Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Antonina oder der Untergang Roms - Erstes Buch - Kapitel I. - Goiswintha
 

Antonina oder der Untergang Roms



Ein Roman aus dem fünften Jahrhundert
von

W. Wilkie Collins

Band 1

»Die Stadt geht unter,
Sklav’ ist der Römer und der Gothe Herr.«
Scuderi. Alarich.

Aus dem Englischen.

Erstes Buch.

»O Dei, vengano!«
Metastasio.

Kapitel I.
Goiswintha.

Die Alpenkette, welche an die nordöstliche Grenze von Italien stößt, war im Herbste des Jahres 408 bereits vielfach von den Spuren der einfallenden Heere der gewöhnlich unter dem Namen der Gothen begriffenen nordischen Völker durchfurcht. An einigen Stellen bezeichneten zu beiden Seiten des Weges liegend, niedergestürzte Baumstämme diese Spuren, welche zuweilen, durch die Verheerungen der Stürme halb verwischt, das Aussehen von öden unregelmäßigen Morästen angenommen hatten. An andern Orten waren sie weniger erkennbar, und der nur vorübergehend gewählte Pfad verschwand gänzlich unter« den ausgetretenen Gewässern angeschwollener Bergströme, oder ließ sie undeutlich an mitunter vorkommenden weichen Stellen im Boden unterscheiden, oder mittelst, der darauf verstreuten Bruchstücke zurückgelassener Waffen, Skeletten von Menschen und Pferden und den Ueberbleibseln der rohen Brücken, die einst zum Ueberschreiten eines Flusses oder Abgrundes gedient hatten, verfolgen.

Zwischen den Felsen der höchsten Bergreihe, unmittelbar vor den Ebenen Italien’s, welche die letzte Schranke für die Anstrengungen des Reisenden oder den Marsch des Eroberers bildet, lag zu Anfang des fünften Jahrhunderts ein kleiner See. Auf drei Seiten von steilen Bergwänden umgrenzt, von schmalen, vegetationslosen, unbewohnten Ufern umgeben und mit nur selten vom belebenden Strahle der Sonne erleuchtetem, schwärzlichem, von keinem Windhauche bewegtem Wasser angefüllt, bot an dem Herbsttage, mit welchem unsere Erzählung beginnt, dieser stets düstere See einen das Auge trübenden, das Herz bedrückenden Anblick dar.

Es war fast Mittag, am Himmel aber kein Sonnenblick zu sehen. Die trüben, an Form und Farbe gleich eintönigen Wolken verhüllten alle Schönheit des Himmels und verbreiteten ein dumpfes Dunkel auf der Erde. Dichte, unbewegliche Nebeldünste hingen an den Berggipfeln; von den gesenkten Aesten der Bäume fielen dann und wann abgestorbene Blätter und Zweige auf den durchweichten Boden nieder oder wirbelten über den dunkeln Abgrund hinab und ein dünner Regen sank langsam, aber unablässig auf die Einöden rings umher nieder. Wenn man auf dem Pfade stand, welchen einst Heere betreten hatten und den andere Heere wieder zu betreten bestimmt waren, und nach dem einsamen See blickte, so hörte man Anfangs keinen Laut, als das regelmäßige Abtröpfeln des Regens von einem Felsen zum andern, sah man nichts als das unbewegliche Wasser zu seinen Füßen und die dasselbe beschattenden grauen Klippen. Wenn jedoch unter dem Eindrucke der räthselhaften Einsamkeit der Gegend das Auge durchdringender und das Ohr aufmerksamer wurde, so zeigte sich in den Felswänden um den See eine Höhle und in den Zwischenräumen, welche das Plätschern der Regentropfen ließ, vernahm man eine schwache Menschenstimme.

Die Mündung der Höhle war theilweise durch einen großen Stein versteckt, auf welchem Massen von mürbem Reisig lagen, wie um den etwaigen Bewohner derselben gegen die Kälte der äußern Luft zu schützen. An der östlichen Grenze des See’s befindlich, gewährt dieser seltsame Zufluchtsort die Aussicht nicht nur auf den unebenen Pfad unmittelbar darunter, sondern auch auf eine große ebene Stelle in geringer Entfernung nach Westen, unter welcher sich eine zweite niedrigere Felsenreihe befand. Von dieser Stelle aus konnte man an hellen Tagen tief unten die Olivenhaine, welche den Fuß des Gebirges bekleideten, und jenseits derselben weit bis zum Horizonte hin die Ebenen Italien’s erblicken, dessen Schicksal der Niederlage und Schmach jetzt seiner düsteren furchtbaren Erfüllung zueilte.

Im Innern war die Höhle niedrig und von unregelmäßiger Form. Von ihren rauhen Wänden sickerte die Feuchtigkeit auf den mit vermodertem Moos bedeckten Boden herab. Eidechsen und andere widerliche Thiere hatten ungestört ihre freudlosen Tiefen bewohnt bis zu der eben beschriebenen Periode, wo ihre Rechte zum ersten Male durch menschliche Eindringlinge beeinträchtigt wurden.

Nahe am Eingange der Höhle kauerte ein Weib. Etwas tiefer im Hintergrunde auf dem trockensten Theile des Bodens lag ein schlafendes Kind. Zwischen ihnen waren abgefallene Zweige und todtes Laub wie zu einem Feuer zusammengehäuft. An einigen Stellen war dieses spärliche Aggregat von Brennmaterial etwas geschwärzt, aber da es gänzlich vom Regen durchweicht waren offenbar alle Versuche, es auf die Dauer in Brand zu bringen, fruchtlos gewesen.

Der Kopf der Frau war vorgebeugt und das in den Händen verborgene Gesicht ruhte auf ihren Knieen. Von Zeit zu Zeit murmelte sie mit heiserer, ächzender Stimme etwas vor sich hin. Sie hatte sich eines Theiles ihrer spärlichen Kleidung entäußert. um ihr Kind damit zu bedecken. Was noch ihren Körper umhüllte, bestand theilweise aus Thierfellen, theilweise aus grobem Baumwollzeug. An vielen Stellen trug diese erbärmliche Kleidung Blutspuren und ihr langes Flachshaar zeigte in seinen verworrenen Locken dieselbe Unheilverkündende, zurückstoßende Färbung.

