Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Erstes Buch - Auf Combe-Raven in Somersetshire - Sechstes Capitel
 

Namenlos



Sechstes Capitel.

—— Ich hoffe doch, Miss Vanstone kann ihre Rolle? flüsterte Mrs. Marrable, indem sie sich in einem Winkel des Theaters ängstlich fragend an Miss Garth wendete.

—— Wenn Haltung und gewandte Bewegungen eine Schauspielerin machen, gute Madam, so wird Magdalenens Leistung uns Alle in Erstaunen setzen.

Mit dieser Erwiderung nahm Miss Garth ihre Arbeit heraus und setzte sich in der Mitte des Parterres nieder, um ihre Wache anzutreten.

Der Bühnenordner ließ sich das Buch in der Hand in einen Sessel dicht vor der Bühne nieder. Es war ein kleiner lebendiger Mann von einer milden und freundlichen Art, und er gab in der That das Zeichen zum Beginnen mit einem so ruhigen Interesse an der Vorstellung, als ob sie ihm Vorher gar keine Noth gemacht hätte und auch für die Zukunft keine Schwierigkeit in Aussicht stellte.

Die beiden Personen, welche das Lustspiel »Die Eifersüchtigen« eröffnen, »Fag« und »der Kutscher« erschienen auf den Bretern, sahen viel zu groß aus für den Leinwandhintergrund, der » eine Straße zu Bath« vorstellte, zeigten die gewöhnliche Unbehilflichkeit in Haltung und Bewegung ihrer eigenen Arme, Beine und Stimmen, machten verschiedene Male falsche Abgänge und drückten ihren vollständigen Beifall über ihre Mißerfolge durch herzliches Gelächter hinter der Scene aus.

—— Ruhe, meine Herren, wenns gefällig ist, bat sich der freundliche Regisseur aus. —— So laut Sie wollen, auf der Bühne, allein das Publikum darf Sie nicht hören hinter derselben. Miss Marrable, fertig? Miss Vanstone, fertig? Rasch mit »der Straße zu Bath« vor, es geht ja verkehrt! Sehen Sie hierher, Miss Marrable; mit dem ganzen Gesicht, wenn Sie so gut sein wollen. Miss Vanstone .... Er unterbrach sich hier selber plötzlich. —— Merkwürdig, sagte er halblaut, —— sie tritt dem Publikum ganz von selbst gerade gegenüber.

Lucie eröffnete die Scene mit diesen Worten:

—— In der That, gute Madame, ich habe die halbe Stadt durchlaufen, um es zu finden: ich glaube, es gibt in ganz Bath keine Leihbibliothek, in der ich nicht gewesen bin.

Der Regisseur war auf seinem Stuhle ganz starr vor Erstaunen.

—— So war ich lebe, sie spricht ja, ohne zu buchstabieren.

Das Zwiegespräch begann. Lucie brachte die Romane für Miss Lydia Languish’ Privatlectüre unter ihrem Mantel hervor. Der Regisseur erhob sich ermunternd auf die Füße. Wunderbar! Keine Uebereilung mit den Büchern, kein Fehlgriff mit denselben. Sie sah sich die Titel an, bevor sie dieselben ihrer Herrin meldete; sie legte »Humphry Clinker« auf »Die Thränen der Empfindsamkeit« mit einem kleinen Anfluge von Schelmerei, indem sie den Gegensatz hervorhob. Einen Augenblick später —— und sie meldete Juliens Besuch an, noch einen —— und sie sprach die lebhaften Kammermädchencomplimente; einen dritten —— und sie war weg von der Bühne, fort auf der im Buche vorgeschriebenen Seite. Der Regisseur drehte sich auf seinem Stuhle rundum und sah Miss Garth scharf an.

—— Verzeihen Sie, gute Dame, sagte er. —— Miss Marrable sagte mir, bevor wir anfingen, daß dies der jungen Dame erster Versuch sei. Das kann doch gewiß nicht der Fall sein?

—— Und doch, antwortete Miss Garth, indem sich der staunende Blick des Regisseurs auf ihrem Gesichte ebenfalls abspiegelte. —— War es denn möglich, daß Magdalenens unerklärlicher Fleiß in dem Lernen ihrer Rolle wirklich aus einem tieferen Interesse an dieser Beschäftigung, einem Interesse, welche eine natürliche Begabung für letztere Voraussetzte, entsprang?

