Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Windygates - Sechsundzwanzigstes Kapitel - Auf der Spur
 

Mann und Weib



Sechsundzwanzigstes Kapitel - Auf der Spur

Der Nachmittag verging. Die Dienerschaft in Windygates, die sich in Abwesenheit ihrer Herrin und deren Gesellschaft im Garten sonnte, wurde in dieser Beschäftigung für den Augenblick durch die unerwartete Rückkehr eines der Gäste gestört. Mr. Geoffrey Delamayn erschien allein wieder im Hause, ging direct in’s Rauchzimmer, ließ sich, nachdem er sich wieder eine Portion Ale hatte bringen lassen, in einem Lehnsessel nieder, nahm die Zeitung zur Hand und fing an zu rauchen. Bald war er des Lesens überdrüssig und überließ sich dem Nachdenken über das, was ihm während des letzten Theiles seines Spazierganges begegnet war.

Seine Aussichten hatten sich günstiger gestaltet, als er es sich in seinen kühnsten Erwartungen hatte träumen lassen. Er hatte sich gewappnet, nach dem, was in der Bibliothek vorgefallen war, dem Ausbruche eines ernstlichen Scandals im Hause entgegen zu treten und nun, da er zurückkam, war gar nichts vorhanden, was ihn hätte dazu veranlassen können. Die drei Personen —— Sir Patrick, Arnold und Blanche ——, die zum mindesten wissen mußten, daß Anne sich in einer ernsthaften Verlegenheit befand, bewahrten alle Drei das Geheimniß so sorgfältig, als ob sie fühlten, daß sein Interesse auf dem Spiel stehe und was noch merkwürdiger war, Anne selbst, weit entfernt davon einen Auftritt herbeizuführen, hatte sich vielmehr geflüchtet, ohne ein Wort zu äußern, das ihn bei irgend einem Menschen hätte compromittiren können. Was in aller Welt hatte das zu bedeuten? Er gab sich alle erdenkliche Mühe, sich die Sache in irgendeiner Weise zu erklären und fand wirklich eine Erklärung für das Schweigen Blanche’s, ihres Onkels und Arnold’s. Es war ziemlich klar, daß sie alle Drei übereingekommen sein mußten, Lady Lundie nichts davon wissen zu lassen, daß ihre weggelaufene Gouvernante wieder in’s Haus zurückgekehrt sei, aber Anne’s eigenes Schweigen war ihm völlig räthselhaft.

Er war ganz unfähig, sich eine Vorstellung davon zu machen, daß das Entsetzen darüber, sich als ein Hinderniß für Blanche’s Heirath betrachten zu müssen, bei Anne stark genug gewesen sein konnte, um das Gefühl des ihr selbst angethanen Unrechts in den Hintergrund zu drängen und sie, da sie sich nicht anders zu helfen wußte, mit dem Entschlusse fortzutreiben, nicht wieder zurückzukehren und niemals Jemanden Veranlassung zu bieten, sie als Arnold’s Weib zu betrachten. »Die Sache ist mir absolut unerklärlich!«

Das war das Endergebniß von Geoffrey’s Nachdenken. »Aber gleichviel, wenn es in ihrem Interesse liegt, zu schweigen, so liegt es nicht minder in dem meinigen und damit mag die Sache für jetzt ihr Bewenden haben.« Er legte seine Füße auf einen Stuhl und brannte sich, höchst zufrieden mit sich selbst, eine zweite Pfeife an. Keine Dazwischenkunft Anne’s, keine unangenehmen Fragen über sein Verhältniß zu ihr hatte er also von Arnold mehr zu befürchten. Er dachte an den Wortwechsel auf der Haide mit einer gewissen Befriedigung zurück und ließ seinem Freunde, obgleich er sich mit ihm veruneinigt hatte, Gerechtigkeit widerfahren. Wer hätte dem Burschen so viel Courage zugetraut, dachte er bei sich, als er sich seine zweite Pfeife anzündete.«

Nach Verlauf einer Stunde kehrte Sir Patrick von seiner Expedition zurück. Er war nachdenklich, aber durchaus nicht niedergeschlagen, allem Anscheine nach konnte seine Fahrt nach Craig-Fernie nicht erfolglos gewesen sein. Der alte Herr pfiff, vielleicht etwas abwesend, sein schottisches Lieblingslied und nahm seine Prise aus der Krücke seines elfenbeinenen Stockes wie gewöhnlich. Er ging in die Bibliothek und klingelte »Hat Jemand nach mir gefragt?« redete er den eintretenden Diener an.

