlor seinen Reiz für sie, und die Köter verließen undankbar das Haus, um in der Außenwelt, auf Kurzweil und Abenteuer auszuziehen.

Bei diesen Gelegenheiten wurde die stehende Redensart nach Tische, das einsilbige Frage- und Antwortspiel zwischen dem alten Mazey und seinem Herrn, in einem Punkte ein wenig anders.

—— Gott erhalte die Königin, Mazey!

und

—— Wie geht der Wind, Mazey?

Diese bekannten Aussprüche erhielten einen Nachsatz:

—— Wo sind die Hunde, Mazey?

—— Hinaus ins Freie, Euer Gnaden, daß der Satan sie bei der Leine nähme! war des Veteranen nie fehlende Antwort.

Der Admiral seufzte dann alle Mal und schüttelte wohl auch ernst sein altes graues Haupt bei solcher Nachricht, als ob Brutus und Cassius schier seine Söhne gewesen wären, welche ihn lieblos behandelt hätten. Nach Verlauf von zwei bis drei Tagen kamen die Hunde stets zurück, abgetrieben, schmutzig und gründlich über sich zerknirscht Für den ganzen folgenden Tag wurden sie zur Strafe unweigerlich angebunden. Den dritten Tag wurden sie rein gescheuert und feierlich wieder in den Speisesaal und die menschliche Gesellschaft zugelassen. Dort erhielt die Zucht durch die zarte Vermittlung der Tunkschüssel wieder die Oberhand über sie, und die verlorenen Sohne des Admirals ließen, wenn sie die Deckel abheben sahen, wieder so reichlich Speichel fließen, wie je zuvor.

Der alte Mazey seinerseits erwies sich manchmal ebenso unrühmlich zu Ausschreitungen geneigt, als die Hunde. In Zwischenräumen brach auch bei ihm die ursprüngliche Wildheit seiner Natur aus, auch er verlor allen Geschmack für die bequeme Häuslichkeit und verließ undankbar das Haus. Er verschwand gewöhnlich Nachmittags und kehrte in der Nacht so betrunken heim, als Branntwein nur machen konnte. Er war nachgerade ein zu seetüchtiges Schiff geworden, als daß er bei diesen Gelegenheiten Schadennehmen konnte. Seine steif und morsch gewordenen alten Beine mochten manchmal wunderliche Kreuz- und Querfahrten machen, um vorwärts zu kommen; aber sie versagten ihm nie den Dienst; seine schlechten alten Augen sahen vielleicht Alles doppelt; aber sie ließen ihn doch den Heimweg finden.

Die Dienstmädchen konnten sich die größte Mühe geben, wie sie wollten: sie konnten ihm doch niemals einreden, daß er betrunken sei; er wies jedes mal die Anschuldigung mit Unwillen zurück. Er ließ den Gedanken nicht einmal sich selber insgeheim beikommen, ehe er nicht eine unfehlbare Probe seiner Erfindung an sich vorgenommen hatte.

Es war bei diesen Fällen starker Bacchushuldigungen seine Gewohnheit, eigensinnig auf seine Stube im Erdgeschoß zu humpeln, das Schiffsmodell von Kaminrücken zu nehmen und zu sehen, ob er mit der nie zu Stande gebrachten Arbeit des Aufsetzens des Takelwerks zu Rande käme. Wenn er die kleinen Rahe zerbrochen und die zarten Taue zerrissen hatte, dann —— aber nicht eher —— gab der Alte die Thatsachen, wie sie lagen, auf Grund des Augenbeweises zu.

—— Ei, ei! pflegte er vertraulich zu sich selber zu sagen. Die Frauenzimmer haben Recht, —— wieder betrunken, Mazey, —— wieder betrunken!

War er zu dieser Entdeckung gelangt, so war er so schlau, in den unteren Räumen des Hauses zu warten, bis der Admiral in seinem Schlafzimmer war, stieg dann in Pantoffeln, die kein Geräusch machten, hinauf auf seinen Posten. Zu vorsichtig, als daß er versucht hätte, in sein Rollbett zu steigen, wodurch er nur Gefahr gelaufen wäre, gegen seines Herrn Thür zu fallen, ging er immer bedächtig den Gang auf und nieder. Mehr denn einmal hatte Magdalene um den Schrank herumgeschaut und den alten Matrosen sehr unruhig seine Wache halten und sich noch einmal auf seinen Posten an Bord des Schiffes zurückversetzen sehen.

—— Das ist doch ein merkwürdig lebhaftes Fahrzeug auf der See, pflegte er halblaut zu Murmeln, wenn seine Beine ihn im Zickzack den Gang hinunter trugen oder ihn für einen Augenblick nach seiner eigenen Anweisung mit dem Rücken gegen die Wand die Compaßgegenden studieren ließen.

—— Eine dreckige Nacht, merke ich, pflegte er dann wohl weiter zu brummen, indem er sich abermals in Bewegung setzte So dunkel wie Deine Tasche, und der Wind kommt uns wieder aus demselben Loche entgegen...

Den nächsten Tag wurde der alte Mazey, wie die Hunde, zur Strafe unten gelassen. Den zweit folgenden Tag wurde er aber wie die Hunde wieder zu seinen Vorrechten gelassen, und die stehende Redensart nach Tische wurde aufs Neue verändert. Beim Eintritt ins Zimmer blieb der alte Seemann sogleich stehen und brachte in folgender kurzen, aber bündigen Redewendung mit dem Rücken gegen die Thür seine Entschuldigung vor.

—— Mit Verlaub, Euer Gnaden, ich schäme mich vor mir selber.

So begann die Entschuldigung, und so endigte sie zugleich.

—— Das darf nicht wieder vorkommen, Mazey, pflegte der Admiral zu antworten.

—— Soll nicht wieder vorkommen, Euer Gnaden.

—— Schon gut. Komm her und trink Dein Glas Wein. Gott erhalte die Königin, Mazey.

Der Alte goß seinen Portwein hinunter, und das Zwiegespräch endigte wie gewöhnlich.

So gingen die Tage hin, ohne daß Zwischenfälle von größerer Wichtigkeit als die eben geschilderten vorkamen, um das Einerlei zu unterbrechen, und schon war das Ende der vierten Woche nahe. Am letzten Tage kam Etwas vor. An diesem Tage begann das lang hinausgeschobene Versprechen der Zukunft endlich wider Erwarten in Erfüllung zu gehen. Während Magdalene im Speisezimmer wie gewöhnlich den Tisch deckte, sah Mrs. Drake herein und sagte ihr, heute den Tisch zum ersten Male für zwei Personen zu decken. Der Admiral hatte einen Brief von seinem Neffen erhalten. Auf den Abend bei guter Zeit wurde Mr. George Bartram auf St. Crux zurückerwartet.



Kapiteltrenner

Drittes Capitel.

Nachdem Magdalene das zweite Gedeck gelegt hatte, wartete sie mit Ungeduld und Spannung auf das Zeichen mit der Klingel.

Die Rückkehr Mr. Bartrams konnte aller Wahrscheinlichkeit nach in dem Leben des Hauses eine Veränderung hervorbringen, aber eine wieartige Veränderung? Gleichviel wie gering sie auch sei, konnte Etwas zu verhoffen sein. Der Neffe konnte vielleicht Einflüssen zugänglich sein, für welche der Oheim unempfindlich war. Auf jeden Fall würden die Beiden bei Tische von ihren Angelegenheiten sprechen, und durch dies Gespräch, das Tag für Tag in ihrer Gegenwart statt fand, konnte früher oder später der Weg zur Entdeckung, der jetzt schlechterdings in Dunkel gehüllt war, sich offenbaren.

Endlich ertönte die Klingel, die Thür ging auf, und die beiden Herren traten zusammen ins Zimmer.

Magdalene ward durch George Bartrams Aehnlichkeit mit ihrem Vater nach dem Bilde auf Combe-Raven, das Andreas Vanstone in seinen jüngeren Jahren darstellte, gerade so betroffen, wie ihre Schwester. Das helle Haar und die blühende Gesichtsfarbe, die glänzenden blauen Augen und die ritterliche schlanke Gestalt, die ihr auf dem Bilde wohlbekannt waren, wurden ihr ins Gedächtniß zurückgeführt, als der Neffe seinem Oheim durchs Zimmer folgte und seinen Platz bei Tische einnahm. Sie war auf diese plötzliche Erinnerung an die zerrissenen Familienbande nicht vorbereitet. Ihre Aufmerksamkeit schweifte ab, als sie jenen Eindruck zu verbergen suchte, und sie beging bei der Bedienung zum ersten Mal, seit sie ins Hans gekommen, ein Versehen.

Ein nicht unzarter Berweis des Admirals, halb im Scherz, halb im Ernst, gab ihr Zeit, sich zu fassen. Sie sah George Bartram noch einmal an. Der Eindruck, den er auf sie hervorbrachte, machte ihre Neugier Augenblicks rege. Sein Gesicht und Wesen sprachen deutlich Verlegenheit und Zerstreutheit aus. Er sah öfters auf seinen Teller, dann auf seinen Oheim, und Magdalenen sah er außer einer flüchtigen Musterung des neuen Zimmermädchens, als der Admiral mit ihr sprach, gar nicht an. Eine gewisse Ungewißheit machte ihn ersichtlich unaufmerksam, irgend ein Druck lag auf seinem sonst so offenen Wesen. Was war das für ein Druck? —— Sollten irgendwelche persönliche Mittheilungen nach und nach während des Tischgesprächs zu Tage kommen?

Nein. Ein Gang mit Gerichten folgte nach dem andern, aber Nichts von der Art einer persönlichen Mittheilung fand statt.

Die Unterhaltung schwankte in Unterbrechungen und und geringfügigen häuslichen Gesprächsstoffen auf der andern Seite hin und her. Innere und auswärtige Politik wechselten ab mit der kleinen Hausgeschichte von St. Crux. Die Häupter der Staatsumwälzung welche Philipp vom französischen Throne stieß, gingen in dem Tischgespräch friedlich selbander mit dem alten Mazey oder den Rüben. Der Nachtisch wurde hereingebracht, der alte Seemann trat ein, trank seinen Toast als guter Unterthan, machte seinen Diener ver »Junker George« und ging wieder hinaus. Magdalene folgte ihm nach den Gesindestuben, nachdem sie in dem Gespräch vom Anfang bis zum Ende Nichts gehört hatte, was für ihren Plan irgendwie fördersam gewesen wäre. Sie mußte sich gewaltsam zusammennehmen, um nicht gleich am ersten Tage Muth und Geduld zu verlieren. Sie konnten morgen nicht wieder, konnten doch wahrlich morgen nicht wieder anfangen von der französischen Revolution und den Hunden! Die Zeit konnte Wunder thun, und die Zeit gehörte ihr ganz und gar.

Als Onkel und Neffe bei ihrem Weine endlich allein waren, zogen sie ihre Lehnstühle an die beiden Ecken des Kamins, und nun begann in Magdalenens Abwesenheit gerade die Unterhaltung, auf die sie so gespannt gewesen war.

—— Rothwein, George? fragte der Admiral, indem er die Flasche über den Tisch hinüber schob. Du siehst niedergeschlagen aus.

—— Ich bin ein wenig in Angst und Sorge, Sir, versetzte George, indem er sein Glas leer ließ und geradeaus ins Feuer starrte.

—— Freut mich, Dies zu vernehmen, fuhr der Admiral fort. Ich bin mehr als bloß ein wenig in Angst und Sorge, das kannst Du mir aufs Wort glauben. Da stehen wir nun bei den letzten Tagen des März —— und es ist noch rein gar Nichts geschehen! Deine Frist läuft am dritten Mai ab, und Du sitzest nun da, als ob Du noch Jahre vor Dir hättest, um einzulenken.

George lächelte und schenkte sich gleichgültig etwas Wein ein.

—— Soll ich es denn wirklich und wahrhaftig glauben, Sir, frug er, daß es Dir Ernst ist mit dem, was Du mir im November sagtest? —— Bist Du in der That entschlossen, mich an eine unbegreifliche Bedingung zu binden?

—— Ich nenne sie nicht unbegreiflich, sagte der Admiral in gereiztem Tone.

— Wirklich nicht, Sir? —— Ich soll Dein Gut ohne Vorbehalt erben, wie Du es großmüthig von Anfang an festgestellt hast. Aber von dem Vermögen, das Dir der arme Noël hinterließ, soll ich keinen Heller bekommen, wenn ich nicht innerhalb einer gewissen Zeit verheirathet bin. Das Haus und die Ländereien sollen Dank Deiner Freundlichkeit unter allen Umständen mein Eigenthum werden. Aber das Geld, mit welchem ich erst Beides in einen bessern Stand setzen könnte, soll mir willkürlich vorenthalten werden, wenn ich nicht am dritten Tage des Mai Ehemann bin. Mein Wissen ist freilich schlimm genug eitel Stückwerk, kann ich wohl sagen; aber ein unbegreiflicheres Verfahren ist mir noch niemals zu Ohren gekommen!

Noël— Nur nicht gebrummt und gemurrt, George! Sag Deinen Spruch nur heraus. Wir verstehen keine Sticheleien, wir von Ihrer Majestät Flotte!

—— Ich denke nicht daran, Dich zu beleidigen, Sir. Aber ich glaube, es ist ein wenig hart, mich so durch einen Wechsel Deines Verfahrens, der mir an Deinem Charakter ganz neu und fremd ist, in Erstaunen zu setzen, um dann, wenn ich natürlich um eine Erklärung bitte, Dich kalt abzuwenden und mich im Dunkeln herum tappen zu lassen. Wenn Du und Vetter Noël zu einem geheimen Abkommen unter einander gelangt seid, ehe er seinen letzten Willen aufsetzte, warum sagst Du mir es da nicht? Warum da ein Geheimniß zwischen uns stellen, wo keines von nöthen ist?

