Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib
 

Mann und Weib



Der Gasthof.

Neuntes Kapitel - Anne

»Ich muß Ihnen nochmals bemerken, Madame, daß das Haus bis auf diese beiden Zimmer hier besetzt ist«, so sprach Mrs. Inchbare, die Wirthin des Gasthofes von Craig Fernie zu Anne Silvester, die, die Börse in der Hand, in dem einen der beiden Zimmer stand und sich erbot für beide Zimmer im Voraus zu bezahlen.

Es war Nachmittags, ungefähr um dieselbe Zeit, wo Geoffrey Delamayn den Zug nach London bestiegen und wo Arnold Brinkworth den Weg über die Haide eingeschlagen hatte, um sich nach Craig Fernie zu begeben.

Mrs. Inchbare war eine hagere, lange, respectabel aussehende Frau. Ihr häßliches Haar hing ihr in dünnen strohfarbigen Locken um den Kopf; sie trug ihre harten Knochen wie ihr hartes Puritanerthum ohne den leisesten Versuch, etwas davon zu verbergen, zur Schau; mit einem Wort, sie war eine entsetzlich respectable Frau, die mit stolzem Selbstgefühl einen entsetzlich respectablen Gasthof hielt. Sie hatte keinerlei Concurrenz zu befürchten; sie konnte ihre Preise und ihre Hausordnung nach Belieben feststellen. Wenn einmal Einer gegen ihre Preise oder ihre Hausordnung remonstrirte, so stellte sie es ihm einfach frei, anderswohin zu gehen, das heißt mit andern Worten, sich als ein heimathloser Wanderer in der unbarmherzigen schottischen Wildniß umherzutreiben. Das Dorf Craig Fernie bestand aus einem Haufen elender Hütten. Meilenweit umher war in der ganzen Gegend auf Berg und Haide kein zweiter Gasthof zu finden und kein Mensch kam überhaupt in den Fall, in dieser Gegend Schottlands Nahrung und Obdach von Fremden zu begehren, als hülflose englische Touristen. In dem ganzen weiten Reich der Hotel-Besitzer gab es keine unabhängigere Person als Mrs. Inchbare. Als unumschränkte Beherrscherin ihres einsamen Gasthofes war sie für das sonst wirksamste Schreckmittel aller Hotelbesitzer, das Schreckmittel einer ungünstigen Besprechung in den Zeitungen, vollkommen unempfindlich. Wenn es einem Gaste einmal zu arg wurde und er drohte, ihre Rechnung in den öffentlichen Blättern abdrucken zu lassen, erklärte Mrs. Inchbare, das möge er in Gottes Namen thun. »Schicken Sie die Rechnung wohin Sie wollen, wenn Sie sie nur bezahlen. So etwas wie eine Zeitung kommt nie über meine Schwelle. In Ihrem Zimmer finden Sie das alte und das neue Testament und im Frühstückszimmer die Naturbeschreibung von Perthshire und wenn Ihnen diese Lectüre nicht genügen sollte, so reisen Sie ruhig wieder ab und suchen sich anderswo etwas Besseres zu lesen.«

Das war der Gasthof, in welchem Anne Silvester allein, mit keinem weiteren Gepäck als einer kleinen Handtasche absteigen wollte; das war die Frau, deren Abneigung, sie bei sich aufzunehmen, Anne naiv genug war mit ihrer Börse überwinden zu wollen.

»Bitte, nennen Sie mir den Preis, ich bin bereit, ihn im Voraus zu bezahlen.«

Ihre Majestät Mrs. Inchbare würdigte der Börse keines Blickes.

»Die Sache ist die, Madame«, antwortete sie, ich kann Ihr Geld nicht nehmen, wenn ich Ihnen die verlangten Zimmer im Hause nicht geben kann. Das Craig Fernie Hotel ist ein Familien-Hotel und hat für die Aufrechthaltung seines guten Rufes zu sorgen.

Sie sehen mir viel zu gut aus, mein liebes Kind, um allein zu reisen.«

Es gab eine Zeit, wo Anne eine solche Bemerkung gebührend zurückgewiesen haben würde. Die harte Nothwendigkeit ihrer gegenwärtigen Lage machte sie jetzt geduldiger.

»Ich habe Ihnen schon gesagt«, erwiderte sie, »daß mein Mann mir noch heute hierher folgen wird« —— und bei diesen Worten seufzte sie schwer und sank, unfähig länger zu stehen, in den nächsten Stuhl.

Mrs. Inchbare empfand bei ihrem Anblick gerade so viel Mitleid, wie sie geäußert haben würde, wenn ein verlaufener Hund mit wunden Füßen vor ihrer Thür niedergefallen wäre.

»Nun, lassen Sie es gut sein, bleiben Sie eine Weile hier und ruhen sich aus, dafür nehmen wir nichts und wir wollen dann sehen, ob Ihr Mann kommt, ich möchte lieber ihm als Ihnen die Zimmer vermiethen und somit guten Morgen!«

Mit dieser schließlichen Kundgebung ihres königlichen Willens zog sich die Beherrscherin des Gasthofes zurück; Anne antwortete nichts. Sie wartete bis die Wirthin das Zimmer verlassen hatte und that sich dann nicht länger Gewalt an. In ihrer Lage mußte sie jeden gegen sie ausgesprochenen Argwohn doppelt als eine Beleidigung empfinden. Heiße Thränen der Scham entrannen ihren Augen und ein furchtbares Herzweh bemächtigte sich ihrer. Plötzlich hörte sie ein kleines Geräusch im Zimmer; sie stutzte, sah aus und entdeckte in einer Ecke des Zimmers einen Mann, der die Möbel vom Staube reinigte und offenbar ein Kellner im Wirthshause war. Er hatte sie bei ihrer Ankunft in das Wohnzimmer geführt und sich daselbst bis zu diesem Augenblick so ruhig verhalten, daß sie ihn gar nicht gewahrt hatte.

Es war ein alter Mann, mit einem blinden und verschleierten und einem thränenden, munter blickenden Auge, mit kahlem Kopf, gichtischen Füßen, einer Nase, die mit Recht als die größte und rötheste von ganz Schottland berühmt war, und einem Munde, den die milde Weisheit des Alters in einem sanften Lächeln geheimnißvoll umspielte.

In der Berührung mit dieser verderbten Welt zeigte er in seinem Wesen die glückliche Mischung zweier Extreme, der vollkommensten Unabhängigkeit und der demüthigsten Servilität, deren nur ein Schotte fähig ist. Eine ungeheure natürliche Unverschämtheit, welche die Leute amüsirt, aber nicht verletzt, und eine unberechenbare Schlauheit, die sich gewöhnlich hinter der Doppelmaske einer eigenthümlich vorurtheilsvollen Befangenheit und eines trockenen Humors verbirgt, war die solide moralische Grundlage, auf welcher der Charakter dieses alten Mannes beruhte.

Keine noch so große Quantität von Whisky war im Stande, ihn betrunken zu machen und kein noch so leidenschaftliches Klingeln vermochte je seine Bewegungen zu beschleunigen. Das war der Oberkellner im Craig-Fernie-Hotel, weit und breit bekannt als Mr. Bishopriggs, Mrs. Inchbare’s rechte Hand!

»Was machen Sie da?« fragte Anne in scharfem Tone.

Bishopriggs drehte sich auf seinen gichtischen Füßen um, schwenkte sein Staubtuch ruhig in der Luft und sah Anne mit einem milden Lächeln an. »Ich? ich wische den Staub von den Möbeln und bringe das Zimmer für Sie hübsch in Ordnung!«

»Für mich? Haben Sie nicht gehört, was die Wirthin gesagt hat?«

Bishopriggs näherte sich ihr vertraulich und wies mit einem sehr unsichern Zeigefinger auf die Börse welche Anne noch in der Hand hielt.

»Machen Sie sich keine Sorge wegen der Wirthin«, sagte das weise Haupt der Kellner von Craig-Fernie; »Ihre Börse spricht für Sie Madame; stecken Sie sie ein«, rief er, indem er die Versuchung mit seinem Staubtuch von sich jagen zu wollen schien; »stecken Sie sie ein. So lange Menschen, Menschen sind, sage ich, hat eine Frau, die Geld in der Börse hat, überall ihren Werth!«

Anne’s Geduld, die härtere Proben bestanden hatte, riß bei diesen Worten.

»Was fällt Ihnen ein, daß Sie so vertraulich mit mir reden?« fragte sie, zornig auffahrend.

Bishopriggs nahm das Staubtuch unter den Arm und schickte sich an, Anne zu überzeugen, daß er die Ansicht der Wirthin über ihre Lage theile, ohne in der Strenge der Prinzipien mit ihr übereinzustimmen. »Es giebt keinen Menschen auf der Welt, sagte er, der mehr Nachsicht für menschliche Schwächen hätte als ich. O, warum soll ich nicht vertraulich mit Ihnen sein, ich, der ich alt genug wäre, Ihr Vater zu sein und gerne bereit bin, diese Rolle zu übernehmen. Kommen Sie, liebes Kind, bestellen Sie sich ein Bischen Mittagessen. Einerlei ob der Mann da ist oder nicht, Sie haben einen Magen und müssen essen. Wir haben Fisch und Geflügel oder vielleicht ziehen Sie Hammelbraten vor, den Sie aufgebraten bekommen können, wenn die Table d’hote vorüber ist!«

Es gab nur eine Art« ihn los zu werden. Bestellen Sie für mich, was Sie wollen, nur lassen Sie mich allein!«

Bishopriggs war mit dem ersten Theil dieses Satzes vollkommen einverstanden und nahm von dem zweiten nicht die geringste Notiz. »Uebertragen Sie mir nur die Wahrnehmung Ihrer Interessen, das ist das Klügste was Sie thun können, fragen Sie nur nach Bishopriggs, so heiße ich, wenn Sie eines anständigen, respectablen Mannes bedürfen, um Ihnen ein Rath zu geben. Setzen Sie sich doch! Aber nicht in den Lehnstuhl, den braucht Ihr Mann, wenn er kommt.«

Mit diesem passenden Scherz ging der ehrwürdige Bishopriggs Augenzwinkernd zur Thür hinaus. Anne sah nach der Uhr. Nach ihrer Berechnung konnte es nicht mehr lange dauern, bis Geoffrey im Gasthof eintreffen mußte, wenn er Windygates zur verabredeten Zeit verlassen hatte. —— Noch ein wenig Geduld und die Skrupel der Wirthin würden beseitigt und die harte Prüfungsstunde für sie vorüber sein. Hätte sie nicht anderswo mit ihm zusammen treffen können, als in diesem barbarischen Hause, unter diesen barbarischen Menschen? Nein, außer in Windygates hatte sie in ganz Schottland keinen Menschen, den sie kannte; es gab keinen andern passenden Ort als den Gasthof und sie mußte noch dankbar dafür sein, daß derselbe so einsam gelegen war, daß sie nicht zu befürchten brauchte, Bekannte von Lady Lundie hier zu treffen.

Wie groß die Gefahr ihres Aufenthaltes in diesem Gasthofe auch immer sein mochte, der Zweck, den sie verfolgen mußte, rechtfertigte es, daß sie sich dieser Gefahr ausgesetzt hatte; ihre ganze Zukunft hing davon ab, daß Geoffrey sie zu seiner rechtmäßigen Frau machte, nicht die Zukunft an seiner Seite, darauf war nicht mehr zu rechnen, aber die Zukunft eines Lebens mit Blanche, auf das sie jetzt ihre ganze Hoffnung gesetzt hatte. Ihr Muth sank mehr und mehr; ihren Augen entrollten wieder Thränen; sie sagte sich aber, daß es ihn nur reizen würde, wenn er bei seiner Ankunft sie weinend fände; sie nahm sich daher zusammen und versuchte sich durch eine nähere Betrachtung des Zimmers zu zerstreuen. Da war wenig zu sehen. Außer seiner sehr soliden Bauart unterschied sich das Craig-Fernie Hotel in nichts von dem Durchschnitt englischer Hotels zweiten Ranges. Da stand das gewöhnliche, mit schwarzem Haartuch überzogene Sopha, das nur dazu gemacht schien, Diejenigen, die sich auf ihm ausruhen wollten, hinabgleiten zu lassen, da stand der gewöhnliche stark lackirte Lehnstuhl, der besonders dazu fabricirt zu sein schien, die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Rückgrats zu erproben. Die Wände waren mit den gewöhnlichen Papiertapeten beklebt, deren Muster Kopfschmerz und Schwindel bereiten. Da hingen die gewöhnlichen Kupferstiche, welche die Menschheit zu betrachten nicht müde wird; das Portrait der Königin an dem Ehrenplatz, daneben an der einen Seite das Bild des nächst größten aller menschlichen Wesen, des Herzogs von Wellington, und an der andern Seite das Portrait des Vertreters von Craig-Fernie im Parlament. Endlich in einer dunklen Ecke eine Jagdscene. Eine der Eingangsthür gegenüberliegende Thür führte in’s Schlafzimmer und ein Fenster an der Seite blickte auf den freien Platz vor dem Hotel hinaus und gewährte die Aussicht auf die weite Haide von Craig-Fernie, die sich von der Höhe, auf der das Haus stand, weit hinabzog.

Verzweiflungsvoll wandte sich Anne von der Betrachtung des Zimmers zur Betrachtung der Aussicht. Seit einer halben Stunde war das Wetter schlechter geworden, dichte Wolken hatten sich am Himmel gesammelt, die Sonne hatte sich versteckt und die Landschaft lag grau und finster da. Anne wandte sich ebenso verzweislungsvoll wieder vom Fenster ab.

Eben wollte sie den hoffnungslosen Versuch machen, ihre ermatteten Glieder auf dem Sopha auszuruhen, als der Klang von Stimmen und Fußtritten vor dem Hause ihre Aufmerksamkeit erregte.

War Geoffretys Stimme dabei? Nein! Stiegen die Fremden ab?

Die Wirthin hatte es ihr abgeschlagen, ihr die Zimmer jetzt schon zu vermiethen, es war leicht möglich, daß die Fremden die Zimmer zu sehen verlangten. Und wenn sich unter Ihnen ein Bekannter befand? In ihrer Besorgniß flüchtete sie sich in’s Schlafzimmer und schob den Riegel vor die Thür.

Im nächsten Augenblick wurde die Thür nach dem Wohnzimmer vom Vorplatz aus geöffnet und Arnold Brinkworth trat von Bishopriggs geführt in’s Zimmer herein.

»Niemand hier!« rief Arnold sich umsehend aus. »Wo ist sie?«

Bishopriggs deutete auf die Thür des Schlafzimmers. »O, Ihre liebe Frau ist gewiß in? Schlafzimmer gegangen.«

Arnold fuhr zusammen. Er hatte, als er die Sache mit Geoffrey in Windygates überlegte, kein Bedenken getragen, sich im Gasthof als Anne Silvester’s Mann zu präsentiren, die Ausführung dieser Verabredung machte ihn jedoch, gelinde gesagt, im ersten Augenblick ein wenig verlegen. Da stand der Kellner, der Miß Silvester als seine Frau bezeichnete und es höchst natürlicher und schicklicher Weise dem Manne der »lieben Frau« überließ, an die Thür ihres Schlafzimmers zu klopfen, um ihr zu sagen, daß er da sei.

In seiner Verzweiflung fragte Arnold nach der Wirthin, die er bei seiner Ankunft im Gasthause noch nicht gesehen hatte.

»Die Wirthin ist gerade damit beschäftigt Rechnungen auszuschreiben«, antwortete Bishopriggs, »aber sie wird gewiß gleich kommen, die viel beschäftigte Frau, um auszuforschen, wer Sie sind, wie sie ja die ganze Last der Geschäfte des Hauses auf ihren Schultern trägt.« Mit einer geschickten Wendung ging er von der Wirthin auf sich selbst über. »Ich habe einstweilen dafür gesorgt, es Ihrer Frau so comfortable wie möglich zu machen«, flüsterte er, verlassen Sie sich ganz auf mich.«

Arnold war ganz von dem Gedanken an die Schwierigkeit erfüllt, wie er Anne seine Ankunft wissen lassen solle; wie bringe ich sie da heraus? fragte er sich mit einem verzweifelten Blick aus die Thür des Schlafzimmers. Er hatte die Worte laut genug gesagt, um von dem Kellner gehört zu werden. Arnold’s betroffener Blick spiegelte sich aus der Stelle in Bishopriggs Gesicht wieder.

Der Oberkellner von Craig-Fernie hatte eine außerordentlich umfassende Erfahrung von dem Benehmen und dem Wesen jung verheiratheter Paare auf ihrer Hochzeits-Reise. Unzähligen jung verheiratheten Frauen und Männern war er mit glänzenden Erfolgen ein zweiter Vater gewesen. Er kannte jung verheirathete Paare aller Art: Paare, die sich das Ansehen gaben, als wenn sie schon lange Jahre verheirathet wären, Paare, die keine Verstellung versuchen und die sich von älteren Leuten rathen lassen, Paare, die aus Verlegenheit vor dritten Personen sehr gesprächig sind, Paare, die aus dem selben Grunde vor Andern sehr schweigsam sind, Paare, die gar nicht wissen, was sie anfangen sollen, Paare, die wünschen, die Sache wäre vorbei, Paare, bei denen man sich hüten muß jemals in’s Zimmer zu treten, ohne vorher anzuklopfen Paare, die sich fähig fühlen in den Pausen ihrer Seligkeit etwas körperliche Nahrung zu sich zu nehmen und wieder andere Paare die dazu nicht im Stande sind. —— Aber der jung verheirathete Mann, der rathlos an der einen Seite einer Thür steht, hinter welcher die junge Frau sich verschlossen hält, war eine, selbst für einem auf diesem Gebiet so erfahrenen Mann wie Bishopriggs, bisher unbekannte Spielart der Gattung jung verheiratheter Paare.