Die Probe ging vorwärts. Die starke Dame mit der Perrücke (und dem trefflichen Herzen) stellte die empfindsame Julie mit einer hartnäckig festgehaltenen tragischen Auffassung dar und gebrauchte ihr Taschentuch in der ersten Scene in voller Zerstreutheit. Die Jungfer Base fühlte Mrs. Malaprops Sprachfehler so ernst und nahm sich deren Versehen so außerordentlich zu Herzen, daß sie mehr wie Buchstabirübungen, denn als irgend etwas Anderes klangen.

Der unglückliche junge Mann, welcher die Verzweiflung der Gesellschaft war, in der Person des »Sir Antonius Absolut« drückte das Alter und den Jähzorn seines Charakters durch fortwährendes Schlottern mit den Knieen und unaufhörliches Aufstoßen mit dem Stocke aus. Langsam und mit vielen Hindernissen, unter beständigen Unterbrechungen und endlosen Mißverständnissen schleppte sich der erste Act hin, bis Lucie wieder auftrat, um ihn in einem Selbstgespräch zu endigen, das ein Bekenntniß ihrer nur zum Schein angenommenen Einfalt und das Lob ihrer Verschmitztheit enthielt.

Hier bot das Bühnenmäßige der Situation Schwierigkeiten, wie sie Magdalene in der ersten Scene noch nicht entgegengetreten waren, und hier machte sie bei ihrer gänzlichen Unerfahrenheit mehr als einen handgreiflichen Fehler. Der Bühnenordner legte sich sofort ins Mittel und wies sie zurecht mit einem Eifer, den er keinem andern Mitgliede der Gesellschaft gegenüber an den Tag gelegt hatte. An der einen Stelle hatte sie eine Pause und auf der Bühne eine Wendung zu machen...., sie machte Beides. An einer andern hatte sie zu stocken, ihr Köpfchen zurückzuwerfen und keck ins Publikum zu schauen..., sie führte es aus. Als sie das Papier herausnahm, um das Verzeichniß der empfangenen Geschenke zu verlesen, konnte sie einen leichten Schlag darauf thun?.... Ja. Und mit einem kleinen Lachen beginnen?... Ja, nachdem sie es zwei Mal probiert. Konnte sie auch die verschiedenen Stücke mit einem schlauen Blick am Ende jedes Satzes gerade hinaus in das Parterre erzählen?... Ja, mitten hinein in das Parterre und so schlau, als Sie wollen. Das Antlitz des Regisseurs strahlte vor Beifall. Er drückte das Buch unter den Arm und klatschte froh in die Hände; die Herren, welche hinter der Scene zusammengedrängt standen, folgten seinem Beispiele; die Damen sahen einander an; schon kamen ihnen Zweifel in die Seele, ob sie nicht besser gethan hätten, wenn sie den angeworbenen Neuling ruhig in der Zurückgezogenheit des Privatlebens gelassen hätten. Zu sehr in ihre Rolle vertieft, um aus eine von ihnen zu achten, bat Magdalene um die Erlaubniß, das Selbstgespräch wiederholen zu dürfen und sich dadurch ihrer eigenen Verbesserung erst recht zu versichern. Sie ging es noch einmal ganz durch, dies Mal ohne einen Fehler von Anfang bis zu Ende. Der Regisseur pries ihre Aufmerksamkeit auf alle seine Winke in einem Ausbruche von ernstgemeintem Beifall, der ihm unwillkürlich entfuhr.

—— Sie kann einen Fingerzeig benutzen! —— rief der kleine Mann mit einem kräftigen Schlage seiner Hand auf das Bühnenbuch —— Sie ist eine gebotene Schauspielerin, wenn es je eine gegeben hat!

—— Das will ich nicht hoffen, sagte Miss Garth zu sich selbst. Mit diesen Worten nahm sie die Arbeit wieder auf, die sie in den Schoos hatte fallen lassen, und blickte auf dieselbe in einiger Verwirrung nieder. Als das Schlimmste, das sie sich als Folge dieser theatralischen Versuche gedacht hatte, hatte sie einen zu freien Umgang mit einigen der Herren voraus phrophezeit; hierin hatte sie sich aber getäuscht gesehen. Magdalene in der Eigenschaft als unbedachtes Mädchen war vergleichsweise leicht zu behandeln. Magdalene mit dem Charakter als geborene Schauspielerin, verhieß ganz andere ernste Schwierigkeiten für die Zukunft.

