Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Sechstes Buch - Aus Hauptmann Wragges und Magdalenes Familienpapieren - XI. Magdalene an Hauptmann Wragge
 

Namenlos



XI.
Magdalene an Hauptmann Wragge.

Vauxhallpromenade den 17. Juli.

Wenn ich nicht irre, war es abgeredet, daß ich Ihnen nach Birmingham schreiben sollte, sobald ich mich ruhig genug fühlte, an die Zukunft denken zu können. Mein Gemüth ist endlich wieder gefaßt, und ich bin nunmehr im Stande, die Dienste anzunehmen, welche Sie mir ohne Rückhalt ungetragen haben.

Ich bitte Sie, mir wegen der Art und Weise zu verzeihen, wie ich Sie bei Ihrer Ankunft in diesem Hause, als Sie die Nachricht von meinem plötzlichen Unwohlsein erhalten hatten, empfangen habe. Ich war völlig außer Stande, mich selbst zu beherrschen, ich litt unter einem Seelenschmerz, welcher mich für jene Zeit des Gebrauchs meiner Sinne beraubte. Es ist nun meine Schuldigkeit, Ihnen zu danken für die große Schonung, mit der Sie mich zu einer Zeit behandelten, wo Schonung für mich eine unendliche Gunst war.

Ich will Ihnen nun so deutlich und so kurz, als ich kann, angeben, welche Dienste mir leisten sollen.

In erster Linie ersuche ich Sie —— so geheim als möglich —— alle und jede Stücke meines in der dramatischen Unterhaltung gebrauchten Costüms zu veräußern. Ich habe diese Unterhaltung für ewige Zeit aufgegeben und wünsche frei und ledig zu sein aller Dinge, die mich zufällig künftighin daran erinneren könnten. Der Schlüsse! zu meinem Koffer ist diesem Briefe beigegeben.

Den andern Koffer, der meine eigenen Kleider enthält, werden Sie so gut sein mir hierher zu schicken. Ich bitte Sie nicht, mir ihn selbst mitzubringen, da ich Ihnen einen weit wichtigeren Auftrag zu geben habe.

Nach der Mittheilung, die Sie bei Ihrer Abreise für mich hinterließen, schließe ich, daß Sie während dieser Zeit Mr. Noël Vanstone von der Vauxhallpromenade bis zu seinem jetzigen Aufenthaltsorte verfolgt haben. Wenn Sie letzteren entdeckt haben und Sie ganz sicher sind, dabei weder Mrs. Lecounts noch ihres Herrn Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben, so wünsche ich, daß Sie mir sofort eine Wohnung in derselben Stadt oder Ortschaft, in der Mr. Noël Vanstone seinen Aufenthalt genommen hat, zugleich für Sie und Mrs. Wragge besorgen. Ich schreibe Dies, wie wohl kaum erst nöthig zu bemerken ist, in der Annahme, daß, wo er auch immer jetzt verweilen mag, er sich einige Zeit daselbst aufhalten werde.

Wenn Sie für mich unter diesen Bedingungen ein kleines meublirtes Haus, das monatlich zu vermiethen ist, ausfindig machen können, so nehmen Sie es zunächst auf einen Monat. Sagen Sie, daß es für Ihre Frau, Ihre Nichte und Sie selbst ist, und bedienen Sie sich, wenn Sie wollen, irgend eines angenommenen Namens, sofern es ein solcher ist, welcher der argwöhnischsten Nachforschungen spotten kann. Ich überlasse dies Ihrer Erfahrung in solchen Dingen. Das Gehimniß, wer wir eigentlich sind, muß so ängstlich bewahrt werden, als hinge davon unser Leben ab.

Alle Auslagen, zu denen Sie bei der Ausführung meiner Wünsche veranlaßt werden könnten, werde ich Ihnen sofort zurückerstatten. Wenn Sie nur ein Haus der Art, wie ich es brauche, finden, dann ist es auch nicht nöthig, nach London zurückzukehren, um uns abzuholen. Wir können zu Ihnen kommen, sobald wir wissen, wohin wir uns wenden sollen. Das Haus muß ganz anständig sein und Mr. Noël Vanstones gegenwärtiger Wohnung, wo sie auch sein möge, wohlweislich so nahe als möglich liegen.

Sie müssen mir schon erlauben, in diesem Briefe über den Plan schweigen zu dürfen, den ich im Sinne habe. Ich möchte eine Erklärung bei Leibe nicht dem Papier anvertrauen. Wenn alle unsere Vorbereitungen fertig sind, sollen Sie aus meinem Munde hören, was Sie für mich thun sollen, und ich erwarte, daß Sie mir offen und frei sagen, ob Sie mir unter den günstigsten Bedingungen, die ich Ihnen gewähren kann, Beistand leisten wollen, wie ich ihn brauche.

Noch ein Wort, ehe ich diesen Brief zusiegele.

Wenn sich Ihnen, sobald Sie das Haus gemiethet haben und ehe wir uns wiedersehen, eine passende Gelegenheit bietet, mit Mr. Noël Vanstone oder Mrs. Lecount ein paar höfliche Worte zu wechseln, so machen Sie sich Das zu nutze. Es ist für meinen gegenwärtigen Plan von äußerster Wichtigkeit, daß wir mit einander bekannt werden, und Dies als das rein zufällige Ergebniß unserer nahen Nachbarschaft erscheine. Ich möchte, daß Sie wo möglich, noch ehe wir, Mrs. Wragge und ich, zu Ihnen kommen, den Weg zu diesem Endziele anbahnten. Ich bitte Sie auch, keine Gelegenheit zu verabsäumen, insbesondere Mrs. Lecount mit äußerster Aufmerksamkeit zu beobachten. Die Dienste, welche Sie mir von vornherein dadurch leisten können, daß Sie der scharfblickenden Frau eine Binde vor die Augen zu legen wissen, werden die werthvollste Hilfe sein, die Sie mir bis jetzt geleistet haben.

Es ist nicht nöthig, diesen Brief umgehend zu beantworten, vorausgesetzt, daß ich ihn nicht unter einer irrigen Annahme betreffs Dessen, was Sie seit Ihrer Abreise von London ausgerichtet haben, geschrieben habe. Ich habe unsere Wohnung noch für eine Woche länger behalten und kann also hier so lange auf Nachrichten von Ihnen warten, bis Sie mir die erwünschten Mittheilungen machen können. Sie können sich künftig unter allen möglichen Umständen vollständig auf meine Geduld. verlassen. Meine Launen sind zu Ende, und meine heftige Gemüthsart soll Ihre Nachsicht zum letzten Male auf die Probe gestellt haben. Magdalene.


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