»Nein, Sir Patrick!«

»Sind Briefe für mich gekommen?«

»Nein, Sir Patrick!«

»Gut!«

»Komm mit mir hinauf und hilf mir meinen Schlafrock und meine Pantoffeln anziehen.«

Nachdem der alte Herr anf seinem Zimmer mit Hülfe des Dieners diesen Toilettenwechsel bewerkstelligt hatte, fragte er weiter:

»Ist Miß Lundie zu Hause?«

»Nein, Sir Patrick! Die Herrschaften sind Alle mit Lady Lundie ausgefahren.«

»Gut! Bringe mir eine Tasse Caffee und wecke mich eine Stunde vor dem Mittagsessen, falls ich einschlafen sollte!«

Der Diener ging hinaus. Sir Patrick legte sich aufs Sopha.

»Ja, ja, ohne ein wenig Rückenschmerz und Steifheit in den Beinen, geht so etwas in unserem Alter nicht mehr ab, dem Pony wird wohl eben so zu Muthe sein, wie mir! Nun, versuchen wir es im Herzen jung zu bleiben!« Resignirt fing er wieder an, sein schottisches Lieblingslied zu pfeifen.

Da trat der Diener mit dem Caffee ein und dann herrschte im Zimmer eine Stille, die nur durch das leise Rauschen des Epheus am Fenster unterbrochen wurde.

Ein paar Minuten brachte Sir Patrick damit zu, seinen Caffee zu schlürfen und über seine letzten Erlebnisse nachzudenken, bis er in einen sanften Schlummer versank!

Kurze Zeit darauf kehrte die Gesellschaft von ihrer Ausfahrt nach den Ruinen zurück. Mit einziger Ausnahme der Frau vom Hause war die ganze Gesellschaft in einer gedrückten Stimmung. Smith und Jones waren völlig sprachlos. Nur Lady Lundie hatten die mittelalterlichen Ruinen heiter gestimmt. Sie hatte den Mann, der die Ruinen zeigte, um einen Schilling betrogen und war sehr zufrieden mit sich. Ihr Stimme war von einem melodischen Flötenton und ihr berühmtes Lächeln spielte huldvoller als je um ihre Lippen.

»Höchst interessant,« sagte Lady Lundie, indem sie mit anmuthiger Würde aus dem Wagen stieg, zu Geoffrey gewandt, der unter dem Porticus des Hauses auf- und abschlenderte. »Sie haben sehr viel verloren. Das nächste Mal, wenn Sie einen Spaziergang machen wollen, lassen Sie es mich wissen und Sie werden es nicht bereuen!«

Blanche, die sehr erschöpft und besorgt aussah, fragte, sobald sie in’s Haus»getreten war, den Diener nach Arnold und ihrem Onkel. Sir Patrick, lautete die Antwort, sei oben auf seinem Zimmer, Mr. Brinkworth sei noch nicht zurückgekehrt.

Es waren nur noch zwanzig Minuten bis zur Tischzeit und die Damen hatten in Windygates in voller Abendtoilette bei der Tafel zu erscheinen. Nichtsdestoweniger verweilte Blanche in der Vorhalle, in der Hoffnung, Arnold, noch ehe sie hinaufging, zusprechen. Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Gerade als es ein Viertel vor sieben schlug, trat Arnold in ebenso gedrückter Stimmung wie die Uebrigen ein.

»Haben Sie sie gefunden?« fragte Blanche.

»Nein,« antwortete Arnold, in vollkommen gutem Glauben. »Sie ist auf keinem der Kreuzwege davon gekommen, dafür stehe ich ein.«

Sie trennten sich, um Toilette zu machen. »Als die Gesellschaft sich vor Tische wieder in der Bibliothek versammelte, ging Blanche, sobald Sir Patrick in’s Zimmer trat, auf ihn zu. »Nachrichten, Onkel? Ich sterbe vor Verlangen nach Nachrichten.

