Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Windygates - Dreißigstes Kapitel - Überlistet
 

Mann und Weib



Dreißigstes Kapitel - Überlistet

Sir Patrick fand seine Schwägerin tief in häusliche Geschäfte versunken. Lady Lundie’s Correspondenz- und Besuchsliste, ihre Haushaltungsrechnungen und Bücher, ihre in scharlachrothes Leder gebundenen Tage- und Notizbücher, ihr Schreibtisch, Couvertkasten, Zündholzdöschen, Schreibleuchter, alles von Ebenholz und Silber, und vor Allem Lady Lundie selbst, die, in einem eleganten Morgencostüm, ein Bild der Gesundheit und ein Muster aller Tugenden, eben mit der selbstständigen Wahrnehmung ihrer Angelegenheiten beschäftigt dasaß, —— boten für jedes wohlorganisirte Gemüth das imposanteste Schauspiel dar, welches menschliche Augen erblicken können, —— die englische Matrone in ihrer ganzen Majestät, die den Schöpfer der Welten fragt: Wann wirst Du meines Gleichen wieder hervorbringen?

»Ich fürchte, ich störe«, begann Sik Panier, »ich bin ein Müssiggänger, und kann später wiederkommen, wenn es Ihnen jetzt nicht paßt.«

Lady Lundie legte mit einem schwachen Lächeln die Hand an die Stirn: »ich habe einen kleinen Schmerz hier! Sir Patrick, bitte nehmen Sie Platz, die Pflicht, findet mich immer bereit, immer heiter, immer zugänglich, mehr darf die Pflicht von einem armen, schwachen Weibe nicht erwarten; nun, was steht zu Ihren Diensten?«

Lady Lundie zog ihr scharlachrothes Notizbuch zu Rathe: »ich habe es hier in einer besonders mit Anfangsbuchstaben bezeichneten Rubrik: A. Die Armen? Nein! H. M. Heiden-Missionen? Nein! Z. E. B. Zu erwartender Besuch? Nein! V. B. P. Das ist es, vertrauliche Besprechung mit Patrick! Verzeihen Sie die kleine harmlose Vertraulichkeit, die ich mir mit der Weglassung Ihres Titels erlaubt habe. Ich danke Ihnen, Sie sind immer so liebenswürdig. Ich stehe vollkommen zu Diensten; wenn es etwas Peinliches ist, zögern Sie nicht, ich bin auf Alles gefaßt.« Nach dieser Erklärung lehnte sich Lady Lundie in ihren Sessel zurück, indem sie die Arme auf die Lehnen stützte, und ihre Fingerspitzen an einander legte, als ob sie eine Deputation empfinge. »Nun?« sagte sie in fragendem Tone.

Sir Patrick widmete dem Andenken seines verstorbenen Bruders einen Moment des Mitleidens und ging dann auf den Gegenstand dieser Zusammenkunft mit den Worten ein: »Ich möchte es nicht etwas Peinliches nennen; sagen wir lieber eine Angelegenheit häuslicher Besorgnisse —— Blanche ——«

Lady Lundie stieß einen leisen Schrei aus und bedeckte ihre Augen mit der Hand. »Ist es unerläßlich?« unterbrach sie ihn in einem rührend, vorwurfsvollen Ton, »o, Sir Patrick, ist es unerläßlich?«

»Ja, es ist unerläßlich!«

Lady Lundie’s herrliche Augen blickten zu jenem verborgenen Appellhofe auf, den wir gewöhnlich als Zimmerdecke bezeichnen. Der verborgene Appellhof blickte wieder auf Lady Lundie herab und sah in ihr die Personification der treuesten Pflichterfüllung. »Fahren Sie fort, Sir Patrick, das Losungswort der Frauen ist Selbstaufopferung Sie sollen nicht sehen, wie tief Sie mich betrüben. Fahren Sie fort.«

Sir Patrick fuhr mit unerschütterlicher Ruhe, ohne durch das leiseste Zeichen weder Sympathie noch Ueberraschung zu verrathen, fort: »Ich wollte von dem nervösen Anfall reden, von dem Blanche diesen Morgen befallen worden ist; darf ich fragen, ob Sie von der Ursache, der diesem Anfall zuzuschreiben ist, unterrichtet sind?«