Das Kind schien kaum vier Jahre alt zu sein und trug auf seinem bleichen, magern Gesicht alle Eigenthümlichkeiten seiner gothischen Abkunft. Seine Züge schienen einst schön gewesen zu sein, aber eine tiefe, über seine« ganze Wange hinweg gehende Wunde hatte es jetzt für immer entstellt. Es zitterte fröstelnd im Schlafe und streckte von Zeit zu Zeit mechanisch seine kleinen Arme nach den vor ihm liegenden todten, kalten Zweigen aus. Plötzlich löste sich in einem fernen Theile der Höhle ein großer Stein vom Felsen und stürzte geräuschvoll auf den Boden nieder. Bei diesem Lärm erwachte es schreiend —— erhob sich —— versuchte auf das Weib zuzugehen und schwankte wieder an die Wand der Höhle zurück. Eine zweite Wunde im Beine hatte eben so seine Kraft vernichtet, wie die in der Wange seine Schönheit. Es war ein Krüppel.

Im Augenblicke seines Erwachens war die Frau aufgesprungen. Sie erhob das Kind setzt vom Boden, nahm einige Kräuter von ihrem Busen und legte dieselben auf seine verwundete Wange. Hierdurch gerieth ihr Kleid in Unordnung; es starrte oben von geronnesten, augenscheinlich aus einer Hiebwunde in ihrem Halse, geflossenem Blute. Alle ihre Versuche, das Kind zu beruhigen, waren umsonst; es stöhnte und wimmerte kläglich und murmelte von Zeit zu Zeit abgebrochene Worte des Unmuthes über die Kälte des Ortes und den Schmerz seiner frischen Wunden. Die unglückliche blickte sprach- und thränenlos wie geistesschwach auf sein Gesicht nieder. Es war nicht schwer aus jenem unverwandten, verzweifelten Blicke die Natur des Bandes, welches die Trauernde an den leidenden Knaben knüpfte, zu errathen, Der Ausdruck starrer, furchtbarer Verzweiflung, der in ihren unbeweglichen, düsteren Augen brütete, die Leichenblässe ihrer zusammengereßten Lippen, die ihre kräftige, gebieterische Gestalt durchzuckenden Krämpfe, verkündeten stumm, aber mit der göttlichen Beredtsamkeit der menschlichen Gefühle, daß zwischen dem einsamen Paare dort die innigste irdische Verbindung —— das Verhältnis von Mutter und Kind —— bestand.

Eine Zeitlang trat keine Veränderung im Benehmen des Weibes ein. Endlich stand sie wie von einem plötzlichen Verdacht ergriffen auf, schloß das Kind in den einen Arm, schob mit dem andern das Reisig am Eingange ihrer Zufluchtsstätte bei Seite und blickte vorsichtig auf die westliche Landschaft hinaus, so weit sie der Nebel erkennen ließ. Nach kurzer Betrachtung zog sie sich, wie der ununterbrochenen Einsamkeit der Gegend versichert, zurück, wendete sich dem See zu und schaute auf das schwarze Wasser zu ihren Füßen nieder.

»Eine Nacht ist der andern gefolgt,« murmelte sie düster, »und keine hat meinem Leibe Hilfe, meinem Herzen Hoffnung gebracht. Eine Meile nach der andern habe ich durchmessen und immer noch ist die Gefahr hinter, die Einsamkeit vor mir. Der Schatten des Todes wird über dem Knaben dichter, die Last der Pein wird schwerer, als ich sie ertragen kann. Meine Freunde sind ermordet, meine Vertheidiger fern, meine Besitzungen verloren. Der Gott der Christenpriester hat uns in der Gefahr verlassen und ist im Schmerze von uns abgefallen. Es ist an mir, den Kampf für uns Beide zu beenden. Diese Stelle ist unsere letzte Zuflucht gewesen; sie soll auch unser Grab sein!«

Mit einem letzten Blicke auf den kalten, trostlosen Himmel schritt sie bis dicht an den steilen Rand des See’s. Schon war das Kind in ihren Armen erhoben und ihr Körper gebeugt, um den tödlichen Sprung mit Erfolg zu thun, als von Osten her ein schwachen ferner, flüchtiger Ton in ihr Ohr drang. Plötzlich erhellte sich ihr Auge, ihre Brust wogte, ihre Wange röthete sich. Sie bot die letzten Ueberbleibsel ihrer Kräfte auf, um einen hervorragenden Standpunkt aus einer hinter ihr befindlichen Felsplatte zu erlangen und lauschte in peinlicher Erwartung, daß sich der magische Ton wiederholen möchte.

Ueber ein Kleines hörte sie ihn wieder —— denn das Kind blieb jetzt vom Schrecken über die Bewegung, welche ihren Entschluß sich mit ihm in den See zu stürzen, begleitet hatte, still, und sie konnte ungestört horchen. Für ungeübte Ohren würde der Ton, der sie jetzt mit solcher Zaubermacht umfing, kaum hörbar gewesen sein. Selbst der erfahrene Reisende würde ihn für nichts als das Echo eines fallenden Steines unter den Bergen in der östlichen Ferne gehalten haben. Für sie aber war es kein unwichtiger Klang, denn er gab ihr das willkommene Zeichen der Erlösung und des Entzückens.

Allmälig kam er, vom neckenden Echo umher geschleudert, näher und näher, und verrieth jetzt deutlich, daß sein Ursprung, wie sie vom Anfang an vermuthet, der Ruf der gothischen Trompete war. Bald hörte die ferne Musik auf und es folgte ihr ein anderer leiser, dröhnender Ton, wie von einem fernen Erdbeben oder einem aufsteigenden Gewitter, der sich, ehe viele Zeit verging, in einen rauhen, verwirrten Lärm, wie das Brausen eines heftigen Windes durch Buschholzwälder, auslöste. In diesem Augenblicke verlor das Weib alle Selbstbeherrschung; sie wurde von ihrer frühem Geduld und Vorsicht verlassen. Ohne aus die Gefahr zu achten, legte sie das Kind auf die Felsplatte wo sie gestanden hatte, und es gelang ihr, wiewohl sie an allen Gliedern zitterte, um so viel höher hinaufzusteigen, daß sie eine Spalte in der Nähe der Spitze des Felsens erreichte, von wo aus sie einen ununterbrochenen Anblick des ungeheuren, unebenen Landstriches hatte, welchem in östlicher Richtung die nächste Reihe von Abgründen und Schluchten folgte.

