Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Viertes Buch - Zweite Zwischenscene - IX. Chronik über Juni
 

Namenlos



IX.
(Chronik über Juni.)

Den 9.

Ich kam gestern mit meinen eingesogenen Erkundigungen zurück. Hier sind sie, für mich zum Gebrauche in künftiger Zeit niedergeschrieben:

Mr. Noël Vanstone verließ gestern Brighton und zog sich zu dem Zwecke, seine Geschäfte in London treiben zu können, in eines von seines Vaters leerstehenden Häusern aus der Vauxhallpromenade in Lambeth zurück. Diese merkwürdig simple Wahl eines Aufenthaltsortes von Seiten eines reichen Herrn gibt zu der Vermuthung Grund und Anlaß, als ob Mr. N. V. sich nur schwer von seinem Gelde trennen könne.

Mr. Noël Vanstone ist seines Vaters Nachfolger im Besitz unter folgenden Umständen geworden. Mr. Michael Vanstone ist, wie es den Anschein hat, merkwürdig genug gerade wie Mr. Andreas Vanstone gestorben, ohne Testament nämlich, mit dem Unterschiede jedoch, daß der jüngere Bruder einen nicht rechtskräftigen letzten Willen, der ältere Bruder aber gar kein Testament hinterließ. Die hartköpfigsten Männer haben auch ihre schwachen Seiten, und Mr. Michael Vanstones schwache Seite scheint eine unüberwindliche Scheu gewesen zu sein, den Fall seines Todes ins Auge zu fassen. Sein Sohn, seine Haushälterin und sein Advocat hatten alle Drei immer und immer wieder versucht, ihn dazu zu bringen, eine letztwillige Verfügung zu. treffen, hatten aber nimmer seinen hartnäckigen Entschluß zu erschüttern vermocht, die Vollziehung des einzigen geschäftsmäßigen Acts, den er nachweislich in seinem Leben übersehen hatte, hinaus zu schieben. Zwei Aerzte waren bei ihm in seiner letzten Krankheit; sie gaben ihm zu bedenken, daß er zu alt sei, um hoffen zu dürfen, es zu überstehen: Alles vergebens. Er zeigte seinen eigenen bestimmten Entschluß an, nicht sterben zu wollen. Seine letzten Worte auf dieser Welt waren —— ich erfuhr sie von der Amme, welche Mrs. Lecount beistand ——:

—— Ich befinde mich von Minute zu Minute besser; schickt sofort nach dem Wagen und laßt mich ausfahren.

Dieselbe Nacht zeigte es sich, daß »Freund Hein« doch noch hartnäckiger sei, als er, und der Sohn (das einzige Kind) konnte bloß nach dem Laufe des Gesetzes das Besitzthum antreten. Niemand zweifelt, daß das Ergebniß dasselbe gewesen sein würde, wenn ein Testament gemacht worden wäre.

Der Vater und der Sohn hatten Beide volles Vertrauen zu einander, und man wußte, daß sie allezeit auf dem freundlichsten Fuße mit einander gelebt hatten.

Mrs. Lecount bleibt bei Mr. Noël Vanstone in demselben Dienstverhältniß als Haushälterin, in welchem sie schon bei Lebzeiten seines Vaters gestanden hatte, und hat ihn nach seiner neuen Wohnung auf der Vauxhallpromenade begleitet. Es ist bei männiglich ausgemacht und bekannt, daß sie bei der Wendung, welche die Dinge genommen haben, schlecht weggekommen ist. Wenn Mr. Michael Vanstone sein Testament gemacht hätte, so würde sie ohne Zweifel ihr hübsches Vermächtniß erhalten haben. Jetzt ist sie von Mr. Noël Vanstones Dankbarkeit abhängig, und sie sieht keineswegs darnach aus, sollte ich mir denken, als wenn sie diesen Anspruch einschlafen lassen wollte, ohne zu rechter Zeit einen gelinden Rippenstoß zu geben.

Ob die künftigen Pläne meiner schönen Verwandten in dieser Richtung auf Unheil anrichten, oder auf Geld abzielen, ist mehr, als ich zur Zeit zu sagen vermag. Auf jeden Fall glaube ich ihr prophezeien zu können, daß sie ein gewaltiges Hinderniß in Mrs. Lecount zu bekämpfen finden wird.

So viel zu meiner eigenen Wissenschaft von der Sache, wie sie eben gegenwärtig steht. Die Art und Weise, wie diese Ermittelungen von Miss Vanstone aufgenommen wurden, zeugte von dem undankbarsten Mißtrauen gegen mich. Sie vertraute meinem Ohr Nichts, als den Ausdruck ihres besten Dankes. Ein scharfsinniges Mädchen, ein verteufelt scharfsinniges Mädchen. Aber einen Mann foppen ist einmal schon zu viel, zumal wenn der Name dieses Mannes zufällig Wragge ist.

Kein Wort mehr von der »Unterhaltung«, kein Wort mehr davon, ob wir uns von gegenwärtigen Aufenthaltsorte wegbegeben wollten. Sehr gut. Meine rechte Hand verwettet sich, gegen die linke, Zehn gegen Eins darauf, sie wird sich mit dem Sohne in Verbindung setzen, wie sie’s mit dem Vater gemacht hat. Zehn gegen Eins, sie schreibt an Mr. Noël Vanstone, ehe der Monat zu Ende ist.

Den 23.

Sie hat mit der heutigen Post geschrieben. Allem Anscheine nach ein langer Brief, denn sie drückte zwei Marken aufs Couvert (Privatanmerkung für mich selbst: Die Antwort abfangen.)

Den 22., 23., 24.

Privatanmerkung erneuert: Die Antwort abfangen.

Den 25.

Die Antwort ist da. Als früherer Milizsoldat hatte ich natürlich eine Kriegslist »angestrengt«, um den Brief in die Hand zu bekommen. Der Erfolg, welcher alle Ausdauer in pfiffigen Planen belohnt, hat auch mich belohnt, und ich habe also den Brief zu Händen bekommen.

Der Brief ist nicht von Mr. Noël Vanstone, sondern von Mrs. Lecount geschrieben. Sie stellt sich auf den höchst möglichsten moralischen Standpunkt in einem Tone spöttischer Höflichkeit. Mr. Noël Vanstones zarte Gesundheit und neuer Verlust hindern Ihn, selbst zu schreiben. Alle weiteren Briefe von Miss Vanstone werden uneröffnet zurückgesendet werden. Jede persönliche Annäherung wird die sofortige Anrufung des Schutzes der Gerichte zur Folge haben. Mr. Noël Vanstone, welcher von seinem verstorbenen, tief beweinten Vater ausdrücklich vor Miss Madalene Vanstone gewarnt worden sei, habe den Rath seines Vaters noch nicht vergessen. Betrachte es als einen auf das Ehrengedächtniß des besten der Männer geworfenen Schandflecken, wenn man annehmen wollte, daß sein eigenes Verhalten gegen Miss Vanstone ein anderes als dasjenige sein könnte, welches sein Vater befolgt habe. Das sei Dasjenige, was er Mrs. Lecount zu sagen beauftragt habe. Sie selbst habe sich bestrebt, sich in der versöhnlichsten Sprache auszudrücken; sie habe versucht, Miss Vanstone den unnöthigen Schmerz zu ersparen (aus Höflichkeitsrücksichten), sich mit dem Familiennamen angeredet zu sehen. Sie hege die feste Zuversicht, daß diese Zugeständnisse, die für sich selber sprachen, nicht weggeworfen sein würden. (Dies ist der Hauptinhalt des Briefes, und dies sein Schluß.)

Ich ziehe aus dem kleinen Schriftstück zwei Schlüsse. Erstlich, daß Dies zu ernstem Unheil führen wird. Zweitens, daß Mrs. Lecount bei all ihrer Höflichkeit eine gefährliche Person ist, mit der sich schwer umgehen läßt Ich wünschte, ich sähe meinen Weg sicher vorgezeichnet vor mir. Bis jetzt ist Dies nicht der Fall.

Den 29.

Miss Vanstone hat meinen Schutz verlassen, und die ganze gewinnreiche Zukunft der dramatischen Unterhaltung ist daher so gut für mich verloren, als sie selber!

Ich bin beschwindelt ——, ja ich, der letzte Mann unter Gottes Sonne, von welchem es nach menschlichem Denken erwartet werden konnte, daß er auf diese kläglich unliebsame Weise von sich selber schreiben werde —— ich bin beschwindelt.

Die Anzeige ihrer bevorstehenden Abreise wurde mir gestern mitgetheilt. Nach einigen neuen höflichen Redensarten über die ihr zu Brighton verschafften Ermittelungen deutete sie an, daß es nöthig wäre, die Nachforschungen ein wenig weiter fortzusetzen. Ich erbot mich sofort, selbige wie früher zu übernehmen.

—— Nein, sagte sie, dies Mal liegen sie nicht auf Ihrem Wege. Es sind Nachforschungen über ein Weib, und ich bin gewillt, dieselben in Person vorzunehmen.

Indem ich innerlich der Ueberzeugung war, daß dieser neue Entschluß geradewegs auf Mrs. Lecount abzielte, versuchte ich ein paar unschuldige Fragen in dieser Richtung an sie zu richten. Sie lehnte mit aller Seelenruhe ab, mir darauf Rede zu stehen. Ich fragte sodann, wann sie wegzugehen beabsichtige. Sie wollte den Achundzwanzigsten reisen. Nach welchem Bestimmungsorte? —— London. Auf lange? —— Wahrscheinlich nicht. Ganz allein? —— Nein mit mir? —— Nein Mit wem sonst? —— Mit Mrs. Wragge, falls ich nichts dagegen hätte. Guter Gott, zu welchem denkbaren Zwecke? —— Zu dem Zwecke, um eine anständige Wohnung zu finden, was sie kaum auszuführen hoffen konnte, wenn sie nicht von einer älteren Freundin begleitet war. Und sollte ich in meiner Eigenschaft als älterer Freund in dieser Angelegenheit ganz bei Seite gelassen werden? —— Das war zur Stunde unmöglich auszumachen. Sollte ich ihr nicht einmal Briefe übermitteln, welche vielleicht unter unserer jetzigen Adresse an sie kommen könnten? —— Nein. Sie wollte auf der Post schon selber ihre Anordnungen darüber treffen, und sie möchte mich zugleich um eine Adresse ersuchen, unter der ich selber einen Brief von ihr erhalten könnte, falls sich später ein Briefwechsel nöthig machen sollte. Weitere Fragen zu thun, nachdem sie diese letzte Antwort gegeben, wäre nur eine unnütze Zeitverschwendung gewesen. Ich sparte meine Zeit, indem ich keine weiteren Fragen that.

Es war mir klar, daß unsere gegenwärtige Stellung zu einander dieselbe war, wie vor dem Ereigniß von Michael Vanstones Tode. Ich kam wie früher auf meine Wahl der einzuschlagenden Verfahrungsweisen zurück Welchen Weg wiesen mich meine eigenen Interessen? Etwa dahin, der Möglichkeit zu vertrauen, daß sie mich wieder brauchen werde? Oder dahin, ihr mit der Einmischung ihrer Verwandten und Freunde zu drohen? Oder endlich dahin, die Dinge, die ich schon wußte, zu einem einträglichen Geschäft zwischen der reichen Linie der Familie und mir selbst zu verwerthen? Der letzte der drei Wege war derjenige, den ich bereits beim Vater vorgezogen hatte. Ich zog ihn abermals vor beim Sohne.

Der Zug ging ziemlich vier Stunden später nach London ab und führte sie hinweg, begleitet von Mrs. Wragge. Meine Frau ist leider ein zu großer Schwachkopf, als daß sie in der gegenwärtigen Lage irgendwie thätig zu verwenden wäre. Doch wird sie mittelbar von Nutzen sein, dadurch daß sie Miss Vanstone in Verbindung mit mir hält, und in Erwägung dieses Umstandes will ich mich für eine gewisse Zeit dazu verstehen, meine Kleider selbst zu bürsten, mein Kinn selbst zu barbieren und die anderen Unzuträglichkeiten auf mich zu nehmen, welche die eigene Bedienung mir verursachen wird. Alle schwachen Verstandesfunken, welche Mrs. Wragge früher noch stellenweise besessen hat, scheinen schließlich ihr auch noch verloren gegangen zu sein. Als sie die Erlaubniß erhielt, nach London gehen zu dürfen, erfreute sie uns sofort durch zwei Fragen. Könnte sie Etwas im Laden kaufen? Und dürfte sie das Kochbuch zurücklassen? Miss Vanstone sagte Ja zu der einen Frage, und ich sagte Ja zu der andern, und von dem Augenblicke an ist Mrs. Wragge aus dem Lachen nicht herausgekommen. Ich bin noch heiser von der vergeblich wiederholten Anwendung meines mündlichen Anfeuerungsmittels und mußte sie im Eisenbahnwagen zu meinem unsäglichen Verdruß beide Schuhe übergetreten verlassen. Unter gewöhnlichen Umständen würden diese abgeschmackten Einzelheiten sich nicht in meinem Gedächtniß befestigt haben. Allein wie die Sachen jetzt stehen, führt meines unglücklichen Weibes Schwachsinn in seiner gegenwärtigen Lage zu Folgen, die Keines von uns voraussehen kann. Sie ist nicht mehr und nicht weniger, denn ein erwachsenes Kind, und ich kann deutlich bemerken, wie Miss Vanstone ihr gerade aus diesem Grunde mehr vertraut, als sie einem Weibe von klarerm Verstande vertrauen würde. Ich kenne kleine dicke Kinder vielleicht noch besser, als meine schöne Verwandte sie kennt, und ich sage, man nehme sich vor jeder Form der Unschuld bei Menschen in Acht, wenn es darauf ankommt, ein Geheimniß sicher zu bewahren.

Doch kehre ich lieber zu dem Geschäftlichen zurück. Hier bin ich nun zwei Uhr Nachmittag an einem schönen Sommertage ganz allein, um die sicherste Art und Weise, wie ich meinerseits Mr. Noël Vanstone nahe kommen kann, zu überlegen. Meine eigene Ansicht und Vermuthung von seinem knickerigen Charakter entmuthigen mich keineswegs. Ich habe meiner Zeit von Leuten, die ihr Geld gerade ebenso zärtlich liebten wie er, ganz erfreuliche Summen gezogen. Die wirkliche Schwierigkeit, die es zu beseitigen gibt, ist das lebendige Hinderniß, Mrs. Lecount. Wenn ich mich nicht ganz irre, so verdient diese Dame eine ziemlich erstliche Betrachtung von meiner Seite. Ich will für heute meine Chronik schließen und Mrs. Lecount die gebührende Beachtung schenken..

Drei Uhr.

Ich schlage diese Seiten wieder auf, um eine Entdeckung niederzuschreiben, die mich äußerst überrascht hat.

Als ich die letzte Auszeichnung vollendet hatte, kam mir ein Umstand wieder ins Gedächtniß, den ich bemerkt hatte, als ich diesen Morgen die Damen auf die Eisenbahn begleitete. Ich sah nämlich, daß Miss Vanstone nur einen von ihren drei Koffern mit sich genommen hatte, und es fiel mir nun ein, daß eine geheime Durchsuchung des zurückgebliebenen Gepäckes möglicherweise von erwünschtem Erfolge sein könnte. Da ich in gewissen Perioden meines Lebens gewohnt gewesen, mit fremden Schlössern mich bekannt zu machen, so fand ich keine Schwierigkeit dabei, mich mit Miss Vaustones Koffern auf vertrauten Fuß zu setzen. [Der würdige »Hauptmann«, den die Leser bereits als Schwindler, Hochstapler (vornehmer Bettler) und Urkundenfälscher kennen gelernt haben, gibt in diesen Bekenntnissen einer schönen Seele nicht undeutlich zu verstehen, daß er auch in anderer Hinsicht ein ausgemachter Gauner war. Sein letztes Geständniß bringt ihn in die Kategorie der Nachschlüsseldiebe, Makkener wie diese Classe in der deutschen Gaunersprache heißt. Dr. jur. C. B. is. Ave-Lallemant sagt in seinem höchst interessanten Werke »Das Deutsche Gaunerthum Leipzig, 1858.« Bd. 2. S. 154 Folgendes über diese »Künstler«: »Das Makkenen ist der Diebstahl aus Verschlüssen —— ohne Einbruch oder ohne ganze oder theilweise Zerstörung der Verschlüsse —— mit Anwendung von Schlüsseln, welche dem für das Schloß ursprünglich gearbeiteten Schlüssel mehr oder minder vollständig nachgearbeitet sind und daher Nachschlüssel, Diebsschlüssel oder auch Dietrithe enannt werden. Die Kunst des Makkenens hat daher die zwiefache Aufgabe, die Herstellung der Nachschlüssel und die heimliche und gechickte Anwendung der Nachschlüssel. Beide Aufgaben weiß das Gaunerthum vollständig zu lösen. Keine gaunerische Kunst ist verlässiger und ergiebiger, keine hat eine einfachere Basis und eine breitere Cultur als das Makkenen.« (Makkenen kommt aus dem Hebräischen und bedeutet eigentlich das falsche Stechen beim Kartenspiel) W.] Der eine von den beiden bot nichts Interessantes dar. Der andere, welcher zur Aufbewahrung der Theateranzüge, Toilettengegenstände und anderer Requisiten, welche zu der dramatischen Unterhaltung gebraucht wurden, diente, erwies sich eher meiner Aufmerksamkeit werth: denn er führte mich geradewegs zur Entdeckung von einem der Geheimnisse seiner Besitzerin.

Ich fand in dem Koffer alle Anzüge vollzählig vor —— jedoch auffallend mit Ausnahme eines einzigen. Dieser einzige war der Anzug der alten Dame —— aus Nordengland, der Rolle, die ich bereits als die beste von den Darstellung meines Pfleglings namhaft gemacht und als in Stimme und Benehmen von ihrer alten Erzieherin, Miss Garth, entlehnt und »abgenommen« bezeichnet habe. Die Perücke, die Augenbrauen, der Hut mit Schleier, der Mantel inwendig wattirt, um ihren Rücken und die Schultern zu entstellen, die Pflästerchen und die Schminke, um ihr Gesicht alt zu machen und ihre Farbe, zu verändern: Alles war weg. Nur das Kleid war zurückgeblieben, eine Seide mit bunten Blumen, die sich recht gut auf der Bühne machte, aber in Farbe und Muster zu auffallend war, »Um bei Tageslicht eine Besichtigung aushalten zu können. Die anderen Theile des Anzugs sind ruhig genug, um eine Beobachtung zu vertragen, der Hut und der Schleier sind nur altmodisch, und der Mantel ist von einer düstern grauen Farbe. Aber aus einer Entdeckung wie diese läßt sich ein klarer Schluß ziehen. So gewiß ich hier sitze, so gewiß ist sie eben im Begriff, den Krieg gegen Noël Vanstone und Mrs. Lecount unter einer Verkleidung zu eröffnen, die keines von jenen beiden Leuten einen denkbaren Grund haben kann äußerlich zu entdecken: unter der Verkleidung und in der Rolle von Miss Garth.

Welches Verfahren soll ich unter diesen Umständen einschlagen? Da ich ihr Geheimniß heraus habe, was soll ich damit anfangen? Dies sind sehr beachtenswerthe Erwägungen. Ich bin fast in Verlegenheit und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.

Es ist etwas mehr als die bloße Thatsache, daß sie sich gerade so verkleidet, um ihre geheimen Zwecke zu erreichen, —— was mich so in Verwirrung setzt.

Hunderte von Mädchen setzen sich in den Kopf, eine Verkleidung anzunehmen, und hundert Beispiele davon werden Jahr aus Jahr ein in den öffentlichen Blättern mitgetheilt. Allein mein Ex-Pflegling ist nicht einen Augenblick mit den halbschürigen Abenteuerinnen der Zeitungen zu verwechseln. Sie ist im Stande, ein großes Stück über die Grenze hinauszugehen, ja, sich als Mann zu verkleiden und die Stimme und das Benehmen eines Mannes anzunehmen. Sie hat eine angeborene Gabe, Charaktere darzustellen, wie ich bei keinem Weibe gefunden habe, und ist so lange damit-öffentlich aufgetreten, bis sie ihrer eigenen Kraft bewußt geworden ist und ihr Talent für Verkleidungen bis auf den höchsten Grad ausgebildet hat. Ein Mädchen, welches die scharfblickendsten Leute dadurch überrascht, daß es eine solche Eigenschaft, wie die eben erwähnte, dazu in Scene setzt, um seine besonderen Zwecke im Privatleben dadurch zu fördern, und welches diese Eigenschaft durch den Entschluß erhöht, sich den Weg zu seinem Ziele selber zu bahnen, und diesem Entschlusse getreu bis zu dieser Zeit jedes Hinderniß hinweg geräumt hat: Das ist ein Wesen, welches ein Berückungsexperiment versucht, das neu und gefährlich genug ist, um auf diese oder jene Weise zu sehr ernsten Folgen zu führen. Dies ist meine Ueberzeugung, gegründet auf lange Erfahrung in der Kunst, meine Mitmenschen zu täuschen. Ich sage von dem Unternehmen meiner schönen Verwandtin, was ich nicht eher darüber gesagt oder gedacht habe, als bis ich mich selbst mit dem inneren ihres Koffers bekannt gemacht hatte. Die Aussichten, ob sie den Kampf um ihr verlorenes Vermögen gewinnen wird oder nicht, sind nun so gleich abgewogen, daß ich, und wenn es mein Leben kosten sollte, nicht anzugeben vermag, wohin sich die Wagschale neigt. Alles, was ich bestimmt behaupten kann, ist, daß es sich mit verteufelter Gewißheit so oder so entscheiden wird an dem Tage, wo sie in Verkleidung Noël Vanstones Schwelle überschreiten wird.

Welchen Weg zeichnen mir meine Interessen jetzt vor? Auf Ehre, ich weiß es nicht.

Fünf Uhr.

Ich habe einen meisterhaften Vergleich zu Stande gebracht, ich habe mich entschieden nach beiden Seiten hin zu operiren und auf beiden Achseln zu tragen.

Mit heutiger Post habe ich einen anonymen Brief an Mr. Noël Vanstone aufgegeben. Derselbe wird auf dieselbe Weise an seine Bestimmung gelangen, welche ich mit Erfolg gebrauchte, um Mr. Pendril hinters Licht zu führen, und er wird die Vauxhallpromenade zu Lambeth morgen Nachmittags spätestens erreichen.

Der Brief ist kurz und hat folgenden Zweck, Er benachrichtigt Mr. Noël Vanstone in den beunruhigendsten Ausdrücken, daß er dazu ausersehen ist, das Opfer einer Verschwörung zu werden und daß das Haupt derselben eine junge Dame ist, welche bereits mit ihm und seinem Vater in Briefwechsel gestanden. Er bietet ihm den nothwendigen Nachweis an, um sich vollkommen sicher zu stellen unter der Bedingung, daß er den Schreiber schadlos hält für die ernstliche persönliche Gefahr, welche später eine solche Enthüllung für ihn zur Folge haben kann. Und er schließt mit der besonderen Bedingung, daß die Antwort in die »Times« eingerückt, mit der Aufschrift versehen werde: »EIN UNBEKANNTER FREUND« und deutlich angebe, welche Belohnung Mr. Noël Vanstone für den unschätzbaren Dienst auswerfe, welcher ihm geleistet werden solle.

Falls nicht eine unvermuthete Verwickelung eintritt, bringt mich dieser Brief gerade in die Lage, welche einzunehmen gegenwärtig mein Interesse ist. Wenn die Anzeige erscheint und die gebotene Belohnung groß genug ist, um mich zu bestimmen, in Feindeslager überzugehen, so gehe ich über. Erscheint keine Anzeige oder schlägt Mr. Noël Vanstone meinen kostbaren Beistand zu geringfügig an, so bleibe ich hier, warte die Zeit ab, bis meine schöne Verwandte mich wieder braucht oder bis ich mich ihr wieder nöthig mache, was auf Dasselbe hinauskommt. Wenn der anonyme Brief durch einen garstigen Zufall in ihre Hände fällt, so wird sie darin verächtliche Anspielungen auf mich selber finden, welche ich absichtlich eingemischt habe, um sie auf den Gedanken zu bringen, als sei der Schreiber eine von den Personen, welche ich bei der Ausführung jener Nachforschungen in ihrem Interesse zuziehen mußte. Wenn Mrs Lecount die Sache in die Hand nimmt und mir einen Fallstrick legt, so lehne ich ihre verführerische Einladung ab, indem ich mich ganz unbekannt stelle mit der ganzen. Sache, sofort wenn eine andere Person darin auftritt. Laßt das Ende kommen, wie es will, ich bin da, um Gewinn davon zu ziehen; ich bin da, beide Wege ins Auge fassend mit vollkommener Ruhe und Sicherheit, ein »moralischer Landwirth« mit seinen Augen auf zwei Ernten zugleich gerichtet und seine Schwindlersichel in Bereitschaft für jeden Ausfall.

Die nächst kommende Woche wird die Zeitung für mich mehr denn je Interesse haben. Es soll mich verlangen, auf welche Seite ich mich eintretenden Falls schlagen werde.


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