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Nicht aus noch ein



Vierter Act

Das Uhrschloß.

Der freundliche Schauplatz war Neuschatel, der freundliche Monat April: der freundliche Aufenthalt das Büreau eines Notars; die freundliche Erscheinung darin, der Notar selbst; ein rosiger herzgewinnender schöner alter Mann, der erste Notar von Neuschatel, weit und breit im Canton unter dem Namen Maitre Voigt bekannt. Persönlich, wie in seinem Beruf, war der Notarius ein allgemein geliebter Mitbürger. Seine große Freundlichkeit und seine große Wunderlichkeit hatten ihn schon vor Jahren zu einem bekannten öffentlichen Charakter in der freundlichen Schweizer Stadt gemacht. Sein langer brauner Ueberrock und seine schwarze Mütze waren zum Ort gehörig und von seiner Schnupftabaksdose nahm man an, daß es, in Bezug auf ihre Gestalt, keine zweite solche in Europa gäbe. Es befand sich noch jemand im Büreau, der nicht so freundlich, wie der Notar aussah: Obenreizer.

Einen eigenthümlich ländlichen Anblick bot das Büreau dar. Es war überhaupt ein Büreau, wie es in England gar nicht vorkommen kann. Es lag auf einem hübschen Hofraum, ein Blumengarten umgab es, Ziegen weideten am Thorweg und eine Kuh hielt Von sechs Schritten Entfernung aus eine gute Freundschaft mit den Schreibern. Maitre Voigts Zimmer, ein glänzendes bunt angestrichenes kleines Gemach, sah mit seinen Holzpanelen an den Wänden wie eine Kinderstube aus. Der Jahreszeit gemäß blickten Rosen, Sonnenblumen und Malven ins Zimmer hinein. Maitre Voigts Bienen summten den ganzen Tag durch das Büreau, kamen zu einem Fenster herein, flogen zum andern wieder hinaus und statteten ihre Besuche fleißig während ihres Tagewerkes ab, als ob ans Maitre Voigts frölicher Laune Honig zu saugen wäre. Eine große Spieldose aus dem Kamin trillerte die Ouvertüre zu Fra Diavolo oder zusammengestellte Melodien aus Wilhelm Tell mit einer Lebendigkeit herunter, der beim Eintritt eines Clienten gewaltsam Einhalt gethan werden mußte; aber in dem Augenblick, wo derselbe den Rücken gewendet hatte, brachen ihre Melodien unbeirrt wieder hervor.

»Muth! Muth! mein lieber Freund!« sagte Maitre Voigt zu Obenreizer in väterliche Weise und klopfte ihm, wie um ihm gut zuzureden auf das Knie. »Sie beginnen morgen hier in meinem Büreau ein neues Leben.«

Obenreizer —— in Trauerkleidung und mit niedergeschlagenem Wesen —— legte seine Hand, die ein weißes Taschentuch hielt, auf die Stelle, wo sein Herz saß. »Die Dankbarkeit ist hier,« sagte er, »aber die Worte nicht, die sie auszudrücken vermögen.«

»Pah! pah! pah! reden Sie nicht Von Dankbarkeit. Mir ist es schrecklich jemand in Noth zu sehen. Sie sind in Noth, und ich strecke Ihnen unwillkürlich meine Hand entgegen. Uebrigens bin ich noch nicht zu alt, um mich meiner jungen Tage zu erinnern. Ihr Vater hat mir meine ersten Kunden zugesendet (Es handelte sich um den halben Morgen eines Weingartens in dem nur selten Trauben reiften.) Bin ich nicht dem Sohn Ihres Vaters verschuldet? Ich schulde ihm eine freundschaftliche Verpflichtung und zahle sie ihm hiermit zurück. Das war hübsch ausgedrückt, nicht wahr?« setzte Maitre Voigt in der besten Laune hinzu. »Erlauben Sie, daß sich mein eigenes Verdienst mit einer Prise Tabak belohne.«

Obenreizer schlug die Augen nieder, als ob er es nicht werth wäre, den Notarius nur schnupfen zusehen.