»Da haben wirs!« tief Lady Lundie mit einem plötzlichen Ruck des Körpers in ihrem Sessel und einer plötzlichen entsprechenden Erhebung der Stimme: »die einzige Sache, vor deren Besprechung ich mich gefürchtet habe, das abscheuliche, abscheuliche, abscheuliche Benehmen, das ich mit Stillschweigen übergehen zu können gehofft hatte, und Sir Patrick berührt es unschuldiger Weise —— ich will Ihnen gewiß nicht zu nahe treten, unschuldiger Weise.«

»Berührt. Was theure Schwägerin?«

»Blanche’s Benehmen gegen mich diesen Morgen, Blanche’s herzlose Heimlichkeit, Blanche’s pflichtwidriges Schweigen, ich wiederhole die Worte herzlose Heimlichkeit, pflichtwidriges Schweigen ——«

»Erlauben Sie mir, einen Augenblick.«

»Erlauben Sie mir Sir Patrick; der Himmel weiß, wie ungern ich davon rede, der Himmel weiß, daß meinen Lippen keine Sylbe in Beziehung auf diesen Gegenstand entfahren ist; aber Sie lassen mir keine Wahl. Erlauben Sie mir als der Frau vom Hause, als einer christlichen Frau, als der Wittwe Ihres theuren Bruders, als Mutter dieses mißleiteten Mädchens, die Thatsachen wie sie sich Verhalten, zu constatiren, ich weiß, daß Sie es gut meinen, ich weiß, daß Sie mich schonen möchten«.

Sir Patrick verneigte sich, in Ergebung. Wenn er nur ein Maurer gewesen und wenn Lady Lundie nur nicht, was doch unzweifelhaft der Fall war, die Stärkere von Beiden gewesen wäre.

»Erlauben Sie mir«, sagte Lady Lundie, »einen Schleier um Ihretwillen, einen Schleier über die Gräuel zu decken, ich kann es, mit dem besten Willen Sie zu schonen, gewissenhafter Weise nicht anders bezeichnen, über die Gräuel die sich diesen Morgen hier im Hause ereignet haben. In dem Augenblick, wo ich hörte, daß Blanche unwohl sei, war ich auf meinem Posten. Die Pflicht wird mich. stets bereit finden, Sir Patrick, bis zur Stunde meines Todes. —— Erschütternd wie die Sache war, so hörte ich doch das Schreien und die Seufzer meiner Stieftochter ruhig an. Ich verschloß meine Ohren gegen die profane Heftigkeit ihrer Ausdrücke. Ich gabs ihr das nothwendige Beispiel eines würdigen Benehmens. Erst als ich deutlich den Namen einer Person, die niemals in meinem Familienkreise wieder genannt werden darf aus Blanche’s Munde, wenn ich so sagen darf, hervorgehen hörte, fing ich an, wirklich beunruhigt zu werden. Ich sagte zu meiner Kammerfrau Hopkins, das ist kein hysterischer Anfall, das ist eine Heimsuchung des Teufels, holen Sie das Chloroform.«

Chloroform als Exorcismus war für Sir Patrick etwas ganz Neues; nicht ohne Mühe behauptete er seine ernsthafte Haltung. Lady Lundie fuhr fort. »Hopkins ist eine Vortreffliche Person, aber Hopkins hat eine geschwätzige Zunge. Sie begegnete unserm ausgezeichneten ärztlichen Gast auf dem Corridor und erzählte ihm die Sache, und er war so gut nach Blanche zu sehen. Es war mir unangenehm, ihn zu veranlassen, in seiner ärztlichen Eigenschaft thätig zu sein, während er ein geehrter Gast in meinem Hause ist, außerdem schien mir der Fall mehr für einen Geistlichen, als für einen Arzt geeignet; aber nachdem Hopkins einmal geschwatzt hatte, half nichts mehr. Ich ersuchte unsern ausgezeichneten Freund uns gütigst seine, —— ich glaube der genaue wissenschaftliche Ausdruck ist: Prognose —— zu geben. Er faßte die Sache aus einem rein materiellen Gesichtspunkte auf, was auch von einem Manne seines Berufes nicht anders zu erwarten war, —— er prognostirte —— ist es richtig, heißt es prognosticiren oder diagnosticiren? Es kommt so viel auf den richtigen Gebrauch der Ausdrücke an, Sir Patrick und ich möchte Sie so ungern falsch berichten.«

»O bitte, Lady Lundie, ich habe die Meinung des Arztes bereits gehört, bemühen Sie sich nicht mit einer Wiederholung derselben.«

