Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Mann und Weib - Windygates - Zwanzigstes Kapitel - Berührt
 

Mann und Weib



Zwanzigstes Kapitel - Berührt

Seit einigen Minuten hatte der Arzt sein unausgesetztes Studium von Geoffrey’s Physiognomie eingestellt und hatte der Discussion mit dem Ausdruck eines Menschen, der mit einer sich selbst auferlegten Aufgabe zu Ende gekommen ist, mit voller Aufmerksamkeit zugehört. Eben als Sir Patrick seine letzten Worte gesprochen hatte, kam er Geoffrey so rasch und so geschickt mit einer Bemerkung zuvor, daß dieser selbst ganz überrascht war. »Es fehlt noch etwas!« fing er an, »um Sir Patricks Behauptung erschöpfend zu machen. Ich glaube, ich kann das Fehlende aus meinen eigenen Berufserfahrungen ergänzen. Bevor ich fortsahre, möchte ich mir erlauben an Mr. Delamayn die Bitte zu richten, sich etwas zu beherrschen!«

»Wollen Sie auch einen verzweifelten Angriff auf mich machen?« fragte Geoffrey.

»Ich wollte Ihnen nur empfehlen ruhig zu bleiben, weiter nichts. Es giebt Leute, die sich einer leidenschaftlichen Aufregung ohne Gefahr überlassen können. Zu diesen Leuten gehören Sie aber nicht!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich halte den Zustand Ihrer Gesundheit nicht für so ganz befriedigend, wie Sie selbst vielleicht zu glauben geneigt sind, Herr Delamayn!«

Geoffrey wandte sich gegen seine Bewunderer und Anhänger mit einem schallenden, Hohngelächter, das bei diesen ein lautes Echo fand. Blanche und Arnold blickten einander verwundert an; selbst Sir Patrick sah aus, als ob er seinen Ohren nicht trauen könne. Da stand der moderne Herkules, der sich allen auf ihn gerichteten Blicken gegenüber völlig gewachsen fühlte, und da stand ihm gegenüber ein kleiner Mann, den er mit einem Faustschlag hätte zu Boden werfen können, und sagte ihm im vollkommenen Ernst, daß er nicht ganz gesund sei. »Sie sind ein wunderlicher Mensch«, sagte Geoffrey, halb scherzend halb erzürnt, »was fehlt mir?«

»Ich habe mir erlaubt, Ihnen eine, wie ich glaube, nothwendige Warnung zu ertheilen«, erwiderte der Arzt, »ich habe aber nicht die Absicht, Ihnen zu sagen, was Ihnen fehlt. Das ist eine Frage, die sich später finden kann; inzwischen möchte ich; mich der Richtigkeit des Eindrucks den Ihr Erscheinen auf mich macht, vergewissern. Haben Sie etwas dagegen mir eine Frage zu, beantworten, die Sie zwar betrifft, aber nicht besonders wichtig für Sie sein kann?«

Stellen Sie erst die Frage!«

»Ich habe, während Sir Patrick sprach, etwas in Ihrem Benehmen, beobachtet. Sie waren ebenso lebhaft dabei interessirt, seinen Ansichten zu opponiren, wie einer der Herren; ich; verstehe nicht, warum Sie schweigend dagesessen und es den Anderen überlassen haben, Ihre Sache zu vertreten, bis Sir Patrick etwas sagte, was Sie zu reizen schien. Hatten Sie bis zu diesem, Augenblick keine Antwort bereit?«

»Ich hatte so gute, Antworten bereit, als irgend eine, die heute hier gegeben, worden ist.«

»Und doch. gaben Sie sie, nicht?«

»Nein!«

»Vielleicht fanden, Sie, obgleich Sie von der Güte Ihrer Einwendungen überzeugt waren, daß es kaum der Mühe werth sei, denselben Worte zu geben. Kurz, Sie zogen es vor, Ihre Freunde für sich antworten zu lassen.«

