Deutsche Wilkie Collins Fanpage
 

Die Blinde



Zweites Kapitel - Fortsetzung von Lucilla’s Tagebuch.

»Den 1. September. Ich fühle mich heute ruhig genug, um wieder an meinem Tagebuch zu schreiben und mich in Gedanken ein Wenig mit alle dein zu beschäftigen, was ich gefühlt und gedacht habe, seit Oscar hier ist.

Jetzt, wo mir Madame Pratolungo verloren ist, habe ich keinen Freund, mit dem ich meine kleinen Geheimnisse durchsprechen könnte. Meine Tante ist die Güte und Freundlichkeit selbst gegen mich, aber wie kann ich bei einer Frau, die so viel älter ist als ich, die in einer von der meinigen so verschiedenen Welt gelebt hat und deren Ideenkreis von dem meinigen so weit ab zu liegen scheint, wenn ich mit ihr von meinen Thorheiten und Extravaganzen rede, auf Sympathie rechnen? Mein einziger Vertrauter und Freund ist mein Tagebuch; ich kann auf diesen Blättern nur mit mir über mich reden. Ich fühle mich bisweilen recht einsam. Ich sah am Strande zwei Mädchen, die einander alle ihre Geheimnisse erzählten und ich fürchte, ich habe sie beneidet. Nun, mein liebes Tagebuch, wie war mir denn, als Oscar, nach dem ich mich einst gesehnt hatte, endlich kam? Ich muß hier ein schreckliches Bekenntniß ablegen; aber mein Tagebuch liegt verschlossen und ihm darf ich die Wahrheit anvertrauen. Ich hätte weinen mögen, so entsetzlich enttäuscht fühlte ich mich. Nein, enttäuscht ist nicht das rechte Wort. Ich finde keinen Ausdruck. Es gab einen Augenblick — ich wage es kaum niederzuschreiben, es scheint ein so verruchter Gedanke, es gab einen Augenblick, wo ich fast wünschte, wieder blind zu sein. Er umschlang mich mit seinen Armen, er nahm meine Hand in die seinige, wie würde ich in der Zeit meiner Blindheit dabei empfunden haben, welch’ ein entzückender Strom würde mich bei seiner Berührung durchzuckt haben! Nichts der Art empfand ich jetzt. So gering war der Eindruck, den er auf mich hervorbrachte, daß ich, wenn es möglich gewesen wäre, hatte glauben können, er sei Oscar’s Bruder. Später ergriff ich seine Hand und schloß dabei die Augen, um zu versuchen, ob ich mich nicht wieder in den alten Zustand meiner Blindheit versetzen könne. Aber vergebens, die Wirkung war dieselbe. Ich empfand nichts, gar nichts! Sollte es daher rühren, daß er in seinem Benehmen etwas reserviert gegen mich ist? Das ist er nämlich unbestreitbar! Ich empfand es in dem Augenblick, wo er zuerst das Zimmer betrat und empfinde es noch heute. Nein, das ist es nicht. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft, wo wir erst anfingen, uns zu lieben, war er reserviert gegen mich, aber damals machte mir das nichts aus, damals war ich noch nicht das unverständige Geschöpf, das ich seitdem geworden bin. Ich kann mir die Sache nur auf eine Weise erklären, die Wiederherstellung meiner Sehkraft hat ein neues Wesen aus mir gemacht. Ich habe einen neuen Sinn bekommen, ich bin nicht mehr dasselbe Mädchen. Diese große Veränderung muß eine Wirkung auf mich geübt haben, von der ich keine Ahnung hatte, bis Oscar herkam. Sollte ich die Wiedererlangung meiner Sehkraft mit dem Verlust meines Tastsinnes haben erkaufen müssen? Das nächste Mal, wo Grosse herkommt, werde ich ihm diese Frage vorlegen.

Außerdem hatte ich noch eine zweite Enttäuschung; er ist nicht entfernt so schön, wie ich ihn mir in meiner Blindheit vorgestellt hatte. An jenem Tage, wo mir die Binde zuerst von den Augen genommen wurde, konnte ich nur sehr undeutlich sehen. Als ich damals in mein Wohnzimmer stürzte, errieth ich mehr, als daß ich es wußte, daß es Oscar sei. Die grauen Haare meines Vaters und der weibliche Anzug meiner Stiefmutter würden jedem Menschen an meiner Stelle unbedingt dazu verhelfen haben, den richtigen Mann sofort, wie ich es that, zu erkennen. Aber jetzt ist das ganz anders. Ich kann jetzt seine Züge genau sehen und die Folge davon ist, ich würde es Niemand bekennen, daß ich die Wirklichkeit von der Vorstellung, die ich mir in den Tagen meiner Blindheit von ihm gemacht hatte, o so ganz verschieden finde! Das Einzige, worin ich mich nicht enttäuscht finde, ist seine Stimme. Wenn er mich nicht sehen kann, so schließe ich meine Augen und lasse meine Ohren wieder den alten, ach so weit entschwundenen Zauber empfinden. Das also habe ich durch meine Operation und meine Gefangenschaft im dunklen Zimmer erlangt.

Was schreibe ich da? Ich sollte mich schämen! Ist es denn nichts, daß mir jetzt die ganze Schönheit von Land und See, die ganze Pracht der Wolken und des Sonnenscheins offenbar geworden ist? Ist es nichts, daß ich meine Nebenmenschen jetzt sehen, daß ich die munteren Gesichter der Kinder, wenn ich mit ihnen rede, mich anlächeln sehen kann? Aber genug von mir, ich werde unglücklich und undankbar, wenn ich an mich selbst denke.