—— Ich wills aber nicht haben, George, rief der Admiral mit dem Nußknacker ärgerlich auf dem Tische trommelnd. Du versuchst mich wie einen Dachs anzubohren, aber ich will nicht angebohrt sein. [Bei der Jagd auf Dachse wird das in seinem Bau aufgespürte Wild, wenn man mit Spaten und Hacke dessen »Bau« von oben herab aufgegraben und das Thier in seinem »Kessel« oder an einem andern Teile seiner unterirdischen Wohnung aufgefunden hat, und nur im Stande ist, dasselbe durch die Dächsel festhalten zu lassen, mittelst Ladestöcken oder besonderen Stäben, die am unteren Ende eingekerbt sind, beim Fell gefaßt, das Letztere angedreht oder angebohrt und das Thier so herausgezogen W.] Ich will jede Bedingung stellen, die mir beliebt, und will Niemandem darüber Rede stehen, bis es mir gefällt. Es ist gerade schlimm genug, Sorgen und Verantwortungen auf meinen unglücklichen Schultern tragen zu müssen, um die ich nie ein Glied gerührt habe —— es gebt Dich Nichts an, was das für Sorgen sind, sie sind meine, nicht Deine Sache —— ohne daß ich die Kreuz und Quer gefragt werde, als ob ich ein Zeuge vor den Schranken des Gerichts wäre!

—— Das ist ein hübscher Gesell! fuhr der Admiral fort, indem er seinen Neffen in der Rothglühhitze der Aufregung anredete aber sich dabei im Mangel eines bessern »Umstandes« an die Hunde auf der Kamindecke wandte —— das ist ein hübscher Bursche! Er wird ersucht, bei zwei ungewöhnlich netten Dingen zuzugreifen, einem Vermögen und einer Frau, er erhält sechs Monate Zeit, um sich die Frau zu nehmen —— auf Ihrer Majestät Flotte hätten wir eine in sechs Tagen mit Sack und Pack uns angeschafft —— er hat ein volles Dutzend allerliebster Mädchen, wie ich ganz gewiß weiß, in dem einen und in dem andern Theile des Landes, bei denen er mir anzuklopfen braucht: und was thut er? —— Da sitzt er Monate auf Monate mit übereinander geschlagenen Beinen müßig da, läßt die Mädchen schmachten und quält seinen Oheim um den Grund, das Warum? zu erfahren! Ich bedaure die armen unglücklichen Frauenzimmer. Die Männer sind aus Fleisch und Blut gemacht und noch obendrein viel Blut meiner Zeit. Jetzt sind es lauter Drahtpuppen.

—— Ich wiederhole nur, Sir, ich bedaure, Dich beleidigt zu haben, sagte George.

—— Ach was! Du brauchst mich nicht so kläglich anzusehen, wenn dies der Fall ist, gab der Admiral zurück.

Mach Dich über Deinen Wein, dann will ich Dir vergeben. —— Auf Dein Wohl, George! —— Freue mich recht, Dich wieder auf St. Crux zu sehen! —— Sieh mal den Teller mit Blättergebacknem an! Die Köchin hat ihn ’rauf geschickt zu Ehren Deiner Rückkehr. Wir können sie unmöglich vor den Kopf stoßen und können uns auch nicht den Geschmack am Wein verderben. —— Hier!

Der Admiral schob in rascher Folge vier Stück von dem Blättergebackenen in die weiten Rachen der Hunde.

—— Ich bedaure, George, fuhr der alte err mit düsterem Ernst fort, ich beklage wirklich, daß Du nicht auf eins dieser hübschen Mädchen Dein Auge geworfen hast. »Du weißt nicht, was für einen Verlust Du Dir dadurch zuziehst, weißt auch nicht, welche Sorge und Bekümmerniß Du mir selber verursachst, und Alles nur durch dies Dein recht kaltes, nicht warmes Verhalten in dieser Sache.

—— Wenn Du mir nur erlauben wolltest, mich auszusprechen, Sir, so würdest Du mein Benehmen in einem ganz andern Lichte schauen. Ich bin ja bereit, schon morgen zu heirathen, wenn —— ja nun —— die Dame mich haben will.

—— Alle Wetter! Also hast Du doch Deine Augen auf eine Dame geworfen? Warum um Gottes Willen konntest Du mir das nicht eher sagen? —— Nimm mir’s nicht übel, —— wahrlich, ich vergebe Dir Alles, was Du willst, jetzt wo ich weiß, daß Du Dich an ein Frauenzimmer herangemacht hast. —— Schenk Dir wieder ein. —— Hier ist ein volles Glas auf das Wohl Deiner Dame! —— Wer ist sie denn übrigens?

—— Ich will es Dir gleich sagen, Admiral. Als wir unser Gespräch begannen, erwähnte ich, daß ich ein wenig besorgt wäre....

—— Sie ist keine aus meinem vollen Dutzend hübscher Mädchen? Aha, Monsieur George, ich sehe es Dir schon an den Augen an! Warum bist Du besorgt, he?

—— Ich fürchte, Du wirst meine Wahl nicht billigen, Sir.

—— Schlag mir nicht auf den Busch! Wie zum Henker kann ich sagen, ob ich mißbillige oder nicht, wenn Du mir nicht sagst, wer sie ist?

—— Sie ist die älteste Tochter von Andreas Vanstone auf Combe-Raven.

—— Wer?!!

—— Miss Vanstone, Sir.

Der Admiral setzte sein Glas Wein unberührt wieder nieder.

—— Du hattest Recht, George, sagte er. Ich mißbillige Deine Wahl, mißbillige sie strengstens.

—— Ist es das Unglück ihrer Geburt, Sir, das Du an ihr auszusetzen hast?

—— Gott behüte! Das Unglück ihrer Geburt ist nicht ihr Fehler, das arme Kind. Du weißt so gut als ich; George, was ich daran auszusetzen habe.

—— Du hast an ihr auszusetzen, daß sie eine solche Schwester hat?

—— Ganz gewiß! Der freidenkendste Mann auf Gottes Erdboden müßte sich gegen ihre Schwester verwahren.

—— Es ist hart, Sir, Miss Vanstone für ihrer Schwester Fehler büßen zu lassen.

—— Fehler nennst Du es? —— Du hast ein sehr verläßliches Gedächtnis George, wo es sich um Deine Interessen handelt!

—— Nenne es Vergehen, wenn Du willst, Sir, —— ich sage noch einmal, es ist hart für Miss Vanstone. Miss Vanstones Leben ist rein und makellos Von Anfang bis Ende hat sie ihr Loos mit solcher Geduld, solcher Sanftmuth, solchem Muth ertragen, wie unter Tausenden an ihrer Stelle nicht an den Tag gelegt hätten. Frage nur Miss Garth, die sie von Kindheit auf gekannt hat. Frage Mrs. Tyrrel, die den Tag segnet, wo sie in ihr Haus gekommen.

—— Frage Du doch Gott und alle Welt! —— Nimm es mir nicht übel, George; aber Du machst es auch darnach, um die Geduld eines Heiligen auf die Probe zu stellen. Mein guter Junge, ich stelle Miss Vanstones Tugenden gar nicht in Abrede. Will ja, wenn Du willst, zugeben, daß sie das beste Weib ist, das je eine Haube getragen hat. Darum handelt es sich ja nicht...

—— Erlaube, Admiral, darum handelt es sich erst recht wenn sie nicht meine Frau soll werden.

—— Höre mich zu Ende, George, sieh es nur von meinem Gesichtspunkte an, wie Du es bisher von dem Deinigen gethan hast. —— Was hat Dein Vetter Noël gethan? —— Dein Vetter Noël, der arme Kerl, fiel einem der erbärmlichsten Anschläge zum Opfer, von dem ich je gehört habe, und der Hauptanstifter dieses Anschlages war Miss Vanstones unselige Schwester. Dieselbe hat ihn auf die schändlichste Weise betrogen, und sobald sie sein Testament mit ihrem hübschen Vermächtniß in der Tasche hatte, hielt sie bereits das Gift in Bereitschaft, um ihm nach dem Leben zu trachten. Das ist die Wahrheit, wir wissen es von Mrs. Lecount, welche das Fläschchen auf deren Zimmer eingeschlossen gefunden hat. Wenn Du nun Miss Vanstone heirathest, so machst Du dieses elende Weib zu Deiner Schwägerin. Sie wird ein Mitglied unserer Familie. All das Unheil, das sie angerichtet hat, all das Unheil, das sie vielleicht noch anrichten wird, —— der Teufel, von dem sie besessen zu sein scheint, mag wissen, wie weit sie es noch treiben wird —— wird unser Unheil. Guter Gott, George, denke, was das für eine Lage ist! Bedenke, was für Pech Du anrührst, wenn Du dieses Weib zu Deiner Schwägerin machst!

—— Du hast nun Deine Ansicht von der Frage abgegeben, Admiral, fiel George rasch und entschlossen ein; laß mich nun auch die meinige abgeben. —— Ein gewisser Eindruck ist auf mich von einem jungen Fräulein gemacht worden, mit welchem ich unter sehr interessanten Nebenumständen zusammengekommen. Ich handle nicht jählings auf diesen Eindruck hin, wie ich gethan haben würde, wenn ich ein paar Jahr jünger gewesen wäre ——, sondern warte ab und stelle ihn erst aus die Probe. Jedes mal, wenn ich dies junge Fräulein sehe, wird der Eindruck stärker: ihre Schönheit wächst, ihr Charakter verklärt sich in meinen Augen. Wenn ich fern von ihr bin, fühle ich mich unruhig und unglücklich. Wenn ich bei ihr bin, werde ich der glücklichste Mann auf Erden. Alles, was ich von Denen, welche sie am Besten kennen, höre, bestätigt nur noch mehr die hohe Meinung, welche ich mir von ihr gebildet habe. Der einzige Nachtheil, den ich entdecke, ist durch ein Unglück verursacht worden, für das sie nicht kann, das Unglück, eine Schwester zu haben, die ihrer äußerst unwürdig ist. Macht denn diese Entdeckung —— eine höchst unangenehme Entdeckung, ich gebe es zu —— macht sie denn all die guten Eigenschaften in Miss Vanstone zu Nichte, um derentwillen ich sie liebe und anbete? ——— Nichts von der Art, es macht nur jene guten Eigenschaften in meinen Augen durch den Gegensatz noch um so werthvoller. Wenn ich mit einer Schattenseite zu kämpfen haben soll —— und wer erwartet etwas Anderes auf dieser Welt? —— so will ich tausend Mal lieber die Schattenseite bei meiner Gattin Schwester haben, denn an ihr selbst. Meiner Gattin Schwester ist für mein Glück nicht wesentlich, wohl aber ist es meine Frau! Nach meiner Meinung, Sir, hat Mrs. Noël Vanstone bereits gerade genug Unglück angerichtet. Ich sehe daher die Nothwendigkeit nicht ein, sie noch mehr Unglück anrichten zu lassen, dadurch, daß man mich ihrethalben um eine gute Ehefrau bringen will. Ob ich nun Recht habe oder Unrecht: Dies ist mein Gesichtspunkt. Ich wünsche Dich nicht mit Fragen, welche Gefühlssache sind, zu behelligen Alles, was ich Dir zu sagen wünsche, ist, daß ich jetzo alt genug bin, um zu wissen, was ich will —— und daß mein Wille feststeht. Wenn meine Verheirathung wesentlich ist für die Ausführung Deiner Pläne über meine Zukunft, so gibt es nur ein Weib auf Gottes Welt, das ich heirathen kann ——, und dies Weib ist Miss Vanstone.

Diesen klaren Worten gegenüber ließ sich Nichts einwenden. Admiral Bartram stand, ohne ein Wort zu sagen, von seinem Stuhle auf und schritt in ersichtlicher Bewegtheit im Zimmer aus und ab.

Die Lage war eine ausbündig ernste. Mrs. Girdlestone’s Tod hatte bereits einen von den beiden in dem Geheimartikel vorgesehenen Plänen zu Nichte gemacht. Wenn der dritte Mai kam und George unverheirathet traf, so würde auch der zweite und letzte Plan seinerseits scheitern. In weniger denn vierzehn Tagen mußten die Aufgebote in der Kirche zu Ossory erfolgen, sonst würde die Zeit nicht mehr langen, um einer in dem Geheimartikel erstellten Bedingung gerecht zu werden. So hartnäckig der Admiral von Haus ans war, so lebhaft er auch die Einwendungen fühlte, die sich gegen die beabsichtigte Verbindung seines Neffen geltend machen ließen ——: er mußte, wie er so das Zimmer mit seinen Schritten maß, doch wider seinen Willen zurückweichen und auf der andern Seite die Thatsachen unwandelbar sich ins Angesicht starren sehen.

—— Bist Du schon mit Miss Vanstone versprochen? frug er plötzlich.

—— Nein, Sir, versetzte George sich dachte, es sei gegenüber Deiner fortwährenden Freundlichkeit gegen mich meine Schuldigkeit, zuvor erst mit Dir darüber zu sprechen.

—— Sehr verbunden, natürlich. Und Du hast es bis auf den letzten Augenblick verschoben, wie Du alles Andere verschobst, —— mit mir zu reden. Denkst Du, Miss Vanstone wird Ja sagen, wenn Du sie fragst?

George zögerte.

—— Der Teufel hole Deine Bescheidenheit! polterte der Admiral. Jetzt ist doch wahrlich nicht Zeit dazu, bescheiden zu sein. Jetzt ist es Zeit, sich auszusprechen. Will sie Dich, oder will sie Dich nicht?

—— Ich meine, sie will mich, Sir.

—— Der Admiral lachte sardonisch und machte wieder einen Gang durch das Zimmer. Plötzlich blieb er stehen, steckte seine Hände in die Tasche und stand in einer Ecke tief in Gedanken versunken da. Nach Verlauf von wenigen Minuten klärte sich sein Gesicht ein wenig auf, ein neuer Gedanke dämmerte in ihm auf und machte sein Angesicht strahlen. Er ging jählings zu George hin und legte seinem Neffen freundlich die Hand auf die Schulter.

—— Du thust Unrecht, George, sagte er, aber es ist zu spät, Dich zurecht zu weisen. Am Sechszehnten des nächsten Monats müssen die Aufgebote in der Kirche zu Ossory erfolgen, sonst verlierst Du das Geld. Hast Du Miss Vanstone die Lage erzählt, in der Du Dich befindest? Oder hast Du das auch bis auf die elfte Stunde verschoben, wie alles Andere?