»Wie Sie sie da herausbringen sollen? Das will ich Ihnen sagen!«

Er ging so schnell, wie seine gichtischen Füße es ihm gestatten wollten, an die Schlafstubenthür, klopfte an und rief: O, Madame, er ist da, hier steht er leibhaftig. Mein Gott, wie kommen Sie dazu, die Thür ihrer Brautkammer Ihrem Manne vor der Nase zu verschließen?«

Auf diese Anrede, die nicht gut zu beantworten war, folgte eine Verschiebung des Riegels hinter der Thür. Bishopriggs winkte Arnold mit seinem einen sehenden Auge zu und legte seinen Zeigefinger bedeutungsvoll an seine ungeheure Nase. »Ich gehe, ehe Sie ihr in die Arme sinken und verlassen Sie sich darauf, ich komme nicht wieder herein, ohne vorher angeklopft zu haben.« Er ließ Arnold im Zimmer allein.

Die Thür des Schlafzimmers öffnete sich ganz langsam ein wenig, so daß man die Stimme Anne’s, die hinter derselben stand und sprach, eben vernehmen konnte. »Bist Du es, Geoffrey?«

Arnold, der voraussah, was nun gleich kommen mußte, ward es schwer um’s Herz, er wußte weder, was er sagen noch was er thun sollte. Er schwieg.

Anne wiederholte die Frage lauter: »Bist Du es?«

Natürlich mußte es sie beunruhigen, wenn jetzt keine Antwort erfolgte; da half also nichts mehr, es mochte daraus entstehen, was wolle, Arnold mußte antworten und sagte: »Ja.«

Die Thür flog weit auf und Anne Silvester stand ihm an der Schwelle gerade gegenüber. »Herr Brinkworth!« rief sie, starr und regungslos vor Erstaunen.

Einen Augenblick schwiegen Beide. Anne trat einen Schritt in’s Wohnzimmer vor und that die nächste unvermeidliche Frage mit einer plötzlichen Wandlung des Erstaunens in Argwohn: »Was wollen Sie hier?«

Die einzige mögliche Entschuldigung für Arnoldts Erscheinen an diesem Ort war in Geoffrey’s Brief enthalten. »Ich habe einen Brief für Sie«, sagte er und überreichte ihr denselben.

Aber sie nahm ihn vorsichtiger Weise nicht gleich an. Arnold war ihr, wie dieser selbst schon gegen Geoffrey bemerkt hatte, fast ganz fremd. Ein furchtbares Vorgefühl eines von Geoffrey gegen sie verübten Verrathes überkam sie, sie weigerte sich, den Brief zu lesen. »Ich erwarte keinen Brief, woher wissen Sie daß ich hier bin?« Sie that diese Frage nicht nur in einem argwöhnischen Tone, sondern auch mit einem geringschätzigen Blick, der für einen Mann nicht leicht zu ertragen war.

Arnold bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung um ihr mit der schuldigen Rücksicht zu antworten.

»Werden meine Bewegungen beobachtet«, fuhr sie zornig fort, »und haben Sie die Rolle eines Spions übernommen.

»Sie kennen mich noch nicht lange, Miß Silvester«, antwortete Arnold ruhig, »aber Sie sollten mich doch schon gut genug kennen, um nicht so etwas zu glauben; ich bin der Ueberbringer eines Briefes von Geoffrey.«

Sie war im Begriff seinem Beispiel zu folgen und auch ihrerseits von Geoffrey mit seinem Vornamen zu reden, aber sie hielt inne, bevor sie das Wort ausgesprochen hatte.

»Sie meinen Herrn Delamayn?« antwortete sie kalt.

»Ja.«

»Welche Veranlassung hat Herr Delamayn, mir zu schreiben?« Sie war entschlossen sich zu nichts zu bekennen und hielt ihn beharrlich von sich fern.

Arnold that instinctmäßig, was ein Mann von großer Welterfahrung aus Berechnung gethan haben würde.

Er faßte sich in Dem was er ihr zu sagen hatte ganz kurz.

»Es nützt Ihnen nichts, Miß Silvester, hinter dem Berge zu halten; wenn Sie den Brief nicht nehmen wollen, so zwingen Sie mich zu reden; ich bin hier mit einem höchst unangenehmen Auftrag, und fange an, aus Herzensgrund zu wünschen, daß ich denselben nicht übernommen hätte.«

Ein schmerzlich krampfhaftes Zucken überflog ihr Gesicht. Sie fing an ihn zu verstehen.

Er zauderte, seine edle Natur sträubte sich dagegen, sie zu verletzen.

»Fahren Sie fort«, sagte sie mit großer Selbstüberwindung.

»Versuchen sie es, nicht böse auf mich zu sein, Miß Silvester, Geoffrey weiß, das er mir vertrauen kann.«

»Ihnen vertrauen« unterbrach sie ihn. »Warten Sie!«

Arnold hielt ein und sie sagte nicht zu ihm, sondern zu sich selbst: »Als ich im Nebenzimmer war, fragte ich, ob Geoffrey hier sei und dieser Mann antwortete für ihn.«

Mit einem Schrei des Entsetzens trat sie ihm einen Schritt näher. »Hat er Ihnen gesagt ——?«

»Um Gotteswillen, lesen Sie doch seinen Brief?«

Gewaltsam stieß sie die Hand, mit der er ihr den Brief reichte, von sich. »Sie können mir nicht gerade in’s Gesicht sehen, er hat es Ihnen gesagt?«

»Lesen Sie doch seinen Brief«, wiederholte Arnold, um seinetwillen, wenn nicht um meinetwillen.«

Arnold, dem die peinliche Situation nachgerade unerträglich geworden war, hatte diese letzten Worte mit männlicher Entschlossenheit in Blick und Ton gesprochen.

Sie nahm den Brief. »Verzeihen Sie mir, Herr Brinckworth« sagte sie in einem plötzlichem ebenso überraschenden wie ergreifenden Uebergang zur tiefsten Demuth in Ton und Wesen, »jetzt erst verstehe ich meine Lage recht, ich bin ein zwiefach verrathenes Weib, verzeihen Sie mir, was ich eben gesagt habe, als ich noch einen Anspruch auf Ihre Achtung zu haben glaubte; jetzt werden Sie mir vielleicht Ihr Mitleid nicht versagen, auf etwas Anderes habe ich keinen Anspruch mehr.

Arnold schwieg. Einer so vollkommenen Verzweiflung gegenüber war jedes Wort umsonst. Kein Mensch, selbst Geoffrey nicht, hätte bei ihrem Anblick ungerührt bleiben können. Jetzt erst warf sie einen, Blick auf den Brief, sie öffnete ihn auf der verkehrten Seite. »Mein eigener Brief, sagte sie, »in den Händen eines Dritten!«

»Sehen Sie die letzte Seite an«, sagte Arnold.

Sie sah die letzte Seite an und las die eilig mit Bleistift geschriebenen Zeilen. »O, der Elende, der Elende, der Elende!« Bei der dritten Wiederholung dieser Worte ballte sie den Brief krampfhaft in der, Hand zusammen und schleuderte ihn weit von sich in eine Ecke des Zimmers, aber schon im nächsten Augenblicke hatte sich ihr Zorn wieder gelegt. Schwach und langsam streckte sie die Hand nach dem nächsten Stuhl aus, setzte sich, Arnold den Rücken zugewandt, auf denselben und sagte: »Er hat mich verlassen.« Das war Alles, was sie hervorzubringen vermochte. —— unheimlich unterbrachen diese Worte die tiefe, im Zimmer herrschende Stille; sie waren der Ausdruck eines unermeßlichen Schmerzes.

»Sie haben Unrecht, Sie irren sich! Es ist keine Ausrede, es ist die Wahrheit! Ich war zugegen, als die Nachricht von seinem Vater eintraf.«

Ohne auf seine Worte zu hören, saß sie regungslos’ da und wiederholte: »Er hat mich verlassen!«

»Fassen Sie es doch nicht so auf«, bat Arnold »es ist schrecklich, Sie so reden zu hören, ich weiß gewiß, daß er Sie nicht verlassen hat.« Sie antwortete ihm nicht und gab auf keine Weise zu erkennen, daß sie ihn gehört hatte. Wie vom Schlage getroffen, saß sie da und doch konnte er in diesem Augenblick die Wirthin unmöglich rufen. In seiner verzweifelten Rathlosigkeit, wie er sie wieder zu sich bringen solle, rückte er sich einen Stuhl neben sie und klopfte ihr schüchtern auf die Schultern. Kommen Sie, sagte er in seiner einfach kindlichen, herzlichen Weise, »seien Sie doch guten Muthes.«

Langsam wandte sie den Kopf nach ihm um und sah ihn mit dem Ausdruck stampfen Erstaunens an. »Sagten Sie nicht vorhin, er habe Ihnen Alles erzählt?«

»Ja!«

»Ja? und Sie verachten mich nicht?«

Bei dieser fürchterlichen Frage mußte Arnold an das einzige Wesen denken, das ihm ewig heilig war, an das Weib, das ihm das Leben gegeben hatte.

»Wer seine Mutter geliebt hat,« erwiderte er, »kann kein Weib verachten.«

Diese Antwort brachte ihren bis jetzt zurückgehaltenen Jammer zum Ausbruch; sie reichte ihm die Hand, dankte ihm mit schwacher Stimme und fühlte sich endlich durch einen Strom von Thränen erleichtert.

Arnold stand auf und trat im seiner Verzweiflung an’s Fenster und blickte hinaus.

»Ich meine es gut«, sagte er, »und kann doch nichts thun, als Sie betrüben.«

Sie versuchte es ruhig zu erscheinen. »Nein«, sagte sie, »Ihre Worte sind mir tröstlich, kehren Sie sich nicht an mein Weinen, es thut mir wohl.«

Dabei warf sie ihm einen dankbaren Blick zu. »Ich möchte Sie nicht betrüben, Herr Brinkworth, ich bin Ihnen Dank schuldig und danke Ihnen. Kommen Sie wieder her, wenn ich nicht glauben soll, daß Sie mir zürnen.«

Arnold setzte sich wieder zu ihr.

Sie reichte ihm abermals die Hand. »Man versteht die Menschen nicht gleich,« sagte sie anspruchslos. »Ich glaubte Sie seien wie andere Männer, ich hatte bis heute keine Ahnung davon, wie gut Sie sein können! Sind Sie zu Fuß hergekommen?« fügte sie, um die Unterhaltung aus einen andern Gegenstand zu lenken, hinzu. »Sind Sie müde? Man hat mich freilich hier nicht besonders freundlich ausgenommen, aber ich kann Ihnen doch unbedenklich zur Verfügung stellen, was der Gasthof bietet.«

Es war unmöglich, sie ohne Mitgefühl und ohne Interesse zu betrachten; aber Arnold’s rechtschaffenes Verlangen, ihr zu helfen, trat doch etwas zu deutlich an den Tag, als er jetzt sagte:

»Alles, was ich will ist, mich Ihnen womöglich nützlich zu erweisen, Miß Silvester, kann ich möglicherweise Ihre Stellung hier angenehmer machen? —— Sie wollen doch hier bleiben, nicht wahr Geoffrey wünscht es!«

Sie schauderte und wandte sich ab.

»Ja, ja!« antwortete sie rasch.

»Sie werden morgen oder übermorgen von Geoffrey hören«, fuhr Arnold fort, »er will Ihnen schreiben.«

»Um’s Himmelswillen, reden Sie nicht mehr von ihm, ich kann Ihnen sonst nicht mehr in’s Gesicht sehen.«

Ihre Wangen überflog ein tiefes Roth, aber in festerem Tone fügte sie hinzu:

»Merken Sie wohl, ich bin sein Weib, wenn sein gegebenes Wort mich dazu machen kann,. das er mir bei Allem was heilig ist verpfändet hat.«

Ungeduldig unterbrach sie sich selbst:

»Was sagte ich da? Wie kann Sie diese unglückliche Angelegenheit interessiren? Laffen Sie uns nicht weiter davon reden, ich muß von etwas Anderem zu Ihnen sprechen. Lassen Sie uns auf meine Situation hier im Gasthofe zurückkommen. Haben Sie die Wirthin bei Ihrer Ankunft gesehen?«

»Nein, erwiderte er, »nur den Kellner.«

»Die Wirthin hat abgeschmackter Weise Schwierigkeiten gemacht mir die Zimmer zu vermiethen, weil ich allein bin.«

»Jetzt wird sie keine Schwierigkeiten mehr machen, das habe ich schon in Ordnung gemacht!«

»Sie?«

Arnold lächelte. Nach dem Vorgefallenen war es eine Unaussprechliche Erleichterung für ihn, seine Lage im Gasthofe jetzt einmal in einem humoristischen Licht zu betrachten.

»Gewiß«, antwortete er, »als ich nach der Dame fragte, die, diesen Nachmittag allein hier angekommen sei ——«

»Nun?«

»Habe ich Geoffrey’s Weisung gemäß nach Ihnen als nach meiner Frau gefragt?«

Anne sah ihn überrascht und bestürzt an: »Sie haben nach mir als nach Ihrer Frau gefragt?

»Ja, und habe doch wohl nicht Unrecht gethan? Wenn ich Geoffrey richtig verstanden habe, so blieb mir keine Wahl! Geoffrey sagte mir, Sie hätten mit ihm abgemacht, daß Sie sich hier als eine verheirathete Frau präsentiren wollten, der ihr Mann nachkommen werde.«

»Bei dieser Verabredung habe ich an ihn gedacht, aber nicht an Sie.«

»Natürlich, aber den Leuten hier im Gasthof gegenüber bleibt sich das gleich, nicht wahr?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich will versuchen mich etwas deutlicher auszudrücken. Geoffrey sagte mir, Ihre Aufnahme hier im Gasthofe hänge davon ab, daß ich bei meiner Ankunft nach Ihnen als nach meiner Frau frage, wie er es gethan haben würde, wenn er selbst gekommen wäre.«

»Er hatte kein Recht, das zu sagen!«

Kein Recht? Nach dem was Sie mir eben von der Wirthin gesagt haben, bedenken Sie was daraus »hätte entstehen können, wenn er es mir nicht gesagt hätte. Ich selbst habe nicht viel Erfahrung in solchen Dingen, aber erlauben Sie mir, Sie zu fragen, wäre es nicht sonderbar für einen jungen Mann wie ich gewesen, hierher zu kommen und nicht nach Ihnen als nach meiner Frau gefragt zu haben? Glauben Sie nicht, daß die Wirthin in diesem Falle Ihnen noch größere Schwierigkeiten gemacht hätte, Ihnen die Zimmer zu vermiethen?«

Anne mußte sich sagen, daß die Wirthin ihr in diesem Fall die Zimmer sicherlich nicht vermiethet haben würde und daß die Täuschung, die Arnold gegen die Leute im Gasthofe geübt hatte, in ihrem eigenen Interesse nothwendig gewesen war. Sie traf deshalb kein Vorwurf; es war ja ganz unmöglich für sie gewesen, ein Ereigniß. wie Geoffrey’s Reise nach London vorauszusehen, aber doch empfand sie ein unangenehmes Gefühl der Verantwortlichkeit und konnte sich einer bangen Besorgniß wegen dessen, was aus Arnold’s Verhalten entstehen möchte, nicht erwehren. Unruhig, ihr Schnupftuch krampfhaft in den Händen bewegend, saß sie ohne zu antworten da.

»Denken Sie nicht, daß ich gegen diese kleine Kriegslist etwas einzuwenden habe«, fuhr Arnold fort, »ich will meinem alten Freunde und der Dame, die bald seine Frau sein wird, gern dienen.

Anne sprang plötzlich auf und setzte ihn durch eine sehr unerwartete Frage in Erstaunen. »Herr Brinckworth«, sagte sie, verzeihen Sie die unhöfliche Frage, »wann gehen Sie wieder fort?«

Arnold mußte laut lachen und erwiderte: »Sobald ich mich überzeugt haben werde, daß ich hier nichts mehr für Sie thun kann.«

»Bitte, denken Sie nicht mehr an mich!«

»An wen anders soll ich dann denken?

Anne legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte: »An Blanche!«

»An Blanche?« wiederholte Arnold, der durchaus nicht verstand, was sie sagen wollte.

»Ja, an Blanche! sie hat mir noch vor meiner Abreise von Windygates erzählt, was diesen Morgen zwischen Ihnen und ihr vorgegangen ist. Ich weiß, daß Sie ihr einen Antrag gemacht haben und mit ihr verlobt sind.«

Arnold war durch diese Mittheilung entzückt. Bis jetzt hatte er sie nur ungern sich selbst überlassen wollen, jetzt war er fest entschlossen, bei ihr zu bleiben.

»Jetzt gehe ich erst recht nicht; kommen Sie, setzen Sie sich zu mir und lassen Sie uns ein wenig von Blanche plaudern.«

Anne lehnte das mit einer ungeduldigen Handbewegung ab.

