Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Drury-Lane - Achtundvierzigstes Kapitel - Der Brief und das Gesetz
 

Mann und Weib



Drury-Lane

Achtundvierzigstes Kapitel - Der Brief und das Gesetz

Das»vielstimmige Geräusch des Londoner Straßenlebens, wie es durch das trübe Drury Lane fluthet, drang gedämpft in das Hinterzimmer. Theatermasken, Waffen und Portraits von Sängerinnen und Tänzerinnen hingen an den Wänden umher. Ein leerer Violinkasten in der einen Ecke bildete das Pendant zu einer zerbrochenen Büste von Rossini in einer andern Ecke. Eine uneingerahmte Lithographie, welche den Proceß der Königin Caroline darstellte, war über dem Kamin an die Wand geklebt. Die Stühle bestanden aus echten Exemplaren alter Eichenholzschnitzerei. Der Tisch war ein ebenso vortreffliches Muster elenden moderner Fabrikation. Auf dem Fußboden lag ein kleines Stück groben Teppichs, und der Plafond starrte von Steinkohlenruß.——

Den so geschilderten Schauplatz bildete ein nach hinten gelegenes Zimmer in einem Hause in Drury Lane, in welchem untergeordnete theatralische und musikalische Geschäfte verhandelt zu werden pflegten. Es war spät Nachmittags am Michaelistage. Zwei Personen saßen in dem Zimmer bei einander: Anne Silvester und Sir Patrick Lundie.

Der erste Theil ihrer Unterhaltung, der sich einerseits um die Erzählung der Vorfälle in Perth und Swanhaven, andererseits um die Mittheilung der Umstände, welche die Trennung Arnold’s und Blanche’s begleiteten, gedreht hatte, war zu Ende. Es lag nun Sir Patrick ob, den Uebergang zu dem eigentlichen Zweck seines Besuchs zu finden. Er sah Anne Silvester an und zauderte.

»Fühlen Sie sich stark genug, die Unterhaltung fortzusetzen?« fragte er. »Wenn Sie es vorziehen sollten, ein wenig zu ruhen, bitte, sagen Sie es doch.«

»Ich danke Ihnen, Sir Patrick, ich bin mehr als bereit, ich brenne vor Verlangen, unsere Unterhaltung fortzusetzen. Keine Worte vermögen es auszudrücken, wie innig ich wünsche, Ihnen, wenn möglich, von irgend welchem Nutzen sein zu können. Ich gebe es völlig Ihrer Einsicht und Erfahrung anheim, mir zu zeigen, ob und wie ich es kann.«

»Das vermag ich nur, Miß Silvester, indem ich Sie ohne Umstände bitte, mir alle die Auskunft zu ertheilen, deren ich bedarf. Hatten Sie bei Ihrer Reise nach London irgend welchen Zweck, den Sie mir noch nicht mitgetheilt haben? Ich rede natürlich nur von solchen Zwecken, in die eingeweiht zu werden ich als Arnold Brinkworth’s Bevollmächtigter einen Anspruch habe.«

»Ich hatte allerdings einen solchen Zweck, Sir Patrick, und habe denselben nicht erreicht.«

»Darf ich fragen, worin derselbe bestand?«

»Mein Zweck war, Geoffrey Delamayn zu sehen!«

Sir Patrick war betroffen. »Sie haben den Versuch gemacht, ihn zu sehen? Wann?«

»Heute Morgen.«

»Wie? Sie sind ja erst gestern Abend in London angekommen!«

»Ich hatte sehr lange Zeit unterwegs zugebracht«, erwiderte Anne; »ich war genöthigt gewesen, mich in Edingburgh und wieder in York auszuruhen, und fürchtete deshalb, ich möchte Mrs. Glenarm Zeit gelassen haben, vor mir zu Geoffrey Delamayn zu gelangen.«

»Sie fürchteten?« wiederholte Sir Patrick. »Ich hatte verstanden, daß es gar nicht Jhre ernste Absicht sei, Mrs. Glenarm den Schurken streitig zu machen. Welches Motiv konnte Sie also zu ihm führen?«

»Dasselbe Motiv, das mich nach Swanhaven geführt hatte.«

»Wie! Der Gedanke, daß es in Delamayn’s Händen liege, die Sache in Ordnung zu bringen? Und daß Sie ihn dadurch vielleicht vermögen könnten, ihn seiner Verpflichtungen gegen Sie zu entbinden?«

»Haben Sie Nachsicht mit meiner Thorheit, wenn es möglich ist, Sir Patrick. Ich bin jetzt immer allein und brüte über alle Dinge. So habe ich über die Lage gebrütet, in welche mein Unglück Mr. Brinkworth gebracht hat. Ich bildete mir mit unverständigem Eigensinn ein, daß ich über Geoffrey Delamayn vielleicht noch etwas vermöge, nachdem ich bei Mrs. Glenarm gescheitert war; und ich kann noch nicht von dem Gedanken lassen. Wenn er mich nur hätte anhören wollen, so würde mein unsinniger Gang nach Fulham vielleicht eine Entschuldigung gefunden haben.« Sie seufzte schwer und schwieg.

Sir Patrick ergriff ihre Hand.