»Ganz gute Nachrichten liebes Kind!«

»Hast Du Anne gefunden?«

»Das gerade nicht!«

»Hast Du in Craig-Fernie von ihr gehört?«

»Ich habe eine wichtige Entdeckung in Craig-Fernie gemacht.! Hier kommt Deine Stiefmutter, warte bis nach Tisch und Du sollst mehr hören als ich Dir jetzt sagen kann, bis dahin haben wir Vielleicht Nachrichten von der Station.«

Das Mittagessen war außer für Blanche noch für mindestens zwei Personen eine harte Geduldsprobe. Arnold, der Geoffrey gegenüber saß, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln, empfand das veränderte Verhältniß zwischen sich und seinem bisherigen Freunde sehr peinlich. Sir Patrick, der die geschickte Hand Hester Dethridges bei jedem Gerichte vermißte, betrachtete das Mittagessen als eine verlorene Stunde in seinem Leben und war verdrießlich über die Heiterkeit seiner Schwägerin, die ihm unter den obwaltenden Umständen ganz unfaßbar war. Blanche folgt Lady Lundie in den Salon in ungeduldiger Erwartung des Augenblicks, wo die Herren sich von ihrem Wein trennen würden. Ihre Stiefmutter, die, als sie einen neuen Plan zu einer archäologischen Excursion für einen der nächsten Tage entwarf und Blanche’s Ohren taub fand, für ihre gelegentlichen Bemerkungen über, das alte Schottland, wie es vor fünfhundert Jahren war, jammerte mit satyrischer Emphase über die Abwesenheit einer intelligenten weiblichen Gesellschaft und streckte dann ihre majestätische Gestalt auf das Sopha aus, des Augenblicks harrend, wo eine ihrer würdigere Zuhörerschaft aus dem Eßzimmer kommen würde. Es dauerte nicht lange —— so besänftigend wirkt auf uns nach einem guten Diner die Betrachtung mittelalterlicher Antiquitäten, unter dem Einfluß eines guten Gewissens —— und Lady Lundie’s Augen schlossen sich und Lady Lundies Naslöchern entwand sich von Zeit zu Zeit ein Klang, tief wie das gelehrte Wissen Lady Lundie’s, regelmäßig wie ihre Lebensgewohnheiten, ein Klang, der die Vorstellung von Nachtmützen und Schlafzimmern zu erwecken pflegt, den die keines Rangunterschiedes achtende Natur, hoch- wie niedriggebornen Nasen gleichmäßig entlockt, der Klang —— o Wahrheit, welche Ungeheuerlichkeiten zwingst Du uns auszusprechen ——, der Klang des Schnarchens! —— Als Blanche sah, daß sie endlich frei über sich verfügen könne, entfloh sie den melodischen Klängen, die jetzt im Salon ertönten, in unverhohlener Freude über den hörbaren Schlummer, den Lady Lundie genoß. Sie ging in die Bibliothek und blätterte in den dort aufliegenden Romanen ging wieder hinaus und sah von der Vorhalle aus in’s Eßzimmer hinein, ob denn die Herren niemals aufhören würden von Politik zu reden und Wein zu trinken; sie ging auf ihr Zimmer, wechselte ihre Ohrringe und schalt ihre Kammerjungfer, ging wieder hinunter und machte eine beunruhigende Entdeckung. In einem dunkeln Winkel der Vorhalle standen zwei Männer, die, den Hut in der Hand, mit dem Kellermeister flüsterten. Der Kellermeister ließ sie stehen und ging in’s Eßzimmer, kam wieder mit Sir Patrick heraus und winkte die beiden Männer heran. Sie traten aus der Dunkelheit hervor. Es waren der Bahnhof-Inspector Murdoch und der Kammerdiener Duncan. Nachrichten von Anne!

»O, Onkel, laß mich hier bleiben,« bat Blanche.

Sir Patrick zauderte. Es war bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge unmöglich vorauszusagen welch’ betrübende Nachrichten die beiden Männer vielleicht von dem vermißten Mädchen bringen konnten. Duncan’s Rückkehr in Begleitung des Bahnhof-Inspectors sah schlimm aus.

Blanche begriff sofort den Grund des Zauderns ihres Onkels, sie wurde bleich und Umfaßte seinen Arm. »Schick’ mich nicht fort,« flüsterte sie, »ich kann Alles ertragen, nur keinen Aufschub.«

»Heraus damit!« sagte Sir Patrick, indem er die Hände seiner Nichte festhielt »Habt ihr sie gefunden oder nicht?«

»Sie ist mit dem Zuge nach Norden gereist,« erwiderte der Bahnhofs-Inspector, »und wir wissen wohin!«

Sir Patrick athmete auf. Blanche’s Wangen rötheten sich wieder. Aus verschiedenen Gründen fühlten sich Beide gleich sehr erleichtert.