Ich will jetzt von Oscar schreiben: Er gefällt meiner Tante. Sie findet ihn hübsch und sagt, sein Benehmen sei das eines Gentleman. Das Letztere ist ein hohes Lob aus dem Munde meiner Tante. Sie verachtet die gegenwärtige Generation der jungen Männer. »In meiner Zeit«, sagte sie neulich, »pflegte ich junge Männer zu sehen, jetzt sehe ich nur noch junge Bestien — weiter nichts.«

Oscar seinerseits scheint bei näherer Bekanntschaft auch Geschmack an meiner Tante gefunden zu haben. Als ich ihn zum ersten Mal vorstellte, fiel mir auf, daß er die Farbe wechselte und sehr unbehaglich aussah, er ist bisweilen fast beunruhigend nervös; ich denke mir, das vornehme Wesen meiner Tante machte ihn verlegen.« (Anm. Ich kann hier wirklich eine Bemerkung nicht unterdrücken. Das »vornehmes Wesen« ihrer Tante macht mich elend; es besteht, unter uns gesagt, in nichts Anderem, als einer krummen Nase und einer steifen Schnürbrust. Was Nugent Dubourg verlegen machte, als er die alte Dame zum ersten Male sah, war die Furcht vor einer Entdeckung. Er würde von seinem Bruder habe erfahren können, daß Oscar und Fräulein Batchford sich nie gesehen hatten. Der Leser wird, wenn er sich der früheren Vorgänge erinnert, finden, daß sie sich ganz unmöglich gesehen haben konnten. Aber was Nugent nicht mit derselben Sicherheit zum Voraus wissen konnte, war, daß Fräulein Batchford, von dem, was in Dimchurch vorgefallen war, nichts erfahren hatte. Er konnte sich daher nicht eher sicher fühlen, bis er erst einmal in eigener Person das Terrain sondiert hatte. Die ihm hier drohende Gefahr war sicherlich ernsthaft genug, um selbst einen Nugent Dubourg unbehaglich zu stimmen. Und Lucilla spricht noch von dem »vornehmen Wesen« ihrer Tante, das arme unschuldige Kind! Lassen wir sie weiter reden. — P.)

»Das erste Wort, daß ich, sobald meine Tante uns allein ließ, mit Oscar sprach, bezog sich natürlich auf seinen Brief in Betreff Madame Pratolungo’s. Er machte eine flehende Geberde und sah unglücklich aus. »Warum wollen wir uns die Freude von unserem ersten Zusammensein dadurch vergällen, daß wir von ihr reden?« sagte er. »Es ist so unaussprechlich peinlich für Dich und für mich. Laß uns in den nächsten Tagen darauf zurückkommen. Nur jetzt nicht, Lucilla, jetzt nicht!«

Der Nächste, an den ich dachte, war sein Bruder. Ich war durchaus nicht sicher, wie er es aufnehmen würde, wenn ich von diesem spräche. Trotzdem wagte ich eine Frage. Er machte abermals eine flehende Geberde und sah wieder unglücklich aus.

»Mein Bruder und ich verstehen einander, Lucilla. Er wird für jetzt im Auslande bleiben. Laß uns auch davon nicht weiter reden. Sprich nur von Deinen eigenen Angelegenheiten; — ich möchte wissen, wie es im Pfarrhause aussieht. Ich habe nichts von dort gehört, seit Du mir schriebst, daß Du mit Deiner Tante hier seiest, und daß Madame Pratolungo zu ihrem Vater gereist sei. Geht es Deinem Vater gut? Wird er hierher kommen, Dich zu besuchen?«

Ich mochte ihm nichts von dem Zerwürfniß mit meinem Vater sagen.

»Ich habe von meinem Vater nichts gehört, so lange ich hier bin«, antwortete ich. »Jetzt, wo Du wieder hier bist, kann ich schreiben und Deine Ankunft melden und werde dann Nachrichten ans dem Pfarrhause bekommen.«

Er sah mich mit einem etwas sonderbaren Blick an, der bei mir die Besorgniß erweckte, er möge etwas dagegen haben, daß ich an meinen Vater schreibe.

»Du möchtest wohl, daß Dein Vater herkäme?« sagte er, hielt aber dann plötzlich inne und sah mich wieder an.

»Es ist sehr wenig Aussicht, daß er herkommt«, antwortete ich.

Oscar schien sich merkwürdig für meinen Vater zu interessiren. »Sehr wenig Aussicht?« wiederholte er. »Warum?«

Jetzt war ich genöthigt, von dem Familienzwist zu reden, ich vermied es jedoch immer noch, der ungerechten Art zu gedenken, wie mein Vater sich über meine Tante ausgesprochen hatte.

»Solange ich bei Fräulein Batchford bin« sagte ich, »dürfen wir nicht hoffen, meinen Vater hier zu sehen. Sie stehen auf schlechtem Fuß und ich fürchte, es ist für jetzt keine Aussicht an ihre Versöhnung vorhanden. Hast Du etwas dagegen, daß ich Deine Ankunft hier nach Hause melde?« fragte ich.

»Ich!« rief er mit der Miene des größten Erstaunens. »Wie kommst Du auf den Gedanken? Schreibe doch ja, und lasse mir etwas Platz. Ich möchte Deinem Brief ein paar Zeilen hinzufügen.«

Ich kann nicht sagen, wie sehr ich mich durch seine Antwort erleichtert finde. war ganz klar, daß ich seine Absichten dummer Weise mißdeutet hatte. O, meine neuen Augen! Werde ich mich je auf euch verlassen können, wie ich mich einst auf mein Gefühl verlassen konnte?«