Geoffrey sah seinen ärztlichen Rathgeber plötzlich mit einem Ausdruck von Neugierde und Mißtrauen an. Hören Sie!« sagte er, »wie kommen Sie dazu, zu wissen, was in mir vorgeht, ohne daß ich Ihnen etwas davon gesagt habe!«

»Es gehört zu meinem Beruf herauszufinden, was im Körper der Leute vorgeht und zu diesem Zweck ist es bisweilen nothwendig für mich, herauszufinden, was in derem Geiste vorgeht. Wenn ich richtig ausgelegt habe, was in Ihnen vorging, so habe ich keine Veranlassung weiter auf der Beantwortung meiner Frage zu bestehen, Sie haben Sie bereits beantwortet. —— Die Frage«, fuhr er dann zu Sir Patrick gewandt fort, »bietet eine Seite dar, die Sie bis jetzt noch nicht berührt haben. Es giebt einen, physischen Gründen entnommenen Einwand gegen die herrschende Leidenschaft für Muskelübungen aller Art, der ganz so schwer wiegt, wie Ihre moralischen Einwände. Sie haben die Folgen bezeichnet, welche daraus für den Geist erwachsen können. Ich kann die Folgen bezeichnen, die daraus unzweifelhaft für den Körper erwachsen.«

»Aus eigener Erfahrung?«

»Allerdings! Ich kann Sie als Arzt versichern, daß ein keineswegs kleiner Theil der jungen Leute, die es sich zur Aufgabe machen, ihre körperliche Kraft und Ausdauer durch gewaltsame athletische Exercitien auf die äußerste Probe zu stellen, dies unter ernster und dauernder Beschädigung ihrer Gesundheit thut. Das Publikum, welches dem Wettrudern, Wettlaufen und ähnlichen Schaustellungen beiwohnt, sieht nichts als die erfolgreichen Resultate der Muskelübung, aber Vater und Mutter sehen nachher zu Hause die üblen Folgen. Es giebt mehr als eine unglückliche Familie in England, Sir Patrick, in der sich junge Leute befinden, welche es dem gewaltsamen Aufgebot ihrer Körperkräfte zum Zweck einer populären Schaustellung zu verdanken haben, daß sie für den Rest ihrer Tage kränkliche und gebrochene Menschen sind.«

»Haben Sie das gehört?« fragte Sir Patrick Geoffrey.

Geoffrey nickte gleichgültig mit dem Kopf. Seine Aufregung hatte sich wieder gelegt, er war wieder in die frühere stumpfe Apathie versunken. Er hatte sich wieder auf seinen Stuhl gesetzt und starrte, die Beine ausgestreckt, das Muster auf dem Teppich an. Was geht das mich an, war die Antwort, die sein ganzes Wesen auszusprechen schien.

Der Arzt fuhr fort: »Ich sehe keine Abhülfe gegen diesen traurigen Zustand der Dinge, so lange die öffentliche Meinung in ihrer gegenwärtigen Richtung verharrt. Ein schöner, gesund aussehender junger Mann mit entwickelter Muskelkraft hat ein sehr natürliches Verlangen, es den Anderen gleich zu thun. Die für das Einüben solcher junger Leute maßgebenden Autoritäten auf der Universität oder anderswo bemächtigen sich seiner, wiederum sehr begreiflicher Weise, auf Grund seiner äußeren Erscheinung. Und ob sie Recht oder Unrecht gethan haben ihn zu wählen, zeigt sieh erst, wenn das Experiment gemacht und der oft unheilbare Schaden angerichtet ist. Wie viele von ihnen wissen etwas von der wichtigen physiologischen Wahrheit, daß die Muskelkraft eines Menschen durchaus keine Garantie für seine Lebenskraft bietet. Wie viele von ihnen wisseu, daß wir Alle nach dem Ausspruch eines großen französischen Gelehrten zwei Leben in uns tragen, das äußere auf der Oberfläche erscheinende Leben der Muskeln und das innere. Leben des Herzens, der Lungen und des Gehirns. Selbst wenn sie es wüßten, selbst wenn sie Aerzte zu Rathe zögert, würde es doch in den meisten Fällen im höchsten Grade zweifelhaft sein, ob irgend eine vorgängige Untersuchung zu irgend einem sicheren Resultate in Betreff der Fähigkeit eines Menschen die ihm zugemuthete Anstrengung seiner Muskeln zu ertragen, führen könne. Wenden Sie sich an irgend einen meiner Collegen und er wird Ihnen als Ergebniß seiner Beobachtungen bestätigen, daß ich in keiner Weise das vorhandene Uebel oder die beklagenswerthen und gefährlichen Folgen, zu decken dasselbe führt, übertreibe. Ich habe in diesem Augenblick einen Patienten, einen jungen Mann von zwanzig Jahren, der den schönsten Muskelbau hat, den ich je gesehen habe. Wenn dieser Mann mich consultirt hätte, bevor er das Beispiel der ihn umgebenden jungen Leute befolgte, so kann ich ehrlicher Weise nicht behaupten, daß ich das Resultat vorausgesehen haben würde. Dieses Resultat aber ist, daß er nach einer längeren Uebung seiner Muskelkräfte und nach Ablegung verschiedener Proben der erlangten Fertigkeit, eines Tages plötzlich zum Erstaunen seiner Familie und seiner Freunde ohnmächtig wurde. Ich wurde gerufen und habe den Fall seitdem genau beobachtet. Er wird wahrscheinlich am Leben bleiben, aber niemals ganz wieder hergestellt werden. Ich bin bei diesem jungen Menschen von zwanzig Jahren genöthigt ein Regime vorzuschreiben, das ich sonst nur bei einem achtzigjährigen Greise anwenden würde. Er ist stark und muskulös genug, um einem Maler als Modell zu einen Simson zu dienen, und doch habe ich es noch vor wenigen Tagen mit angesehen, wie er gleich einem schwachen Mädchen seiner Mutter ohnmächtig in die Arme sank.«

»Nennen Sie ihn!« riefen Geoffrey’s Bewunderer, die, obgleich Geoffrey sie keines ermunternden Wortes würdigte, den Kampf noch nicht aufgeben wollten.

»Ich habe nicht die Gewohnheit, meine Patienten zu nennen«, erwiderte der Arzt; »aber wenn Sie darauf bestehen, daß ich Ihnen einen Menschen zeigen soll, der sich durch athletische Uebungen ruinirt hat, so will ich es thun.«

»Thun Sie es, wer ist es?«

»Sie kennen ihn Alle sehr gut!«

»Ist er in den Händen der Aerzte?«

»Nein, noch nicht.«

»Wo ist er?«

»Hier?«

Es entstand eine Pause athemlosen Schweigens, während aller Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Arzt gerichtet waren, der jetzt die Hand erhob und auf Geoffrey Delamayn wies.

Sobald sich das allgemeine Staunen etwas gelegt hatte, gab sich natürlich die allgemeine Ungläubigkeit kund. Wer zuerst die Behauptung aufgestellt hat, daß sehen glauben sei, hat damit bewußt oder unbewußt einer der gründlichsten Thorheiten der Menschheit, Ausdruck gegeben. Der denkbar am leichtesten zu erbringende Beweis ist derjenige, der zu seiner Herstellung keines andern Urtheils als des durch das Auge gefällten bedarf, und aus diesem Grunde wird dieser Beweis immer und ewig derjenige sein, dem die Menschheit am Meisten zu vertrauen geneigt sein wird.

Aller Augen richteten sich aus Geoffrey und das Urtheil Aller entschied sich aus den hier erkennbaren Beweis hin, daß der Arzt Unrecht haben müsse. Lady Lundie selbst ließ sich in ihrer Beschäftigung mit den Einladungen zum Diner stören und erhob zuerst im Namen Aller Protest. »Mr. Delamayn ein kränklicher Mann?« rief sie aus, indem sie an das bessere Urtheil ihres berühmten Gastes mit den Worten appellirte; »Sie können doch nicht im Ernst verlangen, daß wir das glauben sollen!«

Durch die befremdliche Behauptung, deren Gegenstand er gewesen war, zum zweiten Mal zum Handeln aufgeregt, erhob sich Geoffrey, sah dem Arzt mit einem frechen und festen Blick in’s Auge und fragte ihn: »Glauben Sie das wirklich, was Sie gesagt haben?«

»Ja!«

»Sie weisen vor allen Leuten hier auf mich als Beispiel . . . . ——«

»Einen Augenblick, Mr. Delamayn. Ich gebe zu, daß ich vielleicht Unrecht gehabt habe, die Aufmerksamkeit auf Sie zu lenken, Sie haben ein Recht sich darüber zu beklagen, daß ich der von Ihren Freunden öffentlich an mich gerichteten Aufforderung zu öffentlich entsprochen habe. Ich bitte Sie dafür um Entschuldigung; aber von Dem, was ich in Betreff Ihrer Gesundheit gesagt habe, nehme ich nicht ein einziges Wort zurück!«

»Sie bleiben bei Ihrer Behauptung, daß meine Gesundheit erschüttert ist?«

»Jawohl!«

»Ich wollte Sie wären zwanzig Jahre jünger Herr Doctor!«

»Warum das?«

»Dann würde ich Sie auffordern, mit mir auf den Rasen hinauszugehen und ich wollte Ihnen zeigen, ob ich ein kranker Mann bin oder nicht!«

Lady Lundie sah ihren Schwager an. Sir Patrick legte sich sofort in? Mittel. »Mr. Delamayn,« sagte er, »Sie sind als ein Gentleman hierher eingeladen und befinden sich als Gast in dem Hause einer Dame!«

»O, nicht doch, nicht doch!« bemerkte der Arzt begütigend. »Mr. Delamayn bedient sich starker Argumente, das ist Alles. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre,« fuhr er fort, indem er sich an Geoffrey wandte, »und wenn ich mit Ihnen auf den Rasen hinausträte, so würde das Ergebniß unseres Rencontre, die zwischen uns streitige Frage, einer Entscheidung um nichts näher bringen. Ich habe nicht behauptet, daß die gewaltsamen Körperübungen, in denen Sie excelliren, Ihre Muskelkaft beeinträchtigt, sondern daß sie Ihre Lebenskraft geschädigt haben. Worin dieser Schaden speciell besteht, Ihnen das zu sagen halte ich mich nicht für verpflichtet. Ich beschränke mich darauf, Ihnen aus rein humanen Rücksichten eine Warnung zu ertheilen. Sie werden gut thun, sich mit dem Erfolge zu begnügen, den Sie auf dem Felde athletischer Kämpfe bereits erlangt haben und Ihre Lebensart für die Zukunft zu ändern; nochmals, ich bitte um Entschuldigung, daß ich Ihnen das öffentlich, statt privatim erklärt habe, und lassen Sie sich meine Warnung gesagt sein« Er schickte sich an, nach dem andern Ende des Zimmers zu gehen, aber Geoffrey zwang ihn, wieder auf den Gegenstand zurückzukommen.

»Warten Sie einen Augenblicks« sagte er; Sie haben gesprochen, jetzt ist die Reihe an mir. Ich kann mich nicht so gut ausdrücken wie Sie, aber ich kann sagen, worauf es ankommt, und bei Gott im Himmel, das sollen Sie anhören. In zehn oder vierzehn Tagen werde ich anfangen, mich für den Wettlauf in Fulham vorbereiten zu lassen. Wollen Sie behaupten, daß ich mich dabei ruiniren werde?«

»Sie werden die Vorbereitung vermuthlich glücklich überstehen.«

»Und den Wettlauf?«

»Möglicher Weise auch den Wettlauf; aber wenn Sie auch dabei glücklich durchkommen ——«

»Nun! Wenn ich durchkomme?«

»So werden Sie doch nicht wieder an solchem Wettlauf Theil nehmen können«

»Und auch nicht wieder an einem Wettrudern?«

»Niemals!«

»Ich bin aufgefordert, nächstes Frühjahr an einem Wettrudern Theil zu nehmen und habe zugesagt. Erklären Sie mir bestimmt, daß ich dazu nicht im Stande sein werde?«

»Ja, ganz bestimmt!«

»Ganz positiv?«

»Ganz positiv!«

»Geben Sie Ihrer Behauptung Nachdruck!« rief Geoffrey, indem er sein Wettbuch aus der Tasche zog; »ich biete Ihnen die Wette an, daß ich vollkommen im Stande sein werde, nächstes Frühjahr an dem Universitäts-Wettfahren Theil zu nehmen.«

»Ich wette nicht, Mr. Delamayn!«

Mit seinem letzten Worte wandte sich der Arzt ab und ging nach dem anderen Ende der Bibliothek Lady Lundie nahm Blanche unter ihre Flügel und zog sich zurück, um sich der ernsten Beschäftigung mit ihren Einladungen zum Diner wieder hinzugeben. Geoffrey wandte sich mit herausfordernder Miene, sein Wettbuch in der Hand, an seine Universitätsfreunde Das britische Blut war in Aufruhr versetzt und mit der britischen Leidenschaft für das Wetten, welche von einem Ende des Landes bis zum andern die gute Sitte und das gute Recht erfolgreich mit Füßen tritt, war nicht zu spaßen.

»Hört einmal, Einer von Euch muß auf die Behauptung des Doctors mit mir wetten!«

Sir Patrick erhob sich mit unverhohlenem Widerwillen und folgte dem Arzt.

Nummer Eins, Zwei, Drei schüttelten, von ihrem ausgezeichneten Freunde zur Uebernahme dieses Geschäfts aufgefordert, mit verständnißinnigem Ausdruck ihre dicken Köpfe und antworteten wie aus einem Munde mit dem einen beredten Worte: »Unsinn!«

»Einer von Euch muß für ihn wetten,« beharrte Geoffrey, dessen Aufregung sich fieberhaft zu steigern begann, indem er sich an die beiden im Hintergrunde stehenden Choristen wandte.

Die beiden Choristen tauschten wie gewöhnlich ihre Gedanken aus. »Wir sind doch nicht von gestern, Smith?« — »Nicht daß ich wüßte, Jones.«

»Smith!« sagte Geoffrey mit einer plötzlichen Anwandlung von Höflichkeit, die nichts Gutes zu verkünden schien.

»Ich?« fragte Smith lächelnd.

»Jones!«

»Ich?« wiederholte dieser mit einem ähnlichen Lächeln.

»Ihr seid ein Paar verfluchte Lumpen, die nicht einmal über hundert Pfund verfügen können.«

»Komm, komm! Geoffrey,« sagte Arnold, der sich zum ersten Mal in die Sache mischte, »das ist unwürdig!«

»Warum wollen die . . . . Kerle die Wette nicht annehmen?«

»Wenn Du durchaus ein Narr sein mußt,« erwiderte Arnold seinerseits etwas gereizt, »und wenn nichts anderes Dich zur Ruhe bringen kann, so will ich die Wette übernehmen!«

»Du wettest also runde hundert Pfund auf die Behauptung des Doctors? Gut!«

Geoffrey war endlich zufrieden, seine Aufregung legte sich wieder, er trug die Wette in sein Buch ein und entschuldigte sich bei Smith und Jones in der herzlichsten Weise. »Nichts für ungut, alte Jungen, gebt mir die Hände.«

Die beiden Choristen waren entzückt. »Das ist echt englischer Adel, was, Smith?« —- »Race und Zucht, was, Jones?«

Kaum hatte Arnold sich zu der Wette erboten, als er Gewissensbisse fühlte, nicht weil er gewettet hatte, —— wer sollte sich in England dieser Art des Hazardspiels schämen? sondern weil er auf die Behauptung des Doctors gewettet hatte. In der besten Absicht für seinen Freund speculirte er doch durch seine Wette auf die schlechte Gesundheit desselben. Eifrigst versicherte er Geoffrey, daß kein im Zimmer Anwesender fester davon überzeugt sein könne, daß der Doctor Unrecht habe, als er. »Ich sage dies nicht, um mich von der Wette loszumachen,« fuhr er fort, »aber ich bitte Dich, lieber Freund, sei überzeugt, daß ich die Wette nur um Deinetwillen übernommen habe!«