»Mich nicht mit einer Wiederholung bemühen?« entgegnete Lady Lundie in tiefer Entrüstung über die bloße Möglichkeit, sich ihre Bemerkungen abgeschnitten zu sehen. »O, lieber Sir Patrick, Ihre bekannte angeborne Ungeduld! Du lieber Gott, wie oft müssen Sie in jüngeren Jahren sich von dieser Ungeduld haben hinreißen lassen und wie oft müssen Sie dieselbe zu bedauern Veranlassung gehabt haben!«

»Theure Frau, wenn Sie die Erklärung des Arztes zu wiederholen wünschen, warum sagen Sie es mir nicht? Ich will Sie durchaus nicht übereilen, bitte, theilen Sie mir doch ja die Prognose mit.«

Lady Lundie schüttelte mitleidig den Kopf und lächelte mit einem engelgleichen Ausdruck der Trauer. »Unsere kleinen Gewohnheitssünden! Was sind wir doch für Sklaven unserer kleinen Gewohnheitssünden. Gehen Sie ein paar Mal im Zimmer auf und ab, thun Sie es, bitte!«

Jeder andere Mensch würde bei dieser Zumuthung die Geduld verloren haben, aber Juristen haben, wie Sir Patrick seiner Nichte gesagt hatte, ihr ganz eigenes Temperament. Ohne eine Spur von Gereiztheit zu erkennen zu geben, kehrte Sir Patrick geschickter Weise den von seiner Schwägerin gegen ihn gerichteten Spieß ums, indem er nun seinerseits ihre Neugierde zu reizen suchte.

»Was Sie für ein Auge haben,« sagte er; »ich war wirklich ungeduldig und sterbe vor Verlangen, zu erfahren, was Blanche zu Ihnen sagte, als sie sich wieder erholte.«

Die britische Matrone erstarrte zu einem Mamorbild.

»Nichts!« antwortete Lady Lundie, die Zähne zusammenbeißend, als habe sie das Wort, bevor sie es aussprach, zerbeißen wollen.

»Nichts?« rief Sir Patrick.

»Nichts!« wiederholte Lady Lundies mit emphatischem Ausdruck in Blick und Ton.- »Ich brachte alle nöthigen Mittel, die ich zur Hand hatte, zur Anwendung; ich schnitt ihr die Schnürbänder mit meiner eigenen Scheere auf, ich legte ihr fortwährend kalte Umschläge auf den Kopf, ich blieb bei ihr bis sie völlig erschöpft war, ich nahm sie in in meine Arme und legte sie an meinen Busen; ich schickte Alle zum Zimmer hinaus und sagte: Liebes Kind, vertraue Dich mir an, und wie wurde meine mütterliche Liebe aufgenommen? Ich habe es Ihnen schon —— gesagt: mit herzloser Heimlichkeit, mit pflichtwidrigem Schweigen.«

Sir Patrick ging jetzt seinem Opfer mit seinem Spieß noch ein wenig schärfer zu Leibe. »Sie fürchtete sich wahrscheinlich, zu reden!«

»Sie fürchtete sich? O!« rief Lady Lundie, ihren Ohren mißtrauend, »das können Sie nicht gesagt haben, ich muß Sie mißverstanden haben; haben Sie wirklich gesagt: sie fürchtete sich?«

»Ich sagte: sie fürchtete sich wahrscheinlich!«

»Halt! Ich kann mir nicht in’s Gesicht sagen lassen, daß ich an meiner Pflicht gefehlt habe, Sir Patrick, ich kann vieles vertragen, aber das nicht! Nachdem ich dem Kinde Ihres theuren Bruders mehr als eine Mutter gewesen bin, nachdem ich wie eine ältere Schwester an Blanche gehandelt, nachdem ich daran gearbeitet, ich sage gearbeitet habe —— Sir Patrick, ihren Geist zu bilden, wobei mir stets die, schönen Worte der unglücklichen Dichterin vorschwebten: »»Geh’ fleißig um mit Deinen Kindern . . . und liebe sie . . .«« —- nachdem ich alles das und noch viel mehr gethan, nachdem ich ihr noch erst gestern einen Platz in meinem Wagen eingeräumt und ihr den Anblick der interessantesten mittelalterlichen Ruine in Perthshire verschafft, —— nachdem ich alle diese Opfer gebracht habe, mir sagen lassen zu müssen, daß ich Blanche Furcht eingeflößt habe, als ich sie bat, mir zu vertrauen, das ist ein Bischen zu viel. Ich habe eine sehr empfindliche, eine übertrieben empfindliche Natur, Sir Patrick. Verzeihen Sie mir, daß ich zusammenfahre wenn ich verletzt werde, verzeihen Sie mir, daß ich das doppelt schmerzlich empfinde, wenn mir eine Wunde von einer Person beigebracht wird, die ich verehre.«