(Anm. Ich muß schon wieder eine Bemerkung machen. Ich würde bei der Abschrift des Tagebuches vor Entrüstung bersten, wenn ich mir nicht bei gewissen Stellen Luft machte. Man bemerke, ehe man weiter liest, wie geschickt es Nugent versteht, sich seiner Stellung in Ramsgate genau zu vergewissern, und man beachte, wie verhängnißvoll sich alle Chancen, daß es ihm gelingen werde, sich unentdeckt für Oscar auszugeben, zu seinen Gunsten vereinigen. Fräulein Batchford ist ihm wie der Leser bereits erfahren hat, ganz ergeben. Sie weiß nicht nur Nichts, sondern sie wirkt auch als Abschreckungsmittel für Herrn Finch, der sonst unfehlbar seine Tochter in Ramsgate besucht und sofort die Verschwörung entdeckt haben würde. Nugent hat sich allem Anschein nach, nach allen Seiten hin völlig gedeckt. Ich bin fort; Oscar ist fort. Frau Finch liegt in ihrer Kinderstube fest vor Anker. Zillah war schon von London aus nach Dimchurch zurückgeschickt. Der Dimchurcher Arzt, welcher Oscar behandelt hatte und der ein fataler Zeuge hätte werden können, ist in Indien, wie sich aus dem dritten Kapitel des zweiten Bandes dieser Erzählung ergiebt. Zu dem Londoner Arzt, den Oscar consultirt hatte, steht er schon längst in durchaus keiner Beziehung mehr. Was endlich Herrn Grosse anlangt, so würde der, wenn er nach Ramsgate kommen sollte, sicherlich aus ärztlichen Gründen seine Augen gegen Alles, was vorgeht, verschließen und die Dinge ruhig ihren Gang gehen lassen, so lange sie nur dem einzigen Interesse dienen, welches er anerkennt, dem Interesse der Gesundheit Lucilla’s. So findet Nugent auf seinem Wege thatsächlich durchaus kein Hinderniß und so giebt es keine Art von Schutz für Lucilla, außer in der innern Stimme, welche nicht müde wird, ihr, wenn auch in einer unbekannten Sprache, zuzuflüstern, daß dieser nicht der Rechte sei. Wird sie diese Stimme, ehe es zu spät ist, verstehen? Aber ich will den Leser mit meinen Expectorationen nicht länger aufhalten. Hören wir weiter, was das Tagebuch sagt. P.)

2. September. — Ein regnigter Tag. Oscar und ich haben sehr wenig mit einander gesprochen, was des Aufzeichnens werth wäre.

Meine Tante, die immer bei schlechtem Wetter in trüber Stimmung ist, hat mich lange in ihrem Wohnzimmer zurückgehalten und sich damit amüsirt, mich Proben meiner Sehkraft ablegen zu lassen. Oscar war speciell dazu eingeladen und half der alten Dame meinen neuen Sinn auf hundert verschiedene Arten auf die Probe zu stellen. Er gab sich die größte Mühe, mich zu vermögen, ihm meine Handschrift zu zeigen. Aber ich weigerte mich. Meine Handschrift bessert sich von Tag zu Tag, ist aber noch nicht gut genug.

Ich bemerke hier, wie entsetzlich schwierig es ist, in einem Fall, wie dem meinigen seine Sehkraft neu üben zu müssen.

Wir haben eine Katze und einen Hund im Hause. Würde man es mir glauben, wenn ich es statt meinem Tagebuche der Welt anvertrauen wollte, daß ich heute positiv die beiden Thiere mit einander verwechselt habe? und das, nachdem ich jetzt so gut sehe und meine Briefe in so wenigen raschen Zügen schreiben kann! Und doch ist es wahr, daß ich die beiden Thiere mit einander verwechselt habe, weil ich mich nur auf meine Augen verlassen hatte, anstatt meinem Gedächtniß, durch mein Gefühl zur Hilfe zu kommen. Ich habe einer Wiederholung dieses Irrthums vorgebeugt. Ich nahm das Kätzchen auf den Arm und schloß die Augen — o, wann werde ich mir das abgewöhnen! — und fühlte ihr sanftes, von Hundehaaren so verschiedenes Fell, öffnete dann die Augen und sicherte mir für alle Zukunft die Erinnerung an dieses Gefühl beim Anblick einer Katze.

Eine heute gemachte Erfahrung hat mich auch belehrt, daß ich langsame Fortschritte in der richtigen Beurtheilung von Entfernungen mache.

Trotz meines mangelhaften Sehens freue ich mich des Gebrauches meiner Augen am meisten bei dem Anblick einer großen weiten Aussicht, wenn ich auch nicht genau angeben kann, wie fern oder wie nah die Gegenstände von mir liegen. Nach meiner langen Blindheit fühle ich mich wie aus dunkler Kerkerhaft befreit, wenn ich den Strand, das kühne Vorgebirge und das gewaltige Meer von unserem Fenster aus betrachte. Aber sobald meine Tante anfängt, mich nach den Entfernungen zu fragen, macht sie mir mein Vergnügen zur Qual. Noch schlimmer ist es, wenn man mich nach der Größe von Schiffen und Booten in ihrem Verhältniß zu einander befragt. Wenn ich ein Boot allein sehe, halte ich es für größer, als es wirklich ist. Wenn ich aber neben dem Boot ein Schiff sehe und dann wieder das Boot in’s Auge fasse, so, verfalle ich sofort in das entgegengesetzte Extrem und halte das Boot für kleiner als es ist. Diese Unbeholfenheit meiner Augen ärgert mich fast ebenso sehr, wie mich vor einiger Zeit meine Dummheit ärgerte, als ich, aus einem oberen Fenster blickend, zum ersten Mal einen mit einem Pferde bespannten Ziehwagen sah und denselben für einen von einem Hunde gezogenen Schubkarren hielt. Zu meiner Entschuldigung erwähne ich, daß ich mir Beides, Hund und Schubkarren, während meiner Blindheit fünfmal so groß vorgestellt hatte, als sie es in Wirklichkeit sind, und das läßt, denke ich, mein Versehen doch am Ende nicht gar so schlimm erscheinen.

So amüsirte ich meine Tante. Und welchen Eindruck brachte ich auf Oscar hervor?

Wenn ich meinen Augen trauen dürfte, so würde ich sagen, die Wirkung auf ihn war eine gerade entgegengesetzte, ich machte ihn melancholisch. Aber ich darf meinen Augen nicht trauen. Sie müssen mich täuschen, wenn sie mir sagen, daß er in meiner Gesellschaft zerstreut, befangen und unglücklich aussah.

