Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung des Rechtsanwalts von dem gestohlenen Brief - Einleitung
 

In der Dämmerstunde



Die Erzählung des Rechtsanwalts von dem gestohlenen Brief

Einleitung

Als ich mich einst in dem berühmten Kurorte Tidbury an der Marsy befand, erhielt ich den ehrenvollen Auftrag, den berühmtesten und geschäftigsten Rechtsanwalt der Stadt, Mister Boxsious, in Lebensgröße zu malen.

Es sollte das Bild auf Kosten des Magistrats und der Bürger der Stadt gemalt und, nachdem es vollendet, Mister Boxsious als ein Beweis der Liebe und Hochachtung übergeben werden, für die Verdienste, welche der vielbeschäftigte Mann der Stadt und ihren Bewohnern geleistet hatte. Auf die Empfehlung eines meiner Freunde hatte ich das Glück gehabt, diese Arbeit zu erhalten und es wurde mir ein Tag bestimmt, an welchem ich Mister Boxsious in seiner Wohnung zu einer Sitzung für das Gemälde bereit finden würde. Ich stellte mich auch pünktlich an dem bezeichneten Tage mit meinem Malerwerkzeug bei ihm ein, und wurde auch sofort in ein gut möbliertes Zimmer geführt, von welchem ich die Aussicht auf einen hübschen viereckigen Grasplatz hatte, hinter welchem sich ein neues Hotel der Stadt erhob; weiter die Straße entlang, sah ich das Haus des Doktors mit einer farbigen Laterne daran, und nicht weit davon, das des Bankiers mit einfacher Laterne, außerdem erblickte ich noch einige Privatgebäude und die Wohnungen der verschiedenen Handwerker des Ortes. Als ich eben über die verschiedenen Häuser Betrachtungen anstellen wollte, hörte ich eine kreischende unangenehme Stimme hinter mir, welche rief: »Nun, mein Herr Maler, nennen Sie das an die Arbeit gehen? Wo sind die Pinsel, der Farbendkasten und alles Übrige, was Sie zum Malen benötigen? Mein Name ist Boxsious und ich bin hier um Ihnen die Sitzung zu meinem Bilde zu gewähren!« —

Ich drehte mich um und erblickte einen kleinen krummbeinigen Mann, der die Hände in den Hosentaschen hielt. Er hatte hellgraue Augen mit geröteten Lidern und sein Haar war bereits ergraut, sein Gesicht war außergewöhnlich rot, sein Blick zeigte Unverschämtheit und Klugheit.

Als ich ihn betrachtet hatte, sagte ich mir, erstlich dass dieses kleine Männchen kein besonders günstiger Gegenstand für die Begeisterung eines Malers sei und zweitens, wie unverschämt er auch immer sein würde, wollte ich meiner Würde doch nichts vergeben.

»Ich werde gleich bereit sein!« erwiderte ich kurz.

»Fertig? — gleich?« — wiederholte mein Kunde, »wie meinen Sie das, Herr Maler? Ich bin nun bereit! Welchen Contract haben Sie mit dem Rat der Stadt abgeschlossen? Wer hat subscribirt für das Bild? Und, wo ist denn nun mein Contract? Da soll ich mich nun so ohne Weiteres malen lassen, ohne Contract, ohne irgend eine Garantie, ohne alle Logik des Gesetzes. Doch halt! Lassen Sie mich Ihre Farben sehen! Sind es auch die besten, die es gibt? Ich warne Sie, Herr, es wäre als Contractbruch zu betrachten! Und Ihre Pinsel? Nun, warum denn alte? Die Stadt bezahlt Ihnen doch die Arbeit gut, warum nehmen Sie keine neuen Pinsel? So, Sie malen besser mit alten Pinseln? Das verstehe ich nicht! meine Magd reinigt die Zimmer mit neuen Besen viel besser als mit alten, und meine Schreiber schreiben besser mit neuen Federn als mit alten. Nun, Sie sehen ja aus, als wenn Sie böse auf mich wären? Sie können es ruhig sein, das ist mir ganz gleichgültig und wenn Sie auch noch böser werden, mir ist das Alles eins! Ich bin kein Jüngling, mich rührt das nicht! Ich bin Boxsious, der Rechtsanwalt, der einzige Mann in der Welt den man beschimpfen darf, versuchen Sie nur, wenn’s beliebt!«

Dann schüttelte sich der kleine Mann und ging ans Fenster. Ich wusste nicht, was ich von diesen sonderbaren Äußerungen halten sollte. Waren sie Scherz oder Ernst? Ich nahm einen etwas strengen Blick an und bereitete mich zum Malen vor.

»Kommen Sie nur her!« rief mein Männchen von dem Fenster aus, »sehen Sie dort den dicken Mann mit der Schnupftabacksnase auf der Straße schlendern? Das ist mein Lieblings-Feind Dunball. Er hat zehn Jahre hindurch mit mir gestritten und er hat mich doch nicht aus meiner Langmut und meinem Wohlwollen für ihn heraus bringen können. Sehen Sie nur wie finster er mich ansieht; ich aber lache und nicke ihm freundlich zu: »Guten Morgen, guten Morgen, Mister Dunball!« rief der Kleine, und zu mir gewendet sagte er dann: »sehen Sie nur wie er den Kopf zurück wirft, er bläht sich stolz auf als wäre er noch viermal so dick als er wirklich ist. Ärgerlich und stolz geht er weiter! Dieser Mensch kämpft nun schon wie gesagt, zehn Jahre gegen meine Liebenswürdigkeit und reibt sich dabei auf; sollte er einmal plötzlich sterben, so werde ich die unschuldige Ursache seines Todes sein.«

Mister Boxsious unterstützte seine fatale Prophezeiung mit fortwährendem Nicken und Lachen aus dem Fenster, während das unglückliche Opfer seiner Bosheit so schnell als möglich vorüber schritt. Als er seinen Lieblingsfeind aus dem Gesichte verloren hatte, lief er einige Male das Zimmer auf und ab, während ich meine Leinwand auf der Staffelei befestigte und gerade als ich ihn bitten wollte, sich nun zur Sitzung zu bequemen, schrie er: »Nun, nun, mein Herr Maler, im Interesse Ihrer Arbeitgeber, des Rates der Stadt, frage ich Sie, wann werden Sie sich endlich an die Arbeit machen?«

»Sie erlauben mir wohl, Mister Boxsious,« hob ich an, »Sie im Interesse des Rates der Stadt zu fragen, wann Sie Ihre Spaziergänge durch das Zimmer « aufgeben und sich niedersetzen werden, damit ich Sie malen kann?«

»Ah gut gegeben, verteufelt gut!« erwiderte Mister Boxsious, »das ist das erste vernünftige Wort, welches Sie seit Ihrer Ankunft gesprochen haben, ich fange schon an Sie zu lieben!« Dann nickte er mir freundlich zu und ging zu dem hohen Sessel, welchen ich ihm zu der Sitzung hingestellt hatte.

Nachdem ich ihn so gesetzt, wie ich ihn aufnehmen wollte, bestand er darauf en face gemalt zu werden, weil der Magistrat auf diese Weise mehr für sein Geld haben würde. Dann fragte er mich, ob ich mehr so gute Aufträge habe als diesen. »Ach nein,« erwiderte ich, »ich würde bald ein armer Mann sein, wenn ich alle Gemälde in Lebensgröße ausführen müsste«

»Sie arm?« entgegnete er, »nun, das sieht man Ihnen gerade nicht an! Ihr Rock ist nicht zerrissen, Ihr Hemd ist rein und Ihr Kinn ist glatt und sorgfältig rasiert Sie haben das Aussehen eines Menschen, der in einem ordentlichen Bette schläft und nicht hungert. — Mir dürfen Sie keine Possen von Ihrer Armut aufbinden wollen. Ich weiß, wie die Armut beschaffen ist; arme Menschen haben das Aussehen einer Vogelscheuche, fühlen wie eine Vogelscheuche und wünschen behandelt zu sein wie eine Vogelscheuche. Ich kann von Armut mitsprechen, denn, ich war in Ihrem Alter arm wie eine Kirchenmaus, mein Herr Künstler!«

Mit diesen Worten warf er sich so unruhig in seinem Stuhle hin und her, dass ich ihn bitten musste, still sitzen zu bleiben.

»Es muss eine sehr angenehme Rückerinnerung für Sie sein,« sagte ich, »wenn Sie an das stufenweise Fortschreiten von der Armut zu Ihrem gegenwärtigen Wohlstand denken.«

»Stufenweise? sagen Sie,« rief Mister Boxsious aus, »ich machte diesen Sprung schnell, verdammt schnell, denn ich gewann fünfhundert Pfund an einem Tage bei meinem ersten Rechtsfall.«

»Das war allerdings eine außergewöhnliche Stufe des Fortschritts! Hätten Sie nicht Lust mir etwas aus Ihrem interessanten Leben mitzuteilen, ich würde Ihnen sehr dankbar dafür sein.«

»Ja, sehr gern, aber da müsste ich Sie doch erst im Interesse des Rates der Stadt fragen, ob Sie auch eben so ungestört malen können, wenn ich spreche, damit das Gemälde darunter keinen Schaden erleide,« fragte er.

»Im Gegenteil,« versicherte ich ihm, »ich kann viel besser malen, wenn Sie mir eine interessante Geschichte erzählen.«

»Was,« rief er aus, »ich soll Ihnen eine Geschichte erzählen? Das verstehe ich nicht, aber einen Bericht will ich Ihnen erstatten, wenn es gefällig ist!

Ich war glücklich als ich sah, wie sich der kleine Mann ruhig in seinen Stuhl zurecht setzte, bevor er zu erzählen anfing. Seine sonderbare Art und Weise machte einen solchen Eindruck auf mich, dass ich mich noch genau fast jedes seiner Worte erinnere, und ich werde ihn nun selbst seine Geschichte dem Leser erzählen lassen.


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