Eine lange Minute nach der andern verrann, und wiewohl die Töne noch immer fortdauerten, ließ sich doch nichts erblicken. Endlich erklang der schmetternde Ruf der Trompete wieder durch die dumpfe, schwere Nebelluft und im nächsten Augenblicke drang die Vorhut einer gothischen Armee aus den fernen Wäldern.

Dann, nach einiger Zeit, strömten die Massen der Hauptmacht aus jedem Zwischenraume unter den Bäumen hervor und breiteten sich in dunkeln Schichten auf dem öden Boden aus, welcher zwischen den Wäldern und den Felsen in der Nähe des See’s lag. Die vordersten Reihen hielten an, wie um sich mit den Schaaren des Nachtrabs und den sich unter den Gepäckwagen Umhertreibenden, die sich immer noch, wie es schien, in zahlloser Menge aus dem Dunkel der fernen Bäume ergossen, zu verständigen. Die vorausgerückten Truppen marschierten, offenbar in der Absicht, die Straße zu untersuchen, immer noch schnell voran, bis sie an den Fuß der Höhe gelangten, welche zu der Klippe führte, an der das Weib immer noch hing und von wo aus es mit eifriger Aufmerksamkeit immer noch ihre Bewegungen beobachtete.

In einer Lage äußerster Gefahr befindlich, war ihre Körperkraft das einzige Schutzmittel gegen das Herabgleiten von ihrem hohen, schmalen Standpunkte. Bisher hatte die geistige Aufregung des Erwartens ihr die physische Kraft gegeben, welche nöthig war, um sich oben zu behaupten, gerade aber als die Anführer der Vorhut vor der Höhle anlangten, wurde sie von ihren überreizten Fähigkeiten verlassen, ihre Hände verloren ihre Spannkraft, sie schwankte und würde rückwärts zu augenblicklicher Vernichtung hinabgestürzt sein, wenn, nicht die um Brust und Leib geschlungenen Felle sich in eine von den zackigen Felsenspitzen um sie her verwickelt hätten. Zum Glück für sie —— denn sie konnte keinen Laut ausstoßen —— hielten die Soldaten in diesem Augenblicke an, um ihre Pferde verschnaufen zu lassen. Zwei von ihnen nahmen sofort ihre Lage wahr und entdeckten, welcher Nation sie angehörte. Sie stiegen auf die Felsen, und während sich der Eine des Kindes bemächtigte, gelang es dem Andern die Mutter zu retten und wohlbehalten herabzubringen.

Pferdeschnauben, Waffengeklirr und die Verwirrung lauter, rauher Stimmen unterbrachen jetzt das anfängliche Schweigen des einsamen See’s und würden die meisten Menschen in dem erschöpften Zustande des Weibes in Verwirrung und Angst gestürzt haben, schienen aber im Gegentheil ihre Gefühle zu beruhigen und ihre Kräfte wieder zu beleben. Sie machte sich von der stützenden Hand ihres Retters los, nahm ihr Kind auf die Arme und schritt auf einen Mann von riesenhaftem Wuchse zu, dessen kostbare Rüstung hinreichend verkündete, daß er eine Befehlshaberstelle im Heere bekleide.

»Ich bin Goiswintha, Hermanrichs Schwester,« sagte sie mit fester, ruhiger Stimme. »Ich bin der Niedermetzelung der Geißeln in Aquileja mit meinem Kinde entgangen. Befindet sich mein Bruder beim Heere des Königs?«

Diese Erklärung brachte eine auffallende Veränderung im Benehmen der Umstehenden hervor. Die gleichgültigen oder neugierigen Blicke, welche sie anfänglich aus die Flüchtige geworfen hatten, machten dem lebhaftesten Ausdrucke von Verwunderung und Ehrerbietung Platz. Der von ihr angeredete Häuptling erhob das Visir seines Helmes, so daß sein Gesicht erkennbar wurde, beantwortete ihre Frage bejahend und gebot zwei Soldaten, sie nach dem Lager der Hauptarmee weiter rückwärts zu führen. Als sie sich zum Fortgehen wendete, schritt ein Greis, auf sein langes, schweres Schwert gestützt, zu ihr hin und redete sie an.

»Ich bin Withimer, dessen Tochter bei den Römern in Aquileja als Geißel gelassen wurde; gehört sie zu den Erschlagenen oder den Entronnenen?«

»Ihre Gebeine modern vor den Stadtmauern,« war die Antwort. »Die Römer haben sie ihren Hunden zum Fraße vorgeworfen.«

Dem alten Krieger entschlüpfte weder ein Wort, noch eine Thräne. Er wendete sich nach der Richtung von Italien. Als er aber zu den Ebenen hinabblickte, runzelte sich seine Stirn und seine Hände preßten mechanisch den Griff seiner ungeheuren Waffe.

Die beiden Männer, welche Goiswintha zum Heere führten, legten ihr dieselbe düstere Frage vor, wie ihr alter Kamerad. Sie empfingen die gleiche entsetzliche Antwort, die mit derselben starren Fassung ertragen wurde und der derselbe ominöse Blick nach Italien hin folgte, wie bei dem greisen Withimer.

Die Soldaten führten das die erschöpfte Frau tragende Pferd mit der äußersten Sorgfalt und doch mit wunderbarer Schnelligkeit die vor so Kurzem erstiegenen Pfade hinab, gelangten bald an die Stelle, wo die Armee Halt gemacht hatte, und Goiswintha erblickte die unermeßliche kriegerische Ansammlung der Streiter des Nordens in aller Majestät der Zahl und Ruhe.