—— Die Lage ist so außerordentlich, Sir, und es konnte leicht zu vielen Mißverständnissen über meine Beweggründe führen, daß ich mich nicht entschließen konnte, darauf anzuspielen. Ich weiß kaum, ob ich es ihr überhaupt sagen kann.

—— Versuchs einmal damit, daß Du es ihren Freunden sagst. Laß es diese Leute wissen, daß es sich um Geld und Gut handelt, und dieselben werden schon, wenn Du es auch nicht kannst, deren Bedenken überwinden. —— Aber das ist es nicht, was ich Dir zu sagen hatte. Wie lange denkst Du diesmal hier zu bleiben?

— Ich dachte ein paar Tagen hier zu bleiben und dann...

— Und dann nach London zu gehen, um Deinen Antrag zu machen, nicht wahr? Wird eine Woche Dir denn Zeit genug geben, um Deine Gelegenheit bei Miss Vanstone zu ersehen, eine Woche von den vierzehn Tagen oder der Frist, die Du nur noch vor Dir hast?

—— Ich will eine Woche hier bleiben, Admiral, mit Vergnügen, wenn Du es wünschest.

—— Ich wünsche es nicht. Ich will, daß Du Dein Gepäck schnürst und morgen gehst.

George sah seinen Oheim in stummem Erstaunen an.

—— Du fandest einige Briefe vor, die für Dich bereit lagen, als Du hierher kamst, fuhr der Admiral fort. War einer von jenen Briefen etwa von meinem alten Freunde, Sir Franklin Brock?

— Ja, Sir.

—— War es eine Einladung für Dich, daß Du kommen und einen Besuch auf dem »Meierhof« machen möchtest?

—— Ja, Sir.

—— Sollst Du gleich abreisen?

—— Sogleich, wenn ich es möglich machen könnte.

—— Sehr gut, Ich will, daß Du es möglich machst. Ich will, daß Du Dich morgen nach dem »Meierhofe« aufmachst.

George sah nach dem Feuer zurück und seufzte ungeduldig.

—— Ich verstehe Dich jetzt, Admiral, sprach er. Du mißverstehst mich ganz und gar. Meine Neigung für Miss Vanstone wird auf diese Art und Weise nun und nimmermehr erschüttert.

Admiral Bartrain nahm seinen Quarterdeck-Gang wieder auf und schritt abermals das Zimmer auf und ab.

—— Ein gutes Wort verdient ein anderes, George, sagte der alte Herr. Wenn ich mich bereit finde, meinerseits Zugeständnisse zu machen, so ist das Mindeste, was Du thun kannst, mir auf halbem Wege entgegen zu kommen und Deinerseits Zugeständnisse zu machen.

—— Dessen will ich mich auch nicht weigern, Sir.

—— Sehr gut. Nun höre meinen Vorschlag. Schenk mir ein aufmerksames Ohr, George, ein aufmerksames Ohr kann jedermann mit Fug und Recht beanspruchen. Ich will vor allen Dingen gerecht sein. Ich will mir nicht die Mühe nehmen, in Abrede zu stellen, daß Du im Ernste glaubst, Miss Vanstone sei auf Gottes Welt das einzige Weib, das Dich glücklich machen könnte. Ich frage gar nicht darnach. Wonach ich frage, ist aber, ob Du wirklich Dein Herz in dieser Angelegenheit so gut kennst, als Du wohl denken magst. Du kannst nun ’mal nicht leugnen, George, daß Du Dein Leben lang in eine hübsche Anzahl Frauenzimmer verliebt gewesen bist? Unter Anderen warst Du auch einmal in Miss Brock verliebt. Vor nicht länger denn heuer vor einem Jahre war zwischen Dir und der jungen Dame gelind gesagt eine ausbündig »dicke« Freundschaft. Und auch ganz mit Recht! Miss Brock ist eine aus dem ganzen Dutzend hübscher Kinder, das ich bei dem ersten Glase Wein, das wir tranken, erwähnte.

—— Du verwechselst jetzt ein leichtes Hof machen mit einer ernsten Neigung, Sir, sagte George. Du bist durchaus im Irrthume, gewiß und wahrhaftig, Du irrst Dich!

—— Das ist wahrscheinlich genug; ich mache nicht den Anspruch darauf, unfehlbar zu sein; das überlasse ich jüngeren Leuten, als ich bin. Aber zufällig habe ich Dich, George, von der Zeit an gekannt, wo Du nicht größer warst, als mein altes Fernrohr, und ich will diese Deine »ernste Neigung« auf die Probe stellen. Wenn Du mich überzeugen kannst, daß Dein ganzes Denken und Sinnen auf Miss Vanstone gerichtet ist, wie Du Dir denkst —— so muß ich mich der Nothwendigkeit fügen und meine Einwendungen für mich behalten. Allein erst muß ich diese Ueberzeugung haben. Gehe also morgen nach dem »Meierhofe« und bleib eine Woche in Miss Brocks Gesellschaft. Gib dem reizenden Mägdelein eine hübsche Gelegenheit, die alte Flamme, wenn sie es überhaupt vermag, wieder anzuzünden und komm dann nach St. Crux zurück und laß mich das Ergebniß wissen. Sagst Du mir dann als Mann von Ehre, daß Deine Neigung für Miss Vanstone unerschütterlich dieselbe geblieben ist, so wirst Du mich von dem Augenblick an das letzte Mal Einwendungen machen gehört haben. Was ich auch innerlich dawider haben werde, ich will Dir Nichts weiter sagen, Nichts thun, was Deinen Wünschen zuwider wäre. —— Das ist mein Vorschlag. Vielleicht sieht er in Deinen Augen aus wie eines alten Mannes kindische Laune. Aber der alte Mann will Dich nicht länger quälen, George, und es wird vielleicht eine angenehme Erinnerung für Dich sein, wenn Du dereinst selber Kinder hast, —— daran zu denken, wie Du einst ihm in seinen alten Tagen entgegengekommen bist.

Er kam wieder an das Kamin zurück, als er diese Worte gesprochen hatte, und legte abermals seinem Neffen die Hand auf die Schulter. George ergriff die Hand und drückte sie leidenschaftlich. Im zärtlichsten und besten Sinne des Wortes war sein Oheim wie ein Vater gegen ihn gewesen. ——

—— Ich will thun, was Du von mir verlangst, Sir, antwortete er, wenn Du es ernstlich wünschest. Aber es ist nur meine Schuldigkeit Dir zu sagen, daß die Probe sich ganz unnütz erweisen wird. Wenn Du es jedoch lieber siehst, daß ich die acht Tage auf dem »Hofe« zubringe, als daß ich hier bin, so will ich auf den Hof gehen.

—— Ich danke Dir, George, sagte der Admiral derb. Ich erwartete dies von Dir, und Du hast mich in meinen Erwartungen nicht betrogen.

—— Wenn Miss Brock uns aus dieser Tinte nicht heraushilft, dachte der schlaue alte Herr, als er wieder seinen Platz bei Tische einnahm, so ist meines Neffen Wetterwendischer Kopf urplötzlich beständig geworden!

—— Wir wollen die Sache für heute Abend als abgemacht ansehen, George, fuhr er laut fort, und von etwas Anderem reden. Diese Familiensorgen machen die Blume meines alten Rothweins nicht besser. Die Flasche steht bei Dir. —— Was machen die Theater in London? Wir haben zu meiner Zeit in der Marine die Theater immer gepflegt. Wir pflegten zugleich auf ein gutes Trauerspiel zu halten und, wenn das Stück aus war, auf einen Dudelsack, um uns wieder aufzuheitern. ...

Und so floß die Unterhaltung für die noch übrigen Stunden des Abends in dem gewöhnlichen Geleise hin, Admiral Bartram kam auf den verbotenen Gesprächsstoff erst wieder zurück, als er und sein Neffe sich gute Nacht wünschten.

—— Du vergißt es doch nicht morgen, George?

—— Gewiß nicht, Sir. Ich will den leichten Wagen nehmen und nach dem Frühstück selber hinüber fahren.

Den Tag darauf vor Mittag hatte Mr. George Bartram das Haus verlassen, und die letzte Aussicht zu Gunsten Magdalenens hatte es mit ihm verlassen.



Kapiteltrenner

Viertes Capitel.

Als die Glocke die Dienerschaft auf St. Crux an dem Tage, wo George Bartram wegfuhr, wie gewöhnlich zum Essen rief, wurde bemerkt, daß der Platz des neuen Stubenmädchens bei Tische leer blieb. Eine von den Untermägden wurde nach ihrem Zimmer geschickt, um nach ihr zu sehen, und kehrte mit der Nachricht zurück, daß »Louise« sich ein: wenig unwohl fühle und sich deshalb für heute bei Tische entschuldigen lasse. Hierüber wurde die höhere Entscheidung der Haushälterin eingeholt, und Mrs. Drake ging sofort hinauf, um sich in eigener Person von der Wahrheit jener Aussage zu überzeugen. Ihr erster forschender Blick belehrte sie, daß das Leiden des Stubenmädchens, was auch die Ursache desselben sein möchte, gewiß nicht ein vorgeschütztes sei, um einer nichtigen oder aus bloßem Eigensinn herrührenden Laune Vorschub zu leisten. Sie weigerte sich in bescheidenen Ausdrücken, eins von den Mitteln zu nehmen, welche die Haushälterin ihr Vorschlag, und bat lediglich um die Erlaubniß, die Wirksamkeit eines Ganges in der frischen Luft erproben zu dürfen.

—— Ich bin an mehr Thätigkeit gewöhnt gewesen, Madame, als ich hier habe, sprach sie. Kann ich in den Garten gehen und zusehen, wie die Luft mir bekommen wird?

—— Gewiß Kannst Du allein gehen oder soll ich Jemanden mitschicken?

—— Ich will allein gehen, wenn Sie erlauben, Madame.

—— Sehr gut. Nimm Deinen Hut und Deinen Shawl und halte Dich, wenn Du hinaus kommst auf der Ostseite des Gartens. Der Admiral geht manchmal auf der Nordseite desselben spazieren und könnte sich wundern, Dich dort zu sehen. Komm auf mein Zimmer, wenn Du Luft und Bewegung genug gehabt hast, und laß mich sehen, wie es Dir geht.

Wenige Minuten später war Magdalene im östlichen Theile des Gartens. Die Luft war klar und sonnig; aber der kalte Schatten des Hauses lag auf dem Gartenwege und machte die Mittagsluft kühl. Sie schritt auf die Ruinen des alten Klosters zu, welche auf der Südseite des neuen Anbaues der Besitzung lagen. Hier waren einsame offene Zwischenräume, um frei aufzuathmen hier stahl sich die bleiche Märzensonne durch die öden und wüsten Lücken des Gemäuers und berührte sie traulich und hold wie ein Versprechen, daß es bald Frühling werde.

Sie stieg drei oder vier geborstene steinerne Stufen hinan und setzte sich auf einige Trümmer dabei mitten in die Sonne. Die Stelle, welche sie gewählt hatte, war einst der Eingang zur Kirche gewesen. In Jahrhunderten, die längst entschwunden waren, war der Strom menschlicher Leiden Tag für Tag über den Platz, weg, wo sie jetzt saß, nach dem Beichtstuhl gewallt. —— Unter all den armen Frauen, welche diese alten Steine in der vergangenen Zeit betreten hatten, war kein ärmeres Wesen, als dasjenige, dessen Füße jetzt auf ihnen ruhten. —— Die Hände zitterten, als sie dieselben neben sich legte, um sich auf dem Steinsitze zu erhalten. Sie legte sie in den Schooß, auch da zitterten sie noch. Sie hielt sie gerade vor sich hin und schaute sie verwundert an: auch jetzt zitterten sie.

—— Wie eine alte Frau! sagte sie mit schwacher Stimme und ließ sie wieder neben sich sinken.

Zum ersten Mal war diesen Morgen die grausame Entdeckung über sie gekommen, die Entdeckung, daß ihr die Kräfte versagten zu einer Zeit, wo sie dieselben am nöthigsten brauchte! Sie hatte die Ueberraschung von Mr. Bartrams unerwarteter Abreise mit einer solchen Erschütterung an sich gefühlt, als wäre ihr das ärgste Unglück widerfahren. Dieser einzige Strich durch ihre Hoffnungen, der zu anderen Zeiten nur dazu gedient haben würde, die, Widerstandskraft in ihr aufs Neue anzuspannen, hatte sie mit einem so lähmenden Entsetzen betroffen, hatte sie mit einer solchen panischen Verzweiflung darnieder gestreckt, als ob sie bereits von Dem, was ihrem Unglück die Krone aufsetzen würde, die Verbannung von St. Crux, ereilt worden wäre. Aus einem solchen Wechselfalle wie dieser konnte sie nur eine Lehre ziehen. In die geringe Spanne Zeit von wenig mehr als einem einzigen Jahr hatte sie die Leiden und Schmerzen eines ganzen Lebens zusammengedrängt. Die gottgesegneten Geschenke der Gesundheit und Kraft, welche ihr von der Natur mit verschwenderischer Hand verliehen waren, verloren ihren Zauber, nachdem sie dieselben lange ungestraft mißbraucht hatte.

Sie schaute auf zu dem fernen matten Blau des Himmelsgewölbes. Sie vernahm das fröhliche Zwitschern der Vögel in dem Epheu, welcher die Ruinen umschlang. Ach, über die kalte Ferne der Himmelskörper! Ach, über die grausame Lust der Vögel! Ach, über den einsamen Jammer, hier zu sitzen und sich alt und schwach und aufgerieben zu fühlen in der schönsten Zeit der Jugend!