»Ich hatte Dir doch aufgetragen, ihr zu folgen?« sagte Sir Patrick zu Duncan, »Warum kommst Du wieder?«

»Ihr Diener ist nicht zu tadeln«, bemerkte der Bahnhofs-Inspector. »Die Dame ist in Kirkandrew eingestiegen!«

Sir Patrick war überrascht und sah den Bahnhofs-Inspector an. »Ja, ja, die nächste Station, der Marktflecken, unbegreiflich dumm von mir, das ist mir gar nicht eingefallen.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihre Beschreibung der Dame nach Kirkandrew zu telegraphiren.«

»Mr. Murdoch, ich bekenne, daß Sie in diesem Falle der Umsichtigere gewesen sind. Nun?«

»Hier ist die Antwort, Sir Patrick.«

Sir Patrick und Blanche lasen zusammen das Telegramm.

Kirkandrew Zug nach Norden. Sieben Uhr vierzig Minuten Abends. Dame wie die Beschriebene kam. Reisesack in der Hand. Reiste allein zweiter Classe nach Edinburgh.«

»Edinburgh?« wiederholte Blanche, »o, Onkel in einer großen Stadt wie Edinburgh werden wir ihre Spur verlieren.«

»Wir werden sie finden, liebes Kind und Du sollst sehen, wie. Duncan schaffe mir Feder, Dinte und Papier. Mr. Murdoch, Sie gehen nach der Station zurück?

«

»Ja, Sir Patrick!«

»Ich werde Ihnen ein Telegramm mitgeben, das ich Sie sofort nach Edinburgh zu befördern bitte.«

Er schrieb eine sorgfältig überlegte, telegraphische Depesche auf und adressirte dieselbe an den Sheriff von Mid-Lothian. »Der Sheriff ist mein Freund«, erklärte er seiner Nichte, »und ist eben jetzt in Edinburgh. Lange bevor der Zug dort anlangt, wird er diese Beschreibung der Person Miß Silvester’s mit meiner Bitte erhalten, alle ihre Bewegungen sorgfältig überwachen zu lassen. Er verfügt ganz und gar über die Polizei und wird die besten Leute mit der Sache beauftragen. Ich habe ihn um eine telesgraphische Antwort gebeten und bitte Sie, Herr Murdoch, einen besonderen Boten zur Beförderung dieser Antwort an der Station bereit zu halten.«

»Ich danke Ihnen, guten Abend!«

»Duncan, iß zu Abend und mache es Dir bequem; Blanche, liebes Kind, geh’ wieder nach dem Salon und erwarte uns gleich zum Thee, Du sollst noch heute Abend, ehe Du zu Bett gehst, wissen, wo Deine Freundin ist!«

Mit diesen tröstenden Worten kehrte er zu den Herren zurück. Zehn Minuten später erschienen sie im Salon und Lady Lundie, fest überzeugt, daß sie ihre Augen keinen Moment geschlossen habe, weilte mit ihren Gedanken wieder in Schottland, wie es vor fünfhundert Jahren war. Blanche ersah ihre Gelegenheit und nahm ihren Onkel bei Seite.

»Nun halte Dein Versprechen,« sagte sie, »Du hast also eine wichtige Entdeckung in Craig-Fernie gemacht, worin besteht sie?«

Sir Patricks Augen wandten sich nach Geoffrey um, der in einem Winkel des Zimmers, in einem Armsessel schlummerte; er schien nicht abgeneigt, mit der Neugierde seiner Nichte zu seinerzeit. »Kannst Du nach der Entdeckung, die wir schon gemeinschaftlich gemacht haben,« sagte er, »nicht warten, liebes Kind, bis wir das Telegramm bekommen?«

»Das ist mir vollkommen unmöglich Das Telegramm kann ja auch erst in ein Paar Stunden hier sein; inzwischen muß ich etwas haben, worüber ich nachdenken kann!« Sie setzte sich auf ein Sopha in dem Geoffrey’s Sessel gegenüberliegenden Winkel und wies auf den leeren Platz neben sich hin. Sir Patrick hatte sein Versprechen gegeben und mußte nun halten. Nach einem zweiten Blick aus Geoffrey nahm er den leeren Platz an der Seite seiner Nichte ein.


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