»Es bedarf keiner Entschuldigung«, sagte er freundlich; »Ihr Motiv ist über jeden Tadel erhaben. Lassen Sie mich jedoch zu Ihrer Beruhigung hinzufügen, daß, selbst wenn Delamayn bereit gewesen wäre, Sie anzuhören und auf Ihre Bedingung einzugehen, dadurch an der Sachlage nichts geändert sein würde. Sie irren sich durchaus, wenn Sie glauben, daß er nur zu sprechen braucht, um die Sache in Ordnung zu bringen. Die Angelegenheit liegt jetzt durchaus nicht mehr in seinen Händen. Das Unheil war geschehen, als Arnold Brinkworth jene unglücklichen Stunden mit Ihnen in Craig-Fernie zugebracht hatte.«

»O, Sir Patrick, wenn ich das nur gewußt hätte, bevor ich diesen Morgen nach Fulham ging!«

Sie schauderte, indem sie diese Worte sprach. Offenbar knüpfte sich an ihren Besuch bei Geoffrey etwas, dessen bloße Erinnerung ihre Nerven erschütterte. Und was war das? Sir Patrick beschloß, sich eine Antwort auf diese Frage zu verschaffen, bevor er es wagte, in der Verfolgung des eigentlichen Zwecks seines Besuches weiter fortzufahren.

»Sie haben mir gesagt«, bemerkte er, »was Sie bewogen hat nach Fulham zu gehen, Sie haben mir aber noch nicht gesagt, was dort vorgefallen ist.«

Anne zauderte.

»Ist es unerläßlich, daß ich Sie mit dieser Mittheilung behellige?« fragte sie mit offenbarem Widerstreben näher auf diesen Gegenstand einzugehen.

»Es ist durchaus unerläßlich«, antwortete Sir Patrick, »weil Delamayn dabei im Spiel ist.«

Anne bot alle ihre Energie auf und erstattete ihren Bericht in folgenden Worten:

»Der Agent, bei dem ich hier wohne«, fing sie an, »hatte mir Geoffrey’s Adresse in Fulham verschafft; gleichwohl war es mir nicht leicht, das Haus zu finden. Es ist nur ein kleines Landhaus und liegt ganz versteckt in einem großen von hohen Mauern umgebenen Garten. Vor dem Hause hielt ein Wagen. Der Kutscher fuhr mit seinen Pferden auf und ab und zeigte mir die Eingangsthür. Es war eine hohe hölzerne Thür in der sich ein Gitterwerk befand. Ich klingelte, ein Dienstmädchen öffnete das Gitter und sah mich an. Sie weigerte sich, mich hineinzulassen. Sie habe strenge Ordre von ihrer Herrin, keinen Fremden, besonders keine fremden Frauenzimmer einzulassen. Ich steckte ihr durch das Gitter hindurch etwas Geld in die Hand und bat sie, mich bei ihrer Herrin zu melden. Nach dem ich eine Zeitlang gewartet hatte, sah ich ein anderes Gesicht durch die Gitterstangen blicken, das mich frappirte. Ich glaube, meine Nerven waren in einem sehr aufgeregten Zustand; das Gesicht machte auf mich einen seltsamen Eindruck, ich glaubte, es schon einmal gesehen zu haben. Ich sagte: Ich glaube, wir müssen einander kennen. Ich erhielt keine Antwort. Plötzlich öffnete sich die Thür und vor mir stand, —— wer glauben Sie wohl?«

»War es Jemand, den ich kenne?«

»Ein Mann oder eine Frau?«

»Es war Hester Dethridge.«

»Hester Dethridge!«

»Ja. Genau so gekleidet und genau so aussehend wie früher —— mit der an ihrer Seite herabhängenden Schiefertafel.«

»Merkwürdig! Wo habe ich sie doch zuletzt gesehen? Richtig, auf der Station bei Windygates, als sie im Begriff stand, nach London zu gehen, nachdem sie den Dienst meiner Schwägerin verlassen hatte. Hat sie also doch eine andere Stelle angenommen, ohne sich vorher bei mir zu melden, wie ich es ihr freigestellt hatte?«

»Sie wohnt in Fulham.«

»Ist sie dort im Dienst?«

»Nein, sie bewohnt dort ihr eigenes Haus.«

»Was? Hester Dethridge im Besitze eines eigenen Hauses? Nun warum sollte sie’s am Ende nicht so gut zu etwas in der Welt gebracht haben, wie so manche Andere! Ließ sie Sie hinein?«

»Eure kurze Zeit sah sie mich in der sonderbaren Weise an, die Sie an ihr kennen. Die Dienstboten in Windygates sagten immer, sie sei nicht recht bei Sinnen, und wenn Sie hören, was geschah, werden Sie finden, daß die Dienstboten nicht Unrecht hatten. Sir Patrick, sie muß verrückt sein. Ich sagte zu ihr: »Erinnern Sie sich meiner nicht mehr?« Sie nahm ihre Tafel zur Hand und schrieb darauf: »Ich erinnere mich Ihrer, wie Sie ohnmächtig in Windygates dalagen.« Ich hatte gar nicht gewußt, daß Sie zugegen war, als ich damals in der Bibliothek in Ohnmach fiel. Ich weiß nicht, war es diese Entdeckung oder war es der fürchterliche, eisig tödtliche Blick ihres Auges, was mich so aufregte, genug, ich konnte anfänglich nicht weiter reden. Sie schrieb abermals etwas auf ihre Tafel, und zwar dieses Mal eine höchst sonderbare Frage: »Ich sagte damals, das hat ein Mann gethan. Habe ich Recht gehabt?« Wenn die Frage von irgend jemand Anderm mündlich an mich gerichtet worden wäre, so würde ich sie ihrer Insolenz wegen gar nicht beantwortet haben. Können Sie begreifen, daß ich Sie beantwortete, Sir Patrick? Ich begreife jetzt selbst nicht mehr, und doch habe ich es gethan. Sie zwang mir mit ihren starren Blicken die Antwort ab. Ich sagte »Ja.«