Lady Lundie hielt ihr Taschentuch vor die Augen. Jeder Andere würde jetzt den Spieß zurückgezogen haben, Sir Patrick rückte seinem Opfer nur noch näher auf den Leib.

»Sie mißverstehen mich völlig,« erwiderte er, »ich wollte sagen, daß Blanche sich gefürchtet habe, Ihnen die wahre Ursache ihrer Krankheit zu sagen. Die wahre Ursache ist Besorgniß wegen Miß Silvester.«

Lady Lundie stieß wieder einen Schrei aus und schloß ihre Augen vor Entsetzen.

»Ich kann zum Hause hinauslaufen,« rief sie wild, »ich kann bis in die entferntesten Winkel der Erde flüchten, aber ich kann den Namen dieser Person nicht nennen hören: nein, Sir Patrick nicht in meiner Gegenwart, nicht in meinem Zimmer, so lange ich die Herrin von Windygate-House bin.«

»Es thut mir leid, wenn ich irgend etwas gesagt habe, was Ihnen unangenehm ist, Lady Lundie, aber die Wichtigkeit des Gegenstandes nöthigt mich, wenn auch nur sehr leise, etwas zu berühren, was sich ohne Ihr Wissen in Ihrem Hause zugetragen hat.«

Lady Lundie öffnete plötzlich die Augen weit und wurde sehr aufmerksam. Ein zufälliger Beobachter würde vielleicht auf den Gedanken gekommen sein, daß Lady Lundie für die gemeine Regung der Neugierde nicht ganz unempfänglich sei.

»Währeiid wir gestern Alle beim Frühstück waren, kam ein Besuch nach Windygates,« fuhr Sir Patrick fort. »Sie ——«

Lady Lundie ergriff ihr scharlachrothes Notizbuch und verhinderte ihren Schwager fortzufahren, indem sie die folgenden Worte stoßweise und von krampfhaften Zuckungen unterbrochen, hervorbrachte. »Ich will mir als eine an Selbstbeherrschung gewöhnte Frau, Gewalt anthun, aber unter der einen Bedingung, daß ich weder den Namen noch das Geschlecht zu hören brauche, sagen Sie, bitte »die Person.« Die »Person,« fuhr Lady Lundie fort, indem sie ihr Notizbuch öffnete und die Feder zur Hand nahm, »ist gestern auf freche Weise in mein Haus eingedrungen?«

Sir Patrick verneigte sich, Lady Lundie machte eine Notiz, deren Schärfe das Papier zerkratzte und fuhr dann mit dem Verhör ihres Schwagers fort.

»Welchen Raum meines Hauses hat die Person betreten? Seien Sie sehr vorsichtig, Sir Patrick, ich habe die Absicht, mich unter den Schutz eines Friedensrichters zu stellen und mache mir hier Notizen über die Angaben, welche ich demselben zu machen haben werde. Habe ich recht verstanden, daß Sie sagten die Bibliothek? —— Also die Bibliothek.«

»Vollkommen richtig, die Bibliothek. Fügen Sie hinzu,« sagte Sir Patrick indem er seinen Spieß noch drohender schwang, »daß die Person« eine Zusammenkunft mit Blanche in der Bibliothek hatte.«

Lady Lundies Feder stach plötzlich in das Papier, so daß die Tinte rund herum ausspritzte »Die Bibliothek?« wiederholte Lady Lundie mit einer Stimme, die einen Erstickungsanfall befürchten ließ. »Ich will mich beherrschen, Sir Patrick! Fehlt etwas in der Bibliothek?«

»Nichts! Lady Lundie, außer der Person selbst. Sie ——«

»Nein, Sir Patrick, das ist gegen die Abrede, im Namen meines Geschlechtes, bleiben Sie bei »der Person.«