Arnold war aber bei dieser Frage zu lebhaft interessirt, als daß er davon Notiz genommen hätte. »Sie kennen ihren Geschmack und ihre Gewohnheiten, was sie mag und was sie nicht mag; es ist höchst wichtig für mich, mich mit Ihnen darüber zu unterhalten. Wenn wir verheirathet sind, soll Blanche in jeder Beziehung ihren eigenen Willen haben, so fasse ich die Pflicht eines Ehemannes gegen seine Frau auf. Sie stehen noch immer? Erlauben Sie mir Ihnen einen Stuhl zu geben.«

»Ihm dies abzuschlagen, war grausam, unter anderen Umständen wäre es unmöglich gewesen. Aber Anne konnte sieh nicht einschließen, die unbestimmten Besorgnisse vor schlimmen Folgen, die sich ihrer bemächtigt hatten, leicht zu nehmen. —— —— —— ——

Sie und, um gerecht zu sein, auch Geoffrey, hatten keine klare Vorstellung von der Gefahr, welcher Arnold sich aussetzte, als er seine Mission nach dem Gasthofe unternahm. Keiner von ihnen wußte, wie überhaupt wenige Menschen es wissen, wie schmachvoll leicht das schottische Recht es macht, ledige Menschen, ohne daß sie durch irgend eine Warnung oder Vorsichtsmaßregel davor geschützt wären, in die Falle eines Ehebündnisses zu locken. Aber während Geoffrey ganz unfähig war, eine Sachlage über den nächsten Moment hinaus zu verfolgen, ahnte die seiner organisirte Anne, daß in einem Lande, in welchem heimliche Ehen mit einer Leichtigkeit geschlossen werden, welche sie sich in ihrem eigenen Falle zu Nutze zu machen bemüht war, ein Mann nicht so wie Arnold es gethan hatte, handeln könne, ohne sich der Gefahr ernster Verlegenheiten auszusetzen. Dieser Gadanke war es, der sie bewegte, als sie sich entschieden weigerte, in Arnold’s Bitte zu willigen und sich in ein vertrauliches Gespräch über Blanche mit ihm einzulassen.

»Was wir uns auch über Blanche zu sagen haben, Herr Brinckworth, wir müssen es uns für eine spätere Zeit versparen. Bitte verlassen Sie mich!«

»Sie verlassen?«

»Ja, überlassen Sie mich der Einsamkeit, die für mich das Beste ist, und meinem Kummer, nehmen Sie meinen Dank und leben Sie wohl!«

Arnold machte keinen Versuch, seine Enttäuschung und seine Ueberraschung über diese Erklärung zu verhehlen. »Wenn Sie darauf bestehen, daß ich gehe«, sagte er, »so bleibt mir allerdings nichts Anderes übrig, aber warum drängen Sie mich zu solcher Eile?«

»Ach möchte nicht in den Fall kommen, mich den Leuten hier im Gasthofe Ihre Frau nennen zu müssen.«

»Ist das Alles? Was»in aller Welt fürchten Sie dabei?«

Sie war unfähig, sich selbst über ihre Besorgnisse klare Rechenschaft, und noch viel unfähiger, ihren Besorgnissen einen klaren Ausdruck zu geben. In ihrem ängstlichen Bestreben irgend einen Grund vorzubringen, der Arnold vermögen würde, sie sofort zu verlassen, ging sie nun doch auf die Unterhaltung über Blanche ein, die sie noch eben vorher abgelehnt hatte. »Ich habe zwei Gründe besorgt zu sein«, sagte sie, »den einen kann ich Ihnen nicht mittheilen, den andern will ich Ihnen sagen. Wie, wenn Blanche hörte, was Sie gethan haben? Je länger Sie hier bleiben, je mehr Leute Sie sehen, desto größer ist die Gefahr, daß Blanche davon hört.«

»Und wenn sie nun davon hört?« fragte Arnold in seiner treuherzigen Weise, »glauben Sie, daß sie mir zürnen würde, wenn ich mich Ihnen nützlich gemacht habe?«

»Allerdings«, antwortete sie in scharfem Tone, »wenn sie eifersüchtig auf mich sein sollte.«

Arnold’s unbegrenztes Vertrauen zu Blanche sprach sich ohne das leiseste Bedenken in den drei Worten aus«: »Das ist unmöglich!«

Aengstlich besorgt und elend wie Anne war konnte sie sich doch eines leichten Lächelns bei diesen Worten nicht erwehren.

»Sir Patrick würde Ihnen sagen, daß nichts in dieser Welt unmöglich ist, wo Frauen im Spiele sind.«

Auf der Stelle ließ sie den leichten Ton wieder fallen und fuhr dann ernsthaft fort; »Sie können sich nicht an Blanche’s Stelle versetzen, aber ich kann es; noch einmal, ich bitte Sie, verlassen Sie mich. Die Art, wie Sie hergekommen sind, gefällt mir ganz und gar nicht.

Sie reichte ihm die Hand zum Abschiede.

In demselben Augenblick wurde stark an die Thür geklopft Anne sank in ihren Stuhl und stieß einen leisen Schrei aus.

Arnold, der durchaus keine Ahnung von der Bedenklichkeit seiner Situation hatte, fragte sie, was sie so erschrecke und; rief »Herein.«



Kapiteltrenner


Zweiter Band.

Zehntes Kapitel - Bishopriggs

Das Klopfen an der Thür wurde noch lauter wiederholt.

»Sind Sie taub!« schrie Arnold hinaus. Die Thür öffnete sich ganz langsam und herein trat mit geheimnißvoller Miene Bishopriggs, ein Tischtuch über dem Arm und von dem zweiten Kellner der das Tischservice auf einem Brete trug, gefolgt.

»Was zum Teufel hatten Sie zwei Mal zu klopfen?« fragte Arnold. »Ich habe ja herein gerufen.«

»Und ich«, antwortete Bishopriggs, »ich habe Ihnen gesagt, daß ich nicht ohne anzuklopfen hereinkommen würde. O, mein verehrter Herr«, fuhr er fort, indem er den zweiten Kellner entließ und mit seinen eigenen ehrwürdigen Händen den Tisch zu decken anfing, »glauben Sie, daß ich so lange Jahre im Hotel hier bin, ohne zu wissen, wie jung verheirathete Leute ihre Zeit hinbringen, wenn sie allein sind? Zwei Mal Klopfen und ein behutsames Oeffnen der Thür ist das Wenigste, was man für sie thun kann. Was meinen Sie, wenn ich die Couverts für Sie und Ihre Frau hier legte?«

Anne trat mit unverhohlenem Widerwillen an’s Fenster. Arnold aber fand Bishopriggs ganz unwiderstehlich. Er ging auf den Scherz ein und antwortete:

»Nun, ich denke eines oben und eines unten am Tisch!«

»Eines oben und eines unten am Tisch?« antwortete Bishopriggs im Tone tiefster Entrüstung. »I, bewahre, beide müssen so dicht neben einander liegen wie möglich. Habe ich es nicht schon trotz des vielen Klopfens an der Thür erlebt, daß die junge Frau auf dem Schooße ihres Mannes dinirte und den Appetit des Mannes dadurch reizte, daß sie ihn mit ihrer Gabel fütterte, wie ein Kind. O,« seufzte der Weise von Craig-Fernie, »die Honigmonde sind kurz, aber schön. Vier Wochen kosen und girren sie und dann können sie den Rest ihres Lebens damit zubringen, darüber nachzudenken, wie sie je solche Narren sein konnten. —— Sie nehmen doch eine Flasche Sherry und nachher ein Gläschen Toddy zum Nachtisch?«

Arnold nickte und trat auf ein Zeichen von Anne zu ihr an’s Fenster. Bishopriggs sah ihnen aufmerksam nach, bemerkte, daß sie mit einander flüsterten und fand diese Art eines jung verheiratheten Paares, sich in Gegenwart von Kellnern zu Benehmen, seiner langjährigen Erfahrung gemäß ganz in der Ordnung.

»O, o«, sagte er, über die Schulter blickend, zu Arnold, »gehen Sie nur zu Ihrem Schatz und überlassen Sie mir den nüchternen Ernst des Lebens, wie es schon in der Bibel geschrieben steht: »Der Mann soll Vater und Mutter verlassen —— und Ihr Vater bin ich —— und seiner Frau anhängen —— —— Meiner Treu, »»anhängen««, ist ein etwas starkes Wort.« Er schüttelte nachdenklich mit dem Kopf und trat an einen in der Ecke stehenden Tisch, um das Brod zu schneiden. Als er das Messer ergriff, entdeckte er mit seinem einen sehenden Auge ein Stück zerknittertes Papier, das zwischen dem Tische und der Wand am Boden lag. Es war der Brief Geoffrey’s, den Anne in ihrer ersten Entrüstung über den Inhalt desselben von sich geschleudert hatte und an den weder sie noch Arnold weiter gedacht hatten. »Was liegt denn da?« murmelte Bishopriggs leise vor sich hin, »Papier auf dem Boden, den ich mit meinen eigenen Händen gesäubert habe?« Er nahm das zerknitterte Papier auf und öffnete es ein wenig. »Was ist das?« »Hier mit Dinte geschriebene Worte und da Bleistiftschrift? Wem mag das gehören!« Vorsichtig sah er sich nach Arnold und Anne um, sie kehrten ihm noch immer den Rücken zu und flüsterten angelegentlich mit einander. »Die haben das längst vergessen dachte Bishopriggs. »Wenn ich nun ein dummer Kerl wäre, so würde ich vielleicht meine Pfeife mit dem Papier anzünden und hinterdrein überlegen, ob ich nicht besser gethan hätte, es zu lesen. Was thut aber ein weiser Mann wie ich?« Er beantwortete diese Frage, indem er den Brief in die Tasche steckte. Vielleicht ist er der Aufbewahrung Werth, vielleicht aber auch nicht. Darüber konnte er sich in einem ruhigen Augenblick nach sorgfältiger Untersuchung, in fünf Minuten vergewissern. »Jetzt gehe ich, das Essen zu holen«, rief er Arnold zu, »und merken Sie wohl, wenn ich nun wieder hereinkomme, das Bret in beiden Händen und Gicht in beiden Füßen, kann ich nicht vorher anklopfen.« Mit dieser freundlichen Warnung ging Bishopriggs hinaus und begab sich in die Küche.

Arnold fuhr fort, sich mit Anne über die Frage, ob er sie verlassen solle oder nicht, zu unterhalten.

»Sie sehen, es geht nicht anders«, sagte er. »Der Kellner ist eben hinausgegangen, um das Essen zu holen. Was würden hier wohl die Leute denken, wenn ich in diesem Augenblick fortginge und meine Frau allein essen ließe?«

Für den Augenblick erschien Arnold’s Verbleiben so unzweifelhaft nothwendig, um den äußeren Anstand zu wahren, daß Anne kein Wort weiter dagegen sagte. Allerdings beging Arnold durch sein ganzes Auftreten eine große Unvorsichtigkeit, aber in diesem Augenblick hatte er doch Recht. —— —— —— —— —— ——

Anne’s Unbehagen über dieses ihr durch die Umstände abgerungene Zugeständniß entlockte ihr das erste Zeichen der Ungeduld. Sie ließ Arnold am Fenster stehen und warf sich auf’s Sopha.

»Auf mir scheint ein Fluch zu lasten«, dachte sie bei sich, »das stimmt ein schlechtes Ende und ich werde verantwortlich dafür sein.«

Inzwischen hatte Bishopriggs das Essen fertig in der Küche vorgefunden. Anstatt das Bret, auf welchem das Essen stand, sofort in das Wohnzimmer zu bringen, trug er es zunächst in seine Geschirrkammer und verschloß die Thür hinter sich.

»Da lieg’ du ruhig, bis die Zeit gekommen sein wird, dann will ich mich mit dir wieder beschäftigen«, sagte er, indem er den Brief sorgfältig in die Schublade eines Tisches verschloß. »Beschäftigen wir uns jetzt einen Augenblick mit dem Mittagessen der beiden Turteltauben im Gastzimmer«, fuhr er fort, indem er sieh dem Bret zuwandte, — »ich muß mich doch überzeugen, ob die Köchin ihre Pflicht gethan hat,«— die Liebesleute sind ja nicht im Stande, diese Frage zu entscheiden.«

Er nahm von einer der Schüsseln den Deckel ab und kostete zu verschiedenen Malen mit seiner Gabel von deren Inhalt. »Die Fleischklöße sind nicht schlecht«; dann hob er einen andern Deckel auf und schüttelte bedenklich den Kopf. »Da ist das Gemüse, ich halte nicht viel von Gemüse, das ist nichts für einen Mann in meinen Jahren.« Er setzte den Deckel wieder auf die Schüssel und kostete von einer dritten, in der sich Fische befanden. »Warum zum Henker hat die Person die Forellen gebraten, das nächste Mal soll sie den Fisch mit etwas Salz und einem Löffel voll Essig kochen.« Dann entkorkte er eine Flasche Sherry und goß den Wein in eine Krystall-Flasche. »Herrlicher Scherry«, rief er aus, indem er die Krystal-Flasche gegen das Licht hielt: »aber er könnte doch nach dem Korke schmecken, ich muß ihn doch einmal probiren! Das ist meine Pflicht als rechtschaffener Mann«, und er erfüllte diese Pflicht in so ausgiebiger Weise, daß ein ganz beträchtlicher leerer Raum in der Krystal-Flasche entstand.

Ohne eine Miene zu verziehen, füllte Bishopriggs denselben wieder mit dem Inhalt der Wasserflasche auf.

»Damit mache ich den Wein gerade um zehn Jahre älter, die Turteltauben werden sich darum nicht schlechter stehen und ich befinde mich um einen guten Schluck Sherry besser. Dem Himmel sei für alle guten Gaben gedankt.«

Nachdem er dieses fromme Dankgebet verrichtet hatte, nahm er das Bret wieder auf und entschloß sich, nun den Turteltauben ihr Mittagessen zu bringen.

Die während der Abwesenheit Bishopriggs in’s Stocken gerathene Unterhaltung war wieder in Gang gekommen. Zu ruhelos, um es lange an einem Platz auszuhalten, war Anne wieder vom Sopha ausgestanden und zu Arnold an’s Fenster getreten.

»Wo glauben Ihre Freunde in Windygates, daß Sie hingegangen sind?« fragte sie plötzlich.

»Sie glauben«, erwiderte Arnold, »daß ich nach meinem Gute gereist bin, um Besitz von demselben zu nehmen und meine Pächter kennen zu lernen.«

»Und wie wollen Sie heute Abend noch Ihr Gut erreichen?

»Ich denke mit der Eisenbahn! Beiläufig, was soll ich sagen, wenn ich Sie nach. Tische verlasse. Ganz gewiß wird die Wirthin sehr bald zu uns hereinkommen. Was wird sie sagen, wenn ich allein nach der Station gehe und meine Frau hier zurücklasse?«

»Herr Brinkworth, wenn das»ein Scherz sein soll, so ist er ein sehr unpassender.«

»Verzeihen Sie«, sagte Arnold.

»Ueberlassen Sie nur mir Ihre Entschuldigung«, fuhr Anne fort. »Gehen Sie nach Süden oder nach Norden?«

Plötzlich öffnete sich die Thür und Bishopriggs kam mit dein Essen herein.

Anne trat rasch von Arnold weg.

Bishopriggs’ sehendes Auge folgte ihr vorwurfsvoll, während er die Speisen auf den Tisch setzte. »Ich habe es Ihnen doch Beiden gesagt, daß ich dies Mal unmöglich anklopfen könne, also schelten Sie mich nicht, Madame! Mich nicht.«

»Wo wollen Sie sitzen?« fragte Arnold, um Anne’s Aufmerksamkeit von den vertraulichen Reden Bishopriggs abzulenken.

»Ganz einerlei, ganz einerlei,«« antwortete sie ungeduldig, indem sie einen Stuhl ergriff und ihn an das eine Ende des Tisches setzte.

Bishopriggs aber nahm mit einer höflichen, aber sehr entschiedenen Bewegung den Stuhl weg und stellte ihn wieder an seinen ursprünglichen Platz.

»Um’s Himmels Willen was machen Sie?« Das ist ja gegen alle Sitten und Gebrauche der Flitterwochen, sich so weit von seinem Manne wegzusetzen«, und damit wies er mit seiner Serviette auf einen der Stühle, die er so dicht wie möglich neben einander gestellt hatte.

Arnold legte sich abermals in’s Mittel und verhinderte einen wiederholten Ausbruch der Ungeduld Annes. »Was liegt daran«, sagte er, »lassen Sie den Mann doch gewähren.«

»Machen Sie der Sache, so bald wie möglich ein Ende«, erwiderte sie, »ich kann und will es»nicht länger mehr ertragen.«

Sie setzten sich an den Tisch und Bishopriggs stellte sich hinter die Stühle in der zwiefachen Eigenschaft eines major domus und eines Schutzengels.

»Hier ist eine Forelle«, rief er, indem er den Deckel mit einem Schwunge von der Schüssel nahm. »Vor einer halben Stunde hat sie noch im Wasser gezappelt und da liegt sie nun gebraten auf dem Tisch, ein Symbol des menschlichen Lebens; wenn Sie sich einen Augenblick mit etwas Anderem befassen können, als mit sich selbst, so denken Sie ein Bischen darüber nach!«

Arnold nahm einen Löffel, um Anne mit einer Forelle zu bedienen.

