Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib
 

Mann und Weib



Das Musikzimmer

Vierundvierzigstes Kapitel - Julius stiftet Unheil an

Julius Delamayn war allein und schlenderte müssig, seine Violine in der Hand, auf der Terrasse, seines Hauses in Swanhaven-Lodge auf und ab. Am Himmel zeigten sich die ersten Abendwolken. Es war der Abend des Tages, an welchem Anne Silvester Perth verlassen hatte. Noch vor wenigen Stunden hatte Julius sich den Pflichten der politischen Stellung, die der Einfluß seines Vaters ihm verschafft hatte, gewidmet. Er hatte, der bitteren Nothwendigkeit gehorchend, vor seinen Wählern in der Nachbarstadt Kirkandrew in einer öffentlichen Versammlung geredet hatte eine abscheuliche Atmosphäre athmen, unverschämte Oppositionen beschwichtigen, dumme Fragen beantworten, rohe Unterbrechungen ertragen, gierige Simplicanten zufrieden stellen und schmutzige Hände schütteln müssen. Das sind die Stufen, auf welchen der Engländer empor zu klimmen hat, wenn er aus der bescheidenen Dunkelheit des Privatlebens in die ruhmvolle Oeffentlichkeit des Unterhauses gelangen will.

Julius hatte die mit einem ersten öffentlichen Auftreten unerläßlich verbundenen Leiden, wie freie Institutionen sie mit sich bringen, mit der nöthigen Geduld ertragen, und war zu seiner ihm lieben Häuslichkeit womöglich noch gleichgültiger gegen das öffentliche Leben zurückgekehrt. Die Mißklänge des brüllenden Haufens, die noch in seinen Ohren schrillten, hatten seine Empfänglichkeit für die Poesie des Tones, wie sie sich in Mozarts unsterblichen Werken offenbart, noch erhöht. Er hatte seine geliebte Violine zur Hand genommen und war auf die Terrasse hinausgetreten, um sich in der Abendluft abzukühlen.

Ein Diener, dem er eben im Musikzimmer geklingelt hatte, erschien an der Schwelle der Glasthür und berichtete auf die Frage seines Herrn, daß Mrs. Delamayn ausgefahren sei, um Besuche zu machen und mindestens noch eine Stunde ausbleiben würde.

Julius seufzte. Die schönsten Compositionen Mozart’s für die Violine erfordern Clavierbegleitung; ohne die Unterstützung seiner Frau war sein Instrument zum Schweigen verdammt. Nach einer kurzen Ueberlegung fiel Julius etwas ein, was dem Uebel einigermaßen abhelfen zu können schien.

»Ist Mrs. Glenarm auch ausgefahren?« fragte er.

»Nein, Mr. Delamayn!«

«.Machen Sie Mrs. Glenarm meine Empfehlung und fragen Sie, ob sie, wenn sie nicht anderweitig beschäftigt sei, die Güte haben wolle, zu mir in’s Musikzimmer zu kommen.«

Der Diener ging fort, um seine Bestellung auszurichten.

Julius setzte sich auf eine auf der Terrasse stehende Bank und fing an seine Violine zu stimmen.

Mrs. Glenarm, die, wie Bishopriggs richtig gemeldet hatte, sich aus Furcht vor anonymen Correspondenten nach Swanhaven Lodge geflüchtet hatte und sich dort im Geheimen aufhielt, war, was ihre musikalischen Leistungen anlangte, weit entfernt, eine genügende Stellvertreterin für Mrs. Delamayn zu sein. —— Julius besaß in seiner Frau eine der wenigen Clavierspielerinnen, welche diesem seelenlosen Instrument eine ihm sonst nicht eigene Ausdrucksfähigkeit zu verleihen verstand und auf demselben nicht blos Geräusch, sondern wirklich Musik hervorbrachte. Aber eine so feine Organisation, wie sie allein ein solches Wunder bewirken kann, war Mrs. Glenarm nicht beschieden. Sie war gut unterrichtet und spielte correct, aber das war auch Alles.

Julius, der sich nach Musik sehnte, fügte sich in die Umstande und wollte sich mit Mrs. Glenarm’s Spiel begnügen. Der Diener brachte die Antwort zurück, »Mrs. Glenarm werde in zehn Minuten zu Mr. Delamayn in’s Musikzimmer hinunterkommen.«

Julius stand erleichtert auf und fing wieder an auf und abzuschlendern, bald kleine Passagen spielend, bald wieder still stehend, um die Blumen auf der Terrasse mit liebevollem Auge zu betrachten.

Wenn das Parlament, in das Julius einzutreten im Begriff stand, ihn in diesem Augenblick gesehen hätte, würde es sich vielleicht veranlaßt gefunden haben, an seinen berühmten Vater die Frage zu richten: »Ist es möglich, Mylord, daß Sie der Vater eines solchen Parlaments-Candidaten sind?«

Nachdem er wieder einen Augenblick still gestanden hatte, um eine Saite auf seiner Violine fester anzuziehen, sah er, als er von seinem Instrument wieder aufschaute, zu seiner Ueberraschung eine Dame auf sich zukommen. Er ging ihr entgegen und nahm, als er fand, das; sie ihm vollkommen fremd sei, an, daß sie seine Frau besuchen wolle.

»Habe ich die Ehre, eine Freundin von Mrs. Delamayn vor mir zu sehen?« fragte er; »leider ist meine Frau nicht zu Hause.«

»Ich kenne Mrs. Delamayn nicht,« antwortete die Dame. »Der Diener sagte mir, daß sie ausgegangen sei und daß ich Mr. Delamayn hier finden würde.«

Julius verneigte sich und harrte des Weiteren.

»Ich muß sie bitten, mir die Art, wie ich eindringe, zu vergeben,« fuhr die Fremde fort, »mein Zweck ist, Sie um die Erlaubniß zu bitten, hier eine Dame zu sprechen, die, wie ich erfahren habe, als Gast in ihrem Hause verweilt.«

Die außerordentliche Förmlichkeit dieser Bitte hatte für Julius etwas Auffallendes. »Meinen Sie Mrs. Glenarm?« fragte er.

»Ja.«

»Bitte, reden Sie doch nicht von einer besondern Erlaubniß. Eine Freundin Mrs. Glenarm’s kann einer guten Aufnahme in diesem Hause gewiß sein.«

»Ich bin keine Freundin Mrs. Glenarm’s, ich bin ihr vollkommen fremd.«

Das machte die Förmlichkeit der von der Dame vorgetragenen Bitte etwas verständlicher, ließ aber den Zweck, den sie bei ihrem Wunsche, Mrs. Glenarm zu sehen, im Auge hatte, noch völlig unerkennbar.