»Ach was,« erwiderte Geoffrey in dem ruhig geschäftlichen Tone, über welchen jeden Augenblick gebieten zu können, eine der hervorstechendsten Seiten seines Characters war. »Eine Wette ist eine Wette, hole der Henker Deine sentimentalen Redensarten!« Damit zog er Arnold am Arm bei Seite, so daß die Anderen ihr Gespräch nicht mehr hören konnten. »Höre mal,« sagte er in besorgtem Tone, »glaubst Du, daß ich den alten Fuchs gereizt habe?«

»Meinst Du Sir Patrick?«

Geoffrey nickte mit dem Kopfe und fuhr fort: »Ich habe ihm die Sache noch nicht vorgelegt, Du weißt ja, wegen des Heirathens in Schottland. Wie, wenn er mir nun zeigt, daß er mit mir nichts zu thun haben will, wenn ich ihn jetzt darum befrage?« Sein Blick schweifte, während er diese Frage that, schlau nach dem anderen Ende des Zimmers hinüber. Der Arzt war damit beschäftigt, ein großes illustrirtes Werk zu betrachten; die Damen waren noch von ihren Einladungskarten in Anspruch genommen. Sir Patrick saß allein vor einem Büchergestell, in die Lectüre eines Buches, das er eben heruntergenommen hatte, vertieft.

»Entschuldige Dich bei ihm,« sagte Arnold. »Sir Patrick ist vielleicht ein wenig reizbar und bitter, aber er ist im Grunde ein gerechter und gütiger Mann. Sage ihm, es sei nicht entfernt Deine Absicht gewesen, Dich einer Mißachtung gegen ihn schuldig zu machen und das wird genügen!«

»Gut.«

Sir Patrick las eben in einer alten Venetianischen Ausgabe des »Decamerone,« als er sich plötzlich aus dem mittelalterlichen Italien in das moderne England durch Niemand anders als Geoffrey Delamayn zurück versetzt fand. »Was wünschen Sie von mir?« fragte er kalt.

»Ich wünsche mich bei Ihnen zu entschuldigen, Sir Patrick,« sagte Geoffrey. —— »Lassen Sie Vergangenes vergangen sein. Es war nicht entfernt meine Absicht, mich einer Mißachtung gegen Sie schuldig zu machen. Vergehen und vergessen Sie die Sache. Das ist kein schlechtes Wort, wie, Sir Patrick?«

So plump auch die Worte herausgekommen waren, sie enthielten doch immer eine Entschuldigung. Selbst ein Mensch wie Geoffrey appellirte nicht umsonst an die Höflichkeit und die Rücksicht Sir Patrick’s.

»Bitte, reden Sie nicht weiter davon,« sagte der höfliche, alte Herr, nehmen Sie meine Entschuldigung für Alles, was ich etwa meinerseits zu Hartes gesagt habe und lassen Sie alles Uebrige vergessen sein.«

Nachdem er die Entschuldigung Geoffrey’s in dieser Weise aufgenommen hatte, hielt er in der Erwartung inne, daß Geoffrey ihn nun wieder zu seinem Decamerone werde zurückkehren lassen. Zu seinem unaussprechlichen Erstaunen aber beugte sich Geoffrey plötzlich zu ihm herab und flüsterte ihm in’s Ohr: »Ich möchte ein Wort unter vier Augen mit Ihnen reden!«

Sir Patrick fuhr zurück, als ob Geoffrey ihn hätte beißen wollen. »Ich bitte um Vergebung, Herr Delamayn, was sagen Sie?«

»Würden Sie einen Augenblick Zeit zu einem Worte unter vier Augen für mich haben?«

Sir Patrick stellte den Decamerone wieder an seinen Platz und verneigte sich in starrem Schweigen. Es reizte den alten Herrn durchaus nicht, in das Vertrauen des ehrenwerthen Geoffrey Delamayn gezogen zu werden. »Deshalb also die Entschuldigung,« dachte er bei sich. »Was in aller Welt kann dieser Mensch von mir wollen.«

»Die Sache betrifft einen meiner Freunde,« fuhr Geoffrey fort, indem er nach einem der Fenster voranging; »er ist in einer unangenehmen Lage, mein Freund, und ich möchte mir Ihren Rath für ihn erbitten, die Sache muß aber streng unter uns bleiben.« Bei diesen Worten hielt er inne und sah Sir Patrick darauf an, was er wohl für einen Eindruck aus ihn hervorgebracht haben möchte. Sir Patrick aber hütete sich wohl, durch irgend eine Aeußerung durch ein Wort oder eine Bewegung, den leisesten Wunsch, noch mehr zu hören, zu erkennen zu geben.

»Haben Sie etwas»dagegen einen Gang mit mir durch den Garten zu machen?«

Sir Patrick wies auf seinen lahmen Fuß hin. »Ich habe das mir gestattete Maaß von Bewegung diesen Morgen schon erschöpft,« sagte er, »lassen Sie mein Gebrechen mir zur Entschuldigung dienen.«

Geoffrey sah sich nach einem Ersatz für den Garten um und lenkte seine Schritte einer der behaglichen, mit Vorhängen versehenen, in die Wand eingelassenen Nischen zu. »Hier würden wir völlig ungestört sein,« sagte er.

Sir Patrick machte einen letzten und zwar dieses Mal ganz offenen Versuch, sich dieser vertraulichen Besprechung zu entziehen. »Verzeihen Sie mir, Mr. Delamayn, sind Sie fest überzeugt, daß Sie sich bei mir an die rechte Person gewandt haben?«

»Sie sind doch ein schottischer Advocat?«

»Ja, das bin ich.«

»Und Sie verstehen sich auf das schottische Eherecht, nicht wahr?«

Plötzlich trat in Sir Patrick’s Benehmen eine Veränderung ein. »Ist das der Gegenstand, über den Sie mich um Rath zu fragen wünschen?«

»Nicht ich, sondern mein Freund?«

»Also Ihr Freund?«

»Ja, es betrifft eine unangenehme Geschichte mit einem Frauenzimmer hier in Schottland. Mein Freund weiß nicht, ob er mit ihr verheirathet ist oder nicht!«

»Ich stehe Ihnen zu Diensten, Mr. Delamayn.«

Zu Geoffrey’s großer Befriedigung und nicht geringer Ueberraschung leistete Sir Patrick nicht nur keinen Widerstand mehr, sich von ihm um Rath fragen zu lassen, sondern ging sofort thatsächlich daran, seinen Wünschen zu entsprechen, indem er selbst in eine der ihm nächstgelegenen Nischen trat. Der rasch combinirende alte Advocat hatte auf der Stelle Geoffrey’s Bitte um Rath, mit der von Blanche in Verbindung gebracht und hatte aus diesem Zusammentreffen bereits seine Schlüsse gezogen. Sollte etwa ein Zusammenhang zwischen der augenblicklichen Situation von Blanche’s Gouvernante und derjenigen von Mr. Delamayn’s Freund bestehen? dachte Sir Patrick. Ich habe schon eigenthümlichere Gegensätze als diese in einem geheimen Zusammenhang stehen sehen; die Sache kann möglicherweise zu etwas führen. Die beiden wenig zu einander passenden Männer setzten sich an einen kleinen Tisch in einer der Nischen. Arnold und die übrigen Gäste waren wieder auf den Rasen hinausgegangen. Der Arzt und die Damen saßen noch immer in dem entferntesten Winkel der Bibliothek und waren, jener durch die Betrachtung des illustrirten Werkes, diese durch ihre Einladungskarten hinlänglich beschäftigt. Die Conferenz zwischen den beiden Männern, welche, scheinbar von so geringer Bedeutung, in ihrer künftigen Wirkung nicht allein auf Anne’s sondern auch auf Blanche’s und Arnold’s Schicksal so furchtbar werden sollte, war einer Conferenz bei verschlossenen Thüren gleich zuhalten.


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