Bishopriggs aber setzte den Deckel plötzlich wieder mit dem Ausdruck eines frommen Schauders auf die Schüssel und fragte: »Will denn Keines von Ihnen das Tischgebet sagen?«

»Lassen Sie«, sagte Arnold, »der Fisch wird ja kalt!«

Bishopriggs schloß sein sehendes Auge in frommer Andacht und hielt den Deckel fest auf der Schüssel. »Gelobt sei Gott für Speise und Trank«, sagte er, öffnete sein Auge dann wieder und nahm den Deckel ab »Jetzt ist mein Gewissen beruhigt; nun greifen Sie zu.«

»Schicken Sie ihn doch hinaus«, sagte Arme, »seine Vertraulichkeit wird unerträglich.«

»Sie brauchen uns nicht mehr aufzuwarten«, sagte Arnold.

»O, dazu bin ich ja hier«, wandte Bishopriggs ein. »Wozu soll ich erst hinausgehen und wieder hereinkommen, um die Teller zu wechseln?« Er dachte einen Augenblick nach, musterte seine Erfahrungen und gelangte zu einem befriedigenden Schluß in Betreff der Motive Arnold’s bei seinen Wünschen, ihn los zu werden. »Nehmen Sie sie nur ruhig auf den Schooß«, flüsterte er Arnold in’s Ohr »und füttern Sie ihn nur gern mit der Gabel, wenn Sie Lust haben«, fügte er zu Anne gewandt hinzu, »ich denke an etwas Anderes und sehe zum Fenster hinaus.« Er zwinkerte mit dem Auge und trat an’s Fenster.

»Versuchen Sie doch einmal die komische Seite dieser Situation zu sehen, wie ich es thue!« flüsterte Arnold Anne zu.

Bishopriggs trat wieder vom Fenster zurück und meldete das Herannahen eines neuen, für die Situation der Beiden störenden Elements »Meiner Treu«, sagte er. »Sie sind im rechten Augenblick hergekommen, es ist ein schlechtes Reisen hier im Gewitter.«

Anne fuhr zusammen und sah sich nach ihm um. »Zieht ein Gewitter herauf?« rief sie.

»Sie sind hier gut aufgehoben, seien Sie wegen des Gewitters unbesorgt. Sehen Sie da die Wolke im Thal?« fügte er hinzu, indem er zum Fenster hinauswies, »die von einer Seite herauszieht, während der Wind aus einer andern Richtung weht, das bedeutet ein herannahendes Gewitter, Madame!«

Wieder wurde an die Thür geklopft Wie es Arnold vorausgesehen hatte, erschien dieses Mal die Wirthin. »Ich komme nur«, sagte diese, indem sie sich ausschließlich an Arnold wandte, »Um zu sehen, ob Sie Alles haben, was Sie wünschen.«

»O, Sie sind die Wirthin? Alles sehr gut, Alles sehr gut!«

Mrs. Inchbare hatte aber ihre besonderen Gründe jetzt hereinzukommen und sprach dieselben ohne alle weitere Vorrede aus. »Sie werden entschuldigen, mein Herr«, fuhr sie fort, »ich war nicht da, als Sie ankamen, sonst würde ich mir schon damals erlaubt haben die Frage an Sie zu richten, die ich jetzt thun muß; habe ich recht verstanden, daß Sie für sich und Ihre Frau, diese Dame, die Zimmer miethen?«

Anne wollte antworten, aber Arnold brachte sie durch einen sehr ausdrucksvollen Händedruck unter dem Tisch zum Schweigen. »Vollkommen richtig, vollkommen richtig«, sagte er, »ich nehme die Zimmer für mich und diese Dame, meine Frau.«

Anne versuchte zum zweiten Male zu reden. »Dieser Herr ——« fing sie an. Arnold brachte sie zum zweiten Mal zum Schweigen.

»Dieser Herr?« wiederholte Mrs. Inchbare mit Erstaunen, »verzeihen Sie einer einfältigen Frau, gnädige Frau, meinen Sie damit Ihren Mann?«

Arnold’s warnende Hand berührte Anne zum dritten Male. Mrs. Inchbare’s Augen hafteten erbarmungslos fest auf Anne. »Wenn Anne dem Widerspruch, der auf ihren Lippen schwebte, Ausdruck gegeben hätte, würde sie Arnold zum Dank für Alles, was er für sie gethan hatte, in das ihrer Erklärung unausbleiblich folgende Gerede über einen skandalösen Austritt, mit hineingezogen haben, ein Gerede, das leicht biss zu Blanches Ohren gelangen konnte. Bleich und kalt, die Augen fest auf den Tisch gerichtet, bestätigte sie die, in der Frage der Wirthin liegende Berichtigung und wiederholte mit schwacher Stimme die Worte: »Mein Mann —— —— ——?«

Mrs. Inchbare athmete erleichtert auf und wartete, was Anne noch weiter zu sagen haben werde. Aber Arnold legte sich rechtzeitig in’s Mittel und coniplimentirte die Wirthin zum Zimmer hinaus.

»Laß es gut sein, mein Kind,« sagte er zu Anne, »es wird schon vorüber gehen« —— und dann zur Wirthin gewandt: »Sie ist immer so, wenn ein Gewitter heraufzieht, ich danke Ihnen recht sehr, ich weiß schon, was ihr in solchen Fällen Noth thut, wir wollen nach Ihnen schicken, wenn wir Ihrer bedürfen.«

»Wie Sie befehlen, mein Herr« antwortete Mrs. Inchbare. Sie wandte sich der Thür zu und begleitete ihre Entschuldigung bei Anne mit einem tiefen steifen Knix.

»Nichts für ungut, gnädige Frau, Sie dürfen gefälligst nicht vergessen, daß Sie allein hergekommen sind und daß das Hotel für die Aufrechterhaltung seines guten Namens zu sorgen hat.« Nach dieser nochmaligen Rechtfertigung des Hotels ging sie endlich zur Thür hinaus.

»Ich fühle mich schwach«, flüsterte Arme, »Bitte »etwas Wasser.«

Es war keins auf dem Tisch. Arnold hieß Bishopriggs, der während der ganzen Zeit, wo die Wirthin im Zimmer gewesen war, wie das Muster eines bescheidenen Aufwärters dagestanden hatte, frisches Wasser bringen.

»Herr Brinckworth«, sagte Anne, als sie allein waren, »Sie handelten sehr unüberlegt. Die Frage war eine Impertinenz, warum haben Sie mich gezwungen ——«, unfähig, den Satz zu vollenden, hielt sie plötzlich inne.

Arnold bestand darauf, daß sie etwas Wein trinke und unternahm dann seine Vertheidigung mit der rücksichtsvollen Geduld, die er vom ersten Augenblick an gegen sie beobachtet hatte. »Ebenso gut könnten Sie mich fragen«, sagte er gutmüthig, »Warum ich es nicht ruhig zuließ, daß man Ihnen in dem Augenblick, wo ein Gewitter heraufzieht und wo Sie nirgends anders ein Unterkommen finden würden, die Thür des Gasthofes wies. Nein, nein, Miß Silvester, es fällt mir nicht ein, Ihre Bedenken ganz abweisen zu wollen, aber einer Frau wie der Wirthin gegenüber, sind solche Bedenken sehr am unrechten Orte. Ich bin Geoffrey für Ihre Sicherheit verantwortlich und Geoffrey rechnet darauf, Sie hier zu finden. Lassen Sie uns von etwas Anderem reden. Es dauert lange bis das Wasser kommt. Trinken Sie noch ein Glas Wein, wollen Sie nicht?« Er schenkte sich selbst ein Glas Wein ein; »nun, so trinke ich auf Blanche’s Gesundheit in dem schlechtesten Sherry, den ich in meinem Leben gekostet habe.«

Gerade als er sein Glas wieder niedersetzte trat Bishopriggs mit dem Wasser ein. Arnold empfing ihn mit einer satyrischen Begrüßung »Nun, bringen Sie das Wasser, oder haben Sie es schon vorher zu dem Sherry verbraucht?

Bishopriggs blieb wie angewurzelt stehen und that sehr entrüstet über den Gedanken einer Vermischung des Weins mit Wasser. »Reden Sie so von einer Flasche des ältesten Weins in Schottland?« fragte er ernst. »O, wohin ist es mit der Welt gekommen, die Ideen der jungen Leute sind für mich völlig unergründlich. Für sie sind die Gaben der Vorsehung, wie sie aus dem schönsten Weinberge Spaniens wachsen, offenbar rein weggeworfen.«

»Bringen Sie das Wasser?«

»Ich bringe das Wasser und noch mehr, Nachrichten von draußen. Da ist eine Gesellschaft von Herren zu Pferde, die hier vorüber nach dem eine Viertel Stunde entfernten sogenannten Jagdschlößchen reiten.«

»Nun was geht uns das an?«

»Warten Sie nur einen Augenblick. Einer von den Herren hat hier abgesessen und fragte nach der Dame, die hier allein angekommen sei. Ich wette sechs Pence, daß er Ihre Frau meint. Ich denke«, fügte Bishopriggs an’s Fenster tretend hinzu, »das geht Sie doch wohl etwas an!«

Arnold sah Anne an: »Erwarten Sie Jemand?«

»Kann es Geoffrey sein!«

»Unmöglich, er ist auf dem Weg nach London.«

»Da kommt er schon herein«, nahm Bishopriggs am Fenster stehend wieder auf. »Er steigt eben vom Pferd und lenkt seine Schritte hierher. Gott sei mir gnädig«, rief er mit einem Male ganz bestürzt, »was sehe ich, das ist ja der verfluchte Kerl Sir Patrick in Person!«

Aruold sprang auf. »Meinen Sie Sir Patrick Lundie?«

Anne eilte an’s Fenster. »Ja wohl ist es Sir Patrick!« sagte sie, »verstecken Sie sich, ehe er herein kommt.«

»Mich verstecken?«

»Was soll er davon denken, wenn er Sie hier findet.«

Er war Blanche’s Vormund und glaubte Arnold in diesem Augenblick auf seinem Gute. Was er also davon denken würde, war nicht schwer. vorauszusehen.

Arnold wandte sich in seiner Verlegenheit an Bishopriggs.

»Wo kann ich mich verstecken?«

Bishopriggs wies auf das Schlafzimmer. »Wo Sie sich verstecken können? In der Brautkammer?«

»Unmöglich!«

Bishopriggs gab dem tiefsten Erstaunen, das ein Mensch empfinden kann, durch ein kurzes Pfeifen Ausdruck. »Was!« So sprechen Sie jetzt schon von der Brauikammer?«

»Zeigen Sie mir ein anderes Zimmer, es soll Ihr Schaden nicht sein.«

»Wollen Sie in meine Geschirrkammer gehen? Die Thür am Ende des Vorplatzes führt Sie gerade hinein.«

Arnold eilte hinaus.

Bishopriggs, der überzeugt war, daß er hier ein entflohenes Paar vor sich habe und daß Sir Patrick sie in der Eigenschaft eines Vormundes verfolge, wandte sich mit dem Ausdruck freundschaftlicher Vertraulichkeit an Anne: »Meine liebe Madame, es ist eine schlimme Geschichte mit Sir Patrick zu thun zu haben, den täuscht man nicht leicht, wenn Sie das versucht haben sollten. Sie müssen wissen, daß ich einmal Schreiber bei ihm in Edinburg gewesen bin.«

In diesem Augenblick erscholl Mrs. Inchebar’s scharfe Stimme mit einem Ruf nach dem Oberkellner und Bishopriggs verschwand auf der Stelle.

Anne blieb jetzt am Fenster stehend allein zurück. Es war klar, daß ihr Zufluchtsort in Windygates entdeckt worden war; jetzt galt es sich zu entscheiden, ob es klug sein würde, Sir Patrick zu empfangen, um zu erfahren, ob er als Freund oder als Feind nach dem Gasthofe gekommen sei.



Kapiteltrenner


Elftes Kapitel - Sir Patrick

Dieser Zweifel war bereits entschieden, bevor noch Anne einen Entschluß fassen konnte. Sie stand noch am Fenster, als die Thür sich öffnete und Sir Patrick, von Bishopriggs demüthigst hineingewiesen, eintrat.

»Willkommen Sir Patrick, Ihr Anblick thut meinen Augen wohl«

Sir Patrick wandte sich um und sah Bishopriggs mit einem Blick an, mit dem er etwa eine zum Fenster hinausgejagte und wieder hereingeflogene Mücke angesehen haben würde.

»Was, Du Schuft, hast Du endlich eine anständige Stelle gefunden?«

Bishopriggs rieb sich vergnügt die Hände und ging bereitwilligst auf den von Sir Patrick angeschlagenen Ton ein.

»Sie treffen immer den Nagel auf den Kopf, Sir Patrick; vortrefflich, vortrefflich, wie Sie sagen, habe ich endlich eine anständige Stelle gefunden. Aber wie gut Sie sich conservirt haben, Sir Patrick!«

Sir Patrick machte Bishopriggs’ Redefluß mit einer Handbewegung ein Ende und trat auf Anne mit den Worten zu:

»Ich erscheine vor Ihnen als ein Eindringling, mein Fräulein, und kann daher kaum auf Ihre Verzeihung rechnen, doch gebe ich mich der Hoffnung hin, daß Sie mich entschuldigen werden, wenn ich Ihnen die Gründe meines Erscheinens mitgetheilt haben werde.«

Er sprach diese Worte im Tone ausgesuchter Höflichkeit. Seine Bekanntschaft mit Anne war eine ganz oberflächliche Wie die meisten Männer war er bei den wenigen Gelegenheiten, wo er sie gesehen hatte, für ihre ungezierte Grazie und Anmuth nicht unempfänglich gewesen; das war aber auch Alles. Hätte er der gegenwärtigen Generation angehört, so würde er unter den obwaltenden Umständen unfehlbar sich einer der herrschenden Unsitten schuldig gemacht haben, der Neigung, einer ungewöhnlichen Situation gegenüber eine theatralische Haltung anzunehmen. Ein der gegenwärtigen Generation angehöriger Mann würde in Sir Patrick’s Lage Anne eine sogenannte echt ritterliche Ehrerbietung gezeigt und sie in einem Tone gemachter Sympathie angeredet haben, die wirklich zu empfinden für einen Fremden vollkommen unmöglich war. Sir Patrick affectirte nichts der Art. Eine der herrschenden Neigungen seiner Zeit hatte in der Beflissenheit bestanden, fortwährend sein besseres Selbst zu verleugnen, eine Untugend, die genau genommen viel weniger gefährlich war, als die Beflissenheit, fortwährend sein besseres Selbst hervorzukehren, wie sie in der Gesellschaft unserer Zeit im privaten wie im öffentlichen Leben an der Tagesordnung ist. Sir Patrick zeigte bei dieser Gelegenheit weniger Sympathie, als er wirklich empfand. Gegen alle Damen höflich, war er auch gegen Anne höflich wie immer, aber nichts mehr.

»Ich kann mir durchaus nicht denken«, sagte sie, »was Sie hierher führt; der Kellner sagt mir, daß Sie zu einer Gesellschaft von Herren gehören, die an dem Wirthshause vorüber geritten sind und Alle bis auf Sie ihren Weg fortgesetzt haben.«

Mit diesen vorsichtigen Worten eröffnete Anne ihrerseits das Gespräch mit dem unwillkommenen Besuch.

Sir Patrick erwiderte ohne eine Spur von Verlegenheit: »Der Kellner hat vollkommen Recht; ich gehöre zur Jagdgesellschaft und habe die Herren gebeten, ohne mich nach dem Waldschlößchen weiter zu reiten. Darf ich, nachdem ich dies zugegeben habe, auf Ihre Erlaubniß hoffen, Ihnen die Veranlassung meines Besuches zu erklären.«

Mit einem ganz begreiflichen Argwohn gegen Sir Patrick, als eine von Windygates kommende Person, antwortete Anne in wenigen förmlichen Worten so kalt wie vorher:

»Erklären Sie diese Veranlassung, wenn ich bitten darf, so kurz wie möglich.«

Sir Patrick verbeugte sich. Er fühlte sich nicht im Geringsten beleidigt, vielmehr, wenn es, ohne ihn in der öffentlichen Achtung herabzusetzen, gesagt werden darf, innerlich ergötzt. In dem Bewußtsein, in der redlichsten Absicht, sowohl im Interesse Anne’s, als auch der Damen von Windygates sich nach dem Gasthofe verfügt zu haben, konnte er sich jetzt, als er sah, wie das Mädchen, zu dessen eigenem Besten er gekommen war, ihn abzuwehren suchte, einer humoristischen Anwandlung nicht erwehren. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, seine Mission in der ihm eigenthümlich launigen Weise zu behandeln. Er nahm mit ernster Miene die Uhr aus der Tasche und merkte sich auf die Sekunde die Zeit, bevor er wieder zu reden anfing.