Julius wartete höflich, bis es ihr gefallen möchte, fortzufahren und sich weiter zu erklären. Aber diese Erklärung schien ihr nicht leicht zu werden. Ihre Augen senkten sich zu Boden; sie zauderte offenbar in peinlicher Verlegenheit. »Wenn ich Ihnen meinen Namen nenne,« begann sie wieder, ohne vom Boden aufzusehen, »kann Ihnen vielleicht Aufschluß darüber werden —— ——«, sie hielt inne. Wiederholt wechselte sie die Farbe, zauderte, rang mit ihrer Aufregung und bezwang sich wieder. »Ich bin Anne Silvester« sagte sie plötzlich, ihr bleiches Antlitz abwendend, mit fester Stimme.

Julius fuhr zusammen und sah sie mit schweigendem Erstaunen an. Dieser Name war ihm zweifach bekannt; es war noch nicht lange her, daß er denselben von den Lippen seines Vaters an dessen Krankenlager gehört hatte. Lord Holchester hatte es ihm dringend an’s Herz gelegt dieses Namens wohl eingedenk zu bleiben und dem Weibe, das ihn trage, wenn dasselbe sich jemals künftig an ihn wenden sollte, zu helfen. Dann aber hatte er erst ganz kürzlich den Namen in einer scandalösen Verbindung mit dem Namen seines Bruders gehört. Beim Empfang des ersten anonymen Briefes hatte Mrs. Glenarm nicht nur Geoffrey selbst aufgefordert, die gegen ihn geschleuderten Verleumdungen zu widerlegen, sondern hatte auch eine Copie des Briefes an seine Verwandten in Swanhaven-Lodge geschickt. Geoffrey’s Vertheidigung hatte Julius nicht völlig überzeugt, daß seinen Bruder kein Tadel treffe.

Als er jetzt die vor ihm stehende Anne Silvester betrachtete, däuchte es ihn wahrscheinlich, ja fast gewiß, daß sein Bruder zu tadeln sei. War dieses so bescheidene, so sanfte, so einfache und ungezierte Weib die schamlose Abenteurerin, die, wie Geoffrey behauptet hatte, auf Grund einer kindischen Liebeständelei Ansprüche gegen ihn geltend mache, während sie sehr wohl wisse, daß sie im Geheimen an einen andern Mann verheirathet sei? War dieses Weib, in deren Stimme, in deren Blick, in deren ganzem Wesen sich wahre Vornehmheit aussprach, wirklich wie Geoffrey behauptet hatte, im Bunde mit dem ungebildeten Spitzbuben der in anonymen Briefen von Mrs. Glenarm Geld zu erpressen suchte? Das war unmöglich! unmöglich, selbst wenn man dem Sprichwort, daß der »Schein trügt« volle Rechnung trug.

»Ihr Name ist mir nicht fremd,« antwortete Julius nach einer kleinen Pause. Sein feines Gefühl ließ ihn davor zurückschrecken auf die Verbindung ihres Namens mit dem seines Bruders anzuspielen. »Mein Vater hat, als ich ihn zuletzt in London sprach, gegen mich Ihres Namens Erwähnung gethan,« fügte er wohlüberlegt hinzu, indem er auf diese Weise seine Bekanntschaft mit ihrem Namen erklärte.

»Ihr Vater?« Mit einem Blick des Mißtrauens und des Erstaunens trat sie einen Schritt näher. »Ihr Herr Vater, Lord Holchester, nicht wahr?«

»Ja.«

»In welcher Veranlassung hat er meiner gegen Sie Erwähnung gethan?«

»Er war damals krank,« antwortete Julius, »und dachte an Ereignisse seines früheren Lebens, die mir völlig fremd sind. Er sagte mir, er habe Ihren Vater und Ihre Mutter gekannt und sprach den Wunsch aus, daß ich, wenn Sie jemals eines Beistandes bedürftig sein sollten, Ihnen meine Dienste zur Verfügung stellen möchte, und er legte mir diesen Wunsch sehr dringend an’s Herz. Ich hatte den Eindruck, als ob die Erinnerung, die ihn zu dieser Mahnung veranlaßte, etwas Schmerzliches für ihn habe.«

Langsam und schweigend trat Anne bis an die, wenige Schritte von ihr entfernte, niedrige Terrassenmauer zurück; sie stützte die eine Hand auf dieselbe, um sich aufrecht zu erhalten. Julius hatte, ohne eine Ahnung von dem zu haben, was er gethan, Worte von fürchterlicher Bedeutung gesprochen. Bis zu dieser Stunde hatte Anne Silvester nicht gewußt, daß der Mann, der sie betrogen hatte, der Sohn jenes anderen Mannes sei, dessen Entdeckung eines Mangels in der Ehe ihrer Mutter einst zu deren Unglück geführt hatte. Bei dieser erschütternden Entdeckung beschlich sie das unheimliche Gefühl einer abergläubischen Furcht. Lag sie in den Banden eines unsichtbaren Verhängnisses, das sie, gleichviel welchen Weg sie einschlug, immer wieder die Spur ihrer unglücklichen Mutter auf der Bahn eines unabwendbaren Schicksals verfolgen ließ? Die Gegenwart schwand vor ihren Blicken, als diese schreckliche Frage in ihr aufstieg. Für einen Augenblick sah sie sich wieder in die Zeit ihrer Kindheit versetzt. Wieder sah sie das Antlitz ihrer Mutter mit dem Ausdruck der Verzweiflung, den es trug, als ihr die Rechte einer verheiratheten Frau abgesprochen und die Pforten der Gesellschaft für immer geschlossen wurden.

Julius trat an sie heran und suchte sie aus ihren Träumen zu erwecken.

»Darf ich Ihnen irgend etwas anbieten?« fragte er. »Sie sehen sehr leidend aus. Ich habe doch hoffentlich nichts gesagt, was Sie schmerzlich berührt hat?«

Aber auch durch diese Frage vermochte er ihre Aufmerksamkeit nicht von ihren Gedanken abzulenken; anstatt die Frage zu beantworten, that sie selbst eine Frage. »Sagten Sie nicht, Sie wüßten durchaus nicht, an was Ihr Vater gedacht habe, als er mit Ihnen über mich sprach?«

»Gewiß, das sagte ich.«

»Glauben Sie, daß Ihr Bruder mehr davon weiß, als Sie?«

»Ganz gewiß nicht.«

Sie versank wieder in Gedanken und schwieg. An jenem denkwürdigen Tage, wo sie zuerst mit Geoffrey zusammengetroffen war, hatte sie ihn, von dem Klang seines Familiennamens frappirt, gefragt, ob nicht ihre Eltern in früherer Zeit mit einander bekannt gewesen seien. In allen übrigen Beziehungen hatte er sie betrogen, in diesem einen Punkte aber war er aufrichtig gegen sie gewesen. Er hatte sie der Wahrheit gemäß versichert, daß er niemals den Namen ihres Vaters oder ihrer Mutter in seinem elterlichen Hause habe nennen hören.

