Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose - Zweiter Teil - Viertes Kapitel
 

In der Dämmerstunde

Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose



Viertes Kapitel

Das Wartezimmer des Tribunal-Gerichts war ein großer Raum, mit gepflastertem Fußboden und Bänke zogen sich längs der Wände hin. Das Fenster war sehr hoch und vergittert. An der Ausgangstür, welche unmittelbar auf die Straße führte, standen zwei Schildwachen. Als Lomaque aus dem Gerichtssaale kam, fand er den Raum ganz leer von Menschen. Da ihm Einsamkeit jetzt lieb war, blieb er in dem Wartezimmer und ging darin langsam auf und ab.

Nach einer Weile öffnete sich die Tür des Gerichtssaales wieder, und der bucklige Unterkerkermeister kam heraus mit Trudaine und Rosa.

»Ihr habt hier zu warten,« sagte der kleine Mann, »bis die Andern verhört sind, dann führe ich Euch Alle mit einem Male ins Gefängnis zurück!«

Dann erblickte er Lomaque an dem andern Ende des großen Zimmers und rief: »Ach Bürger, sind Sie noch hier? Wenn Sie noch etwas Zeit übrig haben, möchte ich Sie um eine Gefälligkeit ersuchen?«

»Ich habe Zeit,« erwiderte Lomaque gleichgültig.

»Gut,« entgegnete der Kleine, »ich habe Verteufelten Durst und möchte einen Schluck Wein trinken gehen. Möchten Sie wohl die Zwei dort etwas bewachen? »Fort können sie nicht, denn das Fenster ist vergittert, draußen an der Tür ist die Schildwache und drinnen der Gerichtshof. Es ist also Nichts zu wagen, wenn Sie mir helfen wollen.«

»Ja, ja, ich werde hier bleiben,« entgegnete Lomaque.

»Ich denke,« sagte der bucklige Kleine. »Sollte ich gerufen werden, so sagen Sie nur, dass ich auf einige Minuten hinausgehen musste« Mit diesen Worten humpelte er fort.

Kaum war der Kerkermeister hinaus, so ergriff Trudaine den Arm Lomaque’s und flüsterte: »Um Gotteswillen, rettet sie! Hier ist Gelegenheit dazu, rettet sie!« Sein Gesicht glühte, seine Brust wogte und der Chef-Agent fühlte seinen heißen Atem an seinem eigenen Halse. »Erinnern Sie sich an meinen Vater und retten Sie mir die Schwester! Denken Sie an die Worte, die Sie mir bei dem Verhaften zuflüsterten. Kann ich allein sterben, so will ich meinen männlichen Mut bis zum letzten Augenblick bewahren, ist sie aber an meiner Seite auf dem Wege zum Schaffen so werde ich den Tod eines Feiglings sterben. Ich habe bisher nur für sie gelebt, lasst mich nun für sie sterben und ich werde glücklich sterben.« Er konnte nicht weiter sprechen, seine Kraft schien gebrochen; er zeigte nur noch auf die Bank, wo Rosa gesenkten Hauptes saß.

»Draußen sind zwei Wachtposten, das Fenster ist Vergittert, Sie sind ohne Waffen, es ist unmöglich von hier zu entkommen,« antwortete Lomaque.

»Unmöglich!« wiederholte Trudaine wütend »Sie Feigling! Sie Verräter! Können Sie sich ansehen in ihrer unschuldigen Trübsal und mir dann noch so kühl sagen, Flucht sei hier unmöglich?« Mit diesen Worten erhob er in seiner Wut und Angst die Hand gegen Lomaque. —

»Sie sind von Sinnen,« sagte der Chef der geheimen Polizei, »stören Sie nicht die kostbaren Minuten durch sinnlose Pläne, ich habe Ihnen Wichtiges mitzuteilen«

Trudaine ließ seine ausgestreckte Hand sinken und seine Züge veränderten sich vollständig. »Ich höre,« sagte er und legte seinen heißen Kopf an die Wand.

Lomaque sprach im Flüsterton: »Ich will Ihnen jetzt eine Mitteilung machen, die Sie aber Ihre Schwester nicht früher wissen lassen dürfen, bis ich Ihnen die Erlaubnis dazu gebe. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort darauf! Wenn Ihre Schwester in dieser Nacht von dem nahen Tode spricht, geben Sie ihr keine Hoffnung, hören Sie; denn es ist möglich, dass ich Sie nicht werde retten können. — Ich schmiede Rettungspläne.« — Mit diesen Worten zog er sein Notizbuch hervor und sagte: »Beantworten Sie jetzt, was ich frage: Sie sind Chemiker, wissen Sie irgend einen Saft, der Geschriebenes von dem Papier zu verlöschen im Stande ist, so schreiben Sie ihn hier auf?«

»Gewiss!« entgegnete Trudaine, »ist das Alles?«

»Nein,« sagte Lomaque. »Schreiben Sie jetzt hier den Namen und die Anwendung der Flüssigkeit genau auf.«

Trudaine gehorchte.

»Das ist der erste Schritt,« sagte Lomaque und steckte das Buch wieder ein.

»Vergessen Sie nicht,« fügte er hinzu, »dass ich meinen eigenen Kopf in Gefahr bringe, indem ich Sie und Ihre Schwester zu retten suche. Ich werde die Totenliste verlesen, und da wird es mir möglich sein, den Einen oder den Andern zu retten. Sagen Sie mir noch keinen Dankt Hören Sie nur, denn unsere Zeit ist streng gemessen.

»Der Präsident hat ein Zeichen bei Ihren Namen gemacht, welches Ihr Todesurteil bedeutet. — Ist dies Sitzung vorüber, so wird diese Liste Robespierre zugeschickt, der Abschriften davon machen lässt und diese dann seinen Kollegen zur Durchsicht vorlegt. Ich bin derjenige Beamte, der zuerst die Kopien dieser Listen zu bearbeiten hat, dann wird das Original mit den Kopien entweder durch Robespierre oder einen seiner Vertrauten geprüft und danach erst nimmt die Original-Liste durch meine Hand ihren Weg ins Gefängnis zurück. — Dann wird sie öffentlich im Gefängnis vorgelesen und dann erst erhält sie der Kerkermeister, der jedes mal des Abends die Türen außerhalb mit Kreide bezeichnet, hinter denen die Gefangenen sitzen, die am nächsten Morgen sterben müssen. Diese Pflicht hat heute der Unterkerkermeister übernommen, der ein Säufer ist; ich gedenke ihn nun heute so betrunken zu machen, dass ich ihm die Liste mit den Namen derer, die morgen sterben sollen, aus der Tasche nehmen kann, d.h. nachdem sie bereits öffentlich verlesen worden ist, doch — bevor er die Türen mit Kreide bezeichnet. Ich werde dann Ihren Namen mit der chemischen Flüssigkeit auslöschen und — ist mir dies gelungen, so wird Ihre Kerkertür unbezeichnet bleiben und Ihre Namen werden nicht verlesen werden, wenn morgen früh der Henkerskarren kommen wird. Da jeden Tag neue Gefangene vor dem Tribunal erscheinen, so wird sich schon eine Gelegenheit finden, für weitere Rettung in acht oder zehn Tagen.«

»Nun!« rief Trudaine schnell aus. —

Lomaque blickte zur Tür des Saales und fuhr in leisestem Tone fort: »In nächster Zeit wird vielleicht Robespierres eigener Kopf gefallen sein! — Frankreich ist der Schreckenszeit müde! Es finden schon geheime Zusammenkünfte in der Nachtzeit statt. Es gibt einen schnellen Wechsel in der Regierung Robespierre hat es seit Wochen nicht gewagt, vor dem Comité der Konvention zu erscheinen. Er hält seine Reden nur vor seinen Freunden im Jakobinerklub. Man spricht von entsetzlichen Entdeckungen durch Carnot und von riesigen Entschlüssen, die Tallien gefasst haben soll. Die wachsamen Männer unserer Tage sehen, dass die Tage des Schreckens zu Ende gehen.

»Geht Robespierre unter, so sind Sie und Ihre Schwester gerettet. Bleibt er am Ruder, so können Sie nach der Entdeckung, dass Sie noch leben, auch nur das tun, wozu Sie heute bestimmt sind. — Ich lege meinen Kopf dann auch unter das Beil! — So, das ist Alles, was ich für Sie tun kann!«

Trudaine wollte danken, aber Lomaque gestattete es nicht, denn er sagte, »ich tue es im Andenken an Ihren Vater, im Andenken an die Ereignisse vor fünf Jahren, im Andenken an die Tasse Kaffee, die mir Ihre Schwester warm stellte. Danken Sie mir nicht; ich habe nach einem wechselvollen Leben das Bedürfnis nach einer guten Tat, außerdem bin ich lebensmüde, habe wenig Freuden erfahren, war ein steter Ball der Launen Anderer. Ich habe nichts von diesen elenden Lebensstunden als Plage und Not —

»Ihre Schwester reichte mir freundlich eine Tasse Kaffee, ich bin so artig, ihr ein elendes Leben dafür zu Füßen zu legen, das ist Alles! Es wäre also töricht, mir dafür zu danken!« —

Dabei schnippte der alte Mann mit den Fingern und stand auf, den buckligen Kerkermeister zu empfangen, der eben mit den Worten eintrat:

»Hat Jemand nach mir gefragt?«

»Nein, keine Seele!« antwortete Lomaque. »Welche Sorte tranken Sie denn?«

»Na, eine so ziemlich erträgliche, Freund,« lautete die Antwort.«

»Ah, ich werde Ihnen heute noch ein besonderes Weinchen vorsetzen,« sagte Lomaque, »denn ich komme noch nach Sankt Lazarus. Ich werde dann nach Ihnen fragen,« mit diesen Worten ging er fort.

Rosa saß still auf der Bank, sie sah weder ihren Bruder an, noch kümmerte sie sich um die Dinge um sie her. Sie war vollkommen gleichgültig gegen Alles.

Als ihr Bruder sich zu ihr setzte, nahm sie seine Hand und sagte freundlich: »Louis, lass uns recht beisammen bleiben, bis die Stunde kommt. Ich bin nicht furchtsam, denn ich habe nur Dich, der mir das Leben lieb macht und Du sollst ja auch sterben! — Erinnerst Du Dich, dass ich einst bedauerte, kein Kind zu besitzen? Ich dachte eben daran, wie schrecklich es jetzt wäre, wenn mir dieser Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Es ist jetzt ein Segen für mich, dass ich kinderlos bin. Lass uns von alten vergangenen Tagen sprechen, Bruder, nicht von meinem Mann, sondern von der Zeit wo wir noch eng bei einander lebten.


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