»Ich habe Ihnen ein Ereigniß mitzutheilen bei welchem Sie interessirt sind,« sagte er, »und zwei Aufträge an Sie auszurichten, die anzunehmen, Sie hoffentlich sich nicht weigern werden. Das Ereigniß werde ich Ihnen in einer Minute erzählen können, die Aufträge werde ich in weiteren zwei Minuten ausrichten, so daß die ganze Zeit meines unbefugten Eindringens bei Ihnen, nicht länger als drei Minuten dauern wird.«

Er rückte einen Stuhl für Anne herbei und wartete ruhig, bis sie ihm durch eine Handbewegung gestattete, für sich selbst einen zweiten Stuhl herbeizuholen.

»Wir wollen mit dem Ereigniß anfangen«, nahm er wieder auf. »Ihr Aufenthalt in diesem Gasthof ist kein Geheimniß in Windygates; eine der weiblichen Dienstboten hat Sie auf dem nach Craig-Fernie führenden Weg gesehen, woraus man dann den sehr natürlichen Schluß gezogen hat, daß Sie sich auf dem Wege zu diesem Gasthofe befänden. Es ist vielleicht für Sie von Wichtigkeit, das zu wissen, und ich habe mir die Freiheit genommen, Ihnen dies mitzutheilen.«

Er sah nach der Uhr. Der Bericht der Begebenheit hatte eine Minute gedauert. Er hatte ihre Neugierde erregt.

»Welche von den Dienstboten hat mich gesehen?« fragte sie unwillkürlich.

Sir Patrick lehnte es, die Uhr in der Hand, ab, die Unterhaltung durch Eingehen auf ihre etwa auftauchenden Fragen ungebührlich zu Verlängern.

»Verzeihen Sie mir, aber ich habe Ihnen mein Wort verpfändet, daß ich Sie nur drei Minuten in Anspruch nehmen will. Ich habe keine Zeit auf Ihre Frage in Betreff des Frauenzimmers einzugehen. Mit Ihrer gütigen Erlaubniß werde ich jetzt meine Aufträge ausrichten.«

Anne schwieg.

»Erster Auftrags: fuhr Sir Patrick fort. »Lady Lundie’s Empfehlungen an die bisherige Gouvernante ihrer Stieftochter —— deren jetziger Name ihr unbekannt ist. Lady Lundie muß zu ihrem Bedauern erklären, daß Sir Patrick, als Haupt der Familie, gedroht hat, nach Edinburg zurückzukehren, wenn sie sich nicht dazu verstehen sollte, sich in ihrem Verfahren gegen ihre bisherige Gouvernante von ihm leiten zu lassen; Lady Lundie giebt demgemäß ihre Absicht auf, selbst nach dem Gasthofe von Craig-Fernie zu kommen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu geben und eine Untersuchung anzustellen, und überläßt es Sir Patrich ihre Gesinnungen kund zu thun, indem sie sich das Recht vorbehält, bei der nächsten passenden Gelegenheit eine Untersuchung anzustellen. Durch die Vermittlung ihres Schwagers erlaubt sie sich, der bisherigen Gouvernante mitzutheilen, daß aller Verkehr zwischen ihnen aufhören und daß sie es ablehnen muß, bei vorkommenden Gelegenheiten irgend welche Auskunft zu ertheilen. Das ist die wörtliche Wiedergabe der Ansicht, welche Lady Lundie über Ihr plötzliches Verschwinden von Windygates ausgesprochen hat. —— Jetzt sind zwei Minuten vergangen!«

Anne erröthete ihr Stolz war gekränkt.

»Die Impertinenz der Botschaft Lady Lundie’s überrascht mich durchaus nicht«, sagte sie; »was mich wundert ist nur, daß Sir Patrick sich dazu hergiebt, diese Botschaft auszurichten.«

»Sir Patricks Motive werden Ihnen sogleich klar sein«, erwiderte der unverbesserliche alte Herr. »Zweiter Auftrag: Blanche versichert Sie ihrer zärtlichsten Liebe, sie vergeht vor Verlangen, Annes Gatten kennen zu lernen und Anne’s jetzigen Namen zu erfahren, sie ängstigt sich unbeschreiblich um Anne, besteht darauf sofort Nachricht von ihr zu bekommen, sehnt sich darnach, wie sie sich noch nie nach etwas gesehnt hat, ihren Pony-Wagen anspannen zu lassen und im vollsten Galopp hierher zu jagen und beugt sich nur dem auf ihr lastenden Druck der Autorität ihres Vormundes.

Sie überläßt daher den Ausdruck ihrer Gefühle Sir Patrick, der ein gebotener Tyrann ist und sich nichts daraus macht, andern Menschen das Herz zu brechen. Was Sir Patrick selbst anbetrifft, so beschränkt er sich darauf, die Ansichten seiner Schwägerin und seiner Nichte der Dame vorzutragen, mit der er jetzt zu sprechen die Ehre hat und in deren Vertrauen sich nicht einzudrängen seine angelegentlichste Sorge ist. Er erinnert die Dame nur daran, daß sein Einfluß in Windygates, wie stark derselbe auch augenblicklich sein möge, wahrlich nicht für immer dauern wird; er bittet sie wohl zu überlegen, ob die Collision der Ansicht seiner Schwägerin und seiner Nichte nicht zu sehr unangenehmen häuslichen Auftritten führen könnte und überläßt es ihr, den ihr unter den obwaltenden Umständen angemessen erscheinenden Weg einzuschlagen. Wörtliche Wiedergabe des zweiten Auftrages; Zeit drei Minuten. Ein Sturm ist im Anzuge, eine viertel Stunde ist erforderlich um von hier nach dem Waldschlößchen zu reiten. ——— Gnädige Frau, ich habe die Ehre Ihnen einen guten Abend zu wünschen.« Er verneigte sich tiefer als je und humpelte, ohne ein Wort zu sagen, zum Zimmer hinaus.

Anne’s erste Empfindung war, verzeihlich genug, ein Gefühl beleidigten Stolzes. »Ich danke Ihnen, Sir Patrick«, sagte sie mit einem bittern Blick auf die sich eben schließende Thür. »Die Sympathie der Gesellschaft für ein verlassenes Weib hätte kaum in einer mehr erheiternden Weise ausgedrückt werden können.« Aber die momentane Gereiztheit ging rasch vorüber. Anne’s Verstand und feiner Takt ließen sie bald die Sachlage in einem richtigeren Lichte ansehen. Sie erkannte in dem raschen Verschwinden Sir Patrick’s seinen rücksichtsvollen Entschluß, ihr jedes weitere Eingehen auf Details in Betreff ihrer Lage im Gasthofe zu ersparen. Er hatte ihr eine freundliche Warnung ertheilt und es ihr taktvoller Weise überlassen, selbst in Betreff des Beistandes, den sie ihm etwa bei der Aufrechthaltung des häuslichen Friedens in Windygates leisten könnte, einen Entschluß zu fassen. Sie trat sofort an einen im Zimmer stehenden Schreibtisch und fing an, an Blanche zu schreiben. »Mit Lady Lundie weiß ich nichts anzufangen«, dachte sie, »aber auf Blanche habe ich mehr Einfluß als irgend Jemand auf der Welt und kann der Collision der beiden Frauen, welche Sir Patrick fürchtet, vorbeugen.« Sie fing ihren Brief an: »Liebste Blanche! Ich habe Sir Patrick gesprochen und er hat mir Deinen Auftrag ausgerichtet. Ich will Dich, sobald ich kann, über mich beruhigen, aber ehe ich etwas Weiteres sage, muß ich es mir als die größte Gunst, die Du Deiner Freundin und Schwester erweisen kannst, von Dir erbitten, Dich meinetwegen auf keine Weise mit Lady Lundie zu veruneinigen und nicht die ganz zwecklose Unklugheit zu begehen, mich hier zu besuchen.« Sie hielt inne, die Schriftzüge schwammen ihr vor den Augen. »Mein theures Kind«, dachte sie, »wer hätte es für möglich gehalten, daß ich jemals»vor dem Gedanken, Dich zu sehen, zurückschrecken könnte.« Sie seufzte und fuhr fort zu schreiben. Der Himmel wurde immer dunkler, die über die traurige Haide dahinfahrenden Windstöße immer schwächer und schwächer und auf dem Antlitz der Natur lagerte sich die tiefe unheimliche Stille, welche ein Gewitter verkündet.



Kapiteltrenner


Zwöfltes Kapitel - Arnold

Inzwischen war Arnold noch immer in der Geschirrkammer des Oberkellners eingeschlossen und wüthete im Stillen über die ihm aufgedrungene Situation. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er sich vor einer andern Person und noch dazu vor einem Manne verstecken müssen. Zwei Mal war er durch das Gefühl des Verlustes seiner Selbstachtung getrieben mit dem Entschlusse an die Thür gegangen, Sir Patrick gerade unter die Augen zu treten, und zwei Mal hatte er diesen Gedanken aus Mitleid für Anne wieder aufgegeben; es würde unmöglich für ihn gewesen sein, sich vor Blanche’s Vormund zu rechtfertigen, ohne das unglückliche Weib, dessen Geheimniß zu bewahren er sich moralisch verpflichtet fühlte, zu verrathen. »Wollte der Himmel, ich wäre niemals hierher gekommen!« war der ohnmächtige Ausruf, der sich ihm entrang, als er sich verdrossen wieder auf den Geschirrtisch setzte, um den Moment abzuwarten, wo Sir Patricks Entfernung ihm seine Freiheit wiedergeben würde. Nach einer Weile, die bei Weitem nicht so lange gedauert hatte, wie er gefürchtet, erschien ihm ein Trost in der Einsamkeit in der Person Von Vater Bishopriggs. —— »Nun,« rief Arnold ihm entgegen, ist die Luft rein?«

Es gab Gelegenheiten, wo Bishopriggs plötzlich ganz unerwarteter Weise harthörig wurde und dieß war eine solche Gelegenheit. »Wie gefällt Ihnen meine Geschirrkammer?« fragte er, ohne von Arnold’s Frage die geringste Notiz zu nehmen, »behaglich und gemütlich, ein Patmos in der Wildniß könnte man sie nennen!" Sein eines sehendes Auge, das er erst auf Arnold gerichtet hatte, senkte sich und haftete mit dem Ausdruck stummer aber beredter Erwartung auf Arnold’s Westentasche.

»Ah, ich verstehe« sagte Arnold, »ich habe Ihnen versprochen, Sie für die mir gewährte Zuflucht auf Patmos zu entschädigen! Da haben Sie etwas.«

Bishopriggs steckte das Geld mit einem trübseligen Lächeln und einem theilnehmenden Kopfschütteln ein. Andere Kellner würden ihren Dank ausgesprochen haben, der Weise von Craig-Fernie aber erwiderte Arnold’s Liberalität nur durch einige Betrachtungen. In vielen Dingen bewunderungswürdig war Vater Bishopriggs besonders groß in seiner Virtuosität aus allen Dingen eine Moral zu ziehen. In diesem Falle zog er eine Moral aus dem eben empfangenen Trinkgelde. »Da habe ich etwas! wie Sie richtig bemerken; du lieber Gott ja! Geld braucht man bei jeder Gelegenheit, wenn man eine Frau aus dem Halse hat! Es ist das ein schrecklicher Gedanke. Man kann mit dem sogenannten schönen Geschlecht nichts zu thun haben, ohne daß es Einem Geld kostet. Ihre junge Frau da, zum Beispiel, hat Sie gewiß schon gehörig was gekostet. Zuerst, als Sie ihr die Cour machten, mußten Sie schon eine offene Hand haben, Geschenke und Andenken, Blumen und Schmuck und kleine Hunde, Alles lauter böse Ausgaben.«

»Hole der Henker Ihre Reflexionen! Ist Sir Patrick wieder fort?«

Bishopriggs war nicht im Geringsten aufgelegt, sich in seinen Reflexionen stören zu lassen, sie entquollen vielmehr nach wie vor seinen Lippen so salbungsvoll und bedächtig wie zuvor. »Jetzt, wo Sie nun mit ihr verheirathet sind, kommen ihre Hüte, Leinenzeug, Wäsche, Kleider, ihre Bänder und Spitzen, Falbeln und Litzen; das Alles kostet wieder viel Geld.«

»Was würde es kosten, Bishopriggs, Ihnen Ihre Reflexionen abzukaufen?« sagte Arnold.

»Drittens und letztens, wenn Sie sich mit der Zeit nicht mehr mit ihr vertragen können, wenn sich eine Unverträglichkeit der Gemüther herausstellt, kurz wenn Sie eine kleine Trennung bewirken möchten, da müssen Sie wieder die Hand in die Tasche stecken um sich gütlich mit ihr abzufinden. Vielleicht zwingt sie Sie auch zu einem Prozeß und steckt ihre Hand in Ihre Taschen und bringt es dahin, daß Sie nur im Bösen mit ihr auseinander kommen. Zeigen Sie mir irgend ein Weib und ich will Ihnen nicht weit davon einen Mann zeigen, dem sie mehr Kosten verursacht hat, als er je geahnt!«

Arnold’s Geduld war zu Ende. Er ging an die Thür.

Jetzt erst ließ sich Bishopriggs bereit finden, auf Arnold’s Frage zu antworten: »Ja Herr, die Luft ist jetzt rein, Sir Patrick ist fort und die Dame wartet auf Sie.«

Im nächsten Augenblick war Arnold wieder im Gastzimmer. »Nun?« fragte er, »was giebt es? Schlimme Nachrichten von Lady Lundie?«

Anne war eben im Begriff den Brief an Blanche zu schließen und zu adressiren. »Nein! Nichts was Sie interessiren könnte!«

»Was wollte denn Sir Patrick?«

»Nur mich warnen; sie haben in Windygates herausgefunden, daß ich hier bin.«

»Das ist unbequem, nicht wahr?«

»Nicht im Mindesten! Es berührt mich gar nicht, ich habe nichts zu fürchten. Denken Sie nicht mehr an mich, sondern nur an sich selbst!«

»Gegen mich hat man doch keinen Verdacht?«

»Dem Himmel sei Dank, nein! Aber Gott weiß, was daraus entstehen kann, wenn Sie noch länger hier bleiben.« Klingeln Sie auf der Stelle und fragen Sie den Kellner wegen der Züge!«

Betroffen durch die für die Tageszeit ungewöhnliche Dunkelheit trat Arnold an’s Fenster. Der Regen hatte angefangen in schweren Tropfen zu fallen. Die Aussicht auf die Haide war durch Nebel und Dunkelheit immer dichter Verdeckt, das Wetter fing an zu rasen.

»Ein angenehmes Reisewetter, nicht wahr?« sagte er.

»Wann geht der Zug!« rief Anne ungeduldig. »Es wird spät, erkundigen Sie sich doch, wann der Zug abgeht!«

Arnold ging nach dem Kamin um zu klingeln. Sein Auge fiel aufs den über dem Kamin hängenden Fahrplan der Eisenbahn. »Hier finde ich ja schon die Auskunft die ich suche, wenn ich mich nur daraus vernehmen könnte. Von —— nach, Nach —— von, Vormittag, Nachmittag, solche verwünschte Confusion; ich glaube der Fahrplan ist nur dazu da, um Einen irre zu führen.«

Anne trat zu ihm. »Ich kann Ihnen helfen; sagten Sie nicht, daß Sie den aufwärts gehenden Zug benutzen wollten?«

»Wie heißt die Station wo Sie aussteigen?«

Arnold nannte sie ihr.

»Sie verfolgte das verwickelte Netz von Linien und Zahlen mit dem Finger, hielt plötzlich inne, sah noch einmal auf den Punkt, um sich zu vergewissern und kehrte der Tabelle in heller Verzweiflung den Rücken. Der letzte Zug war vor einer Stunde abgegangen!

Während der Pause, welche dieser Entdeckung folgte, leuchtete ein erster Blitzstrahl durch das Zimmer und das leise Rollen des Donners verkündete den Ausbruch des Ungewitters.

»Was ist nun zu thun?« fragte Arnold Ohne von dem heranziehenden Unwetter Notiz nehmen, erwiderte Anne ohne Zögern: »Sie müssen einen Wagen nehmen und fahren.«

»Wie ich höre, braucht man eine Stunde auf der Eisenbahn, um nach meinem Gute zu gelangen, nicht gerechnet die Entfernung von hier bis zur Station.«

»Was liegt an der Entfernung, Herr Brinkworth? Sie können unmöglich hier bleiben.«

Ein zweiter Blitz erhellte das Zimmer, das Rollen des Donners kam näher. Selbst Arnold’s unerschütterlich gute Laune fing bei Anne’s beharrlich kundgegebenem Entschluß, ihn los zu werden, an zu wanken. Er setzte sich mit der Miene eines Menschen der entschlossen ist, das Haus nicht zu verlassen, nieder.

»Haben Sie das gehört?« sagte er, als eben die letzten Töne eines furchtbaren Donnerschlages verhallten und der Regen heftig gegen die Fenster schlug. »Glauben Sie, daß wenn ich auch Pferde beordern wollte, man sie mir bei einem solchen Wetter geben würde? Und wenn man es thäte, glauben Sie, daß die Pferde bei solchem Wetter auf der Haide ausharren könnten? Nein, Miß Silvester, ich bedauere Ihnen im Wege zu sein, aber da der Zug fort und die Nacht mit ein Gewitter eingebrochen ist, bleibt mir nichts übrig, als hier zu bleiben!«

Anne beharrte noch immer bei ihrer Ansicht, wenn auch etwas weniger entschlossen. »Bedenken Sie doch, nachdem was Sie der Wirthin mitgetheilt haben, in welch’ peinliche Verlegenheit wir kommen, wenn Sie bis morgen früh hier im Wirthshause bleiben.«

»Ist das Alles?« fragte Arnold.