Julius war neugierig geworden, er versuchte es, sie zu weiteren Mittheilungen zu veranlassen. »Sie scheinen zu wissen,« nahm er wieder auf, »woran mein Vater dachte, als er über Sie mit mir sprach. Darf ich fragen ——«

Sie unterbrach ihn mit einer flehenden Geberde: »Bitte, fragen Sie mich nicht! Das gehört der Vergangenheit an und ist vorüber, es kann kein Interesse für Sie haben —— es hat nichts mit dem Zweck meines gegenwärtigen Besuches zu thun. »Ich muß,« fuhr sie rasch fort, »Ihre gütige Aufmerksamkeit noch einen Augenblick für diesen Zweck in Anspruch nehmen. Haben Sie meinen Namen vielleicht noch von einem anderen Mitglied Ihrer Familie außer Ihrem Vater nennen gehört, Mr. Delamayn?«

Julius war nicht darauf gefaßt, daß sie aus eigenem Antriebe das Gespräch auf den peinlichen Gegenstand, den zu berühren er selbst absichtlich vermieden hatte, bringen werde. Er konnte sich eines Mißbehagens über diese Enttäuschung nicht erwehren, er hatte eine größere Delicatesse der Empfindung, als sich in ihrer letzten Frage zu offenbaren schien, von ihr erwartet.

»Halten Sie eine Beantwortung dieser Frage für unerläßlich?« fragte er kalt.

Anne’s Wangen färbten sich wieder höher.

»Glauben Sie, daß ich, wenn ich die Beantwortung dieser Frage nicht für unerläßlich hielte, es über mich gewonnen haben würde, dieselbe an Sie zu richten? Vergessen Sie nicht, daß ich meine Anwesenheit als eine Gunst von Ihnen zu betrachten habe. Wenn ich mich daher nicht entschließen würde, gleichviel, was es mich kosten möge, deutlich zu reden, so würde ich meine Situation nur noch peinlicher machen, als sie es bereits ist. Ich habe Mrs. Glenarm in Betreff der anonymen Briefe, die ihr kürzlich zugegangen sind, etwas mitzutheilen und ich habe ihr demnächst in Betreff ihrer beabsichtigten Verheirathung ein Wort zu sagen. Bevor ich Ihre Erlaubniß, das zu thun, in Anspruch nehmen konnte, mußte ich Ihnen sagen, wer ich bin. Ich muß annehmen, daß Ihnen über mein Betragen das denkbar Schlimmste zu Ohren gekommen ist. Ihr Gesicht sagt mir, daß dem so ist. Nach der rücksichtsvollen Aufnahme, die Sie mir als einer völlig Fremden haben angedeihen lassen, will ich mich nicht einer so niedrigen Handlungsweise schuldig machen, Sie zu überrumpeln. Vielleicht begreifen Sie es jetzt, Mr. Delamayn, warum ich es für meine Pflicht hielt, Ihres Bruders gegen Sie Erwähnung zu thun. Wollen Sie mir das Vertrauen schenken, mir zu gestatten, mit Mrs. Glenarm zu reden?«

Sie sagte diese Worte in einer einfachen und bescheiden Weise, mit einer ungezierten und rührenden Resignation in Blick und Haltung. Julius that ihr innerlich wegen des vorübergehenden Mißtrauens gegen sie Abbitte und empfand wieder dieselbe Achtung und Sympathie für sie, wie vorher.

»Sie haben mir ein Vertrauen geschenkt,« sagte er, »mit welchem die meisten Menschen in Ihrer Lage zurückgehalten haben würden. Ich fühle mich daher verpflichtet, Ihnen auch meinerseits Vertrauen zu schenken. Ich nehme an, daß das Motiv Ihrer Handlungsweise in dieser Angelegenheit auf meine Achtung Anspruch hat. Es wird von Mrs. Glenarm abhängen, ob Ihre Unterhaltung mit derselben stattfinden soll oder nicht. Alles, was ich thun kann, ist, Sie in die Lage zu setzen, Mrs. Glenarm eine solche Unterhaltung selbst zu proponiren.«

Während er diese Worte sprach, drangen die Klänge des Claviers aus dem Musikzimmer zu ihnen hinaus. Julius wies auf die Glasthür hin, welche auf die Terrasse hinausführte.

»Wenn Sie nur gefälligst durch dies Glasthür eintreten wollen, werden Sie Mrs. Glenarm allein finden.«

Anne verneigte sich gegen ihn und ging hinein. Am Fuße der wenigen Stufen, welche zu der Glasthür hinaufführten, blieb sie stehen, um ihre Gedanken zu sammeln, bevor sie einträte.

In dem Augenblick, wo sie ihren Fuß auf die erste Stufe setzen wollte, bemächtigte sich ihrer plötzlich ein Gefühl des Widerstrebens. Die Nachricht von Mrs. Glenarm’s beabsichtigter Heirath hatte keineswegs so, wie Sir Patrick angenommen hatte, auf sie gewirkt; die Nachricht hatte bei ihr keine Liebe für Geoffrey, keine schlummernde Eifersucht, die nur des Anreizes bedurft hätte, um aufzulodern mehr vorgefunden. Der Zweck ihrer Reise nach Perth war erreicht, als sie sich wieder in den Besitz ihrer Correspondenz mit Geoffrey gesetzt sah. Den Entschluß ihren Plan zu ändern und nach Swanhaven zu gehen, hatte sie erst in dem Augenblick gefaßt, wo die gemeine aber verständige Anschauungsweise Bishopriggs’ ihr einen ganz neuen Blick in ihr Verhältniß zu Mrs. Glenarm eröffnet hatte. Wenn sie es unterließ, gegen Mrs. Glenarm’s Heirath im Interesse der Rehabilitation, welche Geoffrey ihr schuldig war, zu protestiren, so würde ihr Benehmen nur als eine Bestätigung der frechen Behauptung Geoffrey’s erscheinen, daß sie eine verheirathete Frau sei. Und doch, wenn es sich nur um sie selbst gehandelt hätte, würde sie vielleicht noch Anstand genommen haben, einen Schritt in der Sache zu thun, es handelte sich aber nicht minder um Blanche’s Interessen, und um Blanche’s willen hatte sie sich entschlossen, die Reise nach Swanhaven zu machen. Auch war es bei der Art, wie sie jetzt für Geoffrey empfand, und da sie die Rehabilitation, welche sie zu fordern im Begriff stand, für sich in der That gar nicht wünschte, für die Behauptung ihrer Selbstachtung von Wichtigkeit, daß sie sich eines Zweckes bewußt war, mit dem sie es ihrem eigenen Gewissen gegenüber rechtfertigen konnte, wenn sie als Mrs. Glenarm’s Nebenbuhlerin auftrat. Sie brauchte sich nur die kritische Situation Blanche’s in’s Gedächtniß zu rufen, um ihr Verfahren klar vorgezeichnet zu sehen. Wenn es ihr gelang, die bevorstehende Zusammenkunft mit dem ruhigen Nachweise zu eröffnen, daß ihr Anspruch auf Geoffrey über jeden Zweifel erhaben sei, so konnte sie als dann, ohne eine Mißdeutung besorgen zu müssen, den Ton einer Freundin, anstatt den einer Feindin anschlagen und Mrs. Glenarm die aufrichtige Versicherung geben daß sie ihre Nebenbuhlerschaft nicht zu fürchten habe, wenn sie sich zu der leicht erfüllbaren Bedingung verstehe, Geoffrey zu veranlassen, das von ihm angerichtete Unheil wieder gut zu machen. Sie sollte ihn ohne die geringste Besorgniß, daß Anne ein Wort dagegen sagen werde, getrost heirathen, vorausgesetzt, daß er die Worte zurücknehme und die Handlungen wieder gut mache, mit denen er einen Zweifel an der Gültigkeit der Ehe zwischen Blanche und Arnold geschaffen hatte. Wenn es ihr nur gelang, so viel durch die Zusammenkunft zu erreichen, so war damit für sie das Mittel gefunden, Arnold aus der falschen Stellung zu befreien, in welche sie ihn unschuldigerweise seiner Frau gegenüber gebracht hatte.

