Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Siebentes Buch - Zu Aldborough in Suffolk - Fünftes Capitel
 

Namenlos



Fünftes Capitel.

Als Magdalene kurz vor sieben Uhr im Wohnzimmer erschien, war keine Spur mehr von Aufregung in ihrem Wesen zu bemerken. Sie sah aus und sprach ruhig und theilnahmlos wie gewöhnlich.

Das finstere Mißtrauen auf dem Gesichte des Hauptmann Wragge schwand bei ihrem Anblicke hinweg. Es hatte während des Nachmittags Augenblicke gegeben, wo er ernstlich mit sich uneins gewesen war, ob das Vergnügen, dem Rachegelüsten gegen Noël Vanstone nachzugeben und die Aussicht auf den Gewinn der Summe von zwei Hundert Pfunden nicht zu theuer erkauft wären durch die Gefahr der Entdeckung, welcher er sich durch Magdalenens unzuverlässige Gemüthsart jede Stunde des Tages ausgesetzt sehen mußte. Der jetzt offen vor ihm liegende Beweis von ihrer starken Selbstbeherrschung machte seinen Geist von ernstlicher Besorgniß frei. Was sie in dem inneren ihres Kämmerleins gelitten ——, verschlug dem Hauptmann wenig, wenn sie nur dann heraus kam mit einem Gesicht, das der Beobachtung Stand hielt, und einer Stimme, welche Nichts verrieth.

Auf dem Wege nach Villa Amsee sprach Hauptmann Wragge seine Absicht aus, der Haushälterin einige theilnehmende Fragen betreffs ihres kranken Bruders in der Schweiz vorlegen zu wollen. Er war der Meinung, daß der kritische Zustand dieses Herrn auf den künftigen Fortgang der angesponnenen Unternehmung einen wichtigen Einfluß nehmen werde. Jede Aussicht auf eine Trennung, bemerkte er, zwischen der Haushälterin und ihrem Herrn sei unter den obwaltenden Umständen der sorgfältigsten Beachtung werth.

—— Wenn wir nur Mrs. Lecount zur rechten Zeit uns aus dem Wege schaffen können; flüsterte der Hauptmann, als er die Gartenthür seines Gastfreundes aufmachte, so haben wir unsern Mann in der Tasche!

Eine Minute später, und Magdalene war abermals unter Noël Vanstones Dach, diesmal in der Rolle eines von ihm selber eingeladenen Gastes.

Die Vorgänge des Abends waren meistens eine Wiederholung derer beim Morgenspaziergange Mr. Noël Vanstone schwankte wie ein Rohr zwischen seiner Bewunderung von Magdalenens Schönheit und der Selbstverherrlichung seiner Schätze hin und her. Hauptmann Wragge's unerschöpfliche Ergüsse und gelehrte Zungenfertigkeit, unterbrochen durch zarte, indirecte Fragen betreffs Mrs. Lecounts Bruder, lenkten beständig die eifersüchtige Wachsamkeit der Haushälterin von den Blicken und Reden ihres Herrn ab. So ging der Abend hin, bis es Zehn schlug. Nun war auch der Born des populären Wissens beim Hauptmann erschöpft, und der Drang der Haushälterin machte sich gewaltsam Bahn. Abermals gab Hauptmann Wragge Magdalenen durch einen Blick ein Zeichen und erhob sich, wohlweislich seine Zeit ersehend, trotz des gastfreundlichen Widerspruchs von Seiten Mr. Noël Vanstones, um gute Nacht zu sagen.

—— Ich habe meinen Zweck erreicht, bemerkte der Hauptmann auf dem Nachhausewege. Mrs Lecounts Bruder lebt in Zürich. Er Junggeselle, er besitzt ein kleines Vermögen, und seine Schwester ist seine nächste Verwandte. Wenn er nur die Gefälligkeit haben wollte, endlich seinen Abmarsch (zur großen Armee) anzutreten, so würde er uns eine Welt voll Schwierigkeiten mit Mrs. Lecount ersparen.

Es war eine schöne Mondscheinnacht. Er sah sich nach Magdalenen um, als, er diese Worte sprach, um zu sehen, ob ihre hartnäckige Verstimmung sie wieder ergriffen hätte.

Nein! Ihre leicht wechselnde Laune hatte sich abermals verändert. Sie blickte um sich mit einer fieberhaften, unnatürlichen Fröhlichkeit; sie spottete über die bloße Idee von ernster Schwierigkeit mit Mrs. Lecount, sie machte Noël Vanstones hohe Stimme nach und wiederholte Noël Vanstones hochfliegende Complimente und hatte ihre schnöde Freude dran, ihn lächerlich zu machen. Anstatt wie vorher ins Hans zu eilen, schlenderte sie sorglos an der Seite ihres Begleiters, indem sie kleine Bruchstücke von Liedern vor sich her summte und die lockeren Kieselsteine rechts und links aus dem Gartenwege fortstieß. Hauptmann Wragge segnete im Stillen den Umschlag in ihr als das beste der guten Omen. Er dachte, er sähe offene Zeichen, daß der Familiengeist endlich wieder über sie käme.

—— Gut, sagte er, als er ihr das Licht zum Schlafengehen anzündete, wenn wir uns Alle morgen auf der Promenade treffen, so werden wir, wie unsere seemännischen Freunde sagen, ja »sehen, wie das Land liegt«. Eins kann ich ihnen sagen, liebes Mädchen: ich will meine Augen nicht offen gehabt haben, wenn diese Nacht nicht in Mr. Noël Vanstones häuslicher Atmosphäre ein Sturm im Anzuge ist.

Der Scharfblick des Hauptmanns hatte ihn auch diesmal nicht betrogen. Sobald die Thür von Villa Amsee sich hinter den scheidenden Gästen geschlossen hatte, machte Mrs. Lecount eine Anstrengung, um sich der Macht ihres eignen Einflusses zu vergewissern, den Magdalenens Einwirkung bereits zu untergraben drohte.

Sie brauchte jeden Kunstgriff, dessen sie Meisterin war, um zu sehen, wie eigentlich Magdalene in der Meinung ihres Herrn stünde. Sie versuchte es wieder und immer wieder, ihm ein unwillkürliches Bekenntniß des Vergnügens abzulocken, das er bereits an der Gesellschaft der Gesellschaft der schönen Miss Bygrave empfand; sie rang und wandte sich durch alle die Ecken und Enden seines schwachen Charakters hindurch, just wie die Frösche und Eidechsen durch den porösen Felsen ihres Aquariums schlüpften. Aber sie beging den einen großen Mißgriff, welchen sehr gescheidte Leute in ihrem Verkehr mit geistig untergeordneten Personen fast durchgängig zu begehen geneigt sind: sie vertraute unbedingt der Narrheit eines Narren. Sie vergaß dabei, daß eine der geringsten menschlichen Fähigkeiten, die Schlauheit, oft gerade am Meisten in dem geistig am tiefsten stehenden Wesen entwickelt ist. Wenn sie ganz einfach und geradeheraus mit ihrem Herrn gezankt hätte, so würde sie ihn wahrscheinlich eingeschüchtert haben. Wenn sie ihre Herzensmeinung offen vor ihm ausgesprochen hätte, so würde sie ihn durch Darlegung einer Kette von zusammenhängenden Ideen, unfaßbar für sein beschränktes Verständniß, verblüfft haben. Seine Neugier würde ihn getrieben haben, sich eine Erklärung auszubitten, und wenn sie ihn von der Seite gefaßt hätte, so würde sie ihn nach ihrem Sinne gelenkt haben. So aber setzte sie nur einfach ihre Schlauheit gegen die seinige, und der Narr trug den Sieg über sie davon. Mr. Noël Vanstone, welchem alle großherzigen Motive unter Gottes Sonne undurchdringliche Geheimnisse waren, sah das engherzige Motiv im Hintergrunde des Benehmens der Haushälterin, mit einem schlagfertigen Scharfblicke, als wenn er ein Mensch von der höchsten Begabung gewesen wäre. Mrs. Lecount verließ ihn für diesen Abend, besiegt und mit dem Bewußtsein, daß sie besiegt sei, verließ ihn, grimmig wie eine Tigerin, und das gemeine Verlangen in ihren eleganten Fingernägeln, sich in ihres Herrn Gesicht einzugraben!

Sie war nicht das Weib, daß sich durch eine Niederlage, durch hundert Niederlagen aus dem Felde schlagen läßt. Sie war fest entschlossen darauf zu denken und zu sinnen, ein Mittel ausfindig zu machen, um die wachsende Vertraulichkeit mit den Bygraves ein für alle Mal aufzuheben. In der Einsamkeit ihres Zimmers erlangte sie ihre Fassung wieder und machte sich zum ersten Male daran, die Schlüsse, welche sie aus den Ereignissen des Tages sich gebildet hatte, übersichtlich aneinander zu reihen.

Es war etwas Bekanntes in der Stimme dieser Miss Bygrave und zugleich in unbestimmbarem Widersprüche damit doch auch wieder etwas Fremdes. Das Gesicht und die Gestalt der jungen Dame waren ihr ganz fremd. Es war ein auffallendes Gesicht und eine auffallende Gestalt, und wenn sie eins von Beiden einmal in früherer Zeit gesehen hätte, so würde sie sich gewiß dessen erinnert haben. Miss Bygrave war ohne Frage eine Fremde und doch...

Sie war schon während des Tages nicht weiter als bis hierher gekommen, sie konnte auch jetzt nicht weiter kommen. Die Kette der Gedanken brach ab.... Ihr Geist nahm die Stücke der Kette auf und bildete eine andere Kette, welche sich an die Dame, die verborgen und eingeschlossen gehalten wurde, knüpfte, an die Tante, welche wohl aussah und doch nervenleidend war, welche an den Nerven litt und doch mit Nadel und Zwirn umgehen konnte. Eine unbegreifliche Aehnlichkeit mit einer Stimme in ihrer Erinnerung —— bei der Nichte; eine räthselhafte Krankheit, welche die Tante von der Oeffentlichkeit ausschloß, ein außergwöhnlicher Grad von wissenschaftlicher Bildung —— bei dem Oheim, eng verbunden mit einer gewissen Derbheit und Keckheit des Auftretens, welche sich keineswegs mit dem Wesen eines in gelehrte Untersuchungen eingeweihten Mannes vertragen wollte: waren die Glieder dieser kleinen Familie von drei Personen wirklich das, was sie äußerlich schienen?

Mit dieser Frage im Herzen ging sie zu Bett.

Sobald das Licht ausgelöscht war, schien die Dunkelheit ihre Gedanken in einen seltsam verschlungenen Tanz zu ziehen. Sie wanderten wider ihren Willen von der Gegenwart weg, rückwärts in die Vergangenheit.... Sie brachten ihren alten Herrn wieder ins Leben... sie beschworen vergessene Worte und Handlungen in dem englischen Cirkel zu Zürich herauf... sie schwärmten hinweg an das Todtenbett des alten Herrn in Brighton... sie gingen von Brighton nach London, traten in das nackte, unwohnliche Zimmer auf der Vauxhallpromenade... sie setzten das Aquarium wieder zurück an seinen alten Platz, auf den Küchentisch... und die falsche Miss Garth in den Stuhl daneben, wie sie ihre entzündeten Augen vor dem Lichte schützte... sie legten ihr wieder den namenlosen Brief, den Brief, welcher dunkel auf einen Anschlag gegen sie aufspielte, in die Hand... Und sie stand mit demselben wieder vor ihrem Herrn, und es wiederholten sich das Gespräch über die Ausfüllung der leergelassenen Stelle in der Anzeige und der Streit, als sie damals Mr. Noël Vanstone sagte, daß die Summe, welche er geboten hatte, lächerlich gering sei. Ein alter Zweifel stieg wieder auf in ihr, welcher sie seit Wochen nicht mehr beunruhigt hatte, ein Zweifel, ob dieser angedrohte Anschlag nicht in bloßen Worten verpufft wäre, oder ob sie und ihr Herr wohl vielleicht doch nochmals davon hören würden. Bei diesem Puncte brachen ihre Gedanken abermals ab, und es entstand eine augenblickliche Lücke... Den nächsten Augenblick aber fuhr sie jählings auf; ihr Herz schlug heftig, ihr Haupt wirbelte, als ob sie ihren Verstand verloren hätte! Mit elektrischer Schnelligkeit stellte ihr Geist seine zerstückelte Mannigfaltigkeit von Gedanken zusammen und legte sie deutlich in einer verständigen Form vor sie hin. In der sie alles Andere vergessen machenden Aufregung des Augenblicks schlug sie ihre Hände zusammen und schrie plötzlich in der Dunkelheit auf:

—— Wieder Miss Vanstone!!!

Sie stieg wieder aus dem Bette und zündete sich sogleich Licht an. Stark wie ihre Nerven waren, hatte doch der Stoß sie erschüttert, als jener Verdacht sie blitzähnlich durchzuckte. Ihre feste Hand zitterte, als sie ihre Commode aufzog und ein kleines Fläschchen mit fliegendem Salz herausnahm. Trotz ihrer glatten Wangen und ihres wohlerhaltenen Haares sah man ihr jetzt doch ihr Alter bis aufs Jahr an, wie sie dastand und den Spiritus mit Wasser vermischte, ihn gierig hinunter trank und sich ihren Schlafrock um sich nehmend an das Bett setzte, um wieder ruhig zu werden.

Sie war ganz unfähig dem geistigen Vorgang noch einmal zu folgen, welcher sie zur Entdeckung geführt hatte. Sie konnte nicht soweit gegenständlich aus sich heraustreten, um zu sehen, daß ihre halbfertigen Schlüsse betreffs der Bygraves damit geendigt hatten, jene Familie zu Gegenständen des Argwohns für sie zu machen; und daß die beiden Ideen von jenen verschiedenen Gegenständen ihres Mißtrauens plötzlich mit einander in Berührung kommend, ihr das Licht aufgesteckt hatten. Sie war nicht im Stande, die Reihe der Schlüsse rückwärts zu verfolgen von der Wirkung zur Ursache. Sie konnte nur fühlen, daß der Verdacht schon mehr war, als ein bloßer Verdacht: die Ueberzeugung selbst hätte sich nicht tiefer in ihrer Seele festsetzen können.

Indem, sie nun Magdalene in dem neuen Lichte, das auf sie fiel, betrachtete, wollte Mrs. Lecount sich gern einreden, als ob sie einige Züge aus dem Gesicht der falschen Miss Garth und deren Gestalt in dem anmuthigen und schönen Mädchen wieder erkannt, welches kaum vor einer Stunde an ihres Herrn Tische gesessen hatte, —— und Aehnlichkeiten gefunden habe, an die sie bisher nimmer gedacht, zwischen der zornigen Stimme, die sie auf der Vauxhallpromenade gehört hatte, und der sanften wohlgeschulten Sprechweise, welche ihr diesen Abend eine Treppe tiefer noch in den Ohren klang. Sie redete sich ein, daß sie diese Ergebnisse ohne Verwaltigung der Wahrheit, die sie schon besaß, erreicht habe; aber diese Anstrengung war vergebens.

Mrs. Lecount war nicht das Weib, das über dem Versuch sich selbst zu täuschen, Zeit und Geist verschwenden mochte. Sie gab sich mit dem unbestreitbaren Schlusse zufrieden, daß die Muthmaßung eines Augenblicks sie zur Entdeckung geführt habe. Und noch mehr, sie erkannte die volle Wahrheit an, so unwillkommen sie auch war, daß die nun einmal bei ihr selbst innerlich feststehende Ueberzeugung bis jetzt durch kein einziges Stückchen von einem handhaften Beweise unterstützt werde, welcher letztere in den Augen Anderer zu rechtfertigen wäre.

Was war unter diesen Umständen für ein Verhalten ihrem Herrn gegenüber rathsam einzuschlagen?

Wenn sie ihm den nächsten Morgen, wo sie zusammenkamen, offen heraus mittheilte, was ihr die Nacht über in den Sinn gekommen sei, so konnte nach ihrer Kenntniß von Mr. Noël Vanstone nur eins von zwei Dingen eintreten. Entweder war er vielleicht unwillig und widersprechend, verlangte auch noch Beweise und klagte, wenn er fand, daß keiner zum Vorschein kam, wohl gar noch sie an, daß sie ihn unnöthigerweis in Angst und Schrecken setzen wolle, und das Alles, bloß um ihren eifersüchtigen Endzweck, Magdalenen vom Hause fernzuhalten, zu fördern. Oder aber er war vielleicht ernstlich betroffen, rief nach dem Schutze des Gesetzes und lehrte dadurch nur den Bygraves von Anfang an auf ihrer Hut zu sein. Wenn Magdalene allein in die Verschwörung verwickelt gewesen wäre, so würde die letztere Consequenz in den Augen der Haushälterin keine große Wichtigkeit gehabt haben. Aber da sie die Täuschung in ihrem vollen Lichte sah, so war sie ein zu gescheidtes Weib, als daß sie die unerschöpfliche Fruchtbarkeit von Hauptmann Wragge's erfinderischem Geiste nicht ihrem ganzen Werthe nach geschätzt hätte.

—— Wenn ich dieser Unverschämten Spottgeburt nicht mit klaren Beweisen, die für mich sprechen, entgegentreten kann, — dachte Mrs. Lecount, so werde ich meines Herren Augen morgen früh öffnen, aber Mr. Bygraoe wird sie, ehe es Nacht wird, wieder schließen; Der Schurke spielt mit allen seinen Karten unter dem Tische, und er wird das Spiel gewißlich gewinnen, wenn er meine Hand sich rühren sieht.

Diese Politik des Zuwartens war so offenbar klug berechnet, der vorsichtige Mr. Bygrave war seiner Sache so sicher, indem er sich für den Nothfall mit Beweismitteln für die Identität versehen, die er und seine Nichte zu ihrem Endzweck angenommen hatten, daß Mrs. Lecount bei sich beschloß, nächsten Morgen mit sich selbst zu Rathe zu gehen und mit dem Angriff der Verschwörung so lange zu warten, bis sie zu ihrer Unterstützung unleugbare Thatsachen vorbringen könnte. Ihres Herrn Bekanntschaft mit den Bygraves war nur eine Bekanntschaft von der Dauer eines Tages. Es war keine Gefahr da, daß sie sich zu einer beunruhigenden Vertraulichkeit entwickeln konnte, wenn sie dieselbe auch noch einige wenige Tage länger zuließ und spätestens nach Ablauf einer Woche sie zu Nichte machte.

Welche Maßregeln konnte sie zu dieser Zeit ergreifen, um die Hindernisse zu entfernen, welche ihr jetzt im Wege standen, und sich mit den Waffen zu versehen, die sie jetzt brauchte?

Reiferes Nachdenken zeigte ihr drei verschiedene Aussichten zu ihren Gunsten, drei verschiedene Wege, um zu, der nothwendiger Entdeckung zu gelangen.

Die erste Aussicht war, sich mit Magdalenen in ein freundliches Verhältniß einzulassen und sie unversehends zu fassen und dann sie so zu verstricken, daß sie sich in Noël Vanstone's Gegenwart verriethe.

Die zweite Möglichkeit war, an die ältere Miß Vanstone zu schreiben und unter Vorgeben irgend einer beunruhigenden Veranlassung dieser Frage sich Auskunft zu erbittert über ihrer jüngern Schwester nähere Umstände und diejenigen Eigenthümlichkeiten ihrer persönlichen Erscheinung, welche einen Fremden in den Stand setzen könnten, sie wieder zu erkennen.

Die dritte Aussicht endlich war, das Geheimniß, warum Mrs. Bygrave eingeschlossen gehalten wurde, zu ergründen —— und durch eine persönliche Unterredung herauszubekommen, ob nicht das Leiden der kranken Dame möglicherweise nur hinausliefe auf eine mangelnde Fähigkeit, das Geheimniß ihres Gatten zu bewahren.

Indem Mrs. Lecount sich entschloß, es mit allen drei Verfahrungsweisen in der Reihenfolge, wie sie hier aufgezählt wurden, zu versuchen und Magdalenen gleich an dem Tage, der in wenigen Stunden anbrechen mußte, die Daumschrauben anzusetzen, warf sie endlich ihren Schlafrock ab und ließ ihrem schwächeren irdischen Theile sein Recht auf einen kurzen Schlummer widerfahren.

Das Morgengrauen brach bereits über der kalten grauen See an, als sie sich wieder zu Bett legte. Der letzte Gedanke in ihrer Seele, ehe sie einschlief, war bezeichnend für das Weib, es war ein Gedanke, welcher den Hauptmann bedrohte.

—— Er hat freventlich mit dem heiligen Andenken meines Gatten gespielt, dachte die Professorswittwe. Bei meinem Leben und meiner Ehre, er soll mir dafür büßen!

Am nächsten Morgen früh fing Magdalene ihr Tagewerk nach der mit dem Hauptmann genommenen Abrede damit an, daß sie Mrs. Wragge zu einer kleinen Bewegung im Freien zu einer Stunde, wo nicht zu fürchten stand, daß sie die öffentliche Aufmerksamkeit erregen würde, ausführte. Diese bat inständig, sie doch zu Hause zu lassen. Sie habe ja die orientalische Kaschmirrobe beständig im Sinne und halte es für nothwendig, ihre Anweisungen zum Schneidern zum hundertsten Male wenigstens durchzulesen ehe sie —— um ihren eigenen Ausdruck zu gebrauchen —— »ihren Muth soweit hinaufschrauben könnte, um die Scheere an das Zeug zu bringen«.

Allein ihre Begleiterin ließ keine Entschuldigung gelten, und somit wurde sie gezwungen, mit auszugehen. Der einzige aufrichtige Lebenszweck, den Magdalene jetzt verfolgte, war ja der Entschluß, daß die arme Mrs. Wragge um ihretwillen nicht zu einer Gefangenen gemacht werden sollte; und an diesem Entschlusse klammerte sie sich halb unbewußt fest als an dem einzig ihr gebliebenen letzten Zeichen, woran sie ihr besseres Selbst wieder erkannte.

Sie kamen später als gewöhnlich zum Frühstück heim. Während Mrs. Wragge in das Haus hinauf ging, um sich von Kopf bis zu Fuß zu der Frühmusterung von Seiten der ordnungsliebenden Augen ihres Eheherrn zu bereiten, und während Magdalene und der Hauptmann im Wohnzimmer auf sie warteten, kam das Dienstmädchen herein und brachte einen Brief von Villa Amsee. Der Bote wartete auf Antwort, und das Billet war an Hauptmann Wragge gerichtet.

Der Hauptmann öffnete den Brief und las folgende Zeilen:

Werther Herr!

Mr. Noël Vanstone ersucht mich an Sie zu schreiben und Ihnen mitzutheilen, daß er diesen Tag zu einer längeren Spazierfahrt nach einem Orte an der Küste, welcher Dunwich heißt, benutzen will. Er wünscht nun zu wissen, ob Sie mit ihm einen Wagen zusammen nehmen und ihm das Vergnügen Ihrer und Miß Bygraves Gesellschaft auf diesem Ausfluge gönnen wollen. Es ist mir freundlich Verstattet worden, mit von der Partie zu sein, und, wenn ich ohne unbescheiden zu sein, mich so ausdrücken darf, so möchte ich hinzufügen, daß ich eben soviel Vergnügen als mein Herr empfinden würde, wenn Sie und ihre junge Dame so gefällig sein wollten, sich uns anzuschließen. Wir beabsichtigen Albborough pünktlich elf Uhr zu verlassen..

Gestatten Sie mir, werther Herr, mich zu nennen

Ihre
gehorsame Dienerin,
Virginie Lecount.

—— Von wem ist der Brief? frug Magdalene, als sie auf des Hauptmanns Gesicht eine Verwandlung bemerkte, während er fort las. Was wünscht man von uns auf Villa Amsee?

—— Erlauben Sie, versetzte der Hauptmann mit gewichtiger Miene, dies verlangt Erwägung. Lassen Sie mir ein paar Minuten Zeit, mich zu bedenken.

Er machte einige Gänge im Zimmer auf und ab, trat dann plötzlich an einen Seitentisch in einer Ecke, auf welchem Schreibmaterialien lagen.

—— Oho, ich bin nicht von gestern, Madame, sagte der Hauptmann in scherzhaftem Selbstgespräche.

Er kniff sein braunes Auge zu, ergriff die Feder und schrieb die Antwort.

—— Können Sie nun reden? forschte Magdalene als die Dienerin das Zimmer verlassen hatte. Was besagt jener, Brief, und wie haben Sie ihn beantwortet?

Der Hauptmann legte ihr den Brief in die Hand.

—— Ich habe die Einladung angenommen, versetzte er ruhig.

Magdalene las das Billet.

—— Geheime Feindseligkeit gestern —— sagte sie —— und offene Freundschaft heute? Was soll das heißen?

—— Das soll heißen, sagte Hauptmann Wragge, —— Mrs. Lecount ist doch noch schlauer als ich glaubte. Sie hat Sie entdeckt.

—— Unmöglich, rief Magdalene. Vollständig unmöglich in der kurzen Zeit!

—— Ich kann nicht sagen, wie sie Sie entdeckt hat, fuhr der Hauptmann mit voller Seelenruhe fort; —— sie kennt vielleicht Ihre Stimme noch genauer, als wir Beide voraussetzten. Oder sie hat bei näherem Zusehen herausgefunden, daß wir eine verdächtige Familie seien, und irgend etwas Verdächtiges, das mit einem Frauenzimmer in Zusammenhang stand, hat vielleicht ihren Geist zurückgeführt zu jenem Ihrem Morgenbesuche auf der Vauxhallpromenade. Wie es auch immer zugegangen sein mag, der Grund dieser jähen Umwandlung ist deutlich genug. Sie hat Sie entdeckt: und sie will nun Beweise für die Richtigkeit ihrer Entdeckung haben, dadurch, daß sie unter dem Deckmantel eines kleinen freundschaftlichen Gesprächs eine oder ein paar verfängliche Fragen einfließen läßt. Meine Menschenkenntniß ist eine sehr vielartige, und Mrs. Lecount ist nicht der erste abgefeimte Kopf im Unterrocke, mit welchem ich es zu thun gehabt habe. Die ganze Welt ist eine Bühne, liebes Kind —— und auf unserer kleinen Bühne ist eben von diesem Augenblick an eine Scene abgeschlossen.

Mit diesen Worten nahm er sein Exemplar von Joyces Wissenschaftlichen Gesprächen aus seiner Tasche.

—— Mit Dir bin ich nun bereits fertig, mein Freund! sagte der Hauptmann und gab seinem nutzbaren Leitfaden einen Schlag zum Lebewohl und schloß ihn in den Wandschrank ein.

—— So ist es mit der menschlichen Popularität, fuhr der unverbesserliche Vagabund fort, indem er den Schlüssel fröhlich in seine Tasche steckte. Gestern noch war Joyce mein Einziges und Alles! Heute mache ich mir nicht mehr soviel aus ihm!

Er schnippte mit den Fingern und setzte sich zum Frühstück.

—— Ich verstehe Sie nicht, sagte Magdalene und sah ihn unwillig an. Wollen Sie mich für die Zukunft mir selbst überlassen?

—— Liebes Kind! rief der Hauptmann Wragge, können Sie sich noch immer nicht an den Flug meines Humors gewöhnen? Ich bin zu Ende mit meiner gemeinfaßlichen Wissenschaft, einfach deswegen, weil ich vollkommen überzeugt bin, daß Mrs. Lecount auch damit zu Ende ist, mir Glauben zu schenken. Habe ich nicht die Einladung nach Dunwich angenommen? Seien Sie unbesorgt. Die Hilfe, die ich Ihnen bereits geleistet habe, will Nichts besagen im Vergleich mit der Hilfe, die ich Ihnen jetzt leisten werde. Meine Ehre steht auf dem Spiele, Mrs. Lecount das Paroli zu biegen. Dieser ihr letzter Schachzug hat es zu einer persönlichen Angelegenheit zwischen mir und ihr gemacht.

—— Das Weib denkt jetzt wirklich, es kann mich in die Tasche stecken! schrie der Hauptmann indem er mit seinem Messerstiel auf den Tisch klopfte in einer Anwandlung von sittlicher Entrüstung. Beim Himmel, ich war noch nie in meinem Leben so beleidigt! Rücken Sie Ihren Stuhl an den Tisch, meine Liebe, und schenken Sie mir eine halbe Minute lang Ihre Aufmerksamkeit mit Bezug auf Das, was ich Ihnen zu sagen habe.

Magdalene willfahrte ihm. Hauptmann Wragge senkte vorsichtig seine Stimme, ehe er fortfuhr.

—— Ich habe Ihnen immer gesagt, sprach er, daß das Einzige, was nöthig ist, darin besteht, daß Mrs. Lecount Sie niemals in Aufwallung und Aufregung belauschen darf. Ich sage Dasselbe, nach dem, was diesen Morgen vorgefallen ist. Lassen Sie sie nur mißtrauisch gegen Sie sein! Ich wette, sie findet nun und nimmer einen Anhaltspunct für ihren Verdacht, wenn wir ihr nicht etwa selbst in die Hände arbeiten. Wir werden heute sehen, ob sie thöricht genug gewesen ist, sich ihrem Herrn zu verrathen, ehe sie Thatsachen in den Händen hat, um ihre Behauptungen zu erhärten. Ich bezweifle es. Wenn sie es ihm gesagt hat, so wollen wir Beweise unserer Identität mit den Bygraves in Strömen auf sein schwaches Köpfchen herabregnen lassen, daß er schließlich unter der Last seiner Ueberzeugung erseufzen soll. Sie haben auf diesem Ausflug nur zweierlei zu thun. Erstlich mißtrauen Sie einem jeden Worte, das aus Mrs. Lecounts Munde kommt. Zweitens setzen Sie Ihren ganzen Zauber in Thätigkeit, um die Sache mit Mr. Noël Vanstone von diesem Tage an richtig zu machen. Ich will Ihnen die Gelegenheit geben, sobald wir den Wagen verlassen und unsern Spaziergang nach Dunwich antreten. Tragen Sie Ihren Hut, tragen Sie Ihr Lächeln auf den Lippen, lassen Sie Ihre Gestalt zur vollen Geltung kommen, schnüren Sie sich knapp, legen Sie Ihre hübschesten Schuhe und hellsten Glacés an, binden Sie die elende kleine Spottgeburt an ihr Schürzenband, binden Sie ihn fest und überlassen Sie die ganze Anordnung der Sache nachher nur mir. Achtung! Hier ist Mrs. Wragge, wir müssen jetzt doppelt vorsichtig sein und sie wohl im Auge behalten. —— Zeige mir Deine Haube, Mrs. Wragge! zeige mir auch Deine Schuhe! Was muß ich auf Deiner Schürze erblicken? Einen Flecken? Ich will keine Flecken haben! Nimm sie nach dem Frühstück ab und leg eine andere an. Rücke Deinen Stuhl nach der Mitte des Tisches, —— mehr links, noch mehr. Mach das Frühstück.

Ein Viertel vor Elf wurde Mrs. Wragge mit ihrer eigenen vollen Zustimmung in das Hinterzimmer entlassen, um sich für den Rest des Tages in die Wissenschaft des Kleidermachens zu vertiefen. Pünctlich mit dem Glockenschlage fuhren Mrs. Lecount und ihr Herr vor dem Thor der Nordstein-Villa vor und fanden Magdalene und Hauptmann Wragge ihrer im Garten wartend.

Aus dem Wege nach Dunwich fiel Nichts vor, um den Genuß der Spazierfahrt zu trüben. Mr. Noël Vanstone war bei vortrefflicher Gesundheit und äußerst gewecktem Humor. Die Lecount hatte wegen des kleinen Mißverständnisses vom Abend vorher um Verzeihung gebeten, sie hatte sich den Ausflug als eine Prüfung für sie selbst ausgebeten. Er dachte an diese Zugeständnisse und blickte auf Magdalene und grinste und lächelte in Einem fort. Mrs. Lecount spielte ihre Rolle vortrefflich. Sie war gegenüber Magdalenen mütterlich zärtlich und gegen Noël Vanstone liebevoll aufmerksam. Sie nahm den regsten Antheil an Hauptmann Wragge's Unterhaltung und war einigermaßen betreten darüber, daß selbige sich auf allgemeine Gegenstände mit Ausschluß der Wissenschaft erstreckte. Nicht ein Wort oder ein Blick entschlüpfte ihr, welcher im entferntesten Grade auf ihr wirkliches Endziel hindeutete. Sie hatte sich mit gewohnter Eleganz und Sauberkeit gekleidet und war an dem schwülen Sommertage die einzige Person, welche in der heißesten Zeit des Tages vollkommen kühl war und blieb.

Als sie bei ihrer Ankunft zu Dunwich den Wagen verließen, ergriff der Hauptmann einen Augenblick, wo Mrs. Lecounts Auge von ihm abgewandt war, und prägte Magdalenen durch ein einzig Wort noch einmal seine Warnungen und Verhaltungsregeln ein.

—— Nehmen Sie, sich vor der Katze in Acht! flüsterte er. Sie wird ihre Krallen auf dem Rückwege zeigen.

Sie verließen das Dorf und wandelten zu den Ruinen eines nahegelegenen Klosters, dem letzten Ueberbleibsel von der einst volkreichen Stadt Dunwich, das die Zerstörung des Orts durch die Alles verschlingende See um Jahrhunderte überlebt hatte. Nachdem sie die Ruinen besehen hatten suchten sie den Schatten eines kleinen Gehölzes zwischen dem Dorfe und den niedrigen Sandhügeln, welche über, die Nordsee hinwegschauen, auf. Hier wußte es Hauptmann Wragge einzurichten, daß er Magdalenen und Noël Vanstone einige Schritt vor sich und Mrs. Lecount voraus ließ, schlug den falschen Weg ein und verlor sofort mit der größten Geschicklichkeit den Weg. Nachdem sie einige Minuten in der falschen Richtung fortgegangen waren, erreichten sie eine offene Stelle am Meere, und nun schlug er vor —— indem er seinen Feldstuhl der Haushälterin zur Verfügung stellte —— so lange hier zu verweilen, bis die vermißten Glieder der Gesellschaft dieses Weges einher kämen und sie entdeckten.

Mrs. Lecount nahm den Vorschlag an. Sie war sich vortrefflich bewußt, daß ihr Begleiter sich mit Willen verirrt hatte, aber diese Entdeckung übte keinen störenden Einfluß auf die sanfte Liebenswürdigkeit ihres Benehmens. Der Tag der Abrechnung mit Hauptmann Wragge war noch nicht gekommen; sie fügte nur diesen neuen Zug seinem Sündenregister hinzu und setzte sich auf seinen Feldstuhl zurecht. Hauptmann Wragge lagerte sich in einer romantischen Stellung zu ihren Füßen hin, und die beiden erbitterten Feinde, gruppiert wie ein Liebespaar auf einem Bilde, kamen in eine so leichte und anmuthige Unterhaltung, als wenn sie schon seit zwanzig Jahren Freunde gewesen wären.

—— Ich kenne Sie, Dame, dachte der Hauptmann, während Mrs. Lecount mit ihm sprach. Sie möchten mich wohl gern wieder bei meiner populären Wissenschaft ertappen, und Sie hätten Nichts dawider, wenn ich in dem Wasserthierbehälter des Professors ersöffe!

—— Du Schurke mit dem braunen und dem grünen Auge! dachte Mrs. Lecount, als der Hauptmann den Ball der Unterredung seinerseits auffing und weiter gab, —— so dick Deine Haut ist, ich will sie doch noch durchstechen!

In dieser Gemüthsstimmung gegen einander sprachen sie fließend über allgemeine Gegenstände, über öffentliche Angelegenheiten, über die Oertlichkeit und ihren Anblick, über die Gesellschaft in England und in der Schweiz, über Gesundheit, Klima, Bücher, Heirathen und Geld, sprachen ohne einen Augenblick aufzuhören, ohne sich gegenseitig einen Augenblick mißzuverstehen, wohl eine Stunde lang, ehe Magdalene und Noël Vanstone des Weges daher kamen und die Partie von vier wieder vollzählig machten.

Als sie den Gasthof, in welchem das Geschirr auf sie wartete, erreichten, ließ sie Hauptmann Wragge im ungestörten Besitz ihres Herrn und gab Magdalenen einen Wink einen Augenblick hinten zurückzubleiben und mit ihm zu sprechen.

—— Ging es gut? fragte der Hauptmann in flüsterndem Tone, ist er fest an Ihrem Schürtzenbande?

Sie schauderte von Kopf bis zu Fuße zusammen, als sie antwortete.

—— Er hat mir die Hand geküßt, sagte sie. Sagt Ihnen Das genug? Lassen Sie ihn nicht neben mir sitzen auf dem Nachhausewege. Ich habe ertragen, so viel ich ertragen konnte.... für den Rest des Tages schonen Sie mich.

—— Ich will Sie auf dem Vordersitz des Wagens unterbringen, versetzte der Hauptmann, neben mir.

Auf dem Heimwege bewahrheitete Mrs. Lecount Hauptmann Wragges Voraussage Sie zeigte ihre Krallen.

Die Zeit hätte nicht besser gewählt werden können, die Umstände konnten sie kaum mehr begünstigen. Magdalenens Geist war niedergedrückt, sie war müde an Leib und Seele, und sie saß gerade der Haushälterin gegenüber, welche durch die neue Anordnung genöthigt war, den Ehrensitz neben ihrem Herrn einzunehmen. In der besten Lage und Gelegenheit, die geringsten Veränderungen wahrzunehmen, welche auf Magdalenens Angesicht vor sich gingen, versuchte Mrs. Lecount ihren ersten Fühler, indem sie die Unterhaltung auf London und die beziehentlichen Vortheile, welche die verschiedenen Viertel der Hauptstadt auf beiden Seiten des Flusses für Niederlassungen hüten. Der immer schlagfertige Wragge durchschaute ihre Absicht eher, als sie geglaubt hatte, und legte sich sofort ins Mittel.

—— Sie kommen jetzt zur Vauxhallpromenade, Madame, dachte der Hauptmann, ich will dort sein noch vor Ihnen.

Er ging nun auf eine ganz und gar aus der Luft gegriffene Beschreibung der verschiedenen Stadtviertel von London ein, in denen er gewohnt haben wollte, und rettete, indem er geschickt Vauxhallpromenade als eins derselben anführte, Magdalenen vor der plötzlichen Frage bezüglich dieser Gegend, mit welcher Mrs. Lecount sich vorgenommen hatte, sie zu verblüffen. Von seinen Wohnungen ging er leicht auf sich selber über und ergoß nun seine ganze Familiengeschichte in der Rolle als Mr. Bygrave in die Ohren der Haushälterin, indem er dabei keineswegs das Grab seines Bruders in Honduras mit dem Denkmal von der Hand des schwarzen Naturkünstlers und seines Bruders ungeheuerlich beleibtes Eheweib auf der Hausflur des Hotel garni zu Cheltenham vergaß. Als Mittel, Magdalenen Zeit zu lassen, sich zu fassen, erreichte dieser Ausbruch von selbstbiographischen Mittheilungen seinen Zweck, aber er diente auch zu weiter nichts Anderem. Mrs. Lecount hörte zu, ohne daß sie einem einzigen Worte des Hauptmanns Glauben schenkte. Er bestärkte sie nur in ihrer Ueberzeugung, daß es unnütz sein würde, Mr. Noël Vanstone in ihr Vertrauen zu ziehen, bevor sie thatsächliche Unterlagen gegen Hauptmann Wragges sonst unangreifbare Stellung in der von ihm angenommenen Identität in den Händen habe. Sie wartete ruhig, bis er fertig war und erneuerte dann ihren Angriff.

—— Es ist ein eignes Zusammentreffen von Umständen, daß Ihr Oheim einmal auf der Vauxhallpromenade gewohnt haben soll, sagte sie, zu Magdalenen gewandt. Mein Herr hat in derselben Stadtgegend ein Haus, und wir wohnten dort, ehe wir nach Aldborough kamen. Darf ich mir die Frage erlauben, Miss Bygrave, ob Sie Etwas von einer Dame Namens Miss Garth wissen?

Dies Mal stellte sie die Frage, ehe sich der Hauptmann dazwischen legen konnte. Magdalene hätte durch das Vorhergegangene darauf vorbereitet sein sollen; allein ihre Nerven waren durch die früheren Ereignisse des Tages erschüttert worden, und sie konnte die Frage nur nach einer augenblicklichen Pause, um sich zu fassen, beantworten. Ihr Zögern war nur von der Dauer eines Augenblicks und konnte daher keiner Person, die nicht von vornherein argwöhnisch war, auffallen. Allein es dauerte lange genug, um Mrs. Lecounts geheime Ueberzeugung zu bestärken und sie zu ermuntern, ein wenig weiter vorzugehen.

—— Ich fragte nur, fuhr sie, die Augen immer fest auf Magdalenen gerichtet, immer die Anstrengungen, welche Hauptmann Wragge machte, um mit ins Gespräch zu kommen, vereitelnd, fort: —— weil Miss Garth eine fremde Person für mich ist, und ich bin neugierig, soviel als möglich Näheres von ihr zu erfahren. Den Tag, bevor wir London verließen, Miss Bygrave, machte mir eine Person, welche sich unter dem obengenannten Namen vorstellte, unter sehr außerordentlichen Umständen einen Besuch. Mit einer sanften, einschmeichelnden Art und Weise, mit einem so fein zugespitzten Hohne, der in seiner schlauen Annahme der Sprechweise des Mitleids schier teuflisch zu nennen war, beschrieb sie nun dreist Magdalenens Erscheinung in der Verkleidung in Magdalenens eigener Gegenwart. Sie berührte flüchtig den Herrn und die Frau auf Combe-Raven als Personen, welche allezeit dem älteren und achtbareren Zweige der Familie ein Aergerniß gewesen wären; sie beklagte die Kinder, welche in die Fußtapfen ihrer Eltern träten und von Mr. Noël Vanstone Gelder zu ziehen suchten unter dem Schutze des Charakters einer achtbaren Person und deren Namen. Geschickt ihren Herrn in die Unterhaltung hereinziehend, um zu verhüten, daß, der Hauptmann nach dieser Seite eine Abschwenkung machte, keinerlei kleine Uebertreibungen sparend, jede zarte Stelle verwundend, die die Zunge eines bösen Weibes treffen kann: würde sie ohne allen Zweifel ihren Zweck erreicht und Magdalenen so lange gemartert haben, bis sie sich selbst verrieth, hätte sie nicht Hauptmann Wragge in vollem Laufe angehalten durch einen lauten Schreckensruf und einen plötzlichen Griff nach Magdalenens Hand.

—— Zehntausend Mal Verzeihung, meine theure Madame! schrie der Hauptmann. Ich sehe an meiner Nichte Gesicht, ich fühle an meiner Nichte Puls, daß einer ihrer heftigen Nervenanfälle wiedergekommen ist. Liebes Kind, warum zögern Sie unter Freunden zu gestehen, daß Sie leidend sind? Welche übel angebrachte Höflichkeit! Ihr Gesicht zeigt, daß sie Schmerzen hat, nicht wahr, Mrs. Leeount? Durchbohrende Schmerzen, Mr. Vanstone, bohrende Schmerzen auf der linken Seite des Kopfes. Schlagen Sie Ihren Schleier herunter, meine Liebe, und lehnen Sie sich an mich. Unsere Freunde werden Sie entschuldigen; unsere trefflichen Freunde werden Sie entschuldigen für den Rest des Tages.

Bevor Mrs. Lecount einen Augenblick Zweifel hegen konnte an der Wirklichkeit des Nervenanfalls, äußerte sich ihres Herren unruhige Sympathie genau, wie der Hauptmann vorhergesehen hatte, in den thätigsten Kundgebungen. Er ließ halten und bestand auf einen sofortigen Wechsel der Plätze, der bequeme Rücksitz für Miss Bygrave und ihren Oheim, der Vordersitz für ihn selbst und Mrs. Lecount. Hatte Lecount ihr Riechfläschchen bei sich? Vortreffliches Geschöpf! Sie mag es gleich an Miss Bygrave abgeben, und per Kutscher fahre vorsichtig weiter. Wenn der Kutscher Miss Bygrave erschüttert, so soll er keinen Heller Trinkeld erhalten. Magnetismus [Mesmerismus.] war sehr oft in derlei Fällen nützlich. Mr. Noël Vanstone's Vater war der kräftigste Magnetiseur in ganz Europa; und Mr. Noël Vanstone war seines Vaters Sohn. Sollte er sie magnetisiren? Sollte er den Verwünschten Kutscher anweisen an einen schattigen dazu passenden Ort zu fahren? Oder wäre ärztliche Hilfe hier vorzusehen? Konnte man ärztlichen Beistand irgendwo eher als in Aldborough haben? Jener Esel von einem Kutscher wußte es nicht. Halten Sie jeden anständigen Mann, der in einem Gig vorüberfährt, an, und fragen Sie ihn, ob er ein Arzt ist!

So ging es bei Mr. Noël Vanstone in Einem fort, mit kurzen Pausen, wo er Athem schöpfte, und mit immer mehr steigender Sympathie und Wichtigthuerei auf der ganzen Fahrt nach Hause.

Mrs. Lecount nahm ihre Niederlage, ohne ein Wort zu sagen, hin. Von dem Augenblicke an, wo Hauptmann Wragge sie unterbrach, schlossen sich ihre dünnen Lippen und öffneten sich auf dem ganzen übrigen Wege nicht wieder. Die wärmsten Ausbrüche der Besorgniß ihres Herrn für die leidende junge Dame riefen bei ihr kein äußeres Zeichen von Aerger hervor. Sie nahm von ihm so wenig als möglich Notiz. Sie schenkte dem Hauptmann keine Aufmerksamkeit, der in seiner ausgesuchten Zuvorkommenheit gegen seinen aus dem Felde geschlagenen Feind höflicher wurde, als je zuvor. Je näher sie Aldborough kamen, desto schärfer sahen Mrs. Lecounts harte schwarze Augen auf Magdalenen, welche auf dem Sitze gegenüber lehnte, die Augen geschlossen und den Schleier herunter gelassen.

Erst als der Wagen vor Nordstein-Villa hielt und als Hauptmann Wragge Magdalenen heraushob, ließ sich die Haushälterin herab, ihm einige Beachtung zu schenken. Als er lächelte und den Hut abnahm am Wagenschlage, löste sich plötzlich der strenge Zwang, den sie sich auferlegt hatte, und sie schoß ihm einen Blick zu, welcher die Höflichkeit des Hauptmanns auf der Stelle erstickte. Er drehte sich sofort mit einem eiligen Dank für Noël Vanstones letzte theilnehmende Fragen um und führte Magdalenen in das Haus.

—— Ich sagte Ihnen wohl, sie würde noch ihre Krallen zeigen, sagte er. Es ist meine Schuld nicht, daß sie Sie gekratzt hat, ehe ich ihr Einhalt thun konnte. Sie hat Sie doch nicht verletzt, nicht wahr?

—— Sie hat mich verletzt, und das hat sein Gutes, sagte Magdalene, —— sie hat mir den Muth gegeben, vorwärts zu gehen. Sagen Sie, was morgen geschehen muß, und verlassen Sie sich darauf, daß ich es thun werde.

Sie seufzte schwer, als sie jene Worte sagte und ging in ihr Zimmer hinauf.

Der Hauptmann ging gedankenvoll in das Wohnzimmer und setzte sich, um nachzudenken. Er fühlte sich keineswegs seiner Sache so gewiß, als er hätte wohl wünschen mögen, betreffs des nächsten Schachzugs von Seiten des Feindes nach dem Abschlagen des heutigen Angriffs. Der Abschiedsblick der Haushälterin hatte ihm klar gesagt, daß sie mit ihren Angriffsmitteln noch nicht zu Ende sei, und der alte Milizsoldat fühlte die ganze Wichtigkeit, bei guter Zeit ihr zuvorzukommen, wenn sie wieder einen Schritt vorwärts thäte. Er zündete sich eine Cigarre an und beschäftigte seinen vorsichtigen Geist mit den Gefahren der Zukunft.

Während Hauptmann Wragge in dem Wohnzimmer zu Nordstein-Villa nachsann, dachte Mrs. Lecount in ihrer Kammer auf Villa Amsee nach. Ihr leidenschaftlicher Grimm, ihren ersten Angriff, um den Anschlag ans Licht zu ziehen, Vereitelt zu sehen, hatte sie gegen die augenblickliche Nothwendigkeit, eine zweite Anstrengung zu machen, ehe Noël Vanstones wachsende Verzauberung ihn ihrem Einflusse entrückte, keineswegs blind gemacht. Da die Magdalenen gelegte Schlinge nicht Verfangen hatte, so mußte das nächste Auskunftmittel, Magdalenens Schwester zu verstricken, versucht werden. Mrs. Lecount ließ sich eine Tasse Thee bringen, öffnete ihr Schreibzeug und begann das Concept eines Briefes, der an Miss Vanstone die ältere mit der morgenden Post abgehen sollte.

So endigte das Scharmützel des Tages. Das eigentliche hitzige Gefecht sollte erst noch kommen. ——


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