»Ich bitte Sie um eine Gunst, Sir,« sagte er, als er die Augen wieder aufschlug. »Handeln Sie nicht in der ersten Aufwallung. Sie kennen bis jetzt nur meine Lage im Allgemeinen. Erwägen Sie den Fall für und gegen mich in seinen Einzelheiten, bevor Sie mich in Ihrem Büreau anstellen. Prüfen Sie meinen Anspruch an Ihre Menschenfreundlichkeit mit Ihrem scharfen Verstande und Ihrem vortrefflichen Herzen. Wollen Sie das, so kann ich meinen Kopf gegen meine erbittertsten Feinde hoch heben und meinen Ruf auf den Trümmern der verlorenen Ehre wieder aufbauen.«

»Wie Sie wollen,« sagte Maitre Voigt. »Sie wissen gut zu sprechen, mein Sohn. Sie werden mit der Zeit ein feiner Adookat werden.«

»Der Einzelheiten sind nur wenige,« fuhr Obenreizer fort. »Mein Unglück beginnt mit dem zufälligen Tode meines Verstorbenen Reisegefährten, meines theuren verlorenen Freundes, Mr Vendale.«

Mr. Vendale,« wiederholte der Notarius. »Richtig. Ich habe verschiedene Male in den letzten zwei Monaten den Namen gehört und gelesen; den Namen des unglücklichen Engländers der auf dem Simplon getödtet wurde. Sie haben diese Narben auf Hals und Wange davongetragen.«

»—— Von meinem eigenen Messer,« sagte Obenreizer, die Narben berührend, die ihrer Zeit schreckliche Wunden gewesen sein mußten.

»Von Ihrem eignen Messer,« stimmte der Notarius ein, »als Sie ihn zu retten versuchten. Gut, gut, gut. Es war sehr gut Von Ihnen. Vendale. Ja, Ich habe in der letzten Zeit öfter daran gedacht, wie eigenthümlich es ist, daß ich einmal einen Clienten des Namens hatte.«

»Die Welt ist so eng,« erwiderte Obenreizer und machte sich innerlich einen Gedankenstrich, daß der Notarius früher einen Clienten des Namens gehabt hatte.«

»Wie ich sagte, Sir, mit dem Tode meines lieben verstorbenen Reisegefährten fängt mein Unglück an. Was darauf folgte? Ich rettete mich selbst und begab mich dann nach Mailand. Ich wurde Von Defresnier und Co. kühl empfangen und kurze Zeit darauf meiner Geschäfte bei Defresnier und Co. enthoben. Warum? Den Grund gaben Sie nicht an. Ich fragte, ob meine Ehre angegriffen werde? Keine Antwort. Ich fragte, was ist die Schuld, die mich trifft? Keine Antwort. Ich fragte, wo sind die Beweise gegen mich? Keine Antwort. Ich fragte, was ich davon denken solle? Die Erwiderung lautete: »Es steht Mr. Obenreizer frei zu denken, was er will; was Mr. Obenreizer denkt, ist für Defresnier und Co. von gar keinem Belang. Das war Alles.«

»Richtig. Das war Alles,« stimmte der Notarius eine große Prise Tabak nehmend, ein.

»Aber genügt das, Sir!«

»Das genügt nicht,« sagte Maitre Voigt. »Die Defresnier und Co., sind meine Mitbürger —— sehr geachtete und sehr geschätzte —— aber die Defresnier und Co. dürfen nicht den Ruf eines Menschen stillschweigend zerstören. Eine falsche Anschuldigung kann man zurückweisen, aber wie soll man dem Stillschweigen beikommen?«

»Ihr Sinn für Gerechtigkeit, mein theurer Beschützer,« antwortete Obenreizer, »kehrt das Empörende der Handlungsweise mit einem Wort heraus. Hat es nun damit geendet? Nein. Was folgte hinterher?«

»Es ist wahr, mein armer Junge,« sagte der Notarius mit einem Nicken des Kopfes, welches den Andern trösten sollte. »Ihre Mündel lehnt sich gegen Sie auf.«

»Auflehnen ist nicht das richtige Wort,« entgegnete Obenreizer.« Meine Mündel schreckt vor mir mit Entsetzen zurück. Meine Mündel einzieht sich meiner Autorität und sucht Schutz (und Madame Dor mit ihr) in dem Hause des Englischen Advokaten Mr. Bintrey, desselben, der auf Ihre Aufforderung an meine Nichte sich meiner Autorität zu unterwerfen, erwidert, daß meine Nichte den Aufforderung nicht Folge leisten werde.«

»—— Und der ferner schreibt,« sagte der Notarius, seine große Tabaksdose fortnehmend, um zwischen den Papieren darunter nach Mr. Bintreys Brief zu suchen, »daß er selbst kommen werde, um mit mir Rath zu pflegen.«

»So?« erwiderte Obenreizer erschrocken. »Nicht, Sir? Habe ich nicht gesetzmäßige Rechte an sie?«

»Gewiß, mein armer Junge,« entgegnete der Notarius. »Jeder außer dem Verbrecher hat gesetzmäßige Rechte.«

»Und wer kann mich einen Verbrecher nennen?« sagte Obenreizer mit auffallender Heftigkeit.