Anne sah ihn zornig an, überzeugte sich aber, daß er keine Ahnung davon hatte, sie durch seine Aeußerung Verletzt zu haben. Sein gerader und männlicher Sinn brach sich durch alle die kleinen weiblichen Bedenken und Empfindlichkeiten seiner Genossin Bahn, und faßte die Lage der Dinge, wie sie wirklich war, praktisch in’s Auge.

»In was für eine Verlegenheit denn?« fragte er, auf das Schlafzimmer deutend; »da ist Ihr Zimmer ganz bereit für Sie und hier ist ein Sopha in diesem Zimmer ganz bereit für mich. Wenn Sie die Lager gesehen hätten, mit denen ich mich auf der See habe behelfen müssen!«

Sie unterbrach ihn ohne Weiteres; seine Nachtlager auf der See waren ihr vollkommen gleichgültig. Die augenblicklich zu entscheidende Frage war, wo er diese Nacht schlafen sollte.

»Wenn Sie durchaus bleiben müssen,« erwiderte sie»»sollten Sie nicht ein anderes Zimmer hier im Hause bekommen können?«

Den einzigen Verstoß, der ihm noch zu begehen übrig blieb, beging Arnold in seiner Unschuld, indem er in scherzendem Tone fragte:

»Ein anderes Zimmer hier im Hause? Ich bitte Sie, wie würde die Wirthin darüber scandalisiren. Bishopriggs würde es niemals zugeben.«

Sie stand auf und stampfte mit dem Fuße. »Scherzen Sie nicht, hier ist nichts zu scherzen.« Aufgeregt ging sie im Zimmer auf und ab. »Die Sache gefällt mir nicht, sie gefällt mir durchaus nicht.«

Arnold sah ihr mit einem kindlich starren Blicke nach. »Was regt Sie denn so auf, ist es das Gewitter.«

Sie warf sich wieder aufs Sopha »Ja sagte sie, es ist das Gewitter.«

Arnold fühlte sich in seiner unerschöpflichen Gutmüthigkeit sofort wieder zu hülfreichem Handeln aufgelegt. »Wollen wir Licht kommen lassen?« fragte er »und uns das Wetter aus dem Sinn schlagen?«

Sie rückte ungeduldig auf dem Sopha hin und her, ohne zu antworten.

»Ich verspreche Ihnen, morgen so früh wie möglich aufzubrechen,« fuhr er fort. »Bitte versuchen Sie es doch, die Sache leicht zu nehmen und seien Sie mir nicht böse; Sie würden ja in einer solchen Nacht keinen Hund hinausjagen.«

Er war unwiderstehlich Bei dem Anblick seines ehrlich bittenden Gesichts fand Anne ihr sanfteres und besseres Selbst wieder.

Sie entschuldigte sich mit einer Anmuth, die ihn bezauberte.

»Wir wollen doch noch einen gemüthlichen Abend hier haben,« rief Arnold in seiner herzlichen Weise und klingelte. Die Glocke hing vor der äußeren Thür jenes Patmos in der Wildniß, das gewöhnliche Sterbliche, die Geschirrkammer des Oberkellners nannten.

Bishopriggs hatte seine kurze Muße in der Einsamkeit seines Zimmerlebens dazu benutzt, sich ein Glas von dem erquickenden heißen Getränk zu bereiten, das man in Schottland »Toddy« nennt und er war eben im Begriff, dasselbe zum Munde zu führen, als Arnold’s Aufforderung erscholl, seinen Toddy aufzugeben. »Halt ein mit Deinem verfluchten Gebimmel,« rief Bishopriggs der Glocke durch die Thür zu, »Du bist ja schlimmer als ein Weib!« Die Glocke erscholl zum zweiten Mal. Bishopriggs blieb nichtsdestoweniger beharrlich bei seinem Toddy »O, o, schrei Du Dich nur heiser, Du bringst aber doch einen Schotten nicht von seinem Glase Toddy weg. Sie wollen wohl ihr Diner beendigen.

Sir Patrick kam gerade, als sie eben damit angefangen hatten und verdarb mit seiner gewöhnlichen Bosheit die Klopfe.« Es klingelte zum dritten Male. »Nur immer zu, nur immer zu! Der junge Mann da drinnen fröhnt nur allzusehr seinen Bauch. Das Klingeln bekundet eine bedauerliche Eile, seine fleischlichen Gelüste zu befriedigen. Vom Wein versteht er leider Nichts,« fuhr Bishopriggs fort, auf dessen Geist Arnold’s Entdeckung von dem getauften Sherry noch unangenehm lastete.

Die Blitze folgten immer rascher auf einander und warfen ihren fahlen Schein unheimlich in das Gastzimmer. Der Donner rollte immer lauter über die schwarze Haide hin. Eben hatte Arnold die Hand erhoben um zum vierten Male zu klingeln, als das unvermeidliche Klopfen an der Thür gehört wurde. Er brauchte nicht herein zu sagen, nach Bishopriggs uumstößlichen Gesetzen war ein zweites Klopfen unerläßlich. Das zweite Klopfen folgte dem ersten wie der Donner dem Blitz und erst dann erschien der Weise mit einer Schüssel »Klopse« in der Hand.

»Bringen Sie Licht!« rief ihm Arnold entgegen.

Bishopriggs setzte die »Klopse,« ein Gericht aus gehacktem Fleisch, auf den Tisch, zündete die Lichter auf dem Kamin an, blickte mit einen, von, dem kürzlich genossenen Toddy funkelnden Auge umher und wartete auf weitere Ordre, bevor er zu seinem zweiten Glase zurückkehrte.

Anne wollte nichts mehr genießen. Arnold hieß Bishopriggs die Laden schließen und setzte sich nieder um sein Diner allein zu vollenden.

»Das riecht fettig und sieht fettig aus!« sagte er zu Anne gewandt, indem er die Klopse mit dem Löffel umdrehte. »Ja zehn Minuten werde ich mit meinem Diner fertig sein. Nehmen Sie Thee?«

Anne lehnte auch das ab.

Arnold machte noch einen Versuch. »Wie wollen wir den Abend zubringen?«

»Wie Sie wollen,« rief sie resignirt.

Auf einmal fuhr Arnold ein Gedanke durch den Kopf. »Ich habe es!« rief er, »wir wollen die Zeit tödten, wie unsere Cajüten-Passagiere es auf See zu thun pflegten.« Zu Bishopriggs gewandt sagte er:

»Bringen Sie ein Spiel Karten.«

»Wie befehlen Sie?« fragte Bishopriggs, der seinen Ohren nicht traute.

»Ein Spiel Karten« wiederholte Arnold.

»Karten?« fragte Bishopriggs, »ein Spiel Karten? die Bilder der Hölle und die Leibfarben des Teufels, schwarz und roth? —— Diesem Befehl kann ich nicht nachkommen, werde ich um Ihres eigenen Seelenheils willen nicht nachkommen. Sie sind schon so alt geworden und haben noch keine Ahnung davon, eine wie große Sünde das Kartenspiel ist?«

»Das können Sie nehmen wie Sie wollen,« erwiderte Arnold. »Sie werden aber finden, wenn ich fortgehe, daß ich ein vollkommenes Bewußtsein von der Pflicht habe, dem Kellner ein gutes Trinkgeld zu geben!«

»Bestehen Sie darauf die Karten zu bekommen?« fragte Bishopriggs mit plötzlich verändertem Ton und Wesen.

»Jawohl, ich bestehe darauf.«

»Ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn ich sie ausstrecke, um Ihnen Karten zu bringen. Bei mir zu Hause sagen sie: »wer zur Hölle fahren will, mag es in Gottes Namen thun,« und was sagt man bei Ihnen zu Hause? »Wenn der Teufel aufspielt, muß getanzt werden.«

Mit dieser vortrefflichen Rechtfertigung der Verleugnung seiner eigenen Grundsätze humpelte Bishopriggs zum Zimmer hinaus, um die Karten zu holen.

Die Schublade des Tisches in der Geschirrkammer enthielt eine große Auswahl der verschiedenartigsten Gegenstände, unter denen sich auch ein Spiel Karten befand.

Beim Suchen nach den Karten kam die Hand des Oberkellners in Berührung mit einem Stück zusammengeballten Papiers. Er zog es heraus und erkannte in demselben den Brief, den er einige Stunden vorher im Gastzimmer vom Boden aufgenommen hatte. »Aha! ich thue eben so gut mir das Ding gleich jetzt, wo ich eben daran denke, anzusehen,« sagte Bishopriggs zu sich; »die Karten kann ja ein Anderer in’s Gastzimmer bringen!«

Er schickte sofort den zweiten Kellner damit zu Arnold, schloß die Geschirrkammer und glättete das zusammengeballte Stück Papier, auf welchem die beiden Briefe geschrieben waren, sorgfältig auseinander; dann zündete er sein Licht an und begann den mit Tinte geschriebenen Brief, der die drei ersten Seiten füllte, zu lesen. Derselbe lautete wie folgt:

»Windygates, 12. August 1860.
Mr. Geoffrey Delamayn!

Ich habe bis jetzt vergeblich gehofft, daß Du von dem Gute Deines Bruders herüberkommen würdest, um mich zu sehen. Dein Benehmen gegen mich ist unbarmherzig und ich bin entschlossen, es nicht länger zu ertragen; überlege Dir die Sache in Deinem eigenen Interesse, ehe Du ein unglückliches Weib, das sich Dir hingegeben hat, zur Verzweiflung treibst. Du hast mir bei Allem, was Dir heilig ist, die Ehe versprochen, ich berufe mich auf Dein Versprechen, und bestehe darauf das zu werden, wozu mich zu machen Du gelobt hast, was zu werden ich all’ diese Zeit her gewartet habe und was ich vor Gott schon bin, Dein eheliches Weib! —— Lady Lundie giebt hier am 14. d. ein Gartenfest; ich weiß, daß Du dazu eingeladen bist und rechne sicher darauf, das; Du die Einladung annimmst. Wenn Du mich in meiner Erwartung täuschest, so stehe ich für nichts ein. Ich bin fest entschlossen, diesen Zustand der Dinge nicht länger zu ertragen. O, Geoffrey, denke an die Vergangenheit, sei treu und gerecht.

Dein Dich liebendes Weib
Anne Silvester«

Bishopriggs hielt inne. Sein Commentar zu diesem Theil der Correspondenz war einfach genug. »Zornige Worte der Dame an den Herrn mit Tinte geschrieben.« Dann warf er einen Blick aus den zweiten, auf der vierten Seite geschriebenen Brief und fügte höhnisch hinzu: »Bischen kälter und mit Bleistift geschrieben von dem Herrn an die Dame; das ist der Lauf der Welt von Adam’s Zeiten her bis auf unsere Tage.«

Dieser zweite Brief lautete so:

»Liebe Anne!

In diesem Augenblick werde ich zu meinem Vater nach London gerufen. Die Nachricht von ihm lautet schlimm. Bleibe, wo Du bist und ich will dahin schreiben. Vertraue dem Ueberbringer. Auf mein Ehrenwort, ich werde mein Versprechen halten.

Dein Dich liebender Gatte
Geoffrey Delamayn

Windygates, den 14.August, 4 Uhr Nachmittags. In furchtbarer Eile geschrieben, der Zug geht um 4 Uhr 30 Minuten ab!«

Das war Alles!

Wer sind denn die da im Gastzimmer? Die eine ist die Silvester —— und der andere der Delamayn?« fragte Bishopriggs sich, indem er das Papier langsam wieder in seine ursprüngliche Form brachte. »Was mag das Alles zu bedeuten haben?« Er bereitete sich ein zweites Glas Toddy als Beförderungsmittel seiner Reflexionen und saß eine Weile, seinen Toddy schlürfend, da, während er den Brief zwischen seinen gichtischen Fingern hin und her drehte. Es war nicht ganz leicht heraus zu finden, in welchem Verhältniß der Herr und die Dame zu einander standen. Waren sie die Schreiber selbst oder waren sie nur die Freunde der Schreiber, wer konnte das wissen. Im ersten Fall würde die Dame ihren Zweck so gut wie erreicht haben, denn die Beiden hatten ja selbst in seiner und der Wirthin Gegenwart erklärt, Mann und Weib zu sein. In dem zweiten Fall konnte die so achtlos bei Seite geworfene Correspondenz noch einmal von großer Wichtigkeit werden. Dieser letzteren Ansicht gemäß nahm Bishopriggs, dessen frühere kurze Praxis als Schreiber auf Sir Patricks Bureau ihm einige Geschäftskenntniß eingebracht hatte, Feder und Dinte zur Hand und schrieb auf die Rückseite des Briefes mit dem Datum eine kurze Angabe der Umstände, unter welchen er denselben gefunden hatte. »Ich werde gut thun, dieses Dokument aufzubewahren,« dachte er bei sich, »wer weiß, vielleicht wird noch einmal eine Belohnung dafür ausgesetzt. Das Ding kann für einen armen Kerl wie mich noch seine fünf Pfund werth sein!« Mit dieser tröstlichen Reflexion nahm er eine alte Blechdose aus der Tischschublade und verschloß die gestohlenen Briefe in derselben bis auf bessere Zeiten.

Das Ungewitter tobte immer furchtbarer, je später es wurde. Im Wohnzimmer präsentirte sich der ewig wechselnde Zustand der Dinge wieder in einer anderen Gestalt. Arnold hatte sein Diner beendet und abdecken lassen, hatte dann einen Seitentisch vor das Sopha, auf welchem Anne lag, gerückt, das Spiel Karten gemischt und bot nun seine ganze Beredsamkeit auf, Anne zu bewegen, eine Partie Ecarte mit ihm zu versuchen, um ihre Aufmerksamkeit von dem draußen tobenden Sturme abzulenken.

Aus reiner Erschöpfung gab sie nach, erhob sich langsam im Sopha und erklärte, sie wolle versuchen zu spielen. »Schlimmer kann es doch nicht werden,« dachte sie, als Arnold ihr die Karten gab, »und ich habe kein Recht, dem armen jungen Mann meinen Jammer entgelten zu lassen.«

Ein Paar schlechtere Spieler hatten wohl noch nie an einem Spieltisch gesessen. Anne war im höchsten Grade unaufmerksam und ihr Partner wußte überhaupt wenig vom Kartenspiel. Anne legte die a-tout-Karte um. Caro neun. Arnold sah in seine Karten und proponirte, Anne lehnte es ab, die Karten zu wechseln; Arnold meldete mit unverminderter guter Laune, es sei ihm jetzt klar, daß er das Spiel verlieren müsse und spielte dann seine erste Karte, die Piqne-Dame,aus. Anne nahm die Königin mit dem König und vergaß den König zu markiren. Dann spielte sie Trumpf-Zehn aus. Plötzlich entdeckte Arnold unter seinen Karten die Pique-Acht. »Wie Schade," sagte er, als er sie ausspielte. »Halloh, Sie haben den König nicht markirt, ich will es für Sie thun. Das sind zwei, nein, drei für Sie; ich wußte, daß ich das Spiel verlieren würde; konnte ja mit so schlechten Karten nichts anfangen, nicht wahr? Jetzt, wo ich meine Trümpfe ausgespielt habe, habe ich Alles verloren! A vous!«

Anne sah in ihre Karten. In diesem Augenblick warf der Blitz seinen hellen Schein durch die schlecht geschlossenen Läden in das Zimmer. Der Donner fuhr über das Haus hin und schien es aus seinen Fugen reißen zu wollen. Vom obern Stock her erklang das Geschrei einer nervösen Touristin und das Gebell eines Hundes. —— Anne’s Nerven hielten nicht länger Stand, sie warf die Karten auf den Tisch und sprang auf. »Ich kann nicht mehr spielen,« rief sie, »verzeihen Sie mir, ich bin völlig außer Stande, mir brennt der Kopf, mein Blut stockt.« Sie fing an im Zimmer auf und ab zu gehen. Ihre, durch den Einfluß des Ungewitters noch reizbarer gewordenen Nerven ließen ihr die falsche Stellung, in welche sie und Arnold gerathen waren, jetzt in einem noch viel schlimmeren Lichte erscheinen. Sie fand diese Situation vollkommen unerträglich. Es schien ihr unverantwortlich, sich in eine Gefahr, wie sie ihnen drohte, zu begeben. Sie hatten zusammen gegessen wie verheirathete Leute und jetzt brachten sie den Abend zu wie Mann und Frau. »O, Herr Brinckworth!« bat sie, »überlegen Sie doch —— um Blanche’s Willen —— überlegen Sie doch noch einmal, giebt es denn keinen Ausweg aus dieser Situation.«

Arnold las die zerstreuten Karten bedächtig auf.

»Da kommen Sie schon wieder mit Blanche!« sagte er mit der naivsten Ruhe, »ich möchte wohl wissen, wie ihr jetzt bei dem Gewitter zu Muthe ist.«

Diese Antwort brachte Anne in ihrem aufgeregten Zustand fast zur Verzweiflung. Sie wandte sich von Arnold ab und eilte an die Thür. »Ich will diese Täuschung nicht länger dulden,« rief sie, »ich will thun, was ich schon früher hätte thun sollen; ich will, entstehe daraus was da wolle, der Wirthin die Wahrheit sagen!« Sie hatte die Thür aufgerissen und war im Begriff auf den Vorplatz zu treten, als sie plötzlich still stand und heftig zusammenfuhr. War es möglich bei dem furchtbaren Wetter, daß sie wirklich das Rollen von Wagenrädern vor der Thür gehört hatte? Gewiß! Denn auch Andere hatten es gehört. Eben humpelte Bishopriggs an ihr vorüber der Hausthür zu. Die scharfe Stimme der Wirthin kreischte in ihrem breiten Schottisch ihr Erstaunen ausdrückend durch das Haus.

— Anne schloß die Thür ihres Zimmers wieder und wandte sich zu Arnold, der überrascht aufgesprungen war. »Reisende!« rief sie, »zu dieser späten Stunde.«

»Und bei diesem Wetter!« fügte Arnold hinzu.

»Sollte es Geoffrey sein?« fragte sie, indem sie sich wieder der eitlen Hoffnung hingab, daß er noch an sie denken und zu ihr zurückkehren könne.

Arnold schüttelte den Kopf: »Nein! Ich weiß nicht, wer es ist, aber Geoffrey kann es nicht sein.«

Plötzlich trat Mrs. Inchbare mit fliegenden Haubenbändern und mit starren Blicken in’s Zimmer.

»Nun! gnädige Frau!« sagte sie zu Anne, »wer glauben Sie, kommt von Windygates hergefahren, um Sie zu sehen und ist unterwegs vom Sturm überrascht worden?«

Anne war sprachlos.

Arnold aber fragte: »Nun, wer ist es denn?

»Wer, wer?« wiederholte Mrs. Inchbare, »die liebe junge Dame Miß Blanche in Person.«

Anne konnte einen Schrei des Entsetzens nicht zurückhalten. Die Wirthin schob denselben auf den Blitz, der gerade durch das Zimmer fuhr.

»O, meine gnädige Frau! Da ist Miß Blanche muthiger und erschrickt nicht so leicht über einen Blitz. Da kommt sie schon, die liebe junge Dame!« rief Mrs. Inchbare, indem sie sich ehrfurchtsvoll vor Blanche zurückzog.

Blanche’s Stimme, die nach Anne rief, wurde hörbar. Anne ergriff Arnold’s Hand krampfhaft und flüsterte ihm zu: »gehen Sie!« Im nächsten Augenblicke war sie an den Kamin getreten und hatte beide Lichter ausgeblasen. Da fuhr wieder ein Blitz durch dass Zimmer und beleuchtete die Gestalt Blanche’s, die eben in die Thür getreten war.



Kapiteltrenner


Dreizehtes Kapitel - Blanche

Mrs. Inchbare war die erste Person, die in diese Situation thätig eingriff. Sie rief nach Licht und machte dem Hausmädchen, welches das Licht brachte, die bittersten Vorwürfe darüber, daß sie die Hausthür nicht geschlossen.

»Du kopfloses Ding,« rief die Wirthin ihr entgegen, »der Wind hat die Lichter ausgeblasen!«

Das Mädchen erklärte der Wahrheit vollkommen gemäß, daß die Thür geschlossen sei. Vielleicht würde ein böser Wortwechsel daraus entstanden sein, wenn Blanche nicht Mrs. Inchbare’s Aufmerksamkeit auf sich selbst gelenkt hätte. Das herbeigebrachte Licht zeigte, daß sie, die eben Anne umarmte, ganz durchnäßt war.

Mrs. Inchbare brachte sofort die dringende Frage eines von Blanche vorzunehmenden Kleiderwechsels auf’s Tapet und ließ Anne dadurch Zeit sich einen Augenblick unbemerkt im Zimmer umzusehen. Arnold hatte sich davon gemacht bevor die Lichter angezündet waren und während Blanche’s Aufmerksamkeit von dem durchnäßten Zustand der Kleider in Anspruch genommen war.

»Guter Gott! Ich triefe ja an allen Ecken und Enden und mache Dich, liebe Anne, eben so naß, wie ich es selbst bin; leihe mir etwas trockene Kleidung. Du hast nichts? Mrs. Inchbare, wissen Sie Rath zu schaffen —— was soll ich thun? Mich zu Bett legen, bis meine Kleider getrocknet sind oder ein Anlehen bei Ihrer Garderobe machen, obgleich Sie reichlich anderthalb Kopf größer sind, als ich?«

Mrs. Inchbare ging sofort die besten Kleider ihrer Garderobe herbeizuholen.

Kaum war sie hinaus, als Blanche sich auch ihrerseits im Zimmer umsah. Der Zärtlichkeit war schon ihr Recht geworden, jetzt war die Reihe an der Neugierde.

»Im dunkeln Zimmer ist da Jemand an mir vorübergehuscht, war es Dein Mann? Ich sterbe vor Ungeduld, ihn kennen zu lernen, und beste Anne, wie heißest Du denn jetzt?«

Anne antwortete kalt: »Warte ein wenig, ich kann es Dir jetzt nicht sagen.«

»Fühlst Du Dich unwohl?«

»Ein wenig nervös.«

»Ist irgend etwas Unangenehmes zwischen Dir und meinem Onkel vorgefallen? Er war doch hier?«

»Ja!«

»Hat er Dir meinen Auftrag ausgerichtet?«

»Allerdings Blanche! Und darnach hast Du ihm Dein Wort gegeben, in Windygates zu bleiben. Warum, in’s Himmels Namen, kommst Du jetzt her?«

»Wenn Du mich halb so sehr liebtest wie ich Dich, so würdest Du mich nicht so fragen! Ich habe mir Mühe genug gegeben, mein Versprechen zu halten, aber ich konnte es nicht. Die Vorschrift meines Onkels erschien mir ganz plausibel, als er sie mir gab und so lange Lady Lundie wüthete, die Hunde bellten, die Thüren auf und zugeschlagen wurden, das ganze Haus in Aufruhr war, da hielt mich die Aufregung aufrecht; aber als mein Onkel fort war und der schrecklich trübselige, regnerische Abend herankam und Alles wieder ruhig geworden war, da konnte ich es nicht mehr aushalten; das Haus ohne Dich erschien mir wie ein Grab. Wenn Arnold bei mir gewesen wäre, hätte es gehen mögen, aber ich war ja ganz allein, denke doch, keine Seele mit der ich mich unterhalten konnte; es giebt nichts Schreckliches was Dir hätte begegnen können, wovon ich mir nicht einbildete, daß es Dir wirklich begegnet sei. Ich ging nichts Deinem leeren Zimmer und sah mich darin um; da stand mein Entschluß fest. Ich rannte von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben, die Treppen hinunter —— lief in den Stall und fand Jakob dort; ich sagte ihm: »Jacob, spanne den Ponywagen an, ich muß ausfahren, einerlei ob es regnet, Du gehst mit mir.« Jacob benahm sich wie ein Engel; er sagte, »wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein!« Ich bin fest überzeugt, so würde er auch antworten, wenn man ihn fragte, ob er für mich sterben wolle. Jetzt trinkt er auf meinen ausdrücklichen Befehl ein Glas Grog um sich vor Erkältung zu schützen. In zwei Minuten war der Ponywagen angespannt und fort ging’s! Lady Lundie lag derweilen, von zu starkem Gebrauch von flüchtigem Salz erschöpft, auf ihrem Sopha ausgestreckt. Ich hasse sie! —— Der Regen wurde immer schlimmer, aber ich kehrte mich nicht daran, so wenig wie Jacob und das Pony; Beide waren von demselben Geiste wie ich, beseelt. Als es zu blitzen und zu donnern anfing, waren wir schon näher an Craig-Fernie als an Windygates, und dazu kam, daß Du hier und nicht dort warst. Die Blitze waren wirklich fürchterlich auf der Haide. Hätte ich eines von den großen Pferden vor dem Wagen gehabt, würde es unfehlbar scheu geworden sein, aber das Pony schüttelte sein allerliebstes Köpfchen und lief ruhig weiter. Es bekommt aber auch jetzt sein Bier dafür, wenn es das getrunken hat, wollen wir uns eine Laterne geben lassen, in den Stall gehen und es liebkosen.« Inzwischen bin ich hier, liebes Kind, durchnäßt von einem fürchterlichen Gewitter, was mir aber ganz einerlei ist, und fest entschlossen, mir selbst Beruhigung über Deinen Zustand zu verschaffen, der mir ganz und gar nicht einerlei ist, und das muß und soll geschehen, ehe ich heute Abend zu Bett gehe.« —— Mit Gewalt drehte sie Anne bei diesen Worten so, daß sie ihr bei dem Schein der Kerzen grade in’s Gesicht sehen konnte. Kaum hatte sie das gethan, als der Ton ihrer Stimme sich änderte: »Ich wußte es!« sagte sie. »Nie hättest Du ein so wichtiges Geheimnis; Deines Lebens vor mir geheim gehalten, nie hättest Du mir einen so kalten Brief geschrieben, wie Du ihn in Deinem Zimmer zurückgelassen hast, wenn Alles bei der Sache in Ordnung gewesen wäre. Das habe ich gleich gesagt und jetzt bin ich fest davon überzeugt. Warum hat Dein Mann Dich gezwungen Windygates Hals über Kopf zu verlassen? Warum huscht er in der Dunkelheit zum Zimmer hinaus, als ob er sich fürchte gesehen zu werden? Anne, Anne! was ist geschehen! Warum empfängst Du mich so?«

In diesem kritischen Moment erschien Mrs. Inchbare wieder mit den ausgewähltesten Kleidungsstücken die ihre Garderobe zu bieten vermochte. Anne war froh über diese Unterbrechung. Sie nahm die Lichter und ging voran in das Schlafzimmer. »Zieh erst Deine nassen Kleider aus, nachher wollen wir weiter reden,« sagte sie. Noch keine zwei Minuten hatte sie die Thür hinter sich geschlossen, als an dieselbe geklopft wurde. Anne gab Mrs. Inchbare einen Wink, sich in ihrer Beschäftigung mit Blanche nicht zu unterbrechen, schlüpfte rasch in’s Wohnzimmer und schloß die Schlafstubenthür hinter sich. Sie fühlte sich unaussprechlich erleichtert, als sie den indiscreten Bishopriggs vor sich sah. »Was wollen Sie?« fragte sie.

Ein Blick aus Bishopriggs Auge genügte, um ihr zu sagen, daß er eine vertrauliche Mission an sie habe. Seine Hand zitterte, sein Athem duftete nach Branntwein. Langsam zog er einen kleinen Streifen Papier mit einigen darauf geschriebenen Zeilen aus der Tasche.

»Von ihm! Sie wissen schon,« erklärte er scherzend; »ein kleines Billetdour von Ihrem Liebsten! Ein arger Sünder Ihr Liebster. Die junge Dame im Schlafzimmer da, ist wohl die, um deretwegen er Ihnen untreu geworden ist. Mir ist die ganze Sache klar, Sie können mir kein X für ein U machen, ich war selbst in jüngeren Jahren ein schwacher Mensch; aber seien Sie ruhig, der Sünder ist wohl aufgehoben, ich habe bestens für seinen Comfort gesorgt. Ich handle väterlich an ihm, gerade wie an Ihnen. Bishopriggs kann man vertrauen, wenn eine kleine menschliche Schwäche ein Bischen geschont sein will!«

Während der Weise diese tröstlichen Worte sprach, las Anne die auf dem Papierstreifen stehenden Zeilen.

Sie waren von Arnold und lauteten so: »Ich bin im Rauchzimmer des Gasthofes, es hängt von Ihnen ab, ob ich dableiben soll; ich glaube nicht, daß Blanche eifersüchtig sein würde, wenn ich ihr meinen Aufenthalt hier im Gasthofe erklären könnte ohne das Vertrauen, das Sie und Geoffrey in mich gesetzt haben, zu verrathen. Wenn es nach mir ginge, würde ich gleich zu ihr gehen. Das Verstecken ist mir fürchterlich, aber doch möchte ich um keinen Preis Ihren Zustand noch schlimmer machen, als er ist. Denken Sie zunächst an sich selbst, ich gebe es Ihnen anheim; Sie brauchen dem Ueberbringer nur zu sagen, »warten« und ich weiß, daß ich hier bleiben soll, bis ich Weiteres von Ihnen höre Anne sah von dem Papier auf.

»Bitten Sie ihn zu warten!« sagte sie, »bis ich ihm etwas Weiteres sagen lasse.«

»Mit den besten Grüßen und Küssen,« fügte Bishopriggs als nothwendigen Commentar der Botschaft hinzu. »O, für einen Mann von meiner Erfahrung ist das ja das einfachste von der Welt. Sie können keinen besseren Vermittler haben, als Ihren ergebenen Diener Sam Bishopriggs. Ich verstehe Sie Beide aus dem Grunde.«

Dabei legte er seinen Zeigefinger an seine feurige Nase und ging davon.

Ohne einen Augenblick länger zu zögern, öffnete Anne die Schlafzimmerthür, fest entschlossen, Arnold aus seiner schrecklichen Lage zu befreien und Blanche die Wahrheit mitzutheilen.

»Bist Du es?« fragte Blanche. Bei dem Ton ihrer Stimme fuhr Anne schuldbewußt zurück. »Ich komme gleich zu Dir,« antwortete sie und schloß die Thür zwischen sich und Blanche aufs neue. Nein! Es ging nicht! Etwas in Blanches gleichgültiger Frage oder vielleicht etwas in Blanches Gesicht wirkte auf Anne wie eine geheimnißvolle Warnung, die sie an der Schwelle ihres Geständnisses zurückhielt. In diesem Augenblick machte sich die eiserne Kette der Verhältnisse wieder fühlbar und Anne blieb bei dem ihr so verhaßten erniedrigenden Betrug. Konnte sie Blanche die Wahrheit über sich und Geoffrey mittheilen? Und wenn sie das nicht that, konnte sie es rechtfertigen, daß Arnold im Geheimen zu ihr nach Craig-Fernie gekommen war? Ein Schuldbekenntniß vor einem unschuldigen Mädchen, die Gefahr, Blanche’s Achtung für Arnold zu erschüttern, ein Scandal im Gasthofe, in den die Anderen mit ihr verwickelt werden würden, —— das war der Preis, um den sie enden mußte, wenn sie ihrem ersten Impulse folgte und geradezu erklärte: »Arnold ist hier!« Das war unmöglich. Blanche durfte, koste es was es wolle, mochte ihr gegenwärtiger Jammer enden wie er wollte, wenn die Täuschung einmal entdeckt werden würde, die Wahrheit nicht erfahren, Arnold mußte versteckt bleiben, bis Blanche fort war. Anne öffnete die Thür zum zweiten Mal und ging wieder in’s Schlafzimmer Blanche hatte bei ihrer Toilette eben eine Pause gemacht und war in einer vertraulichen Unterhaltung mit Mrs. Inchbare begriffen. In dem Augenblick, als Anne eintrat, befragte sie die Wirthin eifrig über den unsichtbaren Gatten ihrer Freundin; sie sagte gerade: »Bitte, sagen Sie mir, wie sieht er aus?«

Die Fähigkeit scharf zu beobachten, ist so ungewöhnlich und selbst da, wo sie vorhanden ist, so selten mit der Gabe verbunden, die beobachteten Personen und Dinge genau zu beschreiben, daß Anne’s Besorgnisse vor den Folgen einer etwaigen Antwort Mrs. Inchbare’s auf Blanches Fragen aller Wahrscheinlichkeit nach sehr grundlos waren. Aber gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht, hatte sie nichts Eiligeres zu thun, als die Wirthin auf der Stelle zu entfernen. »Wir dürfen Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, Mrs. Inchbare,« sagte sie, »ich will Fräulein Lundie schon behilflich sein« Da Blanche sich auf diese Weise verhindert sah, irgend etwas Näheres von der Wirthin zu erfahren, so wandte sie sich ohne Weiteres wieder an Anne, indem sie sagte:

»Ich muß etwas über ihn erfahren. Ist er schüchtern vor Fremden? Ich hörte wie Du mit ihm drinnen vor der Thür flüstertest. Du fürchtest doch nicht, daß ich es ihm in diesem Anzuge anthun werde?« Blanche, die jetzt Mrs. Inchbare’s beste Gewänder, ein altmodisches seidenes Kleid mit hoher Taille von sogenanntem Flaschengrün, das vorne in die Höhe gesteckt war und hinten weit herabhing, angethan, einen kleinen orangefarbigen Shawl über die Schultern gehängt, und sich ein Handtuch, um ihr naß gewordenes Haar zu trocknen, turbanartig um den Kopf gewunden hatte, war in diesem Aufzuge die sonderbarste und niedlichste Erscheinung die es geben konnte.

»Um des Himmels willen,« sagte sie lustig, »erzähle Deinem Manne nicht, daß ich in Mrs. Inchbare’s Kleidern stecke, ich muß plötzlich vor ihn hintreten, ohne daß er durch ein Wort darauf vorbereitet wäre, was für eine wunderliche Figur ich spiele. Wenn mich doch Arnold so sehen könnte!« Da sah sie im Spiegel, vor den sie sich eben gestellt hatte, Anne’s Antlitz, und fuhr über den Ausdruck desselben entsetzt zusammen. »Was ist Dir?« fragte sie, »Dein Aussehen erschreckt mich!«

Anne begriff, daß den Fragen Blanches ein für allemal ein Ende gemacht werden müsse. So klar sie diese Nothwendigkeit aber auch erkannte, so scheute sie doch davor zurück, Blanche eine Unwahrheit in’s Gesicht zu sagen, während sie es doch unmöglich fand, ihr die Wahrheit zusagen, so lange Arnold Brinkworth mit ihr unter demselben Dache weilte. Ich könnte ihr die Wahrheit schreiben, dachte sie. »Schreiben?« —— Als sie sich das noch einmal fragte, fuhr ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf; sie öffnete die Thür zum Wohnzimmer und trat, von Blanche gefolgt, wieder in dasselbe ein.

»Schon wieder fort?« rief Blanche, indem sie mit dem Ausdruck der Enttäuschung sich in dem leeren Zimmer umsah »Anne! Die ganze Sache kommt mir so sonderbar vor, daß ich Dein Schweigen nicht länger ertragen kann und will. Es ist nicht recht von Dir, mir Dein Vertrauen vorzuenthalten, nachdem wir unser ganzes Leben wie Schwestern mit einander gelebt haben.«

Anne seufzte schwer und küßte Blanche auf die Stirn. »Du sollst Alles wissen, was ich Dir sagen kann und darf!« erwiderte sie sanft. »»Mache mir keine Vorwürfe, die Sache ist peinlicher, als Du glaubst.« Sie trat an den Schreibtisch und überreichte Blanche einen Brief. »Lies das!« sagte sie.

Blanche sah ihren Namen auf der von Anne’s Hand geschriebenen Adresse. »Was bedeutet das?« fragte sie.

»Ich schrieb Dir, nachdem Sir Patrick mich verlassen hatte,« entgegnete Arme. »Meine Absicht war, daß Du meinen Brief morgen bekommen solltest, zeitig genug, um jeder Unvorsichtigkeit vorzubeugen, zu der Dich Deine Angst treiben möchte. Alles, was ich Dir sagen kann, findest Du hier, erspare mir die Qual, es Dir zu sagen; lies es, Blanche!«

Blanche hielt den Brief noch immer uneröffnet in der Hand. »Ein Brief von Dir an mich, wenn wir Beide in demselben Zimmer allein sind? Das ist ja mehr als förmlich, Anne, das ist, als ob wir uns gezankt hätten! Wie kann es Dir eine Qual sein, Dich gegen mich auszusprechen!«

Anne’s Augen senkten sich zu Boden. Zum zweiten Male wies sie auf den Brief.

Blanche erbrach den Brief, überflog rasch die einleitenden Sätze und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den zweiten Theil des Briefes:

»»Und nun, liebste Blanche, erwartest Du, daß ich Dich für die Ueberraschung und die Qual, die ich Dir bereitet habe, dadurch entschädige, daß ich Dir meine Situation offen darlege und Dir alle meine Pläne für die Zukunft mittheile Theuerste Blanche! glaube nicht, daß ich dessen, was Du von meiner Liebe zu erwarten ein Recht hast, uneingedenk bin; glaube nicht, daß sich in meiner Gesinnung gegen Dich irgend etwas geändert hat, glaube nur, daß ich ein sehr unglückliches Weib bin und daß ich mich in einer Lage befinde, die mich gegen meinen eigenen Willen zwingt, über meine Angelegenheiten Schweigen zu beobachten. schweigen selbst gegen Dich, meine geliebte Schwester, die Du mir die Liebste auf der Welt bist. Vielleicht kommt die Zeit, wo ich Dir mein Herz öffnen darf; o, wie mich das beglücken, wie mich das erfreuen würde. Jetzt muß ich schweigen, jetzt müssen wir von einander getrennt bleiben; Gott weiß, was es mich kostet, Dir dieses zu schreiben. Ich gedenke der schönen vergangenen Tage, der Stunden, wo ich Deiner Mutter versprach, Dir eine Schwester zu sein, als ihre lieben Augen mich zum letzten Male ansahen, Deiner Mutter, die der meinigen ein Schutzengel war. Alles das tritt mir in diesem Augenblick vor die Seele und zerreißt mir das Herz, aber es muß sein, meine geliebte Blanche, für jetzt muß es sein. Ich will Dir oft schreiben, ich will Tag und Nacht an Dich denken, mein Engel, bis eine glücklichere Zukunft uns wieder vereinigt. Gott segne Dich, mein geliebtes Kind, und Gott helfe mir!««

Blanche trat schweigend an das Sopha, auf dem Anne saß, und blieb, den Blick auf sie geheftet, einen Augenblick vor ihr stehen, dann setzte sie sich zu ihr und lehnte den Kopf an Anne’s Schulter. Mit bekümmerten Blicken steckte sie den Brief schweigend zu sich, ergriff Anne’s Hand und küßte sie. »Alle meine Fragen sind beantwortet, liebe Schwester, ich will warten, bis Du die Zeit gekommen glaubst.« Sie sprach diese Worte mit dem Ausdruck anspruchloser Einfachheit und echter Herzensgüte.

Anne brach in Thränen aus. —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— —— ——

Der Regen dauerte noch immer fort, aber das Gewitter verzog sich. Blanche trat an das Fenster und öffnete die Laden, um in die düstere Nacht hinauszusehen. Dann aber kehrte sie plötzlich zu Anne zurück. »Ich sehe Lichter« sagte sie, »die Lichter eines Wagens, die aus der Dunkelheit der Haide emportauchen. Ganz gewiß schicken sie von Windygates aus nach mir. Gehe in’s Schlafzimmer, denn es wäre ja möglich, daß Lady Lundie selbst käme, mich zu holen.« —— Die sonderbaren Umstände hatten dazu geführt, daß die beiden Mädchen völlig die Rollen getauscht hatten. Anne war wie ein Kind in Blanche’s Händen. Sie´erhob sich und ging in’s andere Zimmer.

Als Blanche jetzt allein war, zog sie den Brief wieder hervor und las ihn noch einmal, während sie der Ankunft des Wagens harrte. Die nochmalige Durchlesung des Briefes bestärkte sie in einem Entschluß, den sie vorhin, als sie neben Anne auf dem Sopha gesessen gefaßt hatte, einem Entschluß, der zu viel ernsteren Folgen in der Zukunft führen sollte, als sie ahnen konnte. Sir Patrick war der einzige Mensch, auf dessen Discretion und Erfahrungen sie sich völlig verlassen konnte. Sie beschloß in Anne’s eigenem Interesse, ihren Onkel in’s Vertrauen zu ziehen und ihm Alles zu erzählen, was in dem Gasthof vorgefallen war. Zuerst will ich mir seine Verzeihung erwirken, dachte sie, und dann will ich sehen, ob er meine Meinung theilt. —— Der Wagen fuhr vor und Mrs. Inchbare führte nicht Lady Lundie, sondern Lady Lundie’s Kammerjungfer in’s Zimmer. Der Bericht derselben über das, was in Windygates vorgefallen war, lautete einfach genug. Lady Lundie hatte selbstverständlich Blanches plötzliche Abreise im Ponywagen richtig zu erklären gewußt und hatte sofort ihren eigenen Wagen mit dem festen Entschluß beordert, ihrer Stieftochter selbst nachzufahren, aber die Aufregung und Angst des Tages waren zu viel für sie gewesen. Lady Lundie hatte einen der Schwindelanfälle bekommen, denen sie jeder Zeit nach großer Aufregung unterworfen war, und so gern sie auf mehr als einem Grunde nach dem Gasthof gefahren wäre, sah sie sich doch in Sir Patrick’s Abwesenheit genöthigt, Blanches Verfolgung ihrer Kammerjungfer, deren Alter und Einsicht sie unbedingt vertrauen konnte, zu überlassen. Die Kammerjungfer hatte, in Voraussicht der Wirkungen des Unwetters, aus Blanche’s Toilette, vorsorglicher Weise einen Koffer mit vollständigem Anzug mitgebracht. Während sie denselben für Blanche auspackte, meldete sie in vollkommen ehrerbietigem Tone, daß sie von ihrer Herrin beauftragt sei, nöthigenfalls nach dem Jagdschlosse zu fahren und die Angelegenheit in Sir Patricks Hände zu legen. Nachdem sie ihren Auftrag ausgerichtet hatte, überließ sie es ihrer jungen Herrin, selbst zu bestimmen, ob sie unter den obwaltenden Umständen nach Windygates zurückkehren wolle oder nicht.

Blanche nahm der Kammerjungfer die Kleider ab und ging zu Anne in’s Schlafzimmer, um sich für die Rückfahrt anzukleiden. »Ich muß nach Hause,« sagte sie, »Um eine ordentliche Schelte entgegenzunehmen, aber das bin ich von Lady Lundie schon gewohnt, das macht mir keinen Kummer. Was mich bekümmert bist Du, Anne. Kann ich mich auf Eins verlassen, bleibst Du für jetzt hier?«

Das Schlimmste, was Anne im Gasthofe begegnen, konnte, war geschehen. Durch das Verlassen des Ortes, wohin Geoffrey ihr zu schreiben versprochen hatte, konnte jetzt Nichts gewonnen, aber Alles verloren werden. —— Anne erwiderte, daß sie für’s Erste im Gasthof zu bleiben gedenke.

»Versprichst Du mir zu schreiben?«

»Ja!«

»Kann ich jetzt etwas für Dich thun?«

»In diesem Augenblicke nichts, liebe Blanche, aber später vielleicht.«

»Wenn es Dich verlangt, mich zu sehen, so können wir uns in Windygates treffen, ohne entdeckt zu werden. Komm zur Frühstückszeit, nimm Deinen Weg längs des Gebüsches und tritt durch die Glasthür in die Bibliothek; Du weißt so gut wie ich, daß um diese Zeit Niemand dort ist. Sage nicht, es ist unmöglich, Du kannst nicht wissen, was geschehen kann. Ich werde jeden Tag zehn Minuten auf Dich warten, ob Du nicht vielleicht kommst. Das wäre abgemacht und ebenso, daß Du mir schreibst. Ehe ich fortgehe, liebste Anne, laß uns doch sehen, ob wir noch sonst etwas zu bedenken haben.

Bei diesen Worten schien Anne plötzlich ihre Niedergeschlagenheit abzuschütteln; sie schloß Blanche in ihre Arme und drückte sie mit wilder Heftigkeit an ihre Brust. »Willst Du immer für mich bleiben, was Du jetzt bist? Oder wird eine Zeit kommen, wo Du mich hassen wirst?« Sie verschloß Blanche den Mund mit einem Kusse und drängte sie der Thür zu. »Wir haben glückliche Tage zusammen verlebt!« rief sie, indem sie Blanche mit der Hand zum Abschied winkte. »Laß uns Gott dafür danken und uns um das Andere nicht kümmern!« Sie öffnete die Schlafzimmerthür und rief nach der Kammerjungfer. »Miß Lundie erwartet Sie!« Blanche drückte ihr die Hand und verließ sie.

Anne wartete eine Weile im Schlafzimmer bis sie den Wagen draußen abfahren hörte. Als das Rollen der Räder verklungen war, blieb sie einen Augenblick wieder nachdenklich stehen, raffte sich dann plötzlich auf, eilte in’s Wohnzimmer und klingelte »Ich Verliere den Verstand!« sagte sie zu sich selber, »wenn ich hier allein bleibe.«

Selbst Bishopriggs empfand die Nothwendigkeit zu schweigen, als er auf das Klingeln erschien und vor ihr stand.

»Ich will ihn sprechen, schicken Sie ihn auf der Stelle her!«

Bishopriggs verstand sie und ging wieder hinaus.

Arnold erschien. »Ist sie fort?« waren seine ersten Worte.

»Sie ist fort und wird keinen Verdacht gegen Sie haben, wenn sie Sie wieder steht. Ich habe ihr nichts gesagt, fragen Sie auch nicht nach meinen Gründen.«

»Ich denke gar nicht daran, Sie zu fragen!«

»Seien Sie böse auf mich, wenn Sie wollen!«

»Ich denke nicht daran, böse auf Sie zu sein!« Sein Aussehen und seine Sprache waren die eines ganz veränderten Menschen.

Ruhig setzte er sich an den Tisch, lehnte den Kopf auf die Hand und verharrte schweigend in dieser Stellung.

Anne war ganz erstaunt. Sie trat dicht an ihn heran und sah ihn neugierig an. —— Ein Weib mag durch eigene Bekümmernisse noch so sehr aufgeregt sein, so wird sie doch immer für jeden unvorbereiteten Wechsel in dem Wesen eines Mannes, der sie interessirt, empfänglich bleiben. Der Grund dieser Erscheinung liegt nicht in der Wandelbarkeit weiblicher Stimmungen; sie ist vielmehr auf die edle Selbstverleugnung zurückzuführen, die eine der größten —— und zur Ehre des weiblichen Geschlechter sei es gesagt —— sehr häufig anzutreffenden weiblichen Tugenden ist.

Allmälig nahmen Anne’s Züge den ihnen eigenen sanften weiblichen Ausdruck wieder an; der angeborene Adel ihrer Natur trat hervor, sobald Arnold unbewußt an denselben appellirt hatte. Sie berührte seine Schulter. »Das war hart für Sie!« sagte sie, »und ich verdiene Tadel dafür. Vergeben Sie mir, wenn Sie können, Mr. Brinkworth, es thut mir aufrichtig leid, ich wünsche von ganzem Herzen, ich könnte Sie trösten!«

»Ich danke Ihnen, Miß Silvester; es war in der That keine sehr angenehme Empfindung für mich, mich vor Blanche verstecken zu müssen, als ob ich mich vor ihr fürchte und es hat mich zum ersten Mal in meinem Leben, glaube ich, nachdenklich gemacht; aber gleichviel, es ist jetzt Alles vorbei. Kann ich irgend etwas für Sie thun?«

»Was gedenken Sie diese Nacht zu thun?«

»Wie ich Ihnen schon gesagt habe, ich gedenke das zu thun, was meine Pflicht gegen Geoffrey von mir erheischt. Ich habe ihm versprochen, Sie in Ihren Angelegenheiten hier zu unterstützen und dafür zu sorgen, daß Sie sicher hier bleiben können bis er zurückkommt. Das kann ich nur erreichen, wenn ich den äußeren Anstand beobachte und daher die Nacht hier im Gastzimmer zubringe. Das nächste Mal wenn wir uns wiedersehen, werden die Umstände hoffentlich freundlicher sein, aber ich werde immer mit Vergnügen daran denken, Daß ich mich Ihnen nützlich machen konnte; indessen werde ich morgen früh höchst wahrscheinlich fort sein, ehe Sie aufstehen.«

Anne reichte ihm die Hand zum Abschiede. Was geschehen war konnte nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Die Zeit der Warnungen und Vorstellungen war vorüber. »Sie haben sich keine Undankbare zur Freundin gemacht!« sagte sie, »vielleicht kommt der Tag, wo ich es Ihnen beweisen kann.«

»Hoffentlich nicht, Miß Silvester! Leben Sie wohl und möge es Ihnen gut gehen!«

Sie zog sich in ihr Schlafzimmer zurück. Arnold verriegelte die Wohnzimmerthür und streckte sich auf dem zum Nachtlager ersehnten Sopha aus.

Ein klarer schöner Morgen folgte auf das Gewitter des vorigen Tages. Arnold war, wie er versprochen hatte fortgegangen, bevor Anne ihr Schlafzimmer verlassen hatte. Im Gasthofe glaubte man, daß wichtige Geschäfte ihn unerwarteter Weise abgerufen hätten. Bishopriggs hatte ein schönes Trinkgeld bekommen und mit Mrs. Inchbare hatte Arnold abgemacht, daß die Zimmer für eine Woche fest gemiethet seien. Mit einer einzigen Ausnahme schien der Gang der Ereignisse jetzt wieder einen ruhigen Verlauf angenommen zu haben. Arnold war auf dem Wege nach seinem Gute, Blanche war wohlbehalten wieder in Windygates angelangt und Anne’s Aufenthalt im Gasthause war für eine Woche gesichert. Die einzige noch schwebende Frage war, was Geoffrey thun würde; das einzige noch dunkle Ereigniß hing davon ab, ob Lord Holchester in London sich von seiner Krankheit erholen oder sterben werde. An und für sich waren die Folgen jeder dieser beiden Fälle einfach genug. Blieb Lord Holchester am Leben, fo würde Geoffrey nach Schottland zurückkehren und sich mit Anne im Geheimen verheirathen; starb Lord Holchester, so konnte Geoffrey Anne kommen lassen und sie öffentlich in London heirathen! Aber konnte man sich auf Geoffrey verlassen? —— Anne trat auf eine vor dem Gasthause befindliche Terrasse; ein kühler Morgenwind wehte sie erfrischend an; große weiße Wolken jagten an der Sonne vorüber durch die Luft dahin; gelbe Lichter und purpurne Schatten lagerten abwechselnd auf der weiten, dunklen Haide. Hoffnung und Furcht wechselten in Annes Gemüth, je nachdem ihr die Zukunft erschien. Allmälich wurde sie es müde, in die verschleierte Zukunft zu dringen, und trat wieder in das Haus. Sie sah nach der Uhr auf dem Vorplatz. Die Stunde, wo der Zug von Perthshire in London eintreffen mußte, war vorüber. Geoffrey und sein Bruder mußten in diesem Augenblick auf dem Wege nach Lord Holchester’s Hause sein.



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