»Verzeihen Sie, ich vergaß, daß »sie« in diesem Augenblick ein verbotenes Pronomen ist. Die Person hat einen Abschiedsbrief an Blanche geschrieben und hat sich, kein Mensch weiß wohin, begeben. Die durch dieses Ereigniß hervorgerufene Trauer ist die einzige Ursache dessen, was sich diesen Morgen mit Blanche zugetragen hat. Wenn Sie sich das gefälligst Vergegenwärtigen und sich erinnern wollen, wie Sie selbst über Miß Silvester denken, werden Sie begreifen, warum Blanche zögerte, Sie in ihr Vertrauen zu ziehen.« Hier hielt er inne und wartete auf eine Antwort, aber Lady Lundie war zu tief in die Vervollständigung ihrer Notizen versunken, als daß sie in diesem Augenblick an Sir Patricks Gegenwart im Zimmer gedacht hätte. »Den Wagen halb drei vor der Thür,« sagte Lady Lundie, indem sie die letzten Worte, während sie sie niederschrieb, wiederholte. »Erkundigung nach dem nächsten Friedensrichter, um die Sicherheit von Windygates unter den Schutz des Gesetzes zu stellen. Ich bitte Sie um Verzeihung,« rief Lady Lundie, als sie Sir Patricks Gegenwart wieder gewahr wurde, »ist mir etwas besonders Peinliches entgangen, bitte, in diesem Falle erwähnen Sie es noch einmal!«

»Es ist Ihnen nichts von Wichtigkeit entgangen,« erwiderte Sir Patrick, »ich habe Sie in den Besitz von Thatsachen gesetzt, die Sie zu wissen ein Recht hatten und wir können jetzt auf den Bericht unseres ärztlichen Freundes über Blanche’s Gesundheitszustand zurückkommem Sie wollten nur, glaube ich, die Prognose gütigst mittheilen.«

»Diagnose,« sagte Lady Lundie trotzig, »ich habe mich vorhin versehen, »Prognose« ist ganz falsch.«

»Ich bescheide mich, Lady Lundie! Diagnose.«

»Sie sagten mir vorhin, Sir Patrick, daß Sie bereits von der Diagnose unterrichtet seien, ich brauchte sie also nicht zu wiederholen.«

»Ich wollte meine eigene Auffassung mit der Ihrigen vergleichen, theure Schwägern.«

»Sie sind sehr gütig, aber Sie sind ja ein gelehrter Mann und ich bin nur ein armes Unwissendes Weib, Ihre Auffassung bedarf keiner Correctur durch die meinige.«

»Mein Eindruck war der, Lady Lundie, daß unser Freund mehr eine moralische als eine medicinische Behandlung für Blanche empfahl. Wenn wir ihr Gemüth von den Gedanken, denen sie jetzt nachhängt ablenken können, so werden wir Alles thun, was nöthig ist! Das waren seine eigenen Worte, wie ich mich recht erinnere. Stimmt das mit Ihrer Auffassung überein?«

»Wie darf ich mir herausnehmen, mit Ihnen zu discutiren, Sir Patrick? Sie sind ja bekanntlich ein Meister in der Kunst der feinen Ironie, aber ich fürchte, bei mir ist alle Ihre Kunst verloren«

Der Advocat behauptete seinen wunderbaren Gleichmuth und begegnete der Frau, die seine Geduld auf eine so unerhörte Probe stellte, mit einer äußerst geschickten Wendung, indem er sagte: »Ich fasse Ihre Worte als eine Bestätigung meines Eindrucks auf, Lady Lundie, ich danke Ihnen. Und was nun die Ausführung des Rathes unseres Freundes betrifft, so scheint mir die anzuwendende Methode einfach zu sein. Alles, was wir thun können, um Blanches Gedanken abzulenken, ist, Blanches Aufmerksamkeit auf einen andern, auf einen weniger peinlichen Gegenstand, als den, der sie bis jetzt beschäftigt hat, zu lenken. Sind Sie soweit mit mir einverstanden?«

»Warum wollen Sie mir die ganze Verantwortlichkeit aufbürden?« fragte Lady Lundie.

»Aus tiefster Ehrfurcht vor Ihrem Urtheil«, antwortete Sir Patrick »Genau genommen ruht ohne Zweifel jede ernste Verantwortlichkeit auf mir, als Blanche’s Vormund.«

»Dem Himmel sei Dank»rief Lady Lundie, mit einem Ausdruck frommer Inbrunst.

»Ich höre einen Ausspruch demüthiger Dankbarkeit«, bemerkte Sir Patrick; »darf ich dies als den Ausdruck, soll ich sagen, eines kleinen Zweifels an Ihrer Fähigkeit betrachten, Blanche unter den gegenwärtigen Umständen mit Erfolg zu behandeln«?«

Lady Lundie’s gereizte Stimmung fing wieder an, die Oberhand zu gewinnen, gerade wie Ihr Schwager es vorausgesehen hatte. »Sie haben es aufzufassen«, sagte sie, »als einen Ausdruck meiner Ueberzeugung, daß ich mir die Last eines unverbesserlichen herzlosen eigensinnigen und verderbten Mädchens aufbürdete, als ich die Sorge für Blanche übernahm.«

»Sagtei1 Sie unverbesserlich?«

»Ich sagte unverbesserlich!«

»Wenn der Fall so hoffnungslos ist, theure Schwägerin, so liegt es mir als Blanche’s Vormund wohl ob, Sie von der Last, die Ihnen Blanche verursacht, zu befreien.«

»Niemand soll mich von einer Last befreien, die ich mir einmal aufgebürdet habe,« antwortete Lady Lundie, »und wenn ich auf meinem Posten sterben sollte.«

»Wenn aber die Befreiung sich mit Ihrer Pflicht vertrüge?" fuhr Sir Patrick fort, »wenn sie mit jener Selbstaufopferung der Frauen verträglich wäre, die das Losungswort der Frauen ist?«

»Ich verstehe Sie nicht, Sir Patrick, haben Sie die Güte, sich näher zu erklären!«

Sir Patrick hielt es für gerathen, jetzt die Rolle des schüchtern Zögernden zu spielen. Er warf seiner Schwägerin einen ehrfurchtsvoll fragenden Blick zu, seufzte und schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er, »das hieße doch zu viel von Ihnen erbitten, selbst Ihrem so hohen Begriff von Pflichtgefühl gegenüber.«

»Nichts, was Sie im Namen der Pflicht von mir erbitten können, ist zu viel für mich.«

»Nein, nein, lassen Sie mich es wiederholen, die menschliche Natur hat ihre Grenzen!«

»Das Pflichtgefühl einer christlichen Frau kennt keine Grenzen.«

»O doch, o doch!«

»Sir Patrick nach dem was ich eben gesagt habe, kommt die Beharrlichkeit Ihres Zweifels an mir einer Beleidigung nahe.«

»O, sagen Sie das nicht; lassen Sie mich einen Fall sehen, nehmen wir an, die Zukunft einer anderen Person hinge von Ihrem Jawort ab, während alle Ihre Lieblingswünsche und Ansichten Sie dahin drängen nein zu sagen, behaupten Sie da wirklich, daß sie in einem solchen Falle Ihre eigene Ueberzeugung zum Opfer bringen könnten, wenn man Ihnen bewiese, daß eine rein abstracte Betrachtung der Pflicht ein solches Opfer von Ihnen erheische?«

»Ja«, rief Lady Lundie, indem sie sich ohne Weiteres auf das Piedestal ihrer Tugend stellte, »ja, ohne mich einen Augenblick zu besinnen.«

»Ich bekenne meinen Irrthum, Lady Lundie, Sie geben mir Muth, fortzufahren. Erlauben Sie mir, Sie nach dem, was ich eben gehört habe, zu fragen, ob es nicht Ihre Pflicht ist, einen Rath zu befolgen, den eine der ersten ärztlichen Autoritäten Englands zu Blanche’s Besten gegeben hat!«

Lady Lundie gab zu, daß das ihre Pflicht sei, indem Sie eine günstigere Gelegenheit, ihren Schwager zu widersprechen, abwartete.

»Sehr gut!« fuhr Sir Patrick fort, »wenn wir nun annehmen, daß Blanche beschaffen ist wie die meisten menschlichen Wesen und sich mit glücklichen Aussichten würde beschäftigen können, wenn man sie ihr nur eröffnete, ist es da nicht dem ärztlichen Rathe gemäß unsere Pflicht, ihr solche Aussichten zu eröffnen?« Bei diesen Worten warf er Lady Lundie einen höflich überredenden Blick zu und hielt in der unschuldigsten Weise inne, um eine Antwort abzuwarten.

Wenn Lady Lundie nicht, Dank der von ihrem Schwager bei ihr hervorgerufenen Gereiztheit, darauf bedacht gewesen wäre, ihm den Boden Zoll für Zoll streitig zu machen, so hätte sie jetzt wenigstens zu ahnen anfangen müssen daß ihr seine Falle gestellt wurde.

In der That aber war Lady Lundie nur auf die Ausbeutung der Gelegenheit bedacht, Blanche schlecht zu machen und Sir Patrick zu widersprechen.

»Wenn meine Stieftochter irgend eine solche Aussicht hätte, wie Sie sie andeuten, Sir Patrick«, antwortete sie, »so würde ich natürlich ja sagen, aber Blanche’s Wesen ist unberechenbar und ein unberechenbares Wesen hat gar keine Aussicht auf Glück!«

»Verzeihen Sie mir,« sagte Sir Patrick, »Blanche hat allerdings eine Aussicht auf Glück, mit andern Worten, Blanche hat Aussicht sich zu verheirathen und was mehr ist, Arnold Brinkworth ist bereit, sie zu heirathen, sobald die Ehecontracte in Ordnung gebracht werden können.«

Lady Lundie erhob sich in ihrem Sessel, wurde scharlachroth vor Wuth und öffnete die Lippen, um zu reden. Sir Patrick seinerseits stand auf und fuhr, ehe sie noch ein Wort hervorbringen konnte, fort: »Ich möchte Sie durch ein Mittel, dessen Anwendung Sie als durch Ihre Pflicht geboten anerkannt haben, von der Last des unverbesserlichen Mädchens für immer befreien. Als Blanche’s Vormund erlaube ich mir zu vorzuschlagen, ihre Hochzeit zu beschleunigen, so daß sie an einem näher zu bestimmenden Tage, in der letzten Hälfte des nächsten Monats stattfinden könnte.« Mit diesen Worten schlug er die Falle zu, in der er seine Schwägerin gefangen hatte und wartete dann das Weitere ab.

Ein boshaftes und auf’s höchste gereiztes Weib ist im Stande, der einen gebieterischen Nothwendigkeit, ihrer Bosheit Genüge zu thun, jede andere Rücksicht unterzuordnen. Hier gab es nur ein Mittel für Lady Lundie, den gegen sie gelehrten Spieß nun ihrerseits wieder umzukehren und sie ergriff es. Sie haßte Sir Patrick in diesem Augenblick wieder so gründlich, daß selbst die Behauptung ihres eigensinnigen Willens, ihr nur eine geringe Genugthuung im Vergleich zu dem unaussprechlichen Genuß gewährt haben würde, ihren Schwager mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.

»Mein lieber Sir Patrick«, sagte sie mit einem holdseligen Lächeln, »Sie haben viel kostbare Zeit und viele beredte Worte an das Bemühen verschwendet, mir meine Zustimmung abzulocken, um die Sie mich nur einfach zu fragen nöthig gehabt hätten, um sie ohne Weiteres zu erlangen. Ich halte die Idee, Blanches Hochzeit zu beschleunigen, für vortrefflich, mich entzückt der Gedanke, meine Last auf die Schultern des unglücklichen jungen Mannes, der bereit ist, meine Stieftochter zu heirathen, abzuwälzen, je weniger Gelegenheit er hat, Blanches Charakter kennen zu lernen, desto besser, um so weniger werde ich zu fürchten haben, daß er sein gegebenes Wort wieder zurücknimmt. Bitte, veranlassen Sie die Advocaten zu größter Beschleunigung des Geschäfts und wenn Sie mir gefällig sein wollen, Sir Patrick, so lassen Sie die Hochzeit womöglich noch eine Woche früher sein.«

Bei diesen Worten erhob sich Lady Lundie in ihrer ganzen Majestät und machte einen Knix, der nicht weniger bedeuten sollte, als den pantomimischen Ausdruck ihres Triumphs.

Sir Patrick erwiderte den Knix mit einer tiefen Verbeugung und einem Lächeln, das beredt genug sagte: »Ich glaube jedes Wort dieser reizenden Antwort, bewundernswürdige Frau, leben Sie wohl!«

So war also die einzige Person in der Familie, deren Widerspruch Sir Patrick hätte nöthigen können, die Sache noch eine Weile aufzuschieben durch eine geschickte Behandlung ihrer Schwächen, zum Schweigen gebracht und Lady Lundie gegen ihren eigenen Willen für das Project gewonnen, die Verheirathung Arnold’s mit Blanche zu beschleunigen.


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