»Fand diese Unterhaltung an der Thür statt?«

»Allerdings.«

»Und dann ließ sie Sie ein?«

»Unmittelbar nach meiner Antwort. Sie ergriff mich mit einer derben Bewegung am Arm, zog mich hinein und schloß die Thür wieder. Meine Nerven sind zerrüttet, mein Muth ist geschwunden. Es überlief mich eiskalt, als sie mich berührte; dann ließ sie meinen Arm wieder los. Ich stand da wie ein willenloses Kind und wartete ruhig ab, was sie nun sagen oder thun werde. Sie stemmte die Hände in die Seiten und sah mich lange scharf an. Dann gab sie einen fürchterlichen Laut von sich, der aber doch nicht klang, als ob sie erzürnt wäre, es klang vielmehr, als ob etwas ihr Befriedigung ——, ich hätte beinahe gesagt, —— Vergnügen gewährt hätte, wenn es nicht Hester Dethridge gewesen wäre. Begreifen Sie das?«

»Noch nicht. Lassen Sie mich, ehe Sie fortfahren, versuchen, dem Verständniß durch eine Frage näher zu kommen. Hatte Sie Ihnen in Windygates je eine Anhänglichkeit bewiesen?«

»Nicht die mindeste. Sie schien jeder Anhänglichkeit an mich oder an irgend jemand Anderen völlig unfähig zu sein.«

»Schrieb sie noch fernere Fragen auf ihre Tafel?«

»Ja. Sie schrieb eine zweite Frage unter die erste. Ihr Geist war noch mit meiner Ohnmacht und mit dem Manne, der dieselbe verursacht hatte, beschäftigt. Sie hielt ihre Tafel empor und ließ mich die Frage lesen: »Sagen Sie mir, wie er mit Ihnen umgegangen ist, hat er Sie zu Boden geschlagen?« Die meisten Menschen würden über eine solche Frage gelacht haben, mich regte dieselbe tief auf. Ich antwortete ihr: »Nein.« Sie schüttelte den Kopf als ob sie mir nicht glaube. Sie schrieb wieder auf ihre Tafel: »Wir gestehen es nicht gern ein, wenn sie mit geballten Fäusten auf uns losgehen und uns schlagen, nicht wahr?« Ich erwiderte: »Sie irren sich durchaus.« Sie ließ aber nicht nach zu fragen und schrieb wieder: »Wer ist der Mann?«

Ich hatte doch Gewalt gering über mich, um die Beantwortung dieser Frage zu verweigern. Sie öffnete die Thür und hieß mich mit einer Handbewegung wieder hinausgehen. Ich machte eine bittende Geberde, die sie veranlassen sollte, noch ein wenig zu warten. In ihrer starren Weise nahm sie wieder die Tafel zur Hand und schrieb abermals etwas im Betreff »des Mannes« darauf. Dieses Mal lautete die Frage noch bestimmter. Offenbar hatte sie sich mein Erscheinen in dem Hause auf ihre Weise erklärt. Sie schrieb: »Ist es der Mann, der hier wohnt?« Ich mußte überzeugt sein, daß sie mir die Thür verschließen würde, wenn ich diese Frage nicht beantworten. Mir blieb also keine andere Wahl, als zu gestehen, daß sie richtig gerathen habe. Ich sagte: »Ja. Ich möchte ihn sehen.« Sie ergriff mich wieder ebenso derb wie vorher am Arm und führte mich in’s Haus.«

»Jetzt fange ich an, sie zu begreifen«, bemerkte Sir Patrick, »Ich erinnere mich, bei Lebzeiten meines Bruders gehört zu haben, daß Hester Dethridge von ihrem Manne in brutaler Weise mißhandelt worden ist. Wenn man sich dessen erinnert, wird Einem die Ideenasociation ihres confusen Kopfes verständlich. —— Ihre letzte Erinnerung an Sie ist die Erinnerung an ein in Windygates ohnmächtig daliegendes Weib!«

»Nun?«

»Sie bringt Sie zu dem Eingeständniß, richtig gerathen zu haben, daß ein Mann in gewisser Weise für den Zustand, in dem sie Sie gefunden hat, verantwortlich war. Von einer durch Gemüthsbewegung hervorgerufenen Ohnmacht hat sie keine Vorstellung. Sie zieht ihre eigene Erfahrung zu Rath und bringt die Ohnmacht mit einem Act brutaler Gewalt von Seiten des Mannes in Verbindung und erblickt in Ihnen ein Widerspiel ihrer eigenen Leiden und ihres eigenen Falles. Diese, für einen Beobachter der menschlichen Natur merkwürdige Erscheinung erklärt auch, was sonst nicht zu begreifen sein würde, daß sie ihre eigenen, ihren Dienstboten ertheilten Instructionen entgegenhandelt und Sie in’s Haus läßt. Was geschah weiter?«

»Sie brachte mich in ein Zimmer, das sie, glaube ich, selbst bewohnte. Sie bot mir mit den sonderbarsten Geberden ohne eine Spur von Freundlichkeit, Thee an. Nachdem was Sie mir eben erzählt haben, glaube ich mir einigermaßen erklären zu können, was in ihr vorging. Ich denke mir, es that ihrem harten Herzen wohl, ein Weib zu sehen, das sie für eben so unglücklich hielt, wie sie früher einmal selbst gewesen war. Ich dankte ihr für den Thee und versuchte es, das Gespräch auf den Zweck meines Besuches zurückzubringen. Sie nahm keine Notiz davon. Sie deutete auf das Zimmer, führte mich dann an ein Fenster, deutete auf den Garten und dann auf sich selbst. »Haus und Garten gehören mir« —— das war der Sinn, ihrer Zeichen.«

Im Gärten standen vier Männer und unter ihnen Geoffrey Delamayn. Ich machte einen zweiten Versuch, ihr zu sagen, daß ich ihn zu sprechen wünsche.»Aber vergebens, sie hatte ihre eigenen Ideen und ließ sich davon nicht abbringen Sie winkte mir, vom Fenster zurückzutreten führte mich an das Kamin und zeigte mir ein beschriebenes unter Glas und Rahmen an der Wand hängendes Stück Papier. Sie schien eine Art von Stolz über den Besitz ihres eingerahmten Manuscriptes zu empfinden, wenigstens bestand sie darauf, daß ich es lese. Es war ein Auszug aus einem Testamente.«

»Aus dem Testamente, in welchem ihr das Haus vermacht worden war?«

»Jawohl; dem Testamente ihres Bruders. Es heißt darin, er habe auf seinem Todtenbette seine Entfremdung von seiner einzigen Schwester, die von der Zeit her datirte, wo sie sich gegen seine Wünsche und seinen Rath verheirathet hatte, bedauert. Als Zeichen seines aufrichtiger! Wunsches, sich vor seinem Tode mit ihr auszusöhnen und als eine kleine Vergütigung für die Leiden, die sie von ihrem verstorbenen Manne auszustehen gehabt habe, hinterläßt er ihr ein jährliches Einkommen von zweihundert Pfund, und die Benutzung seines Hauses und Gartens für ihre Lebenszeit. Das war, so viel ich mich erinnere, der wesentliche Inhalt des Auszuges.«

»Das macht»sowohl ihrem Bruder wie ihr selbst alle Ehre«, bemerkte. Sir Patrick. »Bei ihrem sonderbaren Charakter begreife ich sehr wohl, daß sie diesen Testamentsauszug gern zeigt. Was ich nicht recht verstehe ist, daß sie bei einer Einnahme, von der sie bequem leben kann, Zimmer vermiethet.«

»Dieselbe Frage richtete ich an sie. Ich mußte vorsichtig zu Werke gehen und zuerst stach den Miethern fragen, wozu die noch im Garten sichtbaren Herren die natürliche Veranlassung boten. Die Zimmer im Hause, die sie zu vermiethen hatte, waren, so viel ich von ihr verstand, von Jemandem gemiethet worden, der in Geoffrey Delamayn’s Namen handelte; von seinem Trainer vermuthe ich. Er hatte, zu Hester Dethridge’s Ueberraschung, kaum Notiz von dem Hause genommen, dagegen das größte Interesse für den Garten gezeigt.«

»Das ist vollkommen begreiflich, Miß Silvester. Der geräumige und durch die hoben Mauern gegen jede Beobachtung geschützte Garten, wie Sie ihn geschildert haben, mußte ihm gerade als der richtige Platz für die Exercitien seines Patrons erscheinen. Und was geschah demnächst?«

»Ich fragte sie, warum sie überhaupt Zimmer in ihrem Hause vermiethe. Bei dieser meiner Frage wurden ihre Gesichtszüge härter als je. Ihre finstere Antwort, wie sie dieselbe auf die Tafel schrieb, lautete: »Ich habe keinen Freund in dieser Welt; ich darf nicht allein wohnen.« Das war ihr Grund, ein trauriger, schrecklicher Grund, nicht wahr, Sir Patrick?«

»Traurig genug. Aber wie endete die Sache? Gelangten Sie endlich in den Garten?«

»Ja, allerdings, nach einem abermaligen Versuche. Sie schien plötzlich ihren Sinn geändert zu haben und öffnete mir selbst die Thür. Als ich draußen an dem Fenster des Zimmers, in welchem ich sie verlassen hatte, vorüberkam, sah ich noch einmal hinein. Sie hatte sich vor einen Tisch an das Fenster gesetzt und wartete offenbar ab, was etwa vorfallen möchte. In ihren Augen lag, als sie den meinigen wieder begegneten etwas, das ich nicht genau bezeichnen kann, das mir aber einen unheimlichen Eindruck machte. Wenn ich Ihre Auffassung für richtig halten darf, so möchte ich jetzt beinahe glauben, so schrecklich es auch zu denken ist, daß sie darauf rechnete, mich eben so behandelt zu sehen, wie sie vor Zeiten behandelt worden war. Ich fühlte mich, obgleich ich wußte, daß ich einer ernsthaften Gefahr entgegen ging, wahrhaft erleichtert, als ich ihr Gesicht nicht mehr sah. Als ich mich den im Garten stehenden Männern näherte, hörte ich zwei von ihnen sehr ernst mit Geoffrey Delamayn reden. Der vierte, ein älterer Herr, stand in einiger Entfernung von den Uebrigen. Ich suchte mich, bis die Unterhaltung zu Ende wäre möglichst fern zu halten, um nicht gesehen zu werden. Aber ich konnte es nicht vermeiden sie zu hören. Die beiden Männer versuchten es, Geoffrey Delamayn zu überreden, mit dem älteren Herrn zu sprechen. Sie bezeichneten ihn als einen berühmten Arzt. Sie wiederholten aber- und abermals, daß es sich wohl der Mühe lohne, die Ansicht dieses Mannes zu vernehmen.«