Die Probe wurde fortgesetzt. Lucie kam wieder auf die Bühne zu ihren Scenen im zweiten Act —— den letzten, in denen sie austrat —— mit Fag und Sir Lucius. Auch hier wieder verrieth sich Magdalenens Unerfahrenheit, und hier zeigte sich aufs Neue ihre Entschlossenheit, ihre eigenen Fehler selbst in die Hand zu nehmen und zu beseitigen, und setzte Jedermann in Erstaunen.

—— Bravo! riefen die Herren hinter der Scene, als sie ein Versehen nach dem andern tapfer überwandt.

—— Lächerlich, sagten die Damen, bei einer so kleinen Rolle, als die ihrige ist!

—— Gott mag es mir vergeben! dachte Miss Garth, als sie unwillkürlich derselben Meinung wurde, als die Anderen Alle. —— Ich möchte fast wünschen, daß wir papistisch wären, nur damit wir ein Kloster hätten, um sie morgen hineinzuthun!

Einer von Mr. Marrables Leuten kam, gerade als der Gouvernante dieser verzweifelte Stoßseufzer entfuhr, in das Theater. Sie schickte den Diener sofort hinter die Bühne mit der Botschaft:

—— Miss Vanstone hat ihre Rolle in der Probe beendigt, ersuchen Sie dieselbe, hierher zu kommen und sich zu mir zu setzen.

Der Mann kam alsbald mit einer höflichen Entschuldigung zurück:

—— Miss Vanstones herzliche Empfehlung, und sie bäte, sie zu entschuldigen: sie mache nämlich eben Mr. Clare fertig.

Sie machte ihn so gut fertig, daß er seine Rolle wirklich durchführte. Das Spiel der übrigen Herren war niederschlagend kläglich. Frank war gerade um einen Grad besser, er war doch nur leidlich mangelhaft, aber gewann durch den Vergleich mit den Anderen.

—— Dank der Mühe von Miss Vanstone, bemerkte der Ordner, welcher das Einstudieren mit angehört hatte. Sie riß ihn durch. —— Wir werden »matt« genug sein auf den Abend, wenn der Vorhang nach dem zweiten Acte fällt und das Publikum sie zum letzten Male gesehen hat. Es ist tausend Mal Schade, daß sie nicht eine bessere Rolle erhalten hat.

—— Es ist tausend Mal ein Glück, daß sie nicht mehr zu thun hat, als sie wirklich hat ——, murmelte Miss Garth, die ihn belauscht hatte. —— Wie die Dinge stehen, können die Leute ihr nicht den Kopf verdrehen mit Applaus. Sie ist im zweiten Acte nicht mehr beschäftigt: wenigstens ein Trost!

Kein gut geschulter Verstand macht seine Schlüsse in Ueberstürzung; Miss Garths Verstand war gut geschult; daher hätte Miss Garth, wenn sie ruhiger Ueberlegung hätte folgen wollen, über die Schwäche erhaben sein sollen, voreilige Schlüsse zu bilden. Sie hatte unter den gegenwärtigen Umständen diesen Fehler dennoch begangen. Um deutlich zu sprechen, hatte sie sich in Folge des tröstenden Gedankens, der sie überkam, der Annahme hingegeben, das Stück hätte nunmehr alle seine Klippen überwunden und sei jetzt in dem lange erwarteten ruhigen Fahrwasser angelangt. Das Stück hatte weder das Eine noch das Andere erreicht. Mißgeschick und die Familie Marrable waren noch immer unzertrennliche Schicksalsgefährten.

Als die Probe Vorüber war, bemerkte Niemand, daß die starke Dame mit der Perrücke sich im Stillen aus der Gesellschaft entfernt hatte, und als sie später an der Erfrischungstafel, welche Mr. Marrables Gastfreundschaft in einem Zimmer nahe beim Theater in Bereitschaft gehalten hatte, fehlte, ahnte Niemand, daß ihre Abwesenheit einen tieferen Grund hätte. Nicht eher, als bis die Damen und Herren sich zur nächsten Probe eingefunden hatten, sollte der wahre Stand der Sache der Gesellschaft offenbar werden. Zur bestimmten Stunde erschien keine Julie —— An ihrer Statt näherte sich Mrs. Marrable mit einem Briefe in der Hand aufgeregt der Bühne. Sie war für gewöhnlich eine Dame von gutmüthiger Art und guter Erziehung, sie war jeder hergebrachten schmeichelhaften Wendung, die in die englische Sprache eingeführt ist, Meisterin; allein wiederholtes Mißgeschick und der Einfluß des Theaters hatten schließlich zusammengewirkt, um die friedfertige Matrone aus dem Gleichgewichte zu bringen. Zum ersten Male in ihrem Leben ließ sich Mrs. Marrable zu heftigen Gebärden hinreißen und gebrauchte starke Ausdrücke. Sie reichte ihrer Tochter mit ausgestrecktem Arme und ernstem Gesichte den Brief hin.

—— Meine Liebe, sagte sie mit einer Art fürchterlicher Ruhe, wir stehen unter dem Einflusse eines Fluches.

Ehe das erstaunte Liebhabertheater sich eine Erklärung ausbitten konnte, wandte sie sich um und verließ das Zimmer. Das Kennerauge des Regisseurs folgte ihr mit dem Ausdruck der Achtung nach, er sah aus, als wäre er mit ihrem Abgange vom künstlerischen Standpuncte aus zufrieden.

Welch neues Unglück war denn über das arme Stück hereingebrochen. Das letzte und ärgste von Allem die starke Dame hatte ihre Rolle zurückgeschickt —— ——

Nicht etwa aus bösem Willen. Ihr Herz, das ja durchgehend auf dem rechten Flecke geblieben war, hatte sie noch immer auf dem rechten Flecke. Ihre Erklärung der Umstände, wenn nichts Anderes, war ein Beweis dafür. Der Brief begann mit einer thatsächlichen Erörterung. Sie hatte in der letzten Probe ganz unabsichtlich einige persönliche Bemerkungen belauscht, deren Gegenstand sie selber gewesen. Sie mochten sich auf ihr —— Haar und —— ihre Gestalt beziehen; oder vielleicht auch nicht. Sie wolle Mrs. Marrable durch die Wiederholungen derselben nicht betrüben. Auch wolle sie Namen nicht nennen, weil es ihre Art nicht sei, etwas Schlimmes noch übler zu machen. Der einzige Weg, den ihr die Rücksicht auf ihre Selbstachtung vorschreibe, sei ihre Rolle abzugeben. Sie legte sie daher an Mrs. Marrable bei, indem sie sich mehrfach entschuldigte wegen ihrer Anmaßung, einen jugendlichen Charakter »bei ihrem Alter«, wie es einem Herrn gefallen hatte sich auszudrücken, und »bei ihrem Haar und ihrer Gestalt« darzustellen, was Beides zu unvortheilhaft sei, wie einige Damen unzart genug gewesen anzudeuten. Eine jüngere und anziehendere Darstellerin der Julie werde sich ohne Zweifel leicht finden. Zugleich wolle sie allen betreffenden Personen vollkommen vergeben und bitte nur hinzufügen zu dürfen, daß sie dem Stücke aufrichtig den besten Erfolg wünsche. ——

Und vier Abende später sollte das Stück aufgeführt werden! Wenn jemals ein menschliches Unternehmen gute Wünsche, um es zu unterstützen, nöthig hatte, so war dies Unternehmen sicherlich kein anderes, als die Vorstellung des Liebhabertheaters auf Evergreen Lodge!

Ein Armstuhl wurde au die Bühne gebracht, und in diesen Armstuhl sank Miss Marrable, welche im Begriffe stand, hysterische Anfälle zu bekommen. Magdalene sprang bei den ersten Krämpfen vor, riß Miss Marrable den Brief aus der Hand und gebot sofort der drohenden Katastrophe Stillstand.

—— Sie ist ein häßliches, kahlköpfiges, boshaftes, altes Frauenzimmer —— sagte Magdalene, indem sie den Brief in Stücke riß und sie über die Köpfe der Gesellschaft fliegen ließ. —— Aber ich kann ihr Etwas erzählen, sie soll das Spiel doch nicht verderben. Ich will die Julie spielen!

—— Bravo! rief der Chor der Herren —— der ungenannte Herr, welcher das Unglück hatte mit anrichten helfen (mit einem Worte Mr. Fraucis Ehre) am Lautesten von Allen.

—— Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, so fürchte ich mich nicht, es zu gestehen, fuhr Magdalene fort. —— Ich bin eine von den Damen, die sie meint. Ich sagte, sie hätte einen Kopf, wie ein Piops, und eine Brust, wie ein Sophakissen. Und das ist auch wahr.

—— Und ich bin die andere Dame, sagte die Jungfer Base. —— Aber ich sagte, sie sei zu stark für die Rolle.

—— Ich bin der Herr, stimmte Frank ein, durch das Beispiel der Anderen mit fortgerissen. —— Ich sagte Nichts, ich gab den Damen nur Recht.

Hier ersah sich Miss Garth ihre Gelegenheit und rief von dem Parterreraume nach der Bühne hinauf.

—— Hören Sie auf, hören Sie auf, sagte sie. Sie können auf diese Art die Schwierigkeit nicht entfernen. Wenn Magdalene die Julie spielt, wer soll da die Lucie geben!

Miss Marrable sank wieder in den Armstuhl zurück und bekam zum zweiten Male Krämpfe.

—— Unsinn! Wenn es weiter Nichts ist! schrie Magdalene. Die Sache ist ganz einfach. Ich will die Julie und Lucie zusammen spielen.

Sofort wurde der Regisseur darüber gehört. Man mußte Luciens erstes Auftreten weglassen und den kurzen Dialog über die Leihbibliotheksromane in ein Selbstgespräch für Lydia Languish verwandeln: das war die einzige erhebliche Schwierigkeit, welche sich der Ausführung von Magdalenens Plan entgegenstellte. Luciens zwei Sprechscenen am Ende des ersten und zweiten Actes waren, hinreichend weit entfernt von den Scenen, in denen Julie aufzutreten hatte, um Zeit zu lassen für die nöthigen Kleiderwechsel. Sogar Miss Garth konnte, so sehr sie sich bemühte, keine neuen Hindernisse finden.

Die Frage wurde in fünf Minuten abgemacht, und die Probe ging an. Magdalene lernte Juliens Bühnensituationen mit dem Buche in der Hand und kündigte dann auf der Heimfahrt an, daß sie vorhätte, die ganze Nacht auf das Einstudieren der neuen Partie zu verwenden. Frank drückte daher seine Besorgniß aus, daß sie dann nicht Zeit übrig haben werde, ihm selber über seine eigenen theatralischen Schwierigkeiten hinwegzuhelfen. Sie schlug ihn coquett mit der Rolle auf die Schulter. —— Du närrischer Mensch, was habe ich mit Dir zu thun? Du bist Juliens eifersüchtiger Liebhaber, Du machst immer der Julie den Kopf warm. Komm heute Abend und mach mir den Kopf warm, beim Thee. Du hast nicht mehr ein listiges altes Weib mit einer Perrücke vor Dir, um mit ihm zu spielen. Mein Herz hast Du jetzt zu brechen..., und ich will Dirs gelegentlich beibringen, wie man das anfängt.

Die vier dazwischen liegenden Tage vergingen bewegt und unter beständigen Proben zu Hause und auf der Bühne.

Der Abend der Ausführung kam heran; die Gäste versammelten sich; das große Theaterexperiment sollte sich nun bewähren. Magdalene hatte sich Alles aufs Beste zu Nutze gemacht, sie hatte gelernt, was der Regisseur ihr in dieser Zeit hatte lehren können. Miss Garth verließ sie, als die Ouvertüre begann, indem sie sich hinter der Scene seitwärts in eine Ecke setzte, ernst und schweigend, das Riechfläschchen in der einen und ihr Buch in der andern Hand, und sich entschlossen auf den Schicksalsspruch des Publikums am Ende gefaßt machte.

Das Stück begann unter all den von einer Theatervorstellung in bürgerlichen Kreisen unzertrennlichen Nebenumständen, ein überfüllter Zuschauerraum, eine africanische Hitze, Zerplatzen heißgewordener Glascylinder, Schwierigkeiten beim Aufziehen des Vorhangs. »Fag« und »der Kutscher«, welche die Scene eröffneten, verloren ihr Gedächtniß, sobald sie den ersten Fuß auf die Bühne gesetzt hatten, ließen daher die eine Hälfte ihres Zwiegespräches ungesprochen, kamen zu einer tödtlichen Pause, wurden hörbar von dem unsichtbaren Regisseur ermahnt, fortzufahren, und Ihren dabei fort, in jeder Beziehung gescheidter und klüger geworden, als sie angefangen hatten. Die nächste Scene führte Miss Marrable als »Lydia Languish« vor, anmuthig hingegossen, sehr hübsch, in schönen Kleidern, in sorgsamster Weise ihre Partie bis auf jedes Wort kennend, kurz im Besitze jedes persönlichen Hilfsmittels, außer ihrer Stimme. Die Damen bewunderten, die Herren applaudirten. Niemand hörte Etwas außer den Worten »Sprechen Sie lauter, Miss« von der Stimme geflüstert, welche bereits Fag und den Kutscher angetrieben hatte, »vorwärts zu kommen«. Ein Kichern erhob sich als Antwort unter den jüngeren Zuschauern, wurde aber sofort erstickt durch großmüthigen Applaus. Die Temperatur des Hauses erhob sich zur Wärme des Blutes, allein der volksthümliche Geschmack für Gewähren lassen war noch nicht aus ihm herausgetrieben.

Mitten in dieser Kundgebung trat Magdalene ganz ruhig zum ersten Male als »Julie« auf. Sie war sehr einfach in dunkle Farben gekleidet und trug ihr eigenes Haar; alle Bühnenkniffe und Kunstmittel (ausgenommen jedoch rothe Schtninke, von der sie jetzt nicht ein Tüpfelchen auf den Wagen duldete) wurden in Bereitschaft gehalten, um sie desto wirksamer in ihrer zweiten Rolle zu verkleiden. Die Einfachheit und Schönheit ihres Costüms, die sichere Selbstbeherrschung mit der sie über die dichten Reihen von Angesichtern vor ihr hinsah, rief ein leises erwartungsvolles Beifallsgemurmel hervor. Sie trug —— nachdem sie ein augenblickliches Zittern überwunden hatte, ihre Worte mit einer ruhigen Deutlichkeit der Aussprache vor, welche für jedes Ohr verständlich war, und welche zugleich den günstigen Eindruck befestigte, den ihre Erscheinung hervorgerufen hatte. Die einzige Seele im Publicum, die mit Kälte auf sie sah und lauschte, war ihre ältere Schwester. —— Ehe noch die Schauspielerin des Abends fünf Minuten auf der Bühne war, entdeckte Nora zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen, daß Magdalene die schwächliche Milde des Charakters der Julie mit einem kühnen Griffe individualisiert hatte, indem sie sich dazu keine geringere Person, als —— sie selbst zum Muster genommen hatte, um ihre Rolle darnach zu gestalten. Sie sah alle ihre persönlichen äußerlichen Eigenheiten in Bewegung und Haltung ohne Scheu nachgeahmt und sogar von Zeit zu Zeit den Ton ihrer Stimme so genau copirt daß die Worte sie erschreckten, als hätte sie selbst gesprochen und hätte ein Echo auf der Bühne. Die Wirkung dieser rücksichtslosen Aneignung von Noras Persönlichkeit zu theatralischen Zwecken, äußerte sich beim Publikum, das natürlich nur die Erfolge sah, in einem Beifallssturme, als Magdalene abtrat. Sie hatte ganz unbestreitbar zwei Triumphe gleich in ihrer ersten Scene. Durch einen geschickten Staatsstreich der Mimik hatte sie aus einem der albernsten Charaktere im englischen Drama eine lebensvolle Gestaltung gemacht und hatte ein Publicum von zweihundert armen Menschen zu Begeisterung erhoben, welche verurtheilt waren, der Segnungen der Ventilation zu entbehren und Alle in ihrer eigenen animalischen Wärme zu verbraten. Wo ist eine Schauspielerin von Beruf, welche viel mehr zu leisten im Stande gewesen wäre —— unter solchen Umständen?

Aber das Ereigniß des Abends sollte erst noch kommen. Magdalenens Wiedererscheinen in Verkleidung am Ende des Actes in der Rolle der »Lucie«, Haar und Augenbrauen falsch, mit frisch rothem Gesicht und Schönheitspflästerchen auf den Wangen, mit den heitersten Farben in ihrer Kleidung und der kecksten Lebendigkeit in Stimme und Gebärden... machte das Publikum richtig stutzig. Man sah auf die Programme, auf denen die Darstellerin der Lucie unter einem angenommenen Namen aufgeführt war, sah wieder auf die Bühne, durchschaute endlich die Verkleidung und machte nun seinem Erstaunen in einer neuen Salve von Applaus Luft, lauter und herzlicher als die erste. Nora selbst konnte dies Mal nicht leugnen, daß der Tribut des Beifalls ein wohlverdienter war. Hier lag ein seltenes Talent für dramatische Gestaltung vor, das sich fest seinen Weg bahnte durch all seine Versehen aus Mangel an Bühnenerfahrung, das sich in jedem Blick und jeder Bewegung dieses Mädchens von achtzehn Jahren, das die Breter zum ersten Male in seinem Leben betrat, klar und offenkundig für den blödesten Zuschauer aussprach. Wenn sie sich auch in manchen kleinen Erfordernissen ihrer Doppelaufgabe, die sie übernommen, vergriff, so hatte sie doch in der Hauptsache das Rechte getroffen, der Geltendmachung der scharfen Unterschiede beider Charaktere. Jedermann fühlte, daß hierin die Schwierigkeit lag, Jedermann sah, daß die Schwierigkeit überwunden war, Jedermann stimmte nun auch ein in den Enthusiasmus des Regisseurs in der Probe, der sie als geborene Schauspielerin begrüßt hatte.

Als die Zwischencourtine zum ersten Male fiel, hatte Magdalene das ganze Interesses und die Zugkraft des Stückes in ihrer Person vereinigt. Das Publikum applaudierte aus Höflichkeit Miss Marrable, wie es sich für die Gäste geziemte, die in ihres Vaters Hause versammelt waren, und ermunterte mit Humor die übrigen Mitglieder der Gesellschaft, um ihnen über eine Aufgabe hinwegzuhelfen, welcher sie allzumal offenbar mehr oder weniger nicht gewachsen waren. Aber wie das Stück vorrückte, konnte Nichts mehr die Zuschauer zu einem aufrichtigen, selbständigen Zeichen von Theilnahme veranlassen, als Magdalene nicht mehr auf den Brettern war. Das ließ sich nicht verhehlen. Miss Marrable und ihre Busenfreunde waren alle insgesamt von diesem angeworbenen Neuling, den sie erst inständig aufgefordert hatten ihnen zu helfen, in den Schatten gestellt, herabgedrückt zu der Rolle als verlorene Posten! Und Dies an Miss Marrables eigenem Geburtstage! Und Dies in ihres Vaters Hause! All dem häuslichen Mißgeschick, welche die undankbare Theaterunternehmung über die Familie Marrable verhängt hatte, ward nunmehr die Krone aufgesetzt durch Magdalenens sieghaften Erfolg.

Mr. Vanstone und Nora am Schlusse des Stückes unter den Gästen im Speisesaale lassend, ging Miss Garth hinter die Scene, scheinbar als ob sie nachsehen wolle, sich irgendwie nützlich zu machen, in Wahrheit aber forschend, ob sich Magdalene durch die Triumphe des Abends nicht etwa habe den Kopf verdrehen lassen. Es würde Miss Garth nicht überrascht haben, wenn sie ihren Schützling dabei getroffen hätte, wie sie mit dem Regisseur wegen ihres demnächstigen Auftretens auf einem öffentlichen Theater unterhandelte. Wie es sich aber in Wahrheit verhielt, fand sie Magdalenen auf der Bühne, indem sie mit einem anmuthigen Lächeln eine Karte entgegennahm, welche ihr der Regisseur mit einer schulgerechten Verbeugung überreichte. Als der kleine Herr Miss Garths stumm fragenden Blick bemerkte, beeilte sich derselbe zu erklären, daß diese Karte seine eigene wäre und daß er nur um die Vergünstigung gebeten, sich Miss Vanstones Empfehlung für künftige Gelegenheiten versichert halten zu dürfen.

—— Es ist nicht das letzte Mal, daß die junge Dame bei Liebhabertheatern betheiligt sein wird, darüber bin ich vollkommen mit mir im Klaren —— sagte der Regisseur. Und wenn ein Ordner bei nächster Gelegenheit gebraucht wird, so hat sie mir freundlich versprochen, ein gutes Wort für mich einzulegen. Ich kann allezeit unter dieser Adresse aufgefunden werden, Miss.

Indem er dies gesagt, verneigte er sich abermals und entfernte sich bescheiden.

Unbestimmter Verdacht hatte sich aber einmal in Miss Garth festgesetzt, und sie fühlte sich gedrungen, einen Blick auf die Karte zu werfen. Es ging aber kein harmloseres Stück Kartenpapier aus einer Hand in die andere. Die Karte enthielt nur den Namen des Regisseurs und unter demselben Namen und Adresse eines Londoner Theateragenten.

—— Verlohnt sich nicht des Aufhebens, sagte Miss Garth.

Magdalene erfaßte aber ihre Hand, bevor sie die Karte wegwerfen konnte, bemächtigte sich ihrer im nächsten Augenblicke und steckte sie in die Tasche.

—— Ich habe ihm versprochen, ihn zu empfehlen, sagte sie, und Das ist ein Grund, die Karte aufzubewahren. Wenn es auch zu weiter nichts ist, so wird sie mich an den glücklichsten Abend meines Lebens erinneren, und Das ist ein zweiter. Kommen Sie ——, rief sie, indem sie mit fieberhafter Fröhlichkeit ihre Arme um Miss Garth schlang, —— wünschen Sie mir Glück zu meinem Erfolge!

—— Ich will Ihnen Glück wünschen, wenn Sie ihn erst wieder verwunden haben, sagte Miss Garth. ——

In einer halben Stunde hatte Magdalene ihre Kleidung gewechselt, hatte sich zu den Gästen gesellt und war nun von einer Atmosphäre von Gratulationen empor getragen worden, hoch und unerreichbar für den überwachenden Einfluß, den Miss Garth ausüben konnte. Frank, säumig in allen seinen Handlungen, war auch der Letzte der darstellenden Gesellschaft, welcher das Bereich der Bühne verließ. Er machte keinen Versuch, Magdalenen in dem Speisesaale nahe zu kommen, aber er war in der Halle mit ihrem Mantel bereit, als die Wagen befohlen wurden und die Gesellschaft aufbrach.

—— Ach, Frank? sagte sie, indem sie sich nach ihm umsah, als er ihr den Mantel umhing; —— ich bin so betrübt, daß Alles vorüber ist! Komm morgen früh und laß uns mit einander reden.

—— In den Buschanlagen um Zehn? — fragte Frank flüsternd.

Sie zog die Kapuze ihres Mantels empor und nickte ihm fröhlich zu. Miss Garth, welche daneben stand, bemerkte die zwischen beiden gewechselten Blicke, obschon das Stimmengewirr der Abschied nehmenden Gäste sie verhinderte, die Worte zu verstehen. Es war eine sanfte, unleugbare Zärtlichkeit in Magdalenens angenommener Fröhlichkeit der Haltung, eine zutrauliche Bereitwilligkeit der Hand, als sie Franks Arm nahm und hinaus zum Wagen ging. Was sollte Das heißen? Hatte ihr vorübergehendes Interesse an ihm als ihrem Schüler auf der Bühne verrätherischerweise die Saat eines tieferen Interesses an ihm als Mann gesäet? Hatte das eitle theatralische Schattenspiel, jetzt wo es vorüber war, ernstere Folgen zu verantworten als eine unnütze Zeitverschwendung?

Die Züge auf Miss Garths Angesicht wurden härter und düsterer, sie stand mitten unter dem scherzenden Haufen um sie her allein. Noras warnende Worte, an Mrs. Vanstone im Garten gerichtet, kamen ihr wieder in den Sinn, —— und jetzt zum ersten Male dämmerte der Gedanke in ihr auf, daß Nora doch wohl die Folgen in ihrem wahren Lichte geschaut hatte.


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