Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Namenlos - Siebentes Buch - Zu Aldborough in Suffolk - Neuntes Capitel
 

Namenlos



Neuntes Capitel.

Wenn Hauptmann Wragge hätte in Mrs. Lecounts Zimmer sehen können, während er auf der Promenade stand und das Licht in ihrem Fenster beobachtete, so würde er die Haushälterin in Gedanken gesunden haben, wie sie dasaß und ein werthloses kleines Stück braunes Zeug ansah, das aus ihrem Toilettentische lag.

Wie verzweifelt der Schluß auch sein mußte, Mrs. Lecount konnte sich nicht verhehlen, daß sie bis jetzt aus jedem Punkte ertappt und hinters Lichts geführt worden war. Was sollte sie zunächst thun? Wenn sie nach Pendril schickte, wenn er nach Aldborough kam —— noch obendrein nur aus ein paar Stunden, die er sich abgemüßigt hatte, zu ihrer Verfügung —— welchen bestimmten Weg sollte er einschlagen?.... Wenn sie Mr. Noël Vanstone den eigentlichen Brief selbst zeigte, aus welchem ihr eigenes Briefchen abgeschrieben war, würde er sofort von der Schreiberin eine Erklärung fordern, würde die erdichtete Geschichte, durch welche Mrs. Lecount glücklich Miss Garth getäuscht hatte, ans Licht bringen und würde dann jedenfalls noch dazu auf das Zeugniß seiner eignen Augen hin erklären, daß die Probe mit den Kennzeichen auf dem Nacken platterdings fehlgeschlagen sei. Miss Vanstone die ältere, deren unerwartete Gegenwart in Aldborough Wunder gethan haben würde, deren Stimme in der Hausflur von Nordsteinvilla, selbst wenn sie nicht weiter vorgelassen würde, zu den Ohren ihrer Schwester gedrungen wäre und zu augenblicklichen Erfolgen geführt hätte —— Miss Vanstone die ältere war außer Landes und kehrte aller Wahrscheinlichkeit wenigstens vor vier Wochen nicht zurück. Mrs. Lecount mochte den Weg, den sie bisher verfolgt hatte, noch so eifrig ins Auge fassen, sie vermochte nicht sich herauszufinden aus den angehäuften Schwierigkeiten, die sich ihrem Vorgehen entgegenstellten.

Andere Frauen würden in dieser Lage gewartet haben, bis die Umstände sich änderten und ihnen zu Gunsten ausschlügen. Mrs. Lecount ging kühn ihren Weg wieder zurück und beschloß, in einer neuen Richtung vorzudringen.

Indem sie für den Augenblick alle ferneren Versuche, die falsche Miss Bygrave als die wahre Magdalene Vanstone zu entlarven, aufgab, entschloß sie sich, den Kreis ihrer nächsten Bemühungen einzuschränken, die augenblickliche Frage von Magdalenens Persönlichkeit ganz aus dem Spiele zu lassen und sich schon zufrieden zu geben, wenn sie ihren Herrn von der einfachen Thatsache überzeugt haben werde, daß die junge Dame, welche ihn auf Nordsteinvilla so sehr bezaubern, und die verkleidete Frau, welche ihn auf der Vauxhallpromenade in Schrecken gesetzt habe, ein und dieselbe Person seien.

Die Mittel, um dies neue Ziel zu erreichen, waren allem Anscheine nach weit weniger leicht zu erhalten, als die zur Erreichung, des von Mrs. Lecount vorläufig jetzt ausgegebenen Zieles. Hier konnte von Anderen keine Beihilfe erwartet werden, keine anscheinend wohlwollenden Beweggründe konnten als Blendwerk vorgespiegelt, kein Aufgebot konnte an Mr. Pendril oder Miss Garth erlassen werden. Hier hing die einzige Aussicht der Haushälterin auf Erfolg lediglich zunächst davon ab, ob sie im Stande sein würde, einmal sich heimlich Eingang in das Haus zu verschaffen, und in zweiter Linie irgendwie herauszubekommen, ob jenes merkwürdige Alpacakleid, Von welchem sie heimlich ein Stückchen Zeug abgeschnitten hatte, zu Miss Bygraves Garderobe gehöre.

Indem Mrs. Lecount die Schwierigkeiten, die sie vor sich hatte, in der Reihenfolge, wie sie ihr entgegentraten, vornahm, beschloß sie zuvörderst die nächsten Tage dazu zu verwenden, um die Gewohnheiten der Bewohner von Nordsteinvilla von früh morgens bis spät in der Nacht zu beobachten und die Widerstandsfähigkeit des einzigen Dienstmädchens im Hause gegenüber der Versuchung einer Bestechung auf die Probe zu stellen. Indem sie nun annahm, daß der Erfolg ihre Bemühungen krönte und daß sie, sei es mit Geld oder durch eine List Eingang erlangte auf Nordsteinvilla —— natürlich ohne Vorwissen Mr. Bygraves oder seiner Nichte, kam sie zunächst zu der zweiten Schwierigkeit, der nämlich, wie sie zu Miss Bygraves Kleiderschrein gelangen sollte.

Wenn das Dienstmädchen sich als bestechlich erwies, so konnten alle Hindernisse in dieser Richtung als von vorn herein beseitigt angesehen werden. Wenn sich aber das Mädchen als ehrlich und treu erwies, so war die neue Aufgabe nicht leicht zu erfüllen.

Lange und sorgfältige Erwägung der Frage brachte schließlich die Haushälterin zu dem kühnen Entschluß, sich, wenn sich mit dem Dienstmädchen Nichts anfangen ließe, eine Unterredung mit Mrs. Bygrave selbst zu verschaffen. Was war der eigentliche Grund, daß die Dame so geheimnißvoll eingeschlossen blieb? War sie eine Person von der unbedingtesten und unbequemsten Unbescholtenheit? oder eine Person, auf die man sich betreffs der Bewährung eines Geheimnisses nicht verlassen konnte? oder eine Person, die so abgefeimt als Mr. Bygrave selber war und die nur in Bereitschaft gehalten werde, um als Werkzeug einer neuen Täuschung zu dienen, welche erst noch kommen sollte? In den ersten beiden Fällen konnte sich Mrs. Lecount auf ihre eigene Kunst der Verstellung und die Erfolge, welche sie damit erzielen konnte, verlassen. Im letzten Falle konnte —— wenn wirklich Nichts weiter erreicht wurde —— es von äußerster Wichtigkeit für sie sein, einen neuen im dunkeln schleichenden Feind zu entdecken. Mochte es werden, wie es wollte, sie beschloß das Wagestück zu unternehmen. Von den drei Aussichten zu ihren Gunsten, auf welche sie zu Anfang des Kampfes gerechnet hatte, der Aussicht, Magdalene durch mündliche Rede zu verstricken, sie mit Beihilfe ihrer eigenen Freunde zu überlisten und endlich der Aussicht, sie mittelst Mrs. Bygrave ins Netz zu ziehen, waren bereits zwei versucht worden und waren beide fehlgeschlagen. Doch blieb die dritte, um sie zu versuchen, und die dritte konnte glücklich ausschlagen.

So schmiedete die Feindin des Hauptmanns in der Stille ihrer Kammer neue Pläne gegen ihn, während der Hauptmann draußen auf dem Strande stand und das Licht in ihrem Fenster beobachtete.

Den andern Morgen noch vor der Frühstücksstunde gab Hauptmann Wragge den gefälschten Brief mit eigener Hand nach Zürich auf. Er ging nach den Nordsteinen zurück, innerlich gar noch nicht recht einig mit sich über das gegenüber Mrs. Lecount in dem hochwichtigen Zeiträume der nächsten zehn Tage einzuhaltende Verfahren.

Zu seinem größten Erstaunen wurde seiner Ungewißheit über diesen Punkt plötzlich bei seiner Rückkehr nach Hause durch Magdalenen selbst ein Ende gemacht. Er fand sie, wie sie seiner wartete, in dem Zimmer, wo das Frühstück angerichtet war. Sie ging unruhig auf und ab, das Haupt auf ihren Busen gesenkt und das Haar unordentlich um die Schultern hangend. In dem Augenblick, als sie bei seinem Eintreten in die Höhe sah, fühlte der Hauptmann die Besorgniß, die Mrs. Wragge vor ihm gefühlt hatte, daß nämlich ihr Geist so gestört sein möchte, wie er schon einmal gestört war, als auf der Vauxhallpromenade Franks Brief an sie ankam.

—— Kommt er heute wieder? frug sie, indem sie den Stuhl, den ihr der Hauptmann bot, mit solcher Heftigkeit fortstieß, daß sie ihn auf den Boden warf.

—— Ja, sagte der Hauptmann, indem er ihr wohlweislich so kurz als möglich antwortete. Er wird um zwei Uhr kommen.

—— Bringen Sie mich fort! rief sie aus und schüttelte ihr Haar wild aus dem Gesichte, bringen Sie mich fort, ehe er kommt. Ich kann das Entsetzen nicht verwinden, ihn heirathen zu müssen, so lange ich an diesem verhaßten Orte bin, bringen Sie mich wohin, wo ich es vergessen kann, sonst werde ich wahnsinnig! Lassen Sie mir zwei Tage Ruhe, zwei Tage fort von diesem schrecklichen Meere, zwei Tage aus dem Gefängniß dieses schrecklichen Hauses, zwei Tage irgendwo in der weiten Welt fort von Aldborough. Ich will mit Ihnen zurückkehren! Ich will es zu Ende führen! Geben Sie mir nur zwei Tage Ruhe vor diesem Manne und Allem, was mit ihm zusammenhängt!

—— Hören Sie mich, Sie Schurke? rief sie, ergriff seinen Arm und schüttelte ihn in halb wahnsinniger Leidenschaft, ich bin nun gemartert genug, ich kann es nicht länger ertragen!

Hier gab es nur ein Mittel, sie zu beruhigen, und der Hauptmann ergriff es im Augenblicke.

—— Wenn Sie versuchen wollen, sich zu fassen, sagte er, sollen Sie Aldborough binnen hier und einer Stunde verlassen.

Sie ließ seinen Arm los und lehnte sich schwer an die Wand hinter ihr.

—— Ich will es versuchen, antwortete sie und rang nach Athem, sah ihn aber schon weniger wild an. Sie sollen nicht über mich zu klagen haben, wenn ich es vermeiden kann.

Sie machte noch immer verwirrt eine Bewegung, um ihr Taschentuch aus ihrer Schürzentasche zu nehmen und fand es nicht. Der Hauptmann nahm es statt ihrer heraus. Ihre Augen wurden sanft, und sie schöpfte freier Athem, als sie das Taschentuch von ihm empfing.

—— Sie sind ein freundlicherer Mann, als ich dachte, sagte sie, ich bedanke, daß ich eben in der Leidenschaft zu Ihnen gesprochen habe, ich bedaure es sehr, recht sehr.

Die Thränen traten ihr ins Auge, und sie reichte ihm mit der angeborenen Anmuth und Huld aus der glücklicheren Zeit die Hand.

—— Wir wollen wieder gute Freunde sein, sagte sie bittend. Ich bin ja nur ein Mädchen, Hauptmann Wragge, —— ich bin ja nur ein Mädchen!

Er nahm schweigend ihre Hand, drückte sie einen Augenblick und machte dann die Thür auf, um sie wieder auf ihr Zimmer gehen zu lassen. Es war aufrichtiges Bedauern in seinem Angesicht, als er ihr diese kleine Aufmerksamkeit erzeigte. Er war ein Vagabund und ein Betrüger, sein Leben war ein niedriges, entwürdigtes und ränkevolles gewesen, —— aber er hatte noch Gefühl und sie hatte den Weg gefunden zu den im ihm schlummernden Regungen, welche sogar die Selbstentheiligung eines Schwindlerlebens nicht ganz auszulöschen im Stande war.

—— Hol der Henker das Frühstück! sagte er, als das Dienstmädchen hereinkam und nachfragte Gehen Sie sogleich nach dem Gasthause und bestellen Sie einen Wagen mit zwei Pferden in einer Stunde hierher vor die Thür.

—— Er ging hinaus in den Gang, sein Gemüth noch immer in einem Grade und einer Weise aufgeregt, wie es an ihm ganz neu war, und rief heftiger denn je nach seiner Frau.

—— Packe ein, was wir für eine Reise von einer Woche brauchen, und mach Dich in einer halben Stunde fertig!

Nachdem er diese Weisungen gegeben, kehrte er in das Frühstückszimmer zurück und sah auf den halb hergerichteten Tisch mit einem unbehaglichen Erstaunen über seine Abneigung, seine Mahlzeit abzuhalten.

—— Sie hat mir die Schärfe meines Appetits genommen, sagte er zu sich mit einem gewaltsamen Lachen. Ich will eine Cigarre versuchen und einen Gang ins Freie machen.

Wenn er zwanzig Jahre jünger gewesen wäre, so würden diese Mittel bei ihm nicht angeschlagen haben. Aber wo ist ein Mann zu finden, dessen innere Politik der Revolution seines Herzens erliegen sollte, wenn er nämlich über die Fünfzig ist? Etwas Bewegung und Ortswechsel machten, daß der Hauptmann wieder zu sich selber kam. Er erhielt den verlorenen Geruch seiner Cigarre wieder und lenkte seine abschweifende Aufmerksamkeit wieder zurück auf die Frage seiner nahen Abreise von Aldborough. Nach einer Ueberlegung von wenigen Minuten fühlte sich sein Geist beruhigt, daß Magdalenens Ausbruch ihn dasjenige Verfahren einzuschlagen genöthigt habe, welches in säglicher Erwägung der bestehenden Verhältnisse einzuschlagen das Räthlichste war.

Hauptmann Wragges Erkundigungen an dem Abend, wo er und Magdalene auf Amsee Thee tranken, hatten ganz festgestellt, daß der Bruder der Haushälterin ein bescheidenes Auskommen hatte, daß seine Schwester seine nächste lebende Anverwandte war, daß es aber einige gewissenlose Vettern am Orte gab, welche die Stelle, welche mit Fug und Recht Mrs. Lecount zukam, sich anzumaßen strebten. Das waren starke Motive, welche die Haushälterin nach Zürich führen mußten, wenn der falsche Bericht von ihres Bruders Rückfall nach England gelangte. Wenn aber ein Gedanke von Noël Vanstones wahrem Verhältniß in derselben Zeit in ihr aufdämmerte, wer konnte sagen, ob sie nicht in der elften Stunde lieber ihren großen Geldanspruch an ihren Herrn im Auge behielt, als daß sie ihr kleines Geldinteresse an der Lagerstatt ihres Bruders wahren sollte? Während auf der einen Seite diese Frage unentschieden gelassen werden mußte, lag auf der andern die offenbare Notwendigkeit, das Wachsthum der Vertraulichkeit Noël Vanstones mit der Familie auf Nordsteinvilla möglichst zu hemmen, aus der platten Hand, und unter allen Mitteln, um diesen Zweck zu erreichen, konnte keines unverdächtiger sein, als die zeitweilige Entfernung des ganzen Haushaltes von seiner Wohnung zu Aldborough. Vollständig befriedigt von der Bündigkeit dieser Schlußfolgerung machte sich nun Hauptmann Wragge geradewegs nach Villa Amsee auf, um sich zu entschuldigen und Erklärung zu geben, ehe der Wagen kam, und die Abreise stattfand.

Mr. Noël Vanstone war just für Besuche sehr zugänglich: er ging im Garten umher Vor dem Frühstück. Seine Enttäuschung und Beunruhigung sprachen sich unumwunden aus, als er die Nachricht hörte, die ihm sein Freund mittheilte. Des Hauptmanns geläufige Zunge redete ihm jedoch die Nothwendigkeit ein, daß er den gegenwärtigen Umständen nachgeben müsse. Der bloße Wink, daß der »fromme Betrug« nach alledem fehlschlagen möchte, wenn in dem Zwischenraum von zehn Tagen Etwas vorfiele, um Mrs. Lecount ein Licht aufzustecken, that Augenblicks seine Wirkung auf Mr. Noël Vanstone und machte ihn so ruhig und zahm, als man nur wünschen konnte.

—— Ich möchte Ihnen nicht gern sagen, wohin wir uns wenden, aus zwei guten Gründen, sagte Hauptmann Wragge, als er mit seinen einleitenden Erklärungen fertig war. Einmal habe ich mich noch gar nicht gewiß entschlossen, dann aber kann Mrs. Lecount, wenn Sie selber den Ort unserer Bestimmung nicht kennen, ihn nicht aus Ihnen herausbringen. Ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß sie uns in diesem Augenblicke hinter dem Fenstervorhange hervor beobachtet. Wenn sie fragt, was ich früh von Ihnen gewollt habe, so sagen Sie ihr, daß ich kam, um mich bei Ihnen auf ein paar Tage zu Verabschieden, da ich gefunden hätte, daß meine Nichte wieder nicht recht wohl sei, und durch einen Besuch bei einigen Freunden eine Luftveränderung zu versuchen wünschte. Wenn Sie Mrs. Lecount den Glauben beibringen könnten, —— doch dürfen Sie dabei nicht zu weit gehen, —— daß Sie ein wenig ärgerlich auf mich und daß Sie sogar geneigt seien, meine Aufrichtigkeit in der Pflege unserer Bekanntschaft in Zweifel zu ziehen, so werden Sie unsern gegenseitigen Zweck wesentlich fördern. Sie können auf unsere Rückkehr nach Nordsteinvilla in spätestens vier bis fünf Tagen rechnen. Wenn mir mittlerweile Etwas einfällt, so steht uns ja immer die Post zu Diensten, und ich werde nicht versäumen, Ihnen zu schreiben.

—— Wird nicht vielleicht Miss Bygrave an mich schreiben? fragte Mr. Noël Vanstone kleinlaut. Wußte sie, daß Sie hierher gingen? Läßt sie mir Nichts sagen?

—— Unverzeihlich von mir, daß ich es vergessen konnte! rief der Hauptmann. Sie sendet Ihnen ihren Liebesgruß.

Mr. Noël Vanstone schloß in stiller Verklärung die Augen.

—— Als er sie wieder öffnete, war Hauptmann Wragge durch das Gartenthor gegangen und unterwegs nach Nordsteinvilla zurück. Sobald sich seine Thür hinter ihm geschlossen hatte, kam Mrs. Lecount von dem Beobachtungsposten herab, den sie, wie der Hauptmann richtig vermuthet, eingenommen hatte, und richtete die Frage an ihren Herrn, welche, wie der Hauptmann abermals richtig vorausgesehen hatte, gleich nach seinem Weggange erfolgen mußte. Die Antwort, welche sie erhielt, brachte nur einen Eindruck bei ihr hervor. Sie hielt es bei sich für ausgemacht, daß dies eine Vorspiegelung war, und kehrte an ihr Fenster zurück, um wachsamer denn je die Nordsteine im Auge zu behalten.

Zu ihrem größten Erstaunen sah sie nach Verlauf von weniger denn einer halben Stunde einen leeren Wagen an Mr. Bygraves Thür Vorfahren. Gepäck wurde herausgebracht und auf den Wagen geladen. Miss Bygrave erschien und nahm ihren Sitz darauf ein. Ihr folgte eine Dame groß von Umfang und Gestalt, welche, wie die Haushälterin vermuthete, Mrs. Bygrave war. Dann kam das Dienstmädchen und blieb wartend aus dem Wege stehen. Die letzte Person, welche erschien, war Mr. Bygrave. Er schloß die Hausthür und nahm den Schlüssel mit sich nach einem Häuschen in der Nähe, welches die Wohnung des Besitzers von Nordsteinvilla war. Bei seiner Rückkehr nickte er dem Dienstmädchen zu, welches nun allein nach dem weniger seinen Theile des Städtchens seines Weges ging, und gesellte sich zu den Damen in dem Wagen. Der Kutscher stieg auf den Bock, und der Wagen rollte fort.

Mrs. Lecount legte den Operngucker, durch welchen sie diese Vorgänge eifrig mit angesehen hatte, mit einem Gefühle von Verlegenheit und Verwirrung nieder, das sie sich beinahe schämte, sich selber zu gestehen. Das Geheimniß Von Mr. Bygraves Zweck bei dieser plötzlichen Abreise von Aldborough, dergestalt, daß keine Seele im Hause zurückblieb, war für sie ein unauslösliches Räthsel.

Indem Mrs. Lecount sich nun mit allezeit bereiter Selbstentäußerung in die Umstände schickte, wie sie der Hauptmann seinerseits in einer ähnlichen Lage nicht an den Tag gelegt hatte, verschwendete sie weder ihre Zeit, noch ihre gute Laune an unfruchtbaren Vermuthungen. Sie ließ das Geheimniß sich selbst enthüllen, oder sich in stärkeres Dunkel hüllen, wie es die Zukunft mit sich bringen würde, und richtete ihr Augenmerk ausschließlich auf den Nutzen, den sie aus dem Ereignisse dieses Morgens in ihrem eigenen Interesse ziehen könnte. Was auch immer aus der Familie aus Nordsteinvilla geworden sein mochte: das Dienstmädchen war zurück gelassen worden, und das Dienstmädchen war gerade die Person, deren Beistand jetzt für die Pläne der Haushälterin von der äußersten Wichtigkeit sein konnte. Mrs. Lecount setzte ihren Hut auf, sah nach ihrem Vorrath von einzelnem Silbergelde in ihrer Börse und brach sofort auf, um die Bekanntschaft des Mädchens zu machen.

Sie ging erst zu dem Häuschen, wo Mr. Bygrave die Schlüssel von Nordsteinvilla gelassen hatte, um von denn Hausbesitzer die augenblickliche Wohnung des Dienstmädchens zu erfahren. Soweit erwies sich ihr Ausgang erfolgreich. Der Hausbesitzer wußte, daß das Mädchen Erlaubniß erhalten hatte, auf einige Tage nach Hause zu den Ihrigen zu gehen, und wußte, in welchem Theile von Aldborough ihre Angehörigen wohnten. Aber hier versiegten plötzlich seine Nachweisquellen. Er wußte Nichts über den Bestimmungsort, nach welchem sich Mr. Bygrave und seine Familie begeben hatten, auch konnte er die Anzahl Tage, aus welche sich deren Abwesenheit wohl erstrecken würde, nicht im Entferntesten angeben. Alles, was er sagen konnte, war, daß er von seinem Abmiether keine Aufkündigung erhalten hatte und vielmehr ersucht worden war, den Hausschlüssel solange an sich zu behalten, bis Mr. Bygrave wiederkam, um ihn in eigener Person zurückzufordern.

In ihren Erwartungen getäuscht, doch nichts weniger denn entmuthigt, wandte Mrs. Lecount nun zunächst ihre Schritte nach der hinteren Straße von Aldborough und setzte die Anverwandten des Dienstmädchens in Erstaunen, indem sie ihnen die Ehre eines Frühbesuchs erwies.

Von vornherein leicht getäuscht durch Mrs. Lecounts angeblichen Wunsch, sie in Dienste zu nehmen, wobei diese sich den Anschein gab, als glaubte sie, dieselbe habe Mr. Bygraves Dienste verlassen, gab sie, das Dienstmädchen, sich alle Mühe, die an sie gerichteten Fragen zu beantworten, aber sie wußte so wenig als der Hausbesitzer von den Plänen ihres Herrn. Alles, was sie über sie sagen konnte, war, daß sie nicht entlassen worden war, und daß sie den Empfang einer schriftlichen Bestellung abzuwarten hatte, welche sie, sobald sie gebraucht würde, wieder nach Nordsteinvilla zurück bescheiden sollte. Mrs. Lecount hatte erwartet, daß sie über diesen Punkt der Frage auch nicht besser unterrichtet sein werde, und wechselte daher sachte ihr Operationsfeld, indem sie das Mädchen auf die Licht- und Schattenseiten seiner Stellung in Mr. Bygraves Familie zu sprechen brachte.

Indem Mrs. Lecount durch die Erkundigung, die sie auf diesem Umwege einzog, in den Besitz der kleinen Geheimnisse des Haushalts gelangte, machte sie zwei Entdeckungen. Einmal brachte sie heraus, daß das Dienstmädchen, weil es mit der schweren Hausarbeit genug zu schaffen hatte, nicht in der Lage war, die Geheimnisse von Miss Bygraves Kleiderschrein zu enthüllen, die eben nur der jungen Dame selbst und deren Tante bekannt waren. Zum Andern vergewisserte sich die Haushälterin, daß der wahre Grund von Mrs. Bygraves strenger Abschließung in der einfachen Thatsache zu suchen war, daß selbige nicht viel besser als eine Blödsinnige war und sich ihr Ehegemahl vermuthlich schämte, sich mit ihr öffentlich sehen zu lassen. Diese anscheinend geringfügigen Entdeckungen klärten Mrs. Lecount über einen sehr wichtigen Punkt auf, der bisher in Zweifel gehüllt gewesen war. Sie kam zu der befriedigenden Ueberzeugung, daß der anscheinend sicherste Weg, um zu einer geheimen Untersuchung von Magdalenens Kleiderbehälter zu gelangen, der war, die schwachsinnige Dame zu berücken, nicht aber das Unwissende Dienstmädchen zu bestechen.

Als die Haushälterin bis zu diesem Schlusse gelangt war, welcher gar manche künftige Angriffe auf die schwach vertheidigte Verschwiegenheit der armen Mrs. Wragge im Gefolge haben sollte, vermied sie vorsichtig und klüglich, sich noch länger als Ausfragerin zu Gebärden. Sie lenkte die Unterhaltung auf Ortsneuigkeiten, wartete, bis sie sicher war, einen trefflichen Eindruck hinterlassen zu haben, und nahm dann Abschied.

Drei Tage vergingen, und noch immer lauerten Mrs. Lecount und ihr Herr, ein Jedes natürlich mit weit verschiedenem Interesse, mit gleichem Eifer auf das erste Zeichen wiederkehrenden Lebens in der Richtung von Nordsteinvilla. In dieser Zwischenzeit kam weder vou dem Oheim, noch von der Nichte für Mr. Noël Vanstone Etwas an. Das aufrichtige Gefühl der Unruhe über diese Vernachlässigung unterstützte wesentlich die Wirkung jener vorgeblichen Zweifel an seinen abwesenden Freunden, welche ihm der Hauptmann vor der Haushälterin auszusprechen eingeschärft hatte. Er gab seiner Befürchtung Ausdruck, daß er sich doch wohl getäuscht habe, nicht allein ein in Mr. Bygrave, sondern sogar auch in seiner Nichte, und that dies mit einer so aufrichtigen, ärgerlichen Miene, daß er die bereits bestehende Unsicherheit der Mrs. Lecount noch durch ein neues Element der Verwirrung vermehrte.

Am Morgen des vierten Tages begegnete Mr. Noël Vanstone dem Briefträger im Garten und entdeckte zu seiner großen Freude unter den ihm überbrachten Briefen auch eine Zuschrift von Mr. Bygrave.

Das Datum des Briefes war Woodbridge, und Letzterer enthielt nur wenige Zeilen. Mr. Bygrave erwähnte, daß sich seine Nichte besser befinde und ihm wie immer ihren Minnegruß sende. Er hatte vor, den Tag darauf nach Aldborough zurückzukehren, wo er dann einige neue Erwägungen von rein persönlicher Art. Mr. Noël Vanstone vorlegen werde. In selbiger Zeit bat er Mr. Vanstone nicht eher auf Nordsteinvilla einen Besuch zu machen, bis er eine ausdrückliche Einladung dazu erhalten werde, welche Einladung aber bestimmt noch an demselben Tage, wo die Familie zurückkehre, erfolgen solle. Die Gründe zu dieser anscheinend seltsamen Bitte sollten zu Mr. Vanstones vollkommener Befriedigung erfüllt werden, wenn er wieder mit seinen Freunden vereinigt sein werde. Bis dies geschähe, wurde ihm in seinen Beziehungen zu Mrs. Lecount erst die äußerste Vorsicht empfohlen, und die augenblickliche Vernichtung von Mr. Bygraves Brief nach reiflicher Durchsicht desselben sei, wenn er ihm den classischen Ausdruck gestatten wolle, eine oonditio sine qua non.

Der fünfte Tag kam.

Mr. Noël Vanstone wartete, nachdem er sich dem sine qua non gefügt und den Brief vernichtet hatte, mit Spannung auf das, was nun folgen würde, während Mrs. Lecount ihrerseits mit Ruhe den Ereignissen entgegensah. Gegen drei Uhr Nachmittags erschien der Wagen wieder vor dem Thore der Nordsteinvilla. Mr. Bygrave sprang heraus und eilte rasch nach dem Häuschen, wo der Wirth wohnte, um den Schlüssel zu holen. Er kehrte mit dem Dienstmädchen hinter sich drein zurück. Miss Byhgrave verließ den Wagen, ihre riesige Verwandte folgte ihrem Beispiele, die Hausthür wurde geöffnet, die Kisten und Kasten wurden heruntergenommen, der Wagen verschwand und —— die Bygraves waren wieder zu Hause!

Vier Uhr schlugs, fünf Uhr, sechs Uhr, und Nichts begab sich. Eine halbe Stunde später erschien Mr. Bygrave geschniegelt, sauber und feinanständig, wie immer, auf der Promenade und schlenderte ruhig in der Richtung von Amsee einher.

Anstatt sofort in das Haus zu treten, ging er daran vorbei, blieb dann stehen, als ob ihm plötzlich Etwas einfiele, und fragte nun umkehrend an der Thür nach Mr. Vanstone. Mr. Vanstone kam, ihn bewillkommnend, in den Hausgang. Indem Mr. Bygrave seine Stimme so laut klingen ließ, daß er von jedem durch eine offne Thür von den Schlafzimmern her lauschenden Wesen mit leichter Mühe verstanden werden konnte, zeigte er den Zweck seines Besuches auf dem Teppich vor der Thür stehend in den kürzest möglichsten Worten an. Er war bei einem entfernt wohnenden Verwandten aus Besuch gewesen. Der entfernte Verwandte besaß zwei Gemälde, Prachtstücke von alten Meistern, welche er veräußern wolle und zu dem Ende Mr. Bygrave anvertraut habe. Wenn Mr. Noël Vanstone als ein Liebhaber von solchen Sachen die Prachtstücke zu sehen wünsche, so würden sie in der nächsten halben Stunde, wo Mr. Bygrave auf Nordsteinvilla zurück sein werde, zu sehen sein.

Nachdem der Erzverschwörer sich dieser Unbegreiflichkeit Meldung entledigt hatte, legte er seinen Zeigefinger an seine kurze römische Nase und sagte:

—— Schönes Wetter, nicht wahr? Guten Abend!

Und damit schlenderte er, ohne daß Eins wußte, was das zu bedeuten hatte, weiter, um seinen Spaziergang aus der Promenade fortzusetzen.

Nach Verlauf der halben Stunde stellte sich Mr. Noël Vanstone aus Nordsteinvilla ein mit der Gluth eines feurigen Liebhabers, welche unter dem darüber lagernden geistigen Nebel eines ganz, verlegenen Mannes brannte. Zu seiner unaussprechlichen Freude fand er Magdalenen allein im Zimmer. Niemals zuvor hatte sie in seinen Augen so schön ausgesehen Die Ruhe und Erholung einer Abwesenheit von vier Tagen von Aldborough hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie hatte ihre Fassung vollkommen wieder erlangt. Indem sie von einem heftigen Extrem zum andern herüber und hinüber fieberte, war sie nun von der leidenschaftlichen Verzweiflung von fünf Tagen früher zu einer fieberhaften Aufregung übergangen, welche alle Reue erstickte und vor keinerlei Folgen zurück bebte. Ihre Augen flammten ihre Wangen glühten in schöner Farbe, sie sprach ohne Unterlaß mit einem schwachen Anklang an die Mädchenlaune in vergangener Zeit, sie lachte mit einer beklagenswerthen Hartnäckigkeit im Lachen, sie ahmte Mrs. Lecounts weiche Stimme und Mrs. Lecounts anmuthiges Benehmen mit einer Uebertreibung des Urbildes nach, welche nur der matte Abglanz der sorgfältig auffassenden und wiedergebenden Nachahmungen der früheren Zeit war. Mr. Noël Vanstone, welcher sie nie zuvor gesehen hatte, wie er sie jetzt sah, war entzückt, sein schwacher Kopf wirbelte in trunkener Lust, seine weißen Wangen wurden, von Roth umflossen, als ob die Farbe der Geliebten sich auf sein Antlitz übertragen hätte. Die halbe Stunde, welche er mit ihr allein war, verging ihm, wie wenn es nur fünf Minuten gewesen wären. Als diese Zeit um war, und sie ihn plötzlich verließ, um einer vorher verabredeten Ladung zu ihrer Tante zu gehorchen, würde er, so niedrig geizig er auch war, fünf goldene Sovereigns aus seiner Tasche erlegt haben, wenn er fünf goldene Minuten länger in ihrer Gesellschaft hätte zubringen können.

Die Thür hatte sich kaum hinter Magdalenen geschlossen, als sie sich wieder aufthat, und der Hauptmann hereintrat. Er eröffnete die Erklärungen, welche sein Gast natürlich von ihm erwartete, mit der von Förmlichkeiten freien raschen Art eines Mannes, der mit seiner Zeit sehr geizen und jeden ihm zur Verfügung stehenden Augenblick möglichst ausnutzen muß.

—— Seitdem wir uns zuletzt gesehen, begann er, habe ich die Aussichten für und gegen uns, wie sie gegenwärtig vor uns stehen, im Geiste abgewogen Das Ergebniß bei mir selbst ist folgendes. Wenn Sie noch zu Aldborongh sind, zur Zeit, wo der Brief aus Zürich für Mrs. Lecount ankommt, werden alle Bemühungen, welchen wir uns bis jetzt unterzogen haben, weggeworfen sein. Wenn die Haushälterin fünfzig Brüder hätte, die alle zusammen im Sterben lägen, so würde sie eher alle fünfzig Verlassen, als daß dieselbe Sie auf Amsee allein ließe, solange wir Ihre Nachbarn auf Nordsteinvilla sind.

Mr. Noël Vanstones glühende Wangen wurden vor Aerger wieder blaß. Seine eigne Kenntniß von Mrs. Lecount mußte ihm sagen, daß diese Ansicht Von der Sache die richtige war.

—— Wenn wir wieder weggehen, fuhr der Hauptmann fort, so wird damit Nichts gewonnen; denn Ihre Haushälterin ließe sich von keinem Menschen einreden, daß wir Ihnen nicht die Mittel an die Hand gegeben hätten, Ihnen nachzufolgen. Diesmal müssen Sie Aldborongh verlassen, und, was mehr ist, Sie müssen gehen, ohne nur eine einzige sichtbare Spur zu hinterlassen, daß wir Ihnen etwa folgen könnten. Wenn wir im Laufe der nächsten fünf Tage diesen Plan durchführen können, wird Mrs Lecount die Reise nach Zürich unternehmen. Wenn wir nicht so glücklich sind, so wird sie wie »festgemauert in der Erden« zu Amsee verharren bis in alle Ewigkeit. Thun Sie keine Fragen! Ich habe Ihre Verhaltungsmaßregeln bereits für Sie fertig, und Sie müssen mir dazu schlechterdings Ihre ganze Aufmerksamkeit schenken. Ihre Verheirathung mit meiner Nichte hängt davon ab, daß Sie nicht ein Wort vergessen von dem, was ich Ihnen jetzt mittheilen will. —— Zunächst erst noch eine Frage. Haben Sie meinen Rath befolgt? Haben Sie Mrs. Lecount gesagt, Sie fingen an einzusehen, daß Sie sich in mir getäuscht hätten?

—— Ich that noch Schlimmeres als das, versetzte Mr. Noël Vanstone de- und reumühig. Ich beging eine Verwaltigung meine eigenen Gefühle. Ich vergaß mich soweit zu sagen, daß ich an Miss Bygrave zweifele!

—— Vergessen Sie sich nur immer zu, lieber Herr! Zweifeln Sie, so sehr Sie können, an uns Beiden, und dann will ich Sie auch unterstützen. Noch eine Frage. Sprach ich diesen Nachmittag laut genug? Hörte mich Mrs. Lecount?

—— Ja wohl. Die Lecount machte ihre Thür auf, die Lecount hörte Sie. Warum machten Sie mir jene Mittheilung? Ich sehe keine Bilder hier. Ist dies ein neuer »frommer Betrug«, Mr. Bygrave?

—— Vortrefflich errathen, Mr. Vanstone? Sie werden den Gegenstand meines angeblichen Gemäldeverkaufs in den nächsten Worten hören, welche ich jetzt an Sie richten werde. Wenn Sie nach Amsee zurück sind, so ist das, was Sie zu Mrs. Lecount sagen müssen, Folgendes. Sagen Sie ihr, daß die Kunstwerke meines Verwandten zwei werthlose Bilder seien, Copieen von alten Meistern, welche ich Ihnen zu einem unerhörten Preise als Originale habe aufbinden wollen. Sagen Sie ihr, Sie hätten mich in Verdacht, daß ich nur wenig besser als ein scheinbarer Betrüger sei, und beklagen Sie meine arme Nichte, daß Sie an einen solchen Schurken, wie ich gekettet sei. Dies ist die Grundtonart, aus der Sie Ihr Lied singen müssen. Sagen Sie ihr in Vielen Worten, was ich Ihnen eben in wenigen gesagt habe. Nicht wahr, das können Sie?

—— Natürlich kann ich das, sprach Mr. Noël Vanstone. Aber ich kann Ihnen nur Eines sagen: die Lecount wird kein Wort von mir glauben.

— Haben Sie nur ein wenig Geduld, Mr. Vanstone; ich bin mit meinen Verhaltungsregeln noch nicht zu Ende. Sie haben Ihre Verhaltungsregeln für heute, und Sie haben die für morgen. Jetzt kommt übermorgen dran!

Dieses Uebermorgen ist der siebente Tag, seit wir den Brief nach Zürich geschickt haben. Am siebenten Tag lehnen Sie, wie bisher, ab, auszugehen, aus Besorgniß einer unliebsamen Begegnung mit mir. Murren Sie über die Kleinheit des Orts, klagen Sie über Ihre Gesundheit, wünschen Sie nie nach Aldborongh gekommen zu sein und nie die Bekanntschaft der Bygraves gemacht zu haben, und wenn Sie Mrs. Lecount mit Ihrer Unzufriedenheit recht warm gemacht haben, fragen Sie sie plötzlich, ob sie nicht einen - Wechsel des Orts für besser hielte. Wenn sie diese Frage in recht unbefangenem Tone an sie richteten, glauben Sie da, daß sie bestimmt daraus antworten wird?

—— Sie braucht gar nicht viel gefragt zu werden, versetzte Mr. Noël Vanstone in gereiztem Tone. Ich habe nur zu sagen, daß ich Aldborongh herzlich müde bin, und wenn sie mir glaubt, —— was sie nicht wird, ich bin fest überzeugt, Mr. Bygrave, sie wird es nicht glauben! —— so wird sie ihren Vorschlag bei der Hand haben, ehe ich sie darum ersuchen werde.

—— Ei, ei, sagte der Hauptmann eifrig, es ist also ein Ort, wohin Mrs. Lecount diesen Herbst gehen muß?

—— Sie muß jeden Herbst dorthin gehen —— der Henker hole sie!

—— Wohin gehen?

—— Zu Admiral Bartram, Sie kennen ihn nicht, nicht wahr? —— in St. Crux in der Marsch.

—— Verlieren Sie die Geduld nicht, Mr. Vanftone!

Was Sie mir da erzählen, ist von der äußersten Wichtigkeit für den Zweck, den wir im Auge haben. Wer ist Admiral Bartram?

—— Ein alter Freund von meinem Vater. Er hatte Verpflichtungen gegen meinen Vater, mein Vater lieh ihm nämlich Geld, als sie beide noch junge Leute waren. Ich bin wie Einer von der Familie zu St. Crux; mein Zimmer wird immer für mich bereit gehalten. Nicht daß der Admiral irgend welche Familie bei sich hätte außer seinem Neffen, Georg Bartram. Georg ist mein Neffe; ich bin mit Georg so vertraut, wie mein Vater mit dem Admiral war. Aber ich bin gescheidter gewesen, als mein Vater; denn ich habe meinem Freunde keinen Pfennig geliehen. Die Lecount gibt sich immer den Anschein, als könne sie Georg gut leiden, ich glaube, bloß um mich zu ärgern. Sie hat den Admiral auch gern, er schmeichelt ihrer Eitelkeit. Er ladet sie immer mit ein, wenn ich nach St. Crux kommen soll. Er läßt ihr eins der schönsten Schlafzimmer anweisen und behandelt sie wie eine große Dame. Sie ist so stolz als der Gottseibeiuns; sie hat es gern, wenn man sie wie eine Dame behandelt, und quält mich jeden Herbst nach St. Crux zu gehen. —— Was soll Das? Warum nehmen Sie Ihr Notizbuch aus der Tasche?

—— Ich brauche die Adresse des Admirals, Mr. Vanstone, zu seinem Zwecke, den ich Ihnen sogleich klar machen werde.

Mit diesen Worten öffnete Hauptmann Wragge sein Taschenbuch und schrieb die Adresse auf, wie sie ihm Mr. Noël Vanstone Vorsagte, nämlich:

ADMIRAL BARTRAM
ST. CRUX IN DER MARSCH
bei
OSSORY, ESSEX.

—— Gut, rief der Hauptmann sein Taschenbuch wieder zumachend aus, die einzige uns im Wege stehende Schwierigkeit ist nun hinweg geräumt Geduld, Mr. Vanstone. Geduld! Wir wollen meine Verhaltungsregeln an dem Punkte wieder aufnehmen, wo wir den Faden fallen ließen. Leihen Sie mir nur noch fünf Minuten ein aufmerksames Ohr, und Sie werden den Weg zu Ihrer Hochzeit so deutlich sehen als ich. Uebermorgen erklären Sie, Sie seien Aldborough satt, und Mrs. Leeount schlägt St. Crux vor. Sie sagen nicht gleich Ja noch Nein, Sie nehmen den nächsten Tag zur Ueberlegung und entschließen sich erst den Abend Vorher, den nächsten Morgen früh nach St. Crux zu gehen. Sind Sie gewohnt, das Einpacken selbst mit zu besorgen? Oder legen Sie gewöhnlich die ganze Mühe auf? Mrs. Lecounts Schultern?

—— Die Lecount hat natürlich das Alles zu besorgen, die Lecount wird dafür bezahlt! Aber ich gehe doch nicht wirklich fort, nicht wahr?

—— Sie gehen so rasch, als die Pferde Sie zur Eisenbahn bringen können, ohne weder persönlich noch schriftlich vorher eine Mittheilung in dies Haus gelangen zu lassen. Sie lassen Mrs. Lecount hinter sich, um Ihre Raritäten einzupacken, mit den Kaufleuten abzurechnen und Ihnen den andern Morgen nach St. Crux zu folgen. Der nächste Morgen ist der zehnte Tag. Am zehnten Morgen empfängt sie den Brief aus Zürich, und wenn Sie nur meine Verhaltungsregeln ausführen, Mr. Vanstone, so geht sie, so gewiß Sie hier sitzen, nach Zürich!

Mr. Noël Vanstones Farbe begann sich zu heben, als ihm die List des Hauptmannes endlich in ihrem wahren Lichte aufging.

—— Und was soll ich in St. Crux thun? frug er.

—— Warten Sie dort, bis ich Sie hierher rufe, versetzte der Hauptmann. Sobald Mrs. Lecount den Rücken gewendet hat, will ich hier in die Kirche gehen und die nöthige Anzeige wegen der Trauung machen. Denselben Tag oder den nächsten Tag will ich zu der in mein Taschenbuch eingetragenen Adresse reisen, Sie bei dem Admiral auspacken und mit mir nach London nehmen, um den Erlaubnißschein einzuholen. Mit diesem Papier in der Tasche werden wir wieder nach Aldborough unterwegs sein, während Mrs. Lecount nach Zürich unterwegs ist, und bevor sie die Rückreise antritt, werden Sie und meine Nichte Mann und Frau sein! Das sind Ihre Zukunftsaussichten. Was halten Sie davon?

—— Was für einen Kopf haben Sie! rief Mr. Noël Vanstone mit einem plötzlichen Ausbruch von Begeisterung. Sie sind der außerordentlichste Mann, mit dem ich in meinem Leben zusammengekommen bin. Man könnte denken, Sie hätten Ihr Leben lang nur die Leute hinters Licht geführt!

Hauptmann Wragge nahm diesen in aller Unschuld gezollten Tribut für sein angeborenes Genie mit der schmunzelnden Miene eines Mannes auf, welcher fühlte, daß er denselben in vollem Maße verdiente.

—— Ich habe Ihnen schon gesagt, mein lieber Herr, sprach er bescheiden, daß ich niemals Etwas halb thue. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie daran erinnere,daß wir keine Zeit haben, gegenseitig Complimente zu wechseln. Sind Sie über Ihre Verhaltungsregeln ganz im Klaren? Ich wage nicht sie aufzuschreiben aus Furcht vor widrigen Zufällen Versuchen Sie es einmal mit der Gedächtnißkunst, zählen Sie Ihre Verhaltungsregeln mir nach an den Daumen und vier Fingern. Heute sagen Sie Mrs. Lecount, ich habe Sie mit meines Vetters Bildern beschwindeln wollen. —— Morgen weichen Sie mir auf der Promenade aus. —— Uebermorgen weigern Sie sich auszugehen, sind Sie Aldborough müde und erlauben Mrs. Lecount, Ihnen ihren Vorschlag zu machen. —— Den Tag darauf nehmen Sie den Vorschlag an. —— Und wieder einen Tag später gehen Sie nach St. Crux. Noch einmal, mein lieber Herr! Daumen —— die Kunstsachen Zeigefinger —— mir auf der Promenade ausweichen. Mittelfinger —— Aldborough müde sein. Goldfinger —— der Lecount Rath annehmen. Kleiner Finger —— fort nach St. Crux. Nichts kann verständlicher sein, Nichts leichter auszuführen. Ist noch Etwas, was Sie nicht verstanden haben? Etwas, was ich, ehe Sie gehen, noch einmal erklären kann?

—— Nur noch Eines, sagte Wir. Noël Vanstone. Ist es bestimmt, daß ich nicht wieder hierher komme, ehe ich nach St. Crux gehe?

—— Ei, unabänderlich bestimmt! antwortete der Hauptmann; der ganze Erfolg des Unternehmens hängt davon ab, daß Sie sich fern halten. Mrs. Lecount wird die Glaubwürdigkeit von Allem, was Sie ihr sagen, nach der einen Probe beurtheilen, nach der Probe, ob Sie mit diesem Manne noch Verbindung unterhalten oder nicht. Sie wird Sie Tag und Nacht beobachten! Besuchen Sie uns nicht, lassen Sie uns keine Botschaft zugehen, schreiben Sie keine Briefe, gehen Sie sogar nicht einmal allein aus. Lassen Sie sie sehen, wie Sie nach St. Crux gehen nach ihrem eigenen Vorschlage, mit der festen Ueberzeugung in ihrem Herzen, daß Sie nur ihren Rath befolgt haben, ohne dies mir oder meiner Nichte in irgend einer Art mitgetheilt zu haben. Thun Sie Das, dann muß sie Ihnen glauben auf Grund des besten Beweises für unsere Interessen und des schlechtesten für ihre eigenen, des Beweises ihrer eigenen Sinne.

Mit diesen Lehren der Vorsicht drückte er Mr. Noël Vanstone warm die Hand und schickte ihn sofort nach Hause zurück.

Hauptmann Wragge legte sich diese Nacht in guter Laune nieder. Er redete scherzhaft das Löschhorn an seinem Leuchter an, als er es hob, um das Licht auszuthun.

—— Wenn ich Dich nur über Mrs. Lecount stülpen könnte, sprach der Hauptmann, so könnte, ich der letzten noch übrigen Sorge diesseits des Hochzeitstages Lebewohl sagen!.


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