Sie stand auf mit einer letzten entschlossenen Anstrengung und versuchte, die hysterischen Leiden, welche ihr Herz bedrängten, nieder zu kämpfen, indem sie eine Bewegung machte und die Gegenstände ringsum betrachtete. Rasch und immer rascher ging sie in dem Sonnenscheine auf und ab. Die Bewegung that ihr wohl wegen der Erschöpfung, die sie darnach fühlte. Sie hielt die ihr in die Augen tretenden Thränen gewaltsam und verzweifelt zurück, sie rang mit dem Schmerz, der sich an ihre Sohlen geheftet hatte, und riß sich los von ihm. Allmählich begann sich ihr Geist wieder zu lichten. Die verzweifelte Furcht vor sich selbst stand ihr weniger lebhaft vor der Seele. Noch hatten ihre Jugend und ihre Kraft Etwas zuzusetzen, es war noch Spannkraft übrig, noch ungebrochen wenn auch schon schwer verletzt.

Sie dehnte allmählich die Grenzen ihres Ganges aus, erlangte allmählich den Gebrauch ihrer Sinne wieder und sah, was um sie vorging.

Am westlichen Ende waren die Ueberbleibsel des Klosters in einem weniger beschädigten Zustande, als am östlichen. An gewissen Stellen, wo die stattlichen alten Wände noch standen, waren in einer frühem Zeit Ausbesserungen vorgenommen worden. Dächer von rothen Ziegeln waren über die alten Zellen hinweggelegt worden, hölzerne Thüren waren eingehängt, und die alten Klosterräume waren dazu nutzbar gemacht worden, als Rumpelkammern für St. Crux zu dienen. Kein Schloß verwahrte eine von den Thüren. Magdalene hatte dieselben nur aufzustoßen, um das Tageslicht in das unordentliche Innere zu werfen. Sie beschloß, die Schuppen einen nach dem andern zu durchsuchen, nicht aus Neugierde, nicht in der Meinung, irgendwelche Entdeckungen zu machen: ihr einziger Zweck war, die leere Zeit auszufüllen und die Gedanken zurückzuhalten, damit sie ihr nicht wieder in den Sinn kämen und sie schwach machten.

Der erste Schuppen, den sie öffnete, enthielt die Gartengeräthe, groß und klein. Der zweite war mit Stücken zerbrochener Möbel, leerer Bilderrahmen von wurmstichigem Holze, zerbrochenen Krügen, Koffern ohne Deckel und Büchern, die aus ihren Schalen gerissen waren, angefüllt. Als sich Magdalene wandte, um den Schuppen zu verlassen, und vorher bloß einen flüchtigen Blick auf das darin enthaltene Gerümpel geworfen hatte, stieß ihr Fuß an Etwas aus dem Boden, welches gegen ein Stückchen Porcellan, das dabei lag, anklirrte Sie blieb stehen und bemerkte, daß der klirrende Gegenstand ein verrosteter Schlüssel war.

Sie nahm den Schlüssel in die Höhe und sah ihn an. Sie ging an die Luft und betrachtete ihn ein Weilchen. Es lagen in den Schuppen wahrscheinlich noch mehr solcher alter vergessener Schlüssel unter dem Gerümpel umher. Wie, wenn sie alle, die sie finden konnte, aufläse und sie einen nach dem andern an den Schlössern der Schränke und Schubkästen versuchte, die ihr jetzt verschlossen waren? War Aussicht genug, daß einer von ihnen passen könnte, um ihr bei dem Versuche sich als nützlich zu erweisen? Wenn die Schlösser aus St. Crux so altmodisch als die Möbel selber, wenn keine schlauen Sicherheitsmaßregeln neuester Erfindung zu bekämpfen waren, so war ohne alle Frage Aussicht genug. Wer konnte sagen, ob gerade der Schlüssel da in ihrer Hand nicht die verlorene Gegenpart von einem der Schlüssel an dem Bunde des Admirals war? Bei dem Mangel an allen anderen Mitteln, um zu ihrem Zwecke zu gelangen, war das Wagniß wohl werth, versucht zu werden. Ein Strahl des alten Geistes flammte in ihren müden Augen auf, als sie sich wandte und wieder in den Schuppen trat.

In einer halben Stunde war sie mit der Zeit zu Ende, welche sie sich in der Luft zuzubringen gestatten konnte. In dieser Zeit hatte sie die Schuppen vom ersten bis zum letzten durchsucht und noch fünf Schlüssel gefunden.

—— Fünf Aussichten mehr! dachte sie bei sich, als sie die Schlüssel an sich nahm und hastig nach dem Hause zurückkehrte.

Nachdem sie sich erst auf der Stube der Haushälterin angesagt, ging sie hinauf, um Hut und Shawl abzulegen und zugleich die Gelegenheit zu benutzen, die Schlüssel in ihrer Kammer zu verbergen, bis es Nacht wäre. Sie waren dick mit Rost und Schmutz überzogen, allein sie getraute sich nicht, dieselben zu reinigen, bis die Schlafenszeit sie in der Stille ihres Kämmerleins vor den Späheraugen der Dienstmädchen sicherte.

Als die Essenszeit sie wie gewöhnlich mit dem Admiral in unmittelbare Nähe brachte, war sie sofort über eine Umwandlung an ihm betroffen. Zum ersten Male, so lange sie ihn kannte, war der alte Herr schweigsam und niedergeschlagen. Er aß weniger als gewöhnlich und sprach kaum fünf Worte mit ihr von Anfang des Essens bis zuletzt. Irgend ein unwillkommner Gegenstand zum Nachsinnen hatte sich ersichtlich in seiner Seele festgesetzt und blieb dort sitzen, trotz der Anstrengungen, ihn abzuschütteln. In verschiedenen Zeiten während des Abends war sie mit immer größerer Spannung verlänglich, was wohl dieser Gegenstand sein könnte.

Endlich erreichten die langsam sich dahin schleppenden Stunden ihr Ende, und die Schlafenszeit kam heran. Ehe Magdalene in dieser Nacht schlafen ging, hatte sie die Schlüssel von allen Unreinigkeiten befreit und die Bärte geölt, um sie leicht in die Schlösser gehen zu lassen. Die letzte Schwierigkeit, die noch blieb, war, die Zeit zu wählen, wann der Versuch mit der geringsten Gefahr, unterbrochen und entdeckt zu werden, gemacht werden könnte. Nachdem sie in der Nacht die Frage sorgfältig überlegt hatte, konnte sie sich nur entschließen zu warten und sich von den Ereignissen des nächsten Tages bestimmen zu lassen. Der Morgen kam, und zum ersten Male rechtfertigten die Ereignisse auf St. Crux das Vertrauen, das sie ans dasselbe gesetzt hatte. Der Morgen kam, und die einzige übrigbleibende Schwierigkeit, die sie in Verlegenheit brachte, wurde unerwarteter Weise durch keine geringere Person, als den Admiral selbst hinweggeräumt. Zu männiglich Erstaunen im Hause zeigte er beim Frühstück an, daß er in einer Stunde nach London abzureisen sich bereitet habe, daß er die Nacht in der »Stadt« zubringen werde und daß man ihn erst am nächsten Tage zur Essenszeit auf St. Crux zurückerwarten könne. Er ließ sich weder gegenüber der Haushälterin, noch gegen sonst Jemand auf weitere Erklärungen darüber ein. Allein es lag auf der Hand, daß sein Geschäft in London für ihn von keiner geringen Wichtigkeit war. Er verzehrte sein Frühstück in jäher Eile und stand ungeduldig zum Einsteigen bereit, noch ehe der Wagen vorfuhr.

Erfahrung hatte Magdalenen gelehrt, vorsichtig zu sein. Sie wartete ein wenig nach Admiral Bartrams Abreise, ehe sie ihren Versuch mit den Schlüsseln machte. Es war gut, daß sie Dies that. Mrs. Drake machte sich des Admirals Abwesenheit zunutze, um den Zustand der Zimmer des ersten Stockes in Augenschein zu nehmen. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung befriedigten sie keineswegs, Besen und Bürsten wurden in Bewegung gesetzt, und die Mägde gingen, so lange es Tag war, unausgesetzt in den Stuben aus und ein.

Der Abend verging, und immer bot sich die sichere Gelegenheit, welche Magdalene erspäht noch nicht dar. Abermals kam die Schlafenszeit und fand sie zwischen die beiden Aussichten gestellt, entweder sich den unsichern Zufällen des nächsten Morgens zu vertrauen, oder die Schlüssel kühnlich in der Todtenstille der Nacht zu versuchen. In früheren Zeiten würde sie die Wahl ohne Zaudern getroffen haben. Jetzt zögerte sie, aber noch hielt sie das Wrack ihres alten Muthes aufrecht, und sie beschloß das Wagniß in der Nacht zu machen.

Man ging aus St. Crux frühzeitig zu Bett. Wenn sie auf ihrem Zimmer bis halb zwölf Uhr wartete, war es lange genug.

Zu dieser Zeit stahl sie sich auf die Treppe hinaus mit den Schlüsseln in ihrer Tasche und dem Leuchter in der Hand.

Als sie an dem Eingange zu dem Corridor auf dem Stockwerk mit den Kammern vorüberkam, blieb sie stehen und lauschte. Kein Geräusch wie Schnarchen, kein Schlürfen unsicherer Schritte war auf der andern Seite des Schrankes zu hören. Mißtrauisch schaute sie um ihn herum. Der steinerne Corridor war verödet und das Rollbett leer. Ihre eigenen Augen hatten den alten Mazey gesehen, wie er vor länger denn einer Stunde mit einem Lichte in der Hand nach den oberen Zimmern ging. Hatte er sich seines Herrn Abwesenheit zunutze gemacht, um den ungewohnten Genuß zu haben, einmal wieder in einem Zimmer zu schlafen? Als dieser Gedanke ihr kam, drang gerade ein Ton vom entfernten Ende des Ganges zu ihrem Ohr. Sie ging leise darauf zu und hörte durch die Thür des letzten und entferntesten der Gastzimmer das mächtige Schnarchen des Alten in dem Gemache. Die Entdeckung war überraschend in mehr als einer Hinsicht. Sie machte das undurchdringliche Geheimniß des Rollbettes noch dunkler. Denn sie zeigte offenbar, daß der alte Mazey nicht aus eigenem halbwilden Gelüsten seine Nächte auf dem Gange zubrachte, sondern jene seltsame und unbequeme Lagerstatt lediglich und allein um seines Herrn willen einnahm.

Es war keine Zeit vorhanden, um bei den Betrachtungen zu verweilen, welche dieser Schluß an die Hand gab. Magdalene lenkte ihre Schritte längs des Ganges zurück und stieg in das erste Stockwerk hinunter. Indem sie an den Thüren, die ihr am Nächsten waren, vorüberkam, versuchte sie zuerst das Bibliothekszimmer. Auf der Treppe und in den Corridors hatte ihr Herz in unsäglich raschen Pulsen gepocht; sobald sie sich jedoch in den vier Wänden des Zimmers befand und die Thür nach der geistesstillen Außenseite geschlossen hatte, kehrte das Gefühl der Sicherheit wieder.

Das erste Schloß, das sie versuchte, war das des Tischkastens. Keiner von den Schlüsseln paßte dazu. Ihr nächster Versuch wurde mit dem Schranke gemacht. Sollte auch der zweite Versuch scheitern, wie der erste? —— Nein! —— Einer der Schlüssel paßte, einer von den Schlüsseln schloß nach einigem ruhigen Probieren das Schloß auf. —— Sie sah begierig hinein. Es waren oben offene Fächer und ein großer Schubkasten darunter. Die Fächer waren angefüllt mit Stücken seltener Mineralien, die sauber mit Zetteln beklebt und geordnet waren. Der Schubkasten war in Abtheilungen eingerichtet. Zwei von den Abtheilungen enthielten Papiere. In der ersten entdeckte sie Nichts als eine Sammlung von bezahlten Rechnungen. In der zweiten fand sie einen Haufen Geschäftspapiere, allein die vergilbte Schrift zeigte ihr schon deutlich genug an, daß der Geheimartikel nicht dabei war. Sie schloß die Thüren des Schrankes wieder zu, und nachdem sie dies mit einiger Schwierigkeit bewerkstelligt hatte, verschritt sie dazu, die Schlüssel an den Schubkästen des Bücherschrankes zu versuchen, ehe sie ihre Nachforschungen in den anderen Zimmern begann.

Der Bücherschrank mit seinen Fächern war unzugänglich. Die Schubkästen und Schränke in allen andern Zimmern waren ebenfalls unzugänglich. Einen nach dem Andern versuchte sie dieselben in ruhiger Reihenfolge. Es war vergebens. Der Erfolg, welchen sie bei dem Schranke in der Bibliothek zu ihren Gunsten gehabt hatte, war eben der erste und der letzte, den sie auf diese Weise haben sollte.

Sie ging auf ihr Zimmer zurück Sie sah Nichts als ihren eigenen Schatten; sie hörte Nichts als ihren eigenen schleichenden Schritt in der Mitternachtsstille des Hauses. Nachdem sie gedankenlos die Schlüssel in ihrem früheren Versteck verwahrt hatte, sah sie nach ihrem Bette und wandte sich mit schaudernder Unlust davon ab. Die warnende Erinnerung an Das, was sie heute früh im Garten gelitten hatte, stand ihr lebhaft gegenwärtig vor der Seele.

—— Eine andere Aussicht versucht! dachte sie bei sich, und eine andere Aussicht verloren! Ich werde wieder zusammenbrechen, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich wachend in der Dunkelheit daliege.

Sie hatte unter den vielen Kleinigkeiten«, die in ihrer Rolle als Dienstmädchen nöthig waren, ein Arbeitskästchen mit nach St. Crux gebracht. Sie öffnete nun das Kästchen und ging entschlossen ans Werk. Ihr Mangel an Uebung mit der Nadel kam dem Zwecke, den sie im Auge hatte, zu Hilfe: derselbe nöthigte sie, ihrer Beschäftigung die vollste Aufmerksamkeit zu schenken, er lenkte ihre Gedanken von denjenigen beiden Gegenständen gewaltsam ab, welche sie jetzt am Meisten fürchtete: von sich und der Zukunft.

Am nächsten Tage kam der Admiral, wie er angeordnet hatte, zurück. Sein Besuch in London hatte seine Laune nicht verbessert. Der Schatten eines unverwindlichen Zweifels lag noch immer düster auf seiner Stirn, und seine unermüdliche Zunge war noch immer Merkwürdigerweise still, als Magdalene ihn bei seinem einsamen Mahle bediente. In dieser Nacht ertönte das Schnarchen wieder hinter dem Schranke, und der alte Mazey war wieder in seinem unbehaglichen Rollbett.