Oder sollte er an mir etwas verändert finden? Ich könnte vor Aerger und Wuth über mich selbst weinen. Er ist mein Oscar und ist doch nicht der Oscar, den ich kannte, als ich blind war. Eo sonderbar es klingen mag, damals, als ich es nicht sehen konnte, glaubte ich zu wissen, wie er mich ansehe, jetzt, wo ich sehen kann, frage ich mich, ob es wirklich Liebe, oder ob es etwas anderes ist, was mich aus seinen Augen anblickt? Wie soll ich es wissen? Ich wußte es, als ich mich ganz auf meine Phantasie verlassen mußte; aber jetzt kann ich, ich mag es versuchen wie ich will, die alte Phantasie und die neue Sehkraft nicht in Einklang bringen. Ich fürchte, er sieht, daß ich ihn nicht verstehe. O, du lieber Gott, warum habe ich nicht meinen alten guten Grosse gefunden und bin durch ihn ein neues Geschöpf geworden, ehe ich Oscar’s Bekanntschaft machte, dann würde ich nicht mit den Erinnerungen und Vorurtheilen aus der Zeit meiner Blindheit zu kämpfen haben. Aber ich hoffe und glaube, daß ich mich mit der Zeit an mein neues Selbst und damit auch an meine neuen Eindrücke von Oscar gewöhnen werde, und so wird Alles noch gut werden. Für jetzt ist Alles noch nichts weniger als gut. Als wir heute Nachmittag meiner Tante in’s Eßzimmer hinunterfolgten, umschlang er mich mit seinem Arm und drückte mich zärtlich, aber ich empfand nichts dabei. Noch vor einigen Wochen würde es mich wonnig durchzuckt haben.

Da fällt eine Thräne aufs Papier. Was bin ich doch für eine Närrin! Warum kann ich nicht von etwas Anderem schreiben? Heute habe ich zum zweiten Mal an meinen Vater geschrieben und habe ihm, ohne Notiz davon zu nehmen, daß er meinen ersten Brief unbeantwortet gelassen hatte, Oscar’s Ankunft gemeldet. Die einzige — Art, mit meinem Vater fertig zu werden, ist, keine Notiz von seinem Mißmuth zu nehmen und ihn von selbst wieder gut werden zu lassen. Ich gab Oscar den Brief, auf dem ich für ihn einen Platz frei gelassen hatte. Während er sein Postskriptum schrieb, bat er mich, ihm etwas von oben aus seinem Zimmer zu holen. »Als ich zurückkam, hatte er den Brief versiegelt, ohne mir sein Postskriptum gezeigt zu haben. Er hatte es vergessen. Es war nicht der Mühe werth, den Brief deshalb wieder zu öffnen, er sagte mir, was er geschrieben hatte, und das genügte vollkommen.«

(Anm. Ich muß den Leser mit einer Abschrift dessen behelligen, was Nugent wirklich geschrieben hatte. Man wird, daraus ersehen; warum er Lucilla zum Zimmer hinausschickte und den Brief versiegelte, bevor sie wieder da sein konnte. Das Postskriptum ist auch deshalb bemerkenswerth, weil es im Verlauf meiner Erzählung noch eine Rolle spielen wird.

Nugent schreibt also als Oscar an den Pfarrer in Dimchurch. Die Nachahmung der Handschrift seines Bruders konnte ihm dabei keine Schwierigkeiten machen. Eine täuschende Aehnlichkeit der Handschriften gehörte, wie ich glaube schon erwähnt zu haben, zu den vielen überraschenden Aehnlichkeiten der Zwillingsbrüder.

»Geehrter Herr Finch! Sie werden aus Lucilla’s Brief ersehen haben, daß ich wieder vernünftig geworden bin und ihr wieder als ihr Verlobter meine Huldigungen darbringe. Der Hauptzweck dieser meiner Zeilen ist Ihnen vorzuschlagen, daß wir das Vergangene vergangen sein lassen und thun, als wenn nichts vorgefallen wäre.

Nugent hat sich nobel benommen. Er entbindet mich der gegen ihn übernommenen Verpflichtungen, die ich bei unserer letzten Zusammenkunft in Browndown so voreilig übernommen hatte. In der großmüthigsten Weise hat er sein Madame Pratolungo gegebenes Versprechen erfüllt, meinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen und mich Lucilla wieder in die Arme zu führen. Für jetzt bleibt er noch im Auslande.

Wenn Sie mich mit einer Antwort auf diese Zeilen beehren, so muß ich Sie zur Vorsicht in Betreff dessen, was Sie schreiben, ermahnen; denn Lucilla wird ohne Zweifel Ihren Brief sehen wollen. Vergessen Sie nicht, daß sie nicht anders weiß, als daß ich nach einer kurzen durch die Nothwendigkeit, meinen Bruder auf dem Continente zu treffen, veranlaßten Abwesenheit zu ihr zurückgekehrt bin. Es wird ferner wünschenswerth sein, daß Sie meiner unglücklichen Hautfarbe keine Erwähnung thun. Ich habe mich darüber mit Lucilla verständigt und sie fängt an, sich an mich zu gewöhnen. Aber es bleibt doch immer eine traurige Sache; und je weniger davon gesprochen wird, desto besser.