Das war der Zweck, den sie im Auge hatte, als sie jetzt im Begriff stand, die Zusammenkunft mit Mrs. Glenarm zu eröffnen. Bis zu diesem Augenblick hatte sie fest daran geglaubt, daß sie fähig sein werde, ihren etwas phantastischen Plan zur Ausführung zu bringen. Erst, als sie den Fuß auf die erste Stufe setzte, entstand in ihr ein Zweifel an dem Erfolg ihres Experiments. Zum ersten Mal erkannte sie die schwache Seite ihrer Argumentation, zum ersten Mal fühlte sie, wie verkehrt es von ihr gewesen sei, es als gewiß zu betrachten, daß Mrs. Glenarm so viel Gerechtigkeitssinn und Selbstbeherrschung haben werde, um sie geduldig anzuhören. Alle ihre Hoffnungen auf Erfolg beruhten auf ihrer günstigen Meinung von einer Frau, die ihr vollkommen fremd war. Wie, wenn die ersten zwischen ihnen gewechselten Worte sie überzeugen würden, daß ihr Urtheil falsch gewesen sei?

Aber jetzt war es zu spät, inne zu halten und sich die Sache noch einmal zu überlegen. Julius Delamayn der ihr Zaudern bemerkt hatte, näherte sich ihr vom Ende der Terrasse her. Da half nun nichts, sie mußte ihre Unentschlossenheit überwinden und das Wagniß kühnlich unternehmen. »Entstehe daraus, was da wolle! Ich bin zu weit gegangen, um jetzt noch zurück zu treten.« Mit diesem verzweifelten Entschluß stieg sie die wenigen Stufen hinauf, öffnete die Glasthür und trat in’s Zimmer.

»Mrs. Glenarm erhob sich von ihrem Sitz am Clavier Die beiden Frauen, —— die eine so reich gekleidet und die andere so einfach; die eine in der Blüthe ihrer Schönheit, die andere abgehärmt und erschöpft; die eine im Vollbewußtsein ihrer bevorzugten Stellung in der Gesellschaft, die andere eine Ausgestoßene, die unter dem bleichen Schatten der Schuld lebte; die beiden Frauen standen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber und wechselten schweigend den kalten Gruß zweier, einander völlig fremder Menschen.

Mrs. Glenarm war die erste, die dem bei solchen Gelegenheiten von beiden Seiten empfundenen Bedürfniß, etwas Gleichgültiges zu sagen, Ausdruck gab Gutmüthig machte sie der Verlegenheit, unter der die schüchterne Fremde so sehr zu leiden schien, ein Ende, indem sie sagte:

»Ich fürchte, die Diener haben Ihnen nicht mitgetheilt, daß Mrs. Delamayn ausgefahren ist.«

»Ich bitte um Verzeihung, ich bin nicht hergekommen, um Mrs. Delamayn zu sprechen.«

Mrs. Glenarm schien etwas überrascht, fuhr jedoch mit derselben Freundlichkeit wie vorher fort:

»Suchen Sie vielleicht Mr. Delamayn? Ich erwarte ihn hier jeden Augenblick.«

Anne entgegnete: »Ich komme eben von Mr. Delamayn her.« Diesesmal sah Mrs. Glenarm sehr erstaunt aus. Aune fuhr fort: »Ich habe für meine Zudringlichkeit um Entschuldigung zu bitten; ich bin hergekommen, um ——«

Sie hielt inne, weil sie nicht wußte, wie sie den Satz vollenden sollte. Mrs. Glenarm, die jetzt sehr neugierig zu werden anfing, versuchte es noch einmal, der Verlegenheit der Fremden zu Hülfe zu kommen.

»Bitte, entschuldigen Sie sich nicht«, sagte sie; »wenn ich recht verstehe, so gilt Ihr werther Besuch meiner Person. Sie sehen ermüdet aus; wollen Sie nicht Platz nehmen?«

Anne konnte wirklich nicht länger stehen; sie nahm den angebotenen Sitz an. Mrs. Glenarm setzte sich wieder auf ihren Platz an’s Clavier und ließ ihre Finger müssig über die Tasten gleiten. »Wo haben Sie Mr. Delamayn gesehen?« fragte sie wieder. »Er ist der unberechenbarste Mensch, außer wenn er die Violine in der Hand hat. Wird er bald herkommen? Werden wir etwas musiciren? Sind Sie vielleicht gekommen um mit uns zu musiciren? Mr. Delamayn ist ja ein wahrer Musikfanatiker, nicht wahr? Warum ist er nicht mit Ihnen hereingekommen, und hat uns einander vorgestellt? Vermuthlich sind Sie auch eine Freundin classischer Musik? Wußten Sie, daß Sie mich hier im Musikzimmer finden würden? Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?«

Unüberlegt und geschwätzig, wie Mrs. Glenarm’s Fragen waren, hatten sie doch ihr Gutes. Sie ließen Anne Zeit, ihre ganze Willensenergie aufzubieten und und sich der Nothwendigkeit bewußt zu werden, sich auszusprechen.

»Ich habe, glaube ich, die Ehre, mit Mrs. Glenarm zu reden«, fing sie an.

Die gutmüthige Wittwe lächelte und machte eine graciöse Verbeugung.

»Ich bin mit Mr. Delamayn’s Bewilligung zu Ihnen gekommen, Mrs. Glenarm, um mit Ihrer gütigen Erlaubniß mit Ihnen von einer Angelegenheit zu reden, bei welcher Sie interessirt sind.«

Mrs. Glenarm’s reich mit Ringen besetzte Finger blieben plötzlich auf den Tasten unbeweglich liegen. Mrs. Glenarm’s rundes Gesicht wandte sich der Fremden mit einem Ausdruck beginnender Befremdung zu. »So? Ich bin bei so vielen Angelegenheiten interessirt. Darf ich fragen, von welcher Angelegenheit Sie reden?«

Der leichte Ton, in dem sie das sagte, berührte Anne wie ein Mißklang. Wenn Mrs. Glenarm’s Wesen wirklich so hohl war, wie es den Anschein hatte, so war wenig Hoffnung für die Herstellung einer sympathischen Beziehung zwischen ihnen vorhanden.

»Ich möchte mit Ihnen«, erwiderte Sie, »von Etwas reden, was sich zugetragen hat, während Sie sich zum Besuch in der Nähe von Perth aufhielten.«

Der Ausdruck des Befremdens in Mrs. Glenarm’s Gesicht verdichtete sich zu einem Ausdruck des Mißtrauens. Ihr herzliches Wesen verschwand unter einer Hülle conventioneller Höflichkeit, mit der sich dasselbe plötzlich überzog. Sie heftete ihren Blick auf Anne. »Eine Schönheit ist die in ihrer besten Zeit nicht gewesen,« dachte sie. »Jetzt ist sie gar miserabel und kränklich; ihr Anzug ist der eines Dienstmädchens aber sie sieht doch aus wie eine Dame. Was kann das zu bedeuten haben? Mrs. Glenarm war nicht die Frau, eine solche Frage zu unterdrücken. Sie suchte sich die Antwort mit der größten, geschickt hinter einer gewinnenden Offenheit, versteckten Rücksichtslosigkeit zu verschaffen.

»Verzeihen Sie mir«,. sagte sie; »ich habe ein schlechtes Gedächtniß für Gesichter, und ich erlaube mir daher meine Frage nach Ihrem werthen Namen, die Sie wohl überhört haben, zu wiederholen. Habe ich schon je die Ehre gehabt, Ihnen irgendwo zu begegnen?«

»Niemals.«

»Und doch wünschen Sie, wenn ich, was Sie eben angedeutet haben, recht verstehe, mit mir über Etwas zu reden, das nur für mich und meine intimsten Freunde Interesse hat.«

»Sie haben mich vollkommen richtig verstanden«, erwiderte Anne; »ich wünsche mit Ihnen über einige anonyme Briefe ——«

»Zum dritten Mal, wollen Sie mir erlauben, nach Ihrem Namen zu fragen?«

»Sie sollen ihn sogleich erfahren, wenn Sie mir erlauben wollen, zuvor zu vollenden, was ich Ihnen eben zu sagen im Begriffe stand. Ich möchte Sie wo möglich überzeugen, daß ich als Freundin zu Ihnen komme, bevor ich Ihnen meinen Namen nenne. Sie werden es gewiß nicht ungern hören, daß Sie keine fernere Belästigung zu besorgen haben ——«

»Ich muß noch einmal um Verzeihung bitten,« unterbrach sie Mrs. Glenarm zum zweiten Mal. »Ich kann mir unmöglich denken, welchem Umstande ich dieses gütige Interesse an meinen Angelegenheiten, von Seiten einer völlig Fremden zu verdanken habe.«

Dieses Mal war ihr Ton mehr als höflich kalt er war höflich impertinent. Mrs. Glenarm hatte ihr ganzes Leben in der guten Gesellschaft zugebracht und war Meisterin in der Handhabung der Feinheiten einer raffinirten Insolenz in ihrem Verkehr mit solchen, die das Unglück hatten, ihr Mißfallen zu erregen. Anne’s feinfühlende Natur empfand den Stich, aber ihre geduldige Entschlossenheit fügte sich. Sie ließ die Insolenz an sich abgleiten und fuhr, als ob nichts vorgefallen sei, in sanftem und festem Tone fort:

»Die Person, die Ihnen anonym geschrieben, hat auf eine Correspondenz angespielt. Die Correspondenz befindet sich nicht mehr in dem Besitz jener Person, sondern ist in Hände übergegangen, die sie respectiren werden. Die Correspondenz wird in Zukunft nicht mehr zu schlechten Zwecken ausgebeutet werden, dafür stehe ich.«

»Sie stehen dafür?« wiederholte Mrs. Glenarm. Dabei beugte sie sich plötzlich über das Clavier hin und fixirte Anne’s Gesicht mit einem unverhohlen forschenden Blick. Die Leidenschaftlichkeit, die sich so oft gerade bei schwachen Charakteren findet, fing an, sich in der steigenden Röthe und den zusammengezogenen Brauen bei Mrs. Glenarm zu äußern. »Woher wissen Sie, was mir die Person geschrieben hat?« fragte sie. »Woher wissen Sie, daß die Correstsondenz in andere Hände übergegangen ist? Wer sind Sie?« Noch bevor Anne ihr antworten konnte, sprang sie, wie von einer neuen Idee elektrisirt, auf. »Der Mann, der mir geschrieben hat, sprach von noch etwas Anderem, außer von einer Correspondenz. Er sprach von einem Frauenzimmer. Jetzt habe ich’s!« rief sie in einem Ausbruch eifersüchtiger Wuth; »Sie sind das Frauenzimmer!«

Auch Anne stand auf, bewahrte aber noch durchaus die Herrschaft über sich.

»Mrs. Glenarm,« sagte sie ruhig; »ich warne, nein ich flehe Sie an, nicht diesen Ton gegen mich anzunehmen. Beruhigen Sie sich, und ich verspreche Ihnen, Sie zu überzeugen, daß Sie mehr, als Sie zu glauben geneigt sind, bei dem, was ich Ihnen noch zu sagen habe, interessirt sind. Bitte, haben Sie noch eine kleine Weile mit mir Geduld. Ich leugne nicht, daß Ihre Vermuthung richtig ist. Ich bekenne, daß ich das unglückliche Weib bin, welches Geoffrey Delamayn zu Grunde gerichtet und verlassen hat.«

»Das ist nicht wahr!« rief Mrs. Glenarm. »Sie elende Person! Glauben Sie, daß ich mir Ihre erfundene Geschichte aufbinden lassen werde? Was fällt Julius Delamayn ein, daß er mich einer solchen Scene aussetzt.« Ihre Entrüstung darüber, daß sie sich mit Anne in demselben Zimmer befand, durchbrach nicht nur die Schranken der Höflichkeit, sondern die einfachsten Gebote des Anstands. »Ich werde den Dienern klingeln!« rief sie; »ich werde Sie zum Hause hinauswerfen lassen.«

Sie versuchte es, nach dem Kamine zu gehen, um die Glocke zu ziehen. In demselben Augenblick aber that Anne, die dem Kamin näher stand, einen Schritt vorwärts. Ohne ein Wort zu sagen, gebot sie der ihr gegenüberstehenden Frau mit einer Handbewegung zurück zu stehen. Es entstand eine Pause. Beide Frauen standen da, die Blicke fest auf einander gerichtet, eine jede von ihnen mit einem Ausdruck der Entschlossenheit, der die andere über ihre Absichten nicht im Zweifel lassen konnte. In dem nächsten Augenblick machte sich aber das Uebergewicht der feineren von beiden Naturen geltend. Mrs. Glenarm trat schweigend einen Schritt zurück.

»Hören Sie auf mich«, sagte Anne.

»Auf Sie hören?« wiederholte Mrs. Glenarm. »Sie haben kein Recht, in diesem Hause zu sein;.»Sie haben kein Recht, sich hier einzudringen. Verlassen Sie das Zimmer!«

Anne’s Geduld, die sie sich bis jetzt mit so bewunderungswürdiger Festigkeit bewahrt hatte, fing endlich an, sie zu verlassen.

»Nehmen Sie sich in Acht, Mrs. Glenarm!« sagte sie, noch immer mit sich ringend. »Ich, bin von Natur nicht geduldig. Der Kummer hat viel gethan, mein Temperament zu mäßigen, aber meine Geduld hat doch ihre Grenzen und Sie sind im Begriff, dieselben zu überschreiten. Ich habe ein Recht darauf, von Ihnen angehört zu werden, und, nach dem, was Sie zu mir gesagt haben, sollen Sie mich hören!«

»Sie haben kein Recht! Sie schamlose Person, Sie sind ja schon verheirathet. Ich weiß den Namen Ihres Mannes: Arnold Brinkworth.«

»Hat Ihnen Geoffrey Delamayn das gesagt?«

»Ich habe keine Lust, einem Frauenzimmer zu antworten, das von Mr. Geoffrey Delamayn in dieser familiären Weise spricht.«

Anne trat einen Schritt näher.

»Hat Ihnen Geoffrey Delamayn das gesagt?« wiederholte sie.

Das Funkeln ihrer Augen und der zitternde Ton ihrer Stimme zeigten, daß sich die Leidenschaft auch ihrer endlich bemächtigt hatte. Dieses Mal antwortete ihr Mrs. Glenarm.

»Allerdings hat er es mir gesagt.«

»Er hat gelogen.«

»Das hat er nicht! Er wußte es gewiß. Ich glaube ihm und glaube Ihnen nicht.«

»Wenn er Ihnen gesagt hat, daß ich verheirathet bin, wenn er Ihnen gesagt hat, daß Arnold Brinkworth mit jemand Anderem als mit Miß Lundie von Windygates verheirathet ist, so wiederhole ich: er hat gelogen.«

»Und ich wiederhole: ich glaube ihm und glaube Ihnen nicht.«

»Sie glauben, daß ich Arnold Brinkworths Frau bin?«

»Ich weiß es gewiß.«

»Sie sagen mir das in’s Gesicht?«

»Ich sage es Ihnen in’s Gesicht: Sie sind vielleicht Geoffrey Delamayn’s Maitresse gewesen, aber Sie sind Arnold Brinkworth’s Frau.«

Bei diesen Worten brach der so lang verhaltene Zorn Anne’s um so gewaltiger hervor, je entschlossener sie sich bis dahin beherrscht hatte. Im Nu riß der Wirbelwind ihrer Entrüstung nicht nur jede Erinnerung an den Zweck, der sie nach Swanhaven geführt hatte, sondern selbst jedes Gefühl für das unverzeihliche Unrecht, das sie von Geoffrey zu erleiden gehabt hatte, hinweg.

Wenn Geoffrey in diesem Augenblick dagewesen wäre und ihr angeboten hätte, sein gegebenes Wort zu erfüllen, so würde sie, so lange Mrs. Glenarm’s Auge auf ihr ruhte, sich bereit erklärt haben, ihn zu heirathen, gleichviel, ob sie in dem ersten ruhigen Augenblick nachher sich das Leben hätte nehmen müssen. Hier war endlich auch in diese große Natur ein kleiner Stachel eingedrungen; das edelste Weib ist doch am Ende nur ein Weib!

»Ich verbiete Ihre Heirath mit Geoffrey Delamayn ich bestehe darauf, daß er sein Versprechen, mich zu seinem Weibe zu machen, erfüllt; ich habe dieses Versprechen hier in seinen eigenen Worten, seinen eigenen Schriftzügen. Er schwört es mir bei seinem Seelenheil, sein Wort zu halten. Seine Maitresse haben Sie gesagt? Sein Weib, Mrs. Glenarm, ehe noch diese Woche zu Ende ist!«

Mit diesem wilden Ausruf zahlte sie, Geoffrey’s Brief triumphirend in der Hand haltend, die gegen sie geschleuderte Beschuldigung zurück.

Wiewohl für den Augenblick durch die ihr buchstäblich aufgedrängte Furcht, daß der von Anne gegen Geoffrey erhobene Anspruch wirklich begründet sein möchte, überwältigt, antwortete Mrs. Glenarm nichts desto weniger fest entschlossen, sich auch von den überzeugendsten Beweisen nicht überzeugen zu lassen, mit dem Eigensinn eines zornigen Kindes: »Ich will ihn nicht aufgeben! Dieser Brief ist ein Falsch, Sie haben keinen Beweis. Ich will, ich will, ich will ihn nicht aufgeben!«

Anne wies mit verächtlicher Miene auf den Brief, den sie in der Hand hielt. »Hier steht sein gegebenes Wort schwarz auf weiß«, sagte sie; »so lange ich lebe, sollen Sie nicht sein Weib werden.«

»Den Tag nach dem Wettrennen werde ich sein Weib; ich werde nach London zu ihm reisen um ihn vor Ihnen zu warnen.«

»Sie werden mich mit diesem Papier in der Hand noch vor Ihnen in London finden. Kennen sie seine Handschrift?« Sie hielt den Brief geöffnet empor.

Mrs. Glenarm streckte die Hand mit der heimtückischen Geschwindigkeit einer Katze aus, den Brief zu ergreifen und zu zerreißen, aber so rasch sie war, ihre Nebenbuhlerin war doch noch rascher. Einen Augenblick sahen sie sich einander athemlos in die Augen, die eine mit dem auf dem Rücken gehaltenen Brief, die andere mit noch ausgestreckter Hand.

In demselben Augenblick, noch bevor sie ein Wort weiter gewechselt hatten, öffnete sich die Glasthür und Julius Delamayn trat in’s Zimmer. Er wandte sich an Anne. »Wir sind auf der Terrasse übereingekommen,« sagte er ruhig, »daß Sie mit Mrs. Glenarm reden wollten, wenn Mrs. Glenarm es wünsche. Halten Sie es für wünschenswerth, daß diese Zusammenkunft noch länger dauere?«

Anne ließ den Kopf auf die Brust sinken. In einem Augenblick war der wilde Zorn in ihr beschwichtigt.

»Ich bin grausam gereizt worden, Mr. Delamayn,« antwortete sie,« aber das ist keine Entschuldigung für mich.« Sie richtete ihr Auge einen Augenblick wieder auf ihn, die heißen Thränen der Scham sammelten sich in ihren Augen und rollten ihr langsam über die Wangen, sie senkte ihren Kopf nieder und verbarg die Thränen vor ihm. »Die einzige Art, wie ich meinen Fehler wieder gut machen kan« sagte sie, »ist, daß ich Sie um Verzeihung bitte und das Haus verlasse.« Schweigend ging sie aus die Thür zu, schweigend erwies ihr Julius Delamayn die kleine Höflichkeit, ihr die Thür zu öffnen. Sie ging fort.

Mrs. Glenarm’s einen Augenblick zum Schweigen gebrachte Entrüstung brach jetzt gegen Julius hervor, »Wenn ich mit Ihrer Genehmigung in die mir von oder Person gestellte Falle gelockt worden bin,« sagte sie hochmüthig, »so bin ich es mir selbst schuldig, Mr. Delamayn, ihrem Beispiel zu folgen und Ihr Haus zu verlassen.«

»Ich habe ihr erlaubt, Sie um eine Zusammenkunft zu bitten, Mrs. Glenarm wenn sie sich, auf meine Erlaubniß gestützt, anmaßend gegen Sie benommen hat, so bedauere ich es aufrichtig und bitte Sie meine Entschuldigung dafür anzunehmen. Gleichzeitig darf ich wohl wagen, zur Vertheidigung meines Benehmens hinzuzufügen, daß ich sie für ein mehr beklagenswerthes als tadelnswerthes Frauenzimmer hielt und noch halte.«

»Beklagenswerth sagten Sie?« fragte Mrs. Glenarm, als ob sie ihren Ohren nicht traue.

»Beklagenswerth,« wiederholte Julius.

»Sie mögen es angemessen finden, Mr. Delamayn, zu vergessen was Ihr Bruder uns in Betreff dieser Person erzählt hat, ich erinnere mich desselben aber zufällig noch sehr geuau.«

»Das thue ich auch Mrs. Glenarm; aber nach dem, was ich über Geoffrey weiß« —— er zauderte und ließ seine Finger in nervöser Aufregung über die Saiten seiner Violine gleiten. ——

»Sie glauben ihm nicht,« sagte Mrs. Glenarm.

Julius erklärte, daß er keineswegs an dem Worte, das sein Bruder der Dame gegeben habe, die sein Weib zu werden bestimmt sei, zweifle. »Soweit gehe ich nicht«, aber es wird mir schwer, das, was uns Geoffrey erzählt hat, mit dem Wesen und der Erscheinung Miß Silvester? in Einklang zu bringen.«

»Ihre Erscheinung?« rief Mrs. Glenarm in einem Ausbruch des höchsten Erstaunens und Widerwillens, »ihre Erscheinung? O, die Männer, ich bitte um Verzeihung, ich hätte nicht vergessen sollen, daß sich über den Geschmack nicht streiten läßt. Bitte, fahren Sie fort, fahren Sie fort.«

»Wollen wir uns durch ein wenig Musik beruhigen?« schlug Julius vor.«

»Ich bitte Sie dringend, fortzufahren,« antwortete Mrs. Glenarm emphatisch, »Sie finden es unmöglich in Einklang zu bringen?«

»Ich sagte, es wird mir schwer.«

»Gut, gut, schwer in Einklang zu bringen, was Geoffrey uns erzählt hat, mit Miß Silvester#s Wesen und Erscheinung und was weiter? Sie wollten noch etwas mehr sagen, als ich so unhöflich war, Sie zu unterbrechen, bitte, was war das?«

»Nur dieses sagte Julius. »Es wird mir nicht leicht, mir Sir Patrick Lundie’s Benehmen zu erklären, wenn ich annehmen soll, daß er Mr. Brinkworth gestattet haben könne, sich durch die Heirath seiner Nichte einer Bigamie schuldig zu machen.«

»Warten Sie einen Augenblick. Die Heirath dieser abscheulichen Person mit Mr. Brinkworth war eine geheime Heirath, natürlich wußte Sir Patrick nichts davon.«

Julius gab zu, daß dies möglich sei, und machte einen zweiten Versuch die zürnende Dame an’s Klavier zurückzuführen, aber wieder vergebens.

Obgleich Mrs. Glenarm sich selbst nicht eingestehen wollte, war doch ihr Glaube an die Aufrichtigkeit der Vertheidigung ihres Verlobten erschüttert. Der Ton, in dem Julius sprach, hatte, so gemäßigt er auch war, den ersten Argwohn gegen die Glaubwürdigkeit der Angaben Geoffrey’s, welchen Anne’s Sprache und Benehmen Mrs. Glenarm aufgedrängt hatten, wieder bei ihr aufgefrischt. Sie sank in den nächsten Stuhl und bedeckte sich die Augen mit dem Taschentuch. »Sie haben den armen Geoffrey immer gehaßt!« rief sie in Thränen ausbrechend aus und jetzt verleumden Sie ihn gar gegen mich.«

Julius wußte sie meisterlich zu behandeln. Im Begriff, ihr eine ernste Antwort zu geben, hielt er inne. »Ich habe den armen Geoffrey immer gehaßt«, wiederholte er lächelnd, »Sie sollten die letzte Person sein, Mrs. Glenarm, die so etwas behauptet. Ich habe ihn den ganzen Weg von London her mitgebracht, nur zu Dem Zweck, um ihn Ihnen vorzustellen.«

»Dann wünschte ich, Sie hätten ihn in London gelassen«, entgegnete Mrs. Glenarm, indem sie plötzlich von Thränen zu einem Ausbruch übler Laune überging. »Ich war glücklich ehe ich Ihren Bruder kennen lernte; ich kann ihn nicht aufgeben«, brach sie aus, indem sie plötzlich wieder von übler Laune zu Thränen überging. »Es ist mir einerlei, ob er mich betrogen hat, ich will nicht zugeben, daß ein anderes Weib ihn bekommt, ich will sein Weib werden!« »Mit einer theatralischen Geberde warf sie sich vor Julius auf die Knie. »O helfen Sie mir die Wahrheit herauszubringen«, sagte sie, »o Julius, haben Sie Mitleid mit mir, ich liebe ihn innig!«

Ihr Gesicht trug das Gepräge wahrer Bekümmerniß und ihre Stimme verkündete eine wahre Empfindung. Wer hätte glauben können, daß diese Frau gleichwohl erbarmungsloser Insolenz und herzloser Grausamkeit fähig war und daß sie diese Empfindungen vor noch nicht fünf Minuten über eine gefallene Schwester reichlich ergossen hatte.

»Ich will thun, was ich kann«, sagte Julius, indem er sie aufhob; »lassen Sie uns darüber reden, wenn Sie ruhiger geworden sein werden. Versuchen Sie ein wenig Musik zu machen«, wiederholte er, »das wird beruhigend auf Ihre Nerven wirken.«

»Möchten Sie, das; ich spiele?« fragte Mrs. Glenarm, plötzlich zu einem Muster weiblicher Folgsamkeit umgewandelt.

Julius öffnete einen Band Mozart’scher Sonaten und legte seine Violine unter das Kinn.

»Lassen Sie uns die fünfzehnte Sonate versuchen«, sagte er, indem er Mrs. Glenarm an’s Klavier führte, »wir wollen mit dem Adagio beginnen. Wenn es je von einem sterblichen Menschen geschriebene, göttliche Musik gegeben hat, so ist es diese. Sie fingen an. Bei dem dritten Tact versah es Mrs. Glenarm mit einer Note und Julius’ Bogen blieb schaudernd auf den Saiten hängen.

»Ich kann nicht spielen«, sagte sie, »ich bin so aufgeregt, ich bin so ängstlich, wie soll ich herausfinden ob diese nichtswürdige Person wirklich verheirathet ist oder nicht. Wen kann ich fragen? Ich kann nicht zu Geoffrey nach London gehen, die Trainers würden. mich nicht zu ihm lassen. Ich kann mich nicht an Mr. Brinkworth selbst wenden, ich kenne ihn nicht einmal. Wen giebt es also sonst noch, den ich fragen könnte, denken Sie doch einmal nach und rathen Sie mir.«

Es gab nur eine Chance sie das Adagio wieder aufnehmen zu machen, wenn es ihm gelang auf einen Gedanken zu kommen, der sie beruhigen und zufriedenstellen könnte.

Julius legte seine Violine auf’s Klavier und überlegte sich die Sache sorgfältig. »Da sind die Zeugen«, sagte er. »Wenn man Geoffrey’s Geschichte Glauben schenken darf, könnten die Wirthin und der Kellner im Gasthofe über die Thatsachen aussagen.«

»Geringes Volk!« wandte Mrs. Glenarm ein, »Leute die ich nicht kenne, Leute, die meine Situation vielleicht ausbeuten und insolent gegen mich sein würden.«

Julius überlegte noch einmal und machte einen andern Vorschlag. Mit verhängnißvoller Naivität kam er auf den Gedanken, Mrs. Glenarm an keine geringere Person, als an Lady Lundie zu verweisen. »Da ist unsere gute Freundin in Windygates«, sagte er, »Vielleicht, daß Gerüchte von der Sache schon bis zu Lady Lundie’s Ohren gedrungen sind. In diesem Fall würde es sich vielleicht etwas sonderbar machen, sie zur Zeit in einer so ernsten Familiencalamität zu besuchen, indessen das müssen Sie selbst am Besten beurtheilen können. Alles, was ich thun kann, ist, Ihnen die Idee an die Hand zu geben. Windygates ist nicht sehr weit von hier und vielleicht könnte ein Besuch bei Lady Lundie zu etwas führen.«

Der Leser möge sich erinnern, daß Lady Lundie vollkommen im Dunkeln gelassen war, daß Sie an Sir Patrick in einem Ton geschrieben hatte, der deutlich zeigte, wie sehr sie sich in ihrem Selbstbewußtsein verletzt fühlte, daß ihr Argwohn geweckt worden war und daß sie jetzt, Dank Julius Delamayn, wahrscheinlich die erste Kunde von der ersten Verlegenheit, in der sich Arnold Brinkworth befand, aus dem Munde einer entfernten Bekannten zu erhalten im Begriff stand. Dessen möge sich der Leser erinnern und sich dann selbst sagen, zu welchen ernsten Folgen nicht nur in Windygates, sondern auch in Ham Farm diese Mittheilung führen konnte.

»Was meinen Sie dazu Mrs. Glenarm?« fragte Julius Delamayn.

Mrs. Glenarm war entzückt. Das ist die richtige Person sagte sie; wenn ich nicht vorgelassen werde, kann ich leicht schreiben und zu meiner Entschuldigung den Zweck meines Besuches anführen. Lady Lundie ist eine so rechtlich gesinnte und so theilnehmende Frau. Wenn sie Niemand anders sehen will, brauche ich sie nur zur Vertrauten meiner Verlegenheit zu machen und ich bin überzeugt, sie wird mich vorlassen. Sie werden mir einen Wagen leihen, nicht wahr? Ich will gleich morgen nach Windygates!«

Julius nahm seine Violine vom Klavier. »Halten Sie mich nicht zudringlich«, sagte er schmeichelnd, »bis morgen haben wir doch nun nichts weiter zu thun und es ist eine so herrliche Musik, wenn Sie sich ihr einmal hingegeben haben. Haben Sie etwas dagegen, es noch, einmal zu versuchen?«

Mrs. Glenarm war nach dem unschätzbaren Winke, den ihr Julius eben gegeben hatte, bereit, Alles zu thun, um ihre Dankbarkeit an den Tag zu legen. Bei dem zweiten Versuch waren Augen und Hände der schönen Clavierspielerin in vollkommener Harmonie. Endlich rann die liebliche Melodie, welche Violine und Clavier in Ausführung des Adagio’s der fünfzehnten Sonate von Mozart vorzutragen haben, sanft dahin, und Julius Delamayn war in dem siebenten Himmel musikalischen Entzückens.

Am nächsten Tage fuhren Mrs. Glenarm und Mrs. Delamayn zusammen nach Windygate-House.



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