Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Sir Patricks Haus - Sechsundvierzigstes Kapitel - Das Fenster des Rauchzimmers
 

Mann und Weib



Sir Patricks Haus

Sechsundvierzigstes Kapitel - Das Fenster des Rauchzimmers

»Ich kann es nicht glauben und ich will es nicht glauben; Sie versuchen es, mich meinem Manne abtrünnig zu machen, wie Sie es versuchten, mich gegen meine beste Freundin aufzureizen, das ist infam, das ist abscheulich, was habe ich Ihnen gethan, o mein Kopf, mein Kopf! Wollen Sie mich wahnsinnig machen?« Mit diesen Worten begegnete Blanche bleich und wild, ihr Haar mit den Händen durchwühlend, ruhelos im Zimmer auf und ab eilend, ihrer Stiefmutter, die wie sie es sich vorgenommen, ihrer Tochter die grausame Wahrheit enthüllt hatte.«

Lady Lundie saß in stolzer Ruhe am Fenster und blickte auf die friedliche Landschaft, die Wälder und Felder, welche Ham-Farm umgeben hinaus. »Ich war auf diesen Ausbruch gefaßt«, sagte sie in traurigem Tone. »Diese verzweifelten Worte erleichtern Dein übervolles Herz, mein armes Kind. Ich kann warten Blanche, ich kann warten!«

Blanche stand still und sah Lady Lundie in’s Auge. »Wir Beide haben uns nie geliebt«, sagte sie, »ich habe Ihnen von hier einen ungezogenen Brief geschrieben, ich habe immer Anne’s Partei gegen Sie genommen, ich habe Ihnen deutlich gezeigt, daß ich froh war, mich zu verheirathen, nur um von Ihnen wegzukommem. Und jetzt wollen Sie sich dafür an mir rächen, wie?«

»O Blanche, Blanche, welche Gedanken, welche Worte! Ich kann nur für Dich beten.«

»Ich bin wahnsinnig, Lady Lundie, haben Sie Nachsicht mit mir. Es sind kaum vierzehn Tage, daß ich verheirathet bin! Ich liebe ihn, ich liebe ihn von ganzem Herzen. Bedenken Sie wohl, was Sie mir von Beiden gesagt haben, bedenken Sie es wohl!

Sie wiederholte diese Worte mit einem leisen Schmerzensschrei, mit ihren Händen fuhr sie sich wieder nach dem Kopf und fing wieder an, ruhelos nach allen Richtungen im Zimmer auf und ab zu gehen.

Lady Lundie versuchte es mit einer sanfteren Vorstellung. »Um Deiner selbst willen,« sagte Sie »beharre nicht dabei, Dich mir zu entfremden, in dieser schrecklichen Situation bin ich Deine einzige Freundin.«

Blanche trat wieder von ihre Stiefmutter hin und sah ihr fest in’s Gesicht.

Lady Lundie ertrug den durchdringenden Blick vollkommen gelassen.

»Sieh’ mir in’s Herz, Blanche,« sagte sie, »es blutet für Dich.«

Blanche hörte die Worte, ohne auf ihren Sinn zu achten, sie war ganz von ihren eigenen Gedanken in Anspruch genommen.

»Sie sind jaeine fromme Frau,« sagte sie plötzlich, »wollen Sie auf Ihre Bibel schwören, daß das, was Sie mir gesagt haben, wahr ist?«

»O, meine Bibel?« wiederholte Lady Lundie mit trauriger Emphase, »mein Kind, hast Du keinen Theil an dieser kostbaren Erbschaft, ist es nicht auch Deine Bibel?«

In Blanche’s Mienen malte sich einen Augenblick ein Gefühl des Triumphes. »Sie wagen es nicht zu schwören, das ist mir genug!« und mit einem höhnischen Ausdruck wandte sie sich ab.

Lady Lundie aber ergriff ihre Hand und zog sie fest an sich. Die fromme Dulderin verschwand und das Weib, mit dem nicht zu spaßen war, trat an ihre Stelle »Die Sache muß ein Ende haben«, sagte sie, »Du glaubst nicht, was ich Dir gesagt habe? Hast Du Muth, die Wahrheit meiner Worte auf die Probe zu stellen?«

Blanche fuhr zusammen und riß ihre Hand los, sie zitterte ein wenig. In Lady Lundie’s plötzlich verändertem Wesen lag eine furchtbare Sicherheit.

»Auf welche Probe?« fragte sie.

»Das sollst Du sogleich erfahren; aber zuvor sage Du mir die Wahrheit; wo ist Sir Patrick, ist er wirklich nicht zu Hause, wie sein Diener gesagt hat?«

»Nein, er ist mit seinem Verwalter ausgegangen. Sie haben uns Alle überrascht, Sie hatten sich erst für den nächsten Zug gemeldet.«

»Wann kommt der nächste Zug? es ist jetzt elf Uhr.«

»Der Zug kommt zwischen ein und zwei Uhr.«

»Früher wird Sir Patrick nicht zurückkommen?«

»Nein, nicht früher.«

»Wo ist Mr. Brinkworth?«

»Mein Mann?«

»Dein Mann, wenn Du willst, ist er auch nicht zu Hause?«

»Er ist im Rauchzimmer.«

»Meinst Du das lange Zimmer, das einen Ausbau an der Rückseite des Hauses bildet?«

Ja.«

»So komm gleich mit mir hinunter!«

Blanche trat einen Schritt vor und ging wieder zurück.

»Was wollen Sie von mir?« fragte sie,« indem sie plötzlich von Mißtrauen ergriffen wurde.

Lady Lundie wandte sich um und sah sie ungeduldig an. »Siehst Du noch nicht,« sagte sie im scharfen Ton, daß Dein Interesse in dieser Sache mit dem meinigen Hand in Hand geht? Was habe ich Dir gesagt?«

»Wiederholen Sie es nicht!«

»Ich muß es wiederholen. Ich habe Dir gesagt, daß Arnold Brinkworth sich mit Miß Silvester im Geheimen als ihr anerkannter Ehemann in Craig-Fernie aufhielt, als wir ihn auf seinem Gute vermutheten; Du haft mir nicht glauben wollen, und ich bin im Begriff, es Dir zu beweisen. Ist es Dein Interesse oder nicht, zu erfahren, ob dieser Mann das Vertrauen verdient, daß Du ihm schenkst.«

Blanche zitterte am ganzen Leibe und gab keine Antwort.

»Ich will in den Garten gehen und durch das Fenster des Rauchzimmers mit Mr. Brinkworth sprechen«, fuhr Lady Lundie fort. »Hast Du Muth mit mir zu gehen und an einer Stelle zu warten, wo er Dich nicht sehen kann, wo Du aber hören kannst, was er sagt; ich scheue mich nicht, diesen Beweis zu unternehmen, scheust Du Dich davor?«

Der Ton, in dem sie diese Frage that, erweckte, Blanches Zorn. »Wenn ich ihn für schuldig hielt« erwiderte sie entschlossen, »so würde ich nicht den Muth haben, ich halte ihn aber für unschuldig. Gehen Sie voran, Lady Lundie, ich folge Ihnen.«

Sie verließen Blanches Zimmer und gingen in die Vorhalle hinunter, wo Lady Lundie stehen blieb, um nach dem Eisenbahn-Fahrplan,, der neben der Hausthür hing, zu sehen. »Um ein Viertel vor zwölf Uhr geht ein Zug nach London,« sagte sie, »Wie lange braucht man um nach der Station zu kommen?«

»Warum fragen Sie das?«

»Das wirst Du später erfahren, beantworte mir meine Frage.«

»Man braucht zwanzig Minuten, um nach der Station zu gehen.«

Lady Lundie sah nach ihrer Uhr. »Wir haben gerade noch Zeit!«

»Zeit für was?«

»Komm’ mit mir in den Garten»Mit diesen Worten ging sie voran.

Das Rauchzimmer bildete ein längliches Viereck und war in einem rechten Winkel an die Rückseite des Hauses angebaut, mit einem in den Garten blickenden Bogenfenster am andern Ende. Bevor Lady Lundie um die Ecke bog und sich den Blicken des am Fenster Sitzenden darbot, sah sie sich um und gab Blanche ein Zeichen, an der Ecke der Mauer zu warten. Blanche blieb stehen. Im nächsten Augenblick hörte sie die folgende, am offenen Fenster geführte Unterhaltung. Arnold sprach zuerst.

»Sieh’ da, Lady Lundie? Wir hatten Sie nicht vor dem zweiten Frühstück erwartet!«

Lady Lundie war um eine Antwort nicht verlegen. »Es war mir nicht möglich, London früher zu verlassen, als ich glaubte; bitte lassen Sie Ihre Cigarre nicht ausgehen! O, bleiben Sie ruhig sitzen, ich komme nicht hinein.« Nun folgten sich Frage und Antwort rasch Schlag aus Schlag, ohne daß bei der großen Ruhe der Luft Blanche ein einziges Wort entgangen wäre.

Arnold fing wieder an. »Haben Sie Blanche schon gesehen?«

»Blanche macht sich fertig, ein wenig mit mir spazieren zu gehen. Ich habe viel mit ihr zu reden, aber ehe ich fortgehe, habe ich auch Ihnen etwas zu sagen.«

»Etwas Wichtiges?«

»Seht Wichtiges!«

»Betrifft es mich?«

»Allerdings! Ich weiß, wohin Sie an jenem Abend gegangen sind, nach Craig-Fernie!«

»Guter Gott, woher wissen Sie das?«

»Ich weiß, mit wem Sie da zusammengetroffen sind: mit Miß Silvester! Ich weiß, was man von Ihnen und ihr sagt, Sie seien Mann und Weib.«

»Still, sprechen Sie nicht so laut, es könnte Sie Jemand hören.«

»Was wäre denn daran gelegen; ich bin die einzige Person, vor der Sie die Sache geheim gehalten haben, hier wissen sie es ja Alle!«

»Durchaus nicht, Blanche weiß nichts davon.«

»Was? Weder Sie noch Sir Patrick haben Blanche von der Situation gesagt, in der Sie sich befinden?«

»Nein, Sir Patrick hatte es mir überlassen; ich habe es noch nicht über mich gewinnen können, das zu thun; reden Sie kein Wort davon, ich bitte Sie dringend, ich weiß nicht, wie Blanche die Sache aufnehmen würde und möchte warten, bis Sir Patrick sie mit ihrer Freundin, die morgen in London eintrifft, zusammenbringt; ihre Freundin wird ihr die Sache besser mittheilen können als ich. Das halte ich für das Richtigste und Sir Patrick stimmt mir bei. Sie wollen doch noch nicht fortgehen?«

Blanche würde mich hier aussuchen, wenn ich länger wartete.«

»Ein Wort, ich möchte wissen ——«

»Das sollen Sie später am Tage erfahren.«

Lady Lundie bog wieder um die Ecke. Die nun gesprochenen Worte wurden geflüstert »Bist Du jetzt überzeugt Blanche?«

»Haben Sie Erbarmen, Lady Lundie, und bringen Sie mich aus diesem Hause weg.«

»Mein liebes Kind, zu welchem andern Zweck hätte ich denn nach dem Fahrplan in der Vorhalle gesehen!«


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