Ihr ganz ergebener
Oscar.«

Wenn ich hier nicht ein Wort der Erklärung hinzufügte, würde der Leser sich kaum eine richtige Vorstellung von der außerordentlichen Geschicklichkeit machen, mit welcher die Täuschung durch dieses Postskriptum aufrecht gehalten wird. Während es sich wie von Oscar geschrieben darstellt und Nugent berichtet, daß er Alles das gethan habe, was er mir zu thun versprochen hatte, vermeidet er absichtlich die bei Oscar sonst gewöhnliche Höflichkeit der Ausdrucksweise. Das geschieht zu dem Zweck, um Herrn Finch zu beleidigen; in welcher Absicht, wird man gleich sehen. Niemand auf der Welt konnte weniger als der Pfarrer geneigt sein, dem Verlobten seiner Tochter, der dieselbe, wenn auch unter Umständen die eine mildere Beurtheilung zulassen, verlassen hatte, die nöthigen Entschuldigungen und Ausdrücke des Bedauerns zu erlassen. Das kurze hochmütige, »Oscar« unterschriebene Postskriptum war ganz dazu gemacht, die Herrn Finch bereits versetzte Kränkung noch zu verschärfen und es wenigstens wahrscheinlicher zu machen, daß er in Betreff der von ihm kundgegebenen Absicht, die Trauung selbst vorzunehmen, anderen Sinnes werden werde. Was aber würde eintreten, wenn er sich dessen weigern sollte? Ein Fremder, mit Oscar und Nugent gleich unbekannter Geistlicher würde an Herrn Finch’s Stelle die Trauung vollziehen. Jetzt wird der Leser das Postskriptum verstehen; aber selbst die schlauesten Leute vermögen doch nicht immer für alle möglichen Vorkommnisse Vorsorge zu treffen. Die feinst ersonnenen Complotte haben meistens doch eine schwache Seite. Das Postskriptum war, wie der Leser gesehen hat, ein kleines Meisterstück. Gleichwohl setzte es den Schreiber, wie das Tagebuch zeigen wird, einer Gefahr aus, die er ihrem vollen Umfange nach erst erkannte, als es zu spät war. Um keinen Verdacht zu erregen, war er genöthigt gewesen, Lucilla zu erlauben, ihrem Vater seine Ankunft in Ramsgate zu melden; in Folge dessen sah er sich nun der Gefahr ausgesetzt, daß diese wichtige häusliche Nachricht von Herrn Finch oder seiner Frau keiner geringeren Person als mir mitgetheilt werde. Man wird sich erinnern, daß die brave Frau Finch mich beim Abschiede im Pfarrhause gebeten hatte, ihr während meiner Abwesenheit zu schreiben und man wird nach dem von mir gegebenen Wink finden, daß der schlaue Nugent sich bereits auf ein schlüpfriges Terrain begeben hat. Weiter habe ich nichts zu bemerken und lasse nun wieder Lucilla reden. P.)

3. September. Oscar scheint mir in seinem Postskriptum zu meinem Brief etwas vergessen zu haben. Etwa zwei Stunden, nachdem ich denselben aus die Post gesandt hatte, fragte er mich, ob der Brief fort sei. Als ich die Frage bejahte, schien ihm die Sache im ersten Augenblick unangenehm zu sein; aber es war bald wieder vorüber. Es machte nichts aus, sagte er, er könne ja leicht wieder schreiben. »Da wir einmal von Briefen reden«, fügte er hinzu, »glaubst Du, daß Madame Pratolungo Dir schreiben wird?« Diesmal war er es, der zuerst von ihr sprach. Ich sagte ihm, daß nach dem, was zwischen uns vorgefallen, nicht viel Aussicht dazu vorhanden sei, daß sie mir schreiben werde, und versuchte es dann, eine der Fragen in Betreff ihrer an ihn zu richten, die er mich früher einmal gebeten hatte, noch nicht zu berühren. Abermals bat er mich dringend, diesen unangenehmen Gegenstand noch ruhen zu lassen, und doch that er mir sonderbarer, ganz unconsequenter Weise im nächsten Augenblick selbst eine Frage in Betreff desselben Gegenstandes. »Hälst Du es für wahrscheinlich, daß sie während ihrer Abwesenheit von England mit Deinem Vater oder mit Deiner Stiefmutter correspondirt?« fragte er. »Ich glaube schwerlich, daß sie meinem Vater schreiben wird«, erwiderte ich, »aber vielleicht, daß sie mit meiner Stiefmutter correspondirt. « Er dachte einen Augenblick nach und lenkte dann das Gespräch auf unseren Aufenthalt in Ramsgate. »Wie lange wirst Du hier bleiben?« fragte er. »Das hängt von Herrn Grosse ab«, antwortete ich. »Ich will ihn das nächste Mal, wenn er herkommt, fragen.« Plötzlich trat er ans Fenster, als wenn er ein wenig außer Fassung gebracht wäre. »Hast Du Ramsgate schon satt?« fragte ich. Er trat wieder auf mich zu und ergriff meine Hand, meine kalte, gefühllose Hand, die bei seiner Berührung nicht empfinden will, wie sie sollte. »Laß mich erst Dein Gatte sein, Lucilla«, sagte er, »und ich will, wenn Du es wünschest, um Deinetwillen in Ramsgate leben.« So sehr diese Worte geeignet waren, mich angenehm zu berühren, so lag doch, als er sie sprach, in seinem Blick und Wesen ein nicht zu beschreibendes gewisses Etwas, das mich erschreckte. Ich schwieg und er fuhr fort: »Was hindert uns, gleich zu heirathen«, fragte er, »wir sind Beide mündig, wir haben auf Niemand Rücksicht zu nehmen, als auf uns selbst.«

(Anm. Man verändere seine Worte, wie folgt: »Warum wollen wir nicht heirathen, bevor Madame Pratolungo etwas von meiner Heirath in Ramsgate erfahren kann?« und man wird seinen Beweggründen den richtigen Ausdruck gegeben haben. Die Situation nähert sich jetzt mit raschen Schritten ihrem verhängnißvollsten Moment. Nugent’s einzige Chance besteht darin, daß es ihm gelingt, Lucilla zu überreden, ihn zu heirathen, ehe mir etwas von seiner Anwesenheit zu Ohren kommen kann und ehe Grosse sie für hinlänglich wieder hergestellt erklärt, um Ramsgate zu verlassen. P.)

»Du vergissest«, erwiderte ich höchst überrascht, »daß wir auf meinen Vater Rücksicht zu nehmen haben. Es war ja von Anfang an abgemacht, daß er uns in Dimchurch trauen solle.« Oscar lächelte, aber es war durchaus nicht jenes reizende Lächeln, wie ich es mir vorzustellen pflegte, als ich blind war. »Wir werden, fürchte ich, noch lange warten müssen, wenn wir warten wollen, bis Dein Vater uns traute«, sagte er. »Was willst Du damit sagen«, fragte ich »Das will ich Dir sagen«, erwiderte er, »wenn wir das peinliche Capitel in Betreff Madame Pratolungo’s verhandeln.

Glaubst Du inzwischen, daß Dein Vater Deinen Brief beantworten wird?« »Ich hoffe es.« »Und glaubst Du, daß er mein Postskriptum beantworten wird?« »Ganz gewiß wird er das.« Wieder umspielte seine Lippen dasselbe unangenehme Lächeln. Plötzlich brach er die Unterhaltung mit mir ab und setzte sich zu meiner Tante, eine Partie Piquet mit ihr zu spielen. Das Alles trug sich gestern Abend zu Traurig und unbefriedigt ging ich zu Bett. War ich unbefriedigt von Oscar, oder von mir, oder von Beiden? Ich glaube das Letztere.

Heute gingen wir mit einander an der felsigen Küste spazieren. Wie entzückend war es, in der frischen salzhaltigen Luft lustwandeln und sich der köstlichen Aussichten nach allen Richtungen hin zu erfreuen. Auch Oscar schien zu genießen. Im Beginn unsres Spazierganges war er höchst liebenswürdig und ich war verliebter in ihn, als je. Aber auf dem Rückwege trug sich ein kleiner Vorfall zu, der ihn verstimmte und auch meine Laune trübte. Die Sache war folgende: Ich schlug ihm vor, längs des Strandes zurückzukehren, Ramsgate ist noch voll von Gästen und das belebte Treiben an der Küste in den Nachmittagsstunden hat nach meiner langen Blindheit einen Reiz für mich, den es vermuthlich für Leute, die sich immer des Gebrauchs ihrer Augen erfreut haben, nicht hat. Oscar, der einen nervösen Abscheu vor Gedränge hat, und dem jede Berührung mit Leuten, die weniger fein sind als er selbst, zuwider ist, war von meinem Wunsch, mich unter den von ihm so genannten Pöbel am Strande zu mischen, überrascht. Indessen sagte er, er sei bereit, mit mir hinzugehen, wenn ich es besonders wünschte. Ich wünschte es besonders und wir gingen. Am Ufer standen Stühle, wir mietheten zwei solcher Stühle und setzten uns, um uns umzusehen. Ein buntes Leben umgab uns. Affen, Drehorgelspieler, Mädchen auf Stelzen, ein Taschenspieler und ein Trupp singender Neger waren alle beschäftigt, das Publicum zu amüsiren. Mir schien das bunte Farbenspiel und die lärmende Lustigkeit der Menge mit dem schönen blauen Meer vor uns und dem prachtvollen Sonnenschein über uns ein köstliches Schauspiel; ich hatte das Gefühl, als ob zwei Augen längst nicht genug seien, das Alles in sich aufzunehmen. Eine freundliche alte Dame, die neben mir saß, ließ sich in ein Gespräch mit mir ein und bot mir von ihrem Biscuit und Sherry, die sie in ihrer Handtasche bei sich führte, an. Oscar sah zu meinem größten Leidwesen ganz degoutirt aus.

Er fand meine freundliche alte Dame ordinär und nannte die ganze Gesellschaft an der Küste eine Heerde Spießbürger. Während er noch über den Pöbel um uns her brummte, warf er plötzlich einen Seitenblick auf eine Person oder Sache, ich wußte im Augenblick nicht was es war, stand auf und stellte sich so, daß er mir die Aussicht auf die unmittelbar vor mir liegende Promenade abschnitt. Ich hatte zufällig in demselben Augenblick bemerkt, daß sich uns eine Dame in einem Kleide von sonderbarer Farbe näherte und ich stieß Oscar an, sie anzusehen, während sie vor mir vorüberging. » »Warum stellst Du Dich vor mich hin», fragte ich. Noch ehe er antworten konnte, ging die Dame vorüber; sie war in Begleitung von zwei lieblichen Kindern und einem hochgewachsenen Mann. Mein Blick, der zuerst auf die Dame und die Kinder gerichtet war, fiel demnächst auf den Herrn, und ich sah in seinem Gesicht dieselbe schwarzblaue Farbe, welche mich auf dem Gesicht von Oscar’s Bruder erschreckt hatte, als ich damals im Pfarrhause zum ersten Male meine Augen öffnete. Im Augenblick erschrak ich wieder, mehr, glaube ich, über das unerwartete Wiedererscheinen der blauen Hautfarbe auf dem Gesichte eines Fremden, als über die Häßlichkeit dieser Hautfarbe selbst. Ich behielt aber doch Fassung genug, um das Kleid der Dame und die Schönheit des Kindes zu bewundern, bevor ich sie aus dem Gesichte verlor. Oscar sprach mit mir, während ich sie betrachtete, in einem Ton des Vorwurfs, für welchen es, wie mir schien, keine Veranlassung und keine Entschuldigung gab. »Ich wollte Dir den Anblick ersparen«, sagte er, »Du hast es Dir selbst zuzuschreiben, wenn Dich der Mann mit seinem Gesichte erschreckt hat.« »Er hat mich nicht erschreckt«, antwortete ich in ziemlich scharfem Tone. Oscar sah mich sehr aufmerksam an und setzte sich wieder hin, ohne ein Wort weiter zu reden.

Die gutmüthige alte Dame neben mir, die Alles, was vorgegangen war, gesehen und gehört hatte, fing an, mich von dem Herrn mit dem entstellten Gesicht und von der Dame und den Kindern, die ihn begleitet hatten, zu unterhalten. Er sei, sagte sie, ein pensionirter indischer Officier, die Dame sei seine Frau und die beiden schönen Kinder seine Kinder. »Es ist schade, daß ein so hübscher Mann so entstellt ist«, bemerkte meine neue Bekannte, »aber am Ende ist doch nicht viel daran gelegen. Wie Sie sehen, hat er eine hübsche Frau und zwei allerliebste Kinder. Ich kenne die Wirthin des Hauses, wo sie wohnen, und die versichert, daß es in ganz England keine glücklichere Familie giebt. Ein blaues Gesicht scheint also kein so schreckliches Unglück zu sein, nicht wahr, liebes Fräulein?«

Ich stimmte der alten Dame vollkommen bei. Unsere Unterhaltung schien Oscar unbegreiflicher Weise zu verstimmen. Ungeduldig stand er wieder auf und sah nach seiner Uhr.

»Deine Tante wird sich wundern, wo wir bleiben«, sagte er. »Ich denke, Du wirst jetzt von dem Pöbel am Strande genug gehabt haben.«

Ich hatte keineswegs genug gehabt und ich würde gern noch ein bischen länger mit zu dem Pöbel gehört haben. Aber ich sah, daß es Oscar ernstlich verstimmen würde, wenn ich darauf beharrte, noch länger sitzen zu bleiben. So nahm ich den Abschied von meiner lieben alten Dame und verließ ziemlich ungern den Strand.

Er sagte nichts weiter, bis wir uns durch das Gedränge durchgearbeitet hatten. Dann aber kam er, ohne irgend erkennbare Veranlassung, auf den indischen Officier und die Erinnerung an das Gesicht seines Bruders zurück, welche das Gesicht des Fremden in mir erweckt haben müsse.

»Ich begreife nicht, wie Du sagen konntest, der Anblick dieses Mannes habe Dich nicht erschreckt«, sagte er. »Der erste Anblick meines Bruders erschreckte Dich doch furchtbar.«

»Meine Einbildungskraft hatte ihn mir furchtbar vorgemalt, ehe ich ihn gesehen hatte«, antwortete ich. »Nachdem ich ihn einmal gesehen, überwand ich auch bald meinen Widerwillen.«

»So sagst Du!« erwiderte er.

Es hat etwas äußerst Verletzendes wenigstens für mich, sich in’s Gesicht sagen zulassen, daß man etwas behauptet hat, was dem Andern unglaubwürdig erscheint. Es war nicht sehr schicklich, daß ich nach dem, was er mir in seinem Briefe über die Verliebtheit seines Bruders mitgetheilt hatte, dieses Bruders Erwähnung that. Das hätte ich nicht thun sollen, es war aber doch nun einmal geschehen.

»Ich sage, was ich meine«, erwiderte ich. »Bevor ich das von Deinem Bruder wußte, was Du mir mitgetheilt hast, hatte ich mir vorgenommen, Dir um seinet- und Deinetwillen vorzuschlagen, ihn nach unserer Verheirathung mit uns leben zu lassen.«

Oscar stand plötzlich still. Er hatte mir seinen Arm gereicht, um mich durch die Menge zu führen, jetzt zog er denselben zurück.

»Das sagst Du, weil Du böse auf mich bist!« sagte er.

Ich leugnete, daß ich böse auf ihn sei und erklärte wiederholt, daß ich nur die Wahrheit rede.

»Meinst Du wirklich«, fuhr er fort, »daß Du Dich hättest wohl fühlen können, wenn Du das blaue Gesicht meines Bruders zu jeder Tagesstunde hättest vor Augen haben müssen?«

»Ganz wohl, wenn er mir auch ein Bruder hätte sein wollen.«

Oscar deutete auf das, wenige Schritte von uns entfernte Haus, in welchem meine Tante und ich wohnten.

»Hier bist Du dicht bei Eurem Hause«, sagte er, mit zu Boden gesenkten Blicken in einem sonderbar murmelnden Ton. »Ich möchte noch einen längeren Spaziergang machen. Wir treffen uns bei Tische. Damit ging er, ohne ein Wort weiter zu sagen und ohne aufzuschauen.

Also eifersüchtig aus seinen Bruder! Es liegt etwas Unnatürliches und Entwürdigendes in einer solchen Eifersucht. Ich schäme mich, daß ich so etwas von ihm denke. Und doch, wie soll man sein Benehmen anders erklären?

(Anm. Es ist an mir, diese Frage zu beantworten. Lassen wir dem Unglücklichen Gerechtigkeit widerfahren. Die Erklärung seines Benehmen’s hieß in klarem Wort: »Gewissensbisse«. Die einzige Entschuldigung mit der er sein Gewissen über die niederträchtige Rolle, die er spielte, noch beschwichtigen konnte, bestand darin, daß die Entstellung seines Bruders ein verhängnißvolles Hinderniß seiner Verheirathung sei. Und jetzt hatten ihn Lucilla’s eigene Worte und Handlungen belehrt, daß Oscar’s Gesicht für sie kein Hinderniß sein würde, ihn täglich im intimsten Verkehr des häuslichen Lebens um sich zu sehen. Die Qual der Selbstanklagen, die ihm diese Entdeckung bereitete, ließ ihn ihre Nähe meiden. Sein eigener Mund würde ihn verrathen haben, wenn er in jenem Augenblick noch ein Wort weiter mit ihr gesprochen hätte. Was ich hier ausspreche, beruht nicht etwa auf bloßer Vermuthung. Ich weiß, daß es die Wahrheit ist. P.)

»Es ist wieder Abend. Ich bin in meinem Schlafzimmer, aber zu nervös und zu aufgeregt, um zu Bett zu gehen. Ich will die Zeit benutzen, um diesen Bericht über die Ereignisse des Tages zu vollenden.

Oscar kam kurz vor Tisch. Verstört und bleich und so abwesend, daß er kaum zu wissen schien, was er sprach. Keinerlei Erörterung fand zwischen uns statt. Er bat mich um Verzeihung wegen der harten Dinge, die er mir gesagt, und wegen der üblen Laune, zu der er sich mir gegenüber heute Vormittag hatte hinreißen lassen. Ich nahm seine Entschuldigungen bereitwillig an und that mein Bestes, den unbehaglichen Eindruck zu verbergen, den sein abwesend präoccupirtes Wesen auf mich machte. Die ganze Zeit über, während er mit mir sprach, dachte er offenbar an etwas Anderes. Er war dem Oscar, wie er mir aus der Zeit meiner Blindheit vorschwebte, unähnlicher als je. Es war die alte Stimme, die aber in einer mir ganz neuen Weise sprach; ich weiß es nicht anders zu bezeichnen.