Es vergingen wieder drei Tage, April kam. Am Zweiten dieses Monats erschien Mr. George Bartram wieder auf St. Crux, indem er ebenso unerwartet zurückkehrte, als er eine Woche zuvor weggegangen war.

Er kam zu einer Nachmittagsstunde zurück und hatte im Bibliothekszimmer eine Unterredung mit seinem Oheim. Als die Unterredung vorüber war, verließ er wieder das Haus und wurde von dem Reitknecht nach der Eisenbahn gefahren, um noch den letzten Zug, der den Abend nach London ging, zu erreichen. Der Knecht bemerkte unterwegs, wie Mr. George dem Anscheine nach lieber denn je St. Crux verließ. Er bemerkte auch bei seiner Rückkehr, daß der Admiral ihm ein tüchtiges Donnerwetter machte, weil er die Pferde zu sehr übernommen habe, ein Zeichen von übler Laune bei seinem Herrn, das, wie er angab, in seiner ganzen Erfahrung ganz ohne Beispiel war. Magdalene hatte in ihrem Dienstsache gleicherweise unter des alten Herrn Reizbarkeit zu leiden gehabt: er war unzufrieden gewesen mit Allem, was sie in dem Speisezimmer vornahm, und hatte alle Gerichte schlecht befunden, eins nach dem andern, von der Hammelbrühe bis zum gerösteten Käse herunter.

Die nächsten beiden Tage vergingen wie gewöhnlich. Am dritten Tage fiel Etwas vor.

Auf den ersten Schein war es allerdings nichts weiter als ein Zug der Klingel im Besuchszimmer. In Wahrheit aber war dies der Vorbote der nahenden Entscheidung, der furchtbare Vorbote des Endes.

Es war Magdalenens Sache, der Klingel Folge zu leisten. Als sie an die Zimmerthür kam, pochte sie wie gewöhnlich an. Es erfolgte aber keine Antwort. Nachdem sie wieder gepocht und wieder keine Antwort erhalten hatte, trat sie in das Zimmer und erhielt sofort einen Strom kalter Luft gerade ins Gesicht. Die schwere Falzthür in der gegenüberliegenden Wand war zurückgestoßen, und die Nordpolaratmosphäre von »Satans Knochenkälter« ergoß sich ungehindert in das leere Zimmer.

Sie wartete an der Thür, ungewiß, was sie zunächst thun sollte; es war gewiß die Klingel des Besuchszimmers gewesen, welche erschallt war, und keine andere. Sie wartete und sah durch die offene Thür auf der andern Seite in die Wildniß der verödeten Halle hinaus.

Ein wenig Nachdenken gab ihr den Rath an die Hand, daß sie am besten thun würde, wenn sie wieder hinunter ginge und dort wartete, bis zum zweiten Male geschellt würde. Als sie sich wandte, um das Zimmer verlassen, sah sie zufällig nochmals zurück, und gerade in diesem Augenblick sah sie die Thür in der gegenüberliegenden Wand der Banquethalle sich öffnen, die Thür, welche in das erste von den Zimmern im östlichen Flügel führte. Ein großer Mann trat heraus in einem großen Ueberrock und im Hut und nähert sich rasch dem Besuchszimmer. Sein Gang verrieth ihn, während er selbst noch zu fern war, um seine Züge zu erkennen. Ehe er halb durch die Halle geschritten war, hatte Magdalene ihn erkannt: es war Admiral Bartram.

Der Admiral sah nicht nur erzürnt, sondern auch überrascht aus, als er sein Stubenmädchen in dem Besuchszimmer auf sich warten sah. Er frug barsch und mißtrauisch, was sie hier wolle? Magdalene versetzte, daß sie hierhergekommen sei, weil geschellt worden sei. Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf, als er die Erklärung hörte.

—— Ja, ja es ist richtig, sagte er, ich klingelte und vergaß es dann wieder.

Er schob, während er sprach, die Schiebethür wieder an ihren Platz.

—— Kohlen! begann er dann wieder mit ungeduldiger Stimme und zeigte auf den leeren Behälter. Ich klingelte nach Kohlen.

Magdalene ging in die Küche zurück. Nachdem sie den Befehl des Admirals derjenigen von den Mägden, deren Verrichtung das Feuermachen war, ausgerichtet hatte, kehrte sie in die Speisekammer zurück und setzte sich, leise die Thüre zumachend, nieder, um allein zu sein und nachzudenken.

Es war ihre Meinung in dem Besuchszimmer gewesen, und es war noch immer ihre Meinung, daß sie jetzt zufällig den Admiral Bartram aus einem Besuche der östlichen Zimmer ertappt habe, welchen er aus irgend einem dringenden Grunde geheim zu halten wünschte.

Tag und Nacht von dem einen Gedanken abgehetzt, der sie beherrschte, setzte sie sich über alle logischen Schwierigkeiten mit einem Schwunge hinweg und verband sofort den Verdacht einer geheimen Maßregel des Admirals mit dem verwandten Verdacht, welcher ihn als den Bewahrer des geheimen Artikels betrachtete. Bis zu dieser Zeit war es ihr fester Glaube gewesen, daß er seine wichtigen Papiere in einem oder dem andern der ineinanderlaufenden Zimmer bewahrte, welche er für diese Zeit gerade inne hatte.

—— Warum, fragte sie sich selbst mit einem plötzlichen Mißtrauen gegen den Schluß, der bisher ihrem Geiste genügt hatte, warum könnte er sie nicht auch ebensogut in anderen Zimmern aufbewahren?

Der Gedanke an die noch immer an ihrem Versteck auf ihrem Zimmer aufbewahrten Schlüssel bestärkte sie nur in ihrer Meinung von der Richtigkeit dieser neuen Ansicht. Mit einer unwichtigen Ausnahme hatten jene Schlüssel alle nicht gepaßt, als sie dieselben in den inneren auf der Nordseite des Hauses probierte.

Konnte sie nicht bei den Schränken und Schubkästen in den östlichen Zimmern mehr Glück haben, bei welchen sie nie den Versuch gemacht oder auch nur daran gedacht hatte, die Schlüssel zu probieren?

Wenn eine auch noch so kleine Aussicht war, dieselben besser zu benutzen als bisher, so war es damit zu versuchen. Wenn nur eine auch doch so ferne Möglichkeit war, daß der Geheimartikel in einem von den verschlossenen Behältnissen im östlichen Flügel verwahrt wurde, so mußte dieselbe versucht werden.

Aber wann? —— Ihre eigene Erfahrung beantwortete die Frage.

Zu der Zeit, wo kein Späherauge wach war und keine widrigen Zwischenfälle zu fürchten standen, wenn das Haus ruhig war, in der Stille der Nacht.

Sie wußte genug von ihrem veränderten Wesen, um den ankränkelnden Einfluß des Aufschubs zu fürchten. Sie entschloß sich, das Wagniß noch diese Nacht zu beginnen.

Sie beging noch weitere Versehen, als die Essenszeit kam; die tadelnden Bemerkungen des Admirals über ihre Bedienung bei Tische waren schärfer denn je. Seine härtesten Worte thaten ihr nicht weh, sie hörte sie kaum, ihr Geist war für alles Andere abgestorben, nur nicht für das Gefühl der bevorstehenden Probe. Der Abend, welcher ihr in der Nacht ihres ersten Versuches langsam vergangen war, verstrich diesmal schnell. Als es Schlafenszeit war, war sie erstaunt, daß es schon so weit war.

Sie wartete diesmal länger, als das vorige Mal. Der Admiral war ja zu Hause; er konnte seinen Sinn ändern und wieder heruntergehen, nachdem er auf sein Zimmer hinaufgegangen war; er konnte etwas in dem Bibliothekzimmer vergessen haben und umkehren, um es zu holen. Mitternacht schlug es an der Uhr in der Gesindestube, als sie sich aus ihrem Zimmer wagte, wieder die Schlüssel in der Tasche, wieder das Licht in der Hand.

Auf der ersten Stufe, die sie mit ihrem Fuße betrat, ergriff sie plötzlich ein Zaudern, das sich ihrer ganz und gar bemächtigte, eine unerklärliche Angst vor einer unbekannten Gefahr. Sie wartete und ging mit sich zu Rathe. Sie war vor keinem Opfer zurückgebebt, sie hatte keiner Furcht nachgegeben, um die List durchzuführen, durch die sie sich auf St. Crux Einlaß verschafft hatte, und jetzt, wo die lange Reihe von Hindernissen, die sich ihr beim Anfang entgegen gethürmt hatten, Dank ihrer Ausdauer, überwunden waren, jetzt, wo lediglich durch ihre Entschlossenheit der Ausgangspunkt gewonnen war, zögerte sie vorwärts zu gehen.

—— Ich bebte vor Nichts zurück, um hierher zu gelangen, sprach sie zu sich selbst. Welcher Wahnsinn ergreift mich auf einmal, jetzt zurückzubeben?

Jeder Puls in ihr wurde bei dem Gedanken aufgeregt, die Scham belebte sie, befeuerte sie aufs Neue vorwärts zu gehen.

Sie stieg die Treppe vom dritten Stock in den zweiten herab, ohne sich einen Augenblick Zeit zu gönnen so nahe ihrem Zimmer. Eine Minute später hatte sie das Ende des Corridors erreicht, hatte den Vorsaal überschritten und war in das Besuchszimmer getreten. Erst als ihre Hand auf dem schweren Messinggriff der Schiebethür ruhte, erst in dem Augenblicke und, ehe sie die Thür zurückschob, hielt sie um Athem zu schöpfen. Die Banquethalle war dicht auf der andern Seite der hölzernen Scheidewand, dicht vor welcher sie eben stand: ihre erregte Einbildungskraft machte sie schon glauben, als fühlte sie den Todtenhauch der Kälte über sich gehen.

Sie schob die Schiebethür ein paar Zoll auf und hielt in plötzlichem Schrecken inne. Als der Admiral sie in ihrer Gegenwart heute geschlossen hatte, hatte sie kein Geräusch gehört. Als der alte Mazey sie öffnete, um ihr die Zimmer des östlichen Flügels zu zeigen, hörte sie kein Geräusch. Jetzt in der nächtlichen Stille bemerkte sie zum ersten Male, daß die Thür einen dumpfen, rauschenden Klang von sich gab, wie Windessausen.

Sie ermuthigte sich selbst und schob sie noch weiter zurück, halbwegs in die Höhle in der Wand, die dazu bestimmt war, sie aufzunehmen, hinein. Sie schritt muthig durch die Oeffnung und hatte nun plötzlich die Banquethalle als Nachtbild vor sich.

Der Mond kam hinter dem Südende des Hauses hervor. Seine bleichen Strahlen schienen durch die näheren Fenster herein und lagen in langen Streifen schrägen Lichtes auf dem Marmorboden der Bauquethalle. Die schwarzen Schatten der Zwischenwände zwischen jedem Fenster, die da abwechselten mit den Lichtstreifein erhöhten den matten Glanz des Mondlichtes auf den Steinfließen. Nach dem unteren Ende zu verschwamm die Halle geheimnißvoll in Finsterniß, die Decke wurde unsichtbar, das gähnende Kamin, der überhängende Mantel desselben, die lange Reihe Schlachtenbilder darüber wurden alle von der Nacht verschlungen. Nur ein einziger Gegenstand war zu unterscheiden außer den glitzernden Fenstern und dem Mondscheinbestrahlten Boden. Mitten in dem letzten und fernsten der Lichtstreifen erhob sich der Dreifuß auf seinen hageren schwarzen Füßen wie ein vom Monde ins Leben gerufenes Ungeheuer aufsteigend durch das Licht und sich nach oben in dem Schatten der Halle verlierend. Fern und nah, alle Töne schlummerten da, gebunden von der stehenden Kälte. Die milde Ruhe der Nacht war hier erschrecklich. Die tiefen Gründe der Finsterniß bargen noch unermeßlichere Tiefen des Schweigens.

Sie stand in dem Eingange unbeweglich, angestrengt spähend und lauschend. Sie sah nach Etwas, das sich bebewegte, sie lauschte auf irgend einen sich erhebenden Ton und spähete und lauschte vergeblich. Ein heftiges unablässiges Zittern rann ihr durch die Glieder von Kopf bis zu Fuße. Das Zittern der Furcht oder das Zittern vor Frost? Der bloße Zweifel stachelte ihren Willen zur Entschlossenheit auf.

—— Jetzt, dachte sie, indem sie in dem Eingange einen Schritt vorwärts that, —— jetzt oder nie! Ich will die Streifen des Mondlichts dreimal abzählen und über die Halle schreiten.

—— Eins —— zwei —— drei —— vier —— fünf —— Eins ——
zwei —— drei —— vier —— fünf —— Eins —— zwei —— drei ——

vier —— fünf.

Als die letzte Zahl bei ihrem drittmaligem Zählen über ihre Lippen gekommen war, schritt sie über die Halle weg. Nach Nichts mehr sich umsehend, auf Nichts lauschend, in der einen Hand das Licht, mit der andern Hand unwillkürlich die Falten ihres Kleides umklammernd, eilte sie wie ein Geist die ganze Länge des geisterhaften Raumes durch. Sie erreichte die Thür des ersten der östlichen Zimmer, öffnete sie und stürzte hinein. Der plötzliche Trost, einen Zufluchtsort zu finden, der plötzliche Eintritt in eine neue Luft überwältigten sie einen Augenblick. Sie hatte nur noch Zeit das Licht sicher aus einen Tisch zu stellen, ehe sie schwindelig und athemlos in den nächsten Stuhl sank.

Allmählich fühlte sie, wie die Ruhe ihre Aufregung beschwichtigte In wenigen Minuten wurde sie sich des freudigen Gefühls bewußt, sich den Weg zu den östlichen Zimmern gebahnt zu haben. In wenigen Minuten war sie stark genug, um sich vom Stuhl zu erheben, die Schlüssel aus ihrer Tasche zu nehmen und sich umzublicken.

Der erste Gegenstand von Hausgeräth im Zimmer, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein runder Schreibeschrank von geschnitztem Eichenholz, dann ein schwerer Tisch mit einem Schubkasten Sie versuchte erst den Schreibeschrank, er sah noch am Ehesten wie ein Aufbewahrungsort für Papiere aus. Drei von den Schlüsseln hatten die Größe für das Schloß, aber keiner von ihnen schloß es. Der Schrank war unnahbar. Sie ließ ihn und wartete einen Augenblick, um das Licht zu passen, ehe sie den Schubkasten daran vornahm.

In dem Augenblicke, wo sie ihre Hand nach dem Lichte erhob, hörte sie die Stille der Banquethalle durch einen schrecklichen Ton, einen schwachen und nur einen Augenblick dauernden Ton, wie das ferne Rauschen des Windes unterbrechen.

Hatte sich die Schiebethür im Besuchszimmer bewegt?

In welcher Weise hatte sie sich bewegt? Hatte eine unbekannte Hand sie in ihre Nische geschoben, weiter als sie dieselbe geschoben hatte oder sie zugeschoben und verschlossen? Der Schrecken, die ganze Nacht ausgeschlossen zu sein durch irgend eine unerkennbar wirkende Macht von dem Leben des Hauses war stärker in ihr als der Schrecken, einen Blick über die Banquethalle hinweg zu thun. Sie machte verzweifelt eine Bewegung nach der Thür zu. Sie war leise hinter ihr zugefallen, aber sie war nicht verschlossen. Sie stieß sie auf und blickte hinaus.

Der Anblick, der ihren Augen begegnete, machte sie vor Entsetzen starr und fesselte ihren Fuß an den Boden.

Dicht an dem ersten der Fenster, vom Besuchszimmer an gerechnet, und im vollen Scheine desselben sah sie eine einsame Gestalt.... Es stand unbeweglich da, sich aus dem fernsten Streifen des Mondlichts vom Boden abhebend. Als sie hinschaute, verschwand es plötzlich. Einen Augenblick später sah sie es wieder im zweiten Mondlicht, verlor es wieder, sah es wieder, sah es im dritten Streifen, verlor es abermals und sah es im vierten. Von einem Augenblick zum andern näherte es sich, bald geheimnißvoll im Schatten verloren, bald wieder plötzlich in dem Lichte sichtbar, bis es den fünften und nächsten Streifen des Mondlichts erreichte. Dort hielt es an und schwebte langsam zur Seite nach der Mitte der Halle. Beim Dreifuß hielt es an und stand hörbar in der Stille schauernd mit seinen Händen über die kalte Asche erhoben, indem es that, als wärmte es sich die Hände. Es wandte sich wieder zurück, bewegte sich in dem Wege des Mondlichts hernieder, hielt beim fünften Fenster an, wandte sich noch einmal und kam durch den Schatten langsam gerade aus die Stelle zu, wo Magdalene stand.

Ihre Stimme war nicht mehr in ihrer Macht, ihr Wille gehorchte ihr nicht mehr. Jeder Sinn in ihr außer dem Gesicht war gelähmt. Ihre Augen vom Schrecken gebannt, sahen unverwandt geradeaus, wie sie vom Anfang an geschaut hatten. Da stand sie in der Thür, der Gestalt gerade im Wege, welche näher und immer näher Schritt für Schritt durch den Schatten auf sie zukam.

Es kam dicht heran. Die Fesseln des Schreckens, die sie hielten, zerrissen plötzlich, als er nur noch aus Armeslänge von ihr war. Sie fuhr zurück. Das Licht des Leuchters siel voll auf sein Gesicht und zeigte ihr —— Admiral Bartram.

Ein langer grauer Schlafrock war um ihn geschlagen. Sein Haupt war unbedeckt, seine Füße baarfuß. In seiner Linken trug er sein kleines Schlüsselkörbchen. Er ging langsam an Magdalenen vorbei, seine Lippen flüsterten ohne Unterlaß, seine Augen starrten gerade vor sich hin mit dem gläsernen Ausdruck des Todes. Seine Augen sagten ihr die schreckliche Wahrheit: Er wandelte im Schlafe.

Der, Schrecken, ihn so zu sehen, war nicht zu vergleichen mit dem, den sie empfunden hatte, als ihre Augen ihn zuerst erschauten, eine Erscheinung im Mondlichte, ein Gespenst in der Geisterhalle. Diesmal konnte sie gegen die Erschütterung ankämpfen, sie konnte die Tiefe ihrer Furcht ergründen.

Er ging an ihr vorüber und blieb in der Mitte des Zimmers stehen. Magdalene wagte sich so nahe heran, daß sie seine Stimme verstehen konnte, wie er vor sich hin murmelte. Sie rückte noch näher und hörte den Namen ihres verstorbenen Gatten deutlich von den Lippen des Nachtwandlers fallen.

—— Noël! sagte er in den leisen, eintönigen Lauten eines Träumers, der im Schlafe spricht, mein guter Kerl, Noël, nimm es wieder zurück! Es plagt mich bei Tage und bei Nacht. Ich weiß nicht, wo es sicher ist, ich weiß nicht, wo es sicher ist, ich weiß nicht, wohin ich es legen soll. Nimm es zurück, Noël, —— nimm es zurück!

Als ihm diese Worte entschlüpften ging er an einen Schrank. Er setzte sich auf den davorstehenden Stuhl und suchte in dem Körbchen unter seinen Schlüsseln. Magdalene folgte ihm leise und stand hinter seinem Stuhle, wartend mit dem Lichte in ihrer Hand. Er fand den Schlüssel und schloß den Schrank auf. Ohne einen Augenblick zu schwanken zog er einen Kasten auf, den zweiten in einer Reihe, der einzige Gegenstand in dem Kasten war ein zusammengebrochener Brief. Er entfernte ihn und legte ihn vor sich auf den Tisch nieder.

—— Nimm ihn wieder zurück, Noël! wiederholte er geistesabwesend, nimm ihn zurück!

Magdalene sah ihm über die Schulter und las folgende Zeilen in der Handschrift ihres Gatten, an der Spitze des Briefes:

In Deinen Händen zu bewahren und erst am Tage meines Ablebens zu erbrechen.

Noël Vanstone.

Sie sah diese Worte deutlich mit dem Namen des Admirals und der Adresse des Admirals darunter.

Der Geheimartikel im Bereiche ihrer Hand! Der Artikel doch noch aufgespürt bis zu seinem Versteck!

Sie that einen Schritt vorwärts, um sich hinter seinem Stuhle herumzuschleichen und den Brief vom Tische wegzuhaschen In dem Augenblick, als sie sich rührte, nahm er ihn noch einmal in die Hand, verschloß den Schrank, stand auf, wandte sich und stand ihr gegenüber. Im Drange des Augenblicks streckte sie ihre Hand nach der Hand aus, in der er den Brief hielt. Das gelbe Licht der Kerze fiel voll auf ihn. Der fürchterliche Scheintod auf seinem Angesichte, das Geheimniß des schlafenden Leibes, der da in unwillkürlichem Gehorsam gegen die träumende Seele sich bewegt, erschreckte sie. Ihre Hand zitterte und sank wieder an ihrer Seite nieder.

Er ließ den Schlüssel des Schrankes in das Körbchen fallen und schritt über das Zimmer nach dem Schreibeschranke, in der einen Hand das Körbchen, in der andern Hand den Brief. Magdalene stellte das Licht hinter sich auf den Tisch und beobachtete ihn.

Wie er den Schubkasten geöffnet hatte, so machte er auch den Schreibschrank auf. Abermals streckte Magdalene ihre Hand aus, abermals bebte sie vor dem Geheimniß und dem Schreckniß seines Schlafes zurück. Er steckte den Brief in einen Schubkasten hinten in dem Schranke und schloß die schwere eichene Klappe wieder zu.

—— Ja! sprach er. Es ist hier sicherer, wie Du sagst, Noël, —— sicherer hier.

Also sprach er. So gaben einmal ums andere Mal die Worte, welche ihn bloß verriethen, die Enthüllung über den Verstorbenen, als ob er leibhaft dastünde und im Traume spräche.

Hatte er den Schreibeschrank verschlossen? Magdalene hatte das Schloß nicht gehen hören. Als er sich langsam wegbewegte, nochmals gegen die Mitte des Zimmers zu wandelnd, versuchte sie die Klappe Ja, —— verschlossen. Als sie die Entdeckung gemacht, wandte sie sich um, und schaute nach, um zu sehen, was er zunächst thäte. Er verließ das Zimmer wieder, mit seinem Schlüsselkörbchen in der Hand. Als ihr erster Blick auf ihn fiel, war er gerade im Begriff, die Schwelle der Thür zu überschreiten.

Ein unnennbarer Zauber erfaßte sie, eine geheime Anziehungskraft zog sie ihm nach wider ihren Willen. Sie nahm das Licht und folgte ihm unwillkürlich, als ob sie ebenfalls im Schlafe wandelte. Eines hinter dem Andern in langsamem und geräuschlosem Schritt gingen sie über die Banquethalle. Eines hinter dem andern gingen sie durch das Besuchszimmer und über den Corridor und die Treppe hinauf. Sie folgte ihm bis zu seiner Thür. Er ging hinein und schloß sie leise hinter sich zu. Sie blieb stehen und sah auf das Rollbett hin. Es war am Fuße bei Seite gerückt, in eine kleine Entfernung von der Kammerthürr. Wer hatte es fortgerückt? Sie hielt das Licht nahe und sah auf die Polster mit plötzlicher Neugier und plötzlichem Zweifel.

Das Rollbett war leer.

Die Entdeckung erschreckte sie für den Augenblick, aber nur für den Augenblick. So leicht daraus die Folgerungen hergeleitet werden konnten, so vermochte sie doch dieselben nicht zu ziehen. Ihr Geist, langsam den Gebrauch seiner Fähigkeiten wiedererlangend, war noch unter dem Einfluß der früheren und tieferen Eindrücke Ihr Geist folgte dem Admiral in sein Zimmer, wie ihr Leib ihm über die Banquethalle gefolgt war.

Hatte er sich wieder in sein Bett gelegt? Schlief er noch?

Sie horchte an der Thür. Kein Laut war in dem Zimmer zu vernehmen. Sie versuchte die Thür und da sie dieselbe unverschlossen fand, öffnete sie die Thür auf ein paar Zoll-weit und lauschte wieder. Dasselbe Heben und Senken seines Athems traf augenblicklich ihr Ohr. Er schlief noch.

Sie ging in das Zimmer und näherte sich, die Hand vor das Kerzenlicht haltend, dem Bette, um nach ihm zu sehen. Der Traum war vorbei, der Schlaf des alten Herrn war tief und ruhig, seine Lippen waren still, seine Hand lag in bewegungsloser Ruhe auf dem Deckbette. Er lag mit dem Gesichte nach der rechten Seite des Bettes zu. Ein kleiner Tisch stand da nahe zur Hand. Vier Gegenstände standen darauf, sein Licht, seine Schwefelhölzchen, sein gewöhnlicher Nachttrunk von Limonade und sein Schlüsselkörbchen.

Der Gedanke, sich diese Nacht in den Besitz, seiner Schlüssel zu setzen —— falls sich eine Gelegenheit böte, wo der Korb nicht in seiner Hand war, war ihr erst in den Sinn gekommen, als sie ihn in sein Zimmer gehen sah. Sie hatte ihn für den Augenblick wieder verloren, als sie die Überraschende Entdeckung machte, das Rollbett leer zu finden. Sie nahm ihn wieder auf, in dem Augenblicke, wo der Tisch ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war unnöthig, mit dem Suchen des einen nöthigen Schlüssels unter den Uebrigen Zeit zu verlieren, sie kannte den einen Schlüssel nicht genau genug, um ihn sogleich wieder zu erkennen. Sie nahm darum alle Schlüssel in dem Körbchen, wie sie lagen, vom Tische und schloß, indem sie das Zimmer verließ, leise die Thür wieder hinter sich zu.

Das Rollbett drängte sich, wie sie daran vorbeikam, abermals ihrer Aufmerksamkeit auf und nöthigte sie zum Nachdenken. Nach einem augenblicklichen Besinnen rückte sie den Fuß des Bettes wieder in seine gewöhnliche Stellung quer vor die Thür. Ob er nun im Hause oder außer dem Hause war, der Alte konnte jeden Augenblick auf seinen verlassenen Posten zurückkehren. Wenn er das Bett von seinem gewöhnlichen Platze weggerückt sah, konnte er seinen Herrn wecken,und der Verlust der Schlüssel konnte entdeckt werden. Als sie die Treppe herunterstieg, war die Furcht, plötzlich mit dem alten Mazey zusammenzustoßen so lebhaft vor ihrem Geiste, daß sie das kleine Körbchen dicht an ihrer Seite trug, halb verborgen in den Falten ihres Kleides.

Auf der Treppe fiel Nichts vor, auf dem Corridor fiel Nichts vor, das Haus war so schweigsam und so verödet wie immer. Sie schritt diesmal ohne Zaudern über die Banquethalle hinweg; die Ereignisse der Nacht hatten ihren Geist gegen alle Schrecken ihrer Einbildung stark gemacht.

—— Jetzt habe ich es! flüsterte sie vor sich hin in einem unverhaltbaren Ausbruch von Freude, als sie in das erste der östlichen Zimmer trat und ihr Licht oben auf den alten Schreibeschrank setzte.

Sogar jetzt noch war eine Geduldprobe für sie zu überstehen. Einige Minuten vergingen, Minuten, welche Stunden schienen, ehe sie den rechten Schlüssel fand und die Klappe des Pultes öffnen konnte. Endlich zog sie das innere Schubfach auf. Endlich hatte sie den Brief in ihrer Hand!

Es war versiegelt gewesen, aber das Siegel war erbrochen. Sie öffnete ihn auf der Stelle, um sich zu überzeugen, daß sie wirklich den Geheimartikel besäße, ehe sie das Zimmer verließ.

Der Schluß des Briefes war das Erste, das sie vornahm. Der Brief kam oben auf der dritten Seite zu Ende und war mit Noël Vanstone unterzeichnet. Unter dem Namen waren folgende Zeilen Von der Hand des Admirals hinzugefügt:

Dieser Brief wurde von mir zu gleicher Zeit als das Testament meines Freundes Noël Vanstone in Empfang genommen. Ein den Fall meines Todes und, wenn ich in Bezug darauf keine anderen Anordnungen treffe. bitte ich meinen Neffen und meine Testamentsvollstrecker zu beherzigen, daß ich die in diesem Testamente an mich gestellten Wünsche als schlechterdings bindend für mich anerkenne.

Arthur Everard Bartam.

Sie ließ diese Zeilen ungelesen. Sie bemerkte eben nur, daß sie nicht von der Hand Noël Vanstones waren, und wandte sich, indem sie dieselben sofort überschlug, weil sie für den im Auge habenden Zweck nicht wesentlich waren, zu den ersten Sätzen der ersten Seite.

Sie las folgende Worte:

Lieber Admiral Bartram!

Wenn Du mein Testament eröffnest, in welchen Du zu meinem alleinigen Testamentsvollstrecker ernannt bist, so, wirst Du finden, daß ich den ganzen Rest meines Grundbesitzes nach Auszahlung eines Vermächtnisses von fünf Tausend Pfund Dir vererbt habe. Es ist der Zweck dieses meines Briefes, Dir vertraulich mitzutheilen, welches die Absicht ist, aus der ich das Vermögen, das nun mehr in Deine Hände gegeben ist, gerade Dir hinterlassen habe.

Siehe dies große Vermächtniß, bitte ich, nur als ein unter gewissen Bedingungen ....

Sie war mit athemloser Spannung und Theilnahme so weit gekommen: da wurde ihre Aufmerksamkeit plötzlich unterbrochen. Etwas —— sie war zu sehr vertieft, als daß sie hätte wissen können was es war —— war zwischen sie und den Brief getreten. War es ein Geräusch? Sie sah über ihre Schulter nach der Thür hinter sich und lauschte. Es war Nichts zu hören, Nichts zu sehen. Sie wandte sich zu dem Briefe zurück.

Die Schrift war eng und zusammengedrängt. In ihrer ungeduldigen Spannung, noch mehr zu lesen, vermochte sie die verlorene Stelle nicht wieder zu finden. Ihre Augen, unwillkürlich von einem Tintenfleck angezogen, erblickten einen Satz weiter unten auf der Seite, als wo sie aufgehört hatte. Die ersten drei Worte, die sie sah, reizten ihre Aufmerksamkeit aufs Neue: es waren die ersten Worte, die sie in dem Briefe gefunden, die sich unmittelbar auf George Bartram bezogen. In der plötzlichen Aufregung über diese Entdeckung las sie eifrig das Uebrige von dem Satze, ehe sie einen zweiten Versuch machte, die verlorene Stelle wieder aufzusuchen ——

.... Wenn Dein Neffe diese Bedingungen zu erfüllen unterläßt, d. h. wenn er, ob er nun Junggesell oder Wittwer zur Zeit meines Ablebens sei, unterliegt, sich ganz in der Art und Weise, wie ich ihm vorgeschrieben habe, innerhalb sechs Kalendermonaten von jener Zeit an zu verheirathen, so ist es mein Wille, das er die Erbschaft nicht erhalte... [S. Seite 355f., S. 357ff. w.]

Sie hatte bis zu diesem Punkte gelesen, bis zu diesem letztere Worte und nicht weiter, da kam plötzlich eine fremde Hand hinter ihr zwischen dem Brief und ihren Augen vor und faßte sie in einem Augenblicke fest am Handgelenk. Sie wandte sich mit einem Schrei des Entsetzens um und —— fand sich Angesicht zu Angesicht dem alten Mazey gegenüber.

Die Augen des Alten waren von Blut unterlaufen, seine Hand schwer, seine Filzpantoffeln unordentlich über seine Füße gezogen, und sein Leib auf seinen weit gespreizten Beinen hin und herschwankend. Wenn er in dieser Nacht seine Verfassung durch das unfehlbare Beweismittel des Modellschiffes auf die Probe gestellt hätte, so hätte er unvermeidlich in der gewöhnlichen Weise folgendes Urteil über sich fällen müssen:

—— Wieder einmal betrunken, Mazey, wieder betrunken!

—— Du junge Isebel! sagte der alte Matrose, auf der einen Seite seines Gesichtes Verlegenheit, auf der andern Unwillen ausdrückend. Das nächste Mal, daß Du wieder nachtwandelst in der Gegend von Satan’s Knochenkälter, so thue erst Deine scharfen Augen hübsch auf und überzeuge Dich, daß Niemand anderes in dem Garten draußen nachtwandelt. Laß es fahren, Du Isebel! Laß es fahren!

Indem er mit der einen Hand Magdalenens Arm festhielt, nahm er ihr mit der andern den Brief weg, legte ihn in das offene Fach und verschloß das Pult. Sie leistete ihm weder Widerstand, noch brachte sie ein Wort hinaus. Ihre Kraft und Willensstärke war dahin, ihre Widerstandsfähigkeit war geknickt. Die Schrecken dieser entsetzlichen Nacht, die einander dicht in immer neuen Erschütterungen folgten, hatten sie endlich gebrochen. Sie gab so unterwürfig nach, sie zitterte so angstvoll, als das schwächste Weib unter der Sonne. ——

Der alte Mazey ließ ihren Arm los und zeigte mit der Feierlichkeit eines Trunkenboldes auf einen Stuhl in einer Ecke weiter ins Zimmer hinein. Sie setzte sich immer noch, ohne ein Wort herauszubringen. Der Alte gab sich, indem er dabei gewaltig schnaufte, einen festen Halt, indem er sich mit beiden Ellenbogen quer gegen das obere Ende des Pultes stemmte, und redete aus dieser erhabenen Stellung Magdalenen abermals an.

—— Nun, mach fort und laß Dich einschließen! sprach der alte Mazey, sein altes ehrwürdiges Haupt mit richterlichem Ernste schüttelnd. Morgen früh wird es eine Untersuchung geben, und ich bin —— Gott sei es geklagt —— der Zeuge! Ich bin der Zeuge Du junge Dirne, Du hast einen Einbruch begangen, ja, das ist es, was Du begangen hast. Seine Gnaden des Admirals Schlüssel gestohlen, seine Gnaden des Admirals Körbchen entwendet und seine Gnaden des Admirals Briefe erbrochen. Einbruch! Einbruch! Mach fort und laß Dich einschließen!

Er gewann langsam mit Hilfe seiner Hände wieder eine aufrechte Stellung, unterstützt durch den festen Rückenhalt, den ihm dabei das Pult leistete, und verfiel in ein weinerliches Selbstgespräch.

—— Wer hätte das gedacht? sagte der alte Mazey, indem ihm vor Vaterzärtlichkeit das Wasser in die Augen trat. Betrachte das Aeußere von ihr, und sie ist so schlank, wie eine Pappel, betrachte das Innere von ihr, und sie ist so mißgestaltet, wie die Sünde! Und doch so ein hübsch gewachsenes Ding. Wie jammerschade, wie jammerschade!

—— Schlag mich nur nicht! sagte Magdalene mit schwacher Stimme, als der alte Mazey gegen den Stuhl heran schwankte und sie wieder beim Handgelenk faßte. Ich bin vor Schreck halb todt, Mr. Mazey, ich bin wahrlich vor Schreck halb todt.

—— Ich Dich schlagen? wiederholte der Alte. Ich bin viel zu verliebt in Dich —— und ich alter grauer Mann sollte mich darob ’was schämen —— als daß ich Dich schlagen konnte. Wenn ich Dich bei Deinem Handgelenk loslasse, willst Du aber auch gerade vor mir hergehen, daß ich Dich den ganzen Weg über sehen kann? Willste ein gutes Mädchen sein und gerade nach Deiner Thüre zugehen?

Magdalene gab das ihr abverlangte Versprechen, gab es mit einem ängstlichen Verlangen, sich endlich wieder in ihr Zimmer flüchten zu können. Sie stand auf und versuchte das Licht vom Pult zu nehmen, aber des alten Mazey Hand war schneller als sie.

—— Laß einmal das Licht stehen, sagte der Alte, indem er in augenblicklicher Vergessenheit seiner verantwortlichen Stellung blinzelte. Du bist ein wenig flinker auf den Beinen als ich, mein Kind, und Du könntest mich in der Patsche lassen, wenn ich nicht selbst das Licht trüge.

Sie kehrten zu dem bewohnten Theile des Hauses zurück. Hinter Magdalenen drein schwankend, in der einen Hand das Schlüsselkörbchen, in der andern den Leuchter verglich der alte Mazey ihre Gestalt den ganzen Weg entlang über »Satans Knochenkälter« hinweg bis zu ihrer Kammerthür höchst kläglich mit der Schlankheit der Pappel und ihren Sinn mit der Mißgestalt der Sünde. An jenem Bestimmungsorte angelangt, weigerte er sich aufs Bestimmteste ihr den Leuchter zu geben, bevor er sie nicht richtig in der Stube drin sah. Als die Bedingungen erfüllt worden waren, trat er mit der einen Hand das Licht ab, mit der andern that er einen Griff nach dem Schlüssel, zog ihn von der Innenseite des Schlosses und schloß augenblicklich die Thür Magdalene hörte ihn draußen über seine eigene Geschicklichkeit kichern und mit unendlichen Schwierigkeiten den Schlüssel wieder ins Schloß stecken. Endlich hatte er die Thür verwahrt und athmete, sich verschnaufend, tief auf.

—— Da ist sie nun sicher und fest! hörte ihn Magdalene in bedauerndem Selbstgespräche sagen. Ein so hübsches Mädchen, als ich jemals vor Augen gekriegt habe. Wie jammerschade, wie jammerschade! ...

Die letzten Töne seiner Stimme verklangen in der Entfernung, und sie war nunmehr allein auf ihrem Zimmer.

Sich am Geländer festhaltend begab sich der alte Mazey hinunter in den Corridor des zweiten Stockes, auf welchem fortwährend ein Nachtlicht brannte. Er näherte sich dem Rollbette und betrachtete, indem er sich gegen die gegenüberstehende Wand stürzte, dasselbe aufmerksam. Eine fortgesetzte Betrachtung seiner Lagerstatt verfehlte sichtbar ihn zu befriedigen. Er schüttelte bedenklich den Kopf, und indem er aus der Seitentasche seines Ueberrocks ein Paar alte geflickte Pantoffeln hervorholte, betrachtete er diese mit sehr zweifelhafter Miene.

—— Ich bin diese Nacht ganz weg, murmelte er vor sich hin. Ich bin ganz irre im Kopfe, ja, so ist es, ganz irre im Kopfe!

Die alten geflickten Pantoffeln und die aufsteigenden Zweifel des Alten standen zufällig in dem engen Verhältnisse von Ursache und Wirkung zu einander. Die Pantoffeln gehörten dem Admiral, der seine besondere unbegreifliche Vorliebe für das Paar hatte, nachdem es lange schon untauglich geworden war. Diesen Nachmittag bei guter Zeit hatte der alte Mazey die Pantoffeln zu dem Schuhmacher im Dorfe getragen, um sie sogleich wieder auszubessern, ehe der Herr den andern Morgen darnach fragte. Er hatte den Fortgang und die Vollendung der Arbeit aufmerksam Übermacht, bis der Abend kam, wo er und der Schuhmacher sich in die Dorfschenke begaben, um einander eins zuzutrinken. Sie hatten diese gesellschaftliche Verrichtung bis tief in die Nacht hinein fortgesetzt und waren in nothwendiger Folge beiderseits vollständig betrunken auseinander gegangen.

Wenn dies Trinkgelage zu keinem andern Ergebniß als jenen nächtlichen Wanderungen in dem Garten von St. Crux geführt hätte, wodurch der alte Mazey das Licht in den östlichen Zimmern erblickte, so würde ihm sein Gedächtniß ohne Frage dasselbe im Lichte einer der preis würdigsten Großthaten seines Lebens gezeigt haben Allein noch eine andere Folge hatte sich daraus ergeben, die der alte Matrose jetzt durch den Branntweindunst, der sein Gehirn umnebelte, dunkel wahrnahm. Er hatte einen Fehler gegen die Mannszucht begangen und einen Vertrauensbruch. In deutlicheren Worten: er hatte feinen Posten verlassen.

Der einzige Schutz wider Admiral Bartrams angeborene Neigung zum Nachtwandeln war die Wache, welche sein treuer alter Diener vor der Thür hielt. Keine Bitten und Vorstellungen hatten Ersteren je dazu vermocht, sich den gewöhnlichen in solchen Fällen üblichen Vorsichtsmaßregeln zu fügen: er weigerte sich aufs Bestimmteste sich einschließen zu lassen. Er kannte nicht einmal selber seine Neigung, im Schlafe zu wandeln, wenn ein Traum ihn aufregte. Immer und immer wieder war der alte Mazey aufgewacht über den Versuchen seines Herrn, das Rollbett im Schlafe zurückzuschieben oder darüber hinwegzuschreiten, immer und immer wieder hatte, wenn er dann den andern Morgen das Geschehene gemeldet hatte, der Admiral sich geweigert, ihm Glauben zu schenken. Als der alte Matrose jetzt in zerstreuter Betrachtung die Thür seines Herrn anstarrte, traten ihm diese vergangenen Dinge wieder dämmerhaft vor die Seele und nöthigten ihn, die ernste Frage sich vorzulegen, ob der Admiral während der ersten Stunden der Nacht sein Zimmer verlassen gehabt habe? Wenn durch einen unglücklichen Zufall das Schlafwandeln über ihn gekommen war, zwangen die Pantoffeln in der Hand den alten Mazey zu dem erschreckenden Schluß, der daraus folgte, —— daß nämlich sein Herr in der kalten Nacht baarfuß über die steinernen Treppen und Gänge aus St. Crux gegangen war.

—— Der Himmel gebe, daß er ruhig gewesen ist, murmelte der alte Mazey, trotz seiner Derbheit und trotz seiner Trunkenheit niedergeschmettert durch den bloßen Gedanken an diese Möglichkeit. —— Wenn Seine Gnaden heute Nacht gewandelt ist, so wird es sein Tod sein!

Er raffte sich für den Augenblick gewaltsam zusammen, stark in seiner hündischen Treue gegen seinen Herrn, wenn er auch in sonst Nichts weiter stark war —— und kämpfte die Betäubung des Weines nieder. Er sah mit festeren Blicken und hellerm Geiste auf das Rollbett Magdalenens Vorsicht, es wieder in seine gewöhnliche Lage zu bringen, stellte es ihm natürlich im Lichte eines Bettes dar, das nicht von der Stelle gerückt worden war. Dann untersuchte er genau die Bettdecke Nicht die kleinste Spur von Eindrücken, wie sie nothwendig zu sehen sein mußten, wenn Jemand darüber hinweg gestiegen wäre, war zu schauen. Es lag also der klare Beweis vor ihm, der endlich sogar seinen verwirrten Augen einleuchtende Beweis, daß der Admiral nicht einen Augenblick sein Zimmer verlassen hatte.

—— Ich will morgen ein Gelübde thun! murmelte der alte Mazey in einer Anwandlung von dankbarer Ueberschwenglichkeit.

Den nächsten Augenblick wirbelten die Dämpfe des Branntweins wieder heimtückisch über sein armes Gehirn hinweg, und der Alte, zu seinem alten Mittel zurückkehrend, schritt den Gang im Zickzack wie gewöhnlich auf und ab und hielt wie gewöhnlich Wacht auf dem Deck seines eingebildeten Schiffes.

Bald nach Sonnenaufgang hörte plötzlich Magdalene das Rasseln der Schlüssel im Schlosse der Thür. Die Thür ging auf, und der alte Mazey erschien auf der Schwelle. Das erste Fieber seiner Betrunkenheit hatte sich mit der Zeit abgekühlt zur milden Wärme reumüthiger Zerknirschung. Er athmete schwerer denn je und ließ von Zeit zu Zeit ein leises Gemurmel hören. Dabei schüttelte er fortwährend sein ehrwürdiges Haupt über seine eigenen Missethaten.

—— Wie stehts nun mit Dir, Du junger Landhaifisch im Unterrocke! frug der Alte. Ist Dein Gewissen still genug gewesen, um Dich einschlafen zu lassen?

—— Ich habe gar nicht geschlafen, sagte Magdalene, indem sie sich vor ihm, ungewiß, was er wohl zunächst thun würde, scheu zurückzog. Ich habe keine Erinnerung von dem, was sich zugetragen, seit Du die Thür zugeschlossen hast, ich glaube, ich bin ohnmächtig gewesen. —— Setzt mich nicht wieder in Schrecken, Mr. Mazey! Ich befinde mich kläglich schwach und unwohl. Was hast Du Vor?

—— Ich habe vor, ’was Ernsthaftes zu sagen, versetzte der alte Mazey mit undurchdringlicher Feierlichkeit. Es ist mir in den Sinn gekommen, hierher zu gehen und mich in der letzten Stunde oder darüber auszusprechen und zu offenbaren. Merke wohl auf meine Worte, junges Frauenzimmer. Ich bin eben im Begriff, mich selbst in Ungnade zu stürzen.

Magdalene zog sich weiter und weiter zurück und schaute auf ihn mit wachsender Unruhe.

—— Ich kenne meine Pflichten gegen Seine Gnaden den Admiral, fuhr der alte Mazey fort, indem er mit der Hand traurig nach der Gegend von seines Herrn Zimmer hinwies. Aber ich mags versuchen, so sehr ich nur will, mag mich im Leibe zerreißen, ich kann’s meiner Seelen nicht übers Herz bringen, gegen Dich, Du junges, schlimmes Ding, als Zeuge aufzutreten. Ich konnte Dich leiden wegen Deines Wuchses, namentlich so um Brust und Taille herum; gleich sowie Du ins Haus kamst, und ich kann mir wahrlich nicht helfen, ich habe Dich gern wegen Deines Wuchses, obgleich Du einen Einbruch begangen hast und obgleich Du so mißgestalt wie die Sünde bist. Ich habe auf schön gebaute Mädels mein Leben lang die Augen der Nachsicht geworfen, und es ist zu spät am Tage, um nun erst die Augen der Strenge auf sie zu richten. Ich bin sieben und siebenzig oder acht und siebenzig, ich weiß es nicht genau. Ich bin ein verwittertes Wrack, die Rippen über und über leck, und meine Pumpen sind zerbrochen, und die Wasser des Todes stürzen herein mit Macht, so schnell sie können. Ich bin ein so elender Sünder, als Du nur in einem Orte in dieser Himmelsgegend finden kannst, Thomas Nagle, den Schuster, allein ausgenommen. Der ist doch noch schlimmer, als ich; denn er ist jünger, denn ich und sollte es besser wissen. Aber das Lange und Kurze davon ist, ich werde in meine Gruft fahren mit einem Auge voll Nachsicht für schön gebaute Mädchen. Desto schändlicher von mir, Du junge Isebel! [Isebel, englisch Jezabel, heißt bekanntlich das böse Weib Ahabs, des Königs zu Samaria, welches ihren Gatten anstiftete, dem Naboth nach dem Leben zu trachten, ihn fälschlich anzuklagen und vom Volke als Gotteslästerer steinigen zu lassen, Alles nur, um dessen schönen Weinberg zu Iesreel bei dem Palaste Ahabs zu gewinnen. S. I. Könige 21. —— Isebel ist dann Schimpfwort geworden für ein böses, arg Verlockendes Weib. W.] desto schändlicher von mir!

Des Alten ungehorsame Augen begannen wider seinen Willen nach ihr zu schielen, als er seine Ansprache mit diesen Worten schloß. Die letzten Reste herben Ernstes auf seinem Gesichte verschwanden bis auf einen trübseligen Zug um seine Mundwinkel herum. Magdalene näherte sich ihm wieder und versuchte das Wort zu ergreifen. Er wehrte ihr aber feierlich mit einem abermaligen traurigen Hände winken.

—— Keine Annäherungen! sagte der alte Mazey: ich bin schon schlecht genug auch ohne Das. Es ist meine Schuldigkeit, Seiner Gnaden dem Admiral meine Meldung zu machen, und ich will sie machen. Aber wenn Du lieber aus dem Hause entwischen willst, ehe der Einbruch gemeldet ist und das peinliche Verhör beginnt, so will ich mich selber in Ungnade stürzen und Dich gehen lassen. Es ist heute früh Markt zu Ossory, und Dawkes wird Dich mitnehmen, wenn ich es ihm sage. Ich kenne meine Pflicht. Meine Pflicht ist, Dich unter Schloß und Riegel zu halten und erst den verdammten Dawkes aufzusuchen. Aber ich kanns meiner Seelen nicht übers Herze bringen, gegen ein schmuckes Mädchen wie Du hart zu sein. Es liegt mir nun einmal im Blute und läßt sich nicht heraustreiben. Desto schändlicher von mir!

Der so sonderbar und unverhofft ihr gemachte Vorschlag setzte Magdalenen vollständig in Erstaunen. Sie war von den Ereignissen dieser Nacht zu sehr erschüttert worden, als daß sie im Stande gewesen wäre, über irgend Etwas einen augenblicklichen Entschluß zu fassen.

—— Ihr seid sehr gut gegen mich, Mr. Mazey, sprach sie. Kann ich es mir nicht erst einen Augenblick überlegen?

—— Ja, Das kannst Du, versetzte der Alte, indem er sich sofort wandte und das Zimmer verließ.

—— Sie find alle von einem Schlage, fuhr der alte Mazey fort, indem er immer noch über das schwache Geschlecht sich Gedanken machte. Was man ihnen auch jemals anbieten mag, immer verlangen sie noch mehr. Groß und klein, einheimisch oder fremd, Liebste oder Ehefrauen, sie sind alle von einem Schlage!

Sich selbst überlassen, kam Magdalene viel schneller und leichter zu einem Entschlusse, als sie gedacht hatte.

Wenn sie im Hause blieb, so hatte sie nur zwei Wege vor sich, entweder daß sie dem alten Mazey aufgab, unter dem Einfluße eines Rausches nnd der damit zusammenhängenden Sinnestäuschungen zu reden, oder daß sie sich in die Umstände fügte. Obgleich der alte Seemann daran schuld war, daß sie in dem Augenblicke, wo sie schon am Ziele war, ihren Erfolg verfehlte, so machte es ihr doch seine Achtung vor ihr in jenem Augenblicke schon in dem bloßen Gedanken unmöglich, sich auf seine Kosten zu vertheidigen, selbst vorausgesetzt —— was doch im höchsten Grade unwahrscheinlich war —— daß ihrer Vertheidigung Glauben geschenkt würde. Im zweiten der beiden Fälle (d. h. wenn sie also den Umständen nachgab) konnte nur eine einzige Folge erwartet werden, sofortige Entlassung und vielleicht noch obendrein Entlarvung. Welchen Zweck erreichte sie, wenn sie dieser Demüthigung sich unterzog, wenn sie das Haus verließ und öffentlich beschimpft in den Augen der Mägde dastand, die sie vom ersten Anfange an gehaßt und beargwöhnt hatten? Der unglückliche Zufall, der ihr buchstäblich den Geheimartikel aus den Händen gerissen hatte, als sie ihn bereits fest zu besitzen glaubte, war nicht wieder gut zu machen. Der einzige zu Tage liegende Trost bei dem Mißgeschick, mit anderen Worten die Entdeckung, daß der Geheimartikel denn wirklich doch vorhanden war und daß George Bartrams Verheirathung in einer gegebenen Zeit einer der darin enthaltenen Punkte war, konnte erst dann in seinem wahren Lichte geschätzt werden, wenn man ihn dem erfahrenen Geschäftsblick des Mr. Loscombe unterbreitete. Jeder Grund, den sie in sich fand, war für sie eine Veranlassung mehr, heimlich das Haus zu verlassen, so lange sie noch freie Hand hatte. Sie sah in den Gang hinaus und rief leise den alten Mazey, daß er zurückkäme.

—— Ich nehme Euer Anerbieten mit Dank an, Mr. Mazey, sagte sie. Ihr wißt nicht, welchen harten Schlag Ihr mir zufügtet, als Ihr mir jenen Brief aus der Hand nahmt. Aber Ihr thatet Eure Pflicht —— und ich kann Euch nur dankbar sein, daß Ihr mich heute früh entfliehen laßt, so hart Ihr auch heute Nacht gegen mich gewesen seid. Ich bin nicht ein solch schlimmes Mädchen, als Ihr von mir denkt, wahrlich nicht.

Der alte Mazey wies diesen Gegenstand zurück mit einer abermaligen traurigen Handbewegung.

—— Laß es gut sein, sprach der Alte, laß es gut sein! Bei einem Sünder, wie ich bin, macht es keinen Unterschied. Wenn Du auch fünfzig Mal schlechter wärst, als Du bist, so würde ich Dich doch ganz ebenso laufen lassen. Nimm Deinen Hut und Dein Umschlagetuch und komm fort. Ich bin mir selber ein Greuel und für Andere eine Warnung: Das bin ich. Kein Gepäck höre Du! Laß all Dein Zeug zurück, auf daß es, wo’s nöthig, Seiner Gnaden dem Admiral überliefert werden kann. Ich kann dann mit Deinen Koffern hart genug sein, Du junge Isebel, wenn ich auch mit Dir nicht hart sein kann.

Mit diesen Worten ging der alte Mazey voran aus dem Zimmer.

—— Je weniger ich von ihr sehe, desto besser, Insonderheit um Brust und Taille herum; sprach er zu sich selbst, als er mit Hilfe des Geländers die Treppe hinunter humpelte.

Das Wägelchen stand im Hintergarten, als sie die unteren Gegenden des Hauses erreichten und Dawkes (der Dienstmann des Amtmannes des Gutes) machte eben den letzten Riemen am Geschirr des Pferdes fest. Der Reif des Frühmorgens sah noch ganz weiß aus im Schatten. Die funkelnden Steinchen des Reifes glitzerten hell auf den zottigen Pelzen des Brutus und Cassius, wie sie sich auf dem Hofe umhertrieben und mit dampfenden Schnautzen und langsam wedelnden Schwänzen auf das Fortfahren des Wagens warteten. Der alte Mazey ging allein hinaus und brauchte seinen Einfluß auf Dawkes. Dieser riß vor blöder Verwunderung die Augen auf und legte für seine Reisegefährtin ein Lederkissen auf den Sitz. Zusammenschauernd in der scharfen Morgenluft wartete Magdalene während der Vorbereitungen zur Abfahrt, indem sie sich nur einer traurigen Gedankenverwirrung und einer grausamen Beängstigung im Herzen bewußt war. Sie zitterte ebenso hilflos, wie in der Nacht, als jetzt der Alte seine Augen der Nachsicht zum letzten Male auf sie warf und ihr einen Abschiedskuß auf die Wangen drückte. In der nächsten Minute fühlte sie, wie er ihr in den Wagen half und sie auf die Schulter pochte. Dann hörte sie ihn in vertraulichem Flüstern ihr zuraunen, daß sie, ob sie nun sitze oder stehe, allemal so schlank wie eine Puppe! sei. Dann war eine Pause, in der Nichts gesprochen wurde und Nichts geschah, darauf nahm der Kutscher die Zügel in die Hand und stieg auf seinen Platz.

Sie erhob sich im Augenblicke der Abfahrt und sah sich um. Der letzte Gegenstand, den sie auf St. Crux sah, war der alte Mazey, wie er im Hofgarten, neben sich seine Kameraden im Guten und im Bösen, die Hunde, seinen Kopf schüttelte, und diese mit den Schweifen wedelnd, schier damit Tact hielten. Die letzten Worte, welche sie hörte, waren das Lebewohl, das der Alte ihrem Liebreiz nachrief.

—— Einbruch oder nicht Einbruch, sagte der alte Mazey, sie ist ein schöngebautes Mädchen, wenn ich jemals ein schönes gesehen habe. Wie jammerschade, wie jammerschade!



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