Sir Patrick unterbrach sie mit der Frage: »Nannten sie seinen Namen?«

»Ja, sie nannten ihn Mr. Speedwell.«

Also derselbe! Dass interessirt mich mehr, als Sie sich vorstellen können, Miß Silvester. Ich selbst habe gehört, wie Mr. Speedwell, als wir im vorigen Monat Alle zusammen in Windygates waren, Mr. Delamayn warnend erklärte, daß seine Gesundheit erschüttert sei. That er, was die Anderen ihm, riethen? Sprach er mit dem Arzt?«

»Nein, er weigerte sich in mürrischem Ton und erinnerte sich, wie Sie, an die Scene in Windygates. Er sagte: »Ich sollte mit dem Mann sprechen, der mir auf den Kopf zugesagt hat, ich sei ein verlorner Mensch? Fällt mir nicht ein!« Nachdem er dieser Erktärung noch durch einen Fluch Nachdruck verliehen hatte, verließ er die Anderen. Unglücklicherweise ging er in der Richtung nach dem Platze zu, auf welchem ich stand und entdeckte mich. Der bloße Anblick meiner Person schien ihn auf der Stelle ganz außer sich zu bringen. Er —— es ist mir un1nöglich, die Ausdrücke zu wiederholen, deren er sich gegen mich bediente; es ist schlimm genug, daß ich sie hab hören müssen. Ich glaube, Sir Patrick wenn nicht die beiden Männer herbeigelaufen wären und ihn festgehalten hätten, so würde Hester Dethridge des Anblicks, den sie erwartete, theilhaftig geworden sein. So furchtbar war sein Wuthanfall —— selbst für mich, die ich doch geglaubt hatte, ihn in seinen leidenschaftlichen Momenten zu kennen ——, daß ich zittere, wenn ich nur daran denke. Einer von den Männern, die ihn zurückgehalten hatten, war übrigens fast ebenso brutal in seiner Sprache gegen mich; er erklärte in den gemeinsten Ausdrücken, daß, wenn Dalamayn einen Nervenanfall bekäme, er beim Wettlauf verlieren, und daß ich dafür verantwortlich sein würde. Wäre Mr. Speedwell nicht dagewesen, ich weiß nicht, was ich gethan hätte. Er trat aber sofort auf mich zu, und sagte: »Das ist kein Ort weder für Sie noch für mich!« reichte mir seinen Arm und führte mich nach dem Hause zurück. Hester Dethridge begegnete uns auf dem Wege und machte mir mit erhobener Hand ein Zeichen, ich möge stille stehen. Mr. Speedwell fragte sie, was sie wolle. Sie sah mich an, blickte nach dem Garten und machte dann mit der geballten Faust eine Bewegung, als wolle sie Jemandem einen Schlag versetzen. Zum ersten Mal, so lange ich sie kannte, glaubte ich, —— hoffentlich habe ich es mir nur eingebildet —— sie lächeln zu sehen. Mr. Speedwell führte mich fort. »Die Leute in dem Hause passen gut zu einander«, sagte er. »Das»Weib ist eine ebenso vollständige Wilde, wie der Mensch ein Wilder.« Der Wagen, den ich vor der Thür hatte halten sehen, war der seinige. Er rief den Kutscher herbei und bot mir höflich einen Patz in seinem Wagen an. Ich erwiderte, ich wolle von seiner Güte nur bis zur Eisenbahnstation Gebrauch machen. Während wir mit einander sprachen, folgte uns Hester Dethridge bis an die Thür. Sie wiederholte die Bewegung mit ihrer geballten Faust, sah sich nach dem Garten um, blickte dann wieder auf mich und nickte mit dem Kopf, als wolle sie sagen: »Er wird es doch noch thun!« Ich kann es nicht mit Worten ausdrücken, wie froh ich war, von ihr wegzukommen. Ich hoffe zuversichtlich, ich werde sie nie wiedersehen.«

»Haben Sie erfahren, in welcher Veranlassung Mr. Speedwell dahin gekommen war? War er aus freien Stücken gekommen oder hatte man nach ihm geschickt?«

»Man hatte nach ihm geschickt. Ich wagte es, mit ihm über die Personen zu reden, die ich im Garten gesehen hatte. Mr. Speedwell erklärte mir in der freundlichsten Weise Alles, was ich mir selbst nicht zu erklären vermochte. Einer von den sonderbaren Männern im Garten war der Trainer; der andere war ein Arzt, den der Trainer gewöhnlich zu consultiren pflegte. Es scheint, daß der wahre Grund, weshalb sie Geoffrey Delamayn von Schottland fortgebracht hatten, der war, daß der Trainer wegen Geoffrey’s Gesundheit unruhig geworden war und mit ihm in der Nähe von London zu sein wünschte, um ärztlichen Rath bei der Hand zu haben. Der Doctor hatte, als der Trainer ihn consultirte, gestanden, daß er sich die Symptome gegen die er zu agiren aufgefordert sei, nicht zu erklären vermöge, und hatte deshalb an jenem Morgen selbst den berühmten Arzt nach Fulham mitgebracht. Mr. Speedwell erwähnte nichts davon, daß er schon in Windygates vorausgesehen habe, was eintreten werde. Alles, was er sagte, war: »Ich war Mr. Delamayn schon früher einmal in einer Gesellschaft begegnet und sein Fall interessirte mich hinlänglich, um ihm einen Besuch zu machen, —— mit welchem Erfolg, haben Sie selbst gesehen.«

»Aeußerte er irgend etwas gegen Sie im Betreff von Delamayn’s Gesundheitszustand.«

»Er sagte, er habe dem Doctor auf dem Wege nach Fulham verschiedene Fragen vorgelegt und er betrachte einige von den Symptomen, die nach der Mittheilung des»Doktors bei dem Patienten hervorgetreten seien, als sehr bedrohlich. Worin diese Symptome bestanden, sagte er mir nicht. Mr. Speedtvell sprach nur von Verschlimmerungen des Zustandes, die gerade eine Frau leicht verstehen würde. »Zuweilen sei er so apathisch und teilnahmlos, daß nichts ihn erregen könne; zu anderen Zeiten habe er ohne irgend eine erkennbare Ursache die furchtbarsten Wuthanfälle. Der Trainer hatte es in Schottland fast unmöglich gefunden, ihn zur Beobachtung einer richtigen Diät zu veranlassen und der Doctor hatte den Aufenthalt in dem Hause in Fulham erst genehmigt, nachdem er sich zuvor davon überzeugt hatte, daß der Garten nicht nur passend gelegen sei, sondern auch, daß man sich auf Hester Dethridge fest verlassen könne. Mit ihrer Hilfe hatten sie ihn auf eine ganz neue Diät gesetzt. Aber selbst dabei waren sie auf eine unerwartete Schwierigkeit gestoßen. Als der Trainer ihn in die neue Wohnung gebracht, hatte es sich gezeigt, daß er Hester Dethridge schon früher in Windygates gesehen und eine entschiedene Abneigung gegen sie gefaßt habe, denn als er ihrer in Fulham wieder ansichtig wurde, schien ihn ein wahres Entsetzen zu ergreifen.«

»Entsetzen? Warum denn das?«

»Das weiß kein Mensch. Der Trainer und der Doctor vermochten ihn nur dadurch zu bewegen, in dem Hause zu bleiben, daß sie ihm drohten, sie würden sich mit seiner Vorbereitung für den Wettlauf nicht mehr befassen, wenn er sich nicht auf der Stelle Gewalt anthue und sich wie ein verständiger Mann und nicht wie ein Kind benehme. Seitdem hat er sich allmälig mit seiner neuen Wohnung ausgesöhnt; theils in Folge der von Hester Dethridge selbst beobachteten Vorsicht, sich nie vor ihm blicken zu lassen, theils in Folge seiner eigenen Würdigung der Veränderung seiner Diät, welche der Doktor durch Hester’s Kochkunst vorzunehmen in den Stand gesetzt worden ist. Mr. Speedwell erwähnte noch Einiges, was ich aber vergessen habe. Ich erinnere mich nur noch des schließlichen Resultats, zu welchem Mr. Speedwell in seiner Beurtheilung des Mannes gelangt war. Seine Ansicht erscheint als die einer so bedeutenden Autorität im höchsten Grade beunruhigend. Wenn Geoffrey Delamayn den Wettlauf am nächsten Donnerstag unternimmt, so thut er es auf die Gefahr hin, sein Leben dabei einzubüßen.«

»Auf die Gefahr hin, auf der Rennbahn todt liegen zu bleiben?«

»Ja.«

Sir Patrick wurde eine Weile nachdenklich und sagte dann: »Die Zeit, die wir damit zugebracht haben, uns mit den Vorgängen während Ihres Besuchs in Fulham zu beschäftigen, war keine verlorne. Die Möglichkeit des Todes dieses Mannes giebt mir zu den ernstesten Erwägungen Veranlassung. Es erscheint im Interesse meiner Nichte und ihres Mannes höchst wünschenswerth, daß ich mir, soviel wie möglich klar mache, von welchem Einfluß ein verhängnißvoller Ausgang des Wettrennens auf die für nächsten Sonnabend angesetzte Untersuchung sein könnte. Ich glaube, Sie könnten mir dabei behilflich sein.«

»Wenn Sie mir nur sagen wollen, wie, Sir Patrick.«

»Darf ich auf Ihre Gegenwart am nächsten Sonnabend rechnen?«

»Gewiß?«

»Sind Sie sich darüber klar, daß Sie in Blanche eine Ihnen für den Augenblick entfremdete Person, die, hauptsächlich unter Lady Lundie’s Einfluß, aufgehört hat, wie eine Freundin und Schwester für Sie zu fühlen, finden werden?«

»Ich war einigermaßen darauf gefaßt, zu hören, daß Blanche mich falsch beurtheilte. In meinem Brief an Mr. Brinkworth suchte ich ihm so zart wie möglich anzudeuten, daß die Eifersucht seiner Frau sehr leicht zu erregen sein werde. Verlassen Sie sich auf meine Selbstbeherrschung, auf wie schwere Proben dieselbe auch gestellt werden möge. Blanche kann nichts sagen oder thun, was meine dankbare Erinnerung an die Vergangenheit verwischen könnte. So lange ich lebe, werde ich sie lieben. Diese Versicherung wird hoffentlich genügen Sie über mein Benehmen am Sonnabend ganz zu beruhigen; sagen Sie mir nur, wie ich die Interessen, die mir eben so sehr wie Ihnen am Herzen liegen, fördern kann.«

»Sie können dieselben fördern, indem Sie mich über das Verhältniß aufklären, in welchen Sie zu Delamayn in jenem Augenblicke standen, als Sie nach dem Craig-Fernie-Gasthof gingen.«

»Fragen Sie mich nach Allem, was Sie zu wissen wünschen, Sir«Patrick.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Mein vollkommener Ernst.«

»So will"ich an etwas anknüpfen, was Sie mir bereits mitgetheilt haben. Delamayn hat Ihnen die Ehe versprochen ——«

»Unzählige Male.«

»In Worten?«

»Ja.«

Schriftlich?«

»Ja.«

»Merken Sie, wo ich hinaus will?«

»Noch nicht recht.«

»Sie sprachen im Beginn meines Besuchs von einem Briefe, den Sie sich in Perth von Bishopriggs wieder verschafft hätten. Ich weiß von Arnold Brinkworth, daß das Ihnen gestohlene Blatt Briefpapier zwei Briefe enthielt. Der eine war von Ihnen an Delamayn, der andere von Delamayn an Sie gerichtet. Des wesentlichen Inhalts dieses letzteren erinnerte sich Arnold, Ihren Brief aber hatte er nicht gelesen. Es ist von der äußersten Wichtigkeit für mich, Miß Silvester, daß Sie mir heute, bevor ich Sie verlasse, diese Correspondenz zeigen.

Anne schwieg. Sie hielt die Hände in ihrem Schooße gefaltet. Zum ersten Mal kehrte sie ihre Blicke unruhig von Sir Patrick ab.

»Würde es nicht genügen«, fragte sie nach einer Pause, »wenn ich Ihnen den Inhalt meines Briefes mittheilte, ohne Ihnen denselben zu zeigen?«

»Das würde nicht genügen«, erwiderte Sir Patrick kurz, »ich spielte, wie Sie sich erinnern werden, schon bei Ihrer ersten Erwähnung des Briefes, darauf an, ob Sie es für angemessen halten würden, mir den Brief zu zeigen und fand, daß Sie auf meine Anspielung absichtlich nicht eingingen. Es thut mir aufrichtig leid, Sie bei dieser Gelegenheit auf eine so schmerzliche Probe stellen zu müssen. Aber wenn Sie mir wirklich in dieser ernsten Krisis helfen wollen so habe ich Ihnen den Weg dazu gezeigt«

Anne stand auf und reichte Sir Patrick statt aller Antwort den Brief. »Vergessen Sie nicht, was er gethan »hat, seit ich das schrieb«, sagte sie, »und versuchen Sie es, mich zu entschuldigen, wenn ich gestehe, daß ich mich schäme, Ihnen den Brief jetzt zu zeigen.«

Mit diesen Worten trat sie an das Fenster. Da stand sie, die Hand gegen die Brust gepreßt und sah mit abwesenden Blicken auf die trübe Aussicht von Hausdächern und Schornsteinen, während Sir Patrick den Brief öffnete.

Um dem Leser das richtige Verständniß kommender Ereignisse zu erleichtern, wollen wir die bereits im Anfange der Erzählung mitgetheilten beiden Briefe noch einmal hier mittheilen:

Von Anne Silvester an Geoffrey Delamayn:

»Windygates, 12. August 1860.

Ich habe bis»jetzt vergeblich gehofft, daß Du von dem Gute Deines Bruders herüberkommen würdest, um mich zu sehen. Dein Benehmen gegen mich ist unbarmherzig und ich bin entschlossen, es nicht länger zu ertragen; überlege Dir die Sache in Deinem eigenen Interesse, ehe Du ein unglückliches Weib, daß sich Dir hingegeben hat, zur Verzweiflung treibst. Du hast mir bei Allem, was Dir heilig ist, die Ehe versprochen, ich berufe mich auf Dein Versprechen und bestehe darauf, das zu werden, wozu mich zu machen Du gelobt hast, was zu werden ich all’ diese Zeit her gewartet habe und was ich vor Gott schon bin, Dein eheliches Weib! —— Lady Lundie giebt hier am 14. d. ein Gartenfest; ich weiß, daß Du dazu eingeladen« bist und rechne sicher darauf, daß Du die Einladung annimmst. Wenn Du mich in meiner Erwartung täuschest, so stehe ich für nichts ein. Ich bin fest entschlossen, diesen Zustand der Dinge nicht länger zu ertragen. O, Geoffrey, denke an die Vergangenheit, sei treu und gerecht.

Dein Dich liebendes Weib
Anne Silvester«

2. Von Geoffrey an Anne Silvester:

»Liebe Anne!

In diesem Augenblicke werde ich zu meinem Vater nach London gerufen. Die Nachricht von ihm lautet schlimm. Bleibe, wo Du bist und ich will dahin schreiben. Vertraue dem Ueberbringer. Auf mein Ehrenwort, ich werde mein Versprechen halten.

Dein Dich liebender Gatte
Geoffrey Delamayn.

Windygates, den l4. August, 4 Uhr Nachmittags.
In furchtbarer Eile geschrieben, der Zug geht um 4 Uhr 30 Minuten ab!«

Sir Patrick las den Brief mit gespanntester Aufmerksamkeit. Bei den letzten Zeilen des zweiten Briefes that er, was er seit zwanzig Jahren nicht gethan hatte, er sprang, seines lahmen Fußes völlig vergessend, plötzlich von seinem Stuhle auf und ging ohne Hilfe seines Krückstockes nach dem anderen Ende des Zimmers.

Anne fuhr zusammen, wandte sich um und sah Sir Patrick mit überraschten Blicken an. Alles an ihm, sein Gesicht, seine Stimme, seine Haltung bekundeten die größte Aufregung.

»Wie lange waren Sie in Schottland gewesen, als Sie diesen Brief schrieben?« Mit dem Finger auf Anne’s Brief deutend, war er so erregt bei seiner Frage, daß er die ersten Worte nur hervor zu stammeln vermochte. »Länger als drei Wochen?« fügte er hinzu, indem er seine hellen schwarzen Augen forschend auf sie heftete.

»Ja.«

»Sind Sie dessen völlig gewiß?«

»Ganz gewiß!«

»Können Sie sich auf Personen beziehen, die Sie während dieser Zeit gesehen haben?««

»Allerdings.«

Er wendete den Briefbogen um und deutete auf Geoffrey’s mit Bleistift geschriebene Zeilen aus der letzten Seite.

»Wie lange war er in Schottland gewesen, als er dieses schrieb? Auch länger als drei Wochen?«

Anne dachte einen Augenblick nach.

»Um des Himmels willen seien Sie vorsichtig?« sagte Sir Patrick. »Sie wissen nicht, was davon abhängt. Wenn Sie Ihrer Sache nicht völlig gewiß sind, bitte, sagen Sie es mir!«

»Meine Erinnerungen waren einen Augenblick etwas verwirrt, jetzt aber sind sie wieder vollkommen klar. Er war drei Wochen lang auf dem Landsitze seines Bruders in Perthshire gewesen, ehe er dieses schrieb. Und noch ehe er nach Swanhaven ging, hatte er drei oder vier Tage, im Eskthale zugebracht.«

»Sind Sie auch dessen völlig gewiß?«

»Vollkommen gewiß«

»Wissen Sie Jemanden, der ihn in dem Eskthale gesehen hat?«

»Ich weiß Jemanden der ihm dorthin ein Billet von mir gebracht bat.«

»Wäre diese Person leicht wieder aufzufinden?«

»Ganz leicht.«

Sir Patrick legte den Brief bei Seite und ergriff in einer Aufregung, deren er nicht mehr Herr zu werden vermochte, Anne’s beide Hände.

»Hören Sie mich;« sagte er. »Die ganze Verschwörung gegen Sie und Arnold Brinkworth, fällt vor dieser Correspondenz zu Boden. Als Arnold mit Ihnen im Gasthof zusammentraf« —— er hielt inne und sah sie an, ihre Hände fingen an in den seinigen zu zittern. —— »Als Arnold Sie in dem Gasthof traf«, nahm er wieder auf, »Waren Sie nach schottischem Recht bereits eine verheirathete Frau. An dem Tage und in der Stunde, wo er diese Zeilen auf die vierte Seite Ihres an ihn gerichteten Briefes schrieb, waren Sie Geoffrey Delamayn’s eheliches Weib.«

Er hielt abermals inne und sah sie an. Ohne ein Wort zu antworten, ohne« sich zu regen, erwiderte sie seinen Blick mit! dem stummen Ausdruck des Entsetzens.

Schweigend trat Sir Patrick, auf dessen Gesicht sich ihr Entsetzen in einem schwächeren Ausdruck wiederspiegelte, einen Schritt zurück. Verheirathet mit dem Schurken, der kein Bedenken getragen hatte, das Weib, welches er zu Grunde gerichtet, zu verleumden Verheirathet mit dem Verräther, der sich nicht gescheut hatte, Arnold’s auf ihn gesetztes Vertrauen zu täuschen und dessen häusliches Glück zu zerstören, —— verheirathet —— mit dem Nichtswürdigen, der sie noch an diesem Morgen geschlagen haben würde, wenn seine eigenen Freunde ihn nicht zurückgehalten hätten, —— und an Alles das hatte Sir Patrick nicht gedacht.

So erfüllt war er von dem einen Gedanken an Blanche’s Zukunft, daß erst das schaudernde Entsetzen in Anne’s Blicken ihm die Frage aufdrängte, wie sich in Folge dieser Nachricht ihre Zukunft gestalten werde.

Er trat wieder an sie heran. Er ergriff wieder ihre Hand und sagte:

»Vergeben Sie mir, daß ich zuerst an Blanche gedacht habe.«

Blanche’s Name schien Anne neu zu beleben. Ihre Wangen fingen an sich wieder zu färben, ein zärtlicher Ausdruck leuchtete wieder in ihren Augen auf. Er sah, daß er es wagen dürfe noch deutlicher zu werden, und er fuhr fort:

»Ich ermesse jetzt vollkommen das fürchterliche Opfer, das Ihnen zugemuthet wird. Ich frage mich selbst, habe ich, hat Blanche ein Recht ——« Sie unterbrach ihn mit einem leisen Druck ihrer Hand.

»Ja«, sagte sie mit schwacher Stimme, »wenn Blanche’s Glück davon abhängt!«


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