Ihre Rüstungen besaßen keine Politur, über ihren Häuptern flatterten keine sahnen, aus ihren Reihen erschallte keine Musik. An die düsteren Wälder gelehnt, welche immer noch unablässige Zuflüsse zu der bereits gelagerten kriegerischen Menge ausströmen ließen, von den öden Klippen umgeben, die nebelhaft phantastisch und majestätisch durch die Dunkelheit der trüben Dünste herüberlugten, von den schwarzgrauen Wolken bedeckt, die bewegungslos über den kahlen Bergspitzen schwebten und ihre stürmischen Gewässer auf die unbebauten Ebenen herabgossen, stand Alles, was das Aussehen der Gothen an sich schon Ernst feierliches hatte, in erhabenem Einklange mit dem kalten traurigen Ausdruck, welchen das Antlitz der Natur angenommen hatte. Stumm —— drohend —— finster —— sah das Heer aus, als sei es die geeignetste Verkörperung des ungeheuren Zweckes seines Führers —— das der Unterjochung Rom’s.

Goiswintha wurde schnell durch die ersten Kriegerreihen geleitet, bis sie an einer im rechten Winkel mit der Hauptstraße von dem Walde her ansteigenden Stelle anlangte, wo sie ihre Führer zum Absteigen aufforderten und, auf die daselbst befindliche Gruppe deutend, sagten:

»Dort ist Allarich, der König, und bei ihm Hermanrich, Dein Bruder.«

Aus welchem Gesichtspunkte man auch die Goiswinthen gezeigte Menschengruppe betrachten mochte, überall mußte sie die Beachtung selbst des Unaufmerksamsten erregen. In der Nähe einer verwirrten Masse von auf dem Boden verstreuten Waffen lehnten einige Krieger, dem Anscheine nach auf die leisen murmelnden Worte dreier Greise lauschend, die sich auf Felsenstücken sitzend über sie erhoben, und deren langes weißes Haar, rauhe Fellkleidung und magere schwankende Gestalt den stärksten Kontrast mit den eisenumhüllten, riesenhaften Figuren ihrer Zuhörer bildeten. Oberhalb des Greises auf der Straße stand einer von Alarichs Wagen und der künftige Eroberer Rom’s hatte auf gegen dessen rohe Räder gestützten Gepäckhaufen seinen Rastplatz gewählt. Der Wagen schien buchstäblich von einer lebenden Last überzuströmen. In jedem Winkel und Eckchen staken Weiber und Kinder von jedem Alter und Waffen und Hausthiere jeder Art. Hier lugte ein munteres, neckisches Kind forschend über den Kopf eines Sturmbockes heraus, dort hielt ein mageres, hungriges Schaf spürend und trübselig seine Nase in das Freie und ließ bei der Bewegung den Kopf einer auf seinem wolligen Leibe liegenden verwelkten Alten erblicken. Hier strebte sich ein junges unter Schilden halb vergrabenes Mädchen zu befreien, dort stöhnte ein abgezehrter Troßknecht fast unter Hausen von Pelzen erstickend. Das ganze Schauspiel mit seinem Hintergrunde von großen, in nebeligen Regendunst gehüllten Wäldern, mit seinen auffallenden Kontrasten auf dem einen Punkte und seinen feierlichen Harmonien auf dem andern, zeigte eine ungeheure Vereinigung von Gegenständen, die entweder Erstaunen oder Ehrerbietung erregten —— eine düstere Verbindung des Drohenden mit dem Erhabenen.

Einer von Goiswinthen’s Führern bat sie, in der Nähe des Wagens zu warten, während er selbst sich einem beim Könige stehenden jungen Manne näherte und denselben abseits winkte. Als sich der Krieger erhob, um der Aufforderung Folge zu leisten, entwickelte er neben allen Körpervorzügen seines Stammes eine bei den Leuten seiner Nation ungewöhnliche Gewandheit und Elasticität der Bewegung. In dem Augenblicke, wo er zu dem Soldaten, welcher sich ihm genähert hatte, trat, war sein Gesicht zum Theil unter einem ungeheuren Helm verhüllt, auf dem sich ein Eberkopf befand, dessen Rachen im Tode aufgerissen, weit aufklaffte, als ob er noch nach Beute dürfte. Der Mann hatte ihm aber kaum sein Begehr mitgetheilt, als er heftig zusammenzuckte, die finstere Schutzwehr abnahm und mit entblößtem Haupte auf den Wagen zuschritt, neben welchem Goiswintha sein Kommen erwartete.

Sobald sie ihn bemerkte, eilte sie ihm entgegen, legte das verwundete Kind in seine Arme und begrüßte ihn mit den Worten:

»Dein Schwager hat in den Heeren Rom’s gedient, als unser Volk mit dem Reiche in Frieden war, dies ist Alles, was die Römer von seiner Familie und seinen Besitzthümern übrig gelassen haben.«

Sie verstummte und auf einen Augenblick betrachteten Bruder und Schwester einander in rührendem, ausdrucksvollem Schweigen. Wiewohl außer den allgemeinen Stammeszeichen die Gesichter der Beiden natürlicher Weise noch die besonderen Zeichen der Blutsgemeinschaft trugen, war doch in diesem Augenblicke alle Aehnlichkeit zwischen ihnen gänzlich verschwunden, so wunderbar ist die Macht des Gemüths über die Züge. Das Gesicht und die Haltung des jungen Mannes —— er zählte erst zwanzig Jahre —— drückte tiefen, in seiner strengen Ruhe männlichen, in seinem vollständigen Mangel an Prunk aufrichtigen Schmerz aus. Als er auf das Kind blickte, wurden seine« blauen, schimmernden, durchdringenden, lebhaften Augen weich wie die eines Weibes, seine kaum von seinem kurzen Barte verborgenen Lippen schlossen sich und zuckten und seine edel geformte Brust hob sich unter der sie bedeckenden Rüstung. In dieser einfachen, sprachlosem thränenlosen Trauer, dieser schönen Rücksicht triumphierender Kraft für duldende Schwäche lag etwas fast Erhabenes, wenn man sie im Gegensatze zu dem Ausdrucke grimmiger Verzweiflung auf Goiswinthen’s Zügen betrachtete. Die in ihren weit aufgerissenen, glühenden Augen lodernde Wuth, die düsteren Falten um ihre bleichen offenen Lippen, das Anschwellen der bis zum Bersten ausgedehnten starken Adern auf ihrer hohen Stirn entstellten ihr Gesicht so, daß Bruder und Schwester, als sie so neben einander standen, für den Augenblick ihre Geschlechter ausgetauscht zu haben schienen. Der Krieger zeigte Mitleid für die Dulderin, die Mutter Entrüstung über die Unthat.

Hermanrich wendete sich von seiner wehmüthigen Betrachtung des Kindes ab, stieg, ohne noch an Goiswinthen ein Wort zu richten, auf den Wagen, legte den letzten Sprößling seiner Schwester in die Arme einer abgelebten Greisin, die über einigen auf ihrem Schoße ausgebreiteten Kräuterbündeln brütend dasaß und sprach zu ihr:

»Diese Wunden sind von den Römern, flöße dem Kinde wieder Leben ein und Du wirst aus der Beute Rom’s Deine Belohnung erhalten.«

»Hahaha!« kicherte die Alte; »Hermanrich ist ein berühmter Krieger und soll Gehorsam finden. Hermanrich ist groß, denn sein Arm kann erschlagen, aber Brunhild ist größer als er, denn ihre Wissenschaft kann heilen.«

Wie um diese Prahlerei vor den Augen des Kriegers zu bewarheiten, begann die Alte sofort die zu einem Verbande nöthigen Kräuter unter ihrem Vorrathe auszusuchen. Hermanrich wartete aber die Entwickelung ihrer Geschicklichkeit nicht ab. Mit einem letzten Blicke auf das bleiche erschöpfte Kind stieg er langsam vom Wagen, näherte sich Goiswinthen, zog sie an die vor dem Wetter geschützteste Stelle in der Nähe des mächtigen Fuhrwerks und bereitete sich mit der tiefsten Aufmerksamkeit auf das Anhören des Berichts von den Schreckens- und Leidensscenen vor, welche sie vor so Kurzem durchlebt hatte.

»Du,« begann sie, »der Du geboren wurdest, als unser Volk in Frieden war, den man von dem Schlachtfelde nach jenen fernen Gegenden brachte, wo noch Ruhe herrschte, den man in seiner Kindheit vor den Wechselfällen des Kampfes bewahrte und erst im Jünglingsalter, wo seine Mühen vorüber und seine Triumphe nahe sind, in das Heer treten ließ —— Du allein bist den Leiden unseres Volkes entgangen, um an dem Ruhme seiner nahen Rache Theil zunehmen.

»Kaum ein Jahr war verflossen, seit Du von den Niederlassungen der Gothen entfernt worden warest, als ich mich mit Priulf vermählte. Das Geschlecht von Schwächlingen, mit welchem er damals verbündet war, fügte sich trotz seines römischen Hochmuths in den Rathsversammlungen seiner Ansicht und gestand unter seinen Legionen, daß er tapfer war. Ich sah mich mit Freuden als Gattin eines ruhmvollen Kriegers, ich glaubte in meinem Stolze zur Mutter eines Heldengeschlechts bestimmt zu sein, als uns plötzlich die Nachricht ereilte, daß der Kaiser Theodosius gestorben sei. Jetzt traten Anarchie unter dem Volke des Landes und Kränkungen der Freiheiten seiner Verbündeten, der Gothen, ein. Bald erschallte unter unserer Nation der Ruf zu den Waffen. Unsere Kriegswagen fuhren über die gefrorene Donau, unsere Soldaten verließen das römische Lager. Unsere Landleute nahmen ihre Waffen von den Wänden ihrer Hütte, wir Frauen bereiteten uns und unsere Kinder darauf vor, unseren Gatten in das Feld zu folgen, und Alarich, der König, trat als Führer unserer Heere auf.

»Wir rückten in das Gebiet der Griechen ein. —— Wie soll ich Dir aber die Ereignisse der unsern Einfall folgenden Kriegsjahre erzählen, den Glanz unserer Siege, die Mühseligkeiten unserer Vertheidigung die Leiden unserer Rückzüge, den Hunger, den wir überwanden, die Krankheiten, die wir überstanden, den schmählichen Frieden, der endlich gegen die Wünsche unsers Königs geschlossen wurde! Wie soll ich Dir alles dies erzählen, während meine Gedanken bei dem Blutbade weilen, dem ich erst entgangen bin, —— während jene ersten, wiewohl mir einst in Pein erinnerlichen Uebel jetzt über den größeren Schrecken, welche ihnen folgten, vergessen sind.

»Der Waffenstillstand wurde geschlossen, Alarich zog mit den Ueberbleibseln seines Heeres ab und lagerte sich bei Aemona, an den Grenzen des von ihm bereits überzogenen Landes, welches er jetzt zu erobern gerüstet ist. —— Zwischen unserm Könige und Stilico, dem General der Römer, wurden viele Botschaften gewechselt, denn die Anführer waren noch uneinig über die Bedingungen des Friedens, welcher abgeschlossen werden sollte. unterdessen wurden zum Pfande der gothischen Treue Schaaren von unsern Kriegern und unter ihnen Priulf nach Italien entsendet, um von Neuem als Verbündete der Legionen Rom’s zu dienen, und sie nahmen ihre Frauen, Kinder und Habe mit, die als ihre Geißeln in den Städten des Landes bewahrt werden sollten.

»Ich wurde mit meinen Kindern nach Aquileja gebracht. In einem Gebäude innerhalb der Stadt fanden wir mit unserer Habe Aufnahme. Es war Nacht, als ich von Priulf, meinem Gatten, am Thore Abschied nahm. Ich schaute ihm nach, als er mit dem Heere abzog, und als ihn die Dunkelheit meinen Augen verbarg, begab ich mich wieder in die Stadt, aus welcher ich allein von allen Frauen unsers Volkes entkommen bin.«

Bei diesen letzten Worten begann Goiswinthen’s Wesen, welches bisher ruhig und gesammelt war, sich zu verändern, sie hielt plötzlich in ihrer Erzählung inne, der Kopf sank ihr auf die Brust und ihre Gestalt bebte, wie von schwerer Pein durchzuckt. Als sie sich nach einer Pause zu Herrmanrich wendete, um in ihrer Erzählung fortzufahren, lag auf ihrem Gesicht derselbe bösartige Ausdruck, welcher sich auf demselben gezeigt hatte, als sie ihm ihr verwundetes Kind übergab. Ihre Stimme wurde gebrochen, rauh und unweiblich Sie drängte sich dicht an die Seite des jungen Mannes und legte ihre zitternden Finger auf seinen Arm, wie um seine ungetheilteste Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

»Die Zeit verging,« fuhr sie fort, »und noch immer kam keine Nachricht von dem endlichen Abschluß des Friedens. Wir Geißeln lebten von den Bewohnern der Stadt getrennt, denn wir fühlten selbst damals schon Feindschaft gegen einander. Ich hatte in meiner Gefangenschaft keine Beschäftigung als die Geduld —— keine Thätigkeit, als die Hoffnung. Mit meinen Kindern allein pflegte ich über die See hinaus nach dem Lager unsers Königs zu schauen, aber ein Tag folgte dem andern-und seine Krieger erschienen nicht auf der Ebene, und eben so wenig kehrte Priulf mit den Legionen zurück, um sich vor den Thoren der Stadt zu lagern. Ich trauerte also in meiner Einsamkeit, denn mein Herz sehnte sich nach der Heimath meines Volkes, ich verlangte danach, noch einmal das Gesicht meines Gatten zu erschauen und wiederum die Reihen unserer Krieger und die Majestät ihrer Schlachtordnung zu erblicken.

»Während aber der schwere Tags der Verzweiflung schnell näher kam, bereitete sich mir allein eine bittere Kränkung. Die Leute, welche uns bisher bewacht hatten, wurden gewechselt, und unter den neuen Wächtern befand sich Einer, der auf mich, die Augen der Begierde warf. Eine Nacht nach der andern ergoß er seine Bitten in mein unwilliges Ohr, denn er glaubte in seiner Eitelkeit und Schamlosigkeit, daß ich, eine Gothin und die Gattin eines Gothen, von ihm, der nur römischen Geblüts war, gewonnen werden könne! Bald ging er von Bitten zu Drohungen über und eines Nachts erschien er mit Lächeln vor mir und rief, daß Stilico, dessen Wunsch es war, mit den Gothen Frieden zu schließen, für seine Hingebung an unser Volk die Todesstrafe erlitten, daß die Zeit des Verderbens für uns Alle nahe, und daß er, den ich verschmähe, allein im Staude sei, mich vor dem Zorne Rom’s zu bewahren.

»Nach diesen Worten näherte er sich mir, aber ich, die ich mich schon auf vielen Schlachtfeldern befunden hatte, fühlte keine Furcht vor der Aussicht auf Krieg und ich trieb ihn mit Hohnlachen von mir.

»Jetzt erschien mein Feind einige Nächte hindurch nicht wieder vor mir. Eines Abends aber, als ich mit dem Kinde, welches Du gesehen hast, auf der Terrasse vor dem Hause saß, fiel plötzlich ein Helmschmuck vor meinen Füßen nieder und eine Stimme rief aus dem Garten unter mir herauf:

»Priulf, Dein Gatte, ist von den Kriegern Rom’s im Streite erschlagen worden! Schon sind die Legionen, bei denen er gedient hat, nach der Stadt unterwegs, denn das Gebot ist ergangen, die Geißeln umzubringen. Sprich nur ein Wort und ich kann Dich noch jetzt retten!

»Ich blickte auf den Helmschmuck, er war blutig und es war der Seine! Auf einen Augenblick zuckte mir das Herz, als ich an den Krieger, den ich geliebt hatte, dachte. Dann, als ich hörte, wie sich der Todesbote unter Verwünschungen aus seinem Versteck im Garten entfernte, entsann ich mich, daß jetzt meine Kinder nur noch ihre Mutter hatten, um sie zu vertheidigen, und daß die Feinde ihres Geschlechts ihnen Gefahr bereiteten. Außer dem Kleinen auf meinem Arme besaß ich noch zwei, die im Hause schliefen. Als ich mich verwirrt und verzweifelt umschaute, um zu sehen, ob wir noch Aussicht auf Entrinnen besäßen, ertönte durch die Abendstille das Schmettern einer Trompete und auf der Straße unter mir erschallte der Schritt Gewaffneter. Jetzt erhob sich aus allen Theilen der Stadt zu gleicher Zeit im gleichen Augenblicke das Kreischen von Weibern und das Geschrei von Männern. Als ich nach den Betten meiner Kinder stürzte, hatten die Dämonen Rom’s bereits die Treppen erstiegen und schwangen im blutigen Triumph ihre dampfenden Schwerter. Ich gelangte an die Treppe, und als ich aufblickte, warfen sie mir die Leiche meines jüngsten Kindes herab. O Hermanrich! Hermanrich! es war das schönste und geliebteste von allen. Was, wie die Priester sagen, Gott für uns sein soll, das war der lieblichste von meinen Sprößlingen für mich!

»Als ich es verstümmelt und todt sah ich, die ich es kaum eine Stunde vorher an meiner Brust in den Schlaf gewiegt hatte! —— verließ mich mein Muth, und als die Mörder auf mich eindrangen, schwankte ich und fiel. Ich fühlte wie die Schwertspitze meinen Hals verwundete, ich sah den Dolch über dem Kinde in meinen Armen blitzen, ich hörte den Todesschrei des letzten Opfers oben, und dann verließen mich die Sinne und ich vermochte nichts mehr zu hören, mich nicht mehr zu regen!

»Ich muß lange bewegungslos am Fuße jener Treppe gelegen haben, denn als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, war der Lärm in der Stadt verstummt und der Mond schien mild vom Firmament herab aus das öde Haus. Ich lauschte, um sicher zu sein, daß ich mich mit meinen gemordeten Kindern allein befinde. Ich vernahm in der Wohnung keinen Laut, die Mörder hatten sich entfernt, in dem Glauben, daß ihr Blutwerk zu Ende sei, als ich unter ihren Schwertern fiel; und ich konnte mich ungefährdet zu dem letzten meiner Kinder schleppen, welches von den Römern erschlagen worden war. Das Kleine an meiner Brust athmete noch. Ich stillte mit von meinen Kleidern abgerissenen Stücken die Blutung seiner Wunden, legte es sanft neben der Treppe im Mondschein nieder, damit ich sehen konnte, wenn es sich bewegte, und fühlte mich im Schatten der Mauer zu dem erstgemordeten Jüngst geborenen, zu dem Jüngsten und Schönsten meiner Kinder, das sie vor meinen Augen geschlachtet hatten, hin! Als ich den Körper berührte, war er vom Blute schlüpfrig, ich befühlte sein Gesicht und es war kalt, ich erhob es in meinen Armen und seine Glieder waren bereits im Tode erstarrt! Dann dachte ich an das älteste Kind, welches todt oben im Zimmer lag; aber meine Kräfte verließen mich schnell. Ich hatte ein Kind, welches noch gerettet werden konnte und wußte, daß, wenn der Morgen mich noch in dem Hause erblickte, alle Aussicht des Entrinnens mir für immer benommen war. Ich nahm also das todte und das verwundete in meine Arme, obgleich mir das Herz erstarrte, daß ich die Leiche meines ältesten Kindes in der Gewalt der Römer lassen mußte, und begab mich in den Garten und von dort nach dem an der See liegenden Theile der Stadt.

»Ich schritt durch die verlassenen Straßen. Zuweilen stieß ich an die Leiche eines Kindes, zuweilen erblickte ich im Mondscheine das dem Himmel zugewendete todtenbleiche Antlitz eines Weibes meiner Nation, das ich geliebt hatte; aber ich eilte weiter, bis ich an die Mauer der Stadt gelangte und hörte, wie sich außerhalb derselben die Meereswellen auf dem ebenen Strande brachen.

»Ich blickte um mich. Die Thore waren, wie ich wußte, geschlossen und bewacht. Die Mauer bot mir die einzige Aussicht auf Rettung. Aber ihr Gipfel war hoch und die Seiten glatt. Verzweifelnd und ermattet legte ich meine Last an einer dunkeln, versteckten Stelle nieder und that einige Schritte vorwärts, denn das Stehenbleiben war eine Qual, die ich nicht ertragen konnte. In geringer Entfernung sah ich einen Soldaten, an ein Haus gelehnt, schlafen. Neben ihm stand unter einem Fenster eine Leiter. Als ich aufschaute erblickte ich den Kopf einer Leiche, der auf der Spitze derselben lag. Das Opfer konnte erst vor Kurzem getödtet sein, denn sein Blut tröpfelte noch langsam in ein neben dem Soldaten stehendes Weingefäß.

»Als ich die Leiter sah, lebte die Hoffnung in mir wieder auf, ich trug sie an die Mauer, ich stieg»empor und legte mein todtes Kind auf die breiten Steine auf ihrer Spitze —— ich kehrte zurück und legte meinen verwundeten Knaben neben die Leiche. Langsam und mit großer Anstrengung zog ich die Leiter herauf, bis das eine Ende durch seine eigne Last auf der andern Seite niederfiel. Eben so wie ich herausgekommen war, stieg ich auch wieder hinab. Ich höhlte im Sande eine Grube aus und legte den Leichnam meines Kindes hinein, denn ich konnte die Last Beider nicht mehr tragen; dann schleppte ich mich mit meinem verwundeten Knaben in eine weiterhin an der Küste liegende Höhle. Dort lag ich den ganzen folgenden Tag verborgen —— allein mit meinem Körperleiden und meiner Herzenspein —— bis die Nacht herabsank und ich meine Reise nach dem Gebirge antrat, denn ich wußte, daß zu Aemona, im Lager der Krieger meines Volkes, meine einzige Zufluchtsstätte auf Erden war. Schwach und langsam, bei Tage versteckt und bei Nacht reisend, schleppte ich mich weiter, bis ich an den See im Gebirge gelangte, wo mich die Vorhut des Heeres fand und vom Tode errettete.«

Sie schwieg. Während des letzten Theiles ihrer Erzählung war ihre Haltung ruhig und trübe gewesen und sie verweilte mit dem peinlichen Nachdruck des Kummers bei jedem einzelnen Umstande, der sich auf die von ihr erlittenen Verluste bezog; ihre Stimme sänftigte sich zu den Tönen stiller Wehmuth, welche den einfachsten Worten Eindringlichkeit verleihen und die schwankendsten Laute wohlklingend machen. Es schien, als ob die zarteren, liebevolleren Empfindungen, welche die Reize ihrer Kinder einst in ihrem Herzen geweckt hatten, von der Erinnerung wieder in ihr belebt worden seien, während sie bei dem Berichte von ihrem Tode verweilte. Sie blickte eine Zeitlang fest und forschend in das halb von ihr abgewendete Gesicht Hermanrich’s, welches eine dessen edeln Zügen unnatürliche wilde, rachsüchtige Düsterkeit zeigte, dann kehrte sie sich von ihm hinweg, begrub ihr Gesicht in den Händen und machte keinen weiteren Versuch, seine Aufmerksamkeit zu erregen, oder ihn zur Antwort aufzufordern.

Das feierliche Schweigen des unglücklichen Weibes und des brütenden Mannes hatte einige Minuten gedauert, als eine rauhe, zitternde Stimme von dem Wagen her rief:

»Hermanrich! Hermanrich!«

Anfangs blieb der junge Mann von den mißtönigen, abstoßenden Lauten unberührt; sie wiederholten seinen Namen jedoch so oft und ausdauernd, daß er endlich darauf achtete und plötzlich, wie über die Unterbrechung unmuthig auffahrend, nach der Seite des Wagens schritt, von welcher die geheimnißvolle Aufforderung zu kommen schien.

Als er aufblickte, schwieg die Stimme und er sah, daß die Alte, welcher er das Kind anvertraut, Diejenige war, welche ihn vor wenigen Augenblicken so hastig gerufen. Ihr in Bärenfelle gehüllter, zitternder Körper war über einen großen dreieckigen Schild von poliertem Erz gelehnt, auf welchen sie ihre dürren, verschrumpften Arme stützte. Ihr Kopf zitterte altersschwach —— ein fratzenhaftes Lächeln zog ihre welken Lippen auseinander und erhellte ihre eingesunkenen Augen. Tückisch, kriechend, abstoßend, mit vom Wiederscheine der ihre Stütze bildenden Waffe noch gelber gefärbtem Gesicht und in den rauhen Gewändern, die ihre mageren Glieder umhüllten, kaum menschlich erscheinenden Gestalt, schien sie eine von bösen Geistern zum Spott gegen die Majestät der menschlichen Form geschaffene Mißgestalt, —— eine verkörperte Satyre alles Beklagenswerthesten in der Gebrechlichkeit und Abstoßendsten im Alter zu sein.

In dem Augenblicke, wo sie Hermanrich sah, streckte sie ihren Körper noch weiter über das Schild hervor, deutete nach dem Innern des Wagens und mnrmelte leise das furchtbare, ausdrucksvolle Wort:

»Todt!«

Ohne auf weitere Erklärung zu warten, stieg der junge Gothe auf das Fuhrwerk und sah, als er an die Seite der Matrone gelangte, auf ihren Kräuterbündeln ausgestreckt, in der schönen erhabenen Stille des Todes —— die Leiche von Goiswinthen’s letztem Kinde.

»Ist Hermanrich erzürnt?« winselte die Vettel vor dem festen, vorwurfsvollen Blicke des jungen Mannes zusammenzuckend. »Ich log, als ich sagte, daß Brunhild größer sei als Hermanrich. Hermanrich ist mächtiger als sie! Schau, die Verbände sind auf die Wunden gelegt worden und sollen nicht, wenn auch das Kind gestorben ist, die versprochenen Schätze mir zu Theil werden? Ich habe gethan, was ich konnte, aber meine Geschicklichkeit beginnt, mich zu verlassen, denn ich bin alt —— alt —— alt! Ich habe mein Geschlecht vorübergehen sehen! Aha, ich bin alt, Hermanrich, ich bin alt!«

Als der junge Krieger das Kind erblickte, sah er, daß die Alte die Wahrheit gesprochen hatte und das Kind nicht durch ihre Schuld gestorben sei. Das Gesicht des Knaben war bleich und heiter und zeigte, wie ruhig sein Tod gewesen war. Die Verbände waren geschickt angefertigt und sorgfältig auf seine Wunden gelegt worden, aber Leiden und Entbehrungen hatten den schwachen Widerstand der menschlichen Kräfte auf dem Wege nach dem letzten, gefürchteten Ziele vernichtet und die Hinterlist des kaiserlichen Rom’s wieder gesiegt, wie sie es gewohnt war —— über ein Kind gesiegt!

Als Hermanrich mit der Leiche herabstieg, war Goiswintha beim Betreten des Bodens der erste Gegenstand, welchen seine Augen erblickten. Die Mutter nahm ihm seine leblose Last wortlos und thränenlos ab. Die Ausströmung ihrer früheren, liebevollern Natur, welche der Schluß der Erzählung ihrer Leiden hervorgerufen hatte, war von nun an durch den Tod ihres letzten Kindes auf ewig in ihr erloschen.

»Seine Wunden hätten den Knaben zum Krüppel gemacht,« sagte der junge Mann düster, »er hätte nie mit unsern Kriegern kämpfen können! Unsere Väter tödteten sich selbst, wenn sie keine Kraft mehr zum Kampfe besaßen; besser für ihn, daß er gestorben ist.«

»Rache!« stöhnte Goiswintha, dicht an seine Seite gedrängt. »Wir wollen Rache für das Blutbad von Aquileja nehmen! Wenn in den Palästen von Rom das Blut strömt, so erinnere Dich an meine hingemordeten Kinder und eile nicht, Dein Schwert in die Scheide zu stecken.«

In diesem Augenblicke hörte man, wie, um die bereits auf dem Gesichte des jungen Gothen erweckte grimmige Entschlossenheit noch weiter zu befestigen, die Stimme Alarich’s dem Heer den Befehl, zum Vorrücken geben. Hermanrich fuhr auf und zog das racheglühende Weib mit sich zum Könige hin. Dort stand vollständig gewaffnet und durch seine höhere Gestalt über die ihn umgebende Menge hervorragend, der gefürchtete Anführer der gothischen Heerschaaren. Sein Helm war zurückgeschoben, so daß er seine über die ihn umgebende Menge strahlendem hellen, blauen Augen sehen ließ, er deutete mit dem Schwerte gen Italien und als Glied vor Glied seine Leute die Waffen ergriffen und sich jubelnd zum Marsche fertig machten, öffneten sich seine Lippen zu einem Triumphlächeln, und ehe er sich aufmachte, um sie zu begleiten, sprach er:

»Krieger der Gothen, unsere Rast im Gebirge ist nur kurz gewesen, aber die Müden mögen darüber nicht klagen, denn der ruhevolle Rastort, welcher nach unsern Mühseligkeiten unserer wartet, ist Rom. Es ist unser Vorrecht, den Fluch Odins, als er sich in der Kindheit unseres Volkes vor den Myriaden des Kaiserreiches zurückzog, zu erfüllen! Uns ist es vorbehalten, den künftigen Untergang, womit er Rom bedrohte, zu bewerkstelligen! Erinnert Euch an Eure Geißeln, die die Römer ermorden, Eure Besitzungen, deren sich die Römer bemächtigt, Euer Vertrauen, welches die Römer verrathen haben! Erinnert Euch, daß ich, Euer König, in mir den übernatürlichen Antrieb fühle, welcher nie täuscht, und der mir mit aufmunternder Stimme zuruft: —— Rücke vor und, das Kaiserreich ist Dein! Versammle Deine Krieger, und die Stadt der Welt soll den erobernden Gothen anheimfallen. Wir wollen ohne Zögern vorwärts eilen! unsere Beute erwartet uns! —— unser Sieg ist nicht mehr fern, unsere Rache naht sich!«

Er schwieg, und in diesem Augenblicke gab die Trompete das Zeichen zum Marsch.

»Auf auf!« rief Hermanrich, indem er Goiswintha’s Arm ergriff und auf den Wagen zeigte, der schon anfing sich zu bewegen. »Bereite Dich zur Reise, ich will für das Begräbniß des Kindes sorgen. Noch ein Paar Tage und unser Lager kann vor Aquileja sein. Sei geduldig, ich werde Dich in den Palästen Rom’s rächen.«

Die mächtige Masse bewegte sich. Die Menge breitete sich aus über den unfruchtbaren Boden, und jetzt sahen die Krieger im Nachtrab der Armee Diejenigen, die an der Spitze derselben die letzte Reihe von Pässen erstiegen: welche zwischen den Ebenen Italien’s und den Gothen lag.


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