Sein Wesen pflegte zwar, wie ich weiß, früher meist ruhig und zurückhaltend zu sein; aber war er so verzweifelt, erschöpft und niedergeschlagen, wie ich es heute gesehen habe? Vergebens frage ich mich darnach. In früheren Tagen konnte ich es nicht sehen und jetzt entsteht mein Urtheil auf so gänzlich anderem Wege, daß es unnütz wäre, meine jetzigen Eindrücke mit den früheren zu vergleichen. O, wie ich Madame Pratolungo entbehre! Welche Erleichterung, welcher Trost würde es für mich gewesen sein, ihr das Alles sagen zu können und zu hören, was sie darauf erwidert haben würde!

Indessen habe ich doch Aussicht, unter allen Umständen in einigen Punkten aufgeklärt zu werden; nur muß ich bis morgen warten. Oscar scheint sich endlich entschlossen zu haben, auf die Erörterungen einzugehen, welchen er bisher immer ausgewichen ist. Er hat mich gebeten, morgen früh allein mit mir sprechen zu dürfen. Die Umstände, die ihn zu dieser Bitte veranlaßten, haben meine höchste Neugierde erregt. Offenbar geht etwas im Geheimen vor, wobei es sich um meine und möglicherweise auch um Oscar’s Interessen handelt.

Bei meiner Rückkehr nach Hause nämlich, nachdem Oscar mich verlassen hatte, fand ich einen mit der Nachmittagspost angekommenen Brief von Grosse vor. Mein lieber euer Doktor kündigte mir seinen Besuch an und fügte in einem Postskriptum hinzu, daß er am nächsten Tage zum zweiten Frühstück eintreffen werde. Ich wußte aus früherer Erfahrung, daß diese Meldung einer Aufforderung an meine Tante gleichkomme, zu leisten, was Küche und Keller zu bieten vermöchten. Ach, du lieber Gott! ich dachte an Madame Pratolungo und ihre Mayonnaise. Wird denn die schöne Zeit nie wiederkehren? Bei Tische meldete ich Grosse’s Besuch und fügte bedeutungsvoll hinzu: »Zum Frühstück.«

Meine Tante sah etwas betroffen von ihrem Teller auf und zwar aus Interesse nicht, wie ich es vermuthet hatte, an der wichtigen Frühstücksfrage, sondern an den Ausspruch, welchen mein ärztlicher Rathgeber über meinen Gesundheitszustand thun werde.

»Ich bin begierig, was Herr Grosse morgen über Dich sagen wird«, fing die alte Dame an. »Ich werde diesmal darauf bestehen, daß er mir einen viel vollständigeren Bericht über Dich erstattet, als er es das vorige Mal gethan hat. Mir scheinst Du völlig wieder hergestellt, liebes Kind.«

»Wünschest Du, daß ich geheilt sei, damit Du fort kannst, liebe Tante?« fragte ich. »Bist Du Ramsgate überdrüssig?«

Die hellen alten Augen meiner Tante funkelten zornig.

»Ich bin es überdrüssig, einen Brief für Dich aufzubewahren«, platzte sie mit dem Ausdruck des Widerwillens heraus.

»Einen Brief für mich?« rief ich aus.

»Ja, einen Brief, den ich Dir erst abgeben soll, wenn Herr Grosse Dich für vollständig wieder hergestellt erklärt hat.«

Oscar der bis dahin nicht das geringste Interesse an der Unterhaltung genommen zu haben schien, hielt plötzlich, im Begriff seine Gabel zum Munde zu führen, inne; wechselte die Farbe und heftete den Blick auf meine Tante.

»Was für einen Brief?« fragte ich.

»Wer hat Dir den gegeben? Warum soll ich ihn nicht sehen, bevor ich ganz wieder hergestellt bin?«

Meine Tante beantwortete diese drei Fragen mit einem dreimaligen halsstarrigen Kopfschütteln.

»Ich hasse Geheimnisse und mysteriöse Geschichten, wie diese«, sagte sie ungeduldig. »Ich sehne mich darnach, es los zu werden. Das ist das Ganze. Ich habe schon zu viel gesagt und werde nun nichts mehr sagen.«

All’ mein Bitten war vergeblich. Meine Tante hatte sich offenbar durch ihre Heftigkeit zu einer Unvorsichtigkeit verleiten lassen. Nachdem ihr aber das einmal widerfahren, war sie jetzt hartnäckig entschlossen, den begangenen Fehler nicht noch schlimmer zu machen. Ich mochte sagen was ich wollte, sie war nicht zu bewegen, irgend etwas Näheres über den geheimnißvollen Brief zu sagen. »Warte, bis Herr Grosse morgen kommt«, das war die einzige Antwort, die ich von ihr erlangen konnte.

Auf Oscar schien dieser kleine Zwischenfall eine Wirkung zu haben, welche die von meiner Tante bei mir erregte Neugierde nur noch steigerte.

Mit athemloser Spannung horchte er auf, während ich meine Tante zu bewegen suchte, meine Fragen zu beantworten. Als ich es aufgeben mußte, schob er seinen Teller bei Seite und aß nichts mehr. Dagegen trank er, der sonst der mäßigste Mensch war, bei Tisch und nachher sehr viel Wein. Abends machte er so viele Versehen beim Kartenspiel mit meiner Tante, daß sie das Spiel sehr ungnädig aufgab. Den Rest des Abends saß er in einer Ecke, angeblich um mir zuzuhören, während ich Klavier spielte, in Wahrheit aber, um sich fernab von meiner Musik und mir tief in seine unbehaglichen Grübeleien zu versenken.

Als er sich verabschiedete, drückte er mir ängstlich die Hand und flüsterte mir die Worte ins Ohr:

»Ich muß Dich morgen allein sprechen, ehe Grosse kommt, kannst Du es einrichten?«

»Ja.«

»Wann?«

»Um elf Uhr bei der Treppe an der Klippe.«

Damit verließ er mich. Aber eine Frage hat mich seitdem unaufhörlich verfolgt. Kennt Oscar den Schreiber des geheimnißvollen Briefes? Ich glaube es sicher. Morgen wird es sich zeigen, ob ich Recht oder Unrecht habe. Wie sehne ich mich nach morgen!«


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte