Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose - Dritter Teil - Zweites Kapitel
 

In der Dämmerstunde

Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose



Zweites Kapitel

Zwei Tage, nachdem Lomaque die Reisekutsche an sich vorüberfahren sah, saß Madame Danville reich gekleidet, in ihrem Zimmer, in der Straße Grenelle zu Paris. Sie blickte auf die Uhr an ihrer Seite und klingelte. Die Magd, welche erschien, erhielt den Auftrag, sie möge Dubois mit Schokolade herein schicken. —

Nachdem der alte Diener die befohlene Speise gebracht, wagte er es, seiner Dame ein Kompliment über ihr blühendes Aussehen, und ihre gewählte Toilette zu machen.

Die alte Aristokratin nickte gnädig mit dem Kopfe und sagte, »ich habe gute Ursache dazu an dem Hochzeitstage meines Sohnes. Ha, Dubois, Sie werden sehen, mein Sohn wird doch endlich das Adelsdiplom erhalten; denn er ist schon adelig von der Seite seiner Mutter, und wird jetzt adeliger durch diese Heirat: Le Vicomte d’Anville! Wie hübsch das klingt, Dubois? Nicht?«

»Wunderschön! ausgezeichnet!« sagte der alte Mann. »Meines jungen Herrn zweite Hochzeit beginnt auch gleich unter ganz andern Verhältnissen als die erste.«

Das war ein unglücklicher Übergang, denn Madame Danville sprang sehr ärgerlich von dem Stuhle auf und rief: »Warum erwähnen Sie das auch nur? Sie spielen so oft auf die zwei guillotinierten Personen an, als wenn ich ihnen hätte ihr Leben retten können. — Sie waren ja dabei, als mein Sohn mich zum ersten mal nach jener Schreckenszeit wieder sah, haben ja gehört, als ich zu ihm sprach: »Charles, ich liebe Dich zwar, aber wenn ich wüsste, dass Du nicht mit aller Deiner Macht, Dein eigenes Leben einsetztest, um sie zu retten, die für mich starben, weil sie mir zur Flucht verhalfen, so würde ich Dich nimmer mehr wiedersehen wollen! Sagte ich das nicht? Und Sie waren auch dabei, als er mir antwortete: »Mutter, ich wagte mein Leben für sie, ich ließ mich für sie verhaften, mehr vermochte ich nicht!« Wissen Sie nicht, dass er im Tempel saß? Sie wissen das Alles, Dubois, und doch,« —

»Bitte, bitte, Madame, ich alter Mann war wieder einmal recht gedankenlos!«

»Still, mein Wagen fährt vor! Machen Sie sich bereit, mich zu begleiten! Mein Sohn und ich begegnen uns erst bei dem General, er hat nicht Zeit, mich hinabzuholen. Ist viel Volk auf der Straße?«

»Die Straße ist fast leer, Madame.« erwiderte Dubois, mit einem Blicke durch das Fenster, »nur ein Herr und eine Dame stehen unten, und scheinen Ihren Wagen zu bewundern. Doch sie gehören wohl den bessern Ständen an, soviel ich durch meine Brille erkennen kann.«

»Gut, kommen Sie mit, nehmen Sie etwas kleines Geld mit zum Verteilen, und befehlen Sie dem Kutscher, nach dem Hause des Generals zu fahren.«

Die Gesellschaft, welche in dem Hause des Generals als Zeugen figurieren sollten, bestand aus einigen jungen Freundinnen der Braut und aus mehreren Offizieren, die ehemaligen Kameraden des alten Generals.

Die Gäste hatten sich in zwei Zimmer verteilt, das eine war das Wohnzimmer, das andere die Bibliothek. In dem Wohnzimmer befand sich der Notar, mit dem bereit gelegten Contract, die Braut, ihre Freundinnen und mehrere Offiziere. Im Bibliothekszimmer spielten einige Herrn Billard, und Danville und sein Schwiegervater schritten auf und ab darin; der alte General sprach noch von den Klauseln des Contractes, als es eben zwei Uhr schlug.

Danville langweilte die umständliche Besprechung des Contractes und er sagte: »es ist schon zwei Uhr, ich begreife nicht, dass meine Mutter nicht schon hier ist!«

»Sie wundern sich darüber? Haben Sie schon gehört, dass Weiber pünktlich sind? Doch Ihre Mutter ist eine so eingefleischte Aristokratin, dass sie es uns nie verzeihen würde, wenn wir den Contract ohne sie unterzeichneten; warten wir also noch eine halbe Stunde! Teufel! wo war ich denn stehen geblieben, als die verdammte Uhr da zwei zu schlagen anfing?« tobte der alte Soldat. »Was gibt es denn, Schwarzauge?« rief er der Braut zu, die eben hastig in die Bibliothek trat.

Die Braut war eine etwas männlich aussehende Dame mit prächtigen schwarzen Augen und dunklem Haar, welches ihr tief in die Stirn gewachsen war. In ihrem Wesen hatte sie etwas von der Art ihres Vaters.

»Es ist ein fremder Herr in dem andern Zimmer, sagte sie, »der Dich, Papa, zu sprechen wünscht. Die Diener glaubten gewiss, er gehöre zu den Gästen. Soll ich ihn wieder fortschicken?«

»Eine schöne Frage! Kenne ich ihn denn? Warte, bis ich ihn gesehen habe und dann frage!« Mit diesen Worten ging der General ins andere Zimmer.

Seine Tochter wäre ihm gefolgt, aber Danville ergriff ihre Hand und flüsterte ihr zu: »Können Sie so hartherzig sein und mich hier allein lassen?«

»Was soll aus meinen Freundinnen in dem andern Zimmer werden, wenn ich hier bei Ihnen bleibe? Sie Egoist!« sagte die Dame lächelnd und machte sich los, aber Danville bemächtigte sich der andern Hand, und erwiderte: »Rufen Sie die Freundinnen nur hier herein.«

Lachend und scherzend zog sie ihren Verlobten mit sich in das andere Zimmer und rief: »Alle die Damen und Herren sollen sehen, was für einen Tyrannen ich heute heiraten soll!«

Ihre Stimme brach plötzlich ab, denn Danville’s Hand war in einem Moment zu Eis erstarrt. —

Sie blickte zu ihrem Verlobten auf und sah in das Antlitz eines totenbleich gewordenen Mannes; ehe sie noch eine Frage aussprechen konnte, hatte ihr Vater sie in die Bibliothek geschoben und dann nahm er Danville bei dem Arm. »Meine Damen,« sagte der alte General »ich bitte, treten Sie gefälligst dort in sie Bibliothek ein! und Sie, Herr Notar, begleiten die Damen vielleicht?«

Als Alle dieser Aufforderung Folge geleistet hatten, schloss der Vater der Braut die Tür, welche beide Zimmer trennte.

»Jetzt sagen Sie, wer Sie sind und was Sie eigentlich wollen!« rief der alte Mann. »Jacques Berthelie hat niemals Etwas getan, was seine Freunde und Kriegskameraden nicht auch wissen dürfen. Sprechen Sie vor diesen Männern!«

Der General hielt noch immer den Arm Danvilles und ging so mit ihm das Zimmer auf und ab und sagte zu diesem:

»Sie kamen in mein Haus, mein Herr, und verlangten die Hand meiner Tochter, Sie sagten, dass Ihre Frau in der Schreckenszeit gestorben sei, ich glaubte Ihnen; Nun? Betrachten Sie diesen Mann hier, er behauptet, der Bruder Ihres Weibes zu sein und teilt mit, dass seine Schwester bis diesen Augenblick noch lebe. Was ist das?« schloss der General.

Danville versuchte zu sprechen, aber es kam kein Wort über seine Lippen, auch versuchte er vergeblich seinen Arm von dem des alten Soldaten los zu machen.

»Sie sind erschrocken? Sind Sie ein Feigling! Können Sie denn dem Manne nicht ins Gesicht sagen, dass er lügt?«

»Gebt ihm doch Zeit,« sagte einer der alten Offiziere »Ein solcher Zwischenfall kann einen Jeden fassungslos machen,« und zu Trudaine gewendet sprach er: »Sie sind ein Fremder, Herr, geben Sie uns Beweise, dass Sie der sind, für den Sie sich ausgeben!«

»Da ist ja der Beweis!« rief Trudaine aus, und zeigte auf Danvilles entstelltes Gesicht.

»Ja, das ist wohl wahr! Aber ich bin doch dafür, dass wir ihm noch Zeit gönnen sollen; die Anklage ist zu sonderbar und schrecklich.«

Danville machte mit seinem Arme Bewegungen, als wollte er sprechen, aber die Zunge versagte ihm noch immer den Dienst.

»Schon Sie,« sagte der Sprecher, »er verleugnet den Mann!«

»Hören Sie,« rief der General, »Sie werden nicht anerkannt! Haben Sie noch andere Beweise, sich zu legitimieren?«

Noch ehe die Antwort gegeben war, öffnete sich die Tür und Madame Danville kam mit zerrauften Haaren und gestörten Blicken ins Zimmer gestürzt, gefolgt von Dubois und der neugierigen Dienerschar

»Um Gotteswillen, um Gotteswillen, komm fort von hier! Ich habe Deine Frau gesehen! Im Fleische oder im Geiste, ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass sie es war! Charles, Charles! So wahr ein Gott im Himmel ist, ich sah sie!

»Sie sahen sie lebendig, so lebendig und wirklich, wie Sie jetzt Ihren Bruder vor sich sehen!« sagte ein Mann, der hinter den Dienern stand.

»Lasst den Mann hier eintreten!« rief der General. Lomaque ging an Madame Danville vorüber.

Als der alte Mann im Zimmer stand, wurde es totenstill, und man hörte nur das Rauschen der seidenen Kleider im Nebenzimmer.

»Warum täuschten Sie meinen Sohn, Herr?« fing Madame Danville zu Trudaine gewendet an, »warum ließen Sie ihn nicht wissen, dass Sie es vielleicht waren, der sein Weib von der Guillotine befreien half, Sie, dem wir so Vieles schuldig sind, denn ohne Ihre Hilfe hätte ich niemals aus Paris entfliehen können? Mit welchem Recht haben Sie uns nun aber in eine so unangenehme Lage zu dem Herrn dieses Hauses gebracht?«

Über Trudaine’s Antlitz lagerte sich Schwermut und er trat einige Schritte zurück.

»Madame, das würde ich Ihnen am besten erklären können,« sagte Lomaque, »aber Sie sollten nicht auf eine öffentliche Beantwortung aller dieser Fragen bestehen, das wollte ich Ihnen raten«

»Wer sind Sie? Ich verlange weiter nichts als die Beantwortung meiner Fragen.«

»Wer ist dieser Mann?« fragte der General zu Trudaine gewendet.

»Ein Mann,« schrie Danville plötzlich, »dem man auch nicht ein Wort glauben darf! Er war Polizei-Agent unter Robespierre!«

»Und in dieser Eigenschaft gewiss fähig, die hier gestellten Fragen richtig zu beantworten!« entgegnete Lomaque mit seiner gewöhnlichen Selbstbeherrschung.

»Ja,« sagte der General, »der Mann hat Recht, er soll gehört werden!«

Er begann: »Ich war bei dem Verhör des Bürgers Trudaine und seiner Schwester gegenwärtig. Sie wurden auf die Denunziation des Bürgers Danville dort verhaftet, weil sie seiner eigenen Mutter, die ja auch hier anwesend ist, zur Flucht aus Paris verholfen hatten.«

»Meinen Sie etwa,« unterbrach ihn der General, dass Danville, dieser Danville hier, wusste, dass es seine Mutter war, der die Geschwister Trudaine zur Flucht verhalfen?«

»So meine ich es,« entgegnete Lomaque trocken. Ein Murmeln des Abscheus ging durch die Versammlung.

»Die Arten der Polizei können heute noch meine Aussage bestätigen. Wie nun die Geschwister dem Tode der Guillotine entgingen, gehört hier nicht her; eben so wenig wie sie sich durch sehr vorsichtige Maßregeln bis heute verborgen hielten. Welcher Mann von Gefühl würde seine Schwester wohl einem solchen Ehemanne länger ausgesetzt sehen? Louis Trudaine lebte darum bis jetzt in stiller Zurückgezogenheit mit Danville’s Gattin, seiner Schwester.«

Plötzlich rief der alte Diener: »Meine Dame, meine gute Dame!«

Aller Augen richteten sich auf Madame Danville, denn sie hatte bis jetzt ruhig zugehört; plötzlich aber raffte sie sich auf und sprach:

»Meine Herren! Ich bin die Tochter eines Edelmannes und die Witwe eines Ehrenmannes. Ich sage hier vor Ihnen Allen, dass ich fortan keinen Sohn mehr habe, denn er ist ein Verräter der schlechtesten Art, von dem sich jeder bessere Mensch entfernt halten mag!«

Dann drehte sie ihrem Sohn den Rücken, verbeugte sich vor den Übrigen und schritt der Tür zu, geführt von dem Arm ihres alten treuen Dieners.

Aber der eben vorübergegangene Moment hatte die Kräfte der alten Frau doch so erschüttert, dass sie ohnmächtig wurde.

»Stehen Sie ihr bei,« rief der General, »bringen Sie sie in das andere Zimmer!«

»Nein.« sagte der alte Dubois, »nach Hause! Ich werde meine teure Herrin pflegen, denn jetzt hat sie nur noch mich!« und man half ihm, seine Herrin in den Wagen tragen.

Trudaine stand noch an derselben Stelle, wo er sich zuerst hingestellt hatte. Der General ging auf ihn zu und bat ihn um Verzeihung, doch bedauerte er, dass er ihm nicht früher als in dem letzten Moment diese Nachrichten habe zukommen lassen.

Während er noch zu Trudaine sprach, klopfte ihm einer seiner Freunde auf die Schulter und fragte: »Ist dem Schurken erlaubt, sich jetzt von hier zu entfernen?«

Der General drehte sich bei dieser Frage um und zeigte Danville den Weg zur Tür, aber er folgte ihm dahin und sagte ganz leise:

»Ihr Schwager hat Sie hier als einen abscheulichen Verräter bezeichnet, Ihre Mutter hat Sie verstoßen, jetzt werde ich noch meine Pflicht erfüllen. Wenn sich sein Mann unter Lügen und falschen Vorspiegelungen in das Haus eines Ehrenmannes einführt, so pflegen wir Männer von der Armee ihn dafür zu bestrafen! Jetzt ist es drei Uhr, um fünf Uhr werden Sie mich und meine Freunde finden.«

Er nannte Danville den Ort des Rendezvous sehr leise; dann zeigte er mit dem Finger auf die Treppe.

»Unsere Arbeit ist hier verrichtet,« sagte Lomaque und legte seine Hand auf Trudaine’s Arm. »Wir wollen Danville erst hinaus lassen und dann wollen wir auch gehen.«

»Wo ist meine Schwester?« fragte Trudaine bestürzt.

»Seien Sie unbesorgt, sie ist in Sicherheit,« antwortete Lomaque, »ich werde es Ihnen draußen sagen, wo sie ist.«

»Sie werden mich entschuldigen,« sagte der General zu allen Anwesenden, »ich habe meiner Tochter einige unangenehme Nachrichten mitzuteilen, und dann habe ich noch ein Privatgeschäft mit einem Freunde abzumachen.«

Dann begab er sich in das Bibliothek-Zimmer. Trudaine und Lomaque verließen das Haus.

»Ihre Schwester wartet im Hotel,« sagte Lomaque, »sie weiß nichts, absolut nichts von dem, was vorgegangen ist!«

»Aber sie hat doch die Mutter Danville’s gesehen?«

»Nein,« entgegnete Lomaque, »ich hatte sie so gestellt, dass sie gesehen wurde, ohne dass sie die einsteigende Dame genau sehen konnte. Doch genug davon! Gehen Sie jetzt nur zu Ihrer Schwester.

Am Abend werden Sie nach Rouen fahren, ich habe schon zwei Plätze im Postwagen für Sie bestellt. Gehen Sie nur ohne mich, ich habe hier noch Geschäfte und möchte auch erst wissen, wie die Angelegenheit zwischen Danville und seiner Mutter ablaufen wird. Bald werde ich zum Besuche in Rouen eintreffen. Geben Sie mir nun Ihre Hand! Leben Sie wohl! Keinen Dankt Lassen Sie mich ruhig meine Geschäfte beenden, hier ist mein Weg, dort der Ihrige! Leben Sie wohl! Ich komme bald nach Rouen!«


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte