Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos
 

Namenlos



Drittes Buch.

In der Gasse Skeldergate zu York.

Erstes Capitel.

In jenem Theile der Stadt York, welcher auf dem rechten Ufer der Ouse liegt, befindet sich eine enge Gasse, welche Skeldergate heißt. Sie läuft parallel mit dem Flusse fast genau von Norden nach Süden. Die Pforte, durch welche man vormals nach Skeldergate gelangte, ist nicht mehr vorhanden, und die wenigen alten Häuser, die von der Straße noch übrig sind, wurden in die unglückselige moderne Uniform der weißen Tünche und des Kalkbewurfs gesteckt und so verkleidet. Läden der kleinen und ärmlichen Art, hier und da mit verräucherten Lagerhäusern und trübseligen Wohnhäusern von rothen Ziegelsteinen vermischt, stellen das gegenwärtige Bild von Skeldergate dar. An der Flußseite sind die Häuser in Zwischenräumen durch Gäßchen unterbrochen, welche nach dem Wasser hin laufen und kleine einsame freie Durchsichten schaffen nach auf den vorüber segelnden Barken, welche sich im Hintergrunde erheben. Am Südende hört die Straße plötzlich auf, und der breite Strom der Ouse, die Bäume, die Wiesen, der öffentliche Spaziergang auf dem einen Ufer und der Weg der Schiffszieher auf dem andern bieten sich offen dem Auge des Beschauers dar.

Hier wo die Straße endigt, und auf der vom Flusse abgelegensten Seite führt eine enge kleine Gasse zu dem gepflasterten Fußsteg, welcher über die alten Wälle von York steigt Die eine kleine Häuserreihe die einzige, welche die Gasse besitzt, besteht aus wohlfeilen Logirhäusern, welche auf wenig Fuß Entfernung einen Theil der massiven Stadtmauer zum Gegenüber haben. Dies heißt das Rosmaringäßchen (Rosemary-lane). Nur sehr wenig Licht vermag in dasselbe einzudringen, sehr wenig Leute wohnen darin. Die wechselnde Bevölkerung von Skeldergate geht durch dasselbe, und Spaziergänger auf dem Wallgange, welche sich dessen bedienen, entweder bei dem Hinauf- oder Hinuntergehen, machen sich so geschwind aus dem traurigen kleinen Durchgange fort, als sie nur können.

Die Thür eines der Häuser in diesem verlorenen Winkel von York öffnete sich am Abende des dreiundzwanzigsten September achtzehnhundert sechsundvierzig ohne Geräusch, und ein einzelner Mensch männlichen Geschlechts schlenderte in die Gasse Skeldergate aus dem Verstecke des Rosmaringäßchens.

Indem sich die Person nördlich wandte, lenkte sie ihre Schritte nach der Brücke über die Ouse und dem Mittelpuncte des städtischen Geschäftslebens. Sie trug den Schein achtbarer Armuth an und führte in einer Wachstuchhülle einen Ginghamregenschirm bei sich. Ihre Füsse setzte sie mit der sorgfältigsten Achtsamkeit auf alle schmutzigen Stellen auf das Pflaster, und dabei beobachtete sie ihre Umgebung mit zwei Augen von je verschiedener Färbung, einem gallenbraunen Auge, das nach Beschäftigung sich umsah, und einem gallengrünen Auge, das einen ähnlichen Ausdruck hatte. In deutlicheren Worten, der Fremde vom Rosmaringäßchen war kein Anderer, als Hauptmann Wragge.

Was das Aeußere anlangte, hatte sich der Hauptmann nicht zum Bessern verändert seit dem denkwürdigen Frühlingstage, wo er sich Miss Garth an der Thür von Combe-Raven vorgestellt hatte. Der Eisenbahnschwindel des berüchtigten Jahres hatte sogar den trägen Wragge ergriffen, hatte ihn seinen gewöhnlichen Verrichtungen entrissen und ihn zuletzt wie manchen bessern Mann am Boden liegen lassen. Er hatte sein geistliches Aussehen eingebüßt, er hatte mit den Blättern des Herbstes die Farbe verloren. Sein Hutband von Krepp trauerte in Braun darob, daß es nicht mehr schwarz war. Sein schmutzig weißes Halstuch mit Vatermördern war des Todes von alter Leinwand verblichen und war zu der wie die Ewigkeit langen Heimat in die Papiermühle gewandert, um eines Tags im Laden eines Schreibmaterialienhändlers in einem Buche Papier aufs Neue aufzuleben. Ein graues Jagdcollet im letzten Stadium seiner Auszehrung als Wollenstoff hatte den schwarzen Frack früherer Zeiten ersetzt und bewahrte nun wie ein treuer Diener das dunkle Geheimniß von seines Herrn Wäsche vor den Augen einer neugierigen Welt. Von Kopf zum Fuß hatte sich jeder Quadratzoll der Kleidung des Hauptmanns zum Schlimmern verändert; der Mann selbst aber war unverändert geblieben, erhaben über alle Formen des moralischen Mehlthaues, unzugänglich für die Wirkung des gesellschaftlichen Rostes Er war so höflich, so beredet, so schmeichelglatt, wie je. Er trug jetzt ohne Hemdenkragen seinen Kopf so hoch, wie er ihn trug, als er noch jenen Luxus führte. Das strickähnliche Taschentuch um seinen Hals war trefflich gebunden, seine morschen alten Schuhe waren blank geputzt, und was das Kinn betraf, so hätte er sich in der Glätte desselben mit den höchsten kirchlichen Würdenträgern in York messen können. Die Zeit, veränderte Umstände und Verarmung: Alles hatte an Hauptmann Wragge gerüttelt, und Alles war dennoch nicht im Stande gewesen, ihn niederzubeugen. Er durchmaß die Straßen Yorks als ein Mann, welcher über Kleider und Umstände weit erhaben ist: seine Vagabundentünche erglänzte so hell als je auf ihm.

Bei der Brücke angelangt, hielt Hauptmann Wragge an und sah müßig über das Geländer auf die Kähne in dem Flusse hinunter. Es war deutlich zu sehen, daß er keinen besonderen Bestimmungsort zu erreichen und in keiner Art Etwas zu thun hatte. Wie er sich noch hier herumtrieb, schlug die Uhr des Yorker Münsters halb Sechs. Cabs rasselten an ihm vorbei über die Brücke um den Londoner Zug zwanzig Minuten vor sechs Uhr zu erreichen. Nach einem augenblicklichen Zögern schlenderte der Hauptmann hinter den Cabs drein. Wenn es eine von den regelmäßigen Gewohnheiten eines Mannes ist, von seinen Nebenmenschen zu leben, so ist ein Solcher allezeit mehr oder weniger darauf aus, große Eisenbahnhöfe »abzusuchen«. Hauptmann Wragges Erntefeld waren die Menschen, und an diesem unbesetzten Nachmittag war der Yorker Bahnhof ebenso gut ein günstiges Feld, als ein anderes.

Er erreichte das Perron wenige Minuten, nachdem der Zug angekommen war. Von der gänzlichen Unfähigkeit zum Anordnen geeigneter Maßregeln, um große Menschenmassen zu zertheilen, welche eine von den nationalen Eigentümlichkeiten englischer Beamten in Funktion ist, gibt es nirgend ein treffenderes Beispiel, als zu York. Drei verschiedene Eisenbahnlinien führen von früh bis in die Nacht dreierlei Ströme von Reisenden unter einem und demselben Dache zusammen und lassen ihnen freie Hand, mit Beihilfe der verwirrten Eisenbahnbeamtem welche nur dazu beitragen, den Wirrwarr noch zu vergrößern, einen Auflauf von Passagieren zu veranstalten. Die gewöhnliche Verwirrung war aufs Höchste gestiegen, als Hauptmann Wragge aufs Perron kam. Dutzende von Leuten suchten zwölferlei verschiedene Sachen in zwölferlei verschiedenen Richtungen, alle von demselben gemeinschaftlichen Sammelpuncte aus zu erlangen: Alle sahen sich Einer wie der Andere ohne jede Zurechtweisung. Ein plötzliches Auseinandergehen des Haufens in der Richtung nach den Wagen zweiter Classe zu erregte die Neugier des Hauptmanns. Er machte sich bis dorthin Platz und fand einen anständig gekleideten Mann, der unter Beistand eines Packträgers und eines Polizeidieners bemüht war, einige gedruckte Zettel auszulesen, welche aus einem Papierumschlage herausgefallen waren, den ihm seine Reisegefährten in ihrer wahnsinnigen Verwirrung aus der Hand geschlagen hatten.

Indem Hauptmann Wragge mit der allezeit bereiten Höflichkeit, die ihn kennzeichnen, bei dieser Handlung seinen Beistand anbot, bemerkte er die drei auffallenden Worte:

Fünfzig Pfund Belohnung!

gedruckt in fetter Schrift auf den Zetteln, welche er mit auflesen half. Sofort brachte er ein Exemplar davon auf die Seite, um es bei der ersten geeigneten Gelegenheit genauer anzusehen. Als er den Zettel in seiner hohlen und zusammenrollte, heftete er seine verschiedenfarbigen Augen mit hungrigem Interesse auf den Eigenthümer des unglücklichen Umschlags. Wenn ein Mann zufällig nicht fünfzig Pence in seiner Tasche besitzt, so schlägt sein Herz, wenn’s auf dem rechten Flecke sitzt, — — wenn derselbe bei gesundem Appetit ist, so wässert ihm sein Mund beim Anblicke eines andern Mannes, der ein gedrucktes Anerbieten von fünfzig Pfund Sterling, an seine Nebenmenschen gerichtet, bei sich trägt.

Der unglückliche Reisende schlug sein Papier, so gut er konnte, wieder zusammen und ging von dem Perron weg, nachdem er sich beim ersten Bahnbeamten, Mitopfer der Passagiernoth des Tages, welcher so viel Besinnung übrig hatte, um ihn anzuhören, zurecht gefragt hatte. Indem er den Bahnhof nach der Flußseite zu verließ, welche ganz nahe zur Hand war, stieg der Fremde bei der Pforte der Northstreet in die Fähre. Der Hauptmann, welcher seine Schritte ebenfalls verstohlener Weise hierher gelenkt hatte, trat mit in das Boot und benutzte die Zeit des Uebergangs zum entgegengesetzten Ufer, um das Handplacat durchzulesen, welches er zu seiner Aufklärung zurückzubehalten gewußt hatte. Indem er wohlbedacht dem Reisenden den Rücken kehrte, prägte er sich nun folgende Zeilen ein:

Fünfzig Pfund Belohnung!

Entflohen aus ihrer Wohnung am frühen Morgen
des 23. September 1846 = Eine junge Dame.
Alter: Achtzehn
Kleidung: Tiefe Trauer.
Persönliche Erscheinung:
Haare —— sehr hellbraun.
Augenbrauen und Wimpern —— dunkler.
Augen —— hellgrau.
Gesichtsfarbe —— auffallend blaß.
Unterer Gesichtstheil —— groß und voll.
Gestalt —— groß und schlank.
Gang —— außerordentlich anmuthig und leicht.
Sprache —— offen und sicher.
Benehmen und Haltung —— die einer gebildeten fein-
erzogenen Dame.
Persönliche Kennzeichen: Zwei kleine Male
dicht neben einander auf der linken Seite des Nackens
Wäschezeichen: Magdalene Vanstone.
Ist vermuthlich unter angenommenem Namen in
eine Schauspielergesellschaft zu York getreten oder
hat wenigstens den Versuch dazu gemacht.
Hatte, als sie London verließ, einen schwarzen Koffer,
sonst kein weiteres Gepackt.
Jedweder, der über sie solche Mittheilungen machen
kann, daß sie wieder ihren Freunden zugeführt wird, wird
die oben namhaft gemachte Belohnung empfangen.
Man wende sich an die Expedition des Rechtsan-
walts Mr. Harkneß, Coneystreet, in York, oder an
die Herren Wyatt, Pendril und Gwilt, Searlestreet,
Lincolns Inn zu London.

Obschon Hauptmann Wragge gewohnt war, sich vollkommen selbst zu beherrschen bei allen Vorkommnissen des Lebens, so verrieth sich doch sein ungeheures Erstaunen, als er beim Durchfliegen des Placats auf das Wäschezeichen der verlorenen Dame kam, durch einen Ausruf der Ueberraschung, der sogar den Fährmann aufmerksam machte. Der Reisende gab weniger darauf acht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf das gegenüber liegende Flußufer gerichtet, und er verließ das Boot in dem Augenblicke, wo es an den Landungsplatz anlegte, mit großer Eile. Hauptmann Wragge erholte sich von seinem Staunen, steckte das Placat ein und folgte seinem Vormanne zum zweiten Male.

Der Fremde richtete seine Schritte nach der nächsten Straße, die zum Flusse herunter lief, verglich eine Angabe in seinem Taschenbuche mit den Häusernummern auf der linken Seite, hielt bei einer derselben an und zog die Klingel. Der Hauptmann ging zum nächsten Hause weiter, that, als ob auch er dort klingelte, und kehrte dabei dem Reisenden den Rücken zu, anscheinend, als ob er warte, eingelassen zu werden, in Wahrheit aber, indem er mit allen Kräften auf einige Brocken von dem Zwiegespräch lauerte, die beim Oeffnen der Thür hinter ihm sein Ohr erreichen könnten.

Jene Thür wurde denn auch mit aller geziemenden Schnelligkeit bedient, und ein hinreichend belehrender Austausch von Frage und Antwort auf der Schwelle belohnte die Geschicklichkeit des Hauptmann Wragge.

—— Wohnt Mr. Huxtable hier? frug der Reisende.

—— Ja, mein Herr, war die Antwort, die von einer Frauenstimme kam.

—— Ist er zu Hause?

—— Jetzt nicht, mein Herr, aber er wird um acht Uhr Abends wieder hier sein.

—— Eine junge Dame, glaube ich, war bereits vorhin hier, nicht wahr?

—— Ja, eine junge Dame kam diesen Nachmittag.

—— Richtig, ich komme in derselben Angelegenheit. Hat sie Mr. Huxtable gesprochen?

—— Nein, mein Herr; er ist den ganzen Tag fort. Die junge Dame sagte mir, sie würde um acht Uhr wiederkommen.

—— Ganz recht. Ich will wieder vorkommen und Mr. Huxtable zur selbigen Zeit aufsuchen.

—— Soll ich einen Namen sagen, mein Herr?

—— Nein. Sagen sie, ein Herr habe in Theaterangelegenheiten mit ihm sprechen wollen. Das wird genügen. Warten Sie einen Augenblick, wenn es Ihnen gefällig ist. Ich bin fremd in York, wollen Sie so gütig sein, mir zu sagen, wie ich nach der Coneystreet komme?

Die Frau gab die gewünschte Zurechtweisung, die Thür schloß sich, und der Fremde eilte hinweg in der Richtung der Coneystreet.

Diesmal versuchte Hauptmann Wragge nicht, ihm zu folgen. Das Placat machte es ja handgreiflich klar, daß es die nächste Sorge des Mannes war, mit dem Rechtsanwalt des Ortes in Betreff der verheißenen Belohnung die nöthige Rücksprache zu nehmen.

Der Hauptmann lenkte nun, nachdem er für seinen nächsten Zweck genug gesehen und gehört hatte, seine Schritte die Straße abwärts, wandte sich rechts und bog in die Promenade ein, welche in jenem Theile der Stadt die Flußseite zwischen den Flußbädern und dem Lendal Tower begrenzt.

—— Dies ist ja eine Familienangelegenheit! sagte Hauptmann Wragge zu sich selbst, indem er aus alter eingewurzelter Gewohnheit bei der Anmaßung einer Verwandtschaft mit Magdalenens Mutter beharrte. Ich muß sie nach ihrer ganzen Tragweite ins Auge fassen.

Er drückte den Regenschirm unter seinen Arm, faltete die Hände auf dem Rücken zusammen und ließ sich so in den Abgrund seiner eigenen Betrachtungen sanft hinuntergleiten. Die gewisse Ordnung und Sauberkeit, die man an des Hauptmanns Kleidung wahrnehmen konnte, hatte ihr genaues Ebenbild in der Ordnung und Sauberkeit, welche den Gedankengang des Hauptmanns auszeichneten. Es war seine Gewohnheit, seinen Weg vor sich immer durch eine hübsche Aufeinanderfolge von Entweder-Oder zu sehen, und so sah er ihn auch jetzt.

Drei Wege standen ihm offen bezüglich der bedeutenden Entdeckung, welche er so eben gemacht hatte.

Der erste war, in der Sache gar Nichts zu thun.

Unzulässig aus Familiengründen, gleichfalls unzulässig wegen des Geldpunctes: also zu verwerfen.

Der zweite Weg war, sieh den Dank der Freunde der jungen Dame im Werthe von fünfzig Pfund zu verdienen.

Der dritte Weg war, durch eine zeitige Warnung den Dank der jungen Dame selbst zu verdienen, ersterer im Werthe —— einer unbekannten Größe.

Zwischen diesen beiden letzten Scheidewegen schwankte der Hauptmann unentschlossen hin und her. Nicht als ob er in Magdalenens Geldmittel einen Zweifel gesetzt hätte; denn er war vollständig unbekannt mit den Umständen, welche die Schwestern ihres Erbtheils beraubt hatten: allein in Folge des Zweifels, ob nicht mit ihrem Verschwinden von zu Hause irgend ein Hinderniß in Gestalt eines sich im Hintergrunde verhaltenden Herrn in Zusammenhange stehe. Nach reiflicher Ueberlegung entschloß er sich, vorläufig noch zu warten und nach den Umständen zu handeln. Mittlerweile war es sein erstes Augenmerk, dem Londoner Bevollmächtigten zuvor zu kommen und selber die junge Dame sicher mit Beschlag zu belegen.

—— Ich habe für dieses irregeleitete Mädchen ein Mitgefühl, dachte der Hauptmann bei sich, indem er dabei feierlich die einsame Flußseite auf- und abschritt. Ich habe sie immer angesehen, —— werde sie immer ansehen —— als eine Nichte.

Wo aber war die dergestalt von ihm adoptierte Verwandte in diesem Augenblicke? Mit anderen Worten, wie konnte eine junge Dame in der kritischen Lage Magdalenens aller Wahrscheinlichkeit nach bis zur Rückkehr von Mr. Huxtable die Stunden hinbringen? Wenn ein Hinderniß in Gestalt eines jungen Herrn im Hintergrunde verborgen war, so war es ein müßiges Beginnen, diese Frage weiter zu verfolgen. Aber wenn die Andeutung, welche das Placat gab, richtig, wenn sie diesen Augenblick in York wirklich allein war, wo konnte sie da wohl sein?

Nicht in den überfüllten Passagen, um damit anzufangen.

Auch nicht bei der Besichtigung der merkwürdigen Gegenstände im Münster, denn die Stunde war schon vorüber, in der man den Dom sehen konnte.

War sie im Wartezimmer der Eisenbahn? Sie würde wohl kaum Dies wagen.

War sie in einem der Hotels? Zweifelhaft, wenn man erwägt, daß sie ganz allein war.

In einem Pastetenbäckerladen? Viel wahrscheinlicher.

Ließ sie sich in einem Cab umherfahren? —— Möglich gewiß, aber auch weiter Nichts.

Brachte sie an irgend einem ruhigen Orte im Freien die Zeit hin? Wahrscheinlich genug an jenem schönen Herbstabende.

Der Hauptmann hielt inne, wog die Möglichkeiten des Aufenthaltes an einem stillen Orte und des Besuches in einem Pastetenladen bei sich ab und entschied sich für die erstere von den Beiden. Es war Zeit genug, sie in den Pastetenläden aufzusuchen, in den ersten Hotels nach ihr zu fragen, oder endlich in der unmittelbaren Nähe von Mr. Huxtables Wohnung von Sieben bis Acht sie abzufangen. so lange es hell war, war das Gescheidteste, das Tageslicht zu benutzen, um sich im Freien nach ihr umzuschauen.

Wo? — Die Promenade war ein ruhiger Ort, aber sie war nicht darauf, nicht in der einsamen Straße drüben, welche an dem Abteiwall vorüber zurücklief.

Wo dann?

Der Hauptmann blieb stehen und sah über den Fluß. Da leuchtete sein Gesicht auf, als ob ihm ein neuer Gedanke gekommen wäre, und plötzlich eilte er zur Fähre zurück.

—— Der Spaziergang auf den Wällen, dachte dieser pfiffige Mann und zwinkerte dabei schlau mit seinen verschiedenfarbenen Augen. —— Der ruhigste Ort in York und der Ort, den jeder Fremde aufsucht.

Nach Verlauf von zehn Minuten befand sich Hauptmann Wragge in voller Thätigkeit aus seinem neuen Forschungsfelde. Er stieg zu den Wällen hinauf, welche die ganze westliche Hälfte der Stadt einschließen, durch die Northstreet-Pforte, von welcher an der Spaziergang rund umläuft, bis er wieder am Südende in dem engen Durchgange des Rosmaringäßchens aufhört.

Es war jetzt zwanzig Minuten über sechs Uhr.

Die Sonne war seit länger, als einer halben Stunde untergegangen, das rothe Licht lag breit und tief unten aus dem wolkenlosen westlichen Himmel; alle sichtbaren Gegenstände schwebten in duftigem Zwielichte, waren aber noch nicht im Dunkel. Die ersten wenigen Lampen blickten in der Straße unten herauf, gleich schwachen kleinen Fünkchen gelben Lichts, als der Hauptmann seinen Gang an einer der ergreifendsten Aussichten Englands vorüber antrat.

Zu seiner rechten Hand breitete sich, je weiter er kam, unter den Wällen das flache Land aus, die reichen grünen Wiesen, dazwischen die Bäume als Grenzlinien der Fluren, in der Ferne die weiten Windungen des Flusses, in der Nähe die einzeln hingestreuten Häuser: Alles entzückend in der Abendstille, Alles verklärt durch die friedliche Ruhe des Abends. Zu seiner Linken hob sich der majestätische westliche Giebel des Yorker Münster hehr über die Stadt empor und fing das letzte und hellste Licht des Himmels auf den Spitzen seiner hochragenden Thürme auf.

Hatte dieser erhabene Anblick das verlorene Mädchen angelockt, um hier zu weilen und zu schauen?

Nein, bis jetzt war nirgends Etwas von ihm zu sehen. Der Hauptmann sah sich aufmerksam um und ging weiter.

Er erreichte die Stelle, wo die Schienen der Eisenbahn sich auf mächtigen Pfeilern ihren Weg durch den alten Wall bahnen. Er hielt an dieser Stelle an, wo das Alles in seinen Mittelpunct ziehende Leben eines großen Eisenbahnunternehmens mit all den Pulsen seines laut rauschenden Treibens lärmend circulirt an der Seite der todten Majestät der Vergangenheit, tief unter den alten historischen Steinen, die da erzählen von dem festen York und den Berennungen desselben vor zwei Jahrhunderten. Er stand aus dieser Stelle und suchte nach ihr abermals, suchte aber vergebens. Andere waren da und schauten hernieder auf die trostlose Geschäftigkeit auf dem Gewirre der Schienen, sie aber war nicht unter ihnen. Der Hauptmann schaute unsicher nach dem immer dunkler werdenden Himmel und schritt weiter.

Er hielt wieder an, wo die Pforte von Micklegate noch steht und jetzt wie vor Alters den Stadtwall schützt. Hier steigt der Pflasterweg einige Stufen hinunter, geht durch das dunkle massive Wachlocal des alten Thores, steigt wieder und setzt seinen Lauf südwärts fort, bis die Wälle wieder an den Fluß treten.

Er machte Halt und spähte ängstlich in die düsteren inneren Winkel des alten Wachlocals.

Wartete sie hier die Dunkelheit ab, um sich vor den Augen der Neugierigen zu bergen?

Nein, ein einsamer Arbeitsmann schlenderte durch das Steingemach, aber sonst regte sich nichts Lebendiges an diesem Orte.

Der Hauptmann stieg die Stufen hinan, welche aus der Pforte führen, und schritt weiter.

Er ging einige fünfzig bis sechzig Schritte auf dem gepflasterten Fußwege fort, auf der einen Seite neben sich die äußeren Vorstädte Yorks, auf der andern eine Seilerbahn und einige Stückchen Küchengarten, die ein leeres Streifchen Boden einnahmen.

Er ging mit eifrig suchenden Augen und beschleunigten Schritten vorwärts, denn dort vorn sah er eine einsame Frauengestalt, welche an der Brustwehr des Walles stand, mit dem Gesichte nach Westen gewendet. Vorsichtig näherte er sich ihr, um seiner Sache gewiß zu sein, ehe sie sich umwendete und ihn sah.

Ja, da stand sie in ihrem langen schwarzen Mantel und Kleide, und das letzte düstere Licht des Abends fiel, mild auf ihr blasses entschlossenes jugendliches Angesicht.

Da stand sie, vor noch nicht drei Monden der verwöhnte Liebling ihrer Aeltern, der köstliche Schatz des Hauses, der nimmer ohne Schutz, nimmer allein gelassen war, da stand sie im lieblichen Aufgange ihrer Jungfräulichkeit, verlassen, hineingeschneit in eine fremde Stadt, hinaus getrieben wie ein Wrack in die weite See des Lebens!

So sehr auch Hauptmann Wragge zum Vagabunden herabgesunken war, ihr erster Anblick brachte sogar die schwer zu erschütternde Sicherheit unseres Mannes außer Fassung. Als sie langsam das Gesicht wandte und ihn ansah, nahm er denn auch seinen Hut ab so aufrichtig achtungsvoll, als er eben in seiner unverschämten Dreistigkeit, die ihn durchs ganze Leben begleitet hatte, noch fähig war.

—— Ich habe, glaube ich, die jüngere Miss Vanstone vor mir? begann er. Freut mich außerordentlich in der That aus mehr denn einem Grunde.

Sie sah ihn mit kalter Verwunderung an. Die Erinnerung an den Tag, wo er ihrer Schwester und ihr selbst auf ihrem Heimwege mit Miss Garth gefolgt war, war ihr entschwunden, als er jetzt vor ihr stand, allerdings in Haltung, Benehmen und Kleidung ein ganz Anderer.

—— Ich denke, Sie irren sich, sagte sie ruhig. Sie sind mir ganz fremd.

—— Verzeihen Sie, versetzte der Hauptmann, ich bin gewissermaßen ein Verwandter. Ich hatte die Ehre, Sie im Frühlinge dieses Jahres zu sehen. Ich stellte mich bei jener mir unvergeßlichen Gelegenheit einer ehrenwerthen Lehrerin in Ihres seligen Vaters Hause vor. Gestatten Sie mir unter ebenfalls sehr erfreulichen Umständen, mich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Wragge.

Er hatte nunmehr seine ganze Unverschämtheit wiedergewonnen. Fröhlich zwinkerten seine doppelfarbenen Augen, und dabei begleitete er die bescheidene Vorstellung seiner selbst mit einer Tanzmeisterverbeugung.

Magdalene runzelte die Stirn und zog sich einen Schritt zurück. Aber der Hauptmann war nicht der Mann, der sich durch einen kalten Empfang abschrecken ließ. Er klemmte den Regenschirm unter den Arm und buchstabierte lustig seinen Namen zu ihrer bessern Aufklärung.

—— W, r, a, doppeltes g, e, Wragge, sagte der Hauptmann, indem er überdies die Buchstaben eindringlich an den Fingern herzählte.

—— Ich erinnere mich Ihres Namens, sagte Magdalene. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie sofort verlassen muß. Ich habe zu thun.

Sie versuchte an ihm vorüber zu gehen, um sich nordwärts nach der Eisenbahn hin zu wenden. Er legte sogleich gegen diesen Versuch Verwahrung ein, indem er beide Hände und ein Paar abgetragene schwarze Handschuhe zu höflichem Widerspruche erhob.

—— Nicht jenen Weg, sagte er, nicht jenen Weg, Miss Vanstone, muß ich bitten.

—— Und warum nicht? fragte sie stolz.

—— Weil, antwortete der Hauptmann, dies der Weg ist, der zu Mr. Huxtables Wohnung führt.

In dem unverhohlenen Erstaunen über diese Antwort, beugte sie sich plötzlich vor und sah ihm zum ersten Male näher ins Gesicht. Er hielt ihren argwöhnischem forschenden Blick aus und schien äußerlich sogar sehr angenehm davon berührt.

—— H, u, x, —— Hux, sagte der Hauptmann, indem er fröhlich seinen alten Scherz wiederholte, t, a, —— ta, Huxta; b, l, e, —— ble; Huxtable.

—— Was wissen Sie von Mr. Huxtable? fragte sie. Was wollen Sie damit sagen, das; Sie ihn mir nennen?

Des Hauptmanns süß geschwungene Lippen kräuselten sich aufs Neue aufwärts. Er gab sofort durch Vorziehen des Placats aus seiner Tasche die beste praktische Antwort.

—— Es ist gerade Licht genug übrig, sagte er, für junge (und liebenswürdige) Augen, um noch dabei lesen zu können. Bevor ich in das Persönliche entgehe, welches Ihre schmeichelhafte Frage von mir beantwortet wissen will, bitte ich, schenken Sie dieser Urkunde auf einen Blick Ihre Aufmerksamkeit.

Sie nahm das Placat von ihm. Beim letzten Scheine des Zwielichts las sie die Zeilen, welche eine Belohnung auf ihre Entdeckung setzten, welche eine Beschreibung von ihr wie von einem entlaufenen Hunde in unbarmherzigem Druck zu schnöder Oeffentlichkeit brachten. Keine zarte Erwägung hatte sie auf den Schlag vorbereitet, keine freundlichen Worte milderten ihn, als er kam. Der Vagabund, dessen verschmitzte Augen sie eifrig beobachteten, als sie las, wußte ebenso wenig, als sie, daß das Placat, das er entwendet hatte, ja nur für den schlimmsten Ausgang in Bereitschaft gehalten war und nur für den Fall, wenn alle gemäßigteren Mittel, ihre Spur zu verfolgen, vergeblich versucht worden wären, zur Ausgabe gelangen sollte. Das Placat entsank ihrer Hand, ihr Gesicht überzog sich mit tiefer Röthe Sie wandte sich von dem Hauptmann Wragge weg, als ob sie gar nicht mehr wüßte, daß er noch da wäre.

—— O Nora, Nora! sagte sie vor sich hin mit bitterem Schmerz. Nach dem Briefe, den ich Dir schrieb, nach dem harten Kampfe, den es mich kostete, wegzugehen. O Nora, Nora!

—— Was ists mit Nora? fragte der Hauptmann mit der äußersten Höflichkeit.

Sie wandte sich zu ihm mit dem Ausdrucke auflodernden Unwillens in ihren großen grauen Augen.

—— Ist dies Papier öffentlich geworden? fragte sie, indem sie es mit Füßen trat. Ist das Mal auf meinem Nacken für ganz York beschrieben worden?

—— Ich bitte, beruhigen Sie sich, redete ihr der salbungsreiche Wragge ein. Im Augenblicke glaube ich allen Grund zu haben, annehmen zu dürfen, daß Sie eben das einzige in Umlauf gekommene Exemplar gelesen haben. Erlauben Sie mir, es aufzuheben.

Bevor er das Papier erfassen konnte, hatte sie es vom Pflaster aufgerafft, in kleine Stücke zerrissen und über den Wall geworfen.

—— Bravo! rief der Hauptmann. Sie erinneren mich an Ihre, arme selige Mutter. Familienzug, Miss Vanstone. Wir Alle erbten unser heißes Blut von meinem Großvater mütterlicherseits.

—— Wie kamen Sie dazu? fragte sie plötzlich.

—— Mein theures Wesen, ich habe Ihnen schon gesagt, entgegnete ihr der Hauptmann, wir Alle kommen dazu von meinem Großvater mütterlicherseits.

—— Wie kamen Sie zu dem Placate?! fragte sie heftig.

—— Ich bitte tausend Mal um Verzeihung. Meine Gedanken waren bei dem Familienzug. —— Wie ich dazu kam? Ganz kürzlich folgendermaßen.

Hier begann Hauptmann Wragge seine persönliche Angabe, indem er wie gewöhnlich die längsten Worte der englischen Sprache zu schönster rednerischer Verbrämung mit wenig Witz und viel Behagen zusammensuchte. Da er bei dieser seltenen Gelegenheit durch Verheimlichung Nichts zu gewinnen hatte, so ging er von seiner gewöhnlichen Weise ab und erlaubte sich mit dem Ausdrücke seines eigenen außerordentlichen Erstaunens über seine Lage die ungeschminkte Wahrheit zu sagen.

Die Wirkung der Erzählung auf Magdalenen erfüllte indessen keineswegs die darüber vorausgefaßten Erwartungen desselben. Sie war nicht betroffen, sie war nicht beunruhigt, sie zeigte keine Neigung, sich seinem Mitleid anzuvertrauen und seinen Rath zu suchen. Sie sah ihm fest ins Angesicht. Alles, was sie sagte, als er seinen letzten Satz mit schöner Rundung herausgedrechselt hatte, war:

—— Fahren Sie fort!

—— Fortfahren? wiederholte der Hauptmann. Bedaure sehr, Sie darüber enttäuschen zu müssen, aber in der That, ich bin fertig.

—— Nein, Sie sind es noch nicht, begann sie wieder; Sie haben das Ende Ihrer Geschichte ausgelassen. Das Ende davon ist: Sie kamen hierher, um mich auszuspähen, und Sie wollen die fünfzig Pfund Belohnung gewinnen.

Diese sehr deutlichen Worte verblüfften den Hauptmann so vollständig, daß er für den Augenblick sprachlos dastand. Aber er hatte allerhand schlimme Wahrheiten viel zu oft anhören müssen, als daß er auf die Länge nicht hart gesotten geworden sein sollte. Ehe Magdalene ihren Vortheil wahrnehmen konnte, hatte der Vagabund sein Gleichgewicht wieder erlangt: Wragge war wieder er selber.

—— Schlau, sagte der Hauptmann, indem er gutmüthig lachte und mit seinem Regenschirm auf dem Pflaster trommelte. Einige Menschen hätten das wohl ernst genommen. Ich bin so leicht nicht zu beleidigen.

Magdalene sah ihn durch das hereinbrechende Dunkel in stummer Verlegenheit an. Alle ihre bisherige geringe gesellschaftliche Erfahrung war eine Erfahrung unter Menschen gewesen, welche ein natürliches Gefühl für Ehre und Rücksicht auf gesellschaftliche Stellung befassen. Sie hatte bis dahin nur das erfolgreiche menschliche Ergebniß großartig wirkender Gesittung gesehen. Hier hatte sie es mit einer Ausgeburt zu thun, und trotz aller ihrer Lebhaftigkeit war sie in Verlegenheit, wie sie sich dabei zu verhalten hatte.

—— Erlauben Sie mir, auf den Gegenstand zurückzukommen, fuhr der Hauptmann fort. Es ist mir eben eingefallen, daß Sie vielleicht wirklich im Ernst gesprochen haben könnten. Armes Kind, wie kann ich die fünfzig Pfund verdienen, bevor die Belohnung mir angeboten wird? Jene Placate werden vielleicht nicht eher, als nach Verlauf einer Woche öffentlich angeschlagen. So theuer Sie auch allen Ihren Verwandten (mich mit gerechnet) sind, so nehmen Sie doch mein Wort darauf, die Advokaten, welche diesen Fall in den Händen haben, werden nicht fünfzig Pfund für Sie zahlen, wenn sie es umgehen können. Glauben Sie so sicher, daß meine armen Taschen nach dem Gelde hungrig sind? Sehr gut. Knöpfen Sie sie auf mit Ihren eignen schönen Fingern, mir zum Trotz. Dort geht ein Zug nach London neun Uhr fünfundvierzig Minuten Abends. Fügen Sie sich den Wünschen Ihrer Freunde und gehen Sie zurück zu ihnen.

—— Nimmermehr! sagte Magdalene, indem sie bei der bloßen Zumuthung so aufflammte, wie es der Hauptmann darauf angelegt hatte. Wenn mein Geist vorher noch nicht einig gewesen wäre, jenes elende Placat würde meinen Entschluß unwiderruflich befestigt haben. Ich vergebe Nora, fügte sie abgewendet und mit sich selber sprechend hinzu, aber nicht Mr. Pendril, nicht Miss Garth.

—— Ganz recht! bemerkte Hauptmann Wragge. Der Familienzug, ich würde es in Ihrem Alter ebenso gemacht haben, es liegt im Blute. Hören Sie? Da schlägt es wieder, halb acht Uhr. Miss Vanstone, verzeihen Sie diese nothgedrungene Unterbrechung. Wenn Sie Ihren Entschluß ausführen wollen, wenn Sie Ihr eigener Herr recht lange bleiben wollen, so müssen Sie vor acht Uhr irgend einen Entschluß fassen. Sie sind jung, Sie sind unerfahren, Sie sind in augenscheinlicher Gefahr. Hier ist auf der einen Seite eine dringende Nothwendigkeit, und da auf der andern bin ich mit dem Interesse eines Onkels an Ihnen, bis an den Rand mit guten Rath gefüllt. Lassen Sie sich welchen einschenken.

—— Wenn ich nun aber vorzöge, von Niemandem abzuhängen und für mich selbst zu handeln? sagte Magdalene Was dann?

—— Dann werden Sie, versetzte der Hauptmann, geradenwegs in einen der vier Fallstricke, welche gelegt sind, Sie zu fangen, in der alten und merkwürdigen Stadt York fallen. Erster Fallstrick in Mr Huxtables Wohnung. Zweiter Fallstrick in allen Hotels. Dritter Fallstrick an der Eisenbahn. Vierter Fallstrick im Theater. Der Mann mit den Placaten hat eine Stunde zu seiner Verfügung gehabt. Wenn er in dieser Zeit nicht diese vier Schlingen gelegt hat, versteht sich unter dem Beistande des Advocaten am Orte, so ist er nicht der geriebene Schreiber des Rechtsanwaltes, für den ich ihn halte. Wolan, wolan denn, Sie theures Mädchen! Wenn aber irgend Jemand anders im Hintergrunde ist, dessen Rath Sie dem meinigen vorziehen ....

—— Sie sehen, daß ich allein bin, unterbrach sie ihn stolz. Wenn Sie mich besser kennten, würden Sie wissen, daß ich von Niemand als von mir selber abhänge.

Diese Worte entschieden den einzigen Zweifel, den der Hauptmann noch in der Seele behalten hatte, den Zweifel, ob der von ihm einzuschlagende Weg glatt für ihn wäre. Der Beweggrund ihrer Flucht vom Hause war also ersichtlich, wie das Placat es auch angenommen hatte, eine unbändige Leidenschaft, zum Theater zu gehen.

—— Eines von Beiden, dachte Wragge bei sich nach seiner Logik, entweder ist sie mehr als fünfzig Pfund in ihrer gegenwärtigen Lage für mich Werth, oder sie ist es nicht. Wenn sie es ist, so mögen nur ihre Freunde nach ihr pfeifen. Wenn sie es nicht ist, so habe ich sie nur so lange festzuhalten, bis die Placate angeschlagen sind.

Nachdem er sich durch diesen einfachen Plan zum Handeln innerlich gestärkt hatte, schritt er aufs Neue zum Angriff und stellte höflich Magdalenen gegenüber den zwei unvermeidlichen Möglichkeiten, entweder sich ihm anzuvertrauen auf der einen Seite, oder zu ihren Freunden zurückzukehren auf der andern Seite.

—— Ich achte und ehre Unabhängigkeit des Charakters, wo ich sie finde, sagte er mit einer Miene tugendsamen Ernstes. Bei einer jungen und liebenswürdigen Verwandten thue ich mehr als sie bloß achten, ich bewundere sie. Allein —— entschuldigen Sie die kühne Versicherung —— um Ihren eigenen Weg gehen zu können, müssen Sie zuerst überhaupt einen Weg haben. Unter den jetzigen Umständen, wo ist Ihr Weg? Mr. Huxtable bleibt von vornherein außer Frage.

—— Fiir heute Abend allerdings außer Frage, sagte Magdalene; aber was hindert mich, an Mr. Huxtable zu schreiben und morgen meine eigenen geheimen Abreden mit ihm zu nehmen?

Von ganzem« Herzen zugegeben, ein guter Zug, ein sehr praktischer Zug. Nun komme ich daran. Um auf Morgen zu kommen (entschuldigen Sie noch einmal den kühnen Ausdruck), müssen Sie erst die Nacht zubringen. Wo wollen Sie schlafen?

—— Gibt es keine Hotels in York?

—— Vortreffliche Hotels für große Familien, vortreffliche Hotels für einzelne Herren. Aber die allerschlechtesten Hotels von der Welt für hübsche junge Damen, welche sich allein in der Thür zeigen, ohne männliche Begleitung, ohne ein Mädchen zur Bedienung und ohne ein einziges Gepäckstück. So dunkel es auch ist, so glaube ich doch einen Damenkoffer sehen zu können, wenn er in unserer unmittelbaren Nähe wäre.

—— Mein Koffer ist in der Garderobe des Bahnhofs. Was hindert mich, daß ich das Billet dazu schicke?

—— Nichts, wenn Sie Ihre Adresse mittels Ihres Koffers mittheilen wollen, Nichts weiter. Denken Sie doch, ich bitte Sie! Glauben Sie denn nur wirklich, daß die Leute, welche nach Ihnen suchen, solche Narren sind, kein Auge auf die Garderobe zu haben? Denken Sie, sie wären solche Narren, wenn sie merken, daß Sie heute acht Uhr nicht zu Mr. Huxtables Wohnung kommen, und forschten nicht in allen Hotels nach? Denken Sie, eine junge Dame von Ihrem auffallenden Aeußern (selbst gesetzt den Fall, man nähme Sie doch auf) könnte ihren Aufenthalt in einem Gasthofe nehmen, ohne ein Gegenstand allgemeiner Neugierde und Beobachtung zu werden? Hier bricht die Nacht herein, so schnell sie kann. Lassen Sie mich Sie nicht etwa belästigen, nein, lassen Sie mich Sie nur noch ein Mal fragen: Wo wollen Sie schlafen?

Es gab keine Antwort auf die Frage. In Magdalenens Lage erfolgte ihrerseits in der That buchstäblich keine Antwort, sie schwieg.

—— Wo wollen Sie schlafen? wiederholte der Hauptmann. Die Antwort liegt nahe: unter meinem Dache. Mrs. Wragge wird erfreut sein, Sie kennen zu lernen. Sehen Sie dieselbe als Ihre Tante an, ich bitte, sehen Sie dieselbe als Ihre Tante an. Die Wirthin ist eine Witwe, das Haus ist ganz in der Nähe, es sind keine anderen Abmiether im Hause, und ein Schlafzimmer ist frei. Kann Etwas befriedigender sein unter den Umständen? Ich bitte, bemerken Sie wohl, ich sage Nichts von morgen, ich überlasse das Morgen Ihnen und beschränke mich lediglich auf die Nacht. Ich habe vielleicht, vielleicht auch nicht Gelegenheit zum Theater zu bieten. Zuneigung und Bewunderung vermögen vielleicht, vielleicht auch nicht viel über mich, wenn ich den hohen Flug und die Selbständigkeit Ihres Charakters kenne. Schaaren von Beispielen glänzender Sterne des britischen Schauspiels, welche ihre Laufbahn als Anfänger auf der Bühne begannen, wie Sie, sind vielleicht, vielleicht auch nicht in meiner Erinnerung aufgespeichert. Das sind Stoffe für die Zukunft. Für den Augenblick beschränke ich mich auf mein engeres Pflichtmaß. Wir sind nach einem Gange von fünf Minuten in meiner gegenwärtigen Wohnung. Erlauben Sie mir, Ihnen den Arm zu bieten. Nicht? Sie zögern? Sie mißtrauen mir? Guter Himmel! Ist es möglich, daß Sie Etwas zu meinem Nachtheil gehört haben?

—— Sehr möglich, sagte Magdalen, ohne einen Augenblick mit der Antwort zu zögern.

—— Darf ich Sie um das Nähere fragen? forschte der Hauptmann mit der höflichsten Ruhe. Schonen Sie mein Gefühl nicht; verpflichten Sie mich zu Danke, indem Sie sich aussprechen. In deutlichen Worten, was haben Sie gehört?

Sie antwortete ihm nicht achtend der Folgen mit der verzweifelten Rücksichtslosigkeit eines Weibes, das in die Enge getrieben wird, sie antwortete ihm augenblicklich:

—— Ich habe gehört, daß Sie ein erbärmlicher Mensch sind.

—— Haben Sie Das wirklich gehört? sagte der undurchdringliche Wragge. Ein erbärmlicher Mensch? Gut. Ich erspare mir mein Recht, Sie darüber aufzuklären, für eine bessere Zeit. Um des Argumentes willen lassen Sie uns also sagen, ich sei ein Erbärmlicher. Was ist Mr. Huxtable?

—— Ein ehrenhafter Mann, sonst hätte ich ihn in dem Hause nicht gesehen, wo ich ihn zuerst getroffen.

—— Sehr gut, Nun merken Sie auf! Sie sprachen vor einer Minute davon, Mr. Huxtable zu schreiben. Was denken Sie thut wohl ein ehrenhafter Mann mit einer jungen Dame, die offen anerkennt, daß sie aus ihrem Hause und von ihren Freunden sich entfernt hat, um auf die Bühne zu gehen. Mein liebes Mädchen, nach Ihrer eigenen Darstellung ist es nicht ein ehrenhafter Mann, den Sie bei Ihrem jetzigen Anliegen brauchen. Es ist ein Elender, wie ich.

Magdalene lachte bitter.

—— Es ist etwas Wahres dran, sagte sie. Ich danke Ihnen, daß Sie mich wieder zu mir selbst, auf meine Lage zurück gebracht haben. Ich habe mein Schicksal zu schaffen —— und wer bin ich, daß ich den Weg der dazu führt, sorgsam suche und wählerisch auslese? Es ist an mir, um Verzeihung zu bitten. Ich habe gesprochen, als ob ich eine junge Dame von Familie und Stellung wäre. Abgeschmackt! Wir wissen Das besser, nicht wahr, Hauptmann Wragge? Sie haben ganz recht. Niemandes Kinder müssen unter Jemandes Dache schlafen, und warum nicht unter dem Ihrigen?

—— Diesen Weg, sagte der Hauptmann, indem er geschickt die plötzliche Veränderung ihrer Stimmung wahr nahm und schlau sich hütete, dieselbe zu übertreiben, dadurch daß er noch Ewas hinzufügte. Diesen Weg.

Sie folgte ihm wenige Schritte hinterdrein und blieb plötzlich stehen.

—— Wenn ich nun aber schon entdeckt wäre? brach sie plötzlich heraus. Wer hat irgend welche Gewalt über mich? Wer kann mich mit zurücknehmen, wenn ich nicht einwillige zu gehen? Wenn Sie mich morgen Alle finden, was dann? Kann ich Nein sagen zu Mr. Pendril? Kann ich meinem Muthe vertrauen gegenüber Miss Garth?

—— Können Sie stark genug sein gegenüber Ihrer Schwester? flüsterte der Hauptmann, der die zwei Mal ihr entschlüpften Anspielungen auf Nora nicht entgangen waren. Ihr Haupt senkte sich. Sie schauderte zusammen, als ob die kalte Nachtluft sie berührt hätte, und lehnte sich müde gegen die Brustwehr des Walles.

—— Nein, nicht gegenüber Nora, sagte sie traurig. Ich könnte es mit den Anderen, nicht mit Nora.

—— Diesen Weg, wiederholte Hauptmann Wragge.

Sie erhob ich, sah auf zu dem dunklen Himmel, sah sich in der dunklen Aussicht um.

—— Was sein muß, muß sein, sagte sie und —— folgte ihm.

Die Münsteruhr schlug ein Viertel nach Sieben, als sie den Wallgang verließen und die Stufen ins Rosmaringäßchen herabstiegen. Fast im selben Augenblick gab der Advocatenschreiber aus London die letzten Weisungen für seine Untergebenen und nahm seinen Posten auf der entgegengesetzten Seite des Flusses im nahen Bereiche von Mr. Huxtables Wohnung ein.



Kapiteltrenner

Zweites Capitel.

Hauptmann Wragge hielt fast bei der Mitte der einen kleinen Häuserreihe an, aus welcher das Rosmaringäßchen bestand, und ließ sich und seinen Gast mittelst seines eigenen Schlüssels in seine Wohnung ein. Als sie in den Gang kamen, erschien eine kummervoll aussehende Frau mit einer Witwenhaube, in der Hand einen Leuchter.

—— Meine Nichte, sagte der Hauptmann, indem er Magdalenen vorstellte, meine Nichte auf Besuch in York. Sie ist so freundlich gewesen, mit Ihrer leeren Kammer vorlieb zu nehmen. Bemerken Sie wohl, wenn ich bitten darf, daß Sie sie meiner Nichte überlassen und besorgen Sie ja recht frische schöne Bettwäsche. Ist Mrs. Wragge oben? Sehr gut. Geben Sie mir gefälligst Ihr Licht einstweilen. Mein liebes Kind, Mrs. Wragges Empfangszimmer ist eine Treppe; Mrs. Wragge ist anwesend. Erlauben Sie mir, Ihnen den Weg zu zeigen.

Da er die Treppe voran hinaufstieg, so wußte die kummervolle Witwe Magdalenen die klägliche Bitte zuzuraunen:

—— Ich hoffe, Sie werden mich bezahlen, Miss. Ihr, Oheim zahlt nicht.

Der Hauptmann öffnete die Thür des vorderen Zimmers im ersten Stock und zeigte eine weibliche Gestalt, welche in einem verschossenen bernsteingelben Atlaskleide einsam auf einein kleinen Stuhle saß, mit schmutzigen alten Handschuhen angethan auf den Knieen ein abgegriffenes altes Buch, neben sich ein kleines Kammerlämpchen. Die Gestalt endigte am obern Ende mit einem großen glatten, weißen runden Gesichte, wie ein Mond, eingefaßt mit einer Haube und grünen Bändern und spärlich belebt durch Augen von einem sanften und nichtssagenden Blau, welche vorwärts ins Leere schauten und nicht die geringste Notiz von Magdalenens Erscheinen in der offenen Thür nahmen.

—— Mrs. Wragge! schrie der Hauptmann indem er sie anrief, als ob, sie fest eingeschlafen sei, Mrs. Wragge!

Die Dame mit den nichtssagend blauen Augen erhob sich langsam zu einer anscheinend kein Ende nehmenden Große. Als sie endlich eine aufrechte Stellung erreicht hatte, hatte sie sich dergestalt zu einer Höhe von zwei bis drei Zoll über sechs Fuß aufgethürmt. Riesen beiderlei Geschlechts sind durch eine weise Anordnung der Vorsehung meistentheils sehr sanfter Natur. Wenn Mrs. Wragge und ein Lamm neben einander gestellt worden wären, so würde die Vergleichung unter solchen Umständen das Lamm als einen Umstürzler der natürlichen Ordnung hingestestellt haben.

—— Thee, mein Lieber? fragte Mrs. Wragge, indem sie mit Unterwürfigkeit herabschaute auf ihren Eheherrn, dessen Kopf, wenn er sich auf die Zehen stellte, mit knapper Noth ihre Schultern erreichte.

—— Miss Vanstone, die jüngere, sagte der Hauptmann, indem er Magdalenen vorstellte. Unsere schöne Verwandte, welche ich durch einen glücklichen Zufall angetroffen habe. Unser Gast für die Nacht. Unser Gast! wiederholte der Hauptmann, indem er noch einmal schrie, als ob die große Dame schon wieder fest schliefe trotz des offenen Zeugnisses ihrer beiden Augen vom Gegentheil.

Ein Lächeln sprach sich, allerdings nur in schwacher Andeutung, auf dem großen leeren Zifferblatte von Mrs. Wragges Antlitz aus.

—— Ach so? sagte sie mit fragendem Tone. Ach wirklich? Ist’s Ihnen gefällig, Miss, Platz zu nehmen? Ich bin trostlos, —— nein, ich meine nicht, daß ich trostlos bin, ich meine, ich bin erfreut....

Sie hielt inne und sah ihren Eheherrn mit einem verlegenen, hilfesuchenden Blicke an.

—— Erfreut natürlich! schrie der Hauptmann.

—— Erfreut natürlich! wiederholte die Riesin im amberfarbenen Atlas noch zahmer als gewöhnlich.

—— Mrs. Wragge ist nicht taub, setzte der Hauptmann erklärend hinzu. Sie ist nur etwas langsam Von Begriffen, von vorherrschend schläfriger Anlage, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf. Ich spreche lediglich deßwegen etwas laut mit ihr —— und ich bitte, Sie wollen mir die Ehre geben, ebenfalls laut zu reden ——, weil dies ein nothwendiger Sporn für ihren langsamen Gedankengang ist. Schreien Sie sie ein wenig an, und sofort wird ihr Geist auf die rechte Bahn gelenkt. Sprechen Sie aber mit ihr im gewöhnlichen Tone, sofort wird sie meilenweit von Ihnen hinweg schweifen. Mrs. Wragge!

Mrs. Wragge ging augenblicklich aus den Sporn ein.

—— Thee, mein Lieber? frug sie zum andern Mal.

—— Setze Deine Haube gerade! schrie der Gatte. —— Ich bitte tausend Mal um Vergebung, begann er wieder, zu Magdalenen gewandt. Die traurige Wahrheit ist, ich bin ein Sklave meines eigenen Ordnungssinnes. Alles Unzeitige, jeder Verstoß gegen Ordnung und Regelmäßigkeit verursacht mir das allerlebhafteste Unbehagen. Meine Aufmerksamkeit ist abgezogen, meine Ruhe ist zerstört, ich kann nicht ruhen noch rasten, bis die Dinge wieder zurecht gebracht sind. Was das Aeußere anbetrifft, ist Mrs. Wragge zu meinem unendlichen Bedauern die verdrehteste Frau, mit der ich je zusammen gekommen bin. —— Noch mehr zurecht! schrie der Hauptmann, als Mrs. Wragge, wie ein wohlgezogenes Kind sich mit verbesserter Kopftracht dem kritischen Blicke des Gatten vorstellte.

Mrs. Wragge schob sofort die Haube nach links. Magdalene stand auf und setzte sie statt ihrer zurecht. Das Vollmondgesicht der Riesin erhellte sich zum ersten Male. Sie schaute mit Bewunderung Magdalenens Mantel und Hut an.

—— Lieben Sie die Kleider, Miss? fragte sie plötzlich in einem vertraulichen Flüstern. Ich liebe sie.

—— Zeige Miss Vanstone ihr Zimmer, sagte der Hauptmann, indem er dabei aussah, als gehörte ihm das ganze Haus. Das Fremdenzimmer, das Gastzimmer der Wirthin im dritten Stock nach vorn. Stelle Miss Vanstone alle Artikel zur Verfügung, welche ihre Toilette etwa benöthigt. Sie hat kein Gepäck bei sich. Leg zu, was ihr fehlt, und dann komm zurück und mache Thee.

Mrs. Wragge bekannte sich mittels eines Blickes von willfähriger Verwirrung zum Empfange dieser stolzen Befehle und begab sich aus dem Zimmer. Magdalene folgte ihr mit einem Licht, das ihr der aufmerksame Hauptmann gereicht hatte.

Sobald sie auf dem äußern Treppenabsatz allein waren, hob Mrs. Wragge das zerlumpte alte Buch, in welchem sie gelesen hatte, als Magdalene sich ihr zum ersten Male gezeigt hatte, und welches sie seitdem nicht aus der Hand gelegt hatte, und klopfte sich langsam damit vor die Stirn.

—— Ach, mein armer Kopf, sagte die große Frau in kleinlautem Selbstgespräch, das Schwirren ist wieder schlimmer als je vordem!

—— Das Schwirren? wiederholte Magdalene in ungemessenem Erstaunen.

Mrs. Wragge stieg die Treppe hinauf, ohne eine Erklärung von sich zu geben, hielt bei einem Zimmer des zweiten Stockes an und ging hinein.

—— Dies ist nicht das dritte Stock, sagte Magdalene, Dies ist also gewiß auch mein Zimmer nicht.

—— Warten Sie ein Bißchen, bat Mrs. Wragge. Warten Sie ein Bißchen, Miss, ehe wir höher hinausgehen. Ich habe das Schwirren in meinem Kopfe schlimmer als je. Warten Sie ein wenig, wenn Sie so gut sein wollen, bis ich ein wenig wohler bin.

—— Soll ich Hilfe holen? fragte Magdalene. Soll ich die Wirthin rufen?

—— Hilfe? wiederholte Mrs. Wragge, wie ein Echo. Gott vergelts Ihnen, aber ich brauche keine Hilfe. Ich bin es schon gewohnt. Ich habe das Schwirren in meinem Kopfe ab und zu gehabt, ach wie viele Jahre!...

Sie hielt inne, verlor den Zusammenhang und stellte plötzlich in Verlegenheit eine Frage.

—— Sind Sie ein Mal in Darchs Speisehause zu London gewesen? fragte sie mit dem Anschein der größten Spannung.

—— Nein, erwiederte Magdalene, verwundert über solch eine merkwürdige Frage.

—— Dort war’s, wo ich zuerst das Schwirren im Kopfe bekam, sagte Mrs. Wragge, indem sie mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit und mit Eifer die neue Spur verfolgte. Ich war zur Bedienung der Herren in Darchs Speisehause angestellt, ja, ja. Die Herrn kamen alle zusammen; die Herrn hatten alle zusammen Hunger; die Herren gaben ihre Befehle alle zusammen...

Sie stockte und klopfte sich wieder verzweifelt mit dem zerlesenen Buche an die Stirn.

—— Und da hatten Sie alle Bestellungen in Ihrem Kopfe zu behalten, jede getrennt von der andern? fügte Magdalene hinzu, indem sie ihrem Gedankengange nachhalf. Und die Mühe, Solches zu bewerkstelligen, machte Sie verwirrt?

—— So ist es! sagte Mrs. Wragge und wurde in einem Augenblicke heftig aufgeregt. Schweinefleisch mit Gemüse und Erbsenpudding für Nummer Eins. —— Gedämpftes Rindfleisch mit Möhren und Stachelbeertorte für Nummer Zwei. —— Ein Stück Hammelbraten und Grünes darüber, gut durchgebraten und Viel Fett für Nummer Drei. —— Stockfisch mit Pastinaken, zwei Schnitt hinter einander weg, heiß, sehr heiß, sonst ist’s Ihr Tod für Nummer Vier. —— Fünf, Sechs, Sieben, Acht, Neun, Zehn. —— Möhren und Stachelbeertorte —— Erbsenpudding und sehr viel Fett —— Schweinefleisch, Rindfleisch und Hammel und Alles geschnitten und Grünes darüber —— Doppelbier für den Einen und Ale für den Andern —— altes Brod hier —— und frisch Brod dorthin —— dieser Herr liebt Käse und jener nicht —— Mathilde, Thildchen, Thildchen, Thildchen, fünfzig Mal in Einem fort, bis ich nicht mehr wußte, wie eigentlich mein Name war —— Ach Gott, ach Gott, ach Gott! Alle zusammen, Alle zur selbigen Zeit, Alle ohne Geduld, Alle um meinen armen Kopf schwirrend und summend wie vierzig Tausend Millionen Bienen. —— Sagen sie es dem Hauptmann nicht, sagen Sie’s dem Hauptmann nicht!

Das unglückliche Wesen ließ das alte zerlesene Buch fallen und schlug mit beiden Händen an den Kopf, den Blick mit hellem Schreck nach der Thür gewendet.

—— Still nur, still! sagte Magdalene. Der Hauptmann hat Sie nicht gehört. Ich weiß nun, wie es mit Ihrem Kopfe steht. Lassen Sie mich ihn kühlen.

Sie tauchte ein Handtuch ins Wasser und drückte es an den brennenden armen Kopf, welchen Mrs. Wragge mit der Gelehrigkeit eines kranken Kindes ihr hinhielt.

—— Was für eine hübsche Hand Sie haben, sagte das beklagenswerthe Geschöpf, als es durch die Kühlung Erleichterung fühlte, und nahm Magdalenens Hand mit Bewunderung in die eigene. —— Wie weich und weiß sie ist! Ich versuche auch, eine Dame zu sein; ich behalte immer die Handschuhe an, aber ich kann meine Hände nicht so bekommen, wie die Ihrigen. Ich bin aber doch hübsch gekleidet, nicht wahr? Ich liebe Kleider: es ist ein Trost für mich. Ich bin immer recht froh, wenn ich meine Sachen ansehe. Ich meine —— werden Sie es übel nehmen? —— ich möchte so gern Ihren Hut einmal aufsetzen.

Magdalene that ihr mit dem schnell bereiten Mitgefühl der Jugend den Willen. Sie stand lächelnd und sich selber zunickend vor dem Spiegel mit dem Hute, aufgestülpt auf die Spitze ihres Kopfes.

—— Ich hatte ’mal einen, so hübsch als dieser, sagte sie, nur war er weiß, nicht schwarz. Ich trug ihn, als der Hauptmann mich heirathete.

—— Wo kamen Sie denn zuerst mit ihm zusammen? fragte Magdalene, indem sie die zufällig sich bietende Gelegenheit, ihre geringfügige Kenntniß von Hauptmann Wragge zu vermehren, benutzte.

—— Im Speisehause, sagte Mrs. Wragge. Er war der hungrigste und der lauteste, den man zu bedienen hatte. Ich beging bei ihm mehr Fehler, als bei all den Anderen zusammen genommen. Er pflegte zu fluchen, ach, konnte er fluchen! Als er nicht mehr fluchte über mich, heirathete er mich. Es waren noch Andere da, welche mich wollten, außer ihm. Gott stärke mich, ich hatte meinen Dünkel. Warum auch nicht? Wenn Sie eine kleine Summe Geld erübrigt haben, mehr als Sie erwartet hatten, warum soll Eins da nicht auf den Gedanken kommen, daß man eine Dame werden möchte? Hat eine Dame nicht auch ihren absonderlichen Geschmack? Ich hatte mein bißchen Geld und hatte meinen Geschmack und nahm den Hauptmann, ja, ich nahm ihn. Er war der Gescheidteste und der Kurzangebundenste von Allen. Er nahm sich meiner und meines Geldes an. Ich bin noch da, das Geld ist fort. Legen Sie das Handtuch nicht auf den Tisch dort, er wills nicht haben! Rühren Sie seine Rasiermesser nicht an, thun Sie’s ja nicht, bitte, sonst vergesse ich, welches es ist. Ich habe zu merken, welches das Messer für morgen ist. Gott stärke Sie, der Hauptmann barbiert sich nicht selbst! Er hat mir’s gelehrt. Ich barbiere ihn. Ich mache ihm die Haare und schneide ihm die Nägel, —— er ist sehr eigensinnig mit seinen Nägeln. So ist er auch mit seinen Hosen. Und mit seinen Schuhen. Und seiner Zeitung morgens. Und seinen! ersten und dem zweiten Frühstück, seinem Mittagsessen und Thee....

Sie hielt plötzlich inne, als ob ihr auf einmal etwas einfiele, sah sich um und bemerkte, die Hände vor Verzweiflung zusammen schlagend, das abgegriffene alte Buch auf dem Boden.

—— Ich habe die Stelle verloren! rief sie aus und wußte sich nicht zu rathen und zu helfen. Ach, erbarme Dich Gott, was wird aus mir werden! Ich habe die Stelle verloren!

—— Beruhigen Sie sich, sagte Magdalene. Ich will schon bald die Stelle wieder für Sie finden.

Sie hob das Buch auf, blätterte und fand, daß der Gegenstand von Mrs. Wragges Angst kein geringerer, als ein altvätersches Handbuch der Kochkunst war, das in die gewöhnlichen Abtheilungen Fisch, Fleisch und Geflügel zerfiel und die herkömmliche Reihe von Recepten enthielt. Indem Magdalene die Blätter umwandte, kam sie auf eine besondere Seite, welche dicht mit kleinen nassen Tropfen besäet war, die erst halb getrocknet schienen.

—— Merkwürdig! sagte sie, wenn Dies was Anderes, als ein Kochbuch wäre, so würde ich sagen, Jemand hätte darüber geweint.

—— Jemand? wiederholte Mrs. Wragge im Echo mit verwundertem Anstarren. Es ist nicht Jemand, ich bins. Ich danke Ihnen ergebenst, daß die Stelle wieder sicher ist. Gott stärke Sie, ich pflege darüber zu weinen! Sie würden auch weinen, wenn Sie des Hauptmanns Mittagessen darnach machen müßten. So gewiß ich mich je zu diesem Buche setze, so gewiß beginnt allemal das Schwirren in meinem Kopfe aufs Neue. Wer soll Das herausbekommen? Manchmal denke ich, ich habs, und Alles entfällt mir wieder. Manchmal denke ich, ich habs nicht, und Alles kommt mir im Haufen zurück. Sehen Sie her! Hier steht, was er für sein Frühstück morgen bestellt hat:

Eierkuchen mit Grünem.

Schlag auf zwei Eier mit ein wenig Wasser oder Milch, Salz, Pfeffer, Schnittlauch und Petersilie Hacke es klein.

—— Da haben wirs, es klein hacken. Wie soll ich es klein hacken, wenn Alles durch einander gemischt ist und läuft?

Thue ein Stückchen Butter, so groß wie Dein Daumen in die Bratpfanne.

—— Sehen Sie meinen Daumen an und sehen Sie Ihren an! Wie groß soll es denn da sein?

Koch es, aber nicht braun.

—— Wenn es nicht braun ist, welche Farbe soll es denn haben? Sie will es mir nicht sagen, sie erwartet, ich soll es wissen, und ich weiß es doch nicht.

Schütte den Eierkuchen hinein.

—— Das da, Das kann ich.

Laß es sich setzen, hebe es ringsum an den Rändern in die Höhe und wende es um, um es umzuschlagen.

—— Ach wie vielmals habe ich es gedreht und umgewandt in meinem Kopfe, ehe Sie heute Abend kamen.

Halt es weich, stülpe die Schüssel auf die Bratpfanne und kehre sie um.

—— Was soll ich umwenden? —— ach, mein Gott, nehmen Sie das kalte Tuch noch einmal und sagen Sie mir, was —— die Schüssel oder die Bratpfanne?

—— Stürze die Schüssel auf die Bratpfanne, sagte Madalene: und dann kehre die Bratpfanne um, so wirds wohl gemeint sein.

—— Ich danke Ihnen freundlich, sagte Mrs. Wragge. Ich muß es in den Kopf prägen, sagen Sie es mir doch noch einmal.

Magdalene sagte es ihr noch einmal.

—— Und dann kehre die Bratpfanne um, wiederholte Mrs. Wragge mit plötzlichem Anflug von Eifer. Ich habs nun behalten! Ach, die vielen Stück Eierkuchen, die alle in meinem Kopfe gar wurden und alle mißriethen. Sehr verbunden, das muß ich sagen. Sie haben mich aufs richtige Tapet gebracht: ich bin nur ein wenig angegriffen vom Sprechen. Und dann kehre die Pfanne, dann kehre die Pfanne, dann kehre die Pfanne um. Es klingt wie Verse, nicht wahr?

Ihre Stimme sank, und sie schloß schläfrig die Augen. Im selben Augenblick ging unten die Thür des Zimmers auf, und die honigsüße Baßstimme des Hauptmanns drang die Treppe herauf, verstärkt zu dem gewöhnlichen Sporn für die Fähigkeiten seiner Frau.

—— Mrs. Wragge! schrie der Hauptmann. Mrs. Wragge!

Sie sprang auf bei dieser schrecklichen Mahnung.

—— Ach, was sollte ich doch gleich thun? fragte sie zerstreut. Eine ganze Menge Dinge, und ich hab’ sie alle vergessen.

—— Sagen Sie nur, Sie hätten Alles so gemacht, wenn er Sie fragt, redete Magdalene ihr zu. Es waren Dinge, die mich angingen, Dinge, die ich nicht nöthig habe. Ich erinnere mich an Alles, was nöthig ist. Mein Zimmer ist das Vorderzimmer im dritten Stock. Gehen Sie hinunter und sagen Sie, ich käme sogleich.

Sie nahm die Lampe und schob Mrs. Wragge hinaus auf die Treppe.

—— Sagen Sie, ich käme gleich, flüsterte sie und ging allein zum dritten Stock hinauf.

Das Zimmer war klein, enge und sehr ärmlich ausgestattet. In früheren Zeiten würde Miss Garth Anstand genommen haben, solch ein Zimmer einem der Dienstmädchen aus Combe-Raven zu bieten. Allein es war wenigstens ruhig, es war doch gut genug, um sie auf einige Minuten von aller Gesellschaft zu befreien, und in diesem Betracht war es erträglich, ja sogar willkommen. Sie schloß sich ein und ging unwillkürlich fast, in dem ersten Drange jeder Frau, wenn sie sich in einem fremden Schlafgemach befindet, an den wackligen kleinen Tisch und den trüben kleinen Spiegel. Sie wartete dort einen Augenblick und wandte sich dann mit mattem Verdruß hinweg.

—— Was schadet es, wenn ich bleich bin? dachte sie bei sich selbst, Frank kann mich nicht sehen, was schadet es nun?

Sie legte Mantel und Hut ab und setzte sich nieder, um sich zu sammeln. Aber die Ereignisse des Tages hatten sie erschöpft. Die Vergangenheit machte ihr Herzeleid, wenn sie anfing daran zu denken. Die Zukunft war eine finstere Leere, wenn sie anfing, in sie hinaus zu schauen. Sie stand wieder auf und stellte sich an das Fenster, das übrigens keine Vorhänge hatte, stellte sich hin und sah hinaus, als ob die trostlose Nacht da draußen doch noch irgendwo in ihrer eigenen Trostlosigkeit einiges geheime Mitgefühl für sie in sich berge.

—— Nora! sprach sie mit Innigkeit vor sich hin, ich möchte wissen, ob Nora an mich denkt? Ach, wenn ich so duldsam sein könnte, wie sie ist! Wenn ich nur die Schuld vergessen könnte, die wir Michael Vanstone heimzuzahlen haben!

Ihr Gesicht verfinsterte sich mit einem Ausdruck verzweifelter Rache, und sie maß ihren kleinen Käfig von einem Zimmer mit leisen Schritten hin und her.

—— Nein, nimmermehr, ehe nicht die Schuld getilgt ist!

Ihre Gedanken schweiften wieder zu Frank zurück.

—— Noch auf der See der arme Kerl ——, weiter und immer weiter von mir entfernt, auf raschem Kiel dahin fahrend die Tage, die Nächte hindurch! Ach, Frank liebe mich treu!

Ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie zerdrückte sie, ging nach der Thür und lachte mit dem Aufschrei der Verzweiflung, als sie wieder aufschloß.

—— Jedwede Gesellschaft ist mir besser, als die meiner eigenen Gedanken, rief sie jäh ausbrechend. Ich vergesse ja meine neubackenen Verwandten, meine schwachsinnige Tante und meinen Oheim, den erbärmlichen Menschen.

Sie stieg die Treppe hinunter bis zum Absatze auf der ersten Etage und blieb hier einen Augenblick zögernd stehen.

—— Wie wird es enden? fragte sie sich selbst. Wohin führt mich nun meine Reise ins Blaue? Wer weiß es und wen geht es an?

Sie trat ins Zimmer.

Hauptmann Wragge führte den Vorsitz beim Thee mit der Miene eines in seinem Banquetsaale sich fühlenden Fürsten. An der einen Seite des Tisches saß Mrs. Wragge und hing an ihres Gatten Augen, wie ein Thier, das gefüttert werden soll. An der andern Seite war ein leerer Stuhl, auf welchen der Hauptmann mit einer einladenden Handbewegung hinwies, als Magdalene eintrat.

—— Wie finden Sie Ihr Zimmer? frug er; ich hoffe doch, Mrs. Wragge hat sich nützlich gemacht? Nehmen Sie Milch und Zucker? Versuchen Sie das hiesige Brod, geben Sie der Yorker Butter die Ehre, kosten Sie die Frische eines neuen Eies aus der Nachbarschaft. Ich biete Ihnen all das Wenige, das ich habe. Eine Armenmannes-Mahlzeit, mein liebes Mädchen, aber gewürzt mit dem Willkommen eines Gentleman.

—— Gewürzt mit Salz, Pfeffer, Schnittlauch und Petersilie, murmelte Mrs. Wragge, welche sofort ein Wort aufschnappte, das mit der Kochkunst zusammenhing, und indem sie betreffs des Eierkuchens ihr Merk stärkte für den ganzen übrigen Abend.

—— Sitze gerade bei Tische! schrie der Hauptmann. Mehr nach links, noch mehr —— so wirds genug sein. —— Während Sie oben waren, fuhr er zu Magdalene gewendet fort —— ist mein Geist nicht müßig gewesen. Ich habe Ihre Lage in Betracht gezogen von einem Ihnen nur vortheilhaften Gesichtspunkte aus. Wenn Sie sich entschließen, sich morgen von dem Lichte meiner Erfahrung leiten zu lassen, so steht dies Licht ohne Vorbehalt ganz zu Ihrer Verfügung, Sie können natürlich sagen:

—— Ich weiß nur wenig von Ihnen, Hauptmann, und das Wenige ist unvortheilhaft.

—— Zugegeben unter dem Bedingung, daß Sie mir erlauben, Sie, wenn der Thee vorüber ist, mit mir selbst und meinem Charakter näher bekannt zu machen. Falsche Scham ist meiner Natur fremd. Sie sehen meine Frau, mein Haus, mein Brod, meine Butter und meine Eier, Alles, wie es eben ist. Sehen Sie mich nun ebenfalls, liebes Mädchen, weil Sie einmal dabei sind.

—— Als der Thee vorüber war, zog sich Mrs. Wragge auf ein Zeichen ihres Mannes in einen Winkel des Zimmers zurück, immer mit dem ewigen Kochbuche in der Hand.

—— Wiege es klein, flüsterte sie, als sie an Magdalenen vorbeiging; das ist eine Plage, nicht wahr?

—— Schon wieder umgetreten! schrie der Hauptmann, indem er auf die schwerfälligen, plumpen Füße seiner Frau hindeutete, als sie dieselben schlürfend durchs Zimmer zog. —— Der rechte Schuh. Zieh ihn wieder herauf, Mrs. Wragge, zieh ihn wieder an die Ferse! —— Bitte, erlauben Sie mir, fuhr er fort, indem er Magdalenen den Arm bot und sie zu einem schmutzigen Roßhaarsopha führte. Sie bedürfen der Ruhe —— nach Ihrer langen Reise, Sie bedürfen wirklich der Ruhe.

Er zog seinen Stuhl an das Sopha und betrachtete sie mit einem einschmeichelnd forschenden Blicke, als wenn er ihr Arzt gewesen wäre und ihre Diagnose im Kopfe gehabt hätte.

—— Sehr angenehm, sehr angenehm! sagte der Hauptmann, als er seinen Gast sich auf dem Sopha bequem machen sah. Ich fühle mich ganz und gar im Schooße meiner Familie. Sollen wir auf unsern Gegenstand zurückkommen, den Gegenstand meiner eigenen schuftigen Person? Nein, nein! Keine Beschönigungen, keine Einwände, ich bitte Sie. Machen Sie Ihrerseits die Sache nicht kleiner und verlassen Sie sich darauf, daß ich meinerseits sie nicht kleiner machen werde. Kommen wir nun, wenn ich bitten darf, auf das Thatsächliche. Wer und was ich bin? Leuten Sie Ihren Geist zurück zu unserer Unterredung auf dem Walle dieser anziehenden Stadt und lassen Sie uns von Ihrem Gesichtspuncte aus noch einmal unsern Ausgang nehmen. Ich bin ein erbärmlicher Mensch und in dieser Eigenschaft, wie ich Ihnen schon bemerklich gemacht habe, gerade der nützlichste Mann, den Sie hätten finden können. Nun bemerken Sie wohl! Es gibt viele Spielarten erbärmlicher Menschen; lassen Sie mich Ihnen zunächst sagen, zu welcher Classe denn eigentlich ich gehöre. Ich bin ein Industrieritter, ein Schwindler.

Seine vollständige Schamlosigkeit war wirklich übermenschlich. Nicht die Spur eines Erröthens unterbrach die bleiche Einförmigkeit seines Gesichts, das Lächeln schwebte so angenehm wie immer um seine gekräuselten Lippen, seine doppelfarbenen Augen zwinkerten Magdalenen zu mit der stillvergnügten Offenheit eines natürlich harmlosen Mannes. Hatte seine Frau ihn gehört? Magdalene sah über ihre Schulter nach dem Zimmerwinkel, wo sie hinter ihr saß. Nein, die angehende Schülerin der edlen Kochkunst war ganz in ihren Gegenstand vertieft Sie hatte ihren Zukunftseierkuchen zu dem Stadium gebracht, wo die Butter dazu gethan werden soll, jenes unbestimmt angegebene Stückchen Butter von der Größe Deines Daumens. Mrs. Wragge saß da versunken in den Anblick eines ihrer eigenen Daumen und schüttelte ihren Kopf darüber, als ob sie gar nicht recht damit zufrieden wäre.

—— Erschrecken Sie nicht darüber, fuhr der Hauptmann fort, erstaunen Sie nicht darüber. Schwindler ist nur ein Wort von zwei Sylben S, ch, w, i, n, d: Schwind, l, e, r: ler, Schwindler Erklärung: ein »moralischer« Landwirth, ein Mann, welcher das Feld des menschlichen Mitleids bebaut. Ich bin jener moralische Landwirth, jener Feldbebauer. Engherzige Mittelmäßigkeit, neidisch auf meinen Erfolg im Berufe, nennt mich einem Schwindler. Was ist Das weiter? Derselbe anschwärzende Geist pflegt auch Männer von anderen Berufsarten auf ähnliche Weise in den Staub zu ziehen, nennt große Schriftsteller Scribenten, große Generäle Menschenschlächter und so weiter. Es kommt ganz auf den Gesichtspunkt an. Wenn ich Ihre Gesichtspunkt annehme, so kennzeichne ich mich selbst unverholen als Schwindler. Nun seien Sie mir wieder gefällig und nehmen Sie einmal meinen Gesichtspunct an. Hören Sie, was ich für mich selbst zu sagen habe, hinsichtlich der Ausübung meines Berufs. Soll ich fortfahren, es frei herauszusagen?

—— Ja, sagte Magdalene, und ich will Ihnen nachher frei heraus sagen, was ich davon denke.

Der Hauptmann räusperte sich und sammelte seine ganzen Hilfstruppen an Worten, Reiterei, Fußvolk, Geschütz und Nachschub, stellte sich selbst an die Spitze und stürzte sich in den Kampf, um die Sittlichkeitsschanzen der Gesellschaft mit einem Angriff auf der ganzen Linie zu nehmen.

—— Nun merken Sie auf, begann er. Hier bin ich, ein armer Teufel. Sehr gut. Ohne die Frage dadurch noch verwickelter zu machen, daß ich frage, wie ich in diese Lage gekommen bin, will ich nur untersuchen, ob es die Pflicht eines christlichen Gemeinwesens ist oder nicht ist, den Armen zu helfen. Wenn Sie Nein sagen, so werfen Sie mich in den Sand, und ich bin fertig. Wenn Sie Ja sagen, dann erlauben Sie mir die Frage: Warum verdiene ich Tadel, daß ich einer christlichen Gemeinde dazu verhelfe ihre Pflicht zu erfüllen? Sie können sagen: Ist ein bedächtiger Mann, der sich Geld gespart hat, verbunden, es an einen sorglosen Fremden wieder wegzugeben, der keins gespart hat? Jawohl ist er verbunden! Und warum, wenns gefällig ist? Guter Gott, darum, weil er das Geld einmal hat, natürlich. Durch die ganze Welt erhält der Mann, der kein Geld hat, solches von Dem Manne, welcher es hat, unter dem einen oder dem andern Vorwande, und in neun Fällen unter zehn ist der Vorwand ein falscher. Wie? Ihre Taschen sind voll, und meine Taschen sind leer, und doch weigern Sie sich mich zu unterstützen? Geizige Person, denken Sie, ich werde Ihnen erlauben, die heiligen Pflichten der christlichen Liebe mir gegenüber zu verletzen? Ich werde es Ihnen nicht gestatten, ich sage es mit Bestimmtheit, ich werde es nicht zugeben. Das sind meine Grundsätze als ein moralischer Landwirth. Grundsätze, welche zweideutig sind? Gewiß! Verdiene ich Tadel, wenn nun einmal das Feld des menschlichen Mitgefühls nicht anders bearbeitet werden kann? Fragen Sie nur meine Collegen die wirklichen Landwirthe, ob sie ihre Ernten so ohne weiteres Zuthun bekommen? Nein, sie müssen auch der dürren Natur mit List Etwas abgewinnen, wie ich es mit geizigen Menschen mache. Sie müssen pflügen, säen, oben und unten bearbeiten, auf der Oberfläche und tief unten entwässern, und was dergleichen mehr ist. Wie soll ich dabei gestört werden, wenn ich meinerseits im weitesten Umfange die tiefe Drainage bei der Menschheit anwende? Warum soll ich darob verfolgt werden, weil ich für gewöhnlich die edelsten Empfindungen unserer gemeinen Natur rege zu machen suche? Schändlich! Ich kann es mit keinem andern Worte bezeichnen, schändlich! Wenn ich nicht Vertrauen auf die Zukunft hätte, so könnte ich an der Menschheit irre werden. Aber ich vertraue der Zukunft. Ja, eines schönen Tages, wenn ich todt und dahin sein werde, wenn die Ideen sich erweiteren und die Aufklärung zunimmt, werden die eigentlichen Verdienste des Berufes, den man jetzt Schwindel nennt, zu Ehren kommen. Wenn jener Tag kommt, zieht mich nicht aus meinem Grabe und gebt mir etwa ein öffentliches Begräbniß, macht Euch nicht den Vortheil zu nutze, daß ich keine Stimme mehr habe zu meiner Vertheidigung, und beleidigt mich nicht durch eine nationale Bildsäule. Nein, laßt mir Gerechtigkeit widerfahren auf meinem Grabsteine, reißt mich durch einen herrlichen Spruch in meiner Grabschrift heraus. »Hier liegt Wragge, einbalsamiert nach der zu späten Erkenntniß seiner Gattung: er bearbeitete seine Mitmenschen mit Pflug, Säemaschine und Erntesichel, und die aufgeklärte Nachwelt wünscht ihm Glück zu der gleichförmigen ausgezeichneten Güte seiner Ernten.«

Er hielt inne, nicht aus Mangel an Vertrauen, nicht weil es ihm an Worten fehlte, lediglich aus Mangel an Athem.

—— Ich stelle freimüthig und mit Humor dar, sagte er selbst gefällig. Ich erschrecke Sie doch nicht, nicht wahr?

Müde und verstimmt, wie sie war, argwöhnisch gegen Andere, zweifelnd an sich selbst, fühlte Magdalene doch mit ihrem angeborenen Sinne für Humor das Komische dieser ausbündigen Unverschämtheit von Hauptmann Wragges Vertheidigungsrede über den Schwindel und mußte lächeln, sie mochte wollen oder nicht.

—— Ist die Yorkshirer Ernte eine besonders reiche in diesem Augenblick? fragte sie, indem sie echt weiblich ihm mit gleicher Waffe diente.

—— Ein guter Einfall, ein kluger Einfall, sagte der Hauptmann, indem er scherzend die Enden seines abgetragenen Jagdkollers in die Höhe hob als sprechendes Zeugniß für Magdalenens Bemerkung. Mein liebes Kind, hier oder anderswo fehlt es nie an Ernten, aber ein einzelner Mann kann sie nicht immer heim bringen. Der Beistand eines mitwirkenden Geistes ist, wie ich bedauern muß zu sagen, mir versagt. Ich habe Nichts gemein mit dem plumpen Troß meiner Berufsgenossen, welche sich vor Magistrat und Obrigkeit des größten Fehlers schuldig machen: der unheilbaren Unfähigkeit in der Ausübung ihres Geschäfts. So wie Sie mich hier sehen, stehe ich allein da. Nach Jahren glücklicher Unabhängigkeit fangen die unausbleiblichen Kehrseiten des Ruhmes an, sich auch bei mir unangenehm geltend zu machen. Auf meinem Zuge vom Norden her bleibe ich in dieser anziehenden Stadt zum dritten Male halten, ich befrage meine Bücher nach den gewöhnlichen Notizen über frühere Erfahrungen am Orte. Ich finde dann unter dem Kopftitel: Persönliche Stellung in York die Anfangsbuchstaben: Z. G. B., welche heißen Zu Gut Bekannt. Ich erhole mir Rath in meinem Ortsverzeichnisse und wende mich zu der umgebenden Nachbarschaft. Dieselben kurzen Bemerkungen begegnen meinem Auge: Leeds. Z. G. B. —— Scarborough. Z. G. B. —— Harrowgate. Z. G. B. und so fort. Was ist die unausleibliche Folge? Ich unterbreche meine Maßregeln, meine Hilfsquellen versiegen, und meine schöne Anverwandte findet mich in einer Krisis meiner Laufbahn.

—— Ihre Bücher? sagte Magdalene Welche Bücher meinen Sie?

—— Sie sollen gleich sehen, versetzte der Hauptmann. Haben Sie oder haben Sie nicht Vertrauen zu mir, wie es Ihnen beliebt: ich aber vertraue Ihnen ganz und gar. Sie sollen sehen.

Mit diesen Worten zog er sich in das hintere Zimmer zurück. Während er fort war, richtete Magdalene noch einmal einen verstohlenen Blick auf Mrs. Wragge. War sie noch immer außer Bereich der Sündfluth von ihres Mannes Redefluß? Vollständig außer Bereich. Sie hatte den Zukunftseierkuchen zum letzten Stadium des culinarischen Vorgangs gebracht und machte eben die letzte Bewegung des Umdrehens zur Probe, indem ihre flache Hand die Schüssel und das Kochbuch die Bratpfanne vorstellte.

—— Ich habs behalten, sagte Mrs. Wragge, indem sie über das Zimmer weg Magdalenen zunickte. Erst decke die Bratpfanne über die Schüssel und dann wende Beides um.

Hauptmann Wragge kam zurück und brachte ein hübsches schwarzes Futteral mit einem blanken Messingschloß mit. Er holte aus dem Futteral fünf bis sechs kleine Bücher hervor, welche in das kaufmännische Kalbsleder mit Pergament gebunden und jedes mit seinem besonderen Schlößchen verschlossen waren.

—— Bemerken Sie, sagte der moralische Landwirth: ich lege meinerseits kein großes Gewicht darauf, es ist meine Natur, ordentlich zu sein, und ordentlich bin ich. Ich muß jedes Ding schwarz auf weiß niedergeschrieben haben, sonst werde ich toll. Hier ist meine kaufmännische Bibliothek: Tagebuch, Hauptbuch, Bezirksbuch, Briefwechselbuch, Bemerkungenbuch u. s. w. Werfen Sie gefälligst einen Blick in eines derselben. Ich schmeichle mir, es ist nichts von einem Klex oder einem nachlässig hingeworfenen Eintrag darin von der ersten bis zur letzten Seite. Sehen Sie dies Zimmer an: ist ein Stuhl nicht an seinem Platze? Nicht daß ich wüßte wenigstens. Sehen Sie mich an. Bin ich staubig, bin ich schmutzig, bin ich schlecht rasiert? Bin ich mit einem Worte ein sauberer Armer oder nicht? Bemerken Sie! Ich lege keinen Werth darauf, es ist nun einmal meine Natur, liebes Mädchen, einmal meine Natur so!

Er öffnete eines von den Büchern Magdalene konnte die bewundernswerthe Genauigkeit, mit der die Einträge alle ausgeführt waren, nicht beurtheilen, aber wohl konnte sie die Schönheit der Handschrift, die Regelmäßigkeit der Zahlenreihen, die mathematische Genauigkeit der gezogenen rothen und schwarzen Linien, die vollständige Makellosigkeit in Hinsicht auf Klexe, Flecke oder Ausradirungen würdigen. Obschon Hauptmann Wragges angeborener Ordnungssinn bei ihm, sowie bei Anderen ein zu äußerliches, durch die Gewohnheit befestigtes Moment war, um irgend welche tiefere moralische Wirkung auf seine Handlungen auszuüben, so hatte er doch auf seine Gewohnheiten seinen naturgemäßen Einfluß geübt und seine schlechten Streiche so genau in eine Methode und ein System gebracht, als ob es die Geschäftsunternehmungen eines ehrlichen Mannes gewesen wären.

—— Auf den ersten Blick erscheint mein System verwickelt? fuhr der Hauptmann fort. In der That aber ist es die Einfachheit selbst. Ich vermeide einfach die Fehler der kleineren Berufsgenossen D. h. ich bitte niemals für mich selbst, und dann wende ich mich niemals an reiche Leute. Beides bedeutungsvolle Mißgriffe, welche der kleinere Berufsgenosse beständig begehen Leute mit geringem Einkommen haben oft großmüthige Regungen betreffs Geldsachen, reiche Leute niemals. Mylord mit vierzig Tausend Pfund im Jahr, Sir John mit Liegenschaften in einem halb Dutzend Grafschaften: das sind die Menschen, welche dem vornehmen Bettler es niemals vergeben, wenn er ihnen ein Goldstück abgeschwindelt hat, das sind die Menschen, welche nach der Armenpolizei schicken, das sind die Menschen, welche ihr Geld in Acht nehmen. Wer sind die Leute, die Schillings und halbe Schillinge aus reiner Nachlässigkeit verlieren? Dienstboten und kleine Schreiber, für die Schillinge und halbe Schillinge schwer genug sind. Haben Sie je gehört, daß Rothschild oder Baring ein Vierpencestück in ein Canalloch haben fallen lassen? Vierpencestücke in Rothschilds Tasche sind sicherer als in der Tasche des Weibes, welches eben in Skeldergate alte Krabben ausruft. Durch diese gesunden Grundsätze gewappnet, durch die Schätze niedergeschriebener Nachweise in meiner kaufmännischen Bibliothek aufs Beste unterrichtet, habe ich die Bevölkerung in früherer Zeit förmlich durchs Sich getrieben und meine Wohlthätigkeitsernten mit dem erfreulichsten Erfolge von ihr erhoben. Hier in Buch Numero Eins sind alle meine Bezirke aufgezeichnet mit den in jedem vorherrschenden Volksneigungen: —— Militärischer Bezirk, Geistlicher Bezirk, Landwirthschaftlicher Bezirk, u. s. w., u. s. w. Hier in Numero Zwei sind meine Fälle, welche ich zum Vorwand meiner Gesuche nehme: —— Familie eines bei Waterloo gefallenen Offiziers; Weib eines armen Landgeistlichen, das an einem Nervenleiden darnieder liegt; Witwe eines bedrängten Viehhändlers, den ein wüthender Stier zu Tode gespießt hat, u. s. w., u. s. w. Hier in Numero Drei sind die Leute, welche von der Offiziersfamilie gehört haben, von des Landgeistlichen Frau, des Viehhändlers Witwe wissen, und die, welche Nichts davon wissen die Leute, welche Ja gesagt, und die, welche Nein gesagt haben; die Leute, die man wieder anbohren kann; die Leute, welche einen neuen Fall brauchen, um gepackt zu werden; die Leute, welche zweifelhaft, die Leute endlich, welche zu vermeiden sind, u. s. w., u. s. w. Hier in Numero Vier sind meine nachgemachten Handschriften von öffentlichen Beamten, meine Zeugnisse über meine eigene Würde und Unbescholtenheit, meine herzbrechenden Schilderungen von der Familie des Offiziers, von der Frau des Geistlichen und der Witwe des Viehhändlers, befleckt mit Thränen, getränkt mit Rührung u. s. w., u. s. w. Hier in den Nummern Fünf und Sechs sind meine eigenen Zeichnungen zu wohlthätigen Zwecken am Orte, wirklich eingezahlt in lohnenden Nachbarschaften nach dem Sprache: eine Wurst nach der Speckseite werfen; ebenso mein Tagebuch über jede Tagesverrichtung, meine persönlichen Betrachtungen und Bemerkungen, meine Schilderung bestehender Schwierigkeiten (sowie die Schwierigkeit z. B. mich Z. G. B. in dieser anziehenden Stadt zu wissen); meine Ausgänge und mein Nachhausekommen; Wind und Wetter; Politik und öffentliche Vorkommnisse; Schwankungen in meiner Gesundheit, Schwankungen in Mrs. Wragges Kopfe, Schwankungen in unseren Einkünften und Mahlzeiten, unseren Zahlungen, Aussichten und Grundsätzen, u. s. w., u. s. w. So liebes Kind, »geht die Mühle« des Schwindlers. So sehen Sie mich, ganz wie ich bin. Sie wußten, bevor ich Sie traf, daß ich »von meinem Witz lebte«. Gut, habe ich nun Ihnen gezeigt oder nicht, daß ich allerdings Witz habe, um davon zu leben?

—— Ich hege keinen Zweifel, daß Sie sich selbst alle Gerechtigkeit haben widerfahren lassen, sagte Magdalene ruhig.

—— Ich bin durchaus noch nicht fertig, fuhr der Hauptmann fort. Ich kann, wenns sein muß, noch den ganzen Abend fortfahren. —— Indessen, wenn ich mir selbst volle Gerechtigkeit habe widerfahren lassen, so kann ich vielleicht die übrigen Punkte in meinem Charakter für künftige Gelegenheiten zu schildern vorbehalten. Für jetzt ziehe ich mich in den Hintergrund zurück Wragge tritt ab. Und nun zum Geschäftlichen! Gestatten Sie mir, Sie zu fragen, welche Wirkung ich auf Ihren Geist hervorgebracht habe? Glauben Sie noch, daß der erbärmliche Mensch, der Ihnen alle seine Geheimnisse vertraut hat, ein Kerl ist, der darnach verlangt, von einer schönen Verwandten einen gemeinen Nutzen zu ziehen?

—— Ich will noch ein wenig warten, begann Magdalene bevor ich diese Frage beantworte. Als ich zum Thee herunterkam, sagten Sie mir, daß sich eben Ihr Geist meinetwegen beschäftigt habe? Darf ich fragen wieso?

—— Jedenfalls, sagte Hauptmann Wragge Sie sollen das reine Ergebniß der ganzen geistigen Arbeit haben. Besagte Denkarbeit betraf die gegenwärtigen und zukünftigen Maßregeln Ihrer trostlosen Freunde und der Advocaten, welche denselben Sie suchen helfen. Ihre gegenwärtigen Maßregeln sind aller Wahrscheinlichkeit nach folgende. —— Der Schreiber des Rechtsanwalts hat Sie bei Mr. Huxtable aufgegeben und hat Sie zugleich nach sorgfältigen Nachforschungen auch in allen Hotels aufgegeben. Seine letzte Hoffnung ist, daß Sie nach Ihrem Koffer im Garderobezimmer schicken würden. Sie schicken nicht darnach, und nun ist der Schreiber heute Nacht (Dank Hauptmann Wragge und dem Rosmaringäßchen) zu Ende mit seinen Hilfsmitteln. Er wird diese Thatsache sofort seinen Dienstherren in London mittheilen, und diese seine Herren (erschrecken Sie nicht!) werden nunmehr ihre Zuflucht zur Criminalpolizei nehmen. Etwaige Verzögerungen unvermeidlicher Art zugestanden, wird ein berufsmäßiger Polizeispion mit all seiner Verschmitztheit und jenen Placaten, um ihn insgeheim in den Stand zu setzen, Sie zu erkennen, sicherlich nicht später als übermorgen, vielleicht sogar noch eher hier sein. Wenn Sie in York bleiben, wenn Sie mit Mr. Huxtable sich Verbindung setzen, wird Sie der Späher ausfindig machen. Wenn Sie im andern Falle die Stadt verlassen, ehe er kommt (indem Sie Ihre Abreise natürlich anders als mit Eisenbahn bewerkstelligen) versetzen Sie ihn in dieselbe Klemme wie den Schreiber —— Sie machen es ihm unmöglich, eine neue Fährte von Ihnen aufzuspüren. Das ist meine kurze Ansicht von Ihrer gegenwärtigen Lage. Was halten nun Sie selbst davon?

—— Ich halte davon, sie hat einen Mangel, sagte Magdalene. Sie endigt im Leeren.

—— Berzeihen Sie mir, versetzte der Hauptmann, Sie endigt mit einer Anordnung für Ihre sichere Abreise und mit einem Plan zur gänzlichen Befriedigung Ihrer Wünsche Betreffs der Bühne: Beides aus den Hilfsquellen meiner Erfahrung geschöpft und Beides auf das erste Wort von Ihnen mit allen Einzelheiten zu Ihrer sofortigen Verfügung.

—— Ich denke, ich weiß, was das für ein Wert ist, antwortete Magdalene indem sie ihn aufmerksam anschaute.

—— Sehr erfreut, Dies zu hören, wahrhaftig. Sie haben nur zu sagen: —— Hauptmann Wragge nehmen Sie sich meiner an, —— und meine Pläne sind Ihr Eigenthum auf der Stelle.

—— Ich will mir über Nacht Ihren Vorschlag überlegen, sagte nach einem augenblicklichen Nachdenken Magdalene. Sie sollen morgen früh meine Antwort haben.

Hauptmann Wragge sah ein wenig enttäuscht aus. Er hatte nicht vorausgesehen, daß diese Rückhaltung von seiner Seite ganz ruhig auch eine Rückhaltung von ihrer Seite finden werde.

—— Warum entscheiden Sie sich nicht gleich mit einem Male? stellte er ihr mit seinem einschmeichelndsten Tone vor. Sie haben nur zu erwägen....

—— Ich habe mehr zu erwägen, als Sie denken, antwortete sie. Ich habe noch etwas Anderes vor außer dem Ziel, das Sie schon kennen.

—— Darf ich fragen ...?

—— Entschuldigen Sie, Hauptmann Wragge, nein, Sie dürfen nicht fragen. Erlauben Sie mir, Ihnen für Ihre Gastfreundschaft zu danken und Ihnen gute Nacht zu wünschen. Ich bin erschöpft. Ich bedarf der Ruhe.

Noch einmal fügte sich der Hauptmann wohlweislich in ihre Laune mit der schnellen Selbstbeherrschung eines erfahrenen Mannes.

—— Erschöpft, natürlich! sagte er mitleidig. Unverzeihlich von meiner Seite, daß ich nicht eher daran gedacht habe. Wir wollen unser Gespräch morgen fortsetzen. Erlauben Sie mir Ihnen ein Licht zu reichen. Mrs. Wragge!

Ermüdet von der geistigen Abmühung verfolgte Mrs. Wragge im Traume das weitere Schicksal ihres Eierkuchens. Ihr Kopf war nach der einen, ihr Leib nach der andern Seite umgesunken Sie schnarchte süß. In Zwischenräumen hob sich eine ihrer Hände in die Luft, schüttelte eine eingebildete Pfanne und fiel mit leisem Klappen wieder auf das Kochbuch in ihrem Schooße nieder. Beim Tone von ihres Gatten Stimme sprang sie auf und stellte sich vor ihn halb schlaftrunken, die Augen weit offen.

—— Hilf Miss Vanstone, sagte der Hauptmann. Und das nächste Mal, wenn Du Dich wieder auf dem Stuhle vergissest, schlaf in gerader Haltung, ärgere mich nicht dadurch, daß Du so schief umgelegt schläfst.

Mrs. Wragge machte ihre Augen noch weiter auf und sah Magdalenen an in hilfloser Verwunderung.

—— Frühstückt der Hauptmann bei Kerzenlicht? fragte sie leise. Und habe ich den Eierkuchen nicht gemacht?

Ehe die Berichtigung ihres Gatten mit einem neuen Anschreien erfolgen konnte, nahm Magdalene sie mitleidig beim Arme und führte sie aus dem Zimmer.

—— Noch etwas Anderes außer dem Ziel, das ich kenne? wiederholte Hauptmann Wragge, als er allein war. Ist nach alle Dem doch ein Herr im Hintergrunde? Wird Unheil im Finstern gebrütet, auf das ich nicht gerechnet hatte?



Kapiteltrenner

Drittes Capitel.

Gegen sechs Uhr am nächsten Morgen erwachte Magdalene, als ihr das Licht auf das Gesicht fiel, indem Kämmerlein auf dem Rosmaringäßchen.

Sie fuhr aus ihrem tiefen nicht mit Träumen umkränzten Schlummer der vergangenen Nacht mit jenem unheimlichen befremdlichen Gefühl beim ersten Erwachen auf, welches Jeden befällt, der die erste Nacht in einem fremden Bette geschlafen hat.

—— Nora! rief sie halb im Schlafe, als sie die Augen öffnete.

Den nächsten Augenblick ermunterte sich ihr Geist und ihre Sinne machten sie mit der Wirklichkeit bekannt. Sie sah sich in dem elenden Zimmerchen mit äußerstem Mißbehagen um, je mehr sie davon erkannte. Der Gegensatz der Unsauberkeit, welchen der Ort zu Allem, was sie bisher in ihrem Schlafgemach zu sehen gewöhnt war, bot, die in seiner dürftigen Ausstaffierung zur Schau getragene thatsächliche Vernachlässigung jener anmuthenden Sauberkeit und Reinlichkeit der zum täglichen Gebrauche bestimmten Bequemlichkeiten, mit welchen sie von frühester Kindheit auf sich umgeben gesehen hatte, verletzten das jeder gebildeten Dame zur zweiten Natur gewordenen Gefühl für achtsamste Körperpflege in Magdalenen. So geringfügig an sich der Einfluß solcher Dinge erscheinen mußte, wenn man sie mit dem Ernst ihrer gegenwärtigen Lage in Vergleich setzte, so brachte doch der bloße Anblick des Kruges und des Waschbeckens in einem Winkel der Kammer ihren ersten Entschluß, als sie erwachte, zur Reise. Sie beschloß von dem Augenblicke an, unter allen Umständen das Rosmaringäßchen zu verlassen.

Wie aber sollte sie dasselbe verlassen? Mit Hauptmann Wragge oder ohne ihn?

Sie zog sich an, indem sie sich vor jedem Dinge in dem Zimmer scheute, das sie dabei entweder mit ihren Händen ober ihren Kleidern berührte, und öffnete darauf das Fenster. Die Herbstluft fühlte sich scharf, aber angenehm an, und das kleine Stückchen Himmel, das sie erschauen konnte, war schon von dem jungen Sonnenlichte mit warmem Glanz verklärt. In der Ferne die Stimmen der Bootsleute auf dem Flusse und das Gezwitscher der Vögel auf dem moosigen Grün, das den alten Stadtwall überwucherte, das waren die einzigen Töne, welche die Stille des Morgens unterbrachen. Sie setzte sich ans Fenster und nahm in ihrem Geiste den Faden der Gedanken wieder auf, den sie aus Ermüdung die Nacht vorher verloren hatte.

Der erste Gegenstand, auf den sie zurückkam, war Hauptmann Wragge vagabundischen Andenkens.

Der »moralische Landwirth« hatte vollständig seinen Zweck verfehlt, um ihr persönliches Mißtrauen gegen ihn zu beseitigen, so verschmitzt und abgefeimt er auch durch das offene Bekenntniß der gegen Andere ausgeführten Hintergehungen und Schwindeleien dagegen angekämpft hatte. Er hatte allerdings ihre Meinung von seinen Fähigkeiten erhöht, hatte sie auch wohl durch seine humoristische Lebensanschauung erheitert, hatte sie durch seine Sicherheit selbst in Erstaunen gesetzt: aber daß er ein erbärmlicher Mensch war, diese Ueberzeugung hatte sich bei ihr in derselben Festigkeit erhalten, als zu der Zeit, wo sie ihn zuerst getroffen hatte. Wäre der einzige Plan in ihrer Seele der Plan auf die Bühne zu gehen gewesen, unter allen Verhältnissen hätte sie den mehr als zweideutigen Beistand des Haupmanns Wragge gleich auf der Stelle von der Hand gewiesen.

Allein die gefährliche Reise, auf welche sie sich abenteuerlich begeben, hatte noch ein anderes Ziel im Auge, ein dunkles fernes Ziel, ein Ziel mit Wolfsgruben aus dem Wege dahin, ganz andere als die flachen Wolfsgruben auf dem Wege zur Bühne. In der geheimnißvollen Morgenstille vertiefte sich ihr Geist in dies zweite und weitergehende Vorhaben, und die verächtliche Gestalt des Schwindlers erhob sich vor ihr in einem neuen Lichte.

Sie versuchte, dieselbe aus ihren Gedanken zu entfernen, um wie bisher in ihren Gefühlen weiter über ihr und fern von ihr weg zu stehen.

Nachdem sie sich ein wenig mit ihrer Kleidung zu schaffen gemacht, nahm sie das weißseidene Täschchen aus ihrem Busen, das sie in der Abschiedsnacht auf Combe-Raven mit eigenen Händen gefertigt hatte. Es war oben an der Oeffnung mit zarten seidenen Schnüren zugezogen. Das Erste, das sie, nachdem sie es geöffnet, herausnahm war eine Locke von Franks Haar, welche mit einem Stückchen Silberfaden befestigt war, das Nächste war ein Papierumschlag mit den Auszügen aus ihres Vaters letztem Willen und ihres Vaters Briefe (an Mr. Pendril). Das Letzte war ein ganz klein zusammen gebrochenes Päckchen Banknoten im Werthe von nahezu zweihundert Pfund, der Erlös (wie Miss Garth richtig vermuthet hatte) des Verkaufes ihres Schmuckes und ihrer Kleider, bei welchem das Dienstmädchen in der Erziehungsanstalt heimlich Beistand geleistet hatte. Sie that die Banknoten sofort wieder hinein, ohne noch einmal darauf zu sehen, und sah dann die Haarlocke gedankenvoll an, die auf ihrem Schooße lag.

—— Du bist doch besser, als gar Nichts, sagte sie, indem sie mit der sinnigen Zärtlichkeit, wie sie Mädchen eigen ist, mit ihr sprach. Ich kann doch manchmal sitzen und Dich anschauen, bis ich fast denke, ich sehe Frank. Ach mein Theurer, mein Liebling!

Ihre Stimme zitterte leise, und sie drückte die Haarlocke mit schmachtender Anmuth an die Lippen. Diese fiel aus ihren Fingern in ihren Busen. Ein liebliches Roth blühte auf ihren Wangen auf und verbreitete sich bis an den Hals, als ob es dem fallenden Haar folgte. Sie schloß ihre Augen und ließ ihr schönes Haupt sanft herabsinken. Die Welt verging ihr, und für einen zauberischen Augenblick öffnete der Gott der Liebe die Pforten des Paradieses vor der Tochter Evas. ——

Das alltägliche Geräusch in der benachbarten Straße, welches zunahm, je mehr der Morgen vorrückte, nöthigte sie zur harten Wirklichkeit der dahin rauschenden Zeit zurückzukehren. Sie erhob ihren Kopf mit einem schweren Seufzer und öffnete noch einmal ihre Augen in dem gemeinen und elenden Zimmerchen.

Die Auszüge aus dem Testament und dem Briefe, die letzten Andenken an ihren Vater, welche jetzt so eng verbunden waren mit dem Vorhaben, welches ihren Geist erfüllte, —— lagen vor ihr. Der vorübergehende Farbenschimmer auf ihren Wangen erblich, als sie die kleine Schrift auf ihrem Schooße aufblätterte. Die Auszüge aus dem Testamente standen obenan auf der Seite. Sie beschränkten sich auf die wenigen rührenden Worte, mit welchen der Verstorbene Vater seine Kinder um Vergebung bittet wegen des Fleckens ihrer Geburt und sie anfleht, der unablässigen Liebe und Sorge zu gedenken, durch welche er bemüht gewesen sei, ihnen Entschädigung dafür zu geben. Der Auszug ans dem Briefe an Mr. Pendril kam sodann. Sie las die letzten von trüber Ahnung erfüllten Stellen laut vor sich hin:

Um Gotteswillen kommen Sie an dem Tage, wo Sie Dieses erhalten —— kommen Sie und erlösen Sie mich von dem schrecklichen Gedanken, daß meine beiden geliebten Töchter in diesem Augenblicke unversorgt sind. Wenn mir Etwas zustoßen sollte und wenn mein Wunsch, ihrer Mutter gerecht zu werden, wegen meiner kläglichen Rechtsunkenntniß damit endigte, Nora und Magdalene ohne Erbe zu hinterlassen, so würde ich keine Ruhe im Grabe haben! ——

Unter diesen Zeilen wieder und ganz am Ende der Seite war die schreckliche Erläuterung zu dem Briefe geschrieben, die von Mr. Pendrils Lippen gefallen war:

—— ...Mr. Vanstones Töchter sind Niemandes Kinder, und das Gesetz überläßt sie ohne Hilfe der Gnade ihres Oheims.

Ohne Hilfe, als diese Worte gesprochen wurden, ohne Hilfe nach Allem, was sie beschlossen hatte, nach Allem, was sie geopfert hatte. Die Zusicherung ihrer und ihrer Schwester natürlichen Ansprüche, geheiligt durch den ausdrücklichen Wortlaut der letzten Wünsche ihres Vaters, die Rückberufung Franks aus China, die Rechtfertigung ihres Entweichens vor Nora: Alles hing von ihrem verzweifelten Plane ab, das verlorene Erbtheil auf jede Gefahr hin dem Manne wieder abzujagen, welcher seine Bruderskinder zu Bettlern gemacht und beschimpft hatte. Und doch war dieser Mann für sie noch eine Nebelgestalt! So wenig wußte sie von ihm, daß sie in dem Augenblicke nicht einmal seinen Aufenthaltsort kannte.

Sie erhob sich und maß das Zimmer mit, der geräuschlosen, nachlässigen Anmuth eines wilden Thieres des Waldes in seinem Käfig.

—— Wie kann ich ihn in der Finsterniß erreichen? sprach sie zu sich selbst. Wie kann ich ihn ausfindig machen....?

—— Sie hielt plötzlich inne. Ehe sie in Gedanken ihre Frage zu Ende geführt hatte, war ihr Hauptmann Wragge wieder vor die Seele getreten.

Ein Mann, der nur zu gut im Dunkeln zu handthieren gewohnt war, ein Mann, mit unendlichen Hilfsquellen von List und Kühnheit, ein Mann der bei einem gemeinen Dienste zaudern würde, zu dem man ihn gebrauchen wollte, wenn nur der Dienst ihm die Taschen füllte: war dies das Werkzeug, dessen ihre Hand in ihrer gegenwärtigen Noth bedurfte? Zwei Nothwendigkeiten, die sie erledigen mußte, bevor sie einen Schritt vorwärts thun konnte, standen klar vor ihrer Seele: die Notwendigkeit, mehr von ihres Vaters Bruder zu erfahren, als sie bis jetzt wußte, und die Notwendigkeit, so lange die Nachforschung dauerte, sich selbst persönlich verborgen zu halten und ihn dadurch sicher und unvorsichtig zu machen. Entschlossen und selbständig wie sie war, mußte sie doch die unerläßliche Späherarbeit beim Anfang einem Andern überlassen. In ihrer Lage nun, wo war da ein dazu bereites menschliches Wesen in ihrem Bereiche außer dem Vagabunden ein paar Treppen unter ihr? Nicht ein einziges. Sie dachte eifrig darüber nach, sie dachte lange darüber nach. Nicht ein einziges! Die Wahl stand sofort vor ihr: die Wahl, entweder den Gauner zu nehmen, oder ihr Vorhaben aufzugeben.

Sie blieb mitten im Zimmer stehen.

—— Was ist das Schlimmste, das er thun kann? sprach sie zu sich selbst. Mich betrügen. Gut! Wenn mein Geld ihn mir dienstbar macht, was dann? Er soll mein Geld haben!

Sie kehrte unwillkürlich zu ihrem Platze am Fenster zurück. Ein Augenblick später, und sie war entschlossen. Ein Augenblick später, und sie that den ersten verhängnisvollen Schritt »auf der schiefen Ebene« —— sie war einig mit sich, es darauf ankommen zu lassen und es mit Hauptmann Wragge zu versuchen.

Um neun Uhr pochte die Wirthin an Magdalenens Thür und zeigte ihr mit des Hauptmann Wragges freundlichen Grüßen an, daß das Frühstück bereit sei. Sie fand Mrs. Wragge allein, angethan mit einem umfangreichen braunen holländischen Umschlagtuche, mit einem schlotterigen Kragen und einem Aufputz von schmutzigem blaßrothen Bande. Die frühere Kellnerin von Darchs Speisehaus war versunken in den Anblick einer großen Schüssel, in der sich ein lederartiges etwas ungeheuerliches Etwas von verschieden schattierter gelber Farbe, die stark mit kleinen schwarzen Flecken versetzt war, zu befinden schien.

—— Das ist es! sagte Mrs. Wragge Eierkuchen mit Grünem. Die Wirthin half mir. Und Das ists nun, was wir fertig gebracht haben. Fragen Sie den Hauptmann nach Nichts, wenn er herein kommt, ja nicht, er ist ’ne gute Seele. Das Ding da ist nicht schön gerathen. Wir hatten verschiedenes Unglück damit. Er ist ins Feuer gefallen. Auf der Treppe ist er uns hingefallen Er hat den jüngsten Buben der Wirthin verbrannt, er ging immer dabei herum und saß dabei. Gott stärke Sie, er ist nicht halb so gut inwendig, als er aussieht! Fragen Sie ja nach Nichts. Vielleicht merkt er Nichts, wenn Sie Nichts darüber sagen. Was sagen Sie zu meinem Tuche? Ich hätte gar zu gern ein weißes. Haben Sie einmal ein weißes bekommen? Wie ist es ausgeputzt? Machen Sie, sagen Sie’s mir!

Das gefürchtete Eintreten des Hauptmanns erstickte die nächste Frage in ihrem Munde. Ein Glück für Mrs. Wragge, daß ihr Mann viel zu verlänglich auf den verheißenen Ausspruch von Magdalenens Willensmeinung war, als daß er den Küchenangelegenheiten die gewohnte Beachtung schenken konnte. Als das Frühstück vorüber war, ließ er Mrs. Wragge bei Seite gehen und erwähnte den Eierkuchen nur im Vorbeigehen durch die Bemerkung, es solle ganz bei ihr stehen, ob sie ihn »dem Hunde geben« wolle.

—— Wie sieht mein kleines Anerbieten bei Tageslicht aus? frug er, indem er für Magdalenen und sich die Stühle zurecht rückte. Wie soll es nun heißen, entweder: Hauptmann Wragge nehmen Sie sich meiner an —— oder: Hauptmann Wragge, guten Morgen ——?

—— Sie, sollen es gleich hören, versetzte Magdalene. Ich habe erst noch Etwas vorauszuschicken. Ich sagte Ihnen gestern Abend, daß ich noch etwas Anderes vor hätte außer dem Zwecke, mir auf der Bühne meinen Erwerb zu suchen...

—— Ich bitte um Verzeihung, unterbrach sie Hauptmann Ihren Erwerb zu suchen?

—— Ganz recht. Meine Schwester und ich, wir Beide sind auf unsere eigenen Kräfte, um unser tägliches Brod zu verdienen, angewiesen.

—— Wie!!! schrie der Hauptmann, indem er mit einem offenen Ausdruck von Mißbehagen aufsprang. Die Töchter meines reichen und vielbeweinten verschwägerten Verwandten genöthigt, sich selbst durchzuschlagen? unmöglich —— ungeheuer, ausbündig unmöglich!

Er setzte sich wieder nieder und sah Magdalenen an, als ob sie ihm eine persönliche Beleidigung angethan hätte.

—— Sie sind nicht unterrichtet von dem vollen Umfange unseres Mißgeschicks, sagte sie ruhig. Ich will Ihnen erzählen, was geschehen ist, ehe ich weiter gehe.

Sie sagte es ihm ohne Weiteres in den deutlichsten Worten, die sie finden konnte, und mit so wenig Einzelheiten als möglich.

Hauptmann Wragges vollständige Verwirrung ließ ihm nur über eine Folge, die sich seinem Geiste aus dem Mitgetheilten ergab, Klarheit des Bewußtseins übrig. Das Anerbieten der Fünfzig Pfund Belohnung für die vermißte junge Dame, das Von dem Advocaten herrührte, stieg augenblicklich in seiner Achtung so hoch wie nie vordem.

—— Verstehe ich recht, horchte er, daß Sie ganz und gar ohne augenblickliche Geldmittel sind?

—— Ich habe meine Kleinodien und Kleider verkauft, sagte Magdalene unwillig über seine gemeine Anspielung auf die Geldfrage Wenn mein Mangel an Uebung und Kenntnissen mich auf einem Theater nicht gleich vorwärts kommen läßt, so bin ich in den Stand gesetzt zu warten, bis die Bühne im Stande ist mich zu bezahlen.

Der Hauptmann schätzte in Gedanken die Ringe, Armbänder und Halsketten, die seidenen, atlassenen und Spitzengewänder der Tochter eines reichen Mannes ab, nämlich, wohlgemerkt, zum Drittel ihres wirklichen Werthes. Einen Augenblick später sank die Fünfzigpfundbelohnung plötzlich wieder zu der tiefuntersten Stufe der Achtung dieses schlauköpfigen Mannes herab.

—— Recht so, sagte er in seinem geschäftsmäßigsten Tone. Es ist nicht die geringste Besorgniß da, mein liebes Kind, daß Sie auf der Bühne nicht gleich vorwärts kommen sollten, wenn Sie augenblickliche Geldmittel haben und sich meines Beistandes bedienen.

—— Ich muß noch mehr Beihilfe haben, als Sie mir schon angeboten haben, oder kann gar keine brauchen, sagte Magdalene. Ich habe ernstere Schwierigkeiten vor mir, als die Schwierigkeit, York zu verlassen und die Schwierigkeit, meinen Weg zur Bühne zu finden.

—— Was Sie sagen? Ich bin ganz Ohr, bitte, drücken Sie sich deutlicher aus.

Sie überlegte ihre nächsten Worte sorgfältiger, ehe sie über ihre Lippen kamen.

—— Es sind da einige Nachforschungen anzustellen, sagte sie, welche von Wichtigkeit für mich sind. Wenn ich sie selber vornähme, so würde ich den Argwohn der Person, der die Forschungen gelten, erregen und würde daher wenig oder gar nichts von Dem, was ich wissen will, in Erfahrung bringen. Wenn die Nachforschungen durch einen Dritten ausgeführt werden könnten, ohne daß ich dabei zum Vorschein käme, so würde mir dadurch ein Dienst von unendlich größerer Wichtigkeit geleistet, als der, zu welchem Sie sich gestern Abend erboten.

Hauptmann Wragges Vagabundengesicht wurde ernst und gespannt aufmerksam.

—— Darf ich fragen, meinte er, welcher Art die Nachforschungen wohl sind?

Magdalene zögerte, sie hatte nothwendiger Weise Michael Vanstones Namen trennten müssen, als sie dem Hauptmann von dem Verlust ihres Erbes erzählte. Sie mußte ihm denselben unvermeidlicher Weise noch einmal nennen, wenn sie sich seiner Beihilfe bediente. Er würde ihn ohne Zweifel selbst entdecken aus dem offen zu Tage liegenden Zusammenhang, ehe sie noch viel Worte weiter gesprochen haben würde, mochte sie dieselben so achtsam fassen, als sie nur wollte. War unter diesen Umständen wohl ein denkbarer Grund vorhanden, sich vor der unverblümten Hinweisung auf Michael Vanstone zu scheuen? Kein denkbarer Grund, —— und doch sie scheute sich.

Zum Beispiel, fuhr Hauptmann Wragge fort, sind es Nachforschungen nach einem Manne oder einer Frau; Nachforschungen über einen Feind oder einen Freund....

—— Einen Feind, antwortete sie ruhig.

Ihre Antwort hätte vielleicht der Hauptmann noch immer im Dunkeln gelassen, allein ihre Augen gaben ihm Licht.

—— Michael Vanstone! dachte der schlaue Wragge. Sie schießt gefährliche Blicke, ich habe jetzt mehr Fühlung meines Weges.

—— In Absicht der Person nun, die der Gegenstand Ihrer Nachforschungen ist, begann er wieder, sind Sie sich darüber vollkommen klar im Geiste, was Sie gern wissen möchten?

—— Vollständig klar, erwiderte Magdalene Ich wünsche zunächst zu wissen, wo er sich aufhält?

—— So? Und dann?

—— Ich muß von seinen Gewohnheiten wissen, dann davon, wer die Leute sind, mit denen er umgeht, was er mit seinem Gelde macht....

Sie dachte eine Weile nach.

Uns noch Eins, sagte sie, —— ich muß wissen, ob eine Frau in seinem Hause ist, eine Verwandte oder eine Haushälterin, die Einfluß auf ihn hat.

—— So weit ganz unverfänglich, sagte der Hauptmann. Was weiter?

—— Nichts. Das Uebrige ist mein Geheimniß.

Die Wolken auf Hauptmann Wragges Angesicht begannen sich zu verziehen. Er kam mit seinem gewohnten Scharfsinn auf seine gewohnte Wahl zwischen dem Entweder-Oder zurück.

Diese Nachforschungen von ihrer Seite, dachte er, zielen auf eines von den beiden Dingen ab: ein Unheil oder Geld! Wenn es ein Unglück setzen soll, so will ich ihr schon durch die Finger schlupfen. Wenn es Geld ist, so will ich mich nützlich machen mit Rücksicht auf die Zukunft.

Magdalenens wachsame Augen beobachteten argwöhnisch den Entwickelungsgang seiner Gedanken.

—— Hauptmann Wragge, sagte sie, wenn Sie Zeit zur Ueberlegung brauchen, so sagen Sie es offen heraus.

—— Ich brauche keinen Augenblick, versetzte der Hauptmann. Stellen Sie nur immerzu Ihre Abreise von York, Ihre Bühnenlaufbahn und ihre geheimen Nachforschungen unter meine Fürsorge. Hier bin ich ohne Vorbehalt zu Ihrer Verfügung. Sprechen Sie das Wort aus: nehmen Sie mich?

Ihr Herz schlug heftig, ihre Lippen wurden trocken, aber sie sprach das Wort:

—— Ja.

Es trat eine Pause ein. Magdalene saß schweigend im Kampfe mit der unbestimmten Furcht vor der Zukunft, welche sich nach ihrer Antwort in ihrem Geiste zu regen anfing. Hauptmann Wragge einerseits war ersichtlich von der Erwägung einer neuen Auflage von Entweder-Oder in Anspruch genommen. Seine Hände stiegen in den leeren Schacht seiner Taschen hinunter und untersuchten mit weiser Fürsorge für die Zukunft deren Fassungsvermögen als Schatzkammern für Gold und Silber. Der Glanz der edlen Metalle lag auf seinem Angesichte, die Glätte der edlen Metalle lag in seiner Stimme, als er ich mit einer neuen Ladung Worten ausrüstete und die Unterhaltung wieder aufnahm.

—— Die nächste Frage, sagte er, ist die Zeitfrage. Erfordern diese vertraulichen Nachforschungen von unserer Seite sofortige Aufmerksamkeit oder haben sie Zeit?

—— Für den Augenblick haben sie Zeit, versetzte Magdalene. Ich wünsche, bevor die Nachforschungen angestellt werden, meine Freiheit vor jeder Einmischung von Seiten meiner Freunde sicher zu stellen.

—— Sehr gut. Der erste Schritt zur Ausführung dieses Zweckes ist, daß wir den Rückzug antreten —— gestatten Sie mir als Militär diese technische Umschreibung —— daß wir morgen aus York den Rückzug antreten. Ich sehe meinen Weg soweit klar vorgezeichnet; aber ich bin ganz in Bereitschaft, wie wir bei der Miliz zu sagen pflegten, auf die weiteren Marschbefehle. Die nächste Richtung, die wir einschlagen, sollte mit Rücksicht darauf ausgewählt werden, wie wir Ihre Bühnenabsichten fördern. Ich bin auch ganz bereit dazu, wenn ich erst weiß, welches Ihre Absichten sind. Wie kamen Sie überhaupt darauf, ans Theater zu denken? Ich sehe das heilige Feuer in Ihnen brennen, aber sagen Sie mir, wer hat es angezündet?

Magdalene konnte ihm bloß nach einer Seite hin Aufschluß darüber geben. Sie konnte nur auf die für immer entschwundenen Tage zurückschauen und ihm die Geschichte von ihrem ersten Schritt zur Bühne auf Evergreen-Lodge erzählen. Hauptmann Wragge hörte mit gewohnter Höflichkeit zu, erhielt aber ersichtlich keinen zufriedenstellenden Eindruck von dem Gehörten. Ein Publikum von Freunden, war ein Publicum, dem er insgeheim abgeneigt war Glauben zu schenken, und das vom Bühnenleiter abgegebene Urteil war eben das Urteil eines Mannes, welcher seine Bezahlung in der Tasche und eine künftige Berücksichtigung seiner im Auge hatte, als er selbiges abgab.

——Interessant, äußerst interessant, sagte er, als Magdalene zu Ende war, aber nicht maßgebend, entscheidend für einen nüchternen Mann. Eine Probe Ihrer Fähigkeiten ist unumgänglich nöthig, um mir das rechte Licht zu geben. Ich bin selbst auf dem Theater gewesen, ich kenne das Lustspiel »Die Eifersüchtigen« von Anfang bis zu Ende recht gut. Ein Bruchstück ist Alles, was ich brauche, wenn Sie nicht die Worte vergessen haben, ein Stück von der Rolle der »Lucie« und ein Stück von der der »Julie«.

—— Ich habe die Worte nicht vergessen, sagte Magdalene traurig, und ich habe die kleinen Bücher bei mir, in denen mein Dialog aufgeschrieben war. Ich habe mich nie von ihnen getrennt; sie erinneren mich an eine Zeit....

Ihre Lippe zitterte, und eine Anwandlung tiefen Wehes machte sie schweigen.

—— Nervenleidend also, bemerkte der Hauptmann mit Nachsicht. Durchaus kein so übles Zeichen. Die größten Bühnenkünstlerinnen sind nervenleidend. Befolgen Sie deren Beispiel und überwinden Sie es. Wo sind die Rollen? Ach, hier sind sie schon! Ich will Ihnen die Stichworte geben —— es wird schon Alles vorübergehen wie die Zahnärzte beim »Holen« sagen, ehe man sichs versieht ——. Nehmen Sie das hintere Empfangszimmer für die Bühne und mich betrachten Sie als das Publikum. Klingling geht die Glocke des Regisseurs, der Vorhang rollt auf, Ordnung auf der Galerie, Verstummen im Parterre —— Lucie tritt auf!

Sie kämpfte hart, um sich zu fassen; sie drängte den Gram zurück, den unschuldigen, natürlichen, menschlichen Gram um die Gegenwart und den Verstorbenen ——, um die Thränen zu verhalten, welche er ihr schier entlocken wollte. Mit Willensstärke setzte sie die Hände kalt zusammen klammernd an, um zu beginnen. Als die ersten bekannten Worte über ihre Lippen gingen, kam Frank zu ihr zurück über die weite See her, und das Gesicht ihres todten Vaters schaute sie an mit dem Lächeln aus glücklicher alter Zeit. Die Stimmen ihrer Mutter und ihrer Schwester sprachen mild in der duftigen ländlichen Stille, und die Gartenwege auf Combe-Raven öffneten sich noch einmal vor ihrem Blicke. Mit einem schwachen Klageruf sank sie auf einen Stuhl, ihr Haupt fiel vorwärts auf den Tisch, und sie brach leidenschaftlich in Thränen aus.

Hauptmann Wragge sprang augenblicklich auf. Sie schaudern, als er näher kam und winkte ihm heftig mit der Hand von sich weg.

—— Lassen Sie mich allein, sagte sie, überlassen Sie mich eine Minute mir selber.

Der gefällige Wragge zog sich nach dem Vorderzimmer zurück, sah aus dem Fenster und pfiff leise vor sich hin.

—— Der Familienzug schon wieder! sagte er. Es kommt noch Hysterie ins Spiel.

Nachdem er eine bis zwei Minuten gewartet hatte, kehrte er zurück, um nachzusehen.

—— Ist Etwas, womit ich Ihnen dienen könnte? frug er. Kaltes Wasser? Gebrannte Federn? Flüchtiges Salz? Aerztliche Hilfe? Soll ich Mrs. Wragge rufen? Sollen wir es bis morgen verschieben?

Sie fuhr empor wild und mit brennenden Wangen, den Ausdruck einer verzweifelten Selbstüberwindung im Gesichte, eine gereizte Entschlossenheit in ihrem ganzen Wesen.

—— Nein! sagte sie. Ich muß mich selbst abhärten, und ich wills! Setzen Sie sich wieder nieder und sehen Sie mich spielen.

—— Bravo! rief der Hauptmann. Nehmen Sie einen muthigen Anlauf dagegen, meine Schöne, und sofort wirds vorbei sein!

Sie nahm einen Anlauf, verstört und mit Mißtrauen gegen sich selbst, mit erhobener Stimme und mit fieberähnlicher Glut auf ihren Wangen. Der ganze ungekünstelte mädchenhafte Zauber der Ausführung in glücklicherer Zeit war verschwunden. Die angeborene Anlage für die Bühne, die in ihr lag, trat hart und schroff zu Tage, entkleidet jedes mildernden Reizes, welcher sie vormals geschmückt hatte. Sie würde jeden Mann von feinerem Gefühl abgestoßen und kalt gelassen haben. Hauptmann Wragge aber, ihn riß sie geradezu hin. Er setzte seine Höflichkeit aus den Augen, er vergaß seine langen Redensarten. Der eigentliche Geist von des Mannes ganzem Vagabundenleben sprach sich unwiderstehlich in seinem ersten Gefühlsausbruche aus.

—— Wer zum Teufel hätte Das gedacht? Sie kann spielen wahrhaftig trotz alle Dem!

In dem Augenblicke, als diese Worte seinen Lippen entfuhren, faßte er sich anch schon wieder und schlüpfte zurück in seine gewöhnliche Redecanäle hinein. Magdalene unterbrach ihn in seinem ersten Compliment.

—— Nein, sagte sie, ich habe einmal die Wahrheit aus Ihnen heraus gebracht, ich brauche Nichts mehr.

—— Verzeihen Sie, antwortete der unverbesserliche Wragge Sie brauchen ein wenig Nachhilfe, und ich bin der Mann, sie Ihnen zu geben.

Mit diesen Worten stellte er einen Stuhl vor sie hin und begann sich auszusprechen.

Sie saß in Stillschweigen da. Eine düstere Gleichgültigkeit und Abgestorbenheit begann sich in ihrem Wesen zu zeigen, ihre Wangen wurden wieder bleich, und ihre Augen sahen müde und ausdruckslos nach der Wand vor ihr. Hauptmann Wragge bemerkte diese Zeichen von Verstimmung und Mißvergnügen mit sich selbst nach der Anstrengung, die sie gemacht hatte, und fühlte, wie wichtig es sei, sie wieder aufzurichten, indem es galt, sogleich offen und gerade über den Hauptpunkt mit ihr zu reden. Sie hatte in seinen Krämeraugen einen neuen Werth erhalten. Sie hatte in ihm den Gedanken, mit ihrer Jugend, ihrer Schönheit und ihrer hervorragenden Befähigung für die Bühne eine Spekulation zu verbinden, rege gemacht, wie ihm zuvor, ehe er sie spielen gesehen, nie beigekommen war. Der alte Milizsoldat war rasch auf seinen Vortheil bedacht. Er und seine Pläne waren geborgen, als Magdalene sich setzte, um zu hören, was er ihr zu sagen hatte.

—— Mr. Huxtables Meinung ist auch die meinige, begann er. Sie sind zur Schauspielerin geboren. Aber Sie müssen erst Anleitung erhalten, ehe sie Etwas auf der Bühne ausrichten können. Ich bin unbeschäftigt, ich bin sachverständig, ich habe Andere unterrichtet, —— ich kann auch Sie unterrichten. Vertrauen Sie nicht meinem Worte, so trauen Sie meinem Blicke für mein eigenes Interesse. Ich will es zu meinem Interesse machen, daß ich mir Mühe mit Ihnen gebe und schnell damit zu Stande komme. Sie sollen mich für meinen Unterricht von Ihrem Erwerb auf der Bühne bezahlen. Ihre erste Jahreseinnahme zur Hälfte, ein Drittel Ihrer dritten Jahreseinnahme und die Hälfte Ihres ersten Benefizes auf einem Londoner Theater. Was sagen Sie dazu? Liegt es wohl in meinem Interesse, Sie vorwärts zu bringen, oder nicht?

Soweit der Anschein ging und soweit die Bühne reichte, war es offenbar, daß er seine und Magdalenens Interessen zusammen verkettet hatte. Sie sagte ihm Das und wartete, daß er noch mehr sagte.

—— Vier bis sechs Wochen Studien, fuhr der Hauptmann fort, werden Ihnen eine vernünftige Idee geben von Dem, was Sie leisten können. »Es bildet ein Talent sich in der Stille«, und diese Stille für Sie müssen wir erst suchen. Hier können wir sie nicht finden; denn wir können Sie nicht als eine strenge Gefangene wochenlang im Rosmaringäßchen behalten. Ein ruhiger Ort auf dem Lande, sicher vor jeder Einmischung und Unterbrechung, ist der Platz, den wir einen Monat wenigstens brauchen. Verlassen Sie sich auf meine Oertlichkeitskunde durch ganz Yorkshire, und denken Sie, daß es so gut ist, als wäre der Ort schon gefunden. Ich sehe keine Schwierigkeiten, irgendwo außer der Schwierigkeit, morgen unsern Rückzug anzutreten.

—— Ich nahm an, daß Sie bereits gestern Abend Ihre Anordnungen getroffen hätten? bemerkte Magdalene.

—— Ganz recht, versetzte der Hauptmann. Sie sind auch gestern Abend getroffen, und es sind folgende. Wir können nicht mit der Eisenbahn fort, weil der Advocatenschreiber ohne Zweifel am Yorker Bahnhofe auf der Lauer liegt nach Ihnen. Sehr gut; wir nehmen statt Dessen die Landstraße und gehen in unserm eigenen Wagen fort. Wo aber in aller Welt sollen wir den herbekommen? —— Wir bekommen ihn, vom Bruder der Wirthin, der ein Pferd und eine Kutsche zum Vermiethen hat. Jene Kutsche kommt also morgen früh an das Ende des Rosmaringäßchens. Ich nehme meine Frau und meine Nichte mit hinaus, um ihnen die Schönheiten der Umgegend zu zeigen. Wir haben einen Picnic-Speisekober bei uns, welcher unser Vorhaben Vor aller Augen kund macht. Sie verkleiden sich mit einem Shawl, einem Hut und Schleier von Mrs. Wragge. Wir wenden York den Rücken, und fort gehts zu einem Vergnügungsausflug für den Tag, ich und Sie auf dem Vordersitz, Mrs. Wragge und der Kober auf dem Rücksitz. Wieder gut. Einmal auf der Landstraße, was thun wir dann? Wir fahren an den ersten Haltepunct über York hinaus nach Norden, Süden oder Osten, wie wir es nachmals beschließen. Kein Advocatenschreiber ist da, um Sie zu erwarten. Sie und Mrs. Wragge steigen aus, den Kober bei erster Gelegenheit öffnend. Anstatt junges Huhn und Champagner, enthält er einen Reisesack mit alledem, was Sie für die Nacht brauchen Sie nehmen Ihre Billete nach einem vorher bestimmten Orte, und ich fahre mit der Kutsche zurück nach York. Wieder hier angekommen, hole ich das zurückgelassene Gepäck und schicke nach der Wirthin unten:

—— Die Damen sind über den Ort Soundso (natürlich ein falscher Name) so entzückt, daß sie beschlossen haben, dort zu bleiben. Nehmen Sie gefälligst die Wochenmiethe an anstatt der Aufkündigung für die Woche. Guten Tag.

—— Sieht sich der Schreiber am Yorker Bahnhof nach mir um? Es fällt ihm nicht ein. Ich nehme mein Billet vor seiner Nase. Ich folge Ihnen mit dem Gepäck auf der Eisenbahn nach, und wo ist die Spur von Ihrer Abreise? Nirgends. Die Fee ist verschwunden, und die Vertreter und Handlanger des Gesetzes sind in der Tinte.

—— Warum sprechen Sie von Schwierigkeiten? fragte Magdalene. Die Schwierigkeiten scheinen doch beseitigt zu sein.

—— Alle außer einer, sagte Hauptmann Wragge mit bedeutungsvollem Nachdruck auf dem letzten Worte, die große Schwierigkeit der Menschheit von der Wiege bis zum Grabe: —— Geld.

Er machte langsam sein grünes Auge zu, seufzte aus tiefem Grunde und vergrub seine zahlungsunfähigen Hände in seine schlechterdings kein Erträgniß gehenden Taschen.

—— Wozu wird das Geld gebraucht? fragte Magdalene.

—— Um die Billete zu bezahlen, versetzte der Hauptmann mit rührender Einfachheit. Ich bitte, bemerken Sie wohl! Ich habe mich niemals dazu verstanden, werde mich nie dazu verstehen, einem menschlichen Wesen auf dem bewohnten Erdkreise einen Heller zu bezahlen. Ich spreche in Ihrem, nicht in meinem Interesse.

— Meinem Interesse?

—— Gewiß Sie können morgen nicht sicher aus York hinauskommen ohne die Kutsche. Und ich kann die Kutsche nicht bekommen ohne Geld. Der Bruder der Wirthin wird sie hergeben, wenn er die Rechnung seiner Schwester quittiert sieht und wenn er das Geld für die Tagesfuhre zum Voraus erhält, nicht anders. Gestatten Sie mir die Sache von dem geschäftlichen Standpunkte aus zu beleuchten. Wir sind übereingekommen, daß ich für meinen Lehrgang in der Bühnenkunst von Ihren künftigen Bühneneinnahmen bezahlt werden soll. Sehr gut. Ich stelle lediglich Wechsel auf meine zukünftigen Aussichten aus, und Sie, von welcher diese Aussichten abhängen, sind natürlich mein Banquier. Es ist nur um des Beispiels willen, wenn ich meinen Antheil an Ihrer ersten Jahresgage zu dem gänzlich unverhältnißmäßigen Betrage von hundert Pfund schätze. Diese Summe halb, diese Summe zu einem Viertel....

—— Wie viel brauchen Sie? fragte Magdalene ungeduldig.

Hauptmann Wragge war sehr in Versuchung, die an der Spitze der Handplacate ausgeworfene Belohnung zur Grundlage seiner Berechnung zu nehmen. Doch aber fühlte er, wie wichtig es für die Zukunft war, sich gegenwärtig noch zu mäßigen, und da er in Wirklichkeit ein zwölf bis dreizehn Pfund brauchte, verdoppelte er einfach den Betrag und sagte:

—— Fünfundzwanzig.

Magdalene nahm das kleine Täschchen aus ihrem Busen und gab ihm mit Geringschätzung und Erstaunen über die vielen dabei verlorenen Worte, mit denen er sie überschüttet hatte, um sie auf eine so mäßige Weise zu betrügen, das Geld. In früherer Zeit flossen auf Combe-Raven durch einen Federzug ihres Vaters fünfundzwanzig Pfund in die Hände eines Jeden im Hause, der sie haben wollte.

Hauptmann Wragges Augen verweilten auf dem kleinen Täschchen, wie die Augen der Verliebten auf ihren Geliebten ruhen.

—— Glücklich ein solches Täschchen! murmelte er, als sie es wieder in den Busen that.

Er stand auf, verschwand in einer Ecke des Zimmers, brachte dann sein hübsches Bücherfutteral zum Vorschein und schloß es feierlich auf dem Tische vor Magdalenen und sich auf.

—— Es ist einmal meine Natur so, mein liebes Kind, einmal meine Natur, sagte er, indem er eins von den plumpen in Kalbsleder und Pergament gebundenen Bücherchen öffnete. Ein Vertrag hat zwischen uns stattgefunden. Ich muß es schwarz auf weiß haben.

Er öffnete das Buch auf einer unbeschriebenen Seite und schrieb mit schöner kaufmännischer Hand den Kopftitel ein:

Miss Vanstone die Jüngere in Abrechnung mit Horatio
Wragge, vormals in der Königl. Miliz.

Soll. | Haben. 24. September 1846: ver- | Auf Abschlag bezahlt am anschlagter Werth von | 24. September 1846 die H. Wragges Anteil | Summe von an Miss V's erster | Jahreseinnahme, nämlich | = 200 Pf. St. | 25 Pf. St.

Als er die Summen eingetragen und auch durch Eintragung unter dem Soll kund gegeben hatte, daß Magdalenens schnelles Gewähren seines Verlangens bei ihm nicht weggeworfen sei, drückte er sein Löschpapier auf die nasse Tinte und legte das Buch weg mit der Miene eines Mannes, der ein verdienstliches Werk vollbrachte und der sich damit großthun könnte.

—— Entschuldigen Sie, wenn ich Sie sogleich verlassen muß, sagte er. Zeit ist von Wichtigkeit. Ich muß mich der Kutsche versichern. Wenn Mrs. Wragge hereinkommt, sagen Sie ihr Nichts, sie ist nicht klar genug, um sich auf sie verlassen zu können. Wenn sie sich herausnimmt, Sie auszufragen, so brechen Sie gleich ab. Sie brauchen nur laut mit ihr zu reden. Bitte, nehmen Sie mein ganzes Ansehen bei ihr an und seien Sie so laut mit Mrs. Wragge, als ich es bin!

Er setzte seinen hohen Hut auf, verbeugte sich, lächelte und trippelte aus dem Zimmer.

Indem Magdalene nur Gefühl für das Eine, für die Wohlthat, allein zu sein, und von keinem weiteren Eindruck deutliches Bewußtsein hatte, als von der unbestimmten Ahnung, daß eine ernste Veränderung mit ihr und ihrer Lage vorgegangen war: ließ sie die Vorkommnisse an dem Morgen wie Schatten an ihrer Seele vorüber ziehen und wartete gleichgültig auf Das, was der Tag weiter mit sich bringen werde. Nach Verlauf einiger Zeit öffnete sich leise die Thür. Die Riesengestalt von Mrs. Wragge schritt in das Zimmer und blieb vor Magdalenen in feierlichem Erstaunen stehen.

—— Wo sind Ihre Sachen? fragte Mrs. Wragge mit einem Ausbruch unverhaltbarer Sorge. Ich bin oben gewesen und habe in Ihre Schubkasten gesehen. Wo sind Ihre Nachtgewänder und Nachthauben? und Ihre Unterröcke und Strümpfe? und Ihre Haarnadeln und Bärenfettbüchsen und alles Uebrige?

—— Mein Gepäck ist auf dem Bahnhofe geblieben, sagte Magdalene.

Mrs. Wragges Mondgesicht erheiterte sich ein wenig. Der unverwüstliche weibliche Zug der Neugier versuchte in ihren matten blauen Augen aufzublitzen, flimmerte aber nur kläglich und erstarb.

—— Wie viel Gepäck? frug sie vertraulich. Der Hauptmann ist fortgegangen. Wir wollen gehen und es holen!

—— Mrs. Wragge! schrie eine entsetzliche Stimme an der Thür.

Zum ersten Male seit Magdalene zurückdenken konnte, war Mrs. Wragge taub für den gewöhnlichen Sporn. Sie versuchte wirklich eine schwache Gegenvorstellung in Gegenwart ihres Mannes.

—— Ach, laß sie doch ihre Sachen holen! bat Mrs. Wragge. Ach, die arme Seele, laß sie doch ihre Sachen holen!

Der unerbittliche Zeigefinger wies auf einen Winkel des Zimmers, senkte sich dann langsam, wie seine Frau sich vor demselben zurückzog, und blieb plötzlich in der Gegend ihrer Schuhe halten.

—— Höre ich doch immer ein Klappen auf den Dielen! rief Hauptmann Wragge mit vollkommnen Abscheu aus. Ja, allerdings. Wieder hinten übergetreten! Der linke Schuh dies Mal! Zieh ihn an, Mrs. Wragge! zieh ihn an! —— Die Kutsche wird morgen früh neun Uhr hier sein, fuhr er zu Magdalenen gewendet fort. Wir können möglicherweise Ihren Koffer nicht mehr einfordern. Hier ist Schreibpapier, Setzen Sie ein Verzeichniß des Nothwendigsten, das Sie brauchen, auf. Ich will damit in einen Laden gehen, die Rechnung für Sie bezahlen und das Paquet hierher bringen. Wir müssen den Koffer opfern, wir müssen in der That.

Während Mrs. Wragges Gatte so mit Magdalenen sprach, hatte sie selbst sich wieder aus ihrem Winkel hervorgeschlichen und war noch dem Hauptmann nahe genug gekommen, um die Worte Laden und Paquet zu verstehen. Sie schlug ihre großen Hände in unverhohlener Aufregung zusammen und verlor sofort alle ihre Selbstbeherrschung.

——— Ach, wenn es, im Laden zu kaufen gibt, laß mich Das machen! schrie Mrs. Wragge Sie geht aus, um ihre Sachen zu kaufen! Ach, laß mich mit ihr gehen, bitte, laß mich mit ihr gehen!

—— Setz Dich! schrie sie der Hauptmann an. Gerade! Mehr nach rechts, noch mehr. Bleib, wo Du bist!

Mrs. Wragge faltete ihre Hände in stiller Verzweiflung auf ihrem Schooße und brach sanft in Thränen aus.

—— Ich kaufe so gern im Laden, bat das arme Geschöpf, und ich komme jetzt so wenig dazu!

Magdalene schrieb ihr Verzeichniß fertig, und Hauptmann Wragge verließ sofort das Zimmer mit demselben.

—— Lassen Sie sich nicht Von meiner Frau belästigen, sagte er freundlich, als er fortging. Halten Sie sie kurz, die arme Seele, halten Sie sie kurz!

—— Weinen Sie nicht, sagte Magdalene und suchte Mrs. Wragge zu trösten, indem sie selbige auf die Schultern klopfte. Wenn das Paquet kommt, sollen Sie es zuerst aufmachen.

—— Ich danke Ihnen, meine Liebe, sagte Mrs. Wragge, indem sie sanft ihre Thränen trocknete, ich danke Ihnen herzlich. Geben Sie nicht acht auf mein Taschentuch, ich bitte. Es ist so klein! Ich hatte früher eine hübsche Anzahl davon mit Spitzenrändern. Sie sind alle fort. Es thut Nichts! Es wird mich freuen, Ihr Paquet zu öffnen und Ihre Sachen zu sehen. Sie sind sehr gut gegen mich. Ich habe Sie gern. Ich dächte —— Sie werden aber nicht böse? — Sie gäben mir einen Kuß.

Magdalene beugte sich über sie mit der freien Anmuth und Liebenswürdigkeit früherer Zeiten und berührte ihre verblichenen Wangen.

—— Lasse man mich etwas Unschuldiges thun! dachte sie mit geheimem Schmerz. Ach, lasse man mich etwas Unschluldiges und Freundliches thun um der alten Zeiten willen!

Sie fühlte ihr Auge feucht werden und wandte sich schweigend hinweg.

In der Nacht kam keine Ruhe über sie. In der Nacht kämpften die empörten Mächte des Lichts und der Finsterniß ihren schrecklichen Kampf um ihre Seele und ließen den Streit zwischen sich noch unentschieden, als der Morgen graute. Als die Uhr des Yorker Münsters Neun schlug, folgte sie Mrs. Wragge an den Wagen und nahm ihren Platz neben dem Hauptmann ein. Eine Viertelstunde später, und York lag hinter ihnen, die Landstraße streckte sich offen und hell im Morgenlichte vor ihnen aus.



Kapiteltrenner


Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte