Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung des Professors von der gelben Maske - Dritter Teil - Sechstes Kapitel
 

In der Dämmerstunde

Die Erzählung des Professors von der gelben Maske



Sechstes Kapitel.

Nanina entfernte sich nun und bedauerte zum zwanzigsten Male wenigstens, dass sie nicht kommen könne. Der Meister erwiderte, dass er es ebenfalls bedauere; dann benachrichtigte er den zurückkommenden Gehilfen, dass er sich zu seinem Bruder begebe, wenn Jemand nach ihm fragen sollte.

Als Nanina sich am nächsten Morgen mit starkem Kopfschmerz erhob, gedachte sie der Mahnung des Arztes und beschloss einen Spaziergang zu unternehmen. Sie ging zur Stadt hinaus.

Die Biondella würde auch mit ihr gegangen sein, aber sie hatte gerade eine große Bestellung Flechtarbeit. Der gelehrte Pudel Scarammucia begleitete seine Herrin allein.

Der Pudel tanzte lustig bald neben dem Mädchen, bald eilte er vor ihr her, bald blieb er wieder zurück. —

Sie achtete nicht viel auf den Hund, denn sie beschäftigte sich lebhaft mit dem, was sie gestern von dem Doktor über die gelbe Maske gehört hatte. Endlich fühlte sie sich ermüdet und sah sich nach einem Platze um, wo sie sich ein wenig ausruhen könne.

Sie sah eine Art Wirtshaus mit einem Garten daran in welchem Arbeiter ein Feuerwerk vorzubereiten schienen. Das ganze Lokal stand leer, denn die Bürger Pisas besuchten es gewöhnlich erst Abends als Erholungsort. Nina trat in den Garten und setzte sich auf das schattigste Plätzchen nieder. Mit einem Male vermisste sie den Pudel und sah ihn, ziemlich entfernt von sich, hinter einem hölzernen Gartenhaus mit gespitzten Ohren stehen.

Es saß ein Herr darin mit einer Dame, dies sah Nanina, als sie näher ging, um den Hund an sich zu locken. Sie stand hinter dem Gartenhäuschen und blickte durch ein Astloch und erkannte an dem Kleide die Dame aus dem Geschäfte der Modehändlerin Grifoni, aber sie erkannte nicht allein Brigitte, sondern auch den Mann an ihrer Seite, es war — Pater Rocco.

Die Arbeiter in dem Garten hatten bis jetzt gehämmert und lautes Geräusch gemacht, nun fingen sie zu sägen an und Nanina konnte deutlich hören, dass Brigitte den Namen des Grafen Fabio aussprach.

Nanina nahm des Pudels Schnauze in ihre Hand, damit er nicht bellen sollte und horchte weiter.

Brigitte fragte den Priester: »Haben Sie verstanden, was ich Ihnen sagte?«

»Nein,« entgegnete der Priester leise.

»Ich möchte wissen, weshalb Sie den abergläubischen Grafen Fabio d’Ascoli nicht weiter ängstigen wollen?« fragte sie.

»Erstlich,« antwortete der Mann der Kirche, »habe ich mit meinem ersten Experiment sehr viel erreicht, mehr als ich hoffte.«

»Ist das Alles?« fragte Brigitte.

»Zweitens, glaube ich nun der Kirche zur Genüge gedient zu haben, indem ich ihn von einer zweiten Heirat zurückgeschreckt habe; aber ein Verbrechen auf mich zu nehmen, habe ich nicht Lust. Fabio würde den Verstand verlieren, wenn er noch einmal das Gesicht sehe.«

»Ach,« sagte Brigitte, »ich vermute, dass dies nicht alle Ihre Gründe sind, sondern dass Sie noch mehre haben. Dass Sie mich so plötzlich hierher bestellten, an diesen einsamen Ort, ist doch gewiss wichtig? Außerdem wünschten Sie, dass ich die Wachsmaske mitbringen solltet — Was bedeutet das Alles? Ich bin eine Frau, bin also auch neugierig, teilen Sie mir also mit, um was es sich wieder handelt.«

»Es ist weder etwas Geheimnisvolles noch etwas Wichtiges, was Ihrer wartet,« sagte Rocco kühl, und fuhr dann fort: »Sie wissen doch, dass die Wachsmaske, welche Sie auf dem Balle trugen, von einer Statue meines Bruders abgenommen wurde?«

»Ja! ich weiß das!« »Mein Bruder fand bei seiner Rückkehr noch Spuren von dem Gips auf dem Gesicht der Statue und fragte mich nach der Erklärung dieses Fundes. Meine Erklärung genügte ihm jedoch nicht und er will jetzt weiter forschen. Ich halte es also für notwendig, dass diese Maske zerstört werde und deshalb bat ich Sie, hierher zu kommen, damit ich sie vor meinen eigenen Augen zusammenschmelzen sehe. Jetzt wissen sie Alles? Haben sie die Maske bei sich?«

»Nein,« erwiderte Brigitte.

»Und warum nicht? fragte Rocco.

In demselben Augenblicke fing Scarammucia zu heulen an, denn Nanina hatte in ihrer Überraschung die Schnauze des Hundes losgelassen. Sie rief den Hund wieder leise an sich, legte ihre Wangen an seinen rauen Hals und küsste das Tier; — er wurde wieder ruhig, so lauschte sie weiter.

Wohl hatte sie eine Frage und eine Antwort verloren, aber nun hörte sie das Folgende:

»Wir sind hier allein,« fing Brigitte an, »ich bin eine Frau und Sie sind vielleicht bewaffnet gekommen und doch gebe ich die Maske nur unter Bedingungen zurück.«

»Sie sprachen früher nie von Bedingungen,« sagte Rocco.

»Ja, es ist wahr,« entgegnete Brigitte, »ich ging vorläufig nur mit der Maske meiner toten Feindin auf den Ball um Fabio dafür zu strafen, dass er sich einst über mich lustig gemacht hat. Aber diese Angelegenheit fesselte mich nun länger in dieser Stadt, als ich, vermutete und ich bin nun in Geldverlegenheit gekommen. — Jetzt frage ich Sie, ob Sie mir die Maske für zweihundert Scudi ablaufen wollen?«

»Ich besitze nicht einmal zwanzig Scudi!« entgegnete der Priester.

»Sie müssen mir das Geld anschaffen,« sagte Brigitte, »sonst werde ich mit der Wachs-Maske anderweitig Handel treiben. Diese Summe ist nämlich durch Fabios Freund, für denjenigen bestimmt, der die Person nennt, welche die Maske trug. Ich brauche also nur zu gehen und die Maske zu zeigen, so erhalte ich das Geld. Ihnen wird es natürlich übel ergehen, wenn man erfährt, dass Sie die Maske anfertigten und die Verkleidung ersannen.

»Glauben Sie wirklich, dass ich auf Ihre Aussage verdächtig sein würde?« fragte Rocco achselzuckend.

»Ah, Sie sind zum ersten Male unhöflich gegen mich, Pater Rocco,« sagte Brigitte.

»Ich gehe jetzt, wollen Sie die Maske, so finden Sie sich bis vier Uhr mit dem Gelde in meiner Wohnung ein; um fünf Uhr ist es jedoch schon zu spät, das sage ich Ihnen!«

Nanina hörte Schritte, Brigitte musste sich entfernt haben.

Pater Rocco schien die Angst zu verzehren, er schritt unmutig auf und ab, endlich hörte sie, dass der Priester das Gartenhaus verließ und fast in demselben Augenblick stand er ihr gegenüber.

»Du hast gehorcht,« sagte der Priester strenge, »ich sehe es Deinem Gesicht an, Du weißt Alles!«

Sie antwortete kein Wort und sah ihn fest an, aber sie hätte eine Welt darum gegeben, hätte sie vor ihm entfliehen können.

»Ich habe Dich einst überwachen lassen,« sagte der Priester traurig, »es ist wahr, und jetzt hast Du es mir vergolten. Ist es bloßer Zufall, oder die Rache des Himmels?« fragte sich Rocco gedankenvoll.

»Warum bist Du so schweigsam und erschrocken?« fragte er weiter. »Ich kann Dir kein Leid zufügen, dort sind die Arbeiter und hier Dein Hund und ich wünsche Dir auch kein Leid zuzufügen. Gehe nach Pisa zurück und erzähle, was Du hier hörtest. Ruiniere mich und mache den Mann Deiner Liebe gesund! Tue es nur! Ich war nie Dein Feind und werde es auch nie sein. Ich handelte als ein Werkzeug der heiligen Kirche, mich trifft kein Vorwurf. Gehe jetzt, Kind, und bringe Deine Botschaft nach Pisa! Ich will mich inzwischen auf die Dinge vorbereiten, die da kommen können. Ich verlasse Dich jetzt ohne Groll, trotzdem ich weiß, dass das erste Wort, welches Du in Pisa sprichst, mich moralisch töten und dass große Werk zerstören wird, welches ich mir zur Lebensaufgabe gestellt habe.«

Er sprach so ruhig wie immer und sagte ihr dann auch ein freundliches Lebewohl, bevor er unter den Bäumen verschwand.

Das junge Mädchen sann noch einige Augenblicke über den sonderbaren Mann nach und ging dann, von ihrem treuen Pudel begleitet, der Stadt zu.

Sie kam in dem Palast an und erwartete den Doktor mit brennender Sehnsucht; als er endlich kam, bat sie ihn, ihr zu folgen und erzählte ihm Alles.

»Sie haben ihn gerettet!« rief der Doktor freudig — aus. »Lassen wir die Frau hierher kommen, dass sie die Belohnung erhalte. Verlassen Sie den Palast nicht, bis ich es Ihnen wieder erlaube,« sagte der Doktor freundlich zu Nanina.

»Ich gehe jetzt zu Signor Andrea d’Arbino und sage ihm, dass wir ihm Entdeckungen machen wollen. Lesen Sie nun dem Grafen vor, wie gewöhnlich, bis ich Sie hier wieder her bitten lasse, aber sagen Sie ihm kein Wort von dem Geheimnis. Er muss sorgfältig auf die Entscheidung des Betrugs vorbereitet werden.«

D’Arbino kam und Nanina teilte nun auch ihm mit, was sie wusste

Die Herren beratschlagten beide hinter verschlossenen Türen

Um vier Uhr ließen sie Nanina wieder zu kommen bitten und sie wurde hinter einem Vorhang verborgen.

Um einviertel fünf trat Brigitte in das Zimmer, der Doktor verbeugte sich und d’Arbino reichte ihr einen Stuhl.

»Ich glaube, ich befinde mich den Freunden d’Ascolis gegenüber?« begann Brigitte, »darf ich fragen, ob Sie an mich schrieben, um für den Grafen zu handeln?«

Der Doktor betrachtete das Briefchen und sagte, dass es von ihm komme, dann zeigte er auf das Geld vor sich.

»Sie haben sich schon darauf vorbereitet,« fing Brigitte lächelnd an, »die 200 Scudi auszuzahlen, wenn Sie erfahren, welche Dame auf dem Balle die gelbe Maske trug, die der verstorbenen Gräfin d’Ascoli so ähnlich sah?«

»Wir sind Männer von Ehre und halten unser Wort,« erwiderte d’Arbino.

»Ja,« setzte der Doktor hinzu und schob das Geld von sich, »aber wir müssen auch Beweise haben, dass sie die Person wirklich sind, welche uns Aufklärung verschaffen kann.«

Brigitte blickte gierig nach dem Gelde. —

»Beweise?« rief sie aus. »Hier sind sie!« Mit diesen Worten nahm sie eine kleine Schachtel aus ihrem Kleide und übergab sie den Herren.

Der Doktor öffnete und erblickte die Wachsmaske, er überreichte sie d’Arbino und zog das Geld wieder näher an sich.

»Der Inhalt der Schachtel erklärt allerdings einen großen Teil der Wahrheit,« mit diesen Worten schob der Doktor das Geld artig nach der Seite hin, wo Brigitte saß, deckte aber seine Hand darüber. »Aber ich hörte,« fuhr er fort, »die Dame, welche die Maske trug, soll dieselbe Größe gehabt haben, wie die Gräfin.«

»Genau so groß,« begann Brigitte wieder.

»Sie trug die Lieblingsfarbe der verstorbenen Gräfin, nämlich gelb. Hatte dieselben schwarzem glänzenden Augen und trug unter der gelben Maske, diese farblose Wachsmaske, welche jetzt in Ihren Händen ist.

»Soviel über den ersten Teil des Geheimnisses.

— »Niemand hat bis jetzt entdecken können, wer die Dame ist, welche die Maske trug. —«

»Ich bin entzückt, mein Herr, Ihnen darüber Aufklärung geben zu können. —«

»Ich danke Ihnen, Madame,« erwiderte der Doktor kurz, »wir wissen das bereits!« —

Brigitte errötete und erhob sich.

»Verstehe ich Sie recht?« sagte sie hochmütig. »Sie ziehen Vorteil aus meinen Mitteilungen und verweigern mir vielleicht die Belohnung dafür?«

»Unter keinen Umständen, Madame!« antwortete der Doktor. »Wir halten, was wir versprachen.«

»Gut! Gab ich Ihnen nicht Alles, was ich wusste? Und jetzt, bin ich sogar zu weiteren Enthüllungen bereit,« sagte Brigitte.

»Ja,« entgegnete der Doktor, »aber leider sind dieselben wertlos für uns, da Ihnen bereits Jemand zuvorgekommen ist, der uns mitteilte, wer die Dame war, - die die Maske auf dem Balle trug, und auch, wie sie zu derselben gekommen ist. Natürlich hat diese Person ältere Ansprüche auf die ausgesetzte Belohnung. Nanina, treten Sie hervor! Das Geld gehört Ihnen!«

Nanina trat hinter dem Vorhang hervor. Brigitte betrachtete das junge Mädchen und rief dann aus:

»Dieses Mädchen!« Dann blieb sie atemlos stehen.

»Dieses junge Mädchen hat Ihre und Ihres Mitschuldigen Unterhaltung heute früh, ungesehen, mit angehört,« sagte der Doktor ernst.

D’Arbino hatte Brigittens Gesicht fest beobachtet und war zu ihr getreten, denn er fürchtete nicht mit Unrecht einen Wuthausbruch.

Sie ergriff auch in demselben Augenblick ein schweres Lineal und hätte es unfehlbar auf Nanina geschleudert, wenn d’Arbino nicht ihren Arm festgehalten hätte.

»Mögen Sie mich nur festhalten,« schrie Brigitte mit kreideweißem Gesicht, »ich kann aus eine bessere Gelegenheit warten.«

Mit diesen Worten ging sie zur Tür, kehrte sich aber noch einmal gegen Nanina und rief: »Ich bedauere, dass ich mit dem Lineal nicht schneller war!« Dann eilte sie fort.

»Nun,« sagte der Doktor, als sie fort war, »gedient hat sie uns doch, denn wir haben jetzt nicht nötig, zu ihr zu gehen, um ihr die Maske abzuzwingen. —«

»Sie können jetzt mit Ihrem Gelde nach Hause gehen,« sagte der Doktor zu Nanina gewendet; »ich werde Ihnen einen Diener mitgeben, damit das Frauenzimmer Sie nicht etwa auf der Straße anfalle.«

»Ich lasse das Geld hier,« erwiderte Nanina.

»Warum?« fragte der Doktor erstaunt.

»Sie würde das Geld auch genommen haben,« — sagte Nanina errötend.

»Gut, gut,« entgegnete der Doktor! »Ich werde das Geld und die Maske noch einige Tage aufheben. — Kommen Sie morgen hier her wie gewöhnlich, mein liebes Kind, bis dahin werde ich mir überlegt haben, wie der Graf am Besten aus die Enthüllungen vorzubereiten ist. Wir müssen vorsichtig und langsam verfahren, wenn wir einen guten Erfolg haben wollen.«


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