»Niemand. Bleibet Sie ruhig, trotzdem, daß man Ihnen Unrecht thut. Wenn das Haus Defresnier Sie einen Verbrecher nennen sollte, gewiß, so kennen wir das Verfahren, welches wir in dem Fall ihm gegenüber einzuschlagen hätten.«

Indem er das sagte, händigte er Bintreys kurzen Brief Obenreizern ein, der denselben durchlas und zurückgab.

»Wenn er sagt,« bemerkte Obenreizer mit wiedergewonnener Fassung, »er werde kommen, um mit Ihnen Raths zu pflegen, so meint der Englische Addokat damit, daß er kommen will und meine Autorität über meine Mündel ableugnen.«

»Glauben Sie?«

»Ich bin davon überzeugt. Ich kenne ihn. Er ist eigensinnig und streitsüchtig. Sagen Sie mir, theurer Sir, ob die Autorität, welche ich über meine Mündel besitze, unangreifbar ist.«

»Durchaus unangreifbar.«

»Ich will darauf bestehen. Ich will es durchsetzen, daß sie sich derselben unterwerfe, denn,« sagte Obenreizer seinen zornigen Ton in den dankbarster Unterwürfigkeit verwandelnd, »ich bin es Ihnen schuldig, Sir, Ihnen, der einen arg beleidigten Mann vertrauensvoll in seinen Schutz und seinen Dienst genommen hat.«

»Nun beruhigen Sie sich,« sagte Maitre Voigt. »Nichts mehr davon und keinen Dank. Ich erwarte Sie morgen früh, ehe der andre Schreiber kommt —— zwischen sieben und acht. Sie finden mich in diesem Zimmer. Ich werde Sie selbst in Ihre Geschäfte einführen. Jetzt gehen Sie! Gehen Sie! Ich habe Briefe zu schreiben. Ich will kein Wort mehr hören.«

Mit dieser großmüthigen Eilfertigkeit entlassen und befriedigt von dem günstigen Eindruck, den er auf den alten Mann gemacht hatte, benutzte Obenreizer seine Muße, auf den Gedankenstrich in seinem Geist zurückzukommen, der ihn daran erinnern sollte, daß Maitre Voigt früher einen Clienten Namens Vendale gehabt habe.

»Ich denke England jetzt genugsam zu kennen,« so war der Gang, den seine Betrachtungen nahmen, als er sich auf eine Bank im Garten niedersetzte. »Der Name ist mir dort nie vorgekommen, ausgenommen ——« er sah unwillkührlich scheu über die Schulter —— »bei ihm. Ist die Welt so eng, daß ich ihn nicht loswerden kann, selbst jetzt, nun er todt ist? Er bekannte zu guter letzt daß er das Vertrauen des Verstorbenen mißbraucht und unrechtmäßiger Weise ein Vermögen geerbt habe. Ich solle nachforschen, sagte er. Ich solle ihn ansehen; mein Antlitz erinnre ihn daran. Warum mein Antlitz, wenn es nicht mich beträfe? Es waren seine Worte; sie sind seitdem nicht aus meinem Ohr gewichen. Kann sich etwas in des alten Dummkopfs Gewahrsam befinden, was darauf Bezug hat? Etwas, das meine äußere Lage wieder herzustellen und sein Andenken zu verwischen vermöchte. Er verweilte lange Zeit in jener Nacht in Basel auf meinen frühesten Erinnerungen. Warum that er es, wenn er nicht einen Grund dazu hatte?«

Die beiden größten Ziegenböcke Maitre Voigts stießen mit den Köpfen nach Obenreizer, um ihn aus den Garten zu treiben, als wollten sie für die geringschätzende Art, mit der ihrem Herrn Erwähnung geschehen, Rache üben. Er stand anf, verließ seinen Platz und ging darauf lange Zeit mit gebeugtein Haupt, in tiefe Gedanken versunken, am Rande des Sees spazieren.

Am nächsten Morgen stellte sich Obenreizer in dem Bureau ein. Er fand den Notarius bereits fertig und mit Papieren beschäftigt, die am vergangenen Abend eingegangen waren. In wenigen klaren Worten legte Maitre Voigt die Art und Weise seines Geschäftsbetriebes dar und weihte ihn in die Pflichten ein, die, wie er erwartete, Obenreizer pünktlich erfüllen werde. Es war in fünf Minuten acht Uhr, als er die vorläufigen Instruktionen für beendet erklärte.

»Ich will Ihnen noch das Haus und die Bureau’s zeigen,« sagte« Maitre Voigt, »aber ich muß zuvor die Papiere fortlegen. Sie kommen von der Municipalbehörde und müssen mit mit besonderer Vorsicht aufbewahrt werden.«

Obenreizer erblickte darin die Gelegenheit, den Ort zu erspähen, in dem des alten Advokaten Privatpapiere lägen.

»Kann ich Ihnen nicht die Mühe abnehmen, Sir?« fragte er. »Kann ich nicht die Schriften nach Ihrer Anweisung aufbewahren?«

Maitre Voigt lachte verstohlen in sich hinein, schloß die Brieftasche, in welcher die Papiere ihm übersendet worden waren und händigte sie Obenreizern ein.

»Versuchen Sie einmal,« sagte er. »Ich bewahre alle meine Papiere von Wichtigkeit dort auf.«

Er wies auf eine schwere mit Nägeln beschlagene Eichenthür am unteren Ende des Zimmers. Als Obenreizer sich mit der Brieftasche in der Hand derselben näherte, gewahrte er zu seinem höchsten Erstaunen, daß kein Mittel irgend einer Art vorhanden war, die Thür von außen zu öffnen: keine Klinke, kein Riegel, kein Schlüssel, und was das Auffallendste war, kein Schlüsselloch.

»Es giebt noch eine andere Thür, die zu dem Zimmer führt?« sagte Obenreizer, sich an den Notar wendend.«

»Nein,« erwiderte Maitre Voigt. Rathen Sie weiter.«

»Es giebt ein Fenster?«

»Nichts derartiges. Das Fenster ist zugemauert. Der einzige Zugang zu dem Zimmer ist der durch die Thür. Geben Sie es auf!« rief Maitre Voigt triumphierend. »Horchen Sie einmal genau, mein guter Freund, und sagen Sie mir, ob Sie nichts darinnen vernehmen?«

Obenreizer horchte einen Augenblick gespannt und sprang dann von der Thür zurück.

Ich weiß!« rief er aus. »Ich hörte davon, als ich bei dem Uhrmacher in der Lehre war. Perrin Brüder haben ihr berühmtes Uhrschloß fertig, und Sie haben es gekauft.«

»Bravo!« sagte Maitre Voigt. »Es ist das Uhrschloß. Da, mein Sohn! Da haben Sie eins von jenen Dingen, die die guten Einwohner der Stadt Papa Voigts Tollheiten nennen. Aber wahr bleibt wahr. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Kein Dieb kann meine Schlüssel stehlen; kein Räuber mein Schloß versehren. Keine Macht der Erde, es müßte denn ein Mauerbrecher oder ein Pulverfaß sein, kann die Thür öffnen, wenn nicht meine kleine Schildwache da drinnen —— mein bester Freund Tick Takt, der geht, wie ich es ihm verschreibe —— ruft: »Offen!« Das schwere Thor gehorcht dem kleinen Tick Takt, und der kleine Tick Tack gehorcht mir. Das,« rief Papa Voigt, ein Schnippchen schlagend, »schützt vor allen Dieben in der Christenheit.«

»Kann ich nicht das Uhrwerk in Thätigkeit sehen? fragte Obenreizer. »Verzeihen Sie meine Neugierde, theurer Sir. Sie wissen ja, daß ich früher ein ziemlich brauchbarer Arbeiter im Uhrmacherhandwerk gewesen bin.«

»Gewiß sollen Sie es in Thätigkeit sehen,« sagte Maitre Voigt. »Wie viel Uhr ist es? In einer Minute acht. Warten Sie noch eine Minute, und Sie werden erleben, wie sich die Thür von selber öffnet.«

In einer Minute öffnete sich wirklich das schwere Thon langsam, leise und still, als ob es von unsichtbaren Händen aufgemacht werde, und man erblickte eine dunkle Kammer dahinter. An drei Seiten füllten Büchergestelle die Wände vom Fußboden bis zur Decke, darauf befan den sich Reihen Von Kasten nach Schweizer Art aus Holz gefertigt und hübsch ausgelegt. Sie trugen Inschriften auf den Rücken (die meisten in geschwungenen farbigen Buchstaben) und wiesen die Namen der Clienten des Notarius auf.

Maitre Vogt zündete eine Kerze an und führte Obenreizer in das Zimmer.

»Sie sollen das Uhrwerk sehen,« sagte er stolz. »Ich besitze die größte Merkwürdigkeit in Europa. Nur wenigen Bevorzugten habe ich das Kunstwerk gezeigt. Dem Sohn Ihres lieben Vaters soll dieser Vorzug werden. Sie find einer der wenigen Begünstigten, die mich in das Zimmer begleiten dürfen. Sehen Sie, da ist es. An der rechten Wand, zur Seite der Thür.«

»Eine gewöhnliche Uhr!« rief Obenreizer aus. »Nein, keine gewöhnliche Uhr. Es ist nur ein Zeiger vorhanden.«

»Aha!« sagte Maitre Voigt. »Keine gewöhnliche Uhr, mein Freund. Nein, nein. Der eine Zeiger geht um das Zifferblatt herum. Wenn ich ihn stelle, so bestimme ich dadurch die Stunde, in welcher die Thür sich öffnen soll. Sehen Sie, der Zeiger steht auf acht. Um acht ist die Thür aufgegangen, wie Sie sich selbst überzeugt haben.«

»Kann sie sich öfter als einmal in vierundzwanzig Stunden öffnen?« fragte Obenreizer.«

»Oefter als einmal?« wiederholte der Notarius mit aufsteigender Heftigkeit. »Sie kennen meinen Freund Tick Tack nicht. Er öffnet mir die Thün so oft ich es verlange. Alles, was er begehrt, ist, daß ich ihn stelle. Die Anweisung zum Stellen befindet sich hier. Sehen Sie, unter dem Zifferblatt ist ein stählerner Halbkreis in die Wand eingelassen, und hier der Zeiger, der Regulator genannt, kann ihn einschreiben, gerade so wie meine Hand ihn leitet. Wollen Sie bemerken, daß sich auf dem Halbkreis Ziffern befinden, nach denen ich mich zu richten habe. Die Zahl l bedeutet: Oeffne einmal während vierundzwanzig Stunden. Die Zahl II bedeutet: Oeffne zweimal und so weiter bis zum Ende. Ich stelle den Regulator jeden Morgen, nachdem ich die Briefe gelesen und mein Tagewerk überschauen kann. Macht es Ihnen Freude, ihn stellen zu sehen? Was haben wir heute? Mittwoch. Gut! Heut ist Schützentag und wenig zu thun. Ich setze einen halben Feiertag an. Nach drei Uhr braucht Niemand mehr zu arbeiten. Erst wollen wir die Brieftasche mit den städtischen Papieren fortlegen So! Es ist kein Grund vorhanden, daß Tick Tack die Thür vor acht Uhr morgen früh wieder eröffne. Gut! Ich stelle den Zeiger des Zifferblattes auf acht und den Regulator wieder auf!. Ich mache die Thür zu, und zu bleibt sie, ohne daß es eine Möglichkeit ist, sie wieder zu öffnen bis morgen früh um acht.«

Obenreizers Scharfblick erkannte sogleich, durch welches Mittel das Uhrschloß zu zwingen war, das Zutrauen seines Herrn zu täuschen und seines Herrn Papiere Obenreizer zur Verfügung zu stellen.

»Halt, Sir!« rief er in dem Augenblick, als der Notarius die Thür schließen wollte. »Mir ist, als ob sich etwas zwischen den Kasten bewege —— dort unten am Boden.«

(Maitre Voigt wendete sich einen Augenblick nach den Büchergestellen um. Ja diesem kurzen Augenblick schob Obenreizers gewandte Hand den Regulator von der Zahl I auf die Zahl II. Wenn des Notarius Blick nicht wieder auf den stählernen Halbkreis fiel, so mußte sich die Thür Abends um acht ebenso gut, als am andern Morgen um acht öffnen und niemand als Obenreizer wußte darum.)

»Ich sehe nichts« sagte Maitre Voigt. Der Kummer hat Ihre Nerven angegriffen, mein Sohn. Die Dunkelheit an den Stellen, wo der Kerzenschein nicht hinbringt oder ein Paar kleine vom Licht gescheuchte Käfer, die zwischen den alten Geheimnissen des Advokaten ihr Wesen treiben, mögen Sie getäuscht haben. Horch! Ich höre Ihren Collegen im Büreau. An’s Werk! an’s Werk! Legen Sie heute den ersten Stein zu dem Gebäude Ihres neuen Glückes!«

Er trieb in bester Laune Obenreizern hinaus, löschte die Kerze mit einem letzten zärtlichen Blick auf seine Uhr, der harmlos den Regulator streifte, und machte die Eichenthür zu.

Um drei wurde das Büreau zugeschlossen. Der Notar und jeder in des Notar’s Dienst (einer ausgenommen) eilte fort um das Scheibenschießen mitanzusehen. Obenreizer hatte vorgegeben nicht in der Laune zu sein um eine öffentliche Lustbarkeit mitzumachen und niemand wußte was aus ihm geworden war. Man glaubte, daß er sich still entfernt habe um einsam spazieren zu gehen.

Das Haus und die Büreau’s waren kaum einige Minuten geschlossen, als sich die Thür eines hellfarbigen Kleiderschrankes in des Notarius hellfarbigem Zimmer öffnete und Obenreizer daraus hervorkam. Er ging an das Fenster, machte die Laden auf und überzeugte sich, daß er durch den Garten ungesehen entschlüpfen könne, kehrte dann vom Fenster zurück und nahm in des Notars Lehnstuhl Platz. Er war in dem Hause eingeschlossen und hatte fünf volle Stunden zu warten ehe acht Uhr herankam.

Er brachte die fünf Stunden hin, so gut er konnte. Mitunter las er in den Büchern und Zeitungen, die auf dem Tische lagen, mitunter sann er nach; mitunter ging er in dem Gemach auf und nieder. Die Sonne neigte sich zum Untergang. Er schloß die Fensterladen, ehe er Licht anzündete. Als die Kerze brannte und die ersehnte Zeit näher und näher heranrückte, saß er mit der Uhr in der Hand, die Augen fest auf die Eichenthür gerichtet.

Um acht öffnete sich die Thür langsam still und geräuschlos.

Er las die Namen, den einen nach dem andern, die auf her äußern Kastenreihe standen. Kein solcher Name wie Vendale. Er nahm die äußern Reihen fort und sah die dahinter befindlichen durch. Es waren ältere abgestoßene Kasten. Die ersten vier, die er besichtigte trugen französische und deutsche Namen, der fünfte trug einen Namen, der fast unleserlich geworden war. Er nahm den Kasten zur sorgfältigen Prüfung in das Zimmer hinein. Da stand von Stockflecken und Staub fast unkenntlich der Name: Vendale. Der Schlüssel hing am Kasten. Er schloß auf. Es befanden sich vier lose Blätter Papier darin. Obenreizer breitete dieselben auf dem Tisch aus und begann sie durchzusehen. Als er kaum eine Minute damit beschäftigt gewesen, verwandelte sich der Ausdruck von Spannung und Eifer auf seinem Gesicht in den höchster Verwunderung und Enttäuschung. Nach kurzem Besinnen schrieb er das auf den Papieren Befindliche ab, legte dieselben an ihren früheren Platz, setzte auch den Kasten an seinen früheren Platz, schloß die Thür, löschte die Kerze und stahl sich fort.

Als die Fußtritte des Diebes und Mörders durch den Garten eilten, langte der Notarius und der, der ihn begleitete, bei der vorderen Thür des Hauses an. Die Laternen anf der Straße waren angezündet. Der Notarius hielt den Hausschlüssel in der Hand.

»Bitte, gehen Sie nicht an meinem Hause vorüber, Mir. Bintrey,« sagte er, »Machen Sie mir die Freude und treten Sie ein. Die ganze Stadt hat heute einen halben Feiertag —— es ist Schützenfest —— aber meine Leute werden sogleich zurück sein. Wie drollig, daß Sie mich gerade um den Weg nach dem Hotel befragen mußten! Lassen Sie uns zusammen essen und trinken, ehe Sie dort einkehren.«

»Danke. Nicht heut Abend,« sagte Bintrey. »Darf ich morgen um zehn zu Ihnen kommen?«

»Es ist mir eine Freude, Sir, so bald Gelegenheit zu erhalten, das Unrecht, welches meinem armen Clienten angethan werden soll, von ihm abzuwehren,« erwiderte der gutmüthige Notarius.

»Ja,« entgegnete Bintrey. »Es ist Alles recht gut mit Ihrem armen Freund —— aber —— ein Wort in Ihr Ohr!«

Er flüsterte dem Notarius einige Worte zu und entfernte sich dann. Als die Wirthschafterin des Notars nach Hause kam, fand sie ihren Herrn regungslos vor der Thür stehen mit dem Schlüssel in der Hand und die Thür noch fest verschlossen.


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